Supernatural – The House On Red Hill

Zu unserer ersten gemeinsamen Supernatural-Runde über Teamspeak habe ich selbst kein Diary geschrieben, aber Patti hat eines aus der Sicht ihres Charakters verfasst und mir netterweise erlaubt, den Spielbericht hier zu veröffentlichen. Vielen Dank dafür!
Der Plot dieses Abenteuers basiert ziemlich eng und ungeniert auf dem Film „Crimson Peak“; wer den Film also noch nicht kennt und ihn lieber ohne Spoiler anschauen möchte, sollte mit der Lektüre dieses Diarys vielleicht bis nach dem Filmabend warten.

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Farewell

Es war schon längere Zeit abzusehen, trotzdem trifft es mich schwer. James geht. Ich kann ihm schlecht widersprechen. Wir waren lange ein gutes Team. Da merkt man, wenn das Zusammenleben zäher wird. Mal wirkt er etwas abwesend, mal schwächelt er, wenn ich mich auf ihn verlassen müsste. Und nun hatte seine betagte Mutter einen Herzanfall. Zu diesem Zeitpunkt die passende Ausrede für ihn, endgültig seine Koffer zu packen und Amerika Lebewohl zu sagen. Und mir. Er kommt nicht wieder.
Ich mache das, was man eben tut, wenn man von jemandem Abschied nimmt, den man fast ein gesamtes Leben an seiner Seite hatte. Ich kaufe ihm zur Rente eine Uhr, die er nicht braucht und eine Schachtel Pralinen, die er an seine Mutter abtreten wird. Als persönliche Erinnerung lege ich noch eine silberne Kugel aus meiner Browning dazu (Messer verschenkt man ja nicht) und ein Fläschchen Weihwasser aus Lourdes, sowie ein Säckchen schwarzes hawaiianisches Salz.
Unser Abschied am Flughafen ist sehr förmlich, damit bloß keinen von uns die Gefühle übermannen. Das wäre unwürdig. Ich wünsche seiner Mutter gute Genesung und ertappe mich dabei, dass ich einen Schmollmund ziehe, wie damals als 16-Jährige, als mir Mutter klarmachte, dass ich entweder mit James als Aufpasser jagen dürfte oder gar nicht. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, einen Butler im schwarzen Anzug zur Seite zu haben. Jetzt bin ich von der Aussicht, ohne ihn durch die Prärie zu fahren, völlig entgeistert. Ich fürchte, das Gefühl wird sich in den nächsten Tagen noch verschlimmern. Am besten, ich gehe gleich irgendein stupides Biest jagen, um mich abzulenken. Ein Chupacabra oder sowas. Doch selbst diesen Plan verleidet mir James. Er will mir den Neustart einfach machen und hat noch eine To-Do-Liste „für seinen Nachfolger“ angelegt (Also eine Liste von Sachen für mich, von denen er denkt, ich würde sie ohne ihn nicht auf die Reihe bekommen. Danke James. ) und mein Postfach durchsortiert. Zwei Rechnungen bedürfen dringend einer Bezahlung. Und dann ist da noch ein Schreiben eines entfernten Verwandten. Michael Blackwood hat ein Haus im Bundesstaat Vermont geerbt, das im Jahr 1750 von ausgewanderten Hooper-Winslows erbaut wurde. Er trägt es mir zum Kauf an. Kurz nach dem Brief ist auch eine Email eingetroffen, in der er mir mit deutlich mehr Nachdruck das Haus zu einem Spottpreis anbietet. Er muss schwer verschuldet und in Eile sein, so wie sein Schrieb klingt. Möglicherweise hat jemand im Gespräch über Forderungen bereits seine Kniescheiben ins Spiel gebracht. Jedenfalls schreibt er aus einem Krankenhaus.
Gut. Einem Verwandten hilft man doch immer gerne. Meistens. Und ich bin neugierig, wie meine Vorfahren sich in der Neuen Welt als Bauherren gemacht haben. Ich bezweifle allerdings, dass ich hier wirklich Grundbesitz erwerben möchte. Als könnte ich mit einem Haus etwas anfangen, wenn mir gerade der Butler davongelaufen ist!

Visiting Hours

Vermont.
Bäume. Sehr viele Bäume. St. Albans ist ein Dorf, Verzeihung, Stadt, die aus zwei, drei Straßenzügen besteht und mit allem, was der semimoderne Waldschrat, Verzeihung, Bürger so braucht, ausgestattet ist. Tankstelle, Supermarkt, Polizei, Kirche, Krankenhaus. Was es hier nicht gibt, ist auch nicht lebensnotwendig.
Es ist mir gelungen, an der Tankstelle den wahrscheinlich kleinsten Blumenstrauß der Welt zu erstehen. Auf das Mitbringen von Pralinen ins Krankenhaus verzichte ich in Anbetracht der frischen Erinnerung an James‘ Blick. Außerdem weiß ich nicht, ob Mr. Blackwood aktuell noch alle Zähne im Mund hat. Ich brüskiere ihn schon genug, wenn wir uns über ein windiges Immobiliengeschäft kennenlernen, statt über ein Familienfest.

Auch in seinem Krankenbett vermittelt Blackwood das Bild eines völlig panischen Häufleins Elend, genau wie es seine Email vermuten ließ. Wirres Haar, Dreitagebart, fahrige Bewegungen, leicht zusammenhangloses Gestammel. Wie ein Mann, der zum ersten Mal einen Geist gesehen hat. Oder mehrere.
Und er ist nicht allein. Vor ihm steht ein junger Mann, ebenfalls Dreitagebart, kurze dunkle Haare, Holzfälleroutfit, ein fleischgewordener Lucky Luke. Ohne Hut. Dafür aus der Zeit vor dem Strohhalm. Die Kippe hängt ihm von den Lippen und sein auf und zu schnappendes Feuerzeug unterstreicht den Eindruck, dass er morden würde, um sie hier jetzt und sofort anzünden zu können. Der Cougar in mir meint: „Rrr!“
Irgendeine Äußerlichkeit an ihm wirkt auf mich vertraut. Die Kleidung? Die Haltung? Die Kippe? Oh. Caleb Fisher. Er sieht ihm kein Stück ähnlich. Aber lasst ihn mal zehn Jahre Vollzeitjäger sein… Der Cougar in mir trollt sich in sein Körbchen.
Ich komme kaum dazu, mich vorzustellen, schon will mir Michael die Besitzurkunde für das Haus in die Hand drücken. Wortreich, sich verhaspelnd vor Eilfertigkeit und sehr wirr, macht er mir klar, dass er den Appel und das Ei sogar drauflegt, sobald ihm das eine und/oder das andere zur Verfügung steht. Also wohl eher keine Schulden. Ich konfrontiere ihn mit meiner Beobachtung, dass er aussieht, als hätte er einen Geist gesehen. Dafür ernte ich einen erneuten Ausbruch.
„Was? Geister? Geister gibt’s ja gar nicht. Haha!“ Alles klar.
Hier schaltet sich der bisher schweigende Raucher ein. „Ach, und deswegen sind Sie mitten in der Nacht verstört, verletzt und von Geistern schwafelnd vom Haus runter ins Dorf gestolpert und wurden hier eingewiesen?“
Ah. Ich bin also in eine Verhörsituation geplatzt. Blackwood stiert mich an. Seine Augen sagen: Wer ist der Typ? Ich muss grinsen.
„Wo ist der Haken an dem Haus?“
„Haken? Naja, es heißt, es liegt ein Fluch darauf. Es muss immer ein Hooper-Winslow dort sein, der sich drum kümmert.“ Das hat ihm sein Onkel Jeremiah Blackwood erzählt, der offenbar vor kurzem darüber verfügte, dass Michael ins Haus einzuziehen habe. Ich glaube, der Name sagt mir was. Archivar oder so. Generell läutet beim Namen Blackwood irgendetwas, das nach Büchern klingt. Ich muss diesen Teil der Familie unter „Schreibtischjäger“ abgespeichert haben.
Blackwood hat in diesem Haus „nur von Geistern geträumt.“ Denn die gibt’s ja gar nicht. Logisch. Besonderen Wert auf die Ausbildung legen die Blackwoods bei ihren Nachkommen ja nicht.

