Supernatural – Family Time

Dieses Diary fällt insofern ein bisschen aus der Reihe unserer üblichen Supernatural-Runden, als dass es weder einen echten Plot hatte noch von uns nebenbei in Textform geschrieben wurde oder ein, zwei Tage nach dem eigentlichen Abenteuer noch ein Gespräch hinterher kam.

Der folgende Spielbericht handelt von Ethans lange hinausgeschobenem und lange geplantem Besuch bei seiner Familie. Diese Begegnung war mir zu wichtig, als dass ich sie einfach hätte handwedeln oder in einem Diary-Rückblick frei hätte erfinden wollen. Also machten wir eine Sitzung, in der vier andere Spielerinnen aus der Gruppe die NSCs von Ethans Familie übernahmen. Dabei ließ ich ihnen so ziemlich freie Hand, wie sie diese NSCs interpretieren wollten; bis auf ein paar Eckdaten stand zu denen nämlich noch kaum etwas fest. Das Experiment funktionierte sehr gut und machte richtig viel Spaß, und ich danke meinen Mitspielerinnen herzlich dafür, dass sie dieses Szenario für einen einzigen Spielercharakter veranstaltet haben.

Was hier folgt, hat also keinen Abenteuer-Plot per se, sondern ist reiner emotionaler Seelenstrip. Keine Monster oder Dämonen hier. Höchstens die in der eigenen Seele der Charaktere vielleicht. Viel Spaß damit.

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Je näher das Wochenende kommt, desto nervöser wird Ethan. Nicht, dass er auf die Idee käme, einen Rückzieher zu machen – nicht ernsthaft jedenfalls; nicht so, dass er jemanden bräuchte, um ihn in den Hintern zu treten, wie Irene das so schön ausgedrückt hat –, aber die Gedanken an seine Familie beschäftigen ihn inzwischen in jeder wachen Minute. Wie er in Seattle schon zu Barry sagte: Es gehen ihm tausend Szenarios im Kopf herum, und er sehnt den Moment, in dem er seiner Familie endlich wieder unter die Augen tritt, ebenso sehr herbei, wie er sich davor fürchtet.

Er hatte Sam fragen wollen, ob sie ihn begleiten würde. Aber das ist eine Bitte, die man nicht aus der Entfernung ausspricht, und so hat er das in ihren Telefonaten nicht erwähnt. Wollte warten, bis sie am Red Hill ankäme. Aber nun hat Sam unterwegs einen Unfall gehabt – nichts Lebensbedrohliches, dem Himmel sei Dank, aber der Bänderriss im linken Fuß bedeutet, dass sie ein paar Tage, eher Wochen, kein Auto fahren kann, und das wiederum bedeutet, dass sich ihre Ankunft in Hectorville verzögern wird.
So liebend gern er sie dabei hätte, Ethan kann nicht warten, bis Sam ankommt. Und so macht er sich am Samstag gegen Mittag alleine auf den Weg nach Tappan, New York.

Ethan hat sich präsentabel hergerichtet, so gut er konnte. Frisch rasiert, saubere Jeans, sauberes Hemd. Halbschuhe statt seiner üblichen, über die Knöchel reichenden Outdoor-Stiefel. Die Haare waren auch irgendwann mal glattgekämmt. Als er losfuhr, um genau zu sein, aber das ist vier Stunden her.
Vor dem Haus seiner Eltern bleibt er ein paar Minuten lang im Auto sitzen, raucht und spricht sich Mut zu. Atmet dann ein paarmal tief durch. Daran, einen Kamm einzustecken, hat er natürlich nicht gedacht, also fährt er sich jetzt mit den Händen über die Haare, um sie wenigstens einigermaßen flachzudrücken, ehe er aussteigt und zur Tür geht.

Gerade will er klingeln, da wird die Tür von innen aufgezogen. Heraus tritt Ethans Vater: älter. Grauer. Aber unverkennbar Dad. In Jeans und langärmeligem Hemd, ganz ähnlich wie Ethan selbst. In der Tür dreht er sich noch einmal um, sagt etwas in den Flur hinein, zu irgendwem, der ihm anscheinend folgt. Dann wendet er sich wieder nach vorne und bemerkt jetzt erst den Besucher auf der Schwelle. Einen Herzschlag lang treffen sich ihre Blicke, ohne dass Dad ihn erkennt – ein Fremder, wer sind denn Sie? –, dann wird er übergangslos so weiß wie die Wand. Schlägt eine Hand vor den Mund und hält sich mit der anderen am Türrahmen fest.
Ethan setzt zum Sprechen an, aber es kommt kein Ton aus seinem Mund. Versucht es nochmal. Seine Stimme ein raues, tonloses Krächzen. „Hi Dad…“

Dad sagt nichts. Starrt Ethan nur unverwandt an, für eine gefühlte Ewigkeit. Dann zwei Worte, die nach ‚mein Junge‘ klingen, aber so gepresst und leise, dass Ethan sich nicht sicher sein kann.
Von hinten stößt eine Gestalt beinahe mit Dad zusammen. Klein und zierlich, lange, dunkle Haare, eine Schüssel in der Hand. „Dad, was ist l–“ Fiona. Oh Himmel, wie erwachsen ist Fiona geworden!

Bei seiner Schwester bleibt der Moment des Nicht-Erkennens, den Dad hatte, völlig aus. Fiona erstarrt sofort, es fällt ihr alles aus dem Gesicht, und auch die Schüssel rutscht ihr beinahe aus den Fingern. „Mom! Mom, komm schnell!!“ Nach wenigen Sekunden taucht auch ihre Mutter im Gang auf, in einem leichten Sommerkleid, die Haare schnell-aber-kunstvoll zusammengenommen, wie sie es immer macht, wenn sie weggehen möchte, es aber kein Anlass ist, zu dem sie sich wirklich auftakeln müsste.
Als sie Ethan sieht, stutzt sie einen kurzen Moment lang, ringt um Fassung, und über ihr Gesicht flackert etwas, undefinierbar. Doch sofort legt sich eine undurchdringliche Maske darüber, und sie setzt ein Lächeln auf, das für Ethan zwar einerseits schon irgendwie froh, aber andererseits dennoch unendlich gekünstelt wirkt.
„Oh“, flötet sie, „das ist ja eine Überraschung! Ja dann… Lasst uns doch wieder hineingehen und etwas essen! Oh, und wir müssen wohl den Nachbarn Bescheid geben, dass uns etwas dazwischen gekommen ist…“

Ethan sieht von einem zum anderen. Fasziniert. Verwirrt. So richtig entspricht das irgendwie keinem der tausend Szenarien, die er sich vorher für diesen Moment ausgemalt hat. In Bruchstücken vielleicht, aber nicht so. „Hi“, sagt er wieder, leise und verlegen. Beißt sich dann auf die Lippe, als seinem Vater jegliche Kraft aus den Beinen weicht und er sich erst einmal auf die Türschwelle setzt. Zu Ethan aufsieht wie zu einem Geist, die Hand immer noch vor den Mund geschlagen.

„Ich… tut mir leid… Ich… ich… hätte eher kommen sollen…“, stottert Ethan hilflos.
Dad schüttelt nur wortlos den Kopf, aber es wirkt nicht wie ein Widerspruch zu dem, was Ethan gesagt hat. Eher immer noch wie völliger Unglaube. Mom murmelt indessen etwas von „Essen finden“, dann fällt ihr Blick auf die Salatschüssel, an der Fiona sich festhält. „Oh! Wir haben ja etwas!“ Sie greift sich die Schüssel und huscht wieder ins Haus, dreht sich aber schon nach wenigen Schritten um. „Fiona, Schatz, deckst du den Tisch?“, bittet sie ihre Tochter, woraufhin die ebenfalls nach drinnen verschwindet, ohne nach ihrem ersten Ausruf auch nur ein Wort gesagt zu haben.

