Supernatural – World’s End

Das folgende Diary ist eine Gemeinschaftsarbeit. Das zugehörige Abenteuer stellte den Abschluss eines Kampagnenstrangs dar, der vor Jahren noch vor dem Einschlafen der Supernatural-Runde in deren alter Besetzung angestoßen worden war und sich über mehrere Spielsitzungen hingezogen hatte. Nachdem vor einem Jahr die Runde dann mit teilweise neuer Besetzung reaktiviert wurde (ich selbst war zwar vom Anfang der Wiederbelebung an mit dabei, aber ich gehöre nur zur neuen Garde), war dieser Plotstrang noch offen, und er sollte jetzt zu einem würdigen Abschluss gebracht werden. Zu diesem Zweck trafen wir uns auch eigens in Persona, statt online über TeamSpeak zu spielen, wie sonst immer.

Da in der Runde nur noch ein Charakter gespielt wird, der den ganzen Apokalypsenplot wirklich von Anfang an mitbekommen hat, war das Szenario natürlich stark auf diesen Charakter zugeschnitten. Es bedeutet aber auch, dass die anderen Charaktere teilweise IC nicht über alles informiert waren, was in der Vergangenheit geschehen war. Also beschlossen wir, uns das Diary zu dritt zu teilen und uns jeweils auf die Abschnitte zu konzentrieren, in denen unsere eigenen Charaktere auch etwas zu den Vorgängen sagen konnten.
Das Endergebnis ist ein enorm langes Mammutwerk, und weil wir zu dritt waren und ständig irgendwem irgendwas dazwischen kam, hat es ewig gedauert, bis es fertig war (gespielt haben wir die Session im August 2016). Aber von einem alleine wäre das Diary lange nicht so gut geworden, glaube ich.

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Viele Soldaten behaupten, dass das Warten vor der Schlacht schlimmer sei als der Kampf selbst. Schwachsinn. Warten hat noch keinen umgebracht.
Als er ACs strahlend weißes Auto, eine perverse Kreuzung zwischen Limousine und SUV, den holprigen Feldweg zum Hauptquartier hochkommen sieht, wäre Cal nichts lieber, als noch ein bisschen länger warten zu dürfen.
“Sir?“ Es ist diesmal Ricky, der den Finger schon auf dem Abzug liegen hat und den Mann mit dem übergroßen Cowboyhut feindselig beäugt. Das würde gerade noch fehlen, dass jemand auf den Engel schießt. Cal ist sich nicht sicher, ob AC der Typ für ein Blutbad ist, aber auch wenn eine Salve in das Gesicht des Engels ziemlich verführerisch klingt, ist es letztendlich das Risiko nicht wert.
Cal drückt den Lauf von Rickys Gewehr nach unten. “Rühren, Soldat. Ich rede mit ihm.”
Als er ACs Lächeln sieht, ändert Cal fast seine Meinung. Es ist dieses widerlich kumpelhafte Lächeln, unter dem die absolute Sicherheit liegt, wer hier das Sagen hat. So eine Gewehrsalve würde die Visage des Engels wesentlich erträglicher machen.
“Cal. Du kannst dir denken, worum es geht.”
“Du willst deinen Gefallen einlösen.” Nein, ihm ins Gesicht zu schießen, wäre viel zu unpersönlich. Man muss schon fühlen, wie das Nasenbein bricht.
AC lässt Cals Feindseligkeit einfach abperlen. “Ganz richtig. Besorge mir das Tuch des Tricksters. Du hast eine Woche Zeit.”
“Irgendwelche Hinweise, wo oder was das Ding ist?” Cal ballt unwillkürlich die Hände zu Fäusten. “Oder was du damit willst?”
“Komm schon. Du bist ein Jäger. Ihr seid doch Profis darin, solche Artefakte zu finden, oder? Und was ich damit will…” AC grinst und salutiert spöttisch. “Das hat dich nicht zu interessieren.”
Cal kann gerade noch ein “okay” zwischen zusammengebissen Zähnen hervor drücken.
“Aber falls es dich motiviert… Wenn du mir das Tuch bringst, erledige ich diese Apokalypsengeschichte. Die Welt retten, das ist es doch, was ihr wollt. Und vielleicht hast du sogar die Chance, mit deinem Vater abzurechnen.”
Der verdammte Engel weiß, was er sagen muss. Natürlich heißt für AC “Apokalypse verhindern”, dass er den Bürgerkrieg gewinnt, und damit hätten schon wieder die Menschen verloren, aber Selathiel loszuwerden und sich an seinem Vater wirklich rächen zu können, das ist doch ziemlich verführerisch.
Aber nachdem Aziraphel mit dem Zuckerbrot gewunken hat, kommt jetzt die Peitsche. “Falls du auf die kluge Idee kommst, mich hintergehen zu wollen…” ACs Lächeln gerät keine Sekunde ins Wanken. “Für einen Engel bin ich ziemlich phantasievoll. Ich will dir aber nicht unbedingt demonstrieren, was mir so alles einfällt. Verstehen wir uns?”
Cal nickt. Mehr traut er sich nicht zu, ohne die Kontrolle zu verlieren.
“Sehr schön.” AC dreht sich zu seinem Auto um, schaut aber noch einmal über seine Schulter zurück. “Ach ja. Schönen Gruß an Ben.”
Jetzt kann Cal noch nicht mal nicken. Er hält sich an den rotgefärbten Gewaltvisionen fest, in denen er sich immer neue schreckliche Todesarten für den Engel ausdenkt, bis die weiße Riesenkarre verschwunden ist. Als ob nur eine Person hier kreativ sein könnte.
Cal ist sich bewusst, dass jeder im Lager ihn anstarrt und dass man ihm seine Anspannung deutlich anmerken kann. Ein Teil von ihm hätte jetzt nichts dagegen, dass ihm einer der Militärs dumm kommt und er ihn unter dem Mantel der Autorität zusammenschlagen könnte.
Genau so, wie es sein Vater gemacht hätte.
Stattdessen ruft er seine Stellvertreter zusammen und informiert sie, dass er eine Weile weg sein und wer welche Aufgaben übernehmen wird. Seine Leute sind keine Idioten. Jeder merkt, dass Cal sie auf die Möglichkeit vorbereitet, dass er nicht wiederkommt.
Corinne sagt: “Wenn der Einsatz gefährlich ist, brauchen Sie eine Eskorte, Sir.”
“Nein.” Das habe ich mir alles alleine eingebrockt. “Es kann zu einem Zusammentreffen mit Colonel Hagen kommen. Keiner soll gegen seinen alten Boss vorgehen müssen.” Er sieht bei diesen Worten seinen Halbbruder an. Es ist nicht so, als wäre Hagen bei seinem zweiten Sohn zum Vater des Jahres geworden, aber er hat Matt nie auf die gleiche Art misshandelt wie Caleb.
Matt weicht Calebs Blick aus, aber er sagt: “Trotzdem solltest du Rückendeckung haben…”
Cal schaut jeden im Raum kurz an. “Wenn ich Verstärkung brauche, melde ich mich. Im Moment ist das nicht nötig.” Und ich werde einen Teufel tun und meinen eigenen Bruder in den Mist reinziehen. “Außerdem brauche ich vertrauenswürdige Leute, die den Laden hier am Laufen halten.”

Jetzt muss er seiner Partnerin-mit-Bonus Bescheid geben. Obwohl, er muss nicht. Er kann die Woche abwarten, sich von AC foltern lassen und seine Ruhe haben. Für immer. Dann fällt ihm Irenes überhebliche Empörung ein, als er einen ähnlichen Gedanken geäußert hat, und er kann ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken.
Aber er ruft sie natürlich nur an, weil er jemanden braucht, der ihn von Blödsinn abhält. Blödsinn wie AC das Tuch zu geben. Unter normalen Umständen wäre er nicht versucht, zumindest nicht zu sehr, aber die Drohung gegen seinen Sohn…
Mit fast schon gefletschten Zähnen holt Cal sein Telefon heraus, um die britische Jägerin anzurufen.

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Es lehnt jemand an seinem Pickup, als Ethan von der Arbeit zum Auto zurückkommt. Ein relativ junger Indianer mit einer undefinierbaren Nicht-Frisur, kurzgeschoren mit einigen abstehenden Büscheln, und seinen Kleidern falsch herum am Körper. Die Schuhe trägt er auch jeweils am falschen Fuß. Ethan kennt den Typ. Oder genauer gesagt: Ethan weiß, wer der Typ sein muss. Der Heyoka, von dem Barry erzählt hat.

Der heilige Narr hat eine Bierflasche in der Hand. Sonderlich heilig sieht er nicht aus. Vor allem betrunken, wenn Ethan ehrlich ist. Und er strahlt selig, als er Ethan kommen sieht. “Heyyyyyy! Von dir habe ich ja schon so! viel! gehört!”
“Hi”, murmelt Ethan. “Auch.”
“Ach ja? Gut gut, dann weißt du ja, um was es geht! Ich hatte Visionen von dir, weißt du. So! viele! Visionen! Bestimmt fünfzigtausend! Ach was, sechzigtausend!”
Ethan blinzelt, sieht den Heyoka fragend an. “Visionen.”
“Visionen”, ist die Antwort. “Sech! zig! tau! send! Das macht durstig, sag ich dir. Hast du vielleicht ein Bier? Meins ist leer.” Zum Beweis dreht der Heyoka die Flasche um, und gelblichbraune, schaumige Flüssigkeit verteilt sich auf Ethans Schuhen. “Oh. Jetzt ist es leer.”

Im D21 befinden sich tatsächlich ein paar Dosen von diesem Payette IPA, wie Sam es auch in Portland dabei hatte. Und sobald der Inhalt von einer davon im Magen des Heyoka gelandet ist, erzählt er auch endlich, was er will. Dass Ethan doch nach Iktomis Schleier suche. Dass er bloß. Auf! je! den! Fall! die Finger davon lassen solle. Und er solle auf gar! kei! nen! Fall! nach Norden fahren und die ehrenwerte und biedere Gesellschaft von Fabray aufsuchen. Und mit einem zweiten von Ethans Bieren in der Hand hüpft der Typ dann fröhlich pfeifend davon. Oookay.

Schritt eins: Barry anrufen. Der bestätigt Ethans Vermutungen: dass er sich unbedingt darum kümmern soll, und zwar im Süden. Und dass diese ‘ehrenwerte und biedere Gesellschaft’ mit Sicherheit keine ist. Aber das kann vieles bedeuten, das ist Ethan auch klar. Kriminelle. Prostituierte. Nudisten. Der Name ‘Fabray’ sagt Barry jedenfalls nichts. Der Schriftsteller wirkt aber ohnehin etwas abgelenkt. Die Kinder haben die Windpocken, sagt er, und da Tam die Krankheit noch nicht hatte, ist es an ihm, auf sie aufzupassen. Deswegen kann er auch nicht mehr tun. Okay. Passt schon. Ethan hätte ohnehin ein mehr als schlechtes Gewissen gehabt, den da jetzt aus seiner Familie rauszureißen.

Schritt zwei: Irene.

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Als deren Smartphone zum dritten Mal innerhalb weniger Stunden auf dem schmalen Tischchen des Bauwagens zu tanzen beginnt und Ethans Name im Display erscheint, hört die Trophäenjägerin auf, an Zufälle zu glauben. Spätestens, als auch er von einem Stück Stoff mit Verbindung zu einem mythischen Trickster erzählt. Allerspätestens, als er den Namen Fabray fallenlässt.

Zuvor hat erst Larissa Kirkham sie angerufen, die einzige aus der Familie von Elizabeth Kirkham, geb. Hooper-Winslow, die sich mit dem Jagen befasst und gelegentlich auf Winslow Manor anzutreffen ist. Die Kleine druckste zunächst herum, dass Irene doch in den USA sei, nicht wahr?, dass sie doch um die Eigenart der Nebenstellen einiger Winslowscher Telefone wisse, dass man Gespräche mithören könne, nicht wahr?, fasste sich aber schnell ein Herz, als die Ältere sie zum Weitersprechen ermunterte. Sie habe ein Gespräch von Ian mitgehört. Der habe einer Frau mit Südstaatenakzent erzählt, er käme an Hermes’ Hüfttuch heran. Die US-Trottel hätte er alle in die falsche Richtung geschickt. Er werde sich in Kürze zu Fabray und einer nicht näher benannten Show aufmachen, um sich das echte Exemplar zu holen. Larissa, die letztes Weihnachten von Ian eine Safari-Barbie bekommen hat, mit dem spöttischen Hinweis, dass aus ihr nie eine echte Jägerin werden wird, stachelte Irene an, ihm die Trophäe vor der Nase wegzuschnappen, und rannte damit offene Türen ein.

Dann kam der Anruf von Cal. Da war sie gerade dabei, nach den Stichworten „Fabray“ und „Show“ zu googeln.
„AC war gerade da. Er will seinen Gefallen.“
Ihr knickten die Knie weg.
Es war zu spät.
War ja klar.
Das hatte sie nun davon, dass sie ihm Zeit geben wollte, ihre Frage zu beantworten, dass sie sich damit selbst Zeit erkauft hatte. Der Alptraum war ins Tageslicht hinübergeschwappt.
„Fuck!“
Als er dann davon sprach, er solle ein Trickstertuch herbeischaffen, sah sie es wenigstens als den Hauch eines Lichtblicks.
„Meint er vielleicht das Hüfttuch des Hermes?“
In dem Moment schlug ihr die Suchmaschine einen Zirkus namens Fabray vor, der gerade durch die Südstaaten tingelte. Klang, als könnte man damit zumindest starten, wenn der Engel schon sonst keine Hinweise herausgerückt hatte. Also vereinbarten sie ein Treffen in New Orleans. Irene konnte hören, wie Cals Stimme wieder ein Stück weniger belegt klang, und war froh, dass sie ihm zumindest irgendeine Spur bieten konnte, die ihm Gelegenheit gab zu handeln. Irgendetwas zu tun, als nur die Woche abzuwarten, bis ihn der Engel holen kam.

Und jetzt fragt Ethan sie, ob ihr der Name Fabray etwas sagt? Keine Zufälle. Sein Bericht über die Heyoka, den, den er getroffen hat, und den aus der Sage um ein Tor, das mit ‘Iktomis Schleier’ geschlossen wurde, veranlasst sie zu einer Reihe weiterer Telefonate. Nocheinmal Cal, ihm die Bestätigung geben, dass sie auf der richtigen Fährte sein müssen, dann das Reisebüro unten in St. Albans, Flüge buchen lassen, dann Charles. Ihn überschüttet sie mit einem Wasserfall an Fragen. Zu Ian und dem, was er in letzter Zeit getrieben und gefragt hat, wohin er sich bewegt, was er plant – indigniert lässt Charles sie wissen, dass er weder Spion noch Hacker ist – und zu dem Trickstertuch, ob es sich bei allen drei genannten Fetzen um das gleiche Textil handeln kann, was es macht, wo es zuletzt gesehen wurde. Alles, was er darüber auftreiben kann. Und am besten schon gestern. Dann wieder Ethan, um ihn über ihre Flugdaten in Kenntnis zu setzen.

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New Orleans. Alles klar. Flug morgen früh. Wieder mal. Aber kein Wunder, bei einer Woche Zeit bis – bis was? Dem Ende der Welt? Gar nicht daran denken. Packen. Und diesmal nicht nur Handgepäck. Diesmal braucht Ethan seine eigenen Waffen.

Im Flieger bringen Irene und er einander ausführlich auf Stand. Nochmal alles, was Ethan von Barry zu Iktomis Schleier gehört hat. Dass Cousin Ian auch hinter dem Ding her ist. Aber vor allem das mit Calebs Engelsdeal. Von dem wusste Ethan bisher noch gar nichts, und der schockt ihn ziemlich. Drecksmist, elender. Das macht die Sache mit der Woche Zeit gleich nochmal doppelt so drängend.

Sie sind eben auf dem Weg zu dem Starbucks, in dem sie sich mit Cal treffen wollen, da rasselt Irene wortwörtlich mit jemandem zusammen. Jemandem, den sie beide kennen. Nelson Akintola, ihr Kampfgefährte vom Zusammenstoß mit den Höllenhunden. Während Ethan halb ungläubig, halb belustigt, die Augenbrauen hochzieht, schüttelt Irene nur resignierend den Kopf. “Keine Zufälle. Lassen Sie mich raten, Dr. Akintola: Sie sind auch wegen dem Trickstertuch hier?”

‚Anansis Netz‘ heißt es für Nelson, stellt sich heraus, als sie im Starbucks sitzen und Informationen austauschen. Der Afrikaner hatte in den letzten Tagen ständig wiederkehrende Träume, in denen er immer wieder dieselbe Gegend sah. Eine Gegend, die Louisiana sein musste. Träume von einer Frau mit einem farbenfrohen, hauchdünnen Schal, gemustert wie ein Spinnennetz. Von Fabrays Zirkus hat er auch geträumt.

Das ist der Moment, in dem Cal zu ihnen stößt. Er sieht angespannt aus, noch angespannter als sonst, und begrüßt die drei, die schon im Café sitzen, überaus knapp. Aber klar. Wenn der wirklich nur eine Woche hat, um diesem Todesurteil zu entgehen.

Gemeinsam ziehen sie Bilanz. Anansi, Iktomi, Hermes. Alles drei Namen von Trickster-Gottheiten, aus drei unterschiedlichen Kulturkreisen. Aber ja, der Trickster ist ja eine universelle Gestalt, doziert Nelson. Also sehr, sehr gut möglich, dass es sich um dasselbe Tuch handelt. Nicht nur möglich, sondern sehr, sehr sicher sogar, befindet Irene angesichts ihrer Überzeugung, dass es in dieser Sache keine Zufälle gibt. Dass irgendjemand oder irgendetwas sie alle hier haben will.

Fabrays Zirkus gastiert gerade in einer Stadt namens Campti, finden sie heraus. Das ist gar nicht so leicht, weil es keine offizielle Webseite mit Tourprogramm gibt. Tatsächlich müssen sie sich diese Information mühevoll aus Twitter- und Facebook-Einträgen von irgendwelchen Besuchern und kleinen Randnotizen in Lokalzeitungen zusammenreimen.

Campti, Louisiana also. Die achtärmste Stadt der Vereinigten Staaten, hat ihre Suche nach dem Aufenthaltsort des Zirkus mit ausgespuckt. Und so sieht der Ort auch aus, stellen sie fest, als sie nach viereinhalb Stunden Fahrt in Calebs Dodge an ihrem Ziel ankommen. Ziemlich heruntergekommen, ziemlich viel herumliegender Müll. Auch hübsche, gepflegte kleine Häuschen, die verzweifelt versuchen, gegen den Verfall anzukommen, aber die sind klar in der Minderheit. Deutlich mehr schwarze Gesichter als weiße.

War es in New Orleans schon schwül, steht hier die Luft förmlich. Drückende Wolkenberge stauen sich am Himmel. Ein einsames Poster an einem Laternenpfahl, billig schwarz-weiß kopiert und der eigentliche Spielort von Hand eingetragen, teilt den Jägern mit, dass Fabray’s Circus and Sideshow auf dem Red River Field gastiert. Das wiederum ist, wie der Name schon sagt, eine etwas sumpfige Wiese direkt am Fluss, an der eine schmale, unbefestigte Straße vorbeiführt.

Ein bunter, wenn auch schon ziemlich baufälliger Zaun um das Feld soll offenbar Besucher davon abhalten, ohne Eintritt auf das Zirkusgelände zu kommen. Der zugehörige ‘Parkplatz’ ist einfach nur ein weiteres Stück Feld, das mit ein paar Plastikpflöcken und Seilen notdürftig abgesteckt wurde. Viele Autos stehen da nicht rum, und die, die da stehen, sind allesamt alt und mehr oder weniger klapprig. Da ist sogar ein Nissan D21 darunter, aber nicht die Crew Cab-Version, wie Ethan sie fährt, sondern die zweitürige. Kaum mehr eine Spur von Glanz. Und nicht etwa, weil jemand eine matte Lackierung aufgebracht hätte, wie Ethan das bei seinem eigenen Pickup getan hat, sondern einfach, weil die rote Farbe so verblasst ist. Jede Menge Rostflecken. Schmutzige Scheiben. Die Ladeklappe ist abgerissen und liegt, notdürftig befestigt, auf der offenen Ladefläche herum. Ethan zieht eine Grimasse. Das arme Auto.

Die Zelte hinter dem Zaun passen zu den Autos auf dem Parkplatz. Klein und verlottert, und auch da die Farbe der Leinwandbahnen komplett ausgeblichen. Das Kassenhäuschen am Eingang eigentlich nicht viel mehr als ein Tisch mit Verschlag. Der Typ an der Kasse ist groß und dünn und irgendwie androgyn, und Ethan sieht ihn mehr als misstrauisch an. Der erinnert ihn verdammt an diesen Assistenten, den Dr. Garrity hatte. Aber der Kerl verzieht keine Miene, als er Ethan sieht, also ist es wohl nicht Amos – oder es ist tatsächlich Amos, aber er will keinen Ärger.

So oder so zahlen sie, auch wenn Irene vermutlich mit ein paar Scheinen den ganzen verdammten Zirkus aufkaufen könnte, anstandslos den ziemlich überteuerten Eintritt und betreten dann das eingezäunte Gelände.

