Supernatural – Hexenpilz

Mitte April hat Patti in unserer Supernatural-Runde ihr erstes Abenteuer geleitet. Eigentlich hatte sie ein anderes Abenteuer im Sinn gehabt, aber da hätte sie gern Sam als Charakter dabei gehabt, deren Spielerin leider krank wurde, also disponierte Patti kurzfristig um und leitete statt dessen einen anderen Plot für Bad Horse, Nocturama und mich. Und das wurde ein sehr stimmungsvolles und sehr geniales Abenteuer, das richtig viel Spaß machte.

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Diesmal ist Ethan nicht unterwegs, als Dekan Brimley einen neuen Auftrag für ihn hat. Eine Papierfabrik, von der Bones Gate Aktien hält, ist abgebrannt, und Ethan soll sich das mal ansehen. Also weniger die Papierfabrik selbst. Dass die abgebrannt ist, hat die Verbindung nur darauf aufmerksam gemacht, dass in Crested Butte, Colorado, dem Ort, wo die Papierfabrik steht, ganz und gar was nicht stimmt. In den letzten vier Monaten sind sieben Holzfäller von Bäumen erschlagen worden. Und, schlimmer, es verschwinden Kinder dort. Nicht so viele, dass es bisher groß Wellen geschlagen hätte, aber immer mal wieder. Und eben doch so viele, dass es auffällt, wenn mal einer hinsieht und drüber nachdenkt.

Ethan hätte ohnehin nicht protestiert, wenn seine Brötchengeber ihn wohin schicken wollen. Aber es geht um verschwundene Kinder. Da protestiert er gleich zweimal nicht. Die Verbindung hätte ihm auch den Flug bezahlt, aber ein Flug hätte auch bedeutet: trotzdem fast einen Tag unterwegs, weil zweimal umsteigen und vom Flugplatz Aspen nochmal eine Fahrt von ca. 4 Stunden, und vor allem: keine Waffen. Also fährt Ethan lieber. Auf die drei Tage länger wird es hoffentlich jetzt auch nicht mehr ankommen.

Als Ethan am Mittag des vierten Tages in Crested Butte ankommt, knurrt ihm gehörig der Magen. Der Ort ist ein Skiparadies, wie man an den zahlreichen Schildern sehen kann. Powder Magazine’s Number 1 Ski Town in the United States 2014, ist da unter anderem zu lesen. Zum Skifahren liegt aber nicht mehr genug Schnee; nur hier und da noch einzelne Flecken auf den Bergen ringsum und eine dünne Schicht Puderzucker auf Blumenbeeten und um die Bäume her.

Auf der Hauptstraße sticht ihm ein schwarz-weiß-rotes Logo mit einem seltsamen dreiäugigen Monsterschädel ins Auge. Der dazugehörige Laden: ein Restaurant mit dem klangvollen Namen „The Secret Stash“.
Ethan glaubt zwar nicht, dass ein finsterer Kult hinter dem Namen und dem Logo steckt, aber aufgefallen ist ihm der Laden jetzt mal, jetzt kann er auch reingehen.

Drinnen sieht Ethan sich erst einmal ausgiebig um. Umgedrehte “S” und “R” auf dem Schriftzug, viel rot in der Deko, aber sonst eine ganz normale Pizzeria, wie es scheint. Wenn es doch ein Kult sein sollte, ist es ein gut getarnter. Dann stutzt er und schnaubt amüsiert. Denn da hinten an einem Tisch sitzen zwei Leute, die er zuletzt gerade erst vor ein paar Wochen gesehen hat: Barry Jackson und Ally Dennings. Die beiden haben ihn im selben Moment auch gerade bemerkt, und während Ally schüchtern wegsieht, schüttelt Barry mit einem resigniert-amüsierten Augenrollen den Kopf. „Hätte ich mir denken können“, ist seine Begrüßung, als Ethan an den Tisch tritt – offenbar hat Tam ihren Mann mit der Begründung nach Colorado geschickt, dass Vermont ja viel zu weit weg sei, um Ethan auf den Fall anzusetzen. Barry lässt die beiden anderen auch sofort wissen, dass er, verschwundene Kinder hin, tote Holzfäller her, hier alles stehen und liegen lässt und in der Sekunde weg ist, wo er von seiner schwangeren Frau den Anruf bekommt, dass es losgeht. Bei der ist es nämlich nächste Woche soweit. Das wundert Ethan nicht im Geringsten. Wenn er selbst in der Situation wä— Ist er aber nicht. Punkt. Aber Tam und dem Rest der Familie geht es gut soweit, das freut ihn zu hören. Sein letzter Skype-Anruf bei den Jacksons ist nämlich schon ein paar Tage her.

Also. Holzfäller. Kinder. Vor allem die Kinder von Touristen sind verschwunden, so alle paar Jahre mal eines. Da kann doch bestimmt der Sheriff mehr sagen. Was Ethan und die anderen beiden bisher dazu wissen, ist nämlich außer der Tatsache, dass es sich um Kinder unter 10 Jahren handelt, nicht so richtig viel.

Nach dem Essen – die Pizza war richtig lecker – hat der Sheriff tatsächlich Informationen für sie. Fast alle Kinder sind in den Wäldern verloren gegangen, irgendwo zwischen der Stadt und einem nahegelegenen See, dem Peanut Lake. Eines war skifahren, eines wurde zuletzt in seinem Hotel gesehen, die anderen sind beim Wandern verschwunden. Das geht seit bestimmt 30 Jahren oder noch länger so, und tatsächlich waren alle Kinder jünger als 10 Jahre. Erwachsene verschwinden aber auch immer mal. Und die Sache mit den erschlagenen Holzfällern natürlich. Das waren alles morsche Bäume, die umgefallen sind. Die Gegend hier hat nämlich ein Pilzproblem. Die Befürchtung ist ja, dass es sich um dieselbe Art von Pilz handelt wie das riesige Geflecht von dunklem Hallimasch, das den Malheur National Forest in Oregon durchzieht. Denn wenn dem so wäre, dann wäre das die Pest in Tüten, für die Forstarbeiter ebenso wie für die wandernden Touristen. In den 1920er Jahren gab es mal einen schweren Tsunami am Peanut Lake. Da hat sich das Wasser zwischen den Hügeln regelrecht hochgeschaukelt, Bäume und Erde wurden weggerissen, bis nur noch der kahle Stein zu sehen war. Die Spuren dieser Zerstörung sieht man teilweise heute noch, wo die Landschaft nicht so richtig nachgewachsen ist.

