Supernatural – Buy one Demon, Get One Free

Eigentlich wollte ich mit diesem Diary warten, bis der „Side Side Trip“, an dem Sams Spielerin und ich gerade schreiben und der direkt an den SST „Memories of Portland“ anschließt, fertig ist, weil ich den zweiten Portland-SST erst veröffentlichen wollte. Aber im Moment hat Sams Spielerin gerade wenig Zeit, und das bedeutet, dass die Fertigstellung des SSTs sich noch eine Weile verzögern wird. Deswegen stelle ich das nachfolgende Diary eben doch schon hier ein, auch wenn es zeitlich nach Ethans Rückkehr von der Westküste angesiedelt ist.

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Die Schmerzen von den Zerrungen in Daumen und Schulter sind verschwunden, die Schnitte und Prellungen von seinem Kampf gegen Dr. Garrity und das blaue Auge, das er in dem Kampf gegen Norrey kassiert hat, noch am Verheilen, als Ethan wenige Tage nach seiner Rückkehr aus Portland von Bones Gate auf einen Auftrag geschickt wird. Meredith, New Hampshire heißt der Ort, und dort soll es Frösche geregnet haben. Das, befinden Ethans Arbeitgeber, möge er sich doch bitte einmal ansehen.
Also fährt Ethan hin. Nach New Hampshire ist es ja zum Glück nicht weit. Kein Vergleich mit einem Flug an die Westküste.

Meredith, New Hampshire, ist ein kleiner, idyllisch zwischen zwei Seen gelegener Ort von 1.500 Einwohnern, der im Prinzip aus einer einzigen Hauptstraße besteht, an der alles Wichtige liegt. Unter anderem auch ein Diner, schräg gegenüber vom Sheriffbüro, wo Ethan sich ein bisschen umhören möchte, ehe er überlegt, wie er weiter vorgeht.

Kaum dass er das Lokal betreten hat, winkt eine Gestalt ihm von einem der Tische aus erfreut zu. Junges, offenes Gesicht, blonder, strubbeliger Haarschopf, Hoodie. Ja klar. Lyle Winters, der Teenager aus Alaska.
Ethan tritt zu dem Jungen an den Tisch. „Mr Gale!“ Während Ethan ihm grüßend zunickt, spricht der Kleine schon hastig weiter. „Ich bin nicht besessen!“
Die Aussage entlockt Ethan tatsächlich beinahe ein Schmunzeln, und er winkt amüsiert ab. „Nicht von ausgegangen.“ Lyle wirkt erleichtert. „Ich dachte trotzdem, ich erwähne das lieber mal!“

Nachdem Ethan ebenfalls sitzt und sich einen Kaffee bestellt hat, sieht sein Gegenüber ihn neugierig an. „Sind Sie auch wegen des Froschregens hier, Mr Gale?“ „Ethan“, murmelt der, aber er nickt. „Das ist echt häufig in letzter Zeit“, fährt Lyle munter fort. „In New York gab es erst vor einigen Wochen eine Froschplage, aber da war es ein Dämon, der die ganzen zehn Plagen ausgelöst hätte. Blut, Frösche, Ungeziefer und so weiter… Wir haben ihn aber vor den Eiterbeulen gestoppt.“ Der Junge klingt stolz, als er das erzählt, und Ethan nickt ihm anerkennend zu. „Auch Frösche vor ner Weile“, erwidert er, weil Lyle irgendwie so aussieht, als würde ihn das interessieren. „Kalifornien. Hexe.“
Lyle nickt. „Und der Froschregen hier? Haben Sie schon was gehört, was den ausgelöst haben könnte?“

Ethan hat eben den Kopf geschüttelt, als eine Bewegung draußen vor dem Fenster seine Aufmerksamkeit weckt. Ein Auto, eine schwarze Limousine, auf der genauso gut auch das Wort ‚Regierungsfuhrpark‘ aufgedruckt sein könnte, hat gegenüber angehalten, und der Mann, der aus dem Regierungsfuhrpark aussteigt und das Sheriffbüro betritt, ist niemand anderer als Special Agent Jonathan Saitou. Ethan verzieht das Gesicht, während Lyles Miene sich beim Anblick des Japaners sichtlich aufhellt.
„Das ist Agent Saitou“, freut sich Lyle. „Ob er auch wegen des Froschregens gekommen ist?“
„Kenn den“, knurrt Ethan grimmig. „Würd mich nicht wundern.“
Lyle ist Ethans Missmut nicht entgangen. „Agent Saitou ist aber echt nett, wirklich!“
Als sein Gegenüber diese Bemerkung nur mit einem Brummen quittiert, redet der Junge unbeirrt weiter. „Wenn er wegen der Frösche da ist, sollten wir zusammenarbeiten. Einfach, damit wir uns nicht gegenseitig im Weg stehen.“
Verdammt. Da hat der Kleine nicht mal unrecht. „Mmhm.“

Ethan schaut noch immer unwirsch zum dem Gebäude auf der anderen Seite, in dem der FBI-Mann soeben verschwunden ist, als mit Schwung ein Teller voller Fritten auf den Tisch geknallt wird und ein junger Mann sich auf die Sitzbank fallen lässt. „Okay, Jungs.“

Der Typ ist Ethan beim Hereinkommen schon aufgefallen. Dunkelblonde Haare, Anfang zwanzig und eindeutig nicht von hier, wenn man nach den Tätowierungen, den Piercings in Augenbraue und Zunge und den geweiteten Ohrläppchen geht. Ethan mustert den Neuankömmling einigermaßen skeptisch, während der erst einmal seinen Mundvoll Fritten zuende kaut und Ethans Blick dann beinahe herausfordernd erwidert. „Ich hör andauernd ‚Froschregen‘. Ich bin aus demselben Grund hier. Wisst ihr schon Genaueres?“

Der Typ hat einen Akzent. Definitiv kein Muttersprachler. Ethan hat genug Filme gesehen und an der UVM mit genug Austauschstudenten zu tun gehabt, um die Aussprache als deutsch zu erkennen. Er verwahrt die Information irgendwo im Hinterkopf, sieht den Deutschen ungerührt an.

„Oh. Ich sollte mich vorstellen“, fällt dem Jungen ein. „Mein Name ist Niels Heckler.“ Er verkündet es mit einem Tonfall größter Selbstverständlichkeit, als sei es der Name des Präsidenten persönlich, der jedem sofort etwas sagen müsse. Dass Ethan blinzelt, weil er den Namen tatsächlich schon mal gehört hat, ist allerdings nicht diesem Niels geschuldet. Wenn er sich den so ansieht, ist eine gewisse Familienähnlichkeit sogar nicht mal zu verkennen.
“Ethan Gale”, erwidert er, nicht zuletzt, um sich abzulenken, während Lyle auch schon die ausgestreckte Hand des Fremden ergreift und sich ebenfalls mit vollem Namen vorstellt. Dann fragt der Kleine den Deutschen, ob er auch wegen der Froschplage hier sei. Neugierig wie immer. Ethan verzieht das Gesicht. Aber jetzt hat Lyle den Fremden schon mit einbezogen. Vielleicht hat der ja schon irgendwas herausgefunden. „Froschplage, hm?“, bekräftigt er also Lyles Frage mit einem Blick zu Niels. Der nickt. „Froschplage.“

Die Kellnerin hat Ethans Kaffee immer noch nicht gebracht. Auch Lyles Bestellung nicht, und die ist noch länger her. Die arme Frau sieht aber auch arg überarbeitet aus; der Mittagsandrang ist gerade ziemlich groß. Ohne lange zu fragen, schiebt Niels dem Jüngeren seinen Teller hin. „Siehst hungrig aus.“ Lyle bedankt sich überschwenglich und hat gerade angefangen, sich über die Pommes herzumachen, da springt er doch auf und rennt mit einem „Sekunde!“ hinaus.
Klar. Agent Saitou ist wieder aus dem Sheriffbüro gekommen, und an Agent Saitou hat Lyle ja offensichtlich einen Narren gefressen. Ethan seufzt.

