Supernatural – Witch’s Abode

Sie stehen in Philadelphia und sehen einander fragend an. „Was machen wir?“ will Nelson wissen.
Ethan sieht zu seinen Begleitern. Hebt etwas unschlüssig die Schultern. Sie haben die Adressen. Und sie haben das Bild. Keine Ahnung, womit am besten anfangen. Vielleicht mit den Eso-Läden. Könnte vielversprechender sein als irgendwelche Reha-Zentren. Oder auf gut Glück zu versuchen, den genauen Ort des Bildes herauszubekommen. Bild? Oh ja. Bild. Hoffnung. Vielleicht.

Etwa eine Woche, nachdem Ethan aus Massachusetts zurück war, bekam er eine E-Mail. Er hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, dass Ally ihm antworten würde, aber da war die Nachricht in seinem Postkorb. Sie hatte die beiden Bilder, die Niels Heckler und Ethans Mutter von der Stadt aus Barrys Vision gezeichnet hatten, tatsächlich identifiziert gekriegt. Philadelphia, schrieb sie. Das Bild stamme aus der Nähe des Bahnhofs, von der Westseite des Schuylkill River. Okay. Wow. Philadelphia. Eine Spur. Tatsächlich eine Spur. Ein Hinweis auf Coleens Aufenthaltsort. Hoffnung. Hoffnung, die Ethan aber radikal wegsperrte. Viel zu dünnes Eis.

Nach einer Schnellschuss-SMS an Sam, weil sie anscheinend gerade unterwegs war und nicht ans Telefon gehen konnte, und einer verlegen hinterhergeschobenen Erklärungsmail fing Ethan an zu grübeln. Es gingen ihm tausend Szenarien durch den Kopf, tausend mögliche und unmögliche Konfrontationen mit der Hexe, der er seinen Fluch zu verdanken hatte. Die Grübelei tat ihm nicht gut, das war ihm selbst auch klar, und so versuchte er neben ein paar ausgedehnten Wanderungen – nicht in den Bristol Cliffs, herzlichen Dank, aber es gab ja in der näheren Umgebung noch genug andere lohnenswerte Orte, wo man sich die Beine vertreten konnte – die Gedanken wenigstens in zielführende Bahnen zu lenken. Führte längere Mailwechsel mit Bart Blackwood wegen des Dämons, von dem Dr. Garrity besessen gewesen war, und beschrieb dem Gelehrten seinen Fluch und dessen Umstände genauer. Erst schriftlich und dann, bei einem Treffen auf dem Roten Hügel, wohin die Britin ihren Cousin eingeladen hatte, nochmal persönlich.

Der Engländerin ging es seit Wyoming auch nicht sonderlich gut. Klar, die Sache war keinem von ihnen in den Kleidern stecken geblieben, Ethan selbst ja am Allerwenigsten. Nach ihrer Rückkehr aus Pemkowet hatte Ethan also versucht, Irene so gut wie möglich von der Sorge um Caleb abzulenken. Mit dem Schreinbau. Mit Ausflügen zu den schönsten Swimming Holes von Vermont, jetzt wo Ethan wusste, wie sehr seine britische Freundin das Wasser liebte. Auch zu den Bristol Falls, weil die einfach zu spektakulär waren, um sie auszulassen. Natürlich war Ethan angespannt. Der Rand der Bristol Cliffs Wilderness, und ein Wasserlauf? Klar war er nervös. Als ihnen ausgerechnet hier ein herrenloser schwarzer Labrador entgegenkam, hatte Ethan schon sein Messer in der Hand und war drauf und dran, sich auf das Tier zu stürzen, als dessen Besitzer doch auftauchten und Ethan seine Bewegung gerade noch in ein halbwegs glaubwürdiges Säubern seiner Schuhe umwandeln konnte. Die Hundebesitzer merkten nichts, zum Glück. Irene aber natürlich schon. Nach dem Schwimmen fing sie vorsichtig an zu fragen und holte nach und nach die Geschichte mit dem Stüpp aus ihm heraus. Dauerte halt, aber das war die Britin ja nun schon gewohnt.

Ungefähr zu der Zeit, als Ethan selbst in Massachusetts war, fuhr Irene auch für ein paar Tage weg, und seither war sie nochmal in sich gekehrter, kam es Ethan vor. Er sprach sie nicht darauf an – sie würde schon etwas sagen, wenn sie der Meinung war, er sollte wissen, was los sei – aber er bemühte sich weiterhin, einfach da zu sein und ihr ein mitfühlendes Ohr zu bieten, wenn sie es denn in Anspruch nehmen wollte.

Schon vor Allys Hinweis auf Philadelphia war Bart der Meinung gewesen, zum Brechen des Fluchs wäre es vielleicht gut, den Namen des Dämons herauszufinden, mit dessen Hilfe Coleen ihren bösen Zauber über die sieben Jahre hinaus verstärkt hatte. Nur wer könnte den wissen? Garrity selbst natürlich, aber der saß in der geschlossenen Psychiatrie, an den kam Ethan wohl nur schlecht heran. Aber Norrey vielleicht, so ungern Ethan diesen Weg in Betracht ziehen wollte. Immerhin hatte der den Dämon exorziert. Diese Möglichkeit hielt Barry, als Ethan das seinem Freund gegenüber erwähnte, für eher unwahrscheinlich, immerhin brauche es zum Exorzieren keinen Namen, sondern nur die Worte, aber er meinte, Coleen selbst könnte den Namen vielleicht wissen, immerhin habe der Schatten aus Barrys Vision die Frau hartnäckig verfolgt und sich an sie gehängt.

Vielleicht. Nur war das völlig müßig, solange sie Coleen noch nicht ausfindig gemacht hatten – und als Ethan sich den Strohhalm Norrey in den Kopf setzte, hatten sie die Informationen von Ally noch nicht bekommen. Also riss Ethan irgendwann Ende September eine weitere Lücke in seinen Sparstrumpf und flog nochmal nach Portland. Ein Hoch auf nicht komplett kurzfristig gebuchte Sparpreise.

Nicht dass es ihm irgendwas brachte. Nicht nur war Norrey nicht da, als Ethan im French Ivy aufschlug. Anna erklärte ihm auch, vor Weihnachten brauche er es gar nicht mehr zu versuchen. Der Survivalist sei irgendwo in einem Unterschlupf und wolle dort den Ausgang der Wahlen abwarten. Oder das Ende der Welt. Oder beides. Ethan verkniff sich jeglichen Kommentar zu verhinderten Apokalypsen und zog unverrichteter Dinge wieder ab. Naja. Vielleicht nicht ganz unverrichteter Dinge. Vielleicht war es ihm gelungen, die Chefin des Roadhouses ein klein bisschen milder zu stimmen nach seinem Zusammenstoß mit Norrey im Sommer. Nicht, dass ihm das so große Lust machte, das French Ivy öfter aufzusuchen als unbedingt notwendig. Aber Javi Vargas kontaktierte Ethan noch, als er in Portland war, und verbrachte einen ziemlich netten, wenn auch ein wenig befangenen, Abend mit seinem alten Freund. Sie würden wohl in Kontakt bleiben, ja, dachte Ethan auf dem Rückflug, aber vermutlich nicht so wirklich eng. Zu viel geschehen seither. Zu viele Veränderungen, vor allem bei Ethan.

Jedenfalls. Der Strohhalm Norrey war also prompt umgeknickt. Aber kurz nach Ethans Rückkehr aus Portland kam dann die Nachricht von Ally wegen Philadelphia, und nach Ethans erstem Anfall von Grübelei ging er in den nächsten Tagen ernsthaft daran, das weitere Vorgehen zu überlegen. Sam würde mitkommen, das war von vorneherein klar. Barry war auch sofort dabei, und Irene ließ ebenfalls keinen Zweifel daran, dass die Aktion nicht ohne sie stattfinden würde. War das also schon mal geklärt. Aber eine Weile später stieß Nelson auch noch dazu. Der Dozent kam Anfang Oktober nach Burlington, und zwar nicht nur auf Besuch. Nach den unschönen Vorfällen, die der Afrikanist dem Trickster in seinem Kopf zu verdanken hatte, hatte man ihm in Seattle nahegelegt, sich einen neuen Job zu suchen, und der Fachbereich Westafrikanistik der UVM suchte passenderweise gerade Verstärkung. Also halfen Irene, Sam und Ethan dem Nigerianer beim Einzug, und beim gemeinsamen Bier hinterher kam die Sprache auch auf Ethans Fluch. Wobei es dem erstaunlicherweise gar nicht so schwer fiel, darüber zu reden. Sie hatten Wyoming gemeinsam durchgestanden, und irgendwie verdiente Nelson ja auch zu erfahren, warum Ethan damals Felicity so abrupt abgesägt hatte.

Ethans Bericht war zwar ungefähr so wortarm, wie Ethans Berichte das meistens waren, aber bei den letzten Malen musste sich tatsächlich doch so etwas wie Übung eingestellt haben, denn seine Erklärung an den Nigerianer kam nicht ganz so bruchstückhaft daher wie in der Vergangenheit, wenn er jemandem von dem Fluch erzählte. Sie veranlasste Nelson zu einem deftigen Schimpfwort und einem mitfühlenden: “Oh. Das ist heftig. Hell hath no fury like a woman scorned. Tut mir leid, Mann.” Und dann erklärte der Afrikanist sich sofort bereit, ebenfalls zu helfen.
Also brachten sie Nelson auf Stand. Informierten ihn über die Anhaltspunkte, die sie über die Hexe schon gesammelt hatten. Ihren Namen. Oder wenigstens den Vornamen, weil der Nachname wegen der Cherokee-Umschrift aus Garritys Buch nicht ganz klar war. Das Foto. Das Bild von der Narbe an Barrys Bein, die er aus seiner Vision mitgebracht hatte, und das Bild, anhand dessen Ally Philadelphia identifizieren konnte. Dass Coleen dort einen Autounfall gehabt haben musste, von dem eben diese Narbe stammen dürfte. Dass Irene schon die Idee hatte, die Reha-Zentren der Stadt abzusuchen, sobald sie in Philly wären. Reha-Zentren oder Esoterikläden. Letzteres hat in Portland immerhin auch funktioniert.

Und deswegen stehen sie jetzt hier und beschließen, sich als erstes die Esoterikläden Philadelphias vorzunehmen. Ohne Barry allerdings. Der hatte einige Tage vor dem geplanten Ausflug nach Philadelphia einen Autounfall. Nichts Schlimmes, zum Glück, aber eine verstauchte Hand bedeutet eben doch, dass der Schriftsteller ausfällt, denn er hat ja nur noch die eine. Also sind sie doch nur zu viert hier. Die ganze Bande aus Burlington gewissermaßen.

Esoterikläden gibt es mehrere: einen relativ großen und mehrere kleine. Als sie den vergrößerten Fotoausschnitt von Coleen herumzeigen, findet sich In fast jedem Laden der eine oder andere Mitarbeiter, der sich an die Frau erinnern kann. Es sind aber nur die Angestellten, die schon länger dabei sind, die das Gesicht der Hexe schon mal gesehen haben. Von den neueren Kräften kennt sie niemand. Es ist schließlich Nelson, der in einem der Läden an eine junge Verkäuferin gerät, die schon einige Jahre dort arbeitet und sich sehr genau an Coleen erinnert. Sie erzählt, dass diese Kundin früher immer regelmäßig ein ganz bestimmtes Holzfurnier mit Einlegearbeiten gekauft habe, aber inzwischen schon seit bestimmt zwei Jahren nicht mehr selbst im Laden gewesen sei. Stattdessen kämen immer irgendwelche Fremden, eigentlich immer irgendwelche jungen Männer, die genau dasselbe wollten, obwohl man ihnen ganz genau ansehe, dass sie von der Materie eigentlich gar nichts verstünden und nichts mit den Sachen anfangen könnten, die sie da kauften. Bei dieser Aussage zieht Irene die Augenbrauen zusammen und fragt, ob die Kunden etwas abwesend gewirkt hätten, als ob sie vielleicht ferngesteuert wären? Ja, erwidert die Verkäuferin, schon irgendwie, wenn sie jetzt so darüber nachdenkt. Interessant. Und guter Instinkt seitens Irene.

Die Männer kommen in regelmäßigen Abständen vorbei, ja? Gut zu wissen. Wann wären sie denn das nächste Mal fällig? Das könnte schon durchaus jetzt so in den nächsten Tagen sein, erklärt die junge Frau. “Wären Sie so nett und halten sie hin, wenn sie kommen? Und geben mir bescheid?” bittet Nelson. “Ich lasse Ihnen meine Telefonnummer hier.”
Die Verkäuferin bedenkt den Afrikanisten mit einem kalkulierenden Blick. “Und warum sollte ich das tun?”
“Leben und Tod”, schaltet Ethan sich ein. Das hätte er vielleicht besser gelassen, denn von dieser Bemerkung wird die Verkäuferin etwas nervös. Ob sie jetzt auch Ärger bekäme.
Ethan schüttelt schnell den Kopf. “Privat.”
Die Frau weiß immer noch nicht so recht, warum sie ihnen den Gefallen tun soll, aber die drei Hundertdollarscheine, die Nelson und Irene ihr über den Ladentisch schieben, tun dann doch das ihre. Die Verkäuferin nimmt das Geld an sich und erklärt mit einem verschwörerischen Zwinkern, es dauere ja auch immer eine Weile, bis die Sachen fertig seien. Trotzdem wirkt die junge Frau immer noch nervös. Die hat Angst vor Coleen, ziemlich eindeutig.

Draußen vor dem Laden gehen sie die nächsten Optionen durch. Die Reha-Zentren der Stadt abzuklappern, wie Ethan das zuerst vorhat, wäre ziemlich aufwendig. Also lieber doch erstmal Irenes Vorschlag. Schauen, ob sie am Bahnhof den Ort von Barrys Vision finden können. Da, wo Coleen von dem Auto angefahren wurde.

Es dauert eine ganze Weile, bis sie die genaue Stelle ausgemacht haben, weil Ally ja keine Koordinaten mitgeschickt hat, sondern nur den Hinweis “Schuylkill River Nähe Bahnhof 30th Street”. Aber schließlich haben sie es doch. Zwischen dem Drexel Park und dem Bahndamm führt eine Straße entlang, und dort finden sie irgendwo die genaue Entsprechung zu den Zeichnungen, die Mom und Niels angefertigt haben.