Etwas stimmt nicht. Er hat zwar eine ganze Menge geredet, aber etwas verschweigt der Gesetzeshüter. Der ist zu schnell von den Kindern auf die ganzen anderen Sachen ausgewichen. Als Barry das Thema zurück auf die Kinder lenken will, wiegelt der Mann wieder ab. Also packt der Detektiv seinen Blick aus. Wie Barry irgendwann mal sagte: Leute einschüchtern kann er.

Dummerweise schubst Barrys offener Hinweis, dass der Sheriff jetzt bitte Tacheles reden solle, weil es besser für alle Beteiligten sei, wenn er nicht so um den heißen Brei tanze, den Mann genau in die entgegengesetzte Richtung. Er wird aggressiv, und zwar richtig aggressiv. Ob sie wüssten, wen sie vor sich hätten, und dass sie jetzt gefälligst verschwinden sollten, alle drei.

Aus dem Kerl ist eindeutig nichts mehr herauszubekommen, also verschwinden sie. Crested Butte hat ein Museum, haben sie unterwegs gesehen, vielleicht lassen sich ja da Dinge herausfinden.

Das Museum ist klein, um nicht zu sagen winzig. Aber die Frau an der Kasse, eine ältere Dame mit einem Namensschild, auf dem „Nancy“ steht, stellt sich als ungeheuer redselig, wenn auch schon etwas schwerhörig heraus. Während Ally sich opfert und die Angestellte ausfragt und Barry sich in ein Buch aus dem kleinen Museumsshop vertieft, geht Ethan sich die Ausstellung ansehen. Die besteht vor allem aus Fotos. Fotos von der Stadt durch die Jahrzehnte, Fotos von der Umgebung. Eine große Luftaufnahme von dem ganzen Gebiet hier. Und darauf sieht die Gegend um den Peanut Lake bis hin zur Stadt deutlich grüner aus als der Rest der Umgebung.

Eins ist seltsam. Auf den neueren Fotos aus der Stadt sind keine Kinder zu sehen. Und jetzt, wo er die Bilder betrachtet, fällt Ethan auf, dass er die ganze Zeit über noch kein Kind gesehen hat. So gar nicht. Nirgends. Und es ist Samstag nachmittag.

Als Ally ihr Gespräch mit der Kassiererin beendet und Barry sein Buch gekauft hat, nimmt Ethan seine Begleiter zur Seite und berichtet von seiner Beobachtung. Dem lohnt es sich, nachzugehen. Aber erst erzählt Ally, was sie herausbekommen hat. Nancy hat nämlich die Legende von der „Weisen Frau vom See“ erwähnt, die manchmal auch einfach nur die „Squaw“ genannt wird. Mal hilft sie Leuten, mal ärgert sie sie. Ein bisschen wie die deutsche Legende vom Rübezahl, sagt Ally. Und das Buch, das Barry gekauft hat, ist vom Bürgermeister der Stadt, einem Historiker, mit verfasst worden.
Aber das ist fürs Erste nebensächlich. Jetzt gehen sie erstmal auf die Suche nach Kindern. Irgendwelchen Kindern. Ganz egal wo. Hier muss es doch irgendwo eine Schule geben.

Gibt es. Da sind nur keine Kinder. Nicht auf dem Schulhof, nicht im Kindergarten nebenan. Und auch nicht in dem Park, an dem sie auf dem Weg zur Schule entlangkommen. Teenager ja. Aber keine jüngeren Kinder. An der Schule hängt ein Zettel. Etwas von wegen einem Schulausflug. Okay. Das wäre eine Erklärung. Aber: Da steht auch etwas von zwei Wochen. Und vor allem: Am Kindergarten hängt exakt dasselbe Plakat. Wegen Ausflug nach Montana für zwei Wochen geschlossen. Einen Schulausflug könnte man ja noch erklären. Aber auch den Kindergarten schließen? Kinder im Vorschulalter für zwei Wochen wegschicken? Wohl kaum. Sehr verdächtig, das alles.

Auf dem Weg durch die Stadt, vor allem auf der Hauptstraße, wo auch das Restaurant war, sind ihnen etliche leerstehende Ladenlokale aufgefallen, ebenso wie zahlreiche Geschäfte, die gerade einen Räumungsverkauf abhalten. In einem der letzteren kann man ja vielleicht mal den Besitzer fragen, warum hier so viele Leute auf einmal ihre Läden aufzugeben scheinen.

Da ist ein Fahrradladen mit den typischen Räumungs-Angeboten. Sehr gut. Der hat ja vielleicht neben Fahrrädern auch eine Karte von der Umgebung.

Er hat. Ein ganzes Set in großem Maßstab. Alle Wege drauf, auch die schmalen Wanderpfade. Perfekt. Barry fragt den Besitzer, warum er schließt. Immerhin ist das hier doch ein Touristenort, und Touristen mieten gerne Fahrräder. Aber der Klimawandel mache das Geschäft schwierig. Der Klimawandel und die allgegenwärtigen GPS-Geräte, die die Touristen schon mitbrächten und die Karten aus Papier überflüssig werden ließen. Ethan schnaubt. Wenn so ein Gerät ein Signal bekommt, ja. Er selbst besitzt keins und hat auch nicht vor, sich eins anzuschaffen. Rand McNally hat ihn bisher noch überall hingebracht, wo er hin wollte. Wobei, zugegeben. Letztens im Wald bei dem Puppenhaus war Barrys GPS-Gerät schon eine ziemlich feine Sache.

Der Klimawandel also. Mhmhmmm. Vielleicht. Aber sicher nicht nur. Denn an den Laden grenzt das Wohnhaus des Besitzers an. Und da im Garten sind auch eine Schaukel und eine Rutsche und ein Sandkasten zu sehen.

Barry hat das Spielzeug auch bemerkt. Ob der Mann Kinder habe, will er wissen. Ja. Zwei. Die sind aber nicht da, gerade, sondern auf dem Schulausflug. „Ganze Stadt?“ schaltet Ethan sich ein. Der Ladenbesitzer nickt, aber glücklich wirkt er dabei nicht. Irgendwas nagt an dem, eindeutig. Pater Wen habe das organisiert, erklärt er nervös. Pater Wen, hm? Dass ein Kirchenmann den Nachwuchs einer ganzen Stadt weglocken kann, Kindergarten inklusive wohlgemerkt, klingt für Ethan verdächtig nach sowas wie diesem Flötenspieler, der erst die Ratten fangen sollte und dann die Kinder geholt hat.

