Supernatural – The Cleansing of Souls

Ich habe völlig vergessen, dass Bad Horse ja zu unserer Supernatural-Sitzung an Weihnachten ebenfalls ein Diary – dieses natürlich aus der Sicht ihres eigenen Charakters, Barry Jackson – verfasst hat. Da sie mir netterweise erlaubt hat, den Bericht auch hier auf mein Blog zu stellen, tue ich das natürlich mit Begeisterung; ich finde es nämlich ziemlich interessant, dieselben Ereignisse aus einer anderen Perspektive beschrieben zu sehen. Vielleicht schreibt Patti ja für Irene H.-W. auch noch irgendwann ein Diary, dann wären die Sichtweisen alle komplett.

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The Cleansing of Souls

Ich sitze am Flughafen und warte auf den nächsten Flug von Providence nach Chicago. Es ist Boxing Day, und ich möchte jetzt wirklich dringend zu meiner Familie – wie ich den Flug überstehen soll, ist eine andere Frage. Mein Herz flattert, meine Hände zittern, hin und wieder bricht mir kalter Schweiß aus, aber das liegt an dem Gift, dass mir Carlisle gespritzt hat. Wie sich das mit einer Panikattacke verträgt, will ich eigentlich gar nicht wissen, aber ich werde es demnächst herausfinden. Drei Stunden soll der Flug dauern, und ich will meine Frau und meine Kinder sehen, also sollte ich da besser nicht als Wrack ankommen.

Also schreibe ich. Schreibe, um dem zu entkommen, worüber ich schreibe.

Vielleicht fange ich lieber vorne an.

Es ging mit einem Telefonanruf los. Verzweifelte Eltern, Tochter verschwunden, Polizei uneffektiv. Das Haus, in dem das Mädchen verschwunden ist, hat einen seltsamen Ruf. Irgendwer hat Telakhon empfohlen, Tam hat den Anruf angenommen und versprochen, dass wir uns drum kümmern. Allerdings war es kurz vor Weihnachten, Brian war im Urlaub, J.D. und P.J. hatten auch Dinge vor und Tam selbst war im fünften Monat schwanger. Also blieb ich. Eigentlich wollten wir nach Chicago, um meine Eltern zu besuchen und Verwandte zu treffen, aber es war ja erst der 20. Dezember. Wir verabredeten uns also für den 25. in Chicago und ich machte mich mit dem neuesten Klappermodell auf den Weg.
Leider kam ich nicht sehr schnell voran, weil ich nach Connecticut musste und es dort seit Tagen heftig schneite. Also traf ich erst am Nachmittag des 22. Dezembers in Baltic ein, meldete mich kurz bei meinen Auftraggebern, Jesse und Naomi Baird, und glich noch einmal meine Informationen mit ihnen ab: Vor ein paar Tagen waren vier Jugendliche – Tasha Baird, Miguel Diaz, Lamar Bates und Fay Gaines – bei einer Mutprobe verschwunden. Als letztes waren sie in St. Trinity’s gewesen, einem alten Schulgebäude, das Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut wurde. 1927 verschwand der Rektor der Schule zusammen mit zehn Jungen, die über Weihnachten in der Schule geblieben waren, spurlos. Seither gilt das Haus als unheimlich und alle Projekte, es zu renovieren und wieder zu benutzen, endeten frühzeitig und ergebnislos. Im TB-Forum fand ich sogar ein Video, das Ally und Hellskitty vor einiger Zeit dort gedreht hatten – Wackelkamera, nichts groß passiert, aber die beiden fühlten sich sichtlich unwohl. Und sie spürten während ihres Aufenthalts offenbar den Drang, über vergangene Sünden zu reden. Harmlose Sachen, ein weggeworfenes Spielzeug, ein ausgespannter Freund, aber ich fragte mich, ob mir das auch passieren würde. Meine Sünden sind nicht ganz so harmlos, und es sind ziemlich viele.

Die Cops hatten die Rucksäcke der Kids in dem Haus gefunden, und es lief eine weiträumige Suche, die aber wegen des Schnees ziemlich mühsam war und bisher keine weiteren Spuren eingebracht hatte.

Ich verabschiedete mich also von den Bairds und machte mich auf den Weg zum Motel. Ich wollte eigentlich nur kurz ein Zimmer nehmen, aber als ich in die Lobby kam, fiel mir sofort ein bekanntes Gesicht auf: Irene Hooper-Winslow, die am Tresen stand und auf den Rezeptionisten wartete. Erste Reaktion? Ich habe mich gefreut. Dann fiel mir die Sache mit iHeretic ein.
Trotzdem, was sollte ich machen? Die war bestimmt nicht zum Entspannungsurlaub hier. Obwohl sie entspannt genug wirkte. Ich ging auf sie zu, um zu fragen, was sie hier wollte, als noch ein Gast die Lobby betrat. Ein junger Typ, etwa in J.D.s Alter, warmer Parka, praktische Schuhe. Eine Schwade Nikotingeruch umgab ihn.
„Ethan“, rief Irene und lächelte ihn breit an. Er lächelte zurück, obwohl das irgendwie seltsam bei ihm aussah. Nicht verkrampft… eher ungeübt. Vermutlich ein Vollzeitjäger. Er hatte so einen ‚Die Last der Welt auf meinen Schultern‘-Blick.
Bevor Irene uns vorstellen konnte, tauchte der Rezeptionist auf. Sie belegte ihn sofort mit Beschlag und forderte als erstes einen Tagungsraum. Ich fragte mich, ob sie eine Flipchart brauchte, um Monsterschwächen aufzuführen, oder ob sie eine Power-Point-Präsentation übers Jagen abhalten wollte. Leider hatte das Motel gar keinen Tagungsraum. Wir würden uns in ihrer Prinz-Alfred-Suite treffen müssen.

Also mieteten wir uns ein, trafen uns bei Irene und beschlossen nach kurzem Informationsabgleich, sofort zu St. Trinity zu fahren. Draußen stellte sich schnell heraus, dass weder Irene noch ich besonders begeisterte Autofahrer waren…

Was schreib ich da? Wen interessiert’s, was mit dem Auto oder dem Hotelzimmer war? Ist doch vollkommen unwichtig. Ich will nur nicht zurück in das Haus, nicht mal schriftlich. Aber das ist die einzige Therapie, die ich habe. Der einzige Weg, mich daran zu erinnern, dass ich ein Mensch bin und kein Monster. Scheiße. War ich deswegen so nett zu Ethan? Weil ich mir selbst etwas beweisen will?

Aber ich greife mal wieder vor und schwafele sinnlos herum. Weiter im Text. Ich habe eine Stunde, bis das Flugzeug losfliegt, und drei Stunden in der Luft. Bis Chicago will ich zumindest… ich mache es schon wieder.