Zu sehen ist mal nichts, oder zumindest nicht viel. Jedenfalls ist da kein offensichtlicher Ort, um von einem Auto angefahren zu werden. Keine Fußgängerampel. Kein Zebrastreifen. Auch keine unübersichtliche Kurve, um die ein Auto hätte schießen und eine Fußgängerin übersehen können. Also warum ist Coleen angefahren worden? Es ist Sam, die auf die Idee kommt, dass die Hexe vielleicht vor etwas auf der Flucht war. Möglich wäre es, sehr gut möglich sogar. Barry sagte ja, dass sie in seiner Vision von einem Schatten verfolgt worden sei und er das Gefühl hatte, ihr helfen zu müssen. Vielleicht war dieser Schatten aus der Vision Garritys Dämon? Nur wenn ja, warum? Der hatte ja Garrity besetzt, und Coleen war nur eine von dessen Kundinnen wie zig andere auch. So oder so: Wenn Coleen vor etwas weglief, dann bräuchte es keine besonders unfallträchtige Stelle an der Straße, dann könnte sie einfach von überall auf die Fahrbahn gerannt sein.
Spuren sind keine mehr zu sehen, und Sam sieht sich sehr genau danach um. Wenn hier irgendwo ein Unfall war, ist alles schon wieder weggewaschen und zugewachsen; der Vorfall muss also schon relativ lange her sein. Aber klar: Die Frau im Laden sagte ja, man habe Coleen seit etwa zwei Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen, und Gideons Expertenmeinung zufolge dürfte die Hexe seit dem Unfall ziemliche Schwierigkeiten beim Gehen haben, was eben dafür spricht, dass sie seit dem Unfall nicht mehr selbst dort einkaufen war, sondern ihre Leute geschickt hat.

Um sich einen etwas besseren Überblick über die Gegend und die Gegebenheiten zu verschaffen, klettert Ethan die Böschung zum Bahndamm hinauf. Oben angekommen, stellt er fest, dass Coleen wohl nicht aus dieser Richtung gekommen sein kann, denn da ist das Bahngelände bestimmt 100 Yards breit, und es stehen zu viele Züge auf den Rangier- und Abstellgleisen herum. Höchstens vielleicht von der etwa eine Viertelmeile entfernten Brücke im Norden, aber vermutlich kam sie eher aus dem Park auf die Straße gerannt.

In der Grünanlage halten sich ein paar Leute auf. “Wartet kurz auf mich”, bittet Sam und geht hinüber zu einer Bank, wo ein älterer Mann sitzt, der so aussieht, als wäre er öfter hier. Rentner oder vermutlich sogar obdachlos. Mit einem leisen Lächeln beobachtet Ethan, wie Samantha sich zu dem alten Mann auf die Bank setzt und ihm einen Geldschein und einen Schokoriegel zusteckt. Die beiden unterhalten sich eine Weile: erst angeregt und freundlich, bis der Obdachlose auf einmal eine abwehrende Haltung einnimmt. Er schüttelt heftig den Kopf, deutet dann zum Rest der Gruppe, nur um kurz darauf komplett zu verstummen.

Mit leicht frustrierter Miene kommt Sam zu den anderen zurück und erstattet Bericht. Auf ihre Frage nach einem Unfall, der hier vor längerer Zeit passiert sei, habe der alte Mann ihr erzählt, vor etwa zwei Jahren habe eine Frau ihren Wagen hier um einen Baum gewickelt. Sie sei gerast, als fahre sie vor etwas davon, da sei aber weit und breit nichts gewesen. Der Unfall war wohl ziemlich schlimm; als er morgens wieder in den Park kam, waren immer noch Rettungswagen vor Ort. Vielleicht sei Alkohol im Spiel gewesen, habe der alte Mann gemeint.

Als Sam ihm dann das Bild von Coleen zeigte, habe der Rentner sie als ‘die reiche Tante’ identifiziert, die mal hier gewohnt habe. Ethan zieht die Augenbrauen zusammen, als er das hört. Ähm. Coleen und — “Reich?” Sam zuckt die Achseln. “Hat er so gesagt.” Mit der reichen Trulla stimme irgendwas nicht, habe der Mann auch erzählt, sie wohne aber noch hier in der Gegend. Der Moment, wo die freundliche Haltung des Alten in Ablehnung umschlug, sei dann gekommen, als Sam fragte, wo genau in der Nähe Coleen wohne. Das wolle sie gar nicht wissen, und in Downtown sei es sowieso viel schöner als an der Schuylkill Plaza.

Schuylkill Plaza, soso. Während Nelson, der erst etwas von ‘Trickster?’ gemurmelt hat, selbst auch nochmal zu dem alten Mann hinübergeht, zündet Ethan sich eine Zigarette an und faltet seinen Stadtplan auseinander. Geht durch das Straßenverzeichnis auf der Rückseite. Runzelt die Stirn. Liest das Verzeichnis dann nochmal, und zwar jede einzelne Straße, nicht nur unter ‘S’ und ‘P’. Zieht die Unterlippe zwischen den Zähnen hindurch, als er vorne den echten Plan genauestens absucht. Aber nichts. Keine Schuylkill Plaza. Irene hat indessen auch ihr Handy und dessen elektronische Karte befragt und ist zum selben Ergebnis gekommen. Keine Schuylkill Plaza.

Nelson kommt zurück und bestätigt Sams Angaben. Der alte Mann hat sich nicht vertan, und ein Trickster scheint er auch nicht zu sein, sondern tatsächlich nur ein Parkbewohner. Also gehen sie jetzt in die Richtung, in die der Alte gezeigt hat. Baring Street. Hamilton Street. Aber wo laut Ethans Stadtplan die Spring Garden Street folgen sollte, zeigt das nächste Straßenschild die Worte “Leaves Street”. Huh. Und die Häuserblocks sind normal breit. Die Leaves Street wurde also nicht einfach nachträglich zwischen Hamilton und Spring Garden gebaut, sondern eigentlich muss die Straße schon von Anfang an dagewesen sein. Und eigentlich müsste man sie auch auf den Karten sehen. Doppel-huh.

Nelson sieht mehr als skeptisch die Straße hinunter, die es auf den Karten nicht gibt. “Wollen wir uns wirklich mit jemandem anlegen, der es schafft, einer ganzen Stadt weiszumachen, dass ein kompletter Straßenzug nicht existiert?”
Auf diese Frage bedenkt Ethan den Afrikaner mit einem langen Blick. Er kann das Zögern ja irgendwie nachvollziehen: Er versteht ja selbst nicht so recht, was hier los ist, und der Gedanke an eine ganze verschwundene Straße lässt ihn ziemlich mulmig werden. Aber es hilft ja alles nichts. Da drin ist irgendwo Coleen, und er braucht etwas von Coleen. Wenn er jemals eine Chance haben will, seinen Fluch loszuwerden, dann braucht er etwas von der Hexe, die ihn verflucht hat. Was auch immer ‘etwas’ sein mag. Aber über die Brücke wird er gehen, wenn er hinkommt. Erstmal hinkommen. Ethan nickt ernst. Er würde es verstehen, wenn die anderen nicht weiter mitmachen wollten, aber was ihn betrifft… “Muss.”

Nelson nickt ebenfalls und holt sein Handy heraus. “Dann wollen wir doch mal sehen, wie lange das schon so geht.” Seine Suche fördert unterschiedlich alte Karten von Philadelphia zutage, und etwas Vergleichen ergibt, dass die Leaves Street vor sieben Jahren zuletzt auf einem Stadtplan erschienen ist. Hm. Würde ja ungefähr hinkommen.

Während Nelson googelt, wandern sie schon mal langsam die Leaves Street hinunter. Und tatsächlich weitet sich die Straße nach einer Weile zu einem größtenteils runden Platz. Schuylkill Plaza. Etliche Einfamilienhäuser um den Platz herum angeordnet, wie auch schon in der Straße, die sie entlanggekommen sind, aber da ist auch ein Hochhaus. Es passt hier überhaupt nicht her, nicht bei den ganzen Einzelhäusern drumrum, und Ethans Instinkt schreit: ‘das da’.
Und tatsächlich: Neben den ganzen kleinen, privaten Namensschildern am Eingang des Gebäudes ist ein größeres, büromäßiges angebracht: “Coleen Greyling, Lifecoach & Consultant, Termine nach Vereinbarung”. Heh. Termine nach Vereinbarung, aber keine Telefonnummer.
Dann trifft es Ethan wie ein Schlag. Greyling. Coleen Greyling. Ihr vollständiger Name. Der Boden wird plötzlich so uneben unter seinen Füßen, dass Ethan beinahe das Gleichgewicht verliert. Er starrt auf das Schild, bis die Buchstaben vor seinen Augen verwischen und die Silben in seinem Kopf kaum mehr einen Sinn ergeben. Coleen Greyling. Die Hexe.
Nelsons Stimme lässt ihn aus seiner Versunkenheit auftauchen und sich zu dem Afrikaner umdrehen. “Keine Telefonnummer?” wundert sich der Dozent. “Wie kann man denn dann mit ihr Kontakt aufnehmen?” Irene, die mit Sam inzwischen auch dazugekommen ist, zuckt mit den Schultern. “Wenn man weiß, wie.”
“Garrity auch”, knurrt Ethan. “Was meinst du?” hakt Nelson nach, und Ethan strengt sich an, seinen Gedanken ausführlicher zu formulieren. “Garritys Museum. Kamst nur rein, wenn du wusstest, wie.”
“Hmmm”, macht Sam nachdenklich. “Dieselbe Vorgehensweise. Vielleicht derselbe Dämon?”

Möglich. Können sie jetzt aber nicht überprüfen. Ethan tritt ein paar Schritte zurück und sieht an dem Hochhaus hinauf. Zählt Stockwerke. Sechzehn insgesamt. Ganz oben ist ein Penthouse zu sehen, deutlich abgesetzt vom Rest des eher schmucklosen, ja hässlichen Mietshauses. “Es steht nichts auf dem Schild”, sinniert Nelson, als Ethan wieder zu den anderen unter das Vordach tritt. “Wo sie wohl wohnt?” “Im Penthouse”, vermutet Irene. “13. Stock”, mutmaßt Ethan. Immerhin ist Coleen eine Hexe, und nach allem, was er von Hexen weiß, haben Zahlen wie 7 und 13 besondere Bedeutung für die.
Gespannt suchen sie die Türklingeln ab, aber bis auf das große Geschäftsschild an der Seite steht da nirgendwo ‘Greyling’. Aber andererseits sind die Klingeln nur bis zum 12. Stock mit Namen versehen, ab dem 13. aufwärts sind alle Schilder leer. “13. Stock und Penthouse”, sagt Ethan mit grimmiger Belustigung, aber Irene hält dagegen. “13. Stock bis Penthouse.”
Ja. Da hat die Britin vermutlich tatsächlich Recht. Aber woher zum Geier hat Coleen, die kleine Angestellte aus der Buchhaltung der Fabrik, Geld, um sich die Miete für fünf verdammte Stockwerke leisten zu können, oder besser: für vier verdammte Stockwerke plus ein ganzes verdammtes oben aufgestocktes Penthouse?

Während Ethan mit verengten Augen nochmal an den sechzehn Geschossen hinaufsieht, geht Sam hinter das Haus und kommt kurz darauf mit einem Foto von einem überwucherten Kräutergarten wieder. Sie schickt das Bild an Julianna Hill, die junge Hexe aus Dana Point, ehe sie es den anderen zeigt. Der Garten wirkt, als ob gelegentlich jemand darin arbeitet, aber nicht mit viel Sinn und Verstand dahinter. Julianna soll ihr sagen, ob es magische Pflanzen sind oder nicht, aber dazu muss das Mädchen erstmal antworten.
Die Altpapiertonne sei voller ungelesener Zeitungen, berichtet Sam noch. Alle mit Adressen hier aus dem Haus, aber nicht eine davon angerührt. Nicht eine Seite umgeblättert. Bestellt, aber nicht gelesen. Normale Fassade aufrecht erhalten. Gruselig. Interessant auch, dass die Zeitungen alle aktuell sind. Die Post weiß also noch, dass es diese Straße gibt und wo sie zu finden ist. “Seltsam”, findet Sam, und Ethan muss ihr da zustimmen. Wenn Coleen die Straße komplett in Vergessenheit hat geraten lassen, warum zum Geier finden die Postboten sie dann noch? Und es wohnen ja auch noch Leute in den Häusern rundum – die lesen ihre Zeitungen noch ganz normal. Interessant.

In der Zeit, in der sie das Hochhaus beobachten, gehen einige Leute dort ein und aus, der eine oder andere fährt auch hinunter in die Tiefgarage. Angesprochen werden sie von den Bewohnern nicht, aber einige von ihnen werfen den Jägern überraschte Blicke zu. Kommt Ethan das nur so vor, oder ruhen diese Blicke vor allem auf ihm? Quark. Das bildet er sich garantiert nur ein.

Eines fällt aber auf. In der Umgebung sieht man keinen einzigen Hund, keine einzige Katze und nur sehr wenige Kinder, und dabei sieht es doch eigentlich aus wie eine angenehme Wohngegend, in der man durchaus zahlreiche junge Familien vermuten würde. Aber die ganze Gegend wirkt generell sehr ruhig. Zu ruhig.

Unsicher sehen die Jäger einander an. Sind das überhaupt echte Menschen hier? Oder haben sie es mit Illusionen zu tun? Mit ferngesteuerten Marionetten? Oder etwas noch Schlimmerem? Sind sie vielleicht schon aufgeflogen, und Coleen wartet oben in ihrem Penthouse wie eine Spinne im Netz? Wartet nur darauf, zuzuschlagen? Wie weit reicht ihr Einfluss überhaupt? Wer sind diese Typen, die sie losschickt, um ihr dieses Holzfurnier zu kaufen? Krankenpfleger oder Physiotherapeuten, die häufiger bei Coleen sind? Bewohner aus dem Haus? Einfache Pizzaboten? Wenn letzteres: Wie lange – oder eben nicht lange – dauert es, bis Coleen jemanden unter ihre Fuchtel gebracht hat? Muss da jemand einfach nur klingeln und – das Bild von der Hexe Griselda aus dem Hofnarren tritt Ethan vor das innere Auge – mit einem Fingerschnippen hat sie ihn?

