Supernatural – Alaska: Land der Raketenwürmer

Ethan wollte schon immer mal nach Alaska. Naja. Nein. Nicht mit Bewusstsein. Er hat nur gehört, dass es dort traumhaft schön sein soll. Bilder aus Filmen, die er gesehen hat, von unberührten Wäldern und reißenden Strömen und so. Als Irene ihn also irgendwann Anfang April anruft und um seine Hilfe bittet, weil irgendwo da oben auf dem Gelände einer seit einigen Monaten laufenden Erdölförderoperation bei Angriffen auf die dortigen Arbeiter eine Riesenschlange gesehen worden sein soll, sagt er nicht nur sofort seine Unterstützung zu, sondern er ist auch neugierig.

Hinfliegen, schlägt die Britin vor. Das Auto wäre ihm lieber, schon allein der Ausrüstung wegen, aber ein Blick auf die Karte sagt ihm, dass das eine Fahrt von bestimmt zwei Wochen wäre, und so lange will Irene nicht warten. Ausrüstung kaufen kann man auch vor Ort, erklärt sie, und Unrecht hat sie nicht. Es wäre ein verdammt weiter Weg, und wer weiß, wieviel Unheil diese Riesenschlange bis dahin anrichtet. Oder ob nicht Irenes heißgeliebter Cousin in der Zwischenzeit dort auftaucht und ihr die Trophäe wieder vor der Nase wegschnappt, vermutet Ethan. Also fliegen. Auch der Flug, mit dreimaligem Umsteigen, dauert dank Übernachtung bereits einen Tag, aber ein Tag ist kein Vergleich mit zwei Wochen. Irene zahlt, was auch besser so ist, denn leisten könnte Ethan sich die knapp 2.500 Dollar für den Flug auf eigene Rechnung eher schwer.

Sie treffen sich in Chicago, dem ersten Umsteigeflughafen. Irene hat noch weitere Unterstützung rekrutiert, einen kräftigen Mann in den Vierzigern, den sie als Gideon vorstellt. Der Bursche wirkt sympathisch und aufgeschlossen und redet gern. Soll Ethan recht sein, solange der Typ nicht Ähnliches von Ethan erwartet. Mit einer Boeing 737 geht es nach Anchorage, dann am nächsten Morgen mit einer weiteren 737 in einen Ort mit dem malerischen Namen Kotzebue. Von dort aus bringt sie eine Cessna 208, einmotorig, Turboprop, schließlich an ihr eigentliches Ziel. Point Hope, Alaska. Knapp 700 Menschen in einer Stadt, die aus der Luft gesehen mit ihren langgestreckten Häusern in Flachbauweise auf dem sandigen Boden selbst wie ein einziges Flughafengelände wirkt. Ein Café gibt es aber. Oder zumindest ein Native Arts and Crafts Center, an das auch ein kleines Café angeschlossen ist. Und es gibt einen einen General Store, einen Hardware Store und eine Tankstelle. Und ein Motel; alles andere wäre auch unschön. Die Tankstelle hat einen geländegängigen Mietwagen für sie, der Hardware Store Waffen und eine Landkarte. Da fühlt Ethan sich doch gleich besser.

Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung scheint aus Ureinwohnern zu bestehen – die Namen „Inupiat“ und „Tikigaq“ sind des öfteren zu lesen, aber ganz so klar ist Ethan nicht, ob eines davon der Stamm ist und das andere das Volk oder der Ort oder so; Barry könnte ihm sicher mehr sagen –, da fällt der junge Weiße im Café auf wie der sprichwörtliche bunte Hund. Oder eben wie die drei Neuankömmlinge selbst.
Kaum, dass er sie sieht, kommt der Junge auf sie zu: Stellt sich als Lyle vor, und ob sie ihn vielleicht mitnehmen könnten ins Hinterland. Mehr als freimütig erzählt er von sich: Erlebnisse, die Ethan nahegehen, aber ihn nicht wirklich überraschen. Vom Aufwachsen in einer fanatisch religiösen Sekte, den „Weisen von Endor“, von regelmäßiger Besessenheit im Namen des Herrn, von blutjung verheirateten Mädchen, bis das FBI dem Treiben ein Ende setzte. Und zwar nicht irgendwer vom FBI – es fällt der Name Saitou. Na ganz spitzenmäßig. Bart Blackwood war bei der Operation Sektenauflösung aber offenbar auch mit von der Partie, wie der Junge berichtet. Stimmt. In Dana Point kannten die beiden sich schon. Und auch Sam Blackwood scheint Lyle vor einer Weile über den Weg gelaufen zu sein. Sieh an. Geholfen habe sie ihm, er ihr aber auch ein bisschen. Die Welt ist eben doch ein Dorf.

Lyle ist jedenfalls hier in Alaska, weil er sich Sorgen um eine Freundin macht, ein Mädchen aus seiner ehemaligen Sekte. Die sei so der Typ, der Halt suche, habe sich auch den Weisen nie widersetzt, weil sie überzeugt davon war, den Willen des Herrn zu tun, egal, wie unangenehm dieser Wille auch war. Und jetzt sei sie anscheinend hier oben in eine neue Sekte geraten, die „Kinder des Ouroboros“, oder wie die Leute sich nennen.

„Ouroboros“, wie? Das Wort lässt es bei Ethan vage klingeln. Irgendwas mit Schlange. Irene weiß mehr. Ouroboros ist die mythische Schlange der Antike, die sich in den Schwanz beißt, eine kreisförmige Gestalt der Vollkommenheit. Schlange klingt jedenfalls verdammt nach der Riesenschlange, die hier oben gesehen worden sein soll. Zufall? Wohl kaum.

