Supernatural – Norwegian Woods

Vor einiger Zeit habe ich für unsere Supernatural-Runde mit wechselndem Spielleiter ein kleines Szenario geleitet. Das war sogar ein paar Wochen vor dem von Nocturama geleiteten Alaska-Abenteuer, aber ich komme erst jetzt dazu, Bad Horses Diary zu der Geschichte hier einzustellen. Wie gesagt: Von der Chronologie her liegt diese Episode zwischen der Sache mit dem Goldenen Vlies und der Sache in Alaska.

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Das Symposium in Winnipeg war nicht gerade ein Reinfall, aber so richtig gelohnt hat es sich auch nicht. Gut, für Ragnar Birkeland vielleicht, aber das war eigentlich nur ein Umweg.

Da ist es wieder, das Foreshadowing. Hatte ich lange nicht mehr. Aber ich will auch nicht jedes Mal mit „So, da war ich also…“ anfangen.

Beim Symposium ging es um Sprachforschung und Sprachwandel. War extrem interessant, aber leider haben kanadische Universitäten nicht viel mehr Geld für Geisteswissenschaften als US-amerikanische. Schade. Dafür habe ich ein paar interessante Leute kennengelernt und einen Vortrag über spannende Dialektströmungen gehört. Wäre vermutlich noch besser gelaufen, wenn ich nicht so nervös gewesen wäre – Tam ist im achten Monat, und ich weiß, dass es ihr gut geht, aber… verdammt, ich habe Katies Geburt verpasst, ich habe Petes Geburt verpasst. Ich will dabei sein, wenn die Kaulquappe auf die Welt kommt.

Eigentlich wollte ich gar nicht nach Kanada fahren, aber Tam meinte, sie wäre schon okay, die Kids wären okay, und ich würde eh nur deprimiert zu Hause herumhängen und nichts auf die Reihe bekommen, wenn ich nicht führe. Das war zwar übertrieben, aber nicht ganz unwahr, also machte ich mich auf den Weg. Kam wohlbehalten an, keine Panne, keine Unfälle, das Navi führte mich brav zum Tagungshotel. Auch da: Keine Monster, keine Besessenen und nur die üblichen Spinner. Ich entspannte mich.

Dann, auf dem Heimweg: Das Navi warnte mich mit wohltönender Stimme vor einem monströsen Stau auf dem Highway 29. „Bitte links halten“, erklärte sie mir mit professioneller Autorität. Also gut, ich fuhr links. Und dann fuhr ich geradeaus. Und geradeaus. Ich kam durch Michigan, North Dakota, und Lakota, North Dakota, und so langsam war ich ziemlich sicher, dass ich falsch war. Ich umfuhr Devils Lake, folgte meinem Orientierungssinn bis nach München, North Dakota, das nun wirklich vollends in der Wildnis lag, und beschloss, doch lieber wieder dem Navi zu folgen. Willow Stadt (was?), Maxbass, dann nach Norma und Bowbells. Nach Lostwood wollte ich nicht und fuhr rebellisch nach links.

Schließlich passierte es: Kurz nach Flaxton knirschte etwas unter der Motorhaube. Das war ja klar. Immerhin, „Columbus, ND – 9 Meilen“ stand auf dem Verkehrsschild. Das würde der orange Mietgolf schon schaffen. Schwach insistierte die Navistimme, ich möge bei der nächsten Möglichkeit wenden. Ich ignorierte sie.
Sechs Meilen vor Columbus gab der Motor ein gedämpftes Quietschen von sich, röchelte sanft und verstarb. Eine schwache Rauchfahne wehte aus der Motorhaube. Großartig.

Ich rief beim AAA an, erläuterte die Situation, hörte mir ein paar Entschuldigungen an und ließ mir versichern, dass „schon bald“ ein Abschleppwagen kommen würde. Der sollte mich irgendwo hinschleppen, wo es idealerweise andere Mietwagen gab. Das wäre beruhigend gewesen, wenn der freundliche Mitarbeiter mich nicht dreimal gefragt hätte, wo ich war, und mir nur vage Angaben machen konnte, wie lange es dauern würde, bis jemand kam. Ich bin übrigens sicher, dass der Abschleppwagen heute noch in Columbus, Ohio, herumirrt.

