Supernatural – Wolf Deals

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“Kay”, sagt Ethan. “Crockett. Alles klar. Seh dich da.”

Ethan drückt auf den “Auflegen”-Knopf und steckt mit einem leisen, halb-amüsierten Kopfschütteln sein Handy weg. Eigentlich war das Telefonat mit Bart Blackwood dazu gedacht gewesen, ein Treffen auszumachen, bei dem sie sich persönlich über ihre beiden jeweiligen Hexenprobleme und die nächsten Schritte austauschen könnten. Aber im Verlauf des Gesprächs stellte sich auch heraus, dass sie beide von diesem Vorfall in Texas gehört haben, also beschlossen sie, sich doch gleich dort zu treffen. Zwei Fliegen, eine Klappe und all das. Wenn an der Sache was dran ist: kümmern. Wenn nicht: Treffen wollten sie sich ohnehin.

Während der zweitägigen Fahrt hat Ethan genug Zeit, um sich das, was er über den Fall weiß, nochmal durch den Kopf gehen zu lassen. Mehrfach sogar, denn das, was er dazu weiß, ist echt überschaubar.
Im Davy Crockett National Park ist eine Leiche gefunden worden. Das wäre nun so ungewöhnlich nicht, aber dieser Leiche wurde das Herz herausgerissen. Bei Vollmond. Und das Opfer war ein reicher und ziemlich bekannter Geschäftsmann. Deswegen hat der Vorfall auch so schnell so vergleichsweise hohe Wellen geschlagen.

Als Ethan ankommt, ist im Roadhouse von Bart noch nichts zu sehen. Er sucht sich einen Platz mit Blick auf den Eingang und macht sich ans Warten. So lange dauert es auch gar nicht, bis der Gelehrte das Roadhouse betritt. Ethan hebt eine Hand, winkt den Älteren zu sich.
“Hey. Gehts dir?”
Zur Antwort seufzt Bart. “Es ist mal wieder eine Spur im Sande verlaufen. Die ich-weiß-nicht-wievielte.” Ethan verzieht das Gesicht. “Gah.” “Und bei dir?” Auf die Frage legt Ethan den Kopf etwas schief. “Soweit so okay”, erklärt er. “Schock halbwegs verdaut.” Barts Paket mit Sheriff Simons Revolver war tatsächlich ein Schock, aber dass Sam gerade da war, bedeutete, dass er den mit ihr teilen und sich mit ihr darüber austauschen konnte. Jetzt ist sie seit einigen Tagen wieder weg, das fuchst ihn viel mehr. Aber egal jetzt. Job. “Höllenloch. Sag wann, kay?”

Ethan will sein Gegenüber gerade nach seinen nächsten Schritten in Bezug auf Signora Fiorina fragen und wie er selbst dabei helfen kann, da ertönt von hinter dessen Schulter eine Stimme. “Hallo, Bart.”
Ethan sieht auf. Die Person, die Blackwood angesprochen hat, ist eine junge Frau von ungefähr Mitte Zwanzig, tiefschwarze Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden. Blaue, tiefschwarz geschminkte Augen. Goth Girl. Ethan runzelt die Stirn. Irgendwie kommt die junge Frau ihm bekannt vor, aber er kann das Gesicht nicht recht zuordnen. Jetzt wendet sie sich ihm zu. Sieht ihn direkt an, kühl und unnahbar, und ebenso kühl und unnahbar klingt ihre Stimme, als sie ihn direkt anspricht. “Hi, Ethan.”

Für einen Moment vertieft sich Ethans Stirnrunzeln. Woher kennt diese Fremde ihn? Oder besser, warum wirkt sie so vertra– Die Erkenntnis trifft ihn wie ein Hammerschlag, und Ethans Mund klappt einige Male wortlos auf und zu, ehe er doch einen Ton herausbringt. An der plötzlichen Flut aus Schuld, Fassungslosigkeit und Hoffnung vorbei herausstammelt, um genau zu sein.

Dieses Haus. Dieses verdammte Haus. Angewidert starrt Ethan auf das endlich reglose, halb mechanische, halb organische Konstrukt, das mit seinen überscharfen Schwertarmen und chirurgischer Präzision Jacks Gehirn entfernt hat. Sieht sich im Raum um, der eindeutig nicht von dieser Welt ist. Oder von ihrer eigenen Welt. Oder wie auch immer man das hier nennen will. Verzieht wieder das Gesicht angesichts der schaurigen Glastanks an den Wänden, wo in leicht eingetönter, durchsichtiger Flüssigkeit zahllose Gehirne schwimmen, aus denen heraus menschliche Körper in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung wachsen.

Den Chemosit haben sie erledigt. Aber da ist noch immer dieses Schaltpult in der Mitte des Raumes. Die Messinghebel und die in buntes Glas eingefassten Lichter erinnern Ethan flüchtig an die beiden Verfilmungen der Zeitmaschine, aber jetzt ist keine Zeit für lange Vergleiche. Eine schnelle, wortlose Verständigung mit den anderen, dann schlagen sie gemeinsam auf die Konsole ein.
Metall verbiegt. Glas zerbirst. Lichter erlöschen. Ein unangenehmes Knirschen, das immer stärker wird, dann ein Krachen. Die Welten erzittern, und was verbunden war, beginnt sich aufzulösen.

Mit einem Mal ist das junge Mädchen wieder im Raum. Der Geist, wie sie vorhin beim Hereinkommen noch dachten, aber das ist kein Geist. Dafür ist die Gestalt zu stofflich. Das muss das Kind sein, das mit den Sektenjüngern gelebt hat und vor drei Jahren verschwunden ist. Das Mädchen streckt die Hand aus, hält sie Eunice hin, ohne ein Wort zu sagen. Ehe Ethan noch weiter gekommen ist als “Ni–”, packt die Studentin Emilys Hand und ergreift dann die der Fremden, und Ethan, der schon eine Bewegung auf seine Schützlinge zu gemacht hatte, um sie aufzuhalten, fasst ins Leere, als die drei Mädchen mit einem fast unhörbaren Plopp verschwinden wie vom Erdboden verschluckt.

“Em? W… Aber… w…”
Vollkommen überwältigt springt Ethan auf. Will die junge Frau eigentlich in eine spontane Umarmung ziehen. Aber sofort zuckt Emily – kann sie es wirklich sein? – einige Schritte zurück, also unterbricht Ethan seine Bewegung und hebt beschwichtigend die Hände.
Noch immer ringt er um seine Fassung, starrt sein Gegenüber sprachlos an. Bekommt schließlich doch ein “Wie…?” heraus. Lässt sich wieder auf seinen Sitz fallen, als sei das die einzige feste Landmasse in einer schwankenden, stürmischen See.
Auch Emily – älter, sie ist älter, sie hatte doch gerade erst mit der Uni angefangen, warum sieht sie aus wie Mitte Zwanzig? – kommt jetzt wieder die paar Schritte heran und setzt sich vorsichtig neben Bart.

”Dr Heckler, das ist Mr Gale. Er…” Dekan Brimleys Stimme ist so jovial und beiläufig herablassend wie immer. “… arbeitet für uns. Mr Gale, das ist Dr Heckler, eine unserer Alumnae und eine ausgezeichnete Jägerin.”
Ethan, dessen Miene beim Hereinkommen in dem Moment erstarrt ist, als er die junge Frau im Besucherstuhl des Dekans erkannte, nickt knapp. Wir kennen uns, sagt er nicht. Muss er nicht sagen. Dr Heckler erinnert sich nur allzu deutlich, wie ihre ebenfalls eingefrorenen Gesichtszüge beweisen, und Brimley geht es nichts an. Und überhaupt kannte Ethan Fey offensichtlich nicht so gut, wie er dachte. Er hatte keinerlei Ahnung, dass sie auch Jägerin ist. Drecksmist. Wenn er das gewusst hätte, hätte er vielleicht anders– Ärgerlich schiebt Ethan den Gedanken weg. Hätte, wäre, würde. Tut nichts zur Sache. Konzentriert sich auf den Job. Altes Haus, das Bones Gate kürzlich geerbt hat. Bis vor ein paar Jahren im Besitz einer Sekte, den ‚Brüdern von Viriconium’, die sich aber dann eben vor ein paar Jahren alle gegenseitig umgebracht haben. Oder besser, ein Teil der Sektenmitglieder hat die anderen umgebracht und ist dann spurlos verschwunden. Das Haus jedenfalls ist ein potentieller Ausbildungsort für Jungjäger. Ethan unterdrückt ein Schnauben. Nichts gegen gescheite Ausbildung, im Gegenteil, aber dieses ganze Konzept von einer Studentenverbindung aus lauter Jägern, oder besser, lauter Sprösslingen aus alten Jägerfamilien, ist ihm immer noch nicht ganz geheuer, auch wenn er jetzt schon seit über einem halben Jahr für die arbeitet. Aber so oder so: Das Haus auf Geister und Kram überprüfen. Reine Routine, sagt Brimley. Deswegen sollen sie auch drei Studenten mitnehmen. Gute Übung für sie bei einer ungefährlichen Mission. Ethan runzelt die Stirn und brummt zweifelnd, aber Bones Gate sind seine Arbeitgeber. Wenn Brimley will, dass er Babysitter spielt, dann kann er wenig dagegen machen.

Babysitter trifft es ziemlich gut. Erstsemester. Achtzehn, neunzehn. Scheiße, sind die jung. War Ethan selbst je so jung? In dem Alter hat er Carla– Wieder unterdrückt er den Gedanken radikal. Gehört hier nicht her. Es sind Kids, und er muss auf sie aufpassen. Wird auf sie aufpassen, auch wenn keiner der drei so aussieht, als habe er auch nur im Geringsten Lust, auf sich aufpassen zu lassen. Jack Brewster, der Junge, erzählt etwas von Immobilienbewertung für seinen Finanzkurs. Eunice Browning, eine der beiden Studentinnen, wirkt aufgeregt und gespannt auf das große Abenteuer. Falsche Einstellung, Mädchen. Ganz falsche Einstellung. Und Emily McMillen, die andere Studentin, das Goth Girl mit der schwarzen Kleidung und den schwarz gefärbten Haaren, sieht ihn voller Verachtung an und lacht auf, als er erklärt, sobald sie in dem Haus wären, gälten seine Regeln. Na ganz spitzenmäßig.

“Ach, ihr kennt euch?” fragt der Gelehrte, und Ethan nickt. Findet so etwas wie Halt darin, die Geschehnisse des letzten Halloween zu erzählen.
“Bones Gate”, erklärt er. “Jagende Verbindung. Studenten aus Jägerfamilien.” “Klingt ja nach einer ganz tollen Idee”, wirft Bart ein, und Ethan entfährt ein Schnauben, ehe er weiterspricht. “Arbeite für die.”
“Ja, das hast du mal erwähnt. Als Hausmeister oder so, richtig?” “Beides. Jäger-Hausmeister. Hausmeister-Jäger.” Bei der Erklärung lacht der Gelehrte auf. ”Okay, das ist mal eine schräge Jobbeschreibung.”
Findet Ethan jetzt gar nicht so unbedingt, aber okay. Er macht das ja nun auch schon eine Weile. “Jedenfalls”, fährt er fort. “Letztes Halloween. Job. Haus prüfen. Drei Studenten aufpassen. ‘Reine Routine’. Haha.” Ethan verzieht das Gesicht, schließt einen Moment lang die Augen. Schüttelt mit zusammengepressten Lippen den Kopf. “Hab alle verloren. Einer tot, zwei… Haus: Verbindung. Parallelwelt. Zwei rüber. Noch wer und” – er nickt zu der jungen Frau hinüber, bekommt das Wort kaum heraus – “Emily.”
Emily. Sie ist am Leben.