Drecksmist. Warum ist Ethan nur so nervös? So verunsichert? Das ist doch sonst nicht seine Art. Ja, es gibt guten Grund, vorsichtig zu sein, aber grenzt dieses Gefühl der extremen Beklemmung nicht schon fast an Paranoia?

So oder so. Sie werden in das Haus rein müssen, da führt kein Weg dran vorbei. Aber wenn, dann nicht unvorbereitet. Hmmmm. Stromausfall. Stromausfall wäre eine Option. Wenn Ethan einen Blick auf die Verkabelung hier werfen könnte, dann bekäme er vielleicht was gedreht. Hmmmm.

Aber erst einmal holt Sam ihr Handy heraus und sucht darin herum. “Stadtverwaltung”, murmelt sie. Wählt dann deren Nummer und setzt den Gesichtsausdruck auf, den Ethan schon aus Portland von ihr kennt. Den Gesichtsausdruck, der sagt: Ich bin jetzt jemand anderes. Solange ich diese Rolle spiele, ganz und gar.
“Hallo”, lächelt Samantha in den Apparat, “hier ist Vanessa Ralston von Friends of the Earth. Bin ich richtig bei der Umweltbehörde? Ich würde gerne eine Mitteilung über die Schuylkill Plaza machen. Dort funktioniert die Mülltrennung ganz und gar nicht. Wie? Oh, natürlich. Ja, danke, ich warte.”
Ethan schüttelt in leiser Belustigung den Kopf. Er hat das ja nun schon mehrfach erlebt, aber trotzdem ist er immer wieder davon beeindruckt, wie überzeugend Sam diese Sachen rüberbringt.

Während Sam telefoniert, geht Ethan sich tatsächlich die Verkabelung des Gebäudes ansehen. Es dauert ein bisschen, aber die Zeit nimmt er sich, und als er fertig ist, hat er tatsächlich einen ziemlich guten Eindruck davon, wo er ansetzen muss, wenn er das Haus wirklich dunkel legen will.

Als er wieder zu den anderen zurückkommt, ist Sam immer noch am Telefonieren, nachdem sie offenbar eine Weile von Anschluss zu Anschluss weitergeleitet wurde. Gerade legt sie einen sehr überraschten Tonfall an den Tag und hat tatsächlich, obwohl sie nur am Telefon spricht, sogar das dazu passende überraschte Gesicht aufgesetzt. Aber es stimmt schon: Wer so überzeugend klingen will, muss vermutlich in dem Moment die gespielte Rolle ganz und gar verkörpern. “Das verstehe ich nicht…”, wundert sich Sam. “Wie meinen Sie das, die Schuylkill Plaza ist nicht auf der —

— Karte?” Neugierig sieht Ethan seiner Freundin dabei zu, wie sie die von draußen mit hereingebrachte Post sortiert.
“Hmm?” macht Carla und reicht Ethan, ehe sie selbst ein schwer nach Universität aussehendes Schreiben betrachtet, einen schmalen braunen Umschlag. Gehaltsscheck, sehr gut, auch wenn Ethan sich manchmal fragt, warum sein Arbeitgeber eigentlich noch nicht auf Banküberweisungen umgestiegen ist. Tradition vielleicht, oder es kommt irgendwie billiger. “Die Karte meine ich“, wiederholt er und zeigt auf das bunte Rechteck aus dünner Pappe, das Carla zusammen mit einem Werbeprospekt und dem Unibrief in der Hand hält. “Woher ist die?”
“Ach so”, antwortet Carla und dreht die Postkarte um, so dass Ethan einen blauen Himmel, weiße Wolken und einen runden, schräg stehenden Turm sehen kann, während sie selbst die Textseite liest. “Italien. Mom und Dad sind doch diesen Sommer auf Kunst- und Familiengeschichtsreise.”

Ach stimmt. Dass die Eltern Bernadoni im Urlaub nach Europa wollten, hat Carla letztens schon mal erzählt. Ethan nickt und wirft einen weiteren Blick auf das Bild. “Was schreiben sie?”
“Das Übliche. Gutes Wetter, überwältigende Kultur, tolles Essen, interessante Museen. Oh, und einen entfernten Cousin haben sie getroffen.”

Huh. Entfernten Verwandten auf einem anderen Kontinent zu begegnen, zu denen man bisher keinen oder nur ganz wenig Kontakt hatte, klingt echt spannend. Ethan hat keine Ahnung, wann die Bernadonis in die USA eingewandert sind, aber wenn sie noch Verwandte in der alten Heimat finden konnten, dann wohl eher im 20. Jahrhundert, vermutet Ethan. Er wüsste zumindest nicht, dass seine Familie noch zu irgendwelchen entfernten Angehörigen in England Kontakt hätte. Wobei Dad früher immer davon gesprochen hat, mal auf der Insel Ahnenforschung zu betreiben. Seine amerikanischen Vorfahren sind ja bis in die 1840er oder so bekannt, aber nach Europa geht keine Spur mehr. Oder ging zumindest bis vor zweidreiviertel Jahren nicht. Ist ja möglich, dass seine Eltern inzwischen in dieser Richtung was unternommen haben; Mom war auch immer neugierig, was ihre österreichisch-ungarische Herkunft anging.
Ha. Schön wär’s. Die hatten in den letzten zweidreiviertel Jahren garantiert anderes zu tun, als sich um irgendwelche europäischen Vorfahren zu kümmern. Die sind garantiert immer noch auf der Suche nach ihm. So ein Mist. Er hätte schon längst —

Erst als Carla ihn aus seinen Gedanken reißt, bemerkt Ethan, dass er seinen Gehaltsbrief immer noch ungeöffnet in der Hand hält und schon viel zu lange blind auf den Umschlag starrt. “Was hast du?”
Ethan sieht auf, schenkt seiner Freundin dann ein verlegenes und ein wenig schmerzliches Lächeln. “Entschuldige. Ich hab mich ablenken lassen.“
Die Antwort lässt Carla schmunzeln, aber ihr Gesichtsausdruck ist mit einer Spur Sorge durchsetzt. “Das habe ich gemerkt.” Sie mustert Ethan eingehend. “Du hast an deine eigenen Eltern gedacht, oder?”
Ethan nickt. “Mhmm. Sorry.”
“Ach was”, widerspricht Carla, “dafür doch nicht. Ich kann es ja verstehen, dass du darüber ins Nachdenken kommst. Ich meine…” Sie zögert, sucht offenbar nach den richtigen Worten. Sie tut den Schritt auf Ethan zu und legt die Arme um ihn. “Ich bin hier, wenn du es irgendwann erzählen willst.” Er verzieht das Gesicht und setzt gerade zum Sprechen an, als Carla den Druck ihrer Umarmung etwas verstärkt und ihm einen Kuss auf die Wange drückt. “Oder kannst.” Noch ein Kuss, auf die Lippen diesmal. “Aber wenn nicht… ich liebe dich deswegen nicht weniger, weißt du.”
“Ich weiß”, nickt Ethan. “Es ist auch nicht, dass ich nicht will. Nur… Es ist halt… schwierig.”
“Klar, deswegen sag ich’s ja. Fühl’ dich nicht gedrängt, okay? Ich meine, du bist mit sechzehn von zuhause weg, ohne jeden Kontakt, und ich kenne dich inzwischen ganz gut, behaupte ich. Das kann nicht einfach aus Trotz gewesen sein. Also… gab es einen anderen Grund.” Carlas Blick sucht sein Gesicht ab, und der Ausdruck der Sorge in ihren Augen ist jetzt deutlicher zu erkennen. “Ich weiß zwar nicht genau, was du durchgemacht hast, aber ich weiß, dass es schmerzhaft sein muss, darüber zu reden. Überhaupt daran zu denken. Vielleicht…” Wieder zögert Carla, als sei sie sich nicht sicher, wie sie ihren nächsten Gedanken ausdrücken soll, ohne Ethans Gefühle zu verletzen. “Vielleicht wäre professionelle Hilfe gut?” sagt sie dann vorsichtig. “Mit einem Therapeuten zu reden? Ich meine, es… Solche Fälle sind ja keine Einzelerscheinung. Vielleicht würde es dir helfen.”

Ethan blinzelt. Keine Einzelerscheinung? Okay, er hat keine Ahnung, wieviele Jugendliche so durchschnittlich im Jahr einem Monster entkommen und das dann nicht nach Hause locken dürfen, da wird er sicherlich nicht der einzige in der Geschichte der Menschheit gewesen sein, aber Carla klingt gerade so, als sei das alltägl–
Oh. Oh verdammt. Sie redet von Kindesmissbrauch oder sowas!
“Nein”, widerspricht er heftig, “so war das nicht! Es war…” Drecksmist. Was war es denn? Oder besser, was kann er sagen, dass es war? Frustriert fährt Ethan sich mit beiden Händen in die Haare. “Es war nicht wegen meiner Eltern. Es war wegen…” Mit einem Seufzer bricht er ab. Oh Mann.
“Shhhh”, macht Carla. “Es ist okay. Du wirst es mir schon sagen, wenn du bereit dazu bist. Und wenn nicht… dann nicht.”
Ethan nickt unglücklich und seufzt wieder. “Tut mir leid. Es ist einfach… echt schwierig.”
“Genug davon.” Der Ausdruck in Carlas Augen verändert sich, wird regelrecht schelmisch. “Du, mein liebstes Herz, brauchst wirklich eine Ablenkung. Du musst auf andere Gedanken kommen. Und Dr. Bernadoni hat genau das richtige Rezept.” Sie küsst ihn wieder, aber innig jetzt, fordernd, eng an ihn gedrängt und eine Hand in seinem Nacken, und Ethan kann spüren, wie er auf ihre Zärtlichkeiten reagiert, wie die Sorgen und Gedanken in den Hintergrund rücken. Ähnlich hungrig wie Carla erwidert Ethan den Kuss, muss dann grinsen, als sie ihn in Richtung Couch zu schieben beginnt. “Jetzt? Es ist heller Nachmittag…”
“Ruhe, Herr Patient.” Carla verstärkt ihren Druck, bis Ethans Kniekehlen mit dem Sofa kollidieren und er, noch immer grinsend, hintenüber in die Polster fällt. “Ärztliche Anordnung.”

Carla hatte absolut recht, denkt Ethan einige Zeit später mit einem glücklichen Seufzer. Diese Ablenkung hat tatsächlich Wunder gewirkt. Er hat wenig Lust, seine Liebste los- und vom Sofa aufstehen zu lassen, aber es ist tatsächlich noch vergleichsweise früh, und sie können ja wohl schlecht den Rest des Tages auf der Couch vertrödeln.

Als Ethan sich aufsetzt und nach seinen vorhin hastig ausgezogenen Sachen greift, meint er, eine leise Stimme zu hören. Er könnte gar nicht sagen, woher sie zu kommen scheint – es wirkt, als ertöne sie direkt in seinem Kopf. Für einen Sekundenbruchteil flammt Ethans Jägerinstinkt in greller Warnung auf, legt sich aber sofort wieder schlafen. Ach was. Die Worte kamen von der Straße. Definitiv. Was auch immer der Redner draußen gemeint haben mag mit: “Zweimal, zweimal, nur nicht dreimal.”

Nachdem Sam ihr Telefonat beendet hat, sehen die vier Jäger einander an. Der Anruf war ja vor allem eine Bestätigung von etwas, das sie ohnehin schon vermutet hatten, aber jetzt ist es ganz klar: Nicht mal im Rathaus weiß man von den Straßen. Das heißt, Coleen hat tatsächlich irgendwie die Erinnerung daran aus dem Gedächtnis der ganzen verdammten Stadt getilgt. Nicht, dass es Ethan sonderlich wundert, dass sowas grundsätzlich geht. Mehr, wo Coleen, das in Sachen Hexenkunst doch eigentlich ziemlich kleine Licht, den magischen Wumms her hat, um so einen Zauber, der sicher alles andere als leicht war, überhaupt zustande zu kriegen. Wobei, wieder: Acht Jahre ist lange her. Kann viel passiert sein in der Zeit. Aber so viel?

Stirnrunzelnd erzählt Ethan den anderen – sprich Nelson und Irene, Sam weiß das ja alles schon – von Coleens Mangel an Talent und ihren Ansichten zur Pragmagie. Holt schließlich die Transkription seiner Seite von Garritys Geschäftsbuch heraus und zeigt sie herum. Gemeinsam stecken sie die Köpfe über dem Blatt Papier zusammen, und auch Ethan liest noch einmal mit, obwohl der Text ihm inzwischen so vertraut ist, dass er ihn auswendig aufsagen könnte. Und obwohl ihm der Text inzwischen so vertraut ist, zieht sich doch immer wieder alles in ihm zusammen, wenn ihm die Worte vor die Augen kommen. Verdammt. Sollte doch eigentlich meinen, er würde sich inzwischen gewöhnt haben.
Nach einer Weile sieht Irene von dem Blatt auf. “Was wohl der Dienst war?”
Ethan blinzelt verblüfft. “Hmm? Na die Fluchverstärkung.”
“Nein.” Irene deutet auf die Transkription. “Das steht unter ‚Preis’. Also denke ich, der Dienst muss etwas gewesen sein, das Coleen für den Dämon tun sollte und nicht umgekehrt.”
Mit zusammengezogen Brauen sagt Ethan sich den genauen Wortlaut des Eintrags nochmal vor. Und dann gleich nochmal. ‘Preis: Seele in zehn Jahren. Erinnerung an E-ta-na Ga-le. Ein Dienst. Anweisungen zur Verstärkung des Fluchs erteilt.’ Tatsächlich. Irene hat recht. Der ‘Dienst’ scheint wirklich mit als Teil des Preises aufgelistet zu sein, nicht als dessen Ergebnis, wie Ethan immer gedacht hat. Wie oft hat er diesen Text jetzt schon gelesen? Und es ist ihm nie aufgefallen, dass man das auch anders verstehen kann; er ist einfach immer irgendwie davon ausgegangen, dass seine Interpretation die richtige war… Verblüfft schüttelt er den Kopf. “Huh. Wahr.”
“Also was war dieser Dienst?” wiederholt Irene nachdenklich. “Ob es irgendwas mit der Straße zu tun hat? Oder damit, dass der Dämon sich an sie gehängt hat?”

