Supernatural – Apocalypse, Aftermath

Den ersten Teil dieses Diarys haben wir nicht gespielt, sondern hier handelt es sich um ein „Solo“, wie wir das in unserer Gruppe nennen: eine rein geschriebene Kurzgeschichte, in die nur ein einzelner Charakter verwickelt ist. Das ist das erste Solo dieser Art, das ich für Ethan verfasst habe, weil ich normalerweise schon kaum damit nachkomme, die Mitschriebe zu unseren tatsächlich gespielten Runden in Geschichtenform zu bringen. Aber das Apokalypsenabenteuer hat ein so großes Nachbeben hinterlassen, dass sich die Beschäftigung mit diesem Nachbeben irgendwie ganz von alleine ergab.

Genau genommen lief es so: Nach der eigentlichen Runde legte ich erstmal nur grob fest, dass Ethan als Folge aus den Ereignissen in Wyoming für einige Tage komplett in die Wildnis abtauchen würde, ohne dass ich dabei groß auf die Details einging. Dann spielten Patti, Iona und ich etwas später ein Treffen zwischen Irene, Sam und Ethan aus, zu dem letzterer eben direkt aus der Versenkung auftauchte. Dieses tatsächlich ausgespielte Treffen bildet den zweiten Teil des Diarys, und der erste Teil ist eben die freie Ausschmückung dessen, was ich bis dahin nur undefiniert als „in die Wildnis abgetaucht“ bezeichnet hatte. Der SMS-Austausch zwischen Sam und Ethan ist allerdings nicht frei erfunden, sondern der fand in unserem Korrespondenzthread im Forum tatsächlich so statt.

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Es ist das Nichtstun. Die Ruhe nach dem Sturm. Die Welt ist nicht untergegangen, die Apokalypse verhindert, und als Ethan wieder zum Durchatmen kommt, trifft es ihn wie ein Dampfhammer. Stürzen die Gedanken auf ihn ein wie eine haushohe Welle. Sie erschlagen ihn. Er ertrinkt darin. Und es ist niemand da, um ihn weiter abzulenken.

Klar. Wer auch. Cal ist schon weg. Der hat Jo geschnappt und ist mit ihr los. Zu seinem Sohn, wenn Ethan die knappe Ausführung richtig verstanden hat. Ben will sich wohl um seine Halbschwester kümmern. Nelson ist auch nicht mehr da. Wollte zurück nach Louisiana und sich versichern, dass es Sarah gutgeht. Und Irene verbringt ihre Zeit im Krankenhaus oder am Telefon, um die Pflege für deVries zu organisieren. Besser so.

Sobald Ethans Verletzungen einigermaßen verarztet sind – dass eines davon eine Schusswunde ist, interessiert in Wyoming zum Glück niemanden – hält ihn nichts mehr in der Gegend. Er hätte sich von Irene verabschiedet, aber die ist gerade so beschäftigt, dass sie seine Anwesenheit gar nicht oder nur ganz am Rande mitbekommt, also geht er grußlos. Vom Krankenhaus aus beschafft er sich eine Fahrgelegenheit nach Rapid City. Kämpft auf dem Weg die Erinnerungen nieder, die ihn zu überwältigen drohen. Oder besser: Er versucht es. Die Gedanken bilden einen Wirbel in seinem Kopf, der sich immer schneller dreht, Ethan mit sich in die Tiefe reißt. Erst jetzt im Nachgang wird ihm mit voller Klarheit bewusst, dass er in all den Jahren tatsächlich noch nie einen normalen Menschen getötet hatte. Immer nur Monster. Purer Zufall, reines Glück. Beziehungsweise mit Sicherheit auch die zwei Jahre Training bei Cal. Das vehemente Bestehen seines Ersatzvaters darauf, nach Möglichkeit keine Unschuldigen mit in die Dinge hineinzuziehen. Und als Ethan dann später alleine loszog, hat er sich immer strikt an diesen Grundsatz gehalten. Bis gestern Nacht.

Am Flughafen gibt er gut und gern ein Fünftel seines gesamten Ersparten für ein Ticket zurück nach Burlington aus. Verstaut seine Waffen in dem sicheren, verschließbaren Kasten, den die TSA vorschreibt. Meldet sie vorschriftsmäßig beim Check-In an, merkt aber schon hier, dass er den Mund kaum aufbekommt. Irgendwie schafft er es durch die Formalitäten, mit Nicken und Kopfschütteln und einzelnen, mühevoll herausgepressten Wörtern. Nur bei der Sicherheitskontrolle gerät er dann in Teufels Küche. Es ist wenig los an diesem Morgen am Rapid City Regional Airport, und dem Sicherheitsbeamten fallen Ethans zahlreiche Blessuren auf. Sein Hinken und das seit einer Woche unrasierte Gesicht. Oder vielleicht hat auch die Dame vom Schalter die Security informiert. So oder so entwickelt der Beamte großes Interesse an Ethan und fängt an, ihn auszufragen.

Er müsste antworten. Das ist Ethan völlig klar. Und zwar in vollständigen Sätzen. Er müsste freundlich lächeln und ungezwungen antworten und dem Sicherheitsmenschen klar machen, dass er weder ein Terrorist ist noch ein Krimineller. Aber es geht nicht. Die Worte bleiben ihm im Hals stecken, selbst die einfachsten. Wo er war? “Devils Tower.” Den Namen bringt er fast nicht über die Lippen. Er habe ja Waffen eingecheckt. Ob er Jäger sei? Mörder, sagt Ethan nicht. Nickt nur. Wie er sich seine Verletzungen zugezogen habe. “Jagd”, murmelt Ethan, während vor seinen Augen die Bilder toben. Nelson hinter ihm, in sein Ritual vertieft. Er muss das fertig machen. Darf auf keinen Fall unterbrochen werden. Vor ihm die heranstürmenden Ozark-Christen. Sie dürfen nicht an Nelson rankommen. Du musst sie aufhalten. Sie dürfen nicht an Nelson ran. Dürfen nicht an Nelson ran. Egal was.

Nach ein paar Minuten ruft der Mann Verstärkung von der Flughafenpolizei, und sie nehmen Ethan mit in einen separaten Raum, wo die Befragung weitergeht. Ohne jede Möglichkeit zum Rauchen, natürlich.
Sie grillen ihn gefühlt eine Stunde lang, und mit jeder Minute, die vergeht, mit jeder Frage, die sie ihm stellen, auf die sie eine ausführliche Antwort erwarten und keine bekommen, mit jedem Nachhaken nach immer und immer wieder denselben Punkten in leicht anderer Form, wird das Herausdrücken der Worte eine größere Qual. Sie fördern nichts zutage, finden keinen Grund, Ethan aufzuhalten, rufen irgendwann sogar bei der UVM an, um sich zu vergewissern, dass die Angabe seines Arbeitsverhältnisses der Wahrheit entsprochen hat. Schließlich lassen sie ihn dann gehen. Wirken beinahe enttäuscht. Er nickt ihnen nicht zu, ehe er den Raum stumm verlässt.

Am Gate stellt Ethan fest, dass tatsächlich noch etwas Zeit ist. Zeit, um sein Handy zu überprüfen, wofür es seit der Abfahrt heute früh keine Gelegenheit mehr gegeben hat. Er findet eine SMS von Sam. “Gehts allen gut? ‘Sind am Leben’ klingt irgendwie nicht so komplett optimistisch. Konnte dich nicht erreichen. Kann wieder fahren. Rufst du mich zurück?”
Ethan schluckt. Verdammt, ja. Er hatte in seiner kurzen ‘Wir sind am Leben’-Nachricht eigentlich angekündigt, Sam alles weitere am Telefon erzählen zu wollen, sobald es wieder Empfang gäbe. Aber so gerne er Samanthas Stimme hören würde, so tröstlich das auch wäre und so sehr er sich danach sehnt: Der Gedanke daran, jetzt auch nur ein einziges weiteres Wort sprechen zu müssen, bereitet ihm beinahe körperliche Schmerzen. Ethan grübelt, was er ihr schreiben soll. Wie er formulieren kann, was ihn umtreibt. Aber das ist unmöglich. Wie kann er ihr das in einer SMS vermitteln. Oder selbst in einer E-Mail. Er sitzt noch vor dem leeren Bildschirm, als der Flug aufgerufen wird. Eilig tippt er ein paar Worte. “Welt steht noch” – für mehr reicht es nicht auf die Schnelle.

Zwei Flüge mit einmal umsteigen. Beide beinahe genau gleich lang. Eine Dreiviertelstunde Aufenthalt in Chicago. Die Starts und die Landungen und die kurze Zigarette vor dem Terminalgebäude beim Zwischenstop sind eine kleine Ablenkung, aber ansonsten bleibt Ethan nichts anderes, als still auf seinem Platz zu sitzen und, den Bildern in seinem Kopf reglos ausgeliefert, ins Nichts zu starren. ‘Dämonenpaktierer!’ dröhnt es in seinem Ohr. ‘Im Namen von allem, was heilig ist, du wirst weichen!’ Ein Wirbel aus Bewegungen. Eindrücken vor seinem inneren Auge. Der Kolben der Weatherby, wie er mit sattem, ekelerregendem Klatschen auftrifft. Strauchelnde Körper. Fürs Erste gestoppt. Nicht an Nelson ran. Aber mehr. Immer mehr. Nicht an Nelson ran. Verzweifelter. Fallende Gegner. Rühren sich nicht mehr. Am nächsten Tag die Erdmassen, wo sie in der Nacht noch gekämpft haben. Erdmassen, die alles metertief unter sich begraben haben. Die Tore. Die Toten. Und eventuelle Verletzte. Keine Chance mehr auf Bergung. Mörder. Mörder. Endlose Schleife.