Wir fuhren nach St. Trinity. Altes Haus, tiefer Schnee. Davor ein Polizeiwagen mit einem gelangweilten Polizisten. Ich ging zu ihm rüber, zeigte meine Lizenz, erklärte, dass ich für die Bairds arbeite. Irene und Ethan machte ich kurzerhand zu meinen Assistenten. Dem Cop war kalt, also rief er nur kurz bei den Bairds an und winkte uns dann durch.

Als wir auf das Haus zugingen, murmelte Irene etwas von „Déja vu“, und Ethan nickte zustimmend. Ich habe nicht gefragt. Ethan sagte dann noch etwas davon, dass wir „diesmal“ alle rausholen würden. Er klang entschlossen, aber nicht allzu hoffnungsvoll.

Es war schon dunkel draußen, als wir St. Trinity betraten. Das elektrische Licht funktionierte nicht, also mussten wir uns mit Taschenlampen behelfen. Das Haus stand schon sehr Jahren leer und war entsprechend verwahrlost: Die Wände voller Graffiti, die Fenster kaputt, Stockflecken an den Ecken und Wänden, irgendwelcher Müll auf dem Boden.
Auf dem Weg zu dem Raum, in dem die Polizisten die Rucksäcke der Jugendlichen gefunden hatte, lief Irene mit ihrer Taschenlampe vor mir. Ich dachte gerade über mein neues Projekt nach, und darüber, wie ich die Gewalt zwischen meinen Protagonisten am besten verwenden könnte, als mir der Gedanke „Ich habe ja schon lange mehr keine Frau mehr geschlagen“ durch den Kopf schoss. Daran gekoppelt war ein vages Gefühl der Enttäuschung.

Das war nicht mein Gedanke. Roman hin oder her, ich bin nicht enttäuscht, weil ich lange keine Frau geschlagen habe. Ich will nicht behaupten, dass ich das noch nie getan hätte, aber das war immer in einer Krisen- oder Kampfsituation, in der ich mich bedroht gefühlt habe. Immer, außer einmal.

Ich teilte das den anderen mit. Nicht so genau, worum es ging oder was das für ein Gedanke war, aber ich sagte ihnen, dass da eine Einflüsterung gewesen wäre. Beide nickten verständig, aber wenn sie den Einfluss zu diesem Zeitpunkt schon spürten, dann sagten sie nichts davon.

Das Zimmer, in dem Tasha und ihre Freunde sich aufgehalten hatten, lag voller Gerümpel: Alte Farbeimer mit getrockneten Farbresten, Bretter, rostige Getränkedosen. Irene entdeckte schließlich hinter einem Müllhaufen eine Plastiktüte, die irgendwie deplatziert wirkte. Vorsichtig hob sie sie auf und öffnete sie. In der Tüte war eine Art Weihnachtsengel, ein hässliches Ding, das Gesicht eine Fratze, die Flügel irgendwie zusammengeklebt, auf dem Kopf eine Krone aus einzelnen Stacheln. In den Händen hielt der Engel eine kleine Tafel, auf der ein biblisch klingender Text stand, etwas darüber, dass Gott die Sünden reinwäscht. Merkwürdiger Sprachduktus, und der Text war über einen älteren Text gekrakelt, den wir nicht entziffern konnten.
Aber kaum hatten wir den Text gelesen, als etwas mit dem Raum passierte: Der Müll verschwand, und um uns herum standen die staubigen Überreste eines Klassenzimmers. Kaputte Stühle, wacklige Tische. Die Tapete an den Wänden hing in langen Streifen herab, darunter Schimmel und rötliche Flechten. Die Luft war muffig und roch nach Rost oder Blut. Von draußen hörten wir Regen, und es war etwas wärmer – eine klamme Feuchtigkeit, die auch nicht angenehmer war als die bittere Kälte. Die hässliche Engelsfigur war verschwunden.
Vorsichtig verließen wir das Klassenzimmer. Draußen standen wir unvermittelt in einer Eingangshalle, ohne durch einen Gang zu gehen. Ich hatte ein verdammt ungutes Gefühl bei der Sache, aber ich war überzeugt, dass wir hier richtig waren. Tasha und ihre Freunde mussten hier irgendwo sein. Fast hätte ich einen blöden Witz darüber gemacht, dass wir uns trennen sollten, um die Jugendlichen schneller zu finden – wie die idiotischen Helden in einem Horrorfilm. Aber ich konnte mich zurückhalten. Ich bin nicht gut darin, die Stimmung mit irgendwelchen dummen Sprüchen zu entspannen.

War auch gut, dass ich das gelassen hatte. In der Eingangshalle fanden wir Lamars Leiche. Der Junge lag auf dem Bauch, mit einem ganz gelösten, entspannten Gesichtsausdruck. Jemand hatte an seinem Rücken mit einigen Nägeln zwei Engelsflügel befestigt, die allerdings nicht aus Federn, sondern aus Stofffetzen bestanden. Trotzdem sah er im ersten Moment aus wie ein toter Engel.
Wir konnten nicht feststellen, woran er gestorben war. An den Flügeln lag es nicht: Die Wunden waren gar nicht so tief, und sie hatten nicht viel geblutet. Vermutlich waren die Holzkonstruktionen erst nach dem Tod an seinem Körper befestigt worden.
Ich hätte ihn ja gern mitgenommen oder irgendwas getan, statt ihn da einfach liegen zu lassen, allein schon wegen seiner Eltern. Aber vielleicht lebten Tasha, Miguel und Fay noch, die hatten Priorität.

Ich hatte mich neben der Leiche hingekauert, um sicher zu gehen, dass Lamar wirklich tot war. Als ich mich dann erhob, war die Sporttasche mit Ersatzmagazinen und Erste-Hilfe-Material, die ich neben mir abgestellt hatte, spurlos verschwunden. Glücklicherweise hatten die anderen beiden ihre Taschen noch, und meine Waffen waren noch in ihren Holstern. Nur um die Axt tat es mir einen Moment lang ein bisschen leid.

Während wir noch überlegten, wo wir am besten nach den Jugendlichen suchen sollten, hörten wir einen lauten Angstschrei. Vermutlich ein junges Mädchen. Wir rannten los, dem Schrei entgegen. Ich als Erster, danach Irene und Ethan. Das war nicht so klug: Das Mädchen bog um eine Ecke, sah mich mit dem Haken statt einer rechten Hand, von hinten erleuchtet vom unsteten Licht der Taschenlampe. Voller Panik drehte sie sich um und rannte wieder zurück, direkt in das hinein, vor dem sie geflohen war.
Als wir hinter ihr um die Ecke bogen, war es zu spät. Ein Golden Retriever hatte sie angefallen und an der Kehle erwischt. Er blickte von seinem Opfer auf, und die rechte Seite seines Kopfes war vermodert, verwest, zerfallen. Die Haut fehlte oder schälte sich vom Fleisch, das in schleimigen Klumpen an den Knochen klebte, verklumpt mit dem langen, verfilzten Fell des Hundes.
Ethan stürmte vor und schlug die Bestie mit dem Kolben seines Gewehrs von dem Mädchen herunter. Ich schoss dem Zombiehund in den Kopf, und das reichte erst mal, damit er still liegen blieb.

