Supernatural – Delaware Dagon

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Nicht ganz eine Woche hat Ethan es bei seinen Eltern ausgehalten, bevor er mit etwas Mühe die Flucht vor ihrer übervorsichtigen Fürsorglichkeit ergriffen hat. Nur, um zuhause direkt Dr. Nelson Oluwasegun Akintola in die Arme zu laufen. Und der setzt auf die Masche mit der übervorsichtigen Fürsorglichkeit gerade nochmal eine Schippe drauf. ‚Aus dem Regen in die Traufe’ nennt man sowas wohl.

Aber weil Ethan so etwas allerhöchstens von seiner Familie erträgt, greift er dankbar nach dem Strohhalm, als ein paar Tage darauf Bart Blackwood vor der Tür steht. Sie hatten sich ohnehin mal wieder treffen wollen, aber davon ganz abgesehen bringt der Gelehrte beunruhigende Neuigkeiten mit. Und Emily McMillen.

Ethan ist sich selbst nicht so sicher, ob es jetzt die Geschichte mit Alan ist, wegen der die Begrüßung zwischen Emily und ihm so befangen ausfällt, oder ihre Reaktion auf Calebs Erschießen von Lindsay Carter, aber Emily kann Ethan beim Hallosagen nicht richtig ansehen, und er ist ihr gegenüber auch etwas steif. Vermutlich beides: Während er ihr die Tatsache, dass sie seinen Bruder verletzt hat, gar nicht groß übel nimmt – Unfälle passieren eben – scheint das an Emily doch etwas zu nagen. Und Ethan wiederum will Emilys zufriedener Gesichtsausdruck, als die Hexe starb, nicht aus dem Kopf.

Jedenfalls. Ein gemeinsamer Bekannter von Bart und Emily, ein Jäger namens Kenneth McKenzie, meldet sich auf einmal nicht mehr. Das haben beide unabhängig voneinander über einen weiteren gemeinsamen Bekannten mitbekommen, der langsam anfängt, sich Sorgen zu machen. Selbst kann dieser andere Jäger der Sache gerade nicht nachgehen, aber sowohl Bart als auch Emily haben angeboten, sich das Ganze mal anzusehen. Und Ethan ist nur allzu dankbar für die Gelegenheit, sich den beiden anderen anzuschließen, trotz des Arms in Gips und seiner gebrochenen Rippen.
Bart wirft ihm einen schrägen Blick zu. “Dir ist klar, dass das extrem unvernünftig ist?”
Ethan verzieht das Gesicht. Klar ist ihm das klar. Aber es ist besser als die Alternativen, also entweder, dass Ethan langsam wahnsinnig wird oder dass er es sich ernsthaft mit Nelson verscherzt. Oder den Nigerianer irgendwann umbringt. “Mhmm.” “Okay”, macht Bart und dringt nicht weiter in ihn. Guter Mann.

Unterwegs in Barts Wohnmobil – Ethan lässt den Älteren sehr gerne fahren, Gips und so – bringen die beiden anderen Jäger ihn auf Stand. McKenzie hatte sich wegen allgemeiner Erschöpfung Ende Dezember in ein Sanatorium in Delaware einweisen lassen, Überarbeitung diagnostiziert bekommen und sich dort eigentlich schon wieder beinahe vollständig davon erholt, als er seinem Bekannten seine bislang letzte Chatnachricht schrieb: ‘Ich hatte so eine Ahnung. Das Gesicht eines Engels, aber die Seele eines Henkers.’ Danach: nichts mehr. Nicht nur kein Chat, auch kein Telefon- oder sonstiger Kontakt. Sehr verdächtig das alles.

Die anderen beiden finden das auch. “Der Arzt hat so gute Erfolge, der ist schon suspekt”, brummt Bart. Der Arzt. Eine Schwester. Irgendein dämonischer Einfluss. Irgendwas anderes. Werden sie dann ja hoffentlich sehen.

Bowers Beach, Delaware, ist ein hübsches kleines Küstenstädtchen, das aus nicht viel mehr zu bestehen scheint als einem paar Dutzend Häusern, einer Kirche, einer Kneipe, einem Laden für Angelbedarf und einem für diese winzige Stadt viel zu riesigen Parkplatz. Und dem Sanatorium natürlich, aber das liegt etwas außerhalb. Idyllisch direkt am Meer, an einer Steilküste, wo sich unten lautstark die Wellen an den Klippen brechen.

Bevor sie auf das Gelände fahren, überlegen die Jäger, wie sie am besten vorgehen sollen. Nachts unbemerkt reinschleichen? Als Patienten ausgeben? Als Besucher? Am besten als Besucher, sind sie sich relativ bald einig, alles andere dürfte auffallen.
Das Krankenhaus ist ein altes Gemäuer in einer großen, hübschen, sehr gepflegten und ebenfalls alten Parkanlage, wo ein Gärtner gerade eifrig am Werkeln ist. Das Haus selbst besteht aus zwei Flügeln mit dem Eingang und der Rezeption in der Mitte.

Für so ein altes Gebäude ist die Eingangshalle erstaunlich hell und luftig geraten; da wurden irgendwann mal sehr großzügig diverse Oberlichter nachgerüstet.
Während die Jäger sich noch in der Halle umsehen und überlegen, wo und wie sie am besten ansetzen sollen, kommt ihnen ein Gespann aus einem schnurrbärtigen Pfleger und einem alten Herrn, den er am Arm führt, entgegen. Ethan kennt zwar nur wenig Schnurrbartträger außer Dekan Brimley, und der ist es definitiv nicht, aber trotzdem kommt der Typ ihm irgendwie bekannt vor.
Und da muss auch was dran sein, denn der Typ zwinkert ihnen zu und macht ein unauffälliges Handzeichen: ‚wartet’. Dann geht er jovial schwatzend mit seinem Patienten weiter – und etwas an dem frankokanadischen Akzent lässt Ethan aufhorchen. An dem Akzent oder an der Stimme, oder beides. Dem alten Herrn scheint nichts aufzufallen, aber wenn das ein echter frankokanadischer Akzent ist, dann frisst Ethan einen Besen. Diese Erkenntnis, gepaart mit der irgendwie bekannten Stimme… Das ist doch Flann Breugadair, der FBI-Consultant aus Crockett.