Ethan seufzt gleich noch einmal, als er sieht, wie draußen auf der Straße der Kleine aufgeregt zum Diner zeigt. Er muss nicht dreimal raten, um zu wissen, dass Lyle soeben dem Fed brühwarm berichtet hat, dass er auch hier ist. Na gut, verdammt. Er wirft ein paar Münzen für den nicht bekommenen Kaffee auf die Tischplatte und geht, gefolgt von Niels, langsam nach draußen. Agent Saitou nickt ihm kühl zu, was Ethan ebenso erwidert, dann wendet der Japaner sich an den Deutschen. Ob er auch zu den Leuten gehöre, die sich um solche Fälle kümmerten.
„Das liegt bei uns in der Familie“, erwidert Niels sofort. Ob er das erwartet hat oder nicht, Saitou zeigt keine Überraschung. „Das scheint öfter einmal vorzukommen. Wir sollten zusammenarbeiten. Ihre Expertise in diesen Dingen“ – er verzieht dabei keine Miene, sieht Ethan aber auch nicht an – „kommt mir durchaus gelegen.“

„Was wissen Sie denn schon?“, fragt Lyle interessiert.
Saitou berichtet ohne Umschweife. Dass der Sheriff es eher für einen Dummejungenstreich halte. Dass es gestern nacht die Frösche geregnet habe. Dass es Hinweise auf einen Ritualkreis im Wald gebe und auf einen Hexenzirkel, der das Ritual dort gewirkt habe.
Bei dem Wort „Hexen“ verhärtet sich Ethans Miene. Es ist ihm zutiefst zuwider, dass er derart berechenbar ist, vor allem in Saitous Gegenwart, dem Ethans Reaktion gerade auf Hexen ja auch nicht entgeht, aber er kann es nicht verhindern.

Der Deputy sei draußen am Tatort, berichtet der Agent weiter. Der Sheriff selbst sei nämlich gerade nicht sonderlich einsatzfähig. Oh. Na dann. So oder so müssen sie hin.
Saitou hat seine Staatskarosse, Ethan seinen Nissan. Die beiden jungen Männer fahren mit dem Bundesagenten, aber Ethan bleibt lieber unabhängig. Und außerhalb der Reichweite des Japaners. Ist ihm lieber.

Irgendwann wird der asphaltierte Weg zu einer Gravel Road, die sich schon nach kurzer Zeit als zu holprig zum Weiterfahren herausstellt. Der geländegängigere Hardbody käme vielleicht noch durch, aber die Limousine des Fed auf keinen Fall, also setzen sie das kurze Stück zurück und parken an der Ausweitung kurz vor dem Beginn des Geröllwegs. Da steht auch ein Polizeiauto, dessen Motor zwar abgestellt ist, dessen Rot-Blaulicht aber einsam vor sich hin irrlichtert.

Bei seinem Auto finden sie den vom Sheriff erwähnten Deputy. Während Lyle sich die toten Frösche ansieht, von denen hier tatsächlich bereits einige liegen, teilweise sogar in den Bäumen hängen, und kurze Zeit darauf mit der Information wiederkommt, dass es alles Frösche zu sein scheinen, wie sie hier in der Gegend ganz natürlich vorkommen, hat der Deputy sich als ‚Simon Parker‘ vorgestellt und seiner Verwunderung über die drei sehr unbundesagentigen Bundesagenten, die den Bundesagenten begleiten, Ausdruck verliehen. Er habe einige Spezialisten hinzugezogen, verkündet Agent Saitou, und das scheint den Dorfpolizisten tatsächlich ein bisschen zu beruhigen. Entsetzt darüber, dass hier in diesem friedlichen Ort so etwas passieren konnte, ist er allerdings immer noch. Immerhin gebe es zwar örtliche Schauergeschichten zu den Ruinen, aber doch nicht in Wirklichkeit…
„Was für Ruinen?“ erkundigt sich Ethan. Oh, durchaus überregional bekannte, antwortet der Deputy stolz. Eine Art Fort. Aus dem Unabhängigkeitskrieg, von den Engländern, und es kämen auch immer mal wider Touristen nur wegen dieser Ruinen hierher.
Aha. Interessant. Aber eigentlich nicht das, was Ethan wissen wollte. Na gut, rundheraus ’spukt’s hier?‘ fragen kann er schlecht, aber wenn an den alten Gemäuern etwas Seltsames wäre, dann hätte der Deputy sich das vermutlich anmerken lassen. Dennoch legt Ethan ein Nachhaken zu den Ruinen zur eventuellen zukünftigen Verwendung irgendwo in seinem Hinterkopf ab.

Ob es schon einmal ähnliche Vorfälle hier gegeben habe, will Lyle wissen. Nein, erwidert Parker aufgebracht, noch nie! Solche verrückten Sachen machten doch nur Jugendliche aus Großstädten.
„Sie würden sich wundern, was in Kleinstädten so alles passieren kann“, murmelt Niels, während Lyle bei dem Polizisten nachhhakt, was für Geschichten es denn da gebe. „Ach, urbane Legenden“, ist die Antwort des Deputys. „Typisch Jugendliche eben.“
Lyles fragendem Gesichtsausdruck lässt sich allerdings entnehmen, dass der wenig Ahnung hat, was er sich unter ‚typischen Jugendlichen‘ vorstellen soll, und auch der junge Deutsche sieht extrem kritisch drein.

Agent Saitou geht ein paar Schritte voraus, brummt etwas von ‚Tatort untersuchen‘ und ‚Spuren kontaminieren‘. Jaja. Das hatten sie in Montana schon. Ethan lässt ihn machen.
Einige Minuten später winkt der FBI-Mann sie zu sich heran, nachdem er Fotos geschossen und Beweismittel in Plastiktüten verstaut hat und es anscheinend nichts mehr zu kontaminieren gibt.
„Sehen Sie mal“, deutet er in die Runde. „Was machen Sie hieraus, meine Herren?“

In der Ruine ist tatsächlich ein Ritualkreis aufgebaut worden. Kerzenwachs, Papierfetzen, tote Frösche überall. Die Kerzen sind nicht einfach so heruntergebrannt, sondern etwa ab der Mitte regelrecht explodiert. In der Mitte des Kreises, auf einem aus einem Stück Mauerwerk improvisiertem Altar, liegt ein mehr als nur leicht angesengtes Buch mit einem ledernen Einband, aus dem neben dem Verbrennen auch mehrere Seiten herausgerissen worden sind. Und es hat hier heftig geregnet, ein kleines Stückchen außerhalb aber schon nicht mehr. Eines ist schon mal klar. Ein gewöhnliches Ritual, wie Ethan deren Überreste bisher so gesehen hat, war das hier eindeutig nicht.

Agent Saitou zeigt das angebrannte Buch herum. Die okkulten Symbole darin sind keine Überraschung. Der Stempel der Leihbibiothek von Meredith allerdings schon. Jemand hat sich ein Buch über Rituale aus der Bücherei geliehen? Ooookay. Und die Bücherei von Meredith hat solche Bücher? Doppel-ooookay.

Das sieht allerdings ziemlich danach aus, als sei hier irgendwem ganz gehörig was über den Kopf gewachsen. Die Fußspuren von Schuhen unterschiedlicher Größe, die mit langen Schritten in alle vier Himmelsrichtungen wegführen, scheinen ebenfalls dafür zu sprechen, dass hier was aus dem Ruder gelaufen ist und die Leute, wer auch immer sie waren, eiligst abgehauen sind. Vier Personen, bestätigt der Japaner. Zwei Paar Spuren eher groß wie von Männern, ein Paar klein wie von einer Frau, das letzte Paar Abdrücke von der Größe her undefinierbar.

