Supernatural – Pixel Academy

Dies ist das bereits in meinem vorigen Eintrag erwähnte Diary zu der von Nocturama geleiteten Runde, in der wir die Fortsetzung zu dem Abenteuer aus dem November gespielt haben. Nach dem Diary aus der Sicht von Bad Horses Charakter Barry zeigt dieser Bericht hier die Ereignisse aus dem Blickwinkel meines eigenen Charakters.

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Der Besuch in Arkansas dauert schon einige Tage. Länger, als Ethan eigentlich hatte bleiben wollen. Morgen wird er aber aufbrechen müssen. Spätestens übermorgen. Bei Bones Gate hat sich bestimmt gut Arbeit angehäuft inzwischen.

Barry hält sich häufiger im True Believers-Forum auf als Ethan, der dem virtuellen Jägertreffpunkt nur selten einen Besuch abstattet. Daher ist es der Hausherr, dem auffällt, dass die Beiträge dort überhaupt nicht mehr moderiert werden. In den letzten paar Tagen hat der Ältere mehrere PMs an die Moderation gesandt, und als auf keine davon keine Antwort kommt, kramt Barry irgendwann eine Nummer heraus. Bei einem früheren Fall ist er der Betreiberin des Forums schon mal begegnet, sagt er.

Barrys Gesicht wird im Verlauf des Telefonats immer ernster. Die für ihn hörbare Hälfte des Gesprächs lässt Ethan schon mal einiges erahnen, und hinterher ergänzt der andere den Rest. Ally, die Forenbetreiberin und selbst eine junge Jägerin, sei vor einigen Tagen in ein Koma gefallen, erzählt Barry. Genau wie sein Neffe Steven und zwei von dessen Schulkameraden Ende letzten Jahres. Damals sei der Grund eine künstliche Intelligenz aus einem alten Computerspiel gewesen, so einer japanischen Dating-Simulation. Die Spielfigur, die man darin für sich gewinnen müsse, habe ein eigenes Bewusstsein erlangt und aus Eifersucht den Geist der Teenager in ihre Welt geholt, als diese sich in der echten Welt für andere Mädchen zu interessieren begannen. Irene habe es damals geschafft, die drei Jungen wieder aufzuwecken, indem sie selbst mit Giffany flirtete und sich als interessanteres Romanzenobjekt anbot. Das Spiel – anscheinend war davon gerade die allerletzte CD-ROM im Umlauf – hätten sie dann zerstört, aber in letzter Sekunde sei die KI ins Internet entkommen und stalke seither Irene.

Bei diesen letzten Worten klingt Barrys Stimme mehr als grimmig. Irgendetwas an der Tatsache, dass die britische Jägerin Opfer eines Cyberstalkings ist, passt auch ihm selbst ganz und gar nicht.
Mit Irene telefoniert Barry als nächstes, und das Telefonat hebt seine Stimmung nicht gerade. „Sie ist nun mal jemand, der unbedingt die Wahrheit herausfinden will, und davon lässt sie sich auch nicht so schnell abbringen“, erwidert er einmal auf eine längere Einlassung von Irene, und als er auflegt, murmelt er etwas von wegen „ganz schön anmaßend, das verbieten zu wollen.“ Ah. Anscheinend hat Irene versucht, diese Ally von Giffany fernzuhalten.

Ally wohnt in Billings, Montana. Also haben Barry und Irene verabredet, sich in Billings zu treffen und zu sehen, was sie für das Mädel tun können. Allerdings ist das eine Fahrt von zwei oder drei Tagen, und mit seinen gebrochenen Rippen soll Barry nicht fliegen. Außerdem ist Irene in Schwierigkeiten oder steht zumindest vor einem Problem, und Ethan mag Irene ziemlich gerne. Also ist es gar keine Frage, dass Ethan anbietet, mitzukommen. Bones Gate sind Jäger, die verstehen das schon. Immerhin umfassen seine Aufgaben für die Verbindung nicht nur das Hausmeistern, sondern auch das Jagen.

Und dann ist Bones Gate über den Umweg nach Montana informiert, hat Ethan sich von Tam und den Kindern verabschiedet und Artie ein letztes Mal hoch und heilig versprechen müssen, dass er sich regelmäßig meldet. Dann kann es ja losgehen.

Die Fahrt verläuft zum großen Teil schweigend. Beide Männer hängen ihren Gedanken nach, und zu Ethans Erleichterung ist Barry niemand, der andere unbedingt in unnötige Unterhaltungen hineinziehen will, sondern selbst nur wenig Smalltalk betreibt. Guter Zug.

Allerdings scheint den Älteren etwas umzutreiben. Mehrmals hat Ethan den Eindruck, als wolle er etwas sagen, verkneife es sich dann aber doch. Erst am nächsten Tag bringt Barry das Thema schließlich zur Sprache.
„Katie hat gesagt, mit deinem Schatten stimmt irgendwas nicht.“

Ethan zieht eine Grimasse. Kann eigentlich jeder in diesem verdammten Land an seinem Schatten erkennen, was mit ihm los ist? Dann nickt er. Sieht unwillkürlich kurz nach unten, aber hier im Auto ist sein Schatten nicht klar umrissen. Und etwas daran bemerken würde er sowieso nicht. Hat er oft genug versucht, seit Bianca ihn darauf angesprochen hat.

„Sie sieht manchmal… mehr. Sie dachte, ich würde das auch sehen. Aber du weißt es schon.“
Ethan nickt wieder. „Bianca.“
So beunruhigend das Wissen auch ist, dass man an seinem Schatten tatsächlich etwas sehen kann, eigentlich ist er der Kleinen doch irgendwie dankbar, dass sie ihm bestätigt hat, dass er sich die Sache nicht nur einbildet. Ha. Von wegen. Als wenn er daran gezweifelt hätte.

Barry versteht Ethans Ein-Wort-Einwurf falsch. „Bianca hatte das unter Kontrolle“, erwidert er in einem Tonfall wachsam-vorsichtiger Schärfe.
Ethan schüttelt den Kopf. „Bianca hat’s gesehen“, erklärt er.
Das scheint Barry ein bisschen zu beruhigen. „Okay.“
Ethan seufzt. Er hat so gar keine Lust, die Geschichte jetzt breitzutreten, aber der Ältere hat es verdient zu erfahren, mit wem und mit was er es hier zu tun hat. Also fischt er eine Zigarette aus der Jackentasche, zündet sie an und nimmt erst einmal einen tiefen Zug, ehe er sich zwischen zusammengebissenen Zähnen das Wort „Fluch“ abringt.

Sofort verspannt Barry sich wieder. Wirft Ethan einen mehr als misstrauischen Blick zu. Sieht aus, als wolle er etwas sagen, das er sich dann aber verbeißt. Ethan zieht wieder an seiner Zigarette.
„Sieht man scheints am Schatten“, führt er weiter aus. „Wusste ich auch nicht.“
Und dann fängt er mühsam an zu erzählen. Die Meilen rauschen am Fenster des Nissan vorbei, während Ethan immer wieder innehält. Nach den Worten sucht. Mit den Erinnerungen kämpft. Aber Stück für Stück berichtet er Barry von der Frauenstimme. Von den Worten, denen er keine Gelegenheit mehr zuordnen kann. Keinen Ort. Kein Gesicht.

Carlas Bild steigt vor ihm auf, und er sieht wieder den Schalk in ihren Augen tanzen, hört das Amüsement in ihrer Stimme. „Da muss sie sich schon etwas Besseres einfallen lassen als diesen Hokuspokus, wenn sie will, dass ich dich verlasse.“ Unwillkürlich krampft Ethan die Hände um das Lenkrad. Er würde alles darum geben, die Zeit zurückdrehen zu können. Den ‚Hokuspokus’ ernst genommen zu haben.

Es dauert noch länger als gewöhnlich, bis Ethan wieder zu sprechen beginnt. Carlas Namen bringt er dabei nicht über die Lippen. Zu weh würde das Eingeständnis tun. Aber vermutlich denkt Barry sich ohnehin seinen Teil. Immerhin hat auch er in dem Höllenhaus die Carla-Gestalt gesehen.

Den Rest der Fahrt über reden sie nicht mehr viel. In den letzten paar Stunden vor der Ankunft wird Barry sogar richtiggehend und deutlich spürbar unbehaglich zumute. Ethan fällt das zwar auf, aber einen rechten Reim kann er sich nicht darauf machen.

Irene hat sich im Hilton Gardens Inn von Billings einquartiert und an der Rezeption zuvorkommenderweise ihre Zimmernummer für die beiden Männer hinterlassen. Sobald sie im dritten Stock aus dem Aufzug steigen, fällt Barry hinter Ethan zurück, folgt dem Jüngeren nur zögerlich. Lässt Ethan auch klopfen.

Ethan selbst wird von der öffnenden Britin sehr warm begrüßt, aber ihr Lächeln wirkt ein wenig angespannt. Nicht falsch; er glaubt schon, dass sie sich wirklich freut, ihn zu sehen, aber … verkrampft. Der Grund dafür wird ihm auch sofort bewusst, als Irenes Blick auf Barry fällt. Denn sofort sieht sie zu Boden, gönnt dem Detektiv nur ein knappes „Hi“ und spricht sofort wieder in Richtung Ethan, als sie die beiden Männer hereinbittet. Und auch im Zimmer setzt die Britin sich so, dass sie den jüngeren Jäger im Blick hat und Barry möglichst nicht anschauen muss.

Seltsam. Die peinlich berührte Stimmung zwischen den beiden wirkt eindeutig so, als sei zwischen den beiden etwas gelaufen, und beide bereuten das jetzt. Kein Wunder, denn auch wenn Ethan über Irenes Beziehungsstatus nicht viel weiß – im Roten Haus hat sie ihren Ex-Mann um Rat gefragt, aber das heißt ja nicht, dass sie seit der Scheidung keine neue Beziehung eingegangen ist – dass zumindest Barry seine Frau aus ganzem Herzen liebt, das hat Ethan in den letzten Tagen gemerkt. Und eigentlich ist ihm das Verhältnis der Eheleute Jackson nicht so vorgekommen, als würde es zu Seitensprüngen einladen. Wenn da aber wirklich was war zwischen dem Schriftsteller und der Trophäensammlerin, dann muss es irgendwann seit St. Trinity passiert sein, denn dort hatten die beiden noch einen unverkrampften Umgang miteinander.

Egal. Es geht ihn nichts an, und da von den anderen beiden keiner Anstalten macht, das unangenehme Schweigen zu brechen, versucht Ethan vom Thema abzulenken, so gut er es eben kann.
Zuerst lässt er sich von Irene nochmal erzählen, was eigentlich genau los ist. Das meiste hat sie ja Barry auch am Telefon schon erzählt, und Barry hat es Ethan ja auch schon wiedergegeben, plus seine eigene Schilderung des Falls, aber das ist das einzige, was ihm auf die Schnelle einfällt, um die Anspannung im Raum wieder etwas zu lösen.

Die Jägerin wiederholt zunächst in knappen Worten die Geschichte von ihrer ersten Begegnung mit der künstlichen Intelligenz und wie Giffany sie nach ihrer Flucht aus dem Computerspiel regelrecht gestalkt habe. Ethan nickt; das hat er ja auch von Barry schon gehört. In letzter Zeit habe Giffanys Verhalten sich dann verändert. Sie habe sich nicht mehr so oft sehen lassen wie früher, sei nicht mehr so aufgekratzt gewesen und habe Irene nicht mehr so aktiv gestalkt, sondern existentielle Fragen gestellt, nach dem Selbst und nach dem Sein und was es bedeute, ein Mensch zu sein.

Das erste, was Ethan beim Betreten des Hotelzimmers bemerkt hat, ist, dass ein Tuch über dem Fernseher hängt. Auch der Stecker des Geräts ist gezogen, und ein herausgenommener Akku liegt neben dem Handy auf dem Nachttisch. Der Bildschirm des Tablets ist ebenfalls komplett schwarz.
Ja, erklärt Irene jetzt, sie habe alles abgeschaltet, was ein Fenster für Giffany abgeben könnte. Das sei vielleicht ein bisschen paranoid, aber sie sei lieber extra vorsichtig. Sie hätte merken müssen, dass etwas im Busch sei, als Giffany plötzlich so still geworden sei, aber sie – Irene – hätte sich so über die Atempause gefreut. Sie befürchte nur, sie habe Giffany als sie ihr im Forum schrieb, sie solle erstmal ein richtiges Mädchen werden, einen Pinocchio-Floh ins Ohr gesetzt.

„Der schon wieder“, brummt Ethan, als der Name Pinocchio fällt. Barry nickt wissend, äußert sich aber nicht weiter.
Der nächste Schritt wäre jetzt wohl vermutlich eigentlich, irgendwie mit Giffany Kontakt aufzunehmen. Aber Irene ist nicht wohl bei dem Gedanken, das ist deutlich zu spüren. Barry schlägt rücksichtsvoll vor, doch erst einmal einige weitere Nachforschungen anzustellen, auch um herauszufinden, ob Allys Koma überhaupt mit Giffany zusammenhängt.

