[Follow Friday] FF52: „Erzählperspektiven“

Nachdem ich gestern abend gerade so auf den letzten Drücker noch an der Frage von letzter Woche teilgenommen habe, geht es diesmal ein bisschen schneller mit dem Antworten. Heute will Patricia von Fiktive Welten im Rahmen ihres Follow Friday wissen, wie die deutsche Blogosphäre generell so zu den unterschiedlichen Erzählperspektiven steht. Genauer gesagt lautet die Frage:

Welche Erzählperspektive bevorzugst du, welche magst du ggf. so gar nicht?

Ich weiß, eigentlich bezieht sich die Frage auf Erzählperspektiven bei Romanen und Geschichten, und darauf werde ich auch gleich noch eingehen, versprochen – aber das hier ist ja ein Rollenspiel-Blog, deswegen beginne ich erst einmal mit dem Rollenspielbezug.

Ich selbst spiele am liebsten aus der Ego-Perspektive. Zwar kommt es durchaus vor, dass ich Aktionen in der dritten Person beschreibe, aber das geschieht meistens dann, wenn es um kurze Einwürfe geht, die den anderen Mitspielern nicht das Spotlight stehlen sollen, weil die gerade in einer relevanten Szene sind, oder wo es darum geht, nur kurz anzureißen, wo der eigene Charakter sich im Moment befindet oder dass bzw. wie er etwas tut. (SL: „Was machen die anderen eigentlich, während Anastasia und Bartolewitsch beim Zaren sind?“ Timber: „Pjotr steht im Lager Wache.“) Sobald es aber längere Beschreibungen sind oder mein eigener Charakter das Spotlight (oder einen Teil des Spotlights) bekommt, wechsele ich meistens in die Ich-Perspektive. Das kann entweder schon vom Anfang der Szene so gehen, oder ich wechsele mittendrin. (SL: „Den ganzen Abend lang ist es ruhig geblieben. Dann bemerkst du Bewegung vor dem Lager – das ist der Moment, als Anastasia und Bartolewitsch zurückkommen.“ Timber: „[Mit normaler Stimme:] Pjotr ist ja den Abend über im Lager Patrouille gelaufen. Jetzt gehe ich zu den beiden hin und schaue, ob ich ihnen beim Absatteln ihrer Pferde helfen kann. [In Charakter-Stimme1 zu den anderen Charakteren]: ‚Wie ist es gelaufen?'“)

Was ich nicht gut haben kann, sind Beschreibungen im Konjunktiv. („Pjotr würde dann zur Tür gehen und das Haus verlassen.“) Ich weiß ja, warum Spieler das machen. Das ist die Angst, Fakten zu schaffen und Powergaming zu betreiben, wenn man einfach im Indikativ beschreibt. Der Konjunktiv soll den Mitspielern die Chance geben, einzuschreiten und den Charakter daran zu hindern, falls sie das möchten. Abgesehen davon, dass ich diese Angst etwas übertrieben finde – selbst wenn ich sagen würde „Pjotr verlässt das Haus“, kann ja ein Mitspieler oder der SL immer noch sagen: „Oksana hält dich auf“ oder „Oksana kommt dir nach“ oder was auch immer – kann man so etwas auch anders umschreiben, z.B.: „Pjotr macht Anstalten, das Haus zu verlassen“ oder „Pjotr macht sich zur Tür auf“ oder was auch immer. Ach so peinlich darauf versessen zu sein, aus rollenspielerischer Korrektheit auch ja immer den Konjunktiv zu verwenden, wie mir das gerade beim Rollenspiel in World of Warcraft häufig aufgefallen ist, rollt mir immer ein klein wenig die Fußnägel hoch2.

In letzter Zeit kommt es mir häufiger unter, dass Mitspieler die Aktionen ihrer Charaktere mit der neutralen Form ‚man‘ umschreiben. („Man hält der Dame dann die Tür auf.“) Ich habe keinerlei Ahnung, wo das herkommt – ob es vielleicht für Schweizer Rollenspieler typisch ist (zwei der Mitspieler, von denen ich das regelmäßig höre, sind Schweizer) oder ob das auch eine Art rollenspielerischer Korrektheit sein soll (vor allem, wenn es die absolute Krönung der Form annimmt, Marke: „Man würde sich dann mal über diesen seltsamen Kult aus Sibirien schlau machen“), aber irgendwie ist das schon ein ziemlich eigenartiges Phänomen, finde ich. Okay, sonderlich schlimm finde ich die Verwendung des ‚man‘ jetzt nicht, und ich habe mich inzwischen ja auch einigermaßen daran gewöhnt. Meins ist es allerdings so gar nicht.