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Horrorshow, denkt Cal. Das Zirkuszelt besteht nur noch aus zusammenhängenden Flicken in leichenblassen Farben. Im Hintergrund quietscht ein Riesenrad, das einem schon vom Ansehen Tetanus verpasst. Kaum Gäste. Einzig am Imbissstand drücken sich neben schmelzender Zuckerwatte und angebranntem Popcorn ein paar Jugendliche herum. Sie sehen aus, als wären sie lieber ganz woanders, aber der Lockruf des vermutlich lauwarmen Bieres ohne Alterskontrolle war wohl stärker.
Fehlt nur noch ein messerschwingender Clown, und das Bild wäre perfekt.
Zwei der kleineren Zelte ziehen die Aufmerksamkeit der Jäger auf sich: die Freakshow und das von Madame Serenity, einer “Wahrsagerin”. Cal kann sich ihre Prophezeiung schon denken: er wird einen großen, dunkelhaarigen Fremden treffen und sich unsterblich verlieben.
Also lieber die Freakshow. Sollte sich hier etwas Gefährliches verstecken, dann dort.
“Nur für STARKE NERVEN”, verkündet das Schild am Eingang. “Unnatürliche KREATUREN! Der Vogeljunge! Die bärtige Lady! Das uralte Baby! Und noch größere SCHRECKEN!”
Cal schnaubt. Er macht sich gleich in die Hose vor Angst.
Bevor die Jäger das Zelt betreten können, hält sie ein Mann auf, der ihnen in unauffälliger Entfernung gefolgt ist.
“Die Waffen müssen draußen bleiben”, sagt er. “Wir hatten schon Unfälle mit eurer Sorte.”
‘Unserer Sorte?’ Cal hat kurz das Bild von einem Deppen wie Stinger vor Augen, der die bärtige Lady über den Haufen schießt.
Natürlich will keiner seine Waffen abgeben, aber der Mann macht klar, dass sie sonst nicht in das Zelt dürfen. Cal nimmt seine Redhawk aus dem Holster und stellt sich vor, wie er dem Typen mit dem Griff eine Platzwunde verpasst, aber er beherrscht sich. Die Carnys sind in der Überzahl. Rohe Gewalt ohne Plan wäre eine Scheißidee. Natürlich könnte da drinnen eine Falle auf sie warten, aber selbst wenn… bleibt die Frage, ob die Jäger mit den Carnys eingeschlossen sind oder umgekehrt.
Ihre Messer darf die Gruppe behalten. Ein Fehler, wenn Cal bedenkt, wie gut Irene mit den Dingern ist.
Im Inneren des Zeltes scheint sich die feucht-warme Louisiana-Luft zu stauen. Im Halbdunkel sitzen die Schausteller auf ihren Plätzen. Der Vogeljunge, der nur durch die lange Nase und die dunklen Augen vage einem Vogel ähnelt, gibt ein gelangweiltes “Kraaa” von sich. Die bärtige Lady feilt an ihren Nägeln herum.
Nichts zu holen hier. Aber hinter einem Vorhang geht es weiter in “Unerklärliche SCHRECKEN!” und “Die Fänge tödlicher KREATUREN!” Ein weiteres Schild fragt, ob die Jäger mutig genug sind, den nächsten Raum zu betreten.
Sind sie. Und jetzt versteht Cal, warum ihr Wachhund Angst hat, dass sie hier ein Blutbad anrichten. Ein Käfig beherbergt eine haarige Bestie – ein Yeti oder Sasquatch vielleicht. In einem anderen wälzt sich eine Schlange, auf deren Größe eine Anaconda neidisch wäre. Ein Rakshasa angelt mit gebleckten Zähnen nach ein paar kichernden Teenagern. Seine Klauen gehen so weit daneben, dass es nur Absicht sein kann.
“Habt ihr eine… Blutspende für mich?” fragt das junge Mädchen im letzten Käfig und blitzt die Gruppe aus roten Augen an.
“Ich verstehe, warum es schon mal Unfälle gab”, sagt Cal. “Ich habe mal von einem Zirkus mit echten Monstern gehört, der Stress mit ein paar Jägern hatte. Wart ihr das?”
Ihr Wachhund zuckt mit den Schultern. “Passiert ab und zu mal. Aber das Problem wurde geregelt.”
“Geregelt? Wie?” bohrt Ethan nach.
Wieder ein Schulterzucken. “Man hat sich geeinigt.”
Irenes Stimme spiegelt Cals Skepsis wider. “Das ist ja ein ganz schönes Spiel mit dem Feuer.” Sie sieht zu den Käfigtüren hinüber. Mit Ausnahme des Schlangenkäfigs sind sie noch nicht mal abgeschlossen.
“Wir passen auf uns auf”, sagt der Carny und schaut den Teenagern hinterher, die wohl doch lieber Bier trinken als Monster anschauen. Kaum haben die Kinder das Zelt verlassen, setzt sich der Rakshasa mit einem Seufzen hin und zündet sich eine Zigarette an.
Klingt ja alles sehr vertrauenswürdig. Eigentlich müsste Cal nachprüfen, ob es jedes Mal Tote gibt, wenn der Zirkus in der Stadt ist, und entsprechend etwas unternehmen… aber dafür hat er keine Zeit. Erst das Tuch, erst sein Leben, dann der Rest.
Cal kann ein zynisches Lächeln nicht unterdrücken. Am Ende ist man sich selbst der Nächste.
“Entschuldigung”, meldet sich Nelson zu Wort. “Gibt es hier eine Frau, die in einem bunten Tuch auftritt?”
Der Wachhund schaut ihn mit neuerwachtem Misstrauen an. “Ja. Madame Serenity.”
“Wir möchten nur mit ihr reden”, sagt Nelson, bevor irgendwer etwas Dummes unternehmen kann. Cal zum Beispiel, dessen erster Impuls es ist, in das Wahrsagezelt zu stürmen und sich zu holen, was er braucht.
Ihr Aufpasser beäugt sie immer noch. “Reden? Meinetwegen, solange es nur das ist…”

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Madame Serenitys Zelt ist ebenso heruntergekommen wie alle anderen. Aber hier drin ist es schummrig, und jemand – vermutlich die Wahrsagerin selbst – hat sich bemüht, mit bunten Kerzen, Räucherwerk und Unmengen von Seidenstoff eine mystische Atmosphäre herzustellen. Das Medium selbst sieht auf, als die Besucher durch den Eingang treten. “Ich halte nur Einzelsitzungen.”
“Wir sind alle aus demselben Grund hier“, erklärt Irene.
Oh ja. Der Grund ist das Tuch, in das der Kopf der Gestalt eingehüllt ist wie in eine farbenfrohe Burka. Mit einem Muster darin wie ein filigranes, silbernes Spinnennetz. Anansis Netz? Iktomis Schleier? Würde beides passen. Und Nelson nickt auch schon so leise vor sich her, als würde er das Ding aus seinem Traum erkennen. Das Gewebe mag hauchzart sein, aber Ethan kann trotzdem nicht mal eine Andeutung von den Gesichtszügen der Frau erkennen oder auch nur, welche Hautfarbe sie hat. “Wir wollen alle dasselbe fragen”, setzt der Nigerianer hinzu.

Ein Seufzer, dann kommt eine dunkelbraune Hand aus dem weiten Ärmel des afrikanisch anmutenden Gewandes hervor und macht eine auffordernde Geste. “Na dann. Bitte.”
Die Wahrsagerin hat nur einen einzigen Besucherstuhl, also bleiben die drei Männer stehen, nachdem Irene sich hingesetzt hat.
“Lasst mich eure Zukunft für Euch ergründen”, sagt das Medium mit betont geheimnisvoller Stimme und geht dann gleich in ihre Show über. Das Übliche. Ausladende Handbewegungen, eine leuchtende ‚Kristall’kugel, die Ethan gleich auf den ersten Blick als LED-betrieben erkennt, und mystisches, irgendwie afrikanisch klingendes Gemurmel bei geschlossenen Augen und konzentriert-abwesendem Gesichtsausdruck. Dann öffnet Madame Serenity die Augen wieder und lässt in typischer Mediumsstimme das typische, nichtssagende Gewäsch los. Dass große Gefahr drohe, gegen die sie nur gemeinsam eine Chance hätten. Dass sie zusammenhalten müssten, was da auch kommen möge, gemeinsam dem aufziehenden Sturm trotzen, dass Freundschaft der Schlüssel zu allem sei… und dass Irene einen großen, dunkelhaarigen Fremden treffen werde.

Irene zieht die Augenbrauen hoch, während Ethan schnaubt und Cal gerade bei diesem letzten Zusatz belustigt prustet. Nelson hingegen sieht die Wahrsagerin mit einem milde vorwurfsvollen Lächeln an. “Das, meine Dame, war kein Yoruba. Das war war noch nicht einmal eine sonderlich gute Imitation von Yoruba. Das, mit Verlaub gesagt, war ganz großer Quatsch.”
Der wütende Blick der Gestalt ist für Ethan sogar spürbar, ohne dass er ihr Gesicht sehen kann. “Und was wollen Sie dann von mir, wenn Sie nicht gekommen sind, um die Zukunft geweissagt zu bekommen?”
“Reden“, murmelt Ethan. “Wir würden uns gerne mit Ihnen über Ihren Schleier unterhalten“, führt Nelson aus.
“Oh”, kommt die Stimme von hinter dem Tuch hervor. “Verstehe. Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment.” Die Wahrsagerin steht auf und verschwindet schnell durch einen Vorhang im hinteren Bereich des Zeltes.

Die Jäger haben alle denselben Instinkt. Die will sich doch absetzen! Aber ehe sie der Frau durch den Hinterausgang folgen können, kommt durch genau diesen Hintereingang schon wieder jemand herein.

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Irenes Hand will automatisch zur Waffe wandern und lässt sich nur mit einer spürbaren Anstrengung zurückhalten, als der Schrank von einem Mann sich vor den Jägern aufbaut und ihnen erklärt, dass sie jetzt gehen möchten. Und nicht nur ihre. Auch Calebs Schultern sind angespannt, seine Lippen schmal. Schon holt er Luft, um, egal was, jedenfalls seine Lage zu verschlimmern. Kein normaler Mensch könnte klar denken, wenn es um die Rettung seiner Seele und seines Lebens geht. Ehe er gegenüber dem Falschen explodieren kann, hebt Irene beschwichtigend die Hände.
„Bitte, schicken Sie uns nicht weg. Wir brauchen Ihre Hilfe.“
Ihr Tonfall ist flehender, als sie beabsichtigt hatte, doch der massige Typ jagt ihr gehörigen Respekt ein. Seine Züge haben etwas Löwenhaftes, nicht ganz Natürliches. Keine Frage, dass er hier das Sagen hat. Sie stehen Leon Fabray gegenüber.
Ethan spiegelt ihre Geste, schiebt sich ein Stück vor Nelson und Cal und bestätigt. „Wollen keinen Ärger. Nur reden.“
Der Löwenmann zieht die Augenbrauen zusammen.

Eine Sekunde überlegt Irene, ob es zu gefährlich ist, einem der Wesen, die sie normalerweise jagt, so viel Vertrauen entgegenzubringen, doch die Wahrheit war schon immer ihr Freund, wenn es darauf ankam. Und auch Leon ist Teil einer Welt, die bald keinen Bestand mehr haben wird, wenn niemand den Engeln Einhalt gebietet. Also erläutert sie, warum es so unendlich wichtig ist, dass sie mit Serenity sprechen. Weil das Schicksal ihnen den Weg hierher gewiesen hat. Alles bezieht sich auf den Schleier. Der Schleier ist der Schlüssel.
„Wir brauchen Ihre Hilfe. Lassen Sie mich alleine mit dem Mädchen reden, wenn sie sich fürchtet, uns allen gegenüberzutreten. Ich verspreche Ihnen, beim Namen meiner Familie, dass ich ihr nichts tun werde.“ Sie kehrt die Handflächen nach außen. „Es geht um etwas, das viel größer ist als wir alle.“
Goldene Katzenaugen durchbohren sie. Dann nickt Leon bedächtig. Er wird Serenity fragen, ob sie dazu bereit ist.

Nervös beobachten die vier, wie Fabray die Wahrsagerin heranwinkt. Ihre Körpersprache macht deutlich, dass sie Angst hat. Ein kurzer Seitenblick auf Cal lässt Irene denken, dass sich die junge Frau mit ihrer Entscheidung nicht zu viel Zeit lassen sollte. Der Kopf unter dem bunten Tuch dreht sich in ihre Richtung. Sie spürt den Blick auf sich ruhen, bemerkt, dass sie wieder auf ihrer Lippe herumkaut. Ein leises Klackern hinter ihr verrät, dass Nelson dieses Ding mit seiner Lesebrille macht. Nur von Ethan kommt kein Laut. Dann ein zaghaftes Nicken der Wahrsagerin.

Fabray bedeutet den drei Männern, ihm aus dem Zelt zu folgen, damit die beiden Frauen darin ungestört sprechen können. Ehe sie gehen, wendet Irene sich Caleb zu, betont kühl. „Bitte. Bleib ruhig.“
Ethan deutet nur an, dem anderen eine Hand auf die Schulter zu legen, nickt Irene dann zu. Er ist auch noch da, um seinen alten Ersatzvater von Dummheiten abzuhalten, sollte dem die Geduld ausgehen.
Ohne Cals Reaktion abzuwarten oder den anderen beim Verlassen des Zeltes zuzusehen, dreht sie sich zu dem Medium.

„Miss Serenity…“
„Sarah.“
„Sarah. Ich bin Irene Hooper-Winslow. Vermutlich stehen wir normalerweise auf unterschiedlichen Seiten. Aber meine Freunde und ich wurden hierhergeführt, weil etwas im Gange ist, das uns alle betrifft. Sie und mich. Unsere Freunde und Familien. Wissen Sie, was dieses Gewebe macht, das Sie da tragen?“
„Es hält mich am Leben.“
„… oh!“
„Die Visionen wurden immer stärker. Zuerst waren sie nur gelegentlich da, dann immer öfter, schließlich habe ich Tag und Nacht alles gesehen. Alles. Bis mir Leon das Tuch gegeben hat. Solange ich es trage, bin ich sicher vor dem Zweiten Gesicht. Und Sie, Sie wollen es mir wegnehmen.“
„Ich…, oh, nein. Nein. Ich kann nicht verlangen, dass Sie sich umbringen. Also, ich will nicht. Aber etwas ist mit dem Tuch. Jetzt, in diesen Tagen. Es hat eine Bewandtnis damit. Wenn Sie selbst Visionen haben, wissen Sie, dass nichts ohne Grund geschieht. Und es muss ein wichtiger Grund sein, dass alle Welt auf einmal hinter dem Stoff her ist. Mein Freund Nelson hier, er hatte ebenfalls eine Vision. Von Anansis Netz.“ Irene deutet auf die bunten Falten, die über Sarahs Schultern fallen. „Ein Heyoka ist durch mehrere Bundesstaaten gereist, um Ethan von Iktomis Schleier zu erzählen. … Auch ich wurde mit der Nase darauf gestoßen. Und Cal, er wird an Ihrer Statt sterben, wenn er das Teil nicht einem Engel bringt, der es im Krieg gegen die anderen Engel einsetzen will…“
Ungläubiges Schnauben entfährt der Seherin.
„Verkaufen Sie mich nicht für dumm!“
„Sie glauben mir nicht? Lüften Sie den Schleier! Nur eine Sekunde. Sehen Sie und sagen Sie mir, was es mit dem Tuch auf sich hat. Ich weiß es nicht. Sie können es wissen. Ein kleiner Moment kann Sie nicht gleich das Leben kosten. Sarah, ich spüre, dass Sie schon anfangen, mir zu glauben. Denn ich komme nicht zu Ihnen, um zu bitten, wenn ich auch einfach nehmen könnte. Das ist Ihnen klar. Aber ich will auch das Richtige tun. Ich weiß nicht, ob wir alles schlimmer machen, wenn wir das Ding dahin bringen, wo es erwartet wird. Sie können es mir sagen. Und dann sehen Sie auch, dass ich nichts erfinde. Im Himmel herrscht Bürgerkrieg. Und er wird sich auf die Erde auswirken. Bald schon. Es gibt Engel, die wollen den Neustartknopf drücken und uns allen den Garaus machen. Uns und allen, die wir lieben. Helfen Sie mir! Bitte! Sagen Sie mir, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Lüften Sie den Schleier!“

Sarah muss ihr Gesicht nicht zeigen, damit Irene sieht, wie es in ihr arbeitet. Sie scharrt mit den Füßen, ringt ihre Hände. Im einen Moment scheint sie zu resignieren, dann wieder zuckt sie zusammen, als wolle sie davonlaufen. Es kann keine Übertreibung gewesen sein, sie fürchtet wirklich um ihr Leben. Danke, AC! Du Arschloch.
Nicht weiter drängen. Den Worten Zeit lassen, ihre Wirkung zu entfalten…

Schließlich stößt Serenity mit erstickter Stimme hervor: „Nicht mehr heute. Nicht nachts. Morgen früh.“
Irene lässt den angehaltenen Atem entweichen. Es ist noch nicht das, was sie wollte, aber besser als nichts. Sie sollte dankbar sein.
„Kommen Sie morgen früh wieder. Und jetzt gehen Sie!“

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Fast drückt Cal den Anruf weg, als draußen sein Telefon klingelt. Im letzten Augenblick sieht er, dass der Anruf von Ben kommt, und die Spannung in seinen Schultern lockert sich für eine Sekunde, nur um dann doppelt wieder zu kommen. ACs Drohung…
Cal entfernt sich ein Stück von den anderen und nimmt den Anruf an. “Hey.”
“Hey. Hast du in letzter Zeit etwas von Jo gehört?” Ben kommt sofort zum Punkt. Smalltalk und leere Höflichkeiten waren noch nie Teil ihrer Gespräche.
“Nein.” Cal verzichtet darauf, ihm von Aidens ‘Bitte’ zu erzählen, sich von Jo fern zu halten.
Ben schweigt kurz. “Sie hat bei mir angerufen, und das war… seltsam. Es klang, als würde sie sich verabschieden.”
“Verabschieden?” War ja klar. Wenn einem die Welt in die Eier tritt, kann sie auch gleich noch ein paar Hiebe in die Magengrube hinterher schicken.
“Ich bin mir nicht sicher. Sie war ziemlich vage. Irgendwas von einer großen Sache, und dann wäre alles besser.” Ben pausiert kurz, und Cal merkt ihm an, dass er nicht schlecht über seine Schwester sprechen möchte. “Du weißt, wie sie sein kann, wenn sie sich im Recht fühlt…”
Klar weiß Cal das. Wenn es nach ihr und Aiden gegangen wäre, würde jetzt keiner der Soldaten seines Vaters mehr leben.
Ben fährt fort: “Und das ist noch nicht alles. Sie ist in letzter Zeit… härter geworden. Als sie eine Hexe erwischt hat, hat sie ihre Hütte in die Luft gejagt.” Er zögert kurz. “Es waren noch Kinder im Haus.”
Doppelgänger. Ghoule. Gestaltwandler. Aber Cal hat das ungute Gefühl, dass keine dieser Möglichkeiten verantwortlich für das Verhalten der jungen Jägerin ist. Er fummelt sich eine Zigarette hervor. Kann Jo mit ihrem Scheiss nicht noch eine Woche warten?
“Was ist mit Aiden?” fragt Cal.
“Die beiden haben sich schon wieder gestritten. Aiden hat sich stärker mit seinem Seelentier verbunden, Jo fand, dass man den Bären lieber endgültig erledigen sollte. Er ist ja eine übernatürliche Kreatur.”
Super Plan. Das hat Cal doch auch schon mal versucht. Das Ergebnis war ein Dämonenpakt seiner Ex, um sein Leben zu retten.
Cal fragt: “Also sind sie nicht mehr zusammen oder was?”
“Ich bin mir nicht sicher. Aiden ist auf einer Geistreise im Reservat, um sich selbst zu finden. Jo war deswegen ziemlich sauer.”
Großartig. Muss jetzt ausgerechnet Cal den Kindern ein bisschen Vernunft in die Ohren boxen. Und hat das vielleicht noch eine Woche Zeit?
Aber er sagt: “Okay. Hat sie irgendwas gesagt, wo sie hin will?”
“Nein. Deswegen der Anruf.”
Cal ist fast erleichtert. So kann er sich gar nicht um dieses Problem kümmern. Und wo er gerade an Probleme denkt… “Ich melde mich, wenn ich was höre. Und noch was…” Cal zieht noch mal an seiner Kippe. “Die Sache mit AC… Er hat seinen Gefallen eingefordert, und falls ich nicht pariere… Er hat auch dich bedroht. Geh in Deckung, bis die Sache vorbei ist. Falls dir nichts einfällt, hätte ich eine Idee, wo du unterkommen könntest…”
“Verstehe.” Ben klingt verdächtig, als hätte er mit einem Anruf in dieser Art gerechnet. “Meine Freundin muss dann auch mit…”
Freundin? Davon hat er noch gar nichts erzählt. Cal fragt lieber nicht. Wenn er nach dieser Woche noch lebt, hat er noch genügend Zeit, sie kennen zu lernen.
Ansonsten ist es auch egal.