Sie treffen Allys Mitbewohnerin, eine junge Frau, die sich als Coco vorstellt und erzählt, dass Ally in letzter Zeit ziemlich beschäftigt gewesen sei. Sie habe sich plötzlich für Philosophie und Bewusstseinsforschung interessiert und tatsächlich in den letzten Wochen ein paar Anfälle gehabt, bei denen Coco sie nicht aus dem Tiefschlaf habe aufwecken können. Die seien aber bisher immer alle nach ein paar Stunden vorübergegangen, sodass keine Ärzte eingeschaltet werden mussten. Aber diesmal sei sie eben nicht wieder von selbst aufgewacht, also habe Coco schließlich doch einen Krankenwagen gerufen.

Irgendwann sind sie dann aber doch wieder im Hotel, und es scheint, als würde es langsam ernst. Ethan beschließt, jemanden wissen zu lassen, was los ist, nur für den Fall, dass sie tatsächlich ebenfalls in ein Koma fallen. Aber weder Bart noch Sam Blackwood sind auf die Schnelle zu erreichen, und von Bart hat er nur die Telefonnummer. Also schreibt Ethan eine Mail an Samantha. Allerdings lässt er sich von Irenes Vorsicht soweit anstecken, dass er in dieser Mail nicht auf Details eingeht, sondern die eigentliche Nachricht auf Hotelpapier schreibt, während Irene gleichzeitig ein vermutlich ganz ähnliches Schreiben verfasst.

Seinen eigenen Brief bringt Ethan dann nach unten und hinterlegt ihn hinter dem Tankdeckel seines Nissan. Wenn sie wirklich ins Koma fallen sollten und er sich bis in drei Tagen nicht gemeldet hat, wird Sam hoffentlich Bart oder irgendwen benachrichtigen. Oder sogar selbst nach Billings kommen, auch wenn Ethan das nicht von ihr erwarten kann oder damit rechnet. Eigentlich ist es albern, überhaupt so einen Brief zu hinterlassen. Was sollen irgendwelche Leute schon machen können. Aber irgendwie fühlt Ethan sich trotzdem besser, nachdem er den zusammengefalteten Zettel innen am Tankdeckel befestigt hat.

Als er wieder nach oben kommt, hat Irene sich bequeme Sachen angezogen. Die Stimmung zwischen ihr und Barry, die sich vorher eigentlich schon deutlich entspannt hatte, ist wieder umgeschwenkt. Aber jetzt ist die Atmosphäre im Raum nicht mehr peinlich berührt, sondern eiskalt. Ethan hat keine Ahnung, was da gerade passiert ist, während er weg war, aber vielleicht ist es auch einfach besser, er weiß es nicht.

Kurz nach ihm kommt auch Coco nochmal vorbei, der Irene ihren Brief in die Hand drückt und die von Barry gebeten wird, Tam bescheid zu geben, wenn sie am nächsten Abend vorbeikommt und die drei Jäger im Koma vorfinden sollte.

Und dann ist wirklich nichts mehr zu tun, und es hilft alles nichts. Irene zieht das Tuch vom Fernseher, stöpselt das Gerät wieder ein und schaltet Handy und Tablet wieder an. Dann setzt die Britin sich wieder auf ihr Bett, während Barry hinter dem Tischt steht, als wolle er diese Barriere zwischen sich und Irene halten, und Ethan selbst mit locker verschränkten Armen an der Wand lehnt.
Die Jägerin spricht laut in den Raum hinein. „Giffany?“
Keine Reaktion. Irenes Tonfall wird deutlich schärfer. „Giffany!“

Es dauert immer noch eine ganze Weile, bis Irenes Handy leise vibriert und eine Nachricht im Chatprogramm aufploppt.

Ire
ne
Hi
lfe

Ethan kommt ein Verdacht. Wenn die junge Studentin so ein Computerfreak ist, vielleicht hat sie dann eine Möglichkeit gefunden, aus der Spielwelt heraus Nachrichten zu kommunizieren…
„Ally?“
Aber er hat sich geirrt, denn das „nein“, das gleich darauf auf dem Handybildschirm erscheint, ist unmissverständlich. Irenes „Giffany, bist du das?“ hingegen hat ein „ja“ zur Folge.

Mit dem „ja“ erscheint ein Link. Irene zögert nicht lange, sondern klickt darauf. Und es gibt keine Bedenkzeit, keine Vorwarnung. Mit einem Mal stehen die drei in einer bonbonbunten Welt.

Die Umgebung wirkt seltsam weichgezeichnet. Überhaupt seltsam. Eindeutig gezeichnet, zweidimensional, aber dennoch irgendwie räumlich. Sie befinden sich auf einem von blühenden Kirschbäumen umrahmten Schulhof. Das Gebäude im Hintergrund modern, langgezogen, dreistöckig. Ein typischer Schulbau eben, aber reduziert auf die Elemente, mit denen man in einer Zeichentrickserie ein Schulgebäude darstellt. So wie alles hier auf diese Elemente reduziert ist. Ethan sieht seine beiden Begleiter an. Die haben sich, passend zur Umgebung, ebenfalls in Zeichentrickfiguren verwandelt. Japanische Animefiguren, genauer gesagt. In japanische Anime-Figuren im Schulalter, um es noch genauer zu sagen. Klar, das Spiel und Giffany sind ja laut den Erzählungen auch im Anime-Stil gehalten gewesen. Und sie befinden sich an einer Schule, also wäre es vermutlich unlogisch, wenn sie hier als Erwachsene herumliefen.

Anime-Irene trägt ein dunkelgraues, fast schwarzes Kleid mit weißer Bluse, und ihre blonden Haare sind zu zwei lockig-offenen Zöpfen gebunden. Anime-Barry hat eine hellgraue Hose und einen dunkelgrauen Blazer in derselben Farbe wie Irenes Kleid an, Krawatte dazu, und auch sein schwarzes Haar ist in einem lockeren Zopf zurückgenommen. Die Figur hat ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht und sieht umwerfend gut aus, aber das Auffälligste an Barry in dieser Form ist, dass er beide Hände noch hat. Ethan kann sehen, wie diese Tatsache Barry selbst am Allermeisten überrascht, denn er bewegt die Rechte einen Moment lang prüfend und beinahe zweifelnd hin und her, bis er sich daran gewöhnt zu haben scheint.

Ethan sieht an sich herunter. Dieselbe Kleidung wie Barrys – klar, fällt ihm ein, in Japan und damit in japanischen Animeserien tragen sie Schuluniformen – die an seiner hochaufgeschossenen, schlaksigen Gestalt aber irgendwie nicht ganz passend herunterhängt; ganz anders als bei Barry, dem seine Uniform perfekt sitzt. Er tastet sich an den Kopf, spürt wirre, ein wenig zottige Haare. Ethan hat vor ein paar Jahren mal zufällig ein, zwei Folgen von dieser einen SciFi-Animeserie gesehen, wo diese kleine Truppe von Glücksjägern mit einem Raumschiff herumflog; wie hieß der eine Typ darin noch? Spike, genau. Spike Spiegel. Ungefähr so kommt er sich gerade vor. Jünger natürlich. Und um Meilen weniger cool als Spike.

Überhaupt… er fühlt sich eigenartig. Einerseits wie er selbst, Ethan Gale, genau so, wie er sich eben gerade noch in dem Hotelzimmer gefühlt hat, aber andererseits, daneben und doch damit verwoben, verbunden und doch davon getrennt, wie… wie… schon wie er selbst, aber wie… wie früher. Und ihm ist nach Reden zumute. Schau an. Offensichtlich sieht er nicht nur aus wie ein Teenager, sondern auch seine Persönlichkeit ist, zumindest in Teilen, wieder in seine Teenagerzeit zurückgekehrt.
Den beiden anderen scheint es ganz ähnlich zu gehen. Barry lächelt mehr, als Ethan das von ihm kennt, verhält sich auch Irene gegenüber deutlich charmanter, während Irene … Irenes britischer Akzent ist klarer geworden, klingt noch mehr nach Oberschicht als sonst, aber sie wirkt bemühter, ehrgeiziger und nicht so unbeschwert, wie Ethan sie kennengelernt hat.

Der Schulhof ist gut belebt; anscheinend ist gerade Pause oder so. Aber es fällt auf, dass die meisten der Gestalten, die zu sehen sind, irgendwie … blass wirken. Unscheinbar. Kaum sind sie vorübergegangen, hat man sie schon wieder vergessen. Reine Statisten. Ein paar wenige Figuren jedoch sind keine Statisten: der eine oder andere Erwachsene, Lehrer vermutlich, und auch ein paar von den Schülern. Die haben so etwa denselben Substanzgrad wie auch die drei Neuankömmlinge.

Ethan fühlt sich wohl in seiner Teenager-Manga-Haut. Zu wohl. „Sagt mal… meint ihr, es gibt eine Art Zeitbegrenzung? Also dass wir irgendwann gar nicht mehr nachhause finden, wenn wir zu lange hierbleiben?“
Die Frage scheint die anderen zuerst zu überraschen, aber dann nicken sie beide. „Wir haben nicht ewig Zeit“, befindet Barry.
„Dann sollten wir zusehen, dass wir Ally schnell finden“, ergänzt Irene.
Aber wo? Das ist die spannende Frage. An den Fingern zählt Ethan verschiedene Möglichkeiten auf, wo man das Mädchen vielleicht antreffen könnte. In der Mensa? Der Cafeteria? Im Pausenhof? Auf dem Sportplatz? In der Bibliothek?

Auf dem Pausenhof befinden sie sich ja gerade, und da ist auf den ersten Blick mal niemand zu entdecken, der wie eine Mangaversion von Ally aussieht, erklärt Barry, der die junge Studentin ja kennt. In Mensa und Cafeteria ist vermutlich nur in der Mittagspause wirklich etwas zu holen, also machen sie sich auf in Richtung Bibliothek.

Im Treppenhaus sieht Barry sich ein paarmal um. Ethan fällt ziemlich schnell auf, dass das jedes Mal passiert, wenn ein hübsches Mädchen vorbeiläuft. Zwei davon gehören zu denen, die mehr Präsenz haben als die Mehrzahl. Eine davon hat schwarzes Haar und lächelt Barry zu, was der dunkelhaarige Teenager charmant erwidert. Ein anderes Mädchen ist auch sehr hübsch und hat die volle Gegenwart der wichtigen Spielcharaktere, aber sie lächelt nicht. Im Gegenteil, sie macht ein grimmiges Gesicht und stapft mit schnellen, zornigen Schritten an der Gruppe vorbei. Ihre zu Zöpfen gebundenen rosafarbenen Haare wollen so gar nicht zu ihrer wütenden Aura passen.

Als die Dunkelhaarige um die Ecke verschwunden ist, nimmt Barry Ethan beiseite. „Hör mal“, sagt er leise, „wenn ich anfange, Mist zu machen, in bezug auf Mädchen, meine ich, dann tritt mich bitte, okay?“
Ethan nickt. „Treten, wenn du Mist machst. Krieg ich hin.“

Solange die beiden Teenager sich unterhalten haben, hat Irene bereits die Bibliothek betreten. Und ist in ihrer Eile in der Tür mit einer Schülerin zusammengestoßen, die gerade am Gehen war. Beide Mädchen stolpern, die Fremde fällt tatsächlich hin. Bücher fliegen. Das reinste Klischee.

Irene und der dazugekommene Barry helfen beide dem fremden Mädchen, seine Bücher aufzuheben. Oder besser, Irene hilft dem Mädchen beim Aufheben und Barry bietet dann Irene an, ihr die Bücher abzunehmen. Die beiden lächeln einander an, und die frostige Stimmung zwischen den beiden lockert sich einen Moment lang, als Irene leise lacht und ein wenig verlegen erklärt, jetzt hätte sie doch beinahe Giffanys Sprüchlein aus dem Spiel nachgeplappert.

Während Barry und Irene sich mit den Büchern abmühen, hat Ethan dem fremden Mädchen, das ebenso präsent wirkt wie die beiden anderen im Treppenhaus eben, die Hand hingehalten. Eigentlich will er sie wortlos hochziehen, aber plötzlich ploppen drei Optionen über ihr auf, stehen einfach da in der Luft geschrieben. Wie in einem Spiel eben.

  • „K… k… kann ich d… dir helfen?“
  • Ziehe sie in eine Umarmung
  • Stoße sie zu Boden

Das ist ja albern. Ethan denkt gar nicht daran, eine dieser drei Optionen auszuwählen, will das Mädchen einfach weiterhin kommentarlos auf die Füße ziehen, aber das geht nicht. Er ist wie gelähmt, und auch einfach abwenden und die ausgestreckte Hand wieder zurückziehen ist einfach nicht möglich. Er muss eine der drei verdammten Optionen wählen, ob er das nun will oder nicht. Elender Drecksmist. Nummer zwei und drei kommen überhaupt nicht in Frage, also murmelt er zähneknirschend; „K… k… kann ich d… dir helfen?“

Nun kann er endlich ihre Hand nehmen, merkt aber, wie er feuerrot dabei wird. Und auch die Fremde blinzelt ihn hinter ihren Brillengläsern hervor peinlich berührt an und stottert: „Oh, du hast mich bemerkt, Gale-san!“, was für Ethan nicht unbedingt zur Entspannung der Situation beiträgt.
Im selben Moment schlägt das Anime-Mädchen die Hand vor die Stirn. „Boah, dass man das nicht abschalten kann!“ Ooooookay. Die Figur ist sich also dessen sehr bewusst, dass sie sich in einem Spiel befindet. Und tatsächlich erkennt Barry in ihr die Studentin Ally, die sie suchen.