Wildes Gefluche neben ihm lässt Ethan blinzeln. Dass es wildes Gefluche ist, erkennt man sofort, aber die Sprache ist kein Englisch. Niels schimpft auf Deutsch, wie Ethan erkennt, ohne etwas zu verstehen. Klingt lustig. Und irgendwie anders als die Austauschstudenten an der UVM. Ethan selbst nimmt das Gewetter regungslos zur Kenntnis, Lyle jedoch starrt den jungen Mann unverhohlen an, bis der sich mit einem Ruck wieder fängt. „Ich weiß. Ich klinge manchmal wie ein Hollywood-Nazi.“

Hm. Bibliotheksbuch. Könnte man in der Stadtbibliothek nachfragen, wer das zuletzt ausgeliehen hat. Aber ehe Ethan den Vorschlag machen kann, kommt Deputy Parker wieder zu der Gruppe. Mit schlechten Nachrichten. Er hatte eben mit der Stadt Kontakt, und der Sheriff hat ihm mitgeteilt, dass er soeben den Anruf einer besorgten Mutter erhalten habe, deren Sohn heute nacht nicht nach Hause zurückgekehrt sei. Oh oh. Das klingt tatsächlich nach einem Dummejungenstreich, der aus dem Ruder gelaufen ist. Na ganz spitzenmäßig.

Agent Saitou beauftragt den Deputy, in die Stadt zurückzukehren und dort mit der Mutter des vermissten Jungen zu sprechen. Sie selbst, also Saitou und seine „Berater“, würden sich derweil die Spuren ansehen. Zu diesem Zweck geht Ethan zum Nissan zurück, zögert dort kurz. Überlegt, ob er sowohl die Weatherby als auch die Remington mitnehmen soll, entscheidet sich dann aber doch nur für die salzgefüllte Schrotflinte, nicht für den Karabiner mit der gewöhnlichen Munition, den Barry ihm geschenkt hat, nachdem die Savage im Peanut Lake versunken war.
Im Zweifelsfall wird er mit einer Ladung Salz auch normale Gegner zumindest verlangsamen, während mundane Geschosse dem meisten übernatürlichen Gesocks nichts anhaben können.

Als Ethan mit der Remington über der Schulter zu den anderen zurückkehrt, hat auch Agent Saitou seine Dienstwaffe gezogen, und Niels Heckler zieht soeben eine ziemlich alt aussehende Pistole aus dem Hosenbund. Ähm. Wie Vermont auch, hat New Hampshire zwar sehr liberale Waffengesetze, aber etwas strenger als die in Vermont sind sie doch, gerade was das versteckte Tragen geladener Waffen angeht, was in Vermont legal ist, in New Hampshire aber nicht. Und die Pistole, die Niels da soeben gezückt hat, sieht für Ethans Begriffe deutlich geladen aus. Ob der Deutsche weiß, dass er gerade gegen das Gesetz verstoßen hat?

Seiner verdrießlichen Grimasse zufolge ist ihm das gerade in diesem Moment aufgefallen. Und auch dem Bundesagenten ist der Verstoß nicht entgangen, aber der Japaner entscheidet sich wissentlich dafür, ein Auge zuzudrücken. Saitous anzüglicher Kommentar bezüglich Vasektomien und Hosenbünden macht dem jungen Jäger auch sehr klar, dass der Fed zwar genau gesehen hat, was los ist, aber in diesem Fall nicht durchzugreifen gedenkt.

Die vier Spuren sind in alle vier Himmelsrichtungen auseinandergegangen. Relativ willkürlich entscheiden sie sich dafür, einem der Abdrücke zu folgen, einer der beiden Spuren von Schuhen klar in Männergröße. Die Person hat große Schritte gemacht, und die Fußabdrücke sind verwischt, vor allem vorne, und vorne sind sie auch tiefer als hinten. Derjenige ist gerannt, mit anderen Worten, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Haken zu schlagen ziemlich geradeaus, soweit das Gelände es erlaubt hat.

Irgendwann stößt von der Seite eine weitere Spur zu der ersten, ebenfalls rennend. Und es ist definitiv eine der Spuren vom Ritualplatz: das eine Paar Schuhe, das nicht so ganz eindeutig als männlich oder weiblich zu identifizieren war. Die beiden Paare von Fußabdrücken führen gemeinsam tiefer in den Wald, bis das Gelände irgendwann felsig wird und man ihnen nicht mehr richtig folgen kann. Aber auch hier sind Frösche niedergegangen, und so kann man immerhin doch noch einigermaßen erkennen, wo die beiden Personen entlanggekommen sind, einfach weil dort zertretene Frösche liegen.

Sie müssen etwas klettern. Umrunden einen Felsvorsprung. Und halten allesamt schlagartig inne. Denn da sitzt einer der Gesuchten, als würde er auf sie warten. Nur dass dieser junge Mann auf nichts und niemanden mehr wartet. Die Kehle wurde ihm durchgeschnitten, und da, wo einmal seine Augen waren, gähnen dunkle, leere Höhlen. Die Augen. Ausgestochen.

Und mit einem Mal ist Ethan zurück in Dr Garritys Villa. Gefesselt in dem Stuhl. „Wo ist der scharfe Löffel?“ Ganz unwillkürlich geht Ethans Hand zu dem verheilenden Schnitt an seiner Schläfe, wo der Wahnsinnige ihm um ein Haar sein eigenes Auge ausgestochen hätte.
Ethan spürt, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht weicht, und er stolpert einen Schritt zurück, kämpft mit den Bildern, die so unvermittelt in ihm hochgekocht sind. Es ist vorbei. Du hast dich befreit. Garrity ist verhaftet.
Aber trotzdem pocht die Wunde ebenso heftig wie der Schnitt am Hals, und es dauert einen langen Moment, ehe er zurück ins Hier und Jetzt findet.
Lyles besorgte Stimme. „Alles in Ordnung?“
„Geht schon“, brummt Ethan, auch wenn er sich noch alles andere als nach ‚geht schon‘ fühlt. Aber es wird gehen. Muss. Wenn er sich von dem Anblick fernhält, jedenfalls.

Drüben bei der Leiche ist Agent Saitou gerade dabei, ein Foto zu machen und es an den Deputy zu schicken. Oder den Sheriff. Oder beide. Niels murmelt etwas davon, dass er dem zweiten Paar Fußspuren weiter nachgehen will, und Ethan überlegt ernsthaft, sich ihm anzuschließen, einfach um hier wegzukommen, aber der Junge ist schon weg. Kurze Zeit später allerdings kommt er auch schon wieder mit der schlechten Nachricht, dass die Spuren bis zur Straße nach Meredith geführt und sich dort auf dem Asphalt verloren haben.

Der Fed hat inzwischen die Bestätigung erhalten, dass es sich bei dem Leichnam tatsächlich um den vermissten Jerry Stevens handelt. Er bittet den Sheriff, sich bei der Mutter des toten Jungen zu erkundigen, wer dessen Freunde waren, und diese Freunde dann aufzufordern, zuhause zu bleiben, weil der Mörder es vielleicht auch auf sie abgesehen haben könnte. Außerdem soll das Sheriffbüro doch bitte kommen und den Leichnam bergen.

Als er aufgelegt hat, nimmt der FBI-Mann sich das Handy des Jungen vor, durchsucht dessen Kontakte und Textnachrichten. Und wird sogar fündig. Da gibt es eine WhatsApp-Gruppe, sagt er, in der Jerry sich mit ein paar anderen verabredet hat, um „das coole Ding abzuziehen“. Dummerweise allerdings finden sich seine Gesprächspartner nicht mit vollem Namen in der Kontaktliste – da steht nur etwas von DD, Shannon und MC. Die Namen gibt der Agent per Telefon an Deputy Parker weiter, vielleicht kann der etwas damit anfangen. Sonst werden sie wohl später noch genauer suchen müssen.