Also packen sie den jungen Lyle kurzerhand ein, als sie Richtung Ölförderfeld aufbrechen. Oder besser, als sie aufbrechen, Punkt, denn zuerst wollen sie zu der Sekte, lautet der allgemeine Beschluss. Ethan fährt, wie so oft, und die endlose Weite hat etwas beinahe Hypnotisierendes. Irgendwo hinter zwischen Anchorage und Kotzebue haben sie nämlich die dunklen Wälder aus Ethans Vorstellung von Alaska hinter sich gelassen. Hier oben herrscht Tundra. Mehr Tundra. Und Tundra. Flach und beigegrün-ockerfarben, soweit das Auge reicht, mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Überhaupt liegt hier an ziemlich vielen Stellen noch Schnee, wo die Sonne nicht gut hinkommt. Und kalt ist es. Richtig kalt.

Es ist eine Fahrt von etlichen Stunden, bis sie an dem Gelände der Sekte ankommen. Das Land ist umzäunt, ein in Zivil gekleideter Wächter an der Einfahrt. Auch als Lyle nach seiner Freundin Dinah fragt, bleibt das Tor erst einmal geschlossen. Aber der Wächter holt das Mädchen ans Tor – zusammen mit einer Frau in den Dreißigern, die sich als Abigail vorstellt. Diese Dinah freut sich riesig, Lyle zu sehen, auch wenn sie ihn als Adonijah begrüßt und er ihr erst erklären muss, dass er sich jetzt Lyle nennt. Auch interessant. Aber jedenfalls sieht das Mädel nicht so aus, als sei sie gezwungenermaßen und gegen ihren Willen hier, sondern sie wirkt ganz zufrieden so auf den ersten Blick.

Von Abigail kommt die Einladung, sich doch einmal umzusehen und zum Essen zu bleiben nach der langen Fahrt aus Point Hope. Na wenn sie meint. Trotz ihrer Freundlichkeit bleibt Ethan etwas misstrauisch und schiebt sein Essen, das sie in einem großen Gemeinschaftsraum vorgesetzt bekommen, mehr auf seinem Teller herum, als dass er etwas davon zu sich nimmt.

Die Anführerin erzählt relativ offen von ihrer Gemeinschaft, nachdem Lyle zugegeben hat, dass er sich um Dinah Sorgen gemacht hat und sehen will, wie es ihr geht. Dass die Gruppe vor über 200 Jahren von Karibujägern gegründet wurde. Dass die Gemeinschaft an eine Verbindung mit der Erde glaubt und dass die Menschen nach ihrem Tod in einer anderen Form weiter existieren können.

Interessant ist, dass die Anhänger der Gemeinschaft – es sind nicht viele, vielleicht zehn oder zwölf oder so – alle sehr gesund aussehen. Behauptet jedenfalls Gideon, und der ist Rettungssanitäter, der muss es wissen. Dass sie alle jung und fit aussehen, hat auch Ethan bemerkt: keiner älter als Mitte Dreißig, und das, obwohl Abigail von sich sagt, sie sei vierundfünfzig. Ethan ist auch aufgefallen, dass die Leute richtig gut aufeinander eingespielt sind. So reicht einer von ihnen einfach etwas nach hinten, ohne hinzusehen, weil in dem Moment gerade jemand vorbeigeht, der ihm das abnimmt. Blindes Verständnis, wie in einer Top-Sportmannschaft. Zu mögen, wie in einer großen Familie, scheinen sie sich auch. Was Ethan aber nicht bemerkt hat, ist die Hautkrankheit, die manche der Leute zu haben scheinen. Da sieht es so aus, als würde die Haut sich schälen, und darunter kommt neue, rosig aussehende Haut zum Vorschein. Gideon, dem die Flecken sehr wohl aufgefallen sind, spricht Abigail unumwunden darauf an, woraufhin die Anführerin das Phänomen mit „Mangelernährung“ zu erklären versucht. Das nimmt der Sanitäter ihr aber nicht ab, das ist ihm deutlich anzumerken. Hmmm. Sich ständig erneuernde Haut könnte aber erklären, oder zumindest ein Hinweis darauf sein, warum die Leute so jung bleiben.

Auf Gideons offene Zweifel hin zeigt Abigail sich bereit, die Fragen der Besucher zu beantworten, besteht aber darauf, dass einige höhere Mysterien nur den Eingeweihten offen stünden und sie darüber nicht sprechen könne. Na gut. Besser als nichts.

Irene führt die Fragerunde an. Zuerst will die Britin wissen, wie die Gruppe auf ihren Namen gekommen sei. Ouroboros sei der Name der Schlange, die keinen Anfang und kein Ende habe, führt das Oberhaupt der Sekte aus. Darin spiegele sich der Glaube der Gemeinschaft wider: dass auch die Menschen niemals aufhören nämlich.

