[Follow Friday] FF40: „Mein Highlight im Juni 2017“

Es ist wieder mal Freitag, also stellt Fiktive Welten der deutschen Blogosphäre im Rahmen des Follow Friday wie jede Woche eine Frage. Diesmal lautet sie:

Was war dein Highlight im Juni 2017 oder: Welcher Titel hat euch im Juni geflasht?

In Sachen Rollenspiel war das bei mir diesen Monat das kleine RPG Masks von Magpie Games. Masks ist ein Superhelden-Rollenspiel, bei dem man junge Helden (Teenager bzw. junge Erwachsene) spielt, und die Charaktere werden sehr liebevoll miteinander verknüpft. Das Spiel basiert auf der Apocalypse Engine, man hat also unterschiedliche „Playbooks“ oder „Charakterblätter“ zur Auswahl, und zwar 10 an der Zahl, bei denen man in verschiedenen Kategorien (Superkräfte, besondere ‚Moves‘ oder Aktionen, die nur diesem bestimmten Archetypen zur Verfügung stehen) aus unterschiedlichen Optionen mehrere wählen kann, um den Charakter zu individualisieren. Außerdem wird jeder Charakter mit zwei anderen direkt verknüpft, und manche Charaktere haben bereits zu Spielbeginn Einfluss auf andere.

Soweit kannte ich das auch schon aus den drei anderen Apocalypse-Spielen, mit denen ich bisher in Berührung gekommen war, nämlich Monsterhearts, Dungeon World und Ghostlines. Was bei Masks aber neu dazukommt (oder was mir bei den anderen bisher in dieser Detailtiefe noch nicht so aufgefallen war), sind ganz detaillierte Fragen zur Hintergrundgeschichte des Charakters und des gesamten Teams, die für den einzelnen Charakter noch größere Individualisierung und für das Team eine bessere Verknüpfung bedeuten.

Für meinen Charakter wählte ich beispielsweise das Playbook „The Legacy“, also einen Superhelden, der aus einer Familie, einem Clan, einer Organisation oder jedenfalls einem sonstigen Hintergrund mit langer, strahlender Superheldengeschichte stammt, der er oder sie sich jetzt als würdig erweisen muss. Die Hintergrundfragen, die allerdings für diesen Archetypen (und für alle anderen entsprechend auch) beantwortet müssen, bieten bereits einigen Boden für (zumindest innerlichen) Konflikt.

Außerdem gibt es für jeden Charakter eine Frage zum ersten Auftrag des Teams. Während der Anfang des Satzes mit „When our Team first came together…“, für alle gleich ist, fällt das Ende unterschiedlich doch für jeden Archetypen unterschiedlich aus – und die Formulierung ist auch noch sehr gut auf jeden Archetypen abgestimmt.

  • The Beacon: „We found signs that this incident was just the start of something bigger. What were the signs?“
  • The Bull: „We defeated a dangerous enemy. Who or what was it?“
  • The Delinquent: „We totally broke some major rules to win the fight. What rules did we break? Whose rules were they?“
  • The Doomed: „We paid a high cost for victory. What was it?“
  • The Janus: „We saved the life of someone important, either to the city or to us. Who was it? Why are they important?“
  • The Legacy: „All things considered, we did well and impressed an established hero. Who was it?“
  • The Nova: „We destroyed our surroundings in the fight. Where was it? What did we destroy?“
  • The Outsider: „We didn’t trust each other at first, but that changed. How? Why?“
  • The Protégé: „We stuck together after all was said and done. Why? How’d we keep in contact?“
  • The Transformed: „We drew attention and ire from plenty during the fight. One important person in particular now hates and fears us. Who is it?“

Diese Mechanik, also das gemeinsame Beantworten all dieser Fragen zu einem großen Ganzen (natürlich nur von den Archetypen, die auch in der Gruppe gespielt werden) führt schon bei Charaktererschaffung diverse NSCs ein und gibt der Spielgruppe ein nicht zu unterschätzendes Zusammengehörigkeitsgefühl und auch schon eine Art Tiefe und Richtung, weil das natürlich dann auch schon wieder Plot Hooks für die Zukunft beinhaltet.

Alles in allem halte ich Masks, auch wenn wir bisher nur die Charaktererschaffung gemacht haben, für einen sehr gelungenen Vertreter aus der Apocalypse-Zunft.