Während sie darauf warten, dass Flann seinen Patienten abliefert, wo auch immer er ihn abliefern will, beobachtet Ethan den Mann, der vorhin im Garten gearbeitet hat, dabei, wie er jetzt hier in der Vorhalle eine Glühbirne wechselt. Aus der Nähe wirkt der Mann sehr sympathisch, und kompetent dazu. Nicht nur arbeitet er mit schnellen, kundigen Handgriffen, er unterhält sich dabei auch noch freundlich mit zwei vorbeigehen Krankenschwestern und einem Patienten.

Es vergehen ein paar Minuten, dann kommt Breugadair wieder. Begrüßt die Jäger so laut, dass auch die Rezeptionistin es hören muss, als den Besuch für einen anderen seiner Patienten, zieht sie dann mit sich. Ethan nickt dem Jäger wortlos zu, und jetzt endlich erkennen ihn auch die anderen beiden. “Flann”, zischt Emily, “was machst du denn hier?” Der grinst nur, und es scheint beinahe eine Art Running Gag zwischen den beiden zu sein, was er antwortet. “Arbeiten.”

Breugadair schlägt vor, sich in ein leerstehendes Krankenzimmer zurückzuziehen. Guter Plan. Unterwegs dorthin laufen sie einem Patienten in die Arme, der vielleicht so in den Dreißigern ist und die Gruppe mit drängender Miene aufhält. “Jean-Pierre! Jean Pierre!” stellt er sich dem vermeintlichen Pfleger in den Weg, “Sie müssen mir helfen!”
Der vermeintliche Pfleger ist ganz Ohr. “Was gibt es denn, Mr. Fincher?”
Es gibt: unstete Augen und misstrauische Blicke umher, bis der Mann endlich mit seinem Anliegen herausplatzt. “Sie müssen die Kameras ausschalten und mir unbedingt helfen! Ich muss hier weg! Die wollen mir ans Leder!”
Flann beruhigt den Mann irgendwie, indem er etwas von ‘heute nacht, wenn alle schlafen’ erzählt. Daraufhin nickt Fincher, schüttelt dem ‘Pfleger’ etwas zittrig die Hand und wendet sich dann mit verschwörerischer Miene an die anderen Jäger. “Die lügen hier alle!”

Das war Mr Fincher, erklärt Flann im Weitergehen. Ehemaliger Börsenmakler. Hier wegen paranoider Schizophrenie. Verschwörungstheorien von wegen Chemtrails, als Menschen getarnten Echsenwesen und Regierungsverschwörungen, mit denen alles vertuscht werden soll. Ah. Das muss dann wohl ‚der Irre von Station 4’ sein, den McKenzie in seinen Chat-Nachrichten erwähnt hat.
Ein paar Minuten später haben sie das versprochene leere Krankenzimmer erreicht und tauschen erst einmal Infos aus. Flann ist nicht wegen McKenzie hier, sondern wegen irgendeiner anderen Sache – ‘einer Spur’, erklärt er, aber was für eine Spur genau, das führt er nicht näher aus, und niemand fragt -, aber der Name Kenneth McKenzie sagt ihm etwas. Er habe gewusst, dass der Jäger als Patient hier war, sei ihm aber absichtlich aus dem Weg gegangen, eben weil McKenzie Jäger sei und Flann von ihm nicht erkannt werden wollte. McKenzie sei vor einigen Tagen entlassen worden, sagt Breugadair. Die Entlassungspapiere hat er gesehen, aber nicht, wie McKenzie wegfuhr. Überraschung.
“Zimmer?” fragt Ethan, aber der ‘Pfleger’ sieht ihn nur verwirrt an. “Was für ein Zimmer?” Duh. Manche Leute sind echt schwer von Begriff. “McKenzies”, schiebt Ethan hinterher, wird aber enttäuscht. “Ach das”, sagt Flann wegwerfend, “das wurde schon wieder vergeben. Da wird nichts mehr sein.” Nein, vermutlich nicht. Drecksmist.

Jetzt will Breugadair natürlich wissen, wo das ganze Interesse an McKenzie herkommt, also wird er erst einmal über dessen Nachrichten und dessen Verschwinden informiert. Und darüber befragt, was er über den Arzt sagen kann, der McKenzies Entlassungspapiere unterschrieben hat. Ein Dr. Tucker. Ah. Warte. Das ist derselbe Arzt, der auch in den Chatnachrichten erwähnt hat. Der so gute Erfolge erzielt und laut Bart allein deswegen schon so verdächtig ist.
Der Gelehrte bittet Flann, doch McKenzies Akte zu besorgen, wenn er hier schon als Pfleger ein- und ausgehen kann. Aber das könnte schwierig werden, erwidert der Ire, wenn Dr. Tuckers Sekretärin Dienst habe. Die sei… streng.
“Hübsch?” will Ethan wissen, woraufhin Breugadair den Kopf schüttelt. “Nein, Mrs. Reynard ist fünfzig”, feixt der angebliche Pfleger, “aber versuch’ ruhig dein Glück bei ihr, wenn du willst.”
Bevor Ethan etwas sagen kann, fährt Emily Flann in die Parade. “Ach, und eine Fünfzigjährige kann etwa nicht hübsch sein, oder wie?”
“Flann interessiert sich nur für sehr viel jüngere Frauen”, stichelt Bart, und seine Stimme klingt irgendwie spitz dabei. Bitter. Nicht so, als sei das freundlicher Spott, sondern zutiefst persönlich. Und kommt es Ethan nur so vor, oder zuckt Flann bei der Bemerkung etwas zusammen?

“Nein”, bringt Ethan das Gespräch zurück auf das eigentliche Thema, “wegen der Nachricht. Engel. Henker”, aber wieder sieht Flann ihn mit betont fragendem Gesicht an. “Ethan, ich verstehe dein kryptisches Gerede immer noch nicht.” Gah. Und dabei hat sich Ethan doch schon extra ausführlich gefasst. Echt jetzt? Er bedenkt den rotblonden Verwandlungskünstler mit einem “du willst mich verarschen”-Blick, seufzt tief und formuliert mit einiger Mühe nochmal eigens für die ganz Begriffsstutzigen. Aber okay. Übung und all das. “McKenzies Chat-Nachricht. ‘Gesicht eines Engels, Seele eines Henkers’. Dachte, das ist vielleicht sie.”
Nein, bekommt er zur Auskunft, die Sekretärin ist nicht hübsch. Aber die Tagschwester, Leah Paget, ist es durchaus. Na sieh einer an.

