Supernatural – Weihnachtstrauma

Patti hat tatsächlich meine Hoffnung erfüllt und – etwas verspätet, aber das macht ja nichts – ebenfalls ein Diary zu unserer Supernatural-Runde von Weihnachten geschrieben. Das freut mich sehr, denn nicht nur ist es sehr, sehr cool geworden, sondern so sind jetzt nach Ethans und Barrys Eindrücken die Geschehnisse wirklich aus der Sicht aller drei Charaktere beschrieben.

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Weihnachtstrauma

Ich sitze in einer niedlichen Pension voller Rüschendeckchen und Nippes beim Frühstück, als mir zum zweiten Mal innerhalb einer überschaubaren Zeitspanne das Gebäude der Holy Trinity Academy ins Auge sticht. Die Wirtin kümmert sich rührend um mich. Sie hat deutsche Vorfahren und stellt mir zielsicher alle Speisen auf den Tisch, um die ich beim Frühstück immer einen Bogen mache. Salami, Käse, Essiggurken, Pumpernickel, Brühkaffee mit Kondensmilch. Wenigstens gibt es Konfitüre. Erdbeer. Wenn auch gekauft. Selbst der Fernseher, der schräg über mir schwebt, ist von einem rosa Vorhang eingerahmt. Ich bringe es nicht übers Herz, nach Tee und Toast zu fragen. Auf dem Bildschirm munkelt ein hipsterbärtiger Jungreporter mit Grabesstimme von den düsteren Geschichten, die sich um diese Örtlichkeit ranken.
Ich erkenne das Haus aus einem schon älteren, ziemlich kindischen Video von TrueBeliever und Miss Munroe, in dem absolut nichts spektakuläres passiert ist. Ganz so harmlos scheint die verlassene Schule jedoch nicht zu sein, denn es sind vor wenigen Tagen vier Teenager dort verschwunden. Die klassische Mutprobe. Jungs wollen Mädchen beeindrucken, brechen mit ihnen nachts in ein leerstehendes Gebäude ein, nur kommen sie nicht mehr heraus.

Eigentlich sind solche Rettungsmissionen nicht mein Stil. Wahrscheinlich sind die Kinder auch nicht im Haus verschwunden, sondern außerhalb, nachdem sie es wieder verlassen haben. Aber es ist Weihnachten. Ich vermute, dass kein anderer Jäger in der Nähe ist oder Zeit hat, bzw. diejenigen, die frei wären, ihre Zeit damit totschlagen, sich in einem Roadhouse die letzten Gehirnzellen in alkoholischer Lösung zu extrahieren und sich gegenseitig Ärger zu machen. (Nie, nie wieder werde ich mich in der Zeit um Weihnachten in der Nähe eines Roadhouses aufhalten.)
Es tut mir nicht besonders leid, auf das große Familientreffen zu verzichten. Mutter und ich würden uns nur die ganze Zeit krampfhaft gute Laune vorheucheln, um zu überspielen, wie schlecht wir es ertragen, Vater in seinem Zustand im Rollstuhl an der großen Tafel sitzen zu sehen. Auch verspüre ich keinerlei Bedürfnis danach, der Feiertage wegen nett zu Ian oder Onkel Howard zu sein.
Bevor ich mir die Zeit mit Giffany vertreibe und irgendetwas Dummes anstelle, weil sie mir zum X-ten Male eine japanisierte Version von Last Christmas antut, kann ich mir auch einmal eine höhere Knabenschule der amerikanischen Art von innen ansehen. Nicht, dass ich gesteigerten Wert darauf lege, an lang vergessene Erinnerungen zu rühren, aber irgendwer muss ja doch nachsehen. Und für mich ist es ein Katzensprung.

Baltic, Connecticut. Das schmucklose Motel ist nach der Pension in Rosa eine Wohltat für die Augen.
Ich lehne am Tresen der Rezeption und warte auf das Auftauchen eines Menschen, der mir ein Zimmer vermieten möchte, da befällt mich wieder dieses Prickeln im Nacken, das ich zuletzt in Chicago spürte, als ich Barry Jackson zum ersten Mal sah. Er starrte mich durch die Glasscheibe des Quarantäneraums so intensiv an, dass ich den Blick im Rücken spüren konnte. Als ich mich umdrehte, war mein erster Gedanke: Killer. Er stand da wie ein einarmiges Raubtier, das zum Sprung ansetzt. Alles an ihm sagte: „Mach nur eine falsche Bewegung, und ich komme durch die Scheibe.“ Ich war ernsthaft beunruhigt, was sich daran zeigte, dass ich erstmal die Krankenschwester fragte, wer der Typ wäre. Normalerweise hätte ich mich in meiner Rolle als geschäftige Ärztin einfach umgedreht und ihn gekonnt ignoriert.
Sie sagte, der Mann sei mit einem der komatösen Jungen verwandt. Ich dachte mir, Vater wäre auch so dagestanden, mit dem gleichen wölfischen Ausdruck im Gesicht. „Fass mein Junges an, und du bist Asche.“ Und auch ich hätte das gleiche Gesicht aufgesetzt, wenn ein Unbekannter an Vaters Krankenbett gestanden hätte. Trotzdem wollte ich nicht ganz daran glauben, dass jemand, der mit mindestens zwei gut sichtbaren Schusswaffen in ein Krankenhaus geht, wirklich seine Familie besucht. Vielleicht habe ich einfach nur zu sehr von mir auf andere geschlossen. Aber ganz Unrecht hatte ich nicht. Er war ja auch als Detektiv da. Ich trat damals die Flucht nach vorn an, stellte mich höflich vor und versuchte, ihn mit Lächeln zu entwaffnen. Danach war alles ganz einfach. Nur nicht, weil mein Lächeln so gut gewirkt hätte. Er hörte meinen Namen und sagte, wir hätten bereits miteinander wegen Bianca telefoniert. Das sagte er mit dieser unvergesslich rauen, kehligen Stimme, die durch und durch geht, genauso wie der Killerblick, den ich im Genick spüre.