Dem Mädchen ging es allerdings nicht viel besser: Hals und Kehle waren blutig und zerfleischt. Ich stürzte zu ihr, stabilisierte mit dem Erste-Hilfe-Kasten von Irene ihre Luftröhre und legte einen festen Verband auf die zerrissene Arterie. Wenn sie nicht sofort in ein Krankenhaus kam… ich bin kein Arzt. Ich habe nur ein paar Bücher gelesen.
Erstaunlicherweise stöhnte sie jedoch kurz danach „Goldie“ und versuchte, zu dem Hund zu kriechen. Verdammt. Vor ein paar Sekunden waren ihre Stimmbänder noch zerfetzt, und jetzt klang sie ein bisschen belegt, aber nicht mal heiser.  
Irene hielt sie fest, sagte ihr, sie solle sich beruhigen. Das Mädchen weinte und flehte, sie hätte das doch nicht gewollt, es wäre ein Unfall gewesen, ein Unfall… Als Irene sie losließ, war sie völlig gesund. Der tote Hund war verschwunden.
Das Mädchen war Fay Gaines. Sie war traumatisiert und klammerte sich an Irene. Sie wusste nicht, wo die anderen waren, sie wollte hier nur raus. 

So. Mein Flugzeug wurde aufgerufen. Die Sicherheitsleute wollen mich nicht mit dem Haken an Bord lassen, Prothese hin oder her, das Ding ist aus Metall und Metall ist gefährlich. Ich streite mich eine Weile mit denen herum, bis eine Flugbegleiterin kommt und mir als Ausgleich einen Sitz in einer leeren Sitzreihe anbietet. Gut, was soll ich machen, ich will ja mit. Immerhin sitzt jetzt niemand neben mir und versucht, mir zu erklären, warum Fliegen ja so sicher ist. Dem letzten Typen, der mir das erzählt hat, habe ich erklärt, warum ich trotzdem Flugangst habe. Tipp: Lass dir nicht von einem Horror-Schriftsteller erklären, warum er Angst hat. Ich glaube, der Typ von letztem Mal hat jetzt auch Flugangst.

Ich fasele schon wieder. Komm schon, Barry, gleich hebt dieses Ding ab, schreib weiter, bevor dein Hirn auf die Idee kommt, Panikattacken zu produzieren.

Während Irene und ich uns mit Fay beschäftigten, schaute Ethan auf einmal auf und runzelte die Stirn. Er hatte etwas gesehen oder gehört, machte einen Schritt in die Richtung, rief auf einmal „Carla“ und rannte los. Ich verlor ihn fast sofort aus den Augen, weil ich ja noch mit Fay beschäftigt war.
Irene wusste auch nicht, wer Carla war, aber wir waren uns einig, dass wir Ethan besser wiederfinden sollten. Also gingen wir in die Richtung, in die er verschwunden war. Aber wir kamen nur ein paar Schritte weit, ich voran, dann Irene, dann Fay. Dann ertönte hinter uns eine Stimme, die mir vage bekannt vorkam.

Ich drehte mich um. Hinter uns schwebte ein Engel. Weiße Flügel, umhüllt von Licht, Heiligenschein. Sein Gesicht war aber das von einem jüngeren Marcus deVries. Er sah Irene wütend an, enttäuscht. Verraten. Seine Hände hatte er auf Fays Schultern gelegt, und das weiße Licht, das ihn umhüllte, drang ihr aus Augen und Mund. Ihr Körper war steif, wie eine Puppe, aber sie gab keinen Laut von sich. DeVries sprach mit Irene, etwas davon, dass sie schuld daran sei, was mit ihm passiert wäre, dass sie ein Monster erschaffen hätte. Ich weiß nicht, was Irene tat, vielleicht sprach sie mit ihm, aber bevor ich in eine geeignete Schussposition kam, verschwand er wieder. Fay fiel um wie eine Marionette, deren Fäden man durchtrennt hat. Sie war nicht tot, aber ihre Augenhöhlen waren leer. Das Licht hatte ihre Augen ausgebrannt. Sie zitterte kurz krampfartig und wurde bewusstlos.
Irene ging es nicht viel besser. Blass wie Milch, ihre ganze Unbekümmertheit weggeblasen – was auch immer deVries zu ihr gesagt hatte, es hatte sie hart getroffen. Sie starrte ins Leere, vielleicht folgten ihre Augen immer noch dem Engel, und stammelte ein paar Worte vor sich hin, aber ich wurde nicht recht schlau daraus. Ich habe auch nicht richtig zugehört: Erst trennte sich Ethan von der Gruppe, dann hatte Irene eine traumatische Begegnung mit deVries… ich ging die Liste an Leuten durch, die ich hier treffen könnte. Joseph Napier? Die Frau aus dem Aufzug? Eine Horde Hillbillies? Die Krankenschwester aus Greenfield? Irgendeine der anderen Personen, die ich umgebracht oder ausgelöscht hatte oder die ich nicht beschützen konnte?

Aber das ging nicht. Wollte ich jetzt vielleicht die Nerven verlieren, bevor mich jemand angriff? Was sollte passieren? Wenn einer meiner Feinde kam und mich verletzen wollte, dann würde ich ihn eben noch mal umbringen. Ich zwang mich, keine Angst vor Schreckgespenstern zu haben. Das gibt ihnen Macht.

Ich sprach Irene an, aber sie war nicht ganz aufnahmefähig. Also legte ich ihr die Hand leicht auf die Schulter, sagte ihren Namen und bat sie, mich anzusehen. Das funktioniert bei Autisten, die in sich gefangen sind, und in diesem Fall funktionierte es auch bei Irene. Als ich wusste, dass sie mich hörte, sagte ich ihr, dass diese Erscheinungen hier im Haus nicht real waren. Dass sie Macht aus der emotionalen Verbindung mit uns ziehen würden. Je stärker wir auf diese Verbindung eingingen, behauptete ich, desto mächtiger würden sie werden und desto mehr Einfluss hätten sie auf uns.

Keine Ahnung, was es genau war, meine Worte, mein Tonfall oder einfach nur die Zeit, aber sie riss sich zusammen. Atmete tief durch und ging dann zu Fay, die stocksteif am Boden lag. Sie war wieder bei Bewusstsein und wimmerte leise. Ihre ausgebrannten Augen wuchsen nach, langsam, vermutlich schmerzhaft. Muskelfasern. Nervenstränge. Netzhaut. Iris. Augenlider. Zuletzt stachen die Wimpern durch die Haut, und Fay konnte wieder sehen.
Ich habe schon einige widerliche Dinge gesehen, aber das gehörte zu den schlimmeren.

