Miami Files – White Night 7

Was lange währt, wird endlich gut. Nach dem Experiment mit dem geschriebenen Zwischenspiel im Nevernever, ist das Folgende wieder ein echtes Diary und der Abschluss des „White Night“-Abenteuers. Epische Entwicklungen for the win, hihi. Nächstes Wochenende spielen wir wieder, da geht es dann mit „Small Favor“ weiter. Das wird unser zehntes Haupt-Abenteuer (die Side Jobs mal ausgenommen) – wir spielen diese Kampagne tatsächlich schon seit ziemlich genau sechs Jahren. Woo-hoo. Ich freue mich schon.

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Ich befand mich also wieder in meiner eigenen Welt. Soviel zumindest war klar, denn sonst wäre George noch da gewesen. Aber wo war ich? Ich rieb mir das schmerzende Hinterteil und sah mich um. Ich befand mich auf einer kleinen Anhöhe, unter bleigrauem Novemberhimmel. Vor mir, unterhalb der Anhöhe, eine Wasserfläche von beachtlicher Größe, umgeben von Moor- und Heidelandschaft auf der einen Seite, einem Waldstück auf der anderen. Berge – oder waren das noch keine Berge, sondern nur Hügel? – in einiger Entfernung. Das sah mir aus wie Schottland. Ich war in den Highlands. Und dann musste das da unter mir der Lochan Dubh nan Geodh sein. Aber warum hatte George mich gerade jetzt hierher gebracht?

Stimmen machten mir klar warum. Denn als ich in die entsprechende Richtung sah, erkannte ich unten am Ufer sechs mir nur allzu wohlbekannte Gestalten. Das waren die Jungs mit Gerald und seinem Sohn, und offenbar wollten sie genau jetzt das Ritual abhalten. Okay, George, alter Kumpel, ich nehme alles zurück.

Dass ich so plötzlich aus dem Nichts auftauchte, wunderte die Jungs natürlich genauso wie mich, und da die Nerven etwas angespannt waren, konnte ich vermutlich ganz froh sein, dass ich nicht von einem Zauber empfangen wurde. Aber als sie mich dann mal erkannt hatten, waren sie doch ganz froh, mich zu sehen, glaube ich.
Ehe es losging, ließ ich mir aber erstmal erzählen, was ich alles verpasst hatte, und berichtete selbst von meinen Erlebnissen in der Sommerhalle. Als ich erzählte, dass ich es für grundsätzlich möglich hielt, dass das Feuer das Kind von Sigthor und Lady Fire sein könnte, sah Alex mich an, als sei ich völlig verrückt geworden. „Und dann hältst du es für eine gute Idee, Lady Fires Kind in den Thronsaal ihres Feindes zu bringen? Was, wenn es für seine Mutter spioniert?!“
Oh oh. So weit hatte ich in meinem Bemühen, an die Sonnenhaare zu kommen, natürlich wieder mal nicht gedacht. Ganz schlau, Alcazár, echt.

Ich selbst hatte auch ein paar Sachen verpasst. Seit meinem Aufbruch ins Nevernever waren hier in der echten Welt einige Tage vergangen. Den erfolgreichen Abschluss von Operation Valinor hatte ich ja noch mitbekommen, und als ich dann abgereist war, fingen die anderen an, die Ritualzutaten für die Aktion hier zu besorgen. Oh, und sie hetzten Camerone Raith gegen Anabel auf. Muahahahaha. Da wäre ich gern dabei gewesen. Aber es klang auch schon aus den Erzählungen der Jungs ziemlich cool, ein echtes Raith’sches Meisterstück seitens Totilas. Der überzeugte seine Tante nämlich, dass er Gerald absetzen wolle, dass er die Geschäfte übernehmen wolle und dass Gerald, wenn er mit ihm fertig sei, keinen Fuß mehr nach Miami werde setzen können – und Gerald werde keinerlei Zweifel daran haben können, dass es Totilas gewesen sei, der ihm das eingebrockt habe.
Ich wiederhole mich, aber: Muahahahahaha. Perfekt mit der reinen Wahrheit über den Tisch gezogen.

Spencer Declan hetzten sie auch Richtung Anabel, frei nach dem Motto, dass es für die Stadt nicht gut wäre, wenn da jetzt plötzlich so ein ganz neuer Mitspieler auftauchen würde. Anabel, die Declan um ein Treffen gebeten hat, hat wohl einen Termin in zwei Wochen genannt bekommen. Und noch ein kleines Muahahaha.

Jetzt, hier am See, hatten die Jungs schon so gut wie alles fertig. Richard und Roberto würden mit ihren eigenen Ritualen beginnen: Roberto würde die Umgebung vorbereiten, wenn ich das richtig verstanden hatte, Richard würde den Dämon aus Gerald herausziehen, und Edward den Dämon in den See treiben. Und das würde richtig schwierig werden, das konnte er jetzt schon sagen. Die Jungs hatten schon einige Dinge dafür eingesammelt, während ich im Nevernever war, aber ob das ausreichen würde? Ich bot eine Blutspende an, weil ich von Edward ja weiß, dass Blut ein Ritual tatsächlich erleichtert, aber so weit würde es nicht kommen müssen, meinte er. Soweit er sagen könne, hätten sie genug Sachen vorbereitet. Aber falls es hart auf hart kommen würde, wollte er nochmal darauf zurückkommen, meinte er. Si, claro, weil das in der Hektik auch gerade so gut gehen würde. Aber gut, mir in die Hand schneiden und etwas Blut wohin auch immer tropfen lassen, könnte ich vermutlich tatsächlich auch in einiger Eile.

Ehe es losging, warnte Richard uns, dass wir ihn auf jeden Fall im Auge behalten müssten. Immerhin würde das Ritual vermutlich ziemlich an den Kräften zehren, und das wiederum würde mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit Richards Red Court-Infektion hochkochen lassen. Erkennen könnten wir das daran, dass seine Tätowierungen die Farbe verändern würden: je greller rot, desto kürzer stünde er davor, die Kontrolle zu verlieren. „Alles klar“, sagte Alex, „darum kümmere ich mich“, und bastelte aus der Batterie des Mietautos einen Taser, um Richard falls nötig ausknocken zu können. Totilas und ich hingegen wollten Richtung Klippe und Richtung See die Umgebung sichern beziehungsweise Edward schützen, so gut wir konnten.