Es ist Abend, als er in Burlington ankommt. Zu spät, um das zu tun, von dem Ethan instinktiv weiß, dass er es tun muss. Instinktiv, weil er inzwischen fast völlig auf Autopilot funktioniert.
Die Bewegungslosigkeit während des Flugs hat ihn noch tiefer in den Strudel aus Schuld und Selbstvorwürfen gerissen. Ethan kennt das Gefühl. Er hat es ganz ähnlich schon einmal erlebt. So ungefähr ging es ihm nach Carlas Tod. Nur dass es damals noch deutlich schlimmer war als diesmal. Damals hat er sich für eine Weile ganz und gar verloren. Diesmal ist er noch genug bei sich, um zu wissen, dass er das tun muss, was ihm zur zweiten Natur geworden ist: dass er raus muss in die Wildnis. So lange, bis er das alles irgendwie verarbeitet hat.

Nur heute ist es zu spät. Jetzt noch loszufahren, wäre unvernünftig, unvernünftig, unvernünftig. Aber für die Nacht in sein Apartment zurückzukehren, diesen Gedanken kann er auch nicht ertragen. Das ist seine Wohnung, sein Zuhause für wenn alles in Ordnung ist. Nicht der Ort, um seine Wunden zu lecken. Oder zumindest nicht diese. Das ist nicht der Ort für Ethan-den-Mörder. Damit muss er anderswo klarkommen.

Um seine Outdoor-Ausrüstung und ein paar Sachen zu holen, muss Ethan natürlich trotzdem nach drinnen. Aber er hält sich so kurz im Apartment auf, wie er nur kann, und verbringt die Nacht im Auto. Hat er oft genug.
Im D21 fällt Ethan sein Telefon ein. Schaltet es jetzt erst aus dem Flugmodus wieder aktiv. In der Zwischenzeit hat Sam angerufen, sieht er. Zwar ohne auf den Anrufbeantworter zu sprechen, aber eine neue SMS wird ihm angezeigt.
“Anruf geht nicht durch. Hoffe SMS geht. Bitte melde dich. Irene und ich treffen uns am Sonntag in Pemkowet am Lake Erie. Bitte komm auch. Samantha”

Sonntag. Sonntag reicht nicht. Sonntag sind ja gerade mal ein paar Tage. Nur… ‘Bitte komm auch.’ Ethan kann Sams Stimme hören, wie sie das sagt. Ihr Gesicht sehen, wie sie ihn dabei anschaut. Bitte komm auch. Sie hat ihn noch nie um etwas gebeten. Nicht ausdrücklich.
Er kann ihr das nicht abschlagen.
“Kay”, schreibt er zurück. “Brauch paar Tage.”
Verdammt. Seine Eltern. Da draußen gibt es kein Handynetz. Was, wenn sie anrufen und ihn nicht erreichen? Er wird nie wieder spurlos verschwinden. Er hat es versprochen. Ihnen ebenso wie sich selbst. Mit Mühe verfasst Ethan eine Nachricht, die, wenn auch knapp, sie hoffentlich zufriedenstellen und nicht in Sorge verfallen lassen wird. Dass er ein paar Tage campen geht und keinen Empfang haben wird.
Und Artie. Artie freut sich auf ihre Gespräche im Skype, das weiß Ethan, ebenso sehr, wie er selbst sich ja auch darauf freut. Aber Ethan weiß genauso, dass er kein Wort herausbringen würde. Und dass der Kleine sich riesige Sorgen machen würde, wenn er Ethan so zu Gesicht bekäme. Der würde sofort merken, dass was nicht stimmt. Kann er dem Kleinen nicht antun. Besser in Ruhe erklären, wenn er dazu wieder in der Lage ist.

Die Bristol Cliffs Wilderness ist nicht groß, nur ca. 1.600 Hektar. Aber sie ist auch nur eine Dreiviertelstunde von Burlington entfernt und hat keine offiziell erschlossenen Wege, sondern ist nur mit Karte und Kompass zu begehen. Also auch keine, oder nur wenige, Freizeitwanderer. Passt Ethan gerade in den Kram.
Am Parkplatz südlich von Lincoln stellt er den Nissan ab, wirft sich den Rucksack über und zieht los. Es geht nur langsam und humpelnd voran, weil die Verletzung am Bein ihn doch einigermaßen behindert, aber Schnelligkeit ist nicht der Zweck der Aktion. Der Zweck der Aktion ist das Laufen an sich, egal in welchem Tempo. Den Kopf frei bekommen. An gar nichts denken. Das Unterbewusstsein verarbeiten lassen.

Die erste Viertelmeile ist leicht. Da führt ein relativ häufig begangener Trampelpfad zu einem kleinen, idyllischen Teich, ehe das weglose Gelände beginnt. Danach ist Ethan dann dankbar für die Routine, die sich schon bald einstellt. Gehen. Auf die Bodenbeschaffenheit achten. Kompass im Auge behalten. Keine Spuren hinterlassen. Die Bewegung drängt die Bilder und Gedanken zurück, aber sobald er eine Pause einlegt, kommen sie mit voller Wucht wieder. Er bleibt auf den Beinen, bis die Erschöpfung und das schwindende Licht ihn zum Nachtlager zwingen, in der Hoffnung, dass es dann nicht so lange dauert, bis er einschläft. Falsche Hoffnung, aber den Versuch war es wert.

Über die nächsten Tage wird es nicht so richtig besser. Das Draußensein hilft schon, aber eben vor allem, wenn Ethan in Bewegung ist. In den Nächten starrt er in den zumeist sternklaren Himmel, bis ihm irgendwann doch die Augen zufallen.
Am Samstag Nachmittag hat Ethan sich soweit ausgepowert, dass er einen Zustand wohltuender Taubheit erreicht hat. Er weiß nicht, wie weit der eigentliche Verarbeitungsprozess schon gekommen ist, aber er nimmt alles, was er kriegen kann. So oder so: Zeit für den Rückweg. Er hat es versprochen.

Gerade hat er einen kleinen Bachlauf überquert, da hört Ethan von irgendwo zu seiner Rechten ein fröhliches Kläffen. Erstaunt sieht er sich um und entdeckt einen kleinen schwarzen Yorkshire-Terrier, der am Bach entlang munter auf ihn zugetobt kommt. Einmal um ihn herumhüpft, dann stehenbleibt und ihn aus wachen Augen von schräg unten anschaut.
Beinahe muss Ethan lächeln. “Hey”, sagt er, oder will er sagen, aber das Wort kommt eher heraus wie ein geräuschvolles Ausatmen. Stimmt. Seit dem Flughafen hat er keinen Ton mehr von sich gegeben.

“Kommstn du her?” formt Ethan die Worte lautlos mit den Lippen, während er langsam weitergeht. Der Vierbeiner hechelt ihn mit fröhlichem Schwanzwedeln an, springt dann eifrig einige Meter voraus und wieder zurück, gibt jedes Anzeichen von sich, Ethan zumindest eine Weile begleiten zu wollen. Der Schatten eines Schmunzelns geht über Ethans Gesicht, dann sieht er sich suchend um. Hmmm. Keine Spur von den Besitzern des Tieres? Wobei. Ein Halsband scheint der kleine Scottie gar nicht zu tragen. Ein Streuner? Hier oben? Na, soll ihm recht sein. Ist eine Abwechslung. Er nickt dem Tier zu und lässt die Routine der gleichmäßigen Schritte sich wieder über seine Gedanken legen.

Irgendwann hebt er einen kleinen herumliegenden Ast auf und wirft ihn vor sich; ein Spiel, an dem sein vierbeiniger Begleiter sich begeistert beteiligt. Der schwarze Hund bekommt gar nicht genug davon, wieder und wieder dem Stöckchen hinterher zu hetzen und es Ethan zurückzubringen. Border Collies mögen sowas. Das sind ja immerhin vornehmlich Hütehunde, soweit Ethan weiß. Oder zumindest sind es in Ein Schweinchen namens Babe vornehmlich Hütehunde, und warum soll der Film in der Hinsicht was Falsches zeigen.
Aber… Moment. Ethan runzelt die Stirn. Irgendwas stimmt nicht. Er ist zwar ausgepowert und eigentlich ziemlich dankbar, dass sein Kopf sich gerade anfühlt wie ein ganzes Stück entfernt, aber das war eben noch kein Border Collie. Das war eben noch ein Scotch Terrier. Und ganz am Anfang, als er das Tier zum ersten Mal sah, war es ein Yorkie.