Jetzt rappelt Dad sich auf. Nimmt Ethan wortlos in den Arm. Der erwidert die Umarmung, etwas ungelenk anfangs, dann flüssiger. Der ältere Gale drückt seinen Sohn fest an sich, ehe er unvermittelt zu weinen beginnt. „Ich hätte es nicht glauben dürfen… hätte dich nicht aufgeben dürfen…“, flüstert er unter Tränen. Einen Moment lang hat Ethan keinerlei Ahnung, wie er reagieren soll, bis er mit einem Mal merkt, wie sich etwas in ihm löst und er von lautlosem Schluchzen geschüttelt wird. Er könnte gar nicht sagen, wie lange sie so da stehen. Aber vermutlich nicht so lange, wie es sich anfühlt, ehe sie sich vorsichtig voneinander trennen. Den beiden Frauen ins Haus folgen, ohne dass Douglas dabei Ethans Arm loslässt. Er sieht immer wieder zu seinem Sohn, starrt ihn an wie eine Fata Morgana. Oder als würde Ethan sofort wieder verschwinden, wenn sein Vater auch nur eine Sekunde lang den Kontakt unterbräche.

Drinnen sieht Ethan sich gleichermaßen neugierig wie beklommen um. Die Einrichtung hat sich in den Jahren seiner Abwesenheit nur wenig verändert, aber gerade genug, dass sich doch alles irgendwie seltsam anfühlt. Die Fotos an der Flurwand sind ein Querschnitt durch die Jahre, zeigen die Gale-Kinder beim Wachsen und die wechselnden Frisuren und Moden der jeweiligen Zeit – nur die Bilder von Ethan selbst sind 2005 stehengeblieben. Ein Missklang. Wie ein einzelnes Brett, das in einer ansonsten geraden Wand schief heraussteht. Oh Mann.
Im Wohnzimmer, wo sie sich etwas verlegen hinsetzen, dreht Dad sich zu ihm um. „Geht es dir gut?“ Ethan lächelt. Nickt. „Ja. Jetzt ja.“

Aus der Küche dringt einige Minuten lang hektisches Geklapper, dann Moms Stimme, vollkommen unter Kontrolle, vom Telefonanschluss im Flur. Etwas von „unerwartetem Besuch“, mit dem sie sich bei ihrem Gesprächspartner für das Fehlen entschuldigt. „Beim nächsten Mal wieder, Liebes.“ Klick.

Kurze Zeit später kommt Mom ins Wohnzimmer, die Hände voll mit mehreren kunstvoll aufeinander drapierten Schüsseln und Schalen. Lädt ihre Last auf dem Esstisch ab und rückt alles minutiös darauf zurecht. „Ethan ist zurück!”, sagt Dad, immer noch genauso ungläubig wie anfangs.
„Ich hab’s euch gesagt!” wirft Fiona ein, die den Tisch inzwischen fertig gedeckt hat. „Ich hab euch gesagt, der ist nicht tot!” Dann sieht sie Ethan unverwandt und an. Unverwandt und richtiggehend wütend. „Wo warst du?!”
„Ich…” Er hatte sich so viele Antworten überlegt. So viele Ausreden. Sie alle wieder verworfen. Aber verworfen oder nicht, jetzt ist sein Kopf ohnehin wie leergefegt.
„Lass’ ihn doch”, kommt sein Vater ihm zu Hilfe. „Er ist doch gerade erst angekommen.” Fi murmelt etwas, aber sie lässt ihn. Für jetzt jedenfalls, sagt ihr Blick.

Im höflich-halbinteressierten Nachbarinnen-Klatschbasenton fragt Mom stattdessen nach Ethans Leben. Ob er verheiratet sei? Familie habe? Kinder?
Ethan schüttelt den Kopf. Nicht verheiratet. Keine Kinder. Aber dass da jemand ist, gibt er zu.
„Alan?” fragt er dann.
Die Frage hat einen betrübten Blickaustausch zwischen den restlichen Gales und ein betretenes Schweigen zur Folge, und Ethan spürt, wie sich eine eiserne Klammer um sein Herz legt. Nein. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht.
„Alan wohnt nicht mehr hier”, erklärt Dad schließlich mit einem undefinierbaren Unterton. Oh. Oh puh. Aber gut, Alan ist immerhin jetzt auch schon dreiundzwanzig, da ist es ja eigentlich kein Wunder, dass er ausgezogen ist.

Ethan will eben weiter auf das Thema eingehen, da klingelt es an der Tür. „Das wird er sein”, sagt Mom mit hoffnungsvoller Miene, und tatsächlich kommt eine Minute später ein junger Mann herein. Ethan blinzelt, versucht den Dreizehnjährigen mit dem Erwachsenen in Einklang zu bringen. Alan trägt Lederjacke, schwarzes Hemd, Jeans. Einen halb entschuldigenden, halb herausfordernden Gesichtsausdruck.
Hat eine Bemerkung auf den Lippen, die schlagartig abbricht, als sein Blick auf Ethan fällt. Eine Regung geht über sein Gesicht, gleich wieder verschwunden. Aber glücklich ist Alan nicht, seinen älteren Bruder zu sehen, soviel ist mal sicher. Er knurrt ein ‘Hi’ in die Runde – zum Rest der Familie. Definitiv nicht zu Ethan.

„Alan!” freut sich Dad. „Du bist spät dran, aber sieh nur: Ethan ist zurück!” „Seh ich”, knurrt Alan und bedenkt seinen Bruder mit einem mehr als finsteren Blick.
„Setz’ dich, wir essen hier”, fügt Mom in ihrem geschäftigen Hausfrauenton, der so völlig un-Mom ist, dazu. „Wir gehen doch nicht zu den Forsyths rüber; Ethan ist zurück!” „Jahaaa”, brummt Alan und lässt sich schwer auf einen der Stühle am Esstisch fallen. Dann sieht er vorwurfsvoll von einem zum anderen. „Woher wollt ihr überhaupt wissen, dass das wirklich Ethan ist?”
„Was?!” Dad ist empört. „Dein Bruder ist wieder da, und du…”
„Schon klar”, knurrt Alan. „Ethan, die Lichtgestalt. Kann ja nichts falsch sein.”
„Alan…”
Oh Mann.
„Hat aber recht”, versucht Ethan zu vermitteln. „Macht ‘n Gentest.”

Von einem Gentest allerdings will niemand was hören. Vor allem Dad nicht, der Ethan irgendwie die ganze Zeit über immer noch nicht losgelassen hat. So, wie Alan zu ihnen beiden herübersieht, ist dem das nicht entgangen. Und so, wie Alan zu ihnen herübersieht, passt ihm das ganz und gar nicht. Okay, Ethan passt es auch nicht so richtig; es wird ihm sogar langsam unangenehm, aber was will er machen, sich losreißen? Wobei bei seinem kleinen Bruder noch mehr hineinzuspielen scheint. Da ist ein Ausdruck auf dessen Gesicht, gut versteckt hinter der verdrießlichen Miene, eine Art Sehnsucht… Ethan muss schlucken, um eine plötzliche Beklemmung in seiner Brust herum. Oh Mann.