Da mit dem Jungen ganz offensichtlich kein Klartext zu reden ist, Lucky Luke sich im weiteren Gespräch noch deutlicher als Jäger zu erkennen gibt und ich nun wirklich neugierig bin, schlage ich vor, mir das Haus einmal anzusehen. Blackwood hat auch sofort Verständnis dafür, dass ich die Katze im Sack weder mit noch ohne Appel-und-Ei-Bonus einfach so annehme. Ich bekomme eine formvollendete Vollmacht, dass ich mich dort umsehen darf. Das macht der also beruflich. Den Schlüssel kann er mir leider nicht geben. Der ist irgendwo im Haus. Die Tür hat er bei seiner überstürzten Flucht sperrangelweit offen gelassen. Ein Held.

Der Raucher versteht meinen Wink mit dem Zaunpfahl, dass er auf mich ortskundig wirke. Er folgt mir aus dem Krankenzimmer und stellt sich endlich vor. „Ethan.“ Jaja, ich weiß. Ihr amerikanischen Jäger habt keinen Mangel an Manieren, sondern an Familiennamen. Soll mir recht sein, solange du fährst, Ethan.

Hectorville

Das Haus hört übrigens auf den klangvollen Namen Domus Ruber. Google sagt, das ist Latein für „rotes Haus“, was daran liegen dürfte, dass es auf einem Hügel aus ehemals wertvollem roten Lehm steht, aus dem früher Ziegel gebrannt wurden. Die ersten davon werden wohl dem Bau des Hauses gedient haben. An einer verknorrten Eiche geht es links nach Hectorville, der Ortschaft am Fuß des Hügels. Das ist aber nun wirklich nur ein Dorf. Es gibt genau eine Straße, eine Tankstelle, einen Microsupermarkt. Vor lauter Wahlmöglichkeiten, wo ich meine Recherche starten kann, schwirrt mir schier der Kopf. Benzin ist in den USA gleichbedeutend mit Lebenssaft. Das verkürzt die Entscheidung von zwei Millisekunden auf eine.

Der Tankwart ist zu unserem Glück ein ebenso redseliger wie gelangweilter Waldschr… Mensch. Er beglückwünscht mich zu meinem guten Englisch. Ich bin seine erste Britin. Ich bin verständnisvoll.
Die Gegend ist reich an Geistergeschichten, davon acht an der Zahl, die sich, oh Wunder, um das von Roland Hooper-Winslow und seinem Sohn Hector erbaute Haus auf dem Red Hill drehen. Ein fleißiger Sammler hat sie in einem Print-on-Demand-Heftlein zusammengetragen, dass uns der Tankwart mit Freuden verkauft. Bei mittelmäßiger Apple Pie und Tee teile ich den Inhalt mit Ethan. Meist beginnen die Erzählungen mit einem Erben, der das Haus in Besitz nimmt, um durch die schönen roten Backsteine zu Reichtum zu gelangen. Unheimliche Stimmen und grausame Tode haben ebenfalls Hauptrollen. Eine Geschichte handelt von einem Einbrecher, den das Haus umbrachte, indem es ihm den Weg zum Ausgang verwehrte. Eine eher satirische erzählt von dem Versuch, ein Hotel auf dem Hügel zu eröffnen. In einer sehr gruseligen geht es um Roland H.-W. und irgendwelche Knochen toter Indianer Der Tankwart meint, es gäbe in der näheren Umgebung gar keine Indianer. In einer weiteren Geschichte wird jedoch ebenfalls darauf eingegangen, Roland habe das Land um den Red Hill von Indianern dafür bekommen, dass er eine schreckliche Bestie erlegte. Deren Kopf habe er entweder aufgespießt oder nach England verschifft. Warum nicht gleich beides?

Red Hill

Als Ethan verhalten zu gähnen anfängt, breche ich die Lektüre ab. Wir machen uns auf den Weg zum Domus Ruber, der wirklich sehr malerisch ist, wenn man auf die Farbe von Blut abfährt. Je näher sich die Serpentinen dem Haus entgegenschlängeln, desto röter wird die Erde. Da der über Nacht gefallene Schnee in großen Teilen wieder weggetaut ist, bietet sich uns das Bild einer Landschaft aus Bäumen in weißen Röcken, die in blutigen Pfützen stehen. Nicht eben anheimelnd. Dass der Anblick seiner eigenen Fußstapfen im Schneematsch die geistige Verfassung von Michael nicht gerade verbessert hat, wenn er wirklich einen Geist gesehen haben sollte, kann ich mir lebhaft vorstellen.

Das Haus. Ist groß. Wirklich groß. Natürlich kein Vergleich mit Winslow Manor, aber weit mehr, als ich erwartet hatte. Ich bin von einer dieser Industriellenvillen ausgegangen, die zwar auf den ersten Blick recht protzig daherkommen, aber dann innen doch eher, sagen wir „schnuckelig“ sind. Das einsame Domus Ruber mit seinen dunklen Fenstern ist groß. Und ohne, dass ich den Finger darauf legen könnte warum, wirkt es auch sehr englisch.

Ethan war die ganze Zeit so wortkarg, dass ich fast erschrecke, als er fragt, ob aus dem Geschichtenbuch eigentlich hervorgeht, weshalb ein Hooper-Winslow das Haus hüten muss. Das wüsste ich auch gern. Im Buch steht davon nichts.

Von hier oben können wir Hectorville sehen, das doch gut und gerne 20 Minuten Fußweg entfernt ist, selbst wenn man den direkten Trampelpfad nimmt, den Michael Blackwood gelaufen sein muss. Die Tür hat er tatsächlich offen gelassen. Laut meinem Geisterbuch muss man sich ja um Einbrecher keine Gedanken machen. Ein Blick ins Innere verrät dann auch, dass das Eindringen von Kälte und Feuchtigkeit durch die Tür ebenfalls zu den geringeren Gefahren gehört. Ein Teil des Dachs ist eingestürzt. In der Eingangshalle, die in ihrer gesamten Höhe beide Stockwerke umfasst, wehen Blätter. Ich setze einen Fuß über die Schwelle. Unter den aufgeweichten Bodendielen tritt roter Lehm hervor. Er umschließt meine Sohle. Etwas tief drin im Haus erwacht.
Ich bin angekommen.
Daheim.

Nichts hier ähnelt meinem Zuhause. Vielleicht hätte ich Michael die Besitzurkunde doch gleich abnehmen sollen. Zu seinem eigenen Schutz.

Inside

Auch Ethan folgt mir auf den blutig schwappenden Boden. Schaut erwartungsvoll. Ich finde es nett, dass ich seine stille Präsenz auf meiner Seite habe. Nicht auszumalen, wenn ich hier irgendwo durch morsches Holz breche und kein hilfreicher Begleiter da ist, der mich wieder herauszieht. Abgesehen von der Rückendeckung, wenn hier wirklich ein Geist auftaucht. Ich muss nur aufpassen, dass ich ihn nicht versehentlich James nenne. Gerade lag es mir schon auf der Zunge.
Zuerst wollen wir die ebenerdigen Räume untersuchen. Beginnen wir mit der Küche.

