Supernatural – Realm of the Alligator

Dieses Diary stellt ein kleines Experiment dar. Es ist tatsächlich der Bericht von einer echten gespielten Runde, aber nicht so, wie ich diese Diarys sonst meistens verfasse. Es ergab sich, dass Irenes Spielerin und ich hinterher im Chat ein Gespräch zwischen Ethan und Irene ausspielten, während dessen dieser seiner britischen Freundin unter anderem von den Erlebnissen bei dem Abenteuer erzählte, aber eben nicht nur. Da ich beides interessant und wichtig fand, es aber für doppelten Aufwand (und für die Leser als langweilig) empfunden hätte, erst das Diary zu lesen und dann das Gesprächs-Intermezzo, in dem die Geschehnisse zum größten Teil nochmals durchgekaut wurden, habe ich beides miteinander verbunden. Die kursiv gesetzten Stellen sind die Rückblenden auf das tatsächliche Abenteuer, allerdings in ziemlich geraffter Streiflicht-Form; alles andere ist das Gespräch zwischen Ethan und Irene, das in dessen Nachgang stattfand. Wenn ihr möchtet, könnt ihr mir ja in den Kommentaren mitteilen, ob das Experiment geklappt hat.


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Realm of the Alligator
Mitte Februar, etwa eine Woche nach seinem Aufbruch nach Georgia, kommt Ethan bei Irene auf dem Roten Hügel vorbei, nachdem er sich vorher mit einer SMS ‘Bin zurück. Treffen?’ bei ihr gemeldet hatte. Wenn man genau hinsieht, bemerkt man, dass er größere Dehnbewegungen vermeidet und sich etwas vorsichtig hält.
“Hey”, grüßt er seine britische Freundin.
“Hi”, sagt Irene. “Du siehst fast so aus, wie ich mich fühle.” Ihre Augen sind rot, und sie hat den Abdruck einer Buchkante auf der Stirn. Gähnend öffnet sie ihm die Tür und drückt einen Knopf auf der Kaffeemaschine. Ethan muss seinen Sitzplatz erst von Bücherstapeln befreien. Alles mögliche zum Thema Seele und Psychologie, auch ein ganzer Haufen esoterischer Humbug ist dabei.
Die Jägerin stellt eine Tasse vor ihm ab. “Und? Was hast du angestellt?”

Ethan lässt die Blicke durch den Bauwagen schweifen, nimmt die Thematik der Bücher, die er beiseite rücken muss, durchaus wahr und nickt verstehend. Nimmt dann einen dankbaren Schluck aus der Tasse, die Irene ihm hingestellt hat. “Sumpf.” Er seufzt und verzieht das Gesicht. “Hölle.”
Sie zieht die Augenbrauen hoch, erforscht sein Gesicht, ob er das wörtlich meint, kommt zu dem Schluss, dass es nur eine Umschreibung sein kann, und schiebt Milch und Zucker in seine Richtung.
“Du?” fragt er dann. “Was Neues?”
“Keine bestechenden Erkenntnisse. Oder wenn, dann würde ich sie wahrscheinlich nicht erkennen. Ich fange gerade erst an, zu verstehen, was eine bipolare Störung ist. Wenn ich noch einmal lesen muss, was die lieben guten Engel alles für uns tun, um unsere Seelen zu heilen, dann errichte ich da draußen einen Scheiterhaufen für die Autoren dieses Mists.” Sie schnaubt abfällig. “Erzähl mir lieber vom Sumpf. Hast du Hunger? Ich habe Ravioli und Ravioli. Oder wir gehen runter in den Ort. Mir fällt sowieso die Decke auf den Kopf.”
“Heh”, brummt er, als sie von dem Scheiterhaufen für die Engelsbuchautoren spricht. “Bücher erstmal, sonst?” Er deutet auf die ganzen esoterischen Machwerke auf dem Boden. Irene macht eine wegwerfende Bewegung. “Ort ist gut”, antwortet er dann. “Hab Hunger.”