Die junge Jägerin erzählt, dass für sie fünf Jahre vergangen sind statt des einen Jahres hier. Sie ist ähnlich knapp bei Sprache wie Ethan selbst, sagt kaum ein Wort. Aber das muss übel gewesen sein, richtig übel. Soviel wird aus dem, was sie sagt, oder besser aus dem, was sie nicht sagt, kristallklar deutlich. Scheiße, verdammte. Elender Drecksmist.
Sie hat es nur mit Mühe zurückgeschafft, berichtet Em weiter, knapp und sachlich. Aber ihre Miene ist jetzt etwas weniger kühl und abweisend. Vielleicht hat sie gemerkt, wie nahe Ethan ihr Verschwinden tatsächlich gegangen ist. Oder vielleicht ist es die Gegenwart von Bartolomäus.

Wie lange Emily schon zurück ist, will Ethan wissen und erfährt: seit zwei, drei Monaten. Oha. Er wirft der jungen Frau einen eindringlichen Blick zu. “Familie?”
Emily verzieht das Gesicht. “Ja. Bei denen war ich.”
“Gut.” Der tiefempfundene Stoßseufzer entfährt Ethan völlig unwillkürlich und ist ein Zeichen seiner ehrlichen Erleichterung, auch wenn Emilys Antwort darauf nun seinerseits Ethan das Gesicht verziehen lässt. “War nicht schön.”
Heh. Zumindest mal anstrengend und emotional fordernd, wenn Ethans eigene Erfahrung ein Maßstab ist.
“Meine Familie war gespalten”, fährt Emily fort. “Ein paar haben sich gefreut, aber ein paar haben mir nicht mal geglaubt, dass ich es wirklich bin, sondern hielten mich für eine Betrügerin.”
Ethan schnaubt ironisch. Das kommt ihm doch irgendwie bekannt vor.
“Ich bin dann lieber gegangen.”
“Mhmm”, macht Ethan. “Glaub ich. Aber: gut, dass sie es wissen.” Er sieht die junge Jägerin an, kann es ja selbst immer noch nicht richtig glauben. “Eunice?” erkundigt er sich dann. Aber von der anderen Studentin weiß Emily nichts, sagt sie. Sie wurden irgendwann getrennt, und danach hat Em sie nicht wieder gesehen. Au. Au verdammt.
“Tut mir leid”, murmelt Ethan, aber Emily schüttelt den Kopf. “Du kannst doch nichts dafür. Es war meine eigene Schuld. Ich hätte es besser wissen müssen, als mit dem Mädchen mitzugehen.”
Jetzt ist es an Ethan, den Kopf zu schütteln. “Woher?” fragt er mit Nachdruck. “Hand hat Eunice genommen. Nicht du. Und: Hätte eingreifen müssen. Aufsichtsperson. Schutzbefohlene. Aber: Alles so schnell.” Ethans Stimme ist leiser geworden bei diesen letzten Worten, und er hat Schwierigkeiten, sie überhaupt herauszubringen. Aber muss, also beißt er die Zähne zusammen. “Schnipp und weg. Keine Chance. Ihr weg…”, er schluckt, “Jack… Fey und ich… nur noch raus. Aber. Hätte. Tut mir leid.”
“Jack.” Emily ist zusammengezuckt, als Ethan den Namen erwähnt hat, und jetzt wiederholt sie ihn heftig, voller Bitterkeit. “An Jacks Tod bin ich auch schuld. Ich habe ihn angestachelt. Nur meinetwegen ist er in diesen Gang.”

”Jetzt stell dich nicht so an, Jack Brewster! Reiß dich zusammen! Das Übernatürliche existiert, und du hilfst keinem, wenn du das verleugnest!” Emilys Stimme klingt erregt und ihre Augen funkeln. “Du bist doch kein Feigling, Jack, das weiß ich! Also kämpfe!”
Irgendetwas an Emilys flammender Anfeuerungsrede bringt eine Saite in dem Jungen zum Klingen. Irgendetwas an ihren Worten oder ihrer Haltung lässt etwas in Jacks Augen erwachen, das Ethan ganz klar sagt: Jetzt will er Em beeindrucken. Der Junge nickt entschlossen – und rennt los, rennt einfach in den Gang hinein, in den sie den Automaten mit den Schwerterarmen eben mit einiger Mühe zurückgetrieben haben.
“Jack! Halt!” brüllt Ethan, aber der Kleine läuft weiter. Im selben Moment hat Felicity schon ihre Schrotflinte gehoben und eine Ladung in die Decke gejagt. Dummerweise erreicht der Schuss genau das Gegenteil von dem, was Fey hatte erreichen wollen, denn er verschreckt den Studenten so sehr, dass er nur noch eiliger in den Gang rennt. Sie folgen Jack, so schnell sie können, aber sie kommen zu spät. Zu spät.

“Nein”, knirscht Ethan. “Konntest du nicht wissen. Umstände. Wenn, dann ich. Zu langsam. Nicht aufgehalten.”
Oder vielleicht auch Fey mit ihrem Schuss. Wobei… Nein. Das ist eine Verantwortung, die Ethan nicht von sich abwälzen kann.
Aber als habe sie seine Gedanken gelesen oder als habe er die Überlegung doch laut ausgesprochen, fragt Emily: “Wie geht es Ms Heckler?”
Ethan zuckt mit den Schultern. “Geheiratet. England.”
Diese Neuigkeit scheint bei Emily auf Überraschung zu stoßen, aber sie geht nicht weiter auf das Thema ein, sondern fragt nach dem Haus. Ob es noch stehe. Ethan nickt.
“Sie haben es nicht abgefackelt?” vergewissert Emily sich ungläubig und nicht wenig empört, deswegen bestätigt Ethan es ihr ein zweites Mal. “Verbindung getrennt. Keine Gefahr mehr, also…“
Emily brummt. “Wird das Haus überhaupt genutzt?”
Darauf kann Ethan jetzt wieder nicken. “Glaube. Sagen mir ja nicht alles. Hausmeister und so. Aber: was ich weiß, schon.”
Jetzt macht Emily einen deutlich erleichterten Eindruck, als wolle sie sagen: Dann war ja wenigstens nicht alles umsonst.

Bart Blackwood hat die ganze Zeit über geduldig daneben gesessen und die beiden jüngeren Jäger reden lassen. Aber als Emily jetzt wissen will, wie lange Bart und Ethan sich schon kennen, schaltet der Gelehrte sich erstmals wieder ein. “Ungefähr ein Jahr jetzt”, sagt er, und Ethan ergänzt: “Ziemlich genau. Sache direkt danach. Wieder ein Haus.” Bitter-amüsiert lacht Ethan auf. “Steht aber nicht mehr.”
“Es handelte sich um ein Anwesen im Familienbesitz”, führt Bart näher aus. “Eine Reihe von Vorbesitzern hatte dort jeweils ein unschönes Ende genommen, und wir kümmerten uns um die Angelegenheit. Letzten Endes blieb das Grundstück in der Familie. Eine Cousine ist jetzt im Besitz des Hauses – oder besser des leeren Geländes.”
“Nicht leer”, murmelt Ethan. “Bauwagen. Shintoschrein.”
Blackwood grinst. “Ach ja. Die schrulligen Eigenheiten meiner werten Cousine.”

Ethan hat wenig Lust zu hören, wie irgendwer über seine britische Freundin lästert, selbst wenn es deren eigener Cousin ist und die Bemerkung nicht unfreundlich klang, deswegen sieht er die beiden anderen an und fragt: “Ihr?”
Emily versteht die knappe Frage. “Seit ein paar Wochen”, erwidert sie. “Wir haben vor kurzem zusammengearbeitet.”
“Bei eben jener Sache, die im Sande verlaufen ist”, fügt Bartolomäus hinzu. “Mmhm”, macht Ethan, während Emily nun ihrerseits die beiden Männer ansieht. “Weswegen seid ihr eigentlich hier?”
Es stellt sich heraus, dass die junge Jägerin ebenfalls von der Leiche im Wald gehört hat und sich die Sache auch einmal ansehen wollte. “Sowas zieht uns ja an wie die Fliegen”, brummt sie finster. “Nun ja”, erwidert Bart gemessen, “manche Dinge kommen aber auch immer wieder zu denselben Leuten wie Fliegen. Das liegt nun einmal einfach in ihrer Natur.”

Sie beschließen, sich gemeinsam der Sache anzunehmen, wenn sie ohnehin schon einmal alle hier sind. Erste Station: Leichenschauhaus.

Eigentlich hatten sie vor, dem örtlichen Coroner irgendeine Geschichte aufzutischen. Müssen sie aber gar nicht. Denn vor dem Gebäude stoßen die drei Jäger auf einen Bekannten von Bart, der gerade schon sowohl mit dem Sheriff als auch mit dem Coroner geredet hat. So Mitte Dreißig, würde Ethan schätzen, also etwa in Blackwoods Alter beziehungsweise ein bisschen jünger. Rotblonde Haare, Bärtchen. Ziemlich von sich eingenommen, wie es aussieht.
Flann Breugadair heißt der Mann und ist vom FBI. Ethan verkrampft sich kurz ein bisschen, als er das hört, aber der Jäger ist anscheinend nur als freiberuflicher Consultant für die tätig und kein echter Agent. Puh.
Dieser Breugadair scheint ganz froh zu sein, dass er nicht alleine an den Fall ran muss. Jedenfalls hat der fremde Jäger schon ein paar Sachen herausgefunden, die er Bart und dessen Begleitern jetzt bereitwillig mitteilt. Der Sheriff ist geschockt, sagt er, und vermutet einen Satanistenkult hinter dem Vorfall. Aber im WhatsApp-Chatverlauf des beim Opfer gefundenen Handys ist von Werwölfen die Rede. Okay, dass Vollmond war zum Zeitpunkt des Vorfalls, das hatte Ethan ja schon gewusst. Auch, dass es sich bei dem Opfer um einen reichen Geschäftsmann handelte. Aber dass dieser reiche Geschäftsmann offenbar in alle möglichen illegalen Machenschaften verwickelt war, das ist Ethan neu. Der Typ wurde im Nationalpark von einem Wandererpärchen gefunden. Seine Wunden entsprachen denen eines Wildtierangriffs: Bär, Wolf, irgendwie sowas. Nur dass Bären oder Wölfe ihren Opfern normalerweise nicht das Herz rausreißen, wie das hier passiert ist. Werwölfe hingegen schon. Aber wären Werwölfe nicht die etwas zu offensichtliche Erklärung? Oder zumindest sollten sie sich nicht von vorneherein darauf einschießen und alles andere aus den Augen verlieren. Ethan ist da beim Routenplanen nämlich etwas aufgefallen.