Am Ende der Halle befindet sich tatsächlich ein Fahrstuhl, so ein altmodischer Gitterkorb, der darauf hindeutet, dass es hier irgendwo einen Generator geben muss. Links davon ist die Küche, der Traum jedes Reenactment-Kochs, von Michael ausgestattet mit einem brandneuen Kühlschrank, der sich nach Elektrizität sehnt. Dominiert von einem Regal voller Messer. Voll. Mit. Messern. Zwei, drei Meter lang, reiht sich dort Klinge an Klinge. Sehr, äh, sympathisch? Sammelwut soll ja ein Zeichen von Einsamkeit sein. Ich versuche, der Aufreihung einen Sinn zu entnehmen, zu erkennen, ob ein Jäger hier mehr oder weniger unauffällig Waffen verschiedener Metalle gebunkert hat, aber es sind nur Küchenmesser aus Eisen und unterschiedlich hartem Stahl. Eines davon ist versilbert. Während ich es in der Hand drehe, untersucht Ethan eine Tür, die Vorratskammer schreit. Er ruckelt und kratzt daran herum. Nein, die Tür ruckelt. Etwas kratzt daran herum. Ethan steht nur in der Schusslinie. Eine rote Hand schießt durch die Tür, greift nach Ethan, der zurückspringt. Aus dem Lagerraum bewegt sich eine Gestalt. Menschlich. Ehemals. Weiblich. Ein eingefallener Schädel, schwarze Zähne und etwas wie schwarzer Nebel oder Rauch, der ihr nachwabert, fliegen auf mich zu. Instinktiv halte ich das Silbermesser nach vorn. Als wenn ich es nicht besser wüsste. Es geht durch den Geist wie durch Luft. Die Tote umschließt mich mit ihren Armen, klammert sich an mich. „Rette mich!“ Ich bin etwas perplex. Ethan nicht. Macht einen Schritt auf uns zu, legt auf den Geist an. Offenbar hat er sie nicht gehört. Ich stoppe ihn mit einer Handbewegung. Und ehe ich mir richtig klargemacht habe, was ich mir da einbrocke, sage ich: „Okay?“
Ethan reißt die Waffe hoch. Der Schuss geht in die Decke. Die rote Frau verschwimmt um mich herum, löst sich auf. Roter Staub bröselt über mir. Die Decke bebt. Noch in der Bewegung weg von dem Loch informiere ich meinen Mitstreiter, dass die Frau gerettet werden will. Er hebt die Brauen.
Wir kommen überein, dass wir die Küche verlassen möchten, da der Schuss hier ein mittleres Erdbeben ausgelöst hat. Alle Wände und das Mobiliar wackeln. Die vorhin noch offene Tür ist zu. Fest. Ethan muss sie mit aller Gewalt einrennen. Um die Schmerzen in der Schulter beneide ich ihn nicht.

In der Halle ist das Haus wieder friedlich. Die Trophäen meiner Vorfahren stehen und hängen dort, als könnte nichts sie aus ihrem ewigen Schlaf rütteln. Knochen, Schädel, Statuen, viele davon aus dem hiesigen roten Lehm. Zum Glück nicht in Originalgrößen, sonst käme ich auf die Idee, nachzusehen, ob sich in ihrem Inneren Skelette befinden. Über allem hängt ein riesiger ausgestopfter Kopf einer zotteligen Bestie mit langen Reißzähnen. Ob das Rolands großer Wurf war? Der Präparator hat jedenfalls ganze Arbeit geleistet. Das Ding ist zweifellos alt, aber bestens erhalten.

Ghosts

Noch einmal kommen wir auf die Frau in der Küche und ihren Wunsch zu sprechen. Möglicherweise eine verblichene Hooper-Winslow. „Haben Sie sie nicht gehört?“ Hat er nicht. „Vielleicht braucht es deshalb ein Familienmitglied.“
Wie auf Stichwort erscheint der nächste Geist. Ebenfalls eine Frau, diesmal im weißen Kleid. Rote Flecken darauf. Es ist unmöglich zu sagen, ob sie von Blut oder vom Lehm kommen. Ihr halbes Gesicht fehlt. Sie rennt die Treppe hinunter, verfolgt von einer weiteren Gestalt, die dunkel, neblig, diffus bleibt. Auf der Mitte der Treppe stürzt sie, unelegant, tödlich, bleibt verdreht am Fuß liegen. Ihr Blick hoch zum Treppenabsatz gerichtet, dann auf mich. Sie fängt an zu schreien, erst lautlos, dann hörbar, immer lauter, ohrenbetäubend. Unverkennbar, das hört jetzt auch Ethan. „Du kannst ihn nicht bekommen! Er gehört mir!“ Wer, ich? Wen bekommen? Eindeutig meint sie mich. Und wenn sie sich nicht in gleichen Moment aufgelöst hätte, ich schwöre, sie hätte mich angesprungen. Bitch!

Die Nebelgestalt oben auf der Treppe ist ebenso verschwunden. War das der, den ich nicht bekommen soll? Ich glaube, ich möchte jetzt nach Hause telefonieren.

Wir verlassen die Eingangshalle und postieren uns draußen auf dem Hügel, wo wenigstens ein Strich Netz zu finden ist. In England ist es etwa Mitternacht. Keine gute Zeit mehr, um den längst überfälligen Höflichkeitsanruf bei Mutter zu absolvieren. Dann rufe ich Charles an. Der hockt eh noch in seinem Bibliotheksbunker, wenn er nicht an einer Bar herumhängt. Selbstverständlich ist er hocherfreut, von mir zu hören und überschlägt sich geradezu vor Begeisterung, dass er mir zu Diensten sein darf. Immerhin kann ich ihm das Versprechen entlocken, dass er für mich nach dem Domus Ruber recherchiert.

Etwas an dem Gespräch hat mich genervt. Nicht, dass es ein Telefonat mit Charles war. Noch etwas. Da war ein Stimmchen im Hintergrund, ein hohes Stimmchen, das etwas deklamiert hat. Eine Geschichte oder ein Gedicht? Ich frage mich, ob das auch schon wieder ein Geist war. Ein Anruf bei der Zeitansage bringt Klarheit. Das Stimmchen klingt hoch, jung und verängstigt. Es ist weder die Stimme des ersten noch die des zweiten Geistes. Und es spricht kein Englisch. Französisch auch nicht. Und ziemlich sicher auch kein Deutsch. Es trägt aber mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Gedicht vor.
Während ich einen Ring aus roten Fußstapfen in den Schnee tigere, sieht mein Begleiter sich weiter um. Er schafft es, gleich in den nächsten Geist zu laufen. Das geht ja Schlag auf Schlag hier. Als ich den Kopf hebe, steht eine vollständig in Blut oder Schlamm getränkte männliche Gestalt vor ihm und brüllt ihn an. Für uns klingt es wie aus weiter Ferne: „Was fällt dir ein? Das wirst du bereuen!“ Ethan weicht seinen Angriffen aus, während ich noch Mobiltelefon gegen Flinte tausche. Der Geist schreit sich in Rage. Aufsässig sei Ethan. Er werde ihm die Haut von den Rippen prügeln… Ich verpasse ihm eine Ladung Salz. Dachte ich. Daneben. „So kommst du mir nicht durch! Jetzt hast du’s geschafft!“ Mich bemerkt der Geist gar nicht. Er zieht etwas wie einen Gürtel hervor, mit dem er, scheint’s, auf Ethan einzudreschen gedenkt. Ha! Jetzt aber! Treffer. Versenkt.

Die Schulter des Jägers scheint etwas abbekommen zu haben. Er verzieht das Gesicht, sagt aber nur kurz „Au.“ So schlimm kann es nicht sein. Wenn sie ausgerenkt wäre, würde er sich schon melden.
Bei der Frequenz, in der hier die Geister auftauchen, frage ich mich, wie Michael es geschafft hat, so lange im Haus zu bleiben, dass er in der Küche Essenreste hinterlassen konnte.

Der Gedanke, dass all diese Gestalten Verwandtschaft sein könnten, gefällt mir gar nicht. Ich weiß ja, dass wir Hooper-Winslows nicht für unsere sonnigen Gemüter berühmt sind. Aber der tote Typ eben? Also bitte!
Wir müssen endlich herausfinden, was sich hier für Tragödien abgespielt haben.