Bei näherem Betrachten erscheint plötzlich ein Schild an ihrer Seite. „Ari Denning. Bekommst du mich dazu, nicht mehr so nervös zu sein?“
Ethan sieht zu seinen Begleitern. Und ja, auch neben denen schweben Schilder, wenn er sich auf sie konzentriert.
„Kriegst du mich dazu, mich für dich zu entscheiden und nicht immer anderen hinterherzuschauen?“ steht bei Barry, und amüsiert liest Ethan den Text laut vor, bevor er sich davon abhalten kann. Dafür kassiert er ein Augenrollen und ein „Danke, Ethan“ von dem anderen Jungen, ehe der sich zu Irene wendet und entschuldigend erklärt, er sei als Teenager ein bisschen wild gewesen.

Irene grinst belustigt, tut dann aber sofort kund, sie wolle gar nicht wissen, was bei ihr steht. „Bist du der erste, der mein Herz bricht“, wäre das, was Barry auch mit einem versonnenen Lächeln quittiert, aber Ethan tut ihr den Gefallen und hält sich zurück. Niemand macht Anstalten, ihm seinen eigenen Spruch vorzulesen, und Ethan fragt nicht. Es kichert auch niemand oder gibt sonstige Anzeichen von Belustigung von sich, also kann er sich schon ungefähr denken, was da stehen muss. Verdammt.

Ari – Ally – erfasst schnell, dass die drei, denen sie da gerade begegnet ist, auch aus der wirklichen Welt stammen und dass sie Barry sogar kennt. Schnell erzählt sie, dass sie von einem Nutzer des True Believer-Forums kontaktiert worden sei, der sie über Giffany informiert und vor der KI gewarnt habe. Sie habe Giffanys Forenuser löschen wollen, das sei aber nicht möglich gewesen, also habe sie mit Giffany Kontakt aufgenommen. Angefangen, regelmäßig mit ihr zu reden. Erst habe sie gedacht, Giffany sei tatsächlich eine künstliche Intelligenz, aber sie habe relativ bald festgestellt, dass sie keine gewöhnliche KI sein könne. Zu anders sei der Code, die technische Basis. Ally erklärt die Unterschiede in großem Detail, aber Ethan versteht keinen Ton von der Computerfachterminologie. Er steigt erst wieder ein, als Ally mutmaßt, aufgrund der Codestruktur könne es sich bei Giffany um einen Kami handeln, eine japanische Shinto-Gottheit, die vielleicht auf irgendeine Art und Weise in ein Computerprogramm gepresst worden sei, um es zu beleben, zu speisen, realistischer zu machen.

Ethan hat nur eine sehr vage Vorstellung davon, was es mit diesen Shinto-Gottheiten auf sich hat, also fragt er nach. Kami könnten alles mögliche sein, erklärt Ally, von uralten Naturgeistern bis hin zu Gegenständen wie, ach, zum Beispiel eine Teekanne, wenn sie nur genug Bewunderung erfahren.
„Toll“, mault Irene. „Eben klang es ja noch ganz sexy, von einer Gottheit gestalkt zu werden. Aber wenn das auch eine Teekanne sein kann…“

Ally lässt sich von dem Einwurf nicht ablenken, sondern erzählt weiter. Dass sie im Laufe der letzten Wochen und Monate viel mit Giffany geredet habe. Anfangs sei die Kami ziemlich anstrengend gewesen, aber nachdem Ally sie erst einmal dazu gebracht habe, über sich selbst und ihre Existenz nachzudenken, sei das besser geworden. Ally habe Giffany mehrmals hier in der Spielwelt besucht und sei von Giffany jedesmal wieder sicher zurückgeschickt worden. Aber vor einigen Tagen, als sie zum letzten Mal herkam, sei Giffany verschwunden gewesen, und nun stecke Ally hier fest. Also habe sie angefangen, von hier aus, gewissermaßen von innen heraus, die Struktur des Programms zu analysieren und Wege zu suchen, um Giffany zu befreien. Sie habe festgestellt, dass sie dazu den Plot des Spiels lösen müsse, und das sei ihr an der einen oder anderen Stelle auch schon gelungen, aber sie werde auf Schritt und Tritt vom Schülerrat behindert.

„Schülerrat?“
Ja, erklärt Ally, das seien die Antagonisten des Spiels. Und auf sie, Ally, hätten sie es ganz besonders abgesehen.
Wie auf das Stichwort erwacht die Lautsprecheranlage zu knisterndem Leben, und es ertönt der höfliche Aufruf, die Schüler Jackson-san, Gale-san und Hooperwinslow-san sollen sich bitte beim Schülerrat melden. Woher zum Geier weiß dieser Schülerrat ihre Namen, fragt sich Ethan. Aber gleich darauf könnte er sich für die blöde Frage in den Hintern treten. Natürlich wissen die ihre Namen. Computerspiel. Aufploppende Schilder. Eigene Regeln, und so.

Na gut, es hilft ja alles nichts, dann müssen sie wohl zum Schülerrat. Können sie auch gleich mal schauen, was es mit diesen Antagonisten so auf sich hat.

Auf dem Weg über den Hof kommen sie am Basketballfeld vorbei. Übermütig greift Ethan sich einen Ball, dribbelt einmal quer über das Feld und fegt den Ball dann mit elegantem Schwung von der Dreierlinie aus in den Korb. Ha! Er kann es noch! Oder wieder. Oder wie auch immer. Egal. Das hat Spaß gemacht!

Als er mit fröhlichem Grinsen zu den anderen zurückkehrt, ist deren Stimmung wieder mal auf dem Nullpunkt. Barry hat einen etwas blasiert-herablassenden Ausdruck im Gesicht, und Irene steht mit rotem Kopf und geballten Fäusten vor ihm. Kann man die nicht mal eine Sekunde alleine lassen? „Was ist denn los?“, fragt er, aber keiner der beiden antwortet. Barry setzt eine verlegen-entschuldigende Miene auf, und Irene stapft wortlos davon. Oh Mann.

Der Schülerrat residiert in einem eigenen Gebäude in einem pompösen Barockzimmer. In einem Lehnsessel aus rotem Samt thront ein Mädchen. Um sie herum stehen, lümmeln eher, fünf Kerle mit arroganter Selbstverständlichkeit herum. Bei allen erscheinen Schilder, wenn man sie näher ansieht. „Soundso Soundso, Football-Star, der Giffany einschüchtern will“, „Soundso Soundso, reicher Kerl, will Giffany mit Geld beeindrucken“, solche Dinge. Das Mädchen ist „Matsuoka, arrogante Zicke, eifersüchtig auf Giffany“.

Das Mädchen führt das Wort. Begrüßt die Neuankömmlinge kühl, aber höflich. Erklärt umgehend, dass den Mitgliedern des Schülerrates durchaus bewusst ist, dass es sich bei ihnen um Figuren in einem Spiel handelt. Ihre Aufgabe ist es zum einen, in der Spielhandlung als Gegner für Giffany aufzutreten. Und zum anderen stellen sie eine Sicherung dar. Sollen dafür sorgen, dass Giffany nicht aus dem Spiel entkommt.

Der Kami wurde von den Entwicklern des Spiels in das Programm eingebunden, weil die Macht des Geistes die gesamte Spielwelt antreibt, der Umgebung mehr Plastizität und den Figuren mehr Persönlichkeit verleiht.
Aber in letzter Zeit ist etwas schiefgegangen, sei der Geist immer schwerer zu kontrollieren geworden. Es sei ihm gelungen, in gewissen Grenzen draußen im Internet herumzustreifen, und er wolle ganz hinaus, auch mit Hilfe dieses Mädchens, das er ins Spiel geholt habe.

Das wäre aber so ziemlich das Schlimmste, was passieren könnte, erklärt Matsuoka. Eine alte Shinto-Gottheit, die dort draußen keinerlei Beschränkungen unterliegt? Die ein Teil des Internets ist und ganz genau weiß, wie dieses funktioniert? Menschen hätten den Kami in dieses Spiel, in die Giffany-Rolle, gezwungen. Was, wenn sie sich nach ihrer Befreiung an den Menschen, und zwar an allen Menschen, rächen wolle? Zum Beispiel durch die Sprengung von ein paar Kernkraftwerken oder die Zündung von ein paar hundert bis tausend Atombomben? Das sei kein sonderlich angenehmer Gedanke, oder?, setzt Matsuoka nach.

Wirklich kein sonderlich angenehmer Gedanke. Irene macht eine spitze Bemerkung darüber, dass Giffany wohl die Göttin der Schicksen sei, die keinen abbekämen, aber für Ethan klingt das mehr nach einem Versuch, die Atmosphäre etwas zu lockern.

„Was genau wollt ihr von uns?“, fragt Ethan. Seine Stimme klingt ziemlich harsch, aber er misstraut diesen Typen zutiefst.
Der Schülerrat habe die drei Echtweltler ins Spiel geholt, gibt Matsuoka daraufhin zu, nicht Giffany. Sie bräuchten Hilfe, da ihnen zwar ein Teil von Giffanys Fähigkeiten übertragen worden sei, aber längst nicht alle.
Der Schülerrat will, dass die Neuankömmlinge das Spiel beenden. Die Welt desintegrieren, dann werde Giffany mit ihr schwinden. „Aber das wäre doch auch euer Ende“, bemerkt Irene.
Ja, erwidert Matsuoka ruhig, aber dazu seien sie bereit. Sie seien darauf programmiert, das zu akzeptieren, und außerdem: Ein Leben, in dem sie sich ständig nur um Giffany drehten wie Satelliten um eine Sonne, sei nicht sonderlich lebenswert.

Das Spiel lasse sich jedenfalls beenden, indem die Handlungsstränge von drei Charakteren zu ihrem Ende geführt würden. Bei den drei Charakteren, deren Bilder Matsuoka den drei Echtweltlern zeigt, handelt es sich um niemand anderen als die beiden Mädchen, die ihnen vorhin im Treppenhaus schon aufgefallen sind, sowie um einen Jungen, den sie auch schon irgendwo auf dem Schulhof herumlaufen gesehen haben. Wie genau deren Handlungsstränge ‚zuende‘ gebracht werden können, darüber schweigt die Vorsitzende des Schülerrats sich aus. Die Figuren dazu bringen, dass sie sich in einen verlieben, deutet sie an. Oder zumindest deren Probleme lösen. Na super. Spitzenmäßig.

Was passiere, wenn sie sich weigern mitzuspielen, will Ethan dann wissen. Dann müsste der Schülerrat eine andere Lösung finden, ist Matsuokas Antwort. Einfach abwarten, bis das Spiel sich von selbst desintegriere, zum Beispiel, denn der Auflösungsprozess habe bereits begonnen. Das sei aber nicht wünschenswert, weil die Zerstörung sich auf diese Weise vermutlich lange hinziehen werde und in dieser langen Zeit auch zu viel Unvorhergesehenes passieren könne.
Oder sie müssten jemand anderen aus der echten Welt hereinholen, der das Spiel für sie zu seinem Ende führe. Auch nicht sonderlich wünschenswert, weil sie dann erst einmal geeignete neue Kandidaten finden müssten.
Aber möglich wäre es, und zurückbringen könnten – und würden – sie die drei in die echte Welt dann auch. Na immerhin etwas.

Hier hakt Barry ein. Der wirkt ähnlich misstrauisch dem Schülerrat gegenüber wie Ethan, aber anders als Ethan spricht der Ältere seine Zweifel ganz offen an. Dass der Schülerrat nicht einfach nur fordern und auffordern könne. Dass noch überhaupt nicht klar sei, wo sie stünden. Dass gegenseitiges Vertrauen ja wohl auf genseitigem Geben und Nehmen basiere, und dass sie mindestens mal mit der Information herausrücken müssten, wo Giffany jetzt eigentlich überhaupt sei.

Ethan weiß nicht so recht, womit er als Reaktion gerechnet hat. Damit, dass Matsuoka arrogant den Kopf zurückwirft und auflacht, vielleicht. Oder damit, dass sie wütend wird und die drei Außenseiter hochkant ihres Schülerratszimmers verweist. Oder vielleicht sogar damit, dass sie alle drei gleich ganz aus der Spielwelt wirft und die Gefährten gleich in Irenes Hotelzimmer wieder aufwachen. Oder gar nicht mehr aufwachen, weil der Zorn des Programms sie irgendwie umbringt.

Womit er nicht gerechnet hat, ist Matsuokas tatsächliche Reaktion. Denn trotz seines Misstrauens und seines Zweifels hat Barry dennoch schief gelächelt und nicht forsch gesprochen, sondern beinahe entschuldigend, um Verständnis bittend, und er hat dabei eine ganze Tonne seines nicht unbeträchtlichen Charmes auf Matsuoka losgelassen.
Und tatsächlich erwidert diese Barrys Lächeln und erklärt, sie hätten nicht zulassen können, dass Giffany weiterhin irgendwelchen Unsinn anstellt, wie zum Beispiel dieses fremde Mädchen in die Spielwelt zu holen. Deswegen hätten sie Giffany in einem gesicherten Raum unterhalb des Schülerratszimmers festgesetzt, und da sei sie nun.