Richard und Roberto begannen zuerst mit ihren jeweiligen Teilen des Rituals, dann kam Edward dazu. Ich konnte gar nicht genau sehen, wann es soweit war, aber dann wurde mit einem Mal sein Dämon aus Gerald herausgezwungen. Es war ein ziemlich beunruhigender Anblick, weil der Dämon tatsächlich haargenau so aussah wie Gerald selbst, nur eben etwas blasser. Die Kreatur zögerte kaum einen Herzschlag lang, dann rannte sie davon, was das Zeug hielt. Totilas, der Richtung See die Stellung hielt, war dem Dämon sofort auf den Fersen, aber der kam gar nicht weg. Er prallte von der unsichtbaren Barriere ab, die Edward mit dem Ritualkreis vorher gezogen hatte, fauchte wütend auf und hatte sich im Nullkommanichts von dem Hindernis abgewandt, ehe er auf Edward zustürmte. Damit hatte ich nun wiederum so halbwegs gerechnet, und vor allem stand ich auch so, dass ich mich dem Dämon ziemlich gut in den Weg stellen konnte. Glücklicherweise, denn der war richtig schnell. Ich hatte auch ein wenig den Eindruck, dass er zurückprallte – weniger vor mir, aber vor der Sommerklinge in meiner Hand. Ob er an Jade vielleicht nicht vorbeikonnte?

Während der Dämon zurückzuckte und ich ihm, so drohend ich konnte, mein Schwert entgegenhielt, warf Totilas sich von hinten auf ihn. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass der See zu brodeln begann: Irgendetwas darin schien zu erwachen, oder vielleicht war es auch schon wach und kam jetzt einfach an die Oberfläche geschwommen.
Jetzt überwand der fahle Dämon seinen Schrecken, oder vielleicht besann er sich auch einfach auf seine unglaubliche Schnelligkeit. Jedenfalls tanzte er einfach um mich herum und auf Edward zu, und ich hatte keinerlei Chance, ihm hinterherzukommen.
Aber glücklicherweise waren Roberto und Alex ja auch noch da. Alex tat dasselbe, was ich auch getan hatte, und warf sich dem Gerald-Abbild in den Weg, während Roberto irgendwas rief. Ich weiß gar nicht, ob es ein Zauber war oder einfach nur Robertos Persönlichkeit, aber er… mierda, wie sage ich das, er machte sich wichtig. Plötzlich wirkte es so, als sei Robertos Anteil am Ritual der größte und wichtigste – sogar für mich, obwohl ich ja wusste, dass Robertos Part eigentlich schon getan war und nur Edward die Sache am Laufen hielt.
Jetzt packte der White Court-Dämon Alex und warf ihn nach Roberto, um ihn aus dem Tritt zu bringen – hatte dessen Ablenkungsmanöver also geklappt. Sehr gut. Also nicht gut für Alex und Roberto, die beide davon zu Boden gingen, aber gut für Edward, dessen Ritual nicht unterbrochen wurde. Dafür bekam Totilas plötzlich silbrige Augen, als dessen eigener Dämon die Kontrolle übernahm und ganz offensichtlich die Essenz von Geralds dämonischem Ebenbild in sich aufnehmen wollte, um sich selbst zu stärken. Derweil versuchte ich, die Aufmerksamkeit des wirtslosen Schemens auf mich zu ziehen, aber ich hätte genauso gut meilenweit weg stehen und leise flüstern können: Totilas‘ Dämon war einfach ungleich wichtiger und gefährlicher für Geralds Abbild als ein kleiner Cardo mit seinem Sommerschwert.

Das war der Moment, in dem Edward noch einmal alle Kraft zusammennahm und das Ritual mit einem Paukenschlag beendete. Der Dämon heulte auf und wurde unerbittlich in Richtung See gezogen, dessen Brodeln und Zischen in den letzten Minuten stark zugenommen hatte. Aber da die White Court-Dämonen ja angeblich alle aus genau hierher gekommen waren, hofften wir, dass der See, oder besser der Schutzmechanismus, der auf ihm lag, den Neuankömmling nicht abstoßen würde.
Totilas, dessen Augen noch immer silberfarben waren, dessen Dämon also noch immer zumindest zum Teil die Kontrolle hatte, wollte dem Gerald-Schatten hinterher. Von uns allen stand ich ihm am nächsten, und ich konnte nicht zulassen, dass unser Freund ebenfalls in den See gezogen werden würde, also hielt ich ihn zurück. Der Dämon drehte sich um, und seine silbernen Augen bohrten sich in meine, und ich war mir sicher, dass er jetzt über mich herfallen würde, hungrig, wie er sein musste. Schon hatte er mich gepackt, aber dann fuhr er mit einem Mal herum. Von Roberto ging noch immer diese Aura der Wichtigkeit aus, und so ließ Totilas mich los, machte die paar Schritte hinüber und küsste Roberto, was unseren White Court-Freund nach ein paar Sekunden des Stärkens wieder genug zu sich kommen ließ, dass seine Augen ihre normale Färbung annahmen und er sich von seinem Opfer löste. Und ich bin mir nicht zu fein zu gestehen, dass ich massiv dankbar dafür war, so davongekommen zu sein.

Erst jetzt hatten wir wieder Augen für Gerald selbst. Der war zusammengebrochen, und sein Sohn kniete über ihm. Richards Schutztätowierungen waren hellrot, und seine Zähne traten bereits größer und spitzer hervor, als Zähne das eigentlich tun sollten. Alex schnappte seinen Autobatterie-Taser und verpasste dem Infizierten einen Stromstoß, während ich ihm mit dem Schwertknauf einen Schlag überbriet. Als Richard daraufhin verwirrt zu uns aufsah, begann ich, auf ihn einzureden, und es gelang mir tatsächlich, ihn wieder einigermaßen zur Vernunft zu bringen. Aber das kräftezehrende Ritual hatte seine Spuren hinterlassen: Totilas‘ Vater brauchte Nahrung, um nicht doch wieder auszuticken, und zwar schnell. Also kam ich doch noch zu meiner Blutspende, auch wenn wir natürlich nicht zulassen konnten, dass Richard mich biss. Stattdessen ließ ich Blut in die Schale tropfen, die Roberto für seinen Teil des Rituals benötigt hatte – genug, um den Infizierten zu sättigen, und genug, dass mir ziemlich schwummrig vor Augen wurde, aber es ging.
Gerald erholte sich auch ziemlich bald, zumindest so viel, dass wir ihm aufhelfen konnten. Er war zwar völlig erledigt, wirkte aber unsagbar glücklich. Kein Wunder, so sehr, wie er sich danach gesehnt haben musste, endlich kein Vampir mehr zu sein.