Für’s Erste fragt Saitou erst einmal in die Runde, ob es Wesen gibt, die so scharfe Klauen haben, dass die Wunden wie von einem Messer geschnitten aussehen – auch wenn der Agent selbst eher vermutet, dass die Schnitte von einem echten Messer verursacht wurden. Auch, weil hier auf dem Boden keine Spuren einer Kreatur außer den beiden Rennenden zu sehen sind.
„Harrdhui“, murmelt Ethan, der sich wieder einigermaßen gefangen hat. „Aber anders. Und machen Spuren.“

Die Symbole auf dem teilweise verbrannten Buchdeckel, den der Bundesagent dann herumzeigt, kann Ethan aber nicht zuordnen. Vielleicht ist er doch noch zu durcheinander – oder sie sagen ihm einfach wirklich nichts. Auf Lyle wirken sie flüchtig bekannt aus seiner Zeit auf der Farm, sagt er, aber es ist Niels, der ihnen tatsächlich weiterhelfen kann. Er kennt nicht nur die Symbole auf dem Einband, sondern auch das Buch selbst. Der junge Deutsche gibt sich etwas überrascht, dass man so etwas in einer Leihbibliothek findet, und erklärt, darin befinde sich eine Anleitung dazu, wie man einen Dämon beschwört. Und nicht einfach irgendeinen Dämon, sondern Bilwis, den Dämon des Neids und der Bosheit und Verkörperung der Gefahren der Natur. Das einzige, was er nicht mit Sicherheit sagen kann, ist, ob es für diesen Dämon typisch ist, seinen Opfern die Augen herauszuschneiden.

„Das ist eine ganz große Scheiße, die diese Kiddies hier abgezogen haben!“ wütet Niels und hämmert mit der Faust gegen den nächsten Baum. Das hat seiner Faust sicherlich mehr weh getan als dem Baum, aber es scheint den Jungen wenigstens wieder ein bisschen runterzuholen.

„Wenn es ein Dämon war, der hier beschworen wurde, ist dann jemand von ihm besessen?“ will Agent Saitou wissen. „Kann man ihn austreiben?“
Das geht, versichern ihm die anderen drei. Wenn man den Dämon denn erkennt. Dämonen zeigen sich an schwarzen Augen, soviel weiß der Agent schon. Aber die sind nicht immer sichtbar, erkundigt er sich dann noch, oder? Richtig. Das ist ja das Problem. Eines der Probleme.

Lyle wundert sich laut, warum dem Opfer wohl die Augen genommen wurden, und wurden sie ausgebrannt oder herausgeschnitten? Herausgeschnitten, sagt Saitou, was den Jungen tatsächlich eher zu beruhigen scheint, erstaunlicherweise.

Der Agent schlägt vor, in die Stadt zurückzukehren und den Dämon dort zu suchen. Ethan hingegen ist eher dafür, sich vom Ritualplatz aus nochmal die Spuren der anderen genauer anzusehen. Vielleicht gibt es da noch weitere Hinweise.
Ehe sie sich allerdings einigen können, klingelt das Telefon des FBI-Manns: Deputy Parker benötigt die GPS-Koordinaten des Leichenfundes, um den Krankenwagen hinschicken zu können. Überhaupt wirkt der Mann ziemlich überfordert, aber wenigstens hat er im Schülerverzeichnis der örtlichen High School eine Shannon gefunden. DD und Mac zwar nicht, aber in Jerrys Telefon gibt es ja eine Kontaktliste. Die beiden fehlenden Nicknames aus der Whatsapp-Gruppe haben Nummern hinterlegt, und die ruft Saitou kurzerhand einfach an.

Der „DD“ aus dem Chat stellt sich als ein Junge namens Dave Duran heraus. Der FBI-Mann spricht, hört zu und weist seinen Gesprächspartner dann an, auf jeden Fall zuhause zu bleiben und vor allem seine beiden Mitschülerinnen – neben ‚Shannon‘ spricht Saitou auch von einer ‚Rachael‘ – nicht ins Haus zu lassen. Sobald er aufgelegt hat, berichtet der Agent. Auf die Ereignisse des Vortags angesprochen, habe der Teenager herumgedruckst, sie hätten sich doch gar nichts bei der Sache gedacht, das sei doch nur ein Spaß gewesen. Aber dann hätten die Kerzen so merkwürdig hell gebrannt, und es seien Frösche vom Himmel gefallen, und da seien sie alle weggerannt. Dave habe Shannon mit der Aktion erschrecken wollen, aber gekommen sei die Idee von Rachael McClellan.

Die Adressen und Nummern der beiden Mädchen hat der Agent sich von dem Jungen auch gleich geben lassen. Sehr gut. Nur am Telefon zu erreichen sind sie nicht, keine von beiden. Und das wiederum ist gar nicht gut.
Besorgt will Saitou nun erst recht in die Stadt zurück, die beiden Mädchen ausfindig machen. Ethan aber denkt immer noch, am Ritualplatz seien vielleicht noch Spuren zu finden. Oder vielleicht, Himmel bewahre, weitere Leichen. Das, und ihm ist in der Gegenwart des Bundesagenten immer noch ein bisschen unwohl. Also marschiert er los, und Niels folgt ihm.

Bei den Ruinen, bzw. am Ende der beiden übrigen Paare von Fußspuren, die beide irgendwann an der asphaltierten Straße enden, sind keine Leichen zu finden. Puh. Na dann zurück, um auf den Krankenwagen zu warten. Niels marschiert neben Ethan her, und der sieht immer wieder zu dem Jüngeren hinüber. Heckler, verdammt. Und ja, Familienähnlichkeit, verdammt. Eigentlich ist es ja egal, aber jetzt lässt die Neugier ihm doch keine Ruhe. „Kannte mal wen namens Heckler“, brummt er.
Niels bleibt stehen, was auch Ethan zum Anhalten veranlasst. „Eine Ms. Heckler?“ will der Deutsche wissen.
Als Ethan nickt, verfinstert sich das Gesicht des Jungen schlagartig, und einen Herzschlag lang ist Ethan sich sicher, dass Niels jetzt auf ihn losgeht. „Alter! Mann! Du bist der Kerl, der sie sitzengelassen hat!“
Ethan schnaubt bitter. Ja klar. Anfangs vielleicht. Aber nach ihrem Erlebnis in dem Haus bei Locust Heights hat er eigentlich gedacht, sie würden es versuchen. Ein paar Wochen lang hat er das wirklich gedacht. „Ach?“ macht er sarkastisch. Schön, dass du es sorum erzählst, Fey. Wenn dir das hilft.

Niels scheint sich von seinem Beinahe-Gewaltausbruch schon wieder gefangen zu haben, denn nun rudert er sehr schnell und sehr verlegen zurück. “Sorry. Sorry, ich wollte nicht… Das sollte nicht… Sorry. Euer Ding. Ihr Ding.“
Ethan nickt. „Kompliziert“, erklärt er. Was soll er auch sagen? Ich habe einen Fluch auf mir, und ich hätte mit deiner Verwandten welchen Grades auch immer nicht mehr schlafen können, ohne sie umzubringen? Aber sie war eben doch nicht verliebt genug, um es ohne zu probieren, und deswegen ist sie gegangen?
Sein Gegenüber ist immer noch im Rückruder-Modus. “Du bist jedenfalls sympathischer als der komische Engländer, den sie jetzt datet“, lässt er Ethan wissen.