Eine Weile später haben sie sich einen Platz in dem kleinen, gemütlichen Laden in Montgomery gesucht, zehn Minuten mit dem Auto weg, den Irene irgendwann entdeckt hat und der inzwischen zu sowas wie ihrem Stammrestaurant hier geworden ist, auch wenn für Ethans Ohren drei Viertel der Speisekarte viel zu vornehm klingen. In Ahornsirup und Ouzo glasierte Schweinerippchen mit Pommes Frites nach griechischer Art oder mit Schweinefleisch und Shrimps gefüllte Hühnerschenkel an Hoisin-Sauce, Erdnüssen und grünen Zwiebeln? Echt jetzt. Aber kochen können sie hier, das muss man ihnen lassen. Während sie darauf warten, dass ihre Bestellung gebracht wird, zieht Ethan eine Grimasse. “Sumpf. Mhmmh.” Er brummt, sucht nach einem Anfang.
“Höllentor. Und warum? Unfall, verdammt.” Er knurrt. “Sorry. Vorne anfangen.”
Trotz dieser großspurigen Ankündigung fuhrwerkt Ethan sich dann aber doch erstmal in den Haaren herum, weil die Worte eben doch nicht so leicht kommen wollen.
“Auftrag. Georgia. Leute verschwunden. Ehepaar. Suchtrupp gleich mit. Also Georgia gefahren. Mit Barry. Bart und Em da. Stellt sich raus: Bekannte von Bart. Antiquarin. Einbruch, Krams gestohlen. Glitzerbling: Silber, Gold. Und ne Schale aus Bronze.”
Ethan verzieht das Gesicht bei dem Gedanken an die Schüssel. “Runen drauf. Dämonending. Jungfrau, Höllentor. Sowas. Zusammenhang mit unseren Verschwundenen? Heh. Keine Zufälle.”

Feuchtwarme Sumpfluft. Ethan lenkt das gemietete Motorboot durch Lianen und unter dem dichten Blätterdach des Okefenokee Swamp hindurch, vorbei an matschigen Inseln, umgestürzten Bäumen, Alligatoren, Nurselogs. Die typischen Geräusche eines Sumpfs: Vogelgezwitscher, das Gebrumm von Insekten. Ethan merkt erst gar nicht, wie sich die Umgebung verändert. Wie das Licht nach und nach einen seltsamen, grün-goldenen Ton annimmt. Wie sich ekelhafte, ölige Schlieren auf dem Wasser bilden, die Ethan verdächtig an die öligen Flecken vor dem Halloween-Haus erinnern. Er wirft einen schnellen Blick zu Emily hinüber, aber der Blick der jungen Frau sagt nichts darüber, ob es ihr ähnlich geht. Ein süßlicher Verwesungsgeruch breitet sich über dem schmierigen Wasser aus, und Ethan fällt auf, dass das Vogelgezwitscher irgendwann aufgehört haben muss. Jetzt klingen die Geräusche eher nach Raubtieren, aber was für Raubtiere das sind, könnte Ethan gar nicht so genau sagen. Die Töne wirken irgendwie … unnatürlich. Eine Bewegung auf einer der Inseln: ein Alligator, der dort liegt. Aber dann wird klar, dass es nicht das Tier selbst ist, das sich regt. Die aufgedunsene Leiche bricht auf, und tausende von Maden quellen heraus. Sie fahren weiter, und irgendetwas folgt ihnen unter Wasser. Immerhin wird ihr Boot von der ölig-schleimigen Flüssigkeit, die es durchqueren muss, nicht zersetzt. Ein kleiner Trost. Jedenfalls bis Emily einen Stein nach dem Etwas wirft, das ihnen folgt, und der Alptraum aus dem Wasser bricht.

“Jedenfalls”, spricht Ethan weiter, “Sumpf. Ding hat… Höllenelemente rübergeholt. Viecher mutiert. Riesenmoskitos. Riesentausendfüßler. ‘Gator.”
Bei seinem letzten Wort sieht Ethan unwillkürlich an sich herunter, und seine Hand geht kurz nach oben, Richtung obere Hemdknöpfe. Dass die Bedienung in diesem Moment die Getränke bringt, ist eine dankbare Ablenkung, um die Bewegung in ein Greifen nach dem Glas umzuwandeln… halbwegs jedenfalls. Er wartet ab, bis sie wieder allein am Tisch sind und nimmt einen Schluck von seiner Cola, ehe er weiterspricht.
“Echt unschön. Und was war’s? Verdammter Unfall.” Ethan schnaubt bitter. “Einbruch waren Junkies. Brüder. Streit, Blut fließt. Schale. Jungfrau. Oh Mann. Bart hat’s dann hingekriegt. Schale gereinigt. Hölleneinfluss umgedreht. Alles wieder normal.” Er nimmt noch einen Schluck von seiner Cola und spielt mit der nicht angezündeten Zigarette herum. “Und wenigstens alle am Leben. Touristen. Suchtrupp. Sogar der eine Bruder.”
Was würde er darum geben, hier drin rauchen zu können nach diesem Vortrag. Statt dessen greift Ethan nach seinem Glas, trinkt die Cola in einem Zug leer und winkt der Kellnerin nach einer zweiten. Bier wäre ihm lieber, aber er muss nachher noch zurück nach Burlington. Also besser nicht.