„Eine schöne Vorstellung“, befindet Gideon. Aber Abigail widerspricht. Für sie ist es nicht einfach nur eine Vorstellung, sondern eine Tatsache, an die sie fest glaubt. Sofort entschuldigt sich der Sanitäter: Er habe nicht respektlos sein wollen. Die Anführerin winkt ab. Sie habe selbst nicht so viel Erfahrung darin, anderen Leuten ihre Überzeugungen zu erklären, weil die Gemeinschaft wenig Kontakte nach draußen habe.
„Wohl nur zu den Ölleuten?“ hakt Gideon sofort nach. Aber da schüttelt Abigail heftig, beinahe angewidert, den Kopf. „Mit denen wollen wir nichts zu tun haben!“

Die Gruppe habe Proteste gegen die Erdölförderung organisiert, erzählt die Frau dann weiter, weil die Firma mit dem Fracking Mutter Erde vergifte. „Aber wenn der Mammon ruft, hört ja keiner auf etwas anderes.“
Ja, von den Angriffen auf dem Werksgelände habe sie gehört. Bären. Mutter Erde wehre sich eben, aber es helfe leider nicht viel.
Irgendwas flackert in Abigails Augen, als sie das sagt. Irgendwas verschweigt sie. Aber da sie sich vermutlich nur auf die „höheren Mysterien“ herausreden würde, wenn man sie rundheraus darauf anspräche, bringen die anderen das Gespräch lieber noch etwas auf die Sekte selbst. Wie das mit Neuzugängen sei, fragt Gideon. Gelegentlich nähmen sie schon verlorene Seelen auf, erwidert Abigail, aber die müssten erst eine Probezeit durchlaufen – eine durchaus längere, wie es klingt – ehe sie wirklich aufgenommen würden, denn potentielle Bewerber müssten sich wirklich vollkommen sicher sein, dass es das sei, was sie wollten.
Wie es denn sei, wenn später jemand beschließe, dass er doch nicht bleiben wolle, will Irene gleich wissen. Das komme eigentlich nicht vor, weicht Abigail aus. Was sofort die Vermutung nahelegt, dass man irgendwelche Leute, die weg wollen, eben doch daran hindert. Oder dass es eben irgendwann einfach gar nicht mehr geht.
Die Tatsache, dass einer der Sektenangehörigen bei Abigails Worten ein mehr als unglückliches Gesicht zieht, scheint jedenfalls auf sowas in der Art hinzudeuten.

Lyle redet noch ein bisschen mit Dinah und lässt sich von der erzählen, wie es ihr ergangen ist. Sie hat Abigail in Anchorage getroffen und sich der Frau und ihrer Gemeinschaft gleich verbunden gefühlt. Lyle fragt nach Geistern und Dämonen, aber von denen hat sie nicht mehr viel bemerkt. Ein anderer Junge aus der Sekte, ein gewisser Matthias, sei aber vor kurzem gestorben, das habe sie sogar hier draußen erfahren. So tragisch. Lyle nickt, wenig überrascht, und meint, dem sei vermutlich etwas gefolgt. Irene und Gideon hingegen horchen beide auf, als sie den Namen „Matthias“ hören, und Irene will dessen Nachnamen wissen. Die Antwort „Hassalee“ lässt sie das Gesicht verziehen – offensichtlich hat die Britin genau diese Antwort erwartet.

Später, im Auto, erklärt sie, warum. Matthias Hassalee war der Name eines Jungen, der vor einigen Wochen in einem Therapiezentrum für Kinder durchgedreht ist und etliche Leute – Mitpatienten und Erwachsene – umgebracht hat. Es stellte sich dann heraus, dass Matthias von einem Dämon besessen war, den Irene und Gideon zusammen mit einigen anderen Jägern dann aber besiegen konnten. Warte. Vor einigen Wochen? Da hat doch Sam irgendwann abends ziemlich fertig bei ihm angerufen und etwas von einem Dämon erzählt. Das Telefonat, bei dem er kurz eine seltsam vertraute Stimme im Hintergrund gehört hat, die er nicht recht einordnen konnte. Ob das vielleicht das war? Kann er sie ja vielleicht irgendwann mal fragen. Oder Irene. Aber nicht jetzt. Die bespricht grad anderes.

Lyle ist jedenfalls immer noch nicht überrascht. Dann habe Matthias wohl etwas in das Therapiezentrum mitgebracht. Nur gut, dass er nicht zusammen mit Dinah hierher nach Alaska gekommen sei, denn dann wäre das Ganze wohl schlimmer ausgegangen. Irene fragt Lyle, ob er Erfahrung mit Dämonen habe, die einen Dinge vergessen ließen, wenn sie von jemandem Besitz ergriffen, woraufhin Lyle sagt, daran könne er sich nicht erinnern.

Diese Wortwahl macht nun wiederum Ethan stutzig. Aber auf seine Frage antwortet Lyle, falls er besessen wäre, dann wüsste er das. Ethan schnaubt nur und beschließt, den Jungen im Auge zu behalten, und auch Irene scheint dessen Aussage nicht so wirklich zu beruhigen. Andererseits, stimmt schon. Lyle wirkt nicht sonderlich besessen. Aber Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Über die Sekte sprechen sie im Auto natürlich auch. Sie alle sind sich mehr oder weniger einig, dass die Kinder von Ouroboros nicht altern. Dass diese ewige Jugend aber einen Preis hat, weil man nämlich nicht mehr von hier weg kann. Weil außerhalb eines bestimmten Bereiches ihr echtes Alter die Leute einholen würde, vermutet Ethan. Weil sie sich an das Land gebunden haben und physisch gar nicht mehr in der Lage sind, es zu verlassen, theoretisiert Irene. So oder so ist hier jedenfalls irgendwas unnatürlich, das steht mal fest.

Beim Verlassen des Sektengeländes war im Vorbeifahren irgendwo zur Seite in einem kleinen Hügel der mit einem Gitter versperrte Eingang zu einer Erdhöhle zu sehen. Aber diese Information speichert Ethan vorläufig nur für eventuelle spätere Verwendung ab. Jetzt geht es erst einmal zu dem Ölfördergelände.

