Supernatural – Puppenhaus

Das folgende Abenteuer haben Bad Horse und ich als sogenannten „Side Side Trip“ zu unserer Supernatural-Onlinerunde zu zweit gespielt bzw. über mehrere Wochen hinweg in Textform geschrieben. Dabei haben wir uns mit den Abschnitten aus der Sicht unserer Charaktere jeweils abgewechselt.
Da die einzelnen Passagen jeweils mit dem Charakternamen überschrieben sind, aus dessen Sicht der Abschnitt gerade stattfindet, verzichte ich diesmal auf die farbliche Kenntlichmachung von Bad Horses Texten.

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Ethan

Ethan hat ‘Rain Man’ gesehen. Ein paarmal sogar. Der Soundtrack ist ziemlich cool, und der Film hat echt was. Dass er allerdings mal die Rolle von Tom Cruise einnehmen würde, hätte er nicht gedacht. So kommt es ihm zumindest gerade irgendwie vor. Artie ist nämlich nicht in ein Flugzeug zu bekommen – zu eng, zu viele Leute, und in der Luft?!? – und auch im Auto bekommt er regelmäßig Panikattacken und Platzangst und muss raus. Hier und jetzt und sofort. Was auf dem Highway nicht einfach so geht. Also Landstraße. Also der Vergleich mit ‘Rain Man’. Artie als Ray und Ethan selbst als Charlie. Oder so. Minus die schicken Klamotten, natürlich. Die Ironie darin, dass man ihm schon gesagt hat, er sähe ein bisschen so aus wie der junge Tom Cruise, entgeht ihm dabei nicht.

Gerade steht der Pickup wieder mal am Straßenrand, während Artie sich seine fünf – oder zehn, oder fünfzehn – Minuten Auszeit unter freiem Himmel nimmt. Ethan lehnt an der Fahrerseite und nimmt einen tiefen Zug aus der Zigarette. Auch so ein Ding. Weil er das Führerhäuschen nicht zuqualmen will, solange der Junge drin sitzt, ist Ethan auf Raucherpausen angewiesen. Also ist er gar nicht undankbar für die relativ häufigen Stopps. Und weil er vermeiden will, dass Artie jedes Mal erst in Panik verfallen muss, ehe er aus dem Auto kommt, hält Ethan auch schon mal vorher an. Wenn er sich dabei dann auch gleich eine Kippe gönnen kann, hey.

Es ist gar nicht mehr so weit bis Stuttgart, Arkansas. Eine Stunde vielleicht noch, oder zwei. Mit etwas Glück können sie die letzte Etappe in einem Rutsch schaffen. Ethan beobachtet Artie, wie der Junge auf dem winterlich-kahlen Feld herumtobt. Krähen fliegen von den Schollen auf und verschwinden empört kreischend im grauen Februarhimmel. Von hier aus kann Ethan den Gesichtsausdruck des Jungen nicht genau sehen, aber zumindest seine Bewegungen wirken locker und entspannt. Gut.

Inmitten des Feldes steht eine Vogelscheuche. Von hier aus wirkt sie ziemlich alt und abgerissen, und die Krähen haben sich nicht sonderlich um das Ding bekümmert, scheint es. Artie rennt darauf zu, bleibt davor stehen und betrachtet das Gebilde aus Stroh und Flicken neugierig. Dessen zerfleddertes Hemd flattert leicht im Wind.

Und dann schreit Artie plötzlich auf, wirbelt herum und schießt geduckt quer über das Feld auf den Pickup zu. In exakt derselben Haltung, die er auch in dem Höllenhaus die ganze Zeit hatte. Verdammt!

Ethan denkt nicht lange nach. Reißt Fahrer- und Beifahrertür des Pickup auf, rennt Artie dann entgegen. Das Gesicht des Jungen ist kreidebleich. “E-than! E-than! Die… die!“
Als er den Kleinen erreicht hat, lässt er ihn überholen, bleibt dann hinter Artie, gibt dem Jungen Deckung. “Steig ein!”
Ethan sprintet auf die Fahrerseite, hechtet hinter das Steuer, dreht den Zündschlüssel – lass mich nicht im Stich! – und tritt heftig aufs Gas, als der Motor brav anspringt. Erst als der Nissan bereits rollt, greift er nach dem Gurt und bedeutet auch Artie, sich anzuschnallen.

Der Junge atmet in abgehackten, schnellen Zügen und sieht immer wieder nach hinten durch die Heckscheibe. Auch Ethan sichert wachsam durch die Spiegel. Aber nichts zu sehen.
“Was war?”
“Die… die Hogelheuche!”
Ethan hat inzwischen deutlich mehr Erfahrung darin, Arties Aussprache zu verstehen. Die hat sich in den letzten Wochen aber auch schon um einiges verbessert. Er bemüht sich auch immer eigens, selbst deutlich zu reden, dem Kleinen ein gutes Vorbild zu sein. Naja. So gut er eben ein Vorbild sein kann, jedenfalls. Artie solle “viel Sprache hören”, haben die Ärzte empfohlen. Ha. Noch ein Grund, warum er kein geeigneter Pflegevater für den Kleinen ist. Verdammt.
“Was war mit der Vogelscheuche, Artie?”

Bis der Junge sich soweit wieder beruhigt hat, hat Ethan die Geschichte aus ihm herausbekommen. Nicht dass es so viel zu erzählen gibt. Die Vogelscheuche hat die Augen aufgemacht, ihn angesehen, komische Geräusche von sich gegeben und angefangen, von ihrer Stange herunterzusteigen.
Puh. Ethan hat keinen Zweifel, dass Artie irgendwas gesehen hat. Aber was genau könnte es gewesen sein? Es gäbe da einige Möglichkeiten. Naja. Erst mal weiterfahren. Den Kleinen sicher abliefern. Dauert ja nicht mehr lange. Dort kann er sich dann auch mit Barry besprechen. Jemand zum Besprechen. Huh. Komischer Gedanke.

***

Barry

Der Tag ist sonnig, aber kalt. Barry steht vor dem Haus und raucht Pfeife. Das Gebäude ist noch ziemlich neu, erst letztes Jahr fertig geworden: Ein großes Holzhaus mit Solarpanelen auf dem Dach und moderner Umwelttechnik, die den Energieverbrauch minimiert. Zwei Stockwerke, viele Fenster, ein kleiner Seitenflügel. Daneben der Stall für die drei Pferde und eine eingezäunte Weide. Um das Haus herum größtenteils Wildnis, ein Waldstück, dann ein paar Felder. Sehr isoliert, zumindest für Barrys Geschmack, aber Tam und die Kinder lieben es hier draußen.
Katie und Peter sind in der Schule oder im Kindergarten, Tam in der Detektei, und er hat gerade einen Entwurf für das Peer Review beendet, um den ihn das Journal of Native American Language Studies gebeten hatte. Alles in allem könnte er zufrieden sein, aber er spürt eine innere Unruhe, die er sich nicht recht erklären kann. Vielleicht ist er einfach nervös, weil in den nächsten Tagen Ethan mit Artie eintreffen will. Seinem und Tams neuem Pflegekind, das Jahrzehnte in einer Höllendimension eingesperrt war.

Er überlegt gerade, ob er noch eine Runde laufen gehen soll, als Ethans staubiger Pickup den schmalen Weg zum Haus entlang gefahren kommt. Kaum bleibt das Auto stehen, als die Tür aufspringt und Artie hinausschießt wie ein nervöses Eichhörnchen. Der Junge hat in den letzten Wochen zugenommen und wirkt nicht mehr so ausgemergelt, und seine hellen Haare sind ein bisschen gewachsen.
Artie bleibt ein Stück vor dem Auto stehen und schaut sich hektisch um. Als er Barry sieht, erschrickt er zunächst, aber dann erkennt er ihn und läuft aufgeregt auf ihn zu.
Er sagt etwas, aber Barry versteht ihn nicht recht. Heuhe? Kähe?

„Hallo Artie“, sagt Barry mit ruhiger Stimme. „Ich verstehe dich nicht, tut mir leid. Kannst du bitte etwas langsamer sprechen?“
Ethan ist mittlerweile auch ausgestiegen und kommt näher. Er will etwas sagen, aber Barry bedeutet ihm, Artie reden zu lassen. Mit etwas Geduld erfährt er schließlich, dass es um eine unheimliche Vogelscheuche geht. Und Krähen.

Barry schaut auf und streicht sich die langen Haare, die er ausnahmsweise offen trägt, aus dem Gesicht. Er nickt Ethan grüßend zu und bemerkt dabei die drei großen schwarzen Krähen, die auf dem Zaun der Pferdeweide sitzen und Artie, Ethan und ihn stumm mustern.

Mit einer Kopfbewegung macht er Ethan auf die Vögel aufmerksam. „Lasst uns mal reingehen“, sagt er.

***

Ethan

Auf den letzten dreißig Meilen oder so hat sich der bedeckte Himmel immer mehr aufgehellt. Als sie die unbeschilderte Abzweigung nehmen, die Barry beschrieben hat, scheint sogar die Sonne. Während er langsam an dem Wäldchen entlang fährt, dann die Kurve zum Haus nimmt, das hinter Feldern und einem Corral zu sehen ist, lässt Ethan die Umgebung auf sich wirken.

Er weiß nicht so genau, was er erwartet hat, aber einen Hof wie diesen hier irgendwie nicht. Ethan pfeift unhörbar durch die Zähne. Wow. Hübsch hier. Besser als alles, was er Artie bieten könnte. Dem Kleinen wird es hier gefallen, könnte er wetten.

Die drei Krähen, die auf dem Zaun hocken wie Punktrichter beim Kampfsport, wären ihm vermutlich auch aufgefallen, wenn Barry ihn nicht darauf hingewiesen hätte. Aber so oder so, der Ältere hat recht. Ethan erwidert dessen Nicken, lässt Artie vorangehen und folgt Jackson dann selbst.

Innen macht das Haus einen ganz ähnlichen Eindruck wie außen. Neu. Modern. Klar. Aber deswegen nicht kalt oder steril oder so. Im Gegenteil. Bewohnt. Von Leben erfüllt. Irgendwie gemütlich. Ja. Artie wird es hier gut haben. Ethan nickt leicht, wie zu sich selbst.

Mrs. Jackson und die Kinder sind nicht da. Schade. Oder vielleicht besser gerade. Barry zeigt ein bisschen was vom Haus, ehe alle drei mit Getränken vor sich an dem großen Esstisch sitzen. Zaghafte Versuche, Smalltalk zu betreiben, scheitern an allgemeiner Redeunlust ebensosehr wie an dem vordringlichen Thema, das allen im Kopf herumgeht.
“Also, was war das mit einer Vogelscheuche und mit Krähen?”

Ethan beschreibt knapp, was er selbst gesehen hat, und vor allem, dass das Ganze ein Stück außerhalb des Städtchens Marianna vorgefallen ist, ehe auch Artie nochmal aus seiner eigenen Sicht berichtet.
“Könnte einiges sein”, brummt Ethan schließlich. “Viel los in Marianna?”
Er meint übernatürliche Vorkommnisse, aber das kann Barry sich ja denken.

***

Barry

Barry überlegt kurz. Er kennt Marianna eigentlich nicht, aber Tam hat angefangen, eine Mappe mit Gerüchten, Legenden und geheimnisvollen Vorkommnissen in den umliegenden Orten anzulegen.
Die Ordner stehen eigentlich in der Detektei, aber Barry hat Glück: Im Schlafzimmer findet er ein paar Mappen mit der Aufschrift “Marianna”.
“Drei Sachen”, sagt er, als er wiederkommt. “Erstens, der Spukfriedhof in Marianna ist eine Touristenfalle. Zweitens, vor fünf Jahren haben Seismologen dort eine Erdverwerfung entdeckt, die für heftige Erdbeben sorgen könnte. Drittens, es gibt da ein mögliches Spukhaus, die Villa der Greers. Das waren wohl Sklavenhalter, im Bürgerkrieg soll es dort ein Massaker unter den Sklaven und Herren gegeben haben.”
Er zuckt die Achseln. “Die Vogelscheuche kommt mir komisch vor… das ist eigentlich Baumwollgebiet. Wenn Tam wieder da ist, können wir ja mal hinfahren und uns das anschauen.”
Artie schaut bei dem Vorschlag erschrocken drein. “Chwill nich”, nuschelt er.
“Nein, Artie, du musst nicht mit”, sagt Barry. Artie schaut nur wenig beruhigt und will offenbar etwas sagen, aber da hört man draußen ein Auto vorfahren und einmal kurz hupen. Eine ziemlich charakteristische Hupe. Barry entspannt sich wieder.
“Das sind sie”, sagt er. Kurz darauf stürmt Pete in den Raum wie ein vierjähriger Wirbelwind und plappert aufgeregt: “Daddy, da draußen sind sooo viele Krähen!”
Kurz darauf kommen Tam und Katie mit ein paar Einkäufen herein. Tam nickt Ethan zu.
“Hey, ich kenne dich”, sagt sie. “Du warst auch im Roadhouse, als MadMillan durchgedreht ist, oder?”
Es vergeht ein bisschen Zeit mit Vorstellen und Kennenlernen. Barry nutzt das aus, um nach draußen zu schauen. Tatsächlich: Auf dem Weidenzaun und auf einem Baum vor dem Haus sitzt ein ganzer Schwarm Krähen, die alle stumm und unbewegt auf das Gebäude starren. Das ist bedrohlich, und Barry fragt sich, ob es eine gute Idee war, einen Vollzeitjäger zu sich nach Hause einzuladen.

***

Ethan

Die drei Krähen auf dem Zaun hätten vielleicht noch Zufall gewesen sein können. Die ganze Meute, die sich inzwischen angesammelt hat, ist es nicht. Vor allem, da keines der Tiere auch nur einen einzigen Laut von sich gibt.

Um die drei Kinder nicht zu beunruhigen, wirft Ethan nur einen kurzen Blick nach draußen, ehe er sich wieder seinen Gastgebern zuwendet. Tam hatte er tatsächlich vage als aktive Jägerin im Hinterkopf, auch wenn er sie seit Jahren nicht zu Gesicht bekommen hat. Und keinerlei Ahnung hatte – tatsächlich ein wenig baff ist -, dass sie Barry nicht nur kennt, sondern mit ihm verheiratet ist. Macht aber Sinn, irgendwie. Keine Geheimnisse, keine Ausflüchte, keine Erklärungsversuche des Unerklärbaren nötig. Andererseits natürlich die gegenseitige Sorge, wenn es beide jederzeit erwischen kann. Ethan schüttelt den Gedanken ab. Gibt Wichtigeres jetzt.
“Lass hinfahren.”

Und hoffentlich den beunruhigenden Vogelschwarm von Barrys Familie wegziehen, ist Ethans Gedanke. Und von Artie. Der wiederum sieht die beiden Männer zweifelnd an. “Aba die Heuche?”, wirft er zaghaft ein.
“Wir passen auf”, versucht Ethan den Jungen zu beruhigen. “Bleib du hier.”

Der ganze Plan ist natürlich komplett für die Füße, falls die Krähenschar den Köder nicht schluckt. Solange die Biester beim Haus bleiben, fahren die beiden Jäger garantiert nirgendwo hin. Ethan deutet mit dem Kinn Richtung Eingangstür. “Hab Kram im Auto.” Allerdings nichts, was speziell auf unheimliche Krähenschwärme oder lebendige Vogelscheuchen gerichtet wäre. Standard-Kram halt. Barry nickt und geht seine eigene Ausrüstung holen, während Ethan Mrs. Jackson entschuldigend ansieht. Die hat sich die Ankunft ihres neuen Pflegekindes bestimmt auch anders vorgestellt.

Der Nissan hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Er hat eine stabile Karosserie, einen unverwüstlichen Motor und im Laufe seines Autolebens etliche zehntausend Meilen hinter sich gebracht. Was er nicht hat, ist eine Funkfernbedienung für die Tür. Ethan späht hinaus und presst kurz die Lippen aufeinander. Die Krähen sind allesamt noch da. Er öffnet die Tür und geht langsam auf sein Auto zu. Beobachtet den Schwarm angespannt aus dem Augenwinkel, ohne die Vögel direkt anzusehen. Nichts rührt sich. Jeder seiner Schritte kommt Ethan unnatürlich langsam vor, Super-Zeitlupe. Jetzt ist er am Pickup angekommen. Hunderte Vogelaugen mustern ihn. Schlüssel ins Schloss. Umdrehen. Herausziehen. Türgriff packen. Federn rascheln leise im Februarwind, sonst ist nichts zu hören. Tür aufziehen. Kein Kreischen, kein Kakeln. Einsteigen. Die Beifahrertür für Barry öffnen. Glänzende Vogelaugen. Die Zeit beginnt in dem Moment wieder im Normaltempo zu laufen, als Jackson sich neben ihn auf den Beifahrersitz fallen lässt. Tür zu und los. Die Krähen rühren sich keinen Millimeter. Verdammt, verdammt, verdammt!