Irene traktiert ihren Caesar Salad mit ungeduldigen Gabelhieben, als hätte auch dieser frei erfundenen Blödsinn über gütige Engel erzählt, hebt ein paarmal den Kopf, während Ethan seine Ellipsen hervorpresst, kommentiert aber nicht, bis sie sicher ist, dass er nichts weiter hinzuzufügen hat.
“Den Teil mit der Jungfrau musst du nochmal näher ausführen. Woher hatten sie die? Oder waren die Junkies etwa noch unberührt?”

Ethan macht sich über seinen Burger her, während er nickt. Kaut erstmal und schluckt den Bissen herunter, ehe er weiterspricht. “Mhmm. Jedenfalls der eine. Auch gewundert. Aus wie fünfzig. Aber…” Er zuckt mit der unverletzten Schulter. “Methheads. Doch nur Jungs.” Ethan schüttelt sich. “Meth. Fieses Zeug.”
Er verzieht das Gesicht. “Der eine muss jetzt damit leben, dass er seinen Bruder umgebracht hat.” Ethan schluckt. Das ist ein Gedanke, den er sich nicht mal ansatzweise vorstellen mag. Will noch etwas sagen, schüttelt dann aber den Kopf und attackiert wieder seinen Burger.

“Und ihr? Alle in Ordnung? Du bist verletzt. Hat es das Viehzeug komplett wieder in die Hölle gezogen?” Irene klingt besorgt. Noch mehr beschädigte Leute in ihrer Umgebung sind das Letzte, was sie braucht.

“Mhmm. Soweit.” Ethan macht eine beruhigende Handbewegung, als er sieht, wie Irenes Stirn sich bei dieser Antwort tiefer runzelt. “Alles wieder weg. Natur wieder normal. Sumpf ist zurückmutiert. Tiere. Pflanzen. Sind paar Tage dageblieben, war nix mehr. Aber: Angeschlagen, ja. Wird wieder. Em gar nicht, zum Glück. Nicht neu jedenfalls. Aber Barry: Fuß gebrochen. Bart: Arm angeknackst. Und ich: naja. ‘Gator angelegt. Schwanzschlag abbekommen.” Wieder wandert Ethans Hand kurz zu der Stelle an seinem Hemd, unter der die Wunde liegt. “Geht schon. Weiß ich wenigstens, dass das Höllenzeug wirklich weg ist.” Er zieht eine Grimasse. “Wobei. Ein Rest war noch da. Bei Bart. Hartnäckig. Wurde aber langsam besser.” Ethan lächelt grimmig. “Weihwasser und so.”
“Was war hartnäckig? Werde mal genauer! Dass Emily in ihrem Zustand mit Euch gegangen ist, war unverantwortlich. Wusstest du, dass sie am ganzen Körper Verbrennungen hat? Sie muss sich doch immer noch bewegen wie eine Holzpuppe. Zumindest Bart wusste das.” Die Falte zwischen Irenes Augenbrauen wird immer steiler. “Und was war da so hartnäckig bei ihm? Welcher Arm? Kann er noch Autofahren? Braucht er Hilfe?”