Im See war irgendetwas auf uns aufmerksam geworden, sagten Edward und Roberto, das hätten sie während des Rituals gespürt. Und oben an der Klippe waren drei Gestalten aufgetaucht, bemerkten wir jetzt. Schwarze Gestalten, irgendwie baumartig, aus einem Holz, das keiner von uns näher bestimmen konnte, wobei wir ja auch alle zu weit weg waren, um Näheres darüber sagen zu können. Gruselig jedenfalls, sehr gruselig. Wie Ents aus Mordor, wenn man so will. Um sie herum konnte Alex eine Art Verzerrung spüren, ließ er uns wissen: sowohl hier in der echten Welt als auch im Nevernever. Und irgendwie hatte Alex ein ähnliches Gefühl wie bei Jack, also dem bösen Jack von den Outer Gates, wohlgemerkt. Er würde sich nicht wundern, wenn diese Gestalten ebenfalls von den Outer Gates kämen, meinte er. Sie wirkten jedenfalls keineswegs freundlich, eher das Gegenteil, aber so, wie sie da oben standen und beobachteten, schien es uns, als wollten sie erst einmal abwarten und nur schauen, was hier unten passierte. Trotzdem sahen wir zu, dass wir uns schleunigst davonmachten. Im Auto erklärten Edward und Roberto dann, dass keiner von beiden je irgendwas von solchen oder auch nur ähnlichen Kreaturen gehört hatte, und das ist für sich genommen schon seltsam genug.

Im Wegfahren konnten wir sehen, dass die drei Figuren inzwischen den Abhang herunter gekommen waren. Sie bewegten sich auf den See zu, aber sie trauten sich nicht ganz bis an dessen Ufer. Es sah nicht so aus, als würden sie an eine unsichtbare Barriere stoßen, sondern eher so, als wüssten sie selbst nicht so recht, was sie tun sollten, also bewegten sie sich widerwillig und unentschlossen vor und zurück.

Am See selbst hatte es die ganze Zeit kein Handynetz gegeben. Irgendwann auf halbem Weg Richtung Wick, wo der Privatjet stand, den Gerald für die Aktion hatte springen lassen, gab Totilas‘ Telefon plötzlich Laut. Es war eine SMS seiner Cousine Cherie: „Anabel Katze Kanarienvogel, sagt Hilary. Komm schnell heim!“ Oh, mierda. Das klang dringend. Keine Zeit für die Sonnenhaare, keine Zeit für mein Gepäck in Edinburgh, wir mussten sehen, dass wir nach Hause kamen. Also rief ich im Hotel an und bat sie, mir meinen Koffer schicken zu lassen, und die Haare behielt ich auch erst einmal bei mir. Gerald ließen wir in Edinburgh zurück: Er will sich hier ein paar Tage ausruhen und dann weitersehen, meinte er. Aber wir sollten uns keine Sorgen um ihn machen, ihm gehe es prima. Und so sah er auch aus. Richtiggehend erlöst im Vergleich zu vorher.

Ehe wir abflogen, rief ich noch bei Yolanda an und bat sie, doch bitte Pan vorzuwarnen, dass da jemand käme: ein lebendes Feuer, ein Einherjar und ein Orc. Und ja, mir war völlig bewusst, wie das klang, da brauchte mein Schwesterchen nicht erst ungläubige Geräusche zu machen. Aber immerhin erklärte sie sich bereit, Pan bescheid zu sagen. Ich rief auch im „Old Cauldron“ an, um Warden Hawkins zu informieren, dass ich erfolgreich gewesen sei und ihm die Haare demnächst bringen werde, aber irgendwie war der Barkeeper etwas schwer von Begriff oder hatte keine Lust, dem Warden etwas auszurichten, und ich hatte nicht den Eindruck, dass ich zu ihm durchdrang. Also schickte ich von Wick aus kurzerhand ein Telegramm nach Edinburgh.

Und jetzt sitzen wir hier in unserem Privatjet, und ich habe die Zeit genutzt, um das alles aufzuschreiben. Und das Essen ist auch richtig gut. An dieser Art des Reisens könnte ich echt Gefallen finden.
Aus, Alcazár. Erfolgreicher Schriftsteller oder nicht, jedesmal Privatjet ist trotzdem nicht drin. Gewöhn‘ dich besser nicht daran.

Oh oh. Eben bekam Totilas wieder eine SMS von Cherie. „Erdbeben. Nur hier. Nichts kaputt. Seltsam.“
Totilas schrieb sofort eine SMS zurück: „Wo ist ‚hier‘?“, und Cherie antwortete ebenfalls umgehend: „Raith Manor“.

Mierda. Wir haben noch zwei Stunden bis zur Ankunft, können rein gar nichts machen. Wir können ja schon froh sein, dass das Flugzeug überhaupt mit Netzverbindung ausgestattet ist und Nachrichten durchkommen.

Wieder eine SMS gerade. „Noch ein Erdbeben. Wir evakuieren.“
Totilas hat uns erklärt, ‚evakuieren‘ ist der Plan, um die menschliche ‚Herde‘ – wie ich das Wort hasse, aber so nennen die Vampire es nun mal, cólera – in Sicherheit zu bringen. Es gibt keinen festen Treffpunkt, kein koordiniertes Sammeln an einem Punkt A oder B, sondern die menschlichen Bewohner des Hauses sollen einfach ein paar Stunden shoppen oder ins Kino gehen oder ihre Zeit sonstwie verbringen.

Eine Stunde noch. Wir sitzen wie auf Kohlen. Lenk dich irgendwie ab, Alcazár. Schreib was. Mach Übungen mit Jade. Haha.

Okay. Das war… ’schräg‘ wäre untertrieben. Und viel zu harmlos ausgedrückt. Sagen wir: Das war übel. Es gab Verluste. Und Raith Manor liegt wieder mal in Trümmern.