Da es im Auto merkwürdig roch, stieg ich aus und lehnte mich ans Heck des Mietgolfs. Griff mir meinen eReader und verbrachte ein bisschen Zeit mit Mrs. Atwood. Vielleicht kam ja jemand. Vielleicht kam ja jemand, der mich nicht erschießen wollte und der nicht panisch weiterfuhr. Klar, meine Rückreise war ja bisher so gut gelaufen.

Aber tatsächlich kam ein Auto: Ein silbergrauer Kastenwagen mit britischem Kennzeichen. Ich ließ mein Buch sinken. Das Auto kannte ich. Irene?
Sie war es tatsächlich. Gemischte Gefühle: Einerseits Freude, sie zu sehen, andererseits Anspannung. Die war doch nicht zufällig hier. Vermutlich suchte sie eine Trophäe oder so.

Ihr Auto hielt an, als sie mich erkannte. Ihr Blick blieb etwas länger als sonst an mir hängen. Kein Wunder: Ich kam vom Symposium, also Stoffhose, Rollkragenpulli, Sakko. Keine Cargohose, kein Funktionsshirt. Sie selbst sah gepflegt wie immer aus und wollte wissen, ob ich auch meinem Navi hinterher gefolgt wäre. Ja, sagte ich. Stau.
Sie auch. Vermutlich hatten wir das gleiche Navi. Sie zog eine Karte aus ihrem Wagen, studierte sie eine Weile und erklärte mir dann, laut dem Gerät wäre sie im Grasland. Ungefähr dreißig Meter neben der Straße.

Nachdem ich ihr von meiner Panne erzählt hatte, bot sie an, mich abzuschleppen. Nahm ich gerne an – auf den Abschleppwagen wartete ich schon seit über zwei Stunden, und es war ziemlich kalt. Also versuchten wir, die Abschleppstange zu befestigen. Leichter gesagt als getan: Wir wussten beide nicht, wie das geht, und mit einer linken Hand war ich keine große Hilfe. Immerhin fand ich heraus, dass Irene interessante Flüche kennt.
Schließlich hielt ein Wagen neben uns, ein alter Kombi. (Nein, ich kenne mich mit Autos nicht aus. Es ist immer die Pest, für meine Bücher irgendwelche Automarken recherchieren zu müssen… hm, vielleicht kann ich das nächste Mal einfach Ethan fragen, der weiß da sicher mehr als ich.) In dem Kombi saß eine freundliche junge Studentin mit langen Rastazöpfen, die ihre Hilfe anbot.

Sie hieß Natalie und war nicht von hier. Offensichtlich, ihr Auto hatte ein Kennzeichen aus Vermont. Sie machte gerade ein Urlaubssemester und fuhr in der Gegend herum. Wollte eine Freundin in Columbus besuchen, Connie. Wussten wir schon, dass Columbus nicht nach dem Seefahrer, sondern nach einem Postboten benannt war? Columbus Larson hatte zwei Orte gegründet, nämlich Columbus und Larson (fantasievoll). Wahrscheinlich, weil er als Postbote mal was zu tun haben wollte. Ach ja, und im Ort gäbe es am Samstag das jährliche Lefsefest – das sind norwegische Waffeln, und in Columbus wohnen fast nur Nachkommen von Norwegern. Scheinbar ist das Fest überregional bekannt. Aha.
Schließlich hatten wir es geschafft, die Stange festzuklemmen, und konnten endlich weiter. Ich ließ den Mietwagen bei On the Spot Truck Repair – Irene hatte angeboten, mich heimzufahren. Okay, das war ein langer Weg, aber offensichtlich war sie wirklich nur zufällig hier und nicht auf der Jagd. Das beruhigte mich ein bisschen.

Hielt nicht allzu lang, natürlich. Zusammen mit Natalie machten wir uns auf den Weg zu Tracy’s Café (die Group Therapy Lounge hatte nämlich noch geschlossen, und nein, ich denke mir diese Namen nicht gerade aus). War nicht viel los – die Besitzerin des Cafés war da, plus ein älteres Ehepaar und ein lebhafter Afroamerikaner, der sich mit den alten Leutchen unterhielt. Irgendwie kam er mir bekannt vor.

Als er Irene sah, lächelte er breit, verabschiedete sich von dem Ehepaar und kam auf sie zu. Die kannten sich, offenbar über ein Roadhouse. Er sei Gideon Barker, sagte er, und Irene hätte doch damals diese Pillen… Ach ja, gab sie zurück. Natürlich. Gideon.