Mit jeder von Barrys Fragen sieht der Mann unbehaglicher aus. Der Ausflug geht nach Montana, und ja, für zwei Wochen. Und ja, auch die Kindergartenkinder sind dabei, es sind ja einige Eltern zur Begleitung mitgefahren. Das geht dann schon in Ordnung, murmelt der Mann. Oh nein. Das geht es nicht. Der Ladenbesitzer schwitzt förmlich vor Angst. „Sie rechnen damit, dass eines Ihrer Kinder nicht zurückkommt, oder?“ sagt Ethan ihm auf den Kopf zu. Ein langer Satz für Ethans Verhältnisse. Und ein Fehler. Denn nun klappt der Typ den Mund zu wie eine Miesmuschel. Lässt nichts mehr aus sich herausbringen, außer dass sie besser mit Pater Wen reden sollten. Verdammt.

Draußen nimmt Barry Ethan beiseite. „Lass die Leute erstmal antworten, wenn ich sie was gefragt habe – vor allem, wenn sie noch nachdenken, was sie sagen sollen.“ Ethan verzieht das Gesicht. „Weißt du was“, fährt der Ältere fort, „beim Pater kannst du das Gespräch führen.“
Ethan schüttelt heftig den Kopf. „Da versuch ich’s einmal, klappt’s doch nicht“, murmelt er frustriert. Er hat einfach keinerlei Timing nach all der Zeit. Keine Antenne dafür. Stimmt schon. „Lass ich lieber. Ist besser.“
Aber davon will Barry wiederum nichts hören. „Ist schon gut, dass du das mal übst. Du musst halt nur einfach mal abwarten. Also rede du mit dem Pater.“
Ethan verzieht wieder das Gesicht, nickt dann aber doch. Na gut, verdammt. Wenn es denn sein muss. Für Artie macht er das.

Die Kirche ist klein, der Pater Chinese. Siehe den Namen. Ethan atmet tief durch und macht tatsächlich den Anfang. Der Priester ist freundlich. Höflich. Verbindlich. Ja, hach, das ist doch schön, dass die Kinder mal was anderes zu sehen bekommen als immer nur Crested Butte. Hier sei es doch auch schön, merkt Ethan trocken an. Denn nein, er glaubt dem Kerl nicht. Barry gibt auch schon ein skeptisches Schnauben von sich.

Pater Wen scheint ihnen aber ebensowenig zu trauen wie sie ihm. Es kommt Ethan so vor, als wolle der Geistliche seine Besucher genauso sehr aushorchen wie andersherum. Warum sie zu ihm gekommen seien, will er schließlich wissen. Wer sie geschickt habe. Sie hätten sich mehr oder weniger selbst geschickt, erwidert Barry. Ethan hingegen brummt: „Arbeitgeber“. Tut zwar nichts zur Sache, aber der Mann hat gefragt. Und lügen lohnt in dem Falle nicht. Mehr noch: Mit dem Spruch will Ethan sehen, ob er eine Reaktion aus dem Pater herauskitzeln kann.
Er kann. Der Priester konzentriert sich voll auf ihn, deutliches Misstrauen in der Stimme. „Arbeitgeber? Was für ein Arbeitgeber?!“ „Thomas Brimley. Dekan. University of Vermont“, führt Ethan aus. Und verwirrt den Mann mit dieser Antwort zutiefst. „University of… Kenne ich den?“ „Nö“, schießt Ethan zurück. „Oder… weiß nicht. Tun Sie?“

Jetzt ist der Priester noch verwirrter, aber wenigstens schwindet sein Misstrauen etwas. Anscheinend hat er befürchtet, irgendwer wolle ihm gezielt Ärger machen. Kann ihm immer noch passieren, wenn sich rausstellt, dass er den Kindern Übles will, aber jetzt bittet er seine Besucher erstmal in seine Kirche. In sein Gemeindebüro, um genau zu sein. Er bietet Tee an, den aber keiner trinkt. Wobei, Ally vielleicht doch. Oder sie ist besser im so-Tun, als Ethan gedacht hätte.

Woran sie glauben, fragt der Priester dann, als seine Teetasse halb leer und er selbst etwa aufgetaut ist. “Wir glauben, dass mit den Kindern in dieser Stadt etwas geschieht, das nicht gut ist und das gestoppt werden muss”, erklärt Barry unverblümt. „Gott“, murmelt Ethan. „Ähm, also“, ergänzt Ally dann noch nervös, „wir glauben schon an das Übernatürliche und so.“
Die Aussage der Studentin lässt den Priester erleichtert aufatmen, und er sieht seine Besucher offen an. „Gut“, sagt er mit Nachdruck. Und ja, er habe dafür gesorgt, dass die Kinder aus der Stadt kämen. Die seien hier nämlich in Gefahr. Nicht alle, natürlich, aber grundsätzlich. „Haben Sie schon mal von der Weisen Frau vom See gehört?“

Ally nickt und erwähnt die Kassiererin im Museum, die von der Legende erzählt habe. Das sei keine Legende, erwidert der Priester. Sondern die Weise Frau vom See eine Hexe, mit der die Gründerväter des Ortes vor 150 Jahren einen Handel abgeschlossen hätten. Das Wohlergehen der Stadt hängt davon ab, dass der Hexe in unregelmäßigen Abständen, alle paar Jahre mal, ein Kind geopfert wird. Der Sheriff und der Bürgermeister sind heutzutage die hauptsächlich treibenden Kräfte dahinter, aber bescheid wissen ziemlich viele Leute über die Sache.

Ethan ballt stumm die Fäuste, während der Pater redet. Beißt die Zähne aufeinander. Würde am liebsten rausstürmen, reißt sich aber zusammen. Hört sich an, dass das verheerende Erdbeben in den 20er Jahren vermutlich die Reaktion der Hexe darauf war, dass die Stadtbewohner damals versuchten, aus dem Handel herauszukommen. Besser ein Erdbeben als Mord, findet Ethan, und nach den Gesichtern der anderen zu urteilen, sind sie allesamt seiner Meinung. Dass jetzt die ganzen Holzfäller von morschen Bäumen erschlagen worden sind, waren vielleicht schon die ersten Hinweise darauf, dass wieder ein Opfer fällig wird. Das folgt ja keinem festen Zeitplan, sondern der Unmut der Hexe und die Tatsache, dass der Pakt wieder erneuert werden muss, fängt immer erst mit kleinen, dann stärker werdenden Anzeichen an.