Mechanisch wirft Ethan den Stock ein weiteres Mal weg. Der Hund hüpft davon. Kommt wieder. Ethan mustert das Tier aus verengten Augen. Nochmal. Ein schwarzer Labrador bringt den Ast zurück. Ethan hat nicht sehen können, wann und wie die Verwandlung vonstatten gegangen ist, und das, obwohl er den Vierbeiner nicht aus den Augen gelassen hat. Der Hund lässt den Stock fallen und springt um Ethan herum. Dessen Hand geht zu dem Gewehr über seiner Schulter, aber er ist einen Herzschlag zu langsam. Der Labrador ist zu einer Dogge geworden, und jetzt springt ihm die Dogge mit einem mächtigen Satz auf den Rücken. Klemmt die Weatherby ein, ehe Ethan sie greifen kann. Ein Gewicht von mindestens sechzig Kilo. Harte Krallen, die schmerzhaft gegen sein Brustbein drücken.

Ethan wirbelt herum. Packt die Kreatur an den Seiten und will sie von sich herunterziehen, aber keine Chance. Das Biest lässt sich nicht abschütteln, egal, wieviel Kraft Ethan aufwendet oder welche Tricks er versucht. Das Drecksvieh sitzt bombenfest. Bleischwere Beklemmung auf seiner Brust. Ein bösartiges Knurren und das Geräusch von Zähnen, die direkt neben seiner Kehle zuschnappen, dazu ein plötzlicher Druck an seiner Seite, machen ihm klar, was das Wesen will: Dass er läuft.

Ethan läuft. Die Bestie treibt ihn gnadenlos an, ja reitet ihn regelrecht, mit unerbittlichem Druck und schnappenden Fängen, wenn er nicht schnell genug ist oder sich in die falsche Richtung bewegt. Wobei Ethan nicht mal sicher ist, ob das Monster ihn auf einer ganz bestimmten Route haben will oder einfach nur die Macht über ihn genießt. Es kommt ihm vor, als wechsele er immer mal wieder relativ willkürlich den Kurs. Nur in Richtung Parkplatz und Auto, wohin er eigentlich unterwegs gewesen war, lässt das Drecksvieh ihn nicht.

Ethan läuft. Mit jedem Schritt, den er tut, scheint das Biest schwerer zu werden. Nein. Wird das Biest schwerer, ist er sich ziemlich schnell sicher. Das Biest wird schwerer, die Beklemmung um sein Herz enger, dass er fast nicht mehr atmen kann, und schon bald fühlen sich Ethans Beine an wie aus Blei. Er kann die Füße kaum noch heben. Das aufgezwungene Tempo tut seiner Schusswunde auch nicht gerade gut. Abgrundtiefe Verzweiflung breitet sich in ihm aus von dem Alpdruck auf seiner Brust. Ethan läuft. Und stolpert. Einmal. Eine Weile später nochmal. Dann öfter. Das Drecksding wird ihn hetzen, bis er vor Erschöpfung umfällt, wird ihm mit unausweichlicher Klarheit bewusst. Und dann wird es ihn entweder zerfleischen, oder es wird ihm, wenn er am Boden liegt und nicht mehr hochkommt, die Lebenskraft einfach trotzdem weiter absaugen. So oder so: Nicht mehr lange, dann ist er tot.

Macht nichts, sagt eine Stimme in seinem Hinterkopf. Hast es nicht besser verdient. Gib auf. Bleib liegen, wenn du fällst. Es ist Bestimmung, dass du gerade jetzt diesem Viech begegnet bist. Mörder. Mörder. Unerträglicher Druck. Gib ihm nach.

Aber… nein. Das ist nicht er. Er ist niemand, der so leicht aufgibt. Sich jetzt hinzulegen und zu sterben, wäre mehr als einfach nur feige. Es würde allem widersprechen, das Ethan ausmacht. Vielleicht findet er tatsächlich keinen Ausweg. Vielleicht wird dieses Viech ihn am Ende erwischen. Aber erst, wenn er alles, sein wirklich Allerletztes, gegeben hat. Den Gefallen, einfach so alle Viere von sich zu strecken und zu sterben, wird Ethan dem Drecksbiest nicht tun. Und. Sam. Versprochen.

Ethan läuft. Langsamer jetzt; so langsam er kann, ohne dass das Viech den Druck weiter verstärkt. Kraft sparen, so gut es irgendwie geht. Denk du nur, ich bin am Ende. Unterschätz mich. Kannst mir Energie entziehen. In meinen Kopf sehen kannst du nicht.
Die alpdruckhafte Beklemmung um Ethans Brustkorb wird nicht besser, aber die tiefe Verzweiflung, die nicht seine eigene war, lichtet sich etwas.

An die Weatherby kommt er nicht ran. Die wird von der massigen Gestalt auf seinem Rücken ebenso wirkungsvoll eingeklemmt wie sein Rucksack. Aber am Gürtel hat Ethan sein Messer hängen. Warum hat er an das eigentlich bis eben nicht gedacht?
Auch da ist ein Hundelauf im Weg, unverrückbar. Nur… Kurz bleibt Ethan stehen, beugt sich vor, als müsse er Atem schöpfen. Muss er auch, aber das ist nicht das Hauptziel der Aktion. Er beugt sich vor und stemmt die Hände in die Seiten, japst und keucht. Und tastet währenddessen blind nach dem Futteral am Gürtel.

Er hat Glück. Das Bein des Drecksviechs liegt über der Hülle, aber nicht über der eigentlichen Öffnung oben. Und während die Kreatur schon wieder den Druck verstärkt, Ethan sofort wieder vorantreibt, fängt der im Loslaufen an, den Verschluss aufzunesteln.
Es kommt ihm wie eine Ewigkeit vor, aber schließlich hat er den Messergriff in den Fingerspitzen. Fängt an zu ziehen. Nicht loslassen. Nicht fallenlassen. Und vor allem: nichts anmerken lassen. Halb draußen. Das Monster scheint nichts bemerkt zu haben. Ethans Hand legt sich um den Griff seiner Waffe. Warte. Warte. Noch ein Schritt. Und noch einer, so bleischwer der auch fällt. Wenn die Bewegung natürlich wirkt.

Jetzt.

Ein leiser Ruck, als die Klinge aus der Hülle freikommt. Fester packen. Zustoßen. In die Seite der Bestie. Jetzt!
Nur dass das Messer, scharf, wie es eigentlich ist, nicht in das Monstrum eindringt. Sondern einfach an ihm abprallt, als sei die Waffe aus Spielzeugplastik und die Haut des Viechs aus Kevlar oder sowas.
Der Monsterhund knurrt wütend auf, und Ethan reißt den freien Arm hoch. Kriegt irgendwie die Hand um die geifernde Schnauze, die rasend vor Wut nach seinem Hals schnappt. Drückt das Maul des Hundes mit aller Kraft zusammen, die er aufbringen kann, während er mit der Rechten weiter zusticht. Scheiße, verdammte, das elende Vieh muss doch irgendwo zu verwunden sein!

Vielleicht kann er dem Drecksvieh die Beine absäbeln. Oder wenigstens irgendwie diesen verdammten Druck ein bisschen lockern!
Ethan versucht, sein Messer in den schwarzfelligen Lauf zu rammen, aber die Klinge springt von der Gliedmaße ebenso ab wie von der Flanke des Hundes. Verdammt!

Von dem Bein gleitet die Klinge ab. Aber dabei streift die Schneide die Pfote der Kreatur, und die Bestie zuckt zusammen, viel mehr, als sie das eigentlich von der leichten Berührung sollte. Das Monster heult wild und reißt das Maul auf, und diesem heftigen Ruck kann Ethan nicht widerstehen. Kann seinen Griff um die vom Speichel glitschige Schnauze nicht halten. Die scharfen Fänge kommen frei, schnappen zu. Verbeißen sich in Ethans Jackenärmel statt in seiner Kehle, weil er gerade noch den Arm dazwischenschieben kann. Die Jacke ist zwar aus festem Outdoorstoff, und einen Teil der Wucht des Bisses fängt sie ab, aber dem Monsterkiefer ist sie doch nicht ganz gewachsen. Egal. Unter dem jähen Gefühl der Hoffnung bemerkt Ethan den Schmerz kaum. Schwachstelle!

Ganz bewusst zielt er jetzt auf die Pranke, und hier dringt Ethans Klinge mühelos durch die Haut des Riesenhundes. Er trifft sich selbst gleich mit, aber das ist ein verschwindend geringer Preis dafür, dass eines der schwarzen Beine sich von ihm löst. Drei weitere schnelle Schnitte, ein neuer Schmerz in seinem Arm, als die Bestie mit dem Trennen jeder Pfote die Zähne tiefer hineingräbt, dann lässt die Kreatur endlich los. Fällt von Ethan ab und landet mit einem Jaulen und Knurren zähnefletschend auf allen Vieren vor ihm.