Ich drehe mich um und bin nicht besonders überrascht, dass das Kribbeln auch wieder den gleichen Auslöser hat. Diesmal sieht er nicht ganz so aus, als würde er mich gleich anspringen wollen. Nur… aufmerksam. Ich lächle. „Barry!“
Zeitgleich sehe ich eine weitere Gestalt, die ich kenne. „Ethan!“ Ihn zu sehen, freut mich sehr. Wir haben auf die kurze Zeit, die wir uns kennen, schon ganz schön was gemeinsam durchgemacht. Und es war gute Zusammenarbeit. Ich mag seine stille Präsenz, seine praktische Ader und seine stoische Art, Unbill hinzunehmen. Herrje, ich mag sogar die ewige Kippe in seinem Mundwinkel. Der Junge ist schwer in Ordnung. Und wenn er hier ist, kann es nur den einen Grund haben. St. Trinity.

Ich weiß nicht recht, wem ich zuerst die Hand geben soll. Während wir die Begrüßungen sortierten, taxieren sich die beiden Jäger, verzichten aber auf alle Rituale des Revierabsteckens, die man hätte erwarten können. Scheinen keine größeren Probleme mit dem Auftritt des jeweils anderen zu haben. Ich darf sie einander vorstellen. Wäre ja schön, wenn wir uns bei der Suche nach den Kids gegenseitig unterstützen könnten.
Einen ordentlichen Planungsraum gibt es hier natürlich nicht. Meinetwegen. Dann eben in meinem Zimmer. In der Hoffnung, dass es dort wenigstens einen Tisch gibt, der etwas größer ist als die Frühstücksbrettchen auf Beinen, die in den üblichen Einzelzimmern zu finden sind, nehme ich ein Familienzimmer.
Der Tisch ist tauglich, quadratisch, der Malblock passt darauf, ohne an allen Seiten überzustehen. Gut, dass ich den gekauft habe. Barry kommt mit einem Laptop. Ich frage ihn, ob er das Ding in meiner Nähe wirklich anschalten will. Er weiß, dass Giffany an mir klebt. Die Frage wirkt. Es muss bald etwas passieren, was diese emotional gestörte KI-Göre angeht. Ich habe seit Wochen nicht mehr mit Mutter telefoniert und fange schon an, mich an Giffany zu gewöhnen, an die ewigen Ausweichbewegungen, die ich wegen ihr mache. Und auch an sie als Person. Ich sollte sie nicht als Person wahrnehmen. Das ist ein Programm. Ein dämonisches vielleicht, aber immer noch kein Mensch!
Der Malblock erfüllt seinen Zweck. Ethan braucht keine Elektronikbremse. Viel zu schreiben gibt es auch nicht. Wir wissen alle drei so ziemlich das, was durch die Medien geistert. Also fahren wir gleich zum Ort des Verschwindens.

Das Haus steht eingeschneit da. Wuchtig, doch äußerlich völlig harmlos. Nicht so wie das Domus Ruber, das schon beim Näherkommen schrie: beachte mich. Ich ertappe mich dennoch dabei, dass ich die Fußspuren meiner Begleiter beobachte und darauf warte, dass sie sich rot färben. Ethan hat den gleichen Gedanken. „Wenigstens kein Lehm“, murmelt er.
Die Polizei hat ihre Suche nach den Teenies auf das Umland der Stadt ausgeweitet. Hier steht nur noch ein einsamer Streifenwagen, der wohl hauptsächlich die nächsten Sensationslustigen vom Betreten des Geländes abhalten soll. Barry spricht kurz mit dem Insassen. Er ist von den Eltern der verschwundenen Tasha angeheuert worden. Wir dürfen unsere eigenen Ermittlungen aufnehmen. Praktisch, so einen Privatdetektiv zu haben.
Barry verdeutlicht uns nochmal, dass er nur Interesse daran hat, die Teenager aus dem Haus zu holen und dann wieder zu verschwinden. Soll mir recht sein. Wenn es ein Andenken mitzunehmen gibt, möchte ich mich ungern darum streiten müssen. Ethan ergänzt: „Diesmal alle.“ Hatte er schon einen ähnlichen Fall? Wahrscheinlich. Er sieht aus wie der Typ, der durch mehrere Bundesstaaten fährt, um Teenager vor ihren eigenen dummen Streichen zu retten. Was mache ich eigentlich hier? Ach, ich bin ja auch nicht schlauer. Bei mir war es ein Flug von Sydney, um auf Miss Munroe aufzupassen. Völlig selbstlos. Hatte auch sicher nichts mit Bruce zu tun… Oha, Glatteis. Konzentration, Irene!

Dem Inneren des Internats sieht man an, dass es auf dem Weg war, ein Hotel zu werden. In der Eingangshalle ist der Umbau bereits weiter fortgeschritten. Halbverlegter Teppich, Farbmuster an den Wänden, ein paar unvollendete Graffiti. Schon mit den ersten Schritten in den Raum, wo man die zurückgelassenen Habseligkeiten der Kinder gefunden hat, wird die Stimmung gedrückt. Ich spüre schon wieder Jacksons Blick auf mir. Er zieht scharf die Luft ein, ehe er die Vermutung aufstellt, dass hier etwas lauert, das uns beeinflussen will. Er hätte einen Gedanken gehabt, der definitiv nicht sein eigener sei. Konkreter wird er nicht. Das geht ja schon gut los. Ich ziehe es vor, ab jetzt so zu laufen, dass ich ihn nicht mehr in meinem Rücken habe.

Was wir von der Polizei wissen, ist dass die Schüler versucht haben, eine kleine Séance abzuhalten. Die Fundstücke sind asserviert worden. Nur etwas buntes Kerzenwachs klebt noch auf dem Boden. Ansonsten liegen ein paar einsame Malerpinsel und Planen herum, in einer Ecke des Raums ein größerer Haufen davon, aus dem ich eine Plastiktüte grabe, die irgendwie fehl am Platze wirkt. Darin befindet sich eine schauderhaft hässliche Weihnachtsdekoration, ein Engel mit einer Krone aus einzelnen Stacheln, die aus seinem Kopf zu wachsen scheinen, das Gesicht ein verzerrtes Grinsen. Ich merke zu spät, wie ich die Zähne fletsche, als ich die Aufschrift auf dem Schild lese, das er hält: „Der Herr wäscht alle Schuld rein.“ Bei religiösem Gewäsch geht mir spätestens seit Colma sofort die Galle über. Doch die abfällige Bemerkung, die mir auf der Zunge lag, ist in Sekundenbruchteilen vergessen, als das Haus zu beben beginnt. Ein Beben sehr ähnlich dem in Hectorville. Schon als ich mich an Ethan wende und trocken kommentiere, dass ich nun auch ein Déjà Vu habe, bemerke ich, dass sich die Einrichtung um uns verändert hat. Wir stehen in einem modrigen Klassenraum. Altmodisches Mobiliar, eine Kreidetafel, stockfleckige Wände. Wenn ich raten müsste, ich würde sagen, dass uns der Geist des Hauses in die Vergangenheit der Schule geschickt hat, in einen regnerischen Herbst, einige Zeit nach der Schließung. Die Gesichter meiner Begleiter drücken ungefähr das aus, was ich fühle: Das ist nicht gut. Aber mit etwas Glück könnten wir hier die verschwundenen Kinder aufspüren. Hoffentlich sind sie noch am Leben.