Research

Jede Wette, dass es hier eine Bibliothek gibt. Doch zum Lesen benötigen wir erst einmal Licht. Da hier draußen kein Generatorenhäuschen zu sehen ist, vermuten wir das Gerät im Keller. Vernünftige englische Architekten würden den Zugang dorthin in der Küche ansiedeln. Daher versuchen wir uns an der Tür, durch die der erste Geist kam. Ich ignoriere geflissentlich, dass in der Zwischenzeit zahlreiche Messer aus dem Regal im gesamten Raum verstreut liegen. Das Schloss scheint etwas eingerostet. Es widersteht meinem Werkzeug länger als mir lieb ist. Was soll denn Ethan von mir denken?
Aber Ethan macht sich keine Sorgen um meine Einbrecherkünste, sondern um den Herd. „Der tut was.“
Da er bereits mit einem Lauf voll Salz auf die Herdklappe zielt, bleibt es an mir, diese zu öffnen. Drinnen befindet sich relativ wenig Asche. Michael hat ihn gesäubert. Etwas flackert. Dann lodert plötzlich ein Feuer auf. Darin eine kleine Gestalt, wie von einem Kind. Ohne zu überlegen, greife ich ins Feuer und hole das Kind heraus. Es ist vielleicht ein Jahr alt und völlig verkohlt. Meine Hände melden gleichzeitig „Kind“ und „Geist“. Und: „Verbrannt“ Sengender Schmerz wandert mir die Handgelenke hoch. Ich halte das Kind. Den Geist. Es riecht nach verbranntem Fleisch. Der Kindergeist streckt mir die Ärmchen entgegen. In einer kleinen Faust hält es ein Stück rotes, gebackenes Fleisch. Nein, Lehm. Während ich es anstarre, beginnt es, sich aufzulösen. Zuletzt verschwindet seine Hand. Das Ziegelstückchen fällt zu Boden.
Meine Arme halten immer noch ein unsichtbares Geisterkind. Neben mir läuft rötliches Wasser aus dem Hahn, den Ethan aufgedreht hat. Erst als er mich packt und meine Hände unter den Strahl hält, geht ein Ruck durch mich. Verbrannt. Durch den Schleier vor meinen Augen dringt eine Information glasklar: Da liegt ein Messer neben der Spüle, wo vorher keines lag. Ein gurgelndes Geräusch begleitet das Gluckern des Wasserhahns. Es klingt nicht wie defekte Leitungen.
Auf dem Fensterbrett wacht ein Gnom aus roter Keramik über vertrocknete Kräuter.

Downstairs

Einmal tief Luft holen. Zähne zusammenbeißen. Lächeln. Weiter im Drill. Auch das Ziegelstück hat sich schlussendlich aufgelöst. Ein verbranntes Baby war hier nie. Meine Hände sind wieder ausreichend einsatzfähig, dass wir den Keller erkunden können.
Auf glitschigen Stufen begeben wir uns in einen großen, langgezogenen, unterirdischen Raum. Es gibt eine Reihe von Bottichen, die vermutlich der Entwässerung des sehr flüssigen Lehms dienen, eine Werkbank, einen Hochofen und einen Dieselgenerator, vor dem ein Stapel Internetausdrucke mit Reparaturanleitungen liegt. Für einen Juristen scheint sich Blackwood gar nicht so dumm angestellt zu haben. Jedenfalls findet Ethan nicht viel mehr zu reparieren. Es fehlt nur Treibstoff. Glücklicherweise stehen zwei gefüllte Kanister in Reichweite.
Ich sehe mich inzwischen um. Der Ofen sieht beeindruckend aus. Auf der Werkbank liegt ein Notizbuch, gefüllt mit Skizzen von Vasen und ähnlichen Gefäßen. Dutzende von Zetteln sind eingeklebt oder klemmen lose zwischen den Seiten. Auf diesen sind keine Vasen, sondern Bilder verschiedener Zeichner. Sie zeigen Personen und Wesen, die den Statuen oben in der Halle ähneln. Ich gehe davon aus, dass die ansässigen Jäger hier ihre Jagdziele oder zumindest die Sichtungen von Monstern verewigt haben. Trophäenäquivalente.
Der Generator springt an. Lichter flackern auf. Der Gang mit den Bottichen erhellt sich im Schein der hässlichen Lampen, die jeder sparsame oder auch nur praktisch veranlagte Hausherr sein eigen nennt. Länglich, vergittert, uniform. Im Hintergrund wird eine Tür sichtbar.

Drowning

Ein Bottich in meiner Nähe beginnt zu gluckern. Darin erscheint eine Gestalt, die zu ertrinken scheint und mir die Hände entgegen streckt. Da ich einfach nicht dazulerne, versuche ich, die Person herauszuziehen. Doch entweder rutscht sie im schlammigen Rot tiefer oder sie zieht mich absichtlich in den Trog. Ich kann noch einen kurzen Schrei von mir geben, ehe ich kopfüber in die eisige Brühe stürze. Der Geist zieht mich nach unten. Etwas greift nach meinen Füßen und hält dagegen. So hänge ich eine gefühlte Ewigkeit zwischen Leben und Tod, bis ein schmerzhaftes Zerren an meinen Beinen für das Leben entscheidet. Ich zahle mit einigen Hautfetzen, die am Rand des Bottichs hängenbleiben. Nichts übles. Fällt unter die Kategorie Lehrgeld.
Hatte ich schon gesagt, dass ich es unschön finde, mit solchen Wesen eventuell durch Blut verbunden zu sein? Ethan fragt vorsichtig nach, wie wichtig mir das Haus ist. Er deutet an, dass Abreißen und Pökeln für ihn ein adäquater nächster Schritt wäre. Was fällt ihm ein? Das ist Familienbesitz seit 250 Jahren! Das ist mein Haus! Ich reagiere eher kühl. Es könne nicht auf Dauer helfen, den Geistern hier nur mit Salz zuleibe zu rücken. Außerdem habe ich der Frau in der Küche Rettung versprochen, und Rettung wolle ich liefern. Wir müssen eine gangbare Lösung suchen. Beispielweise hinter der entdeckten Tür.

Old Rome

Wir stehen in einem kleineren Raum. An der Wand ein Mosaik oder Relief oder wie man das nennt. Darauf abgebildet sind drei Gestalten, die auf einer großen Schlange stehen. Die mittlere Gestalt trägt eine kleinere Schlange um den Körper geschlungen, die beiden äußeren halten Schalen oder Hörner oder irgendsoetwas. Es sieht altertümlich aus. Es wackelt schon wieder.
Inzwischen wirklich am Ende meiner Geduld rufe ich in den Raum: „Was willst du?“ Die große Schlange unter den drei Personen beginnt, sich aus dem Bild in die dritte Dimension zu bewegen und spricht etwas. Leider kein Englisch. Alles, was ich verstehe, ist domus. Ich hoffe, sie hat Geduld, bis ich das Gehörte mehr schlecht als recht in Lautschrift gebracht und in diverse Internetforen gepostet habe. Dazu gibt’s ein Foto vom … Altar? Mit der sehr eloquenten Frage „was ist das?“ Charles bekommt selbige als mms.
Und jetzt verlassen wir erstmal diese verfluchte Bruchbude, um unsere flauen Mägen mit Pancakes und Flüssen von Ahornsirup zu stärken.

Food

Der gutmütige Tankwart hat uns trotz unseres derangierten Aussehens ein Hotel in der nächstgrößeren Stadt Montgomery empfohlen, welches uns die Möglichkeit bietet, uns den Schlamm aus Haaren und Kleidern zu waschen. Er ist höflich genug, uns nicht direkt auszufragen, warum wir aussehen, als hätten wir ein Blutbad veranstaltet. Auch der Portier in Montgomery interessiert sich erfreulich wenig dafür. Charmantes Volk. Sollte ich dereinst Serienmörderin werden wollen, weiß ich, wo ich untertauche.

Ich fühle mich wie ein Würstchen im Schlafrock. Gewisse afrikanische Völker sind ja für ihre kunstvollen Lehmfrisuren berühmt. Bestimmt hätte man mir dort verraten können, wie ich das Zeug professionell wieder aus den Haaren bekomme. Ich dusche, bis das Wasser kalt wird, stelle beim Fönen fest, dass mir roter Staub vom Kopf rieselt, dusche nochmal kalt. Der Vorteil daran ist, dass ich jetzt wieder erfrischt genug bin, um etwas essen zu gehen, statt gleich ins Bett zu fallen. Für die Schürfwunden, die ich mir bei der unfreiwilligen Taufe zugezogen habe, reichen ein paar Pflaster.