Beim Auto zieht er sein Landkartenset aus dem Handschuhfach und breitet die Karte von Nordtexas auf der Motorhaube aus. Sucht Crockett und deutet darauf. Schaut dann reihum in die Gesichter seiner Mitstreiter, ob sie es auch sehen. Von Crockett aus führen nämlich sieben Straßen – also Straßen, die groß genug sind, dass sie auf einer so groben Karte erscheinen – sternförmig von dem Städtchen weg.
Die anderen sehen es tatsächlich. “Eine Art Kraftzentrum vielleicht?” schlägt Bart mit nachdenklicher Miene vor. Vielleicht. Irgendwie sowas. Oder vielleicht auch gar nicht. Aber zumindest eventuell mal im Hinterkopf behalten.

Apropos Auto. Zwar haben auch Flann und Emily fahrbare Untersätze dabei, aber zwei reichen, beschließen sie. Also fährt der FBI-Consultant in Bartholomews Wohnmobil mit, und Emily steigt bei Ethan ein, nachdem sie aus einem schwarzen Geo Metro Cabrio einen Rucksack mit offensichtlich jeder Menge Ausrüstung und vor allem einen garstig aussehenden Kompositbogen geholt hat. Unterwegs schaut er immer wieder ungläubig zu seiner Mitfahrerin hinüber, und auch Emily scheint öfter mal drauf und dran zu sein, etwas sagen zu wollen, tut es dann aber doch nicht. Wenigstens dauert die Fahrt nur knapp eine halbe Stunde, also wird die Verlegenheit auf beiden Seiten nicht unendlich groß.

Die Leiche wurde im Wald gefunden, relativ nah am Rand des Nationalparks. Am Tatort selbst sind noch letzte Reste von Absperrband zu sehen, was die genaue Ortsbestimmung erleichtert. Während Emily die Bäume der Umgebung in Augenschein nimmt und die beiden anderen Jäger sich offenbar auf die Outdoor-Expertise ihrer jüngeren Begleiter verlassen, geht Ethan sich nach Spuren umsehen.
Eines wird sehr schnell klar: Das Opfer muss woanders gestorben und seine Leiche dann hierher gebracht worden sein, denn hier ist viel zu wenig Blut, und geregnet hat es nicht. Fußspuren hat es gegeben, aber die sind ziemlich kompetent und sorgfältig verwischt worden, und danach sind alle möglichen Leute da rumgetrampelt. Die Polizeikräfte beim Abtransport, Spurensicherung und so. Verdammt. Bleibt wohl nicht aus.

Emily hat auch keine aussagekräftigen Hinweise gefunden, erklärt sie. Na das war ja ein voller Erfolg, alles beides. Aber ehe Em oder Ethan dazu kommen, ihre Spurensuche auf einen etwas größeren Umkreis um den Tatort herum auszuweiten, wird die Gruppe ziemlich abrupt in ihren Überlegungen unterbrochen. Und zwar nähert sich ein Mann in der Uniform eines Park Rangers. Ah. Nein. Game Warden heißen die hier, korrigiert der Typ entrüstet, als sie ihn mit dem falschen Titel ansprechen. Game Warden Boone, in diesem speziellen Fall. Tschuldigung.
Der Typ ist überhaupt ziemlich entrüstet. Und fürchterlich nervös. Will sie am liebsten sofort von der Fundstelle weg haben, lässt sich von Flann in dessen Rolle als FBI-Mann aber erstmal in ein Gespräch verwickeln. Nein, Game Warden Boone war selbst nicht im Dienst, als die Leiche gefunden wurde, sondern sein Kollege, Game Warden Powell. Zwei Wanderer aus Louisiana sind über den Toten gestolpert. Nachdem Boone das preisgegeben hat, schlägt seine Nervosität aber doch wieder voll durch. Behauptet was von wegen, Menschen dürften sich gar nicht hier aufhalten, weil das hier ein Nationalpark sei, wegen des Naturschutzes und um die Tiere nicht zu stören. Haha. Ahahaha. Klar ist das hier ein Nationalpark. Aber sogar in die Wilderness Areas mit den allerstrengsten Auflagen darf man ja zu Fuß rein, wenn man keine Rückstände hinterlässt! Was Ethan ziemlich häufig in Anspruch nimmt, in allen Arten von Natur, und die einschlägigen Gesetze und Richtlinien dazu also einigermaßen gut kennt. Okay, gelegentlich werden einzelne Bereiche von Wilderness Areas mal für Wanderer gesperrt, zum Beispiel da, wo die Wanderfalken nisten, in den Bristol Cliffs, aber das ist dann entsprechend markiert und an den Parkplätzen dick ausgeschrieben und hier gerade definitiv nicht der Fall. Dass er dem Kerl also nicht offen ins Gesicht lacht, liegt einzig daran, dass Ethan generell nicht so häufig laut herauslacht. Aber er wirft dem Warden mit hochgezogenen Brauen einen mehr als sarkastischen Blick zu. Ertappt druckst Boone herum, bis er Emilys Bogen und Ethans Gewehr bemerkt. Kurz wähnt er sich wieder im Oberwasser und will die Gruppe wegen der Waffen vertreiben, aber auch das hilft ihm nichts. In Texas gilt immerhin freies Tragerecht für Langwaffen, auch wenn sie zum echten Jagen natürlich einen Jagdschein bräuchten.

Flann treibt den Mann noch mehr an den Rand der Weißglut. Provokant auffällig wandert er vom Fundort aus in unterschiedliche Richtungen, tut so, als würde er den Boden auf Spuren untersuchen und wirft doch immer wieder unauffällige Blicke zu dem Warden hin, um zu sehen, ob der in irgendeine Richtung besonders zappelig wird. Wird er tatsächlich, und in diese Richtung geht Emily mal genauer nachsehen, nachdem Flann zurückgekommen ist und den Typen weiter ablenkt und ihn immer mehr in die Defensive drängt. So sehr, bis Boone irgendwann genug hat und abzieht.

Kaum ist der Game Warden weg, winkt Emily die anderen zu sich. Interessant. Im Waldboden finden sich Abdrücke von unbeschuhten menschlich aussehenden Füßen, die den Spurenverwischern vom Fundort entgangen sein müssen. Die Fährte geht zwar nicht schnurgerade, aber doch ziemlich direkt zum Rand des Nationalparks und aus dem Wald heraus. Dort, auf einer Wiese am Waldrand, steht ein Haus, zu dem die Spuren hinzuführen scheinen. Es wirkt verlassen und heruntergekommen und so, als stünde es schon eine ganze Zeitlang leer, und als Emily und Ethan unter den Bäumen hervor ins Freie treten und das Haus zu Gesicht bekommen, erstarren sie beide im selben Moment zu Salzsäulen. Das. Das ist das. Das Haus. Das Haus der Brüder von Viriconium.

”Das muss es sein”, sagt Felicity und deutet auf das umzäunte Grundstück, auf dem das alte, verlassen aussehende Haus aufragt. Während Ethan nickt und den Pickup vor dem Tor parkt, tuscheln die beiden Mädchen aufgeregt untereinander. Irgendwas von ‚Sekte’ und ‚umgebracht’ und ’spuken’, hört Ethan. Jack Brewster hingegen betrachtet das Gebäude ein bisschen skeptisch. “Wo ist der Rest des Immobilienkurses? Sind wir die ersten?”
“Kein Kurs”, knurrt Ethan. “Nur wir.”

Vom Näherkommen wird das Haus nicht anheimelnder. Die Fenster sind blind, die hölzernen Wände verwittert, und in den Pfützen auf der Auffahrt finden sich ölige Schlieren in seltsam intensiven Farben. Während die beiden Studentinnen nicht mehr tuscheln, sondern zunehmend unsicher dreinblicken, sieht Jack interessanterweise überhaupt nicht ängstlich aus, sondern so, als sei er durchaus in seinem Element. Er begutachtet das Gebäude mit Kennerblick und erzählt irgendwas von ‚Buchwert’ und ‚Zeitwert’, dem Ethan gerade weder folgen kann noch will. Felicity beugt sich zu einer der Pfützen herunter, sagt aber nichts weiter dazu. Sie wirkt generell extrem angespannt, aber das kann auch daran liegen, dass sie die letzte Nacht in einem Zimmer verbracht haben und dass sie jetzt um den Fluch weiß. Zumindest war sie heute beim Frühstück in dem ultra-christlichen Hotel ähnlich einsilbig wie Ethan selbst.

Er fischt den Schlüssel, den er von Dekan Brimley bekommen hat, aus der Tasche und geht auf die Eingangstür zu. Hilft ja alles nichts.

“Was ist los?” will Bart wissen, und auch Flann ist stehengeblieben und sieht sie interessiert an. Emily antwortet nicht. Sie ist kreidebleich geworden und zittert und macht​ nicht den Eindruck, als sei sie gerade willens oder auch nur in der Lage, auf die Frage zu antworten, also beißt Ethan in den sauren Apfel. “Jahr her. Echt unschön. Genau dieses Haus. Aber Vermont.”

Wegwerfend sagt Flann: “Wir sind aber nicht in Vermont, wir sind in Texas. Dann hattet ihr in Vermont eben ein unschönes Erlebnis. Und weiter?”
Ethan funkelt ihn an. Ja, es ist ein verdammtes Déjà Vu. Und ja, er ist gerade eingefroren, verdammt. Ist dem anderen Jäger ja auch garantiert noch nie passiert. Hah. Ethan atmet durch und will weitergehen, aber Emily neben ihm rührt sich nicht vom Fleck. Ethan kann sehen, wie​ die junge Frau zittert. “Ich geh da nicht rein”, erklärt sie kategorisch. Er will gerade etwas darauf antworten, da mischt Breugadair sich ein. Seine Stimme klingt ungeduldig. Und unendlich spöttisch. “Ihr wollt also da nicht rein? Dann bleibt halt draußen, wenn ihr wollt. Aber ich für mein Teil gehe jetzt!”

Ethan fährt herum. “Ruhe!” faucht er den FBI-Consultant an, “Eine Minute, okay!” und wendet sich wieder Emily zu. Sieht ihr ernst in die Augen und formuliert sehr gründlich. “Wenn du da wirklich nicht rein willst, dann gehen wir da nicht rein”, sagt er ruhig. “Ich bleib bei dir. Aber die Spuren gehen rein. Und Flann und Bart brauchen vielleicht Unterstützung.”
Auf seine Worte hin atmet Em ein paarmal tief durch und nickt dann. “Okay. Aber zusammenbleiben, ja?”
Ethan nickt ebenfalls. “Verlier dich nicht nochmal”, erklärt er entschieden.

“Beherzt ist nicht, wer keine Angst kennt, beherzt ist, wer die Angst kennt und sie überwindet”, deklamiert Flann mit einem Blick auf die beiden Jäger, während die kleine Gruppe sich wieder in Bewegung setzt. “Khalil Gibran.” Das unerwartete Zitat aus dem Mund des Älteren lässt Ethan tatsächlich unwillkürlich ein bisschen schmunzeln, und er kontert trocken: “Spinne. Fliege. Wohnzimmer.”
Flann lacht. “Aha! Da ist der Humor ja doch wieder.”