Während die beiden sich begrüßten und Natalie vorstellten, fiel mir wieder ein, woher ich Gideon kannte. Vor zwei Jahren… Winter. Massachusetts. Eine illegale Müllhalde, und auf einmal dieser entartete Pumageist, der mich anfiel. Durch den Wald jagte. Gut, dass er Katze genug war, um zu spielen. Im Auto, ein paar Kräuter, meine Axt. Ein paar Worte, die mir einfielen, um den Geist zu reinigen. Er floh, verwundet, vielleicht geheilt, aber jedenfalls abgeschreckt. Ich saß im Auto, blutete aus tiefen Krallenhieben. Erschöpft, schwindelig.
Dann, plötzlich, ein Fremder. Hatte ihn nicht bemerkt. Kein gutes Zeichen. Seine Augen waren geweitet – er hatte den Geist gesehen. Aber er war nicht gerannt. Sanitäter. Der Instinkt zu helfen war stärker als die Angst. Er verband meine Wunden, wollte mich ins Krankenhaus bringen. Nein, sagte ich. Geht schon. Seine Hand war ruhig gewesen, als er meine Verletzungen versorgte, aber jetzt zitterte sie. Vielleicht war’s ja die Kälte.
Geh nach Hause, riet ich ihm. Vergiss das, wenn du kannst. Dann fuhr ich los. Ging mir nicht so gut, dass ich mit ihm diskutieren wollte. Habe seinen Namen nie erfahren.

Jetzt wusste ich ihn. Gideon Barker. Ich sagte ihm, dass ich ihn kenne. Er schaute fragend, aber nach einem Augenblick erkannte er mich. Meine kaputte Stimme ist schwer zu vergessen, hat man mir gesagt.
Er lächelte. Fragte, wie es mir ginge. Erzählte, er wäre hier, weil er sich für skandinavische Mythologie interessierte. Also hast du es nicht vergessen, meinte ich. Er zuckte die Schultern. Offenbar nicht.

Irene grinste. Wollte wissen, ob ich wirklich jemandem geraten hätte, sich rauszuhalten. Ich nickte knapp. Klar hatte ich ihm das geraten, aber ich war weder überrascht noch empört, dass er nicht auf mich gehört hat. Er schien nicht der Typ zu sein, der davonläuft.

Wir unterhielten uns. Natalie war dabei, wollte wissen, woher wir uns kannten. Irene und Gideon erklärten ihr, wir hätten ein gemeinsames Hobby. Großwildjagd. Bären und so. Ich denke nicht, dass sie das so recht glaubte. Gideon und Irene hatten sich offenbar viel zu erzählen, also fing ich ein Gespräch mit Natalie an. Sehr gut in Smalltalk war sie nicht, oder sie wollte einfach nicht viel über sich erzählen. Zumindest nicht mir. Ich fand nicht einmal heraus, was sie eigentlich studiert. Aber immerhin hatten die beiden anderen Zeit, sich etwas unbefangener auszutauschen.

Während sich Irene und Gideon über skandinavische Monster unterhielten, tauchte Natalies Freundin Connie auf. Sie sah etwas blass und abgespannt aus, meinte aber, mit ihr wäre alles okay. Nach kurzem Gespräch brachen sie und Natalie auf – offenbar wollte Connie allein mit ihrer Freundin sprechen. Als sie weg waren, meinte Gideon, das Mädchen wäre vermutlich schwanger.

Später erfuhr ich, worüber die beiden gesprochen hatten: Connie war in Sorge um ihren Freund, Ragnar Birkeland. Aller zwanzig Jahre starb wohl ein junger Mann aus dieser Familie am Lefsefest, jetzt waren zwanzig Jahre seit dem letzten Toten vergangen und Ragnar der einzige junge Birkeland… und sie war doch schwanger von ihm! Natalie schlug vor, doch mal Gideon anzusprechen, weil der sich mit der lokalen Mythologie beschäftigen würde – vielleicht konnte man ja etwas tun.

In der Zwischenzeit hatte ich von Gideon erfahren, dass die beiden alten Leutchen ihm zwar bereitwillig von Nissen, Trollen und Wasserfallgeistern erzählt hätten, aber dass es da auch etwas gab, über das sie nicht reden wollten. Da das Ehepaar das Café mittlerweile verlassen hatte, beschlossen wir, uns ein bisschen im Ort umzuschauen. Irene wollte heute ohnehin nicht weiterfahren und morgen das Lefsefest besuchen, also würden wir noch eine Weile hier sein.