Sofort nach unserer Landung fuhren wir zum Anwesen der White Courts. Vor dem Gelände hatte sich eine ziemliche Menschenmenge angesammelt, dazu mehrere Polizeiwagen, auch ein oder zwei Einsatzfahrzeuge des Katastrophenschutzes, die aber alle mit abgestelltem Motor einfach nur dastanden und nichts taten – die Fahrzeuge ebensowenig wie ihre Besatzungen. Oh, und die Presse war auch da. Fernsehübertragungswagen, gestylte Reporterinnen, wie man das so kennt. Und warum? Weil über Raith Manor ein Schneesturm wütete. Und zwar nur über Raith Manor. Eine einzige, örtlich begrenzte Wolke über dem Haus, die der Meteorologe, der von der gestylten Reporterin gerade interviewt wurde, der geneigten Zuschauerschaft gerade mit dem Begriff ‚Mikroklima‘ zu erklären versuchte.

Bei dem ganzen Chaos war es ziemlich leicht, sich unbemerkt auf das Gelände zu schleichen. Dort, außer Sicht der Gaffer draußen, aber noch vor der Wolke, hielt Totilas an und überlegte laut, ob der Schneesturm vielleicht von der Anwesenheit des lebenden Feuers ausgelöst worden sein könnte, um das Gleichgewicht zu wahren gewissermaßen? Aber das hielt ich nicht für sonderlich wahrscheinlich. Denn das Feuer und seine Begleiter hatte ich ja zu Pans Palast geschickt, also warum sollte die Auswirkung, falls es denn eine Auswirkung gäbe, sich ausgerechnet hier zeigen? Na gut, es könnte natürlich auch sein, dass das Feuer eben nicht in Pans Palast herausgekommen war, sondern hier, aber das hielt ich ebenfalls für ziemlich weit hergeholt. Nicht völlig ausgeschlossen, aber doch ziemlich fragwürdig.

Mit dem ersten Schritt in den Schneesturm hinein befanden wir uns in einem eisigen Inferno. Der Wind – von dem wir außerhalb der Wolke keinen Ton gehört hatten – blies uns mit voller Wucht um die Ohren, und wir kamen dagegen kaum an, wurden unerbittlich zurückgedrängt, wenn wir nicht mit allen Kräften dagegenhielten. Schon bald hatte Totilas uns andere abgehängt – er ist nun mal einfach der Ausdauerndste und Stärkste von uns.

Im Gebäude ließ das Getöse des Sturms etwas nach – aber gut sah es da drinnen nicht aus. Die große Vorhalle war ein Trümmerfeld, und um uns herum knackste und knarzte es, als werde gleich alles einstürzen. Die Marmorstatuen in Lebensgröße, die sonst immer zu beiden Seiten des breiten Treppenaufgangs gestanden hatten, lagen zerborsten herum, von den Wänden und der Decke war Mörtel gebröselt, und der Boden war von Schutt übersät.
Mitten in der Halle stand Totilas. Er hielt eine Kreatur am Schlafittchen gepackt – ein Eisgoblin, wie mir später klar wurde – und zischte den gerade wütend an. „Es gibt zwei Möglichkeiten. Du rufst deine Freunde, und ihr haut ab… oder es ergeht euch wie deinem Kumpel da.“
Der ‚Kumpel da‘ war die reglose Gestalt eines weiteren Eisgoblins, der verkrümmt an einer Wand lag. Das sah schwer danach aus, als habe Totilas ihn einfach gepackt und gegen die Mauer geschleudert. In einem derartigen Badass-Modus habe ich unseren White Court-Freund selten gesehen.
„Ok, ok, ok“, winselte der Goblin. „Wir sind ja schon weg!“
Totilas brach ihm noch ein Stück Zahn ab und hielt es ihm vor das Gesicht. „Jetzt weiß ich immer, wo du bist. Also keine Tricks!“
„Ok, ok, ok“, jaulte der Goblin wieder. „Lass uns gehen, wir wollten doch nur Party machen! Sie haben gesagt, wir könnten hier Party machen!“
„Wer hat das gesagt?“ hakte Totilas nach.
„Die Menschenfrau und der Ritter! Und jetzt lass uns gehen!“
Tatsächlich ertönten in diesem Moment Schüsse von weiter hinten im Gebäude, die schnell näher kamen. Irgendwer lieferte sich da ein Rückzugsgefecht.
Wir gingen in Deckung und machten uns kampfbereit, aber es waren keine Gegner, die in die Halle gewankt kamen, sondern einige Raiths. Einer von ihnen trug Cherie über der Schulter, die schwer mitgenommen war, richtig schwer verletzt. Edward erklärte sich sofort bereit, ihr als Nahrung zu dienen, aber Roberto erklärte, Edward sei zu wichtig, zu schlagkräftig, um jetzt außer Gefecht gesetzt zu werden. Das ließ mich stutzen – Roberto, der so etwas über Edward sagte? Aber gut, er hatte ja recht, und Roberto ist nichts, wenn nicht pragmatisch. Also blieb Roberto zurück, und Totilas blieb bei ihm, um aufzupassen und Cherie rechtzeitig von Roberto wegzuziehen, weil sie ihn sonst vermutlich umbringen würde. Alex, Edward und ich hingegen machten uns auf den Weg tiefer in das Gebäude hinein.

Wir mussten gar nicht weit gehen, ehe wir den Grund für all die Zerstörung sahen: eine junge blonde Frau, offensichtlich Magierin, und ein Feenritter. Ein Winter Sidhe, eindeutig. Und beide hoben die Hände und machten Anstalten, irgendwelche fiesen Winterzauber auf uns loszulassen. Wir machten uns schon bereit, irgendwo in Deckung zu hechten, aber die Magierin fluchte deutlich hörbar „Scheiße, Menschen!“, als sie uns zu Gesicht bekam, und ließ ihren Stab sinken, ehe sie auch dem Sidhe ein Zeichen gab, innezuhalten. „Wer seid ihr, und was wollt ihr hier?!“

Klar. Wir waren Menschen, sie als Magierin durfte uns also nicht einfach angreifen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, einen von uns umzubringen und das erste Gebot der Magie damit zu verletzen. Die ganzen White Courts indessen, gegen die sie bis eben vorgegangen waren, zählten alle nicht als Menschen… und mit einem Mal war ich sehr froh, dass Totilas zurückgeblieben war, um auf Roberto und Cherie aufzupassen.