Das Ölfördergelände hat einen Zaun. Einen neuen Zaun. Aber so lange ist die Operation hier ja auch noch gar nicht am am Laufen, wenn Ethan das richtig verstanden hat. Seit ein paar Monaten erst. Sie sind gerade aus dem Mietwagen gestiegen und gehen auf das Gelände zu, da zerreißt eine laute Explosion die Stille Alaskas. Gleich darauf folgt ein Erdbeben. Ein kleines. Und unmittelbar danach noch eines. Ein großes. Ethan runzelt die Stirn. Nach allem, was er über Fracking weiß, war das kleine Erdbeben normal für diese Art der Ölförderung. Das große aber nicht.

Am Tor werden sie aufgehalten. Natürlich. Ein Vorarbeiter kommt, will die vermeintlichen Journalisten abwimmeln. Aber Irene verkündet selbstsicher, sie wären keine Journalisten. Sie wären im Auftrag der Unternehmensleitung hier und sollten diese Geschichte mit der Riesenschlange untersuchen. Und zwar wolle sie selbst sich ganz auf die Schlangensache konzentrieren; mit irgendwelchen Ingenieursdingen brauche der Mann ihr gar nicht erst zu kommen, dafür sei Ethan zuständig, ihr Techniker. Lyle, der Irene vorher gefragt hat, als was er sich denn bittesehr ausgeben solle, und der über Irenes Antwort sehr erleichtert war, weil er sagte, das bekomme er hin, ist ein Medium. Gideon ist der Mediziner, der sich die Verletzungen der Betroffenen ansehen soll. Der Vorarbeiter scheint ihr die Geschichte noch gerade so abzunehmen, aber völlig überzeugt sieht er nicht aus. Trotzdem bittet er die Gruppe auf das Werksgelände und bringt sie zu einer geheizten Bürobaracke.

Selbst hat Vormann Lawson die ganzen Angriffe nur aus zweiter Hand mitbekommen, aber er wird Dwayne holen, sagt er, der die Riesenschlange gesehen haben will. „Macht euch solange ’n Kaffee“, lädt er im Gehen die Besucher mit einem Nicken zu einer sichtlich vielbenutzten Kaffeemaschine ein, und das ist eine Aufforderung, die Ethan nicht zweimal hören muss.
Als Lawson mit einem Ölarbeiter mittleren Alters wiederkommt, haben alle vier einen Kaffeebecher in der Hand.

Dwayne druckst erst ein bisschen herum, gerade angesichts der elegant gekleideten Blondine ihm gegenüber, aber er erzählt dann doch, dass er tatsächlich etwas gesehen hat, das wie eine Riesenschlange aussah. Das war Richtung Südwesten, allerdings gegen Abend, als es schon ziemlich dunkel wurde, und nur ein einziges Mal.

Sein Vorarbeiter kann mit diesem ganzen Unsinn nichts anfangen. Wenn die Männer nicht so viel saufen würden, befindet er, dann würden sie auch keinen spinnerten Kram sehen. Aber Erdbeben gibt es hier immer wieder, bestätigt er auf Ethans Frage hin. Sowohl die kleinen, die ja für Fracking ganz normal seien, als auch die großen, die wohl am Boden hier liegen müssen. Bei ersterer Bemerkung hatte Ethan noch genickt, aber bei der zweiten Behauptung, der mit dem Boden, schüttelt er heftig den Kopf. Okay, sicher kann er nicht sein, aber nicht nach dem, was er bisher so darüber gehört hat. Und da war letztes Jahr irgendwann diese ziemlich ausführliche Reportage über Fracking auf dem Discovery Channel.

Die Leute von den Kindern von Ouroboros – „diese Hippie-Spinner“ – kennt Lawson natürlich. Die haben in den paar Monaten, seit hier Öl gefördert wird, jede Menge Ärger gemacht. Proteste vor dem Gelände und Sabotage darin. Es sind zahlreiche Maschinen zerstört worden, eine sehr teure und zeitaufwendige Sache.
Der Zaun hilft jedenfalls nicht viel. Gegen die Bären schon mehr oder weniger, aber gegen die Zerstörung der Maschinen eindeutig nicht. Irgendwie haben die Spinner sich Zutritt zum Gelände verschafft, um die Geräte sabotieren zu können, aber kaputt war der Zaun hinterher auch nicht. Der letzte Vorfall war vor vier Tagen, ein Angriff durch Bären. Ein Arbeiter ist dabei umgekommen, drei seiner Kollegen wurden verletzt.

Mit einem der drei Verletzten können, dürfen sie reden, weil der nicht so schwer verwundet war, dass er ins Krankenhaus hätte geflogen werden müssen. Morgan heißt der Mann, und er erzählt, dass das Ding, das ihn angegriffen hat, nicht wie ein Bär aussah. So überhaupt gar nicht. Gideon lässt sich seine Verletzungen zeigen, und tatsächlich sehen die halb verheilten Wunden eher so aus, als hätte jemand einen übergroßen Blutegel bei ihm angesetzt. Oder mehrere.

Bis nach Point Hope zurück sind es etliche Stunden Fahrt. Und die Tage mögen jetzt im April zwar schon richtig lang sein, aber das heißt nicht, dass sie sich sämtliche hellen Stunden im Auto um die Ohren schlagen sollten. Also fragen sie nach einer Unterkunft für die Nacht direkt hier vor Ort. Aber das wird schwierig. Die Förderoperation ist kein Hotel. Und außer Irene gibt es keine einzige Frau vor Ort. Lawson ist erst so gar nicht geneigt, sie bleiben zu lassen, immerhin hätten die Leute hier mit den Angriffen und dem Wachdienst und allem genug zu tun, als sich auch noch um Besucher zu kümmern. Aber als Lyle und Ethan dann beide auf genau diese Sorge anspringen und anbieten, den Leuten vor Ort einen Teil des Wachdienstes abzunehmen und über Nacht selbst auf dem Gelände Patrouille zu laufen, damit die Arbeiter mal wieder eine Nacht lang ungestört durchschlafen können, bekommen sie den Vormann doch überredet. Sie könnten zwei Stockbetten in einer der Schlafbaracken haben. Einzelzimmer gibt es leider nicht, brummt Lawson ruppig, das hier ist kein Hotel. Ja. Das sagte er schon. „Das ist schon in Ordnung“, flötet Irene besänftigend, und sie stört sich auch nicht daran, dass ihr die Blicke und die Pfiffe der versammelten Besatzung hinterherfliegen, als sie zu der Baracke gehen.

