Supernatural – Spuren der Vergangenheit

Dies ist der schon einige Male kurz erwähnte zweite Teil des Portland-SSTs, den Iona, Bad Horse und ich gemeinsam geschrieben haben. Leider ist er bisher nicht beendet worden, da Iona derzeit sehr wenig Zeit hat. Und da leider nicht so recht abzusehen ist, wann es mit ihren Kapazitäten wieder besser wird, habe ich beschlossen, den Text trotzdem schon einmal online zu stellen, weil spätere Diaries Bezug darauf nehmen und, auch unfertig, bestimmte Informationen, die später noch relevant werden, schon darin zu finden sind. Wenn/Falls/Sobald wir das SST fertigschreiben, werde ich die neuen Passagen natürlich ergänzen.

Wie in den anderen SSTs auch schon, verzichte ich auf die farbliche Kenntlichmachung der Abschnitte nach Verfasser; es wird ja durch die Namensüberschriften ziemlich gut deutlich, was von wem stammt. Einzelne Sätze allerdings können auch hier wieder von jemand anderem eingeschoben worden sein, aber auch das lässt sich, glaube ich, ganz gut herauslesen.

So oder so, viel Spaß damit.

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Samantha

Seine Hände, rauh aber gleichzeitig sanft, fahren über die empfindliche Haut an ihren Seiten. Sie spürt seine Lippen, wie sie ihren Hals hinunter küssen, seine Zungenspitze, als sie immer tiefer wandert. Eine Hand greift in sein Haar, sie bäumt sich auf, streckt sich ihm entgegen, die andere sucht Halt, krallt sich in das Bettlaken.

KRACH.
Sam schreckt auf. Lachen und Stimmen. Schritte. Portland. Motel. Andere Gäste.
Langsam lässt sie sich wieder auf das Bett und in die Kissen sinken. Der Traum wirkt nach, aber sie schiebt ihn beiseite, stöhnt leise, als sie die Zahl auf dem Wecker neben dem Bett sieht. Dennoch bleibt sie noch einige Augenblicke liegen.
Nur ein Kuss. Nur? Er mag mich doch. Hemmt ihn wirklich nur der Fluch? Wenns nur das ist… Aber ist es nur das? Glaube ich nicht. Da ist mehr. Ob er sie geliebt hat? Bestimmt. Er wirkt nicht wie der Typ Mann, der öfter als einmal mit einer Frau schläft, ohne etwas für sie zu empfinden. Oder doch? Versagt mein Instinkt bei ihm? Trage ich schon die rosarote Brille und lasse mich wieder täuschen wie von Max?
Bei dem Gedanken zieht sie die Decke über ihren Kopf.
Nicht an ihn denken jetzt. Und besser auch nicht so von Ethan. Das ist nicht gut. Portland. Verdammt. Wieso ist das auch in Portland passiert? Aber vielleicht wirds auch für dich Zeit, Sam. Zeit? Wann ist für so etwas Zeit? Seine Familie. Sie lebt, und er hat keinen Kontakt zu ihr. Was steckt dahinter? Hätte ich noch Kontakt zu meinen Eltern, würden sie noch…?
Frustriert wirft sie die Decke von sich und richtet sich auf. Streckt sich und schaut sich um. Ihr Blick bleibt am Sofa hängen, wo sie gestern gemeinsam saßen. Sie schüttelt die Gedanken, die sogleich wieder kommen, ab und steht auf.

Nach einer kurzen Dusche und Morgenroutine tritt sie wieder ins Zimmer.
Und jetzt? Rübergehen und klopfen? Sind sie überhaupt schon wach?
Sie tritt an die Wand, die beide Zimmer voneinander trennt, und lauscht.
Mache ich das gerade wirklich?
Genervt über sich selbst fährt sie sich durch das noch feuchte Haar und geht Richtung Tür.

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Barry

Nachdem er das dritte Mal aus einem Alptraum aufschreckt, reicht es Barry. Den vierten muss er sich nicht mehr geben, und es ist schon hell draußen. Da kann er auch aufstehen. Der kurze Blick auf die Uhr sagt ihm, dass er noch genug Zeit hat, bis er zur Polizei muss.

Das Aufstehen ist leichter als gestern – nicht großartig, aber schon besser. Ethan liegt noch im anderen Bett und schläft. Dunkel erinnert sich Barry, dass er gestern Nacht schon wieder ins Zimmer gekommen ist. Fragt sich, was mit Sam ist. Fragt sich, was mit Sam läuft. Beschließt, dass Ethan ihm schon sagen wird, was los ist. Irgendwann, zumindest.
Leise geht Barry ins Bad. Kurze Dusche, anziehen. Heute bekommt er den Liner über den Stumpf, also kann er den Haken anlegen. Gut.

Da Ethan immer noch schläft, als er fertig ist, verlässt er leise das Zimmer, auf der Suche nach Nahrung und Kaffee. Muss ein Stück zu Elmer’s Restaurant laufen – anstrengend, aber dafür gibt es dort nicht nur ein herzhaftes Frühstück, sondern auch (angeblich) deutsche Pfannkuchen mit Zitrone.
Als Barry zurückkommt, trifft er Sam an dem Automaten an der Rezeption – sie sieht ausgeschlafener aus als gestern. Entspannter.
“Hey”, sagt er zu ihr. Ganz gut, wenn Ethan grade nicht da ist. Er fischt eine Visitenkarte aus der Tasche – natürlich die falsche, die für die Uni (“Dr. Bernard Jackson, Sprachwissenschaften”), aber die Nummer und E-Mail-Adresse stimmen ja. Krakelt mit einem Kuli noch seine Handynummer drauf.
Gibt sie ihr. “Falls mal was ist”, sagt er. “Wenn ihr Unterstützung braucht und Ethan vergisst, Bescheid zu sagen. Oder wenn du mal was brauchst.” Eigentlich kennt er sie gar nicht, aber sie hat ihn gestern zum Lachen gebracht. Kommt nicht so oft vor.

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Samantha

„Morgen“, antwortet Sam, als Barry sie anspricht. Er kommt aus einer anderen Richtung als dem Motelzimmer, aber bevor sie fragen oder abwägen kann, ob die Frage überhaupt angemessen wäre, hält sie auch schon die Visitenkarte in der Hand.
„Danke“, murmelt sie während sie noch liest. „Wenn du was zu schreiben hast…“
Barry reicht ihr den Kuli, den er noch in der Hand hält, und einen Notizblock. Kurzerhand schreibt sie eine Telefonnummer und eine Emailadresse darauf und reicht ihm beides wieder.
„Bin nicht immer erreichbar, aber bemühe mich.“

Der Kaffee ist mittlerweile in den Becher gelaufen und sie nimmt ihn aus der Maschine. „Du… machst dich auf den Weg? Wenn er wach ist, kannst du ihm sagen, ich bin da vorne auf der Terrasse?“

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Barry

“Muss noch zur Polizei, ein paar Details klären”, antwortet Barry auf Sams Frage. “Danach zum Zug.” Er zögert einen Moment. Würde ihr gern etwas sagen, aber was? Sei vorsichtig? Pass auf dich auf? Viel Glück? Alles nicht ganz richtig. Also nickt er schließlich nur und sagt: “Ich richt’s ihm aus.”

Langsam geht er zurück zum Hotelzimmer, bestellt dort Ethan Sams Nachricht. Packt seine Sachen, ruft ein Taxi, bezahlt das Zimmer bis zum Abend und fährt ohne ein weiteres Wort ab.

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Ethan

Ein Sonnenstrahl auf seinem Gesicht weckt ihn auf. Eine Sekunde lang will Ethan benommen das warme Kitzeln in seiner Nase wegwischen, ist noch ganz in seinem Traum verfangen. Der warme Strahl des Sicherheitsröntgengeräts am Flughafen, durch den nicht Taschen, Laptops, Telefone und das sonstige Handgepäck geschoben werden. Stattdessen müssen die Passagiere zur Durchleuchtung auf das Band treten und werden selbst durch den schwarzen Kasten befördert. Sam tritt vor ihm die Leiter hinauf und reicht ihm die durchsichtige Duty-Free-Plastiktüte mit den Waffen nach hinten. Sie sind schon kurz vor dem Apparat angekommen, als Ethan klar wird, dass Gegenstände ja gar nicht durchleuchtet werden sollen. Er wirft schnell einige lose Zigaretten, die er im Duty-Free-Shop einzeln gekauft hat, in die Tüte, zusammen mit den gehäkelten Spitzendessous für Sam, dann schubst er die Tüte über die Balustrade in den flachen Bach, der zwischen den Bändern entlangfließt und das verschlossene Plastikbehältnis ungehindert auf die andere Seite bringt.
Inzwischen ist das Band an dem Durchleuchtetor angekommen, und sie fahren in ihren Wannen in die Dunkelheit ein, und der wärmende, helle Strahl des automatischen Fluoroskops tanzt über Ethans Gesicht, und er öffnet die Augen und–

Ethan blinzelt. Sonnenstrahl. Motelbett. Und immer noch das Gefühl von Sams Lippen auf seinen. Immer noch ganz, ganz leicht der Duft ihres Duschgels in seiner Nase. Er rollt sich auf den Bauch und vergräbt mit einem frustrierten Ächzen den Kopf unter dem Kissen. Oh Mann. Einerseits ist er ja irgendwo erleichtert, dass er rechtzeitig die Kurve gekriegt hat, aber andererseits… Oh Mann!
Er schnaubt frustriert ein paarmal ins Bettlaken, dann wirft er unvermittelt die Decke ab und stemmt sich hoch. Hilft ja alles nichts. Es ist schon ziemlich spät und Barry schon aufgestanden. Keine Ahnung, wann der raus ist. Der Spiegel im Bad ist jedenfalls nicht mehr groß beschlagen. Wenigstens zieht seine gezerrte Schulter nicht mehr so. Brave Salbe.

Eine Dusche später zieht er sich eines seiner wenigen verbliebenen frischen T-Shirts und das letzte saubere Hemd an – wenn das hier noch länger geht, muss er sich einen Waschsalon suchen – und will eben das Zimmer verlassen, als Barry wieder hereinkommt.
“Sam ist auf der Terrasse, soll ich dir sagen.”
Ethan nickt ihm zu. Überlegt, ob er dem Älteren jetzt noch einen guten Morgen wünschen soll, aber die Gelegenheit ist schon vorüber. Also nickt er einfach nochmals und deutet einen kleinen Salut an, ehe er hinausgeht.

Draußen ist das erste, was er tut, sich eine Zigarette aus der Packung zu schütteln. 100% rauchfreies Hotel, elender Drecksmist! Aber auch draußen auf dem überdachten Gang vor den Zimmertüren hängen überall “Rauchen verboten”-Schilder, also behält er auf dem Weg zur Terrasse die Zigarette unangezündet im Mundwinkel und schnippt ein paarmal ungeduldig das Feuerzeug auf und zu, bis er weit genug von den Zimmern weg ist.

Sam sitzt auf einem der Stühle beim Pool und schaut auf das Wasser. Um die Uhrzeit ist sonst noch kein anderer Gast hier, auch wenn die Vormittagstemperaturen fast schon warm genug zum Schwimmen wären.
“Hey”, grüßt er sie verlegen schon aus einigen Schritten Entfernung. Sie sieht aus, als sei sie in Gedanken, und er will sie nicht erschrecken.

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Samantha

Der Kaffee ist im Becher schon fast komplett abgekühlt, als Sam daran denkt, an ihm zu nippen. Sie verzieht das Gesicht und stellt ihn auf den Boden. Streckt sich in dem Stuhl, in den sie sich am Pool gesetzt hat und starrt wieder auf die Wasseroberfläche, die nur vom leichten Luftzug bewegt wird. Gedanken rasen durch ihren Kopf.

Eine Hexe, Hilfe von einem Dämon. Ist sie noch hier? Sie weiß nicht, was sie getan hat. Oder ist das nur ein Trick? Weitere Freunde suchen, erwähnte er. Fragen stellen. Was ist mit seiner Familie? Sie ist nicht von hier. Oder doch? Nein. Das hätte ich gehört. Hätte ich? Weiß nicht. Wo werden wir hingehen? Sollte ich zum Haus? Das Haus. Unbewohnt. Leer.

Seine Stimme reißt sie aus ihren Grübeleien. Sie schaut auf und die zuvor gerunzelte Stirn entspannt sich wieder. Ihre Augen verraten, dass sie sich freut ihn zu sehen, aber sie hält den Blick nicht lange, da sie auf einen Stuhl neben sich deutet und verlegen mit den Schultern zuckt.

„Hi. Magst du?“ Ihr Blick geht zur Zigarette. „Denke, hier schaut so schnell auch keiner.“
Sie beugt sich runter zu ihrem Becher, nimmt ihn wieder in die Hand, wohl um etwas mit ihnen zu tun zu haben.
„Oder willst du gleich los?“

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Ethan

Auf ihre zweite Frage hin schüttelt Ethan den Kopf und lässt sich auf den Stuhl zu ihrer Rechten sinken. “Keine Eile.” Bei allem Drang, weitere Informationen über den Fluch und die Hexe herauszufinden, ist er gar nicht so scharf darauf, sich den Geistern seiner Vergangenheit schon sofort wieder zu stellen. Klar muss er das, und klar wird er das, und klar w– nein, verdammt. Von ‚wollen‘ kann trotz allem nicht die Rede sein. Ja, er wird. Aber nicht auf leeren Magen. Erstmal frühstücken. Feigheit? Vielleicht. Aber damit muss er leben.

“Noch nichts gegessen”, erklärt er. “Du?” Einen Kaffee hat sie zumindest mal in der Hand, aber das ist so ein Automatenbecher, das heißt nichts. “Kaffee wär gut. Hab” – er räuspert sich. Bringt den angefangenen Satz nicht zuende. Vielleicht kann sie sich ja auch so denken, dass er nicht sonderlich gut geschlafen hat. Hab noch ewig wachgelegen, wollte er eigentlich sagen. Tut mir leid, dass ich so plötzlich abgehauen bin. War besser so, aber ich wünschte trotzdem, ich wäre geblieben. Er sieht auf den menschenleeren Pool, dann zu Sam. “Brauch einen.”

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Samantha

Auf seine Frage hin schüttelt Sam den Kopf. „Der Kaffee hier ist nicht so gut.“
Ich will nicht, dass es so komisch zwischen uns ist. Aber was soll ich sagen? ‚Hey, alles locker, sollten wir öfter mal machen.‘ – ähm nein. Also doch. Ach verdammt.

„Aber die da“, sie deutet auf die Zigarette, „scheinst du noch zu brauchen.“ Sie lächelt leicht, als er mit den nächsten Zügen einen Teil seiner Anspannung verliert. Er blickt zu ihr, will wohl etwas sagen, aber die Worte scheinen nicht zu kommen.

Sie fährt sich mit beiden Händen durch die Haare, räuspert sich und denkt kurz nach. „Meinst du, die Blechbü… äh das Tin Shed gibt’s noch? Nicht weit von hier. Wollen wir einfach mal hinfahren? Ist vielleicht auch ein guter Ausgangspunkt.“
“Hab von gehört”, nickt Ethan, dann erheben sie sich gleichzeitig aus ihren Stühlen. Sam bleibt vor ihm stehen, schaut ihn an.