„Na gut“, fasst Barry die grimmige Stimmung in Worte. „Wenn es eine Hexe ist, kann man sie erschießen.“ Aber die Weise Frau kann durch die Erde gehen, überall auftauchen und an mehreren Orten gleichzeitig sein, heißt es. Vielleicht ist sie dann gar keine Hexe, sondern so etwas wie ein Naturgeist? Das könnte sich zumindest Ally vorstellen.

Egal, ob die Tante eine Hexe ist oder ein Naturgeist oder was auch immer, jetzt ist erstmal der Bürgermeister an der Reihe. War jedenfalls der Plan. Auf dem Weg dorthin werden die drei aber aufgehalten. Vor einer Pension hält nämlich gerade ein SUV mit kalifornischem Kennzeichen. Aus steigt ein relativ junges Ehepaar. Auf dem Rücksitz, von der Mutter jetzt vorsichtig aus dem Wagen gehoben: ein kleines Mädchen von vielleicht zwei oder drei Jahren. Und ein Tropf. An dem das Mädchen hängt. Ethan entfährt ein halblautes Knurren, aber Barry ist schneller. Mit ein paar Schritten ist der Detektiv bei der Familie und versperrt ihnen in den Weg, ehe sie die Pension betreten können. Ethan und Ally sind ihm dicht auf den Fersen.

Barry stellt die Kalifornier zur Rede. Die funkeln ihn erst empört an, was ihm einfalle, er wisse es auch nicht besser, und die Wunderheilerin sei nun mal die einzige, letzte Chance für die todkranke Kleine. Ethan ballt die Fäuste. Wunderheilerin? Wie hinterhältig ist das denn?
Aber es wird noch hinterhältiger. Es gibt nämlich sogar einen Spendenfonds für verzweifelte Eltern. Auf einer Webseite haben hilfsbereite Unbekannte – Ethan unterdrückt ein Auflachen – für die Behandlung gespendet. Ally, nicht faul, hat schon ihr Handy gezückt und angefangen zu recherchieren. Und dass sie mit dem Internet mehr anstellen kann als nur Google ausreizen, das hat sie ja schon in Billings gezeigt. Also bekommt sie sehr schnell heraus, dass die Webseite ziemlich genau zu dem Zeitpunkt eingerichtet wurde, als Pater Wen angefangen hat, Geld für den Schulausflug nach Montana zu sammeln.

Die Diskussion mit dem kalifornischen Ehepaar ist nicht unbemerkt geblieben. Leute haben angehalten, hören teils mehr, teils weniger unauffällig zu. Manche sehen verärgert aus ob der Einmischung, andere erleichtert. Es steht nicht die ganze Stadt hinter den Kindermorden, wie es scheint.

Also gut. Die Eltern werden ihre kleine Tochter nun doch nicht der Gnade der „Wunderheilerin“ ausliefern. Aber wer sagt denn, dass die Stadtbewohner die Sache nicht in die eigenen Hände nehmen werden, sobald deutlich wird, dass der Plan fehlgeschlagen ist? Inzwischen hat sich nämlich eine ziemliche Menschentraube angesammelt. Leute aus den zwei Lagern haben angefangen, teils heftig miteinander zu diskutieren, und die Stimmung ist deutlich erregter als eben noch. Die Familie muss beschützt werden, soviel ist mal sicher.

Barry schickt seine beiden Begleiter los, Pater Wen zu holen; er selbst will solange hier aufpassen. Ethan hat erst wenig Lust, den Älteren einem potentiellen Lynchmob auszusetzen, falls die guten Bürger von Crested Butte plötzlich beschließen sollten, die Pension zu stürmen, aber Barry hat schon recht. Er ist durchaus in der Lage, eine Weile auf sich und seine Schutzbefohlenen aufzupassen, und je eher sie gehen und den Priester holen, umso schneller sind sie zurück. Verdammt. Na gut.

Pater Wen kommt sofort mit, als sie ihm erzählen, was los ist. Zurück bei der Pension macht er sich auch gleich an die Arbeit, wirkt besänftigend auf die Diskutierenden ein und stellt aus den Gegnern des Wunderheilungsplans eine kleine Schutzstaffel für die Familie zusammen. Was bedeutet, dass Ethan und seine Begleiter jetzt guten Gewissens zum Bürgermeister können.

Sie haben Glück. Der Mann, den Barry vom Rückumschlag seines im Museum gekauften Buches erkennt, steht gerade im Eingangsbereich des Rathauses ins Gespräch mit dem Sheriff vertieft. Die Mienen von beiden verdüstern sich schlagartig, als sie die Neuankömmlinge bemerken – ganz offensichtlich weiß der Mann schon sehr genau, warum sie hier sind. Passt Ethan gut in den Kram. Kein Drumrumgerede. Aber nicht auf dem Gang bitte.

Im Büro des Bürgermeisters kommt der Typ gleich zur Sache. Dass er so Leute wie sie schon kennen würde und dass die auch nichts besser machten. Die kämen und dächten, sie könnten was tun, aber sie machten alles nur noch schlimmer. Und ob sie denn glaubten, er tue das gern? Alle paar Jahre ein Kind opfern? Das sei aber die einzige Lösung, denn eine ganze Stadt evakuieren und alle Bewohner zum Wegzug zwingen könne man ja nun auch nicht. Und er sei der Bürgermeister, er trage die Verantwortung, und er stelle sich ihr. Aber ja, sicher, falls die „Experten“ eine tolle Idee hätten, wäre er bestimmt der Letzte, der sich ihr verweigere.

Ethan bleibt für einen Moment die Sprache noch mehr weg als sonst, als er diesen Zynismus aus dem Mund des Politikers hört. Mit Mühe zwingt er sich zu einer Reaktion, weil Ally gerade konzentriert auf ihrem Handy herumtippt und Barry irgendwie so aussieht, als würde er explodieren, wenn er jetzt den Mund aufmacht. Was der Bürgermeister alles über die Weise Frau weiß, erkundigt sich Ethan und ist selbst erstaunt darüber, dass in seiner Stimme nur ein Hauch von Knurren mitschwingt. Ally sieht von ihrer Internetrecherche auf. Erzählt etwas von einer Legende über eine Hexe, die ein magisches Buch über die Erde bekommen hat und die Kinder fordert, um sie milde zu stimmen.