Ethan blinzelt heftig unter dem Ansturm von Irenes Fragen, prallt beinahe zurück angesichts ihrer Vehemenz. Vor allem, als sie das mit Emilys ‘Verbrennungen am ganzen Körper’ sagt. Drecksmist nein. Feuerdämon, okay, das hat Bart ja erzählt hinterher, aber ‘am ganzen Körper’? Er hatte es so verstanden, dass es Niels deutlich schwerer erwischt hatte, und so hat sich dessen Mail von vor ein paar Tagen ja auch gelesen. Drecksmist. Scheiße, ist er froh, dass das glimpflich abgelaufen ist da im Sumpf. Er hebt die Hand in einem ist-ja-gut-ich-antworte-ja-aber-gib-mir-eine-Sekunde und vergräbt sich erst einmal in seinem Burger, während er in Gedanken schon mal zu formulieren versucht.
“Nicht gewusst”, arbeitet er sich dann sorgfältig eine nach der anderen durch Irenes Fragen. “Emily. Nicht am Anfang. Klar gesehen, dass was war, aber nicht… wieviel. Gefragt, aber drauf bestanden, geht ihr gut.” Er verzieht das Gesicht. Irene schnaubt schon wieder. Aber klar. Richtig abgenommen hat er es der jungen Jägerin ja selbst nicht, auch wenn ihm nicht bewusst war, wie schlimm es sie erwischt hatte. Drecksmist. Hätte er merken sollen. Auch wenn Em die letzte ist, die das von ihm hören will, er fühlt sich wegen Halloween damals immer noch verdammt schuldig. Und wie er ihr schon mal gesagt hat: Er hat nicht vor, ihr nochmal was passieren zu lassen, wenn es irgendwie geht. “Em ist… stur damit. Unabhängig. Kein Wunder. Lang alleine…rumgezogen.” Rumgezogen. Heh. Untertreibung des Jahres. Drecksmist, elender, würde er ihr gerne helfen. Er hat keinerlei Ahnung, ob er irgendwie zu ihr durchgedrungen ist, als sie nach dem Sumpf geredet haben. Heh. Er. Mit Reden. Ja klar. Verdammt.
“Jedenfalls. Hinterher dann von Idaho gehört. Übel. Du denn ok?” Ethan mustert Irene aufmerksam. Seit ihrer Rückkehr aus Idaho hat er sie nicht zu Gesicht bekommen, und er hätte sich vorher erkundigen sollen, wie es ihr geht. Aber die Britin verschränkt nur die Arme, scheint erst einmal nicht in der Laune, ihm zu antworten, will anscheinend erst die Antworten auf ihre eigenen Fragen hören. Na gut.
“Bart… Arm? Rechter. Aber halb so wild. Höllenzeugs war übler. Mir war’s in der Wunde. Pilz oder so. Ausgebreitet. Ging aber weg, als das Tor zuging. Nur Bart… “ Ethan seufzt. “Ist was geblieben. Aber hat es eingedämmt gekriegt und wurde jeden Tag weniger.”
Bis auf die Reptilienaugen. Bart hat vermutlich wirklich recht, wenn er die nächste Zeit erstmal mit Sonnenbrille rumläuft.

Irene lehnt sich zurück und mustert ihn aufmerksam, lässt ihn spüren, wie es sich anfühlt, wenn das Gegenüber nicht mit der Sprache herausrückt. Sie dreht ihr Weinglas in der Hand, nimmt einen bedächtigen Zug, setzt das Glas noch bedächtiger ab.
“Ein Pilz?” Sie stellt sich einen mit Schimmel überzogenen Bücherwurm vor, doch der Gedanke will sie nicht erheitern. “Weniger? Warum ging es bei ihm nicht gleich weg? Wie hat er es eingedämmt? Und was hat er mit der Schale gemacht?”

Ethan zieht eine unglückliche Miene. Ihm ist ja auch klar, dass die Informationen, die er Irene gibt, ihr nicht reichen. Er versucht es ja schon. Dauert halt, weiß sie doch. Verlegen fährt er sich mit den Fingern in die Haare.
“Schleimpilz. Alles überzogen, mit dem er in Berührung kam. Bart war’s aber bisschen anders. Nicht der Pilz, glaub. Eher innerlich. Weiß nicht, warum’s bei ihm so zäh war. Vielleicht, weil es, hm. Geistig war. Ging jedenfalls nicht mit dem Tor weg. Und einmal Weihwasser war nicht genug. Hat viel davon getrunken. Und Ritual half. Wollte aber noch mehr lesen. Wunder dich nicht, wenn du ihn triffst. Hat vielleicht noch Reptilienaugen. Von dem ‘Gator.”
Sie reißt die Augen auf, schüttelt ungläubig den Kopf, schweigt jedoch. Ihr fehlen die Worte.
Dann nimmt Ethan einen Schluck von seiner Cola, sieht Irene eindringlich an und beugt sich in seinem Stuhl vor. Oder will sich vorbeugen. Unterdrückt eine Grimasse und lehnt sich langsam wieder zurück. “Schale. Ja. Ist noch bei Bart. Aber… Muss mit dir reden deswegen. Hatten da ne Idee. Wir alle. Barts Trailer ist geschützt, aber halt… n Trailer. Dachten… vielleicht n Ort. Sicherer Ort. Archiv. Wie von eurer Familie. Nur halt… Naja. Ähm.” Scheiße, wie arrogant das klingt. “Unseres. Was Sicheres. Vielleicht, wo nicht einer alleine ran kann. Nur mehrere von uns zusammen. Schon paar Gedanken gemacht. Aber wollen dich bei haben.”