Barry nickt dem Mädchen dankend zu und erklärt, sie müssten erst einmal darüber nachdenken, was sie nun genau weiter machen wollen. Was dann auch genau das ist, was die drei Echtweltler tun, als sie wieder draußen auf dem Hof stehen.

Sollen sie das Spiel, das der Schülerrat von ihnen fordert, wirklich mitspielen, ist die wichtigste Frage. Sollen sie Giffany wirklich vernichten? Irene plädiert vehement dafür, Giffany auszuschalten. Barry hingegen äußert sich etwas zwiegespalten. Einerseits erklärt er, dass ihm der Gedanke, Giffany frei im Internet zu wissen, so überhaupt gar nicht gefällt, aber andererseits handelt es sich bei ihr um einen gefangenen Geist.

Ethan selbst ist in Sachen Giffany relativ neutral eingestellt, weil er die Kami ja selbst nicht kennt und sich da auf das Urteil der beiden anderen verlassen muss. Aber dem Schüllerrat traut er kein Stück über den Weg.
Und wäre es nicht möglich, deutet er an, dass sie nicht eventuell dem Schülerrat selbst die Tür in die Freiheit öffnen, wenn sie hier die Spielwelt vernichten? Dann wäre Giffany vielleicht ausgeschaltet, aber stattdessen toben dann vielleicht sechs andere Gestalten frei im Netz herum?
Diese Zweifel teilen sowohl Barry als auch Irene sofort, auch wenn die Britin eigentlich immer noch der Meinung ist, Giffany müsse weg.

Die Diskussion geht eine ganze Weile ergebnislos hin und her. Aber vielleicht hat ja Ally eine Idee. Immerhin ist sie schon ein paar Tage länger hier und hat mehr Kontakt zu und Erfahrung mit dem Schülerrat.
Aber natürlich reden sie auch auf dem Weg zurück in die Bibliothek weiter, das bleibt ja nicht aus.
Ob sie Giffany jetzt befreien sollen oder nicht und was nun genau in bezug auf diese drei Spielfiguren von ihnen erwartet wird.

Ethan seufzt schwer. „Das wird schon nicht so schlimm“, sagt Barry aufmunternd.
Nur ist Ethan gerade nicht so recht nach aufgemuntert werden. „Müssen wir die jetzt tatsächlich verführen?“
Barry zuckt mit einer Schulter, lächelt schief. Nickt.
„Drecksmist“, entfährt es Ethan, woraufhin Barrys schiefes Lächeln breiter wird und er ihm mit einem „viel Glück“ auf die Schulter klopft. Gah. Der Ältere meint es ja gut, aber: Drecksmist.
„Wenn es denn sein muss“, brummt Ethan missmutig. „Wir wollen ja keine drei Tage hier drin bleiben.“
Denn in drei Tagen läuft die Frist aus seiner Mail ab. Und er würde Sam wirklich, wirklich, wirklich gerne vorher Entwarnung geben können, damit sie niemanden losschicken muss.

Also gut. Dann können sie auch gleich überlegen, wie sie sich aufteilen sollen. Dass Irene den Jungen – Ichinose Tokiya heiße er, hat der Schülerrat gesagt – übernimmt, ist klar. Und Barry meldet sofort Ansprüche auf die dunkelhaarige Amagi Yukiko an. Die scheint ihm – oder vermutlich eher seinem Teenager-Ich – zu gefallen, immerhin hat er der vorhin ja schon mal zugelächelt. Bleibt also Arisa Uotani, die Rebellin mit den rosa Zöpfen, für Ethan. Er schnaubt leise, beinahe amüsiert.
„Oder sollen wir es andersrum machen?“, fragt Barry rücksichtsvoll, aber Ethan schüttelt den Kopf. „Passt schon.“

Im Computerraum sitzt Ally über eine gezeichnete Tastatur gebeugt und sieht nervös auf, als die drei Außenweltler hereinkommen und sie ansprechen, freut sich aber riesig darüber, dass der Schülerrat ihnen offensichtlich nichts angetan hat.
Barry fasst in knappen Worten zusammen, weswegen man sie gerufen hat, und erzählt der Studentin auch, dass sie jetzt vor der Entscheidung stünden, ob sie Giffany freilassen oder vernichten sollen.
Ally vertritt leidenschaftlich die Position, dass man die Kami nicht töten dürfe, und schon gar nicht aus dem Grund, dass sie gefährlich sei. Menschen könnten immerhin auch gefährlich sein, ohne dass man sie einfach so umbringe, und überdies sei Giffany ja wie ein Kind, dass auch erst einmal lernen müsse, niemandem wehzutun.

Am besten wäre es vermutlich, sie sprechen einfach mal mit Giffany, befindet Barry. Was vielleicht nicht so einfach wird, wirft Ethan ein, wenn die in diesem Kellerkerker unter dem Schülerratsraum festsitzt. Aber versuchen sollten sie es schon, ja.
Ally habe, seit sie hier ist, ja auch schon versucht, Giffany zu befreien, bemerkt Irene. Wie habe sie das denn genau gemacht, erkundigt sich die Britin, denn Allys vergebliche Versuche müssten sie ja nicht unbedingt wiederholen. Über den Code habe sie das gemacht, erwidert Ally etwas zögerlich. Nicht über das Spiel, denn… sie sei halt gut mit Code, aber mit Leuten nicht so.

Was sie denn mit dem Code gemacht habe, will Ethan wissen. Das hätte er wohl besser mal anders formuliert, denn nun verfällt Ally in einen Sermon aus Fachbegriffen, von denen er wieder mal nur ein Viertel versteht. Ach was. Ein Achtel. Wenn überhaupt. Nein, was sie damit erreichen wolle, unterbricht er sie schließlich, erntet aber nur einen verständnislosen Blick und eine vage Antwort. Na warum sie das tue, was sie da mit dem Code tue, hakt Ethan nach, der sich selbst darüber wundert, warum sein Teenager-Ich das so unbedingt und dringend wissen will. Nicht was sie genau programmiere und wie genau sie am Code herumdrösele, sondern was eigentlich dabei ihr Ziel sei!

Oh oh. Da war sein Teenager-Ich nicht nur zu neugierig, sondern auch zu forsch. Ally wird immer kleinlauter und stottert nur noch herum. Ehe Ethan sich aber entschuldigen kann, drängt Barry sich zwischen ihn und das Mädchen. „Das ist doch in Ordnung. Du machst das mit dem Code, das können wir eh nicht, und wir reden indessen mit Giffany.“

Barry bittet die Studentin dann noch, sie möge bescheid geben, falls die Gruppe irgendwas tue, was Allys bisherige Arbeit zunichte machte sprich Giffanys Gefängnis wieder verstärke.
Und dann stehen sie draußen auf dem Hof und überlegen, wie sie tun können, um Zugang zu diesem blöden Gefängnis zu bekommen.
Irene will in der Bibliothek nach Grundrisszeichnungen und Plänen schauen und Barry sagt, er wolle mal sehen, ob er den Hausmeister finden kann, während Ethan sich am Gebäude des Schülerrats selbst nach Fenstern und Gängen und dergleichen umsehen geht.

Weder er noch die Trophäensammlerin sind erfolgreich, aber Barry hat im Gespräch mit dem Hausmeister offenbar wieder seinen Teenagercharme angeworfen, denn er kommt mit der Information zurück, dass der Alte ihm tatsächlich eine Karte vom Gebäude gezeigt habe. Und der einzige Zugang, den es zu dem Kerker gibt, befindet sich dummerweise – natürlich! – im Schülerratsraum selbst.

Und natürlich halten Matsuoka und ihre Lakaien noch Hof in ihrem Thronsaal. Also warten, bis sie herauskommen. Und zwar ohne bemerkt zu werden.

Ethan treibt sich einfach so unauffällig er kann mit Sicht auf die Tür in der Eingangshalle herum. Seine Gefährten gehen raffinierter vor. Beide statten der Bibliothek einen kurzen Besuch ab, woraufhin Irene sich mit ihrem Buch auf die Treppe setzt und so tut, als sei sie darin vertieft, während Barry sich zum selben Zweck eine Fensterbank sucht.
Lange hält er das allerdings nicht aus, ehe er sein Buch zuklappt und zu Irene hinüberwandert. Die beiden beginnen ein Gespräch, von dem Ethan nichts mitbekommt, das aber aus der Ferne zuerst interessiert und lebhaft aussieht – und dann prompt in eine Diskussion umschlägt. Kein Wunder, dass die Mitglieder des Schülerrats direkt auf sie aufmerksam werden, als die sechs ihr Ratszimmer verlassen.

Da sie nun ohnehin bemerkt worden sind, geht Ethan zum Rest der Gruppe hinüber. Barry gibt gerade freimütig zu, dass sie gewartet haben, weil sie zu Giffany wollten. Er hat schon wieder seine Charme-Offensive aufgefahren – der Junge hat das echt drauf! – und Matsuoka nimmt ihm tatsächlich ab, dass Irene Giffany dringend noch einmal sehen muss, weil sie einen letzten Wunsch an sie hat. Tatsächlich errötet sie ein wenig, als Barry sie strahlend anlächelt, und genehmigt ihnen fünf Minuten mit der Kami.

Die Tür zu Giffanys Gefängnis befindet sich – Klischee pur – hinter einem Bücherschrank im Ratszimmer, von wo aus eine Steintreppe in ein kalt-zugiges, finsteres, von einigen Fackeln nur spärlich erhelltes Klischeeverlies führt. Aufgebrochen wird das Klischee in der Mitte des Raumes durch einen leuchtenden Kreis aus nach Science Fiction anmutenden Zeichen. Oder vielleicht auch nicht aufgebrochen. Denn diese Welt hier folgt ja immer noch Animemotiven, und Ethan kennt zwar nur ein paar wenige Animes, aber doch genug, dass sich diese Mischung aus Fantasy- und Technoelementen für ihn nicht ungewöhnlich anfühlt.
So oder so hockt in diesem Kreis bedrückt, nein, elend ein rosahaariges Mangamädchen, das deutlich jünger aussieht als die anderen Schüler an dieser programmierten Schule, und ihre Schuluniform mit dem kurzen Röckchen und dem tiefen Ausschnitt lässt sie noch jünger und trostloser wirken. Ethan ballt unwillkürlich die Fäuste. Das muss Giffany sein, und trotz allem, was er von ihr gehört hat, und was für ein Unheil sie auch angerichtet haben mag, die kleine Gestalt tut ihm leid.

Giffany springt auf, als sie Irene sieht, und rennt mit einem freudigen Aufschrei an die Barriere, die sie in dem Kreis hält. „Irene! Ich wusste, dass du kommen würdest!“ Sie hat tatsächlich gezeichnete Tränen in den gezeichneten Augen. „Du bist meine beste Freundin!“
Aber sie habe doch auch Ally, entgegnet Irene. Die Britin scheint sich bei dieser Zurschaustellung von Zuneigung seitens der Kami etwas unwohl zu fühlen. Ja klar, antwortet Giffany, Ally sei ja auch nett und alles, und sie sei ja auch eine Freundin, aber sie sei eben nicht Irene.

Als wolle sie von diesem für sie etwas peinlichen Thema ablenken, fragt Irene, wieviel Macht der Shinto-Geist hier über die Echtweltler habe. Das ist aber eine Frage, mit der Giffany nicht so recht etwas anfangen kann. Es liegt nicht an ihr, dass die drei hier aussehen wie Mangafiguren und nicht wie gewöhnlich. Es liegt nicht an ihr, dass sie wieder Persönlichkeitszüge ihrer jüngeren Ichs angenommen haben. Sie weiß nur, dass diese Welt hier tatsächlich zum Teil aus ihr gemacht ist.

Aber jetzt ist Irene ja da, und Irene wird Giffany freilassen, und wenn sie erst einmal in Freiheit ist, will sie ganz viele Freunde machen.
Bei der Formulierung stellen sich ihren Besuchern sofort die Nackenhaare auf. „Freunde ‚machen‘? Wie willst du dir denn Freunde ‚machen‘? Sie zwingen etwa?“
Giffany reagiert empört. Nein, den Unterschied zwischen kennenlernen und herstellen kennt sie natürlich. Und dass man Leute nicht zwingen darf, das hat Ally ihr auch erklärt, auch wenn Giffany das nur vage verstanden zu haben scheint. „Wenn man jemanden liebt, muss man ihn loslassen.“ Dass sie nicht anfängt zu singen, ist noch gleich alles. Aber gut, Giffany ist eine Shinto-Gottheit, woher soll sie Popmusik aus den 80er Jahren kennen. Aber das war jedenfalls der Grund, warum sie aufgehört hat, Irene auf Schritt und Tritt zu verfolgen, sagt sie.