Diesmal hat Ethan keinen Schlüssel​, aber die Tür lässt sich auch so leicht aufbringen. Drinnen ist es dunkel. Es fällt so gut wie kein Licht durch die staubigen Fenster. Genausowenig wie in Locust Heights. Verdammt.
Ethan lauscht, aber es ist nichts zu hören. Die Andeutung von Geräuschen vielleicht. Gluckern aus einem Rohr. Eine knarzende Diele? Strom ist jedenfalls keiner da, stellt Ethan fest, als er den Lichtschalter findet und betätigt. Aber zu diesem Zweck gibt es ja Taschenlampen und Panzertape. Als er die Leuchte an seinem Gewehr befestigt hat, dreht Ethan sich zu Emily und sucht ihren Blick. Sie ist noch immer blass im Gesicht und hält sich dicht bei ihm, aber sie nickt ihm entschlossen zu. Also macht Ethan sich auf den Weg den Gang hinunter, Emily direkt hinter ihm, gefolgt von Bart und Flann. Ohne darüber gesprochen zu haben, versuchen alle vier, leise zu sein, aber es wirkt beinahe so, als habe das Haus etwas gegen langsame, geräuscharme Bewegungen, denn die Bohlen knirschen und knarren bei fast jedem Schritt der ungebetenen Besucher.

Der Flur führt zu einem großen Raum. Wohnzimmer, vermutlich. Von der Tür aus fällt der Schein von Ethans Taschenlampe auf einen hellen Fleck im Raum. Auf mehrere helle Flecken im Raum, um genau zu sein. Ethan beißt die Zähne zusammen. Mit Bettlaken abgehängte Möbel. Wie im Halloweenhaus. Er wirft einen schnellen Blick zu Emily, der die Parallele genausowenig entgangen ist. Und die dann kreidebleich wird, als Ethan den Lichtstrahl schon weiterwandern lässt, während er selbst erst noch im Umdrehen begriffen ist.
Eine Sekunde später spürt Ethan, wie ihm selbst auch sämtliches Blut aus dem Gesicht weicht. Denn da ist eine Standuhr, auch sie von einem Bettlaken überzogen. Und oben auf der Uhr, im schmalen Lichtkegel nur eine schemenhafte Form unter dem weißen Tuch…

Da hat sich etwas bewegt unter dem Laken. Mit einer Handbewegung drängt Ethan die drei Studenten hinter sich und zieht, die Waffe in Bereitschaft, das Tuch weg, während Felicity, ihre Schrotflinte im Anschlag, ebenfalls sichert.

Auf der alten Standuhr sitzt ein Vogel. Ein offensichtlich mechanischer Vogel. Ein bisschen wie Bubo in Kampf der Titanen, aber das hier ist ein metallener Raubvogel. Falke oder sowas. Keine Eule jedenfalls. Das Ding klappt die Augen auf und bewegt ruckartig den Schnabel.
“Oh”, sagt es. “Grün.”
Eunice kommt hinter Ethans Rücken hervor und übernimmt die Initiative. “Du kannst reden?”
Wieder nickt der Schnabel. “Ja”, kommt ganz deutlich, “ja.” Mit einem surrenden Flügelschlag erhebt der mechanische Vogel sich in die Luft und umkreist die Gruppe. “Grün. Zehn grün. Hütet euch. Blork. Zählung läuft!”
“Hüten?” knurrt Ethan im selben Moment, wie Fey fragt: “Was für eine Zählung?”
“Zählung läuft”, krächzt der Automat wieder. “Zehn grün. Hütet euch vor dem Tod aus der Luft. Blork.
Jetait Chemosit!”
Drecksmist. Was zum Geier soll das heißen,
Jetait Chemosit?

Als sie weitergehen, flattert der Vogel neben ihnen her, ständig am Plappern. “Blork. Septemfasciata. Hütet euch. Hütet euch vor dem Tod aus der Luft. Zählung läuft. Zehn grün.” Und immer wieder, bis sie dann nur zu bald am eigenen Leib herausfinden, was es damit auf sich hat: “Chemosit. Jetait Chemosit!”

“Drecksmist”, knirscht Ethan. Hat sich der Vogelumriss da eben bewegt unter dem Tuch? Während Emily und er noch zögern, drängt Breugadair sich an den beiden jüngeren Jägern vorbei und zieht ohne weitere Umstände das Bettlaken herunter. Und der Vogelumriss hat sich nicht bewegt. Es ist nämlich nur ein hässlich-kitschiger geschnitzter Weißkopfadler, der oben auf dem Möbelstück thront. Aber trotzdem, verdammt. Ethan stößt zischend die Luft aus und schüttelt ärgerlich den Kopf. Brummt: “Keine Zufälle.” Ernsthaft jetzt. Erst die Begegnung mit Emily und dann dieses Haus, diese Uhr… Wenn jetzt noch ein Chemosit auftaucht… Drecksmist. Mit gerunzelter Stirn sieht er die anderen an, vor allem Bart und Flann. “Nicht sicher, dass ich kein Scheiß bau hier drin. Falls ja, haltet mich auf, kay?”
Flann lacht spöttisch. “Dann bau halt keinen Scheiß”, kontert er trocken.
Ethans Stirnrunzeln vertieft sich, und er funkelt den FBI-Mann ungehalten an. “Habs nicht vor. Aber.”

Die Waffe hält Ethan jedenfalls auf halber Höhe bereit, während sie das Haus weiter absuchen. Dabei weicht er Emily, die ähnlich erschüttert scheint wie Ethan selbst, nicht von der Seite.
Gang. Treppe. Obergeschoss. Leise Geräusche aus einem Zimmer am hinteren Ende des Korridors. Ethan nimmt die Weatherby hoch, sichert durch die Tür. An der hinteren Wand kauert jemand, zuckt vor dem Licht der Taschenlampe weg. Es ist ein junger Mann, vermutlich noch keine Zwanzig, barfuß, mit zerrissener Kleidung und blutbeschmiert. Mit einem Arm schirmt er seine Augen vor dem Lichtstrahl ab. “Geht weg! Lasst mich in Ruhe!”

Da der Junge zumindest für den Moment nicht gewalttätig zu sein scheint, versuchen sie, mit ihm zu reden. Er hat keinerlei Erinnerungen mehr daran, wie er hier gelandet ist. Weiß nur noch, dass er im Wald zu sich kam, direkt neben der Leiche eines Weißen, und befürchtet jetzt, dass er derjenige war, der den Mann umgebracht hat.

Keinerlei Erinnerungen? Klar hat der keine Erinnerungen, wenn er ein Werwolf ist. Und dass er einer ist, das vermutet Ethan mal ganz schwer. Er fischt eines von den kleinen Silbernuggets, die er immer dabei hat, aus der Hosentasche und wirft es dem Jungen zu. Reflexhaft fängt der es auf, und es passiert genau das, was Ethan erwartet hat: ein Aufschrei, ein zu Boden fallendes Silbernugget und Pusten auf eine schmerzende Hand.
“Scheiße”, ruft der Kleine, “was zur Hölle war das?”
“Eine scharfe Kante”, beschwichtigt Bart, “daran hast du dich geschnitten.”
“Nee”, murmelt der Werwolf, während er aufhört zu pusten und die Hand sinken lässt, “irgendwas stimmt doch nicht. Ich hab zwar keine Ahnung, was los ist, aber verarschen lass ich mich nicht!”
“Erzähl erstmal”, fordert Flann ihn auf. “Was weißt du denn überhaupt noch?”

Der Junge heißt Shane Bradford, sagt er, und kommt aus Houston. Einen festen Job oder auch nur Wohnsitz hat er nicht, sondern schlägt sich halt so durch. Er wollte doch nur einen Job finden, sagt er. Ein Kerl in Houston habe ihm da was angeboten, was ziemlich gut klang: auf dem Land, an der freien Luft, und gar nicht schlecht bezahlt. Irgendwelche Feldarbeit, dachte Shane, irgendwas, was man halt im Herbst auf den Feldern noch so machen müsse. Und vor körperlicher Arbeit habe er keine Angst. Also habe er sich mit dem Typen getroffen, und ab da wisse er nichts mehr.
Ob er schon öfter solche Aussetzer gehabt habe, will Bart wissen, aber das verneint Shane energisch. Nie.
Drecksmist. Sollte den etwa einer absichtlich zum Werwolf gemacht haben?

Ethan hockt sich vor dem Jungen auf den Boden und sieht ihm ins Gesicht. “Kay”, brummt er. “Tacheles.”
“Geht weg!” ruft Shane wieder. “Geht bloß weg! Ich hab einen umgebracht, ich will euch nicht auch was tun!”
“Wirst du nicht”, sagt Ethan. “Vollmond rum.”
Shane sieht ihn alarmiert an. “Was ist mit mir los?”
Bringt ja nix, das vor dem Kleinen zu verheimlichen. “Werwolf”, antwortet Ethan grimmig.
Aber Bart ist offensichtlich anderer Meinung, denn er wirft Ethan einen wütenden Blick zu und lenkt das Gespräch schnell in eine andere Richtung. “Es gibt keinerlei Grund, den armen Jungen mit derart hanebüchenem Unsinn zu verunsichern”, sagt der Gelehrte, während er gleichzeitig an seiner Tasche herumnestelt. Sich unauffällig bereit macht, eine Waffe herauszuholen und dem jungen Werwolf von hinten eine Silberkugel durch den Kopf zu jagen, vermutet Ethan.
“Wir bringen dich erstmal hier weg”, sagt Flann beruhigend, aber davon will Shane nichts wissen. “Ich kann hier nicht weg! Ich hab n Weißen umgebracht, dafür killen die mich! Seht mich doch nur mal an!”
Breugadairs Stimme wird noch eine Ecke besänftigender, wenn das denn überhaupt geht. “Niemand wird dich umbringen”, sagt er begütigend, “dafür sorgen wir schon. Aber trotzdem musst du jetzt mit uns mitkommen.” Als der Junge wieder protestieren will, hebt er die Hand. “Keine Sorge, mein Freund hier hat einen Wohnwagen, darin sieht dich so schnell keiner. Allerdings müssen wir dich vorher erstmal saubermachen.”

Saubermachen. Guter Plan. Das hier ist doch ein Haus, da gibt es doch bestimmt ein Bad. Sollte man mal suchen gehen. Aber Ethan hat Emily versprochen, dass er sie nicht alleine lässt, also sieht er sie fragend an. “Badewanne?”
Wenn sie nicht mitgeht, geht er auch nicht, soviel steht fest, aber die Jägerin nickt. Ein Badezimmer samt Badewanne finden sie auch, nur kein fließendes Wasser. Mist. Zum Glück gibt es immerhin einen Brunnen vor dem Haus, und im Kamin ein Feuer zu machen, ist auch kein Problem. Während sie auf diese Weise damit beschäftigt sind, das Bad vorzubereiten, räuspert Emily sich und beugt sich über die Badewanne in Ethans Richtung. “Das ist ein Werwolf”, sagt sie eindringlich. “Wir können ihn nicht leben lassen.” Ethan sagt nichts, sieht sie nur an und verzieht das Gesicht. “Die anderen beiden haben das vielleicht noch nicht so kapiert”, fährt Emily fort, “aber du kennst dich aus: Du weißt, wie es läuft, und du weißt, was zu tun ist.”
“Drecksmist”, brummt Ethan unglücklich. “Armer Kerl.”
Emily wirft den Kopf in den Nacken. “Dann erledige ich das halt.”
“Nein.” Ethan schüttelt den Kopf, noch immer unglücklich, aber entschlossen. “So nicht gemeint. Dachte nur: Schwein macht sowas? Aber wenn’s muss, muss. Mach dann schon ich.” Elender Drecksmist.
Mit einem Mal legt Em den Kopf schief. “Warte mal…” sagt sie nachdenklich, “ich hab mal gehört, ein ganz frischer Werwolf kann noch geheilt werden, wenn der Werwolf stirbt, der ihn gemacht hat…”
Huh. Jetzt, wo sie es sagt, klingelt bei Ethan auch irgendwas. Okay. Dann das versuchen. Und wenn sie den Erzeuger nicht finden können, dann muss, was muss.