Wir suchen ein Frühstückshaus auf, um ein unkonventionelles Abendessen einzunehmen. Für manche Einrichtungen muss man Amerika einfach lieben. Ich bringe meinen Blutzuckerspiegel mit den ersehnten Pancakes um den Verstand. Nach dem Part mit dem verkohlten Baby sind wir beide nicht in der Stimmung , das ansässige Steakhaus mit unserer Anwesenheit zu beehren. Ich mache einen Bogen um das Büffet mit Rührei und Speck.

Zum Frühstück gibt es gleich nochmal dasselbe Programm. Während mein Koffeinlevel auf ein gewohntes Maß steigt, rufe ich die Ergebnisse meiner Nachforschungsaufträge ab.

Flamewars

Antworten auf iHeretics Post:

  • Im Thread gibt es nur eine Schlammschlacht mit Verweisen darauf, er hätte mal netter zu Stregazza sein sollen. Eskaliert schnell in wüster Spekulation und Gestreite.
  • Eine PM mit dem Hinweis, iHeretic möge sich an Stregazza wenden, die kennt sich mit so Römerkram aus… ach nee, die hat ihn ja geblockt. Ist halt nicht so clever, dauernd einen auf „ich bin der Schlauste“ zu machen, ne?
    Von Distance_Runner
    (In der PM sind ein paar Rechtschreibfehler. Distance_Runner ist ein humorbefreiter Typ, der sich gern mal aufregt. Stregazzas Grammatik ist oft abenteuerlich, außerdem geht sie extrem schnell in die Luft.)
  • Eine PM mit ein paar hilfreichen Kommentaren: „Ja, das scheint Latein zu sein. Es geht um ein Haus, um eine Feier (vermutlich eine Hochzeit, weil ich glaube, Gaius und Gaia verstanden zu haben), vielleicht um eine Taufe oder ein Begräbnis oder so etwas. Jedenfalls könnte es eine Anrufungsformel oder ein Gebet sein. Das Bild ist ein klassisches Lararium: Laren sind römische Hausgötter [hier noch Infos über Laren, die nicht über das hinausgehen, was in der Wikipedia steht.]
    Von Venatorix
    (Keine Rechtschreibfehler. Venatorix ist mehr so die Wikipedia-Schleuder, aber manchmal hat sie ganz gute Infos. Möglicherweise hat sie ein vages romantisches Interesse an iHeretic.)
  • Eine relativ vollständige Übersetzung: „Ich bin der Hüter des Hauses, der Geist der Wände und das Herz des [Blutes]. Verehrt mich und [seid / werdet] mein, und ich werde euer sein. Die [Hochzeit / Beerdigung (klingt wie ein Kofferwort aus beidem)] beginnt mit einem [Bad oder Getränk (wörtlich: Eintauchen oder verinnerlichen)], ich bin Gaia und du bist Gaius. Pluto und [nicht identifizierbar, weder Proserpina noch Ceres noch irgendein anderer bekannter Gott] stehen uns bei, wenn wir die Ahnen [essen (klingt zumindest so)].“ Ein klassisches Gebet an die Laren ist das allerdings wahrscheinlich nicht. Es handelt sich hier um klassisches Latein, vermutlich noch aus der Zeit der Republik. Das alles unter der Prämisse, dass du Brite bist.
    Von Aragnam

Außerdem kommt eine Antwort von Charles:

  • Erstmal eine Zusammenfassung über Laren (Hausgeister und so weiter). Dann noch ein bisschen historische Entwicklung – die Laren sind mit der Christianisierung entweder verschwunden oder zu Schutzheiligen synkretisiert. Ein paar haben sich aber wohl gewehrt, er hat ein paar Spukgeschichten über böswillige Laren und fromme Neu-Christen aufgetrieben. Das geht dann so ungefähr in Richtung Poltergeist. In den meisten Geschichten haben die lieben Christen das heidnische Kroppzeug einfach weggebetet – Charles vermutet aber, dass das nicht ganz so einfach ist, aber er legt dir mal ein paar Gebete bei. Viel Hoffnung solltest du dir aber nicht machen, die funktionieren in den Geschichten nur bei Jungfrauen oder solchen, die reinen Herzens sind.
  • Möglicherweise hilft es aber auch, das Heiligtum des Laren zu zerstören. Da hält er sich normalerweise auf. Falls er von den Vorfahren des Hausbewohners unterstützt wird, sollte man die auch zerstören / zur Ruhe betten.

Flowers

Ethan bekommt die gekürzte Version ohne das Internetrauschen.
Auf dem Weg zurück zum Haus erstehe ich ein Bündel Blumen, die halbwegs biegsame Stiele haben und mühe mich im Auto, einen Kranz daraus zu binden. Nachdem er lange genug die Lippen aufeinander gepresst und immer skeptischere Blicke zu mir herübergeworfen hat, bietet der junge Raucher mir an, dass ich fahren könnte, während er versucht, das Grünzeug in Ringform zu dressieren. Gute Idee. Vielleicht hört er auf, den Wagen vollzuqualmen, wenn er beide Hände beschäftigt hat. Nein. Tut er nicht. Zu meiner Genugtuung stellt er sich beim Ikebana auch nicht besser an. Vielleicht liegt es auch daran, dass er mir gelegentlich ins Steuer greifen muss, weil ich es einfach nicht gewohnt bin, auf der falschen Straßenseite zu fahren. Tut mir leid. Ich gelobe, zu üben.
Uns überholt ein hellblauer VW-Bus, der mich an das kuriose Gefährt erinnert, mit dem Vetter Jon Italien unsicher macht. Verrückter alter Vogel. Der VW-Bus wird kurz langsamer, als wollte uns der Fahrer im Falle einer Panne beistehen, beschleunigt aber wieder, als wir erkennbar nur einen Fahrerwechsel durchführen.
In Hectorville ziehen wir wieder daran vorbei. Zu dieser Jahreszeit fährt man noch in Campingurlaub?

Family

Das Haus liegt vor uns, als sei es wieder in Winterschlaf gefallen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass keine Geister auftauchen, solange ich es nicht wieder betrete.
Wir stehen vor dem Auto. Keiner von uns beiden hat so recht Lust, den Anfang zu machen. Ethan opfert sich: „Bevor wir jetzt reingehen: Was machen wir, wenn wir drin sind?“ Gute Frage. Ich erläutere, dass ich es für gefährlich halte, die Rachsucht eines enttäuschten Laren auf mich zu ziehen, wenn wir versuchen, ihn einfach zu beseitigen und scheitern. Sollte er sich mit einem Opfer wie dem Blumenkranz begnügen, wäre ich eher bereit, ihn damit zu befriedigen, um potenzielles Unheil von meiner Familie fernzuhalten. Ehe ich auf meine Befürchtung eingehen kann, dass der Lar (oder die zu Laren gewordenen Geister meiner Vorfahren) mehr als nur Blumen verlangen könnten, heftet sich der Blick des Jägers auf eine Stelle hinter mir. „Besuch.“

Aus dem Wald stapft eine Person, zuerst nur als Silhouette erkennbar. Was sofort auffällt ist der Schwertgriff, der hinter ihrem Rücken hervorragt. Beim Näherkommen erkennen wir in ihr eine junge Frau, schwarze Lederjacke, kurzes schwarzes Haar, schmale Nase, verschlossener Gesichtsausdruck. Erinnert mich spontan an Tante Imogen. Bewegt sich auch wie eine Fechterin. Kräftig, aber grazil.