Der erste Gedanke ist meist der Richtige. Kaum dass wir uns vorsichtig in den Flur bewegen, finden wir eine Leiche. Laut unserer Information einer der gesuchten Jungs: Lamar Bates. Grausam verunstaltet. Jemand hat der Leiche Flügel aus Holz und Fetzen in den Rücken genagelt. Der Leiche, wohlgemerkt. Nicht dem lebenden Jungen. Zu wenig Blut. Trotzdem: Armer Junge. Im krassen Gegensatz zu dem geschändeten Körper steht sein völlig friedlicher Gesichtsausdruck. Als hätte er in seinen letzten Momenten etwas gesehen, das ihm alle Sorgen genommen hat. Ich weiß nicht, was von beidem ich beunruhigender finden soll.

Neben mir flucht Barry. Seine Tasche ist verschwunden. Die hatte er abgestellt, um den Toten umzudrehen. Okay, also ab sofort nichts mehr aus der Hand legen. Wo ist eigentlich die Tüte mit dem hässlichen Engel hin?
Die Frage bleibt mir im Hals stecken, als vor uns ein hoher, panischer Schrei ertönt. Wir rennen los, Barry voran, um eine Ecke, schnurstracks in ein Mädchen, das uns entgegen kommt. Sie schreit wieder, stolpert rückwärts und flieht zurück in die Richtung, aus der sie gekommen ist. Man kann es ihr nicht verdenken. Sie ist in den Hakenmann gelaufen, und da war sie schon in heller Panik. Ein weiterer Schrei, der in einem Gurgeln erstirbt, verrät uns, dass sie ihr Heil in der Flucht vor den Falschen gesucht hat. Als wir sie wieder einholen, liegt sie blutüberströmt auf dem Boden, über ihr ein Golden Retriever, mit rot geiferndem Maul. Aus ihrer offenen Kehle pulst das Blut in schnellen Stößen. An dem Hund ist etwas falsch. Ich sehe es erst, als Ethan ihn mit dem Gewehrkolben von dem Mädchen wegprügelt. Seine linke Körperhälfte ist zerschmettert und blutig, als wäre er in ein Auto gelaufen. Barrys Kugel gibt ihm den Rest. Wir gehen sofort neben der Kleinen auf die Knie, versuchen so gut es geht Erste Hilfe zu leisten, doch mir schwant, dass sie viel zu schnell viel zu viel Blut verliert. Sie muss bei Bewusstsein bleiben, also spreche ich sie an, frage, ob sie Fay ist. Sie starrt mich mit glasigen Augen an. Erstaunlicherweise schafft sie es, trotz der zerrissenen Kehle zu sprechen. „Goldie! Wo ist Goldie? Es tut mir so leid, es war ein Unfall, Ich hab’ ihn doch im Rückspiegel nicht gesehen!“ Sie will sich gar nicht mehr beruhigen und krallt sich in meine Jacke. So viel Kraft sollte niemand haben, dem gerade das Leben aus der Halsschlagader rinnt. Und tatsächlich ist der Strom versiegt. Fays Stimme klingt mit jedem Wort klarer. Offensichtlich heilt ihre Wunde rasant. Ihr Geist hingegen? Nicht so sehr. Ich rede ihr gut zu, dass wir hier sind, um sie aus dem Haus herauszuholen, lasse zu, dass sie sich weiter an mich klammert. Nach kurzer Zeit kann sie schon wieder aufstehen. Ich frage mich, was die Kinder hier gefunden oder losgetreten haben mögen, das jetzt Jagd auf sie macht, und lege beschützend den Arm um ihre Schulter, schiebe sie weiter den Gang hinunter, weg von dem Hund. Doch der ist wie vom Erdboden verschluckt. Und nicht nur der Hund. Auch Ethan ist plötzlich weg. Ich sehe ihn gerade noch durch eine Tür wischen. Wer Carla sei, fragt mich Barry, der dem jungen Jäger besorgt hinterhersieht. Was weiß denn ich?

Uns zu trennen, halten wir beide für keine gute Idee, also sehen wir zu, dass wir Ethan folgen, mit der körperlich wieder völlig intakten Fay im Schlepptau.
Noch ehe wir das Zimmer erreichen, in das er gelaufen ist, holt uns ein überirdisches Licht ein, schmerzhaft hell, schon bevor ich mich danach umwende. Fay ist einige Schritt hinter mir stehengeblieben, steif und starr, gefangen von dem Licht, das durch sie hindurchströmt, ihr aus Mund und Augen tritt. Ihre Lippen sind geöffnet wie zu einem gellenden Schrei, doch kein Ton kommt heraus. Und hinter ihr… Hinter ihr, die Hand auf ihrer Schulter, schwebt Marcus. Mein Marcus. So wie er früher war. Ein Marcus voller Jugend und Lebenskraft, umhüllt von den Strahlen, getragen von Engelsflügeln. Mein Marcus DeVries, der für mich gestorben ist. Er trägt die gleichen Kleider wie am Tag seines Todes, doch in seinem Blick liegt keine Liebe mehr, keine Hoffnung und keine Güte, nur Enttäuschung und Verachtung. „Du bist schuld,“ sagt er mir. Und er hat recht. Er hat so recht! Ich bin schuld. Ich habe nicht auf ihn gehört. Ich habe ihn direkt in den Untergang geführt. In meiner Erinnerung tauchen wieder lang verdrängte Bilder auf. Die Schrift mit den Andeutungen die Trophäe aller Trophäen könnte in Mexiko zu finden sein. Wie hätte ich denn widerstehen sollen? Zweifel und Sorge in seinen Augen. Das Kloster aus gelben Lehmziegeln. Die Truhe. Zwei mal sechs identische Becher auf verblichenem Stoff. Wie hätte ich widerstehen können? Altes Holz in meiner Hand. Der Wächter. Das Aufblitzen des Kreuzes. Marcus, der sich dazwischen wirft. Die scharfe Kante des Kreuzes an seiner Kehle. Blut, das einen weiten Bogen beschreibt. Das Tor. Die Wüste. Irgendein Motelzimmer irgendwo. Rotes Wasser im Waschbecken. „Du bist schuld daran, was aus mir geworden ist.“

Ja.