Oh. Oho. Einen kurzen Moment lang gibt es Ethan einen Stich, dass Felicity einen neuen Freund hat. Aber das ist nur ein instinktiver, flüchtiger Reflex und gleich wieder verschwunden, beiseite gewischt von dem inzwischen schon so vertrauten Gewicht des Anhängers um seinen Hals und der Erinnerung an Portland.
„Wünsch ihr Glück“, sagt er nach einem Augenblick des Schweigens, und seine Stimme klingt tatsächlich so, wie er sich fühlt, als er die Worte ausspricht: gelassen und ruhig und völlig neutral.
„Okay“, murmelt Niels. „Soll ich ihr noch irgendwas ausrichten?“
Ethan überlegt kurz, nickt dann. „Tut mir leid. Alles.“ Eigentlich stimmt das nicht so ganz. Er bedauert nicht das geringste bisschen, dass es gekommen ist, wie es jetzt gekommen ist. Das war gut und genau richtig so. Aber ja, eines tut ihm leid: dass er Felicity erst so spät reinen Wein eingeschenkt hat. Dass er ihr wehgetan hat. Und wenn Niels ihr das ausrichten kann, ist das gut. Nein, da waren nicht genug Gefühle, als dass sie es auf Dauer hätten versuchen können. Aber vielleicht kann sie ja irgendwann doch auf diese Zeit zurücksehen und auch etwas Gutes daran finden.

Vielleicht spiegelt sich etwas von diesen Gedanken in Ethans Gesicht wieder, denn jetzt klopft Niels ihm kameradschaftlich auf die Schulter, ehe er sich wieder in Bewegung setzt.
Ethan geht eine Weile schweigend neben ihm her, bevor er wieder den Mund aufmacht. „Bruder? Cousin?“
„Cousin“, erwidert der Deutsche.
Klar. Das hätte Ethan sich fast selbst denken können. Bruder wäre zu nah dran, denn Felicity hat keinen Akzent. Okay, kein Hindernis im Prinzip, aber doch schon ein gewisser Hinweis. „Ah“, macht er, und Niels fährt fort: „Ich hab nur noch sie. Und meine Schwester.“
Puh. Auch nicht schön. Verdammt.

Sie sind fast wieder bei Ethans Nissan angelangt, da sehen sie den Krankenwagen kommen, dem sie erst einmal den Weg weisen und beim Abtransport des Leichnams helfen, ehe sie sich zurück auf den Weg in die Stadt machen.

Beim Sheriffbüro treffen sie sich mit den beiden anderen und erfahren, was die indessen unternommen haben. Rachael McClellan ist inzwischen die Hauptverdächtige für die Besessenheit, sagt Agent Saitou. Sie haben nämlich diese Shannon erreicht und mit ihr gesprochen, und von der stammten die eindeutigen Mädchenfußabdrücke. Außerdem habe Shannon erzählt, dass Rachael etwas für Dave übrig habe, aber der sei ihr, Shannons, Freund. Okay. Das ist doch mal ein Motiv für einen Dämon des Neids und der Bosheit.
Der Agent hat dem Mädchen aufgetragen, unbedingt zuhause zu bleiben, auch nicht zur Schule zu gehen, und niemanden ins Haus zu lassen, da der Mörder noch auf freiem Fuß sei, nicht einmal ihre Freunde. Auch ihren strengen Vater habe Saitou mit ins Boot geholt und ihm klar machen können, dass Shannon für einige Tage zuhause bleiben müsse, sagt er.

Lyle wirkt nachdenklich. Auf Nachfrage seitens der anderen erklärt er, er frage sich immer noch, warum das Buch beinahe bis zur Unkenntlichkeit verbrannt wurde. Das wiederum bringt Agent Saitou dazu, Niels zu fragen, ob der sich vielleicht an etwas aus dem Buch erinnern könne, womit sich ein Dämon bannen ließe? „Klar“, sagt der junge Deutsche. „Da steht sowas drin. Das ist aber der absolute Standardexorzismus.“

Dass es Frösche geregnet hat und die Kerzen so explodiert sind, ist jedenfalls auch ungewöhnlich für eine ’normale‘ Beschwörung. „Das war auf der Farm ganz anders“, murmelt Lyle, was nur wieder einmal klar macht, wie krank die da auf seiner Farm gewesen sein müssen. Aber soweit, dass das keine ’normale‘ Beschwörung war, waren sie ja schon. Und dass da irgendwas gewaltig schiefgelaufen sein muss, auch.

Aber warte. Dieser Bilwis, der da gerufen wurde, ist der Dämon des Neids und der Bosheit. Warum sollte er Jerry umbringen, wo Rachael doch gerne die Freundin von Dave wäre und somit eigentlich eher Shannon aus dem Weg räumen müsste?
Agent Saitou runzelt die Stirn. „Nach allem, was ich bisher so über Besessenheit weiß, hat der Wirt doch eigentlich gar nichts mehr mit den Zielen und Wünschen des Dämons zu tun, oder? Der Dämon holt sich die Sprache und die Fähigkeiten seines Wirtes, aber der Besessene hat doch gar nichts mehr zu sagen, dachte ich?“
Ethan verzieht das Gesicht. Nur zu deutlich hat er noch Dr. Garritys helle, sanfte, wahnsinnige Stimme im Ohr. ‚Exorziert, hat er gesagt. Er hat einen Teil von mir gestohlen!‘ Er wiegt den Kopf. „Geht auch mit Kooperieren“, brummt er. „Hatte ich grad.“

Das Wissen, dass es anscheinend Leute gibt, die sich freiwillig von einem Dämon besetzen lassen, scheint Lyle ziemlich mitzunehmen. Klar, verdammt. Ethan könnte sich treten. Der kommt von einem Ort, wo den Jugendlichen die Besessenheit regelmäßig aufgezwungen wurde. Kein Wunder nimmt den das mit. Ethan tritt zu dem Teenager und legt ihm vorsichtig die Hand auf die Schulter. Scheint ein bisschen zu helfen, aber so richtig dummerweise wohl nicht.

Vielleicht, um sich vom Thema freiwillige Besessenheit abzulenken, fragt Lyle Niels nochmals nach Jerrys herausgeschnittenen Augen. Aber obwohl das tatsächlich sehr ungewöhnlich ist, kann der Deutsche sich an keinen Fall erinnern, wo es mit den Augen eine besondere Bewandtnis gehabt hätte. Aber, so sagt der junge Jäger dann, er befürchte irgendwie, der Dämon sei nicht allein gekommen.

Das lässt alle stutzen. „Zwei Dämonen?“, fragt der Bundesagent. „Dann müsste der zweite Dämon ja eigentlich auch in einem Wirt sein.“
Bei dem Ritual war aber außer Dave und Shannon sonst niemand anwesend – und keiner der beiden Jugendlichen scheint besessen zu sein. Wobei – würden sie das auf Anhieb merken?
„Oder…“ sinniert Ethan langsam, während sich unvermittelt, völlig intuitiv, in seinem Kopf eine Verbindung, eine Erkenntnis, formt, „zwei in Rachael? Und Kerzen deswegen?“

Niels nickt heftig, in plötzlicher Zustimmung. „Das kann sein!“ Als er weiterspricht, klingt seine Stimme wie ein auswendig gelerntes Zitat. „In seltenen Fällen kann es vorkommen, dass sich zwei Dämonen eines Körpers bemächtigen. Aber das bleibt nicht unbemerkt, denn die Natur reagiert auf eine solche Abscheulichkeit.“
Ja klar! Und deswegen der starke Regen und die Frösche und die Kerzen!
Sobald er das Zitat beendet hat, räuspert Niels sich verlegen. „Hab ich von meinem Vater.“ Eilig spricht er weiter. „Aber das hält der Wirtskörper auf Dauer nicht aus. Der zweite Dämon muss irgendwann wechseln, sich einen neuen Wirt suchen.“

„Oder bauen?“ mutmaßt Ethan. „Und dafür die Augen?“
Aber nein, schüttelt er gleich darauf selbst den Kopf. In Tote zu fahren, stellt für Dämonen eine ziemliche Schwierigkeit dar. Und das ist auch gut so, denn sonst hätte die Menschheit ein deutlich größeres Problem.