Vielleicht hat Mom etwas von der Spannung gemerkt. Vielleicht will sie aber auch nur ihre eigene Nervosität überspielen, als sie energisch nach der Eistorte ruft, die im Gefrierfach auf genau eine solche Gelegenheit warte. Ethan hebt abwehrend die Hände. „Muss doch nicht”, will er anfangen, aber da hat er die Rechnung ohne seine Mutter gemacht.
„Ethan Frederick Gale, du bist nach zehn Jahren wieder da; du wirst mit deiner Familie diese Eistorte essen!”
Jetzt wird Ethans Handbewegung verlegen-beschwichtigend. „Okay, okay. Ich esse ja Torte.”
Fiona geht in die Küche, kommt kurz darauf mit Tellern, Besteck und der Eistorte zurück. Verteilt großzügig Stücke davon um den Tisch herum, aber niemand isst davon. Oder zumindest isst niemand mehr als der Form halber. Nicht mal Mom, und die bemüht sich sehr.

„Wo warst du nur all die Zeit?” Das ist Dad. „Ich meine… Wir… ich… wir dachten, du wärst tot, und… Warum hast du dich nie gemeldet?“
Ethan seufzt tief. „Dachte, Gründe. Aber was irgendwann mal gute Gründe waren…“ Er zuckt etwas hilflos mit den Schultern und ist sich sehr bewusst, dass er gerade Barry zitiert. „Irgendwann nicht mehr so wichtig.“ Verlegen senkt er den Kopf. „Es tut mir leid.“
„Aber du… du bleibst doch? Ich meine… jetzt, wo du zuhause bist…“
Oh Mann. Ethan bekommt ein entschuldigendes Lächeln zustande. „Naja… hab ‘n Job… ‘ne Wohnung…“
Dad sieht enttäuscht aus. „Ja, aber… du… du wirst doch jetzt nicht wieder in der Versenkung verschwinden, oder?“
Auf diese Frage muss Ethan nicht lange überlegen. Ganz entschieden schüttelt er den Kopf. „Nein. Versprochen.“ Er zögert einen Moment lang. „Kann. Kann nicht versprechen, dass mir nichts zustößt. Dass… dass ich keinen Unfall habe oder so. Aber… auf keinen Fall einfach so.“
Dad nickt, scheint aber nicht so richtig überzeugt. „Aber jetzt, wo du hier bist… bleibst du doch?“ wiederholt er. „Eine Weile wenigstens?“ Er sieht zu Alan. „Du bleibst doch auch… oder?“
Alan runzelt die Stirn. „Ich wüsste nicht, warum“, erwidert er kühl. „Ich meine… Ethan ist ja wieder da, dann braucht mich ja keiner. Also wieso soll ich bleiben?“
Au. Au, verdammt. Etwas krampft sich in Ethan zusammen, als Alans Worte ihm verdeutlichen, wie groß die Wunde ist, die sein Verschwinden gerissen hat. Was für ein unerreichbar hohes Podest das gewesen sein muss, auf das Dad ihn in seiner Abwesenheit offenbar gehoben hat. So unerreichbar hoch, dass Alan keine Chance hatte, da jemals dranzureichen. Oh Mann.
„Weil ich dich zehn Jahre nicht gesehen habe“, sagt er leise. „Weil ich mich freue, wenn du bleibst.“
Weil du mein Bruder bist. Aber dieser letzte Satz findet seinen Weg nicht hinaus, auch wenn Ethan sich selbst darüber wundert, dass das Reden so leicht geht heute abend. Naja. Vergleichsweise leicht. Leichter als sonst, auch wenn er immer noch genug Pausen macht, während er um ein Wort kämpft. Vielleicht, weil die Umgebung so vertraut ist, größtenteils jedenfalls. Weil sie eine Verbindung ist zu seinem früheren, gesprächigeren Selbst. Und weil es seine Familie ist, mit der er da redet. Und die Worte wichtig.

Alan knurrt etwas, sichtlich unbeeindruckt, bleibt aber sitzen. Wendet dann seine volle Aufmerksamkeit Ethan zu. „Was ist in der Nacht eigentlich passiert?“ fragt er vorwurfsvoll. „Was ist passiert, dass du es zehn Jahre lang nicht nötig hattest, uns mal mitzuteilen, dass du noch am Leben bist?“
Drecksmist. Aber es war ja klar, dass die Frage irgendwann kommen würde, und so einigermaßen hat er sich ja im Kopf darauf vorbereiten können. Also versucht Ethan es mit einer ausweichenden Halbwahrheit. Dass da dieser verrückte Mörder gewesen sei, der ihn verfolgt habe, unaufhaltsam. Dass er monatelang nicht nach Hause konnte, weil das zu gefährlich für alle gewesen wäre. Dass er sie beschützen wollte. Und dass er es, als es dann irgendwann doch wieder sicher war, einfach nicht mehr geschafft habe.
Dad ist bleich geworden bei der Erzählung, hat Ethans Arm noch fester gedrückt als ohnehin schon die ganze Zeit. Erklärt ihm wieder, dass er jetzt doch zuhause sei. Fragt, ob er bleibe. Und dass er doch nicht wieder von der Bildfläche verschwinden werde, oder? Ethan schüttelt den Kopf. Wird er nicht.

„Aber was hast du denn dann all die Jahre über gemacht?“ will seine Mutter wissen.
Ethan zuckt die Schultern. „Rumgezogen.“
Rumgezogen?“ wiederholt Mom pikiert. „Mit einem Zirkus?“
Darauf kann Ethan nur den Kopf schütteln. Auf die Idee, dass man das Wort so verstehen könnte, wäre er nicht mal gekommen. „Nein. So halt.“
„Er hat nicht in einem Kinderbuch gelebt, Mom!“ wirft auch Fiona spitz ein. Dann fährt sie zu Ethan herum. „Ich hab dich gesucht!“ Ihr anklagender Tonfall macht nicht ganz deutlich, ob sie wütend auf die anderen ist, die sich ihr nicht angeschlossen haben, oder auf Ethan, der nicht aufzufinden war.

Alan aber lässt nicht locker. „Ein verrückter Mörder. Soso. Und warum bist du nicht zur Polizei gegangen, wie es das Naheliegendste von der Welt gewesen wäre?“ Seine Stimme trieft nur so vor Zweifel.
Ethan schüttelt wieder den Kopf. Weil der Harrdhu alle umgebracht hätte, aber das kann er nicht sagen. Aber die andere Angst, die ihn damals umtrieb – die Angst, die ihn neben Cals Bedenken wegen des Risikos hauptsächlich davon abhielt, sich wieder zu melden, als der Harrdhu aus dem Weg geschafft war – die kann er aussprechen.
„Weil ich Angst hatte!” hält er Alan entgegen. „Angst, die denken, ich hab was zu tun mit… mit. Mit der Sache. Und dann war’s zu spät. Habs nicht mehr geschafft.“
„Aber jetzt hast du es geschafft“, ermutigt Dad ihn. „Du bist hier. In deinem Zuhause.“
„Gehst du dann wenigstens jetzt zur Polizei?“ fordert Alan.
Ethan blinzelt. Stimmt, der Fall ist ja vermutlich offiziell nie abgeschlossen worden. Er nickt.
„Ja. Ja klar. Kann ich machen.“
Alan bedenkt ihn mit einem durchdringenden Blick.
„Die Familien der anderen Jungs brauchen Klärung“, sagt er heftig. „Einen Abschluss. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie das ist? Zehn Jahre lang derart im Ungewissen zu sein?“
„Ja“, schießt Ethan zurück, nur um gleich darauf in sich zusammenzusacken. „Nein. Nein. Tut mir leid, verdammt.“
„Ethan!“ Dad, natürlich. „Nicht fluchen!“
Er fährt sich verlegen durch die Haare. „Sorry.“

„Und was ist mit dem Mörder?“
„Der ist tot.“ Drecksmist. Ethan könnte sich genau in dem Moment treten, in dem die Worte seinen Mund verlassen
Und tatsächlich bedenkt Alan ihn sofort mit einem durchdringenden Blick, während Mom die Hand vor den Mund schlägt. „Was?! Warst etwa… Hast etwa du…?“
„Nein. Ich habe ihn nicht umgebracht.“ Was technisch gesehen sogar stimmt. Es war Cal, der den Harrdhu erlegt hat.
Alan verengt misstrauisch die Augen. „Und woher weißt du dann, dass er tot ist?“
„Hinterher mitbekommen.“ Was technisch gesehen auch stimmt. Wenn man ‘hinterher’ als die Sekunde direkt nach dem Umfallen des Monsters betrachtet.