Marcus lässt Fay los, schwebt weg von ihr, weg von mir. Er verschwindet mit einem letzten Blick auf mich voll tiefer Verachtung. Ich schlage die Hände vor den Mund, um das Schluchzen zurückzuhalten. Fay sinkt zu Boden. Es ist meine Schuld. Ihre Augenhöhlen sind leer. Meine Schuld.
„Warum? Warum tut er das? Sie hat ihm überhaupt nichts getan! Warum sie?“
Warum nicht ich?
Es ist meine Schuld. Sein Tod und alles, was danach kam. Alle, die er seitdem geopfert hat. Meine Schuld.

Ich habe keine Ahnung, wie lange Barry schon auf mich einredet. Seine Stimme kann richtig sanft sein. Dann nehme ich die Hand auf meiner Schulter wahr, dann, dass er tiefschwarze Augen hat, dann die Worte: „… nicht real. Lassen Sie nicht zu, dass die Dinge, die Sie in diesem Haus sehen, Macht über Sie gewinnen! Je stärker die emotionale Verbindung ist, umso mehr Einfluß haben sie auf uns.“
Ich frage mich, ob seine Augen auch Schaden davongetragen haben. Er hat doch DeVries gesehen und gehört.
„Dann halten Sie vielleicht besser etwas Abstand zu mir,“ erkläre ich ihm. Wieviel enger kann eine emotionale Verbindung noch sein? Ich bin schuldig. An wievielen Toden mag ich in der Folge dieses einen, wenn auch indirekt, schuld sein?
Fay gibt ein Lebenszeichen von sich. Ich beuge mich zu ihr herunter. Armes Mädchen! Warum sie und nicht ich? Hätte ich mich für sie opfern müssen? Wäre das das Richtige gewesen? Ihre dunklen Augenhöhlen starren mich anklagend an. Etwas bewegt sich darin. Fleisch und glasiges Gewebe wachsen empor. Die Augen regenerieren ebenso schnell wie vorher ihre Kehle. Doch aus der dringt nun nur noch ein gutturales Wimmern. Ich bin zu gelähmt, um mehr zu tun als zuzusehen. Es fällt dem Kind nicht mehr ein, sich noch an mich zu klammern, jetzt wo sie weiß, wer an ihrem Leid schuld ist. Kein Wunder. Ich würde mich am liebsten selbst in die dunkelste Ecke verkriechen, wenn ich nicht versprochen hätte, die jungen Leute aus diesem Haus herauszuholen.
Wir müssen durchhalten, die anderen finden. Ethan einholen, ehe ihm auch etwas passiert.

Ich nehme Fay an der Hand, die mir willenlos hinterher trottet, und folge Barry zu dem Raum, in den der andere Jäger gelaufen ist. Im Türrahmen pralle ich gegen ihn, so abrupt bleibt er stehen. Über seine Schulter hinweg kann ich ein Zimmer ausmachen, das medizinisch eingerichtet ist, aber alt und verlottert. Ein Vorhang trübt die Sicht auf ein Bettgestell. Ich meine, dass sich dort eine menschliche Silhouette abzeichnet. Wenn das Ethan ist, weshalb geht Barry dann nicht hin? Sollten wir nicht sofort nachsehen, ob es ihm gut geht? Ich dränge mich an dem Einarmigen vorbei, komme ihm dabei so nah, dass ich sehen kann, wie sich seine Nackenhaare aufstellen. Er weicht noch ein Stück weiter zurück.
Ich laufe hin und ziehe den stockfleckigen grünen Stoff beiseite. Die Luft hier ist noch schlimmer als in den Gängen. Ein chemischer Geruch mischt sich in den Moder. Und eine abgestandene Komponente von Schweiß und Blut. Es riecht nach Angst.
Auf dem Bett liegt eine Frau. Sie ist festgeschnallt, hat einen Tropf im Arm. Als erstes fallen mir die Brandwunden in ihrem Gesicht auf. Sie trägt einen weißen Kittel, der an vielen Stellen zerschnitten und blutgetränkt ist. Ihre Finger sind geschwollen, die Nägel gesplittert und bräunlich verfärbt. Sie fleht mich an: „Nein, nein, bitte nicht, hör auf, lass mich gehen, bitte“. Nein, nicht mich. Ihr Blick geht an mir vorbei, zu Barry. Langsam drehe ich mich um.

Ein kaltes Lächeln umspielt seine Mundwinkel. Er saugt den Anblick richtiggehend in sich ein. Ist das Freude? Mich fröstelt. Dann, als hätte er sich zu spät daran erinnert, dass seine Reaktion unangemessen ist, wo uns das Haus doch mit unserer Schuld konfrontiert, fällt ihm das Lächeln aus dem Gesicht. Er dreht sich um… Die Frau ruft ihm nach: „Bitte, ich habe das nicht gewollt, hilf mir doch, die haben mich gezwungen“.
Er fährt auf dem Absatz herum und schreit sie an: „Die haben dich nicht gezwungen! Das war deine Entscheidung, ganz allein deine! Du hast genau gewusst, was du tust. Es war deine Entscheidung.“ In meinem Kopf höre ich wieder Marcus bitten, doch nicht dieser fixen Idee hinterherzulaufen, ich wisse ja nicht, was ich tue… Es war meine Entscheidung.