„Ethan… das gestern… es soll… ich möchte nicht, dass es komisch zwischen uns wird. Das war“, sie geht einen Schritt auf ihn zu, steht nah bei ihm, „ist – gut, wie es ist.“
Sie greift nach seiner Hand und drückt sie leicht.

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Ethan

Ethan nickt, schüttelt den Kopf, hebt dann hilflos die Schultern. “Sam, ich…” Da ist dieser Kloß in seinem Hals, wenn er sie ansieht. An sie denkt. Diese wilde Mischung aus Gefühlen.
“Das… Das war…“
Es tut mir so leid, Sam. Ich würde es mir so sehr wünschen. Einfach passieren lassen und sehen, wo es hingeht. Wie das bei normalen Beziehungen eben so ist, wenn sie sich entwickeln. Wenn sie wachsen. Aber genau das ist ihm eben verwehrt. Nur: So tun, als sei sie ihm gleichgültig, das kann er jetzt auch nicht mehr. Nicht nach gestern Abend. Was ihr gegenüber so verdammt unfair ist. Aber er kann es ebensowenig ändern, wie er sich selbst ein Auge ausstechen kann.
Er schluckt das Hindernis nach unten, atmet tief durch. Setzt an, um seinen Gedanken auszusprechen, aber sie redet schon weiter.

„Ich… bin nicht gut in sowas. Aber…“
Als er nicht zurückweicht, lehnt sie sich an ihn und atmet seinen Geruch ein, während seine Arme sich beinahe wie von selbst um sie legen. Er ist etwas größer als sie, aber gar nicht so viel, und ihr Kinn kann bequem auf seiner Schulter ruhen.
Mit den Lippen berührt sie sachte seine Wange.
„Wir kriegen das irgendwie hin. Lass uns schauen, was sich noch rausfinden lässt. Dann sehen wir weiter.“

Ethan muss lächeln, auch wenn es nur ein sehr schwaches Lächeln wird. “Plan.” Er nickt leicht, was sie nicht nur sehen, sondern auch spüren kann, da ihr Kopf noch immer an seinem lehnt, atmet nochmals tief durch und lässt sie mit merklichem Widerstreben los. Dann strafft er sich und wendet sich Richtung Parkplatz.

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Samantha

Die Fahrt in Sams Bus dauert nur wenige Minuten. Das kleine Café, das wirklich von außen wie eine Blechhütte aussieht, scheint es noch zu geben und sich in den Jahren sogar zu einem Geheimtipp gewandelt zu haben. Zerknirscht deutet die Bedienung auf einen kleinen Tisch in der Ecke des Wintergartens – der einzige, der noch frei ist.
„Der ist perfekt, danke“, murmelt Sam, und sie setzen sich dorthin. Es dauert eine Weile, aber dann wird ihre Bestellung gebracht. Der Kaffee hier ist wesentlich besser, und auch das Frühstück sieht schmackhaft aus.

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Ethan

Im Tin Shed ist Ethan tatsächlich früher nie gewesen – und er ist extrem dankbar dafür. Denn wenn er hergekommen wäre, dann wäre das mit Sicherheit in Carlas Begleitung passiert, und das ist etwas, das er sich gerade nicht ausmalen möchte. Neugierig sieht er sich in dem kleinen Gartencafé um, nimmt die gemütlichen Holzmöbel und das viele Grün anerkennend wahr. Nett hier. Die Namen auf der Speisekarte entlocken ihm hochgezogene Mundwinkel, und er gönnt sich die volle Dröhnung eines ‘Good Dog’-Rühreis. Würstchen, Jalapeños, Kartoffelküchlein und andere feine Sachen. Und die Portion groß genug, dass er garantiert kein Mittagessen oder den Rest des Tages sonst irgendwas zu essen brauchen wird. Der Kaffee ist auch echt gut. Einziges Manko: Natürlich darf man hier nicht rauchen. Naja. Wär ja auch zu schön.

Als sein Teller leer gegessen ist und nur noch die große Tasse Kaffee vor ihm steht, lehnt Ethan sich in seinem Stuhl zurück und lächelt Sam schief zu. “Gute Idee.” Doch gleich darauf wird er wieder ernst, nimmt einen tiefen Atemzug und sieht Sam, auf dem Stuhl gegenüber, mit nachdenklicher Miene an.
“Puh. Ganz ehrlich. Keine Ahnung.”
Wie es jetzt weitergehen soll, meint er. Wo sie jetzt noch ansetzen können. Mit den Kollegen haben Barry und er gestern geredet, und der damalige private Freundeskreis wird Coleen aus der Buchhaltung wohl kaum gekannt haben. Er zuckt leicht die Schultern.

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Samantha

Sam hat sich zu ihrem Kaffee nur ein French Toast mit Ahornsirup und einen Obstsalat bestellt. Nachdenklich kaut sie und wiegt mit dem Kopf auf Ethans Aussage hin.

“Wir sollten versuchen, ihre Spur aufzunehmen. Hingehen, wo sie gewohnt hat. Mit den Leuten da sprechen. Vielleicht weiß irgendwer, wo sie hin ist. Wenn wir ein Bild von ihr auftreiben können, geht ‘ne Bildersuche. Ich kenne da wen, der uns da weiterhelfen kann. Kann zwar dauern, aber falls sie sich auf irgendwelchen im Netz geteilten Bildern blicken lässt, findet er sie vielleicht. Es ist zumindest einen Versuch wert.”

Sie zuckt mit den Schultern. “Fällt dir noch etwas ein? Freunde oder Bekannte, die wir abklappern sollten?”
Ihre Augen weiten sich ein wenig. “Ist das eigentlich ok? Kommst du klar? Bitte sag mir, wenn ich … ohne es zu wissen … ich mein, du hast die Stadt lange gemieden.”
Unsicher senkt sie ihren Blick, stochert in ihrem Frühstück.

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Ethan

Nachdenklich wiegt Ethan den Kopf, als Sam vorschlägt, die Spur der Hexe aufzunehmen. “Guter Plan”, stimmt er zu, “nur…” Einen kurzen Moment lang ballt er die Fäuste, lockert sie aber gleich wieder. “Problem.” Mit gerunzelter Stirn sieht er Sam an. “Kein Nachname. Adresse. Daten. Nur ‘Coleen’.” Elender Dreck. Er klingt wie ein verdammter Defaitist. “Freunde”, wechselt er schnell das Thema. “Mmmhm. Gabs paar.”

Gerade will Ethan erklären, dass die aber vermutlich tagsüber arbeiten und das schon der Grund war, warum er gestern und vorgestern nicht bei denen angerufen hat, da sieht Sam ihn mit einem ganz seltsamen Ausdruck im Gesicht an. Fängt an, ein wenig herumzustottern. Ob sie, ohne es zu wissen… Oh. Oh Mann. Ethan will ihr einen aufmunternden Blick zuwerfen, aber schon blickt sie angestrengt auf ihren Teller.
“Sam”, sagt Ethan leise. Hey.”

Als sie aufsieht, greift er über den Tisch, nimmt ihre Hand und drückt sie kurz. Lässt dann verlegen wieder los. Stößt in einem langen, geräuschvollen Atemzug die Luft aus. “Hast recht”, murmelt er. “Nicht ganz leicht. Gepäck. Aber.” Jetzt bekommt er doch wieder das schiefe Lächeln von vorhin zustande. “Muss.” Er zögert. Flüstert beinahe, als er weiterspricht. “Wenn… weiß nicht. Magst was wissen?” Keine Geheimnisse. Nicht vor ihr. Wenn sie es hören will, erfährt sie es. Ethan fühlt sich seltsam. Voller Anspannung und Zögern einerseits, weil er weiß, dass es weh tun wird, darüber zu sprechen, aber dennoch beinahe erwartungsvoll. Wie… wie eine eiternde Wunde, die man ausbrennt?

Ethan sucht Sams Blick, sieht sie forschend an. “Aber… du auch. Gehts dir ok? Hier?”
‘Ein Ort mit vielen Erinnerungen auch für mich’, hat sie geschrieben. Drecksmist. Er hat keine Ahnung, was das heißt. Nur dass es irgendwie in seinen Ohren verdammt ominös klingt. ‘Viele Erinnerungen’, das könnten gute oder schlechte sein, aber er hat das ganz miese Gefühl, dass es in Sams Fall schlechte sind.

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Samantha

„Nur was du erzählen magst“, antwortet sie und schaut wieder auf.
Denkt er jetzt gerade, er müsse mich trösten? Oh Mann. Das wollte ich doch gar nicht.

Mit einem Kopfschütteln wischt sie die Gedanken fort. Ihr Lächeln wirkt ein wenig gezwungen.
„Sags mir nur, ok?“

Glücklicherweise kommt gerade die Kellnerin vorbei und schenkt Kaffee nach, so dass das folgende Schweigen nicht ganz so unangenehm ist, wie es sein könnte.
Sam blickt ihr nach und schaut dann wieder zu Ethan.
„Wenn meine Eltern je sowas wie einen festen Wohnsitz hatten, dann war er hier. Und… es war nicht immer einfach. Seit ihrem Tod war ich nicht mehr hier.“
Dabei belässt sie es erstmal und nippt an ihrer Tasse.

“Kein Nachname? In der Firma kann sich niemand an ihren Nachnamen erinnern? Das ist sehr eigenartig. Dann sollten wir wohl wirklich ein paar Freunde und Bekannte aufspüren. Irgendwer muss sich erinnern.”

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Ethan

Er zuckt die Achseln. “Nicht so eigenartig. Acht Jahre weg, neues Computersystem. Karteileichen raus. Kleine Abteilung. Bürokraft in Fabrik. Wenig direkte Kollegen. Ziemlich unbelie…” Scheiße, verdammte. Er muss gestern fertiger gewesen sein, als er dachte. Oder doch von seinen Erinnerungen an früher beeinträchtigt.

“Drecksmist. Unbeliebt. Nerviger Kater. ‘Greeling’ oder ‘Greylidge’ oder irgendwie, aber nichts Genaues? Doch eigenartig.” Er runzelt die Stirn. “Muss sich doch was rausfinden lassen, verdammt.”

Kommt es ihm nur so vor, oder war das gerade ziemlicher Widerwillen in Sams Stimme, als sie von ihrer Zeit hier sprach? Von ihren toten Eltern? Kann er ihr nicht verdenken. Will ja nicht, dass sie sich unbehaglich fühlt. Wobei. Tut sie vermutlich gerade eh. Oh Mann. Ihre Eltern sind tot. Ist bestimmt total einfach für sie. Verdammt. Okay. Dann er. Ethan wappnet sich für die Menge Worte, die jetzt kommen wird. Spricht zu seiner eigenen Überraschung langsam, mit Pausen, aber stetig.

“Nicht ganz neun Jahre her jetzt. Achtdreiviertel. Vorher knapp 2 Jahre unterwegs. Aber dann hab ich. Naja.” – Ethan zögert beinahe unmerklich, ehe er den Namen ausspricht – “Carla kennengelernt. Bin hiergeblieben. Bis… naja.” Der Stachel der Schuld trifft ihn mit Wucht, aber altvertraut. Inzwischen nicht mehr lähmend.
“Bin dann wieder rumgezogen. Hab wieder angefangen zu jagen. Mich… hm. Darin vergraben. War ne Weile… “ – wie hat er vorgestern zu Barry gesagt? – “nicht ganz bei mir. Naja.” Ethan hebt die Schultern, sieht Sam ein wenig verlegen an. “Und jetzt halt Vermont.”

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Samantha

„Danke“, meint Sam leise, als er die Zeit in Portland und Carlas Namen erwähnt. „Das erzählst du vermutlich nicht oft.“

Mit einer Handbewegung schiebt sie ihren mittlerweile leeren Teller ein wenig zur Seite.
„Mehr als verständlich, das mit dem ‚nicht bei sich sein‘“, murmelt Sam nach Ethans Worten. „Anscheinend macht die Stadt das mit einem. Ich… war auch nicht ganz bei mir. Musste weg. Musste natürlich ein wenig was regeln, aber meine Eltern hatten ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie die Dinge nach ihrem Ableben zu laufen haben. Habe da aber nicht so ganz mitgespielt. Seitdem habe ich den Bus und… reise umher.“ Eine kurze Pause folgt. „War nicht einfach. Aber besser als die Alternative. Doch das ist kein Thema für jetzt.“

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Ethan

“Barry”, murmelt er, als Sam vom nicht-so-oft-Erzählen redet, führt das aber nicht weiter aus, weil sie schon weiterspricht. Und puh. Das, was sie erzählt, klingt… unschön. Wie alt kann Sam wohl sein? Zwei, drei Jahre jünger als er vielleicht, schätzt er. Oder, wenn seine Vermutung in Bezug auf den Forumsuser NoHW94 stimmt, vermutlich sogar eher vier bis fünf, je nachdem. Huh. Jung, um zur Waise zu werden. Ethan nickt ihr nachdenklich zu. “War sicher auch nicht leicht. Tut mir leid wegen deiner Eltern.“
Aber darüber will sie nicht reden.

“Schon ok”, murmelt Sam. “Es ist, wie es ist und ein paar Jahre her. Zum Glück war ich alt genug, und sie konnten mich nicht noch in irgendeine Jugendhilfe stecken.”
Sie fährt sich mit der Hand durchs Haar, eine häufige Geste, wenn sie verlegen ist oder ihre Gedanken sortieren muss.

„Ok. Coleen. Mit irgendwem muss sie ja Kontakt gehabt haben. Vielleicht ein paar einschlägige Läden abklappern? Sie… brauchte ja bestimmte, nicht überall erhältliche Sachen. Die müssten ja jetzt geöffnet haben.“

Rasch hat sie ihr Smartphone aus der Jackentasche gefischt.
„Kennst du welche, die früher schon da waren? Sonst suche ich mal im Netz.“

Mit einem zweiten, entschiedenen Nicken akzeptiert Ethan den Themenwechsel ebenso wie Sams Vorschlag. Der ist nämlich wirklich gut.
“Nicht richtig”, antwortet er auf ihre Frage. “Einen. Wegen Infos kurz drin gewesen damals. Weiß aber nicht, ob’s den noch gibt. Neun Jahre her. Stück nördlich vom Mt. Tabor, glaub.” Wie hieß der noch? Ethan überlegt einen Moment. Irgend so ein sprechender Name. Was mit Moonlight. Moonsong. Sowas. Dann fällt es ihm ein. “Moonshadow.”