Ethan hat keine Zeit, um lange nachzudenken. Er weiß nur eines: Auch wenn das Drecksbiest ihn gar nicht weiter angreifen, sondern gleich die Flucht antreten will, er kann es nicht weglassen. Die Gefahr, dass sonst in ein paar Tagen ein vermeintlich verspieltes Hündchen dem nächsten Wanderer auflauert, ist viel zu groß. Und er hat flüchtig etwas gesehen, als der Hund fiel. Einen kleinen weißen Fleck im ansonsten kohlschwarzen Fell. Genau in der Mitte der Brust. Ethans Jägerinstinkt setzt ein. Da, wo das Drecksding sein Herz hat, vielleicht? Gut geschützt und unerreichbar, wenn das Monster wie festgeklebt auf dem Rücken seines Opfers hängt. Aber jetzt?
Ethan denkt nicht lange nach, sondern folgt seiner Intuition. Stürzt sich auf die Bestie und hofft, dass er sich die Stelle richtig gemerkt hat. Aber vor allem, dass sein Gespür ihn nicht trügt. Dieser Stoß darf nicht danebengehen.

Der Stoß geht nicht daneben. Und Ethans Gespür hat ihn nicht getrogen: Die kleine weiße Stelle ist ebenso verwundbar wie die Pfoten des Monstrums. Sein Messer dringt leicht durch das glatte Fell und ohne jeden Widerstand weiter hinein. Die riesige Dogge gibt ein beinahe Mitleid erregendes Winseln von sich – ha, von wegen! – und verwandelt sich zurück zum Labrador. Zum Border Collie. Zum Scotch Terrier. Zum Yorkie. Fällt um und rührt sich nicht mehr. Und dann liegt da nur noch ein Haufen Knochen, mengenmäßig mehr Dogge als Terrier. Wobei. Der Schädel. Das sind Menschenknochen.

Schwer atmend beugt Ethan sich vorneüber, wie eben schon, nur ernsthaft jetzt. Er ist völlig erledigt. Am liebsten würde er sich hier und jetzt hinlegen und eine Woche lang schlafen. Kann er bloß noch nicht. Es wird langsam dunkel, aber wenigstens ein Stück zurück in Richtung Auto sollte er heute noch. Und die Knochen kann er auch nicht einfach so liegen lassen. Aber erstmal verarzten.
Ein paar Minuten später kleben Pflaster auf den Messerschnitten, und die Bisswunde in Ethans Arm ist desinfiziert und einigermaßen stramm verbunden – so gut das mit Kinn und Zähnen und der anderen Hand eben geht, aber es ist nicht das erste Mal, dass er sich selbst einen Verband um den Arm wickelt. Die Schussverletzung im Bein hat durch die Anstrengungen mit dem Hund wieder zu bluten angefangen, und auch die ist neu bandagiert.
Die Knochen packt Ethan in seine Jacke und streut schon mal großzügig Salz darauf, ehe er die durchlöcherten Ärmel – okay, einen durchlöcherten Ärmel und einen unversehrten – darüber zusammenbindet.

Sonderlich weit kommt Ethan tatsächlich nicht mehr, ehe es zu dunkel wird, aber wenigstens findet er einen Lagerplatz, der halbwegs taugt. Die Jacke mit den Knochen in einem Salzkreis eingeschlossen und ein kleines, sorgfältig mit Erde und Steinen gesichertes Feuer aus Bruchholz tun ein bisschen was dafür, dass Ethan sich einigermaßen entspannt und tatsächlich sehr bald einschläft. Aber nicht, bevor er nicht an seinem Handy die Weckfunktion eingestellt hat. Es sind ein paar hundert Meilen bis Pemkowet.

Etwas über vierhundertfünfzig, stellt Ethan am nächsten Morgen fest, als er nach zwei Stunden beinschonenden Humpelns wieder bei seinem Pickup ist. Acht Stunden, falls er problemlos durchkommt. Erst noch nach Hause zu fahren und sich umzuziehen, kann er vergessen, wenn er es einigermaßen zeitig zu dem Treffen schaffen will. Naja. Muss so gehen. Einmal Sachen zum Wechseln liegen ohnehin immer im Nissan, und im Rucksack hat er auch noch was.
Erstmal sind aber die Knochen fällig. Das Drecksvieh ist ihm zwar nicht vorgekommen wie ein normaler Geist, aber sicher ist sicher. In Lincoln füllt er seinen Benzinkanister, sucht sich dann einen ruhigen Ort – ein alter Steinbruch in der Nähe des Städtchens trifft ziemlich genau das, was er braucht – und fackelt dort die Monsterknochen ab, nachdem er sie nochmal gründlich eingesalzen hat.

Während er den Überresten beim Brennen zusieht und gelegentlich Benzin nachgießt, versucht Ethan herauszufinden, mit was er sich da gestern überhaupt herumgeschlagen hat. Es dauert auch gar nicht so lange, bis das Internet einen Namen für das Drecksvieh ausspuckt. Stüpp. Monster deutscher Herkunft. Lauert einsamen Wanderern auf, vorzugsweise an Wegkreuzungen oder Friedhofsmauern. Oder an Wasserläufen. Heh. Ja. Kein Geist an sich, eher eine Art Wiedergänger. Nur was macht ein Wiedergänger aus Deutschland mitten im Nichts der Bristol Cliffs Wilderness?
Weiteres Suchen fördert zutage, dass vor einigen Jahren ein deutscher Urlauber in den Cliffs ums Leben gekommen ist. War alleine unterwegs und hatte sich wohl entweder nicht ausreichend vorbereitet oder schlicht einen Unfall. Au. Unschön. Aber jetzt hoffentlich kein Problem mehr, wenn Ethan sich die langsam zu Asche vergehenden Knochen so betrachtet.

Eine Weile später sitzt Ethan im Auto. Vierhundertfünfzig Meilen sind eine ganz schöne Strecke, acht Stunden eine ziemlich lange Fahrt, und natürlich kommen die Bilder und Gedanken wieder. Nicht ganz so heftig wie zuvor, und die Erinnerungen an Wyoming sind mit Eindrücken vom Stüpp durchsetzt, aber heftig genug. Eigentlich hätte er ein paar Tage mehr draußen gebraucht. Egal.
Bei einer Pause schickt er eine kurze SMS an Sam. “Omw. Wo?”
Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. “Hunters’ Lodge”, schreibt Sam zurück. Echt jetzt? Unter normalen Umständen hätte ihm der Name vermutlich ein ungläubiges Schmunzeln entlockt. Heute nicht.

Es ist schon ziemlich spät am Nachmittag, als Ethan vor dem Bed & Breakfast zum Halten kommt. Beim Anblick des Hauses zieht er eine Augenbraue hoch. Wie eine ‚Hunters Lodge‘ sieht die südstaatenartige Villa mit ihren weißen Säulen und der großzügigen Veranda mal so überhaupt nicht aus.
Auf der Veranda sitzen Sam und Irene mit Tassen in der Hand in einer Hollywoodschaukel, erkennt Ethan, als er sich dem Haus nähert. Die beiden Frauen haben ihn auch schon bemerkt, sehen ihm entgegen. Eine Hand legt sich um Ethans Herz, drückt es ein wenig zusammen. Sam.
Die springt gerade mit etwas verlegenem Gesichtsausdruck auf und stellt eilig ihre Tasse – ganz dünnes, durchscheinendes Porzellan, bemerkt Ethan jetzt – auf einem Beistelltischchen ab. Dann wendet sie sich mit vorwurfsvollem Blick ihrer Cousine zu. Obwohl er noch ein Stück entfernt ist, kann Ethan verstehen, was sie sagt. “Das nennst du ‘kommt klar’?” Irene mustert Ethans humpelnde, abgerissene Gestalt entgeistert, und ihr entfährt ein: “Mann, sieht der scheiße aus!”

Er hinkt die drei Stufen zur Veranda hoch. Hat nur Augen für Samantha. Sie sieht wunderschön aus. Er hat sie so vermisst. Ethan lächelt sie an – zumindest dachte er, das würde er; seine Mundwinkel wollen ihm nicht so recht gehorchen und bewegen sich nur einen Hauch – und zieht sie, auch wenn der Hundebiss protestiert, in eine Umarmung, als wolle er sie nie wieder loslassen. Samantha versteift sich, reagiert keinen Millimeter. Ethan zuckt zusammen. Oh. Oh verdammt. Hat er sich schon wieder was vorgemacht?
Aber dann legen sich ihre Arme doch um ihn. “Geht es dir… gut?”
Nein. Nein, tut es nicht. Aber… Wortlos hebt er die Schultern. Wird schon. Irgendwie. Muss. Es tut so gut, Sam im Arm zu halten.
Verlegen macht Ethan sich dann los, so schwer ihm das auch fällt. Aber Samantha wirkt so… so distanziert. Verdammt.
Jetzt umarmt er auch seine britische Freundin, die ihn mit hochgezogenen Augenbrauen mustert, kurz zur Begrüßung. Irene zu sehen, tut auch gut.
“Das sieht aber nicht aus wie ‘nur Kratzer’!” sagt Sam indigniert zu ihrer Cousine, als Ethan einen Schritt von der Engländerin zurücktritt. Die macht ein undefinierbares Gesicht, irgendwo zwischen Betretenheit und Verwunderung.
‘Nur Kratzer’? Was hat Irene Sam schon alles erzählt? Wobei sie eigentlich ja nicht unrecht hat. Rein körperlich waren das wirklich alles nur Kratzer dafür, dass die Welt noch steht. Die echten Wunden sitzen anderswo. Mörder.