Die Frau bleibt etwas zu weit weg stehen als höflich ist. Schweigen im Walde. Man mustert sich. Na, wenn sonst keiner was sagen will. „Hallo. Was können wir für Sie tun?“
„Michael schickt mich.“
Aaaaahahahahahaaa! Kein Wunder, dass sie mich an Imogen erinnert.
„Hat er auch versucht, Ihnen das Haus anzudrehen?“
Das hat er wohl. Wir stimmen überein, dass er beim Versuch, die Immobilie loszuwerden, nicht ganz so verzweifelt wirken sollte, wenn er Erfolg haben wolle.
Bei der jungen Dame handelt es sich um eine Blackwood, die Ahnung von unserem Metier hat. Sie wird über die Geister informiert, doch ehe ich mehr ins Detail gehen kann, unterbricht uns ein weiterer Ankömmling. Schon während er sein Wohnmobil neben uns parkt, fällt mir der Bücherstapel auf, der sich auf dem Beifahrersitz türmt. „Wenn ich raten müsste,“ sage ich zu meinem Begleiter, „dann würde ich sagen, das ist auch Verwandtschaft.“ Noch ein Blackwood. Ganz bestimmt. Keinen Sinn für Fahrsicherheit, der Mann.

Bei meiner Vorstellung guckt er, als wäre er in etwas unappetitliches getreten. Vielleicht hat er mal Ian kennengelernt. Ich sehe darüber hinweg.
Bartholomäus Blackwood ist ein schlanker, dunkelhaariger Typ in praktischer Outdoorkleidung. Hat Stil. Etwa mein Alter. Plusminus. Bewegt sich ein bißchen, als würde er eine Last tragen. Hat vielleicht auch schon mehr gesehen, als so einem Bücherwurm lieb sein kann.
Michaels Onkel Jeremiah Blackwood hat ihn geschickt, damit er den Jungen dabei unterstützt, auf das Haus acht zu geben. Er weiß noch nichts davon, dass Michael im Krankenhaus liegt.

Auf die Gefahr hin, dass ich noch ein drittes und viertes Mal in meinen Ausführungen unterbrochen werde, teile ich den Leuten mit, was sich am gestrigen Tage hier alles zugetragen hat, schlage vor, dass wir zusammenarbeiten, da die Angelegenheit uns alle sehr direkt betrifft, und gebe auch meine Vermutung kund, dass der Spuk gleich wieder losgeht, sobald die Familienmitglieder das Haus betreten. Ethan will wissen, was passiert, wenn jemand hineingeht, der nicht zur Familie gehört. Meinen Hinweis auf die Einbrechergeschichte schlägt er in den Wind. Weiter als ein paar Schritte traut er sich dann aber doch nicht in die Eingangshalle. Murmelt beim Zurückkommen etwas von einem kalten Windhauch und Unwohlfühlen.

Communication

Sam, so heißt das Blackwoodfräulein, möchte erst einmal das Haus von allen Seiten sehen, ehe sie es betritt. Gute Idee. Die Umrundung bringt zwei weitere Eingänge zutage, beide verbarrikadiert, einen überwucherten Wintergarten voller toter Pflanzen und mit geborstenem Glas, einen sehr hübschen Ausblick ins Umland und eine große, zugewachsene Klappe, die in den Keller führt. Vermutlich der Zugang zu den Bottichen. Obwohl… Für den Keller, in dem wir gestern waren, liegt die Stelle zu tief.
Sam und der Jungjäger haben das Zeug zum Traumpaar. „Du. Ethan heißt du, oder?“
„Hm.“
„Is’n da drin?“
Mehr braucht es nicht, damit der Junge die Muskeln spielen lässt und die Klappe aufhebelt. Ich drücke derweil wortlos Bartholomäus die Übersetzung von Aragnam in die Hand. Der kann sicher mehr damit anfangen als ich.

In dem ausgehöhlten Hügel trieft es an allen Ecken und Enden rot herunter. Der Anblick wird von einer monströsen Maschine dominiert, deren genauer Sinn sich mir nicht erschließt. Vielleicht ein Grabungsgerät? Sie trägt einen Ofen im Bauch. Herabgetropfter Lehm ummantelt sie. Ich leuchte mit der Taschenlampe darum herum. Sam und Ethan stellen sich vor die Maschine. Mein Lichtkegel bleibt an dem Geist hängen, der silbriggrau glänzend neben den beiden steht. Er bemerkt uns. Als er sich umdreht, offenbart sich, dass ihm eine Gesichtshälfte fehlt. Wie der Frau auf der Treppe. Ich glaube, das ist der Schatten, der ihr nachgelaufen war. Er sieht ihr sehr ähnlich. Seine Stimme klingt so entfernt wie die des aufgebrachten Gutsherren mit dem Gürtel. Oder wie durch eine schlechte Leitung. Er spricht zu Sam, dass die Liebe nicht alles heile und streicht ihr über die Wange. Respekt, dass sie das geschehen lässt. Ich wäre ausgewichen. Er löst sich auf.

Ethan warnt uns vor der erhöhten Einsturzgefahr des Ortes, an dem wir stehen. Es sei ein Wunder, dass die Decke noch nicht unter der Last des darüber befindlichen Speisesaals eingebrochen sei. Nun gut, er verwendet weniger Worte dafür.
Mir fällt ein, dass ich der Verwandtschaft noch nicht von dem Stimmchen am Telefon berichtet habe. Bartholomäus hat sich schon vorhin als Lateinkenner geoutet. Auch aus seinem Mobiltelefon klingt die Stimme. Was er herausfiltert: Ein Hochzeitsgelöbnis, zwei Häuser verbinden sich, Anrufung von Juno, Minerva und dem Lar des Hauses. Die Braut verspricht, ihrem Mann zu folgen etc.pp. Was halt eine Römerin bei ihrer Heirat so zu sagen hatte, als man von Emanzipation noch nichts wusste. Der Teil mit dem Lar ist nicht so üblich, aber auch nicht völlig abwegig.

Sam ist ein kluges Kind. Sie fragt, wie die Hooper-Winslows und Blackwoods eigentlich verwandt sind. Bart erläutert, dass eine ausgewanderte Hooper-Winslow einen Blackwood geehelicht habe und in späteren Jahren, wie beim Geldadel eben so üblich, vereinzelt weitere Verbindungen zwischen den Familien geschlossen wurden. Auf 250 Jahre betrachtet, verschwindend wenig. Im Großen und Ganzen haben sich die Blackwoods auf die USA konzentriert und die Hooper-Winslows sind in Großbritannien geblieben.

Die verängstigte Stimme der jungen Braut lässt uns alle gleichermaßen vermuten, dass zumindest eine Zwangsheirat unter den Familien stattgefunden haben könnte. Mir fällt wieder der wütende Gutsherrengeist ein. Sam vermutet, dass der Silbergeist von gerade eben derjenige gewesen sein könnte, der die Braut aufrichtig geliebt habe. Sehr romantische Vorstellung. Da Ethan wieder nichts gehört hat, wiederholt sie für ihn den Spruch über die Liebe. Er zieht ein Gesicht, als wäre sie ihm auf dabei auf die Füße getreten.

Wir tauschen Vermutungen aus, ob es sich hier um die Geschichte des inzestuösen Zwillingspaars handelt, das verbrannte Baby gar aus dieser Verbindung entsprungen sein könnte, ob der Lehm lebendig ist. Die Übersetzung von Aragnam lässt den Lar ja von sich sagen „ich bin das Herz des Blutes.“ Aber mit dem Geplänkel hier draußen kommen wir nicht zu echtem Wissen.
Zeit, den Blackwoods eine Führung durchs Haus zu geben.

Books

Da ist wieder das unverkennbare Gefühl, nachhause zu kommen, als ich durch die Tür schreite. Die staunenden Gesichter der beiden Blackwoods sind Gold wert. Sie betrachten das Loch im Dach, die Trophäen an den Wänden, den riesigen Zottelkopf, die roten Statuen. Jemand mit Sinn für Ästhetik hat die hübscheren Gestalten ins beste Licht gerückt, die hässlicheren Monster in dunklere Ecken gestellt.
Um den Herdgott nicht zu erzürnen, will ich den Ausdruck mit den christlichen Gebeten draußen auf den Boden werfen, habe aber den Durchzug nicht mit eingerechnet. Der zerknüllte Zettel fällt auf die Dielen und wird sofort von etwas rot umschlossen. Ein leises Beben geht durch das Haus. Genau das wollte ich vermeiden. Ich bücke mich schnell und zünde das Papier an, ehe es völlig durchnässt ist. Das Haus gibt wieder Ruhe. Alles in allem macht es einen sehr zufriedenen Eindruck, jetzt, wo gleich drei Familienmitglieder hier sind.