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Samantha

Nach ein wenig Getippe auf ihrem Smartphone schaut Sam wieder auf.
“Das Moonshadow – den Moonshadow? – egal. Gibts noch, wenn auch anscheinend unter einer anderen Adresse. Ansonsten finde ich hier noch eine ‚Mystery Gallery‘ ein wenig außerhalb. Denke, dort sollten wir einfach mal vorbei und nachfragen. Vielleicht kennen die ja auch noch mehr Anlaufstellen.“

Sie steckt das Smartphone wieder in ihre Jackentasche.
„Zur Not habe ich noch eine andere Idee. Aber versuchen wir es doch erstmal da. Bist du fertig?“

Rasch wird bezahlt, und kurz darauf sitzen sie auch schon wieder in Sams Bus und fahren zur ersten Adresse. Der Laden ist nicht klein, aber eher schlicht und unauffällig in der Fassade neben anderen Läden. Ein Parkplatz in der Nähe ist schnell gefunden.
Innen wirkt der Laden sehr viel größer als noch von außen. Es strömt ein Geruch nach verschiedenen Kräutern und Räucherstäbchen entgegen, Tische und Regale beherbergen eine große Auswahl an unterschiedlichen Gegenständen und Büchern.
Den Schildern nach zu urteilen kann man hier von Energiesteinen über Tarotkarten bis hin zu Heilkräutern und einer großen Auswahl an Büchern über verschiedene Magietraditionen fast alles erwerben, was das esoterische Herz begehrt.

Bis auf einen jungen Mann bei den Bücherregalen ist im Laden keine Kundschaft zu sehen. Von der dem Läuten, das erklang als Sam und Ethan durch die Tür traten aufmerksam gemacht, schaut eine etwas ältere Verkäuferin auf und lächelt ihnen entgegen.

„Hi. Willkommen im Moonshadow. Was kann ich für euch beide tun? Wenn ihr Ringe sucht, da haben wir eine wunderschöne Auswahl direkt hier vorne.“

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Ethan

Im Laden sieht Ethan sich erst einmal um. Obwohl es eine neue Location ist, wirkt das Moonshadow noch ziemlich so, wie er sich daran erinnert, als er das eine Mal mit Cal hier war. Zumindest die Auswahl an Pärchen-Ringen gab es damals auch schon. Das Angebot der Verkäuferin quittiert er mit einem etwas verlegenen Lächeln. “Ähm. Danke. Andermal vielleicht.” Pro Forma besieht er sich das Angebot – silber zumeist, mit mehr oder weniger Ziselierung, Runen oder magischen Symbolen -, ehe er sich wieder zu der Verkäuferin wendet. “Wollten was fragen.” Hilfesuchend sieht er Sam an, und die übernimmt.

“Hi…” Sam schaut kurz auf das Namensschild der Dame und verkneift sich ein Schmunzeln, “Aurora. Wir haben tatsächlich eine Frage. Und zwar haben wir früher hier gelebt, als der Laden noch an der alten Adresse war. Wir waren eine Weile nicht in der Stadt, und da fiel uns ein, dass eine Freundin von uns immer vom Moonshadow vorgeschwärmt hat. Leider sind wir weggezogen und haben uns aus den Augen verloren.”
Sie wartet kurz, Aurora nickt verständig und lächelt.
“Naja. Wir kannten uns noch nicht lange. Aber… sie schien wirklich was drauf zu haben. Ahnung zu haben von der Kunst. Vielleicht war sie eine Stammkundin hier. Coleen? Klingelt da vielleicht was bei dir?”
Unsicher schaut Sam ihr Gegenüber an.

Als Aurora zögert, schaltet Ethan sich auch noch einmal ein. “So acht, neun Jahre her? Hatte eine Katze.” Er beugt sich verschwörerisch vor, versucht, Überzeugung und Zustimmung in seine Stimme zu legen. “Vertrautentier, du verstehst?” Er lächelt Aurora zu.
Jetzt nickt die Verkäuferin, erst langsam, dann überzeugter. “Coleen, sagt ihr? Mit einer Katze? Ja… Stimmt, die war oft hier. Das muss so etwa acht Jahre her sein.” Auroras Gesicht verdüstert sich. “Eine Freundin von euch, sagt ihr?”
Oh oh. “Naja. Bekannte. Arbeitskollegin.” Das ist nicht mal gelogen.
“Ah.” Aurora entspannt sich etwas. “Ich will ja nicht schlecht über Kunden reden, aber sie war seit Jahren nicht mehr hier. Jedenfalls war sie immer ganz schrecklich überzeugt von sich. Dachte, sie habe, was die Kunst anging, die Weisheit mit Löffeln gefressen. Auf eine ziemlich penetrante Weise, wenn ihr versteht.” Die Verkäuferin zögert, ist anscheinend der Ansicht, schon zu viel Klatsch über ihre ehemalige Stammkundin verbreitet. “Na, aber wenn sie euch den Weg hierher gewiesen hat, war das ja schon mal nichts Schlechtes.”

Ethan lächelt der Dame noch einmal zu, so gewinnend wie möglich. “Penetrant?”
Die Verkäuferin scheint kurz mit sich zu ringen, erwidert das Lächeln dann aber verschwörerisch. “Sie war… wie sage ich das… sehr interessiert an, nun, dem Verschwimmen der Grenzen. Sie hielt nicht viel von der Trennung zwischen weißer und schwarzer Magie. Stattdessen erklärte sie immer, alle Magie sei eins, und hell und dunkel eher… wie sagte sie immer? Leitlinien statt eherner Gesetze. Sie nannte es die ‘pragmagische Regel’ oder die ‘Regel der Pragmagie’. Und sie versuchte, jeden dazu zu bekehren, der ihr unter die Finger kam. Was wiederum nichts war, das wir in diesem Laden gerne hören wollten. Dieses Geschäft ist strikt weiß, wenn ihr versteht, was ich meine.”

Sie sieht die beiden streng an, und Ethan beeilt sich, ein zustimmendes Gesicht zu machen. Dann sieht er sich im Laden um, weil er überlegt, ob sie nicht aus Höflichkeit vielleicht etwas kaufen sollten. Sein Blick fällt auf die Ringauslage am Tresen, und er blinzelt, sieht zu Sam. Räuspert sich verlegen. “Ähm. Blöde Idee, oder? Ich meine… Nicht wegen…” Er räuspert sich wieder. “Ach Dreck. Vergiss es. Blöde Idee.”

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Samantha

Aufmerksam hört Sam zu, nickt immer wieder. Ihr Gesichtsausdruck bleibt ernst, besonders als Aurora die unangenehmen Charaktereingenschaften von Coleen bestätigt.
Sie nickt ebenfalls zustimmend und hebt abwehrend und beschwichtigend die Hände, als die Mitarbeiterin die rein weiße Ausrichtung ihres Ladens betont.
Gerade will sie noch etwas sagen, da reißt Ethan sie mit seinem Vorschlag völlig aus dem Konzept.
Ihr Blick folgt seinem zu den Ringen und sie beißt sich auf die Unterlippe.
“Du – ich bin auch nicht so der Ringtyp. Die stören viel zu sehr bei einigen… Sachen.”
Verlegen schiebt sie ihre Hände in die Taschen und schaut sich noch einmal im Laden um. Höchst amüsiert schaut Aurora zwischen den beiden hin und her.
“Oh, es müssen ja auch keine Ringe sein. Vielleicht ein anderes Schmuckstück? Wir haben hier drüben sehr gut verarbeitete und natürlich auch wirksame Talismane und Amulette. Vielleicht ist da ja was für euch dabei?”

Erleichtert über die Intervention der Verkäuferin nickt Sam und folgt ihr lächelnd.
Enthusiastisch beschreibt Aurora nun die verschiedenen Schmuckstücke, meist kleine Anhänger, die an Armbänder oder Ketten angebracht werden können.

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Ethan

Ethan hat so gar keine Lust, ein magisches Amulett zu kaufen. Weder das noch einen Talisman. Nicht, weil er glaubt, dass das alles Unsinn ist. Sondern weil er sich nicht darauf einlassen möchte. Er hört sich Auroras Beschreibungen mit möglichst höflichem Gesichtsausdruck an, betrachtet die Schmuckstücke aber auch selbst. Da. Da hinten, an einem der Ständer, hängen einige aus Holz geschnitzte Kettenanhänger. Und einer davon fällt ihm ins Auge, die fein ziselierte Darstellung eines Baumes in warmem Mittelbraun, befestigt an einem schmalen Lederband. Zögernd greift Ethan danach, dreht das Schmuckstück in den Händen. Ihm gefällt das. Sehr sogar. Dummerweise nur hat er keinerlei Ahnung, ob Sam sowas mag oder nicht. Garantiert setzt er sich jetzt wieder fürchterlich in die Nesseln, genau wie mit den Ringen eben.
“Ah”, nickt Aurora schon. “Der Baum des Lebens. Eine gute Wahl. Kein Talisman, aber ein nicht unbedeutendes Symbol.”
‘Baum des Lebens’. Hmm. Ja. Damit kann Ethan sich anfreunden.
“Ähm. Darf ich… Ich meine. Ich würde gern. Dir das schenken. Wenn. Ähm. Wenn du magst.”

Oh Mann. Mach dich nicht lächerlich. Sie wird ablehnen. Okay. Drüberstehen. Aurora bedauernd anlächeln. Abhaken. Gehen. Immerhin haben sie Infos.

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Samantha

Auch Sam scheint von den Amuletten und der Symbolik nicht überzeugt zu sein, lässt es sich Aurora gegenüber aber ebenfalls nur wenig anmerken.
Als Ethan das Holzamulett in seiner Hand hält, betrachtet sie es ebenfalls.
Der Weltenbaum. Er kann es nicht wissen.
Ein Lächeln schleicht sich auf ihre Lippen, und sie bekommt sein Angebot erst gar nicht richtig mit, bis sich ihre Blicke treffen und beide verlegen wegschauen.
“Wenn ich mag? Das ist… nicht nötig. Weißt du? Ähm…” Ihr Blick fällt auf ein nahezu identisches, aber aus einem anderen, leicht dunkleren Holz geschnitztes Amulett.
“Wir nehmen einfach…”
“Lass uns…”
Beide beginnen gleichzeitig, und Aurora rettet die Situation, indem sie herzlich lacht und Sam das zweite “Lebensbaum”-Amulett in die Hand gibt.
“Wenn ihr beide nehmt, mache ich euch auch einen guten Preis. Sie passen wirklich sehr gut zu euch!”
Sam atmet hörbar aus und muss ebenfalls, angesteckt von Aurora, kurz lachen. Verlegen streicht sie sich übers Haar und zuckt mit den Schultern. Dann knufft sie Ethan mit dem Arm gutmütig in die Seite, während Aurora noch einige Details über die Symbolik erzählt, die “Verbindung der Welten” und weitere Details, die zumindest Sam sich nicht merkt.
An der Kasse zahlen sie den tatsächlich leicht herabgesetzten Preis, und bevor sich Aurora wieder abwendet, fällt der Jägerin noch etwas ein.
“Ach… sorry, dass ich nochmal frage. Aber… gibts noch – du weißt schon – ernstzunehmende andere Läden hier in der Stadt? Wir suchen ja immer noch Hinweise auf Coleen, aber was ich sonst so gefunden habe im Netz, klang jetzt nicht ‘echt’. Aus meiner Zeit hier konnte ich mich auch nur ans Moonshadow erinnern.”
Die angesprochene junge Frau wiegt den Kopf. “Außerhalb gibt es noch einen Laden. Die ‘Mystery Gallery’”. Bei der Aussprache des Namens verzieht sie ein wenig das Gesicht.
“Aber du hast es ganz nett ausgedrückt. ‘Echt’ ist das, was sie da haben, allenfalls mal durch Zufall. Aber wer weiß? Diese Coleen war ja jetzt auch speziell. Vielleicht kennt sie da jemand. Aber lasst euch da nichts andrehen! Nachher bekommt ihr noch was, das eure Energiebahnen oder eure Aura stört!”
Mit Mühe kontrolliert Sam ihre Gesichtzüge und nickt. Nach einem kurzen Blickwechsel mit Ethan verabschieden sie sich von der engagierten Verkäuferin und verlassen den Laden.

Schweigend setzen sie sich wieder in den Bus. Nach einer Weile des Grübelns schaut Sam rüber zu Ethan.
“Hinfahren sollten wir. Auch wenn ich befürchte, dort auch nicht mehr zu finden. Wenn’s”, sie atmet tief durch, fährt sich noch einmal durchs Haar, “wenn wir gar keine andere Idee haben, habe ich noch eine.”
Wenn es sein muss, muss es sein.
“Meine Eltern… sie haben – hatten – Notizbücher zu unterschiedlichen Orten und Themen. Das meiste ist nicht mehr da, aber vielleicht sind noch die Kontakte aus Portland im Haus.”
Ihr Blick geht auf das Lenkrad, seinem weicht sie aus.
Es war klar, dass der Tag irgendwann kommen musste. Viel zu lange hinausgezögert. aber dort ist auch nichts mehr, was mich lockt. Aber wenn da irgendetwas ist, was ihm hilft, dann müssen wir dort hin.

¤¤¤

Ethan

Dass Sam sich die Kette zwar nicht von ihm schenken lassen wollte, aber dass sie jetzt beide eine haben, das ist irgendwie noch besser, wenn Ethan sich das so überlegt. Sobald sie in Sams Bus sitzen, zieht er den Anhänger über den Kopf, lässt ihn unter dem Hemd verschwinden. Spürt, wie sich das geringe Gewicht des Holzes seinen Platz unterhalb seiner Kehle sucht. Wie sich der dünne Lederriemen um seinen Hals legt, als sei er schon immer da gewesen. Passt.

Mit einem unsicheren Halblächeln sieht er zu Sam hinüber. Schön, dass er dir gefällt. Schön, dass wir jetzt beide so einen haben. Das ist eine Symbolik über die hinaus, von der Aurora im Laden so viel erzählte. Aber das kann er nicht aussprechen, ohne dass es unendlich albern klingen würde. Wenn er es denn überhaupt formuliert bekäme. Heh. Ja klar. Als ob. Also lässt er es. Nickt statt dessen zu ihrem Vorschlag. “Ärgern uns, wenn nicht.”

Als Sam weiterspricht, klingt sie so gepresst, dass Ethan ihr einen besorgten Blick zuwirft. Den bemerkt sie aber nicht, weil sie angestrengt auf das Lenkrad ihres Wagens schaut. Oh oh. Also nickt er nur und antwortet leise. Vorsichtig. “Okay…”
Vielleicht müssen sie ja nicht dorthin, so schwer, wie Sam der Gedanke zu fallen scheint. Vielleicht hat diese ‘Mystery Gallery’ noch einen Hinweis.

Eine halbe Stunde später muss Ethan einen Fluch unterdrücken. Sie hat nicht. Die Verkäuferin in dem Laden ist erst seit zwei Jahren da, sagt sie, und die Besitzerin hat vor fünf Jahren gewechselt. Mist. Sie nicken dem Mädchen knapp zu und drehen auf dem Absatz um.
Draußen sieht Ethan Sam fragend an. Zuckt mit den Schultern, um anzuzeigen, dass er sich dem anschließen wird, was sie für richtig hält. Nicht drängen. Nicht beeinflussen. Ihre Entscheidung.