Fay ging es nicht gut. Sie war körperlich wieder unversehrt, aber sie hatte sich weit in sich selbst zurückgezogen. Machte ab und zu ein paar Geräusche, starrte fast blind vor sich hin. Sie ließ es zu, dass Irene ihre Hand nahm, aber sie klammerte sich nicht mehr fest wie zuvor. Irene konnte sie mit sich ziehen, aber es war klar, dass wir Fay nicht sich selbst überlassen konnten, nicht mal kurz.

Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir das Zimmer, in dem Ethan verschwunden war. Waren aber auch nur zehn, zwölf Schritte.
Ich öffnete die Tür und blieb stehen. Es war ein Krankenhauszimmer. Ein altes Krankenhaus mit aufgerissener Deckenverkleidung. Vergilbte beige Wände. An einer davon hing ein Kalender von 1997 mit einem verblassten Landschaftsbild. Ich kannte den Raum. Natürlich kannte ich ihn. Das war der Raum im Asbestkrankenhaus in Tucson, in dem mich die Satanssekte über zwei Tage lang gefoltert hatte. Scheiße. Ich wollte da nicht rein. Oh nein.
Das Bett, auf dem ich damals lag, war durch einen Vorhang vom Rest des Raums abgeteilt. Dahinter war eine Gestalt zu sehen, die darauf lag.
Ich kämpfte mit meiner blinden Panik und versuchte, mich daran zu erinnern, was ich Irene vorher erzählt hatte. Das ist nicht real, erzählte mein Verstand. Du bist nicht an ein Bett gefesselt. Du hast eine Waffe. Es kann dir nichts passieren, wenn du jetzt nicht die Nerven verlierst. Aber die Wahrheit war, ich bin kein Kopfmensch, und mein Überlebensinstinkt schrie: Mach, dass du hier wegkommst! Lauf! Also zögerte ich und blieb in der Tür stehen. Weglaufen wollte ich auch nicht.

Irene musste bemerkt haben, dass ich nervös war, aber der Raum bedeutete ihr nichts. Vielleicht hoffte sie, Ethan hier zu finden. Sie ging zu dem Vorhang und schlug ihn zurück. Auf dem Bett lag Dr. Diana Carlisle, festgeschnallt, einen Tropf im Arm. Auf ihrem Gesicht hatte sie Brandwunden von demselben Brandeisen wie ich damals. Die gleichen Schnitte am Körper. Die Fingernägel aufgequollen und zersplittert. Sie stammelte „Nein, nein, bitte nicht, hör auf, lass mich gehen, bitte“. Habe ich das zu ihr gesagt? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht.

Im ersten Augenblick verspürte ich nichts als Befriedigung. Sie hatte das verdient. Sie hatte es verdient, jetzt hilflos da zu liegen und zur Abwechslung mal mich anzuflehen. Ich erinnerte mich an den Knebel, den sie mir in den Mund geschoben hatte, als sie meine Bitten nicht mehr aushielt. Ich erinnerte mich, wie sie meine Wunden versorgt hatte, meinen Puls geprüft, meinen Blutdruck gemessen. Die kreislaufstärkenden Mittel, die Drogen, die mich wach und bei Bewusstsein hielten. Sie hatte es verdient, verdammt, und wenn ich mich darüber freute, dass sie litt, was war schon dabei?
Was war schon dabei, dass ich es genoss, wie ein anderer Mensch litt. Dass ich es genoss.
Nein. Nein. Das wollte ich nicht. Ich bin kaltblütig, pragmatisch, effizient und völlig ohne Mitleid, wenn mich jemand angreift. Wenn jemand eine Gefahr für mich darstellt. Aber nicht so. Ich rechtfertige mich immer vor mir selbst damit, dass ich eben nicht grausam bin. Das ist so ziemlich die einzige Linie, die ich nicht überschreiten will – ich will keine Freude am Leid anderer empfinden.

Ich habe das schon einmal getan, damals, als ich Carlisle nach meiner Befreiung getroffen habe. Sie hat geweint, sie war fertig mit den Nerven. Sie wollte nicht grausam sein, aber sie dachte, sie müsste die Welt retten. Und ich habe sie getreten. Mit voller Wucht. Sie hatte Glück, dass ich keine Schuhe anhatte. Und es hat sich gut angefühlt.

Genau wie jetzt. Es fühlte sich gut an, dass sie mich anbettelte, aber ich wollte das nicht. Außer der Befriedigung fühlte ich auch Entsetzen über mich selbst. Ich musste hier raus, drehte mich um, um der Sache zu entgehen. Sie rief mir nach, „bitte, ich habe das nicht gewollt, hilf mir doch, die haben mich gezwungen“.
Gezwungen? Nein. Carlisle war bei der Sekte. Sie hat das vielleicht nicht gern gemacht, und es hat sicherlich auch hinterher leid getan, aber sie wurde nicht gezwungen, mich wieder und wieder aus der Ohnmacht zurückzuholen. Sie wurde nicht gezwungen, mich zu knebeln, als ich sie anflehte.

Ich verlor die Beherrschung. Ich vergaß, dass das hier nur das Haus war und nicht die echte Diana Carlisle. Ich drehte mich um und brüllte sie an, sie hätte genau gewusst, was sie da tat. Das wäre alles ihre Entscheidung gewesen. Das tat weh mit meiner kaputten Stimme, aber auch das fühlte sich gut an. Wenn ich noch eine Sekunde geblieben wäre, hätte ich sie umgebracht. Und Spaß daran gehabt.

Aber ich schaffe es, rechtzeitig aus dem Raum zu kommen. Ich spürte einen Moment lang wilde Befriedigung, dass ich dem Haus nicht auf den Leim gegangen war, bis mir auffiel, dass ich mich von Irene und Fay getrennt hatte. Soviel zu dem blöden Witz, den ich vor einer halben Stunde nicht erzählen wollte. Um meine Nerven zu beruhigen, steckte ich mir erst mal eine Zigarette an. Der Rauch hilft mir normalerweise, mich zu fokussieren.
Diesmal auch, zumindest halbwegs. Ich bat die Geister um Beistand, atmete tief durch, checkte meine Waffe und ging zurück in den Raum. Irene und Fay waren nicht mehr drin, aber jemand hatte Carlisle befreit. Sie stand neben dem Bett, hielt sich mühsam fest und brabbelte eine Mischung aus „es tut mir leid“ und „hilf mir doch“ vor sich hin. Ich ignorierte sie krampfhaft und suchte nach einem anderen Ausgang aus dem Raum. Carlisle war nicht real, sie war nur eine Erweiterung des Hauses, das mich manipulieren und einschüchtern wollte. Ich musste Irene wiederfinden. Oder Ethan. Oder die Jugendlichen, wegen denen wir eigentlich hier waren.
Das klappte auch soweit ganz gut. Zu gut: Als ich Carlisle den Rücken zudrehte, sprang sie mich an und stach mir eine Spritze in den Hals. Irgendein Gift. Jetzt hatte sie mich direkt angegriffen, und normalerweise hätte ich sie einfach erschossen, ohne mir weitere Gedanken zu machen. Aber als ich mich umdrehte und sie ansah, wusste ich, dass es mir Spaß machen würde, sie zu töten. Vielleicht lag das an der Spritze, vielleicht war es das Haus, aber: Nein. So nicht. Ich war kein Mensch, der zum Vergnügen tötet. Das ist eine Grenze, die ich nicht überschreiten darf.