Um sicherzugehen, fährt Ethan bis zur Straße vor. Der Krähenschwarm ist ein schwarzer Schleier vor dem Haus der Jacksons.
“Ist scheints Artie.” Verdammt!
An der Ausfahrt dreht Ethan und fährt denselben Weg wieder zurück, hält aber diesmal so dicht am Haus, wie er kann. Die Krähen mustern den Pickup reglos.
“Hilft nix. Artie muss mit.”

***

Barry

Barry atmet tief durch. Das gefällt ihm gar nicht, aber er hat gesagt, dass Artie Teil der Familie wird.
“Der ist im Haus sicher”, sagt er. Hofft er. “Im Keller ist ein Panikraum, im Notfall. Tam kommt klar.” Wie stellt sich Ethan das vor mit dem Jungen? Wenn sie angegriffen werden, ist er im Weg, und draußen ist er ein leichteres Ziel als drinnen.
Als er sieht, dass Ethan zögert, fügt er hinzu: “Fällt mir jetzt auch nicht leicht. Aber ich denke, das Problem liegt bei der Vogelscheuche und nicht hier.”

***

Ethan

Ethan runzelt die Stirn, sieht zu Barry hinüber. Nickt dann. “Hab nur ‘Die Vögel’ mal gesehen. Fenster eingeflogen und so. Dachte, wenn die uns folgen… Und.” Er zögert. “Wär die Bestätigung, dass sie an Artie hängen. Aber ‘n Panikraum ist gut.”

Kurz entschlossen legt Ethan den Rückwärtsgang ein, dreht den Nissan um und fährt wieder zur Straße zurück. Vor seinem inneren Auge spult sich eine Mischung aus halb erinnerten Filmszenen aus ‘Die Vögel’ und der Vorstellung davon, wie sich der Schwarm hier auf Jacksons Haus stürzt, ab. Ethan schüttelt ärgerlich den Kopf. Solche was-wäre-wenn-Horrorvisionen haben keinen Platz in seinem Hirn jetzt! Und vor allem, wenn die Vogelmeute sich auf den Pickup stürzen würde, würden dessen Fenster auch nicht länger halten als die des Hauses. Barry hat schon recht, Artie ist sicherer in dessen vier Wänden. Deutlich sicherer. Also warum dieses Unbehagen? Dieser Zweifel?

Mehrere Meilen fährt er schweigend, kaut auf dem Gedanken herum wie ein Hund auf einem alten Pantoffel. Von den Krähen ist beim Auto weiterhin keine Spur zu sehen.
Dann beginnt er unvermittelt zu reden, an den Fingern abzuzählen.
“Eine Art Voodoo zur Belebung. Der Geist des alten Farmers reingefahren. Überhaupt ‘n Geist reingefahren. Oder reingezwungen worden. Fällt mir jetzt so ein. Aber warum die Krähen?”

***

Barry

Barry fährt aus seinen Gedanken auf, als Ethan zu reden beginnt. Er hat nur den Anfang von ‘Die Vögel’ gesehen, dann wurde es zu gruselig. Gut, damals war er auch neun. Trotzdem macht er sich Sorgen um seine Familie. Ja, die Fenster sollten halten, die sind kugelsicher. Ja, die Kräuter sind frisch. Ja, Tam ist eine kompetente Frau, die sich zu wehren weiß. Ja, die Kinder sind nicht so blöd, rauszugehen. Nein, er hat seine Familie nicht in der Gefahr zurückgelassen. Das Haus ist beschützt.
“Krähen sind Boten des Todes”, sagt er langsam. “Wenn jemand den Tod fernhält, schickt er die Krähen, um denjenigen zurück zu holen.” Die Krähen auf Mist haben alle Einwohner zerrissen, nachdem das verschlossene Tor wieder geöffnet war. Unruhig fährt er sich über die schwachen Narben an Armstumpf, wo die Krähen ihn auch erwischt haben. Nur ein Versehen, die wollten andere.
“Vielleicht beschützt die Vogelscheuche jemanden, der eigentlich tot sein sollte. Oder sie ist ein Symbol.” Er überlegt. “Ich weiß aber auch nicht, warum die jetzt Artie folgen. Ich hoffe, er hat da nichts mitgenommen.”
Verdammt. Sie hätten noch mal ausführlicher mit dem Jungen reden sollen.
“Oder da hängt ein Geist in der Vogelscheuche. Kann auch sein. Möglicherweise kontrolliert der die Krähen.” Er schweigt einen Moment. “Wenn da ein Geist ist, können wir versuchen, den zu provozieren. Vielleicht ruft er dann die Krähen, um uns anzugreifen.” Großartiger Plan, aber besser als nichts. Außerdem sind sie schon fast da.
Kurz bevor sie Marianna erreichen, kommt ihm noch ein Gedanke. Kein sehr schöner Gedanke, und er zückt sofort sein Handy und schickt Tam eine SMS: “Behalt Artie im Auge. Besessen?”
“Vielleicht”, sagt er langsam. “War in der Vogelscheuche etwas, das die Krähen bewacht haben. Und das ist jetzt in Artie.”

***

Ethan

Ethan punktiert Barrys Überlegungen mit mehreren nachdenklichen “mmhm”s sowie einem “Sag ich doch“, als Jackson die Theorie von einem Geist wieder aufgreift. “Hab ihn nix aufheben sehen”, fügt er dann noch hinzu. “Hat beim Rumrennen halt die Krähen hochgescheucht.”
Die Vorstellung, dass irgendeine Wesenheit in Artie gefahren sein könnte, erschreckt Ethan zutiefst. Auch wenn er es eigentlich nicht glaubt, allein der Gedanke ist… brrrr.

“Noch ne Idee”, murmelt er, vielleicht auch, um sich von der Schreckensvision Artie-könnte-besessen-sein abzulenken. “Gab mal n Fall. Wie in dem Film. Dings. Pinocchio. Müsst man wissen, wie’s hier war. Wie viel Herz der Farmer reingesteckt hat.”

Von Barrys Zuhause aus kommend, befindet sich das Feld mit der Vogelscheuche ein Stück hinter Marianna. Ethan wendet den Pickup und hält dann mit der Front Richtung Stadt am Straßenrand, so gut er kann an exakt derselben Stelle, wo der Hardbody auch vorhin gestanden hatte. Draußen scheint alles ruhig. Mitten im Feld steht weiterhin – oder wieder – die Vogelscheuche reglos an ihrem Platz. Der einzige Unterschied zu vorhin: keine einzige Krähe in Sicht. Am hinteren Rand endet das Feld an einer Linie von Bäumen – wie groß das Waldstück ist, kann Ethan von hier aus nicht sagen, aber auf dem Herweg vorhin sind sie an einem Schild vorbeigekommen, auf dem stand, dass der St. Francis National Forest hier irgendwo sein muss. Dort am Waldrand scheint auch ein Gebäude durch die Bäume zu schimmern. Ob Rangerhütte, Geräteschuppen oder Wohnhaus, ist von hier nicht auszumachen.
Ethan sieht nochmals über das Feld, atmet dann durch und greift nach seiner Tasche mit der Ausrüstung.

***

Barry

Barry verzichtet darauf, Ethan zu erklären, dass Pinocchio eigentlich eine Figur aus den Geschichten von Carlo Collodi ist. Er hat den Eindruck, dass der Jüngere längere Zeit von anderen Menschen isoliert war – die verkürzte Diktion, die schlampige Aussprache. Vielleicht kann er ihn auf dem Heimweg mal drauf ansprechen.
Aber jetzt wollen sie sich erst mal diese Vogelscheuche anschauen, die auf einem kahlen Feld steht und vom Wind leise bewegt wird. Mit etwas Glück hat Ethan recht und Artie ist nicht besessen. Barry überlegt kurz und nimmt noch eine Plane aus Ethans Pickup. Der hat da alles Mögliche gebunkert.
“Falls die Krähen kommen”, erläutert er, als Ethan ihn fragend ansieht. “Deckung.” Jetzt fängt er auch schon mit diesen verkürzten Sätzen an. Andererseits: Barry ist ohnehin kein Smalltalk-Wunder. Insofern… Ethan nickt nur. Er hat verstanden.
Gemeinsam gehen die beiden misstrauisch auf die Vogelscheuche zu. Der Wind dreht sie in ihre Richtung – oder ist das der Wind? Es wirkt, als würde das Ding sie aus den angenähten Knopfaugen anglotzen.
Gerade als Barry vorsichtig seinen Haken ausstreckt, um die Strohpuppe anzufassen, ertönt ein Schuss. Eine Schrotflinte. Bevor er überhaupt nachdenken kann, hat Barry seine eigene Waffe in der Hand. Ethan neben ihm hebt das Gewehr und löst die Sicherung, vermutlich genauso automatisch.
Am Waldrand steht ein kleiner, gedrungener Mann mit drahtigen weißen Haaren und einem Ziegenbärtchen. Er hält eine Schrotflinte in der Hand und zielt auf Barry und Ethan.
“Verschwindet von meinem Land”, keift er. “Ihr habt hier nichts verloren! Landstreicher! Touristen!” Er hat eine heisere, krächzende Stimme. Einen ganz schwachen osteuropäischen Akzent.
Barry schaut zu Ethan, der sein Gewehr langsam wieder sinken lässt. Nach kurzem Zögern steckt er die eigene Waffe auch wieder ein. Ist vermutlich der falsche Zeitpunkt, den Alten einfach niederzuschießen.
“Sorry”, ruft er, während er sich ein Stück zurückzieht. “Das ist ‘ne schöne Vogelscheuche… kann man die irgendwo kaufen?” Die Strohpuppe starrt ihn und Ethan immer noch an. Das ist nicht der Wind. Die Knopfaugen sind viel zu blank und poliert für eine Figur, die bei jedem Wetter draußen steht.
“Verschwindet! Lasst sie in Ruhe!”, brüllt der Alte mit überschlagender Stimme. Sein Gesicht ist rot geworden, und er hebt die Waffe. “Ich sag’s nicht noch mal! Das ist mein Land!”
Barry hebt die Hand. “Alles klar, wir gehen ja schon”, sagt er und geht zurück in Richtung Straße.

***

Ethan

Sein Gewehrlauf schwingt Richtung Boden. Mit der freien Hand macht Ethan eine beschwichtigende Geste, ehe er langsam rückwärts geht. Erst nach etlichen Metern, während derer er aufpassen muss, dass er nicht über im Weg liegende Steine oder Erdschollen stolpert, dreht er sich um und läuft vorwärts auf den Hardbody zu. Beinahe erwartet er einen Schuss in den Rücken, aber nichts geschieht, außer dass das Geschimpfe des alten Mannes hinter ihm langsam abzuebben scheint.

Zurück an der Straße angekommen, geht Ethan zur Fahrerseite des Pickup und wirft einen Blick auf das Feld und den alten Mann, der dort noch immer steht und ihnen böse hinterherstarrt. Mit einem “Hmmm” steigt er ein und öffnet von innen die Tür für seinen Begleiter, ehe er ein relativ benutzt und häufig gefaltet aussehendes Kartenset aus dem Handschuhfach kramt. Der gute alte Rand McNally. Was hat der Ethan im Laufe der Jahre schon geholfen, wo der Pickup kein Navigationsgerät besitzt. Er zieht die Karte von Arkansas aus dem Packen und hält sie Barry hin, ehe er das restliche Set wieder ins Handschuhfach legt und dann erst einmal losfährt, weg aus dem Sichtfeld des Alten. Wer weiß, auf was für Ideen der sonst vielleicht kommt, wenn der Pickup hier noch länger steht.

Eine Viertelmeile weiter hält Ethan wieder an. Mit fragendem Blick sieht er zu seinem Beifahrer hinüber, der derweil die Karte aufgefaltet und scheinbar die richtige Gegend gefunden hat. “Feldweg?”

***

Barry

Barry schreckt auf, als Ethan ihn unvermittelt nach einem Feldweg fragt. Tatsächlich hat er die Karte nach indianischen Ortsnamen abgesucht – mit bescheidenem Erfolg, aber das war auch gar nicht zu erwarten. Offenbar hat Ethan gedacht, er sucht auf der Karte nach einem Weg. Tja, der kennt ihn noch nicht richtig.
“Keine Ahnung”, antwortet er und gibt Ethan das Ding rüber. “Ich hab einen Bach und einen Hügel gefunden… hier…”, er deutet auf die Karte, “die Namen klingen nach Quapaw. Könnte ‘schwarz’ heißen.” Ethan wirkt weder allzu beeindruckt noch allzu interessiert, also verzichtet Barry auf die längere Herleitung dieser Erkenntnis. “Könnte sogar ‘Krähe’ bedeuten, aber das kann ich aus dem Stehgreif nicht sagen.” Eigentlich ist das nur geraten, aber egal. Es geht ja hier nicht um ein wissenschaftliches Paper, sondern um eine belebte Vogelscheuche. Und einen Krähenschwarm, der ein paar Meilen weit weg um sein Haus herum sitzt.
Während Ethan die Karte studiert, zieht Barry sein GPS-Gerät aus der Tasche. Sehr zur Erheiterung seiner Frau verläuft er sich auch mit dem Ding ständig, aber wenigstens findet er damit irgendwann wieder zurück.
“Bach”, sagt Ethan schließlich und startet den Wagen wieder. Okay, tatsächlich, sie fahren ein paar Kurven, erreichen eine Schotterpiste und halten schließlich an einem Bach. Könnte der schwarze Bach sein – ganz sicher ist Barry nicht, aber Ethan scheint zu wissen, wo er ist.
Mit dem Auto kommen sie hier nicht weiter, also steigen die beiden wieder aus. Bevor er Ethan folgt, zieht Barry seine Jacke aus und schiebt die Ärmel seines T-Shirts hoch, sodass man die beiden Krähen sehen kann, die er auf die Schultern tätowiert hat.
Auf Ethans fragenden Blick meint er nur: “Ist ‘ne Verbindung.” In die Tinte der Tätowierung hat er damals die Federn von einigen Krähen gemischt, die Sendboten des Todes waren. Vielleicht ist das gar nicht so klug, aber wenn er damit den Schwarm anlockt, dann belauert der nicht mehr seine Familie.
“Wir gehen zum Haus von dem Alten?”, fragt er, nachdem er Ethan ein paar Minuten durch ein Waldstück gefolgt ist. Ethan schaut ein bisschen ungläubig, nickt aber.
Über den beiden Männern beginnt der Himmel, sich zu verdüstern, und ein kalter Wind kommt auf.

***

Ethan

Sich den Weg durch den Wald zu bahnen und dabei nicht von der geplanten Linie abzukommen, erfordert Ethans volle Aufmerksamkeit. Deswegen bemerkt er auch erst, dass es dunkler geworden ist, als er tatsächlich zwischen den Bäumen kaum mehr etwas sehen kann. Eigentlich sollten sie ihr Ziel doch schon erreicht haben… Aber noch ist von dem Haus keine Spur zu erkennen; kein Licht, kein Geräusch. Nicht mal Rauchgeruch. Aber das Unterholz ist hier auch besonders dicht. Als wolle es einen daran hindern, hier entlang zu gehen. Na gut. Dann eben außen rum. Irgendwo wird ja wohl ein Durchkommen sein.

Das Dickicht zwingt die beiden Männer zu einem gehörigen Umweg, der schließlich an einem schmalen Pfad herauskommt.
Stirnrunzelnd konsultiert Ethan die Karte, wendet sich dann zu Barry. Über das Pfeifen des Windes muss er die Stimme heben, um sich verständlich zu machen. “Da lang. Geht scheints nicht anders.”
Und tatsächlich taucht nach einigen Windungen des Weges ein Gebäude auf. Bei näherem Hinsehen erweist es sich als ein altes, vergleichsweise kleines Holzhaus, das vermutlich einmal in dem dunklen Rot angestrichen war, wie man es von den Häusern skandinavischstämmiger Familien kennt, dessen Farbe im Laufe der Jahre aber zu einem vage bräunlichen Ton verblasst ist. Von draußen ist kein Lichtschein zu sehen, und das Haus wirkt verlassen. Auch zu hören ist nichts. Nicht aus dem Haus, nicht vom Feld, das da irgendwo hinter den Bäumen liegen muss. Keine Krähen. Logisch. Die sind ja alle noch bei den Jacksons. Aber sie sind lange genug durch den Wald getappt, dass der alte Mann mit der Schrotflinte schon längst wieder die Zeit gehabt haben muss, vom Feld zurückzukommen.

Ethan nimmt sein Gewehr von der Schulter und umfasst es locker, während er mit der freien Hand erst zum Haus deutet und dann einen Finger auf die Lippen legt.

***

Barry

“Warte mal”, sagt Barry leise. “Was hast du jetzt vor, willst du da einfach mit Gewehr im Anschlag rein?”