Sam ist noch am Brüten, da sieht Ethan auf die Uhr. Er muss ja Barry an den Bahnhof bringen, und das sollte er nicht zu knapp werden lassen. Aber es ist noch früh. Der Zug geht erst am späten Nachmittag. Genug Zeit. Schnell holt Ethan sein Telefon heraus und wählt die Nummer seines Freundes.
Ein paar Sekunden später runzelt er die Stirn. Kein Klingeln, direkt der Anrufbeantworter. Handy ausgeschaltet. Was zum…? Aber gut. Es ist ja noch viel Zeit.

Vorsichtig berührt Ethan Sam an der Schulter. “Erst zurück. Motel. Bahnhof. Sorry.”
Sam sieht auf. “Hmm?”
“Barrys Zug. Kurz vor fünf. Bring den hin.”
“Oh.” Sie wirkt zu gleichen Teilen irritiert und erleichtert. “In Ordnung.”

Nochmal eine halbe Stunde später steht Ethan völlig konsterniert in Barrys und seinem Motelzimmer. Blinzelt. Sieht sich in dem Zimmer um und denkt einen Moment lang, es sei das falsche. Aber nein. Seine eigenen Sachen liegen da ja noch. Auch das Hypnosebild lehnt noch an der Wand. Nur Barrys Seite des Zimmers ist völlig leergeräumt. Da der Zimmerservice inzwischen die Betten gemacht hat, wirkt es ganz und gar so, als sei außer Ethan nie jemand hier gewesen.

Verwirrt lässt er sich auf sein Bett fallen, zieht erneut das Telefon hervor. Wieder der Anrufbeantworter. Diesmal überwindet Ethan sich und spricht drauf. “Hi. Alles klar? Dachte… Zug? Äh. Dreck. Hoffe, klappt alles. Melde mich wieder.”

Als er aufgelegt hat, sieht er sich zu Sam um, die in der offenen Tür steht. “Dreck.” Hoffentlich ist nichts passiert, verdammt! Kurz flackern in schneller Folge mehrere Horrorszenarien vor Ethans innerem Auge vorbei. Norrey, der sie irgendwie aufgespürt hat. Dr. Garrity, der aus der Haft entkommen ist. Amos, der sich rächen will. Diese Hollow-Men-Typen, die Barry erwähnt hat. Aber das ist albern. Keiner von denen hätte sie so schnell gefunden, und Barry kann auf sich aufpassen. Vielleicht auch nicht, so fertig, wie der war, murmelt eine Stimme in Ethan. Elender Mist, verdammter!
Ethan schüttelt die Bilder ab. Sei nicht albern. Geh nachfragen.

An der Rezeption erfährt er immerhin, dass seine Sorge zumindest in dieser Hinsicht unbegründet war. Mr Jackson hat ein Taxi rufen lassen, hat das Zimmer für diesen Tag noch bezahlt und ist dann abgereist.
Okay. Kein Horrorszenario. Puh. Aber trotzdem. Er wollte Barry doch zum Zug bringen. Und kein Wort des Abschieds. Drecksmist. Der muss mehr durch den Wind gewesen sein, als Ethan gedacht hatte. Oder Ethan hat irgendwas überhört? Irgendwas falsch verstanden? Verdammt.

Verwirrt und frustriert kehrt er zum Zimmer zurück, zuckt die Schultern Richtung Sam. “Schon weg.”

¤¤¤

Samantha

Sam scheint zwar in der letzten halben Stunde sehr in eigenen Gedanken gefangen gewesen zu sein, aber sie schaut Ethan auch nur stirnrunzelnd an.
„Meintest du nicht, ihr seid beste Freunde? Wieso haut er dann ab, ohne was zu sagen? Macht er das öfter? Ich mein – gibt’s ja.“

Ratlos zuckt sie mit den Schultern, und Ethan erwidert die Geste, immer noch mit irritiertem Gesichtsausdruck. Langsam kommt Sam näher und setzt sich neben ihn.
„Mach dir nichts draus. Ihm geht’s bestimmt gut. Vielleicht ist er ja direkt von der Polizeiwache los? Wenn du ihn suchen möchtest, sag, dann machen wir uns auf den Weg.“
Nach kurzem Überlegen, während er auf sein Handy starrt, winkt Ethan kopfschüttelnd ab. „Ausgecheckt. Taxi. Schon weg.“
Frustriert beugt er sich vor und vergräbt den Kopf in den Händen. „Drecksmist.“

„Ich habe eine Idee.“
Sam zieht ihr Telefon aus der Jackentasche und wählt nach kurzer Recherche eine Nummer.

„Hi, hier ist Deborah vom Rodeway Inn am Flughafen. Heute Morgen hat ein Gast hier ausgecheckt und ein Taxi zu Ihnen bestellt. Dr. Bernard Jackson. Er hat hier einen persönlichen Gegenstand vergessen und ist über seine hier hinterlassene mobile Rufnummer nicht zu erreichen. Ist er vielleicht noch bei Ihnen? Ja, ich warte. Danke, Ma‘am.“
Ihr Portland-Akzent ist deutlich hörbar, und sie scheint wirklich die Frau von der Rezeption zu imitieren. Oder es zumindest in etwa zu versuchen. Einige Augenblicke vergehen, dann scheint sich am anderen Ende der Leitung wieder etwas zu tun. Sam nickt daraufhin nur.
„Schon weg. Gut, dann muss ich ihm die Sachen an seine angegebene Adresse schicken. Vielen Dank, Ma’am.“

Sam steckt das Handy wieder in die Tasche und schaut Ethan an.
„Er war bei der Polizei und ist von da wohl auch mit dem Taxi weiter. Er ist bestimmt direkt von da zum Bahnhof. Wenn du magst, können wir dahin? Die Fahrt zum Bahnhof wird jetzt die Hölle sein im Berufsverkehr, aber vielleicht erwischen wir ihn noch, bevor er in den Zug steigt?“

¤¤¤

Ethan

Ethan hört bewundernd zu, als Sam so selbstverständlich und routiniert die Hotelrezeptionistin gibt. Das ist auch sowas, das er nie können wird. Solche Täuschungsmanöver. Auf die Idee wäre er vermutlich nicht mal gekommen.
Zu Sams Vorschlag, nachdem sie aufgelegt hat, nickt er dankbar. “Plan.” Er rafft sich auf, sieht sich nochmal im Zimmer um, dann zu Sam. “Hyundai?” Der kleine Kompaktwagen ist im dichten Nachmittagsverkehr vielleicht die schnellere Alternative.
Aber Sam verzieht das Gesicht. “Lieber nicht, du. Ich würde lieber den Bus nehmen. Ist das okay?”
Ethan zuckt mit den Achseln. “Klar.”

Unterwegs schweigt Ethan lange, von der Abfahrt und den ganzen Stau auf dem Stück I-84 hindurch. Aber an einer Ampel hinter dem Kongresszentrum sieht er zu Sam hin. Versucht, eine Antwort auf ihre Frage von vorhin zu finden. “Kein Smalltalker, Barry. Vielleicht…” Er hebt die Schultern. “Eilig?”

An der Union Station dauert es frustrierend lange, bis sie einen Parkplatz bekommen, und im Bahnhofsgebäude nochmal länger, bis sie vorne am Gleis sind. Der Empire Builder steht schon da, und es steigen immer noch Leute ein, aber da der Zug hier in Portland eingesetzt wird, herrscht an den Türen kein Gedränge. Sie haben zwar genug Zeit, die ganze Reihe der Waggons mehrmals langsam abzugehen, ehe die Pfeife ertönt und die Türen sich schließen, aber Barry sehen sie nicht. Vielleicht hat er keinen Fensterplatz, oder sie haben ihn einfach nicht gesehen. Oder er ist nicht drin, sagt die kleine Stimme in Ethans Hinterkopf. Oh verdammt.

Das lange, silberne Ungetüm setzt sich in Bewegung, und unwillkürlich schaut Ethan noch einmal in die vorbeiziehenden Fenster. Da. Lässt sich da nicht Barrys dunkelhaarige Gestalt eben auf einem der Sitze neben der Abteiltür nieder? Ethan kann es nicht genau erkennen, und der Zug ist schon zu schnell, um an die Scheibe zu klopfen. Verdammt. Muss er einfach hoffen, dass es Barry war, und heute abend später oder so nochmal anrufen.

Mit einem Durchatmen sieht Ethan dem kleiner werdenden Zug nach, wendet sich dann zu Sam. “Na gut. Was jetzt?”
Die Stimme hält er dabei neutral. Ist immer noch ihre Entscheidung, ob sie zum Haus ihrer Eltern will oder nicht.

¤¤¤

Samantha

“Hast du ihn gesehen?”
Ethan wiegt zur Antwort nur den Kopf und schaut ratlos.
“Er war es bestimmt”, versucht Sam ihn zu beruhigen, und sie gehen wieder Richtung Parkplatz.
“Jetzt schauen wir weiter.” Eine weitere Antwort bekommt er auf seine Frage von vorhin nicht, und wenn auf der Fahrt zum Bahnhof vielleicht noch der ein oder andere kurze Satz gesprochen wurde, schweigt Sam nun, während sie durch die Stadt und in einen der äußeren Stadtteile im Südwesten fahren.
Die Häuser hier sind alt, wie auch der Baumbestand, und einige von ihnen liegen nicht direkt an der Straße, sondern versetzt und teilweise versteckt hinter Zäunen und Bäumen.
Am Ende einer Straße hält Sam schließlich vor einem mit Efeu bewachsenen, schmiedeeisernen Tor. Das Grundstück sieht eher ungepflegt aus und wenig einladend aus. Doch sie hält nur kurz, fährt dann noch einige Meter weiter und stellt den Bus dann am Straßenrand ab.
“Kommst du?” fragt sie Ethan und öffnet die Tür.
Aus einem kleinen Fach nimmt sie einen Schlüsselbund, steigt aus und öffnet damit einige Schlösser am Tor.

¤¤¤

Ethan

Huh. Dass Sam sie nach Lake Oswego bringen würde, damit hat Ethan nicht gerechnet. Er weiß zwar nicht so genau, wie er sich Sams Elternhaus eigentlich vorgestellt hat, aber so jedenfalls nicht. Andererseits, sinniert er, während er aus dem Bus steigt und Sam zu der Einfahrt folgt, ist sie eine Hooper-Winslow. Eigentlich sollte ihn ein solches Anwesen bei einer Angehörigen der Familie Hooper-Winslow nicht überraschen. Aber das zeigt nur wieder mal, wie wenig er Sam noch immer mit ihrem echten Familiennamen in Verbindung bringt, auch wenn er den inzwischen seit zwei Monaten kennt. Ethan schnaubt leise und amüsiert über sich selbst, dann geht er mit Sam durch das Tor.

Auf dem Grundstück selbst kommt Ethan sich vor wie ein Eindringling. Das liegt unter anderem vielleicht an dem beeindruckenden Herrenhaus, das am Ende der Auffahrt im Schatten einiger uralter Bäume liegt, aber zum Teil sicherlich auch an dem hohen Gras, dem schon leicht überwucherten Weg, der generellen Aura der Verlassenheit hier. Eigentlich ein klassisches Spukhaus, fährt es ihm durch den Kopf, wenn Sam hier nicht gewohnt hätte. Sie würde ihn nicht in ein Spukhaus bringen. Aber dennoch wünscht er sich ganz instinktiv seine Remington mit dem Steinsalz herbei. Komm schon. Hör auf damit. Sam würde dich nicht in ein Haus führen, in dem es spukt. Nicht ohne Vorwarnung. Ich

Den hohen Hauseingang öffnet Sam mit weiteren Schlüsseln. Aber es kommt Ethan so vor, als werde sie mit jeder Umdrehung im Schloss langsamer, zögerlicher. Ganz kommt sie aber nie ins Stocken, und schon nach kurzer Zeit gibt die sich öffnende Eingangstür den Blick in eine düstere Vorhalle frei. Ethan wirft einen neugierigen Blick hinein, hält sich aber neben und ein kleines Stückchen hinter Sam. Ihr Haus. An ihr ist es, als erste hineinzugehen.

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Samantha

Abgestandene Luft kommt ihnen in dem überraschend schlichten Eingangsbereich entgegen.
“Erwarte nicht zu viel”, meint Sam, als sie die Tür aufhält und Ethan deutet, einzutreten. “Der äußere Eindruck täuscht.”
Zwar ist hier und da an den Wänden und Decken Stuck zu erkennen und auch die hölzerne Treppe, die in die oberen Stockwerke führt, ist mit Schnitzereien verziert, doch die Wände sind kahl und die einzelnen Möbelstücke schlicht und zweckdienlich.
Da der Strom abgeschaltet ist, schaltet Sam eine Taschenlampe ein, die sie aus dem Bus mitgenommen hat. Zögernd schließt sie die Haustür und bleibt noch kurz stehen, wie um sich zu sammeln, die nächsten Schritte zu gehen. Ihr Blick fällt auf eine Tür am anderen Ende des Raumes und sie leuchtet dorthin. Die Tür zum Keller.

Ethan tritt einen Schritt näher an sie heran.
“Sicher? Muss nicht. Aber… bin da. Gemeinsam?”
Er schaut sie an, versucht, ihr Zuversicht zu geben und greift nach ihrer freien Hand. Sam nickt und lacht kurz humorlos.
“Es ist schon gut. Nur Erinnerungen.”

Ethan schnaubt leise. ‘Nur Erinnerungen’. An Erinnerungen ist selten irgendwas ‘nur’, in seiner Erfahrung. Aber gut. Sam scheint der Einwurf zu helfen, also drückt er nur ihre Hand kurz und nickt ihr zu.

Der Fußboden knarzt, als sie auf die Tür zutreten. Sam öffnet sie und leuchtet mit der Lampe eine Treppe herunter. Langsam geht sie vor nach unten in einen Raum, der wie ein Vorratskeller aussieht. Die Regale sind weitestgehend leer, hier und da steht noch ein wenig Gerümpel herum. Alte Möbel, Werkzeuge, einige Kisten. Staub und ein paar wenige Spinnweben sind zu sehen, aber Sams Blick weilt auf einer Wand zu ihrer Rechten.
“Halt bitte mal kurz.” Sie reicht Ethan die Taschenlampe, fasst an eine bestimmte Stelle an der Wand und beginnt, an einem Regalboden zu ziehen. Mit dem Regal bewegt sich die ganze Wand auf sie zu und eine dicke Stahltür wird sichtbar.

“Immer gut vorbereitet sein…”, murmelt Sam, fordert die Taschenlampe gar nicht erst zurück, sondern greift direkt durch die Tür. Offensichtlich betätigt sie einen Schalter und eine Art Notbeleuchtung springt an.

Dieses ‘immer gut vorbereitet sein’ klingt wie ein Mantra, findet Ethan. Eines, das Sam in diesem Haus viel gehört hat? Wundern würde es ihn nicht, denn eigentlich passt die Aussage nicht so recht zur Situation, nicht so richtig in den Zusammenhang, wenn Ethan sich das so überlegt.

Der Raum, den sie nun betreten, wird von dem Notlicht nur spärlich erleuchtet, aber man kann erkennen, dass er bemerkenswert sauber und beinahe gemütlich eingerichtet ist. Wie ein Wohnzimmer, kommt es Ethan vor. Von dem Raum aus gehen drei weitere Türen ab, die jedoch alle geschlossen sind. Im Raum selbst befinden sich ein Tisch mit 3 Stühlen, eine Sitzecke und einige Bücherregale, die jedoch fast leer sind. Nur wenige Bücher liegen darin.