„Aber wenn er tot war… Warum bist du dann so lange weggeblieben?“ Das ist Fiona, und ihre Stimme klingt anklagend. Feindselig. Warum hast du uns das angetan, sagt sie nicht. Muss sie auch gar nicht.
Ethan verzieht das Gesicht. Seufzt schwer. „Wollte euch nicht wehtun. Dachte ich. Aber in Wahrheit… wollte ich mir selbst nicht wehtun.“ Schon seltsam, fährt es ihm durch den Kopf. Wie diese Erkenntnis aus der Pixelwelt noch nach Monaten immer wieder nachhallt.

„Wie… wie ist es denn mit euch?“ versucht er dann das Thema zu wechseln. „Geht es euch g–“ Er unterbricht sich. Drecksmist. “Nein. Blöde Frage, sorry. Aber… ich meine…“ Er wirft einen hilflosen Blick in die Runde. „Was ist mit euch?“
Fiona hat gerade die High School beendet, berichtet Mom mit einem Anflug von Stolz. Mit einem richtig guten Abschluss. Und Alan ist nach dem College zur Polizei gegangen. Da schwingt etwas Enttäuschung mit, gut verborgen hinter dem bemüht heiteren Ton. Dad hat sein Ingenieurbüro, und Mom selbst zeichnet noch. Sie hat auch gerade einen neuen Auftrag.
„Möchtest du die Bilder vielleicht nachher sehen? Das hast du doch immer so gemocht.“ Ethan nickt ein „Klar, gerne“ und verkneift sich die Bemerkung, dass er schon weiß, um was für einen Auftrag es sich handelt. Der Umstand, dass er weiß, was für ein Auftrag das ist, ändert auch rein gar nichts daran, dass ihn tatsächlich interessiert, was Mom da für Barrys Cousine gezeichnet hat.

„Lenk nicht ab“, knurrt Alan. Ja. Es wundert Ethan gar nicht, dass sein kleiner Bruder zur Polizei gegangen ist. Oder vielleicht andersrum. Dass er so beharrlich am Thema bleibt, eben weil er Polizist ist. „Rück lieber mal mit der Sprache raus. Du bist also ‘rumgezogen’, soso. Fein. Nur erklärt hast du damit trotzdem nichts. Du bist einfach rumgezogen?“
Ethan nickt. „Hat mich nicht an einem Ort gehalten. Halbes Jahr auf der Flucht, und danach…“ Er zuckt leicht mit den Schultern. „Keine Ruhe gefunden.“
Die Bemerkung lässt Dad besorgt dreinsehen. „Hast du das heute auch noch? Ich meine, wirst du etwa wieder abtauchen?“
Ethan schüttelt den Kopf. „Nein, Dad. Ich versprech’s.“
„Fein.” Alan wieder. “Aber was hast du die ganze Zeit gemacht?“
Ethan zuckt wieder mit den Schultern. „Hier einen Job, da einen Job. Unterschiedlich. Vermont, jetzt. Weile schon.“
Der letzte Teil seiner Antwort lässt Fiona aufhorchen. „Vermont?“ platzt es aus ihr heraus. „So nah?! So nah, und jetzt… Tauchst hier einfach so auf!“
Ihr Tonfall ist seltsam. Enttäuscht, ja, wütend, ja, aber gar nicht so sehr auf Ethan selbst, kommt es ihm vor. Oder zumindest nicht nur. Wobei. Vermutlich bildet er sich das auch einfach nur ein.

„Ich hab dich ü-ber-all gesucht!” fährt seine Schwester jetzt fort. „Da war dieser Typ in der Zeitung, in Texas war das, der sah aus, wie ich mir vorstellte, dass du inzwischen aussehen würdest, also bin ich hingefahren und hab mit dem Sheriff geredet. Aber der kannte den schon von Kind auf, das konntest also nicht du sein.“
Mom hat in dem Moment die Hand vor den Mund geschlagen, als Fi sagte, sie war in Texas. „Wie konntest du nur? Einfach wegfahren… und wir… wir wussten nicht…“
„Ich wusste davon“, wirft Dad ein. Das macht die Sache aber auch nicht besser, weil Mom nun auf ihn losgeht, wie er ihr das verheimlichen konnte, und Dad zu erklären versucht, dass es Fiona wichtig gewesen sei und dass er es ihr deswegen erlaubt habe, auch wenn er unglücklich darüber war, weil alles mögliche hätte passieren können und…
Aber das Hin und Her zwischen seinen Eltern bekommt Ethan gar nicht so richtig mit. Während die miteinander diskutieren, starrt er seine Schwester aus großen Augen an.
„Du warst in Dimmitt?“
„Ja, i– Moment, wie, was weißt du von Dimmitt?“
„Zeitung“, erklärt Ethan. „Bild. Der Typ. Albert. Dachte Alan. Musste hin.“
„Hä?“ Das ist Alan, sein Tonfall misstrauisch, ja verächtlich. „Was dachtest du?“
Ethan wirft ihm einen Blick zu. „Na dass du das vielleicht wärst. Musste hin.“

Alan schnaubt nur. Sonderlich beeindruckt scheint ihn das Geständnis nicht zu haben. Statt dessen will er wieder wissen, was Ethan denn nun gemacht habe in der ganzen Zeit.
„Verfolgt werden“, versucht Ethan es wieder. „Konnte nicht zurück. War nicht sicher. Häte euch alle in Gefahr gebracht. Und dann… dann war es sicher, und dann hab ich wen kennengelernt. Hab mich niedergelassen. Dachte, jetzt kann ich euch endlich wieder kontaktieren, nur dann… dann ist meine Freundin gestorben, und dann…”
Er kommt ins Stocken. Oder Fi unterbricht ihn. Oder beides. Definitiv beides.
„Wie ist sie gestorben?“
Ethan verzieht das Gesicht. Atmet tief durch. „Hirnschlag. Aneurysma. Danach… bin ich weitergezogen. Hat mich wieder nicht an einem Ort gehalten.“ Er zögert. „War ‘ne Weile nicht ganz… stabil.“
Fionas Wut scheint verraucht, zumindest für den Moment. „Das ist doch auch absolut verständlich! Wenn einem sowas passiert!“
„Der arme Junge“, bedauert Dad ihn. „So ganz alleine!“
„War nicht alleine“, murmelt Ethan. „Hatte Hilfe.“ Die zwei Jahre vor Portland jedenfalls. Danach… Andere Geschichte. Aber dieser Tonfall in Dads Stimme eben war so… weinerlich. Nein. Falsches Wort. Aber irgendwie so, dass bei Ethan ein Protestreflex angesprungen ist.