Ethan zuckt die Schultern. Wahrscheinlich will er erst mal sehen, was da überhaupt los ist, aber wenn das das Haus des Alten ist, dann endet das in einer Schießerei. Barry hat keine Lust, in der Nähe seines Wohnorts in einen Mord verwickelt zu werden. Zumal noch gar nicht klar ist, was der Alte mit der Sache zu tun hat. Er fragt sich, wie abgebrüht Ethan eigentlich ist – nach St. Trinity hat der Jüngere verletzt und einsam gewirkt, aber tatsächlich weiß Barry nichts über ihn. Er hat ein ganzes Arsenal Waffen in seinem Auto, Waffen und Jagdausrüstung. Wie oft ist Ethan wohl schon in ein Haus gegangen, mit seinem Gewehr in der Hand? Wie oft hat er sich schon aus dem Staub gemacht, weil etwas schief gelaufen ist? Immerhin war er gut zu Artie. Trotzdem ist er verdammt schnell mit der Waffe bei der Hand, und Barry weiß nur zu gut, wie gründlich das aus dem Ruder laufen kann.

Aber irgendwie müssen sie ja an Informationen kommen.

“Lass uns erst mal sehen, ob jemand zu Hause ist, okay?” Mit diesen Worten hebt er einen Stein auf und – ohne auf Antwort zu warten – wirft ihn auf ein Fenster. Das Fenster ist mit schweren Holzläden verschlossen, aber der Stein trifft ganz gut. Selbst über das Geheul des Windes hört man ein dumpfes Geräusch.

Aber im Haus tut sich nichts. Kein Licht, keine Bewegung, und vor allem kein alter Mann mit einer Flinte.

Barry deutet auf Ethans Gewehr. “Lass das mal draußen, oder versteck’s. Wir müssen nicht gleich wie Raubmörder aussehen.” Gut, er weiß, dass er selbst kein beruhigender Anblick ist, und vermutlich ist Ethan der Falsche, wenn es darum geht, jemandem gut zuzureden. Trotzdem. Eskalieren ist einfacher als de-eskalieren.

***

Ethan

“Warte mal”, sagt Barry leise. “Was hast du jetzt vor, willst du da einfach mit Gewehr im Anschlag rein?”
Nicht im Anschlag. Aber besser dabeihaben als nicht. Denn irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht. Und bei der Vorstellung, dass der Alte irgendwie da mit drin hängt, dass die Vogelscheuche Artie etwas antun wollte, dass ein unzählbar großer Schwarm von Krähen jetzt das Haus der Jacksons belagert und nur darauf wartet, Barrys Familie Böses zuzufügen, dass diese Leute in Gefahr sind, nur weil sie einem Waisenjungen eine Freundlichkeit erweisen wollen, knirscht Ethan unwillkürlich mit den Zähnen.

Aber nichts davon sagt er laut. Er spannt sich an, als Barrys Stein gegen den Fensterladen fliegt, wartet förmlich darauf, dass der alte Mann Gift und Galle und Schrotkugeln spuckend aus dem Haus gestürzt kommt. Aber nichts rührt sich, und so erlaubt Ethan sich nach einem schier endlosen Moment ein leises Aufatmen.

Jacksons Aufforderung ringt ihm die Andeutung eines hochgezogenen Mundwinkels ab. Das Gewehr verstecken? Unter seiner Jacke? Und sich dann noch bewegen können? Keine Chance. Aber stimmt schon. Noch hat der Kerl ihnen nichts getan, außer sie von dem zu verjagen, was er sein Land genannt hat. Falls das denn stimmt. Was sie nicht überprüfen können. Macht aber keinen Unterschied.

“Hast recht”, murmelt Ethan nach kurzem Zögern, sieht sich um und lehnt die Waffe dann gegen den nächsten Baum. Erschreckend, wie verwundbar er sich ohne das Ding fühlt. Aber im Diner und in Dana Point hatte er es auch nicht dabei. Muss so gehen.
Er nickt seinem Begleiter zu und geht, noch immer wachsam, zur Eingangstür. Neben dem Haus ist Platz für ein Auto, stellt Ethan fest. Keine Garage, kein Carport. Und auch wenn die Stelle kahl ist, als habe früher hier mal regelmäßig ein Fahrzeug gestanden, sind da keine frischen Reifenspuren, keine Ölflecken. Ob der Mann wirklich jedes Mal den ganzen Weg bis Marianna läuft? Das kann Ethan sich kaum vorstellen, hat jetzt aber auch keine Zeit, länger darüber nachzugrübeln.

Vorsichtig dreht er am Türknauf. Abgeschlossen. Verdammt. Aber nicht anders zu erwarten.
Ein fragender Blick zu Barry. Der ist doch Privatdetektiv. Vielleicht hat der sowas wie Dietriche.

***

Barry

Barry hebt die Hand und bedeutet Ethan, kurz abzuwarten. Die Tür können sie später noch eintreten, jedenfalls vermutet er, dass Ethan das mit seinem Blick gemeint hat. Vielleicht finden sie ja ein offenes Fenster oder etwas Ähnliches… er geht zu den verschlossenen Fensterläden, auf die er den Stein geworfen hat, und ruckelt ein bisschen daran herum. Tatsächlich: Etwas gibt im Inneren nach und er kann den rechten Fensterladen aufziehen.

Aber gerade, als er durch das Fenster ins dunkle Zimmer sehen will, kracht der Fensterladen wieder zurück und trifft ihn voll am Kopf. Benommen taumelt er ein Stück zurück und spürt, wie warmes Blut sein Gesicht herunterläuft.

Gut, immerhin. Das beweist zumindest, dass hier etwas nicht stimmt.

“Hol das Gewehr”, sagt er zu Ethan. “Wir gehen rein.” Der Wind heult und fegt weiter um das Haus und weht ein paar verirrte Schneeflocken herum. Barry deutet auf den Fensterladen, der jetzt wieder geschlossen ist. “Das war nicht der Wind. Der weht in die andere Richtung.”

***

Ethan

Der dumpfe Schlag, als der Fensterladen Barrys Schläfe trifft, hätte nicht als Schock kommen dürfen. Tut er aber trotzdem. Ethan zerbeißt einen Fluch zwischen den Zähnen. “Alles okay? Zeig mal her.”

Sonderlich gut kennt er sich zwar nicht mit sowas aus, aber die Wunde wirkt zum Glück nicht übermäßig ernst. Der Verbandskasten ist im Auto, aber seit einer Weile hat Ethan meist einen von diesen kleinen Erste-Hilfe-Beuteln aus Nylon in der Innentasche. Ein behelfsmäßiges Pflaster später nickt er Barry zu und geht seine Flinte holen, ehe er den zugeschlagenen Fensterladen misstrauisch beäugt.

Das Haus oder sein Besitzer wollen sie draußen halten? Ha.

Ein schneller Rundgang zeigt, dass es keine Kellerluke gibt, jedenfalls keine sichtbare. Wäre ja auch zu einfach gewesen. Ethan kehrt zu dem Fenster zurück, das Barry soeben ausgesperrt hat, rüttelt selbst daran. Rührt sich nichts. So gar nicht. Das ist definitiv nicht normal. Aber als er an dem Fenster nebendran wackelt, scheint sich das normal zu verhalten. Noch. Er zwängt die Finger unter den Laden, strengt sich an und zieht. Der Laden klappt auf. Ethan hält sich sorgfältig vom Fenster fern, schlägt den Laden gegen die Hauswand. “Hilf mir mal.”
Mit dem Rücken lehnt er sich gegen den Fensterladen, um ihn aufzuhalten, während er sich nach etwas umsieht, mit dem sich das Ding gegen übernatürliche Zuklappereien fixieren lässt.

***

Barry

Während Ethan mit dem Laden herumkämpft, hat Barry das Pflaster wieder abgemacht. Ihm ist eine Idee gekommen – wahrscheinlich funktioniert es nicht, und wenn es funktioniert, ist es möglicherweise nicht sehr sinnvoll, aber er hat das Gefühl, dass der Sturm ihm und Ethan nicht übel gesonnen ist. Irgendwas muss hier in Ordnung gebracht werden, und die Krähen sind ein Teil davon. So fühlt es sich zumindest an.

Die Kopfwunde blutet nicht stark, aber stark genug. Barry fährt sich über das Gesicht und dann über die beiden Tätowierungen an der Schulter. Danach flüstert er viermal “Krähe” in der Sprache seiner Mutter. Kaum ist er damit fertig, als ihn ein eisiger Wind trifft – vielleicht wird der seine Worte zu seiner Familie tragen. Schade, dass Barry keine Ahnung hat, ob der Wind überhaupt in die richtige Richtung weht.

Als nächstes sucht er nach etwas, womit sie den Laden festklemmen können. Er findet einen kräftigen Ast, der sich perfekt dafür eignen würde… aber der Ast fühlt sich irgendwie belebt an. Willig. Hilfreich.
Fast lässt er den Ast los, aber er spürt, wie das Holz an seiner Hand zieht. Hätte ja gerade noch gefehlt, dass der Ethan aufspießt. Barry zerbricht ihn mit etwas Mühe über seinem Knie und legt die Enden sanft zu Boden.

Genug herumgemacht. Barry zieht seine Waffe, geht rüber zu Ethan und schießt die beiden Scharniere aus dem Rahmen. Dann bedeutet er Ethan, den Fensterladen zu benutzen, um das Fenster einzuschlagen.
“Vorsicht”, sagt er über das Heulen des Windes. “Scherben.”
Insgeheim fragt er sich, wie ansteckend Ethans Ein-Wort-Sätze eigentlich sind.

***

Ethan

An den Fensterladen gelehnt, hat Ethan mit einiger Verwirrung beobachtet, wie Barry Blut über seine Tätowierungen und ins Gesicht schmiert. Mit indianischer Magie hat er bislang wenig bis gar keine Erfahrung – aber soll Barry mal machen. Vielleicht erschreckt der Anblick den Alten, falls der doch im denkbar unpassendsten Moment wiederkommt.
Dass Jackson dann hingegen einfach die Scharniere wegschießt, lässt Ethan zustimmend nicken. Besser, als den Fensterladen mit irgendwas festzuklemmen, was dann doch nicht hält.

Nachdem er das Fenster eingeschlagen hat, entfernt er mit der flachen Seite des Ladens sorgfältig die zackigen Spitzen, die noch im Fensterrahmen hängen. Dennoch, und trotz Barrys Warnung, lässt es sich nicht vermeiden, dass er sich beim Hineinklettern an den scharfen Kanten etwas die Hände aufreißt. Ähnlich wie Barrys Platzwunde sieht auch das nicht übermäßig schlimm aus, aber Ethan hat das starke Gefühl, dass es ein weiterer Versuch war, ungebetene Besucher aus dem Haus fernzuhalten. Aber so nicht. Er beißt die Zähne zusammen und klettert ohne weitere Verletzungen vollends hinein. Unter seinen Trekkingstiefeln knirschen die Glasscherben, und er lauscht unwillkürlich, ob die ganzen Geräusche nicht doch irgendwen aufgeschreckt haben. Aber es rührt sich immer noch nichts.

Während Barry ebenfalls hineinklettert, verarztet Ethan notdürftig die Risse in seinen Handflächen mit weiterem Material aus dem Nylonbeutel. Dann sieht er sich um. Sie befinden sich in einem rustikal-altmodisch eingerichteten Wohnzimmer. Abgesessene Möbel, verblasster Teppich. Etwas, das aussieht wie ein altes Radio in Holzfurnier, steht auf einer Kommode. Und die wiederum wirkt wie selbstgedrechselt.

***

Barry

Barry klettert hinter Ethan in den Raum. Der wirkt irgendwie unbewohnt, leblos, obwohl nirgendwo Staub liegt. Im Haus ist es wärmer als draußen, und in der Luft liegt der Geruch von frischen Holzspänen.
Oben an der Decke hängt eine alte Lampe, natürlich ebenfalls aus Holz gedrechselt, wie ein orientalischer Paravent. Darin leuchtet eine gelbliche Glühbirne, die seltsame Schatten in den Raum wirft. Aus einer Perspektive scheint es, als hätte der Raum keine Tür, aber einen Schritt weiter sieht Barry sie. Dafür ist das Fenster in den Schatten verschwunden.
Besonders merkwürdig sind aber die kleinen Holzfiguren oder Schnitzereien, die nur dann zu sehen sind, wenn das Licht richtig fällt: Fast ausnahmslos sind es possierliche Tierchen, ein schelmischer Waschbär auf einem Regal, ein vorwitziges Streifenhörnchen, das hinter einem Balken hervorlugt, ein paar plumpe Mäuse, die in die Beine des Armsessels geschnitzt sind. Obwohl die Tierchen niedlich dreinschauen, findet Barry den Raum nicht heimeliger oder gemütlicher. Er fühlt sich eher wie ein Eindringling in einer bedrohlichen Idylle.
Als Barry zur Tür geht und in Richtung des Radios schaut, sieht er plötzlich eine Figur, die nicht zu den Tierchen passt: Ein grober Klotz, vage menschenähnlich, der eins der Tierchen – eine Taube vielleicht, oder einen Sperling? – in den Pranken hält. Zunächst erscheint es Barry, als würde der Klotz das Tierchen würgen, aber vielleicht ist es auch eine Liebkosung.

Ethan hingegen scheint die Figur nicht zu sehen, denn er geht direkt auf das Radio zu. Der Klotz aber hat ihn offenbar bemerkt und streckt eine seiner Pranken nach ihm aus.

“Ethan, warte”, ruft Barry, gerade noch rechtzeitig. Ja, der Klotz ist nur etwa unterarmgroß (so wie eine Barbie, schießt es Barry durch den Kopf, aber sein innerer Lektor tut den Vergleich als unpassend ab), aber er wirkt trotzdem wie ein Riese.

“Diese Figuren… manche davon leben”, sagt Barry. “Vielleicht hattest du recht mit Pinocchio… Pygmalion?” Als er Ethans fragenden Blick sieht, erklärt er: “Griechischer Bildhauer. Mochte keine Frauen, hat dann eine aus Stein gehauen und sich in sie verliebt. Die Liebesgöttin fand es witzig, sie zum Leben zu erwecken… ist im Ursprungsmythos sogar gut ausgegangen. Ich frage mich, ob der Holzschnitzer hier eine bestimmte Person zum Leben erwecken wollte.”

***

Ethan

Barrys Ruf lässt Ethan erstarren. Er fährt zu dem Älteren herum, sieht dann zu den hölzernen Figuren. Irrt er sich, oder hat die eine ihre Haltung verändert? Bei der Erklärung zu “Pygmalion” fliegt dann kurz eine fast vergessene Szene durch Ethans Gedächtnis. Eine Schulaufführung im zweiten Jahr der High School. Krude Bühnenbilder. Bemühte britische Akzente. Elizas und Alfreds Aussprache eher Hood-Slang als Cockney. Aber jede Menge Spaß. Lange her. Ein ganzes Leben.

Da. Eine Bewegung im Augenwinkel, die Ethan aus seinen Gedanken reißt. Hat sich diese Figur wieder gerührt?
Verdammt. Er hätte sich nicht so ablenken lassen dürfen.

Er blinzelt. “Erwecken. Hmm…” Nachdenklich fährt er mit dem Zeigefinger über die Oberlippe. “Warum die Scheuche draußen, und nicht wer im Haus?” Er sieht sich nach irgendwelchen Hinweisen um, die ihnen einen näheren Aufschluss geben könnten. Aber da ist nichts. Keine Fotos, keine gemalten Portraits, wie man sie in diesem altmodischen Raum beinahe vermuten würde. Nur diese geschnitzten Figuren.

Diese geschnitzten Figuren, die sich nur dann bewegen, wenn man nicht direkt hinsieht. Diese geschnitzten Figuren, die sich um sie drängen. Was… wann… wie? Eben waren sie doch noch… Ein plötzlicher Schmerz in seiner Wade. Ganz unwillkürlich zuckt Ethan, schüttelt das Bein heftig. Ein sorgfältig gearbeiteter Biber fliegt durch den Raum, landet mit dumpfem Poltern in einer Ecke. Während Ethans Blick noch der Flugbahn der Figur und ihrem Aufprall folgt, klopft es plötzlich zwei-, dreimal gegen sein anderes Hosenbein, dann ein unvermitteltes, scharfes Brennen darunter. Wärme, die sein Bein hinabrinnt. Ein hölzerner Specht mit erschreckend spitzem Schnabel hackt auf ihm herum, und ein Streifenhörnchen wuselt gerade an ihm hoch.

Mit einem wütenden Ruf versucht Ethan, die zum Leben erwachten Holztiere abzuschütteln, aber Barry und er werden von einem ganzen Haufen umschwärmt. Mit dem Gewehrlauf gelingt es ihm, den Specht abzustreifen, aber schon hat das Hörnchen seine Hüfte erreicht und beißt ihn in den Unterarm.

“Au! Verdammt!”

***

Barry

Großartig, denkt Barry, während er seinen Haken benutzt, um ein putziges Holzkätzchen von seiner Hose zu streifen. Erschießen kann er die nicht alle, dafür sind es zu viele. Mit einem surrenden Geräusch löst sich irgendwas von der Decke und landet in seinen Haaren.
“Zur Tür”, ruft er Ethan zu. Das ist auf jeden Fall besser, als hier frei im Raum zu stehen. Mittlerweile krabbeln mehrere Holztierchen kratzend und beißend auf beiden Männern herum. Sie richten nicht viel Schaden an – noch nicht – aber auf Dauer kann das nicht gut gehen.