Als Shane gebadet hat, stecken sie den Jungen in Ethans Ersatzklamotten, die immer im Nissan liegen. Die passen dem Jungen zwar nicht so recht, aber es sind immerhin mal Sachen, die nicht zerrissen und blutig sind.
Danach gefragt, erzählt der junge Mann etwas mehr über den Kerl, der ihn in Houston angesprochen hat. “Ein ganz hartgesottener Typ war das”, sagt Shane. “Ein Weißer. Dunkelblondes Bärtchen. Er trug eine Waffe, fuhr einen hässlichen Dodge und hatte einen Hund bei sich. Ich würde ihn wiedererkennen, vor allem am Geruch. Er sagte, er…”

Bei der Beschreibung stutzt Ethan, und für einen Moment legt sich eine eisige Klammer um sein Herz. Blond, Bärtchen, Dodge, Hund… Scheiße. Das kann doch nicht? Der würde doch nicht… Oder? Würde er? In Wyoming hat Cal was davon gesagt, dass etwas aus seiner Seele gerissen würde, als AC starb. War weg, ehe Ethan sich soweit gefangen hatte, dass er groß näher darauf eingehen konnte. Kühl, hat Cal gesagt. Kontrolliert. Keine Gefühle. Würde er in dem Zustand sowas machen? Scheiße. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht.

Ethan hebt die Hand, unterbricht Shane mitten in dessen Satz. Fragt mit drängender Stimme: “Was für ein Dodge?”
“So ein protziger Pickup”, ist die Antwort des Jungen. “Weiß mit Gold und jeder Menge Bling.”
Ethan kann regelrecht spüren, wie ihm ein Felsbrocken vom Herzen fällt. Puuuuuh. Nicht Cal.

Irgendwas klingelt auch bei ihm, wo er jetzt die Beschreibung des Autos gehört hat. Der Name liegt ihm auf der Zunge, aber er kommt gerade nicht darauf. Jäger jedenfalls. Einzelgänger und ein ziemliches Arschloch. Ethan ist dem vor Jahren mal in einem Roadhouse über den Weg gelaufen. Drecksmist, wie hieß der noch?
“Ah, ich weiß.” Bart. “Das klingt mir stark nach Zeb McCade.”
Zeb McCade. Genau. Das war es.

“Kann sein”, macht Shane. “Er hat seinen Namen nicht genannt.” Der Typ habe ihn jedenfalls anheuern wollen für diese nicht näher bezeichnete Arbeit auf dem Land, ihn und noch andere. Feldarbeit halt. Shane habe zugesagt, dann habe er den Mann ein Stück außerhalb der Stadt getroffen, und mehr wisse er nicht, bis er hier im Wald zu sich gekommen sei. Er sei sich nicht ganz sicher, meint der junge Werwolf, aber er glaube, er habe drei Männer in einer Ranger-Uniform weglaufen sehen, als er aufwachte.

Die Game Wardens. Immer wieder die Game Wardens. Mit denen sollten sie dringend nochmal reden, denn dieser Boone war ja vorhin am Fundort schon so nervös.
Deren Station ist auf der Karte leicht zu finden. Sie liegt am Rande des Nationalparks und gar nicht so weit weg. Nur was soll solange mit Shane passieren? “Mitnehmen”, schlägt Ethan unumwunden vor, als die Frage aufkommt, aber davon will der junge Mann nichts hören. “Was? Nein, den Typen will ich nicht nochmal begegnen!” “Hier kannst du aber nicht bleiben”, hält ihm Emily energisch entgegen. “Du kannst solange in meinem Wohnmobil warten”, bietet Bart an, “da sieht dich niemand.”
Damit ist Shane dann einverstanden, aber vorher muss Bartholomäus erst einmal ein paar Schutzvorrichtungen entfernen, damit der Werwolf überhaupt einen Fuß über die Schwelle setzen kann.
“Was macht der denn da?” will Shane wissen, woraufhin Flann ihm erklärt, dass sein gelehrter Freund etwas eigen mit seinem Wohnwagen sei. Dann beugt er sich vor und flüstert dem Jungen etwas zu. Irgendwas von wegen ‘autistisch’, hört Ethan, und so finster, wie Bart dreinschaut, hat er die Stichelei ebenfalls mitbekommen. Aber immerhin hat der blöde Spruch den Effekt, dass Shane sich wieder entspannt.

Vor der Warden Station zieht der junge Werwolf mit einem geräuschvollen Schnüffeln die Luft ein. Dann lacht er laut auf. “Was habt ihr denn mit dem einen gemacht?” grinst er böse, “dem kommt ja der Angstschweiß aus allen Poren!” Das Gesicht des Jungen hat sich verändert, ist wölfischer geworden, die Zähne spitzer. “Ich hätte nur zu gerne Lust, den…”
“Vorsicht!” macht Ethan, und auch Emily knurrt ein “Pass bloß auf!”
Bart hatte ohnehin gerade bereits angefangen, wieder an seinem Campermobil herumzufuhrwerken, irgendwelche Runen anzubringen – damit der Werwolf nicht so leicht rauskann, wenn er abhauen wollen sollte, vermutet Ethan – und jetzt wirft er dem jungen Mann einen Blick zu, der nur allzu deutlich besagt, dass er ganz genau um den Sinn dieser Vorsichtsmaßnahme weiß. Aber inzwischen entspannen sich Shanes Züge schon wieder, werden wieder normal und menschlich. “Macht die Typen fertig”, erklärt er, aber er grinst nicht mehr so dreckig dabei.

Aber wenn der Junge von hier draußen die Angst der Wardens riechen kann, dann… hmm. “Typ in Houston gerochen?” fragt Ethan.
Ja, erwidert Shane, der habe nach Zigaretten und Whisky gerochen und nach so einem penetrant-fiesem Aftershave, aber dessen Geruch habe er nicht ganz so intensiv mitbekommen wie den des Wardens jetzt. Logisch. In Houston war der Junge ja auch noch kein Werwolf.
Sie wollen sich gerade in die Warden Station aufmachen, da hält Flann Ethan zurück. “Das war ein guter Trick mit Shane. Hast du eventuell noch ein zweites Silbernugget? Dann können wir die Wardens auch überprüfen.”
Klar hat Ethan. Wortlos holt er ein weiteres Kügelchen aus der Tasche und drückt es Flann in die Hand.

Drinnen ist von Game Warden Boone, auch wenn Shane dessen Angst riechen konnte, erst einmal nichts zu sehen. Stattdessen werden die vier Jäger von einem Captain Bradfield in Empfang genommen, der aber einen genauso nervösen Eindruck macht wie Boone draußen im Wald und wie der dritte Warden, Lieutenant Powell, der kurze Zeit später dazukommt, es ebenfalls tut.
Die Game Wardens wissen nichts. Die Game Wardens haben nichts gesehen. Die Game Wardens sind geschockt. Rah, rah, rah.

Irgendwann, als klar wird, dass sie auf diese Tour nichts weiter aus den drei Wildhütern herausbekommen werden, fragt Flann, der das Gespräch ohnehin zum größten Teil geführt hat, ob er mal telefonieren dürfe, denn sein Handy habe hier draußen im Wald kein Netz. Ein Blinder kann erkennen, dass die Wardens ihm diese Bitte am liebsten verweigern würden, aber keinen plausiblen Grund dafür finden. Also telefoniert der rotblonde Jäger – oder tut so, als würde er telefonieren, während die anderen drei tunlichst versuchen, die Aufmerksamkeit der Ranger von ihm abzulenken. Aus dem Augenwinkel kann Ethan erahnen, wie der FBI-Consultant mehr Knöpfe zu drücken scheint, als für ein einfaches Gespräch notwendig wären, dann legt Flann auf und schüttelt Captain Bradfield die Hand. Der Game Warden zuckt etwas, aber es ist kein Werwolfs-verbrannt-Zucken. “Was war das denn?” “Oh, Entschuldigung”, sagt Flann butterweich, “mein Klassenring ist verrutscht.” Er dreht an seinem Finger herum, und Ethan kann erkennen, dass er dabei das Silbernugget verschwinden lässt.
Ethan selbst klemmt sich ebenfalls ein Silberkügelchen zwischen die Finger und legt Lieutenant Powell in einem passenden Moment die Hand auf den Unterarm, als wolle er den nervösen Mann beruhigen. Aber auch der Lieutenant ist kein Werwolf, und sein Kollege Boone, der gegen Ende hereinkommt und bei dem Ethan dasselbe Spielchen durchexerziert, ist es genausowenig.

Ethan sieht sich um. Irgendwas hier drin hat bei ihm eine Antenne zucken lassen, aber er ist sich noch nicht so ganz im Klaren darüber, was es ist. Ein weiterer Blick durch den Raum, diesmal ganz auf seine innere Stimme konzentriert, dann fällt endlich der Groschen. Es sind diverse Gegenstände, die hier nicht reinpassen. Die italienische Kaffeemaschine von Starbucks-Format. Das High-End-Entertainment-Equipment in der Pausenzone. Die Tissot-Uhr an Bradfields Handgelenk und die Tag-Heuer an Powells. Da hat wer Geld. Deutlich mehr Geld, als sie haben dürften.
Huh. Zeit, einen auf Columbo zu machen.
Ethan wartet, bis sie schon fast am Gehen sind, weil die Typen nichts mehr weiter rausrücken. Dann behält er die Game Wardens genau im Auge, während er fragt: “Zeb McCade? Sagt was?”
“Nein. Naaain. Ach was. Nie gehört. Wer soll das sein?” Jahaa. Klar. Von wegen. Die Antwort kam viel zu schnell, von allen dreien. Die wissen ganz genau, wer das ist.
Das sagt Ethan den Typen aber nicht auf den Kopf zu, sondern erstmal machen die Jäger einen Abgang. Vielleicht haben die Wardens ja noch nicht bemerkt, dass sie durchschaut worden sind.

Draußen sieht Flann die anderen selbstzufrieden an. “Ich habe die letzten Nummern notieren können, die von dem Telefon aus angerufen wurden. Sehen wir doch mal nach, zu wem die so gehören…” Mit diesen Worten zieht der FBI-Consultant sein Handy heraus und fängt an zu tippen.
Ein paar gewählte Nummern später macht Breugadair ein sehr zufriedenes Gesicht, während er sein Telefon wieder wegsteckt. “Ratet, wessen Anrufbeantworter das eben war. Ganz genau: Zeb McCade.” Soviel zu ’nie gehört’. Hah.
“Hmmmm”, murmelt der Jäger dann und zieht ein Notizbuch zu Rate, ehe er sich wieder seinen Gefährten zuwendet, “das Opfer hat auch mit den Wardens korrespondiert. Der WhatsApp-Chat, in dem das Wort ‘Werwölfe’ vorkam, war mit denen.” Interessant, das.

