Miami Files – Something Borrowed 1

07. April. Das war ein grüblerisches Ostern diesmal.

Ich bin zu den Jungs mit dem Problem. Natürlich bin ich zu den Jungs mit dem Problem; alleine schaffe ich das nicht. Und, bless them, sie haben versprochen, dass sie darüber nachdenken werden, ob sie nicht vielleicht den einen oder anderen passenden Kandidaten kennen, den man mal vorsichtig ansprechen könnte.

Außerdem war ich beim Coral Castle – wohlweislich ohne Totilas – und sprach mit den Guardians. Die gepanzerten Geister versicherten mir, dass es durchaus über die Jahrhunderte etliche Freiwillige in ihren Reihen gegeben habe und dass ein solches freiwilliges Opfer die Wirksamkeit des Rituals tatsächlich auf 7 Jahre ausdehnte. Nicht, dass ich Eileen nicht geglaubt hätte, aber das von den Guardians selbst zu hören, war mir doch auch enorm wichtig.

09. April

Mir ist jemand eingefallen, cielo perdoname.

Ich stehe seit einiger Zeit in lockerem Kontakt mit einem jungen Mann. Wobei der so jung eigentlich gar nicht mehr ist, wenn man es genau nimmt. Anfang, Mitte Dreißig vielleicht, so ungefähr mein eigenes Alter. Ein bisschen älter.
Kennengelernt habe ich ihn über ein Forum, wo er unter dem Nickname „Megafan37“ postete und sich tatsächlich als überaus interessiert an und sachkundig in bezug auf meine Bücher herausstellte. Irgendwann, nachdem er mitbekommen hatte, dass der Autor der Eric-Albarn-Romane selbst in dem Forum mitpostete, kamen wir ins Gespräch – erst in den Threads selbst, dann per privater Nachricht. Und so pflegen wir seit einer ganzen Weile eine lockere, freundliche Korrespondenz, inzwischen auch per echter Briefpost.

Duane heißt dieser Brieffreund, und der arme Kerl hat es im Leben ziemlich übel getroffen. Ich will jetzt nicht sagen, dass meine Bücher das einzige sind, das ihn aufrecht erhält, das wäre gar zu pathetisch, aber er ist schwer krank und Lesen ganz allgemein eine der wenigen Vergnügungen, die er hat. Dass die Eric-Albarn-Reihe zu seinen absoluten Lieblingsbüchern gehört, war mir anfangs beinahe ein wenig peinlich, freut mich aber natürlich sehr.

Jedenfalls. Duane. Ich traue mich kaum, den Gedanken zuende zu denken, denn auch wenn er schon öfter gesagt hat, dass er eigentlich nicht mehr leben möchte, dass er sogar schon erste Erkundigungen eingezogen hat, wie das in Belgien oder der Schweiz mit entsprechenden Programmen zum begleiteten Sterben aussieht, wäre es doch etwas ganz anderes, wenn so ein Vorschlag von mir kommt.

Ich meine, auch wenn Duane in unserer Korrespondenz trotz seines Forums-Nickname jetzt nicht gerade den Eindruck des durchgeknallten Fans à la Misery auf mich macht, kann ich doch nicht ganz ausschließen, dass er nicht in einem Anfall von für-meinen-Lieblingsautor-würde-ich-alles-tun eine Schnellschussentscheidung treffen würde.

Oh, Madre. Ich werde ihn ansprechen, natürlich werde ich das, er ist – cielo, wie das klingt – im Prinzip ein idealer Kandidat, aber… puh.

10. April

Ich werde Duane treffen. Wir haben vorhin telefoniert. Er selbst kann nur schwer reisen, aber dann fahre ich eben zu ihm nach Virginia. Das ist nichts, was man einfach mal so schnell über das Internet – oder auch über einen geschriebenen Brief – klärt. Und auch nichts, was man einfach mal so über das Knie bricht. Bis Mittsommer ist, dem Himmel sei Dank, ja noch über zwei Monate Zeit.

13. April

Puh. Ich weiß echt nicht, was ich ohne die Jungs machen würde. Die haben nämlich auch passende Kandidaten gefunden.

Alex kennt einen traumatisierten Veteranen des Irak-Kriegs, der nach eigener Aussage glaubt, nicht mehr lange durchhalten zu können, bis er austickt und Amok läuft oder „Suicide by Cop“ begeht, wie Steve McNeill es damals vorhatte. Alex hat den Mann angesprochen, und der klang geradezu dankbar dafür, seinem Land noch einen letzten Dienst erweisen zu können.

Eine alte Dame aus Robertos Bekanntschaft, die nie verheiratet war, keine Kinder hat und der im Leben nicht mehr viel geblieben ist, außer im Seniorenzentrum an den wöchentlichen Bingo-Abenden teilzunehmen, äußerte sich ganz ähnlich, wenn auch nicht in ganz so patriotischer Ausdrucksweise.