¤¤¤

Draußen vor dem Zelt berichtet Irene knapp, wie sie mit dem Mädchen verblieben ist. Natürlich ist Cal nicht glücklich. Immerhin hält er die Klappe. Auch eine Warnung an Leon scheint der Britin angebracht. Vor anderen Jägern und Monstern, die das Hüfttuch des Hermes haben wollen. Auch und vor allem vor Ian. Gerade weil sie ihren Vetter so gut kennt, bietet sie an, dass die Jäger helfen können, die Carnys zu beschützen, Wache zu schieben. Nicht nötig, meint Leon, sie können auf sich selbst aufpassen. Und trotzdem bringen sie es nicht über sich, den Zirkus aus den Augen zu lassen. Die Nacht über beobachten sie die Zelte und deren Umgebung von außerhalb des Geländes, abwechselnd im Duo, während die anderen beiden im Auto schlafen. Den Gedanken, dass die Schausteller sonst am nächsten Tag einfach fort sein könnten, muss keiner aussprechen.

¤¤¤

Angespannt folgen die drei Jäger dem Zirkusbesitzer vor das Zelt. Leon sagt nichts, während sie warten, und Ethan hat ohnehin nicht das Bedürfnis. Cals Ungeduld ist nicht zu übersehen, also macht Ethan gelegentlich kleine, beschwichtigende Handbewegungen in seine Richtung. Und Dr. Akintola versucht tatsächlich, den Löwenmann in eine Unterhaltung zu ziehen. Wundert Ethan nicht, so wie er den Afrikaner bisher kennengelernt hat. Es wundert ihn auch nicht, dass Fabray nicht groß reagiert. Aber Nelson lässt nicht locker. Will wissen, wie lange die Seherin schon beim Zirkus ist. Der löwenmähnige Hüne starrt ihn finster an. „Was interessiert Sie das?“
„Ich frage mich, ob sie meine Schwester sein könnte. Sie ist verschwunden, als wir beide Kinder waren. Knapp dreißig Jahre ist das jetzt her.“
„Ist sie nicht“, fertigt Leon ihn ab. „So alt ist Serenity nicht.“
„Okay“, macht Nelson. „Danke. Ich wollte es nur wissen.“
„Jetzt wissen Sie’s.“
„Okay.“

„Wie lange hat sie den Schleier schon?“ schaltet Ethan sich ein. Der Satz ist sehr sorgfältig ausformuliert, aber er will hier keinerlei Chance für ein Missverständnis aufkommen lassen. Leon zuckt die Achseln, antwortet nicht. Danke auch. Andererseits hat Barry erzählt, dass er auf dem Powwow Reifenspuren am Boden gesehen hat, als der Heyoka ihm sagte, er solle ’nach oben‘ schauen. Falls die Zirkusleute den Schleier dort gefunden – oder mitgenommen – haben, dann ist das erst ein paar Wochen her. Kann aber natürlich auch sein, dass Madame Serenity den Schleier schon länger hat und der Jahrmarkt schon mit dem Ding nach Pine Ridge kam. Falls diese Reifenspuren überhaupt irgendwas zu sagen hatten und das mit dem ’nach oben‘ nicht hier unten in Louisiana bedeuten sollte. Egal. Werden sie wohl so schnell nicht erfahren.
Aber dann macht Fabray doch den Mund auf. “Lange genug, um ihr gegen die Visionen zu helfen.”
Ach. “Visionen?”
Fabray nickt. “Visionen.”
Ethan runzelt die Stirn. “Wie lange?”
“Schon sehr lange”, ist die Antwort. “Aber in letzter Zeit werden sie immer schlimmer.”
Au. Das klingt nicht gut.

Irgendwann kommt die Britin dann aus dem Zelt. Mit Serenity, die sich schutzsuchend zu Leon wendet. Auf dem Weg zurück zum Auto berichtet Irene knapp. Alles klar. Morgen früh dann.

Irene und Cal wollen zuerst Wache halten – Nelson und Ethan sollen währenddessen versuchen zu schlafen. Wie gut dem Afrikaner das gelingt, kann Ethan nicht beurteilen, aber er findet den Dodge, wenn die Rücklehnen nach hinten gekurbelt sind, eigentlich ziemlich bequem. Hat er aber schon immer.
Vermutlich hat Akintola aber doch zumindest ein bisschen geschlafen, denn als sie dann mit Wache Halten dran sind, geht dessen Mundwerk schon nach wenigen Minuten wieder am laufenden Band. Tut Ethan jetzt nicht weh, es vertreibt die Zeit. Solange der Doktor nur nicht denkt, er wird sich revanchieren.
Jedenfalls erzählt der Nigerianer ihm von einem Fall, den er vor ein paar Wochen mit ein paar Leuten erlebt hat und bei dem die Erinnerung an seine verschwundene Zwillingsschwester wieder sehr stark hochgekocht ist. Da ist aus einer bestimmten Familie in jeder Generation ein Mädchen verschwunden, und eines davon war eben ein Zwilling. Gelöst hat Nelson den Fall gemeinsam mit Barry, Bart Blackwood und Gideon Barker. Als Ethan nickt und erklärt, er kenne die drei, wundert der andere sich erst, aber dann glätten sich seine Züge. Immerhin haben sie ja schon festgestellt: Es gibt keine Zufälle und all sowas. Ob er vielleicht auch einen gewissen Niels Heckler kenne?
Ethan nickt wieder. “Mal getroffen.”
Akintola schüttelt nur den Kopf. “Okay. Es gibt wirklich keine Zufälle. Seine Cousine ist eine Freundin von mir…”

Oh. Oho. Der redet von Felicity. Aber: ja klar. Nach der Sache auf dem Roten Hügel hatte er ja auch schon erzählt, dass er in Burlington mal eine Freundin besucht hat. Oh Mann. Und der Tonfall, in dem er das Wort ausgesprochen hat, klang irgendwie nicht so, als würde er einfach ‚Freundin‘ meinen. Wie war das? Keine Zufälle. Echt jetzt.
Ethan antwortet nicht auf den Kommentar des Afrikaners. Nickt nur leicht, wobei ihm bewusst ist, dass man ihm die Erkenntnis, um wen es geht, vermutlich durchaus angesehen haben könnte. Aber Nelson scheint so sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, dass ihm das wohl doch entgangen ist.

So oder so vergeht der Rest der Nacht bis auf einen Anruf von Irenes Ex-Mann Charles ohne Störungen. Weder tauchen irgendwelche Jäger auf, um das Trickstertuch einzukassieren, noch versuchen die Schausteller einen Abgang zu machen.
Sobald der Zirkus am nächsten Vormittag öffnet, stehen sie wieder vor dem Kassentisch. Und dürfen natürlich gleich nochmal Eintritt zahlen. Ahahaha.

In der Umzäunung sehen sie, wie der Rakshasa gerade über den Platz schlendert. Er ist in seiner Zwischenform, seine Krallen ausgefahren, und raucht. Anscheinend ist er gar nicht in der Lage, die vollständige Menschengestalt anzunehmen. Oh Mann. Dieser Zirkus ist wohl wirklich sowas wie ein Zufluchtsort für Monster, die keine sein wollen. Oder können.

Der Vorhang von Madame Serenitys Wahrsagezelt ist zurückgeschlagen. Drinnen sitzt die Seherin und trinkt Kaffee. Dass sie nichts verschüttet, so sehr, wie ihre Hände zittern, ist noch gleich alles. Fabray ist bei ihr. Hat ihr beruhigend die Hand auf die Schulter gelegt. Wer weiß, wie sie ohne die Anwesenheit des Löwenmannes zittern würde.
Cal, immer noch sichtlich ungeduldig, hält sich im Hintergrund. Ethan lächelt die Wahrsagerin vorsichtig an, während Nelson seinen Charme und Irene ihre Wärme auspacken. Serenitys Zittern wird stärker. “Ich passe auf Sie auf”, versichert Nelson dem Medium. “Sie können sich auf mich verlassen, Miss Serenity.”
“Sarah”, wispert sie, dann dreht sich der verhüllte Kopf zu Leon um, als suche das Mädchen dort Bestätigung.
“Nur, wenn du es möchtest”, sagt der Schausteller, und sie nickt. Dreht sich wieder zu den Besuchern um und hebt eine bebende Hand an das Tuch um ihren Kopf. Lüftet den Schleier.

Das Gesicht, das die Jäger zu sehen bekommen, ist jung. Sehr jung. Hübsch, aber mit einem Ausdruck der Trauer und des Schmerzes auf den aparten Zügen. Kaum mehr als zwanzig, würde Ethan schätzen. Dunkelbraun, aber das hatten sie ja schon an Sarahs Händen gesehen. Das Mädchen keucht entsetzt auf, dann drehen sich ihre Augen nach hinten, dass nur noch das Weiße zu sehen ist, und sie bricht zusammen, rutscht seitwärts vom Stuhl.
Sofort, als sie umkippt, macht Ethan einen schnellen Schritt auf sie zu und zieht ihr den Schleier wieder über das Gesicht. Es dauert eine Weile, aber dann kommt die junge Frau wieder zu sich. Sie atmet einige Male schwer durch. Setzt zum Sprechen an, ohne dass Worte kommen wollen. Als sie ihre Stimme dann doch findet, klingt sie traurig. Resigniert. Auf das Sterben gefasst. “Okay”, schluckt sie, “das ist nicht gut. Leon, die haben recht. Ich muss ihnen den Schleier geben.”
Der Löwenmann runzelt die Stirn, wirft den Jägern einen finsteren Blick zu, dann einen rührend besorgten zu Sarah. “Bist du sicher?” fragt er, und seine Stimme klingt zu gleichen Teilen wütend und unendlich sanft.
Die junge Frau nickt. “Ich will auch nicht sterben, Leon, aber es muss sein.”

Verdammt. Sie können diese junge Frau nicht einfach sterben lassen. “Muss ‘n Weg geben”, brummt Ethan. Die anderen scheinen das ganz genauso zu sehen, denn Irene überlegt laut, ob es denn keine andere Möglichkeit gibt als den Schleier, um Sarahs Visionen zu unterdrücken. Nelson nickt. Er wisse da vielleicht eine Lösung, sagt er, aber darüber müsse er nachdenken. Aber vielleicht können sie ja nicht nur den Schleier mitnehmen, sondern Sarah auch erstmal, bis sie einen Weg gefunden haben? Hmm. Das wäre doch ein Gedanke. Falls Sarah dazu bereit ist. Der scheint allerdings gerade alles lieber, als das Tuch sofort aufgeben zu müssen und dann sicher an dessen Fehlen zu sterben. Um so besser. Dann kommt die junge Frau erstmal mit.

“Was hast du gesehen?” fragt Cal angespannt.
“Deine Schwester”, sagt die junge Frau und deutet auf Nelson. “Deine Schwester ist auf dem Dritten Weg, ich habe sie gesehen…” Dann berichtet Sarah von Kreisen im Boden. Von einem Leuchten, das über den Kreisen lag, aber erloschen ist. Einer Dunkelheit, die aus den Kreisen entwich. Kreaturen, die herauskamen. Vampire vielleicht, oder Eismonster, oder beides?
“Wo war das?” Cal wieder.
Die Seherin beschreibt einen Berg, einsam in einer kargen Landschaft. Ein Berg wie ein Zylinder, mit Kratzern oder Rillen rund um ihn herum.
Ethan zieht die Augenbrauen zusammen. Die Schilderung kommt ihm bekannt vor. Sie ruft ein Bild vor sein Auge. Einen beinahe lyrisch anmutenden Text und ein Foto aus dem Bild- und Essayband ‘Echoes from the Summit’, den er zuhause stehen hat. Und an Unheimliche Begegnung der Dritten Art erinnert er sich auch noch sehr genau.
“Devils Tower”, sagt er. “Wyoming.”

¤¤¤

Der Ort werde von den Ureinwohnern auch Bear’s Lodge genannt, hat Ethan dann nach kurzem Nachdenken noch hinzugefügt. Da hat sich Irene noch keine weiteren Gedanken darum gemacht. Klassisches Naturdenkmal. Hat immer irgendeine Bedeutung bei irgendwem. Jetzt, nach Dons Anruf, sieht sie den Namen in einem anderen Licht. In einem deutlichen Bühnenspot, der sie zu ihrem aktuellen Telefonat veranlasst. Nicht, dass nicht vorher schon klar war, dass sie zum Devils Tower müssen. Aber jetzt will sie jede Minute nutzen, die noch möglichst Wenige wissen, dass sie den Lappen gefunden haben.

Irene sitzt auf dem Rücksitz neben Sarah und spricht langsam und deutlich, zum Mitschreiben und zum wiederholten Mal: „Mir ist völlig egal, was das kostet, dann legen Sie ein paar Tausender obendrauf. Ich will, dass dieses Flugzeug mit laufenden Motoren in New Orleans auf uns wartet und uns in der kürzestmöglichen Zeit nach Rapid City bringt. Es kann sich unmöglich jeder Pilot, der einen Jet fliegt, gerade im Tiefschlaf befinden oder unterwegs sein. Finden Sie einen und machen Sie ihm ein unwiderstehliches Angebot, Herrgott!“
Wie macht man jemandem, der sich in Sicherheit wiegt, schonend klar, dass Geld vielleicht bald für niemanden mehr eine Rolle spielt?

Das Handy wieder wegzustecken, fällt ihr schwer. Sie weiß schon gar nicht mehr, wie oft sie es in den letzten zwei Tagen angestarrt und die Nummer des Engels herausgesucht hat. Nach dem Gespräch mit Cal mindestens doppelt so oft wie zuvor.
Heute nacht hat er ihre Frage beantwortet. Nicht gerade ausführlich, aber klar genug, dass sie die Ausrede, er hätte sich sein Schicksal durch Egoismus eingebrockt, knicken kann.

Sie saßen in der stickigen Sumpfluft auf der Motorhaube seines Dodge Demon und starrten, umschwärmt von Insekten, in die Dunkelheit. Als ihr das Schweigen zu laut wurde, fragte Irene nach AC und dem Deal. Ob der Auftrag nur ein Verwirrspiel sein könnte, ob AC vielleicht einfach Spaß daran habe, Cal eine Aufgabe zu stellen, die er unmöglich lösen kann. Fazit: Wahrscheinlich nicht. Das Tuch wird ihm schon etwas bedeuten. Sie glauben beide nicht, dass der Engel irgendetwas ohne guten Grund tut.
Dann fasste sie sich ein Herz und hakte nach, ob Cal ihre SMS gelesen habe und ob sie eine Antwort bekomme. Cal druckste herum, dass er halt jemanden retten musste und wenig Zeit und Optionen hatte. Sie hätte weiterbohren können. Aber was soll es? Will sie ihre nächsten Schritte jetzt davon abhängig machen, ob er seine Seele für die richtige Person verpfändet hat? Eben.
Sie gab auch zu, dass sie mit dem Engel gesprochen hat. Behauptete, sie hätte AC nur ausfragen wollen und deshalb die Idee des Schuldenkaufs in den Raum gestellt. Aber AC sei ja sowieso nur an Cals Seele interessiert. Weil er einen General wolle. Mit einer Armee. Oder für seine Armee? Cal hat nur geschnaubt.

Während des ganzen Gesprächs hat sie auf jeden Fall auch schon dauernd das Telefon gezückt und wieder weggesteckt, gezückt, weggesteckt, irgendwann gemerkt, dass Cals Blick ihrer Hand folgte, und die Situation gerettet, indem sie ein Foto des schlafenden Nelson machte, der die kleine Miffy wie ein Stofftier im Arm hielt.

Als sie selber mit Schlafen dran waren, klingelte Charles sie dann heraus. Der war immer noch angefressen, dass sie ihn als Spion eingesetzt hat. Selber schuld. Er gefällt sich ja immer so mit seiner James-Bond-Attitüde. Immerhin konnte er ihr sagen, dass Ian nach London gefahren ist. Wenn er also geflogen ist, müsste er jetzt so langsam z.B. in New York sein. Grund genug, noch einen Zahn zuzulegen.
Über den Schleier gibt es vor allem afrikanische Legenden, ein paar aus anderen Kulturen. Europäische nicht. Am stärksten sah Charles eine Verbindung zu Anansi. Das eingewebte Netz passe zum Spinnengott. Auch von ein paar frühen Legenden über Iktomi berichtete er und stellte irgendwelche Mutmaßungen über das kollektive Unterbewusstsein an. Irenes verschlafenes Gehirn wollte bestimmt nicht alles korrekt erfassen, doch sie riss die Autotür auf und stellte das Handy auf Lautsprecher, damit die wacheren Jäger alles mitbekommen konnten. Fünfundsiebzig Prozent der Legenden, so Charles, seien mit Vorsicht zu genießen. Immerhin gehe es in ihnen um einen Trickster. Das heißt, sie werden von Leuten weiterverbreitet, die dessen Weltsicht teilen, wenn nicht gar verehren. Ein Tuch, Schleier, Spinnennetz oder ein Schal ist es allerdings immer, manchmal aus Coyotenhaar. Irene sind die historischen Details gleichgültig. Wichtig ist ihr die überlieferte Wirkung, über die sich die Legenden einigermaßen einig sind. Das Netz dreht Magie um. Sofern man es richtig aktiviert. Wie das geht, sagen die Geschichten nicht.
Es dreht Magie um.
Auf Anhieb fällt Irene jede Menge ein, was AC damit anstellen könnte. Speziell, was er vorhat, wenn es sich bei den Kreisen im Boden, die Sarah sah, um einen Hinweis auf eine nahende Aktion Selathiels handelt. AC will wohl dafür sorgen, dass der Erzengel eingesperrt wird, wenn er versucht, den nächsten Gefallenen zu befreien. Ein hehres Unterfangen. Dass er in diese Grube mal nicht selber fällt.

Dons Nachrichten machen sie ziemlich sicher, dass es AC zusätzlich auch wegen des indianischen Namens auf den Ort abgesehen hat. Als er vorhin fragte, ob sie Zeit hätte, war sie kurz davor, ihn abzuwiegeln. Doch es gibt keine Zufälle. Der Anwalt wollte sie über Newport Constructions unterrichten. Oh, natürlich hatte sie Zeit! Und wie!
Also, NPC ist nicht die einzige Baufirma, die durch gewisse Seltsamkeiten auffällt, wenn man weiß, wonach man sucht. Es gibt eine ganze Kette miteinander verbundener Firmen, die alle einen Namen als Gemeinsamkeit haben: A. C. Ruffle. Sie alle haben nichts Besseres zu tun, als ein Naturdenkmal nach dem anderen zu zerstören, überall im Land. Dazu gehört, dass sie gerne auch einmal Malls bauen, die man genausogut 100m weiter bauen könnte, und ähnliche Stunts. Es fließt viel Geld und viel Beton. AC hat über diese Gesellschaften immer wieder auf fragwürdige Art Land erworben. Gerade vor kurzem hat er zum ersten Mal in eigenem Namen und ohne Strohmänner welches gekauft. In Wyoming. Im Naturschutzgebiet, wo es eigentlich für Privatpersonen unmöglich sein sollte. Damit löste er massive Proteste aus. Es wurden Leute verhaftet, oft unter den fadenscheinigsten Anschuldigungen.

Irene bat Don sofort, dass er jemanden, der sich auskennt, checken lassen solle, wie es dort um die Naturgeister steht. Ob da ein System ist, das kippen kann, wenn zuviele von denen draufgehen. Denn das ist es, was sie aus den Bauaktionen herausliest. Sie hat den Eindruck, AC will sich entweder die Konkurrenz aus anderen Kulturen vom Leib halten für seine Weltherrschaftspläne, oder er strebt nun doch an, solche Gefängnisse wie das des Schattenwesens und die Nephilimtore zu öffnen, indem er deren Bewacher eliminiert. Don weiß, dass sie Barry kennt, aber sie lässt lieber ihn den Familienbonus ausnutzen und kümmert sich selbst um den Flieger nach Wyoming.

Bei Ankunft in New Orleans haben sie ihn. Einen Piloten auch. Und eine Starterlaubnis innerhalb der nächsten Viertelstunde. Vielleicht hat vor langer Zeit das Schicksal in die Wege geleitet, dass ein Vorfahr von Irene zu Geld und Ehren kommt, nur damit sie heute dieses Flugzeug chartern kann. Sie klammert sich an den Gedanken. Das Gefühl, irgendetwas beitragen zu können, braucht sie jetzt so dringend wie noch nie. Ihr Daumen streicht ziellos übers Display.

¤¤¤

Strohhalme, Strohhalme. Cal ruft noch bei seinen Soldaten auf dem Mount Ida an. Vielleicht ist ja Mara da. Vielleicht hat sie Informationen. Vielleicht kann sie helfen.
Haha. Das wäre ja noch schöner. Natürlich ist sie nicht da. Keiner weiß, wann sie wiederkommt. Ob sie wiederkommt, sagt eine kleine Stimme in Cals Kopf. Er trägt seinen Leuten auf, sofort anzurufen, wenn sich der Engel zeigt.
Aber wie er sein Glück kennt, taucht sie frühestens fünf nach zwölf mit dem entscheidenden Hinweis auf.