„Von einem Buch weiß ich nichts“, gibt der Bürgermeister widerwillig zu. „Das ist das erste, das ich davon höre. Aber die Weise Frau hat sich irgendwie mit dem Pilz verbunden, der beim Peanut Lake wächst. Dem Hallimasch.“
„Wofür will sie die Kinder?“, hakt Ethan nach. Aber das weiß von den Einheimischen anscheinend keiner so recht. Die verschwinden einfach von dem Platz, wo man sie hingebracht und ausgesetzt hat. Hingebracht und ausgesetzt, ja? Hänsel und Gretel lassen schön grüßen. Nur dass hier bisher kein Kind die böse Hexe in den Ofen gestoßen hat. Das müssen sie jetzt dringend nachholen. Ehe es weitere Opfer erwischt.

„Wenn sie eine Hexe ist“, wiederholt Barry draußen seine Worte von vorhin, „dann ist sie ein Mensch. Und dann kann man sie erschießen.“ Ally, die beim ersten Mal schon ein unglückliches Gesicht bei dem Vorschlag gemacht hat, verzieht auch jetzt das Gesicht. „Erschießen? Wirklich?“ „Na sicher“, hält Barry ihr entgegen. „Was schlägst du denn vor?“ „Ich weiß nicht“, murmelt sie schüchtern, „vielleicht… ich meine… können wir nicht irgendwas machen, dass… damit sie direkt in die Hölle gezogen wird?“ Barry sieht die junge Frau mit einem dieser gelassen-finsteren Blicke an, die er so perfekt beherrscht. „Und wo ist da der Unterschied?“ Darauf schluckt Ally und sagt nichts mehr.

Wo sie beim Thema sind, erzählt Ethan wieder einmal so knapp es geht von Dana Point und den Vertrautentieren, über die sie den dortigen Hexen beigekommen sind. Wenn die Frau vom Peanut Lake eine Hexe ist, hat sie ja vielleicht auch ein Vertrautentier? Andererseits, ist es wirklich eine Hexe und nicht doch ein Naturgeist oder sowas? Denn was die Frau hier kann, klingt doch ziemlich anders als das, was die Hexen in Dana Point getrieben haben. Nur: einem Naturgeist wäre vermutlich sehr viel schwieriger beizukommen als einer einfachen Hexe. Und vor allem könnte man die nicht einfach so erschießen.

Bei ihren Internetrecherchen hat Ally auch nach Indianerlegenden hier aus der Gegend gesucht. Und dabei ist ihr aufgefallen, dass hier in der Gegend wohl überall Ute gewohnt haben müssen, dass es aus der ganzen Region zahlreiche Legenden der Ute gibt – nur hier im Gebiet um den Peanut Lake herum nicht. Von hier gibt es gar nichts. Wie ein schwarzes Loch. Hmmm, überlegt Ethan, und spricht den Gedanken dann auch zögernd aus, vielleicht waren die Ute einfach schlauer als die weißen Siedler und haben sich vom Peanut Lake ferngehalten, eben weil hier irgendwas war, mit dem sie sich nicht einlassen wollten? Vielleicht weiß ja ein Ute irgendwas darüber? Hat Barry vielleicht zufällig Kontakte zu irgendwelchen Ute?

Der genervte Gesichtsausdruck seines Freundes macht Ethan klar, dass er gerade in ein Indianerklischee-Fettnäpfchen getreten sein muss. Aber dann nickt Barry. Er kennt tatsächlich einen Ute.
Ein längeres Telefonat mit Barrys Bekanntem später wissen sie Folgendes. Es kam eine garstige Frau mit Zauberkräften über das Meer in diese Gegend. Sie hatte ein mächtiges Buch und konnte Gewitter erzeugen, und weil ihr Herz in der Erde schlug, konnte sie eins mit der Erde werden und in der Erde schwimmen, und sie nahm sich, was immer sie wollte, auch wenn man keinerlei Absicht hatte, es ihr zu geben. Niemand wollte in der Gegend wohnen, wo die Zauberin lebte, bis auf eine einzige Siedlung. Deren Bewohner einigten sich mit der Frau und hatten eine Weile ihr Lager am Peanut Lake, aber irgendwann wurde es ihnen zu viel. Da kündigten sie den Pakt auf, indem jeder einen jungen Baum ausriss. Das brach den Bund, und es gab einen schrecklichen Sturm, bei dem einige Stammesmitglieder ums Leben kamen. Der Rest des Lagers aber verließ die Gegend für immer.

Hm. Bei dieser zweiten Erwähnung eines Buches kommt Ethan ein Gedanke. Der Bürgermeister von Dana Point war doch hinter dem „Buch des Feuers“ her, einem der fünf großen Bücher der Hexenkunst, und Bart Blackwood hat doch erzählt, dass er genau dieses Buch des Feuers eine Weile besessen hat, bis ihm vermutlich genau wegen dieses Buches der Laden unter dem Hintern weggebrannt wurde. Wenn es ein Buch des Feuers gibt, und wenn die Weise Frau Sachen mit Erde zaubern kann, dann ist dieses Buch, das sie hat, vielleicht auch eines dieser fünf großen, richtig mächtigen Bücher? Dann wäre die Hexe übelst böse. Einen Moment lang überkommt Ethan die Vorahnung eines unausweichlichen Verhängnisses; das, und der Drang, eine kurze Nachricht an Samantha zu schicken, aber beides unterdrückt er sofort. Es ist, wie es ist. Und wenn sie die Hexe nicht erschießen können, weil sie zu mächtig dafür ist, können sie vielleicht dem Pilz zu Leibe rücken, mit dem sie sich verbunden hat.

Ethan verkneift sich ein Grinsen, als ihm einfällt, dass er da ja ein paar Würmer kennt, die man aus Alaska hierher umsiedeln könnte. Die würden doch so einen Hexenpilz bestimmt gerne auffressen. Erst als Barry ihn fragend ansieht, wird Ethan klar, dass er das mit den Würmern nicht nur gedacht hat. Seine Anspielung auf die Kinder von Ouroboros kann Barry natürlich nicht verstehen, aber jetzt ist keine Zeit für die Einzelheiten. Und ein sinnvoller, für den Kampf gegen die Hexe hilfreicher Kommentar war es auch nicht. „Andermal“, murmelt er also mit einem Abwinken. Ernsthaft zur Sache jetzt.