Sam fröstelt es, und sie reibt sich die Arme. Sie holt tief Luft und schaut zu Ethan.
“Ein Rückzugsort. Sie hatten immer Angst vor Verfolgern oder irgendwelchen Katastrophen. Das ist vielleicht nicht unbedingt ein Atomschutzbunker, aber vor allem möglichen Übernatürlichen wäre man hier sicher.” Mit dem Kinn deutet sie auf ein paar Schutzzeichen an der Tür und dem Boden. Mit dem Fuß schiebt sie einen Teppich zur Seite, und ein auf dem Boden fixierter Kreis erscheint.

Ethan sieht sich um, nickt dann. “Jacksons haben auch sowas.”
“Das ist ein Badezimmer”, spricht Sam weiter, während sie auf eine der Türen deutet. “Ihr Schlafzimmer.”
Nur eine Tür ist übrig. Doch die lässt Sam trotz eines längeren Blickes darauf zunächst unkommentiert, geht stattdessen zum Bücherregal. Das dürfte dann wohl ihr eigenes Zimmer gewesen sein, vermutet Ethan. Sam hat es zwar nie explizit erwähnt, aber irgendwie ist er bei ihr immer davon ausgegangen, dass sie als Einzelkind aufgewachsen ist.

Lediglich ein Fach des Regals ist nicht nur von einzelnen Büchern belegt, sondern enthält mehrere kleine, in Leder gebundene Bände. Notizbücher. Sam fährt die Reihe mit dem Zeigefinger ab und zieht dann ein recht abgegriffenes Exemplar heraus, das mit “Portland” beschriftet ist.

“Meine Eltern haben in diesen Büchern oft Namen, Adressen, Vorkommnisse und so weiter festgehalten. Natürlich nie zu Konkretes, damit nichts negativ auf sie zurückfallen konnte. Aber vielleicht finden wir hier was.”
Ihre Stimme ist brüchig, viel weniger fest, als sie es noch vorher war. Sie hält Ethan das Buch hin und zuckt mit den Schultern.

“Okay”, murmelt Ethan. Er nimmt das Notizbuch an sich, macht aber erst einmal keine Anstalten, es zu öffnen. Zu sehr ist seine volle Aufmerksamkeit auf Sam gerichtet.
Besorgt sieht er sie an, macht einen Schritt auf sie zu. “Alles klar?”

Sam schließt die Augen und nickt. “Willst du mein Zimmer sehen? Gefühlt war ich mehr hier unten als in dem, das oben noch ist.”
Sie greift nach seiner Hand und macht ein paar entschlossene Schritte auf die Tür zu. Langsam öffnet sie diese und tritt ein. Noch ist es dunkel, aber sie schaut sich kurz um und geht zu einem Regal. Mit wenigen Handgriffen, die sehr routiniert aussehen, zündet sie einige Öllampen an, die im Raum verteilt sind.

Das Zimmer mag vielleicht 10-15qm haben und wirkt wesentlich weniger bedrückend als noch das Zimmer vorher. Zwar kommt hier kein Tageslicht in den Raum, aber die Lampen tauchen ihn in ein warmes Licht. Eine Lampe wirft durch ihr buntes Glas sogar einige Reflektionen an die Wände.

Neben einem Schreibtisch, einigen Regalen und einem Schrank ist ein schmales Bett an einer Seite. Doch es ist das, was über dem Kopfende an der Wand ist, was Ethans und auch Sams Blick einfängt.

Auf die sonst kahle Wand ist etwas gemalt. Ein großer Baum. Kindlich, nicht perfekt, aber wohl über viele Stunden mit vielen Details versehen, mit ausladenden Wurzeln und Ästen.
Ein Wechselbad der Gefühle bricht über Sam hinein. Doch schließlich lächelt sie, wenn auch mit einer gewissen Traurigkeit darin.

¤¤¤

Ethan

Klar will er ihr Zimmer sehen. Das Zimmer ist ein Teil von ihr, so wie dieses Haus ein Teil von ihr ist, und er möchte so viel über sie erfahren, wie er nur irgend kann. Fasziniert, und doch mit einer gewissen Anspannung, einfach weil Sam so angespannt wirkt, folgt er ihr durch die Tür.

Eigentlich würde der fensterlose Raum gar keine großen Rückschlüsse auf die Person zulassen, die hier gelebt hat. Höchstens auf diejenigen, die ihn eingerichtet haben. Zu unpersönlich sind die Möbel, zu karg die Einrichtung. Aber das warme Licht der Öllampen wandelt die Atmosphäre, lässt das Zimmer wohnlicher erscheinen. Gibt ihm Persönlichkeit. Das Licht, ja. Aber vor allem der Baum, breit und präsent da über dem Kopfende des schmalen Bettes, als solle er die darin Schlafende beschützen.
Oh verdammt. ‘Gefühlt mehr hier unten als oben’? Ethan beißt die Zähne aufeinander. Was für Eltern lassen ein Kind in einem solchen Loch aufwachsen? Wieviel Zeit muss Sam hier verbracht haben, um das Bild derart liebevoll und detailgetreu ausgestalten zu können?
Und… ein Baum. Unwillkürlich fährt Ethans Hand kurz zu dem Anhänger um seinen Hals. Was muss sie wohl gedacht haben, als er im Laden gerade dieses Motiv vorgeschlagen hat? Er könnte sich treten. Denn angenehm war die Assoziation mit ziemlicher Sicherheit nicht. Aber andererseits scheint das Motiv ihr ja doch gefallen zu haben, sonst hätte sie es nicht kaufen wollen…

Sam steht da wie vom Blitz getroffen. Ethan kann nicht einmal anfangen, sich auszumalen, was gerade in ihr vorgeht. Aber es ist aufwühlend, und es ist komplex, soviel kann er erkennen. Eine hochkomplexe Mischung an Emotionen steigt in ihm hoch. Mitgefühl. Verständnis. Unverständnis. Grenzenlose Zuneigung. Glühende Wut. Der übermächtige Wunsch, diese Trauer von ihr zu nehmen, die er in ihr spüren kann. Diesen Schmerz zu lindern, irgendwie.

Er tritt zu ihr hin. Legt wortlos die Arme um sie. Schenkt sich die Fragen, die ihm im Kopf herumgeistern – Wie lange? Wie alt warst du? Warum? Himmel, warum?! – und hält sie einfach nur fest.

¤¤¤

Samantha

Da grade tief in Gedanken versunken, ist sie kurz etwas perplex, dass er sie in den Arm nimmt. Es fühlt sich so unglaublich gut an.
Sam schmiegt sich an Ethan, legt ihre Arme ebenfalls um ihn und gräbt ihr Gesicht in seine Halsbeuge.

“Ist schon gut”, flüstert sie. “War nicht immer schlimm.”
Sie hält den Kontakt noch ein wenig, atmet tief seinen Geruch ein.
Dann hebt sie ihren Kopf und schaut ihn an. Nur wenige Zentimeter trennen ihre Gesichter.

So viele Emotionen. Er macht sich wirklich Gedanken. Oder? Ja. Er spielt sowas nicht vor. Das kann er gar nicht.
Gerührt schaut sie ihn an und lächelt. Erst setzt sie an, etwas zu sagen, aber dann folgt sie ihrem Instinkt. Sie streicht mit der Hand über seine Schläfen, sein Haar und zieht ihn das letzte kleine Stück zu sich heran und küsst ihn. Sie schließt die Augen, und als er nicht zurückzieht, schmiegt sie sich noch näher an ihn.

Ihre Hand bleibt sanft an seinem Nacken, als der Kuss tiefer und intensiver wird.
In einer kurzen Atempause flüstert sie ein “Besser”. Auch wenn sie die Melancholie, die der Ort bei ihr verursacht, nicht ganz ablegen kann, schaut sie ihn mit einem Leuchten in den Augen an, das er so noch nie bei ihr gesehen hat.

¤¤¤

Ethan

‘Nicht immer schlimm.’ Oh Mann. Er schüttelt den Kopf, will etwas sagen, nickt dann aber nur und streichelt ihr stumm über den Rücken.
Und dann verschwindet ohnehin jeder Gedanke an Worte aus seinem Kopf, als er zuerst schier in Sams braunen Augen versinkt und schließlich ihre Lippen die seinen finden.

Einen endlosen Moment später hält er atemlos inne. Murmelt ein tiefempfundenes “gut” auf ihr Flüstern. Umfasst sachte ihr Gesicht mit beiden Händen und sieht ihr tief in die Augen, ehe er sie wieder in den Kuss zieht.

Ethan hat ein Lächeln auf den Lippen, als sie sich endlich voneinander lösen. Er möchte sie nicht loslassen, nie wieder, aber nachdem er ihr über die Haare gestrichen hat, tut er es doch. Atmet tief durch. “Danke.” Er weiß selbst nicht genau, was dieses ‘Danke’ alles umfasst. Einfach alles. Danke für das Vertrauen. Danke, dass du diesen Ort mit mir teilst. Diesen Moment. Danke, dass du deine Verwundbarkeit vor mir preisgibst. Danke für diesen unfassbar wundervollen Kuss. Dieses Gefühl… Danke.

Er sieht sich ein weiteres Mal in dem Zimmer um. Betrachtet den so sorgfältig gemalten Baum eine lange Weile. Nimmt die Atmosphäre in sich auf, die dieser ganze Raum ausstrahlt. “Du, irgendwie. Hier.”
Ethan nickt leicht vor sich hin. Ja. Irgendwie passt dieser Raum, dieser ganze Panikkeller, wie ein Puzzleteil zu dem, was er in Sam zu lesen, von ihr zu verstehen glaubt.

¤¤¤

Samantha

Die Zeit scheint eine Weile still zu stehen, als sie sich in die Augen schauen. Worte sind nicht notwendig, und sie nickt auf sein “Danke” nur.
Doch dann schüttelt sie die Melancholie von sich ab.
“Könnte mich dran gewöhnen”, meint sie und stupst ihn mit einem kleinen, schelmischen Schmunzeln noch einmal mit ihrer Nase an seine, bevor sie sich ein wenig löst und seinem Blick folgt.

“An ihm habe ich jahrelang gemalt. Immer wieder, mit unterschiedlichen Farben, was ich halt grade da hatte. Hier vorne”, sie macht einen Schritt darauf zu und deutet auf eine Stelle am Stamm, “hatte ich sogar mal ein Herz gemalt. Aber dann auch bald wieder übermalt. Jason aus dem Geschichtskurs in der 7. Klasse wars dann doch nicht:”
Verlegen grinsend streicht sie sich durch ihr dunkles Haar.
“Und… du bist der erste Junge, den ich mit nach Hause bringe.”
Wie absurd.

Sie lacht. “Wie absurd”, spricht sie dann auch aus und lässt ihren Blick auch nochmal durch das Zimmer schweifen. Sie fasst nach Ethans Hand und zieht ihn einen kleinen Schritt weiter auf das Bett zu und schaut auf die kleine Kommode daneben, auf dem einige Bücher liegen.

Das oberste, ein recht altes, abgegriffenes Exemplar, nimmt sie in die Hand. Erst als das Licht aus einem anderen Winkel auf den Buchdeckel trifft, kann man “Der Zauberer von Oz” lesen, die goldene Farbe in der Einstanzung ist schon fast vollständig verschwunden.
“Gott, habe ich dieses Buch oft gelesen. There is no place like home. Wie… passend.”
Ungläubig schüttelt Sam den Kopf und starrt auf das Buch.

¤¤¤

Ethan

Ethan muss schmunzeln, als Sam vom ‘sich daran gewöhnen’ spricht, und noch mehr bei ihrer Erzählung von Jason aus der 7. Klasse und ihrer nächsten Bemerkung, dass er der erste Junge sei, den sie nach Hause bringe.
“Zeit, hm?” murmelt er scherzhaft, während er ihr bereitwillig seine Hand überlässt, gespannt, was sie ihm nun zeigen will. Die Bücher ihrer Kindheit? Es interessiert ihn sehr, was sie als Jugendliche wohl so gelesen haben mag.

Sam nimmt einen Band von dem kleinen Stapel auf dem Nachttisch, dreht ihn gedankenverloren in den Händen. Sie sagt etwas, aber Ethan hört es nur noch mit einem halben Ohr. Wie versteinert starrt er auf das verblasste Titelbild, ist mit einem Mal dreitausend Meilen und über ein Dutzend Jahre weit fort.

Montag Morgen. Frühstückszeit. Gutmütiges Chaos am Tisch.

“Alan! Hör’ jetzt endlich auf, mit diesem Flummi zu spielen!”
Alan, neun Jahre alt und von ebensoviel Energie erfüllt wie der kleine Ball aus Hartgummi, den er ununterbrochen neben dem Tisch auf- und abspringen lässt, gibt ungefähr eine halbe Minute lang Ruhe, ehe der neonbunte Flummi wieder auf den Boden prallt.
Ethan beobachtet die Sprungbahn des Balls ein paarmal, ehe er nach dem dritten Aufprall blitzschnell die Hand ausfährt und den Flummi einfängt. “Hab’ ihn, Mom!”

Während Ethan jetzt selbst den kleinen Ball unter der Handfläche auf der Tischplatte herumrollt, streckt Alan ihm die Zunge heraus und hat eine Sekunde später schon den nächsten Flummi aus der Tasche geholt, um ihn gleich darauf auf dem Küchenboden springen zu lassen. Dieser besteht aus verschiedenen Grüntönen, nicht aus Neonfarben.
Ihre Mutter verdreht die Augen. “Alan Robert Gale! Wo hast du nur die ganzen Dinger her?”
“Aus der Pizzeria gestern Abend”, erklärt Ethan mit der ganzen hilfsbereiten Weisheit seiner zwölf Jahre. “Bei dem einen Videospiel gibt’s die als Trostpreise.” Das Spiel, eine Geschicklichkeitsübung, bei der man auf einer Skipiste Hindernissen ausweichen muss, ist tatsächlich ziemlich cool, auch wenn Ethan natürlich viel zu erwachsen war, um gestern abend, ehe die Pizza kam, vom Tisch aufzuspringen und im Restaurant herumzurennen oder Dad um einen Vierteldollar für eines der Geräte im Hinterzimmer anzubetteln.
“Aha”, macht Mom trocken, “Verstehe. Also kein Kleingeld mehr bei Bob’s. Und ich meine es völlig ernst, Alan, hör’ jetzt auf damit!” Sie streckt fordernd die Hand aus, und nach ein wenig Schmollen legt Alan den Flummi hinein. Sein Gesicht macht deutlich, dass er noch weitere der kleinen Bälle in der Tasche hätte, aber zumindest für’s Erste ist er so vernünftig und hält sich zurück.