Dialoge spiele ich fast ausschließlich in direkter Rede. Wenn ein Charakter etwas zu sagen hat, lasse ich ihn das auch wirklich sagen, es sei denn, es handelt sich um Belanglosigkeiten. Wenn mein Charakter einfach nur eine Flasche Wodka kaufen geht, dann handele ich das über die reine Beschreibung ab und spiele den Dialog nicht aus. Dann reicht es aber auch zu sagen „Pjotr geht Wodka kaufen“ und nicht „Pjotr betritt den Laden und fragt den Besitzer, ob er eine Flasche Wodka haben kann.“ Sobald es auf dieser detaillierten Ebene zu Dialog kommt, zum Beispiel, weil der Wodkakauf eigentlich dafür gedacht ist, den Ladenbesitzer nach den merkwürdigen nächtlichen Vorgängen in der Nachbarschaft auszufragen, dann möchte ich ihn auch spielen. Auch hier kann es allerdings auch durch aus vorkommen, dass ich mittendrin vom Beschreiben zur wörtlichen Rede wechsele: „Nachdem Pjotr den Wodka gekauft hat [was nicht aus-diaglogisiert wurde], bleibt er noch im Laden. ‚Sag mal, Väterchen, hast du hier in letzter Zeit seltsame Dinge bemerkt?'“

So. Dann kommen wir jetzt aber zur Frage nach den Erzählperspektiven in Büchern. Das wird vermutlich ein bisschen knapper. Kurz gesagt: Ich kann mich mit allen Erzählperspektiven anfreunden und mit allen Zeiten. Ich weiß noch, dass ich als Kind und Jugendliche Bücher aus der Ich-Perspektive ebensowenig mochte wie Bücher, die in der Gegenwart geschrieben waren – ich kann mich erinnern, dass ich in der Schulbibliothek einmal einen Jugendroman in der Hand hatte, der in der Gegenwart in Ich-Form geschrieben war… und den ich sehr schnell wieder ins Regal gestellt habe. Oder war das dann später der erste, wo ich es plötzlich gar nicht mehr so schrecklich fand? Das änderte sich nämlich über die Zeit, und inzwischen mag ich alles — wenn es denn zu der beschriebenen Geschichte passt, das kommt ja auch immer ein bisschen auf die Stimmung und das Genre etc. an. Noir-Krimis müssen ja eigentlich fast schon aus der Ich-Perspektive des Ermittlers geschrieben sein; für Geschichten mit wechselnden PoVs hingegen bietet sich eher die dritte Person an, auch wenn das kein eisernes Gesetz ist. Ich habe auch schon PoV-Wechsel in der ersten Person gelesen, und das klappte auch. Sehr spannend finde ich, dass auch die zweite Person Singular super funktionieren kann. Charles Stross‘ Romane Halting State (auf Deutsch Du bist tot) und Rule 34 (leider anscheinend noch nicht übersetzt) sind so geschrieben, und für das Nahzukunft-Setting, in dem sie spielen, passt das perfekt. Ich liebe diese Romane, auch und gerade wegen ihrer Erzählweise, über alles.