Also nahm ich ihr die Spritze weg. Sie bettelte mich an, ihr weh zu tun. Ein Teil von mir hätte ihr den Wunsch wirklich gern erfüllt, aber das ist kein Teil von mir, den ich frei lassen wollte. Ich rang mich von ihr frei und verließ den Raum wieder. Hier würde ich Irene und Fay nicht finden.
Draußen rauchte ich meine vorletzte Zigarette. So langsam spürte ich das Zeug, das in der Spritze gewesen war, ein Aufputschmittel. Meine Ohren dröhnten. Mein Puls donnerte. Mein Herz raste und stockte. Meine Hand zitterte. Ich blies den Rauch in alle vier Himmelsrichtungen und versuchte, eine Verbindung zu den Geistern herzustellen, aber wir waren zu weit weg, oder ich war zu unkonzentriert. Trotzdem musste ich mich auf die Suche nach den anderen machen.

Ich irrte eine Weile lang desorientiert durch das Haus, bis ich von irgendwo Kampflärm hörte. Als ich darauf zuging, sah ich im Gang einen Jungen, der an einer offenen Tür stand und in das Zimmer schaute. Dort fand der Kampf statt.
Der Junge war klein und ausgemergelt, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt. Er trug eine altmodische Schuluniform und einen Haarschnitt, der vielleicht vor 100 Jahren modern gewesen war. Sein Gesicht war eingefallen, Hungeraugen, voller Angst. Er hielt sich mehr wie ein scheues Tier als wie ein Mensch. Er bemerkte mich, bevor ich den Raum erreichte und duckte sich instinktiv weg. Ich versuchte, ihn zu beruhigen, steckte die Waffe weg, zeigte die leere Hand. Er zögerte einen Moment, dann winkte er hastig und deutete in den Raum.

Drinnen rang Ethan mit einem jungen Mädchen. Sie wirkte nicht besonders lebendig, so kreidebleich wie sie war, und sie bewegte sich auch ein kleines bisschen unnatürlich. Oder das Gift gaukelte mir etwas vor. Aus ihrem Mund floss ein stetiger Blutsfaden.
Ethan versuchte, sie sich irgendwie vom Leib zu halten. Das fiel ihm nicht leicht, er war mit dem Herzen nicht bei der Sache. Ich kannte ihn ja nicht gut, aber er hatte bisher einen sehr zurückhaltenden, verschlossenen Eindruck gemacht, und jetzt war sein Gesicht ein offenes Buch voller Trauer und Schuldbewusstsein.
Ich konnte nicht recht hören, was er zu ihr sagte, weil meine Ohren so sehr dröhnten. „Du bist nicht Carla“, denke ich, und es klang, als würde es ihm weh tun. Als hätte er eine weitere Hoffnung begraben. Armer Kerl. Ich hätte blind sein müssen, um nicht zu sehen, dass er die echte Carla geliebt hatte.

Ich war kurz davor, die falsche Carla zu erschießen, aber ich war mir nicht sicher, was Ethan davon halten würde. So gut kenne ich ihn nicht. Außerdem zitterte meine Hand so stark, dass ich nicht unbedingt schießen wollte.
Während Ethan noch versuchte, sich von der falschen Carla zu lösen, rannte der Junge ins Zimmer. An der Tür stand sein Ebenbild, das ihn bösartig angrinste. Der erste Junge hatte panische Angst vor seinem Zwilling – so sehr, dass er nach meinem Haken griff und versuchte, mich mit sich zu ziehen. Da sich Ethan in diesem Moment endlich freigekämpft hatte, ergriffen wir zu dritt die Flucht.

Wir rannten um ein paar Ecken und stießen wieder auf Irene. Die versuchte gerade, den deVries-Engel davon abzuhalten, ihrer Begleiterin etwas anzutun. Erst auf den zweiten Blick bemerkte ich, dass die Begleiterin nicht Fay war, sondern Tasha.
DeVries stand relativ frei, also schoss ich auf ihn und traf trotz der zitternden Hand. Er verschwand fürs Erste. Ich habe keine Ahnung, was da zwischen deVries und Irene gelaufen war, aber er sah hier deutlich jünger aus. Meinem Schriftstellergehirn fallen allerlei interessante Konstellationen ein, vor allem, weil sich Irene definitiv schuldig fühlte, aber vielleicht höre ich auf, darüber zu spekulieren. Da kann alles Mögliche passiert sein.

Immerhin waren wir jetzt wieder zusammen. Ich zog erst mal einen Salzkreis. Nicht, weil ich dachte, dass das viel bringt, aber die anderen sahen alle angegriffen aus und so ein Ritual hilft, ein bisschen Ruhe in die Sache zu bringen.
Wir tauschten uns aus: Irene hatte Fay in dem Krankenhauszimmer verloren, danach aber Tasha gefunden. Ethan hatte Artie getroffen, das war einer der Jungen, die damals in den Zwanzigern mit dem Rektor verschwunden waren. Dann erwähnte er Peter.

Eigentlich hätte mir klar sein können, dass er nicht von Pete sprach. Aber mein Herz setzte zwei Schläge aus, als er den Namen meines Sohnes sagte, und noch einmal, als er erwähnte, Peter wäre tot. Er hat das aufgeklärt, bevor ich in heller Panik losrennen konnte, aber da habe ich völlig überreagiert. Ethans Angewohnheit, nicht in ganzen Sätzen zu sprechen, war da aber auch nicht sehr hilfreich.

Irene hat wohl gemerkt, wie angespannt ich war. Vielleicht dachte sie auch, dass ich vor emotionaler Anspannung so zittere. Oder sie brauchte selbst etwas Nähe, jedenfalls griff sie nach meiner Hand. Wenn das nicht meine einzige Hand gewesen wäre, hätte ich das ganz angenehm gefunden, aber so zuckte ich zurück und löste mich schnell mit einer gemurmelten Entschuldigung aus ihrem Griff. Im Nachhinein tut mir das ein bisschen leid, aber ich mag es nicht, wenn jemand meine Hand festhält. Schon gar nicht in einem Spukhaus.