Ich rief Tam an. Die meinte, ich solle mich entspannen. Sie würde bestimmt nicht platzen und wäre schon neugierig auf Irene. Hm. Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass Irene mich an irgendeiner Ecke in Stuttgart rauswerfen würde.

Also schauten wir uns Columbus an. Ein recht kurzes Vergnügen, der Ort ist einfach winzig. Immerhin gab es im Postgebäude/Rathaus eine Art Heimatmuseumsecke und einen enthusiastischen Menschen, der uns von Lefsen, Lutefisk und allerlei anderen norwegischen Spezialitäten erzählte. Die Geschichte des Orts begann mit Columbus Larson, wenn man dem Museum glaubt. Vorher hat da sicher niemand in der Gegend gewohnt. Zumindest keine Norweger.

Wir gingen wieder. Gideon redete noch ein bisschen über norwegische Monster und die Unterschiede zwischen norwegischen und schwedischen Trollen. Irene verzog das Gesicht. Entweder dachte sie neidvoll an Cousin Ian, der den letzten Troll Norwegens erlegt haben wollte, oder an die Strafpredigt, die ihr Ally wegen iHeretic gehalten hatte.

Nachdem wir uns ein Zimmer in Tracy’s Café genommen hatten, tauchte Natalie wieder auf. Die erwähnte etwas umständlich die Geschichte mit den Birkelands, die hier regelmäßig sterben. Wollte wohl erst mal sehen, wie wir reagieren. Na also, da war es doch: Ein Problem, mit dem wir uns beschäftigen konnten. Vermutlich besser, als einfach nur Lefse zu knabbern und echten norwegischen Fischtee zu trinken (nein, das hatten die da nicht. Mir ging das Nest nur auf die Nerven).
Jedenfalls rannten Gideon und Irene los, um mit den Leuten zu reden; Natalie recherchierte im Internet und ich beschloss, mir den Friedhof anzuschauen. Vielleicht war die Geschichte ja nur Blödsinn. Oder mich sprang eine Leiche an, die ich erschießen konnte.

Nach ein paar Stunden trafen wir uns wieder. Die Sache mit den Toten war kein Blödsinn: Aller neunzehn Jahre starb hier ein junger Birkeland – fiel einfach tot um, rannte sich den Schädel ein, erstickte an einer Fischgräte und so weiter. Der erste war Oystein Birkeland, der 1921 starb. Eine Weile vor seinem Tod hatte er sich mit Ketil Andresen um ein Mädchen gestritten, dann verschwand Ketil spurlos und Oystein heiratete. Sein Kind war noch nicht geboren, als er zu Tode kam.
Einer der Einheimischen hatte schon von Ian und dem Troll gehört. Der erzählte Irene, es könne sich vielleicht um einen Draugr handeln, einen norwegischen Untoten. Sie war nicht weiter beeindruckt: Diese Viecher kann man umbringen, indem man sie köpft, verbrennt und ihre Asche in Wasser auflöst. Hervorragend. Ich hatte meine Axt dabei. (Ja, ich weiß. Ich war auf einem linguistischen Symposium und hatte meine Axt dabei. Und einen Vorrat Ersatzmagazine. Immerhin hatte ich den Schalldämpfer zu Hause gelassen.)

Wir trafen uns noch mal mit Ragnar Birkeland im Nachbarsdorf. Ich konnte ihn auf Anhieb nicht leiden, verzichtete aber darauf, ihn zu erschießen: Nicht in einer vollen Kneipe. Lag auch gar nicht an ihm, ich war nur gereizt, weil ich in diesem Norwegernest festhing und sein Untotenproblem lösen musste.
Jedenfalls wollte er nicht einfach weg aus Columbus. Es war doch Lefsefest, und seine Oma war schon 104, und überhaupt… vielleicht würde ja noch was Schlimmeres passieren, wenn er jetzt fortging. Mir kam ein böser Verdacht: Die Birkelands wussten doch offenbar, dass aller zwanzig Jahre irgendwas passierte. Selbst wenn sie nicht an Geister oder Flüche glaubten – hatte denn nie jemand versucht, seinen Sohn, Enkel, Bruder oder Neffen zur fraglichen Zeit wegzuschicken? Warum passten die Birkelands nicht besser auf?