Und Totilas weiß um eine junge Frau, die dem White Court seit einigen Jahren als Futter dient. Sie ist noch im Besitz ihrer geistigen Kräfte, ist noch nicht so willenlos, dass ihr völlig egal ist, was mit ihr passiert, aber sie weiß, dass es irgendwann soweit kommen wird. Vor einiger Zeit hatte sie die Entourage der Raith‘ mal für eine Weile verlassen, sich selbst auf Entzug gesetzt, sozusagen, aber auch wenn Gerald Raith niemanden zwingt, kam sie doch von selbst zurück, weil sie es ohne die Zuwendungen des White Court nicht aushielt. Und hasst sich selbst dafür und für ihre Schwäche.

Mit dieser Jenny werde aber ich selbst sprechen, nicht Totilas. Es hätte zu sehr den Geschmack von White Court-Überredung, wenn der Anstoß von einem Raith käme.

19. April

Ich bin aus Virginia zurück. Ich bin zu geschlaucht für einen langen Eintrag; nur so viel: Duane hat sich einverstanden erklärt. Er wird seine Angelegenheiten regeln und einige Tage vor Mittsommer nach Miami kommen. Vielleicht fahre ich auch nochmal hin und hole ihn ab, damit er Gesellschaft hat.

22. Juni. 03:43 Uhr.

Es ist getan.
Und dass ich jetzt 30 Jahre alt bin, ist mir um Mitternacht zwar kurz durch den Kopf geflogen, war mir aber da – und ist mir es immer noch – gerade sowas von vollkommen egal.

Natürlich musste ich als Pans Erster Ritter beim Ritual der Elemente anwesend sein. Es gibt nicht viel, das ich weniger gern getan hätte, aber ich war es nicht nur meiner Ritterspflicht, sondern vor allem mir selbst schuldig. Wie hätte ich je wieder in den Spiegel schauen können, wenn ich diese vier Menschen, die sich auf meine Bitte hin freien Willens in den Tod begeben, nicht auf eben diesem Weg begleitet hätte?

Es war – vielleicht, weil es sich diesmal um Freiwillige handelte und nicht um Mordopfer – erstaunlich würdevoll. Das machte das Ganze nicht viel besser, aber ein klein wenig wohl doch, zumindest, wenn ich mir überlege, wie das die letzten Jahre ausgesehen haben muss. Was ich nach Kräften vermeide. Darüber nachdenken, wie es die letzten Jahre ausgesehen haben muss, meine ich.

Bin ich ein Weichei, wenn ich gestehe, dass ich einen Kloß im Hals hatte und die Sicht vor meinen Augen verdächtig verschwamm? Vermutlich. Aber auch das ist mir gerade ziemlich egal.

Das einzig Gute an der ganzen Sache ist, dass alle vier fest in ihrem Entschluss blieben und das Opfer tatsächlich vollkommen freiwillig erbrachten. Und das wiederum heißt, dass das Coral Castle jetzt tatsächlich für die nächsten sieben Jahre keine weiteren Guardians benötigen wird. Zumindest nicht vom Sommer. Was den Winter angeht… Oh, Dios, perdoname. Auf Seiten des Winters wird die Praxis mit den Zwangsopfern vermutlich unverändert so weitergehen. Es sei denn… es sei denn, es gelingt mir, die Winterritterin zu kontaktieren und sie dazu zu bringen, dass sie für das Winterritual ebenfalls Freiwillige sucht.

Ich habe das dringende Bedürfnis, zur Beichte zu gehen. Denn Freiwillige hin oder her, ich habe Menschen in den Tod geschickt, und das lastet auf mir. Aber ich weiß nicht so recht, zu wem. Vor dem Spring Break hätte ich sofort gesagt, Pater Donovan, aber seit wir den Verdacht haben, dass er vielleicht der Mittelsmann zwischen Colin und dem Red Court gewesen sein könnte, und seit Jeff sagte, dass er den Pater von irgendwoher kennt und er ihm unheimlich ist, bin ich dem Priester über nicht mehr so unvoreingenommen eingestellt, wie ich das vorher war.

Vielleicht tue ich ihm unrecht. Ich hoffe sehr, ich irre mich. Vielleicht sollte ich einfach wirklich die Gelegenheit ergreifen, mal mit ihm zu reden. Oder tatsächlich zu beichten. Dass das Sommerritual stattgefunden hat, dürfte er mit seinen Kontakten zum Paranormalen so oder so wissen, und selbst wenn er nicht zu den Guten gehören sollte, kann ich ihm damit eigentlich nichts Wesentliches verraten. Dieses Misstrauen tut mir in der Seele weh. Er ist ein Priester, ein Mann des HErrn; ihm gegenüber misstrauisch zu sein, fühlt sich einfach so falsch an.

22. Juni, abends.

Die Jungs waren da, um mir zu gratulieren. Und sie haben mich schon vorgewarnt, dass ich zu meinem Dreißigsten nicht ohne Party davonkommen werde. Ich hingegen habe zurückgewarnt, dass ich zwar momentan gerade nicht in Feierstimmung bin, dass sich das bis nächsten Samstag aber hoffentlich geändert haben wird – solange sie nicht auf die Idee kommen, mich in irgendwelche Szeneclubs schleppen zu wollen, jedenfalls. Auf Paparazzi oder ähnliche Begegnungen dieser Art kann ich nämlich herzlich gerne verzichten.