Das Gespräch mit Irene schiebt sich immer mal wieder in den Vordergrund seines Bewusstseins, und irgendwie ist er sich nicht sicher, ob das eine gute oder eine schlechte Ablenkung ist.
“Warum hast du den Deal gemacht?” Er hatte den Eindruck, dass ihr die Frage wichtiger war, als sie zugeben wollte.
Spielt der Grund eine Rolle? So oder so ist es seine Schuld.
“Reichtum, Schönheit und ewige Jugend. Die sollten jetzt irgendwann kommen”, war seine Antwort, aber auf ihren “das ist jetzt nicht der Zeitpunkt für Scherze”-Blick hat er ihr zumindest in groben Zügen die Wahrheit gesagt. Seltsamerweise schien sie die Antwort gleichzeitig zufrieden zu stellen und ihr nicht zu passen. Verstehe einer die Frauen…
Dann kam sie auch noch damit um die Ecke, dass sie mit AC geredet hat. Dummes, unnötiges Risiko. Cal weiß nicht so genau, warum ihn Irenes Aktion so ärgert. Nicht drüber nachdenken. Besser wieder die Mission in den Blick kriegen. Alles andere kann später kommen.
Vielleicht.

Nelson sorgt für willkommene Ablenkung. Erst wundert sich Cal, warum es so still ist. Dann fällt ihm auf, dass die ständige Hintergrunduntermalung von Nelsons Yoruba-Sprachkurs für Sarah (“Nein, nein, das ist mehr so ein Alveolar-Laut!”) aufgehört hat.
Der Afrikaner gesellt sich mit einem Laptop zu den anderen. “Ich habe etwas recherchiert… Es sollte möglich sein, Sarah mit einem Ritual zu helfen, das die Visionen dauerhaft unterdrückt. Auch wenn das nicht unbedingt angenehm wird…” Er sieht mit einem sorgenvoll-väterlichen Blick zu den jungen Frau hinüber.
“Hauptsache, die Bilder hören auf”, flüstert sie. Hauptsache, ich sterbe nicht, hört Cal auch noch heraus. Verdammt. Ist ja nicht so, als könnte er Sarah für die Welt – für sich – über die Klinge springen lassen.
“Na gut”, sagt Nelson und wischt mit dem Ärmel über seine Brillengläser. “Ein paar Dinge bräuchten wir aber noch…”
Dann zählt er auf: Ein schwarzes Huhn. Aber richtig schwarz. Schwarz bis hin zu Knochen und Blut. Er hat kaum ausgeredet, da hat Irene schon ihr Handy in der Hand und bestellt ein Huhn der Rasse Ayam Cemani, zu liefern sofort und lebend im Käfig an den Ritualplatz.
Bestimmte Kräuter werden noch gebraucht. Hier springt Cal selbst ein. Er ruft eine Kollegin an, früher Jägerin, jetzt Parkranger – hauptsächlich. Sie ist nicht begeistert davon, die frischen Kräuter nach Wyoming zu kutschieren, aber das Wort “Weltende” überzeugt sie. Ist ja nicht so, als würde Cal sie jeden Tag um Hilfe bitten.
Dann bleibt noch eine Kalebasse mit magischen Symbolen. Die Kürbisflasche ist leicht zu bekommen, und Ethan schnitzt auf der Autofahrt zum Ritualort die Symbole in die Flasche. Nicht mal das Gerumpel der Feldwege kann seine Arbeit ruinieren.

Nelson hat sich für das Ritual einen Hain im Wald um den Devils Tower ausgesucht. Jetzt zieht er Jackett und Krawatte aus. Langsam, als wolle er Sarah doch noch die Möglichkeit geben, es sich anders zu überlegen.
Aber die junge Frau zuckt nicht mal mit der Wimper, als Nelson dem schwarzen Huhn den Hals umdreht. Das muss man respektieren. Sowohl Sarahs Entschlossenheit wie auch Nelsons Schlachtung des Huhns.
Unter Gesängen mischt Nelson das Tierblut in der Kalebasse mit den Kräutern. Rauch strömt aus der Flasche. Ein beißender Geruch steigt den Jägern in die Nase. Immer noch singend kniet sich Nelson vor Sarah. Die Mischung aus Blut und Kräutern glitzert an seinen Fingern. Die Wahrsagerin öffnet das Tuch und Nelson legt die blutigen Hände auf ihre Brust. Zischend schlägt die Haut der Frau Blasen.
Sie schreit…
Cal steht auf einem Schlachtfeld. Ein Mann weicht vor ihm zurück und ruft etwas in einer fremden Sprache
…und schreit…
Der Mann stolpert über ein Stück Beton und stürzt rückwärts auf den Boden. Cal rammt die schweren Sohlen seiner Kampfstiefel gegen das Knie des Flüchtlings. Knochen knirschen. Befriedigt denkt Cal, dass der nicht mehr so schnell aufsteht.
…und schreit…
Er braucht die Sprache des Mannes nicht zu sprechen, um sein Flehen und Bitten zu verstehen. Soll er eine Weile jammern. Er tippt mit dem Finger gegen die Seite seiner Pistole und wartet.
…und schreit…
Da ist er, dieser Schimmer der Hoffnung in den Augen den Mannes, dass er vielleicht überleben darf, vielleicht, und natürlich hebt jetzt Cal die Pistole, langsam, damit der andere sehen kann, dass er sich geirrt hat. Die Hoffnung zerbricht.
…und schreit…
Cal drückt ab und fühlt den Rausch der Macht, das Wissen, dass er Leben nehmen kann oder auch nicht, wie es ihm gefällt. Das Sonnenlicht bricht sich in dem Stein des Universitätsringes, der Cal…
Der seinem Vater gehört hat. Cal merkt erst nach einem Moment, dass die Schreie und die Visionen abgebrochen sind. Sein Nacken ist schweißnass. Ihm ist schlecht, aber der Drang nach Gewalt liegt immer noch in seinem Bauch wie eine zusammengerollte Schlange.
“Mit einem Brenneisen wäre es schneller gegangen”, sagt Irene. Cal hat die Brandzeichen auf ihren Schultern gesehen. Sie weiß, wovon sie spricht. Sie sagt das nicht vorwurfsvoll, sondern faktisch, vielleicht mit Spuren von schwarzem Humor. Die Britin fährt fort: “In sechs Tagen sollte das verheilt sein.”
Sarah betastet die Haut um die roten Brandwunden herum. “So schlimm ist es nicht. Ein kleiner Preis, um die Visionen loszuwerden.” Sie will sich aufsetzen und wäre fast auf die Nase gefallen, wenn Nelson sie nicht aufgefangen hätte.
“Ich kann mich nicht sehen!” Die Stimme des Mädchens wird schrill. “Ich weiß gar nicht, was gleich passieren wird!”
Ethan sagt: “Visionen? War doch vorher auch so.” Als Sarah ihn verwirrt anschaut, nickt er in Richtung des Tuches.
“Oh. Das stimmt. Mit Tuch habe ich mich auch nicht gesehen.” Vorsichtig richtet sie sich noch einmal auf, während Nelson um sie herumflattert wie eine aufgeregte Glucke. Aber sie schafft es. Erst im Auto schläft sie ein, Nelson immer noch neben sich, der ihr versprochen hat, auf sie aufzupassen.

Keine Zeit, um auszuruhen. Sie fahren gleich weiter zum Devils Tower, in den Nationalpark, wo A.C. Land gekauft hat. Die Baustelle ist noch nicht fertig. Cal schneidet ein Loch in den Bauzaun. Container, Kisten, Bagger. Zwei runde Baugruben sind mit Fähnchen gekennzeichnet. Zwei Gruben, das muss bedeuten, dass dort Astarte und Moloch liegen, die falschen Eltern. Cal fragt sich, wer diese gefallenen Engel aufnehmen soll. Sein Vater würde passen, aber der hat ja schon seinen eigenen Engel.

Sie fahren in ein Motel in Sundance, in dem man in einzelnen Hütten wohnen kann. Nelson bringt Sarah in ihr Zimmer. Er will sie nicht zurückschicken, denn dafür müsste er sie aus den Augen lassen. Besonders sicher findet Cal sie nicht aufgehoben, so direkt neben der Apokalypse, aber es ist Nelsons – und Sarahs – Entscheidung.

In einer Zigarettenpause, die Cal vor allem nutzt, um einen Augenblick alleine zu sein, landet ein Falke auf dem Boden. Und dann, als hätte er nur eine Sekunde zur Seite geblickt, steht plötzlich Hialee vor ihm.
“Wie geht es dir, Cal? Wir sollten uns mal unter besseren Umständen treffen”, sagt sie.
Er zuckt nur mit den Schultern. Die ganze Geschichte mit A.C. muss sie nicht kennen.
“Ich brauche deine Hilfe”, sagt sie. “Hast du schon mal etwas vom Tuch des Tricksters gehört?”
Cal zögert. So wirklich vertraut er ihr nicht, auch wenn er es gerne wollte, aber… aber er hat auch keine Zeit, ewig um den heißen Brei herumzureden, bis er weiß, was Sache ist. Also die Wahrheit.
“Kann man so sagen. Wir haben das Tuch, und A.C. will es.”
Der letzte Teil scheint Hialee nicht zu überraschen. “Gut, dass ihr es habt. Er darf das Tuch nicht bekommen. Damit kann man Dinge umkehren, er könnte damit die Tore aufsprengen und wieder schließen.”
Und damit auch gleich alle einsaugen, die er nicht mehr will. Selathiel zum Beispiel, die man sicher leicht zu den Toren locken kann.
Cal fragt: “Weißt du, wie das Tuch funktioniert?”
Sie nickt. aber bevor sie antworten kann, holt er Nelson dazu. Der Afrikaner kennt sich besser mit Ritualen aus. Hialee erklärt, dass man für das Ritual alles so falsch machen muss wie möglich. Genau das Gegenteil von dem, was man erreichen will.
“Wenn wir A.C. mit in das Höllentor befördern könnten, würde das alle Probleme auf einen Schlag lösen”, denkt Cal laut nach, aber so richtig Hoffnung hat er nicht. Der Engel wird sich wohl kaum in der Nähe aufhalten, wenn die Kacke am Dampfen ist.
“Vielleicht kann unsere…” Hialee zögert. “…Freundin mit den schwarzen Augen helfen. A.C. hat ja einen Deal mit den Dämonen gemacht, mit Crowley.”
Cal schafft es kaum, die nächste Frage zu stellen, aber er muss: “Können wir ihr vertrauen?”
Hialee senkt leicht den Kopf. “In dem Fall, ja. Sie will auch keine Apokalypse, nicht in einer Welt, in der ihre Kinder leben.”
Cal nickt und fragt nicht weiter nach. Nelson dagegen schüttelt nur seinen Kopf, murmelt etwas von Engeln und Dämonen und geht ein Stück weg.
“Mehr weiß ich nicht”, sagt Hialee.
“Wenn wir einen Plan haben und dich brauchen, wie können wir dich kontaktieren?” fragt Cal.
“Ich müsste dir mein Zeichen verpassen. Dann weiß ich, wo du dich aufhältst und höre es, wenn du meinen Namen rufst.”
Cal kann sich schon vorstellen, was Irene dazu sagen wird, aber er willigt ein. In Falkengestalt landet sie auf seinem Arm und hackt ihm mit ihren scharfen Schnabel eine Wunde in den Arm.

¤¤¤

Cal steht draußen vor der Hütte und raucht. Das scheint der Britin ganz gut in den Kram zu passen, denn sie wirft einen schnellen Blick hinaus zu dem Jäger und zieht dann Ethan beiseite.
“Hör mal”, fängt sie an und wirft noch einen vielsagenden Blick Richtung Tür. “Wegen Cal.”
Ethan runzelt die Stirn. Irene redet ja fast schon wie er. “Hm?”
Kein Wunder, dass Irene sich so knapp fasst. Das Thema scheint ihr überhaupt nicht zu behagen, stellt Ethan jetzt fest, denn sie räuspert sich und seufzt. “Wir müssen uns überlegen, was wir machen, falls Cal schwach werden sollte.”
Er wirft seiner britischen Freundin einen erstaunten Blick zu. Cal und schwach werden?
Irene zieht eine Grimasse. “Ich glaube es auch nicht. Aber nur für den Fall des Falles sollten wir einen Plan in der Hinterhand haben. AC darf das Tuch auf keinen Fall bekommen.”
“Stimmt”, pflichtet Ethan ihr bei. Dann fängt er an, darüber nachzudenken, kommt aber auch auf keine gescheite Lösung. Zuckt schließlich mit den Schultern. “Ausknocken.”
“Eine andere Idee habe ich auch nicht”, macht Irene unglücklich. “Aber das ist riskant. Wir könnten ihn so schwer verletzen, dass er sich nicht davon erholt. Und gefährlich dazu. Wenn er es wirklich ernst meint… er ist kein Gegner, mit dem ich mich gerne anlegen würde.”
Heh. Ethan auch nicht. Aber was anderes fällt ihm wirklich nicht ein.

Jetzt scheint Irene zu zögern. Hadert sichtlich mit sich, ob sie etwas sagen soll, oder nicht, macht dann doch den Mund auf. Spricht kühl und sachlich.
“Ich habe auch überlegt, Cals Handel mit AC auf mich zu übertragen. Allerdings bin ich da bisher noch zu keiner endgültigen Entscheidung gekommen. Das wäre nämlich weder billiger noch eine echte Lösung. Vorschläge?”
Im ersten Moment glaubt Ethan, Irene wolle ihm damit nahelegen, dass er die Verpflichtung seines Ersatzvaters dem Engel gegenüber auf sich nehmen solle. Und einige Augenblicke lang denkt er mehr als ernsthaft darüber nach. Schulden würde er es Cal. Ohne den Älteren wäre er heute nicht mehr am Leben. Und er würde das Angebot tatsächlich machen, wenn damit irgendetwas, wenigstens ein klein bisschen was, gewonnen wäre. Ist es aber nicht. Das wäre nämlich auch nicht billiger, als den Deal auf Irene zu übertragen. Und wer garantiert ihnen, dass Ethan weniger leicht in Versuchung zu bringen wäre, AC das Trickstertuch zu überlassen, als Cal selbst?

Ihm wird bewusst, dass er die Engländerin schon seit ein paar Sekunden wortlos und ziemlich entsetzt anstarrt. “Pest, Cholera”, brummt er dann und weiß selbst nicht genau, welche zwei Optionen er jetzt genau damit meint. Aber Irene nickt, als sei sie durch Ethans Reaktion selbst auch zu einem Entschluss gekommen. “Du hast recht. Das wäre einfach nur unvernünftig und nichts weiter als eine Verlagerung des Problems. Danke.”
Ethan will noch etwas antworten, aber in dem Moment klingelt Irenes Telefon. Es ist Barry, stellt sich heraus, als die Britin auf Lautsprecher schaltet. Und ja, da ist ein System, das kippen kann, wenn zu viele Naturgeister sterben, bestätigt der Schriftsteller die Frage, die Irene von unterwegs an ihn hat ausrichten lassen. Es ist sogar schon am Kippen, fährt er dann fort. Nennt sich Klimawandel.

Drecksmist.

¤¤¤

Irene will noch sagen, dass sie Cal irgendwie austricksen müssen, wenn Gefahr besteht, dass er dem Engel doch den Lappen gibt, doch ehe ihr trübsinniges Brainstorming irgendwelche sinnvollen Ergebnisse erzielt, kommt Caleb zurück, mit einem blutigen Ärmel, gibt in kurzen Zügen seine Unterredung mit der Falkenfrau wieder – die Britin springt schon auf, als sie nur deren Namen hört – und erklärt, wer die Cheyenne und ihre „Freundin“ überhaupt sind und weshalb sie ein Interesse daran haben sollten, mit den Jägern gemeinsame Sache zu machen.
Isabelle ist seine Ex, Bens Mutter, und genauso wie Hialee eine Jägerin gewesen. Beide sind eigentlich tot, Isabelle in der Hölle, und Hialee ist irgendwie als Falke zurückgekommen.
Ungeachtet der Tatsache, dass sie inzwischen zur Höllenbrut mutiert ist, sieht Cal eine Chance, dass Isa den Jägern echte Hilfe anbieten kann. Zumindest würde er sie gerne sehen, auch wenn ihm klar ist, dass er damit vielleicht direkt ins offene Messer rennt, gibt er zu.

Irene glaubt, sie hört nicht recht.
„Erst diese, diese, was weiß ich, Hautwechslerin, Hexe, tote Indianerin jedenfalls. Und jetzt auch noch eine Dämonin! Hörst du dir eigentlich selber zu? Das ist nicht mehr die Frau, die du mal kanntest. Sie ist durch die Hölle gegangen. So jemandem kannst du nicht mehr vertrauen… “
Sie holt Luft und sieht in Cals gequältem Beinahelächeln, dass er nur abwartet, bis sie mit ihrem Ausbruch fertig ist, dass er ihn erwartet hat, dass sie ihm nichts erzählt, was er nicht selber schon lange wüsste. Und trotzdem. Er sieht einen Strohhalm.
Ethan bringt es auf den Punkt: „Würd’s nicht wollen. Vertrauen. Aber… Wenn du zum Beispiel… Wüsste, dass es dumm ist, aber würd’s auch… naja. Wünschen.“

Das reicht. Irene wird jetzt ihr Handy nehmen und endlich den Engel anrufen. Das ist schon lange fällig, viel zu lange. Sie ist fassungslos. Und wenn sie nur verhindert, in die Hölle zu kommen, damit solcher Unsinn, wie von Ethan eben postuliert, nicht passiert.
Sie hat eine gewisse Vorstellung davon, wie schlecht ihre Chancen stehen, dem unteren Stockwerk zu entgehen. Wie gut sie sich als Dämonin machen würde. Sie weiß viel zu viel, um dieses Wissen mit in die Hölle zu nehmen, zu viel über Jäger, zu viel über ihre Freunde. Sie wüsste viel zu viel darüber, wo es Ethan weh tut. Ihrem einzigen Freund. Und auch ihrer eigenen Familie, selbst wenn die gut geschützt ist. Irene würde Lücken finden.
Sie geht im Geiste die Namen der Leute durch, die ihr allein in den letzten paar Monaten Vertrauen geschenkt haben. Nelson? Kinderspiel. Barry? Erinnerungen ausnutzen. Familie ausnutzen. Agent Saitou? Hat Leute auf Hawaii. Lyle? Hallo, Besessenheit! Der kleine Heckler, Chloe, Ally, Natalie, Flann, Julie, die Wiccas von Pemkowet, die Leute vom Bergwerk und von der Bohrinsel? Eine Sache von Stunden.
Sie weiß über Cal… Nicht so viel wie die Mutter seines Sohnes vielleicht, er hat nicht gesagt, wie lange das mit den beiden ging. Aber genug. Sie weiß, wo Ben lebt. Und dann hätte er zwei dämonische Weiber gegen sich, die ihn einmal… gut genug kannten.

Nein, so weit lässt sie es nicht kommen. Sie ruft jetzt AC an, zieht die Konsequenzen aus ihrem Fehltritt und befreit Fisher von seiner Schuld.
Und bürdet ihm eine Neue auf.
Er sieht sich als Verantwortlichen, dass Isabelle in der Hölle ist.
Wieviel ist eins plus eins?

Irenes Finger verharrt über dem grünen Button.
Kann der Engel das wahrnehmen?

Sie steckt das Telefon wieder weg. Dann mustert sie Caleb nachdenklich, spürt dem Gefühl nach, das sie dabei beschleicht; das Gefühl von Gefahr einer anderen Art. Sie holt das Handy wieder hervor, starrt auf den Bildschirm und fragt, ohne ihn anzusehen: „Cal? Wieviel wäre dir damit geholfen, wenn du den Druck von ACs Seite loswärst?“
„Was?“
„Wenn du dich nur auf die Tore konzentrieren müsstest und AC nicht mehr dein Problem wäre? Wieviel wäre dir damit geholfen?“

¤¤¤

“Nicht mehr mein Problem? Hast du irgendein Ass im Ärmel und uns davon nichts gesagt?” Er macht sich gar nicht erst die Hoffnung, dass sie eine heilige Atombombe im Keller ihres Herrenhauses hat. Ihr Tonfall, wie sie seinem Blick ausweicht… wenn, dann ist es einer dieser völlig idiotischen Pläne, die einen mehr als das Leben kosten, um die Welt zu retten.
Um ihn zu retten, korrigiert eine kleine Stimme in seinem Kopf.
Sie sieht ihn immer noch nicht an. “Als ich mit AC gesprochen habe, habe ich ihm angeboten, deine Schuld zu übernehmen.”
Was?
“Ich musste ihn ja irgendwie dazu bringen, mit mir zu reden.” Die Worte kommen schnell, glatt, als hätte sie sich den Satz schön fein so zurechtgelegt und geübt.
“Bist du völlig verrückt?” Muss sie sein. Aus welchem Grund sonst würde sie seinen Deal übernehmen? “Das machst du auf gar keinen Fall. Mein Fehler, mein Problem.” Er hat das Gefühl, auf Treibsand zu stehen und auch gleich seine ganze Umgebung mit unter die Erde zu zerren.
Irene presst ihre Lippen zusammen. “So weiß ich immerhin, dass ich nicht in der Hölle lande.” Da ist er, ein Grund. Der einzige Grund? So richtig glaubt er nicht daran. Etwas zu laut fügt sie hinzu: “Was hättest du denn gemacht?”
“Das machst du jedenfalls nicht.” Ihm fehlen die ganzen tollen Argumente, mit denen er sie überzeugen könnte, dass so ein Deal eine bescheuerte Idee ist. Also zeigt er auf sie wie auf ein rebellisches Kind und sagt: “Nein. Einfach nur… nein.”
Sie antwortet nicht, aber ihm fällt nichts mehr ein. Keine Ahnung, was er machen würde, wenn sie den Scheiß jetzt hinter seinem Rücken durchzieht. Und keine Ahnung, warum ihm der Gedanke echt Angst macht.
Aber wenn sie unbedingt etwas für ihn tun will… Cal wartet, bis die anderen beschäftigt sind und nimmt Irene zur Seite.
“Tu mir einen anderen Gefallen”, sagt er. “Wenn ich doch schwach werde mit dem Tuch oder wenn…” Er zögert kurz. “Wenn Isabelle mich irgendwie um den Finger wickelt, dann schieß, okay?”
Zum zweiten Mal sagt Irene nichts dazu. Stattdessen rollt sie mit den Augen. Dann nickt sie doch. Langsam, als müsste sie sich dazu zwingen. Aber sie nickt.