Barry stürmt in den Flur zurück. Ich bin allein mit der Frau. Sie fleht weiter, „bitte, lass mich gehen!“ Will ich mir wirklich Gedanken machen, was er ihr angetan hat, oder sie ihm? Wir müssen hier wie es scheint alle mit Dingen klarkommen, an denen nichts mehr zu ändern ist. Und es ist mir einerlei, niemand sollte in Fesseln sein. Ich löse die Schlaufen um ihre Füße und Hände. Sie ignoriert mich immer noch und jammert Barry hinterher, dass sie das nicht wollte. In diesem Moment fällt mir auf, dass Fay nicht mehr neben mir steht. Ich rufe nach ihr und renne nach draußen. Auch Barry ist fort. Ja, lasst mich nur alle allein. Weiter Fays Namen rufend, laufe ich durch die Flure, bis ich glaube, aus einem der Zimmer ein ersticktes Geräusch zu hören. Es kommt aus einem Schrank.
Als ich die Türen des schweren Möbels aufstemme, bietet sich mir ein bizarres Bild. Aus einem Wust von schwarzen Haaren, die sich kreuz und quer durch den Schrank spannen und noch zu wachsen scheinen, schaut ein Gesicht, dessen Mund und Nase gerade von Strähnen überwuchert werden. Ein junges, verängstigtes Gesicht. Gedämpfte Schreie dringen durch die schwarzen Fesseln. Ich ziehe mein Messer und schneide drauflos. Als sie wieder atmen kann, fängt das Mädchen sofort an zu weinen. Irgendwann habe ich genug durchtrennt, um sie herauszuziehen. Ein, zwei ihrer blonden Strähnen sind meiner Eile ebenfalls zum Opfer gefallen. Sie ist von hauchfeinen Schnitten übersät. Nichts wie raus hier.
Das ist also Tasha Baird, deren ganze Schuld darin besteht, einem anderen Mädchen im Zeltlager die Haare abgeschnitten zu haben. „Sie sah so blöd aus“, heult die Kleine. Es tue ihr ja so leid.
Ja, das tut es uns allen, nicht wahr? Und „der Herr“ hält es hier für nötig, uns von unseren Sünden reinzuwaschen, ob wir wollen oder nicht, wie es auf der Plakette des hässlichen Engels stand.

Als hätte er meine blasphemischen Gedanken gehört, taucht vor mir erneut Marcus auf, in das stechende Licht gehüllt. Diesmal reagiere ich schneller. Ich dränge Tasha hinter mich und stelle mich ihm in den Weg, will die Waffe ziehen, doch er packt mich an den Armen, versucht, mich zu sich zu zerren. „Du hast all das losgetreten. Sieh, was du aus mir gemacht hast. Ich habe meine wahre Bestimmung erkannt.“ Die Worte schmerzen mehr als der Griff. Was ist aus dir geworden? Ein blindwütiger Fanatiker, der alles vernichten will, was in seinem Weltbild keinen Platz hat? Ich soll auch daran schuld sein? Wärst du doch nicht dazwischengegangen, dann hätte ich den gerechten Preis gezahlt und du könntest noch am Leben sein, als der Mann, den ich kannte. Als der Mann, dem ich vertraute, und nicht als der Wahnsinnige, den ich fürchte. Ja, ich fürchte mich. Nichts liegt so nah beieinander wie Liebe und Hass. Und Marcus’ Liebe hat sich in solchen blanken Hass verkehrt, dass mir der Atem stockt, wenn ich in sein Gesicht sehe. Er reißt mich an sich, sein Arm drückt gegen meine Kehle. Einen Moment lang finden meine Stiefel auf dem glatten Boden keinen Halt. Ich gerate in blinde Panik, winde mich wie eine Schlange aus seinem Griff heraus. Luft! Tasha, das dumme Gör, steht immer noch wie ein Opferlamm daneben und tut nichts, als die Augen weit aufzureissen. Ich schreie ihr zu, „lauf!“ Wärst du doch weggelaufen an meiner Statt, Marcus. Dann hätte das alles nicht so weit kommen müssen. „Lauf!“
Ein lauter Schuss hallt durch den Gang. Barry Jackson steht plötzlich dicht hinter mir, in einer Wolke aus Schießpulver. Jemand zieht mich von DeVries weg. Ethan.
Marcus’ Engelsgestalt löst sich auf. Er bedenkt mich mit einem letzten abschätzigen Blick. „Eigentlich sollte ich dir dankbar sein. Ohne dich wäre ich nie so weit gekommen… Wenn ich daran denke, dass ich dich geliebt habe! Aber du bist es nicht wert.“
Ich kann jetzt niemandem ins Gesicht sehen. Beide Jäger an meiner Seite kennen DeVries. Ihnen muss klar geworden sein, was passiert ist. Ein Wunder, dass sie beide noch bereit sind, mich gegen ihn zu verteidigen. Barry zieht wortlos einen Salzkreis um uns herum. Gut. Vielleicht verschafft es uns wirklich eine Atempause. Auch er sieht mitgenommen aus. Blass und mit Schweißperlen auf der Stirn. Seine Hand zittert unkontrolliert. Fragend schaue ich zu Ethan. Der ist in keinem wesentlich besseren Zustand. Sein Atem kommt in kurzen, schnappenden Stößen, als hätte er sich unterwegs ein paar Rippen gebrochen. So wie er sich die Seite hält, hat er das wohl auch. An ihn gedrängt steht ein kleiner Junge in viel zu altmodischer Kleidung, um real zu sein. Knapp und japsend erklärt uns Ethan, dass der Junge Artie heißt. Offenbar ist er einer der Schüler, die schon in den 20ern hier verschwunden sind. Er hat es irgendwie geschafft, seitdem zu überleben. Seine Freunde Clarence und Peter nicht. Bei der Erwähnung von Peter dreht Barry schier durch. Seine Stimme überschlägt sich, er will losrennen und den Jungen suchen. Ehe er eine Dummheit begeht, bringt ihm Ethan bei, dass es sich nicht um Barrys Sohn Pete, sondern um einen Peter aus dem letzten Jahrhundert handelt. Mit dem Nervenbündel von Jäger ist gerade nicht sehr viel anzufangen. Ich nehme seine Hand, drücke sie behutsam. Ein Arzt hat mir einmal gesagt, dass diese Geste Wunder wirkt. Patienten fühlen sich messbar besser aufgehoben, wenn man das tut. Ich weiß, dass es mir hilft. Nicht so Mr. Jackson. Er entzieht mir seine Hand mit einer hastig gemurmelten Entschuldigung. Klar. Er hat die Szene mit Marcus gesehen. Beide Szenen. Er hat Marcus gehört. Ich bemühe mich, meine Kränkung zu verbergen. Kein Öl ins Feuer gießen.
Ausgerechnet Ethan hilft mir, das Gesicht zu wahren. Mit gebrochenen Rippen spricht er mehr als ohne. Das sagt wohl auch einiges über ihn aus. Er hat von Artie einen Brief bekommen, in dem dieser seine Lage erklärt. Etwas hält ihn seit jenem Weihnachtsfest, an dem er aus der Wirklichkeit verschwand, hier fest und konfrontiert ihn mit einem Zwilling, den er nie kannte, da dieser bei der Geburt sterben musste, damit Artie leben konnte. Alle, die hier gefangen sind, werden von ihrer Schuld so lange eingeholt und wieder und wieder getötet, bis sie eines Tages nicht mehr aufstehen. Ethans Vision seiner toten Freundin hat ihm dies bestätigt. Erst wenn man oft genug gestorben ist, sei man von seiner Schuld frei und erlöst.
Ich nehme an, dass Lamar diese Erfahrung sehr zeitig gemacht hat. Es erklärt das absurd vergeistigte Lächeln auf seinen Lippen. Wir müssen zusehen, dass wir hier schnellstens herauskommen. Auf einem gesünderen Wege. Bei dem Gedanken daran zu krepieren, dass ich immer und immer wieder Marcus begegne, bis mir endlich das Herz bricht, schnürt es mir die Luft ab. Auch der kleine Artie hüpft vor Anspannung schon herum wie ein verschrecktes Eichhörnchen. Er scheint der Meinung zu sein, dass Bewegung die beste Methode ist, um den Angriffen zu entgehen. Er muss es wissen. In seinem Briefchen steht, dass „das Idol“ zerstört werden muss. Keine Frage, er meint die scheußliche Engelsfigur aus der Tüte. Nur, wo ist es hin? Laut Brief hat es der Rektor. Doch der Brief wurde vor Jahren verfasst. Gibt es in dieser Realität überhaupt noch ein Pendant der Figur? Artie will nicht zum Rektor, doch die anderen überzeugen ihn, dass es der einzige Weg ist, den wir haben. Ihn quält schrecklicher Durst, den Ethan mit meinem Weihwasser löscht. Ich hoffe, dass der Junge nicht gerade unsere einzige Waffe schluckt. Aber es geht ja gegen einen „Engel“. Was soll dem schon Weihwasser anhaben?