Barry und Irene haben noch etliche andere Fragen, die sich alle darum drehen, was passieren wird, sollten sie Giffany tatsächlich freilassen. Aber auch die meisten davon kann die Kami nicht beantworten. Sie weiß nicht, welche Gestalt sie in der echten Welt annehmen wird, ob sie dann ein Mensch oder ein anderes körperliches Wesen ist – oder ob sie vielleicht nur als Geist oder als virtuelles Wesen existieren wird. Sie kann auch nicht sagen, wie sie reagieren würde, sobald sie wütend wird. Wie Menschen denn darauf reagieren, fragt sie zurück. „Ganz unterschiedlich“, sagt Barry. „Na was macht ihr?“, will Giffany wissen. „Irgendwas treten“, platzt Ethans Teenager-Ich heraus. „Aber nichts, was irgendwem gehört“, ergänzt er schnell. Ethans erwachsenes Selbst greift sich im Geist an die Stirn, versucht zu retten, was zu retten ist. „Oder Sport zum Abreagieren.“ „Oder fluchen“, schlägt Irene vor. „Das mach ich immer.“
Barry verdreht die Augen bei diesen kindischen Reaktionen und rät Giffany, es lieber mit Nachdenken zu versuchen. Gewalt sei keine Lösung.

Ziemlich unvermittelt fragt Irene, ob Giffany eine Erinnerung löschen könne. Auch das weiß das Mangamädchen nicht, aber sie ist bereit, es zu versuchen.
Ethan wirft seiner Begleiterin einen entsetzten Seitenblick zu. „Schlechte Idee“, brummt er, aber Barry schüttelt den Kopf in seine Richtung. „Lass sie“, wirft er ein.
Ethan verzieht das Gesicht, wirft die Hände in die Luft. „Ist trotzdem eine schlechte Idee“, murmelt er tonlos. Aber er lässt sie.
Irene geht allerdings nicht sofort auf Giffanys Angebot an, sondern sieht zu Barry. Zögerlich, zweifelnd. Oh. Die Erinnerung an ihre Affäre? Oder was auch immer es ist, was da zwischen ihnen steht?
Trotz seiner vorigen Worte schüttelt nach kurzem Zögern – er weiß offensichtlich, um was es geht, und er denkt ernsthaft darüber nach – nun auch Barry den Kopf. Und Irene nickt ihm zu, bittet Giffany nicht darum, in ihrem Kopf herumzupfuschen.
„Gut“, macht Ethan mit Nachdruck, was ihm einen erstaunten Blick von Barry einbringt. Aber keiner der beiden Jungen geht näher darauf ein.

Die fünf Minuten sind um. Matsuoka, die die ganze Zeit über an der Tür gestanden und aufgepasst hat, dass die Besucher keinen Unsinn anstellen, gibt ihnen noch mit auf den Weg, dass niemand wissen könne, wie Giffany sich verhalten werde, sobald sie den Beschränkungen des Programms nicht länger unterliege. Vielleicht wolle sie sich ja für ihre Gefangennahme und all die Zeit, die sie hier drin verbracht habe, rächen?

Ja, das hat die Vorsitzende des Schülerrats schon mal erwähnt. Aber das ändert immer noch nichts an der Tatsache, dass die drei Echtweltler, als sie wieder draußen auf dem Hof stehen, genauso wenig Ahnung haben wie vorher, wie sie jetzt weiter vorgehen sollen. Giffany vernichten oder freilassen? Freilassen oder vernichten? „Wir können sie nicht einfach so ausschalten“, erklärt Irene, deren anfängliche Meinung sich inzwischen gründlich gewandelt zu haben scheint, „sie ist immer noch ein Kind.“ Sie käme sich dabei vor wie jemand, der eine Dreizehnjährige verbrennen wolle, nur weil sie relativ viel Macht habe. Irene spricht von Bianca, weiß Ethan, und er ist mit ihr völlig einer Meinung. Bianca brauchte ihren Schutz, und Ethan hätte nicht anderes handeln können, als er das im Diner und danach getan hat. Auch Giffany ist ein Kind und bräuchte draußen jemanden, der sich ihrer annimmt. Wie Bianca. Wie Artie. Aber Barry kann verdammt nochmal nicht noch ein Pflegekind aufnehmen!

Andererseits ist Giffany aber eben immer noch mehr als nur ein Kind. Bei allem Mitleid ist Ethan bei dem Gedanken an die Fähigkeiten der Kami mehr als mulmig zumute.
Es hilft alles nichts. Er dreht sich im Kreis, und er wird aus diesem Kreis nicht rauskommen, wenn er nicht irgendwas dagegen tut.
„Ich muss mal den Kopf freibekommen“, sagt er zu den anderen und verzieht sich, ohne groß eine Antwort abzuwarten.

Schuluniform oder nicht, Ethan geht einige Runden auf der Aschenbahn drehen. Und ist hinterher extrem dankbar dafür, sich in einer Animewelt zu befinden, denn seine Kleider sind völlig geruchlos geblieben. Und eine Idee ist ihm beim Laufen auch gekommen. „Vielleicht kann man das Spiel für beide Möglichkeiten lösen, nicht nur für eine?“, begrüßt er Irene er ansatzlos, als er sie im Hof wieder trifft. „Das haben wir uns auch schon gedacht“, erwidert die Britin. Deswegen ist Barry auch nirgendwo zu sehen: Der ist schon mal los, um Kontakt mit Amagi aufzunehmen.

Die beiden anderen machen sich ebenfalls auf, um zu sehen, ob sie ihre eigenen Ziele nicht irgendwo auftreiben können. Und tatsächlich finden sie Ichinose Tokiya auf dem Pausenhof. Genauer gesagt ist der hochgewachsene Teenager kaum zu übersehen, denn der wird von einer ganzen Traube aus Schülerinnen dabei beobachtet, wie er gerade mit ausgesuchter Höflichkeit die Avancen eines Mädchens abschmettert. Die Kleine versucht, sich gefasst zu geben, aber sie ist sichtlich enttäuscht, als sie sich abwendet und in die tuschelnde und kichernde Mädchentraube zurückkehrt.

An dem Jungen klappt ebenfalls eines dieser Schilder auf, als Ethan ihn genauer betrachtet. Ichinose Tokiya, im letzten Schuljahr, gute Noten, gut in Sport, bei allen beliebt, Erbe der Familie Ichinose, ist noch nie mit einem Mädchen ausgegangen. Aha. Blendend aus sieht er natürlich auch, und seine Schuluniform sitzt tadellIrene atmet tief durch und geht dann zu Ichinose hin. Baut sich vor ihm auf und stemmt die Hände in die Seiten. Sie spricht laut genug, und die beiden sind nah genug, dass Ethan der Konfrontation folgen kann. Ob Ichinose wisse, wie gemein das eben gewesen sei? Und überhaupt, warum er nicht mit Mädchen ausgehe? Ob er etwa Angst habe?

Nein, erwidert Ichinose, er wolle einfach nicht, und das sei ja wohl seine Entscheidung.
„Bist du etwa auch verflucht?“, will Irene wissen. Ethan verdreht die Augen. Die weiß ganz genau, dass er sie hören kann. „Danke, Irene“, murmelt er, aber leise genug, dass das wiederum nicht bei den beiden ankommt.
Ichinose antwortet ernsthaft, nein, er sei nicht verflucht, aber er wolle einfach keinem Mädchen falsche Hoffnungen machen. Denn selbst wenn er jetzt mit jemandem ausginge, könnte er doch nicht mit ihr zusammen sein. Er müsse heiraten, wen seine Eltern für ihn bestimmten.
„Aber das musst du doch nicht!“, protestiert Irene.
„Doch“, sagt Ichinose ernst. „Meine Brüder müssen das ebenfalls. Meine Schwester hat aus Liebe geheiratet, und sie könnte genausogut tot sein.“ Der Junge mustert Irene. „Aber du kennst das wohl nicht, wenn du aus einer normalen Familie kommst.“
Aber da ist er bei dem britischen Mädchen an der falschen Adresse. „Normale Familie?! Ha! Du sprichst mit einer Hooper-Winslow! Und ich entscheide auch für mich selbst!“
Irene redet weiter auf Ichinose ein, es sei doch nicht verkehrt, einfach mal ein bisschen Spaß zu haben, aber darauf will der Teenager sich nicht einlassen. Er wolle nicht einfach nur „üben“, das sei unmoralisch. „Spricht für ihn“, murmelt Ethan, ehe er sich abwendet und Irene ihrem Gespräch mit Ichinose überlässt. Im Gehen hört er noch, wie sie gerade zu dem Jungen sagt, es möge ja seine Entscheidung sein, aber er sehe nicht sonderlich glücklich dabei aus.

Seine eigene Zielperson findet Ethan am Getränkeautomaten vor der Mensa. Arisa Uotani ist entweder tiefbraun geschminkt oder hat viel Zeit unter der Sonnenbank verbracht. So oder so sieht sie mit dem silbernen Lidschatten schon irgendwie merkwürdig aus, und die rosafarbenen Haare wollen auch nicht recht passen. Das Schild, das an Arisas Seite aufklappt, als Ethan sie ansieht, sagt ihm nichts, das er nicht schon vermutet hätte. Dass sie eine Außenseiterin sei nämlich und eine berüchtigte Schlägerin dazu.

Naja. Wenn sie das mit ihm versuchen sollte, wird Ethan sich schon zu wehren wissen. Aber irgendwie glaubt er das nicht. Also tritt er zu ihr und spricht sie einfach an. Dass er neu sei, und ob sie ihm die Schule zeigen könnte.
Arisa sieht ihn zuerst ungläubig-aggressiv an und fragt, ob er sie verarschen wolle. Nein, erwidert Ethan ernsthaft, das wolle er nicht. Er wolle wirklich, dass sie ihm die Schule zeige, falls ihr das nichts ausmache. Aber es werde seinem Ruf gar nicht gut tun, wenn er mit ihr herumhänge, warnt Arisa. Sie sei nämlich berüchtigt dafür, dass sie ihre Mitschüler verprügele, und Ethan solle sich lieber jemand anderen suchen, der ihn herumführt. Die anderen Mädchen würden das sicher mit Kusshand tun.
Ethan verzieht das Gesicht. „Die anderen Mädchen kichern nur albern rum.“
Bei der Bemerkung sieht Arisa ihn anklagend an. „Achso? Du kommst nur zu mir, weil du zu feige bist, eine von den anderen anzusprechen?“
Wieder schüttelt Ethan den Kopf. „Ich mag nur kein albernes, sinnloses Rumgekicher.“

Es braucht noch etwas Überzeugung, aber schließlich führt Arisa ihn herum. Das macht sie mit angespannter Körperhaltung und knapp hingeworfenen Erklärungen: „Die Sporthalle.“ „Die Cafeteria.“ „Der Typ da drüben ist ein Arschloch.“
Warum der Junge ein Arschloch sei, will Ethan wissen und erfährt, dass der Schüler irgendwann mal eine Schildkröte auf den Rücken gedreht hat, einfach so, und sich dann an den Qualen des Tiers geweidet hat.

Während sie weiter durch die Schule gehen, scheint Arisa tatsächlich etwas aufzutauen. Irgendwann sieht sie ihren Begleiter von der Seite an. „Jetzt sag du doch auch mal was. Du redest ja gar nichts!“
Ethan schnaubt trocken. „Hast du eine Ahnung. Ich rede wie ein Wasserfall im Vergleich zu sonst.“
Aber er tut ihr den Gefallen und fängt an, ein bisschen zu erzählen. Dass es eigentlich gar nichts Besonderes über ihn zu sagen gebe. Dass er nicht besonders gut oder besonders schlecht in der Schule sei. Aber dass er Basketball spiele. Darin sei er einigermaßen gut.
Das wiederum gefällt Arisa gar nicht. Die mag keine Typen aus dem Sportclub, die seien so arrogant.
Ethan zuckt mit den Schultern. „Du solltest vielleicht nicht von einem auf alle schließen.“

Irgendwie kommt das Gespräch dann auf Familie und Eltern. Das ist Ethan ziemlich unangenehm, aber er erzählt, dass er seine Eltern schon eine ganze Weile nicht gesehen hat. Und bestätigt auf Arisas Frage hin, dass er alleine hier wohne. Das Mädchen wirkt nicht überrascht. Ob seine Eltern weggezogen seien und ihn alleingelassen hätten, will sie wissen. Aber eigentlich klingt es mehr wie eine Aussage und ein Vorwurf denn wie eine Frage und so, als sei es genau das, was das Mädchen erwartet hat. Das allerdings kann Ethan auf seiner Familie nicht sitzen lassen. Das sticht zu sehr. „Eher andersrum“, gibt er widerwillig zu. „Ich kann meinen Eltern keinen Vorwurf machen. Das waren, naja. Die Umstände.“
Arisa schnaubt bitter. „Ich meinen schon. Die sind scheiße. Die glauben immer allen anderen. Nur mir nicht.“
Dann sind sie am Ende ihres Rundgangs angekommen, und das rosahaarige Mädchen geht sofort wieder auf Abstand. „Halt dich fern von mir. Tut dir nicht gut, wenn du zu viel mit mir rumhängst. Gerade als Neuer. Sonst bist du ebenso ein Außenseiter wie ich.“
Ethan zuckt die Achseln. „Kann ich mit leben. Ich lasse mir doch von keinem aufzwingen, mit wem ich rumhänge und mit wem nicht.“
Arisa wirft den Kopf in den Nacken. „Ist deine Beerdigung.“ Und geht.