Und eigentlich ging es der Familie ganz gut: Viele Häuser, viele Nachkommen. Andresens hingegen gab es kaum noch, die waren weggezogen oder hatten keine Familien gegründet. Zumindest nicht in Columbus. Wenn Ketil ein Rachegeist war, warum ging es seinen Feinden dann so gut und seiner Familie so schlecht? Vielleicht sollten wir mal mit seiner Familie reden, schlug Gideon vor. Sie ein bisschen unter Druck setzen. Unter Druck setzen kann ich, sagte ich, und Gideon meinte, das glaubt er sofort.

Wir verabschiedeten uns von Connie und Ragnar. In Columbus machten wir uns auf die Suche nach der Grabstätte des Draugr. Irgendwo würde der schon sein.
Fehlanzeige im leerstehenden Haus der Andresens, aber ich hatte einen kleinen, bewaldeten Hügel gesehen, als ich auf dem Friedhof war. In Urzeiten hatten Norweger ihre Toten in Hügeln vergraben, und wenn Oystein Ketil aus dem Weg geschafft hatte, wo hätte er die Leiche sonst verstecken sollen?

Es dauerte nicht lang, bis wir in der Seite des Hügels eine Steinplatte fanden. Sie war schwer, aber gut zu bewegen. Dahinter ein schmaler, niedriger Gang in den Hügel hinein. Sah halbwegs stabil aus, also zog ich meine Waffe und kroch als erster hinein. Hinter mir kam Natalie mit einer Taschenlampe, dann Gideon, zuletzt Irene.
Ich musste nur einen Meter kriechen, dann wurde der Gang breiter und höher. Hoch genug, dass Natalie und Irene aufrecht stehen konnten, aber ich und Gideon liefen geduckt.
Lang war der Gang nicht. Vor uns eine Grabkammer, darin eine Leiche. Nicht beerdigt. Stank bestialisch, als würde sie noch verwesen und wäre nicht seit fast hundert Jahren tot. Als ich den Raum betrat, öffnete sie die Augen und schwang sich behände auf die Füße. War knapp kleiner als die Decke. Die Füße sanken ein Stück ins Erdreich ein – der Draugr war schwer.

Half ihm nicht. Ich schoss ihm den halben Kopf weg, als er noch auf die Füße kam, Gideon griff mit einem Messer an, Irene schoss auch. Der Tote langte nach mir, aber viel zu langsam, dafür stand er danach direkt vor mir. Ich hielt die Glock unter sein Kinn, drückte ab und der Kopf zerbarst in stinkende Einzelteile.

Als der Draugr fiel, drehte sich Irene um und hastete nach draußen. Kein Wunder. Der Geruch war widerwärtig, und ein Teil seiner Überreste klebte noch an mir. Gideon folgte ihr ziemlich schnell. Natalie zögerte. Müssten wir das Ding nicht köpfen, fragte sie zaghaft. Klar, sagte ich, und packte meine Axt aus. Schlug ihr vor, sich das jetzt lieber nicht mit anzusehen. Sie huschte erleichtert nach draußen.
Ich verzichtete darauf, tief durchzuatmen, und hackte dem Ding den Kopf ab, während mein Hirn meinte, mich mit einem alten Beatles-Ohrwurm beruhigen zu müssen. ‚Norwegian Woods‘. Großartig.

Während ich das vor mich hinsummte, kamen Natalie und Gideon zurück. Kannten das Lied wohl nicht. Gut. Irene hatte ihnen Natrium und Salzsäure mitgegeben – sie hatte irgendwo gelesen, dass man daraus eine Art Salzexplosion machen konnte. Vermutlich im True-Believers-Forum, da hatte Brian das nämlich vor kurzem gepostet. Glücklicherweise kannte ich das Rezept, denn hätten wir das ganze Pfund Natrium verwendet, das Irene mit sich herumschleppte, hätten wir wahrscheinlich den Hügel gesprengt.
Wir entzündeten und versalzten den Draugr, kratzten danach seine Asche zusammen und warfen sie in einen Bach, den Irene in der Nähe entdeckt hatte. Das war ja vergleichsweise einfach.

Zurück in Columbus ging ich erst mal mindestens drei Stunden duschen. Die Klamotten konnte ich wegwerfen, den Geruch würde ich nie wieder rausbekommen. Gut, dass ich mich umgezogen hatte, bevor wir uns auf die Jagd machten.