Alan ist auch schon auf den Barrikaden. „Was heißt hier ‘der arme Junge’? Das war ja wohl seine Entscheidung! Der wird ja wohl zwischendrin auch mal an einem Telefon vorbeigekommen sein oder an einer Polizeistation – und überhaupt! Zehn Jahre sind eine lange Zeit; wer weiß, ob es nicht gefährlich ist?“

Elender Drecksmist. Hat er gerade seine Familie in Gefahr gebracht? Aber… nein. Der Harrdhu ist lange tot, Ethan hatte unterwegs kein Auto längere Zeit an sich dranhängen, und falls wirklich etwas wäre – er wirft einen schnellen Blick durch den Raum. Das Messer, mit dem Fiona die Eistorte geschnitten hat, ist gut groß und wuchtig. Die Kuchengabeln bestehen aus reinem Silber – das feine Kaffeebesteck für die besonderen Anlässe eben. Die Stehlampe, aus der man mit einem schnellen Griff eine Stromfalle machen kann. Die Vorhänge, um etwas einzufangen oder zumindest lange genug zu behindern. Unter den Tisch oder zur Tür oder aus dem Fenster schubsen, wen er erreichen kann, den Rest hinterherkommandieren. Sich selbst dazwischenwerfen. Nein. Es wird nichts sein. Aber falls… nur falls… doch… Er wird nicht zulassen, dass seiner Familie etwas passiert. Ethan sieht seinen Bruder direkt an.
„Wär nicht gekommen, wenn es gefährlich wäre.“

Alan schnaubt. „Klar, dass du das sagst. Aber hey… so wie du aussiehst – woher wissen wir, dass nicht du gefährlich bist?“
Au. Verdammt. Gutes Argument. „Hast recht“, erwidert Ethan trocken. „Wisst ihr nicht.“ Er zögert einen Moment lang, hadert mit sich, ob er das jetzt wirklich bringen soll, und ist gleichzeitig amüsiert ob der Ironie. „Special Agent Jonathan Saitou vom FBI.“
„Hä? Was soll uns der Name jetzt schon wieder sagen?“
„Der kennt mich“, führt Ethan aus. „Fragt den, wenn ihr wollt.“
Alans Augenbrauen ziehen sich zusammen. „Was hast du mit dem FBI zu tun?“
Drecksmist. War so klar. „Zusammenarbeit“, murmelt Ethan.
„Als Informant??“ Das ist Fiona, die ihn unverwandt ansieht. Ihre Augen leuchten richtiggehend.
„Nee“, wiegelt Ethan schnell ab. „Kenn den halt.“

„Was ist in der Nacht jetzt eigentlich genau passiert?“, beharrt Alan. „Das hast du immer noch nicht gesagt.“
Ethan holt tief Luft und versucht es nochmal. „Da war der Mörder. Hansen Road aufgelauert. Hatte Klingen. Messer. Jungs erwischt. Mich erwischt.“ Er öffnet die obersten Knöpfe seines Hemdes. Zieht es soweit über die Schulter herunter, dass man die Narben sehen kann, was ein erschrecktes Luftholen bei Mom auslöst. Knöpft das Hemd dann wieder zu. „Bin nur gerannt und gerannt und gerannt.“ Er macht eine unbestimmte Handbewegung. „Einfach nur Glück gehabt.“
Alan runzelt die Stirn. „Und der Mörder ist dann gestorben. Aber du hast ihn nicht umgebracht.“
„Nein“, bestätigt Ethan. „Hab ich nicht.“
„Hat er dir etwas angetan?“ fragt sein Vater voller Besorgnis.
Ethan schüttelt den Kopf. Nicht so, wie Dad denkt, jedenfalls. Der scheint nur sein „Nein“ nicht so recht zu glauben.
„Aber jetzt bist du ja hier“, sagt Dad. „Du bleibst doch, oder? Ich meine, du… du tauchst nicht wieder unter, oder?“
Ach, Dad. Ethan kann ja verstehen, dass sein Vater Angst hast, er würde wieder abhauen. Aber wie oft muss er es denn noch versprechen?
„Mm-mm. Mach ich nicht.“

Moms Gesichtsausdruck hat sich verändert. Nach dem Schrecken über die Narben gerade sieht sie jetzt beinahe misstrauisch drein. „Weil du Hilfe hattest… Ethan, bist du etwa ein Terrorist?“
Er müsste beinahe lachen, wenn ihm nicht so viel daran gelegen wäre, ihren Argwohn zu zerstreuen. Und außerdem kann er es ihnen nicht mal verdenken.
„Nein, Mom“, formuliert Ethan sehr sorgfältig. „Ich bin kein Terrorist.“
„Oder hast du dich einer Sekte angeschlossen?“
„Nein, Mom. Ich bin in keiner Sekte. Ich bin Hausmeister. In Vermont.“

„Hausmeister.“ Das ist Dad, und sein sorgfältig kontrollierter Tonfall zeugt von Enttäuschung. „Beim FBI?“
„Nein. Uni. University of Vermont.“
Jetzt mischt sich Fiona wieder ein, die nach ihrer Frage eben still dagesessen hat, in der es aber offenbar ziemlich arbeitet. „’Hausmeister‘, ja klaaaaaar!“
Oho. Offensichtlich denkt sein kleines Schwesterchen wegen seiner FBI-Bemerkung, er sei Geheimagent oder sowas. Hmmm. Vielleicht gar nicht schlecht. Könnte von der nicht aussprechbaren Wahrheit ablenken.
„Aber du wolltest doch immer studieren und… und…“, stottert Mom indessen, bricht dann hilflos ab.
„Joah“, brummt Ethan, „halt nicht. Hausmeister.“ Reib es rein, Mom. Es ist nun mal, wie es ist. Leb damit.
Dad hat sich wieder einigermaßen von der Enttäuschung gefangen, oder zumindest gibt er das vor. „Der Hausmeister an Fionas Schule hat sich in Abendkursen fortgebildet. Das könntest du doch auch tun?“
Während Ethan noch überlegt, wie er auf diesen gutgemeinten Vorschlag reagieren soll, kommt unerwartete Schützenhilfe von Fi und ihrer Fehleinschätzung. „Maaaann, Dad! Wenn der undercover ist, hat er keine Zeit für Abendkurse!“
Ihr Bruder schnaubt verächtlich. „Undercover. Ja klaaar.“
„Garantiert!“ schießt ihm Fiona entgegen.
„Dann frag ihn doch, was er die ganze Zeit gemacht hat, vielleicht gibt er dir ja Antwort!“
Mom sieht entnervt zwischen ihren beiden jüngeren Sprösslingen hin und her. „Kinder! Euer Bruder ist zurück, nicht streiten!“
Ja. Das wäre Ethan allerdings auch mehr als recht. Von dem Gezänk seiner Geschwister, auch wenn es nicht ernst gemeint sein mag, fühlt er sich überfordert und unbehaglich, und von Dads Klammern und Moms Stepford-Getue noch viel mehr. Ja, er hat es verdient, und ja, sie verarbeiten damit irgendwie das, was er ihnen angetan hat, und es ist wie es ist, und er wird es aushalten. Er muss. Er wird. Aber trotzdem.

„Na immerhin siehst du… sportlich aus“, versucht Dad jetzt seine Enttäuschung über die unpassende Berufswahl seines Ältesten zu verdrängen. „Als seist du viel draußen.“
„Bin auch viel draußen“, murmelt Ethan, dankbar über die einfache Antwort, bei der er in keiner Weise irgendwie ausweichen muss.
„Ja“, fällt Mom ein, „du bist ja schon immer gern und viel draußen rumgelaufen, mit Jesse und Ryan und– oh.“ Sie schweigt betreten.