Fungizid, ist der Plan ein paar Minuten später. Wenn man denn hier oben welches findet. Aber es gibt hier doch die ganze Holzindustrie. Und neben der Papierfabrik auch ein Sägewerk. Die haben doch garantiert Bedarf an sowas. Pater Wen stellt den Kontakt her, und bald darauf sind die Hexenjäger mit etlichen Kanistern Phyton-27 versorgt. Hochwirksames Zeug, mit anderen Worten: hochgiftig. Pater Wen informiert den Bürgermeister, der vorsichtshalber anfängt, die Stadt zu evakuieren. Gut so. Die Familie mit dem kranken Kind begleitet Pater Wen höchstpersönlich aus der Stadt. Nicht dass irgendwer der Kleinen doch noch was antun will. Sicher ist sicher.

Stellt sich nur die Frage, wo anfangen bei der Suche nach der Hexe. Aber es gibt einen logischen Startpunkt. Denn immerhin ist die Hexe die ‘Weise Frau vom Peanut Lake’, und der Peanut Lake hat eine Insel.

Bis sie an ihrem Ziel ankommen, ist es dunkel geworden. Zumindest der Nachthimmel. Überall um sie her in dem Talkessel sind die Bäume, und zum Teil auch der Erdboden selbst, in ein gespenstisches grünes Licht getaucht. Die Pilze. „Biolumineszenz“, murmelt Barry. Stimmt. Da war doch mal dieses Experiment im Biologieunterricht. Lange her, aber an das kalte grüne Leuchten erinnert Ethan sich noch gut. Nur dass es damals eine einzelne Probe im abgedunkelten Biolabor war und nicht ein ganzes Tal.

Aber immerhin ist so die Insel auf dem See gut zu sehen. Und der Baum, der mitten auf ihr steht und aus der Ferne und in dem Licht ein bisschen aussieht wie ein Mensch. Ziemlich wie ein Mensch sogar.
Das mitgebrachte Faltboot hat Ethan in knapp einer Viertelstunde zusammengebaut, dann rudert er sich und seine Begleiter hinüber.

Auf der Insel gelandet, holt Ethan kommentarlos den Klappspaten aus dem Rucksack und fängt an zu graben. Er muss gar nicht tief gehen, um zu erkennen, dass das gesamte Erdreich hier von Pilzmyzel durchzogen ist. Jedes Mal, wenn sein Spaten das Myzel berührt und einen der Fäden durchtrennt, geht etwas wie ein leichter Schauer durch das Geflecht. Oder kommt ihm das nur so vor? Auf dem See, der zuvor noch größtenteils still dalag, haben sich leichte Wellen gebildet.

Sobald das Loch tief genug ist, leeren sie ihren ersten Kanister Fungizid hinein. Das Pilzgeflecht zieht sich sichtbar zusammen und fängt dann an zu pochen. Gut so. Aber nur ein erster Schritt.
Der nächste Schritt ist der Baum. Aus der Nähe stellt der sich als komplett morsch und pilzbröselig heraus, so dass die beiden Männer ihn zu zweit problemlos einfach aus dem Boden reißen können. Direkt unter dem Baum ist das Pilzmyzel ein dichter, verschlungener Klumpen, von dem aus dicke Stränge in alle Richtungen abgehen. „Das Herz“, denkt Ethan unwillkürlich. Er sieht zu, wie Barry Gift über den freigelegten Myzelknollen gießt, ehe er selbst das Pilzherz aus der Erde sticht und Barry dann den Rest des Kanisters darüber ausleert. Das Pochen des Myzels ist zu einem heftigen Zucken geworden. Und der Wellengang auf dem See stärker.

Ally hat ihr Telefon in der Hand und schießt ein Foto nach dem anderen. Plötzlich gibt sie einen erschrockenen Laut von sich und zeigt Richtung Ufer. „Habt ihr das gesehen?!“
Jetzt, wo sie es sagt, ist die Bewegung auch mit bloßem Auge zu erkennen. Eine weibliche Gestalt flackert am Ufer herum, ist mal hier, mal da zu sehen, und sie hält etwas in der Hand, das wie eine Steintafel oder ein aus Stein gemeißeltes Buch aussieht. Gedankenschnell gibt Barry einen Schuss auf die Hexe ab, aber die Gestalt ist schon wieder verschwunden.

Die Wellen schlagen inzwischen höher, als das bei einem vergleichsweise kleinen Inlandssee möglich sein dürfte. Sie müssen zusehen, dass sie Land gewinnen. Schnell kippen sie ungezielt noch mehr Phyton-27 auf den Pilzbewuchs der Insel, während sie zum Boot hasten. Barry nimmt das zuckende Pilzherz auf dem Haken mit, der ihm als Handersatz dient. Gut. Muss er es wenigstens nicht anfassen.

Auf dem Wasser wird das dünne Faltboot herumgeworfen wie die sprichwörtliche Nussschale. Sie haben vielleicht etwas über die Hälfte des Weges geschafft, da schleudert es Ally über Bord. Ethan kann nicht helfen, er hat alle Mühe, das Boot am Kentern zu hindern. Barry bekommt die Studentin gerade noch mit seinem Haken zu fassen, verliert dabei aber das Pilzherz. Der Myzelklumpen fällt ins Boot und hat sofort einen sichtbar zersetzenden Einfluss auf die hölzernen Teile der Konstruktion. Ihr Gefährt droht auseinanderzubrechen, aber Ally schüttet schnell mehr Gift über das Herz, und es hört auf zu pochen und zerfällt.

Der Seegang lässt davon aber nicht etwa nach, sondern peitscht immer höher. Eine besonders heftige Welle schleudert das Boot in die Luft und ans Ufer. Einen unendlichen Moment lang bleibt die Zeit stehen, dann ein gespenstisch-grünes Leuchten, das immer näher kommt, und schließlich ein heftiger Aufprall und ein stechender Schmerz in Ethans Schädel, ehe Schwärze das grüne Leuchten vor Ethans Augen verdrängt.

Benommen schüttelt er den Kopf. Er muss einige Sekunden lang weggetreten gewesen sein. Was… Wo… Das Boot… Wo sind die anderen? Schwankend und mit noch immer eingeschränktem Gesichtsfeld taumelt er auf das eine zu, das er sehen kann. Das Licht. Sie sind bestimmt beim Licht.