Erst jetzt wird Ethan bewusst, dass er noch nicht einen Ton gesagt hat, seit er hier ist. Und dass er in Sachen, die er seit 5 Tagen anhat, vor den beiden Frauen steht. Sachen, die ziemliche Anstrengungen mitgemacht haben. Mit nichts als der einen oder anderen Katzenwäsche zwischendrin. Und rasiert hat er sich auch seit zwei Wochen nicht. Oh. Oh verdammt. Ethan spürt, wie ihm das Blut in den Kopf steigt. “Ähm.” Er klingt ziemlich heiser. Kein Wunder. “Duschen…?”
Sam nickt schnell. Zu schnell. Sie mustert ihn eingehend, vorwurfsvoll. Au Dreck. Aber dann schenkt sie ihm doch ein kleines Lächeln und streicht sachte über seinen Zwölf-Tage-Stoppelbart. “Steht dir.”
Oh. Ehrlich? Wow.

Zum Glück wird der peinliche Moment von einer blonden jungen Frau unterbrochen, die mit einem graubraunen Yorkshire-Terrier im Schlepptau auf die Veranda kommt. Ethan wirft dem Tier einen schnellen, misstrauischen Blick zu, aber es trägt ein Halsband und eine kleine Schleife auf dem Kopf und wirkt generell völlig zahm und unstüppig. Brav.
Die blonde junge Frau ist die Besitzerin. Sie erklärt, die Zimmer seien fertig, und ah, der dritte Gast sei ja inzwischen auch angekommen, wie schön. Dabei wirft sie einen wissenden Blick zwischen Sam und Ethan hin und her und stellt sich ihm dann als Dinah Carpenter vor, ehe sie vorangeht, um den Besuchern ihre Unterkunft zu zeigen.
Bevor Irene von der Wirtin mit in den zweiten Stock genommen wird, bekommen die beiden jüngeren Jäger nebeneinanderliegende Zimmer im ersten Stock zugewiesen. Die Räume gehen nach hinten auf den Garten hinaus, und zwar nicht nur mit großen, hellen Fenstern, sondern auch mit einem gemeinsamen Balkon.
Ethan wirft einen neugierigen Blick in Sams Zimmer, ehe er sich sein eigenes ansieht: Beide sind eher rustikal, aber sehr gemütlich eingerichtet; Sams Zimmer noch ein bisschen moderner als Ethans und mit einem gut gefüllten Bücherregal bestückt, während sein Zimmer tatsächlich direkt aus einer Blockhütte irgendwo in den Bergen kommen könnte. Aber nicht bedrückend-düster oder klischeehaft – keine kitschigen Gemälde mit irgendwelchen Hirschen drauf, herzlichen Dank! – sondern warm und einladend. Ein uraltes Paar Ski als Dekoration an einer Wand, an der anderen ein Bild von einer Berglandschaft. Und ein großer Globus auf einem Beistelltisch. Keines von diesen hässlichen Plastikdingern, die sich von innen beleuchten lassen, sondern ein richtig schön altmodischer aus Holz. Ein Schaukelstuhl in der Ecke und ein paar wenige Bücher auf einem Regal in Griffweite daneben. Alles in allem ist das Zimmer nicht so, wie er für den Rest seines Lebens darin wohnen wollen würde, aber für jetzt, für den Aufenthalt hier, ist es… ist es perfekt. Ist es richtig.

Auch die Dusche ist perfekt, hat der Wasserstrahl gerade den richtigen Grad an Massagewirkung. Ethan bleibt länger darunter, als er das eigentlich vorgehabt hatte, und muss sich hinterher mit dem Umziehen eilen. Rasieren fällt aus, einmal eben wegen der knappen Zeit, aber vor allem, wenn er ehrlich ist, weil Sam gesagt hat, dass ihr das so gefällt.
Als Ethan mit feuchten Haaren und neu verpflastert wieder zu den beiden Frauen stößt, sieht Sam ihre Begleiter mit einem amüsierten Kopfschütteln an. “Bin ich eigentlich die einzige hier, die einen Fön benutzt?” Denn auch sie und Irene waren in der Zwischenzeit unter der Dusche, und auch Irenes Haare sind noch nass. Aber klar: die Britin kann sich ja einfach einen Pferdeschwanz binden, während es bei Sams kurzer Frisur ohne wenigstens ein bisschen Styling vermutlich kaum geht.

Zum Abendessen empfiehlt Irene ein Restaurant am See, wo es ihr zufolge sehr guten Fisch gibt und man sich in Ruhe und ungestört unterhalten kann. Sie sollten hinlaufen, schlägt die Britin dann vor, etwas Bewegung tue ihnen allen sicher gut. Ethan zuckt die Schultern: Ihm aus auch das. Es ist Sam, die einen Blick auf sein Bein wirft und Einspruch einlegt, was ihre Cousine zu einem etwas reuigen Gesicht veranlasst.

Der Fisch ist wirklich richtig lecker. Als der erste Hunger gestillt ist, fängt Irene an zu berichten. Ganz ausführlich. Campti, Wyoming, Jo und deVries, alles. Gut. Muss er nicht. Außer einem gelegentlichen „mmhm” und noch selteneren Einworteinwürfen lässt Ethan die Britin machen. Bei ein paar Sachen aus der Erzählung verzieht er das Gesicht, aber so richtig zuckt er zusammen, als Sam fragt, wo die ganzen Verwundungen denn nun eigentlich herkommen, und Irene erklärt, dass sie selbst sich vor allem um Cal gesorgt und gegen Baphomet gekämpft habe, weswegen alles andere ziemlich verschwommen sei. Aber da seien noch jede Menge andere Parteien gewesen, und die hätten Nelsons Ritual stören wollen.
Nicht an Nelson ran. Egal was. “Dämonenpaktierer!” Körper, die zu Boden gehen. Mörder.
Ein Druck an seinem Knie lässt Ethan aufsehen. Sams Blick, fragend, aber mitfühlend, trifft den seinen. Ich bin hier, sagt ihre tröstende Berührung. Ein Lächeln bekommt er nicht zustande, aber den Druck erwidert er dankbar.

Von Cal und dem Stück seiner Seele, das von ACs Tod mitgerissen wurde, erzählt Irene auch. Da zieht Ethan gleich schon wieder eine Grimasse.
Sam, immer praktisch veranlagt, schlägt vor, man könnte doch die Wiccas hier im Ort mal zu Rate ziehen. Bei Ethans Fluch seien sie immerhin auch bereit zu helfen; vielleicht wüssten Casimir oder einer seiner Leute ja auch für Calebs Seelenproblem eine Lösung?
“Ja klar”, ätzt ihre Cousine sarkastisch. “Und Mitch braut Cal einen Seelenwiederherstellungstee, und alles wird gut. Haha.” Aber doch, überlegt die Jägerin dann, zu Mitch könnten sie trotzdem mal gehen. Irene möchte ihren Tee nachkaufen, sagt sie.
Vom See aus ist es nicht weit, nur ein Stückchen die Hauptstraße entlang. Also lassen sie das Auto am Restaurant und spazieren die paar Minuten zu Fuß. Irene, die den Weg zu Mitchells Kräuterladen kennt, geht voran.