Hmm. Interessant wäre es sicher, das rauszukriegen, aber daraus wird wohl nichts werden. Das klingt nämlich ganz nach was, das sie Coleen fragen können. So im freundlichen Kaffeeplausch. Hah.
Und außerdem macht es erstmal vermutlich keinen Unterschied. Die Aufgabe bleibt dieselbe: Was von der Hexe beschaffen.
“Okay”, fragt Nelson, als Ethan sich entsprechend äußert. “Wie gehen wir dabei vor?”
“Wohnung”, antwortet Ethan. “Haare? Fingernägel?”
Und klar wird das nicht leicht. Scheiße, nein. Wenn sie da rein wollen, dann werden sie jeden Vorteil brauchen, den sie kriegen können. Wie eben einen Stromausfall beispielsweise. Und alles andere, was ihnen noch so einfällt. Armee, zum Beispiel? Spezialeinsatzkommando?
Drecksmist. Warum ist er immer noch so unruhig? Reiß dich zusammen, ruft Ethan sich streng zur Ordnung. Klar ist das hier so persönlich, wie es persönlicher nicht geht, aber es ist auch immer noch genauso ein Job, verdammt.

Haare werden vor allem nicht so leicht zu bekommen sein, sind sie sich einig. Coleen wäre arg naiv, wenn sie ihre Haarbürste nicht sehr sorgfältig säubern und sämtliche Haare entsorgen würde, Fingernägel ebenso. Ob ein Kleidungsstück auch reichen würde? Fraglich, aber nicht ausgeschlossen. ‚Etwas von der Hexe’ kann vieles bedeuten.
Irgendwer bringt den Unfallwagen ins Spiel. Ob da vielleicht noch Haare oder Blut drin zu finden wären. Aber den Gedanken verwerfen sie gleich wieder. Der Unfall ist über zwei Jahre her, und es war ein Totalschaden. Sehr unwahrscheinlich, dass das Auto noch existiert – oder aufzufinden ist, wenn.

Sam war schon die ganze Zeit seit ihrem Anruf bei der Stadtverwaltung ziemlich ruhig, wirkte aber öfter mal so, als habe sie etwas sagen wollen, es sich sich dann aber doch immer wieder verkniffen. Ethan kennt seine Fr– die junge Jägerin allerdings inzwischen gut genug, um zu merken, dass sie langsam ungeduldig wird. Ach was. Vergiss ‘wird’. Schon ist. Und jetzt verleiht Sam ihrem Missmut auch Ausdruck. “Ist doch klar, dass wir rein müssen. Also los. Gehen wir endlich rein.”
Klar müssen sie rein. Aber… “Nicht unvorbereitet.”
“Was willst du denn noch vorbereiten?”, schießt Sam ihm entgegen.
“Wissen nicht genug”, sagt Ethan düster. “Mieter und so.”
Natürlich müssen sie rein. Logisch. Aber was ist eben mit den Bewohnern? Wie viele von denen hat die Hexe schon unter Kontrolle, und wie fest? Sprich wie feindselig werden die sich verhalten? Das sind vermutlich lauter Unschuldige, die sich ihnen da möglicherweise in den Weg stellen könnten.
“Nicht nur die Mieter”, springt Irene ihm bei. “Es wäre ziemlich unverantwortlich, da jetzt blind reinzustürmen und erst oben, wenn wir schon im Spinnennetz hängen und die Spinne direkt auf uns zukommt, zu überlegen, was wir denn jetzt eigentlich machen wollen. Das gefährdet nicht nur die Mieter. Das gefährdet auch uns selbst, und zwar völlig ohne Not. Wir haben keinerlei Zeitdruck.” Die Britin wirft einen bedeutungsvollen Blick Richtung Ethan, ehe sie ihre Cousine tadelnd ansieht. Es scheint beinahe so, als wolle sie noch mehr zu dem Thema sagen, verzichte dann aber doch darauf.

Jemand könnte so tun, als wolle er Coleens Life Coach-Dienste in Anspruch nehmen, schlägt Nelson vor. “Schlechter Plan”, brummt Ethan. Klar wäre das eine Möglichkeit, unauffällig an die Hexe heranzukommen. Eigentlich sogar eine ziemlich geschickte. Aber. Sie wissen nicht, wie dieser Beeinflussungszauber genau wirkt. Ob die Hexe einen nicht unter ihre Kontrolle bringen kann, auch wenn man eigentlich meint, man ist darauf vorbereitet. Je nachdem, wie schnell und wie unauffällig sie das macht, bekommt man das vielleicht nicht mal mit und hat gar keine Chance, sich zu wehren. Eine kleine Berührung am Arm, fährt es Ethan durch den Sinn, und er beißt die Zähne aufeinander. Ein paar kurze Worte. ‘Wenn ich dich nicht haben kann, dann soll dich auch keine andere Frau bekommen.’
Und es wäre Nelson, der das machen müsste, weil nicht gesagt ist, dass die Hexe ihn selbst nicht doch wiedererkennen würde, und in die Gefahr will Ethan den Nigerianer nicht schicken.
“Wir brauchen aber einen Plan B”, beharrt der Dozent.
Ja. Schon. Na gut. Ist eine Option für den Hinterkopf, wenn gar nichts anderes geht.

“Wir haben Zeit”, wiederholt Irene. “Lasst uns das Haus beobachten. Sehen, wer ein- und ausgeht. Wie die Mieter so drauf sind.” Sie wirft einen Blick in die Umgebung, die ruhige, zu ruhige, Wohnstraße. “Aber nicht zu Fuß. Lasst uns ein unauffälliges Auto mieten.” Vom Flughafen aus sind sie nämlich tatsächlich mit der Bahn gekommen, weil der öffentliche Nahverkehr hier ziemlich gut erschlossen ist und das leichter war, als auf ihrer Odyssee durch die Esoterikläden der Stadt ständig irgendwo einen Parkplatz suchen zu müssen.

Sam ist nicht begeistert von der Idee, brummelt etwas von “Zeitverschwendung”, aber eine Weile später parken sie einen kleinen weißen Toyota in der Nähe des Hauses an der Schuylkill Plaza und beschließen, sich wieder einmal mit dem Schlafen abzuwechseln. Und so vergeht die Zeit. Niemand verlässt das Haus. Ein Bewohner kommt abends spät. Die Stockwerke 14 bis 16 sind und bleiben völlig dunkel, während im 13. Stock ein Flackern aus den Fenstern dringt, als schaue dort jemand fern. Die ganze verdammte Nacht. Überhaupt bleibt alles sehr ruhig: Um zehn Uhr abends sind auch auf den unteren Etagen alle Fenster schon weitestgehend dunkel.

Nicht nur das Haus ist ruhig. Die ganze Nacht über, zumindest solange Ethan wach ist, sieht und hört er weiterhin keine einzige Katze. Keinen einzigen Hund. Vögel dann, als es langsam hell wird. Da huscht dann auch ein Eichhörnchen vorbei. Wilde Tiere also, aber keine gezähmten? Interessant. Aber was hat das jetzt schon wieder zu bedeuten?

Mit dem Morgen kommt auch wieder etwas Leben in die Schuylkill Plaza. Menschen verlassen das Haus, steigen in ihre Autos und fahren weg oder gehen in Richtung Haltestelle.
Irene sieht ihnen nachdenklich hinterher. “Offensichtlich tut sie etwas, dass nachts niemand mehr raus kann.” Hmmm. “Oder will”, brummt Ethan. “Oder will”, stimmt Irene zu.

“Wer sagt überhaupt, dass sie hier noch wohnt?” wirft Sam plötzlich ein. “Und falls ja, dass der Zauber gerade aktiv aufrecht erhalten wird?” Ethan schüttelt sachte den Kopf. Das Schild am Eingang sagt das. Und vor allem die ganze Aura des Ortes hier. Die Spannung, die Nervosität, die von ihm Besitz ergriffen hat, die ganze Zeit schon, und von den anderen vielleicht auch. Er würde einiges darauf verwetten, dass das irgendwie der Einfluss der Hexe ist und dass sie tatsächlich da oben hockt wie die Spinne im Netz, als die er sie sich gestern schon ausgemalt hat. Ganz abgesehen davon, dass das hier ihr einziger Anhaltspunkt ist und sie nicht wüssten, wohin sonst, wenn das hier nichts wird. Und das weigert er sich zu glauben, verdammt. Oder besser: Damit wird er sich befassen, wenn – falls – es soweit kommt.

“So ein Zauber muss aufrecht erhalten werden”, erklärt Nelson jetzt. “Das liegt in der Natur der Dinge.” “So etwas kostet sehr viel Energie”, überlegt Irene. “Vielleicht gibt es ja deswegen keine Hunde und Katzen hier, weil Coleen sie alle gefressen hat. Und keine Kinder.”

Scheiße, verdammte. Auf den Gedanken ist Ethan ja noch gar nicht gekommen. Scheiße. Wenn das so wäre…
Aber es gibt doch noch ein paar Kinder hier. Aus dem einen oder anderen Einfamilienhaus an der Leaves Street kommen Kinder heraus und machen sich auf Richtung Schule. Okay. Dann ist ja vielleicht zu hoffen, dass die übrigen Familien einfach nur wegen der unheimlichen Aura hier weggezogen sind.

“Wenn sie Kinder frisst, müssen wir sie aus dem Verkehr ziehen”, sagt Nelson.
Sam schnaubt. “Habt ihr schon mal eine Hexe getötet?” fragt sie, und der Afrikaner verneint. “Für mich wäre es auch die Premiere, wenn es dazu käme”, ergänzt Irene. Ethan sagt nichts dazu. Was ihn betrifft, weiß Sam das nur allzu gut. Immerhin war er bei der Gelegenheit direkt an —

— ihrer Seite. Ethan, der vorneübergebeugt auf dem Sofa sitzt, das Kinn in eine Hand und den zugehörigen Ellenbogen auf ein Knie gestützt, grinst breit und legt mit der anderen Hand den weißen Stein, den er soeben aus Carlas Außenfeld geschlagen hat, auf die Mittelbande, ehe er mit seinem eigenen dunkelroten Stein weiterzieht und ihn, Pasch sei Dank, tatsächlich noch sicher in sein Heimfeld bringt. Der Zug hat seine Seite ziemlich dicht gemacht, stellt Ethan mit Genugtuung fest. Wenn Carla nicht großes Würfelglück hat, wird sie da so schnell nicht wieder rauskommen, während er selbst jetzt anfangen kann, seine Steine herauszunehmen. Dann aber wirft er seiner Freundin einen amüsiert-misstrauischen Blick zu. Die sieht viel zu entspannt aus, wie sie da ihm gegenüber auf ihrem Sessel thront. Ein bisschen selbstzufrieden sogar. “Lässt du mich etwa gewinnen?”
Carla schüttelt schnell den Kopf. Zu schnell? “Du hast einfach gut gewürfelt und ich nicht. Und du hast auch ziemlich gut gespielt, muss ich sagen.” Ethan sieht sie mit leichtem Zweifel im Gesicht an, und Carla schmunzelt. “Naja, okay, so richtig optimal war meine Taktik vielleicht auch nicht unbedingt. Aber absichtliche Fehler habe ich keine gemacht.”
“Ist ja auch noch nicht rum”, wendet Ethan ein, aber diese Bemerkung lässt Carla erneut dem Kopf schütteln. “Da müsste schon viel passieren, dass ich das herumreiße. Noch eine Partie danach? Revanche?”

Klar, warum nicht? Der Abend ist lang. Aber erst einmal geht Ethan, nachdem er die Partie wie erwartet für sich entschieden hat, an die frische Luft und zündet seine abendliche Zigarette an. Er raucht deutlich weniger, seit sie zusammen wohnen, weil Carla Nichtraucherin ist und er die Luft im Apartment nicht verpesten will, aber die gelegentliche Zigarettenpause bei der Arbeit und eine Kippe am Abend hat er beibehalten. Mal sehen, wie lange noch, denkt er belustigt. Carla sagt zwar nichts, aber gelegentlich rümpft sie die Nase, wenn Ethan frisch vom Rauchen hereinkommt und ihr dann direkt einen Kuss gibt. Ist ja nicht so, als würde ihm das nicht auffallen.