¤¤¤

“Wir müssen morgen mit Bär reden”, sagt Nelson.
Ethan nickt. Das wird sich vermutlich nicht vermeiden lassen. Immerhin reden sie hier von Bear’s Lodge, und immerhin hütet der mächtige Naturgeist die beiden Tore. Zumindest vermuten sie das. Irene hat ja von dieser Sache in Illinois erzählt, wo AC – ja, genau der AC, mit dem Cal seinen Handel hat – eigens eine Mall auf Naturschutzgebiet hat bauen lassen, um den dortigen Naturgeist aus dem Weg zu räumen. Vermutlich versucht er hier Ähnliches, und wer wäre besser, um zwei so wichtige Gefängnisse zu bewachen, als Bär selbst?
Ich muss morgen mit Bär reden”, fährt der Afrikaner fort. “Und wenn ich mit Bär rede, sterbe ich.” Seine Stimme klingt etwas belegt. Ganz nüchtern ist der Dozent nach den ganzen Eröffnungen über Hialee und die Dämonen und die gefallenen Engel nicht mehr. Ethan wäre es eigentlich am liebsten auch nicht, aber auch wenn der Anlass definitiv bedeutsam genug wäre für mehr als ein Bier oder zwei: Sich jetzt zu betrinken, wäre so ziemlich das Unvernünftigste, was er tun könnte. Also hat er sich nach draußen zurückgezogen, um zu rauchen und mit seinen Gedanken alleine zu sein. Nelson hat ihn gefunden, macht aber nichts. Die Ablenkung ist vielleicht auch nicht das Schlechteste.
“Weißt du nicht.” Okay, verdammt. Sie wissen auch nicht, dass es nicht so sein wird. Den Berichten zufolge ist Bär ziemlich unberechenbar und verlangt gerne mal Opfer.
“Ich weiß es. Oder sagen wir, ich bin mir ziemlich sicher. Aber ich bin dazu bereit, wenn es sein muss. Opfer müssen gebracht werden. Es geht immerhin um die Rettung der Welt…”
Der Nigerianer fingert an seinem Smartphone herum, das er schon die ganze Zeit locker in der Hand hält.
“Aber wenigstens habe ich mit ihr geredet. Auch wenn sie mich ausgelacht hat. Gesagt hat, ich sei betrunken… Okay, ich bin betrunken. Aber das macht nicht falsch, was ich ihr gesagt habe.”
“Was gesagt?”
“Angefleht habe ich sie, dass sie nicht heiraten soll. Dass ich sie liebe. Sie hat mich nur ausgelacht.”
Mmhm. Nicht so ungewöhnlich, die Reaktion, wenn man ehrlich ist. Immerhin ist Nelson schon ein bisschen anzuhören, dass er sich über die Minibar in der Hütte hergemacht hat.
“Aber hast es ihr gesagt. Jetzt weiß Fey es wenigstens.”
Anders als Ethan selbst damals.
Aber das war schön blöd gerade, denn jetzt hat er sich verplappert. Wenn er es in Campti noch nicht gemerkt hat, spätestens jetzt weiß Nelson, dass Ethan Felicity kennt. Na, wobei, vielleicht auch nicht, denn der Ältere stutzt nicht, nickt nur. “Sie wird es merken, wenn ich tot bin…”
“Ist nicht gesagt, dass du stirbst”, wiederholt Ethan, extra sorgfältig formuliert. “Geh schlafen.” Morgen könnte ein ziemlich langer Tag werden.

Als Nelson wieder hineingegangen ist, befolgt Ethan seinen eigenen Rat noch nicht sofort. Erst schreibt er an Sam. Dass es loszugehen scheint. Dass er keine Ahnung hat, ob sie es aufhalten können und wie es für sie ausgehen wird. Und dass Sam immer bei ihm ist.
Okay. Vielleicht ist die Mail rührselig. Aber, verdammt nochmal, vielleicht gehen sie wirklich bald alle drauf. Und er hatte verdammt nochmal das Bedürfnis, ihr diese Mail zu schreiben.

¤¤¤

Irenes Nackenhaare stehen ihr bei dem Gedanken auf, sich vor Bär zu stellen und einfach einmal ganz unverbindlich zu fragen, ob er nicht vielleicht helfen möchte. Und auch der Abgebrühteste unter ihnen, Cal, wird eine Nuance blasser um die Nasenspitze, als der Vorschlag fällt, doch ausgerechnet Nelson meint, er kriegt das hin. Naturreligionen sind eher sein Ding. Nachdem er sich von Barry über die richtige Herangehensweise beraten ließ, ist er auch bereit, sich seinen Finger abzuschneiden, um Bärs Wohlwollen zu erkaufen, und fragt Cal nach einem scharfen Messer, das durch Knochen geht. In Ethans Gesicht spiegelt sich das Entsetzen über den Vorschlag. Klar, ein Körperteil sollte man nur in höchster Not opfern. Das kommt nicht zu einem zurück. Höchste Not trifft es zwar ganz gut, wenn man von der Apokalypse spricht, doch wer weiß, ob sich der große Geist nicht auch für einen weniger drastischen Preis auf die Zusammenarbeit mit den Jägern einlässt. Die Medizinmänner, die Irene so erlebt hat, waren in den meisten Fällen erfreulich vollständig. Auch ein Bär sollte sich seine Handelspartner bei guter Gesundheit halten wollen. Hat Barry nicht auch etwas von ein paar Tropfen Blut gesagt? Erst, wenn es wirklich soweit kommen sollte, wird sie den Dozenten darauf hinweisen, dass er am Gelenk ansetzen muss, statt zu hoffen, dass er mit einer glatten Klinge seinen eigenen Knochen durchtrennen kann.

Ehe die vier sich aufmachen, bringen sie Sarah an den Flughafen, da das Mädchen unbedingt nach Hause wollte. Nelson, der offenbar an sein Versprechen denkt, lässt sie ungern aus den Augen, aber hier ist sie ja nun wirklich nicht sicher. Im Naturschutzgebiet ist eine passende Lichtung dann auch ziemlich schnell gefunden, und von Ethan frisch gefangener Fisch und gewöhnlicher Supermarkt-Honig locken Bär an. Nelson muss sich den Finger nicht absäbeln. Nachdem er Kontakt aufgenommen hat, trottet das riesige Tier auf ihn zu, hebt die Pranke und schlägt nach dem Afrikaner, dass Irene denkt, jetzt ist es um ihn geschehen. Doch ein kräftig blutender Kratzer genügt dem Geist, um klarzumachen, wer der Boss ist. Außerdem scheint danach eine Art telepathischer Verbindung zwischen ihm und Nelson zu bestehen, denn die beiden starren sich eine Weile nur an, anscheinend wortlos Zwiesprache haltend, ehe Nelson, mehr wie ein Kommentator für seine Freunde als wie jemand, der sich unterhält, wieder zu sprechen beginnt. Offensichtlich rennt er offene Türen ein. Bärs Ärger über die Aktivitäten der Engel ist unmissverständlich. Irene sieht es in seiner Körperhaltung und hört es in seinem tiefen Grollen. Als Akintola ihm klarmacht, dass die von Bär gehüteten Kerker gesprengt werden sollen, bäumt dieser sich zornig auf. Seine monströsen Krallen zerteilen die Luft. Instinktiv weicht Irene ein paar Schritte nach hinten, obwohl sie weiß, dass sie sich besser ruhig verhalten sollte.

Bär macht schon Anstalten, zum Lager zu rennen und alles dort dem Erdboden gleichzumachen, Irene sieht bereits alle ihre Felle davonschwimmen – das war es dann mit all ihren Mühen und all der Heimlichkeit – aber Nelson gelingt es, ihn noch aufzuhalten; die Zeit sei noch nicht. Er bekommt ein Bild gezeigt, dass Bär warten wird bis Vollmond, nicht länger. Das ist Montag nacht. Wenige Berechnungen genügen dem Doktor, um zu bestätigen: Es ist wohl auch der beste Zeitpunkt für das Öffnen der Tore.

Sie kehren zurück in ihre Hütte, nur teilweise erleichtert. Bärs Jähzorn kann sie auch mehr kosten, als sie durch seine Hilfe gewinnen. Ein Risiko, das sie eingehen müssen.
Jetzt beginnt der wirklich nervenaufreibende Teil.
Warten.
Planen. Kleinigkeiten beachten. Das Ritual vorbereiten, einüben, Details verbessern, genauer planen, Bestandteile fürs Ritual besorgen, Nelson beim Üben zusehen, über Unwägbarkeiten grübeln, bis ihnen allen die Köpfe schmerzen.
Warten.

Wie gestaltet man einen Ritualablauf ganz bewusst möglichst falsch? Indem man seine Kleider verkehrt herum trägt wie ein Heyoka, zum Beispiel.
“Mädelsklamotten für uns Jungs?” fragt Ethan. “Wenn schon alles falschrum sein muss bei dem Ritual…”
Cal antwortet staubtrocken: “…wenn du da ein tiefes Bedürfnis danach hast?” Beinahe muss Irene grinsen. Der Gedanke wird verworfen. Stattdessen feilt man an einem Wortspiel (Wann ist ein Tor kein Tor mehr? Wenn er seinen Geist für Lehren öffnet), das noch kunstvoll übersetzt werden muss, damit es auch auf Yoruba seine Mehrdeutigkeit behält. Ethan schnitzt zur Versinnbildlichung desselben ein Matrjuschka-Törchen, ein Tor im Tor im Tor, im Miniaturformat.
Möglichst falsch kommt es den Jägern auch vor, sich beim Ritual selbst zu sabotieren, also jede Spur, die man legt, beim Darüberlaufen wieder zu zerstören. Rückwärts wird er laufen, beschließt Nelson. Und als Symbol für die Engel soll er ein schweres Tuch aus einem Beichtstuhl verwenden, das er während der Ausführung immer weiter auftrennt. Irene reisst es kurzerhand aus einer Kirche, hält inne, denkt daran, was ihr die letzten Male eingebracht haben, als sie heilige Gegenstände stehlen wollte, kehrt zurück und stopft genug Scheine für drei neue Vorhänge in den Opferstock.

Der Doktor übt sein Ritual stundenlang, bis er es blind beherrscht; in dieser Zeit beobachtet Irene, wie aus dem nervösen Dozenten wieder der Medizinmann wird, der zielgerichtet, die Schultern gestrafft, die Realität zwingt, sich seinem Willen zu beugen.
Irgendwann im Verlauf dieser Tage haben sie so oft alle verfügbaren Informationen durchgekaut, dass keine Zweifel mehr daran bestehen, was getan werden muss, warum und wann. Bis sogar Nelson in vollem Ausmaß über Cals Handel mit AC informiert ist, dauert es ein wenig länger. Auch im Angesicht des Todes braucht der Harte Brocken ein paar Schritte Anlauf, um über seinen Schatten zu springen. Irene kann es ihm nicht verdenken. Im Gegenteil. Sie sieht den Trotz in seinem Gesicht, die Weigerung, über seine Fehler einfach die Schultern zu zucken, einfach hinzunehmen, was das Schicksal austeilt, und fühlt selber neuen Kampfgeist in sich. Und immer weiter anschwellenden Hass auf die Engel. Wie die Flut steigt der Zorn auf den Himmel und seine selbstsüchtigen, verantwortungslosen Bewohner in ihr an. In seiner Intensität ein beinahe religiöses Gefühl. Sie will AC und Selathiel leiden sehen, ihre Gesichter sehen, wenn sie merken, dass sie von den kleinen, vermeintlich unbedeutenden Menschen verarscht wurden. Sie will es erleben, überleben, und vor allem will sie, dass Cal es überlebt. Weil! Weil es einfach klappen muss!

¤¤¤

Während die anderen das Ritual vorbereiten, beobachtet Cal die Baustelle. Die Zeit vergeht gleichzeitig quälend langsam und viel zu schnell.
Am Sonntag tut sich endlich etwas. ACs strahlend weiße Riesenkarre hält an der Baustelle. Eine ganze Karawane von Autos folgt ihr. Ein schwarzer SUV, ramponierte Pick-Ups. Und ein Auto, das Cal sehr bekannt vorkommt.
Aber das ist unmöglich.
“Ozark-Christen”, meint Nelson zu den Schrottkarren und ihren ebenso wenig gepflegten Insassen. Aus dem SUV klettert ihre Anführerin Selathiel.
Scheiße.
Zusammen mit DeVries. Cal wirft Irene von der Seite einen Blick zu. Sie könnte Granit zwischen ihren angespannten Kiefern zermalmen.
Scheiße, Scheiße.
Und aus dem Jeep Wagoneer, als hätte Cal nicht schon genug Mist an der Backe, steigt Jo.
Scheiße, Scheiße, Scheiße.
“Eine Bekannte?” fragt Irene.
“Ja, eine… Freundin.” Das Zögern tut ihm weh, aber er hat Jo jetzt wie lange nicht gesehen? “Verfickt, keine Ahnung was sie hier macht. Bestimmt irgendein idiotischer Plan, hat sich eingeschlichen oder will Bär jagen, um Aiden zu retten oder so ein Mist… Verdammte Scheiße!” Er weiß, dass er zu schnell und zu viel redet und die anderen ihn ansehen wie eine tickende Zeitbombe, aber Jo hier, das hat gerade noch gefehlt.
Was machst du hier muss mit dir reden sofort, schickt er ihr als SMS. Jo schaut auf ihr Handy und steckt es wieder weg. Cal hat das dringende Bedürfnis, etwas kaputt zu machen, egal was.
Unten geht die Gruppe die Tore ab. AC, lächelnd und gestikulierend wie ein Gebrauchtwagenhändler, Selathiel kühl und herablassend. Zuletzt präsentiert AC ihr eine schwarze Kiste. Er öffnet den Deckel, und Selathiel nimmt ein Schwert heraus. Sie hält sich die Klinge vor das Gesicht, dreht sie hin und her. Dann nickt sie AC huldvoll zu.
“Das Schwert von Sankt Georg”, sagt Cal. “Scheiße. AC hat das aus der Sammlung eines Parapsychologen in Billings mitgenommen. Keine Ahnung, was das kann…”
Während er das sagt, hat er schon wieder sein Handy in der Hand. Doch ehe er an Jo schreiben kann, leuchtet das Display strahlend weiß auf. Halleluja, Halleluja, singt der Klingelton, den Cal garantiert nicht so eingestellt hat.
“Schön, dass du da bist. Ich nehme an, du hast mein Tuch dabei? Würdest du es bitte vorbeibringen?” fragt AC.
Cals Finger zerquetschen fast das Telefon. Fick dich, du Arschloch. Das Tuch bekommst du nie, will er sagen, einfach Schluss machen, aber dann denkt er an Ben. Zeit schinden. Mehr fällt ihm nicht ein. “Ich muss es noch holen. Es ist nicht hier.”
AC seufzt. “Bis Mitternacht hast du noch Zeit. Enttäusche mich nicht.”
Cal beißt die Zähne aufeinander und spart sich eine Antwort. Das Display wird dunkel.
Er dreht sich zu den anderen um. “Mitternacht. Dann will AC das Tuch.”
Tick, tick, tick, die Zeit ist abgelaufen.

“Kommt sie?” fragt Ethan. Cal hat Jo per SMS zu einem Rastplatz beordert. Ethan ist als Backup dabei. Nicht gegen Jo, sondern falls Cal selbst irgendeinen Blödsinn anstellt. Er fühlt sich wie eine Ratte in der Falle. Wer weiß, wen er alles beißen wird?
Bevor Cal antworten kann, hören sie das Geräusch eines Motors. Er kennt den Klang. Das ist Jos Auto.
Sie hat sich verändert. Dünner ist sie, kantiger, man sieht die Knochen unter der Haut. Als wäre er eine alte Dame, muss Cal den Impuls unterdrücken, sie zu fragen, ob sie genug isst.
Aber schlimmer ist der Ausdruck in ihren Augen. Getrieben. Wie ein Spieler, der alles auf eine Karte gesetzt hat, koste es, was es wolle.
Cal schluckt die Frage, wie es ihr geht, wieder herunter. So genau will er es nicht wissen. Stattdessen fragt er: “Was machst du hier?”
“Das Richtige”, schießt sie zurück, das Kinn schon defensiv erhoben. “Die Welt retten.”
Cal hofft, dass sie als nächstes ihren Plan enthüllen wird, irgendeinen idiotisch riskanten Plan, Selathiel zu stoppen, und dass ihre Miene deshalb so abweisend ist.
“Selathiel wird die Tore öffnen, Marcus wird Moloch in sich aufnehmen und ich Astarte. Aber wir werden sie kontrollieren und mit Hilfe ihrer Macht die Welt verbessern.”
Wenn er eine Ratte in der Falle ist, dann eine Ratte mit gebrochenem Rückgrat, die nicht weiß, was mit ihr geschieht und hilflos zuckt.
“Du willst was? Selathiel will die Apokalpyse auslösen! Bist du völlig verrückt?” Cal starrt Jo fassungslos an.
Ihre Augen funkeln. “Und was heißt Apokalypse? Das heißt, dass die Bösen bestraft werden und die Guten die neue Welt formen können. Und die Guten sind wir.”
Cals Stimme wird immer lauter. “Die Guten? Selathiel gehört nicht zu den Guten! Weißt du, wie viele Menschen sterben werden?”
“Hast du mir nicht zugehört? Die Bösen werden sterben, danach wird es eine bessere Welt geben.” Jo passt sich der Lautstärke an.
“Eier, Omelette”, wirft Ethan sarkastisch von der Seite ein.
Jo schaut zu ihm herüber. “Genau. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Wer bist du eigentlich?”
Der Junge verschränkt die Arme. “Ethan.”
Jo hat anscheinend den Sarkasmus in Ethans Stimme überhört. “Okay, Ethan, warum auch immer du da bist, du scheinst das ja zu verstehen.”
Er schüttelt vehement seinen Kopf. “Diese Engel sind böse.”
“Es sind Engel. Engel sind per Definition die Guten.” Sie verschränkt die Arme, verschließt sich.
Ethan nickt in Richtung der Tore. “Gefallene Engel.”
“Schon richtig. Aber sie sind trotzdem mächtig. Und mit Hilfe dieser Tattoos…” Jo schiebt einen Ärmel hoch und zeigt die Schriftzeichen auf ihrer Haut. “…kann ich sie kontrollieren. Im Gegensatz zu deinem Vater werde ich am Steuer sitzen. Du weißt, dass ich immer auf alles vorbereitet bin.”
“Das wird nie im Leben einfach so klappen.” Cal sucht panisch nach einer Öffnung. “Was ist mit Aiden?”
Sie verzieht höhnisch die Lippen. “Was soll mit dem sein? Der kümmert sich mehr um seinen Bärengeist als um… Aber darum geht es nicht. Es geht darum, das Richtige zu tun.”
Cal reißt hilflos die Arme nach oben. ”Das ist nicht das Richtige!” Er hat noch nie so sehr gehofft, dass jemand besessen ist. Aber das ist Jo. Jo, nachdem sie den falschen Weg eingeschlagen hat. Nachdem Cal nicht für sie da war.
“Das hat doch keinen Sinn.” Jo dreht sich um. Halb nach hinten gewandt sagt sie: “Du hast mir beigebracht, für das Gute zu kämpfen, egal was der Preis ist. Du bist wohl weich geworden.”
Cal würde sie am liebsten packen, einsperren, bis das alles vorbei ist, aber er ist nicht ihr Vater, und sie ist kein kleines Kind mehr. Er hat kein Recht, sie zu irgendwas zu zwingen.
Sie kann ihre eigenen Entscheidungen treffen. Sie kann ihre eigenen Fehler machen. Hoffentlich ist es nicht ihr letzter Fehler.