Ein nachdenklicher Ethan findet seine beiden Gefährten am See und in einer ähnlich grüblerischen Stimmung. Barry ist, Charme hin oder her, bei Amagi anscheinend nicht sonderlich weit gekommen – das Mädchen scheint sich ziemlich in sich selbst zurückgezogen zu haben und hätte sich vor allem mit ihm darüber unterhalten, wie das sei, Gefühle zu haben. Und auch Irene ist nach Ethans Weggang bei Ichinose nicht sonderlich viel weiter gekommen. Sie habe das Gefühl, Ichinose sei Giffanys Gewissen, das sie anscheinend ziemlich gut kenne, weil er nämlich Salz in all ihre Wunden gestreut habe. So hat Ichinose wohl als Antwort auf Irenes Argument, dass er ja morgen bereits sterben könne, und dann habe er nichts erlebt, geantwortet, er könne sich doch nicht unvernünftig verhalten, nur weil jeder Tag der letzte sein könne. Was Irene ja auch irgendwie eingesehen habe. Und irgendwann sei sie dann eben gegangen, als sie an ihn nicht rankam. Gegangen, sagt Irene. Geflüchtet, vermutet Ethan, aber er muss nicht auch noch Salz in die Wunde streuen.
Als er hingegen von seiner Begegnung mit Arisa berichtet, wundert Ethan sich selbst darüber, dass er vage optimistisch klingt. Aber tatsächlich hat er das Gefühl, die rosahaarige Rebellin ist trotz aller Kratzbürstigkeit etwas aufgeschlossener als die anderen beiden.

Kennengelernt haben sie ihre Zielpersonen also jetzt. Die Frage ist nur immer noch, was nun? Bei Arisa hat Ethan ja den Eindruck, als könne er mit etwas Geduld schon etwas erreichen, aber die anderen beiden klingen doch sehr verstockt. Andererseits…
„Es ist immer noch ein Spiel“, sinniert er. „Und Spiele sind nicht auf unausweichliche Fehlschläge programmiert, sondern darauf, dass man das Spielziel erreicht. Also muss doch eigentlich auch irgendwie vom Spiel her ein Weg existieren, um an die drei heranzukommen – selbst wenn es vermutlich nicht zu einfach sein soll, damit das Spiel nicht langweilig und zu schnell durchgespielt ist – oder?“
Naja, hält Barry dagegen, eigentlich dreht sich das programmierte Spielziel von außen ja einzig und allein darum, Giffany zu umwerben. Andere Schüler sind von außen nur Staffage und ihre drei Zielpersonen nur von innen heraus überhaupt anspielbar. Nur hier im Spiel haben sie diese klar definierten Motivationen, und wenn da nichts direkt auf Lösbarkeit programmiert ist, ist das mit dem „muss doch irgendwie gehen, weil ist ja ein Spiel“ gar nicht so sicher.

Also was tun, verdammt? Irene ist weiterhin davon überzeugt, dass sie Ichinose nicht rumkriegen wird. „Der will einfach niemandem wehtun“, erklärt sie frustriert.
„Der will sich selbst nicht wehtun“, rutscht es Ethan heraus: eine plötzliche Einsicht, die sich daraus speist, wie es ihm selbst in dieser Situation ginge – eigentlich ja tatsächlich irgendwie geht, wenn man es genau nimmt –, die ihm aber verdrehte Augen von dem britischen Mädchen einbringt. „Rede du doch mit ihm, wenn du ihn so gut verstehst, du großer Psychologe!“

Ethan schnaubt, aber tatsächlich wäre es vielleicht eine Überlegung, mal die Ziele zu tauschen. Zu sehen, wie die anderen mit den Schwierigkeiten der übrigen Kandidaten zurechtkommen.
Ehe sie aber dazu kommen, diesen Gedanken näher zu verfolgen, starrt Barry nachdenklich in die Ferne. „Irgendwie würde ich ja fast gerne hier bleiben. Also ein Teil von mir.“
Irene fährt zu ihm herum. „Bist du irre?“
Ethan blinzelt. Hierbleiben. Hier ein unbeschwertes Teenager-Dasein führen. Ja, es ist eine Spielwelt. Aber es ist auch eine Welt, in der es noch keinen Harrdhu gab. In der er Carla noch nicht verloren hat. In der Worte noch nicht Tonnen wiegen und ihr Gewicht in reinem Gold kosten. Der Gedanke ist verlockend. Viel zu verlockend. „Schlechte Idee“, brummt er.
Währenddessen lenkt Irene ein, dass sie Barrys Wunsch ja sogar irgendwie nachvollziehen könne, aber sie wolle einfach nur hier raus. Und das wiederum versteht auch Barry.

Die Diskussion, was nun zu tun sei, geht noch eine Weile ergebnislos hin und her, bis irgendwer – oder alle gemeinsam – auf die Idee kommen, man könnte doch einfach mal alle drei an einen Tisch holen. Gewissermaßen ein Triple Date veranstalten.
Schaden kann es nichts, also setzt sich Ethan beim Mittagessen kurzerhand zu Arisa Uotani an deren leeren Tisch. Die starrt ihn finster an und warnt ihn wieder wegen seines Rufs bei den Mitschülern, aber er nickt nur Richtung Barry, der sich eben mit Amagi dazusetzt. „Siehst du? Gibt auch noch andere, denen das egal ist.“
Zuletzt kommt Irene mit ihrem Zielobjekt heran. Im Näherkommen kann Ethan hören, wie Ichinose sich höflich bei Irene entschuldigt, dass er ihr zu nahe getreten sei, aber die winkt ab. Er habe nicht wissen können, dass er bei ihr einen wunden Punkt treffe, und dass er sie zum Nachdenken über sich selbst gebracht habe, täte ihr auch mal ganz gut. Dann stehen sie am Tisch. „Hier, du musst Ethan kennenlernen, der tickt wie du.“
Ethan schnaubt, aber Irene funkelt ihn belustigt an. „Was denn? Ist doch so!“ Daraufhin schnaubt Ethan erneut, selbst halbwegs amüsiert. „Stimmt schon.“

Erst sitzen sie eine Weile schweigend am Tisch, bis Ethan Arisa fragt, warum sie eigentlich diesen Ruf als Schlägerin habe. Zögernd erwidert die rosahaarige Figur, im ersten Schuljahr habe sie zwei ältere Schüler gesehen, die einen Kleineren verprügelt hätten. Sie sei dazwischengegangen, habe die beiden Großen sogar vertrieben, aber seitdem hänge ihr eben dieser Ruf an, weil niemand ihr glaube. Nicht mal ihre Eltern. Vor allem nicht ihre Eltern. „Ich glaube dir“, wirft Ethan ein. „Na und?“ spuckt Arisa, „Du bist einer. Toll.“ Aber Irene und Barry glauben ihr auch, Ichinose ebenso, und Amagi erinnert sich sogar daran, dass sie den Zwischenfalls damals selbst aus der Ferne gesehen hat. Und sie glaubt ihrer Mitschülerin nicht nur, sondern sie ist auch dazu bereit, vor anderen zu bezeugen, was sie gesehen hat.

Überhaupt stellt sich immer mehr heraus, dass die beste Lösung für alle drei vermutlich einfach ist, sich miteinander anzufreunden. So können die anderen beiden Arisa im Zaum halten, wenn der mal wieder ihr Temperament durchzugehen droht. Amagi kann von ihren Freunden etwas über Gefühle lernen. Und Ichinose hat zwei Freundinnen, die ihn einfach nur mögen und ihn mit ihrer jeweiligen Art gut von den ganzen Verehrerinnen abschirmen können.

Zumindest war das der Plan. Aber kaum haben die drei Schüler einander angelächelt und zustimmend genickt, gibt es einen beinahe hörbaren Klick, oder jedenfalls passiert etwas, und die drei Animefiguren zerfasern in einzelne Pixel. Als der Zerfall beginnt, seufzt Amagi, das hätte sie sich ja denken können. Arisa springt wütend auf, ballt das, was von ihren Fäusten noch übrig ist, und ruft „was soll der Scheiß?“, während Ichinose einfach nur traurig lächelt. Und dann sind sie fort.

Mit dem Verschwinden der drei Figuren setzt sich die Auflösung der Pixelwelt fort. Langsam erst, nur hier ein bisschen, da ein bisschen, aber nicht zu übersehen. Die Echtweltler müssen also eine Entscheidung treffen, was Giffany betrifft. Und zwar bald.
Unter dem Eindruck dieser Eile äußert sich Ethan als erster, und er folgt seinem Instinkt. „Sie ist ein Kind“, erklärt er. „Ich bin für freilassen – aber das ist nur ein Bauchgefühl.“
„Dann solltest du vielleicht mal drüber nachdenken“, schießt Barry zurück. „Das kann keine Entscheidung sein, die man einfach mal so aus dem Bauch heraus trifft.“
Da hat er nicht unrecht, und so macht Ethan eine kleine, beschwichtigende Handbewegung. „Ihr kennt die eh besser als ich.“
Irene schlägt aber in eine ganz ähnliche Kerbe wie er. „Ihr könnt mir gerne vorwerfen, dass ich ein Stockholmsyndrom habe“, seufzt die Britin. „Aber ich bring das jetzt nicht mehr übers Herz.“

Ihr Begleiter hingegen vertritt einen härteren Standpunkt. Dieses ‚Kind‘ habe seinen Neffen ins Koma gezogen. Dieses ‚Kind‘ sei ein Monster mit unbekannten Fähigkeiten. Er selbst habe drei Kinder, für die er verantwortlich sei, mit einem vierten auf dem Weg, da sei er kein so großer Fan davon, Monster in die Welt zu setzen. Irene hält dagegen, dass ein solches Monster in der Welt wenigstens eine bekannte Größe sei; mit sowas hätten sie immerhin Tag für Tag zu tun, und das sei besser als die unbekannte Bedrohung eines Monsters im Internet. Und überdies gebe es deutlich schlimmere Monster als eines, das einfach nur jemanden suche, den es mögen könne.

Barry kontert, dass Giffanys Suche nach Zuneigung ja noch nicht mal echt sein müsse. Vielleicht sei die ja nur einprogrammiert, und wenn der Geist frei wäre, würde er ganz anders reagieren? Niemand könne wissen, welche Büchse der Pandora mit einer Freilassung Giffanys geöffnet würde.
„Vorhin hast du noch ganz anders geklungen“, hält Irene ihm vor. „Da warst du noch voll im Pazifisten-Modus.“
Der Schriftsteller wirkt jetzt nicht mehr wie ein Teenager, trotz seines Äußeren. „Ich glaube auch nicht mehr, dass Gewalt keine Lösung ist“, erwidert er leise.
Irene schnaubt. „’Bring alle um‘ ist eben eine einfache Lösung, nicht wahr?“

Ethan ist diesem Hin und Her schweigend gefolgt. Je mehr Argumente der Ältere angebracht hat, umso mehr sind Ethans Zweifel an seinem ersten Instinkt gewachsen. Vor allem, als Barry seine Schutzbefohlenen erwähnt. Denn zu den Kindern, von denen er spricht, gehört auch Artie. Und so ist Ethan mit dem Kopf in den Händen dagesessen, hat seine Haare noch wirrer gezaust und gebrütet. Irenes letzte Worte allerdings reißen ihn aus seiner Grübelei, so unfair und aus der Luft gegriffen erscheinen sie ihm. „Sieht der aus, als liefe er rum und bringe wahllos Leute um?“

Barrys Kopf ruckt zu ihm herum. „Halt einfach mal die Klappe, Ethan“, kanzelt der Ältere ihn ab, ein plötzlicher, unverhoffter Tiefschlag. Ethan macht eine abwehrende Geste, stützt dann das Kinn auf die Handflächen. Grübelt weiter. Sagt aber nichts mehr.

Irene hat indessen nochmals bekräftigt, dass sie nicht damit leben kann, ein Kind umzubringen, das eigentlich nur genervt und gegen den Datenschutz verstoßen hat, weil es das einfach nicht besser wusste.
„Na gut, erwidert Barry. „Sie ist ein Kind. Um ein Kind muss man sich kümmern. Wirst du das machen?“
Irene versucht abzuwiegeln. „Kann Ally das nicht übernehmen? Die kommt viel besser mit ihr klar als ich.“ Aber Barry ist nicht der Ansicht, dass das etwas ist, das man Ally alleine aufbürden sollte, jung und unerfahren, wie die Studentin sei. Und es ist Irenes Verantwortung. Das sagt der Detektiv zwar nicht, aber dass er es denkt, ist ihm auch so deutlich anzumerken.

Ebenso deutlich ist Irene anzusehen, dass ihr dieser Gedanke überhaupt nicht gefällt. Sie kämpft sichtlich mit sich, ehe sie nickt. „Wenn es denn sein muss, mache ich das, ja.“ Besser, als mit ihrem Gewissen zu leben, wenn sie Giffany jetzt umbrächten.

Und damit ist es entschieden.