Die klobige Figur hat Barry aus den Augen verloren, und das macht ihm Sorgen, aber im Moment hat er ganz andere Probleme. Was auch immer auf seinem Kopf herumkrabbelt, es hat sein rechtes Ohr erreicht (oder was davon noch übrig ist) und beißt daran herum.
Mit Hand und Haken kommt er so nicht weiter. Aber das sind Figuren aus Holz, und Holz hat eine Schwäche: Mit der linken Hand fingert Barry sein Feuerzeug aus der Hosentasche und lässt die Flamme auflodern. Er will den Raum nicht anzünden, aber vielleicht… Er hält das Feuerzeug neben sein Ohr, und tatsächlich: Das hölzerne Wesen krabbelt sofort zurück. Gut, jetzt hängt es wieder im Zopf, aber da stört es weniger.

“Sie haben Angst vor Feuer”, ruft Barry Ethan zu. “Aber sei vorsichtig, ich will erst wissen, was hier los ist, bevor wir die Hütte abfackeln.” Ein Feuerzeug wird Ethan wohl haben; Barry erinnert sich, dass er raucht. Soviel zu “Rauchen ist schlecht für die Gesundheit”.

Gemeinsam erreichen die beiden Männer die Tür. Mit ihren Feuerzeugen können sie die kleinen Tierchen von sich wegscheuchen, aber es sind ziemlich viele, manche davon fallen von der Decke, andere fliegen.
Mittlerweile hat sich das Wesen aus Barrys Haaren gelöst und krabbelt auf seine linke Schulter. Es ist eine Art Raupe mit großen, freundlich dreinblickenden Augen und einem Maul voller spitzer Zähnchen. Bevor Barry sein Feuerzeug in die Nähe halten kann, kriecht das Tierchen flink seinen Arm herunter, vermeidet die Krähentätowierung sorgfältig und schlägt die Zähne kraftvoll in die Ellenbogenbeuge. Das tut ganz schön weh, vor allem, als Barry es mit dem Haken zur Seite schlägt und ein Stück Fleisch im Mäulchen der Raupe hängenbleibt.

Ethan hat sich in der Zwischenzeit mit etlichen Vögelchen und den plumpen Mäuslein herumgeschlagen. Trotzdem hat er es geschafft, die Tür zu öffnen, obwohl er dabei von diversen geschnitzten Tieren aus dem Türrahmen attackiert worden ist.

Keuchend und um sich schlagend stolpern Barry und Ethan aus dem Raum. Plötzlich taucht das klobige Wesen wieder auf und versucht, hinter ihnen durch die Tür zu schlüpfen, aber Ethan sieht es rechtzeitig und befördert es mit einem gezielten Tritt wieder zurück in den Raum, während Barry die Tür mit seiner Schulter wieder zuschmettert.

An beiden hängen noch ein paar Tierchen, aber kaum ist die Tür geschlossen, werden sie langsamer und erstarren schließlich ganz. Atempause.

***

Ethan

“Drecksmist”, flucht Ethan. Eine jetzt wieder leblose Kohlmeise hat er gerade aus dem Haar gefegt, aber die kleine Maus an seinem Bein hatte noch die spitzen Zähnchen in seine Jeans geschlagen, als sie wieder erstarrte, sodass jetzt das Holz im Stoff festhängt und Abschütteln zwecklos ist. Es hilft nichts. Ethan packt das kunstvoll geschnitzte Tierchen und zieht es mit Gewalt ab, was natürlich ein Loch in den Stoff reißt. Toll. Wieder eine Jeans im Eimer. Ethan quittiert es mit einem Brummen.

Ein schneller Blick zu Barry zeigt ihm, dass der Ältere ähnlich zerzaust ist wie er selbst, aber keinen ernsten Schaden davongetragen zu haben scheint. Puh.

Mit dem nächsten Blick sieht er sich um. Sie stehen in einem schmalen Flur, die Haustür an dessen Ende mit kleinen, gelbstichigen Scheiben verglast. Drei weitere Türen neben der, die sie eben hinter sich zugeschlagen haben. Küche, vermutet Ethan, Bad – und ein Schlafzimmer oder sowas vielleicht? Kurz fliegt ein Bild von einem gemütlich eingerichteten Gästezimmer vor seinem inneren Auge vorbei, mit einem Patchwork-Quilt in Lavendel-Tönen und einem Schaukelstuhl aus Korbgeflecht. Ethan schnaubt. Mit Sicherheit nicht hier.

Eine Treppe führt ins Obergeschoss. Eine Kellertür hingegen scheint es tatsächlich nicht zu geben, oder sie ist in der Küche. Wie in dem roten Haus letztes Jahr.

Aus dem Wohnzimmer sind noch immer leise Geräusche zu hören. Zumindest die klobige Figur – was auch immer sie darstellen sollte; Ethan hat sie im Gegensatz zu Barry gar nicht so genau zu Gesicht bekommen – scheint da drinnen immer noch aktiv zu sein, oder zumindest länger zum Erstarren zu brauchen als die kleineren Tierchen.

Ethan deutet den Flur hinunter, dann Richtung Treppe. Auf keinen Fall will er hinaufgehen, ohne dass sie hier unten die restlichen Räume überprüft haben.
Die Tür zum Raum am anderen Ende des Flurs, gegenüber der Eingangstür, steht offen, gibt tatsächlich den Blick in eine altmodisch eingerichtete Küche frei. Zumindest vom Gang aus wirkt mal alles ruhig. Barry ist gerade dabei, die Tür zum vermeintlichen Gästezimmer aufzustoßen. Ethan macht sich auf den Weg zu seinem Begleiter, wenige Schritte nur über den ausgebleichten, abgetretenen Läufer, der den Boden des Flurs bedeckt. Und hält plötzlich mitten im Schritt inne. Blinzelt. Federt mit der Sohle nochmals zurück. Vor. Zurück. Ja. Da hat sich der Boden unter seinen Füßen eben anders angefühlt…

Ethan kniet nieder und schlägt den Läufer beiseite. Und tatsächlich, auf halber Strecke des Flurs, aber an der Seite, wo man normalerweise vermutlich gar nicht so oft entlangkommen würde, wenn man nicht zufällig genau die Drehung macht, die Ethan gerade gemacht hat, befindet sich eine sorgfältig in den Holzboden eingefasste Luke. Eine Falltür.

***

Barry

Barry runzelt die Stirn, als Ethan ihm die Falltür zeigt. Er fühlt sich in dem Haus immer noch wie ein Eindringling – er hat das starke Gefühl, dass hier jemand zu Hause ist, auch wenn sie noch keinen Hinweis gefunden haben, wo sich der Hausherr aufhalten mag.

Sein Unwohlsein wird dadurch verstärkt, dass seine Tasche noch im Wohnzimmer liegt. Verbandsmaterial hat Ethan dabei, und die Magazine seiner drei Pistolen werden hoffentlich ausreichen, aber den Schalldämpfer hätte er gern gehabt. Und seine Kräuter. Und einen Ersatz für das Haarband, das die Holzraupe durchgebissen hat – so langsam fängt sein Zopf an, sich aufzulösen. Naja, egal. Er hätte es ohnehin nicht selber festbinden können.

Barry geht neben Ethan in die Hocke und betrachtet die Falltür. Auf der einen Seite hat sie einen schmalen Spalt, an dem man sie wahrscheinlich hochziehen kann. Ethan versucht schon, seine Finger in den Spalt zu quetschen, aber er kann keine richtige Kraft entwickeln. Barry stößt ihn mit dem Haken an und bedeutet ihm, kurz Platz zu machen. Tatsächlich passt das Metall gerade so in den Spalt, aber mit dem Haken hat Barry mehr Hebelkraft als Ethan mit seinen Fingern, außerdem ist Eisen stabiler als Fleisch und Blut. Mit einem kräftigen Ruck reißt Barry die Luke auf. Darunter sind ein paar hölzerne Sprossen und Dunkelheit, in der ab und zu etwas leise raschelt und knarzt.

Seine Taschenlampe ist natürlich auch noch im Wohnzimmer. Aber die brauchen sie gar nicht: Ethan langt sicher an die Seite der Luke, folgt einem Kabel mit seinen Fingern und findet einen Lichtschalter.
Ein gelbliches, elektrisch surrendes Licht erleuchtet einen großen Raum mit Holzboden, der von hölzernen Bohlen abgestützt wird. Die Luke ist am Rand des Raums, deswegen kann Barry von oben nicht alles sehen, aber direkt an den Wänden unter ihnen stehen alte, leere Bücherregale. In der Mitte des Raums ist ein Symbol auf den Boden gemalt.
Es gibt eine Leiter, die nach unten führt. Barry geht als Erster, während Ethan noch die Luke mit ein paar Metallgeräten aus der Küche professionell verkeilt. Möglicherweise wollen sie hier ja wieder raus.
Erstaunlich, wie gut die Kommunikation funktioniert, obwohl keiner der beiden Männer ein Wort sagt. Aber das ist auch gar nicht nötig, und wer weiß, wer alles zuhört.

Barry betritt den Raum unten vorsichtig, die Waffe in der Hand. Das Symbol in der Mitte ist ein Schutzkreis oder etwas ähnliches, sorgfältig ins Holz gekerbt und mit Farbe verziert. In der Mitte liegt das Skelett einer Krähe. Und in den Schatten hinten im Raum bewegt sich etwas.
“Ich glaub, das hält die Krähen fern”, sagt Barry, als Ethan neben ihm auftaucht. “Wir sollten den Kreis zerstören. Vielleicht kommen sie dann wieder hierher.” Und lassen meine Familie in Ruhe, aber das sagt Barry nicht laut. Ethan wird das schon verstehen.
Gerade als die beiden Männer sich auf den Kreis zu bewegen, treten Figuren aus den Schatten: Drei Gestalten, Vogelscheuchen mit Strohköpfen und eine menschengroße Marionette mit Holzkopf, alle mit nur groben Gesichtern und Augen aus polierten Knöpfen.

Entschlossen tritt Barry vor und hebt seine Waffe. Wenn er das Krähenskelett trifft… Aber da packt ihn eine hölzerne Hand von der Seite, eine grobschlächtige Puppe, die bisher im Schatten verborgen war, und schleudert ihn mit aller Kraft zurück, direkt in ein Bücherregal. Barry hört ein scharfes Knacken und hofft im ersten Moment, dass es nur eins der Bretter war, aber der Schmerz in seinem Rücken sagt etwas anderes. Immerhin folgt die Holzpuppe ihm und wendet sich nicht Ethan zu, der immer noch in der Nähe des Symbols steht.

***

Ethan

Die drei Gestalten, die aus dem Schatten auf sie zukommen, sind keine sonderliche Überraschung für Ethan. Die einzelne Figur, die Barry kurz darauf von den Füßen reißt, hingegen schon. Bei dem hässlichen Geräusch und Barrys unterdrücktem Schmerzenslaut hinter ihm verzieht Ethan unwillkürlich das Gesicht. Er kann nur dummerweise nicht hinsehen, geschweige denn seinem Begleiter irgendwie helfen, da er sich ganz auf die beiden Vogelscheuchen und die übergroße Gliederpuppe konzentrieren muss, die ihn inzwischen fast erreicht haben.

Den Bannkreis berühren seine hölzernen Gegner im Näherkommen nicht, fällt Ethan am Rande auf. Beinahe scheint es ihm sogar so, als würden sie absichtlich einen Bogen darum machen. Als hätten die Konstrukte Angst davor… oder als wollten sie vermeiden, den Kreis zu brechen. Sie – oder besser, wer auch immer sie in Bewegung gezaubert hat.

Keine Frage, Barry hat recht: Der Kreis muss weg. Nur sind inzwischen die drei Gestalten beinahe bei Ethan angekommen. Sie versperren ihm den direkten Weg zum Ritualkreis und kommen bedrohlich immer weiter auf ihn zu. Barry hinter ihm scheint sich von den Geräuschen her zwar langsam wieder aufzurappeln, aber der muss sich erst mal mit dem herumschlagen, was auch immer ihn da gerade umgehauen hat. Nein, zumindest für die nächsten Sekunden ist Ethan auf sich alleine gestellt. Und der Kreis muss weg. Je schneller, desto besser.

Er zögert nicht lange. Wenn die beiden Vogelscheuchen normale Vertreter ihrer Art sind… Bei diesem Gedanken entfährt ihm beinahe ein sardonisches Lachen. Also abgesehen von der Tatsache, dass sie zum Leben erwacht sind und ihn umbringen wollen, versteht sich. Aber wenn die beiden Vogelscheuchen bis auf diese kleine Kleinigkeit normale Vertreter ihrer Art sind, dann sind sie mit Stroh gefüllt. Und dann sind sie hoffentlich weicher und nachgiebiger als die harte, hölzerne Marionette in ihrer Mitte. Verdammt. Warum muss das Ding ausgerechnet in der Mitte sein? Egal.

Ethan spannt sich an, beugt sich etwas vor und geht dann mit voller Wucht auf den linken der beiden Strohmänner los. In der High School hat er zwar nie Football gespielt, aber ungefähr so muss sich das wohl anfühlen, fährt es ihm durch den Kopf. Tatsächlich federt der Oberkörper der Vogelscheuche weg, als Ethan seitlich dagegen rammt, und er kommt an dem Ding vorbei. Womit er allerdings nicht gerechnet hat, sind die strohgefüllten Handschuhe. Entweder da stecken neben Stroh auch verdammt spitze Nägel in den Fingern, oder die Halme selbst sind unnatürlich scharfkantig, oder da hat jemand Glasscherben an die Handschuhe geklebt. Oder gezaubert. Was es auch sein mag, es krallt nach Ethan, als der sich vorbeikämpft, schlitzt seine Jacke auf und fügt ihm am Arm und in der Seite mehrere tiefe Schnitte zu.

Ethan beißt die Zähne zusammen, verdrängt den Schmerz und stürmt die letzten beiden Schritte auf den Bannkreis zu. Die Schutzlinie ist nicht mit Kreide gezeichnet, sondern mit längst getrockneter Farbe gemalt, die wird er so schnell nicht wegkratzen können. Aber er kann das Krähenskelett aus dem Kreis kicken oder —

Jäh prallt er gegen ein Hindernis. Nichts ist zu sehen, aber der Schutzkreis bildet anscheinend tatsächlich eine Art Barriere. Ethan streckt die Hand aus, tastet danach, und tatsächlich. Da ist etwas wie ein Flimmern in der Luft über der Rituallinie, mehr zähe Gelatinekapsel denn harte Glaskuppel, aber es lässt ihn nicht durch.
Und dann sind auch schon die drei Gestalten bei ihm, haben überhaupt nicht gezögert, sondern sich sofort nach ihm umgedreht, als er vorbei war. Umringen ihn. Drängen ihn gegen die unsichtbare Barriere. Messerscharfe Handschuhe schneiden immer wieder in seine Haut, und die hölzernen Fäuste der Marionette schlagen auf ihn ein, auch wenn er, nicht zuletzt dank des langen Gewehrlaufs, die schlimmsten Angriffe abwehren kann.

Fast völlig blind, da mit dem Gewehr im Nahkampf so gut wie nicht zu zielen ist, jagt er einen Schuss in eine der Gestalten. Strohfetzen fliegen, aber wirklich aufzuhalten scheint das die Scheuche nicht. Aber… ist die Ladung Salz nicht durch die Barriere gegangen? Er kann es nicht richtig sehen, aber es kommt ihm so vor. Sollte das Hindernis etwa nur lebende Materie abhalten?

Wenn er nur das Gewehr ausrichten könnte… Aber seine drei Gegner bedrängen ihn immer stärker, und er hat seine liebe Not, sich ihrer überhaupt irgendwie zu erwehren. Wenn er mit dem Gewehr jetzt auf den Kreis hält, macht er sich völlig angreifbar, ganz zu schweigen davon, dass sie ihm garantiert nicht die Zeit zum Zielen lassen würden.

“Barry! Schieß’ das Skelett weg!” Er kann nur hoffen und beten, dass er dem Älteren nicht in der Schusslinie steht. Aber selbst wenn, zu ändern ist es nicht.

***

Barry

Barry hat es gerade so geschafft, wieder auf die Beine zu kommen, als die Holzpuppe ihn erreicht und an der Kehle packt. Seine Pistole hat er bei dem Aufprall auf das Bücherregal verloren, also kann er nicht schießen… und die Hände der Puppe sind kräftig und drücken ihm mühelos die Luft ab. So sehr er sich auch bemüht, er kann nicht atmen.