Eigentlich wollte Irene wissen, wie Bart die Schale gereinigt hat, und nicht, ob er sie als Trophäe für sich selbst beansprucht. Doch dieses vorsichtige Lavieren um die richtige Ausdrucksweise macht ihr sehr schnell klar, was Sache ist. Die Idee vom “sicheren Ort”, der nicht das Archiv der Hooper-Winslows sein soll, trägt über und über die Blackwood-Handschrift. Sie merkt, wie ihre Lippen schmal werden. Wie unverschämt, ausgerechnet Ethan vorzuschicken! Und bestimmt wollen sie nicht nur ihren Rat, sondern vor allem Irenes finanzielle Unterstützung für ihren Plan einholen.
Nachdem sie die ersten paar Bemerkungen, die ihr in den Sinn kamen, heruntergeschluckt hat, holt sie tief Luft und fragt betont liebenswürdig: “Bist du dir sicher, dass mein Cousin nicht noch von ein paar höllischen Rückständen kontaminiert ist, die ihn dazu bringen, das Ding in seiner Nähe haben zu wollen und ausgerechnet den sichersten aller Orte auszuklammern? Oder wie habt ihr euch das vorgestellt, hier in den Staaten einen Platz zu finden oder zu schaffen, der auch nur halb so gut geschützt ist wie unser dreihundert Jahre altes Archiv? Glaubst du, bei uns gibt es keine Vorkehrungen, dass einer alleine an die wirklich gefährlichen Bestände nicht einfach so herankommen kann?
Ihr könnt entweder einen Ort schaffen, der eurer ist. Dann habt ihr keinen hundertprozentigen Schutz. Oder ihr vertraut die Schüssel uns an. Dazu müsst ihr die Kontrolle darüber aufgeben. Aber wozu solltet ihr die auch behalten müssen. Ihr wollt das Ding doch wohl nicht benutzen, oder?” Sie unterstreicht ihre Worte mit einem auf Ethan gerichteten Zeigefinger, den sie langsam auf seine Brust legt, da wo sich der Verband abzeichnet.
“Du kannst ja mal Sams Eltern fragen, wie erfolgreich sie mit ihrem Privatarchiv waren. … Oh, Moment. Ich vergaß. Kannst du nicht.”

Au. Irenes letzte Sätze lassen Ethan zusammenzucken, als habe sie ihm eine Ohrfeige versetzt. Und mit dem Druck ihrer Fingerspitze lässt die Britin ein scharfes Feuer in der Wunde auflodern, das fast so heftig brennt wie das Salz, mit dem Barry versucht hat, den Dämonenpilz einzudämmen. Ethan zieht zischend die Luft ein.

Ein Schwanzschlag. Eigentlich nur ein Schwanzschlag, auch wenn er von den extra stacheligen Schuppen eines mutierten zweiköpfigen Alligators kam. Hätte schlimmer kommen können, und Ethans letzter Schuss hat gesessen. Die Wunde ist schnell verbunden und wäre eigentlich nicht weiter der Rede wert, wenn da nicht dieses Jucken wäre. Dieses Rumoren. Der eitrige Schleim, der durch den Verband nässt und sich bewegt, als sei er lebendig. Sich in Ethan ausbreitet. Ausbrennen, ist sein erster Instinkt. Hat die kleine Propangasflasche des Campingkochers schon in der Hand, ehe Barry ihm in den Arm fällt. Aber das Salz, zu dem der Schriftsteller rät und das er großzügig in Ethans Verletzung verreibt, sorgt neben einem kurzen Verschwimmen der Welt vor Ethans Augen nur dafür, dass der Schleimpilz sich in die Wunde zurückzieht und innen weiterwächst statt außen.