Dad hat das Hin und Her mit amüsierter Miene, aber kommentarlos verfolgt. Jetzt schenkt er sich eine weitere Tasse Kaffee ein und lächelt Mom an. “Reichst du mir mal die Milch, bitte, Dorothy?”
Fiona, die für ihre dreieinhalb Jahre schon ganz schön aufgeweckt ist, stemmt die Fäuste in die Seiten und funkelt ihren Vater empört an. “Daddyyyy! Mommy heißt De-bo-rah! Nicht Do-ro-thy!”
Alan ruffelt der kleinen Schwester durch das Haar. “Du bist ein Dummerchen, Fi. Das ist ein Kosename! Dads ganz spezieller Familien-Kosename für Mom.”
“Das weißt du aber auch nur, weil du denselben Fehler gemacht hast, du Schlaumeier!” wirft Ethan altklug ein. “In der ersten Klasse hast du allen erzählt, Moms Name ist Dorothy, als gefragt wurde, wie eure Eltern heißen!”
Alan wird feuerrot bei dieser Erinnerung an den hochnotpeinlichen Moment und reagiert mit einem Gegenschlag. “Und du hast gedacht, Mom hat die Bilder für den ‘Zauberer’ gezeichnet, hat Mom erzählt! Dabei weiß doch jedes Baby, dass die Bilder genauso alt sind wie das Buch – bestimmt hundert Jahre!!!”
Jetzt ist es an Ethan, vor Verlegenheit rot zu werden. Dass er so albern war und nicht wusste, dass die Zeichnungen im ‘Zauberer von Oz’ nicht von Mom stammen können, ist doch echt ewig her! Da war er noch im Kindergarten!

Um von dem peinlichen Moment abzulenken, sieht er Fiona an. “Der ‘Zauberer von Oz’ ist unser Buch, Fi. Von uns allen. Weißt du was, ich les’ es dir vor. Hast du Lust? Darf ich Fi den ‘Zauberer’ vorlesen, Mom?”

Mom lächelt. “Darfst du. Ihr wart auch so in dem Alter, wisst ihr noch?” Sie schmunzelt. “Aber nicht in einem Stück, und vor allem nicht jetzt. Esst auf, sonst kommt ihr noch zu spät zum Schulbus.”
Bei dem Wort ‘Schulbus’ verfinstert sich ihre Miene schlagartig. “Und, Ethan, ich will, dass du dich gleich als allererstes bei William entschuldigst, hast du mich verstanden? Und nach der Schule gehst du zu Mr Aronson und entschuldigst dich auch bei dem.”
“Mo-oooom!”
“Keine Widerrede, Ethan. Du hast William mit der Aktion zu Tode erschreckt. Und den armen Mr Aronson auch. Was hast du dir nur dabei gedacht, einfach eine Spraydose hinten aus dem Bus zu werfen?”
“Hab ich doch erzählt”, murmelt Ethan kleinlaut. “Joe hat mit der Dose rumgefuchtelt, und auf einmal ist da ganz von alleine der Sprüh-Dampf rausgekommen und hat nicht wieder aufgehört. Wenn ich die nicht rausgeworfen hätte, wären wir vielleicht alle erstickt.”
Seine Mutter schüttelt den Kopf. “So schnell erstickt man nicht von ein bisschen Spray. Warum hatte Joe überhaupt eine Sprühdose dabei? Du hättest William Bescheid sagen sollen. Dann hätte der angehalten und die Dose entsorgt. So hast du Mr Aronson zu einer Vollbremsung gezwungen, und die Dose ist auf sein Auto geprallt.”

“Nach der Schule entschuldigst du dich nicht nur bei Mr Aronson.” Jetzt mischt Dad sich auch noch ein. Oh Mann! “Du erklärst ihm auch, dass du solange den Rasen für ihn mähen oder sonstige Arbeiten für ihn erledigen wirst, bis du die Reparatur des Autos abgegolten hast.”
“Boah, Da-aaaaad!”
“Wenn du Glück hast, lehnt er das Angebot ab. Aber anbieten wirst du es ihm, und zwar ernst gemeint, hast du mich verstanden?”
Ethans Stimme klingt sehr zerknirscht. “‘Kay, Dad.”

“Ethan?”
Sams Stimme und eine Berührung an seiner Wange reißen ihn aus seinem Tagtraum.
“Wo warst du grade?”
Aufmerksam und vielleicht auch mit etwas Sorge schaut sie ihn an, und ihr Blick geht wieder auf das Buch.
“Willst du drüber reden?” fragt sie leise.

Ethan schluckt. Streckt die Hand nach dem Buch aus und berührt den abgegriffenen Einband beinahe ehrfürchtig. Nickt.
“Wir… Der ‘Zauberer’… Dorothy…” Verdammt. Ethan sammelt sich und setzt neu an. “War immer unser Buch. Familie.”
Mit fragender Miene sieht Sam ihn an. “Familie?”
Ethan nickt wieder. “Na ‘Gale’.”
Sams Blick drückt weiterhin Unverständnis aus. Oh. Oh, na klar.
“Nur Band eins?”
“Ich wusste nicht mal, dass es mehr als einen gibt”, erwidert sie.
Er nickt. “Etliche. Jedenfalls. Dorothys Nachname. Gale. Kommt erst später. Naja. Hatten die alle. War… waren immer unsere. Unser Insider. Musste… musste da grad dran denken.”

“Verstehe”, erwidert Sam langsam nickend, macht einen Schritt auf das Bett zu und setzt sich. Mit einer Hand klopft sie auf die Stelle neben sich, und er lässt sich dankbar neben sie auf die schmale Matratze fallen.

“Deine Familie, die du so lange nicht gesehen hast? Nach… der Sache mit… Carla?”
“Vorher”, murmelt Ethan mit einem Nicken, das ihr zeigen soll, dass sie grundsätzlich Recht hat. “Konnte… konnte sie nicht mehr kontaktieren.”

“Wieso nicht? Was ist passiert?”
Sie sucht in seinem Blick. Wie lange ist er schon auf der Jagd? Hat er da mal was erwähnt?
“Zu gefährlich? Warst du da schon… du weißt schon. Dabei?”

Wieder nickt er. Weicht ihrem Blick nicht aus, so dass sie den niedergeschlagenen Ausdruck in seinen Augen sehen kann. “Genau. War…” Er atmet ein und aus, beinahe ein Seufzer, und die Worte kommen nur stockend und mit Pausen, auch wenn er sich selbst darüber wundert, wie vollständig die Sätze werden. “War ein Harrdhu. Hinter mir her, paar Monate lang. Wusste nicht, was es ist, aber konnte nicht heim. Hätte alle umgebracht. Reines Glück, dass er mich nicht erwischt hat. Hätte er garantiert irgendwann. Aber bekam Hilfe.” Ethan zögert kurz, als wolle er noch etwas anfügen, überlegt es sich dann aber anders. “Nur: Als wir den Harrdhu los waren, war’s zu spät. Fast ein halbes Jahr. Die mussten denken, ich bin tot. Und dann…” Ethan zuckt bedrückt mit den Schultern. “Dann war ich drin in der Sache. Und da war’s gleich zehnmal zu gefährlich.”
Er zögert wieder, holt einmal tief und zittrig Luft, ehe er weiterspricht. “Hatte. Wollte. Dachte, mit Carla… Normales Leben… Da könnte ich… Aber nach… nach ihrem Tod… hab ich wieder angefangen zu jagen. Also…” Er beendet den Satz nicht. Wieder angefangen zu jagen hieß wieder zu gefährlich, aber das weiß Sam auch, ohne dass er es aussprechen muss.

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Samantha

Sam rutscht auf dem Bett ein wenig näher, legt ihre Arme um ihn und ihren Kopf an seine Schulter. Einige Augenblicke sagt sie nichts, beide gehen ihren Gedanken nach.
Dann holt sie einmal tief Luft und seufzt.

“Weißt du – als ich 18 wurde, habe ich mir geschworen, so schnell wie möglich hier abzuhauen und sie nie mehr wiederzusehen. Ich wollte nur noch den Collegeeignungstest abschließen und mir dann einen Studienplatz suchen. Irgendwas. Nur weg hier. Nie mehr etwas mit ihnen zu tun haben. Sollen sie doch ihre Monsterjagd weitermachen und ihre Trophäen sammeln. Ich wollte das nicht.”
Sie schweigt einige Atemzüge lang.

“Aber dann kam halt alles anders. Sie wurden getötet, und der Rest ist Geschichte. Und jetzt… erwische ich mich manchmal bei dem Gedanken, was wäre, wenn sie noch da wären? Wenn ich sie um Rat fragen könnte? Oder einfach wissen würde, dass es ihnen gut geht. Damals habe ich das nicht verstanden. Jetzt…”
Er spürt, wie sie mit den Schultern zuckt.
“Jetzt vermisse ich sie ab und zu. Man neigt dazu, mehr das Schlechte zu sehen, oder die Gefahr. Aber zu wenig das Gute. Vermisst du sie?”

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Ethan

Das ist eine Frage, die Ethan seit langer Zeit radikal unterdrückt hat. Trotzdem muss er nicht groß überlegen, ehe er gegen das Hindernis in seinem Hals annickt.
“Sehr.” Er verzieht das Gesicht. Lehnt sich in ihre Umarmung und lässt den Kopf an ihrem ruhen.
“Texas? Dachte, ist vielleicht Alan. Konnte eigentlich nicht, jünger, und nie so ähnlich, aber. Alan. Albert. Allein der Gedanke. Und die Gala.” Ethan schüttelt den Kopf, beißt die Zähne aufeinander.
“Drauf und dran. Wirklich drauf und dran. Aber ging nicht. Vielleicht besser so. Denn…” er seufzt und hebt die Schultern, “immer noch tot für sie. Und immer noch zu gefährlich.”
Ethan strafft sich etwas, und nun legt er seinerseits die Hände auf Sams, wo sie ihn umarmt. Streicht vorsichtig mit dem Daumen über ihren Handrücken.
Erst denkt er es nur, doch dann überrascht er sich selbst, indem er die Worte laut ausspricht, wo er doch noch vor einigen Minuten so voller Wut auf diese Widerlinge war.
“Tut mir leid wegen deiner Eltern. Wenn… Wenn es etwas Gutes gab, tut es mir leid.”

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Samantha

“Alan? Dein Bruder? Hast du noch mehr Geschwister?”
Ethan nickt. “Schwester. Fiona. Du?” Irgendwie stellt er sich Sam als Einzelkind vor, das passt auch zu dem, wie sie über ihre Familie gesprochen hat. Aber sicher kann er sich da natürlich nicht sein.
Sam nickt.
“Nein, sie hatten nur mich. Ich war vermutlich anstrengend genug.”
Das muss hart für ihn sein. Er liebt sie und will sie beschützen. Muss grausam sein, sie im Ungewissen zu lassen. Aber es liegt an ihm, es zu ändern.

Auf seine Bewegung hin richtet sie sich ebenfalls etwas auf.
“Schon…”, beginnt sie, besinnt sich dann aber. “Danke. Klar. Ich mein… Zumindest versuche ich mir das einzureden. Auf eine verquere Art und Weise haben sie vieles vermutlich deswegen getan, weil sie mich beschützen wollten.”

Sie löst sich sanft von ihm und knufft ihn dann in die Seite.
“Aber genug davon. Mein 14jähriges Ich würde mich umbringen, wenn sie wüsste, dass ich das erste Mal, wo ich einen gutaussehenden Jungen mit in mein Zimmer nehme, mit ihm Trübsal blase statt wild rumzuknutschen.”
Was redest du für einen Blödsinn?
Mit einem verlegenen Grinsen versucht sie die aufsteigende Röte an ihren Wangen zu verbergen und schaut zu einer Stelle an der Wand gegenüber.

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Ethan

Sams letzte Worte nötigen Ethan ein echtes Lächeln ab, auch wenn es bei ihm ebenfalls von etwas Verlegenheit durchsetzt ist. “Verlockend. Sehr sogar. Aber.” Er erwidert ihren Knuff mit einem Stubser an ihren Oberarm und rappelt sich mit einigem Widerstreben vom Bett auf. Sieht auf die Uhr und nickt vor sich hin. Es ist schon nach sechs. So langsam sollten seine damaligen Freunde von der Arbeit zuhause sein. Oder zumindest, bis sie wieder in die Stadt gefahren sind. “Langsam spät? Leute anrufen?” Er lächelt ihr nochmals zu. “Und hast recht. Genug Trübsal. Ist, wie es ist.”
Er sieht auf die alte, zerlesene Ausgabe des ‘Zauberers von Oz’, die Sam wieder auf die Kommode gelegt hat, und auf die anderen Bände im Stapel, ehe er Sam einen fragenden Blick zuwirft. “Nimmst die mit?” Er selbst würde es mit ziemlicher Sicherheit, wenn es seine wären, aber Sams Erinnerungen an diesen Ort sind vielleicht trotz allem zu schmerzhaft, als dass sie die Bücher bei sich haben will.

Sie schüttelt den Kopf. “Möchtest du es haben?” fragt sie und deutet auf das oberste Buch. “Ich schenke es dir gerne. Wenn du willst.”
Ethan stutzt. Blinzelt. “Das… Ähm. Nicht deswegen gefragt.” Er sieht den abgegriffenen Einband forschend an, ehe er den Blick zu Sam wendet und gerührt nickt. “Aber. Ja. Gerne. Sehr gerne. Danke dir.”
Er nimmt das alte Buch vorsichtig vom Stapel und drückt Sam einen Kuss auf die Wange. “Danke”, murmelt er wieder. Sam winkt ab, aber sie tut es nicht unwirsch, sondern einfach als ein ‘Nicht der Rede wert’. Ethan findet, es war schon der Rede wert, im wahrsten Sinne, aber das hat er ja nun schon deutlich gemacht. Also nickt er nur noch einmal und folgt Sam dann aus dem Zimmer und aus dem Panikkeller wieder nach oben.

Draußen im Freien holt Ethan erst einmal sehr tief Luft, während Sam nach einem letzten, etwas längeren Blick in das verlassene Haus wieder hinter ihnen zuschließt. Sowas nennt man dann wohl eine Reise in die Vergangenheit. Und zwar eine, die sich gewaschen hat. Für sie beide. Aber er ist froh, dass sie diese Reise gemeinsam angetreten haben. Sam scheint gerade ebensowenig nach Reden zumute zu sein wie Ethan, und so machen sie sich in einträchtigem Schweigen auf den Weg zurück zum Auto.

Die Sonne des frühen Abends liegt über dem Grundstück und über der Straße, wo die Schatten der alten Bäume nicht hinfallen. Erstaunlicherweise, denn das hätte er den guten Bürgern dieser noblen Gegend gar nicht zugetraut, liegt ein leichter Duft von Grillfeuer in der Luft. Gut für sie, fährt es ihm mit einem leicht sarkastischen Unterton durch den Kopf. Aber naja. Es kann ja nicht jeder, der hier wohnt, einen Stock im Hintern haben. Gutes Wetter zum Grillen. Ein warmer, aber nicht schwüler oder zu heißer Abend, wie es im Sommer hier so viele zu geben scheint. Zumindest kam ihm das auch damals schon so vor. Ungefähr so ein Abend war es, als —

Abrupt hält Ethan an. Schlägt sich vor die Stirn. Ungefähr so ein Abend war es, als sie damals Anfang Juni dieses Sommerfest hatten, bei der sie im Hof hinter der Werkshalle grillten.
Sam sieht ihn fragend an. “Was ist los?”
Ethan schüttelt den Kopf vor sich selbst. Oh Mann! “Betriebsfeier, damals. Vielleicht… Fotos?”