Unterwegs langt Ethan spontan nach Samanthas Hand. Möchte sie eigentlich nur kurz drücken, Sam danken für die Nähe im Restaurant, ihr schnell eine kleine, liebevolle Geste zukommen lassen.
Sam zuckt erst weg, will die Hand zurückziehen – verdammt! – lässt die Berührung dann aber doch geschehen.
“Eigentlich ist das Quatsch”, sagt Irene in diesem Moment. “Mitch hat bestimmt schon geschlossen.” Sie dreht sich halb zu ihren Begleitern um. “Aber wir könnten sehen, ob Casimir noch geöffnet h–”
Abrupt bleibt die Britin stehen, starrt erst auf die ineinander liegenden Hände und durchbohrt dann die beiden jüngeren Jäger, vor allem Ethan, mit einem anklagenden Blick.
“Was macht ihr da?”
Ethan erwidert das vorwurfsvolle Starren wortlos, mit erhobenem Kopf. Nach was sieht es wohl aus?
Wie oft seid ihr euch seit dem Domus Ruber gleich noch begegnet?”
Sam sieht ihre Cousine herausfordernd an. “Ich hab dir doch gesagt, wir stehen in Kontakt.”
Irenes Stimme wird schärfer. “Lass sie los.”
“Nein.” Ethan bedenkt die Engländerin mit einem festen Blick, während er gleichzeitig spürt, wie Samanthas Finger sich enger mit den seinen verflechten.
Die Ältere klingt jetzt richtiggehend wütend. Ethan müsse es doch eigentlich besser wissen. Sam so in Gefahr zu bringen! Dann dreht sie sich zu ihrer Cousine um und geht auch auf die los. Was Sam einfiele, sie wisse doch bescheid über den Fluch!
Ethan wirft seiner britischen Freundin nun selbst einen aufgebrachten, anklagenden Blick zu. Wie kann sie auch nur eine Sekunde lang denken, dass er Sam jemals in diese Gefahr bringen würde?
“Ja, eben”, hält Samantha der älteren Jägerin währenddessen entgegen. “Wir sind erwachsen. Wir wissen schon, was wir tun. Immerhin hat keiner von uns ein Interesse daran, den Fluch auszulösen.”
“Du bist eine Hooper-Winslow”, schießt Irene zurück. “Selbstbeherrschung Mangelware und all das?”
Sam schnaubt nur ungläubig, während Ethan spürt, wie die Wut und die Wichtigkeit des Themas die Worte in ihm lösen. “Ich könnte ihr nie etwas antun. Eher hacke ich mir die Hand ab, als dass ich zulasse, dass Sam etwas passiert!”
Eher hackt er sich noch etwas ganz anderes ab. Aber das sagt er nicht.
“Weil das ja auch schon immer so gut funktioniert hat!” faucht Irene.
“Es gehören immer noch zwei dazu!” stellt Sam klar und wiederholt dann mit Nachdruck: “Wir wissen, was wir tun.”
Die Engländerin sieht nicht besänftigt aus, also versucht Ethan es nochmal.
“Ich werde nicht zulassen, dass Sam etwas zustößt.”
Hilft nur auch nichts, denn nun richtet Irene ihren Zorn wieder auf ihn.
“Das kannst du nicht wissen! Was, wenn der Fluch dich gerade dazu bringt, unvorsichtig zu sein und die Gefahr zu vergessen? Und dann ist es zu spät!”
Ethan beißt die Zähne zusammen. In Portland haben sie den Fluch in den Wind geschlagen. Aber das war keine Gefahr. Nicht beim ersten Mal. Und solange er den Fluch nicht los ist, war es das. Punkt, aus. Aber er wird sich hüten, Portland jetzt anzusprechen. Wenn er das jetzt machen würde, wäre er Asche. “Wird. Nicht. Passieren.”
Sam springt ihm zur Seite mit der erneuten Versicherung, dass sie erwachsen seien und nichts geschehen werde, aber die Britin wendet ihren glühenden Blick nicht von Ethan ab.
“Wenn ihr etwas zustößt, gibt es kein noch so kleines Loch auf dieser Erde, wo du dich vor mir verstecken kannst!”
Ethan nickt knapp. Es ist ihr bitter ernst, das kann er spüren, und er glaubt Irene das aufs Wort. Seine eigene Stimme klingt jetzt ebenso erregt wie die seiner englischen Freundin, denn ihm ist es ebenso bitter ernst. “Wenn ihr was zustoßen sollte, dann will ich, dass du mich findest!”
Irene antwortet nicht. Sie dreht sich auf dem Absatz herum und zieht ab.
Drecksmist.

Von der Engländerin ist weit und breit nichts zu sehen, als die beiden jüngeren Jäger, die Gemüter noch immer zu gleichen Teilen aufgewühlt wie völlig erledigt, in die Pension zurückkommen. Sie sollten schlafen gehen, aber an Schlafen ist gerade noch nicht zu denken. Zumindest nicht, soweit es Ethan betrifft. Vielleicht setzt er sich noch ein bisschen mit einem Buch in seinen Schaukelstuhl oder sieht dem Globus beim Rotieren zu, bis ihn das müde macht. Vor ihren nebeneinander liegenden Zimmertüren bleiben sie stehen. Sam holt ihren Schlüssel aus der Tasche und spielt damit herum. Ihr Gesicht ist verschlossen, die Augenbrauen zusammengezogen. Ziemlich genau wie vorhin, als er ankam. Die Verstimmung ist ihr so deutlich anzusehen, als wäre ein Schild neben ihr aufgeploppt, so eines wie die in der Mangawelt Anfang des Jahres. „Also dann… gute Nacht“, brummt sie in Ethans Richtung, ehe sie Anstalten macht, den Schlüssel ins Schloss zu stecken.
“Sam…”
Sie dreht sich zu ihm um. “Hmm?”
“Ich…” Drecksmist. Es bleibt ihm alles im Hals stecken.
“Ich habe mir Sorgen gemacht, Ethan.”
Sam ist wütend auf ihn. Natürlich ist sie das. Ärgert sich über seine tagelange Funkstille, und jetzt, wo der Unmut nicht mehr von ihrer Empörung über Irenes Reaktion verdrängt wird, kommt er wieder zum Vorschein. Oh Mann. Verdammt. Sie hat ja recht damit. Nur…
“Musste raus.“ Ethan macht eine unbeholfene Handbewegung. “Klarkommen. Abstand.“ Es ist ihm völlig klar, wie hilflos das klingt. Wie… wie jämmerlich. “Wildnis. Kein Netz. Brauchte… Zeit.” Mehr Zeit als bis heute, eigentlich. Aber das sagt er nicht laut. Ja, er hätte mehr Zeit gebraucht. Wäre mit ziemlicher Sicherheit noch nicht wieder in der Zivilisation, wenn es diese Verabredung nicht gegeben hätte. Aber andererseits ist Sam hier. Und kann ihm dieser Ort vielleicht auch guttun, irgendwie. Nein. Vor allem Sams Anwesenheit. Hatte er gedacht. Gehofft. Aber nachdem der gemeinsame Streitgegner nicht mehr direkt vor ihnen steht, sieht Sam Ethan jetzt wieder so ungehalten an. So kühl und distanziert. Scheiße, tut das weh.
Er überlegt, ob er ihr vom Flughafen erzählen soll. Von dem Verhör und von dem alles verschlingenden schwarzen Loch, das auch die Wörter gefressen hat. Aber er würde es nicht formuliert bekommen, ist er sich ziemlich sicher, und dann würde es nur nach lahmer Ausrede klingen. Seine mageren Erklärungsversuche scheitern ja jetzt schon kläglich. “Tut mir leid…”

Etwas in Samanthas Gesicht wird weich. Sie macht die drei Schritte auf Ethan zu, dann legen sich ihre Arme locker um ihn und ihr Kopf an seine Schulter. Ein vorsichtiges Streicheln über seinen Rücken. Dankbar erwidert Ethan die Umarmung. Nimmt einen ziemlich zittrigen Atemzug.
“Hilf mir“, murmelt er in ihr Haar hinein. “Ich brauch dich.”

Dann wird ihm klar, wie das geklungen haben muss. Ethan verzieht das Gesicht.
“Gah”, entfährt es ihm. „Nicht so! Nicht so gemeint! Also…“
Sam unterbricht ihn. “Pssst, schon gut. Ich weiß schon. Bin da.“ Sie sieht ihm fest in die Augen. “Ich hab’s dir schon mal gesagt, der Fluch jagt mir keine Angst ein.“
Sollte er aber, denkt Ethan. Ihm jagt der Fluch eine verdammte Scheißangst ein. Die Vorstellung, dass er Sam wegen des Fluchs etwas antun könnte, ist unerträglich. Das wird nicht passieren. Punkt. Aber dass sie einander nie wieder nahekommen könnten, oder zumindest nicht so, dass dieses Damoklesschwert für immer über ihnen hängen könnte, wenn er den Fluch nicht loswerden sollte, der Gedanke ist beinahe genauso unerträglich.
Sam scheint diese Überlegungen, oder etwas davon, in Ethans Gesicht gelesen zu haben. “Es wird sich eine Lösung finden. Du wirst den Fluch los, und dann kannst du…“
Das sticht. Wieder mal. “Sagst nie ‚wir’“, murmelt Ethan leise. So leise, dass Sam es vermutlich gar nicht mitbekommen hat. Oder vielleicht doch, denn sie fährt fort mit: “Wir finden einen Weg“, und der Stich, der bei dieser Formulierung durch Ethan geht, ist froh, nicht schmerzhaft.