„Was wir hier wollen?“ Ich glaube, der Blick, den ich der blonden Frau zuwarf, muss zu gleichen Teilen empört und verwirrt gewesen sein. „Genau das könnten wir auch fragen.“ Meine Stimme klang etwas scharf, als ich das sagte. Aber dieser Winter Sidhe ließ mir – ließ der Sommermagie in mir – sämtliche Nackenhaare hochstehen und weckte das Bedürfnis in mir, auch ja sicherzustellen, dass der Sommer hier, an seinem angestammten Ort, nicht untergebuttert wurde, cólera noch eins. Am liebsten wäre ich ja auf den Kerl los, aber das konnten wir uns nicht leisten. Und außerdem wäre das der Sommermantel gewesen, nicht ich. Ich hielt den Drang zurück und gab mich bewusst höflich. „Und wer wir sind? Gestatten, Alcazár. Ich bin der Sommerritter in dieser Stadt.“
Oh. Erst im Nachhinein fiel mir auf, dass das tatsächlich das erste Mal war, dass ich mich aus freien Stücken selbst mit diesem Titel vorgestellt hatte.

Bei meinen Worten fuhr der Winter Sidhe auf. „Sommerritter! Ich fordere Euch zum Duell, mein Herr!“ Ich starrte den Fae an, während die Magierin auch schon abwehrend die Hand hochhob, um ihren Kämpfer zurückzuhalten. „Kein Duell“, beschied ich dem Feenritter, ehe ich mich wieder seiner menschlichen Begleiterin zuwandte. „Wer sind Sie eigentlich?“
„Wir wollen Warden Declan!“ spuckte die Magierin.
Ähm. Wie bitte? Sie musste mir meine Verwirrung angesehen haben, oder vielleicht hielt sie sie auch für vorgespielt, denn sie wiederholte lauter und heftiger: „Rückt Warden Declan raus!“
Ich atmete tief durch, hob in einer besänftigenden Geste die Hände und lächelte sie an. „Nochmal zurück, bitte. Ganz ehrlich, wir haben keinerlei Ahnung, wovon Sie reden. Würden Sie uns vielleicht erst einmal verraten, wer Sie sind?“

Es brauchte noch etwas Überzeugungskraft, aber ich bekam die Dame dann doch zum Reden. Sie hieß Kirsten Lassiter und war Warden für Kanada, wie ihr Akzent schon angedeutet hatte. Naja, entweder Kanada oder Kalifornien, aber irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen, dass eine Kalifornierin sich einen Winter Sidhe zur Unterstützung mitgebracht hätte. Sie erklärte, sie habe Hinweise darauf bekommen, dass Warden Declan vom White Court entführt worden sei.
Das ließ mich wieder vor Überraschung blinzeln. Warden Declan, vom White Court entführt? Und was für Hinweise darauf hatte Kirsten bekommen, wie und wo und von wem?
Über das Paranet, meinte sie, und sie habe dem natürlich nachgehen müssen. Also habe sie Declans Adresse aufgesucht, aber dort hätten zwei Männer, die wirkten, als seien sie gehirngewaschen worden, sie erst nicht zu ihrem Kollegen vorgelassen, während später ein Mann, der sich für den Warden ausgab, ihr einen Termin in zwei Wochen angeboten hätte. „Das war eindeutig nicht Declan“, spie die Kanadierin, „also! Wo! Ist! Er!“
„Äh, doch“, schaltete Edward sich hier ein, „das klingt schon nach Warden Declan, wie wir ihn kennengelernt haben.“
Die Magierin stutzte. „Wie meinen Sie das?“
Also brachten wir ihr vorsichtig bei, dass der gute Warden Declan hier in der Stadt Steuern von den Nicht-Rats-Praktizierern erhebt und sich fürstlich dafür bezahlen lässt, Leute in die Magierlehre zu nehmen.
„Was?!?“ empörte sich Lassiter, „Warden Declan ist ein Held!“
Wir antworteten nichts darauf, was sollten wir auch antworten? Lassiter mochte vielleicht trotzdem etwas in unseren Gesichtern gelesen haben, denn sie erklärte, sie wolle sich das mal ansehen gehen.
„Aber seien Sie vorsichtig“, warnte Alex.
„Immer. Aber wer sind Sie überhaupt?“
Edward sah sie mit einem gemessenen Blick an. „Wir? Wir sind die Ritter von Miami.“
Das ließ die Kanadierin laut auflachen. „Ahahahaha. Ja klaaar!“
„Das ist unsere Stadt“, ergänzte Edward, ohne sich von ihrem Spott stören zu lassen. „Wir achten auf sie, und wer ihr schaden will, bekommt es mit uns zu tun.“
Lassiter seufzte. „Na gut. Ich werde mir das ansehen.“
„Also kein Duell?“ Ihr Winter Fae klang enttäuscht. „Nein“, sagte die Warden fest. „Los jetzt.“ Der Sidhe war gar nicht glücklich, aber er fügte sich. „Na guuuuut.“
Und sie gingen. Während sie sich abwandten, konnte ich den Feenritter noch grummeln hören, dass er trotzdem gerne gesehen, hätte, was der – also ich – drauf habe. Tja, Kumpel. Pech gehabt. War aber vermutlich ganz gut so; ich brauche dringend mehr Stunden bei Eileen, wenn mich öfter irgendwelche Wintertypen zum Duell fordern wollen.

Zwei Tage später. Eigentlich hatte ich das vorgestern noch fertig aufschreiben wollen, aber dann musste Alejandra ins Bett, und Sheila rief an wegen der aktuellen Fassung von Totem Rise, und dann setzte ich mich daran und arbeitete noch einige Änderungen ein, die mir ohnehin schon die ganze Zeit durch den Kopf schwirrten, und… wie das halt so ist. Ich kam nicht weiter dazu. Aber jetzt sitze ich wieder mal im Flieger nach Schottland. Mir graust schon vor dem Jet Lag, den ich mit ziemlicher Sicherheit bekommen werde, nachdem ich zweimal in so kurzer Folge nach Europa und zurück fliege, aber ich muss ja immer noch die Sonnenhaare bei Warden Hawkins abliefern. Kein Privatjet diesmal, sondern ganz normale Business Class. Ist schon ein Unterschied, aber ich wie ich schon sagte: Nicht dran gewöhnen, Alcazár, der Privatjet war die Ausnahme.
Macht aber nichts, so unbequem ist die Business Class jetzt auch nicht, und so habe ich wenigstens Zeit, den ganzen Kram von vorgestern noch fertig aufzuschreiben. Ahí va.