Ethan hatte einen Brief gefunden, den Artie geschrieben hat. Der Brief eines kleinen Jungen, der in einer Welt gefangen war, in der ihn alles mit irgendeiner Schuld konfrontierte und ihn dazu bringen wollte, aufzugeben und zu sterben. Er schrieb davon, wie andere aufgegeben haben, aber er wollte leben. Als eines der anderen Kinder starb, fand er heraus, dass man das Idol zerstören musste, aber bisher hatte er es noch nicht gewagt.
Artie musste seit Jahrzehnten hier gefangen sein. Deswegen lief er wie ein gehetztes Tier. Deswegen konnte er nicht richtig sprechen – er hatte es einfach verlernt. Das war grauenhaft. Was dieses Haus dem Kind angetan hatte… immer und immer wieder… wie ein Schulhofschläger, der wieder und wieder sein Opfer in die Mülltonne warf. Wie diese Satanssekte, die versucht hatte, Menschen mit Gewalt und Folter zu brechen. Wir mussten diesen Jungen hier raus bringen. Wir mussten sie alle hier raus bringen, auch wenn es für Lamar schon zu spät war.

Artie wusste nicht, wo das Idol war, aber er nuschelte unsicher etwas vom Rektor. Offensichtlich wollte er dort nicht hin, aber ich sagte ihm, dass es vermutlich seine beste Chance war, hier wegzukommen. Also lief er los.

Unterwegs wurde Tasha von langen schwarzen Haaren angegriffen, die aus einer Wand wucherten. Ethan, Irene und ich konnten sie schnell befreien – aber was hatte sie getan, um die Strafe dieses Hauses zu verdienen? Jemandem die Haare abgeschnitten? Was sollen das für Sünden sein, die hier getilgt werden müssen?

Luftloch. Gleich wieder da.

Puh. Panikattacke. Tachykardie. War kurz bewusstlos. Sollte vielleicht in Chicago mal zum Arzt. Oder ins Krankenhaus. Haha.

Weiter. Wir waren aufmerksam, liefen weiter. Dann bemerkte Irene etwas in einem der Räume. Machte einen halben Schritt darauf zu und wurde angegriffen. Wieder der deVries-Engel, der sie in den Raum zerrte. Er sprach auf sie ein, etwas von einer durchgeschnittenen Kehle und wie es sei, zu versuchen, durch den Blutschwall zu atmen. Ich weiß nicht, ob sie ihm die Kehle durchgeschnitten hat oder ob jemand ihm die Kehle wegen ihr durchgeschnitten hat… vermutlich hatte er’s verdient. Das letzte Mal, als ich den Typen gesehen habe, hat er versucht, ein Mädchen umzubringen. (Außerdem hat er mit einer Schrotflinte auf unser Familienauto geschossen. Das nehme ich ihm mehr übel als den Streifschuss am Arm, den ich bei der Gelegenheit kassiert habe.)
Er machte etwas mit ihr, strich ihr über den Hals und sie schwankte. Rang nach Atem. Ich bewegte mich ein Stück um sie herum und schoss auf ihn. Er war so hell, dass ich den Rest des Raums nicht sehen konnte.

Die Kugel traf ihn und er verschwand, wie vorher auch. Irene ging in die Knie, aber ich achtete gar nicht auf sie. Ich starrte Fay an, die hinter deVries gestanden war. Genau in der Schussbahn der Kugel. Sie glotzte mich fassungslos mit ihren katatonischen Augen an und fragte mit brüchiger Stimme: „Warum?“ Ihre linke Schulter blutete heftig aus der Schusswunde, die ich ihr beigebracht hatte.

Ich bin ein guter Schütze. Ehrlich. Ich treffe normalerweise, was ich treffen will. Seit ich das erste Mal eine Waffe in die Hand genommen habe, habe ich mein Ziel nicht oft verfehlt. Nicht oft, aber es ist vorgekommen. Kollateralschaden. Hässliches Wort, hässlicher Fakt.
Aber ich habe erst einmal vorher ein Kind angeschossen, das ich eigentlich beschützen wollte.

…erst einmal vorher? Also nur zwei Kinder, die ich aus Versehen angeschossen habe? Hör dir mal zu. Erst zwei? Nur zwei? Vielleicht solltest du mal über dein Leben nachdenken, wenn dir das wenig vorkommt.
Aber nicht jetzt. Nicht in 2.000 Fuß Höhe mit einem Herz, das keinerlei Rhythmus mehr einhält. Später. Außerdem habe ich sie einfach nicht gesehen, weil deVries zu hell war. Großartige Entschuldigung.

Als nächstes verarztete ich Fay. Irene war völlig fertig nach ihrer Konfrontation mit deVries, und Tasha und Ethan hatten keine Ahnung von Wundversorgung. Wenigstens war es keine schlimme Verletzung, ein bisschen Muskelschaden, mehr nicht. Wird vermutlich gut abheilen.
Natürlich wurde mir dabei bewusst, dass das meine Kugel in der Schulter war. Meine Kugel aus meiner registrierten Waffe. Das konnte mich meine Lizenz kosten. Einen Moment lang kam mir die Idee, das Mädchen einfach umzubringen, um meine Lizenz zu behalten, und alle anderen gleich mit. Ja, solche Ideen kommen mir. Das heißt nicht, dass ich das wirklich ernsthaft in Erwägung gezogen hätte. ‚Bring alle um‘ ist eben eine einfache Lösung und es ist etwas, das ich gut kann – deswegen kommen mir solche Ideen. Heißt nicht, dass ich das jedes Mal mache. Sonst würden in Stuttgart viel, viel weniger Leute leben.

Gut. Nachdem wir ja jetzt geklärt haben, was ich für ein netter Typ bin, weiter zum Endspurt. Wir sind auch schon über Chicago, aber der Pilot hat gesagt, wir müssten noch ein paar Warteschleifen drehen. Großartig. Vielleicht werde ich doch noch fertig. Wenn ich es schaffe, mich kurz zu fassen und nicht ständig über meine Gefühle zu schwafeln.

Weiter mit Artie zum Rektor. Der hauste in einem Uhrenturm, ich kletterte als erster die Leiter hoch. Oben ein Raum, von außen durch das Uhrenglas erhellt, in dem neun Kinderleichen hingen. Alle mit Engelsflügeln versehen, alle mit befreitem, erlöstem Gesichtsausdruck. In einer Ecke lag Lamars Leiche, bereit, ebenfalls aufgehängt zu werden.
An einer Werkbank stand ein Mann, genauso ausgemergelt wie Artie, nackt, mit einer kaputten Brille und einem Kreuz um den Hals. Er war gerade dabei, neue Flügel zu bauen und murmelte etwas von „Kinderchen“ und „muss Flügel machen“.

Eigentlich hätte ich ihn sofort erschossen, aber mir war nicht klar, ob mein Ekel und Widerwille von mir kam oder vom Haus. Also wartete ich, bis Ethan oben ankam. Als er ohne zu Zögern sein Gewehr hob, schoss ich auch. Wir trafen beide, und der Rektor kollabierte mit einem erstaunten, klagenden Ton. Artie, der ebenfalls oben war, starrte uns beide entsetzt an.
Irene bleibt unten bei Tasha und Fay, während wir oben den Raum durchsuchen. Keine Spur von Miguel. Die neun aufgehängten Kinder waren alles Jungen, alle in altmodischer Kleidung. Wie Artie. Von Miguel, dem letzten verschwundenen Teenager, keine Spur.