Lyle wirft ein, dass er sich eine Fehde zwischen den beiden Dämonen vorstellen könnte, aber diese Möglichkeit will sonst keiner so recht in Betracht ziehen. Oder besser, das ist einfach etwas, das sie nicht überprüfen können und das auch eigentlich keinen rechten Unterschied macht. Sie haben zwei Dämonen hier irgendwo in der Stadt herumlaufen, und die müssen sie irgendwie kriegen.
„Kreis, einfangen“, schlägt Ethan vor und meint eine Dämonenfalle mit dem ‚Kreis‘, aber niemand hört es. Oder zumindest reagiert niemand darauf.

Langsam wird es aber auch Abend, und Agent Saitou beschließt, dass die Häuser von Dave und Shannon beobachtet werden sollten. Er selbst will mit Lyle zusammen Shannons Haus bewachen, Niels und Ethan sollen sich das von Dave vornehmen, erklärt der Fed. Alles klar. Glücklicherweise wohnen die beiden Teenager nicht weit auseinander, gerade mal zwei Minuten, falls an einem der Orte wirklich was passiert.

Im Nissan wechseln Ethan und Niels sich mit dem Schlafen ab, während der jeweils andere Daves Haus observiert, aber die ganze Nacht über geschieht rein gar nichts. Das ändert sich schlagartig gegen acht Uhr morgens, als plötzlich Niels‘ Telefon klinglt und Lyle am Apparat ist. „Shannon ist zur Schule gefahren! Obwohl Agent Saitou doch gesagt hat, sie müsse heute zuhause bleiben!“ Drecksmist!

Wo die High School ist, hat Ethan zum Glück gestern im Vorbeifahren gesehen – ziemlich im Ortskern von Meredith und nicht weit weg. Trotzdem ist von ihren beiden Mitstreitern nichts zu sehen, als er den D21 auf dem Schulparkplatz zum Halten bringt, sich die Remington schnappt und eilig aus dem Wagen springt. Auf der Beifahrerseite ist Niels, seine alte Pistole in der Hand, ebenfalls schon draußen.

Sie sind eben noch dabei, sich zu orientieren, da klirrt es im Obergeschoss, und aus einem der Fenster – durch eines der Fenster, genauer gesagt; mitten durch die Scheibe – springt eine Gestalt. Obwohl eindeutig mindestens ein Arm gebrochen ist, richtet die Person – eine Frau mittleren Alters, aber mit dämonenschwarzen Augen, falls nach diesem Sprung noch irgendwer daran gezweifelt hätte – sich in einer geschmeidigen Bewegung auf und rennt davon.

Die beiden Jäger setzen ihr nach. Ethan legt den schnelleren Sprint hin und schafft es tatsächlich, die Frau – eine Lehrerin? Vermutlich – zu erreichen. Er hat zwar nie Football gespielt, aber einen Tackle bekommt er trotzdem zustande. Verbissen ringt er die Besessene zu Boden und hält sie fest, damit Niels den Exorzismus sprechen kann.

„Exorcizamus te, omnis immundus spiritus…“

Während der Deutsche die ersten Sätze intoniert, sieht Ethan aus den Augewinkeln, wie Lyle und der Japaner näherkommen. Aber er muss all seine Konzentration darauf richten, dass der Dämon ihm nicht entkommt, und so bemerkt er zu spät, dass jemand, ein hübsches dunkelhaariges Mädchen – Rachael, da ist Ethan sich sicher – , hinter Niels auftaucht und dem eine Eisenstange über den Rücken brät. Der junge Jäger stolpert, kann sich aber irgendwie abfangen und auf den Füßen halten. Nur seinen Exorzismus dabei auch noch weitersprechen, das kann er nicht. Verdammt, verdammt, verdammt!

Unter ihm windet sich der Lehrerinnen-Dämon. Ethan sieht sich hektisch um, aber die anderen beiden sind noch zu weit weg, und es ist keine Sekunde zu verlieren. Er beißt die Zähne zusammen und übernimmt selbst. Von vorne, elender Drecksmist, sonst wirkt es nicht!

„Exorcizamus te, omnis immundus spiritus, omnis satanica potestas…“

Saitou wirft sich Rachael entgegen und fasst sie in einem Polizeigriff. Das fällt dem FBI-Mann nicht leicht, denn der Körper der zierlichen Sechzehnjährigen ist nur ein Gefäß für einen deutlich kräftigeren Dämon. Aber irgendwie schafft er es.

„…Ergo draco maledicte et omnis legio diabolica adjuramus te…“

Gerade hat Ethan seinen Dämon in eine halbwegs stabile Lage gerungen, da bäumt die Frauengestalt sich in einem übermenschlichen Kraftakt auf und wirft ihn wie eine Stoffpuppe von ihrem Rücken. Ethan fliegt bestimmt einen Meter weit, prallt schmerzhaft auf dem Asphalt auf – aber irgendwie, er hat keine Ahnung, wie, gelingt es ihm, den Exorzismus nicht zu unterbrechen.

„…Vade, Satana, inventor et magister omnis fallaciae, hostis humanae salutis…“

Niels greift sich die Eisenstange, die der Rachael-Dämon fallengelassen hat, als er von Saitou in den Polizeigriff genommen wurde, und reißt damit den Lehrerinnen-Dämon von den Füßen, der gerade auf den am Boden liegenden Ethan losgehen will. Von irgendwo weiter hinten hört Ethan, wie Lyle ebenfalls mit den Worten des Exorzismus beginnt, als sei es ein merkwürdiger Kanon, den sie da gemeinsam vortragen.

„Exorcizamus te, omnis immundus spiritus…“

Verdammt, bloß nicht durcheinanderbringen lassen! Dankbar für die Atempause, die der deutsche Jäger ihm verschafft hat, kommt Ethan wieder auf die Beine, noch immer den Exorzismus sprechend. Elender Mist, so viel am Stück hat er seit Jahren nicht geredet!

„…Ab insidiis diaboli, libera nos, Domine…“

Wachsam behält Ethan die Lehrerin im Blick, die auch gerade wieder aufspringt. Aus dem Augenwinkel kann er sehen, wie Rachael sich in Agent Saitous Griff windet, kratzt und beißt und faucht wie ein wildes Tier. Und dann öffnet sie den Mund ganz weit und schreit. Sie schreit laut und durchdringend und so hoch und schrill, dass Glas zerspringen würde, wenn ausreichend dünnes Glas in der Nähe wäre. Au! Au, verdammt! Drecksmist, tut das weh! Ethan muss all seine Kräfte aufbieten, um nicht in völliger Verzweiflung die Hände auf die Ohren zu schlagen, den grausamen Ton wenigstens abzudämpfen, wenn er ihn schon nicht verschwinden lassen kann. Aber das geht nicht. Das darf er nicht. Er. Darf. Nicht. Aufhören! Mit zusammengepressten Zähnen ringt er sich die nächsten Sätze ab. In seinen Gehörgängen brennt ein loderndes Feuer, und er spürt etwas warm zu beiden Seiten seines Gesichts herunterlaufen. Oh verdammt. Er blutet aus den Ohren.