Drecksmist. Ethan bringt seine Atemzüge wieder unter Kontrolle und sieht Irene bedrückt an. “Benutzen? Niemals. Deswegen ja: sicher. Nicht einer alleine.” Er seufzt tief. “ Bart…” Er sucht nach den Worten, aber die wollen nicht kommen. Ethan zieht eine Grimasse, versucht es wieder. “Weiß nicht. Glaub nicht, aber… Vielleicht doch beeinflusst. Sagte… “ Ethan zögert. Barts Sprüche in bezug auf die Schüssel, dass man sie benutzen sollte, wenn nötig, haben ihm genauso wenig gefallen wie Emily. Deswegen war er ja so dahinter her, dass das Ding nicht bei dem Gelehrten bleiben sollte. “Klang so, als traut er euch nicht. Eurem Archiv. Sicherheit da.” Sein Stirnrunzeln vertieft sich. “Beobachten.”
Ethan sucht jetzt ganz direkt Irenes Blick. “Barry meinte: alter heiliger Ort vielleicht. Wollte sich umhören gehen. Vielleicht schon eine Idee. Ohio. Hat gefragt, ob ich mitwill, anschauen. Und ich wollt wegen Bauen überlegen. Aber: Nicht ohne dich.”

“Was? Nicht ohne meine moralische Unterstützung? Oder meine finanzielle?” Die Britin setzt ein schiefes Grinsen auf.
“Nicht ohne dich im Boot.” Bei diesen Worten klingt Ethans Stimme sehr entschieden, ehe er sich dann doch verlegen mit den Fingern in die Haare fährt. “Geld? Weiß nicht. Möglich. Bart keins?” Er schnaubt selbstironisch. “Ich jedenfalls nicht.”

Dass Ethan nicht viel Geld hat, ist kein Geheimnis. Trotzdem ist es nicht das, was ihn am meisten fuchst, als die Weatherby im fauligen Sumpfwasser versinkt.
Barry hat den Park Ranger geschnappt, aus dem die Flut von riesigen Tausendfüßlern hervorgebrochen ist. Glücklicherweise hat der Mann das Bewusstsein verloren. Zurück zum Boot. Ethan fegt Rieseninsekten mit dem Gewehrkolben weg, Bart verspritzt Weihwasser, und Emily verschießt einen Pfeil nach dem anderen mit erschreckender Präzision.
Plötzlich schießt das mutierte schuppige Riesenvieh wieder unter der Wasseroberfläche hervor. Verdammt! Den hatte Ethan doch erlegt – dachte er. Dachte. Aber keine Zeit zu denken jetzt: Als sie am Ufer angekommen sind, muss Barry den Ranger loslassen, um mit seiner einen Hand aufs Boot zu kommen, und Ethan übernimmt, will den Verletzten über Bord hieven. Aber dabei kommt das Gewehr über seiner Schulter ins Rutschen, und Ethan hat die Wahl: Die Waffe oder der Mensch. Die Frage stellt sich gar nicht.
Mit einem dumpfen Platschen landet die Weatherby im Sumpf, verschwindet langsam außer Sicht, und Ethan beißt die Zähne zusammen, während er selbst, von Emily unterstützt, hinter dem Ranger ins Boot rollt und den Steuerhebel packt.
Es ist nicht das Geld, das ein neues Gewehr kosten wird. Es ist nicht mal die Tatsache, dass er jetzt unbewaffnet ist. Aber er hat Barrys Geschenk verloren. Verdammt.

“Ethan, ich habe dir gesagt, was ich machen würde. Wenn Bart Angst hat, dass ich den Pott drüben als meinen Fund ausgebe, weil er mehr hermacht als das Horn von Jericho, dann soll er ihn selber hinüberschaffen. Was er gegen das Archiv hat, verstehe ich nicht. Der Sicherheitsstandard, den ich gewohnt bin, besteht nicht nur aus ein bisschen Hightech. Die richtigen Granaten unter unseren Schutzmaßnahmen stammen aus einer Zeit als menschliche Arbeitskraft noch fast nichts gekostet hat. Das kopiert man nicht mal eben in ein, zwei Jahren hier herüber. Abgesehen davon, dass es meinen finanziellen Rahmen genauso sprengen würde wie den jedes anderen einzelnen Hooper-Winslow. Wenn Euch wohler dabei ist, das Ding auf diesem Kontinent in eine Fluchkiste zu packen und einen Grizzlygeist obendrauf zu setzen, dann tut das. Die Kiste und ein paar weitere Sicherungen kann ich Euch beschaffen. Aber glaubt nicht, dass ich das gutheiße.”