„War so oft drauf und dran“, entfährt es Ethan. „Auf der Gala. Hab dich da gesehen, Mom.“
Seine Mutter sieht ihn überrascht an. „Auf was für einer Gala?“
Er hebt leicht die Schultern. „Da letztens. Hollywood.“
Mom reißt ungläubig die Augen auf. „In Hollywood?“
„Mhmhm.“
„Und ich dachte noch, ich hätte deine Stimme gehört“, sinniert sie, „aber als ich mich umdrehte, war da niemand. Aber warum hast du nicht…“
Verlegen verzieht Ethan das Gesicht. Fährt sich mit beiden Händen in die Haare. „Wollte ja. Aber war feige. Hab dich gesehen, aber dann war….“
Beinahe hätte er sich verplappert. Um ein Haar wäre ihm ein ‚aber dann war der Mann bei dir nicht Dad‘ herausgerutscht, aber in letzter Sekunde kann er sich stoppen. Zum Glück hat er ohnehin schon den ganzen Abend gestockt beim Reden, so dass es hoffentlich nicht auffällt, als er den Satz anders beendet, als er das ursprünglich vorhatte. „… da so viel los. So viele Leute. Der ganze Saal. Konnte nicht. Feige. Tut mir so leid.“
Mom sieht ihn gerührt an. „Ach, Ethan.“ Wenn er noch ein Kind gewesen wäre, dann hätte sie ihm jetzt durch das Haar gewuschelt, ihm ein Stück Schokolade gegeben und ihn nach draußen zum Spielen geschickt. Genau der Tonfall war das.
Er lächelt schwach. Jetzt klingt Mom wenigstens nicht mehr so fürchterlich aufgesetzt.

„Darf ich dir was zeigen, Ethan?“
Ethan sieht zu seiner Schwester. „Klar.“ Dann blinzelt er verlegen, wirft einen Blick in die Runde. „Ähm. Entschuldigt ihr uns einen Moment?“
„Sicher“, sagt Mom. Alan zieht finster, aber kommentarlos, die Brauen zusammen, und Dad macht ein Gesicht, als habe er Angst, dass sein Sohn sich in Luft auflöst, sobald er den Raum verlässt, aber er nickt. Also folgt Ethan Fiona neugierig, und nicht wenig erleichtert, der seltsamen Stimmung im Wohnzimmer für den Moment entkommen zu sein, die Treppe hinauf in deren Zimmer.
Oben angekommen, öffnet die junge Frau ihren Schrank und wirft erst einmal achtlos zahllose Kleidungsstücke auf ihr Bett. Ethan fragt sich schon, ob sie ihren Modegeschmack mit ihm teilen will, aber dann wird ihm klar, dass die ganzen Klamotten vor allem zur Tarnung dienen. Dass sie das verbergen, was sich an der Rückwand des Schranks befindet. Ethan muss zweimal hinsehen, ehe er erkennt, was es ist. Eine Karte der Vereinigten Staaten, ja klar, das war schon gleich beim ersten Blick ersichtlich. Aber über und über mit Pins besät. Mit Löchern, wo früher einmal Pins gesteckt haben. Und mit dünnen Fäden, die zwischen ein paar der Stecknadeln gespannt sind. Als er das erst mal kapiert hat, ist der Sinn und Zweck der Karte eindeutig. Sie zeigt all die Spuren, denen Fiona nachgegangen sein muss, um ihn zu finden.
„Da warst du überall? Wow.“

Geknickt sieht seine Schwester ihn an. „Hab ich überhaupt irgendwo richtig gelegen? Hat überhaupt irgendwas gestimmt?“
Ethan betrachtet die Karte sehr sorgfältig und ganz aus der Nähe, ehe er nickt. Fi muss ganz schön rumgekommen sein, wenn er sich die Karte so ansieht. Bestimmt 50 Nadeln, und viel mehr Löcher. Im Nordwesten von Texas ist ein Loch. Natürlich. Die falsche Albert-Fährte. Dass Ethan tatsächlich auch in Dimmitt war, das wusste Fi ja bis eben nicht.
Viele der Pins zeigen Orte, die Ethan im Leben noch nicht gesehen hat. Andere stecken in Großstädten, wo Ethan natürlich schon mal war, mehr als einmal sogar, aber wo er keine Möglichkeit hat zu sagen, ob Fiona einer echten Spur dorthin gefolgt ist oder einer unzusammenhängenden Information.
Aber die Namen einiger Kleinstädte erkennt er wieder. Spencer, Tennessee. Da war er mit Cal, ziemlich am Anfang. Shandon, Kalifornien. Das war da, wo diese ganze Schulklasse verschwunden war, so vor fünf, sechs Jahren. Ethan verzieht das Gesicht. Ein ganzer Bus voller Schüler verschollen. Am Leben, als er sie fand? Vier. Ganze vier. Limestone, Maine, zwei Meilen von der kanadischen Grenze. Ethans linker Mundwinkel zieht sich ganz leicht nach oben, als er sich daran erinnert, wie er dort oben seinen Job angeboten bekommen hat. Crested Butte, Colorado. Und Baltic, Connecticut. Huh.

Nacheinander zeigt Ethan auf die fünf Stecknadeln. „Da.”
Fiona berührt den Baltic-Pin leicht mit der Fingerspitze. „Echt? Woooow. Bei dem war ich eigentlich fast sicher, dass du das nicht sein kannst, weil das Foto so unscharf war. Aber ich wollte nichts unversucht lassen.”
„Foto?”
Fi nickt und kramt aus der hinteren Ecke des Schranks einen richtig dicken Ordner hervor, blättert darin und zieht dann ein körniges Zeitungsfoto heraus. Reicht es Ethan hin. Der schnaubt ein bisschen ungläubig – das Bild zeigt Barry und Irene und ihn mit den geretteten Teenagern vor der alten Schule. Das Bild ist viel zu ungenau, um groß Details zu erkennen, aber an ihrer Körperhaltung wird die Erschöpfung trotzdem deutlich. Kein gestelltes Foto, sie sind alle in Bewegung, Artie eng an Ethan gedrängt. Das war direkt, bevor sie in die Krankenwagen gestiegen sind, fällt Ethan ein. Wer hat denn da fotografiert? Einer der Polizisten vielleicht? Egal.

Seine Schwester sieht indessen verlegen auf den prallgefüllten Ordner in ihrer Hand. „Weißt du, ich war so enttäuscht, weil ich dich nicht gefunden habe”, sagt sie leise. „Und dann kamst du einfach von selbst. Das war total egoistisch von mir. Tut mir leid.”
Ethan schüttelt sachte den Kopf. „Schon gut.”
„Ich wollte dich unbedingt heimbringen”, spricht Fi weiter. „Da war die ganze Zeit dieser Schatten über der Familie. Dieses unsichtbare, Ethan-förmige Loch. Alan hat das echt nicht gut weggesteckt.”
Ethan seufzt. „Hab ich gemerkt.” Er lässt den Kopf hängen. „Es tut mir leid.” Wieder mal.
„Es hat schon auch seinen Grund, warum er Polizist geworden ist, weißt du.”
Und nicht etwas Besseres. Au. Verdammt.
„Mmhmm. Verständlich.”

Verlegen und auch ein bisschen neugierig sieht Ethan sich im Zimmer um. Alles sehr aufgeräumt. Möbel aus hellem Holz, auf dem Schreibtisch die sorgfältig gestapelten und sortierten Überreste der Lernerei für die Abschlussklausuren. Keine Poster an den Wänden, sondern Fotos, die Fi und einige andere Mädchen zeigen – Freundinnen offensichtlich. Wenig Kleinkram, der einfach so herumsteht, aber viele Parfümflaschen und Schminkutensilien. Ein großer Standspiegel. Zahlreiche vollgestellte Bücherregale.