”Ich hab nachgedacht”, sagt Ethan eine Weile später, nachdem Carla die zweite Partie wie erwartet gewonnen hat, der Backgammon-Koffer weggeräumt ist und sie entspannt nebeneinander auf der Couch sitzen. “Wegen meiner Familie.” Seine Freundin sieht ihn aufmerksam an. “Ja?”
Ethan nickt, zögert dann kurz, um seine Überlegungen in Worte zu fassen. “Ja. Weißt du, die ganze Zeit bin ich rumgezogen. Da ging es nicht. Aber jetzt, wo wir zusammenwohnen… ich meine, jetzt… jetzt bin ich ja hier, also, ich meine fest und so, und ich bleibe hier und alles, also… ” Gah. Blödes Rumgestotter. Klar kann er nicht erwähnen, dass es früher zu gefährlich war, dass sich das aber jetzt erledigt hat, wo Ethan nicht mehr jagt. Aber das heißt doch noch lange nicht, dass er sich hier so anstellen muss. Als Carla ihn nicht unterbricht, sondern ihn weiterhin konzentriert anschaut, schüttelt Ethan den Kopf und setzt neu an. “Was ich sagen will, jetzt kann ich sie eigentlich auch wieder kontaktieren. Nicht nur kann. Ich möchte gerne. Ich…” Drecksmist. Nicht sentimental werden hier. Lieber auf was Einfaches konzentrieren, bevor ihm noch die Stimme versagt oder sowas. “Immerhin kennen sie dich noch gar nicht, und sie müssen dich unbedingt kennenlernen.” Ethan grinst schief. “Wenn sie mir überhaupt abnehmen, dass ich ich bin, so nach drei Jahren Funkstille.”
Carla lehnt sich zu Ethan hinüber und drückt seine Schulter. “Das werden sie schon. Und ich lerne sie auch gerne kennen.” Aber ihre Stimme klingt ein bisschen belegt, und ganz leicht geht ein Schatten über ihr Gesicht bei diesen Worten. Oh Mann.
“Carla. Sie haben mir nichts getan. Es lag nicht an ihnen. Wirklich.”
“Okay. Ist ja gut. Ich glaube dir ja. Und ich lerne sie gerne kennen. Apropos: Vor ihrem Urlaub haben Mom und Dad auch schon gefragt, wann sie dich mal wieder zu Gesicht bekommen. Ich habe gesagt, spätestens Thanksgiving. Ich hoffe, das ist okay.”
“Klar.” Ethan nickt mit Nachdruck und erwidert Carlas Geste von eben, ehe ihm etwas einfällt und er schmunzeln muss. “Außer natürlich, meine Leute haben zu Thanksgiving andere Pläne.” Aber eines nach dem anderen. Erstmal kontaktieren.
“Willst du sie sofort anrufen?”
Mit einem Stirnrunzeln sieht Ethan auf die Uhr. Er würde gerne, sehr gerne sogar, aber… “Zu spät. An der Ostküste ist es mitten in der Nacht. Ich würde die jetzt nur aus dem Bett klingeln. Lieber morgen nachmittag, wenn es bei denen früher Abend ist. Erinner mich dran, okay?” Nicht, dass er glaubt, dass er das wirklich vergessen könnte, aber sicher ist sicher.
“Apropos”, schlägt er dann vor, “hier wird es auch langsam spät. Ich bin zwar noch nicht so richtig müde, aber…”
Carla lächelt verschmitzt. “Nicht so richtig müde? Aha?”
Ethan schnaubt. “Was du schon wieder denkst.”
Jetzt wird das verschmitzte Lächeln seiner Freundin zu einem ausgewachsenen Feixen. “Ich kenn dich doch. Ich denke genau dasselbe, was du auch denkst.”
Er muss lachen. “Auch wieder wahr.”

Mit einem Lächeln auf den Lippen gibt Ethan seiner Liebsten einen zärtlichen Gutenachtkuss, ehe er sich zum Einschlafen auf die andere Seite dreht. Er kann noch immer ihre warme Haut an seinen Fingerspitzen fühlen, und alles in ihm vibriert nach. Die Worte, die in seinem Kopf auftauchen, während er langsam in die Gebiete driftet, wo der Schlaf ihn finden wird, hört er zwar, und kurz flackert ein Alarm durch sein Bewusstsein, aber nein. Der Satz hat keinerlei Bedeutung. Kann er gar nicht haben, auch wenn in ihm ein böse-triumphierender Tonfall mitschwingt. “Denn bei Mal drei – vorbei”? Was soll das denn bitte heißen? Nichts natürlich. Gar nichts. Eine sinnlose Aneinanderreihung von Silben.

Sam nickt grimmig zu den Antworten der beiden anderen Jäger. “Das hab ich mir gedacht. Ich habe schon mal eine Hexe getötet, und ich kann euch sagen, das war nicht schön. Das war verdammt dreckig, um genau zu sein, und ich will es gar nicht erst nochmal versuchen. Wenn die da oben einen Dämon hat, dann haben wir gegen sie ohnehin keine Chance. Wir müssen da rein und ungesehen wieder raus. Unser Ziel ist nicht sie. Unser Ziel ist etwas von ihr.”

Hat Ethan nicht vorhin schon an den Hofnarren gedacht? ‘I want to get in, get it done, get it over with, and get out’, fährt ihm jetzt eines seiner Lieblingszitate aus dem Film durch den Kopf, auch wenn er gerade nicht darüber schmunzeln kann, wie er das sonst normalerweise vermutlich getan hätte. ‘Get it? Got it. Good!’

Okay. Rein und ungesehen wieder raus ist ein Plan. Also Coverstory. Irgendwas ohne großes Drama, falls die Hexe einen Alarm- oder Schutzmechanismus auf das Haus gelegt hat. Der darf nicht auslösen.
Also doch der Stromausfall. Am besten gleich in der ganzen Straße, damit es nicht auffällt. Und sich dann als Elektriker ausgeben. Ethan macht sich an die Arbeit, und kurze Zeit später ertönt ein überraschter Aufschrei aus einem der Einfamilienhäuser an der Schuylkill Plaza. Aber kein Ton aus dem Hochhaus. Na gut, es ist immerhin ein Hochhaus. Gut isoliert und die Fenster weiter oben und damit weiter weg. Aber trotzdem.

Egal. Rein da jetzt, ehe die echten Elektriker anrücken. Sam braucht auch gar nicht lange, ehe sie, geschickt wie immer, das Schloss an der Haustür aufbekommen hat.

Im Hausflur ist es dunkel. Natürlich ist es das, kaum Fenster, und es geht gerade der Strom nicht. Aber auch hier drin ist kein Ton zu hören. Vom Eingangsbereich gehen mehrere Türen ab, anscheinend zu den Treppenhäusern. Da, doch ein Ton. Schritte, um genau zu sein. Jemand kommt die Treppe herunter.
Während die anderen in Deckung gehen, bleibt Ethan offen im Flur stehen und wartet ab, wem er gleich versuchen darf seine Tarngeschichte zu erzählen. Blöder Plan, fährt es ihm durch den Kopf, wo Sam in sowas doch so unendlich viel besser ist als er selbst. Aber den glaubwürdigeren Elektriker gibt trotzdem er ab. Wird schon irgendwie gehen.

Es ist ein Mann, der die Treppe herunterkommt, Mitte 50 etwa und mit einem Werkzeugkoffer in der Hand. Werkzeugkoffer. Oh oh. Das war jetzt nicht der Plan. “Wer sind Sie?” stellt der Mann ihn auch tatsächlich sofort zur Rede, “und was wollen Sie hier?”
Rein vom Wortlaut her zumindest könnte die Frage eine Zurredestellung sein. Vom Tonfall her klingt sie eintönig und irgendwie abgestumpft.
Naja. Egal. Augen zu und durch. Aber sorgfältig formulieren nicht vergessen. “Parker. Soll hier nach der Elektrik sehen.”
“Brauchen Sie nicht”, antwortet der Mann in demselben eintönigen Stimme. “Ich repariere das.”
Mist. “Oh. Und wer sind Sie?”
“Ich bin hier der Hausmeister. Gehen Sie.”
Oh oh. Egal. Weiterbluffen.“Bin doch eben erst gekommen. Soll das hier reparieren.”
“Ich repariere das. Gehen Sie.”
“Meine Firma hat aber den Auftrag”, beharrt Ethan, auch wenn er ein immer schlechteres Gefühl bei der Sache bekommt. “Muss mir das ansehen.”
“Der Schaden ist draußen”, hält ihm der Mann entgegen. “Gehen Sie.”
Drecksmist. Das wird nix mehr. Den kriegt er nicht rumgeblufft. Aber er muss es wenigstens versuchen, so lange es geht. Wenn er ihn schon nicht überzeugen kann, vielleicht kann er den Typen wenigstens ablenken. Dann können sich die anderen währenddessen vielleicht vorbeischleichen oder so. “Schon draußen geschaut. Ist drinnen.”
“Der Schaden ist draußen”, wiederholt der Mann. “Gehen Sie.”
“Woher wissen Sie das? War doch eben erst.”
“Ich weiß es. Ich bin der Hausmeister. Der Schaden ist draußen. Gehen Sie.”
Was zum Geier? “Aber…”
“Der Schaden ist draußen”, sagt der Mann wieder und kommt näher, richtig dicht an Ethan heran. “Gehen Sie.”
Jetzt drängt der Typ ihn aktiv Richtung Ausgang. Und die ganze Zeit derselbe monotone Redestil. Das ist echt gruselig, elender Drecksmist, wie ein Roboter. Ethan könnte sich natürlich wehren; der Typ sieht nicht so aus, als sei er ein sonderlich geübter Gegner, aber er ist immerhin einfach nur ein Bewohner hier, wenn auch ein ganz offensichtlich gehirngewaschener Bewohner. “Ich geh ja schon.”
“Ja. Gehen Sie. Der Schaden ist draußen.”

Der Hausmeister schiebt Ethan zur Eingangstür, und der lässt sich ohne Widerstand hinauskomplimentieren. Immerhin sind die anderen im Haus, und der Kerl hat sie nicht bemerkt. Vielleicht kann er durch die Tiefgarage wieder rein, damit sie nicht alleine weitermachen müssen.

Im selben Moment, als Ethan das Haus verlassen hat, verliert der Hausmeister jedes, wirklich jegliches, Interesse an ihm. Der Mann wühlt in seinem Werkzeugkoffer herum und macht sich am Sicherungskasten zu schaffen. Er werkelt daran herum und achtet auf nichts um sich her, bemerkt Irene nicht, die Ethan einfach von innen die Tür öffnen kommt. Um so besser. Wäre diese Hürde schon mal geschafft.
Am Aufzug hängt ein Schild: ‚Außer Betrieb’. Aber was solls, ein bisschen Treppensteigen hat noch niemandem geschadet. Und vor allem ist das sowieso leiser. Ein Aufzug, der plötzlich auf Coleens Privatstockwerk ankäme, würde unter Umständen auffallen.

Erstaunlich für einen so hässlichen Betonkasten: Die Treppenstufen sind alle aus Holz. Und irgendwas stimmt nicht. Ethan kann nicht so richtig den Finger darauf legen, aber die Winkel wirken irgendwie nicht rechteckig. Verzerrt. Er schüttelt den Kopf, um ihn frei zu kriegen, schließt die Augen. Als er sie wieder öffnet, ist der Missklang in den Winkeln immer noch da. Ein klein wenig fühlt Ethan sich an diese Bilder erinnert. Die von den falschen Treppen. Wie heißt der Künstler noch? Escher, genau.
“Seht ihr das auch?” fragt er seine Begleiter. “Oder irre ich mich?” Ethan blinzelt, sieht nochmal hin. Zieht eine Grimasse. “Nicht objektiv grad.”

Aber den anderen ist die unnatürliche Verzerrung auch nicht entgangen. Sam nickt und leuchtet mit ihrer Taschenlampe im Treppenhaus herum, scheint die Quelle der Seltsamkeit ausfindig machen zu wollen. Dabei wandert der Lichtkegel auch über die hölzernen Treppenstufen, ehe Sam mitten in der Bewegung innehält und den Strahl der Lampe auf den kleinen Zeichen ruhen lässt, die auf jeder Stufe unauffällig in einer Ecke angebracht sind. Arkane Symbole, soviel kann Ethan erkennen, mehr aber nicht.
Irene hingegen runzelt die Stirn. “Das sind Beherrschungszeichen”, erklärt sie leise. “Eigentlich dürften sie keine Wirkung auf einen Menschen haben, dafür sind sie viel zu klein, aber…”
Aber sie sind auf jeder verdammten Stufe angebracht. Und wenn die Leute ständig darüberlaufen, weil der Aufzug ja nicht geht… “Gebetsmühle”, knurrt Ethan. Wenn man lange genug darüber läuft, beeinflussen sie einen irgendwann eben doch, egal, wie schwach die Dinger einzeln eigentlich sein mögen.

Elender Drecksmist. Hilft aber alles nichts, sie müssen über die Stufen laufen. Können sie nur hoffen, dass einmal hoch und runter nicht reicht, damit die blöden Symbole schon eine Wirkung haben.

Mit jedem Stockwerk wird die seltsame Verkrümmung des Treppenhauses deutlicher erkennbar. Bis zum achten Stock haben sie Glück und begegnen niemandem, aber dort kommt gerade eine alte Dame mit Einkaufstasche aus dem Flur. Inzwischen brennt das Licht auch wieder; der Hausmeister ist offenbar fertig mit seinen Reparaturen.
Prompt hält die alte Dame an, als sie die Jäger sieht. “Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?”
Haargenau derselbe flache Tonfall, den der Hausmeister auch drauf hatte. Aber jetzt kommt er Ethan gar nicht so seltsam vor. Natürlich spricht sie flach. Es ist eine alte Dame.
“Besuch”, sagt Ethan, während Sam die Frau einfach ignoriert und weiter die Treppe hinaufsteigt. Die Alte greift nach Sam, aber die ist viel flinker auf den Beinen und weicht ihr einfach aus. Trotzdem macht die Bewohnerin Anstalten, weiter auf die Fremden loszugehen, und Irene versucht, sie mit sanfter Gewalt wieder in den Hausgang zu schieben, aus dem sie gekommen ist, während die anderen schon mal ein paar Schritte nach unten tun. “Wir gehen, wir gehen”, vermittelt Nelson, aber die alte Dame wehrt sich, und Irene will sichtlich nicht ihre volle Kraft anwenden. Erst, als Irene auch den Rückzug antritt, kehrt die Bewohnerin tatsächlich dahin zurück, wo sie hergekommen ist. Vom nächstunteren Treppenabsatz können die Jäger hören, wie die Alte mit ihrer apathischen Altedamenstimme ein “Da sind Leute” in ihren Flur meldet und sich daraufhin Wohnungstüren zu öffnen beginnen.

Da wird jetzt mit Sicherheit gleich wer kommen, denkt Ethan uninteressiert. Ja und? Aber die anderen finden, dass ein Stockwerk nicht reicht, und so ziehen sie sich wieder ganz zurück, runter in die Tiefgarage. Suchen ein Auto, das einen Funksender hat, damit sie die Garage auch von außen wieder aufbekommen. Sam knackt dessen Schloss, und Ethan will sich gerade daran machen, die Zündung zu überbrücken, da fragt Sam unvermittelt: “Ist noch wer dafür, das hier nachher einfach abzufackeln?”
Was sagt sie da? Jäh hält Ethan in seiner Arbeit inne und starrt die junge Jägerin entgeistert an. Die Bewohner hier sind alles Unschuldige, auch wenn sie von der Hexe kontrolliert werden! “Leute?!” Aber schon weicht das empörte Entsetzen über Samanthas herzlosen Vorschlag einer leisen Verwunderung, und Ethans zusammengezogene Brauen glätten sich.
“Nachdem wir das Haus evakuiert haben, natürlich”, stellt Sam klar, was auch die leise Verwunderung vergehen lässt. Ah. Na dann.