Auf dem Weg zu ihrer Unterkunft bemerkt Irene eine Art Maulwurfshügel, aus dem das Biest vielleicht gekommen sein könnte. Bei näherer Untersuchung des Aufwurfs entdeckt Lyle einen langen Zahn und einen Hautfetzen, der außen dunkelbraun ist und innen rosig. Sehr rosig. Ungefähr so rosig wie die Flecken bei den Sektenanhängern. Das kann doch kein Zufall sein.

Während Irene ihren Ex-Mann anruft, geht Ethan genauer das Gelände absuchen. Er findet einige dieser Erdkreise, und alle an Stellen, wo den Berichten nach entweder Arbeiter angegriffen oder Maschinen zerstört wurden. Zwar keine Hautfetzen oder Zähne mehr, aber die Kreise reichen ihm fast schon.

Als er zu den anderen zurückkommt, sind Irene und Gideon gerade in einer kleinen Diskussion begriffen. Gideon scheint den Wurm für sich zu wollen, sobald sie ihn erlegt haben, damit er ihn untersuchen kann. Die Britin aber beansprucht die Beute für sich selbst und will dem Sanitäter nur Proben davon zugestehen. Das gefällt dem großen Mann gar nicht. Was denn mit der Wissenschaft sei, will er in beinahe heiligem Eifer wissen. Sowas gehöre in ein Archiv! Ein Archiv habe ihre Familie, hält Irene ihm entgegen: ein sehr altes und sehr großes. Das dürfe er sich gerne einmal ansehen, wenn er wolle. Gideon sei herzlich nach England eingeladen.

Wobei. Wenn man sich diesen Hautfetzen so betrachtet, dann es sieht fast danach aus, als könnten sich die Kinder Ouroboros in diese Dinger verwandeln. Blutegel. Würmer. Wie man sie nennen will. So oder so, wenn hier Sektenanhänger in anderer Gestalt das Werksgelände angreifen, um ihrem Protest Nachdruck zu verleihen, dann können sie die nicht so einfach jagen. Das sind dann immer noch Menschen. Also gut. Dann müssen sie eben vorsichtig vorgehen heute nacht.

Nach etwas Herumdiskutieren steht der Plan. Es passt Ethan gar nicht in den Kram, aber diesmal kann nicht er selbst den Lockvogel geben. Lyle wird das tun. Ethan protestiert heftig gegen diese Idee, aber die anderen haben recht. Er ist einfach der beste Schütze mit dem Gewehr. Aber zuerst bastelt er eine Falle zusammen, die dem Biest einen heftigen, wenn auch nicht tödlichen Stromschlag verpassen soll, der es hoffentlich außer Gefecht setzt oder zumindest so sehr behindert, dass sie mit ihm fertig werden können. Lyle soll den Wurm dann in Richtung der Falle lotsen. Dass Irene noch von sich gibt, sie habe in 30 Jahren Köder-Spielen nur eine einzige Narbe davongetragen, macht die Sache nicht besser.

Bis sie die Falle aufgebaut haben, ist es dunkel geworden. Der Sonnenuntergang war traumhaft schön, und Ethan hat es sich nicht nehmen lassen, seine Arbeit kurz zu unterbrechen und ein Foto davon zu machen. Kein sonderlich gutes, er ist kein begnadeter Fotograf, und die eingebaute Handykamera ist da auch keine Hilfe, aber immerhin. Jetzt zieht ein Nordlicht über den Himmel, majestätisch grün und mit rötlichem Schimmer. Ein echtes Nordlicht hat Ethan vorher noch nie gesehen, aber er kennt Bilder, und so ist er zwar nicht gänzlich überwältigt, aber doch sehr beeindruckt von dem Naturschauspiel. Lyle hingegen hat keinerlei Ahnung, was er da sieht. Er murmelt etwas von „übernatürlich“ und „Teufelswerk“, und Ethans Erklärungsversuche, das sei ein völlig normales Phänomen, glaubt er nicht so recht. Vor allem nicht, dass Leute Geld dafür zahlen. „Was, damit das Licht kommt???“ „Nein, um das Licht zu sehen“, springt Irene Ethan beiseite, und das scheint Lyle dann doch zumindest einigermaßen zu beruhigen.

Hätte Ethan allerdings gewusst, wie stark Lyle sich auch dann noch von dem Anblick des Nordlichts ablenken lässt, wäre er vermutlich doch nicht auf das Dach des Lagerhauses in der Nähe der Elektrofalle geklettert, sondern hätte darauf bestanden, selbst den Köder zu geben, Schießkünste hin oder her. Denn das junge Ex-Sektenmitglied sieht ständig wieder zum Nachthimmel hinauf, völlig fasziniert von dem Schauspiel, das sich dort bietet, und so bemerkt er nicht, dass neben ihm die Erde zu vibrieren beginnt, ein menschengroßer Wurm herausgeschossen kommt und den Jungen in die Seite beißt.