Dann noch als dritte Kategorie, weil dieser Blog hier ja immerhin von meinen RPG-Diaries handelt, auch noch ein kurzer Absatz zu der Erzählweise, in denen ich meine eigenen Diaries verfasse. Da versuche ich, jedem Charakter eine eigene Stimme zu geben bzw. für jede Runde die Erzählweise zu finden, die passt. So schreibe ich die Diaries für meinen Schriftsteller-Charakter der Miami Files-Runde als „echte“ Tagebucheinträge aus der Ich-Perspektive, komplett mit Datum und abgebrochenen Einträgen und dergleichen, während die Erzählform, die für meinen Geschmack am besten zu dem wortkargen Monsterjäger aus unserer Supernatural-Runde passt, die dritte Person Präsens mit personalem Erzähler ist. Für unsere epische Love in the Time of Seið-Runde habe ich versucht, mich ein bisschen an der Erzählform altskandinavischer Sagen zu orientieren, und für die WoW-Diaries kam am ehesten die dritte Person Imperfekt in Frage. Als wir auf einem Tanelorn-Treffen einmal eine eigentlich super-epische Game of Thrones-Runde spielten, die dann aber aus mehreren Gründen höchst unbefriedigend mitten im Nichts endete, lag mir dieser Antiklimax direkt nach Ende des Spielabends schwer im Magen, und auch hinterher ging mir das tatsächlich noch eine Weile nach. So richtig abschließen und meinen Frieden machen konnte ich mit der Runde erst, als ich das Diary dafür schrieb – und das eben wieder als Tagebuch meines Charakters aus deren Ich-Perspektive. So konnte ich mit dem letzten Tagebucheintrag, der ja mit dem frustrierenden Cliffhanger endete, gewissermaßen auch den Tagebuchband enden lassen – und es dann so darstellen, als sei nach dem Tod der Lady ein weiterer Band nie gefunden worden, so dass man nicht wissen könne, wie die Sache ausgegangen sei. Das war dann in Ordnung, damit hatte ich den unbefriedigenden Spielabend dann endgültig verarbeitet.

1 Das soll jetzt nicht heißen, dass ich für meine Charaktere meine Stimme verstelle, also extra hoch oder extra tief oder extra piepsig spreche. Aber ich versuche schon, meiner Stimme einen für den Charakter ungefähr passenden Duktus zu geben, für die männlichen Charaktere auch vielleicht ein bisschen tiefer zu sprechen oder für das Roboter-Mädchen ein bisschen steif. Wenn es geht, soll man schon einigermaßen unterscheiden können, ob Timber jetzt als Spielerin spricht oder als Charakter.

2 Apropos Rollenspiel in World of Warcraft und die Fußnägel hochrollen. Ich weiß ja, dass man in WoW tippen muss und es lange dauert, bis man sein Emote fertiggetippt hat, aber die Versuche, kurz und knapp zu beschreiben, nehmen dort manchmal Auswüchse an, die mir die Haare zu Berge treiben. Besonders liebe ich ja die Beschreibung: „Kayliden türt.“ Da ich meistens auf Hordeseite spiele und diesen Begriff dort noch nie gehört hatte (oder weil ich meistens auf der silbernen Hand bzw. den Todeskrallen spiele und den Begriff dort noch nie gehört hatte; ich weiß nicht so genau, welches von beiden es war), musste man mir auf Allianzseiten auf den Aldor erstmal erklären was mit dem Verb ‚türen‘ gemeint war. Das sei nämlich eine Verkürzung von: „Kayliden erhebt sich, geht zur Tür, zieht die Tür auf, geht hinaus und zieht die Tür wieder hinter sich zu.“ Aaaah ja. Kopf –> Tisch. Sorry, aber das ist so gar nicht meine Art zu rollenspielen und Aktionsbeschreibungen abzugeben. In WoW schon nicht, aber schon gar nicht im Pen&Paper!

Das war es auch schon wieder für diese Woche. Eine Liste der Follow Fridays, an denen ich bisher teilgenommen habe, findet sich hier.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Follow Friday, Ganz was anderes, Lesen

6 Antworten zu “[Follow Friday] FF52: „Erzählperspektiven“

  1. Da gebe ich Dir Recht – wenn die Story passt – dann ist die Erzählperspektive eigentlich nebensächlich – aber bei meinem aktuellen King merke ich, dass die Ich-Perspektive einige Haken hat. Mir wäre ein mystischer Erzähler lieber gewesen. Vielleicht – das weiss man ja nicht so genau, wie das dann ausgefallen wäre…Liebe Grüsse

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  2. Bei dem Rollenspielperspektiven bin ich ganz bei dir. Verwende auch meist die Ich-Rolle.
    Witzig, dass du dass mit dem Konjunktiv erwähnst. Ich kenne da einen Schurkenspieler der den Konjunktiv gezielt nutzt, um an einer möglichen Reaktion des Spielleiters abzulesen, ob seine nächste Handlung negative Konsequenzen hat 😉 Ich muss immer schmunzeln 😉

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  3. Pingback: [Blogaktion] RPG-Blog-O-Quest #26: Wettbewerbe, Aktionen & Blogtouren (Die Fragen) |

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