Bart macht den Vorschlag, dass er sich ja in einem Arzt- oder Pflegerkittel einmal umsehen gehen könnte, wenn Flann denn so gut wäre, ihm einen zu besorgen. “Sonst noch jemand?” Der Gelehrte sieht sich in der Runde um, aber Ethan deutet nur auf seinen Gipsarm, der eine Maskerade als Pfleger doch arg unglaubwürdig machen würde, und Emily erklärt ebenfalls, ihr Gothic-Outfit wäre nicht so passend. Also bleibt nur Bart übrig, für dessen Verkleidung Flann loszieht.

Als der rothaarige Jäger gegangen ist, sagt für eine ganze Weile niemand etwas, bis Emily schließlich das Schweigen bricht. “Was macht dein Arm?”
Ethan wirft einen Seitenblick auf den Gips, klopft sachte mit der anderen Hand darauf. “Mmhm. Geht.” Forschend nickt er zu der Jägerin hin: “Rippen?” Emily zuckt mit den Schultern. “Es zieht ein bisschen beim Atmen, aber das geht schon.”
“Was ist denn überhaupt geschehen?” will der Gelehrte wissen, “was habt ihr angestellt, dass ihr so zugerichtet seid?”
“Ghule”, knurrt Ethan, “Hexe”, bevor Emily das Staffelholz übernimmt und etwas genauer erzählt, was in New York los war. Dabei klingt sie ziemlich verlegen, als sie an die Stelle von dem Kampf im Schlachthaus kommt, also versucht Ethan, sie ein bisschen zu beruhigen, als sie fertig ist. “Alan geht’s wieder soweit.”

Die Jägerin nickt dankbar, aber ehe sie etwas erwidern kann, kommt Flann wieder herein. Er hat einen Kittel über dem Arm und berichtet, er sei im Pflegerzimmer von Hausmeister Marsh überrascht und konfrontiert worden, habe sich aber mit einer Ausrede rechtfertigen können. Hausmeister Marsh? Der, der im Garten gearbeitet und die Glühbirne gewechselt hat? Na aber sicher doch. Ganz genau.
“Der schon wieder”, brummt Ethan. Er könnte gar nicht so recht sagen, warum, aber er verspürt einen Anflug von Misstrauen bei dem Gedanken.

“Können Sie die Akten von ein paar Leuten besorgen?” bittet Bart den rothaarigen Pseudopfleger jetzt: “Von Kenneth McKenzie, Mr. Fincher, Schwester Paget und dem Hausmeister?”
Flann nickt und macht eine launige Bemerkung von wegen, er könne ja gleich den ganzen Aktenschrank einpacken. Das ist ein Bild, das Ethan tatsächlich ein Grinsen ins Gesicht treibt, einfach weil Breugadairs falscher Schnurrbart und die stark gegelte Frisur ihn an einen typischen Starken Mann aus einem Zirkus oder Jahrmarkt des 19. Jahrhunderts denken lassen und die Vorstellung von einem Starken Mann in langen Unterhosen mit einem Aktenschrank auf der Schulter einfach zu witzig ist.

Bart streift sich den Pflegerkittel über und zieht los, genau wie Flann, der im Sekretariat die Akten besorgen will. Emily und Ethan beschließen indessen, sich im Garten umzusehen.
Auf dem Weg dorthin greift Ethan das Thema von vorhin wieder auf; den Gedanken, den er vorhin wegen Flanns Rückkehr und wegen Barts Anwesenheit nicht hat aussprechen können. “Schlachthof? Passiert. Nicht deine Schuld.”
Seine Begleiterin verzieht das Gesicht. “Ich habe aber ein schlechtes Gewissen wegen dem, was mit Alan passiert ist. Und der hält mich doch ohnehin nur für ein kaputtes Straßenmädchen.”
Aber darauf schüttelt Ethan entschieden den Kopf. “Glaub ich nicht.” Sein Bruder ist immerhin weder blind noch blöd, und: “Hat doch gesehen, was da lief.”
“Hat du jetzt Ärger mit der Polizei oder mit deinem Bruder?” erkundigt Emily sich, und Ethan wiegt den Kopf. “Polizei: nein. Alan: nicht so sicher. Wird sich zeigen. Bisschen besser, vielleicht.”
“Das ist schön”, antwortet die junge Frau leise, macht aber ein wehmütiges Gesicht dabei. Ach Drecksmist. Klar. Die hat ja genug Probleme mit ihrer eigenen Familie. Toll gemacht, ihr das wieder ins Gedächtnis zu rufen. Ganz große Leistung.

Zum Glück sind sie jetzt im Garten angekommen und wenden sich ihrer Suche zu. Aber da ist nichts zu finden. So überhaupt nichts. Keine Spuren, keine Fell-, Stoff- oder Wollfetzen irgendwo, keine Lücken im Zaun, keine okkulten Symbole an Bäumen, an Wänden oder in der Anordnung der Pflanzen, keine verdächtigen Schuppen, wo Dinge drin versteckt sein könnten. Gar nichts.
Irgendwann stößt Bart zu den beiden jüngeren Jägern. Der hat in seiner Pfleger-Maskerade auch nichts weiter herausfinden können, wie er berichtet, und er hat auch keine weiteren Vorschläge, nach was man den Garten sonst noch absuchen könnte.