¤¤¤

So eine verdammte Scheiße. So ein elender Drecksmist! Nichts, rein gar nichts, was Cal und er gesagt haben, ist durchgedrungen zu der jungen Frau – ein paar Jahre jünger als er selbst, vermutet Ethan, so in Sams Alter etwa; und hat er seinen Ersatzvater auf dem Hinweg richtig verstanden? Das ist die Halbschwester von Cals Sohn Ben, die Tochter seiner Ex mit Mitch Baker, dessen Namen Ethan ja von früher her auch kennt? Diese Information hat ihn ziemlich überrascht, um es mal ganz vorsichtig auszudrücken, und diese Information lässt ihn jetzt die Zähne aufeinanderbeißen. Das muss es für Cal noch viel schwerer machen, als wenn die junge Frau einfach nur eine Jägerbekanntschaft wäre, die Freundin mit Zögern, als die er sie vorhin Irene gegenüber identifiziert hat. Denn kein einziges ihrer Argumente, und sie haben sich echt angestrengt, hat Jo davon überzeugen können, dass sie eben nicht das Richtige tut, wenn sie ihren Körper einem gefallenen Engel zur Verfügung stellt. Das will Ethan nicht in den Kopf. Das sind verdammt noch mal gefallene Engel da in dem Gefängnis! Luzifers gefallene Engel! Luzifers Schergen! Böse Engel! Wie kann dieses Mädchen auch nur eine Sekunde lang denken, es sei etwas Gutes, wenn die aus ihren Käfigen herausgekrochen kommen! Aber Ethan hat in Jos Augen ein fanatisches Feuer brennen sehen. Ein bisschen so wie das Feuer, das in Kentucky auch in Marcus deVries‘ Augen brannte. Nur mit einer etwas anderen… was ist das richtige Wort dafür? Stoßrichtung. Weniger religiös motiviert, eher… komplett von sich überzeugt und unglaublich stur. Dass unendlich viele Menschen sterben werden, ist dem Mädchen völlig egal angesichts des Neuanfangs, den sie sich erhofft. Die Guten haben ja auch nichts zu befürchten, die kommen ja in den Himmel. Hah!
Und wie Jo ihn angesehen hat, als er seinen Namen nannte. Da ist kurz was durch ihren Blick geflackert. Es hat definitiv was geklingelt bei ihr, aber das hat sie sofort ausgeschaltet. Nach hinten gedrängt. Als unwichtig abgetan. Völlig auf die Sache konzentriert. Oh Mann.

Auf dem Rückweg ist Ethan noch schweigsamer als sonst, und Cal, ohnehin nie eine Laberbacke, teilt seine Stimmung. Es braucht ein, zwei tiefe Atemzüge, bis beide ihre Worte finden, als die anderen ihnen bei ihrer Rückkehr erwartungsvoll entgegen sehen. “Und? Was hat sie gesagt? Warum ist sie hier? Wird sie uns helfen?”
Ethan verzieht das Gesicht. Sieht mit einer hilflosen Handbewegung zu Cal. “Verfickte Scheiße”, knurrt der. Und fängt, unterstützt von einzelnen Worteinwürfen seitens seines ehemaligen Schützlings, an zu erklären.

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Zurück bei den anderen beiden lösen Ethan und Cal mit ihrem Bericht von Jos idiotischem Plan eine Flut von panischen Überlegungen aus, was jetzt zu tun ist. Irene hat wenig Mitleid mit einer verblendeten Blondine, die glaubt, sie hätte die Wahrheit für sich gepachtet, und sei sie auch noch so jung. Cal hingegen rotiert. Er kontaktiert nocheinmal Hialee, der Irene immer noch nicht vertrauen will. Viel lieber würde sie die schwarzhaarige Hexe in Salz und Benzin paniert brennen sehen. Doch Cal zuliebe verkneift sie sich jeden weiteren Kommentar. Streiten bringt sie auch nicht weiter. Und was die Indianerin sagt, hat leider Hand und Fuß.
Die historische Klinge, die Aziraphel dem Erzengel übergeben hat, ist nicht das Schwert des Hl. Georg, sondern, schlimmer noch, Michaels Richtschwert. Offenbar will AC dessen Wirkung umkehren, wenn Selathiel es gegen ihn einsetzt, denn so könnte er, der er selbst kein Erzengel ist, Selathiels Gnade in sich aufnehmen. Ein Machtzuwachs für ihn, den er sich andernfalls nicht einmal erträumen könnte. So also will er der Herrscher über Himmel und Erde werden.

Wenn Selathiel stirbt, bleiben die Tore zu. Dann ist zwar die Apokalypse, wie sie im Buche steht, verhindert, doch Cal verliert dann auf jeden Fall seine Seele. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Um Anansis Netz einzusetzen und sowohl Selathiel als auch AC loszuwerden, sind die Jäger zwingend davon abhängig, dass die Gefängnisse zumindest einen Spalt weit geöffnet werden. Nur wie schaffen sie es, dass dann beide Engel in der Nähe sind?
Cal will es darauf gar nicht ankommen lassen, sondern Selathiel warnen, damit sie AC aus dem Verkehr zieht, dann warten, bis sie die Tore aufmacht, und das Ritual umkehren.

Irene schnappt nach Luft, als sie den Unsinn hört. Das ist nicht einfach nur riskant, es ist purer Wahnsinn. Selathiel wird die Gedanken der Jäger lesen, kurzen Prozess mit ihnen machen und dann in aller Ruhe brav nach Vorschrift den vierten Teil der Erde mit Hunger, Pest und Krieg überziehen, etc. pp.
Und wahrscheinlich kostet es Cal auch noch fünf Minuten vor Beginn des _dies irae_ die Seele, außer er schafft es vor Mitternacht, die beiden Engel gegeneinander auszuspielen. Er zuckt nur hilflos mit den Schultern und fragt, ob sie eine bessere Idee hat, als sie Einwände erhebt.

„Könnt ihr beiden mal rausgehen, bitte?“ Entnervt schiebt sie Ethan und Nelson zur Tür hinaus und lehnt sich einen Moment lang dagegen, bevor sie Cal in die Augen sieht. Auf ihrer Stirn hat sich eine steile Falte gebildet. Mit ein paar schnellen Schritten durchquert sie den Raum und packt seine Schultern, um ihn in ohnmächtiger Wut zu schütteln. „Ich will dich nicht sterben sehen! Hörst du?“ Sie schlägt mit der geballten Faust auf sein Schlüsselbein. Ein ungezielter, trotziger Mädchenschlag. „Ich will dich nicht sterben sehen, ich will dich nicht sterben sehen, ich will dich…“ Ihre Stimme bricht, sie presst sich an ihn, krallt sich in sein Hemd, zieht ihn in einen Kuss, der nach Salz schmeckt. Mit fahrigen Bewegungen zerrt sie den Stoff nach oben, so grob, dass der billige Faden nachgibt und ein Knopf mit leisem Klackern unters Bett springt.

„Ich will nicht, dass du stirbst“, wird sie später murmeln, als sie neben ihm liegt, ihr Kinn auf seiner Brust, die Augen halbgeschlossen, und ihre Finger ziellos durch sein Haar streifen. „Und ich kann dich ganz sicher nicht erschießen, egal, was du tust.“

¤¤¤

Cal zieht Irene fester an sich, bis ihr Gesicht an seiner Brust liegt. Ansehen wäre jetzt zu viel Blöße, zu viele Emotionen, auch wenn es eigentlich keine Rolle mehr spielt. Mit einer Hand streichelt er ihren Nacken, ihren Rücken, fährt über die Brandnarben auf ihren Schultern.
Er sagt ihr lieber nicht, dass ihr Ausbruch genau das Gegenteil von dem ausgelöst hat, was sie erreichen wollte. Klar hat er immer noch Angst, vor dem Sterben, aber vor allem davor, die Mission zu verpatzen und die ganze Welt zu zerstören. Gleichzeitig ist er seltsam ruhig. Die Gewissheit, am Ende seines Weges angelangt zu sein, schafft einen gewissen Frieden. Vielleicht kommt der auch vom Gefühl, dass einen doch jemand vermisst, ob er es verdient hat oder nicht.
“Irgendwann holen einen halt die ganzen dummen Fehler ein”, sagt er. Sie rührt sich unter seinen Fingern, ob aus Protest oder Akzeptanz, kann er nicht sagen. “Das waren meine Fehler, meine Entscheidungen. Nichts davon ist deine Schuld, also vergiss das, okay? Vergiss deine idiotischen Schuldgefühle.” Er schließt für einen Moment die Augen. “Und falls…” Eigentlich meint er ‘wenn’. “…ich hier nicht rauskomme, stell nichts Dummes an. Keine Deals oder so ein Mist. Mach weiter dein Ding. Werde die große Lady deiner Familie oder was auch immer.” Seine Stimme klingt nicht ganz so fest wie erhofft.
Aber vielleicht darf das mal sein, wenn man Abschied nimmt.

¤¤¤

Draußen sackt Ethan schwer auf die hölzerne Sitzbank, die vor der Ferienhütte steht. Zündet sich erst mal eine Zigarette an, deren Rauch er in tiefen Zügen inhaliert, während er seinen SMS-Verlauf mit Sam aufruft. Er hat das überwältigende Bedürfnis, sie zu kontaktieren, ihr wenigstens auf diese Weise nahe zu sein, wenn er schon nicht ihre Stimme hören kann. Aber vielleicht ist es besser, dass es gerade kein gescheites Netz zum Telefonieren gibt. Denn was sollte er ihr schon sagen? Er würde entweder hoffnungslos sentimental werden oder gar keinen Ton herausbekommen. Eines von beidem, dessen ist er sich sicher, und keines von beidem taugt. Aber ist eine SMS so viel besser? Was gibt es denn zu schreiben? Gestern hat er ihr einfach nur ein einziges Wort geschickt. “Warten.” Hat er heute mehr zu sagen? Hat er nicht. Oder besser, wenn er schreiben würde, was er gerne schreiben würde, dann wäre auch eine SMS oder E-Mail hoffnungslos sentimental.

Ethan starrt auf den leeren Handy-Bildschirm, während er seine Zigarette zuende raucht. Vergräbt dann, als er den Stummel ausgetreten hat, den Kopf in den Händen und sieht nicht auf, als Nelson sich neben ihn fallen lässt. “Drecksmist.” Was die Untertreibung des Jahres ist. Es ist… oh Mann. Drecksmist. Er sieht keinen Ausweg. Er. Sieht. Keinen. Ausweg. Erst jetzt geht Ethan so richtig die Bedeutung dieser ganzen Sache hier auf. Dessen, was sie zu tun versuchen. Die Apokalypse verhindern. Den verdammten Weltuntergang. Nein. Aufgegangen war ihm das schon auch vorher, da hatte er tiefergehende Gedanken an die Tragweite des Ganzen nur radikal unterdrückt. Aber jetzt… So verquer das klingt, jetzt, wo sie mit Iktomis Schleier tatsächlich sowas wie eine Chance haben könnten, das große Armageddon aufzuhalten, gewinnt nicht nur Cals persönliches Problem viel mehr an Gewicht, sondern es ist für Ethan auch ungleich schwerer, wenn nicht völlig unmöglich, irgendwelche Gedanken und Zweifel und Sorgen in bezug auf beide Krisen so konsequent nach hinten zu drängen, wie er das normalerweise macht, solange es Dinge zu tun gibt. Dass sein Ersatzvater so ganz direkt betroffen ist, rückt beide Probleme in ein besonders scharfes Licht, und eines wird in diesem scharfen Licht ganz klar deutlich: Ethan kann nichts tun. Nichts. Rein gar nichts. Keiner von ihnen so richtig. Aber Ethan am Allerwenigsten. Cal mag den Hauch einer Chance haben, aber was muss dafür alles zusammenkommen? Er muss zu Selathiel vorgelassen werden… Sie darf Cals wahre Absichten nicht durchschauen… AC darf nicht merken, dass Selathiel gewarnt ist… Selathiel muss AC vor Mitternacht ausschalten… und AC muss wirklich sterben… oder selbst in dem Höllenkäfig landen, sonst ist Cal trotz allem verloren. Und selbst dann ist nicht gesagt, dass AC, auch wenn er rechtzeitig stirbt, Cal nicht einfach mit sich reißt. Nein. Das ist nicht sowas Wahrscheinliches wie der Hauch einer Chance. Das ist völlig illusorisch, verdammt nochmal.

Ethan ballt die Fäuste. Er fühlt sich so unendlich hilflos. So ohnmächtig wie noch nie in seinem Leben… mit einer Ausnahme. Mit einer Ausnahme, in jener Nacht vor acht Jahren. Dieses Gefühl der Machtlosigkeit, des Ausgeliefertseins, als er von Carlas ersticktem Schrei aufwachte und sie neben ihm starb, ohne dass er auch nur das Geringste tun konnte. Er hat Carla getötet. Dessen ist er sich völlig bewusst. Er lebt damit. Muss es irgendwie.
Nur Cal… Wenn Cal jetzt auch stirbt… Er hätte AC den Deal abkaufen sollen. Aber jetzt ist es zu spät.

“Wir schaffen das schon.” Nelsons Stimme neben ihm. Es soll wohl aufmunternd klingen, aber Ethan schüttelt nur stumm den Kopf. Fährt sich mit den Händen durch die Haare, die davon vermutlich mal wieder in sämtliche Richtungen abstehen. Was solls. Ein paar Stunden vor dem Ende der Welt wird Ethan bestimmt nicht anfangen, sich über seine Stylinggewohnheiten Gedanken zu machen.

Eine Weile später öffnet sich die Tür, und die beiden anderen kommen heraus. Cal wirkt gefasst; Irene hat geweint. Ethan kann sich schon denken, wie die beiden die letzte halbe Stunde verbracht haben. Gut für sie. Nein. Nicht gut, aber… ach verdammt.

“Ich sag Jo bescheid”, erklärt Cal. “Dann muss ich nicht selbst an Selathiel ran. Aber falls… Naja. Ihr wisst schon. Macht’s gut und so.”
Wieder schüttelt Ethan den Kopf. Es ist… Es ist so verdammt…
Ehe er es sich versieht, ist Ethan auf Caleb zugetreten und hat den Älteren in eine rauhe Umarmung gezogen. “Scheiße, Cal”, murmelt er tonlos. Es ist verdammt nochmal nicht fair. Da haben sie sich gerade erst wieder zusammengerauft, und jetzt das. Sein ehemaliger Ziehvater scheint aber ungefähr zu wissen, was Ethan meint, denn er erwidert die Umarmung ähnlich brüsk und klopft ihm dann auf die Schulter. “Sag Sam von mir, sie soll auf dich aufpassen.”
Ethan nickt nur, während er die Umarmung verlegen und etwas unbeholfen löst. An dem Kloß in seinem Hals bekommt er keinen Ton vorbei.

Von Irene verabschiedet Cal sich mit einem Kuss. Ethans englische Freundin erwidert die Zärtlichkeit mit sichtlicher Verzweiflung, was dem Afrikaner neben ihm einen Laut der Überraschung entlockt. Hatte der bis eben etwa wirklich noch nicht mitbekommen, dass zwischen den beiden Jägern etwas läuft? Nein, offensichtlich nicht. Aber woher auch? Bei der Aussprache am Schrein war er ja tatsächlich nicht dabei.

Als Cal sich von Irene losmacht und zu seinem Auto geht, beißt Ethan frustriert die Zähne zusammen und ballt hilflos die Fäuste. Sieht dem Mietwagen nach, bis er um die Kurve verschwindet. Und ist Irene zutiefst dankbar, als die nach ihrem Fernglas greift. “Ich muss mir das ansehen.” Ja. Das müssen sie alle.

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Irene lässt das Fahrzeug nicht aus den Augen. Ethan und der Nigerianer halten instinktiv einen Sicherheitsabstand zu ihr ein.
Jetzt steht sie doch da wie das Burgfräulein im rosa Kleid, das weinend, aber tatenlos zusieht, wie ihr Kämpe in den Krieg zieht, weil es sich eben so gehört. So war das nicht geplant.
„Komm zurück“, hat sie gesagt, als er ging. „Du kennst den Ausweg aus dem Himmel. Wenn alles schief läuft, finde Mara und komm zurück!“
Cal hat nur das Gesicht verzogen. Als wenn AC nicht mit einem Fluchtversuch rechnen würde. Der Abschiedskuss brennt auf Irenes zerbissenen Lippen nach.

Sie hätte doch mehr darum kämpfen sollen, mit ihm zu tauschen. Sie hätte mit seinem Sohn argumentieren müssen, für den Cal eine Verantwortung trägt, die sie selbst nie haben wird. Sie hätte ihm klarmachen müssen, dass sie lieber im Himmel dient, als noch einmal daran schuld zu sein, dass ihr Liebhaber in die Fänge eines irrsinnigen Engels gerät. Zu spät.
Ihr Herz klopft zum Zerspringen. Das Motorengeräusch schraubt sich den Waldweg hinab.

Hätte sie ihn bloß nie kennengelernt! Was wäre passiert, wenn sie nicht ihrer Rachsucht gegenüber Selathiel gefolgt wäre? Was würde sie heute tun, wenn sie nicht Cals Hilfe gesucht hätte? Sie war sich schon lange bewusst, dass sie sich einer gefährlichen Droge hingibt. In Kürze kommt der eiskalte Entzug. Und wenn sie seine Leiche vom Fuß des Devils Tower aufklaubt, dann hat sie alle Zeit der Welt, um zu bereuen: Eine knappe Stunde.

Durch die Linsen des Fernglases wirkt alles dort unten noch viel surrealer. Vom Hang aus sehen sie, dass Aziraphel mit Cal aus dem Wagen steigt. Obwohl es nicht verwundern sollte, dass der Engel aufgetaucht ist, halten sie alle drei die Luft an. Cal wiegelt ihn irgendwie ab, spricht mit Jo, dann beobachten sie, wie Jo die Nachricht überbringt und Selathiel AC zu sich zitiert. Sie reden. Irene kann den Lippenbewegungen keine Worte zuordnen. Was sie selbst auf die Entfernung erkennen konnte, war des Erzengels kindlich-verwundertes Gesicht, das sagte: „Aber ich wollte doch ihn hintergehen!“ als Selathiel von ACs Verrat erfuhr. DeVries umrundet derweil heimlich Aziraphel und stößt ihm das Engelsschwert in den Rücken. Schnell, überraschend, effizient.
Aus ACs durchbohrter Brust schießt blendendes Licht. Es breitet sich aus, wird heller, so hell, dass Irene die Augen abwenden muss. Beinahe, aber nur beinahe, tut ihr der Engel leid. Er schien so jungenhaft und unbedarft in seinem Streben nach der Spitze. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder… dann bleibt Euch der Himmel erspart, denn dann haut ihr dieses einfach gestrickte Geflügel in die Pfanne und spielt es gegeneinander aus, bis ihr alleine übrig bleibt. Sie holt tief Luft.
Einer geschafft.
Die nächsten zwei müssen mit einem Streich erledigt werden.

Als sie wieder hinsehen kann, werden die Anhänger des ermordeten Engels gerade zusammengetrieben und von der triumphierenden Selathiel eingeschüchtert. Sie leisten keine Gegenwehr.

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Cal sollte sich auf den Plan konzentrieren, aber er kann nur an die vielen offenen Fäden denken, die er jetzt nie mehr abschließen kann. Ziemlich naiv, anzunehmen, dass sterben bedeutet, alles schön fertig verschnürt zurück zu lassen.
Er denkt an an Jo und dass er jetzt nicht mal mehr versuchen kann, das idealistische Mädchen zurück zu bringen.
Er denkt an Ben und seine Freundin, und kurz fragt er sich, wie man sich wohl als Großvater fühlt.
Er denkt an Irene und wie sich ihr Körper anfühlt und dass er nicht mehr rausfinden kann, was für eine Beziehung sie da eigentlich haben und wohin sie führen könnte.

Ein weißes Licht auf dem Beifahrersitz reißt ihn aus seinen Gedanken.
AC ist neben ihm aufgetaucht. Der Engel lächelt und sagt: “Ich nehme an, du hast mein Tuch dabei?”
Eis legt sich auf Cals Nacken. Das war’s. Der Plan ist gescheitert, bevor sie richtig loslegen können.
“Nicht hier. Ich bring’s dir bis Mitternacht.” Cal krallt die Finger um das Lenkrad. Zum Glück ist die Straße hier gerade, sonst hätte er wahrscheinlich einen Baum mitgenommen. “Ich… ich muss noch mit Jo sprechen. Sie überzeugen…” Nur halb eine Lüge und vielleicht, vielleicht könnte man die Emotionen in seiner Stimme auf seine Sorge um das Mädchen schieben.
AC sieht ihn einen langen Moment an, dann seufzt er. “Bring es mir danach sofort.”
Irgendwie schafft Cal es, sein Auto auf die Baustelle zu bringen. Er bleibt sitzen, während AC aussteigt und mit falscher Herzlichkeit Selathiel begrüßt.
Cal starrt das Lenkrad an. Er traut sich, wieder zu atmen. Er lebt noch. Für den Augenblick.
“Hey”, sagt er draußen zu Jo, die ihre Augen verengt und ihn mißtrauisch anstarrt. “Lass uns kurz reden.”
Als sie alleine sind, sagt er: “AC wird Selathiel in den Rücken fallen. Ich sollte ihm ein Objekt bringen, mit dem er einen Angriff auf sie ablenken kann. Ich hab‘s ihm bisher nicht gegeben.“
„Und das sagst du mir, weil…“ Sie verschränkt ihre Arme.
Cal fummelt aufwendig eine Zigarette aus der Packung und zündet sie an. Eine weitere Halblüge muss er erzählen. Er würde mit Jo gerne den Plan teilen, sie überzeugen und mit ihr zusammenarbeiten. Aber so wie sie sich verhalten hat, ist das Risiko zu groß und die ganze Welt steht auf dem Spiel. Er sagt: „Der Deal mit AC. Wenn AC weg ist…“
Jo schnaubt. „Klar. Du hast es ja immer gesagt, wir sind alle Tiere, und alles was zählt, ist das Überleben.“ Sie schaut ihn noch ein paar Sekunden an, dann schenkt sie ihm ein verächtliches Lächeln. „Und jetzt soll ich Selly warnen?“ Die Worte kommen bitter aus ihrem Mund.
Cal nickt. Es tut weh, wie sie ihn anschaut, ohne jede Illusionen. Früher hat sie ihn immer bewundernd angesehen, so idiotisch das auch war. Er hätte nicht gedacht, dass ihm das mal fehlen würde.
Noch schlimmer ist, dass er ihr gerade ein weiteres Stück Glauben an das Gute im Menschen ausgetrieben hat.