Die Bibliothek ist schnell gefunden. Für ein Haus fernab der Zivilisation ist sie überdurchschnittlich gut ausgestattet. Klassischer Jägerhaushalt. Hauptsächlich okkulte Themen, quer durch alle Jahrhunderte. Das neueste Werk (über Finanzmärkte, herrje) muss Michael Blackwood hier angeschleppt haben. Hier war es zu lange zu feucht. Charles würde Amok laufen, wenn er den Zustand der Bücher sehen müsste. Ich nehme mir vor, ihm zu gegebener Zeit davon zu berichten.

Eine Reihe von Notizbüchern unterschiedlichen Alters in einer Vitrine erweckt mein Interesse. Während ich das Schloss knacke, sinniere ich laut darüber nach, ob die Figuren, von denen auch hier einige in Form roter Katzen herumdrapiert sind, das Überwachungssystem des Anwesens darstellen. Ethan zieht eine Handvoll Salz aus der Tasche, um die Probe aufs Exempel zu machen, doch ich möchte nicht herausfinden, ob uns der Lar gegebenenfalls Regale voller Bücher um die Ohren wirft. Er soll lieber nachsehen, ob auf dem Tisch ein aufgeschlagenes Buch liegt. Was zuletzt gelesen wurde, könnte in direktem Zusammenhang mit den Geistern stehen.
Das älteste Notizbuch ist von Roland Hooper-Winslow, der es, seiner Bildung entsprechend auf Latein verfasst hat. Ich reiche es an Mr. Blackwood weiter. Irgendwann kommen jüngere Werke in Englisch. Ich blättere mich durch einige davon.
Das zuletzt gelesene Buch ist ein Werk über Gargylen. Aha. Na, die Statuen sind ja praktisch welche. Ein einsamer Zettel, der vormals auf etwas geklebt haben muss, fällt Ethan ebenfalls in die Finger. „Für meinen Nachfolger.“
Bartholomäus gibt uns einen kurzen Abriss vom Leben Roland Hooper-Winslows.
Der Mann war schon in jungen Jahren ein Weltenbummler, hat in den Alpen ein zotteliges Ungetüm erlegt und dessen Junges mitgenommen und als Haustier aufgezogen. In Italien legte er sich mit einem verrückten Faun an, aus dessen Haus er eine Larenfigur mitnahm. Kurz darauf ging er nach Amerika. Das Alpenmonster ließ er im Gebiet der hiesigen Ureinwohner frei, weil es ihm zu groß geworden war. Und als diese sich gegen das Vieh nicht zu helfen wussten, beseitigte er es für sie und ließ sich dafür als Held feiern. Kommt mir ziemlich bekannt vor, die Geschichte. Mit dem Laren schloss er einen Pakt, dass dieser auf das neu erbaute Haus aufpasse, wenn er dafür eine Statue gebrannt bekomme. Auch sein Sohn Hector sollte so weiterverfahren. Auf sein Lebensende zu werden dann die Einträge sehr verworren, bis hin zu einem Plan, eine 200 Fuß hohe Statue von sich selbst zu brennen. Naja.
Auch in den Tagebüchern, die ich angesehen habe, kommt an irgendeiner Stelle immer wieder der Hinweis auf die Figuren. Und in jedem davon geht es von da an mit dem Verfasser bergab. „Heute habe ich meine Figur gebrannt.“ Und prompt verlässt der Schreiber kaum noch das Haus, wird immer wirrer und stirbt irgendwann in geistiger Umnachtung. Vor allem packt sie der Wahn immer schneller, je jünger das Buch ist. Keine so berückende Aussicht. Ich nehme Abstand von der Idee, die Besitzurkunde doch anzunehmen und mich um Haus und Hof zu kümmern. Es sei denn, ich finde den Fehler, den die Töpfer gemacht haben… Wie gesagt, mir missfällt der Gedanke, dass so ein überalterter Herdgott mich und meine gesamte Verwandtschaft bis ins wasweißichwievielte Glied verflucht.

Just als ich Bartholomäus vorschlage, er könne doch mal Jeremiah anrufen, um mehr über die Wächter des Hauses in Erfahrung zu bringen, besucht uns der nächste Geist. Ein älterer Mann, der durchs Bücherregal tritt und Bart wie einen Schuljungen zurechtweist, weil dieser seine Hausaufgaben nicht mache. Seine Kehle ist durchschnitten. Mehrfach. Da wollte jemand sicher gehen. Ich finde, er sieht Bartholomäus auch ein bisschen ähnlich. Aber vielleicht ist das nur sein verkniffener Blick. Obwohl er sonst wie eine Schwarzweißaufnahme aussieht, ist das Blut, das in Strömen aus seinem Hals läuft, wer hätte es gedacht, von der Farbe des hiesigen Lehms. Da Bart ihm nicht den Gefallen tut, einen Schuljungen zu spielen, zieht der Geist eine Rute und verpasst ihm eine damit. Ich halte solche Erziehungsmethoden für falsch und bringe ihn daher mit einer eisernen Buchstütze zum Verschwinden. Der Bücherwurm ist wirklich nichts gewohnt. Er jammert herum wegen einer einzelnen Strieme.

Findings

Das verzögerte Telefonat mit Jeremiah fördert zutage, dass dieser sich keine Vorstellung über die Gefährlichkeit der Geister hier macht, dass er Michael zu viel zugetraut hat, dass er noch nichts von dessen Krankenhausaufenthalt weiß, und dass er erstaunt ist, dass Michael ohne Bart ins Haus gelaufen ist. Ein Meister der Organisation.
Michaels Vorgängerin war jedenfalls eine gewisse Celine Blackwood. In ihrem Tagebuch steht, dass sie ihre Statue gebrannt hat, nachdem sie durch einen Werwolfsangriff ihren Arm verlor.. Ähnliches habe ich auch den andern Büchern entnommen, dass sich alte oder unfähige Jäger für die Aufgabe zur Verfügung gestellt haben. Bei Celine setzt der Wahnsinn erschreckend früh ein. Die letzten Seiten sind voll von romantischem Gefasel von Liebe, von Gedichten und immer wieder der Aussage, die Geister seien ihr ein großer Trost. Zum Schluss gibt es ein paar Einträge, die auf eine Krebserkrankung deuten. Sie würde sich an Jeremiah wenden, um einen Nachfolger anzufordern und hoffe, der fände den Richtigen. .

Wir fragen uns, ob der Richtige einfach in direkterer Blutlinie mit Roland stehen muss (nein, ich will das nicht ausprobieren!) oder ob da einfach ein Lar den Hals nicht vollkriegt. Mittlerweile regt sich in mir der Verdacht, dass die Zerstörung des Heiligtums doch die einzig richtige Idee ist.
Sam konnte der Bibliothek weniger abgewinnen als der Architektur. Sie hat Michaels Zimmer entdeckt und dessen Laptop an sich gebracht. Außerdem ein Schreiben von Celine an ihren Nachfolger, in dem sie beschreibt, dass er beim Brennen seiner Figur von einem Geist namens Harlan angeleitet würde.

Trapped

Da es uns widerstrebt, in einem Haus, dessen Wände im Wortsinn Ohren haben könnten, über eine eventuelle Vernichtung des göttlichen Beschützers zu sprechen, haben wir unsere letzten Sätze nur noch in Andeutungen gesprochen. Man kommt überein, sich erstmal wieder ins Freie zu begeben. Doch entweder der Familiengott hat uns schon verstanden oder er freut sich so über uns, dass er uns nicht mehr gehen lassen will. Eine richtige Glucke.
Die Haustür ist zu. Und diese hält etwas mehr aus als die Küchentür.
Das bereits vertraute Beben der Wände lässt uns in der Halle instinktiv näher zusammenrücken. Der geisterhafte Nebel der letzten Erscheinungen kommt diesmal alleine, dafür von allen Seiten. Wir sind eingesperrt.
Endlich zeigt sich neben mir die Person, auf die ich schon die ganze Zeit warte: Die dunkle Frau aus der Küche. Ich frage: „Wer bist du?“
„Ich bin die Braut, die Witwe, die Mutter. Bitte rette mich, ich kann hier nicht bleiben.“ Und schon wieder beginnt sie zu verschwimmen. „Wie?“ frage ich.
„Zerstör’s!“
Alles klar. Mehr muss ich nicht wissen. Das wird auch bestimmt ganz einfach. Wir sind eingesperrt.