Der Hausmeister ist auch wieder da. Der arbeitet da irgendwas: schneidet die Büsche zurecht, entfernt Unkraut von den Wegesrändern und plaudert zwischendurch mit vorbeikommenden Ärzten und Patienten. Ethan beobachtet ihn mit Kennerblick, aber der Kerl erledigt seine Arbeiten tatsächlich fachgerecht und gründlich. Einem der Spaziergänger, einem dick in einen Wintermantel eingemummten Patienten, bietet er eine Zigarette an, und sie rauchen einträchtig, trotz des Rauchen Verboten-Schildes am Eingang zum Gelände. Verdammt. Was würde Ethan jetzt für eine Zigarette geben. Aber er hält sich zurück. Ist immerhin ein Krankenhaus hier, auch wenn sie gerade im Freien sind. Und er will keine Wellen schlagen.
So genau Ethan den Typen auch begutachtet, es ist Emily, der auffällt, dass der wiederum ständig zu ihnen herüberschaut. Kurz sieht die junge Jägerin sich das an, dann setzt sie eine entschlossene Miene auf und marschiert zu dem jungen Mann hinüber. Ethan kann sehen, dass sie ihn mit irgendwas konfrontiert – vermutlich mit eben genau diesem Vorwurf – und dann, als Marsh spöttisch den Kopf schüttelt und etwas erwidert, in der klassischen ‘ich hab’ dich im Auge’-Geste auf den Mann zeigt, was den aber auch nicht sonderlich zu beeindrucken scheint.
“Er hat behauptet, er macht nur seine Arbeit”, erklärt Emily verärgert, nachdem sie zu den anderen zurückgestapft gekommen ist. “Ich glaub ihm kein Wort. Nur ein einziger Hausmeister? Für so eine große Anlage? Da stimmt doch was nicht.”
Mmmhm. Ja und nein. Es ist eine große Anlage, und eigentlich würde man schon ein größeres Team erwarten, aber so ungewöhnlich ist es nun auch wieder nicht, dass nur ein einziger Hausmeister hier arbeitet. Aber ja, jetzt fällt es auch Ethan auf: Der Typ kommt ihnen unauffällig hinterher, sie den Garten verlassen und in ihr leeres Krankenzimmer zurückkehren. Als einziger Hausmeister hier zu arbeiten, mag zwar nichts Ungewöhnliches sein, aber irgendwas stimmt mit dem Kerl trotzdem nicht. Der lässt eine Antenne bei Ethan zucken, und auf die kann er sich meistens verlassen.

Auch Flann kommt kurze Zeit später wieder in das Krankenzimmer zurück. Der ‘Kanadier’ hat die strenge Sekretärin mit einer Ausrede und dem Versprechen eines Himbeerkuchens für sich einnehmen können, sagt er, und die vier Akten unbemerkt mitgehen lassen, als die Dame abgelenkt war.
Die Unterlagen ergeben folgendes: McKenzie machte gute Fortschritte und wurde vor einigen Tagen als geheilt entlassen – und zwar an genau dem Datum, als er vormittags die Chatnachricht vom Engel und dem Henker schrieb. Heh. Ja klar.
Josh Fincher, der ‘Irre von Station 4’, ist vierunddreißig Jahre alt und, wie Flann ja schon erzählt hat, wegen paranoider Schizophrenie hier, nachdem er früher als Börsenmakler gearbeitet hat; Schwester Paget ist seit ein paar Jahren hier angestellt, und Leonard Marsh war Soldat im Irakkrieg, der ehrenhaft entlassen wurde und jetzt seit ein paar Monaten als Hausmeister im Sanatorium arbeitet.
Emily runzelt die Stirn bei der Information. “Ein paar Monate erst? Ich sag’s euch, bei dem hab ich einen ganz starken Instinkt. Mit dem stimmt was nicht! Und außerdem”, Emilys Gesicht bleibt ganz ernst dabei, aber Ethan glaubt dennoch, den Hauch eines Schmunzelns in ihrer Stimme zu vernehmen, “ist der Mörder immer der Gärtner. — Ach nein”, unterbricht die Jägerin sich dann aber, “er ist ja der Hausmeister.”
Ethan sieht aus dem Fenster, wo Marsh schon wieder zu sehen ist, wie er gerade in der Nähe ihres Gebäudeflügels die januarkahlen Rosenbüsche trimmt. Er dreht sich zu den anderen zurück und deutet mit dem Daumen über die Schulter hinaus in Richtung des Veteranen. “Auch Gärtner.”
“Aber der Mörder ist doch immer der Butler”, wirft Flann ein, woraufhin Bartholomew ihm einen knochentrockenen Blick zukommen lässt. “Ich denke, unter diesen Umständen können wir den guten Mann durchaus auch als Butler zählen.”

“Also gut”, befindet Breugadair, “dann sind wir uns also alle einig, dass der Mann verdächtig ist.” Entschlossen klappt er Marshs Akte zu, die er noch in der Hand hält, legt sie zu den anderen drei und hebt den Stapel gerade hoch, als aus einer der Mappen ein Zettel herausfällt, den sie bisher irgendwie alle übersehen hatten. Das Blatt ist von Hand beschrieben, mit derselben Schrift, in der auch die meisten Aktennotizen verfasst sind – also von Dr. Tucker, mit anderen Worten – und besagt, dass Finchers Wahnvorstellungen sich in letzter Zeit gewandelt hätten. Er erzähle jetzt weniger von Reptilienwesen und mehr von Fischmenschen. Er behaupte, die beobachteten ihn, deswegen habe er nach einer Abdeckung für sein Fenster verlangt.

Mit dem Mann sollte man dringend reden. Allerdings wieder nur Bart und Flann – Emily und Ethan wären für so eine Aktion immer noch zu auffällig, also bleiben die beiden Jüngeren solange wieder im Zimmer. Diesmal allerdings warten sie schweigend. Was es zu sagen gab, haben sie gesagt; alles andere wäre überflüssig.
Emily setzt sich auf eines der Betten; Ethan späht aus dem Fenster und beobachtet Marsh bei der Arbeit. Nach außen hin ist da nichts besonders Auffälliges an dem Mann, aber allein die Tatsache, wie er immer wieder verstohlen mit den Augen die Fensterfront absucht, als wisse er ganz genau, dass sie ihn von hier drinnen irgendwo beobachten, lässt Ethans Alarmglocken klingeln.

Ethan ist so vertieft darin, dem Veteranen in der behaglichen Stille des Krankenzimmers bei der Arbeit zuzusehen, dass es ihm gar nicht auffällt, wie lange die beiden älteren Jäger eigentlich schon fort sind. Er will eben nachsehen gehen, wo die beiden bleiben, da geht die Tür auf. “Du hättest wenigstens nochmal sagen können, Cowboys seien besser!” beschwert Flann sich im Hereinkommen zu dem finster dreinschauenden Bart.
Emily sieht von einem zum anderen. Ethan auch, aber es ist die junge Jägerin, die fragt. “Was ist denn mit euch los?”