Cal hält sich im Hintergrund, als Jo zu Selathiel geht und mit ihr und DeVries spricht. Die Augen der Engelsfrau weiten sich schockiert und verengen sich dann vor Wut. Sie winkt AC zu sich herüber. Cal versucht aus der Entfernung ihren Worten zu folgen, aber sein Kopf ist mit weißem Rauschen angefüllt.
Als passiver Zuschauer beobachtet er, wie DeVries hinter AC auftaucht. Wie die Spitze des Schwertes aus ACs Brust kommt. Wie sich Blut auf seiner weißen Weste ausbreitet und dann Licht aus der Wunde strömt, so hell, dass Cal die Augen schließen muss.
Und während der Engel verglüht, zerreißt etwas in Cal. Wo eben noch ein verworrener Knoten aus Angst, Wut und Schuld war, ist jetzt nichts. Nur kalte, ruhige Dunkelheit. Er sieht die leere Hülle, in der mal AC war, zu Boden fallen. Es kommt ihm nicht wichtiger vor als die Tatsache, dass ACs weißes Riesenauto sich zurück in eine Schrottkarre verwandelt.
Er kann Jo ansehen, und es ist ihm egal, was sie über ihn denkt. Ihm ist egal, was mit ihr passiert.
Und er kann sich nicht entscheiden, ob das gut oder schlecht ist. Bevor er darauf eine Antwort hat, geht er den anderen lieber aus dem Weg.

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Entgegen aller Wahrscheinlichkeit ist der irrwitzige Plan aufgegangen. Hat Ethans Mentor den Engel irgendwie überzeugen können, seine Seele noch nicht sofort einzukassieren. Ethan wäre beinahe das Herz stehen geblieben, als er sah, wie Aziraphel mit Cal aus dessen Auto stieg. In dem Moment dachte er, es sei alles vorbei, sei ihr Spiel aufgeflogen. Aber das muss ein grandioser Bluff gewesen sein, mit dem Cal den Engel dazu überredet hat, ihm die volle Zeit bis Mitternacht zu gewähren. Und dann ist AC tatsächlich tot, ohne Cal mit sich gerissen zu haben. Ethan sollte erleichtert sein. Ist er auch, natürlich ist er das. Aber in dem Moment, als AC starb, schien Cal für einen kurzen Augenblick zusammenzuzucken. Als würde er den Schmerz des Engels selbst auch irgendwie spüren, auch wenn er sich dann schüttelte und vom Schauplatz des Geschehens zurückzog. Also eigentlich alles besser gelaufen, als man das erwarten konnte, bisher zumindest.
Aber Cal kommt nicht zurück. Sie warten auf das näherkommende Motorengeräusch seines Mietwagens, aber nichts. Nichts und nichts und nichts. Elender Drecksmist.

Der Rest des Tages vergeht. Der Abend bricht an. Die Nacht. Cal kommt nicht zurück. Unten zwischen den beiden Medizinrädern nehmen die Vorbereitungen Fahrt auf. Leute kommen. Leute gehen. Selathiel schwebt im Lager umher. Also nicht wortwörtlich, logischerweise. Aber mit einer Art entrückten ich-bin-die-Chefin-hier-und-ihr-macht-das-schon-und-solange-halte-ich-mich-heraus-Haltung, die beinahe wie Gleichgültigkeit aussehen würde, wenn da nicht dieser Unterton von Anspannung in ihrer Körpersprache wäre. Cal kommt nicht zurück. Irgendwann verändert sich die Stimmung unten im Lager, kommt spürbare Nervosität auf und wird Selathiels Stimme lauter, ist hier oben zumindest deutlich zu hören, wenn nicht direkt zu verstehen. Ihre Leute tun die restlichen Handgriffe schneller. Hektischer. Es wird Zeit, näher ranzugehen, damit sie rechtzeitig vor Ort sind, um ihr eigenes Ritual durchzuziehen.

Erstaunlicherweise bemerkt sie niemand. Oder vielleicht auch nicht so erstaunlicherweise, so beschäftigt, wie die alle sind. Als sie beinahe ran sind, taucht plötzlich auch Cal wieder an ihrer Seite auf. Gutes Timing. Oder er hat sie beobachtet und abgewartet. So oder so deutet er jetzt nach vorne. Selathiel hat an dem Ort zwischen den beiden Baugruben Stellung bezogen, wo sie offenbar sehr bald anfangen wird, ihr Ritual abzuhalten. Jo und deVries stehen bei ihr, außerdem die Gruppe von Rednecks, die Nelson vorhin als Christen aus den Ozarks identifiziert hat. Die Christen aus den Ozarks. Die, die Katie in ihrer E-Mail erwähnt hat. Die, die auf dem Powwow in Pine Ridge nach Brunnen und Toren herumgefragt haben. Die gar nicht unangenehm aufgefallen sind. Einfach nur höflich ihre Fragen gestellt haben. Hier. Jetzt. Drecksmist.

Und da ist noch ein Mann. Älter schon, bestimmt Ende Sechzig, wenn nicht gar in den Siebzigern. Uniform. Calebs Stimme klingt seltsam unbeteiligt, als er auf den Typen zeigt. “Colonel Hagen. Mein Vater. Genauer gesagt: Baphomet.”
Einen Moment lang starrt Ethan seinen früheren Lehrmeister noch sprachloser an als sonst ohnehin schon. In den knapp zwei Jahren, die sie zusammen herumgezogen sind, hat Cal zwar nie ausführlich am Stück über seine Herkunft erzählt, aber im Laufe der Zeit doch immer wieder genug, um sich die Sache ungefähr zusammenzureimen. Dass er, genau wie Ethan selbst, mit sechzehn von zuhause weg ist. Dass er, genau wie Ethan selbst, einen Mentor fand, der sich seiner annahm und ihm das Jagen beibrachte. Nur das Monster, vor dem Cal floh. Das verfolgte ihn nicht auf der Straße. Das war bei ihm zuhause. Colonel Hagen. Sein Vater.

Ethan zieht die Stirn in Falten. “Baphomet?”
Es ist Irene, die antwortet. Anders als ihre beiden Begleiter wirkt sie nicht überrascht, eher so, als wolle sie eine Bestätigung für etwas, das sie schon vermutet hat. “Das ist also dein Vater?” sagt sie zu Cal, der leidenschaftslos nickt. “Charmanter Kerl.” Dann wendet sie sich zu Ethan. “Baphomet ist ein gefallener Engel. Colonel Hagen ist sein Wirt.”
Au. Au verdammt. ‚Drecksmist‘ reicht nicht. Ganz und gar nicht.
Okay. Den ganzen Rattenschwanz an Privatkram ausblenden. Engel. “Kräfte?” fragt Ethan, auch wenn er sich die Antwort eigentlich schon denken kann.
Jede Menge Kräfte. Und von normalen Waffen nicht zu verwunden. Na ganz spitzenmäßig.
Und jetzt fängt Selathiel auch noch an, ihr Ritual zu wirken. Nelson muss schleunigst auch anfangen. Elender Drecksmist!

Während der Afrikanist die ersten Wörter seiner eigenen Zeremonie intoniert, wirft Ethan einen Blick auf die Schwerter in Cals und Irenes Hand. Macht eine kleine Handbewegung, deren genaue Bedeutung er selbst nicht so ganz benennen könnte. Bedauernd. Resignierend. Frustriert. Akzeptierend. Entschlossen. Er selbst hat keine magische Waffe. Aber es ist, wie es ist. Er sieht in Richtung des Militärtypen – Colonel Hagen. Calebs Vater. Baphomet. Besessen. Calebs Vater, besessen von einem gefallenen Engel. Oh Mann – und nickt. Geht schon, sagt dieses Nicken. Ihr habt die Engelsschwerter. Haltet ihn auf. Lasst die unmagischen Gegner mir. “Ich deck Nelson.”

Nelson tut den ersten der Schritte, die er in den letzten Tagen so unermüdlich einstudiert hat. Selathiels Kopf ruckt hoch, und ihr brennender Blick fliegt zu ihnen hinüber. Entdeckt! Der Erzengel kann sein eigenes Ritual offensichtlich nicht unterbrechen, aber mit einer Kopfbewegung schickt er seine Armeen ins Feld. Während Jo und deVries sichtlich frustriert ihre Position neben Selathiel halten, stürmen die Christen los. Colonel Hagen hingegen lacht höhnisch auf und macht einen Satz in Richtung der vier Jäger – einen viel größeren Satz, als ein normaler Mensch das könnte. Ehe er bei seinen Feinden ankommen kann, werfen Cal und Irene sich ihm mit ihren Schwertern entgegen. Und das ist das letzte, was Ethan von seinen beiden Freunden mitbekommt. Denn danach kommt er nicht mehr zum Denken, nicht mehr zum Schauen über seinen eigenen kleinen Dunstkreis hinaus. Es sind viele Gegner, die da kommen, viel zu viele. Aber es hilft ja alles nichts. Egal, wie viele es sind, sie dürfen nicht bis zu Nelson herankommen. Der muss sein Ritual ungestört durchziehen können. Also ist es an Ethan, sie aufzuhalten. Ganz egal, wie. Aber das sind Menschen, keine Monster. Und noch sind sie nicht da. Er kann sie hoffentlich mit gezielten Warnschüssen aufhalten. Mit Treffern in die Beine. Nichts Tödliches jedenfalls. Das sind Menschen.

Eine Bewegung in seinem Rücken lässt ihn aufhorchen. Tiere strömen auf den Kampfplatz. Wilde Tiere. Jede Menge wilde Tiere. Luchse. Waschbären. Adler. Elche. Füchse. Wölfe. Dachse. Berglöwen. Falken. Eulen. Bären. Der ganze Zoo angeführt von einem riesigen Grizzly: Bär. Das ist Bär selbst. Und da sind auch Menschen. Nein, keine Menschen, erkennt Ethan dann. Tiefschwarze Augen. Das sind alles Dämonen. Cals Exfreundin Isabelle hat ihr Versprechen wahr gemacht.

In einer Flut stürzen sich die Tiere auf Baphomet. Ethan verdrängt sie aus seinem Bewusstsein. Ein halber Atemzug, eine halbe Ewigkeit, Pause. Eine Pause, in der die Welt stillsteht, ehe die Schwarzäugigen um Ethan herum und an ihm vorbei auf die christlichen Eiferer zuströmen. Wie in Zeitlupe sieht Ethan, wie die Rednecks ihre Waffen heben. Dann pfeifen die ersten Schüsse an ihm vorbei, und er hat die Weatherby im Anschlag, erwidert das Feuer, während die Zeit wieder in normalem Tempo zu laufen beginnt. Ethan zielt sorgfältig: Arme und Beine; und wenn es nicht anders geht, auch Schulter oder Seite. Mehr als einen Gegner trifft er so, aber zu seinem Schrecken lassen sich die Ozark-Typen davon nicht beirren. Halten sich, wenn sie nicht von einem Dämon zu Boden gerungen werden, die verwundeten Stellen oder humpeln einfach weiter. Schießen im Laufen, und gar nicht schlecht. Um Nelson zu decken, werfen sich ihnen die Dämonen absichtlich in die Schusslinie, ohne Rücksicht auf Verluste. Eine um die andere schwarzäugige Gestalt geht zu Boden und bleibt liegen – die Christen müssen Weihwassergeschosse geladen haben oder sowas. Zwischen Ethan und die Gewehrmündungen der Hillbillies springt keiner; Ethan muss schon selbst sehen, wie er den Schüssen der Fanatiker ausweicht. Aber er wirkt ja auch kein Ritual, das keinesfalls unterbrochen werden darf. Sie dürfen nicht bis zu Nelson herankommen. Ganz egal, was sonst sein mag, sie dürfen nicht an Nelson ran.

Zielen. Schießen. Zur Seite springen. Zur anderen Seite springen. Keine Zeit zum Zielen. Trotzdem schießen. Hoffen. Ausweichen. Zielen. Dann ein plötzlicher, reißend-brennender Schmerz unterhalb seiner rechten Hüfte. Getroffen. Aber noch funktionsfähig. Also ausblenden. Weitermachen. Nur ist Ethans eigener Schuss in dem Moment, als die gegnerische Kugel aufprallte, nach oben weggerissen worden. Weg von dem Bein, auf das er eigentlich gezielt hatte. Stattdessen mitten in den Oberkörper. Der Hillbilly geht zu Boden, und Ethan verzieht das Gesicht. Aber keine Zeit, darüber nachzudenken. Denn jetzt sind die Südstaatler bei ihm angekommen, und jetzt dient die Weatherby nur noch als Keule. Zuschlagen. Ausweichen. Gewehrkolben zwischen sich und einen Gegner bringen. Ausholen. Zuschlagen. Sie dürfen nicht an Nelson heran. Noch immer versucht Ethan nach Kräften, nicht zu töten, und dafür bezahlt er. Bezahlt er teuer. Immer wieder treffen ihn Schläge oder Messerstiche. Wenigstens kommen seine Gegner jetzt auch nicht mehr zum Schießen. Aber es werden nicht weniger, dämonische Verbündete hin oder her. Ethans Hiebe werden verzweifelter. Bei allem Bemühen kann er nicht länger darauf achten, ob er einen Redneck tödlich verwundet oder nicht. Sie dürfen nicht an Nelson ran.

Ein wutverzerrtes Gesicht vor ihm. Verengte Augen, gebleckte Zähne, ziemlich gelb. Der Anführer der Ozark-Typen starrt ihn hasserfüllt an, während er Mal um Mal zuschlägt. Sein Geruch dringt Ethan in die Nase, nicht überwältigend, aber spürbar. Schweiß und über längere Zeit ungewaschene Kleidung. Die meisten Treffer des Kerls kann Ethan vermeiden oder sie mit der Weatherby abfangen. Aber nicht komplett. Längst nicht komplett. Vor allem nicht, weil da noch mehr Christen um ihn herum sind und ihrem Anführer beistehen. Dem Himmel sei Dank gehen sie nicht sehr koordiniert vor, sonst hätte Ethan keinerlei Chance. So oder so steckt er ein. Er teilt auch aus, jede Menge sogar: Mehrere Gegner gehen um ihn herum zu Boden und rühren sich nicht mehr, nachdem der Gewehrkolben sie getroffen hat, aber es wollen einfach nicht weniger werden, kommt es ihm vor. Und so steckt Ethan ein. Und steckt ein. Lange wird er das nicht mehr aushalten. “Dämonenpaktierer!” schleudert der Südstaatler ihm zwischen seinen Hieben entgegen. “Wie kannst du nur! Der Herr strafe dich für diesen Frevel!” Ein besonders heftiger Vorstoß, gegen den Ethan nur mit Mühe die Stellung halten kann. “Im Namen von allem, was heilig ist, du wirst weichen!”

Nein. Im Namen von allem, was gut und heilig ist, wird Ethan nicht weichen. Sie dürfen nicht an Nelson rankommen. Und sie werden nicht an Nelson rankommen. Nicht, solange Ethan noch steht. Nicht, solange er noch einen Atemzug tun kann.
Flüchtig kann Ethan den Afrikanisten hinter sich hören. Seine schlurfenden, absichtlich unrhythmischen Schritte. Seine deutlich vernehmbare, wohltönende Stimme, die unverständliche Worte ruft – und irgendwie… seltsam klingt. Doppelt. So, als würde Nelson mit sich selbst im Akkord sprechen. Aber keine Zeit, darüber nachzudenken. Keine Zeit, die Seltsamkeit auch nur irgendwie im Hinterkopf für später abzuspeichern. Schon ist der Gedanke unter dem Ansturm der Rednecks verflogen. Ethan taumelt.

Eingeklemmt zwischen Gegnern. Wenig Platz zum Manövrieren. Gar kein Platz zum Ausholen. Ethan tut das einzige, was er tun kann: rammt die Weatherby mit voller Wucht gerade aufwärts. Der Kolben trifft auf das Kinn des Anführers, und weiter hinein. Mit einem lauten Knacken bricht und splittert der Kieferknochen. Spritzt Blut. Der Typ sackt in sich zusammen, bleibt liegen, und seine Anhänger, für einen Moment geschockt erst, stürmen mit neuer Wut auf Ethan los. Das wars. Das wars, jetzt hat er nichts mehr, was er noch geben kann, und doch hebt er das Gewehr, versucht herumzuwirbeln, sie alle auf einmal in Schach zu halten, aber er weiß, jetzt ist es nur noch eine Frage von Sekunden.

Ein triumphierend herausgestoßenes letztes Wort von Nelson hinter ihm, dann, plötzlich, ein Zerren an seinem Geist. Für einen Moment ist es unerträglich. Ist Ethan sicher, nein mehr als sicher, vollkommen und unumstößlich überzeugt, dass er gerade stirbt. Herr im Himmel vergib mir, und beschütze S–

Der Moment vergeht. Wie betäubt sieht Ethan schwarzen Rauch auf einen überirdisch hell gleißenden Kreis zufliegen. Sieht einen Falken zu Boden stürzen. Sieht die Körper, die den Engeln und Dämonen als Gefäße gedient haben, umfallen wie stürzende Bäume. Die Ozark-Christen, die eben noch drauf und dran waren, Ethan zu Brei zu schlagen, haben ebenso innegehalten wie Ethan selbst auch. Dann lässt ein heftiger Blitz die nächtliche Szenerie für eine Sekunde taghell aufleuchten, und schon im selben Moment dröhnt der Donner, ohrenbetäubend. Ethan sieht in den Himmel. Dichte Wolken haben sich zusammengebraut. Noch regnet es nicht, aber das kann nicht mehr lange dauern. Weg hier. Nur weg!

Die Rednecks haben denselben Gedanken. Wer von ihnen noch einigermaßen stehen kann, hilft einem gefallenen Kameraden auf, dann sehen die Typen zu, dass sie Land gewinnen. An ihren Gegner scheinen sie keinen Gedanken mehr zu verschwenden. Schwer atmend dreht Ethan sich um. Da liegt Nelson inmitten seines Ritualkreises. Rührt sich nicht. Iktomis Schleier und das Tor-im-Tor-im-Tor, das Ethan ihm für die Zeremonie geschnitzt hat, hält er noch immer in der Hand. Ethan taumelt zu ihm hin. Schafft es irgendwie, er weiß selbst nicht wie, sich den Afrikaner über die Schulter zu hieven, auch wenn er davon selbst beinahe umgefallen wäre. Stolpert auf seine beiden Freunde zu, die er erst jetzt wieder wahrnimmt. Dem Himmel sei Dank, beide leben noch, auch wenn beide ähnlich schwer angeschlagen wirken wie Ethan selbst.

Ein Schuss peitscht. Cal steht über der reglos am Boden liegenden Gestalt von Colonel Hagen, die jetzt kein Gesicht mehr hat. Der ältere Jäger hält seine Beretta in der Hand, zielt noch immer auf den Kopf seines verhassten Vaters. Dann wendet er sich wortlos ab. Verzieht keine Miene.

Wieder ein Blitz, mit dem Donner im exakt selben Moment. Die ersten Tropfen fallen; eine Sekunde später regnet es ernsthaft. Sie müssen weg hier. Jetzt. Ethan trägt den ohnmächtigen Nelson. Cal und Irene nehmen Jo und deVries mit – beide sind völlig teilnahmslos. Nur einen Herzschlag lang waren sie von Astarte und Moloch besessen, aber das hat gereicht. Und Jo hat gedacht, ihre Schutztätowierungen würden ihr helfen…

Als sie vom Ort des Geschehens wegfahren, beginnt die Sintflut.