Sam will wissen, warum wir nicht einfach eine Statuette brennen. Es wäre so einfach, sie jetzt in ihr Verderben rennen zu lassen, damit wir hier herauskommen. Wir klären sie über den Wahn der Wächter auf. Wir sind eingesperrt.

Der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung. Durch seine Gitter stürmt der Gutsherr. Und diesmal ist er richtig sauer. Bart wirft sein Messer nach ihm. Hat der denn gar nichts gelernt? Man wirft seine Waffe nicht weg! Immerhin erzielt er ein interessantes Ergebnis. Die Wand, die er getroffen hat, „blutet“ flüssigen Lehm. Und wir sind immer noch eingesperrt.

Sam ist uns in die Küche vorausgeeilt. Wir folgen. Sie sagt, die Kellertür sei plötzlich offen gewesen. Ein klare Einladung. Wir sind eingesperrt.

Fire

Der Hochofen ist an. Um den Lar erstmal milder zu stimmen und uns Zeit zu kaufen, hänge ich den Blumenkranz daran, den Ethan die ganze Zeit mit sich herumgeschleppt hat. Aus dem Bottich, in dem ich gestern schon baden durfte, kommt eine Hand. Bartholomäus sieht mich an. „Du? Ich?“ Meiner Ansicht nach, bin ich mit einem halben Bad schon getauft genug. Ethan ist völlig dagegen, dass überhaupt einer von uns das Spiel mitspielt. Bart setzt sich in Bewegung. Ich sollte ihn jetzt aufhalten. Eine Hooper-Winslow hat beim lar familiaris bestimmt bessere Karten als ein Blackwood. Und wir sind eingesperrt. Neben mir flüstert Sam Ethan zu „Besser er als wir.“ Ethan schaut todunglücklich. Ich sollte Blackwood wirklich aufhalten. Aber ich bin eingesperrt. Er macht sich nicht mal die Mühe, seine Oberbekleidung auszuzuiehen. Und steigt in den Zuber. Ergreift die Hand. Wird nach unten gezogen, so senkrecht, dass man meinen könnte, das riesige Gefäß sei gar nicht ebenerdig, sondern viel tiefer.

Wir starren gebannt, wann er wieder auftaucht. Ich sehe auf die Uhr. Ich bin eingesperrt. Wenn er in drei Minuten nicht wieder den Kopf herausstreckt, dann ziehe ich ihn raus. 1:30min. Ich hätte ihn wirklich aufhalten sollen. 2:00h. Ich bin nicht in die USA gegangen, um sesshaft zu werden. 2:30h Ich sollte jetzt sofort was tun! Ich bin nicht gekommen, um mich einsperren zu lassen! 2:58h.
Prustend und Schlamm spuckend schießt er an die Oberfläche. Der Behälter spuckt ihn regelrecht heraus. Hinterher fliegt ein Klumpen Lehm, der zielsicher in einem herumstehenden Eimer landet. Wir schrecken alle zusammen, sind alle erleichtert. Blackwood sieht jetzt aus wie der blutgetränkte Gutsherr.

Als er wieder zu Atem gekommen ist, vermeldet er, dass er Harlan getroffen hat, in einer Kammer, tief unten. Dieser habe ihm erklärt, dass er nur aus dem Klumpen etwas formen und an das Ergebnis denken müsse. Den Rest mache dann der Lar beim Brennvorgang. Und genau diesen wolle Bartholomäus nun nutzen, um den Ofen zur Explosion zu bringen. Ethan müsse ihm nur dabei helfen, das Gerät ausreichend zu sabotieren. Idealerweise so, dass wir noch ausbrechen können. Denn wir sind immer noch eingesperrt! Mein Kopf tut weh von dem Gedanken. Meine Muskeln verkrampfen sich.
Ethan werkelt an dem Hochofen herum, während ich nach innen sehe, mich zwinge, langsam zu atmen. Eine Hooper-Winslow lässt sich nicht einsperren! Ich beginne nach einem Ausgang zu suchen, der nicht die Tür ist. Die Tür ist auf der Seite unseres Kerkermeisters. Ich will hier raus. Nach viel zu langer Zeit finde ich das Gitter. Es verschließt einen Durchbruch in der Wand, der zum Keller mit der Maschine führt. Die Wand ist aufgeweicht, das Gitter rostig. Das muss gehen. Ich will hier raus. Wieder ist es hauptsächlich Ethans Kraft zu verdanken, dass wir das Ding aus der Wand reißen können, während der Ofen bereits ungesundes Pfeifen von sich gibt.

Freedom

Ich schlittere duch den Matsch in den Minenkeller, angetrieben von dem Schwung, den mir Ethan mitgibt. Der junge Jäger wirft mir Sam praktisch hinterher. Bart stürzt sich durch die Öffnung. Auf dem schlammigen Boden greifen meine Stiefel kaum. Wieder ist es Ethan, der Sam und mich am Kragen packt und nach vorn schiebt. Beinahe wird er zum Dank von einer Geröllawine begraben. Backsteine, Lehmklumpen und morsches Holz regnen auf uns nieder. Dann sind wir draußen.

Über eine Stunde sehen wir dem verfluchten Familiensitz dabei zu, wie er wegsackt, in sich zusammenfällt, zu brennen beginnt, immer tiefer sinkt. An einer Stelle des Schauspiels kommen unsere Autos auf dem sich senkenden Vorhof des Infernos ins Rutschen. Sie bleiben auf der Hälfte des Hangs liegen. Der Holzfäller, der sie da morgen mit seinem Gerät wieder heraufholen darf, wird Augen machen.

Irgendwann merke ich, dass Blackwood neben mir zittert wie Espenlaub. Tja, hätte er mal seine Klamotten nicht mit auf den Tauchgang genommen. Meine Jacke anzubieten, wäre sinnlos. Der Mann hat fast doppelt so breite Schultern wie ich.

Nachdem wir relativ sicher sind, dass nichts mehr nachrutscht, verteilen wir unser restliches Salz auf den glühenden Trümmern und hoffen das Beste. Wenn es damit nicht getan ist, weiß ich auch nicht.

Sam ist die Besitzerin des hellblauen VW-Bus, der etwas tiefer im Wald steht. Sie nimmt uns mit runter in die Stadt. Dort erfahren wir, dass alle Familienmitglieder kremiert wurden. Knochen zur Ruhe zu betten, gibt es nicht. Gut. Wir werfen nochmal einen Blick auf die Ruine und ins Mausoleum, ehe wir uns am nächsten Morgen trennen. Urnen. Kleine blutenden Wände, wenn man hineinsticht. Gut, gut.

Jeder kriegt noch meine Telefonnummer. Gerne wieder, Herrschaften. Aber beim nächsten Mal bitte gegen irgendwas Simples. Ich sagte doch, ich wollte einfach nur etwas erschießen.

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5 Kommentare

Eingeordnet unter FATE, Pen & Paper, Supernatural

5 Antworten zu “Supernatural – The House On Red Hill

  1. Eine schöne Story – ich mag den Sarkasmus. Allerdings ist es verdammt lange.Das fordert einen schon bisschen Konzentration ab,da ich am PC lesen sehr anstrengend finde. Ich werde wohl eher auf Etappen lesen. Vielleicht wäre es eine Überlegung so einen langen Text auf zwei, oder dreimal zu veröffentlichen? So mache ich es bei meinen Geschichten. Ich befürchte, dass die Länge viele abschreckt. Obwohl mir die Geschichte gut gefallen hat. Rasant geschrieben. LG

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