Tashas Schrei unterbricht meine sorgenvollen Gedanken. Die Haare sind unbemerkt herangekrochen und versuchen, sie zurück in den Schrank zu ziehen. Ihre Finger krallen sich in den Boden. Sofort zücke ich wieder das Messer. Die Strähnen schlingen sich wie lebendige Wesen um Tasha. Weichen aus, schlagen nach mir und versuchen, auch mich zu umwickeln. Ethan springt dazu, während Barry versucht, Tasha festzuhalten. Nach vielen Schnitten auf allen Seiten, Ethan ist völlig in schwarzen Haaren verstrickt, gelingt es uns, das Mädchen zu befreien. Können wir jetzt bitte sehr, sehr schnell diesen Rektor finden?

Artie huscht geduckt durch die Flure wie ein kleiner Affe. Er hatte so lange keinen Kontakt mehr zu Menschen, dass er völlig verwildert ist. Seine kläglichen Sprechversuche tun in den Ohren weh. Wie lange hält ein Mensch das aus? Und dazu noch die ständige Verfolgung durch seinen Bruder. Verloren gegangene Kinder antworten oft vor lauter Angst nicht, wenn man nach ihnen ruft. Und die Kinder, die wieder gefunden werden, sind üblicherweise nur wenige Tage verschollen. Artie muss sich irrsinnig vor uns fürchten. Was muss ihm dieses Idol schon alles angetan haben, dass er diese Furcht überwindet, um hier wegzukommen?

Der Angriff kommt von hinten. Ich war abgelenkt und die letzten beiden Male zeigte er sich von vorn, angekündigt durch das Licht, aber das ist keine Entschuldigung für meine Nachlässigkeit. Wie albern, dass ich selbst hier und nach nunmehr vier überdeutlichen Beweisen seiner Rachsucht einfach noch nicht mit der Vorstellung umgehen kann, dass mir dieser Mann etwas antun will. Ich werde an den Haaren gepackt und in ein Klassenzimmer gezogen. Seine Lippen streifen mein Ohr, wecken schmerzhafte Erinnerungen an andere Berührungen. Sein Atem auf meiner Haut. „Willst du wissen, wie es sich angefühlt hat, nicht mal mehr deinen Namen rufen zu können?“
„Marcus…“ Nicht!, will ich noch rufen. Doch ein scharfer, brennender Schmerz durchfährt mich, Sehnen reißen, mein Atem stockt, Blut steigt mir in den Mund und fließt in meine Lunge. Ich greife an meine durchschnittene Kehle, die weit aufklafft, spüre es feucht und warm zwischen meinen Fingern hindurchpulsieren. Er tut es wirklich, ist mein letzter Gedanke, ehe sich mein Blickfeld verengt und meine Knie nachgeben. Das letzte, was ich sehe, ist eine Mündung, gefolgt von einem Blitz. Dann wird alles schwarz.

„Warum?“ Das Flüstern des Mädchens holt mich wieder zurück. Warum? Ernsthaft, warum? Weil ich es verdient habe. Jetzt endet es so, wie es schon damals hätte enden sollen. Mein Herz pumpt einen Schwall Blut nach dem nächsten aus der offenen Wunde. Bis in die Fußspitzen spürt man, wie einem das Leben abhandenkommt. Meine Nerven melden Schmerz, Schmerz, Schmerz. Mein Brustkorb verkrampft sich rhythmisch im Versuch, Luft in meine Lungen zu bekommen. Meine Finger zucken auf dem glitschigen Boden in einer größer werdenden roten Lache… die… es nicht gibt. Meine Augen sind offen und ich sollte eigentlich das Blut sehen, in dem ich schwimme. Aber da ist nichts. Meine Luftröhre ist durchtrennt. Das spüre ich mit jedem brennenden Atemzug… Ich kann atmen. Es tut höllisch weh, doch ich bekomme Luft. Ich schließe die Augen, eine Woge aus Schmerz und Atemnot überrollt mich. Ich öffne sie wieder, bekomme Luft. Ich starre auf meine Hände. Kein Blut.
Langsam drängt sich das Bewusstsein in den Vordergrund, dass auch die körperlichen Wunden, die mir Marcus zufügt, nur eine Illusion sind. Nur nicht die Augen schließen!
Vorsichtig richte ich mich auf. Blinzle. Schmerz. Blinzeln ist schlecht. Augen offen halten. Ethan kommt auf mich zu, legt mir zaghaft die Hand auf die Schulter. Ich bin so dankbar für die beruhigende Geste, dass ich weinen möchte. Doch kaum blinzle ich die Tränen weg, kommt wieder das Gefühl, tödlich verwundet zu sein. Augen offen lassen!
Ich suche nach etwas, worauf ich meinen Blick heften kann, um wieder zu Atem zu kommen und mein rasendes Herz zu beruhigen. Da sitzt Fay. Sie starrt durch mich hindurch, während auf der einen Seite Barry mit fahrigen Bewegungen ihre blutende Schulter verarztet, auf der anderen Tasha ihre Hand hält. Mir wird nicht ganz klar, wie sie hierhergekommen ist, oder weshalb sie verletzt ist. Selbst ihre durchgebissenen Stimmbänder waren doch vorhin innerhalb weniger Minuten wieder völlig geheilt. Aber ich bin zu sehr damit beschäftigt, mich auf meine Luftzufuhr zu konzentrieren, als dass ich die Frage weiter verfolgen möchte.