Am nächsten Tag war Lefsefest, und die Stimmung im Dorf war irgendwie… anders. Heiterer. Optimistischer. Als hätte jemand einen grauen Schleier von Columbus gezogen. Scheinbar waren die Birkelands keine gewissenlosen Schlächter, die aller zwanzig Jahre einen jungen Mann opferten, um ihren Wohlstand sicherzustellen. Ihre Gleichgültigkeit war vermutlich ein Teil des Fluchs gewesen. Kam mir seltsam vor, Leute zu treffen, die nicht moralisch völlig korrupt waren.
Ragnar passierte jedenfalls nichts. Angeblich war es das beste Lefsefest seit Menschengedenken. Sogar die 104-jährige Marte Birkeland grinste die ganze Zeit wie ein Honigkuchenpferd. Schön.

Die gingen mir immer noch auf die Nerven.

Schließlich, am nächsten Tag, konnten wir aufbrechen. Die Werkstatt musste noch auf ein Ersatzteil warten, aber ich konnte mit Irene losfahren. Wir irrten noch ein bisschen in der Gegend herum, sahen Wildrose, Palermo, Burlington (nicht in Vermont), Cathay, versehentlich Bismarck, Wimbledon und trafen schließlich bei Fargo wieder auf den Highway 29.

Dann weiter, bis nach Stuttgart. Bis nach Hause. Irene und Tam kannten sich schon, von einer Sache auf einem Friedhof. Ich hielt mich zurück und sah beiden beim Reden zu. Bis mir klar wurde, dass ich mit beiden schlafen wollte. Verdammt. Soviel zu „faszinierende Persönlichkeit“ und „ich weiß gar nicht, was ich an ihr finde“. Ein Teil von mir will einfach nur mit Irene ins Bett. Bin dann raus aus dem Wohnzimmer, weg von den beiden. Tee machen oder so.
Und jetzt? Scheiße. Was mache ich jetzt?

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Addendum:

Irene ist wieder weg. Thema verschoben. Als hätte ich sonst zu wenig Probleme.

Ein paar Tage später rief Paul Barkley in der Detektei an. Wollte mit mir sprechen. Ich kenne Paul nur flüchtig – er ist Cherokee, lebt in Oklahoma. Wir haben uns ein paar Mal bei irgendwelchen Tänzen gesehen. Kannte wohl meinen Großvater.
Jedenfalls hatte er ein Problem. Wollte erst nicht so recht mit der Sprache rausrücken, also habe ich gewartet. Der rief nicht nur an, um Smalltalk zu machen. Dauerte eine Weile, dann: Es gab da ein Ritual. Musste gemacht werden. Aber sein Neffe war im Krankenhaus und konnte nicht. Paul hatte sicher mehr als nur einen Neffen, aber ich konnte heraushören, dass die anderen ungeeignet waren. Vermutlich glaubten sie nicht an Rituale.
Es fiel ihm wirklich schwer, mich zu fragen. Keine Überraschung. Ich bin kein Cherokee, nicht mal ein halber. Trotzdem. Er konnte das nicht selber machen. Nicht mehr, zu alt, zu schwach. Okay, sagte ich. Ich komme.

Traf ihn in Tenkiller, Oklahoma. Ein alter Mann, sicher so alt wie mein Großvater. War nervös. Glaubst du an Geister, wollte er wissen. Ja, sagte ich. Er wirkte erleichtert. Das Ritual funktioniert nicht, wenn du nicht daran glaubst, erklärte er mir. Ich nickte nur.
Zusammen gingen wir ein Stück, bis wir zu einem Wäldchen kamen. Er blieb am Waldrand stehen. Hier ist es, sagte er. Die Legenden sagen, dass in diesem Wald ein böser Geist lebt. Jedes Jahr im Frühling kommt er heraus, um großes Unheil über die Menschen zu bringen, wenn ihn niemand aufhält. Aber er ist feige, der Geist – ein starker Mann kann ihn einschüchtern und zurück in den Wald treiben. Bisher hatte Paul das gemacht, und dann sein Neffe, aber jetzt… Wer glaubt schon noch an böse Geister in einem Wald?
Er sah müde aus. War sicher nicht leicht, einen fast Fremden zu fragen.

Das Ritual ist nicht einfach, warnte er mich. Du musst hierher kommen, heute Abend, und nach dem Geist rufen. Wenn er kommt, musst du ihn zurücktreiben – nicht mit ihm kämpfen, er ist zu schnell, zu stark, sondern ihm Angst machen. Mit Drohungen, mit Flüchen, brüll ihn an, stampfe mit den Füßen, was auch immer du kannst.
Ich spreche eure Sprache nicht sehr gut, sagte ich. Und ich kann nicht so lange reden. Aber ich kann jemandem Angst machen. Ohne Worte?, wollte der Alte wissen. Ich schaute ihn an. Mein Großvater hatte so einen durchdringenden Blick, und die Leute sagen, ich hätte ihn auch. Nach ein paar Momenten schaute er weg und nickte. Wird schon gehen, meinte er. Aber du musst die ganze Nacht durchhalten. Egal, was passiert, du darfst nicht davonlaufen, bis die Sonne ganz aufgegangen ist.