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Samantha

Nachdenklich steckt Sam die Schlüssel wieder in ihre Jackentasche.
“Gut möglich. In der Gruppe merkt man ja manchmal nicht, wenn man fotografiert wird. Sollen wir direkt hin? Noch müsste ja jemand da sein.”
Ethan wiegt zweifelnd den Kopf. “Schicht, ja. Büro? Hmmm. Dachte eher, Kollege.”
Immer noch kopfschüttelnd, dass er nicht früher an das Betriebsfest gedacht hat, steigt Ethan zu ihr in den Bus. Er nennt ihr die Adresse, und sie machen sich auf den Weg.
Die Fahrt über ist Sam sehr ruhig und in sich gekehrt.
Erinnerungen, es sind nur Erinnerungen.

Immer noch hält Ethan das Oz-Buch in seinen Händen und streicht gedankenverloren mit den Fingern darüber.
“Nach deinem Kollegen dann noch deine Freunde? Oder…” sie lässt den Satz unvollendet.
Irgendwie ist er grade woanders. Das Notizbuch hat er auch noch nicht näher angeschaut.
“War sie… ich meine Carla, damals mit? Wird sie mit auf den Fotos sein?”
Sie versucht, die Frage möglichst behutsam zu stellen. Tölpel. Sicher wird sie da mit drauf sein. Und du fragst auch noch.
Unsicher konzentriert sie sich wieder auf die Straße.

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Ethan

Auf halbem Weg zurück in die Stadt kommen Ethan leichte Zweifel. Vielleicht sollten sie doch lieber zur Fabrik statt zu Tom Yager fahren. Immerhin hat er keine Ahnung, wie sein ehemaliger Kollege darauf reagiert, wenn er ihn heute schon wieder aufsucht, und das auch noch zuhause. Aber andererseits haben sie doch eigentlich gestern aus genau dem Grund am Ende des Gesprächs Adressen und Nummern ausgetauscht, auch wenn Ethan eigentlich nicht damit gerechnet hat, dass er Toms Daten schon so bald verwenden würde. Und im Büro ist für die Abend- und Nachtschicht bestimmt niemand mehr, den er nach Fotos fragen könnte, also ist Tom wohl tatsächlich seine beste Wahl, heute abend zumindest. Den wird es hoffentlich schon nicht stören, dass er bei ihm zuhause klingelt, es ist ja nur für ein paar Minuten. Oder vielleicht sollte er vorher anrufen. Genau. Das ist ein Plan. Mit dieser Entscheidung schüttelt Ethan die Zweifel ab.

Der alte ‘Zauberer von Oz’ in seinen Händen fühlt sich auch deutlich gewichtiger an, als das schmale Buch es eigentlich sollte. Aber kein Wunder. So viele Erinnerungen, die daran hängen. Und bei diesem speziellen Exemplar nicht nur seine eigenen, sondern auch Sams. Das macht den dünnen Band so ziemlich zu dem wertvollsten Buch, das er besitzt.

Sams Frage reißt ihn aus seinen Gedanken. “Hmmm? Achso. Weiß nicht. Kannten Coleen ja nicht. Höchstens… Hm.” Höchstens, weil er die Leute gerne einmal wiedersehen würde. Würde er? Javi schon. Aber irgendwie fühlt er sich dazu gerade nicht so richtig in der Stimmung. In der Lage, genauer gesagt. Was könnte er Javi auch erzählen? Dasselbe wie Tom? Hausmeister, Vermont? Verdammt. Irgendwann mal, vielleicht. Eine Nummer und Adresse hat er ja herausgefunden – falls es überhaupt die richtige ist. Das ist ja auch noch nicht mal gesagt. “Mm-mm”, schüttelt er also den Kopf, um die Frage abzuschließen. Außer, es passiert noch irgendwas, das seine Meinung ändert.

Sams nächste Frage lässt Ethan blinzeln. Und einen Moment lang mit der Antwort zögern. “Denks mal.” Vielleicht war auch das der Grund, warum ihm die Betriebsfeier erst so spät eingefallen ist. Vielleicht hat er sie unbewusst verdrängt oder so.
Um sich abzulenken, zieht er das Notizbuch aus der Tasche, das Sam ihm vorhin im Keller gegeben hat, ehe sie in ihr Zimmer gegangen sind. Blättert sorgfältig durch die Seiten – da steht tatsächlich einiges durchaus Interessantes über die Stadt drin, scheint es ihm -, bis ein bekannter Name auf einer der Seiten ihn innehalten lässt. Garrity. Dr. Erasmus Garrity.
“Hier.”

Ethan liest den Eintrag interessiert, aber mit zunehmend resignierter Miene. Ja, da ist ein Eintrag über den wahnsinnigen Doktor, aber wirklich Neues steht nicht darin. Dass das Ehepaar Hooper-Winslow von Garritys seltsamen Praktiken gehört hatte, aber ein gewisser Bill Norrey ihnen zuvorkam, ehe sie selbst den Dämon aus dem Doktor exorzieren konnten. Spekulationen darüber, ob der Dämon mit seinem Wirt in Kontakt stand, statt ihn einfach übernommen zu haben. Der Entschluss, Garrity zur Sicherheit dennoch weiter beobachten zu wollen. Ein paar abwertende Bemerkungen über Norrey. Nichts, was ihnen bei ihrem Problem wirklich weiterhilft. Ethan gibt ein missmutiges Knurren von sich. Drecksmist.

Kurz vor dem Ziel holt Ethan sein Handy heraus, wählt die Nummer, die sein alter Kollege ihm gestern gegeben hat. Und er hat Glück, der Mann geht selbst an den Apparat. Ethan stählt sich für ganze Sätze. Übung und so. “Tom? Ethan. Bist du zuhause? Würd gern kurz noch was fragen.”

Dass Tom nicht allzuweit von seiner Arbeit weg wohnt, das hat er ja gestern schon erzählt. Als Sam vor dem Haus anhält, sieht Ethan sie fragend an. “Kommst mit?”
Sie nickt und steigt mit aus.

Er will Tom ja tatsächlich gar nicht lange im Feierabend stören, aber natürlich dauert es doch länger als ein paar Minuten, Sam vorzustellen, hallo zu Mrs Yager zu sagen, sich zu setzen, einen Kaffee angeboten zu bekommen, nach Bildern vom Betriebsfest zu fragen und zu warten, bis Tom die Fotos geholt hat. Dann zu erklären, dass er gar nicht mehr richtig weiß, wie Coleen aussah, und ob Tom sie ihm zeigen könne, falls sie auf einem Bild zu sehen sei.
Und tatsächlich. Sein alter Kollege sucht ihm einige Bilder heraus, auf denen auch Coleen zu sehen ist. Am besten zu erkennen ist sie auf einem Foto, das neben ein paar anderen Kollegen und deren Partnern auch Tom, seine damalige Freundin und Ethan zeigt – und Carla. Ein Stich fährt durch Ethan, aber seine Hände bleiben, für einen oberflächlichen Beobachter zumindest, ebenso ruhig wie seine Stimme, als er das Bild nimmt und betrachtet und dann fragt, ob er es vielleicht haben darf, oder eine Kopie davon.

Falls die Bitte Tom überrascht, lässt er es sich nicht anmerken. “Klar”, sagt er aufgeräumt, “nimm nur. Das Original war ohnehin eine Digitalaufnahme, ich kann mir leicht einen weiteren Abzug beschaffen.” Oh. Digital ist natürlich noch besser. Kurze Zeit später hat Ethan also nicht nur das Foto in den Händen, sondern auch eine Mail mit dem Bild als Dateianhang auf seinem Handy. Und dann müssen sie natürlich noch den Kaffee austrinken und noch ein bisschen mit den Yagers smalltalken – hah -, ehe sie sich auf den Weg machen können, ohne dass es unhöflich wirkt. Beim Abschied muss Ethan dann noch versprechen, den Kontakt nicht wieder so völlig abreißen zu lassen, was er mit einem schiefen Lächeln und einem verlegenen Brummen auch tut.

Hm. Das war… eigentlich ziemlich nett. Vielleicht sollte er sich doch bei Javi melden. Aber das kann er Sam nicht antun. Sie zu noch mehr seiner alten Bekannten mitschleifen. Und er weiß immer noch nicht, was er Javi erzählen soll. Zumal das mit Sicherheit der schmerzhaftere Besuch würde, weil Javi Carla besser kannte. Nein. Sie haben, wofür sie gekommen sind. Bei seinem alten Freund kann er sich irgendwann nochmal melden.

Im Auto starrt Ethan einen langen Moment auf das Foto, in die linke hintere Ecke, wo laut Tom Coleen zu sehen ist. Die junge Frau auf dem Bild ist um Unauffälligkeit bemüht, aber es wird trotzdem deutlich, dass sie den Foto-Ethan genau beobachtet. Sein Gesicht verhärtet sich. Das ist sie also. Die Hexe. Die Mörderin. Er hat keine, wirklich keinerlei, Erinnerungen mehr an sie. Sie sieht gar nicht so mörderisch aus. Scheiße. Was treibt einen Menschen zu sowas? ‘Sie muss sich wohl verliebt haben’, fallen ihm seine eigenen Worte zu Barry wieder ein. Aber irgendwann muss ihre Verliebtheit in Hass umgeschlagen sein. Denn sowas würde man doch niemandem antun, den man nicht aus tiefstem Herzen hasst. Er schüttelt den Kopf, während hilflose Wut in ihm hochkocht, die er erst nach einigen tiefen Atemzügen wieder unter Kontrolle gezwungen bekommt. Reicht das Foto wortlos an Sam weiter. Scheiße, verdammte.

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Samantha

Den Besuch bei den Yagers über ist Sam zurückhaltend und höflich, steigt in den Smalltalk ein, wenn nötig und insbesondere, wenn Ethan gerade zu sehr nach Worten ringt.
Ohne genau zu wissen, warum, ist sie erleichtert, als sie wieder nebeneinander im Bus sitzen. Sie nimmt das ihr gereichte Foto und sieht es sich an. Zuvor hatte sie nur einen flüchtigen Blick darauf werfen können, während sie sich mit Toms Frau unterhielt.

Es scheint im Innenhof der Firma aufgenommen zu sein, Tische stehen dort herum, Menschen mit Pappbechern in den Händen. Doch ihr Blick fällt sofort auf eine Stelle. Eine hübsche junge Frau, dunkelblonde oder hellbraune Haare, strahlt mit ihren leuchtend grünen Augen in die Kamera. Daneben steht Ethan. Ein jüngerer und sehr viel fröhlicherer Ethan. Er schaut nicht in die Kamera, sondern zu der Frau, die Carla sein muss. Sein Blick scheint so viel auszudrücken. Bewunderung, Zuneigung. Glück. Er hält ihre Hand und scheint gerade dabei, sie für einen Kuss zu sich zu ziehen.

Sam schluckt, und ihr wird etwas schummrig. Das ist sie also. Seine große Liebe. Erste Liebe? Gegen die ich nie ankommen kann. Gegen die niemand ankommen kann.
Gedankenverloren berührt sie mit dem Zeigefinger Ethans Abbild. Da war er jemand anders, scheint es. Der, der er eigentlich sein sollte. Der er mit mir nie sein kann?
Sie beißt sich auf die Unterlippe. Reiß dich zusammen.
Mit bemüht neutralem Gesichtsausdruck schaut sie rüber zu Ethan, der gerade offensichtlich stark mit seinen Emotionen, oder eher seiner Wut, zu kämpfen hat.
Reiß dich zusammen, wiederholt sie noch einmal im Kopf und legt ihre Hand auf Ethans Unterarm.
“Das wird helfen”, meint sie leise und flucht innerlich gleich darauf. Sie atmet tief durch und schaut noch einmal auf das Foto. Dort. Im Hintergrund steht eine Frau, die betont unauffällig zu Ethan schielt und offensichtlich in diesem Augenblick ebenfalls die Szene zwischen den beiden Verliebten beobachtet hat.
“Das ist sie?” fragt sie überflüssigerweise. Ethan nickt. Sein Gesichtsausdruck ist immer noch verbissen. Sam erwidert das Nicken.
Unschlüssig schaut sie sich um, reicht Ethan das Foto wieder zurück. Sie weicht seinem Blick aus, falls er ihren sucht und schaut auf die Straße. Sie zieht ihre Hand zurück und legt sie an den Zündschlüssel.
“Wo woll… wo willst du jetzt hin?”

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Ethan

Ethan sieht nicht auf das Bild, als Sam es ihm zurückgibt. Nicht auf sein jüngeres Ich, nicht auf Coleen und nicht auf Carla. Vor allem nicht auf Carla. Stattdessen legt er das Foto umgedreht auf seinem Schoß ab und schließt einen Moment lang die Augen.

Wo er jetzt am liebsten hingehen würde? Keine Frage. Wenn Ethan den Kopf frei bekommen möchte, zieht es ihn nach draußen. In die Straßen der Stadt, wenn es nicht anders geht, aber am liebsten irgendwo in die Wildnis. Oder wenigstens ins Grüne. Zum Beispiel auf einen der zahllosen Trails, die Portland direkt innerhalb weniger Auto- oder Bahnminuten vom Zentrum entfernt zu bieten hat. Es müssen ja keine fünf oder zehn Meilen sein. Zwei oder drei würden es auch schon tun. Oder wenigstens eine. Aber es ist schon Abend, und er hat keine Ahnung, ob Sam mitmachen würde. Nur: wenigstens ein bisschen an die Luft wäre schon gut.

“Beine vertreten?” schlägt er daher vor. “Flusspromenade?” Er zögert kurz. “Oder… Hunger? Bier?” Ein Bier könnte er jetzt auch vertragen. Oder erst das eine, dann das andere. In der Altstadt und Downtown gibt es einige ziemlich nette Kneipen.

Als Ethan die Lokale im Geiste durchgeht, zieht es ihm dann doch den Mundwinkel ganz leicht nach oben. “Aber nicht im ‘Old Town’.” Die nur zwei Straßen vom Fluss entfernt gelegene Brauereikneipe-mit-Pizzeria ist stolz auf den Geist, der durch das Gebäude spukt. Wenn sie den heimschicken und dem ‘Old Town’ das Geschäft ruinieren würden, bekämen Sam und er auf Lebzeiten Hausverbot in dem Laden. Aber das ‘10 Barrel Brewing’, wo es mehrere exklusive Portland-Biere im Ausschank gibt, oder die ‘Bridgeport Brewing Co.’, die älteste Brauerei der Stadt, sind da auch irgendwo in der Nähe, wenn er sich richtig erinnert.