Ally hat bestimmt auch schon gemerkt, dass die Dinge sich aufzulösen beginnen. Tatsächlich sitzt die Studentin noch immer mit über die Tastatur fliegenden Fingern im noch immer größtenteils unversehrten Computerraum. „Ihr habt es geschafft!“
„Haben wir. Aber jetzt müssen wir schleunigst hier raus. Komm schon!“

Draußen hätte Ethan nie im Leben so viele Worte an das Offensichtliche verschwendet. Wenn überhaupt eines. Hier aber, schwindende Welt oder nicht, fühlt sich das noch immer ganz normal an. Er schüttelt den Kopf vor sich selbst. Es ist schon wirklich verdammt seltsam, zurück in seinem Teenager-Selbst zu sein, an all das erinnert zu werden, das er vor zehn kurzen, unendlich langen, Jahren mal war.

Ethan hätte nicht gedacht, dass er laut gesprochen hat, aber ein bitteres Auflachen von Barry beweist ihm das Gegenteil. Er kommentiert das aber nicht. Eilt mit den anderen zum Schülerratsraum, wo Matusokas höflich-gratulierendes Lächeln nach einem kurzen Aufblitzen echter Emotion zu einer harten Maske wird und sie ihren Lakaien den Angriff befiehlt. Inmitten des sich zersetzenden Pixelchaos um sie herum zeigen auch die Ratsmitglieder bereits erste Anzeichen des Verfalls, aber das hindert sie nicht daran, ihre programmierten Superkräfte auszupacken. Flüchtig fährt es Ethan durch den Kopf, wie dieser Kampf wohl für einen Zuschauer aussehen würde, wenn er tatsächlich Teil einer Anime-Serie wäre. Barry, Irene und er halten Ally die Gegner vom Leib, während die Studentin hektisch auf ihrem Handy herumtippt, die blau-lila leuchtenden Symbole von Giffanys Kreis einen nach dem anderen auszuschalten versucht.

Dann verschwindet das letzte Zeichen, und die Barriere fällt. Der größte Teil des Raums ist inzwischen im Nichts verschwunden, und es ist nur noch Giffany zu sehen, die lila-blau leuchtet wie die technomagischen Symbole zuvor. Die Kami scheint zu wachsen, oder vielleicht löst sie sich in der Ausdehnung ebenfalls auf, denn sie wird flüchtiger, durchsichtiger. Giffanys strahlendes Lächeln brennt sich in Ethans Gedächtnis, ebenso wie ihr bewegtes „Danke“.

Ethan blinzelt. Au. Hell. Blinzelt wieder. Boden unter ihm, Boden an seiner Seite. Was? Wie…? Ah. Nein. Wand.
Mit steifen Knochen rappelt er sich auf. Sein Kopf dröhnt. Eine taubeneigroße Beule über seiner Schläfe sagt ihm, warum. Kopf gestoßen beim Hinfallen, als sie in die Animewelt gewechselt sind.
„Giffany?“ Irenes Stimme. „Giffany!“ Die Britin setzt sich auch gerade aufrecht. Im Gegensatz zu Ethan und Barry ist sie in ihren bequemen Yoga-Sachen auf ihre bequeme Matratze gefallen. Natürlich. Ethan verkneift sich ein belustigtes Schnauben, sieht zu dem Detektiv. Der ist ebenfalls dabei, sich hochzustemmen, sieht erst noch etwas benommen aus und hält sich ein wenig schief, tastet dann aber sehr schnell nach seinem Telefon, um Uhrzeit und Datum zu checken. Wie sie alle.

Es ist nicht ganz ein Tag vergangen, behauptet Ethans Handy. Nur ein Tag. Puh.

Von Giffany ist nichts zu sehen. Nicht die rosahaarige Pinocchia, mit der Ethan beinahe gerechnet hätte. Kein Winken vom Fernseher, keine Chatnachricht in Irenes Smartphone. Keine Stimme aus dem Nichts. Barry tippt schon auf seinem Bildschirm herum – garantiert eine SMS an Tam, dass alles in Ordnung ist. Danach ruft er bei Allys Freundin Coco an. Aus Barrys Antworten („Gut“, „mach das“, „wenn sie wach ist, sollten die ja keinen Grund haben, sie dort zu behalten“) schließt Ethan, dass Coco sofort ins Krankenhaus fahren will. Irene setzt ebenfalls eine kurze SMS ab und verschwindet dann auf dem Balkon, das Handy schon am Ohr.
Ethan selbst hockt sich auf die freigewordene Bettkante. Starrt sein Handy an. Er sollte Sam Entwarnung geben. Er muss Sam Entwarnung geben. Aber er weiß nicht so recht, wie. Was schreibt man in einer solchen Situation? Mehrmals setzt er an, aber wie so oft, wenn er an Samantha schreibt, löscht er den größten Teil des Textes wieder und wieder. Er ist wieder mal bei einem leeren Bildschirm angekommen, als Barry sich räuspert.

„Ich muss mich entschuldigen, dass ich dich so angefahren habe vorhin.“
Ethan sieht auf, schüttelt sachte den Kopf. „Schon gut.“
Barry schüttelt ebenfalls den Kopf, heftiger. „Ist eben nicht gut. Lass mich erklären…“ Er zögert etwas, sucht nach den richtigen Worten. Erklärt schließlich, dass er glaube, Ethan habe einen falschen Eindruck von ihm. Weil er, Barry, nicht aufrichtig zu Ethan gewesen sei. „Du hast gesagt, ich sähe nicht aus wie jemand, der einfach wahllos alles umbringt – aber genau das habe ich schon getan.“
„Wahllos“, kontert Ethan trocken. Im Tonfall ist es eine Aussage. Aber in der Bedeutung eine Frage.
Sein Gegenüber reagiert mit einem Achselzucken und einem „Ja“. Immerhin hätten sie in der Spielwelt auch wahllos alles umgebracht – alles bis auf Giffany.
Ethan runzelt die Stirn. Das kann man irgendwie nicht vergleichen, seiner Meinung nach. Das war keine echte Welt, auch wenn es ihn, wenn er ehrlich ist, schon auch mitgenommen hat, als ihre drei Anime-Bekannten sich auflösten. Aber da ging es nicht anders.
„Ich bin kein netter Kerl, Ethan“, beharrt Barry. Nun ist es an Ethan, die Achseln zu zucken. „Bin ich auch nicht sonderlich.“
Barry schnaubt. „Schau uns doch mal an. Wie war das gerade da drin? Dein erstes Bauchgefühl sagt ‚retten‘. Mein erstes Bauchgefühl sagt ‚umlegen‘. Ich bin kein netter Kerl, Ethan, glaub es mir.“
„Ich hab dich gerade fast eine Woche am Stück erlebt“, hält Ethan dagegen. Ein wenig wundert es ihn, dass das Reden ihm immer noch so leicht fällt, aber die Reste seines Teenager-Ichs sind anscheinend noch nicht ganz wieder verschwunden. „Ich habe gesehen, wie du mit deiner Familie umgehst.“
„Zu seiner Familie ist doch jeder nett!“, protestiert Barry. „Du hast mich noch nicht erlebt, wenn jemand meine Familie bedroht.“
„Dann ist doch niemand mehr nett“, erwidert Ethan, erntet aber nur ein weiteres „Aber nicht so“ von seinem Gegenüber.
Ethan schüttelt den Kopf. „Ist mir egal. Ist vielleicht Quatsch, aber ich vertraue dir. Weil…“ Er zögert, lässt die Schultern sinken. Spricht es beinahe nicht aus, tut es dann aber doch. Leise. „Weil du mein Freund bist.“
„Ja, weil du mich eben nicht kennst!“
„Risiko geh ich ein“, murmelt Ethan, aber er ist sich nicht sicher, ob der andere ihn gehört hat. Wahrscheinlich nicht.

Irgendwann hat Irene fertig telefoniert, kommt wieder herein und bemerkt das unbehagliche Schweigen entweder einfach nicht oder ignoriert es gekonnt. Sie habe Hunger, erklärt sie, aber nicht auf Zimmerservice. Sie lädt ein. Aber erst muss sie duschen und sich umziehen, und die Männer sind auch herzlich eingeladen, sich hinterher ein wenig frischzumachen.
Es folgt eine Runde Bäumchen-wechsel-dich in Irenes Badezimmer, während derer Ethan endlich seine Entwarnungsmail an Sam formuliert und abschickt, ehe die drei Rückkehrer schließlich in einem ziemlich vornehmen Steakhouse dinieren.

Beim Warten auf das Essen erklärt Barry, er habe nachgedacht. Giffany sei doch ein Shinto-Geist gewesen. Vielleicht könnte man einen Shinto-Schrein für sie bauen. Aber nicht nur für Giffany selbst, sondern auch für Arisa, Amagi und Ichinose, die auf der Suche nach einer bedeutungsvollen Verbindung waren, und sogar für den Schülerrat, die immerhin das Richtige hatten tun wollen. Auch sie seien Teile des Geistes gewesen, und auch sie sollten nicht vergessen werden.
Ethan nickt sofort. Das klingt nach einer schönen Geste, und mehr noch, es klingt richtig.
Irene zögert etwas. Ihrer Meinung nach habe Ichinose keine Verbindung gesucht – maximal habe er toleriert, dass sie ihm eine aufgezwungen hätten. Das aber findet Ethan wiederum nicht. Der habe das höchstens nach außen hin nicht gezeigt, äußert er überzeugt. Denn als er sich mit den beiden anderen angefreundet habe, sei er ja ebenfalls in Pixel zerfallen, der Konflikt der Spielfigur also positiv gelöst worden.
Die Trophäensammlerin seufzt. Um Ichinose tue es ihr besonders leid, erklärt sie. Dem sei genau das passiert, wovor Irene ihn gewarnt hatte: Für ihn sei alles vorbei gewesen, ohne dass er jemals irgendwas erlebt habe. Und dass er nur ein dahinprogrammiertes Stück Kulisse für Giffanys Welt gewesen sein solle, das wolle ihr auch nicht so recht in den Kopf.
Ihm sei es schon so vorgekommen, als wären die anderen alle Teile von Giffany gewesen, sagt Ethan. Und für Giffany sei es doch auch gut ausgegangen, immerhin habe sie sich bedankt. Das ist vielleicht Wunschdenken und Selbsttäuschung, fällt ihm auf. Aber es wäre schön, wenn es so wäre. Und auch Irene scheinen seine Worte ein bisschen zu helfen, denn sie fügt noch hoffnungsvoll hinzu, dass Giffany ja jetzt vielleicht den Weg ins Nirvana gefunden habe oder so.

Barry lenkt das Thema wieder auf seinen Vorschlag mit dem Shinto-Schrein. Die Idee gefällt allen, allerdings weiß keiner von ihnen sonderlich viel über den Shinto-Glauben. Sie könne ihren Ex-Mann ja mal zu dem Thema befragen, schlägt Irene vor. Oder Agent Saitou um Rat bitten. Oder beides. Allerdings nicht mehr heute. Barry nickt und regt an, morgen dann auch Ally in die Planungen mit einzubeziehen. Immerhin habe sie sich auch viel mit Giffany beschäftigt und wisse vielleicht noch etwas, das helfen könne.

Fürs erste aber bedankt die Britin sich bei ihren Begleitern. Bei beiden für das Mitleiden und speziell bei Barry für das Neinsagen. Sie gebe nicht so gerne Teile von sich selbst auf und sei ihm deswegen dankbar, dass er sie daran gehindert habe. Ah. Es geht um ihre Idee, sich das Gedächtnis löschen zu lassen. Ethan presst kurz die Lippen aufeinander. Hat wieder die körperlose Stimme im Ohr, die er ums Zerreißen nicht mehr greifen kann. „Gedächtnis löschen ist nie gut“, brummt er, aber das bekommen die anderen beiden vermutlich gar nicht mit, weil Barry gerade mit einem schiefen Lächeln erklärt, das sei zum größten Teil reiner Eigennutz gewesen. Denn auch wenn Irene es vergessen hätte, er selbst hätte es ja immer noch gewusst. Naja, erwidert Irene mit Erleichterung in der Stimme, so würde sie wenigstens Dr. Carlisle nicht falsch einschätzen. Die lebe noch, sagt Barry.

Ethan runzelt die Stirn, sieht zwischen den beiden anderen hin und her. Dr. Carlisle? Er hat keinerlei Ahnung, wovon seine Begleiter reden, aber damit dürfte sich seine Theorie von einer Affäre zwischen ihnen gerade erledigt haben. Was ihn ziemlich erleichtert, wenn er ehrlich ist. So albern das ist, er mag Tam Jackson ziemlich gerne, und er mag den Gedanken, dass Barry in einer glücklichen Ehe lebt, die keine Affären nötig hat.

Ja, spricht die Jägerin gerade weiter, so habe sie das verstanden. Ihrem Cousin Ian sei etwas ganz Ähnliches auch mal passiert, aber der habe das nicht so gut weggesteckt. Barry schnaubt und erklärt, das sei schon ein paar Jahre her, und damals sei es ihm auch nicht so gut gegangen. Irene nickt leicht und sagt dann beschwichtigend, naja, vermutlich kenne sie ihren Cousin auch einfach besser als Barry. Oooookay. ‚Passiert‘. ‚Weggesteckt‘. Ethan hat immer noch keine Ahnung, um was es genau geht, aber sonderlich angenehm kann ‚es‘ nicht gewesen sein. Aber egal. Fragen wird er ganz sicher nicht.