Nachdem er Fay wieder auf die Beine gestellt hat, treibt uns Barry weiter an, endlich zu diesem Rektor zu kommen, der das Idol hat. Wenn wir könnten, würden wir rennen, doch wir sind viel zu fertig, mit unseren körperlichen und geistigen Blessuren. Bis auf Artie, der nervös für drei ist und uns immer weiter zur Eile drängt. Obwohl ich oft strauchle, sobald mir die Augen austrocknen und ich sie wider Willen kurz niederschlagen muss, beflügelt mich der Wunsch, hier herauszukommen. Eine Hooper-Winslow lässt sich nicht einsperren.

Der Rektor sitzt im Uhrenturm. Die Männer gehen hoch, ich bleibe mit den Mädchen unten, um darüber zu wachen, dass uns nicht wieder eines abhandenkommt. So sehe ich nur einen Ausschnitt des Raums, den sie betreten, aber ich höre alles. In meinem Blickfeld sind zwei Engel, geschaffen aus den Leichen kleiner Jungen und den kruden Flügeln aus Holz und Fetzen, die wir schon an Lamar gesehen haben. Sie hängen an Wand und Decke wie eine makabre Dekoration. Auch sie tragen das friedvolle, erlöste Lächeln zur Schau. Nicht. Die. Augen. Schließen.
Wenn ich die Reaktion der zwei Jäger richtig interpretiere, sind die „Engel“, die ich sehen kann, nicht die einzigen. Aus einer Ecke dringt die hohe Flüsterstimme eines Irren, der beteuert, er müsse Flügel für die Kinderchen machen. Der Herr habe es so gewollt. Ich muss einfach kurz die Augen zumachen. Schmerz. Atemnot. Besser erst Lufholen, dann die Lider bewegen. Auch wenn ich weiß, was kommt, wird es nicht einfacher. Zurück bleibt ein Würgereiz, als ich wieder die Leiter hochstarre. Zwei Schüsse, Arties erschrecktes Quieken. Kurz Ruhe, dann wieder die Stimme. „Lasst sie kommen, die Kinderchen, sie holen Euch sonst auch.“

Da oben entsteht Bewegung. Barry wirft einen Körper die Treppe hinunter. Ich mache einen Schritt zur Seite, unfähig mich noch zu wundern. Vor meine Füße fällt ein nackter alter Mann mit zersprungener Nickelbrille und einem hölzernen Kreuz an einer Kordel und den Hals, der selbst nach dem Aufprall nicht aufhört zu faseln. „Der Herr hat es so gewollt. Der Herr hat es so gewollt.“
Mir brennt eine Sicherung durch. Schon während ich ihm die Faust ins Maul dresche, weiß ich, dass es keine Befriedigung bringen wird. Doch er soll einfach still sein. Ich kann es nicht mehr hören, wie sich jeder, der solche Grausamkeiten begeht, darauf beruft, er wisse, was sein Gott wolle. Sei. Einfach. Still! Meine Knochen treffen auf Zähne. Etwas splittert. Etwas platzt hörbar. Der Mund des Alten und meine Fingerknöchel färben sich rot. Das ist echter Schmerz. Ein guter Schmerz.
Ich will gleich nochmal zuschlagen, doch Barry fährt mich an, ich solle das lassen. Die beiden Jäger stürzen mit Artie die Stiege hinunter, schlagen die Klappe hinter sich zu und schieben uns durch den Gang. Auch den Alten, der noch immer nicht schweigen will und alleine von den Kindchen geholt werden möchte. Ich würde ihn lassen. Wenn die Kindlein oft genug zu ihm kommen, kriegt er vielleicht die Gelegenheit, dessen Willen einmal direkt mit seinem Schöpfer zu erörtern. Die anderen sind nicht meiner Meinung. Aus den Augenwinkeln sehe ich hinter uns eine Schar puppengroßer Kinder, die wie ein Rattenschwarm ihrer Beute hinterherwuseln. Wir finden doch noch die Kraft zu rennen. Nach einigen hundert Metern geben sie die Verfolgung auf und verschwinden in Boden und Wänden durch Ritzen, durch die sie in der Wirklichkeit niemals passen könnten. Aber was ist schon die Wirklichkeit? Meine Kehle ist durchschnitten, sobald ich die Augen schließe.

Wir laufen zur Kapelle. Dort soll sich die verdammte Engelsfigur finden. Auf dem Weg dorthin hören wir verdächtiges Klappern aus einem Kunstraum. Barry macht einen Schritt hinein und bekommt eine Staffelei auf den Kopf, die prompt zerbirst. Es ist mehr ein Ploppen als ein Brechen, so morsch ist das Holz. Sein Glück. Der Angriff kommt von Miguel, dem zweiten vermissten Jungen. Der ist außer sich vor Furcht und kreischt: “Geht weg! Lasst mich alle in Ruhe!” Dann versucht er gleich nochmal, Jackson anzugreifen. Erst Fay und Tasha können ihn beruhigen und ihm versichern, dass wir gekommen sind, um zu helfen. Die Kinder fallen sich in die Arme und heulen; vor allem, als die Mädchen Miguel erzählen müssen, dass Lamar es nicht geschafft hat. Ich beschäftige mich angestrengt damit, den Glauben an eine zerfetzte Luftröhre zu bekämpfen.