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Als sie zum dritten Mal gegen den Fels prallt, kann Irene nicht mehr sagen, ob es erst ein paar Minuten sind, die der Kampf dauert, oder schon zwei Stunden, in denen sie sich immer wieder aufrappelt, anschleicht oder auf Baphomet zurennt, auf ihn schießt, ihn umrundet, von Cal ablenkt, der ihn von ihr ablenkt. Baphomet. Colonel Hagen. Cals Vater.
Zuerst ist es ihr nicht aufgefallen, doch sie bewegen sich wie ein eingespieltes Team. Sie weiß instinktiv, wo Caleb ist. Genau da, wo Ethan wäre, würde er sich an ihrer Seite befinden und nicht in direkter Nähe zu Nelson, um dem die Südstaatler vom Hals zu halten. Kein Wunder eigentlich. Fisher hat den Jungen zum Jäger geformt. Gute Arbeit. Gegen Baphomet hilft es ihnen nur wenig. Der Engel schleudert sie mit kaum einem Fingerschnippen herum, wirft ihnen seine eigenen Leute hinterher. Nur die dicken Moospolster auf den Steinen haben bislang verhindert, dass sich Irene alle Knochen im Leib gebrochen hat. Viele der Sektierer waren nicht so glücklich. Im Hintergrund rumoren die Dämonen und Geister. Sie hat keine Augen für sie. Irene sieht nur Baphomet und Cal. Cal und Baphomet. Der Engel muss abgelenkt bleiben, darf nicht zu Nelson kommen. Koste es, was es wolle. Selathiel ist von ihrem eigenen Ritual eingenommen. Solange sie damit beschäftigt ist, die Tore zu öffnen, müssen die Jäger nur ihren menschlichen Anhängern und dem Gefallenen standhalten. Nur!
Ohne Bärs tobsüchtiges Wüten in den Reihen der Gegner hätten sie keine zwei Minuten durchgehalten. Die Höllendiener um Isabelle verwirren die menschlichen Schergen mit Raketen und Geheul und ihren Nebelgestalten, schleudern sie gegen Bäume, wild und grausam, bringen sie dazu, die Waffen gegen sich selbst und ihre Kameraden zu richten. An den Schlächter wagen sie sich nicht heran. Wann immer der kurz davor ist, entweder Cal oder Irene endgültig zu zermalmen, stürzt sich von irgendwoher ein zähnefletschendes Tier auf Baphomet, bis sie sich wieder gefangen und neu in Position gebracht haben. Keins davon überlebt.
Irgendwann ist kein Puma, kein Fuchs, kein Hirsch mehr übrig, der sich für sie opfern könnte. Cal liegt hinter einem Stein und renkt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die ausgekugelte Schulter ein. Baphomet sieht ihn, sieht, wie schwer es der Jägerin fällt, selbst aufzustehen, wie sie taumelt, über den verkrümmten Körper eines Fanatikers stolpert und sich an dem Felsen festhalten muss, gegen den er sie geworfen hat. Ein kaltes Lächeln spielt um seine Lippen. Seine Hand greift in die Luft, packt zu. Caleb wird von unsichtbaren Fingern hochgehoben…

Irene kann nicht mehr. Sie hat es versucht. Nur noch Sekundenbruchteile, dann wird der Höllenengel ihren Liebhaber als Geschoss verwenden, um sie beide zu töten, wird sie herausfinden, welches Jenseits auf sie wartet, wer dort dann Freund oder Feind ist. Schade eigentlich. Sie hatte wirklich schon Hoffnung geschöpft, dass es ihren Weggefährten und ihr wider alle Wahrscheinlichkeit gelingen könnte, die Welt zu retten. Sie wünscht sich, Cals Blick noch einmal einfangen zu können, ihm zu sagen, dass es sich trotzdem gelohnt hat, da stiehlt ein Rauschen in den Bäumen ihre Aufmerksamkeit, befällt sie das Gefühl von Spinnenbeinen, die über ihre Haut huschen. Ein Pulsieren geht durch sie hindurch. Die Härchen auf ihren Armen stellen sich knisternd auf. Nelsons Stimme schwillt im Hintergrund so laut an wie das Gebrüll von Bär, und der Untergrund antwortet. In Selathiels Singsang mischt sich ein Misston, und über die Kämpfenden zieht sich der Schatten eines hauchfeinen Netzes, das federleicht durch die Luft wirbelt. Der Boden beginnt, sich vor Irenes Füßen zu öffnen. Nicht der Boden selbst. Etwas hinter dem Boden, etwas darunter, auf einer anderen Ebene. Für einen kurzen Moment nur ist sie in blendende, gleißende Dunkelheit getaucht, schmeckt sie die bittere Wut und die Einsamkeit der Gefangenen Engel. Dann zerrt ein Sog an ihr, der nichts gemein hat mit irdischem Wind. Eine unerbittliche Macht will ihr die Seele aus dem Körper reißen. Doch der dünne Faden ihrer Menschlichkeit hält. Während um sie herum die Lichtgestalten der Engel in die Schwärze strudeln, dämonische Rauchschwaden aus den aufgerissenen Mündern der Besessenen gesaugt werden, der Falke wie ein Stein vom Himmel fällt und alles von den geöffneten Toren verschluckt wird, stehen die Menschen und ihre Helfer, die Naturgeister beinahe unbehelligt inmitten des Chaos. Der Zauber hat keine Macht über sie.

Ein Blitz zuckt über den Himmel.

Im Schein der Vernichtung fällt Irene auf Hände und Knie und spürt es unter den Fingern: Befreiung.
Nicht die der Gefallenen, sondern die der Menschheit. Sie haben sich freigestrampelt aus dem Griff der Engel.
Der Schatten der Verzweiflung, den Baphomets Präsenz über sie gelegt hat, fällt ab. Frei! Das unsichtbare Netz zieht sich zusammen und verschwindet in der Tiefe. Frei!
Die Glocken der Freiheit klingen nicht von den Bergen herab. Es klingt der Berg. Ein hohes Tönen wie von einer anschwellenden Glasorgel dringt aus dem Steinernen Schlot und verebbt wieder. Unter ihr schwingt sanft der weiche Boden nach. Sie lauscht. Leiser Donner grollt in der Ferne. Irgendwo hinter ihr rieseln trockene Nadeln zu Boden. Dann herrscht völlige Stille. Kein Schuss peitscht mehr, kein Schrei gellt, kein Tier regt sich, kein Vogel wagt es, mit den Federn zu rascheln. Sie muss die Luft anhalten, um etwas anderes als ihren keuchenden Atem zu hören. Bewegung neben ihr. Cal richtet sich gerade auf, wischt sich mit dem Ärmel Blut durchs Gesicht. Weiter weg kauert Ethan über Nelson, der in seinem Ritualkreis zusammengebrochen ist. Er wirft ihn sich über die Schulter und schwankt, wankt fort von den elenden Nephilimtoren. Irene sieht ihm nach, gelähmt von der plötzlichen Ruhe. Sie hört Cals Füße scharren. Die ersten Schritte kann er kaum geradeaus laufen. Er schlurft in ihre Richtung. Seine Augen sind auf den Punkt zwischen ihnen geheftet, wo die Hülle des gefallenen Engels in den letzten Zuckungen liegt. Mit jedem Schritt straffen sich Cals Schultern, wird sein Tritt fester, der Zug um die Mundwinkel härter. Vor seinem Vater bleibt er stehen, richtet die Waffe auf dessen Kopf und drückt ab. Er zögert keine Sekunde. Der Schuss hallt von der Wand des Devils Tower wider.
Dann dreht er sich um und geht zur reglosen Gestalt von Jo, hebt sie vorsichtig an, spricht auf sie ein, doch es folgt keine Reaktion. Ihre Augen sind offen. Irene kann sehen, dass sich ihre Brust hebt und senkt. Neben dem Mädchen liegt Marcus, ebenfalls atmend. Sie stolpert auf ihn zu, bemerkt aus dem Augenwinkel, dass Cal die Kleine auf seine Arme genommen hat und wegträgt. Irene drückt Marcus‘ Schulter. Sie spricht ihn mit Namen an. Sein Blick bleibt in den Himmel gerichtet. Sie schüttelt ihn. Seine Augen, leer. Was auch immer ihn für den Bruchteil einer Sekunde besessen hat, es hat alle Persönlichkeit aus ihm ausgebrannt. Mit Mühe gelingt es ihr, ihn auf die Beine zu stellen. Er geht vorwärts, wenn sie ihn anschiebt oder zieht, bleibt stehen, sobald sie ihn nicht mehr dirigiert. Als sie nur noch wenige hundert Schritt von den anderen entfernt sind, stellt sie sich vor ihn, packt seinen Kopf so, dass sie ihm in die blicklosen Augen sehen kann und flüstert: „Hättest du nicht sterben können? Ist das meine Strafe? Oder deine? Womit haben wir das verdient, dass es kein Ende finden kann?“
Einen langen Augenblick überlegt sie, ob es ihre Aufgabe wäre, ein Messer zu nehmen und ihm die Kehle durchzuschneiden.
Nein.
Mord wäre es immer noch. und wenn es eine Strafe sein soll, dann ist es nicht an ihr, diese abzukürzen. Sie wird die Verantwortung tragen.

Erneut erleuchtet ein Blitz die Szenerie. Dicke Regentropfen beginnen auf den Devils Tower zu prasseln. In Sekunden ist Irene nass bis auf die Knochen. Es ist ein Aufbruchssignal. Weg hier!

Später, als beide Jäger ihre apathischen Schützlinge in Betten verstaut haben und müde in die warme Wohnküche der Blockhütte wanken, um nach ihren Mitstreitern zu sehen, legt Cal Irene die Hand auf die Schulter und hält sie auf. Er hat ein Ich-muss-jetzt-vernünftig-sein-Gesicht aufgesetzt, dessen Anblick ihr genügt, um zu wissen, dass sie es nicht hören will, was er loswerden möchte. Gleich kommt es: „Wir haben’s geschafft. Danke für das Flugzeug und die Ablenkung. War ganz nett. Aber hier sollten sich unsere Wege trennen.“
Stattdessen sagt er: „Ich glaube, da ist irgendwas mit meiner Seele passiert, als AC starb, ’n Stück rausgerissen oder so.“

¤¤¤

Cal fragt sich, warum er Irene eigentlich davon erzählt. Er hat nicht das Gefühl, dass es einen Unterschied macht, im Guten wie im Schlechten.
Er hat nicht das Gefühl.
Er hat eigentlich gar kein Gefühl. Nichts, als er seine Pistole angesetzt und die zerfallenden Reste seines Vaters erschossen hat. Nichts, als er Jos hohläugige Hülle von Schlachtfeld getragen hat. Nichts, als ihm klar wurde, dass Isabelles und Hialees Seelen den Rest aller Ewigkeit in einem Käfig mit wütenden Engeln verbringen werden.
Weil es keine Rolle spielt, sagt er auch gleich Ethan, dass mit seiner Seele etwas nicht stimmt. Der Junge weiß genauso wenig wie Irene, was er dazu sagen soll.
Also macht sich Cal mit Jo auf dem Rücksitz geschnallt auf den Weg, ohne sich groß zu scheren, was die anderen noch so treiben.

Nach ein paar Meilen, als hätte jemand endlich eine Leitung freigespült, fluten seine Emotionen auf einmal zurück. Der Dogde schlittert nur wenige Zentimeter an den nächsten Bäumen vorbei, als Cal seinen Fuß auf die Bremse haut. Mit zitternden Händen krallt er sich am Lenkrad fest wie an einem Rettungsring. All die Bilder des Kampfes zucken an ihm vorbei, vorher in monotonem schwarz-weiß, jetzt bunt angemalt mit Schuld, Angst und Wut.
Auf dem Rücksitz wimmert Miffy, das erste Mal seit langem, dass sich der Hund überhaupt äußert. Er streckt seine Hand nach hinten. Der Terrier leckt daran, erst zaghaft, bevor er sich auf den Vordersitz windet und den Jäger mit einem Sturm aus Sorge und Zuneigung bedrängt.
“Ist ja gut, blöde Töle”, sagt Cal und wundert sich, dass seine Stimme überhaupt funktioniert. Das warme Fell unter seinen Fingern beruhigt ihn. Er öffnet die Autotür, steigt aus und atmet durch. Seine Gedanken sind nicht mehr ganz so chaotisch.
Besser fühlt er sich nicht.
Cal geht am Auto nach hinten, wo Jo gegen die Scheibe gekippt ist. Er starrt durch das Glas, aber macht die Tür nicht auf. Er hätte wissen müssen, dass sowas passiert. Nein, er wusste, dass sowas passieren würde. Er hat es in Kauf genommen, wegen des größeren Ganzen und weil er zu feige war, das Mädchen einfach zu kidnappen und irgendwo festzubinden, bis alles vorbei war.
Jetzt muss er sie zu Ben bringen. Er muss seinem Sohn sagen, dass seine Schwester nur noch eine leere Hülle ist.
Vater des Jahres.
Und sonst? Er schiebt Isabelle und Hialee aus seinem Gedanken, sonst würde er etwas Dummes tun, Portale-öffnen-dumm. Sein eigener Vater ist tot, aber Cals Hass auf ihn hat sich nicht viel gemindert. Wenigstens bleibt er in Zukunft vor ihm verschont, aber was war das für eine Rache? Wo bleibt der Abschluss?
So fühlt sich das an. Als hätte jemand an eine abgeschlossene Geschichte eine miese, unnötige Fortsetzung getackert. Jetzt kann er rausfinden, wo die ganzen offenen Fäden hinführen. Leider fühlen die sich mehr wie offene Nervenenden an.
Vielleicht sollte er doch mal mit jemandem reden. Soll ja helfen. Zu seinem Erstaunen fällt ihm dazu als erstes Irene ein, einfach, um sie wiederzusehen.
Um sie dann vollzuheulen, wie schlimm das doch alles war. Das kommt sicher super an. Er hat sich vor ihr ja noch nicht genug zum Affen gemacht.
Vielleicht später, wenn alles etwas ruhiger ist. Wenn er die Sache mit Jo erledigt hat. Und mit Ben gesprochen. Mit den Soldaten.
Vielleicht danach.

¤¤¤

Oh Mann. Was sagt man auf sowas? Als Cal ihm von der Sache mit seiner Seele erzählt, kann Ethan seinen Ziehvater nur wortlos anstarren. Jedes Wort wäre ungenügend. Falsch. Hohl. Nicht mal das “Scheiße, Cal” von ihrem Abschied vorhin bekommt er über die Lippen. Er müsste etwas sagen, irgendwas, das weiß er, aber er kann nicht. Bringt den Mund einfach nicht auf. Und so zuckt der Ältere nur mit den Schultern, brummt etwas von Jo und Ben und wendet sich dann ungerührt ab, und Ethan lässt ihn ziehen.

Drinnen in der Blockhütte bleibt Cals freigemachtes Bett trotzdem nicht leer: Irene hat deVries darauf deponiert wie eine menschengroße Gliederpuppe. Während sie sich um den Jäger kümmert und anfängt zu telefonieren – Ethan versteht am Rande etwas von Krankenhaus und Pflegeheim und Hawaii, und hat er sie da ‚Agent Saitou’ sagen hören? – sieht er selbst nach Nelson, den er vorsichtig auf sein Bett gelegt hat, als sie vom Devils Tower zurückkamen. Es dauert noch eine Weile, aber schließlich kommt der Afrikanist wieder zu sich, auch wenn er noch entsprechend desorientiert ist. “Was ist passiert?” stammelt der Nigerianer, “Ist es vorbei?” Ethan nickt.
“Ich kann mich an nichts mehr erinnern”, gibt Nelson zu, “rein gar nichts. Das Letzte, was ich weiß, ist, dass ich meine Schuhe vertauscht habe. Danach… Nichts mehr.”
“Hast es geschafft”, beruhigt Ethan ihn. “Tore zu.”

Nelson ist immer noch einigermaßen verwirrt und hat großen Durst, wie er sagt, also geht Ethan ihm etwas zu trinken holen. Auf dem Weg zur Küchenzeile des Häuschens hört er Irenes Stimme aus deren Zimmer kommen. Der Tonfall der Britin ist mehr als genervt, und er wäre noch spitzer, wie Ethan seine Freundin kennt, wenn sie nicht gleichzeitig auch so unendlich erschöpft klingen würde. “Süß? Charles, du bist betrunken. Ja, Charles. Ich liebe dich auch sehr. Aber nein, Charles, wir beide funktionieren nicht zusammen, und das wird sich auch nicht ändern. Ja. Nein. Bis bald, Charles.”

Als Ethan zu Nelson zurück ins Zimmer kommt, hat der auch sein Handy am Ohr. Aber seine Stimme klingt irgendwie anders als sonst. Aufgekratzter, unernster, als hätten sie nicht gerade die Apokalypse verhindert. Oder vielleicht gerade deswegen. “Aber natürlich tue ich das, Lizzie-Schätzchen.” Oh. Der redet mit Fey. Ethan macht wieder ein paar Schritte aus dem Zimmer heraus. “Ich habe jetzt auch einen neuen besten Freund.” Ein helles Auflachen. “Und er wohnt sogar bei mir.”
Stille. Ethan späht durch die Tür und sieht, dass Nelson eben mit einem frustrierten Gesichtsausdruck sein Telefon wegsteckt. Oh. Da hat Fey wohl ohne ein weiteres Wort aufgelegt. Aber klar. Auf dem Tisch stehen ein paar Fläschchen, die ganz offensichtlich aus der Minibar stammen. Mit denen intus war vielleicht nicht gerade der beste Moment für einen Anruf bei der Frau, die der Wissenschaftler für sich gewinnen will. Und überhaupt hatte Ethan gedacht, mit ‚Durst’ habe Nelson etwas anderes gemeint als Schnaps. Aber dann scheint es dem ja soweit wieder einigermaßen zu gehen. Wortlos stellt Ethan ihm die Wasserflasche hin und geht hinaus. Er muss selbst ein Telefonat führen.

Verdammt. Sam geht nicht dran. Klar, weiter östlich ist es mitten in der Nacht. Vermutlich schläft sie schon. Aber ist vielleicht ganz gut so. Denn das, was er zu erzählen hat, ist nichts für das Telefon. Und nicht mal dann wüsste Ethan im Moment, ob er die Worte finden würde. Die Sache ist einfach zu groß. Zu… zu. Aber eine SMS schickt er Sam, dass die Tore geschlossen und alle noch am Leben sind und dass er sich melden wird, sobald er kann.

Den Anruf bei Barry verschiebt Ethan eingedenk des Zeitunterschieds auch auf den nächsten Tag. Aber als sie alle wieder einigermaßen wach sind, fahren sie morgens früh als Allererstes nochmal zum Devils Tower. Irene hat vorgeschlagen, die Spuren nicht alleine zu verwischen, sondern ein paar Leute dazuzuholen, die dabei helfen, die Engels- und Dämonenkäfige wieder zu tarnen. Falls es da nicht schon vor Polizei wimmelt, versteht sich.

Tut es nicht. Der Schauplatz des gestrigen Kampfes liegt völlig verlassen da. Aber eines ist anders. Der heftige Sturm der letzten Nacht hat mehrere Erdrutsche und Schlammlawinen ausgelöst, und die ganze Landschaft sieht deutlich anders aus als gestern noch, ohne einen Hinweis darauf, dass hier je etwas war. Kein Bauzaun. Keine Medizinräder. Und keine Toten. Nur Schlamm und Geröll.

Als sie in der Ferne ein Auto kommen sehen, räumen sie lieber das Feld und beobachten aus sicherer Entfernung. Muss keiner wissen, dass sie hier sind. Das Auto, ein Pickup mit den Markierungen des National Park Service, hält vor der überschlammten Fläche an, und zwei Ranger steigen aus. Kurz untersuchen sie die Stelle, dann sprechen sie in Funkgeräte, und eine Weile später kommen mehr Trucks. Mehr Gerät. Als klar wird, dass so viel Erde heruntergekommen ist, dass der Trupp von Arbeitern hier rein gar nichts finden wird, ziehen die Jäger sich unauffällig zurück. Vielleicht wenigstens eine Sache, um die sie sich keine Sorgen machen müssen.

Zurück am Blockhaus ist Nelson nach Cal der nächste, der verschwindet. Auf dem Rückweg hat er irgendwann um einen Stop gebeten und das Trickstertuch einfach dem Wind übergeben. Und jetzt hat er es auf einmal sehr eilig, will unbedingt nach Louisiana. Und Ethan hat endlich ein bisschen Zeit, um Barry anzurufen. Aber als er abhebt, klingt der Schriftsteller so fiebrig und unzusammenhängend und hat sich derart offensichtlich bei seinen Kindern mit den Windpocken angesteckt, dass Ethan sich bei seiner Entwarnungsmeldung noch knapper fasst als normalerweise ohnehin schon und dem Älteren außerdem dringend rät, zum Arzt zu gehen. Barry murmelt irgendwas, das Ethan nicht so ganz versteht, das aber auch keinen rechten Sinn ergibt. Irgendwas vom Baumhaus und den Pferden und… “Barry. Geh. Zum. Arzt.”

Den Rat sollte Ethan aber selbst auch mal befolgen. Dringend sogar. Immerhin hat er neben seinen ganzen anderen Blessuren eine verdammte Schusswunde im Bein. Die hat er zwar gestern abend provisorisch verbunden, aber die sollte trotzdem professionell versorgt werden. Gut, dass sie in Wyoming sind, wo Schussverletzungen nicht an die Behörden gemeldet werden müssen.

Mit Irene und dem völlig teilnahmslosen deVries fährt Ethan ins Krankenhaus von Sundance. Wird verarztet und sucht hinterher nach seiner britischen Freundin. Er findet sie im Foyer, wie sie gerade eine Nummer in ihr Handy tippt es dann zum Ohr führt. Ethan kann sehen, wie ihr Gesicht einen konzentrierten Ausdruck annimmt, als ihr Gesprächspartner sich meldet. Okay. Das scheint noch zu dauern. Ethan lehnt sich gegen die Wand neben der Tür und macht sich auf eine längere Wartezeit gefasst.

Ethan wartet. Und während er wartet, kommen die Gedanken. Öffnet sich der Abgrund.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter FATE, Pen & Paper, Supernatural

2 Antworten zu “Supernatural – World’s End

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