Barry fragt indessen, ob Cousin Ian auch auf der Jagd nach einer Trophäe war, als ‚das‘ passiert sei. Nicht konkret in dem Moment, antwortet Irene, aber grundsätzlich schon, ja. Fast alle Hooper-Winslows seien Trophäenjäger. Es werde auch das Familienoberhaupt danach bestimmt, wer die beste Trophäe vorweisen könne. Wie mittelalterlich, findet Barry. Ja, erklärt Irene, die Tradition stamme auch aus dem Mittelalter. Er kenne einen Vietnamveteranen, der ebenfalls Trophäen gesammelt hätte, sagt Barry. Die Ohren seiner Gegner. Nein, wiegelt Irene sofort und nach einem leichten Schlucken ab, die Hooper-Winslows sammelten Trophäen nur von Monstern! Ihre letzte Trophäe zum Beispiel sei die Hand eines Schwarzen Mannes gewesen. Nein – nicht eines Afroamerikaners natürlich, sondern des Kinderschrecks. Irene zuckt mit den Schultern. Andere Familien hätten eine Tradition, in der alle Angehörigen Anwälte oder Ärzte würden, und die Hooper-Winslows seien eben seit hunderten von Jahren gut darin, übernatürliches Kroppzeug zu entsorgen. Ja, sagt Barry, in seiner eigenen Familie hätten sie überdurchschnittlich viele Anwälte, und seine Entscheidung, Schriftsteller zu werden, habe nicht überall Anklang gefunden. Von daher kenne er sich ein wenig aus mit solchen Familientraditionen – Irenes Kinder würden dann vermutlich auch irgendwann Jäger werden?
Irene schüttelt heftig, sehr heftig, den Kopf. Sie habe keine Kinder und wolle auch keine. „Kommt ja vielleicht noch“, wirft Ethan leise ein, bekommt von der Trophäensammlerin aber nur ein ebenso heftiges „Nein!“ zur Antwort. Darauf erwidert er nichts mehr – natürlich nicht, Irene wird ihre Gründe haben, und es steht ihm nicht zu, diese durch Diskutieren anzuzweifeln – aber dass ihn ein leiser Anflug des Bedauerns überkommt, das kann er nicht verhindern.

Um von dem etwas peinlichen Moment abzulenken, kehrt Ethan nochmals zu den Familientraditionen der Hooper-Winslows zurück. Das Familienoberhaupt wird danach bestimmt, wer die beste Trophäe vorweist, hat Irene eben gesagt. In welcher Situation wird denn das Familienoberhaupt neu bestimmt, will er wissen, wer beschließt das? Immer, wenn das aktuelle Familienoberhaupt stirbt, erläutert Irene. Und beschlossen, sprich die Güte der Trophäen bewertet, wird von allen volljährigen Familienmitgliedern gemeinsam. Und ja, das könne auch schon mal ein paar Tage oder gar Wochen dauern, fährt die Britin dann fort, aber irgendwann werde man sich schon einig. Im Laufe der Jahrhunderte hätte die Familie auch schon andere Wahlmethoden ausprobiert, aber die hätten alle nicht so gut funktioniert.

Dann ist auch der Nachtisch gegessen und die Rechnung bezahlt. Bis sie Irene an ihrem Hotel abgesetzt und sich selbst ein preiswertes Motel gesucht haben, ist es ziemlich spät geworden. Und der Aufenthalt in der Spielwelt war ja kein Schlaf, auch wenn ihre Körper reglos herumlagen, also ist Ethan inzwischen rechtschaffen müde und fällt ziemlich sofort in sein Bett.

Am nächsten Morgen findet er eine E-Mail von Sam vor.
„Danke für die Info“, schreibt sie. „Bin noch ne Nacht im Yellowstone und fahre dann weiter.“
Ethan sieht auf den Zeitstempel der Mail. Sie ist vom frühen Abend, als sie schon zum Essen aufgebrochen waren. Yellowstone. Das heißt, Sam hat tatsächlich selbst auf seine Bitte reagiert. Sie hat sie nicht ignoriert. Sie hat nicht Bart informiert. Sie ist selbst gekommen. Vielleicht war sie zufällig ohnehin gerade in der Gegend, aber das hat nichts zu bedeuten. Sie hat gewartet, ob er Hilfe braucht, und jetzt, wo sie weiß, dass er sie nicht braucht, kann sie guten Gewissens weiterziehen. Noch eine Nacht im Yellowstone. Und er hat gestern abend die Mail nicht gesehen! Drecksmist, elender! Egal, wie müde er war, die Fahrt hätte er auch noch auf sich genommen, um ihr persönlich zu danken. Vermutlich ist sie inzwischen längst weg, aber egal. Versuchen muss er es.

Ethan klopft bei Barry und gibt ihm kurz bescheid, dann fährt er los. Von Billings zum Nationalpark fährt man ungefähr dreieinhalb Stunden, also ist es schon gut Mittag, bis er an seinem ersten Ziel ankommt. Insgesamt gibt es sieben offizielle Campingplätze im Park, und er fährt sie alle ab. Hoffnung macht er sich keine, wenn er ehrlich ist. Wenn er Pech hat, war sie ohnehin auf keinem Campingplatz, sondern hat den Bus irgendwo wild abgestellt, so wie in Dana Point letztens. Also hält er auch entlang der Straße die Augen offen, auch wenn sie sich bestimmt nicht so offensichtlich hingestellt hätte, wenn sie wild geparkt hätte. Keine Spur von Sams blauem VW-Bus, nicht im Wald und auch nicht auf den Plätzen. Irgendwann ist es schlichte Sturheit, dass er die entlegeneren Campingplätze auch noch abcheckt, auch und gerade, als der Nachmittag voranschreitet und Ethan sich zunehmend sicher ist, dass er Sam jetzt garantiert nicht mehr antreffen wird. Verdammt.

Es ist spät am Abend, als Ethan ziemlich zerschlagen wieder in Billings ankommt. Er schiebt Barry einen Zettel unter seiner Zimmertür durch, dass er wieder da ist, dann kippt er ins Bett.

Am nächsten Tag erfährt er, was die anderen in der Zeit so getrieben haben.
Sich über Shinto-Geister und Shinto-Schreine informiert, wie geplant. Ally hat im Internet recherchiert, ebenso wie Barry, der zusätzlich auch noch ein kleines privates Geister-Willkommensritual durchgeführt hat. Darüber sagt er nicht viel, aber zu wissen, dass er es hat, reicht ja auch. Irene hat mit ihrem Ex-Mann und mit Special Agent Saitou gesprochen, von dem der Vorschlag kam, Giffany einen Teil eines bereits existierenden Shinto-Schreins zu widmen.

Hawaii ist anscheinend voll davon. Aber Hawaii kommt nicht in Frage, weil Barry nach seinem Rippenbruch noch nicht wieder fliegen darf. Auf dem Festland hingegen gibt es nur zwei Shinto-Schreine: einen in Colorado und einen in Washington State. Der in Colorado ist rein von der Entfernung her zwar näher, aber der in Washington passt besser.

Und so sitzt Ethan einen Tag später schon wieder hinter dem Steuer. Zwölf Stunden reine Fahrzeit bis Granite Falls, WA. Eine Übernachtung dazwischen. Aber alles geht gut. Barry und Ally verbringen die meiste Zeit hinter ihren Laptops, Ally programmierend, Barry schreibend. Beide fluchen oft und gerne über das wackelige Internet. Was haben die hier, mitten im Nirgendwo, eigentlich erwartet? Volle 4G-Netzabdeckung? Stellenweise. Sehr stellenweise. Vielleicht.

Irene will von Barry wissen, ob er aus dem jüngst Erlebten jetzt einen Roman macht. Er antwortet nur sehr kurz angebunden mit „Nein“, aber auch diese knappe Antwort scheint die Britin schon zu beruhigen. Aus Ally will sie dann herausbekommen, woher die Studentin und Barry sich kennen.
Irgendeine ‚Kamelgeschichte‘ offensichtlich. Irgendwas mit einem Video. Und mit jemandem namens ‚Kitty‘, von der Irene wissen möchte, wie es ihr geht. Und was für Monster Ally sonst schon so alles gesehen hat.

Ethan lässt das Gerede der anderen wie beruhigendes Hintergrundrauschen über sich hinwegfließen. Horcht nur auf, als Ally etwas später Irene darauf anspricht, dass sie ja diejenige sei, die von Giffany gestalkt wurde. Dass sie also diejenige sein muss, die im True Believers mit dem Nickname ‚iHeretic‘ unterwegs ist. Ethan selbst ist zu wenig im Forum, als dass ihm bisher groß aufgefallen wäre, dass iHeretic bei den anderen Usern einen richtig, richtig, richtig schlechten Ruf hat. Ally hat iHeretics wahre Identität bisher wohl selbst auch noch nicht gekannt, denn nun bittet sie die Trophäenjägerin, doch in Zukunft etwas weniger zu trollen.
„Also, nicht dass du trollst oder so, aber so ein bisschen vielleicht…“ Ally kommt ins Stocken. „Ähm, das Wetter war auch schon mal besser…“ Zu Barrys amüsiertem und zustimmendem Grinsen verzieht Irene das Gesicht und sagt ziemlich kleinlaut, das hätte sie schon ein paarmal gehört. „Ja“, fasst Ally sich nochmal ein Herz, „aber diesmal hörst du es vom Admin!“ Daraufhin wird Irene noch etwas kleinlauter und Barrys Grinsen noch etwas breiter und zustimmender. „Ja. Jahaaa.“

Ethan selbst lassen die anderen größtenteils in Ruhe. Barry und Irene kennen ihn gut genug, um ihn nicht übermäßig in Gespräche ziehen zu wollen, oder zumindest keine längeren Antworten erwarten. Und Ally ist zu schüchtern. Ethan versucht irgendwann, sich bei ihr für sein ruppiges Verhalten an der Schule zu entschuldigen. Aber damit erreicht er eher das Gegenteil von dem, was er erreichen wollte, denn statt dass die junge Frau ihm gegenüber lockerer wird, zieht sie sich eher noch mehr von ihm zurück. Ist aber vermutlich auch besser so.

Am Shinto-Schrein in Granite Falls, WA, werden sie von einem freundlichen älteren Japaner empfangen, der sich ihre Geschichte höflich anhört. Das Ende vom Lied sind eine ausführliche Zeremonie, mit der die Geister aus der Schule im Schrein willkommen geheißen werden sollen, sowie der Vorschlag seitens des Priesters, der Kami einen eigenen kleinen Schrein aufzustellen und diesen auch tatsächlich mit Gebeten und Opfergaben aktiv zu nutzen, und zwar am besten im Haus der Person, die dem Geist am engsten verbunden ist.
Barry sieht sofort zu der Britin hin. Er sagt nichts, aber dass er der Meinung ist, die naheliegendste – die einzige – Kandidatin für diese Aufgabe sei Irene, wird auch so überdeutlich. Die runzelt erst die Stirn, aber dann scheint ihr eine Idee zu kommen, und sie erklärt, das könne sie schon machen. Es werde vermutlich nur eine Weile dauern, bis sie alles regeln könne. Barry nickt, hat auch anscheinend mit der Zeitspanne kein Problem, solange Irene die Sache nur angeht.

Zwei Tage später sind sie wieder in Billings, Ally und Irene absetzen. Die beiden Männer fahren noch gemeinsam bis Chicago, wo Barry seine Familie besuchen will. Bei der Verabschiedung, Barry ist schon ausgestiegen und steht noch kurz am heruntergekurbelten Fenster, sagt der Ältere etwas, das Ethan durch Mark und Bein geht. „Eine Familie vermisst ihre Leute immer“, wirft er beinahe beiläufig hin. „Und Gründe, die vor Jahren vielleicht mal unglaublich wichtig waren, sind heute vielleicht gar nicht mehr so entscheidend.“
Ethan antwortet nicht. Zuckt zusammen, äußerlich vermutlich genauso sehr wie innerlich, und fährt los.

Einige Tage, nachdem sie sich in Chicago getrennt haben, findet Ethan eine E-Mail von Barry in seinem Postkorb. Geschrieben wurde sie schon am vorigen Abend, aber den ganzen Tag lang ist er nicht dazu gekommen, in seine Mails zu schauen.

Ethan.

Ich bin ein Vollidiot. Ich hätte zuhören sollen statt zu reden.
Ich hab dir erzählt, dass du mich falsch siehst. Du hast gesagt, das sei dir egal, weil ich dein Freund bin.
Ich hab gesagt, weil du mich nicht kennst.
Ich hätte sagen sollen: Danke, mein Freund.
Tut mir leid.
Danke, mein Freund.

Barry.

Etwas regt sich in Ethan, als er das liest. Ein plötzlicher, schmerzhafter Druck unter seinem Brustbein. Ein Hindernis in seiner Kehle, um das er herumschlucken muss. Er blinzelt, um die verschwommenen Worte wieder in Fokus zu bringen, und liest die Nachricht erneut. Und ein drittes Mal. Hat keine Ahnung, wie er darauf reagieren soll. Aber reagieren will er. Muss er. Nicht erst irgendwann. Sondern gleich. Also klickt er auf „Antworten“, atmet tief durch und fängt zögernd an zu tippen.

2 Kommentare

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2 Antworten zu “Supernatural – Pixel Academy

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