…er kann nicht atmen. Nick O’Callan hat ihn beim Kampf auf dem Gefängnishof am Hals erwischt, und jetzt kann Barry nicht mehr atmen, so sehr er es auch versucht. Sein Gegner steht vor ihm, verhöhnt ihn, aber er kann nicht auf den Beinen bleiben, fällt vor ihm auf die Knie. Hält sich den Hals, der sich falsch anfühlt. Da ist etwas verschoben, und so sehr er es auch versucht, er bekommt keine Luft. Er hört, wie jemand nach einem Arzt ruft, versucht, bei Bewusstsein zu bleiben und scheitert…
…ein Krankenbett, daneben eine Eiserne Lunge. Eine Maschine, die für ihn atmet, nachdem sein Kehlkopf eingeschlagen wurde. Unscharfe Erinnerung an einen Arzt, der Dinge erklärt. Vermutlich wird er in ein paar Wochen wieder reden können…
…ein, aus. ein, aus. ein, aus. Die Maschine atmet regelmäßig, als der Geist in das Krankenzimmer kommt. Es ist Mary, die flüstert, die säuselt, sie wolle nur helfen, oh, ein Verletzter, der Arme, was hat er denn… ihre Stimme murmelt an seinem Ohr, ihre toten Finger tasten nach der gelähmten rechten Hand und er spürt es, obwohl da kein Leben mehr sein sollte… Sie ist ganz nah an ihm, drängt sich an ihn, und vielleicht meint sie es gut, aber sie ist so kalt… Sein Herz schlägt schneller, verliert den Takt zu den Atemzügen. Er spürt, wie Fasern ihrer schattigen Gestalt ihn umschlingen, während sie sinnentleerte Liebkosungen murmelt. Das Herz schlägt noch schneller, Adrenalin in seinen Adern, aber er bekommt keine Luft, keine Luft… ein, aus.

…einauseinauseinaus. Barrys Atem geht hektisch, als er wieder zu sich kommt. Das war kein guter Zeitpunkt für einen Flashback. Oder? Er liegt auf dem Boden, rechts neben ihm sitzt friedlich die Holzpuppe. Sie hat seinen Zopf aufgelöst und kämmt jetzt mit ruhigen, sanften Bewegungen seine langen Haare. Als Barry sie genauer anschaut, sieht er, dass sie vage weibliche Formen hat, runde Hüften, schulterlange geschnitzte Haare, das Gesicht ist nur angedeutet, aber mädchenhaft. Das wäre fast idyllisch, aber im Hintergrund hört Barry Kampfgeräusche, und sein Hals schmerzt bei jedem Atemzug.
Die Puppe scheint nicht mehr aggressiv zu sein, sie reagiert nicht, als er beginnt, sich vorsichtig zu bewegen. Also zieht er die zweite Pistole aus dem Schulterholster, ohne Hast, eine ganz natürliche Bewegung. Sie ist direkt neben ihm, vollständig auf seine Haare konzentriert. Barry schießt direkt in das Scharnier, das ihren Kopf mit ihrem Hals verbindet.

Der Kopf der Puppe wird durch die Wucht des Schusses abgesprengt und fliegt in die Dunkelheit. Leider schaltet sie das nicht aus. Mit ihren Händen greift sie verwirrt nach ihrem Hals, aber als sie dort nichts ertasten kann, wendet sie sich wieder ihrem Gegner zu. Barry hat es fast geschafft, auf die Beine zu kommen, als ihn ein wuchtiger Tritt in die Seite trifft. Die Puppe ist so stark, dass er ein Stück weg geschleudert wird. Das ist einerseits schlecht, weil dabei eine weitere Rippe knirscht und er auf seinem angeschlagenen Rücken landet, aber andererseits auch gut, denn er ist jetzt ein Stück von der Puppe entfernt.

Glücklicherweise hat er seine Waffe noch, und als sie auf ihn zu stolpert, schießt er ihr erst das eine, dann das andere Knie weg. Sie stürzt, bewegt sich noch, aber nicht mehr schnell oder koordiniert. Barry überlegt gerade, wie er ihr den Garaus machen kann, als er Ethans Ruf hört.

“Schieß das Skelett weg!”

Zwischen Barry und dem Skelett sind Ethan und seine drei Gegner. Aber er sieht das Skelett, nur einen Moment lang, und das reicht: Er schießt, trifft. Zunächst Ethan, aber das wusste er, nur ein Streifschuss am Unterschenkel. Nichts, das schlimmer wäre als die Wunden, die der Jüngere schon hat. Dann den Krähenschädel, der mit einem leisen, aber durchdringenden Laut zerplatzt. Einen Moment lang spürt Barry, wie sich die Haut an seinen Schultern spannt – genau dort, wo die Krähen eintätowiert sind.
Die Vogelscheuchen und die Marionette, die Ethan bedrängt haben, wenden sich sofort zu Barry um und bewegen sich hastig auf ihn zu. Er schießt noch ein paar Mal auf den Kreis, flache Schüsse, die sich in das gefärbte Holz graben und ruft Ethan zu: “Raus hier, schnell!”

Aus dem Augenwinkel sieht er, wie Ethan losrennt, leicht behindert von der Schusswunde an seinem Bein. Er selbst setzt sich auch in Bewegung, rückwärts auf den Ausgang zu, während er auf die beiden Vogelscheuchen und die Marionette schießt. Es gelingt ihm, sie zu verlangsamen und Ethan bei der Leiter zu erreichen.
“Hoch mit dir”, keucht er. Als er sieht, dass Ethan zögert, fügt er hinzu. “Gewehr schießt besser von oben, mach schon!” Keine Ahnung, ob der andere das einsieht oder ob er einfach nur versteht, dass sie jetzt keine Zeit für lange Diskussionen haben – jedenfalls klettert er behände nach oben.

Gerade, als Barry seine letzte Kugel verschießt, eröffnet Ethan das Feuer mit seinem Gewehr. Hastig lässt Barry seine Waffe fallen und steigt ebenfalls die Leiter nach oben. Eine Vogelscheuche greift nach ihm, aber Ethan feuert schräg in sie hinein, und Barry erreicht den Flur ohne größere Wunden.

Oben schlägt Ethan die Falltür zu und lehnt sich erschöpft gegen die Wand. Außer der Schusswunde am Bein blutet er aus etlichen tiefen Schnitten – nicht lebensbedrohlich, aber ernst genug.
Barry atmet einen Moment lang tief durch. Er würde sich jetzt wirklich gern hinsetzen und ausruhen, oder zumindest eine Zigarette anstecken, aber die Wunden haben Vorrang. Hätte er Ethan mal besser nicht angeschossen, aber dann hätten ihn die Vogelscheuchen vermutlich umgebracht.

Gerade, als er zu seinem Begleiter hinübergehen will, sieht er, wie eine hölzerne Figur die Treppe zum Obergeschoss hinunterkommt. Sie ist von einem wesentlich besseren Holzschnitzer angefertigt worden als die Figuren im Keller – sie trägt ein Kleid mit Blumenmuster, ihr Gesicht ist säuberlich geschnitzt und gekerbt und fast beweglich. Als sie die beiden verletzten Männer im Flur sieht, hebt sie eine schlanke Hand in einer beinahe lebendig wirkenden Geste des Erstaunens vor ihren Mund.
Dann dreht sie sich um und läuft die Treppe wieder hinauf.

***

Ethan

Sein Ruf. Dann ein endloser Augenblick, in dem nichts geschieht. Dann ein Knall, gepaart mit einem heißen Brennen in Ethans Wade. Er kann nicht sehen, ob Barrys Schuss das Skelett getroffen hat, aber er bemerkt es einen Wimpernschlag später, als die Barriere in seinem Rücken mit einem Mal verschwunden ist, als sei sie nie dagewesen. Ethan rudert unwillkürlich mit den Armen, fällt hintenüber. Kann sich mit einer Hand halbwegs abfangen und hat Glück, dass das Gewehr nicht losgeht. Aber nun liegt er am Boden, ohne Deckung oder Abwehrmöglichkeit. Einen Moment lang muss er sich sortieren, ehe er sich in der Erwartung des nächsten Ansturms zur Seite rollt. Aber der Angriff, mit dem Ethan eigentlich fest gerechnet hatte, kommt nicht. Stattdessen fahren seine Gegner wie ein einziges Wesen herum und stapfen auf Barry zu.

Der Aufprall war einigermaßen schmerzhaft, was aber größtenteils von den Schnitten und dem Streifschuss überdeckt wird, und er scheint sich dabei immerhin nichts verstaucht oder gar gebrochen zu haben. In Ethans Brustkorb zieht es etwas von seinen frisch verheilten Rippen, aber denen scheint nichts weiter passiert zu sein, zum Glück. So schnell er kann, rappelt Ethan sich auf und hastet zur Kellertreppe.

Barry, dessen Zopf sich im Verlauf des Kampfes völlig verabschiedet hat, deckt ihren Rückzug, bis Ethan oben angekommen ist, dann übernimmt der Jüngere von oben das Sichern, während Barry klettert. Erst als die Falltür mit einem Krachen wieder zugefallen ist, gestattet Ethan es sich, gegen die verblichene geblümte Tapete an der Flurwand zu sacken und einen Moment lang die Augen zu schließen. Tief durchzuatmen. Nach innen zu horchen.

Bestandsaufnahme. Er braucht dringend eine Zigarette. Die Schusswunde in seinem Bein brennt höllisch, die ganzen Schnitte nicht viel weniger. Aber er wird es überleben. Ist sogar noch einigermaßen einsatzfähig, hat er den Eindruck. Zumindest, wenn er sich erst mal halbwegs verpflastert.
“Okay soweit?”, will er eben fragen, während er mit einer Hand nach dem Verbandsbeutel in seiner Innentasche fischt, da kommen Schritte die Treppe hinunter. Schwere, hölzerne Schritte, und doch irgendwie geschmeidig. Ethans Finger erstarren in der Jackentasche, während er mit der anderen Hand bereits das Gewehr hebt. Ein schneller Blick die Treppe hinauf auf die Gestalt – verdammt, nicht jetzt, keine weitere Marionette, hier unten haben sie viel zu wenig Deckung, sie müssen sich erst wenigstens ein bisschen zusammenflicken, und der Schusswinkel ist alles andere als ideal. Ruhig jetzt. Abwarten. Er muss es genau timen, am besten, wenn das Konstrukt den letzten Schritt von der Treppe tut, sich in der Drehung befindet, und dann hoffen, dass er schnell genug abdrückt und vor allem, dass der Schuss sitzt und genug Durchschlagskraft hat, um –

Warte. Was? Erst im zweiten Moment geht Ethan auf, dass die Figur erkennbar weiblich ist, eigentlich erst, als sie sich bereits wieder abwendet und zurück ins Obergeschoss eilt.
Ethan beißt die Zähne zusammen. Zwar hat die Gestalt sich nicht sofort feindlich verhalten, aber das muss nichts heißen. Wer weiß, wen sie da oben alles alarmiert.

Ist jetzt aber nicht zu ändern. Nach den Schüssen weiß eh jeder, dass sie hier sind. Wo ist der alte Mann, verdammt? Dass der noch nicht wieder auf der Bildfläche erschienen ist, beunruhigt Ethan mehr als alles andere. Aber verarzten müssen sie sich jetzt trotzdem erst mal. So gut es geht jedenfalls. Er lässt das Gewehr sinken und geht zu Barry hinüber, tritt dabei mit dem angeschossenen Bein etwas vorsichtiger auf.

Jetzt stellt er die Frage doch noch. “Okay soweit?”

***

Barry

Barry verzichtet darauf, mit den Schultern zu zucken. Er hat ein paar gebrochene Rippen, aber seine Lunge scheint weitgehend unversehrt zu sein.
“Geht schon”, sagt er rau. Seine Stimme klingt noch schlimmer als sonst, aber er kann halbwegs sprechen.
Ethan allerdings hinkt, und seine Wunden bluten immer noch. Eigentlich sollte man die desinfizieren, nähen und verbinden, aber dafür haben sie weder die Ausrüstung noch die Zeit. Das kleine Erste-Hilfe-Päckchen, das Ethan herumschleppt, wird kaum ausreichen. Barry schaut zum Wohnzimmer, in dem seine eigene Ausrüstung noch liegt. Kurz überlegt er, ob er das Risiko eingehen und den Verbandskasten holen soll, aber dann sieht er einen dünnen Rauchfaden, der unter der Tür durchkriecht. Verdammt. Sie haben beide mit ihren Feuerzeugen wild um sich geschlagen, um aus dem Raum zu entkommen – nicht auszuschließen, dass einer von ihnen ein Tierchen angesengt hat. Immerhin ist es keine dicke Rauchwolke, sondern nur ein paar hellgraue Schwaden. Vermutlich bislang ein Schwelbrand, aber das kann sich schnell ändern.

Also bleibt keine Zeit. Barry möchte auf jeden Fall wissen, was hier vor sich geht – am besten, bevor das Haus in Flammen aufgeht.
Er wendet sich an Ethan. “Ich geh rauf”, erklärt er, “kommst du mit?” Ohne eine Antwort abzuwarten, dreht er sich um und geht vorsichtig die Treppe nach oben. Eine Holztreppe, natürlich, steil und ziemlich schmal, mit einem Absatz in der Mitte, von dem ein zweiter Treppenlauf rechtwinklig abbiegt und weiter hoch führt. Im Gehen zieht er seine letzte Pistole.

Schon auf den ersten paar Stufen hört er, dass im ersten Stock jemand leise redet. Eine Männerstimme, vermutlich der alte Mann, der ihn und Ethan vor ein paar Stunden vertrieben hat. Er versteht nicht, was die Stimme sagt – der Alte spricht eine slawische Sprache, damit kennt sich Barry nicht aus. Tschechisch? Russisch? Jedenfalls klingt es, als würde er einen Befehl geben.
Barry hat bereits den zweiten Treppenlauf erreicht und ist fast oben angekommen, als ihm eine große Gestalt in den Weg tritt. Ein Hüne aus Holz, fast zwei Meter groß, mit dicken Gliedern aus Eiche und einem sehr groben Kopf ohne Mund. In den Händen hält er die Schrotflinte, mit der er auf Barry zielt.

Keine gute Situation. Ist Ethan hinter ihm? Barry ist nicht sicher. Seine letzte Pistole ist ein kleineres Kaliber als die beiden anderen, und es dürfte schwer werden, so ein großes Ding wie den Holzmann damit ernsthaft zu beeinträchtigen. Der Schuss aus der Schrotflinte dürfte Barry selbst hingegen gründlich ausschalten, wenn er ihn nicht umbringt.
Aber der Holzmann scheint ihn nicht erschießen zu wollen, er bedroht ihn nur. Mit der linken Hand deutet er auf Barrys Waffe und zeigt dann nach unten. Die Geste ist abgehackt, aber verständlich: Er soll die Pistole ablegen.
Vorsichtig geht Barry in die Hocke und steckt sie zurück in das Knöchelholster. Vielleicht ist der Holzmann ja nicht intelligent genug… Nein, ist er nicht. Als Barry sich wieder erhebt und die leere Hand zeigt, bedeutet ihm die grobschlächtige Figur, in den Flur zu kommen.

Der Flur oben ist wohnlich eingerichtet und mit Spitzendeckchen, Landschaftsbildern und allerlei geschnitzten Figürchen verziert. Es riecht ein wenig nach einem exotischen Blumenparfüm, aber vor allem nach Möbelpolitur und Holzspänen. Durch ein Fenster fällt Licht in den Gang.

Draußen hat es in der Zwischenzeit angefangen, ernsthaft zu schneien. Barry sieht kurz die Bäume im Wald, weiß von Schnee. Dazwischen ein paar schwarze Flecken auf den Ästen: Krähen. Es sind nur ein paar, die das Haus anstarren, aber es werden mehr.

***

Ethan

Es ist keine Zeit, mehr zu tun, als einen Verband um den tiefsten Schnitt in seinem Arm zu wickeln, ehe von oben eine raue Stimme etwas sagt, das wie “Privestje” oder so ähnlich klingt, und Barry beginnt, die Treppe hinaufzusteigen. Ethan folgt ihm, so schnell er kann, was langsamer ist, als er es gerne hätte. Trotzdem hinkt er stärker als zuvor, weil er sich eben doch beeilt, so gut er kann.

So ist er ein gutes Stück hinter dem Älteren zurück, als dieser unvermittelt erstarrt. Ethan kann nicht genau sehen, was oben auf dem Treppenabsatz ist, aber auch er hält an, als Barry in die Hocke geht und seine Pistole wegsteckt. Irgendwas ist da oben. Und dieses Irgendwas hat seinen Begleiter offensichtlich so sehr beruhigt, dass er glaubt, keine Waffe mehr nötig zu haben. Oder so sehr eingeschüchtert, dass er auf Nummer Sicher gehen will. Bei Barrys angespannter Körperhaltung vermutlich eher letzteres.

Ethan runzelt die Stirn. Sein Gewehr lässt er nicht zurück. Keine Chance. Seine Jacke ist auch nicht lang genug, um es darunter zu verstecken, das haben sie ja vorhin schon festgestellt. Naja. Muss so gehen. Ethan hält das Gewehr nach unten und versucht, es zumindest ansatzweise hinter dem Rücken zu verbergen und ansonsten in Barrys Windschatten zu bleiben, als dieser die restlichen Schritte die Treppe hinaufsteigt.