Flann hat wieder mal Sprüche abgelassen, wie es scheint. Aber vorher haben die beiden Männer im Aufenthaltsraum Mr. Fincher gefunden, wie Flann bereitwillig erzählt, wo er sich sorgfältig außer Sicht von sämtlichen Kameras gehalten habe. Ihn hätten sie wegen Kenneth McKenzie und der Fischmenschen befragt: Fischmenschen habe er im Dorf herumlaufen sehen, und McKenzie sei überhaupt noch nicht gesund gewesen, die hätten ihn nur für gesund erklärt und weggebracht. Wohin, habe er aber nicht direkt gesehen, und auch nicht, wer “die” waren. “Die” halt. Jahaaa.
Dann habe Bart den Mann an den Rand eines hysterischen Anfalls gebracht, erzählt Breugadair weiter, und zwar, indem er zu Fincher sagte, er kenne sowas, er habe sowas schon mal gesehen, aber er sei dort entkommen, er sei also keiner von “denen”. Das habe dummerweise allerdings alles andere als den gewünschten Effekt gehabt: Statt sich davon besänftigen zu lassen, sei Fincher von Barts Erklärungen nur noch aufgeregter geworden und in eine regelrechte Panik verfallen, dass “sie” dann also schon überall seien und dass es zu spät sei und überhaupt. Bart habe noch versucht, mit einem “Sie müssen sich beruhigen, Mr Fincher, sonst erklärt man Sie auch noch für gesund!” das Schlimmste zu verhindern, aber Schwester Paget habe die Aufregung mitbekommen und eingegriffen. Also habe Flann zu einer Ausrede greifen müssen und Bart als Patienten ausgegeben, der sich mit Fincher gestritten habe, und zwar über die Vorzüge von Cowboys oder Indianern respektive. Und um das zu untermauern, habe er natürlich ‚Patient Bolts’ leichte – na gut, schwere – schizophrene Störungen erwähnen müssen. “Und deswegen”, wiederholt er seine Worte vom Anfang zu dem überhaupt nicht amüsierten Gelehrten, “hättest du auch wirklich nochmal sagen können, Cowboys seien besser!”

Mit etwas Mühe unterdrückt Ethan ein Augenrollen. Der rothaarige Jäger weiß einfach nicht, dass er sich mit diesen blöden Sprüchen keine Freunde macht. Oder nein. Andersrum. Vermutlich weiß er das ganz genau, und es ist ihm schlichtweg egal. Grundsätzlich keine schlechte Einstellung – Ethan kümmert sich ja normalerweise auch nicht groß drum, was wer von ihm denkt – aber der Typ legt es ja regelrecht darauf an, sich unbeliebt zu machen. Naja. Wenn er meint. Seine Sache.

Wenn Fincher gesehen hat, wie McKenzie weggebracht würde, dann müssen sie ihn natürlich suchen gehen. Ihn oder zumindest nach Hinweisen. Aber nicht jetzt. Jetzt ist im Krankenhaus noch zu viel los. Nachher, wenn es ruhig geworden ist, nach dem Abendessen und der Spätvisite, wird es einfacher.
Da hat dann zwar die Nachtschwester Dienst, und die ist ein Drache, wie Flann erklärt, aber dem Drachen werden sie ja wohl aus dem Weg gehen können.
“Sag mal“, fragt Emily irgendwann, während sie warten, “ist der Schnurrbart eigentlich echt?”
Die Frage bringt ihr einen irritierten Blick von dem rotblonden Jäger ein. “Du müsstest doch wissen, dass nicht – du hast mich doch erst an Silvester ohne gesehen.”
“Stimmt”, antwortet Emily, “aber weiß ich, wie lange so ein Schnurrbart zum Wachsen braucht?”
Oh. Okay. Das zeigt wieder mal, wie lange die junge Frau wortwörtlich nicht auf dieser Welt war, und wie jung sie eigentlich war, als sie verschwand. Ethan verspürt einen kurzen Stich, sagt aber nichts. Er will sie nicht durch einen blöden Kommentar verletzen, auch wenn der Kommentar nur wäre, dass es eben einige Wochen und Monate dauern kann, so ein buschiges, geschwungenes Prachtexemplar hinzubekommen wie das, was Flann im Gesicht trägt.

Der wiederum tippt verschwörerisch mit dem Zeigefinger an die Seite seiner Nase und geht etwas zu essen beschaffen. Als er allerdings mit einer Fuhre Weißbrot wiederkommt, hat außer ihm niemand Hunger. Flann selbst isst mit sichtlichem Appetit, aber Bart knabbert nur an einer Scheibe, und die beiden jüngeren Jäger rühren das Krankenhausbrot gar nicht erst an. Wenn hier Leute verschwinden, wer weiß, ob da nicht irgendwas in dem Essen ist, um sie unter Drogen zu setzen? Okay, der Gedanke ist sehr weit hergeholt, aber Emily hat genau denselben sehr weit hergeholten Gedanken auch, das kann Ethan ihrem misstrauischen Gesichtsausdruck entnehmen. Stattdessen kramt er also zwei Müsliriegel aus der Tasche und steckt einen davon der jungen Frau zu.

Flann zieht ein beleidigtes Gesicht. “Und dafür bin ich eigens losgezogen und habe mir die Mühe gemacht, das gute Brot aus der Anstaltsküche zu entwenden?” Demonstrativ beißt er gerade nochmal in seine Scheibe und kaut mit überdeutlich zur Schau gestelltem Vergnügen. Ethan schnaubt. Nickt Richtung Breugadairs Mundpartie. “Hilft vielleicht wachsen”, bemerkt er trocken.
Breugadair lacht. “Gib es zu, du willst ihn ja nur auch mal ausprobieren.”
Ohne ein weiteres Wort hält Ethan die Hand auf. Der andere Jäger zupft sich den falschen Schnurrbart aus dem Gesicht und reicht ihn Ethan, der sich das haarige Ding mit dem noch daran haftenden Rest von Kleber unter die Nase pappt, ohne eine Miene zu verziehen. Emily muss kichern bei dem Anblick, und irgendwie freut es Ethan, dass er sie zum Lachen gebracht hat. Sie ist so ernst immer. Einen Moment noch lässt er das alberne Haarteil im Gesicht, dann nimmt er es ab und gibt es Flann zurück, der es mit der Hilfe von etwas Hautkleber und dem Spiegel über dem Waschbecken wieder kunstgerecht befestigt.