 

Was die Belletristik anbetrifft, so war mein Highlight des Monats Juni das 196 Seiten kurze „Gentlemen of the Road“ von Michael Chabon. Seit ich vor etwa einem Jahr dessen „The Yiddish Policemen’s Union“ (ein wunderbarer Alternativweltroman, in dem die Juden von den USA eine Zufluchtsstätte in Alaska erhielten, weil der Staat Israel 1948 nie gegründet wurde, und ein abgehalfterter Noir-Polizist in diesem jüdischen Alaska jetzt einen letzten Mord aufzuklären hat, bevor das unabhängige Protektorat wieder an die USA zurückfällt) und etwas später sein „The Adventures of Kavalier and Clay“ (ein Roman um zwei Cousins zu den blühendsten Zeiten der US-Comic-Kultur) gelesen habe, mag ich Chabons Stil sehr. Er hat eine wunderbare Art und Weise, mit der englischen Sprache umzugehen, durchaus anspruchsvoll und teilweise gar nicht so leicht zu lesen, aber sehr, sehr toll.

„Gentlemen of the Road“ jedenfalls spielt ca. 950 im Land der Khazaren (was heute die Ukraine wäre) und handelt von zwei jüdischen Abenteurern (Banditen, Söldnern, Glücksrittern), einem Äthiopier und einem Franken, die in die Geschicke eines geflüchteten khazarischen Prinzen hineingezogen werden.

Chabons Sprache ist wie immer stilistisch anspruchsvoll, der Roman in seinen einzelnen Kapiteln eher episodisch angelegt. Der Autor wahrt ständig eine gewisse Distanz zu seinen Charakteren, deutet vieles nur an, aber eben das macht es interessant. Ein bisschen schade fand ich, dass dieser distanzierte Stil in den (wenigen) Actionsequenzen nicht so gut zur Geltung kommt, aber trotzdem war dieses Buch für mich ein ziemlicher Genuss, und zwar nicht zuletzt wegen der wunderschönen Illustrationen in dem schmalen Band.

 

Das war es auch schon wieder für diese Woche. Eine Liste der Follow Fridays, an denen ich bisher teilgenommen habe, findet sich hier.

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11 Kommentare

Eingeordnet unter Follow Friday, Ganz was anderes, Lesen, Systemvorstellungen

11 Antworten zu “[Follow Friday] FF40: „Mein Highlight im Juni 2017“

  1. Superhelden – das wäre ja was für meine bessere Hälfte! ;o)
    Und mir gefallen die Illus gut. Von Michael Chabon ist mir bisher noch nichts untergekommen …

    Liebe Grüße
    Patricia

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    • Frönt deine bessere Hälfte dem Rollenspiel oder Superhelden (Comics, Filme, etc) an sich? Aus dem Genre gibt es ja derzeit einiges für den geneigten Fan. 🙂

      Michael Chabon kann ich nur empfehlen. Auch und gerade deiner besseren Hälfte. „Kavalier and Clay“ spielt ja im US-Comiczeichner-Milieu, und auch wenn in dem Roman gar nicht so viel passiert (also keine große Action oder sowas), ist er einfach nur toll und wunder-, wunderschön.

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      • Superhelden allgemein (vor allem Filme/Serien). In Sachen Rollenspiel sind wir eher online unterwegs, WoW, TESO, TSW etc pp. Aber selbst dort nudelt er regelmäßig einige Helden durch. Ich bin immer froh, dass seine, gefühlt milliiiooooonen, Games keinen Platz im Regal brauchen, sonst hätten meine Bücher ein Problem. ;o)

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  2. Hm, da ich auf deine Antwort nicht mehr antworten kann, wie es scheint – gibt es da eine Grenze von drei? Interessant – gibt es halt einen neuen Kommentar. Den kann ich mir einfach nicht verkneifen, wo du sagst, dass ihr MMORPGs spielt. 🙂
    Online-Rollenspiel – also so richtig mit anderen Leuten freie Plots spielen, nicht nur die vorgegebenen Questen durch – geht in MMOs auch ziemlich gut. Das betreibe ich in WoW mit Leidenschaft. Nicht mehr so viel wie zu meinen aktivsten Zeiten (momentan komme ich vor lauter anderen Sachen kaum zu WoW, aber momentan vermisse ich es auch nicht), aber man kann in MMOs abseits des Engine-basierten Monsterkloppens richtig schönes Rollenspiel betreiben.

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  3. Ah, dein Beitrag hat mich an den heutigen (Start des) Follow Friday erinnert! 🙂

    Danke für die Masks-Vorstellung. Halten die Innenillus, was das Cover verspricht? Der Zeichenstil sieht super aus, finde ich.

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    • Schön, dass ich dich an den Follow Friday erinnern konnte! 🙂
      Und ja, ich finde auch die Innenillustrationen von Masks genauso gelungen wie das Titelbild, den Zeichenstil mag ich nämlich auch sehr.

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  4. Michael Chabon klingt nach nem guten Tipp, hab mir mal zwei Bücher besorgt.

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