Jetzt kann Ethan auch die Gestalt oben sehen. Kein Wunder, dass Barry seine Pistole verstaut hat. Gegen diesen hölzernen Riesen müsste er schon einen sehr glücklichen Treffer landen, um ihn mit einem Schuss auszuschalten. Oder eine Schwachstelle finden. Aber da ist im Moment zumindest keine direkt auszumachen.

Langsam und weiterhin in Barrys Rücken bewegt Ethan sich über den Flur. Der Holzhüne stapft auf eine offen stehende Tür zu und tritt hindurch, offensichtlich in der Erwartung, dass Barry – sollte er Ethan und dessen völlig unzureichend versteckte Waffe wirklich noch nicht bemerkt haben? – ihm folgt. Ethan bleibt etwas zurück, versucht, sich außerhalb des Sichtfeldes des Riesen zu halten, während Barry das Zimmer betritt. Von seiner Position aus kann Ethan nicht den ganzen Raum überblicken, ohne selbst bemerkt zu werden – aber er sieht eine altmodisch, aber durchaus gemütlich eingerichtete Stube mit einem etwas abgetretenen Teppich, dem Ende eines in grünlichem Stoff gepolsterten Sofas und einem Beistelltisch mit einer hölzernen Obstschale daneben. Auch der Teil eines Bildes an der Wand ist von hier aus zu sehen; kein Landschaftsbild diesmal, sondern ein Portrait. Mehrere Personen scheinen darauf abgebildet zu sein, aber Genaueres kann Ethan von draußen nicht erkennen. Dafür etwas anderes, das auf der anderen Seite des Raumes steht und von dem für Ethan auch nur eine Ecke sichtbar ist. Eine Wiege. Eine Wiege, die von einer schlanken, hölzernen Hand sanft hin- und hergeschaukelt wird.

Ethan hat genug gesehen. Mit ein paar schnellen Hinkeschritten ist er im Zimmer. Der Gewehrlauf schwingt in die Richtung, aus der er den Besitzer der Stimme vermutet. Da, der alte Mann vom Feld. Ethan zielt, drückt aber nicht ab. Seine Stimme ist ruhig, wenn auch etwas gepresst. “Ruf ihn weg.”

***

Barry

Als Barry das Zimmer betritt, sieht er als erstes die Frau an der Wiege. Das ist nicht das Wesen von der Treppe: Das ist eine ganz fein geschnitzte Holzfigur mit einem schmalen, lieblichen Gesicht, filigranen Händen, einer hübschen Bluse und einem eleganten Rock. Ihre Augen sind keine Knöpfe und wirken nicht wie totes Holz, sondern fast lebendig: Traurig, verzweifelt, flehend. Auf ihrem Kopf sind strohige blonde Haare zu einer eleganten Frisur hochgesteckt.
In der Wiege liegt eine kindliche Holzpuppe. Ihr Gesicht wirkt beinahe wie das eines echten Kindes, vielleicht ein Jahr alt, aber so müde und starr, das es trotz aller Kunstfertigkeit eher das Gesicht eines toten kleinen Mädchens zu sein scheint.

In einem Schaukelstuhl daneben sitzt der alte Mann und hält die andere Hand der Frau an der Wiege. Besitzergreifend, fast herrisch. Als der klobige Holzwächter Barry in den Raum winkt, mustert der Alte ihn von Kopf bis Fuß, als hätte er nur ein Stück Vieh vor sich. Seine Augen bleiben an Barrys langen Haaren hängen, aber bevor er etwas sagen kann, betritt Ethan den Raum und richtet seine Waffe auf den Hausherrn.
“Ruf ihn weg”, sagt er und meint vermutlich den Holzwächter, der immer noch mit der Schrotflinte auf Barry zielt.
Der Alte lacht auf. “Boris, wenn er schießt, schießt du auch”, sagt er mit einem verächtlichen Lächeln. “Und jetzt, mein junger Held? Du tötest mich, dein Freund stirbt. Kein guter Handel, nicht wahr? Nimm die Waffe weg, Junge. Oder willst du an seinem Tod schuld sein?”

Ethan zögert. Während er und der alte Mann sich belauern, schließt Barry die Augen. Er hört Geister nicht mehr so gut wie früher, aber manchmal funktioniert es noch.
“…hilf uns…”, hört er schwach. “…befrei uns…bitte…” Eine Frauenstimme mit slawischem Akzent, und aus der Wiege ein dünnes, hoffnungsloses Wimmern. So klingen Kinder, wenn es ihnen sehr, sehr schlecht geht. Als er Katie von Mist geholt hat, hat sie so geklungen. Sein Gesicht verhärtet sich.

Draußen, vor dem Fenster, sieht er im Schneegestöber den Krähenschwarm. Hunderte von schwarzen Vögeln, die alle auf das Haus starren.

Er atmet tief durch und hört das Knirschen seiner gebrochenen Rippen. Zählt innerlich bis Drei. Dann ruft er: “Ethan, schieß!” und lässt sich im selben Moment zu Boden fallen. Zieht die kleine Pistole aus dem Holster, als Boris feuert und ihn größtenteils verfehlt. Nur ein paar Schrotkörner erwischen ihn, an der rechten Schulter, an der Hüfte, am Bein. Egal.
Barry schießt. Nicht auf Boris, nicht auf den alten Mann, sondern auf das Fenster. Drei schnelle Schüsse, und die Scheibe zerbirst in einem Scherbenregen.

Draußen erhebt sich der Krähenschwarm.

***

Ethan

“Ethan, schieß!”

Aber einen Herzschlag lang zögert er. Was er auch getan hat, der alte Mann ist ein Mensch, kein übernatürliches Monster. Wie die Hexen in Dana Point. Einen Moment lang taucht Agent Saitous vorwurfsvolles Gesicht vor Ethans innerem Auge auf. Melinda Mason, wie sie zerfällt. Agatha Cardwells langgezogener Schrei.

Als er dann doch abdrückt, tut er es nicht, um zu töten, sondern um außer Gefecht zu setzen. Und zwar nicht den alten Mann, sondern das Holzkonstrukt. Ethans Schuss trifft den hölzernen Gesellen in dem Arm, der die Flinte hält, aber das hindert Boris nicht daran, beide Läufe voller Schrot in Barrys Richtung zu jagen. Zum Glück ist der Ältere bereits dabei, sich zu Boden zu werfen, scheint nicht von besonders vielen Schrotkugeln getroffen zu werden. Sein Revolver bellt. Einmal, zweimal, dreimal. Ein lautes Klirren, ein plötzlicher eisiger Luftzug. Und dann ein Rauschen. Leise erst, dann immer lauter, und plötzlich ist der ganze Raum von flatternden schwarzen Schwingen erfüllt. Von glänzenden schwarzen Knopfaugen. Und von dunkelgrauen, spitzen Schnäbeln. Die Krähen gehen einzig und allein auf den alten Mann los, ignorieren die beiden Jäger völlig, aber dennoch wird Ethan von hunderten Flügeln gestreift, dutzenden Vogelkörpern bedrängt, dutzenden Schnäbeln gekratzt. Er wirft sich zu Boden, kreuzt zum Schutz die Arme vor dem Gesicht. Ein ganz eigenartiger Geruch dringt an Ethans Nase: wie staubige alte Früchte, feuchte Erde und ein klein wenig Zimt. Der alte Mann schreit los, heiser und anhaltend, und von fremdsprachigen – russischen? tschechischen? – Flüchen durchsetzt.

Schier endlos hält das Geräusch der Flügel an, bis es leiser wird, und das Geschrei und Gefluche mit ihm. Stille kehrt im Raum ein. Als Ethan vorsichtig die Arme vor dem Gesicht wegnimmt, ist der Alte verschwunden. Blut am eingeschossenen Fenster zeigt, wo die Krähen ihn hinausgeschleppt haben müssen.

Drei hölzerne Gestalten liegen reglos im Zimmer.

***

Barry

Als das Rauschen der Flügel langsam abklingt, hebt Barry den Kopf. Er hat ohnehin schon auf dem Boden gelegen, als der Schwarm eingedrungen ist, und wenig mehr als ein paar zusätzliche Kratzer davongetragen. Nur die Tätowierungen an seinen Schultern bluten von zwei gezielten Hieben eines Krähenschnabels, aber das ist ein geringer Preis. Er kann die Frau und das kleine Kind nicht mehr hören.

Mühsam rappelt er sich auf. Eine brillante Idee, sich mit ein paar gebrochenen Rippen zu Boden zu werfen, aber besser als eine Schrotladung im Bauch. Ethan liegt ein Stück von ihm entfernt und hebt gerade den Kopf, als Barry aufsteht und zum Fenster hinkt.
Draußen schneit es immer noch, nicht allzu stark, aber ausdauernd. Es sind zwar ein paar Krähen zu sehen, die in den Bäumen hocken, aber diese Krähen krächzen, und sie starren nicht das Haus an.
Während Barry die Vögel beobachtet, steigt ihm Rauchgeruch in die Nase. Er lehnt sich ein Stück weiter aus dem Fenster und sieht, dass aus dem vorderen Teil des Hauses dicke graue Schwaden dringen. Großartig. Ein Moment Ruhe wäre ja auch zu nett gewesen.
Er dreht sich um, hilft Ethan auf die Füße und sagt: “Haus brennt. Wir müssen raus.”

Ein paar Minuten später klettern Ethan und Barry hustend und keuchend aus dem Küchenfenster auf der Rückseite des Hauses. Vorne wären sie nicht mehr rausgekommen, da schlugen bereits Flammen aus dem Wohnzimmer.

Barry hält sich die schmerzenden Rippen und versucht, so sachte wie möglich zu husten. Seine Rippen knirschen bei jedem Atemzug. Knirschen. Schaben. Reiben. Die Enden der gebrochenen Knochen kratzen und hobeln aneinander. Krepitation. Das ist das Wort, das er sucht. Das Geräusch von geborstenen Knochen. Kann man nicht alle Tage verwenden. Krepitation.
So langsam geht es wieder. Der Schmerz bleibt, aber der Hustenreiz lässt nach, und die Suche nach dem richtigen Wort lenkt Barry genug ab, dass er auf den Füßen bleibt.

Als er sieht, dass Ethan sich auf dem Holzstapel neben dem brennenden Haus niederlassen will, versucht er, etwas zu sagen. Nach dem dritten Versuch bringt er schließlich heisere Geräusche heraus, und beim fünften sagt er halbwegs verständlich: “Keine Zeit. Zu hell.” Er deutet in Richtung des offenen Feldes hinter dem Haus. “Das wird gesehen. Will nicht hier sein, wenn Leute kommen.” Wenn die Polizei kommt, meint er. Oder die Feuerwehr. Er hat keine Lust zu erklären, was er und sein Begleiter mit Schusswunden und anderen Verletzungen bei einem brennenden Haus machen. Es schneit immer noch, das wird ihre Spuren verdecken. Schade, dass seine Jacke jetzt irgendwo in den Flammen verkohlt.

Er geht zu Ethan und hält ihm das GPS-Gerät hin. Das ist stabil genug, um alle möglichen Stürze zu überleben, und funktioniert noch einwandfrei.

“Findest du damit zum Auto?”

***

Ethan

Vorhin, in der Hektik, ist Ethan das gar nicht so recht aufgefallen. Aber genau so, wie Barry sich bewegt, hat Ethan das vor gar nicht allzu langer Zeit auch getan. Der hat mindestens eine gebrochene Rippe. Eher mehr. Verdammt.

Eigentlich hatte er auf dem Holzstapel nur mal kurz durchatmen wollen, aber Barry hat recht. Lieber nicht. Ethan nickt und nimmt das GPS-Gerät entgegen. Sein Pickup hat zwar kein Navigationssystem, und selbst besitzt er kein tragbares GPS, aber das kann doch so schwer nicht sein. Er schaltet es ein und drückt auf den “auf Position zentrieren”-Knopf, der nach dem Startbildschirm auftaucht. Ah. Sehr gut. Mit der Karte kann er was anfangen.

Ethan deutet in Richtung des Waldwegs, auf dem sie gekommen sind. “Lass erst mal außer Sicht.”
Hinkend macht er die ersten Schritte, sieht sich dann aber erst noch einmal nach dem Haus um. Überlegt, welche Spuren auf sie deuten könnten. Sie haben Kugeln zurückgelassen. Und Blut. Aber beides wird hoffentlich von den Flammen und der Asche zumindest übertüncht werden.

Barry ist ziemlich bleich unter seiner gebräunten Haut. Das Atmen macht ihm sichtlich Probleme. Ethan verzieht das Gesicht. Kann sich gerade lebhaft vorstellen, wie das ist. “Geht’s?”
Beinahe muss er lachen. Er hat gut fragen, ihm geht es ja selbst nicht groß anders. Seine Kleidung hat das meiste Blut aufgefangen, so dass er wenigstens keine tropfende Spur hinterlässt, der man folgen könnte, aber das ersetzt natürlich keinen Verband oder gar Stiche. Er will lieber nicht wissen, wie die Sachen nachher von der Haut kommen werden. Er schnaubt. Besser nicht dran denken. Über diese Brücke gehen, wenn er hinkommt.

Mehr schlecht als recht und einander gegenseitig stützend schaffen die beiden Jäger es bis zu dem Punkt, wo sie vorhin aus dem Unterholz auf den Weg gekommen sind. Aber in ihrem jetzigen Zustand will Ethan sie nicht nochmal durch das Dickicht scheuchen. Keine Chance. Er konsultiert die Karte auf dem GPS-Gerät. Quer durch den Wald konnten sie vorhin auch keine ganz gerade Linie gehen, sondern sind ziemliche Kurven gelaufen. Aber das Auto müsste ungefähr… – er zoomt auf dem Gerät hinaus – da sein. Da ist dieser Bach. Okay. Der Waldweg, auf dem sie gerade entlanglaufen, ist nur eine dünne Linie, aber ja, da vorne kommt eine Kreuzung, wenn sie da links gehen, und an der nächsten Gabelung den rechten Pfad nehmen… “Alles klar.”

Es dauert. Es dauert deutlich länger als der Hinweg. Der Schnee fällt mit unverminderter Dichte, und es ist kalt geworden, sehr kalt. Ethans blutige Kleidung klebt an ihm, der Wind pfeift durch die Löcher in Jeans, Jacke und Hemd, und seine Zähne klappern immer stärker. Aber irgendwann ist es geschafft, kommt der Nissan in Sicht.

Die letzten Schritte taumeln sie mehr, als sie gehen. Oder hinken. Mit zittrigen Fingern dreht Ethan den Schlüssel im Schloss, bringt irgendwie die Tür auf. Findet den Verbandskasten. Und dann sind sie drin, und Ethan aktiviert die Zündung und dreht die Heizung hoch, so weit es nur geht. Es dauert einige Minuten, bis sein Zittern soweit nachlässt, dass er daran denken kann, überhaupt irgendwas zu verarzten.

***

Barry

Barry greift sich als erstes die zwei Decken, die auf dem Rücksitz liegen. Er wirft Ethan eine zu und hüllt sich selbst in die andere. Im Augenblick fühlt er sich noch wie betäubt von der Kälte, aber das wird bald aufhören, wenn die Heizung richtig läuft. Großartig. Sein Funktionsshirt ist vollkommen ausreichend, wenn er im Winter laufen geht, aber heute war es doch ein wenig frisch. Seine langen Haare haben auch nicht gerade geholfen, die sind nass und voller Eisstücke. Mühselig kramt er sie unter der Decke hervor. Die müssen nicht an seinem Rücken kleben, während sie trocknen. Kühlung für die Prellungen ist gut und schön, aber davon hat er jetzt genug gehabt.

Während Ethan schon in dem Verbandskasten kramt, entdeckt Barry im Fußraum eine Flasche Bourbon. Keine großartige Marke, aber das ist ihm im Moment egal. Er klemmt sich die Flasche in die Ellenbogenbeuge und schraubt sie mit der linken Hand auf. Die Schrotkörner im rechten Oberarm helfen dabei erstaunlich wenig.
Mit einem Seufzer nimmt er einen kleinen Schluck. Fühlt sich gut an, als der Alkohol in seinem Magen explodiert und ihn kurz wärmt. Er reicht die Flasche Ethan rüber.

Als nächstes nimmt er sein Handy heraus. Funktioniert noch. Die Outdoor-Hülle hat sich gelohnt. Tam hat geschrieben: “Krähen weg. Artie okay.” Barry atmet erleichtert auf, zeigt Ethan die SMS und antwortet mit ihrem üblichen Code für “Alles gut hier, brauche noch einen Moment.”

“Ich kenn einen Arzt”, sagt er dann. “Einen, der keine Fragen stellt. Würde sagen, wir verbinden das Schlimmste, dann fahren wir hin. Ist aber ein Stück.”