Hinter uns stand der Rektor wieder auf. Genau wie Fay blieb er nicht tot. Er brabbelte weiterhin von Kinderchen, die er ins Unheil geführt hatte, wie leid ihm das täte, sie würden kommen und wir sollten gehen und ihn den Kinderchen überlassen, er hätte das verdient, sie würden uns sonst auch angreifen.
Ich packte ihn an der Kehle, schüttelte ihn und fragte, wo das Idol sei. Er faselte weiter von Kinderchen, ich schüttelte ihn noch mal, und er sagte etwas von einer Kapelle. Wo die Kapelle sei, wollte ich wissen, aber sein klarer Moment war vorbei und er redete wieder nur wirres Zeug.
Währenddessen lösten sich aus den Wänden kleine Gestalten, vielleicht halb so groß wie Artie. Kindergestalten mit unbeweglichen, starren Gesichtern und ausgestreckten Händchen. Aber das waren keine richtigen Kinder, die bewegten sich wie Puppen oder Marionetten. Glasmurmelaugen.

Ich warf den Rektor kurzerhand die Leiter hinunter. (Nein, das habe ich nicht gemacht, weil ich ihm weh tun wollte, sondern weil es einfach praktisch war. Sterben würde er daran ohnehin nicht. Das ist kalt, aber genau das ist der Punkt, an dem ich ein Monster bin.)
Unten flehte er uns weiter an, ihn den Kinderchen zu überlassen und uns in Sicherheit zu bringen. So im Nachhinein – genau jetzt – geht mir auf, dass er auch nur ein Opfer war, das von dem Haus in den Wahnsinn getrieben wurde. Der wollte den Kindern nichts tun. Sein Geist ist zerbrochen, als er sie nicht beschützen konnte.

Irene ging das Gejammer offenbar auf die Nerven. Sie schlug dem Rektor mit voller Wucht ins Gesicht, brach ihm ein paar Zähne. Dann dieser befriedigte Blick auf ihrem Gesicht… ich schnauzte sie an, das wäre ja wohl unnötig gewesen. Vielleicht übertrug ich da meine Probleme auf sie, aber in dem Moment meinte ich wirklich, den iHeretic in ihr zu erkennen, der Spaß daran hat, Schwächere fertig zu machen.

Artie wusste, wo die Kapelle war, also schubsten wir den Rektor vor uns her und machten uns auf den Weg, verfolgt von den Kinderchen. Die folgten uns nicht lange, sondern verschwanden irgendwann wieder in den Wänden, wie kleine blasse Kakerlaken, die sich in viel zu enge Zwischenräume quetschten.
Unterwegs kamen wir noch an anderen Räumen vorbei. Wieder war es Irene, die meinte, etwas zu sehen. Diesmal gingen wir gemeinsam rein. War so eine Art Kunstraum, mit maroden Staffeln und zerlaufenen Bildern. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich etwas auf uns zubewegte, aber ich wollte wissen, was das war, bevor ich darauf schoss. So bekam ich eine Staffel an den Schädel, die aber morsch war und nur einen Kratzer hinterließ. Und brachte Miguel nicht um.
Der Junge war verstört und hätte mich beinahe noch einmal angegriffen, aber Tasha rief seinen Namen. Als er sie und Fay sah, beruhigte er sich. Wir hatten alle Verschwundenen gefunden, jetzt war es wirklich Zeit, das hier zu Ende zu bringen.

Wir drehen immer noch Warteschleifen. Verdammt. Wenigstens rast mein Herz nicht mehr ständig, sondern nur aller paar Minuten. Dazwischen stottert es, und ab und zu tanzen schwarze Flecken vor meinen Augen. Aber es kann nicht mehr so lange dauern. Oder? Mir schießen ein paar dunkle Gedanken durch den Kopf – sind wir überhaupt noch in der realen Welt? Gibt es noch etwas außer dem Flugzeug? – aber ich glaube, das ist eine Geschichte von Stephen King.
Immerhin gibt mir das Zeit, fertig zu schreiben.

Schließlich kamen wir in die Kapelle. Großer Raum, vertrockneter Weihnachtsbaum, darunter ein kleines Häufchen staubiger, ungeöffneter Geschenke. Oben auf dem Baum hockte der hässliche kleine Engel, mit dem alles angefangen hatte, und griente uns höhnisch an.
Als ich ihn sah, überrollte mich eine Welle von Schuldgefühlen. Hinter mir, um mich herum, überall sah ich plötzlich eine Masse von Leuten, die ich alle kannte. Bill Toge. Joseph Napier. Eine ganze Gruppe Hollow Men mit Gesichtern aus Stroh. Roboterhafte Jet Sets. Die Toten von Mist. Simeon Eyes. Und mehr, viel mehr. Ganz vorne stand der Junge, den ich in Hill Rose umgebracht hatte. Der Junge, der ich früher gewesen war. Der schwache, sentimentale Junge, der die Reise nicht überlebt hatte. Seine schwarzen Augen starrten mich anklagend an. Was hast du aus mir gemacht, fragte er entsetzt. Sieh dir an, was du aus mir gemacht hast. Du bist ein Monster, ein Dieb, ein Mörder.
Monster, Monster, murmelten die anderen Gestalten.

Ich starrte den Jungen an und schüttelte den Kopf frei. Das waren nicht meine Schuldgefühle. Das war ein Angriff, und ich reagierte, wie ich immer reagiere, wenn ich in Gefahr bin: Ich hörte auf, Dinge zu fühlen. Wurde kalt und klar.
Monster, jammerten meine Opfer.
Ja, antwortete ich dem Haus, das mich angriff. Ich bin ein Monster. Und vielleicht hättest du eine Chance gehabt, Haus, wenn du mich allein erwischt hättest. Manchmal mache ich mir Sorgen, weil ich keine Schuld empfinde, und vielleicht – vielleicht – hättest du es geschafft, mich zu verwirren. Aber du hast einem sechzehnjährigen Mädchen die gleichen Schuldgefühle aufoktroyiert wie mir, weil sie jemandem die Haare abgeschnitten hat. Du bist nicht als ein kleinlicher Tyrann, und ich werde dich nicht gewähren lassen. Du hast das falsche Monster eingeladen.

Meine Hand hob die Waffe. Sie zitterte nicht mehr, war ruhig wie ein Fels im Sturm. Ich schoss den Spottengel vom Baum.

Neben mir Irene, mit einem trotzigen, entschlossenen Gesichtsausdruck. Und Ethan, komplexer: Entschlossen, ja, voller Schuld, ja, aber genau das schien ihn voran zu treiben. Er machte ein paar Schritte nach vorn und hob das Ding auf. Ich denke, er wollte es zerstören, aber dazu kam er nicht mehr: Kaum hatte er das Ding berührt, verschob sich die Realität. Wir standen nicht mehr in der Kapelle mit der modrigen Tapete an den Wänden, dem klammen, muffigen Geruch und dem vertrockneten Weihnachtsbaum mit seinen kahlen Ästen. Stattdessen waren wir zurück in dem alten Haus, Graffiti, Müll, eiskalte, beißende Luft. Bei uns waren der Rektor und Artie. Wir hatten das Haus nicht zerstört, aber wir waren entkommen und hatte seine Gefangenen mitgenommen.