Während sie darauf warten, dass in den Zimmern rund um sie her das Abendessen verteilt wird und die Ärzte ihren letzten Rundgang machen, muss Flann in seiner Pfleger-Persona Dienst tun, verschwindet also nochmal für eine Weile. Wie vorhin schon, sieht Ethan auch jetzt wieder stumm aus dem Fenster, um den Hausmeister zu beobachten und bescheid sagen zu können, wenn er das Gelände verlässt. Bart und Emily hingegen unterhalten sich. Ethan will sie gar nicht belauschen, aber sie sprechen nicht leise, sondern im ganz normalen Unterhaltungston, und sie sind nun mal im selben Zimmer, also kann er gar nicht anders, als zu hören, was sie sagen. Und aus dem, was sie sagen, ist zu erkennen, dass Bart sich Emily in bezug auf seine Frau und seine Tochter anvertraut hat. Interessant. Und Emily hat Bart anscheinend auch ein paar Sachen von ihrer Familie erzählt. Oha. Noch interessanter.

Schließlich kommt Flann zurück und sagt, sein Dienst sei jetzt beendet, jetzt könne es nicht mehr lange dauern. Und tatsächlich steigt Lee Marsh kurze Zeit darauf in einen roten Pickup und fährt vom Parkplatz. Ethan macht die anderen mit einem “Mhmm” darauf aufmerksam und deutet hinaus, woraufhin seine Begleiter ebenfalls ans Fenster treten und seiner Geste mit den Blicken folgen. Marsh ist indessen an der Straße angekommen und biegt Richtung Ort ab, und ein paar Sekunden später ist er außer Sicht.
“Die Katze ist aus dem Haus”, stellt Breugadair zufrieden fest, was Ethan beinahe schmunzeln lässt. “Mäuse. Tisch.” Bei diesen Worten grinst Flann, bildet aus Daumen und Zeigefinger eine imaginäre Pistole, richtet sie auf Ethan und drückt mit einem Zwinkern ab. Sollte das etwa eine Geste der Zustimmung sein? Von Flann Breugadair, dem Meister des Feindeschaffens? Heh.

Bevor die Mäuse allerdings tatsächlich auf dem Tisch tanzen gehen, wird es noch etwas später am Abend, nämlich erst, als es tatsächlich draußen ruhig geworden ist und die Patienten schon in ihren Zimmern sind, der Drache von Nachtschwester aber noch nicht im Dienst.
Dann aber sehen sie einander an. “Wo sollen wir suchen?” fragt Bart. “Fincher sprach von Fischmenschen, und er habe sie im Ort gesehen…” Naja. Wenn es Fischmenschen sind, dann am besten am Wasser. Aber im Garten gab es keinerlei Spuren, auch keine Hinweise auf einen Abstieg die Klippe hinunter oder sonst einen Weg zum Meer. Und in den Ort fahren können sie später immer noch. Aber erstmal… Entschlossen nickt Ethan mit dem Kinn den Gang hinunter. “Keller.”

Tatsächlich hat Marsh seine Hausmeisterwerkstatt im Keller des Gebäudes. Da sie den Kerl sowieso verdächtigen, können sie auch genauso gut da anfangen zu suchen.
Die Werkstatt ist gut ausgestattet mit allem, was Ethan so erwarten würde; irgendwas Außergewöhnliches findet sich nicht. Zumindest nicht, bis Emily einen versteckten Schalter entdeckt und ihn gespannt betätigt.
In der Mauer öffnet sich eine Geheimtür, und dahinter erstreckt sich ein langer, finsterer Tunnel. Aber das hier ist ja nicht umsonst eine Werkstatt. Natürlich hat der hier Lampen. Auch gut, dann müssen sie nicht extra erst wieder raus zu Barts Wohnmobil.
Eigentlich will Ethan sich eine Maglite greifen, aber Bart schüttelt den Kopf und reicht ihm eine kleine Schrotpistole. “Du kannst mit deinem Arm nicht beides, und ich würde es vorziehen, wenn du eine Waffe trägst statt Licht.” Streng genommen gibt eine große Maglite tatsächlich eine ziemlich gute Waffe ab, aber okay, keine für die Entfernung, und in den Nahkampf sollte Ethan mit einem Gips bis zur Schulter und immer noch zwickenden Rippen vielleicht wirklich nicht, wenn er es irgendwie vermeiden kann. Mit einem dankenden Nicken nimmt er die kleine Pistole an sich und überlässt Emily die Maglite. Als sie den Tunnel betritt, bleibt er dicht hinter ihr, direkt gefolgt von Bart und Flann.

Der unterirdische Gang windet sich Richtung Osten. Ethan rechnet eigentlich damit, dass sie am Meer herauskommen, aber stattdessen führt der Stollen in eine Höhle. Das Meer kann trotzdem nicht weit sein, denn ein leises Rauschen ist zu hören, und es liegt ein klammer, salziger Geruch in der Luft. Da muss es irgendwo weitergehen, eine Verbindung nach draußen geben. In den Höhlenwänden sind Nischen eingelassen, und in etlichen dieser Nischen ist irgendwas. Unwillkürlich fährt Ethan dieser SciFi-Film aus den 1970ern durch den Kopf, der Original-‘Kampfstern Galactica’, wo diese insektenartigen Aliens auf ihrem Vergnügungsplaneten, wo die besiegten Menschen Zuflucht zu finden hoffen, nach und nach die Besucher entführen und sie dann in einer unterirdischen Anlage in Waben einspinnen und langsam zu Treibstoff verarbeiten.
So ganz falsch ist das Bild auch nicht, denn in den Wandnischen sind Leute. In ihre Bestandteile zersetzt werden sie nicht, dem Himmel sei Dank, aber sie sind eingehüllt in eine komische, kalt-glatt-glitschige Fischhaut und befinden sich in unterschiedlichen Stadien der Verwandlung. “Da,” deutet Bart, “da ist Kenneth!”
McKenzie liegt in einer der Nischen, bewusstlos, aber am Leben, denn seine Brust hebt und senkt sich leicht. Er sieht auch noch größtenteils menschlich aus, ebenso wie die Frau direkt neben ihm, selbst wenn beiden schon Schwimmhäute zwischen den Fingern gewachsen sind. Aber die anderen Gefangenen sind alle schon sehr weit fortgeschritten in ihrer Umwandlung zu Fischmenschen.