Ethan schüttelt den Kopf. “Nein.” Er macht eine etwas hilflose Handbewegung, nimmt sich die Zeit, um die Worte in seinem Kopf zu sortieren und sorgfältig vorzubereiten, ehe er sie ausspricht. Das ist wichtig hier. “Wollte deinen Rat haben. Wusste bisher nicht so viel über euer Archiv. Sagst, es ist sicher. Sagst, ihr kommt da nicht einzeln dran. Mir reicht das. Ob’s den anderen reicht? Weiß nicht.” Ethan schüttelt den Kopf, zuckt dann mit den Schultern. “Ich weiß nur, das Ding muss weg. Und Bart…“ Er presst die Lippen aufeinander, will eigentlich ungern über andere reden. “Zu bereit, das einzusetzen.”

Irene setzt an, etwas zu sagen, überlegt, formuliert es neu. Ethan beginnt wirklich, auf sie abzufärben. Gut, so wie er kann sie auch. Sie konzentriert ihren Gedankenstrom in einem mit Nachdruck vorgebrachten Wort: “Wozu?”
“Weiß nicht”, wiederholt Ethan unglücklich. “Ganz grundsätzlich. Hat nicht ausgeschlossen, das Ding zu benutzen. Darf nicht.” Er kann einen Schauder nicht unterdrücken. “Höllentor öffnen? Jungfrauenblut? Auch wenn keiner stirbt. Darf nicht. Muss weg.”
Irene wiegt den Kopf hin und her und murmelt: “Sag niemals nie.” Prinzipiell versteht sie beide. Mit leichter Tendenz zu Ethans Einstellung. Barts Bereitschaft, recht früh zu extremen Mitteln zu greifen, ist ihr schon bei ihrem ersten Treffen ins Auge gestochen. Keine gesunde Lebensweise. Sie zückt ihr Handy und verfasst eine knappe Nachricht an ihren Verwandten. “Wie geht es dir?”

Gah. Ethan verzieht das Gesicht. Nein. Klar soll man niemals nie sagen. Und vermutlich sollte er tatsächlich nicht mal ausschließen, dass es nicht eventuell und unter Umständen eine Gelegenheit geben könnte, in der er selbst auch soweit wäre, so extreme Maßnahmen anzuwenden. Aber. Er kann sich gerade nicht vorstellen, was das für Umstände sein könnten. Er hat auch keine Ahnung, was er Irene jetzt darauf antworten soll. Stattdessen wendet er sich den Resten seines Burgers zu, auch wenn der ihm gerade überhaupt nicht mehr schmecken mag. “Drecksmist”, murmelt er leise, schiebt den Teller etwas zu heftig weg und verzieht wieder das Gesicht, als die Bewegung ihn erneut an seine Begegnung mit dem Alligator erinnert. “Weiß doch auch nicht, verdammt.”

“Mach dich jetzt nicht verrückt”, sagt Irene. “Das ist eine Entscheidung, die jetzt nicht an diesem Tisch hier fallen muss. Ich werde mal Bart auf den Zahn fühlen. Du kannst das mit Barry unter vier Augen klären, wenn Blackwood sich nicht gerade einmischt. Lass es erst mal sacken. Siehst du denn eine Gefahr, dass Bart in nächster Zeit irgendetwas Dummes tun könnte?”