Eigentlich müssen sie gar nicht aus dem Haus, stellen sie dann fest, denn bis hier unten ist ihnen niemand gefolgt. Das geknackte Auto lassen sie trotzdem geknackt und die freigelegten Drähte offen liegen. Wer weiß, wofür es nochmal gut sein mag. Und irgendwie ist für Ethan die Tatsache, dass es da ist, auch schon wieder halb in den Hintergrund gerückt.

Okay. Sie müssen irgendwie da hoch. Die gehirngewaschenen Bewohner sind allerdings ein Problem. Die werden beim zweiten Mal nicht weniger allergisch gegen Fremde sein. Gehirngewaschen sind sie, aber auch allesamt unschuldige Unbeteiligte, denen darf nichts zustoßen. Also was mit denen machen? Betäuben vielleicht? Eine Klimaanlage bzw. Luftschächte, mit denen man alle Bewohner gleichzeitig schlafen legen könnte, gäbe es theoretisch, aber das wäre heikel. Nicht gesagt, dass das so klappen würde wie geplant. Und das Schlafgas müssten sie auch erstmal wo beschaffen.

Andere Option: den kaputten Aufzug reparieren. Wäre vielleicht einfacher, als Schlafgas zu besorgen und dann die Lüftung entsprechend herzurichten. Aber als Ethan anfängt, den Aufzug zu untersuchen, um festzustellen, wieviel Arbeit eine Reparatur so darstellen würde, gehen seine Augenbrauen nach oben. Nicht nur wurde das Ding vor sieben Jahren zuletzt gewartet, sondern es ist noch nicht mal wirklich defekt. Der Aufzug würde einwandfrei funktionieren; das ‘Außer Betrieb’-Schild ist offenbar zu nichts weiter da, als alle Bewohner dazu zu bringen, statt des Aufzugs die Treppe zu benutzen. Heh. Gut gespielt, Hexe. Wirklich gut gespielt.

Aber Irene ist vehement dagegen, den Aufzug zu nehmen. Sie vertritt die Ansicht, das sei viel zu laut, das würde man im ganzen Haus hören, zumal das Ding ja seit sieben Jahren nicht benutzt worden ist und das sofort auffallen würde, wenn man das jetzt wieder in Betrieb nähme – und dann kommen sie oben an und stecken in einem Gefängnis von eineinhalb mal zwei Metern fest, weil hundert gehirngewaschene Zombies vor der Tür stehen. Nicht mit Irene, herzlichen Dank.

Okay. Bei der Sache mit dem Lärm hat die Britin ja gar nicht mal so unrecht. Aber vielleicht können sie ja im Aufzugsschacht hochklettern. Das wäre leise und hätte den Vorteil, dass sie nicht nochmal über die Symbole auf der Treppe müssen. Warum eigentlich nicht? Was stört an denen? Irgendwas war da, warum es besser ist, dass nicht. Hmm. Egal.

Nelson gibt zu bedenken, dass eine Kletterpartie über 13 Stockwerke, 14 mit der Tiefgarage, gar nicht so ohne ist und dass er nicht weiß, ob er das durchhält, auch wenn in dem Schacht Tritte angebracht sind. Oder ob er, selbst wenn er es durchhält, nicht einfach zu viel Lärm dabei machen und die Mieter alarmieren wird. Stattdessen schlägt der Afrikaner vor, dass sie eines der anderen Treppenhäuser im Gebäude nehmen sollen: eines, wo die Bewohner noch nicht gewarnt sind. Mmhm. Möglich. Ethan ist trotzdem für Klettern. Und unter seinem unbeteiligten Gleichmut wird auch er langsam ein klein bisschen ungeduldig.

“Ethan, was möchtest du tun?” fragt die Britin. Hmm? Hat er das nicht gerade eben erklärt? “Klettern”, brummt Ethan. Aber Irene sieht ihn ungehalten an und wiederholt in scharfem Tonfall: “Ethan, was möchtest du tun, wenn du oben bist? Was möchtest du erreichen?”
Oh. Das. War das nicht auch längst klar? “Rein”, macht er nochmals deutlich, “was holen, raus. Idealfall ungesehen.” Nicht mit der Hexe anlegen, wenn es irgendwie geht. Dafür sind sie nicht hier. Nicht heute.

Irene brummelt missmutig herum und lässt keinen Zweifel daran, dass der Gedanke an den Aufzugschacht ihr genausowenig gefällt wie der an die Aufzugkabine selbst. Okay. Dann… „Aufteilen?“
Aufteilen. Während die beiden anderen sich jeweils eines der anderen Treppenhäuser vornehmen, um eventuelle Aufmerksamkeit von Sam und Ethan abzulenken, machen die sich an die Metallsprossen im Liftschacht. Leise. Leise. Keinen Lärm machen und vor allem nicht abstürzen. Langsam und vorsichtig. Irgendwo auf halber Strecke etwa hören sie dann Stimmen von draußen vor den Aufzugtüren. Stumpfe, unemotionale Stimmen. „Bitte gehen Sie. Sie gehören nicht hierher. Bitte gehen Sie.“ Oha. Da hat das mit dem Ablenkungsmanöver wohl geklappt. Die Stimmen werden nur ganz allmählich leiser, als würden Nelson und Irene sich betont langsam die Treppen hinunter drängen lassen. Die wollen ihnen so viel Zeit verschaffen, wie es nur geht, und das, obwohl dieses monotone Gemurmel aus Dutzenden Kehlen gleichzeitig echt gruselig klingt. Das muss ganz schön Nerven kosten, da nicht Hals über Kopf den Rückzug anzutreten. Für einen Moment durchflutet Ethan ein warmes Gefühl der Dankbarkeit, geht aber gleich wieder in der nebelhaften Wattewolke unter.

Im gleichmäßigen Rhythmus seiner Bewegungen – linke Hand, Fuß nachziehen; rechte Hand, Fuß nachziehen – verliert Ethan jegliches Bewusstsein für die vergangene Zeit. Er wäre beinahe weitergeklettert, als irgendwann eine „13“ in der Betonwand steht, und Sam muss ihn am Hosenbein zupfen, um ihn zum Halten zu bringen. Er stutzt und blinzelt, hebelt dann von innen die Aufzugtüren auf. Das ist gar nicht so einfach, weil er auch auf seinen sicheren Halt achten muss, aber irgendwie geht es doch. Wenigstens bleiben die Türen offen und laufen nicht von selbst wieder zu; Ethan hätte wenig Lust, sich diese Anstrengung nachher nochmal geben zu müssen.

Als sie aus dem Aufzugschacht treten, fällt ihnen als erstes auf, wie seltsam das Treppenhaus hier aussieht. War es weiter unten nur eine Andeutung von Verzerrung gewesen, bei der Ethan sich nicht mal sicher war, ob er sie sich nicht etwa nur einbildete, gleichen die Stufen, gleicht der ganze Vorraum, jetzt ganz eindeutig einem Escher-Bild. Ethan registriert das ohne Überraschung. Er sieht auf die verdrehten Treppen und folgt ihrem völlig verqueren, unnatürlichen Lauf mit unbeteiligt-distanziertem Interesse, während Sam das Gesicht verzieht, die Augen zusammenkneift und leise zischt. „Das macht einem ja Kopfschmerzen.“

„Was jetzt?“ fragt die junge Jägerin dann leise, als sie sich einigermaßen an die Seltsamkeit gewöhnt zu haben scheint. „Weiter hoch?“ Ethan wiegt den Kopf. Eigentlich war gestern abend ja weiter oben alles dunkel. Eigentlich kam gestern abend das Licht nur von hier, aus dem 13. Stock. Er legt den Finger auf die Lippen, spitzt die Ohren. Und tatsächlich. Da vorne ist irgendwas. Von da vorne kommt —

–ein Geräusch. Im ersten Augenblick kann Ethan gar nicht so recht einschätzen, wovon er aufgewacht ist. Wie lange er schon geschlafen hat. Nicht lange, wie es sich anfühlt. Eine halbe Stunde vielleicht? Eine Stunde? Oder ist es doch schon Morgen? Einen Moment lang ist er verwirrt, desorientiert. Aber dann wird er schlagartig wach. Es war ein Schrei, der ihn hat aufschrecken lassen. Ein erstickter Schrei, gepaart mit einem entsetzten Schnappen nach Luft. Carla hat sich halb aufgerichtet, und in der Dunkelheit des Schlafzimmers sind ihre Augen weit aufgerissen, starren blind ins Nichts. Panisch tastet sie herum, krallt sich an ihm fest, ihr Gesicht schmerzverzerrt. „Carla! Was hast du?!“ „Ethan… Ich… Es tut so weh…“ Ihre Stimme ist kaum zu erkennen, so heiser ist sie vor Schmerz.

Voller Angst schaltet Ethan das Licht an, und Carla schreit auf, kneift die Augen zusammen und schlägt eine Hand vor das Gesicht. Krallt sich mit der anderen weiter in sein T-Shirt. „Mein Kopf!“
Ein dünner Blutfaden läuft ihr aus der Nase. Oh Himmel hilf, Krankenwagen, Krankenwagen jetzt –
Aber Carla klammert sich so verzweifelt an ihn, dass Ethan sich kaum rühren kann. Und sein Handy steckt in der Tasche seiner Jeans, und die hängt da drüben über dem Stuhl, ein Sonnensystem weit weg.
Aber Carla. Carla hat ihr Handy meist auf ihrem Nachttisch liegen. Bitte! Bitte auch heute! Sie hat. Oh danke, sie hat!
Mit einem Arm hält er sie fest, redet beruhigend auf sie ein, während er mit der anderen Hand fieberhaft nach dem Telefon sucht. Scheiße! Scheiße verdammt! Was hat sie?

Carla zittert. Nein, das ist kein Zittern. Das ist ein ausgewachsener epileptischer Anfall. “Ich ruf jetzt den Notarzt, okay? Es kommt gleich jemand, hörst du? Ich muss nur an dein Telefon rankommen, dann kann ich anrufen…”
Da ist das Handy. Immer noch pausenlos mit ihr redend, einfach damit sie seine Stimme hört, damit sie weiß, dass sie nicht allein ist – das, und um seiner Angst, ach was, vergiss Angst, das ist Panik wie aus dem Lehrbuch, ein Ventil zu geben – greift Ethan danach, lässt das Gerät fallen, flucht, tastet hektischer. Findet es wieder. Packt es fester. “Ich habs, okay? Ich ruf jetzt an…”
Das Blut tropft inzwischen stärker aus Carlas Nase, und auch von ihrem Mundwinkel rinnt ein Faden herab, während ihr Anfall sich zu heftigen Zuckungen steigert. „Ethan… H…“
Sie spricht nicht zuende. Sie erschlafft in seinen Armen und rührt sich nicht mehr.
„CARLA!!“

Und dann, während er das Handy panisch aus dem Schlafmodus holt, kracht in einer plötzlichen Flut die Erkenntnis auf ihn herein, als würde mit einem Mal ein Schleier weggezogen. Die Stimme im Park. “Wenn ich dich nicht haben kann, dann soll auch keine andere Frau dich haben!” Und diese drei einzelnen Sätze, die er gehört hat. Das waren keine einzelnen Sätze. Das waren Verse. Die Verse eines Spottlieds. Eines Fluchs.

Mit fliegenden Fingern wählt er 911, aber sein Herz ist starr vor Angst. Nein. Nicht vor Angst. Vor Gewissheit. Er hat einen Fluch auf sich, und mit diesem Fluch hat er seine Liebste getötet. Und er hätte sich niemals mit soviel Reden aufhalten dürfen, auch wenn er Carla damit beruhigen wollte, ganz abgesehen davon, dass es ein Ausdruck reinster, blanker Panik war. Wieviele endlose, unendlich wertvolle Sekunden das vergeudet hat! Aber er hat sie vergeudet. Und jetzt ist es zu spät. Zu spät!

Noch nie in seinem ganzen Leben hat er sich so unendlich hilflos gefühlt. Er kann nichts tun. Er. Kann. nichts. Tun.

Als der Rettungsdienst eintrifft, hält er Carla zitternd im Arm, wiegt die reglose Gestalt monoton vor und zurück. Die Sanitäter müssen ihn mit sanfter Gewalt von ihr lösen.
“Was ist passiert?”
Ich bin passiert. Ich habe sie umgebracht. Ich war es.

Die nächsten Tage sind ein nicht enden wollender Alptraum. Ein irrwitziger Wirbel aus Gesichtern und Fragen, Zigarette um Zigarette, aus Fetzen von Bildern und Fetzen von Lärm. Und Worten. So vielen leichtfertig und achtlos dahingeworfenen Worten. Als ob sie nichts kosten würden. Als ob sie etwas helfen würden. Zerebrales Aneurysma. Ruptur. Subarachnoidalblutung. Hämorrhagie. Vermutete Endothel-Schwäche. „Hat sie oft über Kopfschmerzen geklagt?“ Ethan start die Ärztin verständnislos an. Was will die Frau von ihm? Ändert das irgendwas? „Lokalisiert, vor allem direkt hinter oder über dem Auge?“ Hat sie nicht. Es war kein Aneurysma, das sich langsam von selbst aufgebaut hat und dann geplatzt ist. Es war ein Fluch. Mein Fluch. Ich habe sie getötet. „Manchmal“, stammelt Ethan. Rationale Erklärung für die Mediziner statt der Wahrheit, die er nicht aussprechen kann.

Die Beerdigung. Carlas Eltern, frisch aus dem Urlaub. Er kann ihnen nicht in die Augen sehen. Die Clique. Schwarze Kleidung. Strahlender Sommertag. Betretene Gesichter. Geena und Carrie offen schluchzend, Lisa eng an Wallace gedrängt und auch den Tränen nah. Javi sagt irgendetwas, das Ethan trösten soll. Legt ihm die Hand auf die Schulter. Ethan sieht nichts außer verschwommenen Flecken. Hört nichts außer unbestimmtem Gemurmel. Nickt mechanisch, wenn er muss. Schüttelt mechanisch den Kopf, wenn er muss. Könnte hinterher nicht mehr genau sagen, in welcher Reihe und bei welcher Nummer das Grab liegt. Er dürfte gar nicht hier sein. Er hat Carla getötet.