Ein Schuss, der dicht an ihm vorbeipfeift, reißt Ethan aus seiner Verwirrung. Er ist von seinen Gefährten weggeschwankt statt zu ihnen hin. Direkt auf einen Baum zu, der natürlich genau jetzt zu fallen beginnt. Barry rennt auf Ethan zu. Stößt ihn aus der Falllinie, wird aber selbst von einem Ast gestreift und zu Boden gerissen. Ehe der Detektiv sich aufrappeln kann, bewegt er sich. Aber nicht von selbst. Das Pilzgeflecht hat sich in der Sekunde, die er am Boden lag, schon um Barrys Beine geschlungen und versucht jetzt, ihn unter die Erde zu zerren. Ethan zerbeißt einen Fluch zwischen den Zähnen, packt seinen Freund unter den Achseln und zieht mit aller Kraft. Barry kommt los und von dem mörderischen Myzel weg, aber Ethan selbst verhakt sich in einer Wurzel. Er stolpert nach hinten, bleibt irgendwie auf den Beinen, aber ein stechender Schmerz fährt durch seinen Knöchel. Verdammt!

Egal. Weg hier. Nur weg. Über dem Talkessel hat sich jetzt ein echter Taifun zusammengebraut. Der Sturm peitscht das Wasser über die Ufer des Sees, eine Wasserhose fegt auf sie zu. Der Talkessel füllt sich mit Wasser, erschreckend schnell. Ethan beißt die Zähne zusammen, ignoriert den Schmerz in seinem Knöchel. Rennt um sein Leben. Sie rennen alle um ihr Leben. Den Hang hoch, über Geröll, rutschend, stolpernd. Ein Erdbeben erschüttert das Becken, die Talwände, und Ethan muss sich mit beiden Händen festhalten, um nicht abzustürzen. Verliert die Savage. Hört mehr, als dass er es sieht, wie das Gewehr auf das steigende Wasser aufklatscht und verschwindet. Ein ärgerlicher Ausruf von Ally, die offenbar gerade ihr Handy hat fallen lassen, ebenso wie Barry den letzten Kanister Phyton-27. Aber dann sind sie oben. Hasten weiter, weg vom Rand. Zum Auto. Rein da, und zurück in die Stadt. Verhängnisvolles Donnergrollen aus Richtung des Sees. Noch ist der Tsunami nicht aus seiner Mulde gekommen, aber lange kann das nicht mehr dauern.

Die Stadt ist inzwischen schon größtenteils evakuiert. Größtenteils, nicht komplett. Sie sammeln so viele Leute ein, wie sie können. Fahren mehrere Touren bis außerhalb der Gefahrenzone. Am Ende ist Crested Butte wirklich leer. Sie haben nicht jedes einzelne Haus durchsucht, aber sie sind mehrmals laut hupend durch die Straßen gefahren. Falls jetzt wirklich noch jemand nicht mitgekommen sein sollte, ist dem nicht zu helfen.

In Gunnison, dem nächsten Ort, 30 Meilen weiter südlich und 300 Meter tiefer gelegen, atmen sie durch. Ziehen Bilanz. Höchstvermutlich ist die Hexe noch längst nicht besiegt, dazu war der Sturm ihrer Wut zu heftig und in der ganzen Gegend noch zu viel übrig von dem Pilz, Gift hin oder her. Aber geschwächt dürfte sie sein ohne das Herz. Vielleicht sollte man dem Myzel einfach weiter mit Fungizid zu Leibe rücken, die Hexe stetig weiter schwächen. Vielleicht kann man auch über die Roadhouses andere Jäger auf die Sache ansetzen, wenn die zufällig gerade in der Gegend sind. Auf keinen Fall jedenfalls zulassen, dass die Hexe ihre Kraft wieder zurückgewinnt. Das Buch… das Buch ist gefährlich. Extrem gefährlich. Wenn man das der Hexe abnehmen könnte, schön und gut, aber selbst dann darf es nicht in die falschen Hände geraten.

„Häng das bloß nicht an die große Glocke“, mahnt Barry, der befürchtet, Ally könne im Forum über die Ereignisse hier schreiben wollen. Will sie auch tatsächlich, aber der Detektiv kann sie davon überzeugen, dass bei diesem Thema Vorsicht geboten ist.

Sie grübeln noch eine Weile herum, was man noch machen könnte, außer immer mehr Fungizid auf den Hexenpilz zu kippen. Vielleicht die Geister der Ermordeten auf die ‘Weise Frau’ loslassen? Barry nickt zu Allys Vorschlag und erklärt, das werde er sich durch den Kopf gehen lassen. Das sei aber wenn, dann etwas für später. Momentan sind sie alle zu erledigt.

Vielleicht ist auch Agent Saitou eine Möglichkeit, fährt der Ältere dann fort. Nicht gegen die Hexe. Aber gegen den Bürgermeister. Immerhin hat der Kinder ermordet oder ihre Ermordung veranlasst. Vielleicht kann das FBI dem Mann etwas nachweisen, wenn es einen entsprechenden Tipp bekommt und anfängt, den Kerl zu durchleuchten.
„Aber erwähn’ meinen Namen nicht bei Saitou“, brummt Ethan. Hätte er gar nicht sagen müssen, hatte Barry nämlich nicht vor. Der hat ja vorhin mitbekommen, was Ethan über seine Differenzen mit dem FBI-Mann erzählt hat. Egal. Sicher ist sicher.

Schließlich bietet die junge Frau den beiden Männern noch ihre Hilfe an, falls diese je Hilfe brauchen sollten. „Aber ich bin nicht so gut darin, Dinge zu erschießen.“ Prompt dreht Barry das Hilfsangebot an die Studentin um – falls diese mal Bedarf daran hätte, etwas erschießen zu lassen. Ally zögert. „Am liebsten ist es mir ja, es wird gar niemand erschossen“, erwidert sie schüchtern. Schon. Aber das lässt sich eben leider nicht immer vermeiden. Das sagt Ethan aber nicht. Die Studentin sieht schon unglücklich genug aus bei dem Gedanken an Schusswaffen.

Barry auch, aber nicht wegen des Gedanken an Schusswaffen. Der will heim, heim zu Tam, und zwar jetzt sofort, das ist ihm deutlich anzusehen. Allerdings hat er sich bei dem Sturz aus dem Boot einige alte Wunden wieder aufgerissen, die vielleicht nicht lebensbedrohlich sein mögen, aber doch versorgt werden sollten. Zu einem Arzt will er allerdings keinesfalls. Der würde ihm vielleicht Bettruhe verordnen, und das will der Detektiv nicht riskieren. Also näht Ethan ihm mehr schlecht als recht die Wunden, auch wenn davon nun mit ziemlicher Sicherheit Narben zurückbleiben werden. „Du solltest nicht gleich die lange Strecke fahren“, rät Barry dem Jüngeren dann. „Du hast eine Gehirnerschütterung. Ruh dich einen Tag lang aus oder zwei.“ Ethan will erst protestieren, dass er los muss, aber es ist was dran. Er hat Kopfschmerzen, und wenn er die Augen oder den Kopf schnell bewegt, verspürt er einen leichten Schwindel. Er nickt. Wird sich ja wohl ein Motel finden lassen hier.