Als sie sich bei der Ranger Station umsehen, stellen die Jäger fest, dass von dort aus Spuren Richtung Wald führen, und natürlich folgen sie ihnen. Es geht ein ganzes Stück weit, aber schließlich endet die Fährte an einer Art Werkzeugschuppen. Dunkles Holz. Fensterlos. Und fest verschlossen. Von drinnen sind Geräusche zu hören: Ein Kratzen und Schnüffeln und gegen-die-Wände-werfen wie von einem wütenden Tier. Werwolf? Klingt fast so. Aber es ist doch gar kein Vollmond mehr. Egal. Ethans Instinkt und die Geräusche sagen: Werwolf.
“Zeit für die Silbermunition”, befindet auch Bart und sieht sich in der Runde um. “Seid ihr versorgt?”
Ethan nickt wortlos und greift nach seinem Rucksack, aber Flann schüttelt den Kopf. “Leider nein.” Und auch Emily zeigt mit bedauerndem Gesicht auf ihren Bogen. “Ich habe keine Pfeile mit Silberspitzen.” Zum Glück hat Bartholomew eine Pistole über, die er der Jägerin leihen kann, dazu Silberkugeln für sie und Flann. Während der Gelehrte die Munition austeilt, holt Ethan Sheriff Simons Revolver heraus und tauscht die Trommel mit den geweihten Kugeln gegen die mit dem Silber. Das ist eines der guten Dinge an der alten Waffe: Der Colt Navy mag ein Vorderlader sein und das Befüllen der einzelnen Kammern mit Schießpulver, Dämmung, Kugeln und Zündhütchen fürchterlich zeitaufwendig, aber dafür war es überhaupt kein Problem, passende Silberprojektile selbst zu gießen und den Ersatzzylinder des Revolvers zur Silbertrommel zu erklären. Fliegen, Klappe. Okay, nach sechs Schüssen ist auf diese Weise erst mal Ende Gelände, aber wenn es hart auf hart kommt und sechs Schuss nicht reichen, dann hätte man mit einer modernen Pistole das Problem ziemlich bald auch.

Bart lächelt wissend, als er den Revolver in Ethans Hand sieht. Klar, ist ja auch erst wenige Wochen her, dass er ihn an Ethan verschickt hat. Emily hingegen kommt neugierig näher und wirft einen bewundernden Blick auf den alten Colt. “Ist das ein Original?” Ethan nickt, während er den Lauf zurück an die richtige Stelle bringt und die Arretierungsnut einrasten lässt. “Erbstück.” “Darf ich mal sehen?” Wieder nickt Ethan und reicht ihr die Waffe, woraufhin Emily sachte über die in das Metall gravierten Schnörkel streicht. “Wow”, macht sie dann, “schöne Arbeit”, und gibt ihm den Revolver zurück. Stimmt. Allein die Tatsache, dass der Colt nach 150 Jahren immer noch funktioniert, aber vor allem, dass er überhaupt nichts von seiner Genauigkeit eingebüßt hat.

Der Schuppen ist zwar mit einem Schloss gesichert, aber Schlösser kann man aufbrechen. Nur Drecksmist. So heftig, wie das Biest in der Hütte herumtobt, will Ethan nicht direkt davor stehen, wenn die Tür aufgeht. Also befestigt er, nachdem er das Schloss aufgebracht hat, lieber ein längeres Stück von seinem Nylonseil am Riegel und will damit die Tür von der Seite aufziehen. Aber soweit kommt er gar nicht. Gerade ist er mit dem Strick in der Hand beiseite getreten, da wirft sich von innen etwas mit voller Wucht gegen die Tür, was den frisch von seinem Schloss befreiten Riegel aufspringen lässt. Und ja, es ist tatsächlich ein Werwolf, der herausgestürmt kommt, das kann man trotz der Geschwindigkeit erkennen, mit der das Monster aus der Hütte rast.

Zu schnell, zu unverhofft, und so treffen die ersten Schüsse der Jäger das verdammte Vieh alle nicht gescheit. Nur Emily verpasst dem Werwolf mit ihrer geliehenen Pistole einen Streifschuss, der das Biest benommen den Kopf schütteln lässt. Dummerweise nur schüttelt der Werwolf die Benommenheit schnell ab, und jetzt geht er gezielt auf Emily los, entweder wegen des Treffers oder weil sie als einzige Frau in der Gruppe einfach am verwundbarsten aussieht.
Oh nein. Ethan wird nicht nochmal zulassen, dass Emily irgendwas passiert. Er wirft sich in den Weg des anstürmenden Monsters, während er gleichzeitig so ziemlich auf gut Glück einen weiteren Schuss in dessen Richtung jagt. Richtig verletzen kann er den Werwolf auch damit nicht, aber immerhin trifft er ihn in einem Lauf, was das Viech zumindest etwas langsamer werden lässt. Bart drückt ebenfalls ab, aber der Gelehrte schießt absichtlich nicht auf die Bestie selbst, sondern feuert die Kugeln gezielt in dessen Weg, und die Angst vor dem Silber lenkt das Viech soweit ab, dass Ethan den nach ihm schlagenden Pranken ausweichen kann.
Im selben Moment tritt Emily einen Schritt zur Seite, um Ethan nicht mehr in ihrem Schussfeld zu haben, zielt kurz und drückt ab. Die Silberkugel aus ihrer geliehenen Pistole trifft den Werwolf mitten ins Herz, und das Ungeheuer bricht sterbend zusammen. Im Tod gehen die scharfen Fangzähne zurück, werden die animalischen Züge wieder menschlicher. Zeb McCade ist es jedenfalls nicht; das war vorher aber auch schon deutlich. Dazu hat der Typ zu dunkle Haare, und das Bärtchen fehlt auch.

Der Schuppen verdient nähere Untersuchung. Als Ethan sich die Sache mal ansehen geht, stellt er fest, dass die Innenwände komplett von magischen Symbolen bedeckt sind. Ihm selbst sagen die Runen nichts, aber Bartolomäus kann sie problemlos identifizieren: Die sind dafür da, um einen Werwolf in seine Wolfsform zu zwingen, auch wenn gerade kein Vollmond ist. Jäger verwenden diese Runen gerne mal, um einen Werwolf zu enttarnen, wenn sie gerade kein Silber zur Hand haben oder keine Möglichkeit, das Silber gescheit einzusetzen. Stimmt. Jetzt, wo Bart es sagt, fällt Ethan auch wieder ein, dass er schon von sowas gehört hat; nur gesehen hatte er sowas bis heute noch nicht. Jedenfalls wurden die Runen hier wohl dazu verwendet, um den Werwolf permanent in seiner Wolfsgestalt gefangen zu halten. Und zwar über einen ziemlich langen Zeitraum, wenn Ethan sich die verzweifelten Kratzer in den Wänden so ansieht.

Drecksmist. Was zum Geier haben die hier gemacht? Ethan kriegt seinen Kopf nicht um das üble Geschäft herum, das sich hier immer deutlicher abzeichnet. Wobei, eigentlich hat er sogar eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was hier abgelaufen ist, er will es nur einfach nicht so recht glauben. Denn was für ein Schwein würde sowas machen?
Aber er muss es glauben, ob er nun will oder nicht, spätestens, als sie sich gemeinsam zusammenreimen, was genau Sache gewesen sein muss. Offensichtlich haben die Game Wardens für teuer Geld reichen Leuten, die einen besonderen Kick suchten, Jagden auf echte Werwölfe verkauft. Die Werwölfe hat wohl Zeb McCade herangeschafft – und wenn es gerade keine Werwölfe zu finden gab, dann benutzten sie, damit die Kunden was zu jagen hatten und damit das Geld weiter floss, eben die bedauernswerte Kreatur im Schuppen, um normale Leute zu Werwölfen zu machen. Leute wie Shane. Obdachlose, die niemand vermissen würde. Nur dass bei der letzten Jagd etwas schief ging und die vermeintlich leichte Beute ihren Jäger erwischte. Schweine. Echt jetzt.

Aber gut, der Werwolf ist tot. Immerhin. Bloß wie soll es jetzt weitergehen? Sie können die Wardens nicht mit dieser fiesen Masche einfach davonkommen lassen. Keine Chance. Aber hier liegt eine Leiche rum, und dem Toten sieht man nicht an, dass er bis eben ein Werwolf war. Und wie sollen sie die magischen Symbole in der Hütte erklären?
Gar nicht, beschließen die Jäger. Der Schuppen samt seinen Symbolen und der Werwolf müssen weg. Dann sind zwar auch die Beweise weg, aber an die Wardens kommen sie hoffentlich auch so ran. Immerhin haben die im Nationalpark illegale Jagden veranstaltet und sehr viel Geld dafür bekommen; das lässt sich anhand der Geldspur auch ganz ohne Werwölfe wunderbar nachweisen.

Emily fackelt nicht lange, sondern packt den Werwolf an den Beinen und schleift ihn mühelos zurück in die Hütte. Wow. Das Mädel hat ganz schön Kraft. Hatte sie die auch schon vor– vor? Ethan kann es nicht mit Sicherheit sagen, glaubt es aber eher nicht. Oder sie hat sie damals einfach nicht gezeigt, aber auch das glaubt Ethan nicht so recht. Vermutlich waren das einfach ihre Erfahrungen in dieser schrägen anderen Welt, die sie so stark haben werden lassen. Kurz presst Ethan die Lippen aufeinander und ist froh, dass die junge Jägerin das nicht bemerkt, weil Flann sich nämlich gerade offen erstaunt über Emilys Demonstration der Kraft äußert und sie sich dem FBI-Mann zugewandt hat.
Und dann werden der Schuppen und der Leichnam kurzerhand einfach niedergebrannt.

Zurück in der Stadt ziehen sie Bilanz. Shane scheint tatsächlich geheilt – zumindest ist sein Geruchssinn wieder normal. Haben sie seinen Erschaffer wohl doch schnell genug getötet, um das Werwolfsein des Jungen wieder rückgängig zu machen. Trotzdem will Bart ihn bis zum nächsten Vollmond unter Beobachtung halten, erklärt der Antiquar. Nicht dass sie sich am Ende getäuscht haben und der Kleine doch wieder shiftet. Sicher ist sicher.
Allerdings ist Shane ist ziemlich ratlos, was seine Zukunft betrifft. In Crockett will er auf keinen Fall bleiben, aber zurück nach Houston? “Was soll ich dort, ich habe ja nicht mal einen Schulabschluss!”
“Findet sich was”, brummt Ethan. Vielleicht klingt seine Stimme einen ganz kleinen Hauch von ungehalten, auch wenn er sein Missfallen so gut wie möglich zu unterdrücken versucht. “Hab auch keinen.”
“Ich habe eine Idee”, wirft Bartholomew ein und fährt fort, er werde Shane nach Billings bringen. Dort kenne Bart Leute, zu denen der Junge Anschluss finden könne, und dort könne er auch die Schule beenden. Na also. Das hört sich doch an wie ein Plan.