Die Fabrik. Monaghans Büro. Ethan stammelt irgendwas. Bleibt beim Gehen beinahe in einer Maschine hängen. Tom folgt ihm nach draußen, sagt etwas, aber Ethan sieht ihn nur an. Antwortet vielleicht sogar, hat aber keine Ahnung, was, falls er es tut. Kann Toms besorgten Blick im Nacken spüren, als er geht. Stolpert. Nicht darauf achtet. Er muss hier weg. Raus aus dieser Stadt.

Nichts. Hier ist nichts.

Und er wird nichts mitnehmen. Sollen Carlas Eltern alles haben. Ethan will nichts davon. Braucht nichts. Oder fast nichts. Sein Geld, logisch. Es ist nicht viel, weil sein Lohn und das Gehalt von Carlas Nebenjob gerade so zum Leben gereicht haben, aber ein klein bisschen was hat er trotzdem zusammengespart. Das Auto, ja. Wenigstens um erstmal hier wegzukommen, wird der kleine Wagen erstmal genügen. Ein paar Sachen, wahllos in eine Tasche geworfen. Leichtes Gepäck. Alles andere… Ballast. Kurz zögert er vor dem Backgammon-Koffer. Zuckt dann fast in Abscheu weg. Fotos? Ethans Herz verkrampft sich. Himmel, nein. Bücher? Sowieso fast alle Carlas. Filme? Wozu. Er wird keinen DVD-Player mehr haben.

Keinen dieser Gedanken denkt er mit Bewusstsein.

Das French Ivy. Annas erstauntes Gesicht. Erstaunt oder irgendwas anderes; Ethan achtet nicht darauf und denkt schon gar nicht mit Absicht darüber nach. Wenn er es registriert, dann irgendwo tief unten in seinem Unterbewusstsein. Mit einer Waffe in der Hand – irgendeiner, völlig egal, was für eine, und er könnte auch nicht sagen, ob er Anna Geld dafür gegeben hat oder einen Kuss oder ihr einen Gefallen versprochen, oder ob sie ihm das Ding einfach aus Mitleid über den Tresen geschoben hat – verlässt er eine Weile später das Roadhouse. Stolpert zum Auto. Der kleine Kompaktwagen, der in der Stadt immer völlig ausreichend war, wirkt hier draußen völlig deplatziert, aber das merkt Ethan nicht. Er merkt auch nichts von dem kurzen Widerstand und dem Krachen, als er vom Parkplatz fährt, noch von dem lauten Schimpfen und Fluchen, das ihm auf die Straße folgt.

Cal. Er muss Cal finden, ist der eine halbwegs klare Gedanke, der durch den Schmerz und die Verzweiflung dringt. Keine Ahnung, wie. Aber er muss. Egal, wie lange es dauert, bis er ihn gefunden hat. Egal, wo der sich gerade herumtreibt. Cal wird ihm helfen.

Es sind Stimmen. Ein Mann und eine Frau im Gespräch. Schluchzen. Schnulzige Musik. Oh. Der Fernseher. Klingt nach einer Telenovela oder sowas. Dessen Geräuschen können sie zu ihrer Quelle folgen. Gut.

Wenn das denn so einfach wäre. Schon nach den ersten Schritten macht der völlig gerade Gang einen Knick, kommen die Fernsehtöne plötzlich von der Seite. Und von oben. Ein paar weitere Schritte, und die Musik kommt von schräg unten. Der Flur zieht sich endlos, scheint sich in sich selbst zu verkehren. Und da stoßen Treppen darauf, die wie aus dem Nichts aus der Wand auftauchen und durch den Gang schneiden, auch wenn sie parallel dazu verlaufen. Hier scheint es auch nicht wie weiter unten mehrere Wohnungen auf einem Stockwerk zu geben, sondern die ganze Etage scheint ein einziger Raum zu sein. Naja. Was man so Raum nennt. Gesamtfläche halt. Irrgarten.

Auch hier oben sind die Stufen alle aus Holz. Der Boden und die Wände sind ebenfalls aus Holz. Warmem, dunkelhonigbraunem Holz mit goldfarbenen Einlegearbeiten. Ethan stutzt. Moment. Warte. Das ist dasselbe Holz wie das, aus dem die Treppen sind. Nur dass sie nicht daraus sind, erkennt er jetzt. Das ist nur Furnier. Hier muss das ganze Zeug verbaut sein, das Coleen in den letzten Jahren so regelmäßig aus dem Eso-Laden bezogen hat. Nur… das hier sind zu viele Umbauten. Viel zu schwerwiegende Umbauten, vor allem. Hat sie etwa nicht nur die obersten Stockwerke gemietet, sondern das Haus gleich ganz und gar gekauft?

Ethan schüttelt sich unwillkürlich. Die gehirnverdrehend schräge Geometrie dieses Ortes macht ihm gar nicht so sehr zu schaffen. Aber die Diskrepanz macht ihn fertig. Die Kluft aus dem mageren Bürogehalt in der Fabrik und dem üppigen Reichtum hier. Und noch viel mehr die Kluft aus diesem irrsinnigen Haus, den Dutzenden von zombiehaften, völlig unter Kontrolle stehenden Marionetten, den heftigen Veränderungen an der Realität, die Coleen in dem Haus vorgenommen hat, einfach der schieren magischen Kraft, die die Hexe hier an den Tag legt, gegenüber dem, was bei den Nachforschungen in Portland über sie herausgekommen war. Wenig Talent. Kleines Licht.
Und dann das Wissen, dass Ethan sie kennt, oder zumindest kennen müsste. Dass sie ein Dreivierteljahr lang seine Arbeitskollegin war, dass er aber über dieses abstrakte Wissen und die Kenntnis des Fotos hinaus keinerlei Erinnerungen mehr an Coleen Greyling hat. Es ist wie ein Loch in seinem Hirn, das er wieder und wieder umkreist, vergeblich einen Eingang sucht. Er hat doch jetzt ein Bild von ihr gesehen, das muss doch irgendwas auslösen, da muss er doch jetzt irgendwie rankommen, aber da ist nichts. Nichts.

Aber am allermeisten frisst an Ethan, dass sie hier irgendwo ist. Ganz in der Nähe. Die Hexe. Die Person, die… die. Ein Kloß hat sich in seiner Kehle gebildet, und er presst unsicher die Lippen aufeinander.

Irgendetwas von diesen Gedanken scheint Sam in Ethans Gesicht lesen zu können, denn jetzt kommt sie dicht zu ihm heran. Lehnt sich einen Moment lang gegen ihn und drückt seine Hand. Sogar durch die Watteschicht hindurch erkennt Ethan den Halt, den sie ihm damit geben möchte. Irgendwie bekommt er eine Art Lächeln zustande und erwidert den Händedruck schwach.

Da. Eine Bewegung vor ihnen. Die beiden Jäger drücken sich unter einen Treppenabsatz, spähen wachsam in die Richtung. Ein junger Mann kommt eine der verdrehten Treppen hinunter. Zögert keine Sekunde, als er sich, für Sam und Ethans Augen zumindest, einmal komplett umdreht, damit er nicht auf dem Kopf weiterläuft. Bei dem Übergang ist auch kein Unterschied in seinen Bewegungen festzustellen. Einfach ein Schritt von der umgekehrten Treppe auf den Flur, und der Typ geht da weiter. Er trägt ein Tablett mit einer Tasse drauf und sonst nicht viel. Eine knappe Badehose immerhin. Eine Fliege. Und eine makellos gefaltete Serviette über dem freien Arm.

Sorgfältig darauf bedacht, leise zu sein, folgen sie dem jungen Mann – studiogebräunt, studiotrainiert, Typ Boytoy – mit einigem Sicherheitsabstand durch die bizarre Umgebung. Stellen fest, dass es für sie selbst tatsächlich nicht zu merken ist, wenn sie plötzlich Wände hochlaufen oder seitwärts gehen. Ethan kommt sich vor wie in einem SciFi-Film mit wechselnder Schwerkraft, nur ohne spürbaren Wechsel.
Die Schritte des Kellners sind vollkommen gleichmäßig. Das Tablett ruht ohne jedes Zittern auf seinen in eine perfekte Kellnerpose gedrehten Fingerspitzen. Wie ein Roboter. Kontrollierte Marionette. Er sieht Ethan gar nicht so unähnlich. Ethan schaudert.

Aber ohne den Typen hätten sie den Weg ins Zentrum des Labyrinths vermutlich nicht gefunden, oder zumindest nicht so schnell. Das ganze Stockwerk ist dieses Gewirr aus Treppen, die so nicht funktionieren können, – nicht-euklidisch, fährt Ethan plötzlich, woher auch immer, der Fachbegriff durch den Kopf – mit einer großzügigen Vertiefung in der Mitte. Dort steht auf einem großzügigen, ultraflauschigen Teppich ein riesiger Flachbildschirm. Ein Couchtisch. Und die zugehörige Couch.

Die beiden jungen Jäger bleiben im Gewirr der Treppen am Rand des offenen Bereiches zurück und beobachten. Auf dem Bildschirm sind ein Mann und eine Frau gerade dabei, tragische Gesichter zu machen. Dank der Halbtotalen, zu der die Kamera jetzt aufzieht, sieht man die Arztkittel, die sie tragen, und das leere Patientenzimmer, in dem die Szene spielt. Ethan erkennt die Serie als “Dr. Sexy, M.D.”, auch wenn er von der Krankenhausschmonzette nie auch nur eine Viertelfolge gesehen hat.

Der halbnackte Keller macht jetzt eine formvollendete Verbeugung und stellt die Tasse auf den Couchtisch, wo auch schon eine halbleere Zweiliterflasche Coca Cola, ein fast leeres Glas und eine große Schüssel mit Kartoffelchips stehen. Eine zweite, leere Schüssel nimmt der Mann an sich, verbeugt sich noch einmal vor der Frau auf der Couch und tritt den Rückzug an. Nimmt zum Glück einen anderen Weg als den, auf dem er gekommen ist und wo Sam und Ethan jetzt kauern.

Die Frau auf der Couch sitzt so, dass sie ihnen den Rücken zudreht. Rötliche Haare fallen über die Sofalehne, ansonsten ist nicht sehr viel von ihr zu sehen. Aber dann beugt sie sich vor, um nach der eben servierten Tasse zu greifen, dreht sich dabei leicht seitwärts, und von dem Foto, das er von ihr hat, weiß Ethan: Das ist Coleen. Nicht, dass ein Zweifel bestanden hätte. Aber die Hexe vor sich zu sehen, versetzt ihm durch die Distanziertheit hindurch dennoch einen Schock.
Sie ist aufgedunsen. Hat das Haus ziemlich sicher seit dem Unfall nicht mehr verlassen. Sie nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse, während sie gebannt auf den Fernsehschirm starrt. Dort sind die beiden Mediziner wieder in Großaufnahme zu sehen, während der Mann der Frau gerade verzweifelt erklärt, dass es nicht sein darf, weil er verheiratet ist und er seine Frau nicht verlassen kann, weil sie im Rollstuhl sitzt und auf ihn angewiesen ist.
Der Darsteller hat ungefähr die schauspielerischen Fähigkeiten eines Türpfostens. Ethan rollt mit den Augen, aber Coleen vorne im Raum ist völlig gefangen von dem Mist. Sie schluchzt laut und ungehemmt in ein Taschentuch, und der Schachtel Kleenex auf dem Tisch und dem halbgefüllten Papierkorb neben der Couch nach ist es nicht das erste.

Taschentücher. Tränen. Sam und Ethan sehen einander an. Sie hat genau denselben Gedanken wie er, kann Ethan in Samanthas Augen lesen.
Ethan zögert. Ursprünglich hatte er gedacht, sie suchen vielleicht nach Coleens Schlafzimmer oder sowas und schauen, ob sie dort etwas von ihr finden können. Aber die Taschentücher mit den Tränen sind natürlich verlockend. Keine lange Suche. Und tatsächlich etwas von der Hexe, das fast so gut sein dürfte wie Blut oder Haar oder so. Nur: Das ist verdammt gefährlich. Der Papierkorb steht neben der Couch. Nicht außer Sicht dahinter. Sondern direkt neben dem Hexe. Drecksmist. Muss sein. Okay, dann —

Sam nickt ihm zu, richtet sich auf und macht Anstalten, den Raum zu betreten. Ethan schüttelt den Kopf, legt ihr die Hand auf den Arm. Viel zu gefährlich. Er sollte gehen. Ist sein Fluch. Sein Problem. Aber Sam murmelt: “ich mach das, deck du mir den Rücken, das können wir beide am besten” und schleicht einfach los, ehe Ethan sie daran hindern kann. Kommt es ihm nur so vor, oder sind seine Gedanken träger als sonst, verzögert, bewegen sich zäh wie Sirup durch seinen Kopf?

Angespannt beobachtet Ethan, wie die junge Jägerin sich dem Sofa nähert. Dahinter zur Salzsäule erstarrt, als Coleen das gebrauchte Kleenex in den Abfalleimer wirft und sich ein neues aus der Schachtel zieht. Weiterschleicht, bis sie direkt an der Couch angekommen ist und aus dieser Deckung heraus nach dem Papierkorb tastet. Ethan hält die Luft an und macht sich zum Losstürmen bereit, aber die Hexe ist tatsächlich so vertieft in ihre Serie, dass sie nichts um sich her mitbekommt. Sehr, sehr vorsichtig fischt Sam ein Taschentuch aus dem Mülleimer und tritt den Rückzug an. Coleen starrt weiter ahnungslos auf den Bildschirm. Puh.