Bei der Verabschiedung, sie stehen schon an den Autos, will Ally ihr Telefon herausholen. Die Route eingeben vielleicht, oder eine Notiz darin machen. Und ärgert sich dann fürchterlich, weil ihr wieder einfällt, dass sie auf der wilden Flucht den Hang hinauf ja ihr Handy verloren hat. „Es ist wie verhext! Jedesmal, wenn ich endlich mal Beweisfotos habe, passiert meinem Handy irgendwas!“, schimpft sie. Besser ihrem Handy als ihr, findet Ethan, aber auch diesen Gedanken spricht er nicht aus. „Meine Savage ist auch weg“, sagt er stattdessen, um ihr zu zeigen, dass er ihren Ärger nachvollziehen kann. Ally sieht ihn völlig entgeistert an. „Du gibst deinem Gewehr einen Namen?!“ Nun ist es an Ethan, das verwirrte Gesicht zu machen. Es dauert eine Sekunde, bis ihm klar wird, was sie gemeint hat. „Nee“, murmelt er. „Marke. Wie ‘Galaxy ist weg’ statt ‘Handy ist weg’.“ Wobei das strenggenommen nicht stimmt. Der richtige Vergleich wäre ‘Samsung ist weg’ statt ‘Handy ist weg.’ Sonst hätte er ja 93R17 GV 17 HMR sagen müssen.

Barry bedenkt Ethan mit einem seltsamen Blick und fragt ihn, ob er denn keinen Ersatz für sein Gewehr habe. „Nein, ich…“ Natürlich hat Ethan Ersatz. Kein ganzes Arsenal, so reich ist er nicht, aber natürlich verlässt er sich nicht auf eine einzige Waffe. Neben der Remington für das Salz hat er noch ein weiteres Jagdgewehr und eine weitere Schrotflinte. Und genug Geld auf der hohen Kante, um sich für die verlorene Savage eine neue zu kaufen. Sogar zwei oder drei. Aber ihm dröhnt noch immer der Kopf, und Barry versteht sein zögerndes Suchen nach den Worten falsch. Schnell entschlossen holt der Ältere ein Gewehr aus seinem Auto und hält es Ethan hin. „Hier.“
Ethan macht eine abwehrende Geste. „Nein, lass, ich…“ Aber Barry drückt ihm die Waffe einfach in die Hand. „Nimm nur. Ich hab genug davon, und ist ja nun nicht so, als könnte ich so richtig viel mit Gewehren anfangen.“
Okay. Da hat er natürlich recht. Und… naja. Verdammt. Sentimental und alles. Aber: Geschenk und so. Ethan nickt, schlingt sich den Karabiner über die Schulter. „Danke dir.“

Barry nickt ebenfalls. „Oh, und hast du im Sommer vielleicht ein paar Tage Zeit? Die Kinder wünschen sich ein Baumhaus.“ Ethan blinzelt. „Was? Achso. Ja klar. Kann ich machen.“ Ein Besuch bei den Jacksons. Bei Artie. Einfach ein paar Tage mit Freunden. Er lächelt.

Am Mittwoch, Ethan ist noch einen Tag von Burlington entfernt, bekommt er eine SMS von Barry. Eine knappe Nachricht über die Geburt einer gesunden Tochter, Victoria Irene. Von unterwegs schickt Ethan nur eine kurze Glückwunsch-SMS als Antwort. Aber sobald er zuhause ist, bringt er das Päckchen auf die Post, das schon seit einigen Wochen auf genau diesen Moment wartet: Eine Glückwunschkarte (gekauft) und ein von ihm selbst sorgfältig in Laubsägearbeit gefertigtes und bunt bemaltes Mobile aus Sonne, Mond und Sternen.

Im Verlauf der nächsten Wochen hört Ethan immer wieder einmal von Pater Wen, der auch mit den anderen in Kontakt steht. Der Tsunami hat Crested Butte diesmal nicht so schlimm getroffen wie der in den 1920er Jahren, aber schlimm genug. Schlimm genug, dass zahlreiche Einwohner nach der Evakuierung gar nicht mehr zurückgekommen sind. Läden dicht machen mussten. Generell ist die Stimmung in der Stadt schlecht. Bei einem schrecklichen Unfall im Sägewerk ist ein Arbeiter ums Leben gekommen. Einige Bewohner haben es wie die Ute damals gemacht und junge Bäume ausgerissen, aber längst nicht alle. Ein Teil der Bewohner ist dankbar, dass die Kindermorde aufgehört haben, ein anderer Teil eher verärgert. Und wieder andere – oder auch dieselben, das weiß man nicht so genau – sorgen sich um die Schäden, die das Phyton-27 an der Landschaft hinterlassen hat. Denn gut getan hat das Fungizid der Umwelt nicht, soviel ist mal sicher. Die Fische im Peanut Lake haben die Vergiftung nicht überlebt. Und wer weiß, wie sich solche Mengen von dem Zeug auf die Pflanzenwelt auswirken.
Barry erzählt auch, sein Ute-Bekannter Bill habe ihm erzählt, die Naturgeister in der Gegend wirkten träge und wie benebelt. Wegen des Giftes oder wegen der Hexe, konnte bisher niemand sagen.

Aber immerhin: Die Hexe ist deutlich geschwächt. Und der Bürgermeister ist tot. Im Peanut Lake ertrunken. Selbstmord oder von der Hexe getötet, weiß auch niemand. Aber es tut auch eigentlich nichts zur Sache. Ethan jedenfalls verspürt kein Bedauern, als er davon erfährt. Auch keine Genugtuung. Es ist eher ein Gefühl der… Folgerichtigkeit.

Ändert aber alles nichts daran, dass das Problem der Hexe von Crested Butte nicht abschließend gelöst ist. Und dass sie da dringend noch mal weiter was unternehmen müssen. Aber bitte nicht im Sommer. Da hat er ein Baumhaus zu bauen.

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