Ethan muss lächeln, als sein Blick auf das Regalbrett mit Oz-Romanen fällt. „Hab erst vor kurzem wieder einen bekommen.” Fi sieht zu ihm. „Hmmm?” „Zauberer”, erklärt Ethan. „Hatte all die Jahre keinen, stell dir vor.” „Muss das langweilig gewesen sein”, sinniert Fi, was Ethan ein weiteres Schmunzeln entlockt. „Rumgezogen”, erläutert er dann. „Wenig Gepäck. Und habs nicht so mit Büchern, eigentlich.”
„Solltest du aber”, rät ihm seine Schwester. „Bücher sind toll.”
„Mmmhm”, macht Ethan. „Mein bester Freund ist Schriftsteller.”
„Oh? Kenn ich den?”
Ethan macht ein fragendes Gesicht. „Barry Jackson?”
„Nie gehört. Was schreibt der so?” „Horrorthriller”, erwidert er. ‘Mindfuck’ hat Barry es mal selbst genannt, aber das Wort kommt Ethan irgendwie nicht so recht über die Lippen, auch wenn er den Begriff natürlich von zahllosen Filmen kennt.
Fi schüttelt sachte den Kopf. “Sowas lese ich nicht”, lässt sie ihren Bruder wissen. „Eigentlich mehr Sachbücher.” Ethan nickt. „Paar Sachbücher hab ich auch.”

Ein Moment vergeht schweigend, dann sieht Fiona Ethan direkt an. „Erzähl denen da unten irgendwas, um sie zu beruhigen.”
Ethan verzieht das Gesicht. „Mag die nicht anlügen.”
Diese Bemerkung lässt Fi kurz seltsam dreinschauen, aber dann nickt sie. „Erzählst du es mir irgendwann?”
Drecksmist. Er sollte nicht. Er sollte auf gar keinen Fall. Das ist viel zu gefährlich. Aber andererseits hat Fiona so viel Mühe in die Suche nach ihm gesteckt, so viel Herzblut…
Ethan bedenkt seine Schwester mit einem langen, forschenden Blick. Seufzt. „Kann’s dir nicht versprechen”, sagt er schließlich langsam. „Aber okay. Mal sehen.”
Fi lächelt ihn an. „Mehr brauch ich jetzt gar nicht hören.”

„Wieder runter?” fragt Ethan dann, nachdem er Fionas Karte noch einmal ausgiebig bewundert hat.
„Geh schon mal vor”, empfiehlt Fi. „Ich muss den Schrank wieder einräumen. Jetzt ist es zwar eigentlich egal, aber Mom weiß nichts von der Karte, und es wäre mir ganz recht, das bleibt so.”

Unten zieht Ethan einen Stuhl zu Alans und setzt sich neben den Jüngeren. Sucht nach den richtigen Worten, während Dad verstohlen zu ihnen herüberschaut und dann seiner Frau einen Stubs gibt. „Sieh nur, Dorothy. Unsere Söhne. Zusammen. Hättest du je gedacht, dass…” Gerührt bricht er ab und tastet nach Moms Hand.
Ethan wirft einen vorsichtigen Blick nach links. „Oh Mann.”
Alan sieht seinen Bruder finster an. „Wenn du mir was sagen willst, sag’s.”
Oh Mann, Alan. Ich würde dir so gerne alles sagen. Das wäre so eine Erleichterung. Vielleicht würde dann dieses Misstrauen in deinen Augen verschwinden. Auch wenn ich’s nur zu gut verstehe. Würde mir ja nicht anders gehen. Aber ich kann nicht. Es geht nicht.
Ethan verzieht das Gesicht. „Es tut mir leid.” Alles. Dass er es Alan nicht sagen kann. Dass Dad diesen Heiligenschein um Ethan gezogen hat, nachdem er verschwunden war; einen Heiligenschein, den er so überhaupt gar nicht verdient. Dass es Alan so dreckig gegangen ist, während er weg war. Dass er schuld daran ist, wie es Alan jetzt geht. ‘Es tut mir leid.’ So kleine Worte. So wirkungslos. Was können sie auch helfen? Was kann Alan sich dafür kaufen? Gar nichts.

Sein kleiner Bruder schnaubt bitter. „Und was soll ich darauf jetzt antworten?”
Dass du die Entschuldigung annimmst. Dass es vielleicht nicht okay ist, aber dass wir irgendwann wieder klarkommen, du und ich. Verdammt, Alan, du bist mein Bruder.
„Musst gar nichts antworten. Sollst es nur wissen.”
Alan schnaubt wieder. Deutet ein Ausspucken an. „Warum soll ich mir das geben. Ich geh jetzt.” Abrupt steht er auf, schiebt seinen Stuhl mit einer heftigen Bewegung unter den Tisch.
Die drei übrigen Gales, Ethan ebenso wie seine Eltern, reagieren auf ganz genau dieselbe Art und Weise. „Alan, bleib, bitte!”
Aber der schüttelt nur angewidert den Kopf. „Hey, vielleicht geh ich für zehn Jahre, mal sehen, ob euch das auffällt!”
Und damit ist er aus der Tür.

Ethan folgt seinem Bruder in den Flur. Aber auf sein „Alan, warte!” reagiert der nicht, sondern reißt die Haustür auf und stürmt in die Dämmerung hinaus. Knallt die Tür hinter sich zu. Um ein Haar wäre Ethan ihm nach, hat die Tür schon wieder geöffnet, aber auf der Schwelle hält er inne, lässt Alan doch gehen. Kehrt ins Wohnzimmer zurück, wo er sich schwer auf seinen Stuhl fallen lässt und den Kopf in den Händen vergräbt.
Es wäre beinahe zum Lachen, wenn es nicht so weh tun würde. Von seiner ganzen Familie hat er sich an diesem Abend gerade Alan am Nächsten gefühlt. Okay, Fiona auch, oben in ihrem Zimmer, aber den Rest des Abends über? Alan, definitiv. Der wusste ja nicht, warum Ethan ihm nicht die gewünschten Antworten geben konnte, und hatte völlig recht, nicht aufzugeben – und wenn Ethan an seiner Stelle gewesen wäre, hätte er ganz genau dieselben bohrenden Fragen gestellt.
„Drecksmist”, entfährt es ihm. Und natürlich hat Dad es gehört. „Ethan! Anstand!”
Jaja. „Sorry.”

„Ich werde Alan anrufen.” Das ist Mom, die ihr Handy schon herausgekramt hat.
Ethan schüttelt den Kopf. Das wird nichts helfen, so geladen, wie sein kleiner Bruder gerade ist. „Lass ihn.”
Dads Stimme ist schneidend. „Du wirst jetzt nicht deiner Mutter vorschreiben, dass sie in ihrem eigenen Haus ihren Sohn nicht anrufen darf!”
Ethan lässt die Schultern sinken. Wirft in einer abwehrenden, zerknirschten Geste beide Hände in die Luft. Entschuldige. Du hast natürlich recht. Ich bin ein Eindringling hier. Ich war fast elf Jahre lang nicht da. Es geht mich gar nichts an, und natürlich habe ich Mom nichts vorzuschreiben.

Mit einem tiefen Seufzen sieht Dad Ethan an. „Ich hätte dich niemals aufgeben dürfen. Mir nicht einreden lassen dürfen, dass du tot sein musst. Wir sind schuld daran – ich bin schuld daran, dass…” Er stockt, setzt neu an. „Wir sind nicht für dich da gewesen.”
Ethan schüttelt den Kopf. „Nicht eure Schuld!” hält er seinem Vater entgegen. In ziemlich heftigem Tonfall, aber seine eigene Anspannung macht sich jetzt auch bemerkbar.
„Doch, natürlich”, beharrt Dad. „Wir sind deine Eltern! Wir waren für dich verantwortlich! Wir waren nicht da, als dieser Mörder dich umbringen wollte, wir waren nicht da, als deine Freundin gestorben ist…“
„Aber ihr wart an dem Abend nicht dabei! Ihr konntet nichts dafür, was passiert ist!”