Sofort nach ihrer Rückkehr in die Stadt informiert Flann auch das FBI über die Machenschaften der Game Wardens. Das sollte reichen, um die Kerle für eine ganze Weile hinter Gitter zu bringen. Zeb McCade hingegen ist ein loser Faden. Der war in die Sache mindestens genauso verwickelt wie die Wardens, wenn nicht sogar die treibende Kraft hinter dem ganzen fiesen Geschäft, und was er getan hat, geht gar nicht. Sowas tut man als Jäger nicht, verdammt nochmal! Ethan ist sich nicht ganz sicher, was er mit dem Kerl machen würde, wenn er ihn in diesem Moment in die Finger bekäme, aber an Zeb McCade kommen sie so schnell nicht ran. Der ist ja hier nicht mal in Erscheinung getreten, sondern hat sich schön im Hintergrund gehalten, der Mistkerl. Aber trotzdem. Kümmern müssten sie sich eigentlich um ihn. Ist nur die Frage, wie genau.
Für’s Erste muss es genügen, McCade in Jägerkreisen unmöglich zu machen, beschließen die Kampfgefährten, indem sie seine schmutzigen Umtriebe in sämtlichen Roadhouses auffliegen lassen. Wenn der Mistkerl keinerlei Unterstützung mehr erhält und ihm die Grundlage wegbricht, war es das hoffentlich bis auf weiteres mit widerwärtigen Deals.
Und im Auge behalten müssen sie den Typen natürlich. Falls er doch nochmal sowas anfängt.

Beinahe wie von selbst ergibt es sich, dass die vier Jäger sich noch auf ein Bier zusammensetzen. Flann und Bart ziehen sich nach einer Weile zurück; vielleicht, weil sie merken, dass Ethan und Emily noch Dinge zu bereden haben. Naja. Was man so ‘Reden’ nennt. Aber doch. Ethan hat beinahe das Gefühl, dass die junge Frau darauf gehofft hat, dass sich diese Gelegenheit ergeben würde. Dass sie das Bedürfnis hatte, das loszuwerden, denn sobald sie unter sich sind, dauert es nicht so lange, bis Em zu erzählen beginnt. Und was sie erzählt, lässt dem gebannt zuhörenden Ethan das Blut in den Adern gefrieren. Denn Emily war nicht in dieser schrägen steampunkartigen Welt namens Viriconium. Nein. Es war viel schlimmer. Emily war im Fegefeuer. Daran, dass sie die Wahrheit sagt, zweifelt Ethan nicht eine Sekunde. Oh Mann. Verdammter, elender Drecksmist. Denn aus dem, was Emily nicht ausspricht, klingt auch eine ziemliche Menge von dem hindurch, wie es dort gewesen sein muss. Oh. Mann.

Als wolle sie dann doch von dem Thema ablenken, äußert Emily ihre Verwunderung darüber, dass Ethan nach der Sache an Halloween überhaupt bei Bones Gate geblieben sei. Warum eigentlich, will die junge Frau wissen. Tja. Das ist eine sehr gute Frage.

Während das Haus um sie her zu beben beginnt, der Putz bröckelt und die fremdartige Umgebung mit ihren seltsamen Apparaturen immer schneller um sie herum verschwimmt, rennen Ethan und Felicity um ihr Leben, rennen um den Verbleib in ihrer eigenen Welt. Irgendwann greift Ethan Feys Hand, oder sie greift sich seine, es macht keinen Unterschied. Gemeinsam rennen sie, ziehen sie einander mit, lassen nicht los. Sind kaum draußen im Freien, als es drinnen einen letzten Schlag tut und das Haus dann wieder zur Ruhe kommt. Von den öligen Schlieren, die vorhin noch auf den Pfützen zu sehen waren, fehlt jede Spur. Ethan ist überzeugt davon: Wenn sie noch drinnen gewesen wären, als es diesen letzten Schlag getan hat, dann wären sie jetzt auch in Viriconium.
Schwer atmend bleibt er stehen, und dann halten Fey und er sich im Arm, trauern gemeinsam um die drei Studenten, die ihnen anvertraut waren und die sie verloren haben.

Zurück in Burlington stellen sie sich gemeinsam dem Dekan. Felicitys Bereitschaft dazu verblüfft Ethan komplett, war er doch völlig darauf eingestellt gewesen, das alleine durchzustehen. Aber entgegen seiner Erwartungen nimmt Brimley die Hiobsbotschaft mehr als gelassen hin. Den Mann scheint eher zu interessieren, ob das Haus noch, oder jetzt wieder, benutzbar ist. Und: “Verluste passieren.”
Ethan starrt seinen Arbeitgeber wortlos an. Er sollte hinwerfen. Genau jetzt. Weiterziehen. Denn was sagt es über ihn aus, wenn er diese Einstellung einfach akzeptiert? Aber genau das ist es ja. Ob er weiterzieht oder nicht, diese Verluste kleben an seinen Händen. Jack. Eunice. Emily. Carla. All die anderen im Laufe der Jahre. Ob jetzt hier oder anderswo. Verluste passieren. Nicht so, wie Brimley das meint, aber Verluste passieren, ganz gleich, was Ethan tut oder versucht. Auf jeden, den er retten kann, kommen wie viele, bei denen ihm das nicht gelingt? Zu viele. Viel zu viele. Aber nicht zu ändern. Verluste passieren. Dann kann er auch hier den Job weitermachen und sich einigermaßen dafür bezahlen lassen. Und… Fey.

Naja, erklärt Ethan schließlich verlegen und mit einiger Mühe beim Formulieren, Fey – Felicity – war ja noch dort. Und als sie es dann nicht mehr war… Es wäre albern gewesen, dann noch wegzugehen. Es war ja Zeit vergangen. Und es war ein fester Job und so. Und trotzdem, überlegt Ethan. Die Frage ist mehr als berechtigt.

“Was ist denn mit Felicity und dir gewesen?” will Em auf seine Antwort hin wissen. Ethan verzieht das Gesicht.

”Wir müssen reden.”
Eine kalte, unbestimmte Vorahnung breitet sich bei diesen Worten in Ethans Magengrube aus, aber er nickt. “Kay.”
Felicity führt ihn in die Campus-Cafeteria, als wolle sie für das Gespräch keinesfalls ganz alleine mit ihm sein. Nimmt einen nervösen Schluck von ihrem Kaffee, kann Ethan nicht richtig in die Augen sehen. Die Kälte in seiner Magengrube vertieft sich, während er geduldig darauf wartet, dass Fey einen Anfang macht. Aber er weiß schon, was kommen wird.
“Hör mal… Ich habe da ein Angebot bekommen. Die University of Washington hat eine Dozentenstelle ausgeschrieben: Theologie und Anthropologie. Genau meine beiden Fächer. Sie hätten mich gern. Und ich… ich habe zugesagt. Ich gehe nach Seattle. Ab deren Winterquartal. Sprich ab dem vierten Januar.”
Huh. Das war nicht so ganz das, was er erwartet hatte. “Oh”, macht Ethan. “Bald.”
“Ja, es ist sehr kurzfristig”, gibt Felicity zu, “aber sie wollen mich wirklich gerne haben, das Gehalt ist ausgezeichnet, und die UVM braucht mich nicht so dringend. Bis sie Ersatz für mich gefunden haben, können Dr Turving und Mr Shelby problemlos meine Kurse übernehmen.”
Ethan blinzelt. “Mhmm.” Er legt den Kopf schief, überlegt ein bisschen. Rechnet die ungefähren Daten durch. “Seattle Quartale, Trimester hier… Hmmm. Ferien. Geht irgendwie.”
Jetzt ist es Felicity, die blinzelt. “Ähm, nein. Ich glaube, du verstehst mich falsch. Ich, ähm, also. Ich gehe nach Seattle, und, ähm. Das wird ein völliger Neuanfang. Allein.”

Die Kälte in Ethans Magengrube, die sich für einen kurzen Moment zurückgezogen hatte, kommt mit voller Wucht wieder. Wird zu einem Messer, das sich einmal langsam umdreht. Also doch.
Für einen langen Augenblick sieht er Fey stumm ins Gesicht. “Aber…”, bekommt er dann irgendwie heraus. “Ich dachte…”
Felicity nimmt einen weiteren verlegenen Schluck von ihrem Kaffee, will seinem Blick immer noch nicht so richtig begegnen. ”Ich weiß. Ich weiß, wir hatten gesagt, wir… wir suchen gemeinsam. Aber… Ich kann das nicht, Ethan.” Jetzt sieht sie ihn doch direkt an. Nicht, dass das irgendwas besser macht. “Die letzten Wochen… die letzten Wochen haben mir etwas gezeigt. Weißt du, es gibt keinerlei Garantie, dass der Fluch sich tatsächlich jemals lösen lässt. Und ich… Ich bin ein, nun ja, ich bin doch ein eher körperbetonter Mensch. Und die Vorstellung, nie wieder… also so ganz ohne…“ Fey schüttelt den Kopf. “Körperlichkeit gehört für mich einfach dazu. Ich kann nicht darauf verzichten, und ich will es auch gar nicht. Und seien wir ehrlich: Du bist nicht gerade der geselligste Mensch auf diesem Planeten.”

Also keiner, mit dem man wegen irgendwelcher anderen Vorzüge zusammenbleiben würde, soll das heißen. Autsch. Aber er kann es ihr nicht mal verdenken. Denn es gibt ja wirklich keine Garantie. Und was wäre das für eine Beziehung, so völlig ohne. Und mit dem Wissen, dass sie sich keinerlei Ausrutscher erlauben dürften. Weil es ein sofortiges Todesurteil wäre. Und auch damit hat Fey recht: Gute Gesellschaft ist Ethan keine.
Er beißt die Zähne aufeinander. Nickt knapp.
“Ich wollte es versuchen, Ethan. Ich wollte es wirklich. Aber ich kann nicht. Es tut mir leid.”
Er nickt wieder. Bekommt die zusammengebissenen Zähne mit einiger Mühe wieder auseinander. “Mir auch.”

Nur halb unauffällig trinkt Felicity ihren Kaffee aus. Ganz so, als wolle sie eigentlich nicht, dass Ethan merkt, wie eilig sie es hat, aber als schaffe sie es eben trotzdem nicht ganz, die Ungeduld zu unterdrücken. Als die Tasse leer ist, schenkt sie Ethan ein halbes Lächeln, beugt sich vor und drückt ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. “Es tut mir leid. Mach’s gut. Ich wünsche dir von Herzen, dass du den Fluch lösen kannst.”
Und mit diesen Worten ist sie aufgestanden und in der Menge verschwunden. Ethan hebt eine Hand zum Abschied, murmelt ihr ein “mach’s gut” hinterher, das sie aber garantiert nicht mehr hört.

Was hat er auch erwartet.

“Naja”, brummt Ethan. “Hat uns schon wieder zusammengebracht, erst. Nur: Vier, fünf Wochen, dann festgestellt: doch nicht genug Gefühle. Also… naja.” Er lächelt schief. Alles in allem ist es ja dann doch gekommen, wie es gut war. Auch wenn er das damals noch nicht wissen konnte.
“Wusstest du, dass ich in Jack verknallt war?” fragt Em unvermittelt, und Ethan wird schlagartig ernst. Schüttelt erst nur den Kopf, beschließt aber dann, dass eine derart gewichtige Aussage auch eine Antwort in voll ausgeführten Worten verdient. “Wusste ich nicht”, sagt er leise. “Das tut mir leid.”