Das in Point Hope gekaufte Gewehr ist nicht Ethans Savage. Es verhält sich ein klein wenig anders, als er das gewohnt ist. Außerdem hat er die ganze Zeit im Hinterkopf, dass der Wurm, mit dem Lyle da ringt, ein verwandelter Mensch sein könnte. Also geht seine Kugel knapp fehl, aber zusammen mit Irenes Schuss und Gideons Angriff auf das Viech bekommen sie es in Richtung Falle getrieben, wo der elektrische Schlag das Biest ausknockt.

Während Gideon sich um den verletzten Lyle kümmert, wickeln Irene und Ethan den Wurm irgendwie mit Abdeckplanen und Seilen ein, damit er sich nicht sofort befreien kann, wenn er aufwacht, und damit die Leute vom Werksgelände ihn nicht zu sehen bekommen. Mitten in der Arbeit vibriert Irenes Handy. Es ist ihr Ex-Mann Charles, der etwas von einem Mönch berichtet, der Stoffe niedergeschrieben habe, mit denen man solchen Würmern schaden könne. Und wie der Zufall es will, werden einige dieser Stoffe beim Fracking verwendet. Wäre doch möglich, dass die in den Boden geleiteten Chemikalien die Würmer aggressiv gemacht haben.
Okay. Bei der Sekte wollten sie zwar nicht darüber reden, aber dass die was wissen, ist mehr als klar. Die sollte man vielleicht genau jetzt mit dem gefangenen Wurm konfrontieren. Also schleppen sie das bewusstlose Vieh irgendwie gemeinsam zum Auto und verzurren es, so gut es geht, auf der Ladefläche.

Die Kinder von Ouroboros wissen schon, dass irgendwas im Busch ist. Nacht hin, Nacht her, als der Mietwagen vor dem Tor des Sektengeländes anhält, stehen die Mitglieder alle schon da und warten nervös. Und sie wissen auch schon, dass die Jäger den Wurm mitbringen: ob sie Franklin jetzt wiederhaben dürften, fragt Abigail. Wenn sie endlich erzählt, was hier los ist, dann schon.

Während einige ihrer Leute den bewusstlosen Franklin wegtragen, führt Abigail die Jäger also in den Gemeinschaftsraum und fängt endlich an, auszupacken. Hier in der Gegend lebt tief in der Erde die Große Mutter Wurm, und wenn man von ihrem Fleisch isst, beginnt langsam die Verwandlung. Man altert nicht mehr, man bleibt auch sehr lange jung, aber irgendwann wird man dann zu einem dieser menschengroßen Würmer. Wenn man einmal von der Mutter gegessen hat, ist die Verwandlung unumkehrbar – das ist auch genau der Grund, warum eventuelle neue Mitglieder so lange warten müssen, bis sie sich wirklich anschließen dürfen. Es ist eine lebensverändernde Entscheidung, und die Leute sollen wirklich ganz, ganz sicher sein, ob sie tatsächlich den Rest ihrer Existenz als riesiger Regenwurm verbringen wollen. Je näher man dem Moment der endgültigen Verwandlung kommt, umso mehr schmerzt es auch, sich aus dem Einflussbereich der Mutter Wurm zu entfernen. Abigail selbst kann noch für eine ganze Weile fort, wie zum Beispiel, als sie in Anchorage auf Dinah traf, aber auch für sie wird es nach einiger Zeit bereits unangenehm. Andere, die der Verwandlung näher sind, können kaum mehr weg, ohne dass es anfängt, höllisch wehzutun.
Bei diesen Worten verzieht der junge Mann, der bereits bei ihrem ersten Besuch die unglückliche Miene gemacht hatte, wieder das Gesicht. Offenbar gibt es zumindest ein Kind von Ouroboros, das es bereut, diese Entscheidung getroffen zu haben.

Dass die verwandelten Mitglieder in ihrer Wurmform von den beim Fracking verwendeten Chemikalien so aggressiv gemacht werden, das wussten die noch menschlichen Angehörigen dank ihrer telepathischen Verbindung untereinander, die auch mit der Verwandlung nicht endet. Sie wussten nur nicht genau, was sie tun konnten, außer Demonstrationen und Proteste vor dem Werksgelände abzuhalten – dass sie damit aber das Fracking nicht würden unterbinden können, war ihnen eigentlich schon von vornherein klar.
Irene und Gideon machen sich dafür stark, dass doch am besten die ganze Gemeinschaft, samt Würmern, hier wegziehen und sich einen ungestörten Ort zum Leben suchen soll. Denn die Firma wird ihre Förderaktivitäten ja mit Sicherheit nicht beenden, und die nächsten Jäger, die in die Gegend kommen, weil sie die Gerüchte von der Riesenschlange gehört haben, sind vielleicht nicht so rücksichtsvoll. Man könnte doch zum Beispiel herausfinden, schlägt Gideon noch vor, wo die diversen Ölfirmen schon Probebohrungen durchgeführt haben und wieder abgezogen sind, weil es dort keinerlei Erdöl zu finden gab. An einem solchen Ort hätte die Gemeinschaft ihre Ruhe.
Abigail gefällt der Vorschlag, auch wenn er nicht gerade leicht umzusetzen sein wird und sie nicht sagen kann, ob sie die Große Mutter Wurm überhaupt zu einem Umzug werden bewegen können. Zu einer so konkreten Verständigung mussten sie ihre telepathische Verbindung mit dem Riesenwurm noch nie einsetzen.