War das mit der kanadischen Warden also soweit geklärt. Aber das Haus schien kurz vor dem Einsturz: Lassiter und ihr Feenritter hatten ganze Arbeit geleistet. Wir sahen zu, dass wir abhauten, ehe uns noch das Dach auf den Kopf fallen konnte. Verluste hatte es auch gegeben: Cherie war am Leben, aber zwei andere Raiths, die wir nicht näher kannten, hatten den Kampf mit der Warden und dem Sidhe nicht überstanden.
Da Raith Manor schon wieder hinüber war – die Baufirma, die ihre Arbeiten ja eigentlich gerade erst abgeschlossen hat, wird sich freuen, dass es gleich schon wieder so viel zu richten gibt –, besorgte Totilas seinem Clan wieder mal eine Unterkunft im Hotel. Nicht im Fountainebleu diesmal, sondern in dem etwas kleineren, aber ebenso luxuriösen Hotel Marbella. Außerdem plante unser White Court-Freund einen neuen Ort für das Duell, da Raith Manor für diesen Anlass ja ebenso ausfiel, und beauftragte die raithsche Eventplanerin Analind mit der Organisation.
Mit Cherie sprach Totilas auch und teilte ihr mit, dass das Duell nicht stattfinden werde, dass sie auch nicht in Geralds Abwesenheit als sein Champion antreten müsse, dass sie aber überrascht tun solle, wenn Gerald nicht auftauche.

Ich selbst stattete indessen endlich Pan einen Besuch ab. Ich war etwas beunruhigt, weil ich die Gruppe aus dem Nevernever ja nicht selbst angekündigt und begleitet hatte, aber der Herzog war ganz angetan von den neuen Gästen – vor allem von Astrid. Von ihrem Vater Sigthor hatte er sogar auch schon gehört und erklärte, den würde er zu gerne mal treffen: Er sei noch nie schwanger gewesen und würde das gerne mal ausprobieren. Ay una leche. Satyre. Echt jetzt.

Außerdem befand Pan, es wäre doch eine ganz tolle Idee, sich Einherjar als kämpfende Truppe zu besorgen statt Rittern: Einherjar lieben es zu kämpfen, zu saufen und Sex zu haben, also perfekt! Mit dieser Idee konnte Sir Anders sich nun so gar nicht anfreunden und warf mir einen hilfesuchenden Blick zu, woraufhin ich versuchte, möglichst beruhigend dreinzusehen. Ich war – ich bin – mir nicht so ganz sicher, was ich von der dem Einfall halten soll, ob eine Meute von Einherjar nicht etwas arg söldnermäßig rüberkäme. Aber andererseits braucht Pan spätestens zur Wintersonnenwende wieder eine schlagkräftige Truppe, sonst wird es uns nicht gelingen, Winter zurückzudrängen, nicht mal in Miami. Na gut, die Satyre sind ja noch da, aber darüber muss ich mir langsam echt mal Gedanken machen.

Halfðan erklärte jedenfalls, er werde bleiben – immerhin ist er der Hüter des Feuers, und er meinte auch, es gefiele ihm hier ganz gut –, aber Astrid und der Orc werden sich wohl demnächst wieder verabschieden. Das war aber zu erwarten gewesen.
Mit dem Feuer sprach ich auch, das hatte sich in seinem neuen Kamin schon ganz gut eingerichtet. Wir unterhielten uns ein bisschen, und es erzählte mir, dass es Sigthors Kind von Loki sei. Also nicht Lady Fire. Puuuuh. Gracias a Dios! Alex‘ Bemerkung wegen des Spionierens hat mir doch mehr zugesetzt, als ich mir selbst eingestanden habe. Irgendwann braucht der Kleine auch mal einen Namen, wenn er jetzt für länger hier wohnt. Vielleicht sollte ich Roberto fragen, ob er eine Idee hat. Das ging bei George ja auch ganz gut.

Zurück vom Treffen mit Warden Hawkins. Ich habe ihm die Sonnenhaare übergeben, aber die schienen ihm mit einem Mal gar nicht so wichtig. Er nickte einen knappen Dank und meinte, sie würden hoffentlich im Kampf gegen den Red Court ein bisschen helfen. Für Edwards Ritual am See hingegen hatte er fast so etwas wie Respekt. Zumindest zeigte er sich beeindruckt davon, von beiden Ritualen, auch von der guten Verzahnung zwischen Edward und Roberto. Ich nickte und erklärte, es sei alles gut gelaufen, soweit ich das habe beurteilen können. Die drei Gestalten, die uns gegen Ende beobachtet hatten, erwähnte ich auch. Dass sie uns zwar nur beobachtet hatten, aber nicht sonderlich freundlich wirkten, weswegen wir dann relativ schnell den Rückzugweg antraten. „Ja, das war sicherlich besser“, erwiderte Hawkins. Irgendetwas ging über sein Gesicht, aber was genau, war schwer zu deuten. Besorgt, irgendwie. Hmm, und ich hatte gedacht, die drei Gestalten wären Aufpasser des Magierrates gewesen, damit wir keinen Unfug anstellen an diesem ’schwärzesten Ort Schottlands‘. Anscheinend waren sie das wohl doch nicht, wenn ihre Erwähnung den Warden derart beunruhigte. Er meinte jedenfalls, er wolle sich das einmal ansehen gehen. Gut; wenn er über die wirklich noch nicht bescheid wusste, ist das bestimmt besser.