„…Ut inimicos sanctae Ecclesiae humiliare digneris, te rogamus, audi nos…“

Der Lehrerinnen-Dämon kommt auf ihn zu, tritt nach ihm. Die Absicht ist unverkennbar. Nicht nur nach ihm. Sondern genau zwischen die Beine. Irgendwie, gerade so, schafft Ethan es, dem Tritt auszuweichen, nach hinten zu springen, während sein Dämon ihm fauchend hinterherkommt. Ethans Ohren bluten immer noch, und irgendwie sind alle Geräusche, bis auf das infernalische Geschrei des anderen Dämons, unnatürlich gedämpft, wie durch Watte. Vielleicht hat Rachael ihm das Trommelfell kaputtgeschrien. Egal. Weiter. Fast geschafft.

„…fortitudinem plebi suae. Benedictus deus. Gloria patri!“

Laut, triumphierend beinahe, ruft Ethan die letzten Worte, und die Frauengestalt, die eben noch auf ihn losgehen wollte, fällt reglos zu Boden, während ihr schwarzer Rauch aus Mund und Nase fährt und im Boden verschwindet. Zurück bleibt eine bewusstlose Lehrerin mittleren Alters in völlig unnatürlicher Position und mit mehr als einem gebrochenen Knochen. Oh verdammt. Aber nicht jetzt. Da ist noch der zweite Dämon.

Lyle hat sich ebenfalls nicht von Rachaels schrillem Schrei unterbrechen lassen. Er steht in etwas Entfernung in Deckung hinter einem Auto und spricht beharrlich seinen Exorzismus weiter, während Agent Saitou das Mädchen, ohrenblutenmachender Schrei oder nicht, weiter auf dem Boden festhält. Doch dann reißt der Rachael-Dämon sich los, kugelt seinem Wirt ohne Rücksicht auf Verluste den Arm aus, um freizukommen, und stürzt auf den jungen Exorzisten zu.

Mit einem wütenden Ausruf kommt Niels, der von Rachaels Schrei mit auf die Ohren gepressten Händen in die Knie gegangen war und es gerade geschafft, hat, mit einer sichtlichen Willensanstrengung die Hände doch von den Ohren zu reißen, wieder auf die Beine. Er stürmt zu Rachael hin und wirft sich auf sie, ringt sie zu Boden.
Ethan stellt sich indessen schützend vor Lyle, und ehe der Dämon sich losreißen kann, beendet der Junge seinen letzten Satz. Und auch hier entweicht der Dämon in einer schwarzen Wolke aus dem Mädchen, das daraufhin bewusstlos zu Boden fällt.

Nachdem sie bei den beiden verletzten Frauen – die glücklicherweise beide zwar bewusstlos, aber noch am Leben sind – erste Hilfe geleistet haben und auf den Krankenwagen warten, schlägt der Agent dringend vor, dass sie alle ins Krankenhaus gehen sollten. Immerhin sei mit einem geplatzten Trommelfell nicht zu spaßen, und ihnen allen dröhnt gewaltig der Kopf, ganz zu schweigen davon, dass ihnen allen durch den Schrei des Dämons Blut aus den Ohren gelaufen ist. Aber Lyle behauptet steif und fest, es gehe ihm gut, es sei ihm nichts passiert, und er müsse nicht zum Arzt. Ethan hat wenig bis keine Ahnung, was man in solchen Fällen tun muss, aber er fühlt sich jetzt auch nicht so, als müsse er dringend in die Notaufnahme. Arzt, sicher. Krankenhaus? Vielleicht später.

Der Krankenwagen kommt, und Agent Saitou übernimmt die Erklärungen. Irgendeine wilde Geschichte, die Ethan gar nicht so richtig mitbekommt, um das Verhalten der beiden Frauen zu erklären. Psychologische Nachbetreuung. Was eben so dazugehört. Der Mordfall an Jerry wird wohl als ungelöst in die Akten eingehen oder einem unbekannten Landstreicher zugeschrieben werden, aber das ist nicht zu ändern. Wenigstens die Dämonen sind fort.

Als der Rettungswagen abgefahren ist, geht Ethan zu Niels hinüber, der missmutig hin- und herstapft und irgendwas auf Deutsch vor sich hinmurmelt. „Gute Arbeit mit der Eisenstange“, spricht Ethan ihn an. Wenn der junge Jäger nicht so reaktionsschnell den Dämon von den Füßen geholt hätte, wer weiß, wie die Sache ausgegangen wäre.

Aber Niels ist nicht in der Stimmung für dankbare Worte. Mit einer heftigen Bewegung zieht er ein Buch aus der Tasche – eine Bibel, wie es scheint – und wedelt Ethan damit vor der Nase herum. Dazu lässt er eine lange, polternde Tirade los: Wie es denn gute Arbeit sein könne, wo er doch wie ein Anfänger zu Boden gegangen sei, sich von dem Dämon habe überwältigen lassen. Ein Heckler, der nicht mal in der Lage sei, sich gegen einen einfachen Schrei zu wehren – sein Vater habe recht, er sei zu nichts nütze und werde es auch nie sein; ein Versager auf ganzer Linie.

Ethan lässt ihn reden. Hört sich den ganzen bitteren, höhnischen Wortschwall stumm an, bis er sicher ist, dass der Jüngere sich fertig ausgekotzt hat. Schüttelt dann den Kopf. „Hast deinem Namen keine Schande gemacht.“ Heckler oder nicht, alte Jägerfamilie oder nicht, völlig egal. Jeder hätte von dem Schrei niedergerungen werden können – es hat nicht viel gefehlt, und Ethan wäre ganz genau dasselbe passiert. Und mit seiner Aktion mit der Eisenstange hat Niels ihm eindeutig ermöglicht, den Exorzismus fertig zu sprechen, wenn nicht gar rundheraus das Leben gerettet. Ganz zu schweigen davon, dass er den Rachael-Dämon festgehalten hat, bis Lyle ihn zuende exorzieren konnte.

Niels zögert, sieht ihn einen Moment lang groß an, ehe er verlegen die Bibel wieder in die Hosentasche steckt. „Danke, Mann“, sagt er dann, deutlich ruhiger als zuvor. „Du bist schon schwer in Ordnung.“

Lyle und der Bundesagent sind währenddessen schon ins Diner vorausgegangen, wo sie sich eine Weile später wieder treffen. Lyle hat eine verlegene Röte im Gesicht und hält ein Buch sehr fest in den Händen. Irgendwas mit ‚Weltgeschichte‘, wie dem Einband zu entnehmen ist. Offenbar hat der Junge das gerade von Agent Saitou geschenkt bekommen. Huh. So hätte Ethan den Japaner gar nicht eingeschätzt, dass er fremden Leuten Geschenke macht, aber anscheinend mag er den Kleinen ganz gerne. Naja. Beruht bei dem ja auf Gegenseitigkeit.

Verdammt. Eigentlich haben sie ja gerade ganz gut zusammengearbeitet, Saitou und er. Sollte er anerkennen, irgendwie.
Ethan atmet tief durch und sieht seine drei Mitstreiter der Reihe nach an. „Möchte euch danken. Allen.“ Ja. Auch Saitou. Der macht ein regloses Gesicht, und auch Niels nickt nur knapp, aber Lyle wirkt erstaunt. „Wofür denn?“ Zur Antwort zuckt Ethan mit den Schultern, nickt dann nach draußen. „Aber das wollten wir doch alle!“, erwidert Lyle. Ja. Schon. Aber trotzdem.