Angewidert schneidet Ethan McKenzie aus seiner glibberigen Hülle frei, während Emily dasselbe bei der unbekannten Frau tut. Die beiden anderen Jäger gehen indessen in den hinteren Teil der Höhle, wo auf einem Podest die kleine steinerne Statue einer männlichen Gestalt steht.
“Interessant”, sagt Breugadair und nimmt die Skulptur in die Hand, “die hat bestimmt etwas zu bedeuten. Aber wer oder was ist das?”
Das ist gerade die richtige Frage für Bartholomäus. “Dabei dürfte es sich um Dagon handeln, einen phönizischen Fischgott”, führt der Gelehrte aus. “Allerdings gehen in der Wissenschaft die Meinungen auseinander, ob die Zuschreibung–”
Weiter kommt er nicht.

Mit einem wütenden Knurren stürmt plötzlich Leonard Marsh in die Höhle – ganz offensichtlich hat der den Braten gerochen und nur so getan, als würde er wegfahren.
“Keinen Schritt weiter”, droht Flann, als der Hausmeister sich auf ihn stürzen will, “oder deine kleine Kostbarkeit hier ist Geschichte!”
Mit einem panischen Ausdruck in den Augen erstarrt der Hausmeister tatsächlich zu einer Salzsäule, was Flann ein triumphierendes Grinsen ins Gesicht treibt, bevor der rothaarige Jäger die Skulptur trotzdem zu Boden schleudert.
Marsh ist schnell. Viel schneller, als er sein dürfte. Mit einem Satz hechtet er in Richtung Flann und fängt die Figur tatsächlich auf, bevor sie am Boden zerschellen kann, während Bartholomäus einen schnellen Schuss auf den Mann abgibt und ihn am Bein verletzt.
Okay. Die Statue ist dem Kerl wichtig. Dann muss vor allem die weg. Wer weiß, was Marsh außer übermenschlich schnellen Redaktionen noch alles für Fähigkeiten von dem Ding bekommt.
Für einen kurzen Moment, bevor Marsh das Götzenbild so mit seinen Armen umschließen kann, dass kein Rankommen mehr ist, hält er die Skulptur nur oben und unten fest. Auf den Rest hat Ethan freies Schussfeld, also reißt er Barts Schrotpistole hoch und drückt ab.

Der Schuss sitzt. Aber er kommt aus einer Schrotpistole. Die vielen kleinen Kügelchen reißen zwar ein paar leichte Kratzer in die steinerne Haut der Dagon-Figur, aber mehr auch nicht.
Emily wirft sich Marsh entgegen und versucht, ihm die Statue aus den Händen zu winden. Verdammt, in den Nahkampf kann Ethan jetzt nicht mehr feuern. Aber die kleine Pistole hatte ohnehin nur einen Schuss, also ist es auch egal. Um Emily mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen, stürzt Ethan sich auf den Veteranen und packt ihn von hinten in einem Klammergriff. Falsch. Er versucht, ihn von hinten in einem Klammergriff zu packen. Verdammter Gipsarm. Der verhindert, dass Ethan richtigen Halt findet, und so schüttelt Marsh ihn ohne größere Probleme ab.

Bart feuert wieder auf den Hausmeister, und diesmal trifft er ihn am Arm. Mit einem Aufschrei, der auf keinen Fall nur vom Schmerz kommen kann, lässt Marsh die Dagon-Statue fallen, und diesmal fängt sie niemand auf. Die Skulptur prallt auf den Höhlenboden und zerbirst, und mit ein, zwei schnellen Schritten ist Flann bei dem Bildnis. Als der rotblonde Jäger noch einmal auf die Scherben tritt, quillt aus den Überresten schwarzer Rauch heraus, der eine Form ungefähr auf halbem Weg zwischen Fisch und Mensch annimmt und Leonard Marsh umhüllt.
Dem entfährt ein erstickter Schrei, der jäh abbricht. Dann Stille, und Marshs Körper fällt reglos zu Boden.

Bestandsaufnahme. Marsh ist tot, die Halbverwandelten in den Nischen auch. Nur McKenzie und die fremde Frau, bei denen der Verwandlungsprozess noch nicht so weit fortgeschritten war, sind noch am Leben, wenn auch nicht bei Bewusstsein.
Nichts wie raus hier. Gemeinsam schaffen sie es irgendwie, die zwei Bewusstlosen aus der Höhle zu bugsieren, aber erst sammelt Bart noch die Scherben der Statue ein. Sicher ist sicher.

“Was machen wir denn nun mit den beiden?” fragt Flann, als sie wieder im Freien sind und McKenzie und die Frau sicher in Barts Wohnmobil liegen. Der bewusstlose Jäger fängt schon langsam an, sich zu rühren; der wird wohl bald aufwachen, und die Frau hoffentlich auch irgendwann. “McKenzie ist vom Fach, dem kann man die Wahrheit sagen, aber sie?”
“Da gibt es noch ein ganz anderes Problem”, sagt Bart: “Wenn wir sie in ein Krankenhaus bringen, stellen sie Fragen wegen der Schwimmhäute.”
Hmmm. Da hat er recht. “Ausrede”, schlägt Ethan vor. “Fabrikunfall. Chemikalien.” Es gibt doch bestimmt irgendwelches Zeug, dem sowas zuzutrauen wäre, wenn es ausläuft. Und wenn Flann, der Meister im Geschichtenerfinden, sich was ausdenkt, dann nehmen die dem das doch garantiert ab.