Hawkins gratulierte uns nochmals zu dem erfolgreichen Ritual und erklärte, wenn der Wirker es wolle, dürfe er sich gerne einmal beim White Council melden. „Das Geld hat er nicht“, hielt ich dem Magier entgegen. Okay, ich hätte es; nicht in der Portokasse, aber zusammen bekäme ich es irgendwie, und wenn Edward es wirklich wollte, und wenn es ihm wirklich helfen würde, in diesem Magierrat zu sein, dann gäbe es sicherlich schlechtere Arten und Weisen, eine Million zu verprassen. Aber das sagte ich Hawkins nicht. Vielleicht haben die bei diesem Rat ja auch sowas wie Stipendien für die weniger begüterten Anwärter?
Aber der Warden sah mich nur verblüfft an. „Von welchem Geld sprechen Sie?“
Jetzt muss ich ihn ebenso verblüfft angesehen haben wie er mich eben. „Na von dem Lehrgeld. Den Steuern.“
„Junger Mann?“
„Ja, die Ausbildungsgebühr, die Warden Declan von seinen Lehrlingen nimmt.“
Hawkins‘ Stimme war anzuhören, dass er wohl eher mich für verwirrt hielt als sich selbst, aber er sagte, er wolle dem nachgehen lassen. Oh, im Zusammenhang mit Declan erwähnte ich noch, dass Warden Lassiter bedauerlicherweise wohl einer Fehlinformation aufgesessen sei, als sie Declans Entführung vermutete. Meine Karte hinterließ ich auch mit der Bemerkung, dass er gerne auf mich zukommen dürfe, falls ich dem Rat auf irgendeine Weise helfen könne.

So, und da der Flieger zurück erst morgen nachmittag geht, habe ich morgen früh noch Zeit, ein paar Souvenirs zu besorgen. Die Plüsch-Nessie für Jandra, den Butterscotch für Mamá und den Whisky für Papá habe ich zwar schon beim letzten Mal gekauft, aber mal sehen, was ich noch so Schönes finde. Oder ich gehe mich einfach noch ein bisschen in Edinburgh umsehen.

Na das war doch ganz erfolgreich. Jetzt sitze ich wieder im Flieger, und der Flug ist schon wieder halb vorüber. Ich wollte eigentlich was an meinem Manuskript machen, bin aber doch bei ein paar Filmen hängengeblieben und habe etwas gedöst. Im Flugzeug ticken die Uhren einfach anders. Gleich bringen sie auch schon wieder was zu essen, glaube ich. Na, vielleicht komme ich hinterher noch ein bisschen zum Arbeiten.

Zuhause. Dieser Jetlag vom doppelten Reisen ist wirklich so heftig, wie ich das befürchtet hatte. Schlafen konnte ich kein Stück, und Kopfschmerzen habe ich auch. Und eben hat auch noch Warden Hawkins angerufen. Irgendwas von wegen, dass ein gewisser Wizard McCoy sich wegen der Sache in Schottland mit uns treffen wolle. Nachher in Stout’s Bar and Grill. Ich hätte ja eher das John Martin’s vorgeschlagen, aber gut. Das ist ja auch eher was für Einheimische. Ob er was rausgefunden hat wegen der drei Mordor-Ents? Hm. Unwahrscheinlich, dass ein Ratsmagier gleich zu kleinen Praktizierern wie uns kommen würde, um uns über deren Nachforschungen in Kenntnis zu setzen. Ich tippe eher auf Fragen zu unserem Ritual bzw. dem Zweck dahinter – denn ich glaube, davon, dass die Jungs dort einen White Court-Dämon austreiben wollten, ist bisher kein Wort gefallen. Zumindest habe ich in meinem Gespräch mit Hawkins kein Wort davon gesagt; keine Ahnung, ob die anderen so offen waren, als sie in Edinburgh mit Hawkins geredet haben. Irgendwie glaube ich nicht, dass der Weiße Rat so begeistert wäre, wenn er davon erführe.

Autsch. Au, war das böse. Und dabei ist kein einziges Wort über Geralds Entdämonisierung gefallen.
Wir waren pünktlich zu dem Treffen im Irish Pub, dieser McCoy – zumindest nehme ich an, dass er das war; er stellte sich nicht vor – kam ein paar Minuten später. Nicht viel später, aber gerade so viel, um zu zeigen, wer hier das Sagen hatte. Ein fitter alter Mann in den späten 70ern oder frühen 80ern vielleicht, mit schütteren grauweißen Haaren, Stoppelbart, Farmerkleidung und einem Akzent aus dem Mittleren Westen. Er hatte einen schwarzen Stab bei sich, aus Ebenholz oder sowas in der Art: ein Magierstab, wie Vanessa Gruber und Kirsten Lassiter ihn auch gehabt hatten, nur dass deren Stäbe aus hellerfarbigem Holz gemacht waren. Er machte einen ziemlich griesgrämigen und auch ziemlich zähen, knallharten Eindruck.
Wir sagten freundlich hallo; er würdigte uns keiner Begrüßung. Er setzte sich nicht einmal hin. Statt dessen starrte er uns nur böse an und verkündete mit eiskalter Stimme, wenn er noch einmal mitbekäme, dass wir schlecht über Warden Declan geredet hätten, dann werde der hören, was wir gesagt hätten, und dann werde der handeln. Habe er sich klar ausgedrückt?
Kristallklar, das konnte man nicht anders sagen.
Dann wandte McCoy sich ohne ein weiteres Wort zum Gehen . Alex wollte ihm noch die Liste mit Declans Lehrlingen mitgeben, aber der Magier winkte nur ab. Die wolle er gar nicht haben. Nicht von so kleinen Praktizierern, die den Ruf der Wardens in den Schlamm zögen. Sprach’s und verschwand. ¡Tío, que pelmazo!

Der Tag des Duells.

Eigentlich dürfte nichts passieren. Gerald ist sicher in Schottland, und wenn der Herausforderer nicht auftaucht, müssen die Champions nicht ran. Aber ich habe ein mulmiges Gefühl im Magen. Anabel Raith hat es mit ihrem kleinen Spielchen schon geschafft, Raith Manor wieder in Trümmer legen zu lassen, und ich würde mich überhaupt nicht wundern, wenn sie noch irgendwelche Fiesheiten in Petto hätte. Aber wenigstens hat Totilas in der Zwischenzeit mit fast allen Raiths aus Miami reden können und sie überzeugt, dass die Dinge so weiterlaufen werden wie bisher, wenn sich demnächst an der Spitze eine Veränderung einstellen sollte.