Dank ihrer telepathischen Verbindung untereinander wissen die Kinder Ouroboros übrigens auch, dass sie in der Wurmform zwar nicht mehr dieselbe menschliche Intelligenz haben wie früher, aber doch nicht unglücklich sind – es ist eine einfache, zufriedene Existenz, eins mit der Mutter zu sein, sagt Abigail schlicht. Bitte. Wenn sie meint. Lyle redet jedenfalls nochmal mit Dinah und fragt sie, ob sie wirklich irgendwann zu einem Wurm werden will, aber es scheint tatsächlich, als wolle das Mädchen das durchziehen. Na gut, noch hat sie ja Zeit, es sich anders zu überlegen. Aber Lyle hat vermutlich recht, wenn er sagt, dass Dinah irgendwas braucht, um sich daran festzuhalten, und dass sie es, was schräge Sekten angeht, wahrhaftig schlechter treffen könnte als hier, wenn es wirklich das ist, was sie will. Ethan schüttelt sich etwas bei dem Gedanken, aber bitte. Wenn es ihr Weg ist, soll sie. Seiner wäre es im Leben nicht.

Seines eigenen Widerwillens wegen schüttelt Ethan auch erst ein wenig ungläubig den Kopf, als Abigail sie darum bittet, das, was sie hier erfahren haben, strikt geheim zu halten. Also, geheimgehalten hätte Ethan es wohl ohnehin auch ganz ohne diese Bitte, aber Abigail fährt fort, dass sie anderenfalls Angst hätte, es würden Leute herkommen, die Mutter Wurm töten wollten, um hinter das Geheimnis der ewigen Jugend zu kommen. Wie gesagt: Wenn ewige Jugend zum Preis hat, dass man hinterher als Regenwurm den Boden kompostiert, dann will Ethan sie gar nicht erst haben, und er kann sich nicht vorstellen, dass es so viele Leute gibt, die das tun. Aber andererseits hat Abigail vermutlich nicht unrecht: Allein die Aussicht auf die Möglichkeit, mit Hilfe von wissenschaftlichen Experimenten an Mutter Wurm die Sache mit der Jugend zu nutzen, aber die Sache mit der Wurmwerdung unterbinden zu können, dürfte eine Menge Leute hellhörig machen, wenn das je herauskäme. Also Stillschweigen bewahren. Glaubst du aber.

Gideon, der Wissenschaftsversessene, bittet dann noch darum, einen Sektenangehörigen im Verwandlungsstadium treffen zu dürfen. Abigail warnt ihn, das sei alles andere als ein schöner Anblick, aber der Sanitäter geht sich das trotzdem ansehen. Er muss das wohl auch tatsächlich ziemlich interessant gefunden haben, denn er bringt ein halbes Notizbuch voller Aufzeichnungen mit und erzählt auf der Rückfahrt am nächsten Tag eingehend davon, was er gesehen hat. Klingt ziemlich eklig, wenn Ethan ehrlich ist. Irene beschließt jedenfalls, Mutter Wurm doch nicht als Trophäe jagen zu wollen, und überlässt Gideon den auf dem Werksgelände gefundenen Hautfetzen und den Wurmzahn. Vielleicht hat er ja irgendwann die Möglichkeit, die beiden Dinge doch ein wenig näher zu untersuchen, auch was diese Sache mit der Jugend angeht. Aber unauffällig, bitte.

Zurück in Point Hope setzen sie sich noch eine Weile im Tikigaq Native Arts and Crafts Café zusammen und wärmen sich auf. Gideon hakt nochmal bei Irene nach, weil die ja auf dem Werksgelände meinte, ihre Familie habe ein ganzes Archiv über das Übernatürliche. Das sei korrekt, bekräftigt sie, und die Einladung stehe, falls Gideon mal nach England kommen wolle.
Über das Archiv und dessen Bedeutung für den eher langweiligen, bücherwürmerischen Teil der Familie, sprich die Blackwoods, landet das Gespräch bei ihren gemeinsamen Bekannten. Denn Bart Blackwood fand Lyle ebenso wie den tapferen Agent Saitou alles andere als langweilig und bücherwürmerisch, als er ihm bei der Zerschlagung der Weisen von Endor begegnete, und Irene muss ein wenig widerstrebend zugeben, dass sie schon erlebt hat, wie Bart bereit war, sich die Hände schmutzig zu machen.
„Sam auch“, wirft Ethan, der bis dahin wortlos – nur mit einer leichten Grimasse, als der Name Saitou fiel – zugehört hat, nun ein. Denn die passt seiner Meinung nach genauso wenig in das Bild, das Irene eben gezeichnet hat.
„Sam ist ja auch eine Hooper-Winslow“, erwidert Irene prompt.
Ethan blinzelt. Macht den Mund auf. Schließt ihn wieder. Blinzelt nochmal. „Was?“ fragt er dann stupide.
„Sam ist eine Hopper-Winslow“, wiederholt Irene geduldig. „Das habe ich aber auch selbst erst vor kurzem herausgefunden.“
„Aber…“
Er unterbricht sich. Nichts Aber. Wo Ethan jetzt so darüber nachdenkt: Es stimmt. Sam hat nie selbst gesagt, dass sie Blackwood heiße. Sie hat damals am Roten Haus nur die Annahme nicht korrigiert. Verdammt. Warum? Eine Sekunde lang will er sich getroffen fühlen, dass sie ihm ihren Namen nicht anvertraut hat. Dass Irene das Geheimnis, denn ein solches war es ja offensichtlich, vor ihm herausgefunden hat. Und er dachte… Aber dann schüttelt er den Kopf, beinahe verärgert über seine Albernheit. Gar nichts dachte er. Ist doch ganz allein ihre Sache, wem sie ihren Namen nennt. Nur weil… Gah. Gibt kein ‚weil‘. Aber das Wissen, dass Sam eine Hooper-Winslow ist, erklärt so einiges, jetzt im Nachhinein. Ihre rätselhafte Bemerkung aus dieser seltsamen Mail, die sie vermutlich in leicht angetrunkenem Zustand schrieb. Ethan verzieht das Gesicht. Die Mail, auf die er nach seiner ersten unbeantworteten Reaktion noch mehrere Folgemails verfasste, aber alle wieder löschte – bis auf die letzte, wo er versehentlich stattdessen doch auf den „Senden“-Knopf gekommen sein muss. Was Sam natürlich garantiert nur noch viel mehr vor den Kopf gestoßen hat. Verdammt. Das ist mal richtig scheiße gelaufen, da im Januar. Aber was hatte sie damals noch geschrieben? „krieg nichts auf die reihe. wie sie immer sagten. NoHW. schön wärs.“
„NoHW. Schön wärs.“ Sams Familienzugehörigkeit scheint ein richtiges Problem für sie darzustellen, wenn er das richtig interpretiert. Verdammt.
Im Forum gibt es ja auch einen User namens „NoHW94“. Wegen der Erwähnung von „NoHW“ in der E-Mail hat er schon eine Weile gedacht, dass dieser User „NoHW94“ vielleicht Sam sein könnte. Die Vermutung hat sich wohl gerade nochmal ein Stück erhärtet.