Gerade will Ethan aufatmen, da stürzt sich aus dem Nichts ein massiges orangefarbenes Bündel aus Fell und Zähnen auf Samantha. Verdammte Scheiße, die Katze! Die Katze hat er ja völlig vergessen! Während Ethan durch den Kaugummikokon aus Distanziertheit hindurch sein Messer fester packt und zum Losstürmen ansetzt, geschehen mehrere Dinge gleichzeitig. Der Kater verpasst Sam, die von seinem Erscheinen ebenso überrascht wirkt wie Ethan, einen Krallenhieb – schon wieder, denkt Ethan flüchtig, und dann, als der Gedanke sich nach vorne gearbeitet hat, nein, das stimmt gar nicht, beim letzten Mal war es der Hund; beim letzten Mal hat Ethan die Katze abbekommen, dafür neulich den Stüpp – und beißt nach ihr, aber Sam bekommt das Drecksvieh irgendwie abgeschüttelt und versetzt ihm noch einen heftigen Tritt, der das Biest erst einmal außer Reichweite befördert. Dann rennt sie los, auf Ethan zu, der sich zwischen seine Freundin und das Vertrautentier wirft, Sam den Rückzug deckt. Den Aufruhr hat auch Coleen auf dem Sofa jetzt natürlich mitbekommen, sie müsste ja blind und taub sein, wenn nicht. Sie dreht sich um, starrt zu den beiden Eindringlingen, ihr Gesicht eine Mischung aus Schock und Unverständnis, Wut und — Angst? Und als ihr Blick auf Ethan fällt, geht noch etwas über das Gesicht der Hexe: ein Ausdruck, den er nicht einordnen kann. Es ist kein Erkennen, keine Erinnerung, ebensowenig wie Ethan sie über das Foto hinaus erkannt oder sich an sie erinnert hat, aber da ist … etwas. Eine Regung. Mit offenem Mund, sichtlich perplex, dass es jemand hier hoch geschafft hat, starrt die Hexe sie an, und für einen Herzschlag scheint die Szenerie einzufrieren, bewegt sich keine der Parteien, auch der Kater nicht, den es nach hinten in Richtung einer Seitentreppe geschleudert hat. Aber das kann nicht von Dauer sein, weiß Ethan: Gleich wird Garfield losspringen, gleich wird die Hexe einen Zauber sprechen, aber das darf sie nicht, Sam darf nichts geschehen, nicht Sam auch noch, nicht auch der zweiten Frau, die er l–

— und dann nimmt die Szenerie wieder Fahrt auf, und Sam ist bei ihm, und sie rennen los.
Zu Ethans Erstaunen folgt ihnen weder ein Fluch noch die Katze, und aus dem Augenwinkel glaubt Ethan zu sehen, dass die Hexe ihnen nachdenklich und selbstgefällig hinterher sieht. Verdammt, was für Überraschungen hat sie hier eingebaut, wenn weder sie noch ihr Kater es nötig haben, ihnen hinterherzukommen?

Raus hier, nur raus. Im Aufzugsvorraum haben sich inzwischen einige Bewohner angesammelt, die ihnen mit stumpfem, bedrohlichem Murmeln entgegensehen, aber sie bewegen sich langsam, träge, mit verzögerten Reaktionen, und ehe der Pulk aus willenlosen Marionetten sich zum Angreifen entschließt, sind die beiden Jäger schon an ihnen vorbei und im Schacht auf der Leiter. Verwirrte, überforderte Gesichter sehen ihnen hinterher; nur einer der Zombies kommt ihnen ein Stück weit hinterhergeklettert, aber er stellt sich sehr ungelenk dabei an, und ihr Vorsprung ist schon zu groß.

Es kommt ihnen wie Ewigkeiten vor, bis sie die Tiefgarage erreicht haben, aber wenigstens sind ihnen keine Bewohner gefolgt, auch auf der Treppe nicht. Irene und Nelson warten ungeduldig an dem Auto, das Sam vorhin geknackt hat. Sie sehen unverletzt aus, dem Himmel sei Dank, aber mehr Zeit als für einen kurzen Blick hat Ethan jetzt nicht. Er schließt den Wagen kurz, dann sehen sie zu, dass sie Land gewinnen. Raus aus der Tiefgarage, die kurze Strecke hin zu ihrem gemieteten Toyota. Keine Spur von Verfolgung, gut, dann können sie das Fahrzeug wechseln. Sind, ehe sie den gestohlenen Wagen stehen lassen, immerhin noch so schlau, an Fingerabdrücke zu denken und alles abzuwischen, was sie angefasst haben.

Irene hat das Auto gemietet, Irene fährt. Zeit für Ethan, sich um Sams Arm zu kümmern. Sie ist schon dabei, den Ärmel hochzustreifen, zischt aber mit zusammengekniffenen Augen durch die Zähne. Scheint sehr wehzutun. Verdammt! Und das sieht gar nicht gut aus, elender Drecksmist. Ethan presst die Lippen zusammen, während er seinen Erste-Hilfe-Beutel aus dem Rucksack fischt und einen Tupfer mit Desinfektionslösung tränkt. Die Kratzer haben sich schon entzündet, und das, obwohl sie erst ein paar Minuten alt sind. Aber mehr noch, da sind so verdächtige, bläulichgraue Schlieren, die sich von der Wunde wegziehen. Die ist nicht nur entzündet. Die ist verdammt nochmal vergiftet!
Scheiße, verdammte. Warum kann er die Hände nicht ruhig halten? Warum nehmen die Krallenhiebe sein ganzes Sichtfeld ein? Und warum geht ihm schon wieder durch den Kopf, dass das mit Katze und Hund in Dana Point genau andersherum war? Das hilft Sam auch nichts, wenn er jetzt hier zusammenklappt, verdammt!

Jemand nimmt ihm das Verbandszeug aus der Hand. “Lass das mal wen mit weniger zittrigen Händen machen.” Nelson. Geschickt desinfiziert er die Wunde, macht dann aber auch ein besorgtes Gesicht. “Das Gift muss entfernt werden. Ich weiß auch wie, dazu brauche ich aber ein paar bestimmte Kräuter.”
Sam brummelt. “Das ist doch nur ein Kratzer.”
“Von einer Hexenkatze”, mahnt Irene mit Nachdruck, und Nelson nickt entschieden dazu. Ethan nickt ebenfalls: Ganz abgesehen davon, dass er sich noch sehr gut daran erinnert, wie hartnäckig seine eigenen Kratzer sich nach Dana Point noch gehalten haben, und die waren nur normal entzündet, ohne Hinweise auf eine magische Vergiftung, geht es hier um Sam. Keine Risiken. Keine Experimente.

Die Kräuter bekommt Nelson in dem Esoterikladen, und bei der Gelegenheit sammelt er bei der jungen Verkäuferin auch gleich seine Visitenkarte wieder ein, die er gestern mit der Bitte um einen Anruf – der inzwischen natürlich auch hinfällig ist – bei ihr hinterlassen hatte.
Als Samanthas Arm fertig versorgt und verbunden ist, gibt der Nigerianer ihr noch einige Hinweise zur Wundpflege, unterbricht sich dann aber, schüttelt den Kopf und sagt: “Ach, was erzähle ich das eigentlich einer Hooper-Winslow. Sieh einfach zu, dass nichts dran kommt.”
Mit den Hooper-Winslows in einen Topf geworfen zu werden, behagt Sam noch viel weniger, als dass um ihre Verletzung so ein Gewese gemacht wird, aber Ethan ist froh, dass die Wunde gescheit versorgt ist. Dass das Gift raus ist, vor allem. “Danke, Mann”, murmelt er Richtung Nelson. “Hast echt was gut.”

Jetzt, wo Sams Verletzung behandelt ist, Ethan das tränenfeuchte Taschentuch für’s Erste luftdicht in einer Plastiktüte verschlossen hat und einiger Abstand zwischen den Jägern und dem Hexenhaus liegt, ist Zeit zum Informationsaustausch. Abwechselnd schildern Sam und Ethan – okay, Sam deutlich mehr als Ethan – ihre Eindrücke von dem, was sie im 13. Stockwerk erlebt haben.
Dazu befragt, wie es da oben ausgesehen hat, mag Sam allerdings gar nicht viel sagen, brummt nur etwas von “Kopfschmerzen”. Ethan hingegen versucht es. Erst stottert er vergeblich herum, findet die Worte nicht für die schräge, unnatürliche Architektur. Schüttelt schließlich den Kopf und reduziert das Ganze auf ein einziges Wort. “Escher.”

“Das wird noch ein schlimmes Ende mit ihr nehmen”, orakelt Irene, als sie dann hört, wie die Hexe da oben in ihrem Kokon von Chips, Cola und Telenovelas lebt. “So apathisch, das kann nicht gutgehen. Das klingt ja ganz so, als will sie nur die Zeit irgendwie herumbringen, bis die Höllenhunde sie holen kommen. Denn wenn wir es da reingeschafft haben, dann können die Höllenhunde es auch, gar kein Zweifel.”
“Zwei Jahre”, murmelt Ethan. Denn der Handel, den Coleen mit dem besessenen Doktor abgeschlossen hat, ist jetzt acht Jahre her. Nicht zum ersten Mal seit Portland fällt ihm die nüchterne Beschreibung des Deals in Garritys Geschäftsbuch wieder ein. Wieder einmal ballt Ethan die Fäuste. Die Hexe hat für die Verstärkung des Fluchs ihre Seele verpfändet und jegliche Erinnerung daran aufgegeben, warum sie das überhaupt getan hat. Und wenn sie sich nicht mehr an Ethan erinnert, weiß sie dann überhaupt noch, um was es sich bei dem Fluch gehandelt hat? Dass es überhaupt einen Fluch gab? Ob es das für sie wert war? Muss es wohl. Ethan presst die Kiefer aufeinander. Was für ein unglaublicher Hass.

Aber sie hat auch ihre magischen Fähigkeiten in den letzten Jahren extrem verbessert, von ihren finanziellen Möglichkeiten ganz zu schweigen. Auf jeden Fall sollten sie nur mit einer Armee nochmal in das Haus rein, sind sich alle einig. Sollen sie überhaupt nochmal rein? Auf jeden Fall, findet Ethan, auch wenn Nelson Zweifel äußert: Da sind über hundert unschuldige Bewohner, die sie irgendwie aus der Kontrolle der Hexe befreien müssen. Das sollten sie aber als zwei komplett getrennte Dinge sehen. Erst einmal den Fluch brechen, dann um Coleen kümmern. Sam stimmt ihm entschieden zu: Vor allem erst den Fluch brechen, dann alles weitere. Coleen wird nicht sofort etwas unternehmen, glaubt sie. Hofft sie vielleicht nur. Aber zumindest nach außen hin gibt Sam sich optimistisch.

Apropos Kontrolle der Hexe. Ethan spürt, wie sich in seinem Geist ein Schleier etwas lüftet. Die Beherrschungssymbole auf der Treppe müssen ihn zumindest zum Teil unter ihren Einfluss gebracht haben, erkennt er jetzt, und da drin hat er es anscheinend nicht einmal gemerkt. Aber nun, wo er sich immer weiter von dem Haus und Coleens Machtbereich entfernt, kehrt Ethan langsam wieder zu sich selbst zurück. Nicht komplett, es ist immer noch alles ein ganzes Stück entfernt, und die Gedanken schwappen weiter träge in seinem Kopf herum, aber jetzt ist es wenigstens Motoröl und keine Melasse mehr.

Oh Mann. Hoffentlich wird er diesen Einfluss, diese Passivität, bald wieder los. Das fühlt sich ja ekelhaft an. Es ist aber zumindest schon soweit wieder zurückgegangen, dass Ethan ein Lächeln zustande bringt, Sam an sich zieht, den Arm um sie legt und ihr einen Kuss gibt. Noch bevor Sam den Kuss erwidert, rollt Irene mit den Augen und sieht betont weg. Soll sie. Jetzt scheint sie es wenigstens soweit akzeptiert zu haben.
“Aber jetzt haben wir immerhin was von der Hexe”, sagt Sam aufmunternd, während sie sich für einen kurzen Moment in die Umarmung schmiegt. “Ein Schritt weiter.”
Ethan nickt, lächelt schwach, ehe er widerwillig seine Arme von Samantha löst. “Nächster Schritt: Zukunft.” Haha. Vielen Dank auch für diese unmöglich zu beschaffende Ritualzutat.

Dann erstarrt er. Elender Drecksmist!
“Was hast du?” will Sam wissen.
“Sie hat dich gesehen”, knurrt Ethan mit zusammengebissenen Zähnen. “Turmalin.”
“Turmalin?” fragt Sam verständnislos, und Ethan nickt. “Turmalin bauen. Dauert nur, verdammt.”
“Sie kann solange meinen haben”, sagt Irene beruhigend. “Mich hat die Hexe nicht gesehen.”
“Was für ein Turmalin?” beharrt Sam, und Ethan atmet tief durch. Bekommt irgendwie erklärt, dass Bart ihm das nach der Sache in Crested Butte als Schutz empfohlen hat und dass Ethan den zweiten, der eigentlich für Barry gedacht war, an Irene weitergegeben hat, weil der Schriftsteller keinen brauchte.
Bei der Erwähnung der Turmaline ist Irene etwas beschämt, weil sie ihren in Vermont vergessen hat, aber Ethan hat seinen ja auch nicht dabei. Die sind ja extra dafür gedacht, zuhause unter dem Bett aufbewahrt zu werden und dort als Schutz zu dienen. “Trotzdem”, brummelt Irene. “Vielleicht hätten sie hier auch gewirkt.”
Hmm. Stimmt. Zum Beispiel gegen die Beeinflussung durch die Beherrschungszeichen vielleicht. Interessanter Gedanke, vor allem, wenn sie demnächst nochmal herkommen. Muss er Bart mal drauf ansprechen.
Aber erstmal haben sie, weswegen sie gekommen sind. Die Befreiung der Mieter muss warten.

Der Rückflug nach Burlington vergeht rasch und ereignislos. Nelson verabschiedet sich ziemlich schnell, und auch Irene will gleich auf den Roten Hügel zurück. Sam hingegen holt nicht ihren Bus, den sie die zwei Tage in seiner Garage gelassen hatte, einfach ab und fährt weiter, wie Ethan das vermutet hätte, sondern kommt mit ihm in die Wohnung.
“Wäre es dir recht, wenn ich eine Weile bleibe?” fragt sie irgendwann später, als sie einträchtig mit Getränken auf der Couch sitzen, und sieht ihn unsicher, ja richtiggehend zweifelnd, an.
Ethan lächelt und zieht sie an sich, während ein freudiges Glühen durch seinen Brustkorb wandert. Oh. Oh wow. “Machst Witze.”

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