Jetzt beginnt Moms perfekte Hausfrauen-Fassade, die sie beinahe den ganzen Abend lang so sorgfältig aufrecht gehalten hat, erstmals zu bröckeln. „Ethan, fahr deinen Vater nicht an! Du verschwindest für zehn Jahre völlig spurlos, und dann tauchst du auf einmal wieder auf und erwartest, es muss alles so sein wie früher und -” „Nein!” bricht es aus Ethan heraus, bricht ein ganzer Damm in ihm, und die Worte bahnen sich in zusammenhängenden, ganzen Sätzen, wie er sie seit Jahren nicht über die Lippen bekommen hat, ihren Weg nach draußen. Strömen aus seinem Mund wie Blut aus der Halsschlagader. „Nein, das erwarte ich nicht! Das geht doch gar nicht, das kann doch keiner erwarten! Ich kann euch nicht mal verdenken, wenn ihr mich hochkant rauswerft und nie wieder sehen wollt! Und wenn das so ist, dann ist es so! Aber ich wollte wenigstens, dass ihr wisst, dass es mir gutgeht! Dass ich am Leben bin!”

Jetzt fällt Moms Maske ganz und gar. Einen Herzschlag lang ringt sie sichtlich um Kontrolle, dann fällt sie in sich zusammen und beginnt haltlos zu weinen. Wortlos schließt Dad die Arme um sie.

Alles in Ethan schreit danach, auch zu seiner Mutter zu gehen. Sie ebenfalls in den Arm zu nehmen. Sie zu trösten, irgendwie. Er macht einen zaghaften Schritt auf Mom zu, aber er bringt den Mut nicht auf. Steht zögernd und mit gesenktem Kopf vor seinen Eltern.
„Ich… ist vielleicht besser, wenn ich gehe…”
Dad sieht entsetzt auf und zu seinem Sohn hin. „Nein, du kannst doch jetzt nicht wieder gehen! Nicht, nachdem du so lange fort warst!”
Ethan erwidert Douglas’ Blick kläglich. Muss sich anstrengen, um das Geständnis an dem Hindernis in seinem Hals vorbei zu bugsieren. „Ich hab das so oft gewollt, euch zu kontaktieren. Aber erst war es nicht sicher, und als es dann endlich sicher gewesen wäre, war…” Da ist es doch wieder. Das Stocken. Das Versagen bei dem Versuch, seine Gedanken einigermaßen verständlich aus dem Mund zu bekommen. „war die… die Mauer schon so hoch gezogen. War… war das Gewicht schon… schon so schwer.”
Ich konnte nicht. All die Jahre. Verschwendet. Verloren. Es tut mir so unendlich leid.
Unsicher steht Ethan da. Zweifelnd. Hat keinerlei Ahnung, was er tun soll. Er würde am liebsten flüchten, aber Flucht kommt nicht in Frage. Das ist er seiner Familie schuldig. Und sich selbst.

Vielleicht kann sein Vater sehen, wie es in Ethan arbeitet. Oder vielleicht arbeitet es ganz ähnlich in Dad selbst. „Keine Mauer“, versichert er Ethan entschieden. „Kein Gewicht. Wir sind doch eine Familie. Deine Familie.”
„Du bist doch unser Kind!” setzt Mom heftig hinzu. „Es ist so vieles so anders, aber das ändert sich doch nie, du bist doch unser Kind!!”
Dad nickt. „Wir haben dich so vermisst.”
„Ich euch auch.” Die Worte klingen rau von dem Kloß in seinem Hals, an dem sie vorbei müssen, und irgendwie wirken die Gestalten seiner Eltern verdächtig verschwommen gerade.
Durch den Schleier sieht Ethan Mom auf ihn zukommen, ehe sich einen Moment später ihre Arme um ihn legen und Ethan die Umarmung erwidert, so fest er nur kann. Von der anderen Seite drückt Dad sowohl seinen Sohn als auch seine Frau an sich, und kurze Zeit später kommt auch Fiona dazu, die offenbar fertig ist mit Aufräumen oben.
Ethan lässt das Kinn auf Moms Schulter sinken und schließt die Augen, und es ist ihm egal, dass die anderen vielleicht bemerken könnten, wie etwas von ihm abfällt, das beinahe elf Jahre lang auf ihm gelastet hat wie ein unverrückbarer Berg. Wie er den Tränen freien Lauf lässt. Nichts zu verbergen. Sie sind seine Familie. Er ist zuhause.

So stehen sie als kleines Knäuel, als Familie, bis sie sich irgendwann langsam voneinander lösen. Und jetzt doch noch etwas essen, von Fionas Salat, der die ganze Zeit über vergessen auf dem Tisch gestanden hat. Und zum Nachtisch gibt es Eistorte. Geschmolzen. Egal.

Alan fehlt. Alan fehlt sehr. Auch wenn es keinerlei Vergleich ist, glaubt Ethan jetzt wenigstens ansatzweise zu verstehen, was Fi vorhin mit dem Ethan-förmigen Loch gemeint hat. Denn zumindest für ihn fühlt sich das Alan-förmige Loch im Raum gerade ungefähr ähnlich groß an. Die Feindseligkeit seines Bruders schmerzt gewaltig. Aber daran lässt sich ja vielleicht etwas ändern. Das hofft Ethan jedenfalls von ganzem Herzen. Mit der Zeit vielleicht.

Natürlich wollen sie seine Kontaktdaten. Adresse. Telefon. E-Mail. Skype-Kennung. Gibt er ihnen alles. Gibt er ihnen gerne. Vermutlich wird er sein Versprechen noch ungefähr zehn Millionen Mal wiederholen müssen, aber das ist keine Überraschung nach dem, was war, und ein kleiner Preis. Er sagt es gerne zehn Millionen Mal, wenn er muss. Er wird den Kontakt nicht abreißen lassen. Natürlich wird er das nicht. Sie sind seine Familie. Er. Wird. Nie. Wieder. Spurlos. Verschwinden.

Genauso natürlich wollen sie, dass er über Nacht bleibt. Und genauso natürlich sagt Ethan zu. Gar keine Frage. Ob es gleich mehrere Tage werden, wie seine Familie das gerne hätte, oder er am Montag früh wieder zurück muss, das kann er jetzt noch nicht sagen. Das hängt von Bones Gate ab. Aber zumindest morgen gehört ihnen. Und eigentlich sollten ein paar Tage freimachen doch drin sein. Ethans Arbeitszeiten sind ohnehin ziemlich unregelmäßig.

Beinahe, nur beinahe, bereut Ethan seine Zusage, als Mom und vor allem Dad darauf bestehen, dass er in seinem alten Zimmer übernachtet. Die haben darin nichts verändert. So gar nichts. Niemand hat darin etwas angerührt. Okay, doch. Die Bettwäsche haben sie gewechselt, dem Himmel sei Dank. Immerhin. Sonst wäre das Projekt ‘Ethan schläft in seinem Jugendzimmer’ ganz, ganz schnell gestorben. Auch so ist es schon beklemmend genug, von seinen alten Sachen umgeben zu sein, und er hätte das Gästezimmer am anderen Ende des Flurs eindeutig vorgezogen. Aber er kann ja auch irgendwo verstehen, dass sie gerne wollen, dass er sein altes Zimmer nimmt. Immerhin ist es seines. Auch wenn sie es inzwischen zu einem Schrein gemacht haben. Gut, dass Giffany das nicht weiß, denkt er mit einem schiefen Grinsen, als er sich auf sein Bett fallen lässt. Die würde sonst vielleicht noch eifersüchtig.

Einschlafen kann Ethan trotzdem nicht. Lange sitzt er auf seinem Bett und sieht sich um. Nimmt immer wieder irgendwelche von seinen alten Sachen in die Hand, dreht sie hin und her. Es fühlt sich so seltsam an, in diesem Zimmer zu sein. Irgendwann hat er genug. Es ist ziemlich spät, nach Mitternacht, aber das macht hoffentlich nichts. Er greift nach seinem Handy. Und wählt Samanthas Nummer.

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