“Irene auch noch gemerkt“, seufzt er dann.
“Ach, die kriegt sich schon wieder ein“, erwidert Sam leichthin.
Oh. So konnte man die Aussage natürlich auch verstehen. Aber er hatte eigentlich etwas ganz anderes damit ausdrücken wollen. Oh Mann.
“Vergiss Irene.“ Drecksmist, wie sagt er das jetzt? Wie kann er Sam erklären, wie es in ihm aussieht? “Geht mir nicht darum. Geht mir drum, dass…“ Ethan zuckt die Schultern in einer hilflosen Geste. Will Sam sagen, wie tief die Sache für ihn inzwischen schon geht, dass er sie aber nicht unter Druck setzen will, weil er Angst hat, er verschreckt sie. Und dass Irenes Wissen um ihre Beziehung – oder Nicht-Ganz-Beziehung, oder was auch immer es ist, was Sam und er da haben – eben auch eine Art Druck sein könnte. Aber natürlich gelingt es ihm nicht. Natürlich bekommt er nur ein paar unzusammenhängend herausgedruckste Fetzen über die Lippen: irgendwas von “ernst” und “bedrängen” und “erwischt”.
Verdammt. Das ist doch keine Art und Weise, irgendwem auch nur ansatzweise irgendwas klarzumachen! Frustriert fährt Ethan sich mit den Händen in die Haare, und tatsächlich hat Sam ihn falsch verstanden.
“Dann hat Irene uns halt erwischt“, winkt sie ab. “Sie wird es überleben, und wir auch.”
Ethan schüttelt den Kopf. Versucht es nochmal.
“Nicht Irene. Irene mal ganz außen vor. Mich hats erwischt. Heftig. Komplett verliebt. Schon mal gesagt. Bist immer bei mir. Weiß… weiß nur nicht, ob… ob du auch. Und… will dir nichts aufdrängen. Nicht unter Druck setzen.”
Sam antwortet nicht. Oder besser: Ihre Antwort ist keine gesprochene. Nicht hauptsächlich, jedenfalls. Stattdessen schmiegt sie sich eng an ihn und umarmt ihn fester. Murmelt etwas, das vielleicht ein “drängst dich nicht auf” gewesen sein könnte. Oder vielleicht auch nicht. Ethan hat es nicht so genau verstanden.
“Das wird schon”, fährt Sam dann lauter fort. “Egal, was wer sagt. Ich lass mich von so einer blöden Hexe nicht einschüchtern. Du…”, sie bricht ab, und dass sie die Formulierung von sich aus verbessert, lässt wieder diesen frohen Schauer über Ethans Rücken fahren, “…wir werden den Fluch los, und dann schauen wir weiter. Eins nach dem anderen.”
Okay. Okay. Ja. Irgendwie. Ethan atmet tief durch, zieht Sam seinerseits noch etwas dichter an sich. Scheiß auf den Schmerz in seinem Unterarm.

“Aber was ist denn nun eigentlich passiert?“ will Sam nach einem längeren Moment des Schweigens wissen. “Was nimmt dich so mit? Ich mein, klar, das war für euch alle hart, aber ihr habt die Apokalypse verhindert. Das ist doch was Gutes eigentlich?”
Ethan schluckt, als die Bilder wieder hochbranden. Nickt dann und fängt an zu erzählen. Mühsam, stockend, wie so oft. Von den Gegnern, die Nelsons Ritual unterbrechen wollten und die er aufgehalten hat. Wie sehr er versucht hat, nicht mit letzter, tödlicher Konsequenz gegen sie vorzugehen, aber dass es irgendwann einfach nicht mehr anders ging. Auch wenn Sam das ja im Restaurant schon von ihrer Cousine gehört hat. “Keine Monster”, erklärt er dann leise um die Bilder vor seinen Augen herum. “Leute. Gute Leute, eigentlich. Glaubten fest, sie kämpfen für das Gute. Für einen Engel immerhin.”
“Aber das war ein böser Engel”, hält Sam dagegen.
Ethan zieht ein unglückliches Gesicht. “Wussten die nicht.”
“Aber die haben doch angefangen”, protestiert Sam weiter. “Die haben von sich aus angegriffen. Du machst doch sowas nicht, wenn du nicht unbedingt musst. Du tust doch keiner Fliege was zuleide, wenn du nicht musst!”
Hah. Ethan verzieht das Gesicht. Wenn das nur mal so wäre. Aber nicht ablenken hier.
“Nur wie sah das denn für die aus?” formuliert er jetzt vollständiger, kommen die Worte leichter, wo der Anfang mal geschafft ist. “Wir kamen da mit Dämonen an. Machten ein heidnisches Ritual. Sie kämpften auf der Seite der Engel gegen die Dämonenpaktierer. Die waren sich sicher, sie sind die Guten.”
Sam nickt leicht, sieht ihm forschend in die Augen.
“Waren das die, die dich verletzt haben?” will sie dann wissen.
Ethan nickt wortlos.
“Dann bin ich froh”, erklärt Sam entschieden. “Das mag vielleicht egoistisch sein, aber dann bin ich froh, dass du dich verteidigt hast. Sonst wärst du jetzt vermutlich nicht hier, oder?”
Ethan schüttelt den Kopf, ebenso stumm wie vorher.
Sam sieht ihn aufmunternd an, und ihre Stimme klingt sich ihrer Sache vollkommen sicher. “Dann war es das Richtige.”

Ja. Schon. Vom Verstand her weiß Ethan ja auch, dass er die Fanatiker von Nelson weghalten musste. Dass es das “Richtige” war, was er getan hat. Dass es nicht anders ging. Und dass er sich nicht einfach von denen niederschießen lassen würde, ohne sich zu verteidigen, das war ja auch klar. Dieses rein verstandesmäßige Wissen macht die Bilder vor seinen Augen nur nicht weniger plastisch, den Klumpen um sein Herz nicht weniger bleiern. Aber Sams Worte helfen trotzdem. Ein klein wenig helfen sie. Irgendwie gelingt ihr das, was Ethan bei all seinen eigenen Bemühungen nicht geschafft hat. Erreichen ihn ihre Worte, halten ihn fest, lassen nicht zu, dass er wieder tiefer in den Strudel gezogen wird. Auch wenn es unglaublich kitschig klingt und er den Gedanken deswegen beinahe abwürgt, ehe er ihn zuende denken kann: Sam ist sein Anker. Das Licht, das ihm den Weg weist. Mit einem weiteren zittrigen Atemzug lehnt Ethan sich dankbar in ihre Umarmung.
So stehen sie vielleicht eine Minute, ehe sie sich etwas widerstrebend doch voneinander lösen. Ganz zart, ganz vorsichtig, finden Ethans Fingerspitzen Sams Wange, während sie ebenso über die seine streichelt, und genauso zart und vorsichtig ist auch der Kuss, den sie einander geben.
Ethan hat die Tür zu seinem Zimmer schon geöffnet, da lässt Samanthas Stimme ihn noch einmal innehalten. “Ich lass die Balkontür offen”, teilt sie ihm mit, und die unausgesprochene und doch unmissverständliche Einladung bringt Ethan tatsächlich zum Lächeln. “Wär schön. Aber… vielleicht besser nicht.” Nicht so kurz nach dem Streit mit Irene. Besser kein Öl ins Feuer gießen.

Einschlafen kann Ethan trotzdem lange nicht. Eine Weile sitzt er tatsächlich in seinem Schaukelstuhl und versucht, sich schläfrig zu wiegen. Als das nichts hilft, geht er auf den Balkon. Lehnt an der Brüstung, zündet sich eine Zigarette an und atmet dann, als er ein paar Minuten später den Stummel ausgedrückt hat, die kühle Nachtluft ein, während er hinaus auf den dunklen Garten sieht. Und ja. Natürlich sieht er zu Sams Balkontür. Und ja, sie steht offen. Aber nein. Ethan reißt sich am Riemen und geht nicht zu ihr hinein. Bleibt stattdessen noch eine Weile da stehen, wo er steht, ehe er schließlich irgendwann doch in sein Zimmer zurückkehrt.