Jetzt geht das Flugzeug in Landeanflug. Endlich. Ich hasse Landeanflüge.

Der Rest ist schnell erzählt. Ich schaute auf mein Handy, um einen Krankenwagen zu rufen und sah, dass es der 25. Dezember war. Weihnachten. Verdammt. Wir hatten drei Tage verloren.
Jemand anders musste den Krankenwagen rufen. Ich rief meine Familie an. Ja, mir ging es gut, ja, ich hatte Tasha gefunden, ja, ich würde ein Flugzeug nehmen. Katie verstand das, aber Pete war enttäuscht. Ich buchte sofort den nächsten Flug von Providence.

Danach tauchte die Polizei auf, ein Krankenwagen, ein paar Leute von der Suchmannschaft. Es ging erst mal ins Krankenhaus: Ethan hatte gebrochene Rippen, Irene bekam schlecht Luft, Fay war angeschossen und traumatisiert, Artie unterernährt, der Rektor ebenfalls.
Im Chaos aus Polizisten, Eltern, dem Bürgermeister, Krankenschwestern und Ärzten machte sich Irene aus dem Staub. War einfach nicht mehr da. Keine Ahnung, vielleicht muss sie alleine klarkommen. Oder sie wollte deVries suchen. Irgendwann möchte ich sie noch näher kennenlernen. Auf der einen Seite ist sie so positiv und unbeschwert, aber auf der anderen Seite… iHeretic. Ich bin fasziniert von ihr. Vielleicht liegt es ja nur am Akzent.

Mir gab jemand einen Haufen Pillen, empfahl mir dringend, hier zu bleiben, und falls nicht, in regelmäßigen Abständen ein EKG zu machen. Ich nickte nur.
Bevor ich ging, wollte ich noch mal nach Artie sehen. Vor seinem Zimmer saß Ethan. Wir sprachen über Artie und wie es mit ihm weitergehen sollte – Jugendamt war keine Option, nicht nach allem, was er durchgemacht hatte. Vielleicht, sagte ich, könnten wir ihn aufnehmen. Tam und ich. Müsste ich aber erst mit ihr und den Kindern besprechen. Ethan sagte nicht viel, nickte, wollte Artie auf keinen Fall im Stich lassen.
Schließlich musste ich los, zu meiner Familie. Ethan nickte wieder. In diesem Moment tat er mir wirklich leid, er wirkte so einsam, selbst so ein verlorenes Kind wie Artie. Und welche Wunden Carla auch immer hinterlassen hatte, jetzt waren sie wieder aufgerissen.
Also fragte ich ihn, ob er mitkommen wolle. Weihnachten feiern. Nicht allein sein. Ich glaube, es hat ihn gefreut, aber er wusste überhaupt nicht, wie er damit umgehen sollte. Ist wohl eine Weile her, dass jemand einfach nur mal nett zu ihm war.

Trotzdem kam er nicht mit. Hat mich nicht überrascht. Er meinte etwas davon, dass er bei Artie bleiben wolle. Auch recht. Der Kleine braucht ein vertrautes Gesicht.

Ich bin dann erst mal abgehauen, obwohl mir klar war, dass die Polizei wegen Fays Verletzung mit mir sprechen wollte. Aber es war noch zu chaotisch in Baltic, die Cops hatten keinen Überblick, also hinterließ ich meine Karte und machte mich aus dem Staub. Hatte niemand gesagt, ich solle nicht. Gibt vielleicht noch Ärger, aber ich will zu meiner Frau und zu meinen Kindern.

So. Das Flugzeug ist gelandet. Ich steige als letzter aus, meine Beine tragen mich kaum, meine Augen flimmern und jeder Atemzug tut weh. Aber ich bin angekommen. Ich bin da, wo ich hingehöre.

Nachtrag, anderthalb Wochen später:
Ich kam an, begrüßte die Kinder, dann hat Tam mich zum Arzt geschleift. War auch gut so – war kein Herzinfarkt, aber nicht so weit davon entfernt. Ich wollte nicht ins Krankenhaus, also noch mehr Tabletten und ein Haufen Ruhe.
Die nächsten drei Tage verliefen auch ruhig. Telefonierte ab und zu mit Ethan. Der erzählte mir, dass die Polizei einen Haftbefehl gegen mich erwirkt hatte, wegen Fay. Also quälte ich mich in einen Zug und fuhr am 28. Dezember wieder zurück nach Baltic, in Begleitung von Don. Mein Cousin und Anwalt. Er bestand drauf. Meinte, er würde sonst sowieso nicht zur Ruhe kommen.

In Baltic zurück wurde ich erst mal verhaftet. Verlief recht zivilisiert. Don redete mit Polizisten und Richtern, brachte ein paar ärztliche Atteste, erklärte, im Haus müsste noch eine dritte Partei gewesen sein, auf die ich geschossen hätte, als Irene angegriffen wurde, und bekam den Richter dazu, die Anklage fallen zu lassen und mir meine Lizenz nicht abzuerkennen. Gegen die Auflage, dass ich einen Schusswaffenkurs mitmache und einen Test bestehe. Glück gehabt.

Ethan war noch da. Ich habe ihn als Assistenten mit auf die Rechnung geschrieben und abgerechnet, und natürlich bezahlt. Das hat ihn völlig überrascht, wieder hatte er keine Ahnung, wie er damit umgehen sollte. Den hätte ich am liebsten auch gleich mit adoptiert.

Was Artie angeht: Tam und ich werden ihn als Pflegekind aufnehmen. Wir haben uns schon um Lisa gekümmert, das Mädchen aus der Sekte, die mit ihrem Vater verheiratet wurde. Ich will nicht sagen, dass sie keine Probleme mehr hat, aber sie macht Fortschritte. Ich hoffe, das kriegen wir mit Artie auch hin.

Das war’s. Sonstige Nachwirkungen? Alpträume. Das Krankenhaus, Carlisle mit den Wunden. Fay, die sich die blutige Schulter hält und mich traurig fragt, warum. Panikattacken. Ich habe wieder angefangen, den Milchmann überall zu sehen. Tam sagt, ich muss irgendwann über die Sache in Tucson schreiben, sonst hört das nie auf. Sie hat wahrscheinlich recht.
Und hin und wieder träume ich von dem Jungen, der ich mal war. Immer derselbe ungläubige Blick. Immer dieselbe Frage: Was hast du aus meinem Leben gemacht?

2 Kommentare

Eingeordnet unter FATE, Pen & Paper, Supernatural

2 Antworten zu “Supernatural – The Cleansing of Souls

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