27. Juni

Keine Szeneclubs, keine Paparazzi. Stattdessen haben wir bei mir zuhause gefeiert. Und das war einfach rundum nett und harmonisch und vollkommen harmlos – vielleicht, weil Mittsommer jetzt doch schon wieder einige Tage her ist. Die Jungs waren da. Alejandra und Yolanda, Mamá und Papá. Jack White Eagle. Ximena. Ximena brachte Monica mit, weil die ja auch Alejandras beste Freundin ist, und da deren Mutter ihr Töchterchen verständlicherweise nicht unbegleitet auf eine Erwachsenenfeier lassen wollte, war diese ebenfalls eingeladen. Was bitteschön kein Date mit Mrs Salcedo darstellte, wohlgemerkt. Selbst wenn ich ein derart gelagertes Interesse an Lidia hätte, was ich nicht tue: Es war schon seltsam genug, bei der Gelegenheit Dee wiederzutreffen, die Roberto als sein Date mitgebracht hatte. Das gab mir nämlich, bei aller Geburtstags- und Feierlaune, dann irgendwie doch einen gehörigen Stich.

Ansonsten zu erwähnen wäre da allerdings vielleicht noch der kleine Zwischenfall mit den Kerzen auf der Geburtstagstorte, ähem. Mamá und Papá hatten sich schon verabschiedet, und alle anderen Anwesenden wollten uuunbedingt, dass ich die zuvor bereits ausgeblasenen Kerzen jetzt mit meinen neuen Sommerkräften nochmal entzündete. Seufz. Na gut. Die sind zwar eigentlich nicht zum Spaß da, und eigentlich setze ich sie auch so wenig wie möglich – sprich im Alltag gar nicht – ein, aber, naja, es war an dem Abend schon ein wenig Bier geflossen. Ähem, ja. Ximena, Alejandra und Monica fanden es jedenfalls toll, wie die Flammen auf einmal emporschossen.

Ich selbst ja nun weniger, aber da die Wohnung nicht abbrannte und alles schnell gelöscht war, sehe ich das jetzt einfach als etwas Lehrgeld in Sachen „nicht mit der Sommer-Power herumspielen, Alcazár“.

30. Juni

Heute ist mir bei unserem wöchentlichen Spielabend etwas Seltsames untergekommen. Cole aus unserer Runde hatte ein neues Regelwerk dabei, das er sich vor ein paar Tagen gekauft hat, und von dem er sehr angetan ist. Es ist eines von diesen „Indie-Spielen“ aus kleinen, unabhängigen Verlagen und mit wenig oder alternativen Regeln im Vergleich mit den Schwergewichten wie Arcanos, das wir sonst immer spielen.

Faurelia“ hieß das Buch, das Cole dabeihatte, in der zweiten und verbesserten Edition, wie er sagte: Erweiterte Hintergrundbeschreibung, neue Nichtspielercharaktere, neues und hübscheres Artwork.

Bei dem Namen „Faurelia“ klingelten bei mir schon mal gleich sämtliche Glocken, und ich bat darum, mir das Buch etwas genauer ansehen zu dürfen. Und tatsächlich: Es handelt sich um genau das „Faurelia“: das, von dem ich damals geträumt habe und dessen Bewohnern wir im März erst im Nevernever begegnet sind. Und was das Aller-Interessanteste war: Eines der Bilder zeigte ein uns nur allzu bekanntes Segelschiff, und ein NSC in dem Buch hörte auf den Namen „Fritz von Wille“.

Ich glaube, jetzt wissen wir, wohin Vandermeers erster Maat sich damals abgesetzt hat… Die „Titania“ ist mit den Luftschiffen der Faurelier zurück in deren Traumwelt, und jetzt scheint er permanent dort festzusitzen. Was das für unseren holländischen Freund jetzt genau heißt, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht ist der ja sogar froh darum, wenn er es erfährt – denn bescheid sagen will und werde ich ihm.

02. Juli

Ich kann es ja nicht lassen. Ich bin heute tatsächlich hingegangen und habe mir so ein „Faurelia“-Regelwerk gekauft. Einmal, um es Hans zu zeigen, und einmal, weil es irgendwie ein schräges Andenken an die ganze Jugend-Geschichte ist.

Und ich habe in dem Forum, das der Autor hinten bei den „Inspirationen“ erwähnt hat, mal Kontakt mit dem Autor aufgenommen. Ich bin doch neugierig.

06. Juli

Habe in dem Forum ein paar IMs mit dem Autor von „Faurelia“ ausgetauscht. Natürlich wollte bzw. konnte er nicht mehr sagen, wo genau er die Idee für das Spiel herhatte, aber als ich dann ein wenig nachhakte, kam doch heraus, dass unterem auch ein Traum die Basis für seine Ideen war – vor der ersten Edition bereits, und jetzt, kurz vor der Herausgabe der zweiten Edition, wieder. Nicht, dass ich daran gezweifelt hätte, aber nochmal diese Bestätigung zu bekommen, ist schon nicht schlecht.

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