Nur wenige Schritte weiter sind wir endlich in der Schulkapelle. Unter einem verdorrten, schiefen Weihnachtsbaum, bedeckt mit schimmligen Nadeln, liegen fast hundert Jahre alte Geschenke. Aus einigen sind undefinierbare Flüssigkeiten gelaufen, alle tragen schwarze, modrige Flecken. Auf der Spitze des Baums hockt der Engel. Ein garstiger Wasserspeier, seine kleinen gemeinen Augen glänzen überlegen und höhnisch. Sie fragen mich, wie ich denn glaube, meiner Schuld entfliehen zu können, wo er mich doch eigens hierher geholt hat, auf dass ich büßen kann, was ich so lange von mir gewiesen habe. Er hat recht. Ich bin gekommen, nicht um verwirrte Teenager vor sich selbst zu retten, sondern um meine Vergehen zu tilgen. Es ist so einfach. Ich muss nur die Augen schließen, dann kann ich alle Schuld abtragen, die ich auf mich geladen habe, alle Sünden an denen, die mir vertraut haben und die ich enttäuschte. Marcus, Charles, Bruce, deren Leben ich nicht teilen wollte. Alle, die leiden mussten, weil sie Marcus‘ Hass zum Opfer fielen. Die Toten vom Diner, Bianca, auch Barry, der fast einen Fuß verloren hätte. Agent Saitou, dessen Leben nie wieder dasselbe sein wird, seit ihm im Diner und in Chicago die Augen für das Übernatürliche geöffnet wurden. Cal, dem ich den Ausweg aus dem Himmel geraubt habe, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Geister meiner Vorfahren aus dem Roten Haus, die ich vernichtet habe, statt ihre Geschichten zu erfahren und sie zu echter Ruhe zu betten. Meine Eltern, die ich in England zurückgelassen habe, um nicht täglich daran erinnert zu werden, wie fragil wir doch alle sind, wir ach so hartgesottenen Jäger. Selbst Ian, den ich dafür hasse, dass Howard erst ihn aus dem Auto gerettet hat und dann Vater, und dem ich vorwerfe, dass er mich dazu brachte, das Amulett abzulegen. Alle, die ich nie wieder sehen werde, weil ich die falsche Entscheidung getroffen habe, obwohl ich es hätte besser wissen müssen.
Es ist so leicht, sich von all dem reinzuwaschen. Ich muss nur auf die Knie fallen und die Augen schließen, dann kann ich alle meine Verfehlungen hinter mir lassen. Dann wird das Blut wirklich aus meinem Hals strömen und ich bin frei…

Nein.

Das sind nicht meine Gedanken.

Ich kann mich nicht von Schuld frei machen, indem ich mich zum Sterben hinlege. Das weiß ich. Ja, ich bin schuldig. An vielem. Ja, je nach Lesart ist fast alles, was ich je getan habe, eine Sünde. Aber ich drücke mich nicht vor der Verantwortung, die meine Entscheidungen mit sich bringen.
Ich habe Marcus auf dem Gewissen. Das wird auch immer so bleiben. Aber wenn ich hier sterbe und nicht zurückkehre, um seinem Treiben Einhalt zu gebieten, dann lade ich viel mehr auf mich. Meine Aufgabe muss es sein, das zur Rechenschaft zu ziehen, was ihn zurückgeholt hat. Ob es sich nur als Engel ausgibt oder wirklich ein himmlischer Bote ist. Ich bin dazu erzogen, genau solche Übel zu bekämpfen. Nichts sollte mich davon abhalten. Schon gar nicht eine scheußliche kleine Figur auf einem vertrockneten Stück Gebüsch.
Und ich lasse mich nicht einsperren. Ich will hier raus!

Ich hole tief Luft und schließe ganz bewusst die Augen, nehme noch einmal das Gefühl in mich auf, das Marcus hatte, als er starb, um es zu speichern und als Antrieb zu nutzen. Für jetzt und für später, wenn ich mich ihm stelle. Dann richte ich mich auf und schleudere dem Idol meinen Trotz entgegen. So nicht, du sadistisches Stück Blech!
Neben mir stehen die zwei anderen Jäger, beide in ihre eigenen Kämpfe mit dem Ding verstrickt. Barry legt auf die Christbaumspitze an. Seine Hand ist wieder ganz ruhig. Ein Schuss und die Figur klappert zu Boden. Ethan hebt sie hoch, um sie zu zertrümmern, doch sobald er sie berührt, beginnt wieder das Beben im ganzen Haus. Als wir uns gefangen haben, sind wir zurück in der Realität, in dem Raum voll Müll und Farbresten.

Die Kinder und der wirre Alte sind da. In Summe eine Person mehr, als wir aus dem Haus bringen wollten, auch wenn einer für immer drinnen bleibt. Freuen kann mich das nicht. Der Einarmige flucht beim Blick auf sein Mobiltelefon. Drei Tage. Wir waren drei Tage in dem Höllenhaus.
Fay ist sehr bleich. Jemand wählt den Notruf, während wir die Geretteten und uns selbst in Decken aus dem Auto wickeln. Verdammt, die Polizei kommt natürlich gleichzeitig mit dem Krankenwagen. Das fehlt mir jetzt noch, dass mein Name schon wieder in einer Akte auftaucht. Es gelingt mir, den Sanitätern einzureden, ich habe Asthma. Sie drücken mir ein Spray in die Hand, das tatsächlich ein wenig hilft, und kümmern sich um die stärker Angeschlagenen. Ich setze mich ab, sobald die Polizisten damit beschäftigt sind, die Teenager auszuquetschen. Wir haben uns darauf geeinigt, dem wahnsinnigen Rektor alles in die Schuhe zu schieben. Von allen schlechten Möglichkeiten schien uns diese die beste. Die Wahrheit wird keiner von uns freiwillig sagen. Das Märchen können die anderen der Staatsgewalt auftischen. Je weniger Zeugen, deren Geschichte verdächtig gleich klingt, desto besser.

Bevor ich mich wieder ans Steuer wage, sitze ich fast eine Stunde auf dem Bett und betreibe Selbsthypnose. Mein Hals ist unverletzt. Ich kann atmen. Da ist kein Blut. Die Realität hilft, die Illusion zu beseitigen. Es kommt in Schüben zurück, vor allem, wenn ich an DeVries denke. Damit werde ich mich noch eine ganze Weile herumschlagen müssen. Fürs erste will ich die großen Straßen meiden, wo mich viele Scheinwerfer blenden könnten und zum Blinzeln zwingen. Und dann suche ich mir jemanden, der mir alles über Engel erzählen kann und über solche Ungeheuer, die gern vorgeben, Engel zu sein.

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Eine Antwort zu “Supernatural – Weihnachtstrauma

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