Als Niels sich zu den beiden an den Tisch setzen will, steht Agent Saitou auf. „Können wir uns kurz unterhalten, Mr Gale?“ Als Ethan ihn misstrauisch ansieht, schmunzelt der Fed. „Keine Sorge. Ich habe nicht vor, Sie festzunehmen.“

An einem Tisch in der hinteren Ecke des Raumes, wo sonst weit und breit niemand sitzt, nehmen sie Platz. Ethan fühlt sich noch immer auf dem falschen Fuß erwischt und in die Defensive gedrängt, und er wartet skeptisch ab, was Saitou ihm wohl sagen will. Und als der Bundesbeamte es dann tut, bleibt ihm erst einmal förmlich die Spucke weg.
„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Und Ihre Freundin auch nicht.“ Freundin. Einen Moment lang flackern Ethans Gedanken zu Sam, zu ihrem dunkelgrünen VW-Bus, und er fragt sich, wo sie in diesem Augenblick wohl sein mag. Ja. Er vermisst sie. Sehr sogar. Aber Saitou spricht schon weiter, und Ethan ist sich bewusst, dass er von dem, was der Agent da sagt, besser kein Wort verpassen sollte. Schweigend hört er zu, während der Fed redet. „Ich kann immer noch nicht behaupten, dass ich glücklich darüber bin, dass Sie einfach losgegangen sind und die beiden Hexen getötet haben. Ich weiß nicht. Es gibt da Dinge, die ich nicht tun kann. Oder nicht tun will. Nennen Sie es Feigheit, wenn Sie wollen. Aber für meine Begriffe gibt es auch viele Menschen da draußen, mit denen ich in meinem Beruf schon zu tun hatte, die ich ‚Monster‘ nennen würde. Den Serienkiller, der nur Frauen eines bestimmten Typs umbringt. Der Terrorist, der wahllos an einer Schule um sich schießt. Für mich sind auch das Monster. Aber es sind Menschen. Wenn ich anfangen würde, solche ‚Monster‘ einfach umzubringen, wüsste ich nicht, wo ich aufhören soll.“

Ethan nickt langsam. „Versteh das. Hab… hab viel drüber nachgedacht.“ Er macht eine hilflose Handbewegung. „Hab nur… keine andere Möglichkeit gesehen in der Situation. Tut mir auch leid.“
Der Agent nickt ebenfalls. „Das kann ich nachvollziehen. Wir leben eben einfach doch noch immer in zwei unterschiedlichen Welten. Ich hoffe nur, dass Sie beim nächsten Mal nicht wieder etwas Derartiges hinter meinem Rücken unternehmen werden. Das würde der Vertrauensbasis schaden, wissen Sie.“

Ethan spürt, wie seine Kiefermuskeln zu mahlen beginnen. Ja. Ja, natürlich hat der Japaner recht. Es war dumm und gefährlich, in Dana Point hinter Saitous Rücken loszuziehen und ihn auf diese Weise zu hintergehen, und er sollte jetzt, genau jetzt, dem Mann versichern, dass so etwas nie wieder vorkommen wird. Aber er bringt die Worte nicht über die Lippen. So gerne er es würde, er kann es nicht garantieren. Er kann nicht wissen, ob er nicht irgendwann in eine Situation kommen wird, wo er wieder ganz genau so handeln muss. Handeln wird. Also nickt er nur, beinahe mehr ein ‚ich höre, was du sagst‘ als ein ‚ich stimme dir zu‘, und schweigt.

Er ist erleichtert, als Saitou ebenfalls nickt, als habe er nichts anderes von ihm erwartet, und sich vom Tisch erhebt, wieder zu den anderen geht. Es ist an der Zeit, aufzubrechen. Vorher allerdings tauschen alle noch Adressen und Nummern untereinander aus, für den Fall der Fälle. Und es ist ja nun nicht mehr so, als habe Ethan eine Verhaftung durch das FBI zu fürchten. Außerdem spricht er Einladungen aus, vor allem an die beiden Jüngeren, dass sie gerne ein, zwei Tage bei ihm übernachten könnten, wenn sie mal in der Gegend wären und eine Schlafgelegenheit bräuchten. Er hat zwar nur dieses kleine, von Bones Gate bezahlte Zwei-Zimmer-Apartment in der Studentenwohnanlage auf dem Campus der UVM, aber für eine Gästecouch im Wohnzimmer hat sogar sein bescheidenes Budget gereicht. Und Besuch wäre eigentlich mal ganz nett.

Kurz fällt ihm Sams geplatzter Besuch bei ihm Anfang des Jahres ein. Vielleicht… Aber den Gedanken unterdrückt er sehr schnell. Vielleicht. Es wäre schön. Aber erhoff‘ dir nicht zu viel. Und außerdem spricht Lyle gerade, fragt, ob Ethan ihn vielleicht zufällig in die nächste größere Stadt mitnehmen könnte, wenn er hier losfährt. Ethan nickt. Sicher kann er. Wobei die nächste größere Stadt direkt schon Burlington ist, wenn er so darüber nachdenkt, also kann Lyle eigentlich auch gut gleich bis dahin mitfahren.

Das Angebot nimmt der Kleine dankbar an, ebenso wie den später, während der Fahrt, dann von Ethan gemachten Vorschlag, dass Lyle auch ein, zwei Tage bei ihm übernachten könne, wenn er wolle. Er muss zwar arbeiten, aber so hat Lyle vielleicht besser die Möglichkeit, sich in Burlington entweder einen Job – Ethan hat von ihrer Begegnung in Alaska so den Eindruck, dass der Junge sich von Kurzzeitjob zu Kurzzeitjob hangelt; gar nicht so anders als er selbst, bis er die Stelle bei Bones Gate bekam – oder eine Mitfahrgelegenheit raus aus Burlington zu suchen.

Für die paar Tage, die Lyle bei ihm bleibt, ist der Kleine ein echt angenehmer und unauffälliger Gast. Allerdings fällt Ethan dabei auch immer wieder auf, wie weltfremd das ehemalige Sektenkind aufgewachsen sein muss. Die Landkarten, mit denen Ethans Wände zum großen Teil statt Postern dekoriert sind, faszinieren ihn gewaltig, und er nimmt das zum Anlass, sich von Ethan erklären zu lassen, wie das mit „diesen Kartendingern“ überhaupt funktioniert. Ooookay… Außerdem sieht der Junge, neugierig wie er ist, Ethan eine Weile bei seiner Arbeit zu. Für handwerkliche Dinge hat er sich ja auch schon in Alaska interessiert, als Ethan ihm zeigte, wie das mit der Elektrofalle funktionierte.

Und Lyle bittet Ethan, ob er nicht vielleicht einige seiner „zahlreichen Bücher“ – Lyles Ausdruck, nicht Ethans – bei ihm unterstellen dürfe. Er wolle sie nicht verkaufen, aber es würden langsam zu viele, um sie ständig bei sich zu haben. Er werde auch für die Unterbringung zahlen. Bei diesem letzten Angebot schnaubt Ethan nur. Die zwei, drei Bücher, die Lyle bei ihm abladen will, sind ja nun wirklich nicht der Rede wert! Klar darf der Junge die bei ihm unterbringen. Und zwar ohne zu zahlen. Ist ja nicht so, als hätte Ethan sonderlich viele Bücher. Die Weltgeschichte, die der Kleine von Agent Saitou bekommen hat, gibt er nicht her, auch noch ein, zwei andere Bücher nicht, aber alles andere findet seinen Platz im Regal neben Ethans diversen Bänden mit Hiking Trail Guides aus unterschiedlichen Regionen der Vereinigten Staaten, dem großen National Geographic-Weltatlas, ein paar Büchern wie ‚How To Build Your Own Furniture‘, ‚The Owner-Built Home‘ und ‚The New Book of Handicrafts Processes and Projects‘, den beiden Bild- und Essaybänden ‚Call of the River‘ und ‚Echoes from the Summit‘ aus der Reihe ‚The Wilderness Experience‘, ein paar von Barrys Romanen und dem alten, abgegriffenen Exemplar des ‚Zauberers von Oz‘.

Apropos Barry. Der hat sich immer noch nicht gerührt, und Ethan hat ihn immer noch nicht erreichen können. Drecksmist. Langsam fängt er echt an, sich Sorgen zu machen.

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