***

Ethan

Der billige Bourbon zieht seine glühende Spur durch die Kehle bis in Ethans Magen. Vom Verstand her weiß er, dass das eine trügerische Wärme ist, aber sie tut trotzdem verdammt gut. Nicht ganz so gut wie die Erleichterung allerdings, die ihn durchfährt, als Barry ihm einen Moment später die SMS seiner Frau zeigt. Artie ist in Ordnung. Und Barrys Familie ist in Ordnung.
Ethan atmet tief durch und nickt. “Arzt ist gut. Keine Fragen noch besser.”

Sobald die beiden Jäger einigermaßen verarztet sind, lässt Ethan den Motor an und lenkt den Hardbody behutsam über die holprige Schotterpiste und zurück zur Straße. Dort fährt er zwar noch immer umsichtig und auf die gebrochenen Rippen des Älteren bedacht, aber hier, auf dem glatten Asphalt, kommt er wenigstens einigermaßen voran.

Es ist wenig Verkehr, die Strecke nicht sonderlich kurvig, und so kann Ethan die Gedanken schweifen lassen. Was ihm dummerweise all seine Verletzungen überdeutlich ins Bewusstsein ruft. Er wirft einen schnellen Seitenblick zu Barry hinüber. Dem dürfte es nicht viel anders gehen. “Eins versteh ich nicht”, murmelt er. “Warum die Krähen? Warum Artie? Warum euer Haus?”

Hauptsache irgendwie ablenken.

***

Barry

Barry denkt einen Moment nach. Nur atmen und dem Geräusch seiner knirschenden – krepitierenden? – Rippen zu lauschen ist auf Dauer keine gute Idee.
“Ich weiß nicht. Die Krähen für die Frau, vielleicht. Oder um den Alten zu holen. Und Artie?” Gute Frage. “Die haben vielleicht irgendwas an ihm gespürt. Haben gedacht, er könnte helfen.” Vielleicht war er auch einfach ein leichteres Opfer, wer weiß. So ganz natürlich ist es nicht, dass der Junge überhaupt noch lebt. Aber Barry will Ethan nicht beunruhigen. “Oder es lag an mir, kann auch sein”, fährt er fort. “Ich war mal auf dieser Insel… Mist… da hab ich ihnen einen Gefallen getan. Eine Sache ins Lot gebracht. Und ich hab Artie gesagt, er gehört jetzt zu meiner Familie. Möglich, dass sie das gespürt haben.” Barry glaubt das zwar nicht recht, aber es ist eine bessere Antwort als “Artie sollte tot sein, das haben sie gespürt.”
“Oder er hat irgendwas an der Vogelscheuche aufgestört, irgendwas befreit, was die Krähen festgehalten hat, und deswegen sind sie ihm gefolgt.” Das klingt auch gut.
“Aber ich glaube, du verstehst mehr von diesem Kram als ich.” Barry hat eigentlich keine Lust, die ganze Zeit zu reden. Das ist schon unangenehm genug, wenn ihn nicht gerade jemand gewürgt hat. “Du klingst wie jemand, der schon lang alleine unterwegs ist.”

***

Ethan

Ethan nickt leicht. “Schon. Aber wenig… Indianisches bisher. Schamanenkram und so. Die Puppen…” Wieder einmal fliegt ein Bild vor Ethans innerem Auge vorbei. Von der Einwandererfamilie, frisch aus der alten Welt angekommen, voller Freude und Hoffnung und Zuversicht auf das neue Leben im gelobten Land. Boris, groß und kräftig, mag vielleicht im alten Land nie eine Schule besucht haben, aber er ist stark, und er ist bereit, fast jede Arbeit anzunehmen, um seine Familie zu ernähren. Seine geliebte Frau, und ihre kleine Tochter, sein Augenstern. Nicht auszudenken der Schock, als der junge Russe feststellen muss, dass sein Rivale ebenfalls nach Amerika gekommen ist, sein Rivale, der einst sein bester Freund war und der es Boris nie verziehen hat, dass die blonde Schönheit ihn statt seiner erwählte… “Verzaubert, glaub ich.” Er schüttelt sich bei dem Gedanken, wie sich das angefühlt haben muss. Ob das Holz langsam die Glieder hochgekrochen ist, oder ob es schnell ging. Wie es sich angefühlt haben muss, als das Herz erstarrte. Und dann in dieser Gestalt gefangen zu sein. So viele Jahre. Ohne Hoffnung.

Ethan blinzelt. Brummt. Ruft sich in die Wirklichkeit zurück. “Ist ihm recht geschehen.”

***

Barry

Schamanenkram, ja? “Indianisches”. Großartig. Gut, dass Ethan gerade über eine Bodenschwelle fährt und Barry erst mal darum kämpfen muss, bei Bewusstsein zu bleiben. Damit erspart sich der wortkarge Jäger eine Lektion über indigene Kulturen, tungusische Sprachen und Kulturimperialismus.

“Dem Alten?”, fragt Barry schließlich. “Vielleicht hat er nur versucht, seine Familie festzuhalten. Wenn jemand stirbt, den du liebst… mit manchen Leuten macht das komische Sachen. Will sich nicht jeder damit abfinden.” Eine andere Hülle für eine Frau oder eine Tochter war vielleicht alles, was der alte Mann wollte. Wollte sie behalten, um jeden Preis.

Aber das ist Spekulation. Worüber sollen sie aber auch reden? Ist vielleicht besser, nichts zu sagen, während Ethan das Auto über die Nebenstraßen lenkt.
Barry überlegt sich das anders, als er sieht, dass Ethans Hände immer noch zittern. Dem geht es nicht gut, Blutverlust, Nachwirkungen vom Adrenalin-High, Kälte. Oh, und der Bourbon. Also doch reden.

“Hey”, sagt er schließlich. “Wach bleiben, okay? Erzähl mir irgendwas, sonst bin ich weg und du weißt nicht, wo es hingeht.”

***

Ethan

“Erzähl mir irgendwas”, sagt Barry. Verdammt. Und Ethan ist auch nicht entgangen, wie der andere unwillkürlich gezuckt hat, als er von “Schamanenkram” gesprochen hat.
“Tut mir leid. Falscher Begriff. Weiß aber keinen andern.” Wieder wirft er dem Älteren einen Blick zu. Nimmt kurz eine Hand vom Lenkrad, um damit eine vage, beinahe entschuldigende Geste zu machen. “Worte… sind nicht so meins. Worte… kosten.”

Ein Seitenblick von Barry. War so klar, dass dem diese Formulierung aufstoßen würde. Er zuckt etwas hilflos mit den Schultern. “Zeit. Blut. Und ja. Ziehe schon ne Weile rum. Zehn Jahre jetzt. Wobei.” Ethans Gesicht verhärtet sich. “Alleine acht. Siebeneinhalb.”
Wenn jemand stirbt, den du liebst, hat Barry eben gesagt. Stimmt. Mit manchen Leuten macht das komische Sachen. Dafür sorgen, dass sie sich in sich zurückziehen und das Reden verlernen, zum Beispiel.

Auf das Zeichen seines Begleiters hin biegt Ethan an der nächsten Kreuzung rechts ab, folgt dann einigen Anweisungen mit diversen Richtungswechseln. Das gibt ihm willkommene Gelegenheit, in das ihm gewohnte Schweigen zurückzufallen, bis sie auf einer neuen Nebenstraße sind und auch etliche Meilen lang bleiben werden. Barry ist wieder in seinem Sitz zusammengesunken, und Ethan presst die Lippen aufeinander. Verdammt.

“Hab n Job. Nix Besonderes, aber zahlt die Brötchen. Studentenverbindung. Lauter Jäger. Sehens als Sport, viele von denen.” Er schnaubt bitter. “Aber die verstehen wenigstens, wenn ich mal weg muss.”

***

Barry

Was? Weg muss? Wo muss er hin? Studentenverbindung? Barry hat den Faden verloren. Das liegt nun nicht an den gebrochenen Rippen oder den Schrotkugeln, sondern daran, dass ihn Ethans Formulierung beschäftigt. Worte kosten. Richtig. Er würde gern wissen, was sie Ethan gekostet haben, aber das kann er nicht fragen.

“Der richtige Begriff”, sagt er schließlich langsam. “Der richtige Begriff ist Wicasa Wakan. ‘Heiliger Mann’, wenn du so willst. Mein Großvater war einer und ich… na ja. Ich lerne. Bin noch nicht da, wo ich dafür hin muss.”

Er deutet auf eine Abzweigung. Sie sind beide nicht lebensgefährlich verletzt, Ethan kennt sich nicht aus, Tam und die Kinder sind in Sicherheit, also macht es nichts, wenn sie noch ein paar Umwege fahren. Artie gehört jetzt zur Familie, und Ethan gehört zu Artie. Wenn Barry also die Chance hat, ihn besser kennen zu lernen, dann wird er das auch machen.

“Tut mir leid”, sagt er. “Du hast da was gesagt… ich musste nachdenken. War abgelenkt. Aber Worte… die sind wichtig. Es gibt Leute, die schleudern sie herum, suchen nicht nach den richtigen… die denken, das kostet ja nichts. Schall und Rauch. Aber ohne Worte haben wir gar nichts.” Er schüttelt den Kopf. “Ich bin mal gestorben. Bin zurückgekommen wegen der Worte, die ich gehört habe. Schwer zu erklären. Irgendwann kann ich’s, vielleicht.”

…und als nächstes liest du ihm ein Gedicht vor, Barry. Laber den Knaben nicht voll, sondern hör lieber zu. Was hat er von der Studentenverbindung gesagt? Aber der studiert doch nicht, oder? Irgendwas mit Jägern?

Moment mal. Ethan zieht seit zehn Jahren in der Gegend herum? Entweder der sieht jünger aus, als er ist, oder…
“Ich rede zu gern über Worte”, entschuldigt er sich. “Sollte lieber zuhören. Zehn Jahre ist eine lange Zeit… du warst noch ziemlich jung, als du angefangen hast mit diesem Leben.”

***

Ethan

Ethan, der eben noch dem Klang der Worte ‘Wicasa Wakan’ nachgelauscht und Barry mit einem halben Lächeln und einem Nicken seinen Dank für den neuen Begriff vermittelt hat, ehe er der etwas verwirrenden Erzählung von Barrys Sterben und Wiederkehr durch Worte fasziniert gefolgt ist, beißt die Zähne zusammen bei diesem letzten Satz. So stark, dass man das Knirschen beinahe hören kann.

Junior Year. Ethan ist nicht massig, sondern eher schmal, aber er ist flink auf den Füßen und einigermaßen groß, und er hat eine gute Hand-Auge-Koordination, also spielt er Basketball. Das Training ist gerade vorüber, und die Jungs und er wollen noch in den Diner auf eine Cola. Es ist gut gelaufen heute, und die Teenager unterhalten sich lebhaft über das Spiel gegen die Mannschaft einer benachbarten Schule, das am Wochenende stattfinden soll, während sie gut gelaunt die Abkürzung unter der Hansen Road hindurch nehmen, wo ein mannshohes Abflussrohr die Straße unterquert. In den letzten Tagen und Wochen war es ziemlich trocken, und so steht an diesem frühen Winterabend nur ein dünnes Rinnsal in dem Graben. Da kommen sie locker mit trockenen Füßen vorbei. Den leicht modrigen Geruch, der in dem Kanal meistens herrscht, ist die Zeitersparnis allemal wert.

Heute ist der Geruch besonders penetrant. Ein Gestank schon beinahe, und nicht nur nach Moder, sondern auch nach etwas anderem. Urin? Fäkalien? Ein Tierkadaver?
Naserümpfend eilen die Jungen durch den kurzen Tunnel, als sich vor ihnen in der Dunkelheit ein schwärzerer Schatten aufrichtet und Jesse einen überraschten Laut von sich gibt. Und dann wandelt sich das Geräusch, das Jesse macht, zu einem Schrei des Entsetzens, und der Tunnel ist erfüllt von rotglühenden Augen und von Klauen und Zähnen, und auch Ethan spürt, wie sich eine Pranke oder etwas dergleichen in seine Schulter schlägt, und dann laufen sie nur noch, laufen, so schnell sie ihre Beine tragen, die Sporttaschen habe sie längst fallen gelassen, aber Jesse ist nicht dabei, Jesse ist im Abflussrohr zurückgeblieben, und auch Nick ist nicht neben ihnen, als Frank und Ryan und Ethan mit vor Panik geweiteten Augen die Böschung hochstolpern und oben rennen, was ihre Beine nur hergeben.

Kein Auto, warum kommt kein Auto, so unbelebt ist doch nicht mal die Hansen Road um diese Zeit, so spät ist es doch noch gar nicht, aber es ist kein Auto in Sicht, weit und breit, und sie rennen, und der Schatten folgt ihnen, und mit einem Mal stolpert Ryan, strauchelt, warum, warum stolpert er, da war doch gar nichts auf dem Weg, und Ethan hält seinem Freund die Hand hin, will ihn hochziehen, aber schon ist der Schatten bei ihnen angekommen, wie hat er das gemacht, war er nicht eben noch da hinten, und Ethan hört eine heisere, hechelnde Stimme. “Ihhhrrr, ich rrrrieche euuuuch! Guuute Jaaaaaagd!”

Oder hat er sich die Stimme nur eingebildet? Denn während er noch versucht, Ryan mit sich zu ziehen, versucht, gegen den Widerstand des ebenfalls an Ryan zerrenden Schattens anzukommen, gibt der Widerstand plötzlich nach, und Ethan hat Ryans Arm in der Hand, und er lässt ihn schreiend fallen, warum schreit er nicht ohnehin schon die ganze Zeit, er fühlt sich so, als müsse er sich die Seele aus dem Leib schreien, und der Schatten spielt mit dem, was mal Ryan war, und Ethan muss rennen, lieber Gott steh mir bei, er muss rennen, rennt, wie er noch nie in seinem Leben gerannt ist, und Frank rennt neben ihm.

Sie rennen, bis die Lunge brennt und die Beine keinen Schritt mehr tun können, atmen in abgehackten, hechelnden Zügen. Auf dem Weg hinter ihnen ist kein Schatten zu sehen. Gehend jetzt setzen sie ihren Weg fort, kommen nur langsam wieder zu Atem. Ethans Handy steckt in seiner zurückgelassenen Sporttasche, und bei Franks ist während des Trainings der Akku leergelaufen, hat er vorhin festgestellt. Vorhin, als die Welt noch normal war.
“Die Jungs… wir müssen… Krankenwagen… Polizei…” keucht Ethan, und Frank nickt. “Zu mir… ist näher, da können wir… anrufen…”

Bis sie bei Franks Haus angekommen sind, haben sie wieder einigermaßen Atem geschöpft. Sie wollen eben in die Auffahrt einbiegen, da dringt der Gestank von Urin und Fäkalien und Kadaver an Ethans Nase, und der Schatten hat sie eingeholt. Seine schemenhaften Pranken schlagen zu, Frank geht mit einem ersterbenden Schrei zu Boden, und Ethan rennt wieder, rennt und rennt und rennt. Und weiß, dass er nicht nach Hause kann, denn das Ding verfolgt ihn, und er darf es nicht nach Hause führen, zu Mom und Dad und Alan und Fiona, er muss es weglocken, und er muss in Bewegung bleiben, denn das Ding wird ihn jagen und niemals aufgeben, niemals…

“Sechzehn”, sagt Ethan mit rauer Stimme. “Da war dieses Ding. Monster. Harrdhu. Wusste ich da aber noch nicht. Wusste nur, ich muss weg. Und konnte nicht zurück.”

Er blinzelt, versucht, die Erinnerungen abzuschütteln, die ihn eben so heftig überfallen haben wie lange nicht mehr, und dann meist nur in nächtlichen Alpträumen.
“Und du?”

***

Barry

“Lange Geschichte”, antwortet Barry, nicht um der Frage auszuweichen, sondern weil er den richtigen Anfang finden muss. Er schließt die Augen, atmet tief durch und beginnt.

“Stell dir einen Studenten vor. Normales Leben, normale Probleme, normale Träume, auch wenn er das nicht dachte. Studierte Sprachen und Schreiben. Fuhr ein cooles Auto, hatte Stress mit seiner Ex-Freundin. Brach zu einer Reise auf, harmlose Sache, Daytona Beach. Hätte gleich am Anfang sterben sollen, aber jemand hat sich eingemischt, und er und zwei andere haben den Unfall überlebt. Danach: Horrorshow. Merkwürdige, tödliche Zufälle. Eine Heldenreise voller Begegnungen, die nicht in seine Welt passten. Schwankte zwischen Panik und Hysterie. Schließlich hat er jemanden getötet. Kam nicht klar. Hat versucht, sich umzubringen.”

Barry schweigt einen Moment und erinnert sich an den Studenten. So richtig kann er nicht nachfühlen, was damals in ihm vor sich ging – diese Angst, die ständig um ihn herumflatterte, die Zweifel an allem, was er sah, dieser Verlust des Gefühls für Realität. Am Ende blanke Verzweiflung.