Wir bereiteten uns vor. Reinigung, Symbole, Rauch. Er brachte mir die Worte bei, mit denen ich den Geist rufen sollte. Nahm mir die Waffen ab. Sagte, wer Waffen braucht, ist alleine nicht stark genug. Helfen würden sie sowieso nicht. Großartig. Nahm mir auch noch Schuhe, Jacke, Hemd weg und bemalte mich mit Zeichen, die mich schützen sollten. Dann gingen wir zurück zum Wäldchen, zogen einen Kreis, verbrannten Kräuter. Schließlich ließ er mich kurz vor Sonnenuntergang allein.

Es wurde dunkler. Aus dem Wäldchen drang ein harsches Schleifen und Schaben, als würde sich etwas Großes durchs Unterholz zwängen. Ich rief die Worte, die Paul mir beigebracht hatte, und im letzten Schein des Abendrots tauchte es auf: Ein undeutliches Wesen, mal riesige Katze, mal geifernder Wolf, mal Bär, mal Schlange. Immer hatte es brennende goldene Augen, die mich anstarrten. Sein heiseres Fauchen trug modrigen Atem wie von alten Blättern zu mir.

Ich schaute es an. Sagte nur den Satz, der zum Ritual gehört: „Du musst mich besiegen, um herauszukommen.“ Seine Augen trafen meine, und ich wusste: Wenn ich meinen Blick senkte, würde es mich zerreißen. Langsam schlich es um mich herum, wagte einen Schritt vor, täuschte einen Sprung an, aber es kam nicht näher, solange ich es ansah.

Solange ich es ansah. Aber natürlich musste ich blinzeln. Kein Mensch kann zwölf Stunden in die Augen eines Monsters starren, ohne blind zu werden. Es war schnell: Nur einen Lidschlag schloss ich meine Augen, und es schlug nach mir. Bei ersten Mal konnte ich ausweichen. Beim zweiten Mal traf es eines der Symbole auf meinem Körper, und der Schlag prallte ab. So ging es weiter: Manchmal entging ich ihm, manchmal öffnete ich die Augen schnell genug, um es wieder zu bannen. Meistens erwischte es eins der Zeichen. Nur ab und zu gelang es ihm, meine Haut zu treffen. Nie sehr tief: Dünne, feine Wunden, wie lange Papierschnitte.

Es vergingen Stunden, zwei, drei. Als meine Augen anfingen zu brennen, begann ich, dem Geist eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte, wie der Draugr in seiner Höhle aufstand, mich angriff und starb. Ich sprach Dakota, und es verstand mich: Solange ich sprach, konnte ich die Augen kurz schließen und ausruhen, ohne angegriffen zu werden.
So teilte ich mir die Nacht ein: Ich blickte den Geist an, solange ich konnte, und wenn meine Augen zu müde wurden, erzählte ich eine Geschichte davon, wie ich ein schreckliches Monster tötete. Der Geist wütete, fauchte, starrte mich mit seinen brennenden Augen an, schlug nach mir, wenn ich einen Augenblick nachließ, verletzte mich, aber er kam nicht an mir vorbei.

Endlich wurde es langsam hell. Nebel stieg auf und hüllte mich und den Geist ein, aber ich sah seine Augen noch und er meine. Aber es war schwieriger, mich auf das gelbe Glosen zu konzentrieren, und meine Lider wurden immer schwerer. Also fing ich wieder an zu sprechen. Diesmal erzählte ich ihm die Geschichte, wie ich zu dem Wäldchen gekommen war. Von dem Geist, der es wagte, mich herauszufordern. Von anderen Geistern, die ich bereits besiegt hatte. Von meinen Vorfahren, die…

Meine Stimme versagte. Blieb im Hals stecken.

Der Geist sprang. Schlug nach mir. Traf mich an der Seite. Aber ich trug schützende Symbole am Körper, und sein Schlag kam ebenso ins Stocken wie meine Stimme zuvor. Ich konnte seinen Blick wieder fangen. Trieb ihn zurück, gerade so.

Fand meine Stimme wieder.