Am nächsten Tag fehlt von Irene beim Frühstück jede Spur. Erst am Vormittag taucht sie, mit nassen Haaren und einer Sporttasche über der Schulter, aus Richtung des Sees wieder auf. Würdigt die beiden jüngeren Jäger, die in einträchtiger Wortlosigkeit auf der Veranda sitzen, keines Blickes, als sie vorübergeht. Auch als sie dann kurz vor dem Mittagessen wieder aufeinandertreffen, hüllt die Engländerin sich in strafendes Schweigen. Ethan nimmt das stoisch hin, aber Sam setzt eine angriffslustige Miene auf und konfrontiert ihre Cousine. Erklärt ihr rundheraus, dass sie sich albern benehme, dass sie – Sam und Ethan – erwachsen wären und wüssten, was sie täten, und dass Irene lieber helfen solle, etwas gegen den Fluch zu tun, dann wäre das Problem ja gelöst.
“Als ob das so einfach wäre”, schießt die Britin missmutig zurück. “Ich war ja bisher nicht völlig untätig!”
“Einfach wird es natürlich nicht”, sagt Sam, ruhiger jetzt, besänftigend, “aber der Anfang ist doch gemacht. Es gibt dieses Ritual, das den Fluch lösen kann, und die Wiccas hier in Pemkowet haben sich doch schon bereit erklärt, es durchzuführen.”
“Ja, toll”, brummt die Engländerin, “aber wir treten auf der Stelle! Es gibt schon ewig keine neue Spur mehr!”
Sam sieht die ältere Jägerin verwirrt an. “Wieso? Wir haben doch jetzt ein Bild?”
Irenes Blick ist mindestens ebenso verwirrt wie der ihrer Cousine. “Bild?”
Oh. Oh, verdammt. Vor lauter Besuch in Tappan und vor lauter Apokalypse hat Ethan völlig vergessen, seiner britischen Freundin von dem Bild zu erzählen!
Das holt er jetzt, mit Sams Hilfe, schleunigst nach. Sie berichten nicht nur, was es mit dem Foto auf sich hat, sondern auch die ganzen anderen neuen Informationen aus Portland. Von ihren Nachforschungen. Was Barry und er in Dr. Garritys Villa erlebt haben. Von Garritys Dämonenpakt und seinen Geschäften, den Wünschen, die der irre Doktor mithilfe seines dämonischen Symbionten für seine Kunden erfüllt hat. Dass diese Kunden einen Preis hätten zahlen müssen: Gehirnblutungen. Gedächtnisverlust. Ihre Seele.
An dieser Stelle unterbricht Irene den Bericht. Ob Ethan sicher sein könne, dass nicht er den Wunsch ausgesprochen habe, wo doch auch er von einem Verlust seines Gedächtnisses betroffen sei?
Ethan erschaudert kurz bei dem Gedanken, aber er schüttelt den Kopf. Das habe er auch befürchtet, als er von Garritys Geschäften erfuhr, gesteht er, aber nein. Das Fluchbuch sagt eindeutig, dass nicht.
Irene runzelt die Stirn. “Fluchbuch?”
Na gut. Fluchbuch ist der falsche Begriff, auch wenn sich das so schön reimt. Waren ja nicht nur Flüche. “Garritys Geschäftsbuch. Alle Kunden drin. Alle Aufträge.”
“Wie krank ist das denn?” ereifert sich die Britin. “Der hatte ein Auftragsbuch für seine Kunden, die Dämonenwünsche erfüllt haben wollten?”
Ethan nickt. “Coleen. Buchhaltung. Arbeit.”
“Sie war eine Hexe”, wirft Sam ein. “Hatte einen nervigen Kater als Vertrauten.” Irene murmelt irgendwas, das wie ‘Greedo’ klingt, aber wenn es ein Scherz sein sollte, dann bleibt er unbelacht.
“Jedenfalls”, erzählt Ethan weiter. “Coleens Wunsch. Ihr Preis.” Eigentlich habe sie ursprünglich verlangt, dass der Fluch schon beim ersten Mal anspringe, nicht erst nach dem dritten. Habe sich dann aber auf die drei Male eingelassen, wenn nur der Fluch für immer halten würde statt der üblichen sieben Jahre. Der Preis, den sie habe zahlen müssen, sei ihre Seele gewesen. Ihre Seele, und Ethan zu vergessen. Aber irgendwie, bisher sei noch nicht klar, wie, habe es da eine Verbindung zwischen ihnen gegeben, und deswegen habe Ethan auch Coleen vergessen. Zumindest reimen sie sich das so irgendwie zusammen. Zum Schluss erzählt Ethan dann noch von der Vision, die Barry für ihn hatte: von einer Stadt, wo Coleen heute sein könnte, und dass sie Ethans Mutter und Niels Heckler darauf angesetzt hätten, das Stadtbild anhand von Barrys Beschreibung zu zeichnen.
“Okay”, macht Irene. Sie klingt nicht sonderlich begeistert.
“Das ist doch ganz hoffnungsvoll”, versucht Sam die Trophäenjägerin zu überzeugen. “Damit können wir arbeiten!”
“Oh”, fällt Ethan noch ein, “das Ritual. Braucht doch was aus der Vergangenheit, was von der Hexe, was aus der Zukunft. Vergangenheit geht jetzt.”
Irene legt die Stirn in Falten. “Was aus der Zukunft? Na ganz toll.”
Der Einwurf veranlasst Ethan ebenfalls zu einem verwunderten Stirnrunzeln. Das mit den drei Ritualzutaten wusste Irene doch eigentlich schon von dem Flug nach Los Angeles, als er ihr von Caterina Sforzas Brief erzählte, kurz nachdem er den bekommen hatte. Aber okay, vielleicht ist die volle Tragweite dessen, was für das Ritual alles besorgt werden muss, auch erst jetzt so richtig bei der Britin eingesackt.
“Was hast du für die Vergangenheit?” will Sam wissen. “Das Bild?”
Ethan schüttelt den Kopf. “Basketball-Bettwäsche”, antwortet er trocken, was Sam erst ein “Oh” und dann ein leichtes Grinsen entlockt, und Ethan kann nicht anders. Es ist zwar nur ein schwacher, müder Versuch, aber er muss das Grinsen einfach erwidern.

Jetzt, wo Irene wieder einigermaßen besänftigt ist – es gefällt ihr gar nicht, aber sie sagt auch nichts mehr, verzieht nur das Gesicht und sieht betont weg, wenn sie eine Geste der Zuneigung zwischen Sam und Ethan bemerkt, weswegen die beiden Jüngeren sich mit sowas geflissentlich zurückhalten, ganz abgesehen davon, dass übermäßiges Turteln ohnehin nicht ihre Art wäre -, bleiben die drei Jäger noch ein paar Tage in dem kleinen Städtchen. Besuchen Mitch Wolter in seinem Laden und bekommen jeder eine persönliche Teemischung zusammengestellt, so eine wie die, von der Irene ihnen schon vorgeschwärmt hat. Das Zeug könnte Ethan echt dazu bringen, vielleicht öfter mal Tee zu trinken, so gut schmeckt es ihm. Reden mit Casimir vom Esoterikladen. Nochmal wegen des Fluchs – der Mann mustert ihn eingehend, als er erfährt, dass Ethan derjenige ist, um den es bei Irenes Fragen im Frühsommer ging; so, als wolle er sich versichern, wer das ist, für den der Zirkel dieses gefährliche Ritual durchziehen soll, und ob er dessen würdig sei, das Risiko für ihn einzugehen -, aber auch wegen Cal. Spontan fällt dem Ladenbesitzer nichts ein, wie man verlorene Teile von Seelen zurückbekommen kann, aber er verspricht, sich mit der Frage zu beschäftigen.

Und sie verarbeiten. Nicht vollständig, wie auch, aber es ist ein Schritt. Daran hat neben dem Gespräch mit den Wiccas auch die Atmosphäre des Ortes ihren Anteil: die Ruhe und das Gefühl, den Alltag hinter sich gelassen zu haben, ganz woanders zu sein. Das Internet, selbst wenn es hier gute Netzabdeckung gibt, gar nicht groß zu nutzen. Für Irene ist es sicherlich auch der See: Ethan merkt erst hier so richtig, wie sehr die Britin das Wasser liebt; ungefähr ebenso sehr wie Ethan selbst die Wildnis, scheint es ihm.
Für Ethan ist es Sams Gegenwart, eindeutig. Die beiden reden gar nicht viel, verbringen Zeit mit ihrer englischen Freundin beziehungsweise Verwandten, machen gemächliche Spaziergänge am Lake Erie oder entspannen einfach noch ein bisschen auf dem Balkon in der Abendsonne.
Es ist dort auf dem Balkon, wo Sam und er einträchtig beisammensitzen und dem Wind lauschen, dass Ethan spürt, wie sich die Worte lockern.
“Wegen meinem Abtauchen. Es tut mir leid. Bitte entschuldige. Ich…”
Jetzt werden es doch keine ganzen Sätze. Fängt er doch wieder an, mühsam zu stottern. Aber wenigstens sind es, als er diesmal zu erklären versucht, nicht wieder so einzelne, nutzlose Bruchstücke wie gestern. Er streift knapp das Verhör am Flughafen, wie er danach einfach keine Worte mehr hatte. Dass er nicht so richtig stabil war, Sam aber damit nicht belasten wollte. Dass er diese Tage dort draußen einfach brauchte, ehe er sich zutraute, wieder irgendwem zu begegnen. Selbst Sam.
Samantha schüttelt den Kopf, lächelt ihn an. “Hab ich längst. Aber danke dir.”
Sie zögert kurz und spricht dann weiter. “Warn mich nächstes Mal einfach vor. Das ist schon ok. Kann auch bei mir mal sein, dass ich ne Weile… einfach Ruhe haben will.”
Sie lächelt ihn wieder an, und obwohl da gar kein Stachel war, vertreibt sie auch die entfernte Möglichkeit, dass bei näherem Nachdenken vielleicht doch noch einer käme, mit ihren nächsten Worten ganz. „Liegt dann auch nicht an dir.“
Ethan nickt. “Okay. Versprochen.”
Dann verzieht er das Gesicht. „Hoffentlich nicht wieder. Nicht so.“
Hoffentlich wirklich nicht. Das war nicht schön. Ist es immer noch nicht: Es geht ihm noch immer alles andere als gut, dessen ist er sich durchaus bewusst. Aber besser. Wird schon irgendwie. Muss. Für Sam. Für Artie.

Als es spät geworden ist und die Luft ohne Decke draußen zu kühl, als sie schließlich aus ihren Balkonstühlen aufstehen und Ethan gute Nacht sagen will, schüttelt Sam den Kopf. Nimmt ihn ohne Umschweife bei der Hand und zieht ihn mit sich in ihr Zimmer.

Es darf nichts passieren. Es passiert auch nichts. Natürlich nicht. Aber einfach nur neben Sam zu liegen, sie im Arm zu halten, an ihrer Seite einzuschlafen, das ist schon tiefe Seligkeit. Bis sie den Fluch loswerden, ist Ethan es so zufrieden. Und vielleicht – dieser Gedanke schleicht sich in seinen Geist, als er fast schon weggedämmert ist, er ihn gar nicht mehr so recht mitbekommt – vielleicht könnte er es auf diese Weise sogar selbst dann sein, falls nicht.

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