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Samantha

Unschlüssig zuckt Sam mit den Schultern. Am liebsten wäre ich jetzt woanders. Keine Ahnung, wo. Er soll sich nicht verpflichtet fühlen, was mit mir zu machen. Will sicher jetzt lieber allein sein, wo das mit Carla und seiner Familie grade so aktuell ist. Warum ist das so kompliziert? Weil es immer so ist.
Bier? Eine Kneipe? Verstecken in der Masse. Das geht vielleicht. Hat er grade einen Scherz gemacht? Er schaut so. Aber doch nur von einem “Old Town” gesprochen.

Sam lächelt schwach und nickt. “Besser nicht”, antwortet sie und Ethan nickt ebenfalls.
Richtige Antwort, anscheinend.

“Wie… wie du möchtest. Können auch was einkaufen und wohin. Oder gar nicht, wenn du lieber ins Hotel willst. War ein langer Tag.”

Wieder zuckt sie mit den Schultern und schaut kurz zu ihm rüber.
“Brauerei ist auch ok. Gibt’s ja genug hier.”

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Ethan

Ethan sieht Sam verwirrt an. Irgendwas stimmt nicht. Ihre Körpersprache und ihr Tonfall sind irgendwie anders als die ganze Zeit eben noch. Aber er kann den Finger nicht richtig darauf legen, was los ist. Nur ein gewisses Unbehagen, eine… eine Verlegenheit zwischen ihnen, die eigentlich im Laufe des Tages schon verschwunden war. Drecksmist. Irgendwas, das er gesagt hat, hat sie verstimmt. Oder irgendwas, das er nicht gesagt hat.

Oh verdammt. Sie hat eben schon wieder ein ‚wir‘ abgebrochen, fällt ihm jetzt im Nachhinein auf. Mit einem leichten Stirnrunzeln atmet er durch, bedenkt Sam dann mit einem weiteren Blick.
„Würd mir gern die Beine vertreten. Forest Park vielleicht? Nicht lang. Halbe Stunde, Stunde? Und…“ verdammt, wie sagt er das jetzt, ohne sie vor den Kopf zu stoßen? „… würd mich freuen, wenn du Lust hast.“ Ethan macht eine verlegene Handbewegung. „Müssen aber nicht“, korrigiert er sich schnell. „Was magst du denn?“

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Samantha

Irritiert auf seine Einladung und die Frage hin schaut sie zu ihm herüber.
Wieso sagt er das jetzt so komisch – wie eine explizite Einladung? Mache ich mir zu viele Gedanken? Sicher.
“Ist okay. Beine vertreten klingt gut.”
Sam nickt, um ihre Aussage noch zu bekräftigen.

“Könnte halt auch verstehen, wenn du allein sein möchtest. Ich mein… “, sie deutet auf das Foto, “Erinnerungen und so. Sie… war hübsch.”
Das hätte ich nicht sagen sollen. Sowas sagt man doch nicht!
Direkt nachdem sie es ausgesprochen hat, verzieht sie das Gesicht.
“Tut mir leid. Weiß grad’ einfach nicht…”
Sie lässt den Satz unvollendet und fährt sich mit beiden Händen durchs Haar.
“Sorry”, sagt sie nochmal leise und startet den Motor. “Forest Park. Finde ich denke ich noch.”

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Ethan

Der Forest Park ist riesig. Man könnte sich darin verlaufen, wenn man wollte. Der Wildwood Trail, der sich durch das ganze Gebiet schlängelt, hat eine Gesamtlänge von 30 Meilen, und das ist nur eine von zahllosen Möglichkeiten auf dem Gelände des dicht bewaldeten Naturparks. Was Ethan aber für heute abend im Sinn hat, ist ein kleiner Weg, den er früher manchmal nach der Arbeit ganz gerne gegangen ist, wenn er ein bisschen abschalten wollte, und der ohne große Steigungen etwa eine Meile lang dem Verlauf des Balch Creek folgt.

Die ersten Minuten der Fahrt starrt Ethan schweigend auf die Rückseite des Fotos in seinem Schoß. Sams Worte hallen in seinem Kopf nach, zusammen mit ganz unterschiedlichen Gedanken und Bildern, so dass ihm erst nach einigen Meilen so recht bewusst wird, wie lange er sie schon auf eine Reaktion warten lässt. Ethan löst seinen Blick von dem umgedrehten Bild, sieht zu Sam hinüber, zu ihrer angespannten Miene, dem angestrengt auf die Straße konzentrierten Blick.
„Nein“, sagt er leise, aber mit Nachdruck. „Froh, dass du da bist.“

Wieder vergehen ein paar Minuten, ehe er weiterspricht, seine Stimme wenig mehr als ein Flüstern. „Und ja. War sie.“ Er will mehr sagen. Er sollte mehr sagen. Die Verwirrung, die Aufgewühltheit, die Gewissensbisse, von denen er gar nicht so genau weiß, ob es überhaupt welche sind oder er nur denkt, dass er sie haben sollte, irgendwie zu erklären versuchen. Stattdessen legt er wortlos die Hand auf ihre, als sie an einer Ampel den Ganghebel in die Neutralstellung schiebt. Zieht dann, als die Ampel auf grün springt und Sam schalten und anfahren muss, die Hand schnell wieder weg.

Am Lower Macleay Trailhead steigt er aus dem VW-Bus und atmet tief durch. Und schon nach wenigen hundert Yards, die sie nebeneinander am leise plätschernden Creek durch den Wald gehen, merkt Ethan, wie der alte Effekt wieder eintritt, den er sich genau so erhofft hat: Seine Gedanken beruhigen sich, sein Kopf klärt sich im gleichmäßigen Rhythmus der Schritte, der leicht nach Bäumen und Harz riechenden Luft, und er kann regelrecht spüren, wie seine Anspannung sich löst. Sam folgt ihm mit einigen Schritten Abstand.

Ein paar Minuten später, an dem kleinen Steg über den Creek, hält er an, lehnt sich gegen das Geländer und lächelt Sam aufrichtig an, als sie es ihm gleichtut. „Schön hier.“ Schön, dass du hier bist. Schön, dass ich mit dir hier bin. Sie nickt stumm und schaut über den Bewegungen des Wassers zu.

Auch im weiteren Verlauf des Weges ist der Balch Creek ihr ständiger Begleiter. Es dauert nicht lange, nur etwa eine Viertelstunde, bis sie an dem verfallenen Häuschen vorbeikommen, das ‘Witches Castle’ genannt wird. Ethan hat mal gehört, dass die früheren Bewohner des verfallenen Häuschens hier spuken sollen, aber als er hier lebte, hat er sich um den Job nicht mehr gekümmert, und jetzt hat er auch ganz andere Dinge im Kopf, als sich der Sache anzunehmen, und Sam vermutlich ebenso.

Wieder zehn Minuten später führt erneut ein schmaler Steg über den Creek, und dahinter führt der Weg mit deutlicher Steigung bergan. Hier hätte Ethan ohnehin umkehren wollen, aber jetzt bleibt er abrupt stehen und starrt über die Brücke, während er ganz unwillkürlich seinen Hals berührt. Er war so lange nicht mehr hier, dass er überhaupt nicht mehr realisiert hat, wie nah sie sich hier an Garritys Villa befinden, der Trail im Prinzip direkt daran vorbei führt! Na gut, nicht direkt daran vorbei, aber schon ziemlich nah. Zwei, drei Minuten halt. Kein guter Gedanke.

“Lass umkehren”, murmelt er und versucht, die Gelassenheit des Hinwegs wiederzufinden. So richtig gelingt ihm das allerdings erst, nachdem sie auch das Witches Castle wieder hinter sich gelassen haben. “Sorry”, versucht er zu erklären. “Garrity da oben.” Dann winkt er mit einem schiefen Lächeln ab. Garrity ist verhaftet, es ist vorbei. Die Villa nur noch eine Villa. Vielleicht machen sie aus dem Privatmuseum jetzt ja ein öffentliches. Das Haus sah irgendwie historisch aus. Sam runzelt kurz die Stirn, nickt dann aber. “Verstehe.”

Zurück am Parkplatz sieht Ethan kurz auf die Uhr. Knapp eine Stunde. Er macht ein zufriedenes Gesicht und wirft Sam einen forschenden Blick zu. Hoffentlich fand sie das jetzt nicht allzu schrecklich. Ihm selbst hat der Spaziergang jedenfalls gutgetan, und es täte ihm echt leid, wenn er für Sam eine fürchterliche Qual gewesen wäre.
“Was essen?” schlägt er vor. So richtig hungrig ist er nach dem Monsterfrühstück noch nicht, aber eine Kleinigkeit kann nichts schaden. Oder ein Bier oder so.

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Samantha

Auch Sam hat die kurze Wanderung genutzt, um einigen Gedanken nachzugehen. So nah und doch so fern. Ich werde nicht schlau aus ihm. Aber ihm geht’s vermutlich grade nicht anders.
Sie sieht nicht aus, als hätte ihr die Wanderung etwas ausgemacht, und auf seine Frage nickt sie nur nach einem kurzen Schulterzucken, während sie wieder auf dem Fahrersitz Platz nimmt.
“Irgendwelche Vorschläge? Oder einfach was, so wir vorbeikommen?”
Ethan schüttelt den Kopf, zuckt mit den Schultern. “Irgendwas.” Dann lächelt er entschuldigend. Sam soll nicht denken, es sei ihm völlig egal. Eher, dass er ihrem Urteil vertraut.

Schließlich halten sie nach kurzer Fahrt schon Richtung Hotel an einer kleinen Bar, die laut Reklametafeln auch Steaks und Sandwiches serviert. Eine Sitzecke ist noch frei, und nachdem sie einen Pitcher Bier und etwas zu essen bestellt haben, sitzen sie eine Weile schweigend da.

Kurz bevor ihre Bestellung kommt, rutscht Sam etwas unruhig auf ihrer Bank herum, will die Stille, die trotz der Musik und den anderen Stimmen der Bar zwischen ihnen herrschte, brechen.
“Hast du… ihr… das früher oft gemacht? Im Forest Park gewesen, meine ich?”
Keine Ahnung, ob ich das fragen sollte. Aber… er schien Erinnerungen mit diesem Ort zu verbinden.
“War sie auch gerne draußen? Wie du?”

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Ethan

Er hat Sam in Ruhe fahren lassen, wollte sie nicht in ihrer Konzentration stören. Aber auf das kleine Restaurant auf dem Weg zeigt Ethan mit einem “Da?” tatsächlich im selben Moment, wie Sam fragt: “Was hältst du von dem?” Er lächelt sie an und nickt, und kurze Zeit später sitzen sie in der freien Ecke.

Beim Hereinkommen hat Ethan sich ganz instinktiv erst einmal umgesehen. Andere Ausgänge. Einrichtung. Potentielle Hindernisse. Gäste. Alles OK soweit, scheint es. Nach dem Bestellen hat er dann für einen langen Moment versonnen Samanthas Gesichtszüge gemustert, ehe ihm auffiel, dass er sie anstarrte, und sein Blick verlegen zu seiner Beobachtung des Raumes zurückging. Jetzt lässt Sams Frage ihn wieder zu ihr schauen. Ethan nickt. “Oft”, antwortet er freimütig, “Fabrik in der Nähe. Nach der Arbeit. Aber nur meins”, erklärt er dann. “Carla nicht so Typ für.” Er lächelt schief. Carla war eher der Typ für Yoga und Pilates, viel mehr zu begeistern für Fitness-Studio mit Musik als für draußen bei Wind und Wetter. Sein schiefes Lächeln verstärkt sich etwas. Oh Mann, ja. Vor allem bei Wind und Wetter war Carla so gar nicht nach draußen zu kriegen. Na gut, Ethan selbst reißt sich ja auch nicht unbedingt darum, loszuziehen, wenn es schon in Strömen regnet. Aber sogar das hat er schon gemacht, wenn ihm danach war. Und ausschließen, dass es unterwegs anfangen wird zu regnen, lässt sich ja sowieso nie ganz. Hat er teils schon unglaublich tolle Stimmungen erlebt, viel atmosphärischer als im strahlenden Sonnenschein. Kommt natürlich immer auf die Gegend an, wie das wirkt.
“Wochentags Stunde, zwei”, fährt Ethan dann fort. “Naja. Nicht jeden Tag. Aber oft. Wochenende länger. Forest Park. Anderswo. Columbia. Mt. Hood. Wenn Carla lernen musste. Oder was anderes vorhatte.”

Er sucht Sams Blick. Zögert etwas, die Frage zu stellen, weil er die Wunde nicht schon wieder aufreißen will, aber andererseits interessiert es ihn wirklich. “Und du? Ich meine… Lesen, Baum malen… Sonst? Hobbies? Freunde? Viel draußen?”

Drecksmist. Das ist ihr bestimmt zu viel gefragt. Um sich abzulenken, nimmt er einen Schluck von seinem Bier – wässriger Standard. Vielleicht hätten sie doch woanders hingegen sollen – und nickt der Kellnerin zu, die eben mit ihren Sandwiches ankommt.

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Samantha

Sam zieht auf Ethans Fragen hin ihre Schultern nach oben.
“Da gibts nicht viel zu erzählen. Ja. Viel draußen gewesen. Meine Eltern waren viel unterwegs. Länger als drei oder vier Monate am Stück waren wir nie in Portland. Und auch wenn wir recht oft campen waren – zur Abhärtung – fand ich das immer gut. Ich hatte meine Ruhe, konnte meist sogar hingehen, wo ich möchte.”
Sie nimmt einen Schluck von ihrem Bier und schaut auf, als das Essen serviert wird.
Hungrig schaut sie auf das vor ihr liegende Steaksandwich, in das sie dann auch hineinbeißt und dann genüsslich kaut.
“Freunde? Naja”, meint sie noch kauend. “Ist halt schwierig. Bekannte viele, überall verteilt. Ein paar sind vielleicht Freunde. Aber weiß man ja nie so, bis es mal brenzlig wird.”

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Ethan

Mit einem leichten Stirnrunzeln sieht Ethan sein Gegenüber an. “Meinte eigentlich: damals. Hier.” Aber klar, wenn sie wirklich nie lange in der Stadt waren, dann ist es relativ verständlich, dass Sam unter ihren Klassenkameraden und sonstigen Gleichaltrigen wenig Kontakte aufbauen konnte. Verlegen, ohne dass er sagen könnte, warum eigentlich genau, sieht er auf seinen Teller. Nimmt einen Bissen von seinem Sandwich. “Hatte ich’s besser”, murmelt er dann. “Familie. Freunde. Jedenfalls bis. Naja.” Er bricht ab, strafft die Schultern. Es ist nun mal, wie es ist. “Danach…” Er schnaubt leicht. “Dachte, Cal. Naja. Rumgezogen dann. Freunde? Lange nicht. Aber…” Jetzt sieht er doch auf und Sam ernsthaft an. “Barry. Du.”

Oh Mann. Das will sie bestimmt nicht hören, unabhängig, wie sie ist. Egal. Es ist die Wahrheit. Zumindest, soweit es Ethan betrifft. Es wären nicht viele extra losgefahren, wenn sie eine Nachricht bekommen hätten, wie er sie aus Billings an Sam geschickt hat.

[to be concluded]

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