Erzählte dem Geist, wie ich meine linke Faust hob. (Ich hob die linke Hand.)

Erzählte dem Geist, wie ich meine rechte Faust hob. (Ich hob den Armstumpf, und im gedämpften Morgenlicht meinte ich, den schwachen Umriss meiner verlorenen Hand zu sehen.)

Erzählte dem Geist, wie ich auf ihn zutrat, wie ich ausholte und wie ich mit all meiner Kraft nach ihm schlug.
Ein Sonnenstrahl brach durch den Nebel, und ich blinzelte. Nur einen Moment.

Aber als mein Blick von einem Baum zum nächsten sprang, sah ich den Geist nicht mehr. Die Sonne war aufgegangen, und er hatte sich in seinen Wald zurückgezogen. Bis zum nächsten Jahr.
Ich sank auf die Knie. Schloss die schmerzenden Augen, atmete tief durch. Tastete nach der Wasserflasche, die neben dem Kreis lag. Trank in tiefen Zügen, spritzte mir den letzten Rest des Wassers in die Augen.
Die Wunde an meiner Seite blutete. Mehr als nur ein Kratzer, sollte ich besser verbinden. Lebensbedrohlich war sie allerdings nicht. Ich dachte kurz darüber nach, zu Paul zurück zu laufen, aber stellenweise war es immer noch neblig und ich war mir nicht ganz sicher, ob ich den Weg finden würde. Also ließ ich es. So gern verlaufe ich mich nun auch nicht.

Es dauerte nicht lange, bis Paul auftauchte. Er war sichtbar erleichtert, dass ich noch da war. Meine Verletzungen betrachtete er mit gerunzelter Stirn: Ihm oder seinem Neffen war der Geist nie so nahe gekommen. Passt schon, sagte ich ihm. Klar, dass ihr mit eurem Geist besser klarkommt als ich.

Paul nahm mich mit zu seinem Haus. Nähte die tiefere Wunde in meiner Seite, während ich ihm erzählte, was passiert war. Horchte auf, als ich von meinen Geschichten erzählte: Dem Draugr, dem Donnervogel, den Steingolems, den Werwölfen. Und dem Chupacabra, aber das hatte ich mir nur ausgedacht. Er runzelte die Stirn. Wüsste ich denn, wie man ein Chupacabra umbringt, wollte er wissen. Das war nämlich gar nicht so einfach.
Nein, sagte ich. Normalerweise ging ich nach der Methode „wenn es blutet, kann ich es töten“ vor. Und wenn es nicht blutet?, fragte Paul. Dann schieße ich solange auf den Kopf, bis es kaputt geht. So vielen Monstern war ich ohnehin bisher nicht begegnet.

Das nahm Paul zum Anlass, mir zu erzählen, dass ein Chupacabra niemanden angreift, der eine in Bernstein gefasste Fliege mit sich herumträgt. Und wo er schon mal dabei war, verglich er meine Wunden mit denen, die ein Ijirak reißt. Das ist ein Gestaltwandler, von dem die Inuit erzählen. Ist nur halb am Leben. Statt also in Bett zu gehen und mich auszuruhen, saß ich noch ein paar Stunden da und hörte Paul zu, während er mir Geschichten über Monster und böse Geister erzählte. Keine Ahnung, woher er so viel wusste.

Irgendwann war ich doch müde. Sagte ihm aber, dass mich seine Geschichten interessierten. Würde gern mehr hören. Er lächelte schief. War lange her, dass er daran gedacht hatte, sagte er. Aber wenn ich wollte, würde er mir noch ein paar Sachen erzählen. Keine Geheimnisse seines Stammes, aber… ein paar Tipps und Tricks halt. Dinge, die früher viele Leute gewusst hatten.

Also blieb ich noch ein paar Tage bei ihm und hörte ihm zu. Rief vorher Tam an. Wollte wissen, ob sie mich braucht. Klar, sagte sie, aber wenn ich Dinge über Monster herausfinden konnte… ich sollte Paul nach Vampiren fragen. Den Rest sollte ich aufschreiben, damit sie es in ihre Mappen sortieren konnte.

Und genau das werde ich jetzt machen, statt weiter an meinem Tagebuch herumzutippen. Ist ja nicht so, als hätte ich nicht genug zu tun. Weder die Studie noch das Buch schreiben sich von selbst, also höre ich jetzt auf damit, hier herumzuprokrastinieren. Ehrlich. Genau jetzt.

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