“Er passte nicht mehr in die Welt. Wollte raus. Hat er auch geschafft, fast zumindest. Der Teil von ihm, der fliehen wollte, ist damals gestorben. Der andere Teil? Das bin ich.”

Innerlich muss Barry bei dem lyrischen Rhythmus fast lachen. Er neigt dazu, bei seinen Erzählungen dramatisch zu werden. Wenigstens hat er es geschafft, sich kurz zu fassen und nicht allzu viel über seine Gefühle zu schwafeln.
Es versetzt ihm einen Stich, dass er eigentlich niemand ist, der gern zu viel über sein Innenleben preisgibt – und dass Irene trotzdem so viel von ihm zu Gesicht bekommen hat. Dinge, die er Ethan nicht erzählen würde, obwohl er Ethan viel mehr vertraut als Irene.

“Danach war’s einfacher. Vielleicht ein bisschen zu einfach.” Ob Ethan jetzt denkt, dass er von Monstern redet? Aber wie erklärst du, dass du hauptsächlich kein übernatürliches Kroppzeug, sondern andere Menschen tötest?

“Bin ganz froh, dass ich meine Familie habe. Normale Probleme zu haben hilft. Keine Ahnung, was ich sonst wäre.” Noch unmenschlicher, wahrscheinlich. Mit noch weniger Skrupeln. Kein schöner Gedanke, also zurück zu Ethan.

***

Ethan

Es ist Ethan durchaus aufgefallen, dass Barry seine Geschichte in der dritten Person erzählt hat. Sich wohl tatsächlich innerlich von dem Mann entfernt hat, der er damals war. Dass aber echte Wärme aus seiner Stimme klingt, als er von seiner Familie spricht. Ethan nickt langsam, beinahe widerwillig. “Denks mir. Fester Boden, wie?”

Er sieht kurz aus dem Seitenfenster des Pickups, dann starr auf die Straße vor sich. Vermeidet es, zu Barry hinüberzuschauen. Dass er den nächsten Gedanken aussprechen wird, weiß er selbst nicht, bis die Worte aus seinem Mund kommen. Zögerlich. Schmerzhaft. Lange ungesagt.
“Hab meine nicht gesehen. Seitdem.” Sei froh um deine Familie, Barry Jackson, denkt er bei sich. Aber das ist der ältere Jäger. So viel ist klar.

Verdammt. Wo kommt das Selbstmitleid auf einmal her? Es ist, wie es ist. Um sich abzulenken, kehrt er zu Barrys voriger Schilderung zurück, der distanzierten. Versucht ebenfalls, in der dritten Person zu bleiben. Die von Barry aufgebaute Distanz auf diese Weise zu wahren.
“War das da? Das mit den Worten? Die ihn zurückgeholt haben? Den anderen Teil?”

Immer noch sieht er angestrengt nur nach vorne hinaus. Vereinzelt sind hier und da Häuser am Straßenrand zu sehen. Ob sie sich langsam ihrem Ziel nähern? Ethan ist immer noch kalt, trotz der Heizung, und er fühlt sich, als könne er ein Jahr lang schlafen. Aber noch muss er durchhalten.

***

Barry

Sie werden bald da sein. Ist auch besser so, Ethan ist kreidebleich und zittert. Kälte, immer noch, und der Blutverlust. Keine Zeit für noch eine Schleife, zumal die über eine Schotterpiste führen würde. Nicht gut für die Rippen. Barry spürt, wie sein Atem leise pfeift – aber Doc Valderas hat ein Röntgengerät. Vermutlich ist ihm sowieso nur kalt.

“Ja”, sagt er, “das war da. Hat funktioniert – sechs bis acht Wochen später hatte ich die Rohfassung meines ersten Romans. Seither habe ich nicht mehr zurückgeschaut – ich habe nichts verloren, was ich unbedingt gebraucht hätte. “

Aus dem Rückspiegel schaut ihn auf einmal das Gesicht seines jüngeren Ichs an: Ein gutaussehendes Gesicht, dem es leicht fällt, zu lächeln. Mit der rechten Hand fährt sich der Junge durch die kurzen Haare. Barry schaut weg.

“Seit St. Trinity sehe ich ihn manchmal”, sagt er langsam. “Den Jungen, der ich mal war. Keine Ahnung, warum – er hätte nie überlebt, und ich bin zufrieden mit dem, was ich habe.”

Während er das sagt, reibt er mit der linken Hand über die Manschette, die den Haken an seinem linken Unterarm befestigt.

***

Ethan

St. Trinity. Ethan atmet tief durch. “Hab dir noch nicht gedankt.” Jetzt dreht er sich doch kurz zu seinem Beifahrer um, nickt ihm mit einem halben Lächeln zu. “Danke.”
Dafür, dass Barry in dem Höllenhaus da war. Dass er ohne zu Zögern bereit war, Ethan zu verteidigen. Dass er keine Fragen gestellt hat. Fragen, die Ethan seither selbst mehr als einmal durch den Kopf gegangen sind. Erinnerungen, die er verdrängt geglaubt hatte.

“Manchmal… denke ich. Was wohl gewesen wäre.” Ethan zuckt vage mit den Schultern. “Anwalt. Lehrer. IT-Mensch.” Er schnaubt: halb bitter, halb amüsiert. “Schwer vorzustellen.”

Ortsgrenze. Mit knappen Handbewegungen schickt Barry ihn um einige Ecken, bis sie in den Hinterhof einer offenen Klinik einbiegen. Das Rolltor öffnet sich, nachdem der Ältere in eine Kamera geschaut hat, und der Nissan rollt langsam in die kleine Halle, die normalerweise für Lieferanten vorgesehen ist.

Es kostet Ethan erschreckend viel Überwindung und Mühe, die Fahrertür zu öffnen und sich von seinem Sitz zu schälen. Barry scheint es ganz ähnlich zu gehen, aber zum Eingang ist es ja nicht weit.

Mühsam schlurfen beide durch eine Feuertür, werden von einem tätowierten Latino begutachtet. Bei Ethans Anblick spannt er sich an, aber er erkennt Barry und begrüßt ihn mit einem knappen Nicken.
Eine Minute später sitzen sie in einem leeren Behandlungsraum, während sie darauf warten, dass Doc Valderas zu ihnen kommt. Ethan sackt in seinem Stuhl zusammen und schließt die Augen. Es ist eine unendliche Erleichterung, einfach nur sitzen zu können. Nicht auf die Straße achten zu müssen. An nichts denken. Sein Kopf sinkt auf die Brust. Nur eine Sekunde ausruhen.

***

Barry

Barry hätte Ethan wirklich gern geantwortet, als der Jüngere über sein Leben geredet hat. Hätte ihm gern gesagt, dass er immer noch alles ändern kann. Wird nicht leicht, sicher, aber was hält ihn wirklich davon ab, außer Gewohnheit?
Aber das ist der Moment, in dem seine Stimme versagt. Die klang schon in den letzten Minuten sehr, sehr rau, und jetzt kommt einfach kein Laut mehr aus seiner Kehle. Vielleicht noch ein heiseres Krächzen, aber das hört Ethan gar nicht. Großartig. Das war ja genau der richtige Moment.

Im Wartezimmer schläft Ethan ein. Hoffentlich. Gerade als Barry aufstehen will, um zu überprüfen, ob der junge Mann überhaupt noch lebt, kommt Doc Valderas mit einem kräftigen Pfleger in den Raum. Barry winkt ihr zu, dass sie sich zuerst um Ethan kümmern soll. Währenddessen pfeift sein Atem fröhlich vor sich hin.

Eine halbe Stunde später kommt sie wieder, entfernt die Schrotkugeln und untersucht Barrys Rippen. Ja, die sind gebrochen, ja, vielleicht ein geringer Pneumothorax. Kurze Notfall-Thoraxdrainage, Medikamente, Verband, aber keine weiteren Schmerzmittel oder gute Ratschläge, dass er jetzt Ruhe braucht und sich schonen soll. Aber er soll wiederkommen, und er soll nicht fliegen. Letzteres mit einem schiefen Lächeln. Doc Valderas kennt ihn schon seit ein paar Jahren.
“Dein junger Freund sollte sich eine Weile erholen”, sagt sie noch. Barry nickt. Sie hat ihm etwas für die Stimme gegeben, aber er will jetzt eigentlich nicht mehr reden.

Nachdem er sie bezahlt hat, sammelt er Ethan ein. Der ist ein bisschen benommen von den Schmerzmitteln und nicht so recht fahrtauglich, also nimmt Barry ihm den Autoschlüssel ab und fährt selbst. Macht er nicht gern, und er fährt extrem langsam und vorsichtig, aber sie kommen eine Weile später wieder am Haus an.

***

Ethan

Davon, dass man ihm in ein anderes Behandlungszimmer hilft und ihn dort auf eine Untersuchungsliege bugsiert, bekommt Ethan nicht sonderlich viel mit. Von der Spritze gegen die Schmerzen und der eigentlichen Wundversorgung auch nicht. Nachdem man ihn verbunden hat, legt man ihm eine Infusion aus einer klaren Flüssigkeit. Salzlösung? Er weiß es nicht. In diesem Moment interessiert es ihn auch nur vage. Stärken soll es ihn, etwa 30 Minuten dauern soll es, und er soll sich einfach entspannen. Was er sich nicht zweimal sagen lässt. Kaum ist er wieder allein im Raum, weil die Ärztin sich um Barry kümmern geht, verfällt Ethan wieder in Halbschlaf.

Vom Öffnen der Tür und der Hand an seiner Schulter kommt er wieder zu sich, sieht aus benommenen Augen auf. Barry steht neben der Untersuchungsliege, nickt Richtung Tür. Der Pfleger kommt herein, zieht die Nadel aus Ethans Arm und entsorgt den leeren Infusionsbeutel. Mit Hilfe des kräftigen Mannes kommt Ethan auf die Füße. Stützt sich kurz an der Liege ab, weil sich die Welt vor seinen Augen dreht. Huh. Das Drehen wird nach einigen Sekunden besser, aber das benebelte Gefühl bleibt. Er ist ganz froh, dass er jetzt nicht den Fahrer geben muss, weil Barry ihm kurzerhand den Autoschlüssel aus der Jackentasche zieht.

Entsprechend schweigsam sind beide Männer auf dem Rückweg nach Stuttgart. Ethan döst und wartet darauf, dass die Benommenheit nachlässt. Bis sie bei den Jacksons angekommen sind, kommt er aber immerhin ohne Hilfe aus dem Auto. Drinnen hat man anscheinend das Motorengeräusch gehört, denn als der Nissan anhält, geht die Haustür auf, und Tam Jackson kommt heraus, gefolgt von den beiden Kindern und von Artie, der wie der Blitz an ihr vorbei und auf das Auto zuschießt.

Mrs. Jackson macht ein zu gleichen Teilen besorgtes und erleichtertes Gesicht, als sie den Zustand der beiden Jäger bemerkt, sagt aber nichts. Vermutlich hat sie Ähnliches bei ihrem Mann schon mehr als einmal erlebt. Artie hingegen macht aus seiner Erleichterung keinen Hehl. Der Kleine läuft auf Ethan zu und schlingt die Arme um ihn, was diesem trotz des Schmerzmittels zwar diverse Blessuren zum Zwicken bringt, ihm aber auch ein Lächeln entlockt. “Uns geht’s okay, Artie.”

Jetzt ergreift auch Tam das Wort. “Kommt erst mal rein.”

***

Barry

Mühsam steigt Barry aus dem Wagen. Nein, die Schotterpiste zum Haus machte gerade keinen Spaß. Er hupt, zweimal kurz, einmal lang, damit Tam weiß, dass er es ist. Ethan scheint davon aufzuwachen, schaut kurz um sich und steigt relativ geschmeidig aus dem Auto. Vermutlich die Schmerzmittel.

Tam erscheint in der Tür, sieht die beiden Männer mit ihren Verbänden und macht ein ernsthaftes Gesicht. Vermutlich verbeißt sie sich ein Lachen, so wie Barry sie kennt. Dann wird sie fast von Artie umgerannt, der zu Ethan will, und dann noch mal von Pete, der es dem älteren Jungen nachmacht. Katie kommt vorsichtiger nach draußen und schüttelt den Kopf über die beiden, die so leichtsinnig in der Gegend herumrennen.

Nach einer allgemeinen Begrüßung scheucht Tam Ethan ins Bett. Der sieht immer noch ziemlich angeschlagen aus, und er protestiert nicht weiter. Artie weicht ihm allerdings nicht von der Seite. Hoffentlich hat Ethan ihm gesagt, dass der Junge hier wohnen soll, ohne seinen älteren Beschützer. Aber so wie er den jüngeren Mann kennt, befürchtet Barry fast, dass er das nicht getan hat.

Am nächsten Morgen sitzt Barry in der Küche beim Kaffee, als Ethan wieder auftaucht. Der jüngere Jäger sieht noch etwas verschlafen aus und hinkt, aber er macht einen ausgeruhten Eindruck. Gut für ihn. Barry hat nicht so gut geschlafen und spürt seine Verletzungen bei jeder Bewegung. Aber das ist in Ordnung so. Heißt, dass er noch lebt. Wenigstens ist sein Atem frei.
“Morgen”, sagt er heiser. “Kaffee?”
Während er Ethan eine Tasse einschenkt, bemerkt er dessen suchenden Blick.
“Katie ist in der Schule, Pete im Kindergarten. Artie hilft Tam bei den Pferden.” Vielleicht bringt das den Kleinen ein bisschen zur Ruhe. Tiere sollen ja bei Therapien helfen.

Die beiden Männer sitzen eine Weile schweigend in der Küche, bis Barry die gepackte Reisetasche neben Ethan bemerkt.
“Doc Valderas hat gesagt, du sollst dich ausruhen, sonst heilt’s nicht so gut. Also, wenn du willst… bleib noch eine Weile. Ist vielleicht auch besser für Artie, wenn du nicht gleich abhaust.”

***

Ethan

Das Angebot kommt für Ethan völlig überraschend. Sollte es vielleicht nicht, wo Barry ihn ja auch schon über Weihnachten zu sich nach Hause hatte einladen wollen, tut es aber irgendwie trotzdem.
Einen Moment lang hat er keine Ahnung, wie er reagieren soll. Blinzelt und sieht dann mit beinahe gehetztem Blick zu seinem Gastgeber, auf seine Reisetasche, durch das Fenster, dann wieder zurück zu Barry.
“Ich. Ähm.”

Der Gedanke kommt ihm fremd vor, abwegig, und der Vorschlag so, als bezöge er sich auf einen ganz anderen Menschen.
“Das. Stört nicht?”
Barry schüttelt verneinend, fast ungeduldig, den Kopf. “Ich hätt’s nicht angeboten, wenn es stören würde.”

Ethan nickt langsam. Denkt nach. Er hat ein wenig die Befürchtung, dass Artie denken könnte, er bleibt jetzt auch immer da, wenn er nicht gleich wieder fährt. Es hat einiges an Mühe und Überredung gekostet, den Jungen davon zu überzeugen, dass er in Barrys Familie mit Vater, Mutter und zwei weiteren Kindern viel besser aufgehoben ist als bei einem Junggesellen, der in einer Studentenbude lebt und neben seinem Job häufig herumreist. Was die absolute Wahrheit ist, aber nicht heißt, dass es Ethan deswegen besser gefallen muss. Jedenfalls rechnet Artie eigentlich nicht damit, dass Ethan sich hier groß länger aufhalten wird – immerhin muss er auch mal wieder zurück nach Vermont und was arbeiten für sein Geld. Das Frühlings-Trimester hat Mitte Januar begonnen, und es gibt sicherlich eine Menge für ihn zu tun.

Andererseits… andererseits ist es vielleicht tatsächlich besser für Artie, wenn die Verabschiedung nicht ganz so abrupt kommt. Und für Ethan selbst. Er hat den Kleinen nämlich echt ins Herz geschlossen. Und er fühlt sich wohl hier. Wirklich wohl. Tam Jackson scheint eine sehr nette, patente Frau zu sein, und Barry… Trotz dessen grimmigem Äußeren fühlt er sich dem Älteren irgendwie verbunden. Vermutlich wegen dem, was sie an Weihnachten in St. Trinity und jetzt in dem Puppenhaus zusammen durchgemacht haben. Aber da ist noch mehr. Eine Art… geistige Verwandtschaft vielleicht, trotz all ihrer Unterschiede? “Du tötest mich, dein Freund stirbt”, hat der alte Russe gesagt. Es war nur ein Satz, wie er eben so fällt, und dort im Haus hat Ethan nicht wirklich darüber nachgedacht. Aber jetzt wird ihm bewusst, dass der Alte recht hatte mit dem, was er sagte. Für Ethan ist Barry ein Freund geworden in der kurzen Zeit. Ein seltsames Gefühl. Seltsam und irgendwie beängstigend. Überfordernd. Aber gleichzeitig auch warm und aufmunternd.

Ethan nickt wieder, von einem schiefen Lächeln begleitet diesmal. “Dann… dann gern.”

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Supernatural – Puppenhaus

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