„Wie’n?“ fragt er statt seines angefangenen Satzes, aber Irene hat offenbar keinerlei Lust, über das Thema zu reden. Die Erwähnung der Blackwoods macht ihr erkennbar schlechte Laune. Sie versucht, von dem Thema abzulenken, indem sie Ethan fragt, warum er bei der Erwähnung von Agent Saitou eigentlich so ein Gesicht gezogen hat. Und warum Saitou in Helena so schlecht auf ihn zu sprechen war. Ethan brummt etwas Unverständliches. „Was denn“, protestiert Irene, „das FBI auf unserer Seite zu haben, ist doch super!“ Ethan knurrt wieder, und dann erzählt er zögernd und mit einiger Mühe von den Hexen aus Dana Point. Dass für ihn das Töten der Vertrautentiere ein gangbarer Kompromiss gewesen sei, für Jon Saitou aber nicht. Dass der sich strikt geweigert habe, ohne Beweise etwas gegen die beiden Frauen zu unternehmen. Dass sie ihm also gesagt hätten, sie gingen Beweise suchen, stattdessen aber den Vertrautentieren, und damit den Hexen, den Garaus gemacht hätten. Irene seufzt mitfühlend, als Ethan fertig ist. „Der arme Jon.“ Der arme Jon?! Das war jetzt nicht das, was er von ihr hat hören wollen. Aber Irene spricht schon weiter. „Ich hätte es ganz genauso gemacht.“ Und das wiederum bringt der Engländerin einen dankbaren Blick von Ethan ein.

Gideon hat sich die ganze Hexengeschichte mit regloser Miene angehört. Keine Ahnung, was der jetzt denkt. Vermutlich hält er Ethan nach der Story für einen gewissenlosen Mistkerl. Naja. Nicht zu ändern. Lyle wirkt jedenfalls wie immer wenig überrascht. Dem gegenüber hat Ethan ein richtig schlechtes Gewissen, weil er zugelassen hat, dass der Junge den Köder für den Riesenwurm spielt, statt das selbst zu übernehmen, und Lyle dann auch noch verletzt wurde bei der Aktion. Als der Junge sich dann also interessiert und neugierig zeigt, wie Ethan das mit der Elektrofalle genau gemacht hat, ertappt der sich dabei, wie er es tatsächlich genau erklärt und wiederholt, bis Lyle es kapiert hat. Dass Ethan dabei größtenteils vom wörtlichem Erklären abkommt und seine Hände das Reden für ihn übernehmen, als er die entsprechenden Griffe nachmacht, damit scheint Lyle ganz gut leben zu können.

Mit den anderen dreien zurückfliegen will der Junge aber nicht. Irene bietet es ihm wie völlig selbstverständlich an, aber Lyle erklärt, er käme schon irgendwie hier weg. Dass Gideon ihn mit einem fürsorglich-entsetzten „Was, ganz alleine? Es ist aber ganz schön gefährlich da draußen!“ davon abhalten will, hat dummerweise genau die entgegengesetzte Wirkung auf Lyles sture Entschlossenheit, alleine klarkommen zu wollen. Da hilft Ethans pragmatischer Hinweis, die Strecke sei aber verdammt weit, und auf dem Landweg würde es verdammt lang dauern, auch nicht mehr. Mist. Aber nicht zu ändern. Wie der Junge sagte. Wird schon klarkommen. Adressen und Nummern tauschen sie aber alle immerhin noch aus.

Und Irene setzt vom Café aus mit einem Telefonat schon mal einen ersten Hebel ihrer Familienbeziehungen in Gang, um für ein paar Wochen die Ölförderungsaktivitäten da draußen lahmzulegen. Dann haben die Kinder Ouroboros und die Würmer wenigstens eine kleine Atempause, in der sie sich in Ruhe einen neuen Ort zum Leben suchen können. Für die Ölarbeiter – und zum Teil auch für die Bevölkerung von Point Hope – bedeutet das natürlich jetzt erst mal ein paar Wochen Verdienstausfall und Scherereien, aber auch das ist jetzt eben nicht zu ändern. Dann wird in der Zeit aber wenigstens erstmal niemand mehr angegriffen.

In Anchorage, als sie wieder Handy-Empfang haben, schickt Ethan Sam eine kurze Nachricht. Nur ein par Wörter. „Alaska. Yay. Aber tolle Sonnenuntergänge.“ Und das Foto.

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Eingeordnet unter FATE, Pen & Paper, Supernatural

Eine Antwort zu “Supernatural – Alaska: Land der Raketenwürmer

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