Sie hatte tatsächlich Fiesheiten in Petto. Erstaunlicherweise wurde es nur doch nicht ganz so schlimm wie befürchtet, denn Totilas hatte ja gute Vorarbeit geleistet und reagierte, als es hart auf hart kam, einfach schneller als sie. Aber der Reihe nach.

Am neu organisierten Ort des Duells – eine alte, leere, entwidmete Kirche, damit auch der Red Court Abgesandte schicken konnte – wartete alles gespannt auf Gerald. Cherie ist leider keine sonderlich gute Schauspielerin, der konnte man ansehen, dass sie nicht überrascht war, aber vielleicht kam mir das auch nur so vor, weil ich selbst ja bescheid wusste und ein besonderes Auge darauf hatte. Der vereinbarte Zeitpunkt kam, aber kein Gerald tauchte auf. „Ha!“ triumphierte Anabel keine fünf Minuten nach Verstreichen des Termins, „ich habe gewonnen!“
„Ich habe das Recht des ersten Kampfes“, erklärte Marshall Raith erstaunlich souverän, „und ich sage, wir warten noch eine Stunde!“
Also warteten wir noch eine Stunde. Als Gerald dann immer noch nicht erschienen war, ergriff Anabel sofort wieder das Wort. „Aber jetzt habe ich gewonnen. Also: Alle Raiths ins Biltmore Hotel!“
„Ins Hotel Marbella“, entgegnete Totilas fest. „Ich spreche für Haus Raith in Miami, und ich sage: Hotel Marbella!“
Anabel schnaubte verächtlich. „Wer im White Court verbleiben möchte, der kommt ins Biltmore Hotel.“ Und mit diesen Worten rauschte sie aus dem Saal.
Die versammelten Raiths waren drauf und dran, ihr zu folgen, aber jetzt fuhr Totilas das schwere Geschütz auf. „Haaaalt!“ donnerte er und brachte mit einigen wohlgesetzten, aufmunternden Worten tatsächlich die meisten seiner Leute ins Marbella, auch wenn einige wenige tatsächlich dort dann durch Abwesenheit glänzten. Die waren wohl doch lieber ins Biltmore zu Anabel gegangen.

Von unterwegs, noch ehe wir ins Marbella kamen, rief Totilas bei Lara Raith, der Tochter des Weißen Königs, an.
„Ist der Weiße König abgesetzt?“ fragte er brüsk.
Eine Sekunde lang klang seine Cousine geschockt. „Was redest du da?“
„Anabel behauptet, sie entscheide, wer im White Court sein dürfe und wer nicht. Ist das so?“
„Ich bin sicher, das ist gedeckt“, kam Laras Stimme aus dem Lautsprecher, jetzt wieder ruhig und gefasst. „Hat sie gewonnen?“
„Durch Geralds Abwesenheit, ja.“ Und dann schuf Totilas kurzerhand Fakten. „Die Geschäfte hier in Miami habe ich übernommen.“
„Ach?“ machte Lara spitz, aber unser White Court-Kumpel ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Ja“, erwiderte er, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, und seine Cousine gab den spitzen Tonfall auf, gratulierte Totilas herzlich und warm zu seinem Erfolg. Sie ist eine Raith, die Wärme war nicht echt, soviel war klar, und sie wird ihren Cousin fallenlassen, sobald sie dafür den ersten Anlass sieht, aber zumindest für den Moment stand, steht, sie hinter Totilas als Anführer der Raiths von Miami.

Im Hotel Marbella dann hielt Totilas eine Rede. Eine flammende, aufmunternde Rede, in der er wiederholte, was er seinen Leuten in den ganzen Einzelgesprächen zuvor auch schon gesagt hatte. Dass Anabel die Dinge grundlegend umwälzen würde, wenn sie hier an die Macht käme. Dass er selbst die Dinge so fortführen würde, wie Gerald das immer getan hatte. Dass die Raiths von Miami so weitermachen könnten wie bisher. Dass alles unter Kontrolle sei. Und vor allem, dass er die Geschäfte in Geralds Sinne fortführen werde. Das wirkte.

13. November

Ha. Anabel Raith ist aus Miami abberufen worden. Von den Leuten, die ihr ins Biltmore gefolgt sind, haben zwei Miami ebenfalls verlassen; vermutlich haben die Anabel begleitet. Zwei andere ‚Abtrünnige‘, die bei Anabel im Biltmore waren, sind noch in der Stadt. Totilas meinte, er wolle sie im Auge behalten, aber ihnen ansonsten keinen Ärger machen, falls sie das auch nicht tun. Vernünftige Einstellung, wenn ihr mich fragt, Römer und Patrioten. Falls sie doch noch zum Problem werden sollten, kann er sie immer noch zurechtstutzen.

15. November

¿Que demonios? Ich habe eben gerade nochmal die Einträge der letzten Tage durchgelesen, und eines ist seltsam. Ich schreibe da ein paarmal von ‚Mordor-Ents‘ und ’schwarzen Baumgestalten‘, die wir in Schottland an dem See gesehen haben wollen. Und hier ist das Seltsame: Ich habe keine, keinerlei, Erinnerung an diese Gestalten. Ich habe null Ahnung, was ich da beschrieben habe und warum. Wir waren in Schottland, klar, da war das Ritual, Geralds Dämon wurde aus ihm herausgezogen und in den See getrieben, der See brodelte, und Edward und Alex hatten das Gefühl, darin sei etwas aufgewacht, etwas Ungemütliches, Unfreundliches, Gefährliches, und deswegen haben wir zugesehen, dass wir möglichst schnell Land gewannen. Ich sehe die Szene noch ganz genau vor mir, und da sind keine schwarzen Gestalten!

Das ist nicht mal wie bei manchen Träumen, die ich vor Jahren, ach was, Jahrzehnten, mal hatte und die ich aufgeschrieben habe. Ich habe sie inzwischen komplett vergessen, aber wenn ich die entsprechenden Tagebucheinträge nochmal lese, dann kommen einzelne Bilder, manchmal auch zusammenhängende Szenen, aus diesen Träumen wieder zum Vorschein. Nicht so wie echte Erinnerungen, aber etwas. Und hier ist das eben komplett anders. Aber warum zum Geier sollte ich sowas aufschreiben, wenn es nicht da war? Und wenn es da war, warum zum Geier erinnere ich mich nicht daran? Also so gar nicht?

Ich wiederhole mich, aber: Was? Zum? Geier?

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