Emily nickt nur. Starrt ins Leere. Um sie von den traurigen Erinnerungen wieder abzubringen, stellt Ethan noch einmal vorsichtig die Frage nach Emilys Familie. Daraufhin schüttelt die junge Jägerin sich kurz, ihr Blick wird wieder klar, und sie erzählt etwas genauer davon, wie die Begegnung ablief. Dass ihre Mutter sie als sie selbst akzeptierte, ihr Vater und ihr Bruder aber nicht. Dass es zu weh tat, dort zu bleiben, sagt sie nicht, aber das klingt auch so heraus. Dass sie also ihr Auto nahm, das von früher noch in der Garage stand, und sich auf den Weg machte. Mit ihrer Mutter scheint Emily aber noch im Kontakt zu stehen, hat Ethan den Eindruck. Wenigstens etwas.
Im Gegenzug berichtet er auch ein bisschen von seiner eigenen Rückkehr. Wie Dad sich an ihn klammerte. Wie Mom alles zu überspielen versuchte. Wie Fiona anfangs wütend auf ihn war. Wie Alan erst daran zweifelte, dass er überhaupt er sei. Und ihn dann für einen Kriminellen hielt. Immer noch hält, um genau zu sein. Was Ethan ihm nicht mal so richtig übelnehmen kann, weil es ja den Anschein tatsächlich irgendwie macht und Ethan keine Möglichkeit hat, ihm die Wahrheit zu sagen, ganz abgesehen davon, dass sein Bruder die Wahrheit im Leben nicht glauben würde. Dass es also schwierig war, noch immer nicht ganz einfach ist, aber: “wert.” Auf das Wort legt er einigen Nachdruck.

“Glaub ich dir”, sagt Emily, aber so richtig überzeugt wirkt sie nicht. Na gut, Ethan hat das auch nicht erzählt, um sie von irgendwas zu überzeugen. Wenn sie noch nicht zuhause gewesen wäre, dann hätte er alles getan, was er nur könnte, um sie umzustimmen, aber zum Glück wissen ihre Leute ja schon, dass sie zurück ist. Nein, er hat das einfach erzählt, weil… naja. Weil. Weil sie ihm auch etwas von sich erzählt hat. Weil es eine Gemeinsamkeit ist. Weil eben.

Aber Emily ist das Thema Familie anscheinend doch unangenehm, denn jetzt kommt sie doch nochmal auf Felicity zurück. Oder besser, auf die Zeit danach. Ob er denn jemanden kennengelernt habe seither. Bei der Frage spürt Ethan, wie sich ein langsames, aber ehrliches Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitet, dann nickt er entschieden. “Mhmmmm.” Mit dem Kinn zeigt er Richtung Tür, wo die beiden anderen vorhin verschwunden sind. “Barts Cousine.” Emily schmunzelt. “Weiß Bart davon?” Ethan schüttelt den Kopf. Dann überlegt er einen Moment und verzieht das Gesicht. “Besser so. Würd glaub ähnlich reagieren wie die andere Cousine.” Die Antwort lässt Emily stutzen. “Warum? Was hat sie denn dagegen?”
Ethan verzieht wieder das Gesicht. “Kompliziert.” Er seufzt, setzt zweimal neu an, bekommt aber schließlich doch heraus, was für eine Art Fluch er mit sich herumschleppt. “Oh”, macht Emily. “Seit kurzem?” “Acht Jahre”, antwortet Ethan, was Emily scharf die Luft einziehen lässt. “Ja”, erwidert er, “deswegen. Aber… Hoffnung seit kurzem. Würd nicht gehen sonst.”
“Sie muss dich wirklich sehr lieben.”
“Mhmmmm”, macht Ethan nachdenklich. Kurz zuckt ihm wieder der Zweifel durch den Kopf. Fluch loswerden, dann weitersehen. Meint Sam etwas anderes damit als er?

Erst als Emily ihn fragend ansieht, wird ihm klar, dass er das Mantra nicht nur gedacht, sondern vor sich hingemurmelt hat. Auf den neugierigen Blick seines Gegenübers hin will Ethan erst abwinken, aber dann wiederholt er den Satz doch. Denn ob Mantra oder nicht, ob auf die eine Weise gemeint oder auf die andere, es ist die Wahrheit. Solange er den Fluch auf sich hat, ist nicht viel zu machen.
Aber wieder mal stellt der Fluch sich als wirkungsvoller Gesprächskiller heraus. Em scheint nicht zu wissen, was sie darauf noch sagen soll, von Ethan selbst ist ohnehin keine größere Unterhaltung zu erwarten, also sitzen sie noch ein bisschen schweigend herum, bis die beiden anderen Jäger zurückkommen.

Ein bisschen später ergibt sich dann auch für Bart und Ethan noch die Gelegenheit, das Gespräch zu führen, wegen dem sie sich ja eigentlich überhaupt treffen wollten.
Dass Bart die Hexe namens Signora Fiorina jagt, wusste Ethan ja schon. Auch, dass es diese Signora Fiorina war, die dem Gelehrten wegen des Feuerbuchs die Buchhandlung angezündet hat, hatte Ethan ja schon vermutet. Jetzt bestätigt der ältere Jäger ihm diese Vermutung und fügt hinzu, dass zum einen bei dem Brand Bartholomews Frau ums Leben gekommen ist, zum anderen die Hexe Barts kleine Tochter entführt hat und Bartolomäus jetzt befürchtet, Fiorina würde das Mädchen, wenn es denn noch am Leben ist, ebenfalls zur Hexe ausbilden. Blackwood muss gar nicht weiterreden; Ethan kann sich in den lebhaftesten Farben ausmalen, was das im schlimmsten Fall bedeuten könnte. Au. Au verdammt.

Um den Älteren vielleicht ein bisschen von seinen eigenen Sorgen abzulenken, bringt Ethan Bart in bezug auf seine beiden eigenen Hexenprobleme auf den neuesten Stand. Erzählt nochmal etwas ausführlicher, was es mit der Pilzhexe vom Peanut Lake genau auf sich hatte und was die neuesten Entwicklungen in bezug auf Coleen Greyling sind. Dass er das Taschentuch mit Coleens Tränen im Biomed-Labor der UVM in deren Kryo-Einheit hat schockfrosten lassen, das hatte Ethan ja dem Gelehrten ja schon kurz in einer E-Mail geschrieben, aber jetzt bestätigt Bart ihm nochmal, dass seines Wissens nach die rituellen Eigenschaften der Tränen durch den Gefrierprozess nicht beeinträchtigt werden dürften. Dass die reine Zellstruktur des Taschentuchs und der Flüssigkeit darin sich durch das Schockfrosten nicht verändern würde, das hatten ihm seine Bekannten von der Uni ja auch schon versichert.

Bei dieser Gelegenheit fragt Ethan jetzt auch, ob der Turmalin mit der Hexenschutzsure, den er nach der Sache in Philadelphia für Samantha angefertigt hat, überhaupt wirkt, wenn sie ihn nicht unter ihrem Bett vergräbt, wie das eigentlich sein soll. Aber vergraben kann Sam den Stein ja nun gar nicht, da ihr Bett sich ja in ihrem VW-Bus befindet und sie mit dem ständig herumfährt. Aber einfach unter das Bett legen sollte auch schon helfen, versichert ihm Bart, was genau das ist, was Ethan zu hören gehofft hatte. Aber Blackwood will trotzdem nochmal überlegen, ob er nicht noch einen anderen Schutz für Sam herstellen kann, und dieses Versprechen beruhigt Ethan nochmal zusätzlich.

Von Samantha und dem Rest von Sams und Barts weitverzweigter Familie kommt das Thema irgendwie auf Jägerfamilien im Allgemeinen und ihren Nachwuchs im Besonderen. Ethan könnte gar nicht mehr so genau sagen, warum Bart diesen Punkt eigentlich anspricht, aber der Antiquar findet jedenfalls, dass es falsch sei, wenn man Kinder in völliger Unwissenheit bezüglich des Übernatürlichen aufziehe. Die Kinder müssten sich schon verteidigen können vor all den schrecklichen Dingen da draußen.
Bei dieser Aussage schüttelt Ethan vehement den Kopf. “Unbeschwert aufwachsen”, erklärt er entschieden.
“Aber stell dir vor, du hättest eine Tochter”, argumentiert Bart, “und stell dir vor, sie stünde einem Vampir gegenüber. Was wäre dir dann lieber? Dass sie keine Ahnung hätte und ein hilfloses Opfer abgäbe oder dass sie auf einen solchen Fall vorbereitet wäre und wüsste, wie sie sich zu verteidigen hat?”
Wieder schüttelt Ethan den Kopf, noch heftiger als zuvor, und sein Tonfall ist ähnlich heftig, als er hervorstößt: “Hast du eine Ahnung, was Sams Eltern ihr angetan haben, um sie ‘vorzubereiten’? Niemals!!
Bartolomäus sieht ihn erstaunt an; offenbar hat er mit einer derartigen Schärfe – oder einfach mit einem so vollständig ausformulierten Satz – bei Ethan nicht gerechnet. Er seufzt etwas – hat er Samanthas Eltern etwa auch gekannt? – und erklärt dann: “Na gut, das nun nicht. Aber ein Mittelweg eben.”
Gah. Drecksmist, elender. Ethan ist immer noch der festen Überzeugung, dass Kinder unbeschwert aufwachsen sollen. Kinder sein dürfen müssen. Aber so ganz und gar und völlig unrecht hat Bartholomew ja nicht. Ethan brummelt eine Weile unglücklich herum, dann knirscht er: “Müsste man sehen, ob sich n Mittelweg findet.”

Irgendwie jedenfalls. So richtig kann Ethan sich das noch nicht vorstellen, wie das mit einem Mittelweg funktionieren kann. Nur eines weiß er. Falls – haha, das ist wohl das größte ‘Falls’ aller Zeiten – falls er selbst jemals Kinder haben sollte, dann bekommen die eine richtige Kindheit. So eine, wie er selbst hatte. Okay. Verdammt. Das war jetzt eher ein Argument für das Aufklären. Denn wenn er selbst bescheid gewusst hätte, wäre vor elf Jahren alles anders gelaufen. Aber aufklären, verdammt. Nicht drillen. Lieber will er für alle Zeiten in der Hölle schmoren, als dass er seinen Kindern das antut, was Samanthas Eltern ihr angetan haben.

Apropos Sam. Ganz ungebeten tritt bei dem Gedanken an Kinder Samanthas Bild vor seine Augen. Und dann fällt ihm auf, dass er sich Bart gegenüber vermutlich gerade verplappert hat, so deutlich, wie Ethan seine Sorge um Sam zum Ausdruck gebracht und so oft, wie er seine Freundin gerade erwähnt hat. Na ganz spitzenmäßig.
Aber immerhin: Falls Blackwood eins und eins zusammengezählt hat und zur richtigen Schlussfolgerung gelangt ist, dann scheint er den Gedanken wenigstens nicht so schrecklich zu finden, wie Irene das tut. Und das, obwohl der Gelehrte um den Fluch weiß. Erstaunlich. Aber hey. Irene hat sich inzwischen ja mehr oder weniger auch mit den Tatsachen abgefunden. Zwar auch nur, weil sie mitbekommen hat, dass es Hoffnung gibt, aber immerhin. Und so oder so. Nicht nur wegen Irene. Vor allem wegen Sam. Und wegen Ethan selbst. Der Fluch muss weg. Etwas von der Hexe hat Ethan jetzt, und irgendwann wird er auch herausfinden, wie er etwas aus seiner Zukunft als Zutat verwenden kann. Oder vielleicht hat der Zirkel aus Pemkowet eine Idee, was das heißen soll. Bei denen muss er sich ohnehin wieder melden.

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