Aber der Meister im Geschichtenerfinden hat andere Ideen.
“Kann nicht vielleicht einer von euch den Eingriff vornehmen? Dann würde überhaupt kein Außenstehender mitbekommen, dass da jemals Schwimmhäute waren.”
Wieder einmal wirft Ethan dem rothaarigen Jäger seinen ‘du willst mich verarschen‘-Blick zu. Ja sicher. Klar kann er Leute zusammenflicken, wenn die bei der Jagd verletzt werden, aber das ist nur erste Hilfe. Verbände auf Wunden, Schienen auf Brüche, so Zeug. Auch mal was nähen oder abbinden. Feldmedizin halt. Aber doch nicht sowas. “Zu knifflig.”
Und auch Bart lehnt dankend ab: “Ich bin kein Arzt, und das Risiko, eine Sehne oder einen Nerv zu beschädigen, ist viel zu hoch.”
“Ach komm”, versucht der andere Jäger ihn zu überreden, “das kannst du doch bestimmt. Du bist doch ein Universalgelehrter. Ich weiß, dass du das kannst, und das Risiko, dass Uneingeweihte die Schwimmhäute sehen und Fragen stellen, ist viel zu hoch!”
Bart funkelt den ‘Pfleger’ an. “Was hast du für Vorstellungen vom Arztberuf?”
“Fabrik-Ausrede”, versucht Ethan es wieder. Bevor er oder irgend sonst ein Laie an deren Händen herumschneidet, sollen es doch lieber die Profis machen. Die werden von einer Tarngeschichte schon beruhigt. Leute glauben, was sie glauben wollen. Gib ihnen nur einen Hauch von rationaler Erklärung, und sie halten sich dran fest. Bloß dass Flann davon wiederum nichts hören will, und auch Bart scheint nicht sonderlich begeistert von der Idee.

Aber der Gelehrte hat schließlich den rettenden Einfall. “Ich habe einen Bekannten, der uns vielleicht weiterhelfen könnte. Er ist zwar nur Rettungssanitäter und kein Arzt, aber er beherrscht die Grundlagen der Medizin. Und er ist eingeweiht.”
“Gideon?” fragt Emily im selben Moment, wie Ethan es auch tut, und er wirft der jungen Frau einen kurzen Blick zu. Ach, sieh an. Emily kennt Gideon auch? Kleine Welt.
Aber jedenfalls, die beiden Halbverwandelten zu Gideon zu bringen – denn den hat Bart tatsächlich gemeint – ist ein echt guter Plan. Auf den können sich alle vier einigen, auch Flann, der dem Bostoner bisher nicht über den Weg gelaufen ist.

Ethan will Bowers Beach allerdings nicht verlassen, bevor er die Höhle nicht nochmal kontrolliert und diesen Weg nach draußen gefunden hat, von dem er sicher ist, dass es ihn geben muss. Und es gibt ihn tatsächlich: ein schmaler Tunnel in der Rückwand der Höhle, der sich bis hinaus zum Meer windet. Schmal ja, gewunden ja, aber auch groß genug für einen Menschen – oder irgendwelche Fischtypen, die hier den Kult des Dagon wieder aufleben lassen wollen. Denn das muss wohl passiert sein, reimt Bart sich zusammen: Dagon ist ja eine phönizische Gottheit, was der heutige Irak ist, wie der Antiquar erklärt, und Marsh war als Soldat längere Zeit im Irak stationiert. Vermutlich ist er da in Kontakt mit dem Fischgott gekommen und hat sich mit ihm eingelassen. Ob aus Neugier oder wegen der Macht, die Dagon ihm verlieh, oder ob er vielleicht schwer verletzt war und anderenfalls gestorben wäre – schwer zu sagen. Aber letzten Endes auch egal.

Jedenfalls. Die Höhle kann so nicht bleiben. Das Risiko, dass hier wieder was passiert, ist viel zu groß. Vor allem, wenn sich im Meer vor der Küste wirklich fertig verwandelte Fischmenschen rumtreiben sollten, wie Fincher glaubt, sie gesehen zu haben. Falls der sich nicht was eingebildet hat. Und falls die nicht auch gestorben sind, als die Statue zerfiel. Ethan wird die Gegend dringend weiter im Auge behalten müssen, ob es Sichtungen von Fischmenschen gibt. Oder vielleicht kann das Flann übernehmen. Der sagt, er muss noch eine Weile hierbleiben und die Fassade als ‘Pfleger’ noch ein bisschen aufrecht erhalten. Auch gut. Aber die Höhle muss weg. In dem Zusammenhang fällt Ethan Mr. Baines ein, der Besitzer des Kohlebergwerks von der Sache in Ohio letzten Sommer. Der Mann war schon mit Kram in Kontakt, und er ist ein absoluter Experte in Sachen Sprengungen.

Während Emily und Bart die beiden Verletzten nach Boston zu Gideon bringen, kontaktiert Ethan den Minenbesitzer. Baines ist sofort bereit zu helfen, immerhin sei er den Jägern noch etwas schuldig, sagt er. Flann liefert in der Anstalt eine entsprechende Ausrede wegen des Lärms und der Erschütterung, dann sorgen sie mit Hilfe des Sprengexperten dafür, dass die Höhle einstürzt, ohne das Gebäude darüber mitzunehmen.

Einen Tag nach ihrer Abfahrt kommen die beiden anderen Jäger aus Boston zurück. Ethan wäre auch getrampt oder von Dover oder Wilmington aus mit dem Bus gefahren, aber dass Bart ihn mit Emily wieder einsammeln kommt, das freut ihn doch. Und dass Gideon ihm Grüße ausrichten hat lassen, irgendwie auch.

Bevor sie von Bowers Beach, wo Ethan die letzten paar Nächte geblieben ist, weil es im Krankenhaus dann doch zu auffällig geworden wäre, zu dritt Richtung Vermont aufbrechen, schreibt Bart schnell ein paar Worte auf ein Blatt Papier und faltet es mit knappen, ärgerlichen Bewegungen zusammen. Als Ethan ihn daraufhin fragend anschaut, brummt der Gelehrte nur, hält oben am Sanatorium nochmal an und stapft ins Haus, bevor er ein paar Minuten später mit leeren Händen zurückkommt. Er hat keinerlei Ahnung, was wohl auf dem Zettel gestanden haben könnte, aber eigentlich kann es nur eine Nachricht für Flann gewesen sein, überlegt Ethan, während das Wohnmobil langsam vom Gelände fährt. Denn sonst kennen sie ja niemanden dort, und Flann selbst hat vermutlich Dienst, so dass Bart es ihm nicht persönlich sagen konnte. Oder wollte. Aber das geht Ethan nichts an. Genausowenig, wie es ihn angeht, dass Bart und Emily einen Kaffee trinken gehen wollen, nachdem sie ihn abgesetzt haben. Ethan hat selbst Kram zu tun. Bones Gate wird einen Bericht wollen, auch wenn das hier streng genommen kein Bones Gate-Auftrag war. Und er sollte sich bei seinen Eltern melden, dass es ihm gut geht. Sonst machen die sich noch Sorgen.

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