Eine Insel mitten in dem schleimigen Grün. Eine größtenteils verfallene Hütte. Ganz eindeutig das Zentrum von dem allen hier, so wie der Dämonenpilz an den windschiefen Holzwänden pulsiert. In Ethans Brust pulsiert er in genau demselben Takt; eine widerwärtige und beinahe intime Verletzung seines Selbst. Versucht sich auszudehnen, über die Linien des Schutzkreises hinaus auszubreiten, den Bart nach der vergeblichen Aktion mit dem Salz in wasser- und schweißfestem Marker auf Ethans Haut gemalt hat. Der Schutzkreis hält, der Pilz kommt darüber nicht weg, aber er drückt immer schmerzhafter an dessen Ränder.
Die Lianen, die von den Bäumen hängen, bewegen sich aus eigener Kraft, und hinter ihnen schäumt das Wasser schon wieder so verdächtig. Der verdammte Alligator ist doch garantiert immer noch nicht tot.
In der Hütte der eine Bruder in Ranken gefangen an der Wand, wahnsinnig kreischend. Der andere Bruder tot am Boden, mit eingeschlagenem Schädel neben der Dämonenschale und mit seinem Blut in ihr. Die Hütte wehrt sich. Barry und Emily bekämpfen sie, halten Ranken und Pilz und Holz nach besten Kräften von Bart fern, während Ethan sich mit einer Planke in der Hand dem Alligator entgegenstellt. Sieht nicht, was Bart in seinem Rücken tut, kann aber Wasser plätschern hören, gefühlt endlos lange, auch wenn es in Wahrheit bestimmt nur ein paar Sekunden sind.
Und dann, plötzlich, sind die Ranken nur noch Ranken. Fällt der Alligator, mit dem Ethan gekämpft hat, ins Wasser zurück, jetzt nur noch einköpfig und mit normalen Alligatorschuppen, keinen mutierten Stacheln mehr. Ist der unerträgliche Druck in seinem Brustkorb, dieses Gefühl des Ausgeliefertseins, mit einem Mal verschwunden, und die Wunde schmerzt nur noch, wie eine Verletzung von einem Alligatorschwanzschlag das eben tut. Kein Schleimpilz mehr an den Wänden der Hütte. Im Boot richtet der Ranger sich vorsichtig auf.
Barry verzieht das Gesicht, kann nicht  richtig auftreten. Fuß gebrochen. Verdammt. Bart atmet schwer, dann trinkt er hastig selbst einen Schluck von seinem Weihwasser. Dampf kommt aus seinem Mund. Seine Augen irisieren weiterhin gelblich um geschlitzte Pupillen herum.

Ein paar Sekunden lang denkt Ethan ernsthaft über Irenes Frage nach, schüttelt dann ebenso ernsthaft den Kopf. “Glaub nicht. Hat zwar diese… diese Infektion noch, aber glaub nicht. Hat sich… unter Kontrolle, glaube ich. Hoffe ich. Hatte das die letzten Tage, wurde immer besser. Auch wenn…” Ethan zögert kurz, schnaubt dann beinahe amüsiert. Den Iron Man-Spruch hat er selbst gebracht. Er konnte einfach nicht anders, als Emily ihn fragte, was wäre, wenn die Reinigung der Schale nicht alles wieder normal werden lassen würde. Galgenhumor? Vielleicht. Musste er sich aber jedenfalls nicht wundern, als Bart das fiese grüne Zeug im Filzstiftkreis daraufhin betrachtete wie ein wissenschaftliches Experiment und dem Gelehrten förmlich auf die Stirn geschrieben stand, dass er überlegte, ob und inwieweit sich der Dämonenschleim als magische Kraftquelle einsetzen lassen würde. “Denkt an Dummheiten. Glaub aber nicht, dass er sie auch macht.”
Ethan atmet tief durch und trinkt sein Glas leer. Jetzt wäre ein Bier doch gut, aber er muss immer noch fahren. “Hast recht”, murmelt er dann. “Danke.”

Auf dem Rückweg lässt Ethan die Gedanken frei schweifen. Denkt an nichts Bestimmtes und alles zugleich.

“Arzt.“
“Geht schon. Hast es ja geschient. “
Ethan sieht seinen Freund aufgebracht an. “Bist du irre? Gebrochen. Gips.“ Er atmet tief durch, setzt neu an. Er weiß ja, um was es dem Älteren geht. “Okay, verdammt. Kein Krankenhaus. Aber
Arzt.“ Wieder zögert er. “Bitte.“

“Was weiß er?“ Emily, anklagend. Völlig auf Ethan konzentriert, ganz so, als sei Barry überhaupt nicht da.
Drecksmist. Es sticht. Noch immer. Es fällt Ethan schwer, die Worte auszusprechen, aber muss. Ist ihr Anrecht. “Dass ich Scheiße gebaut habe. Dass ich dich verloren habe. Euch alle. Dass es ein Schock war, dich wiederzutreffen. Erleichterung, aber Schock.“ Vielleicht hätte er es nicht weitererzählen sollen. Vielleicht ist es ein Vertrauensbruch gegenüber Emily. Aber bei irgendwem musste er es loswerden, und Barry ist nun mal einer der drei Menschen auf dieser Welt, bei denen sich die Frage nicht stellt. Aber glücklicherweise nickt die junge Jägerin. Akzeptiert. Es war ihr wohl vor allem wichtig, dass er niemandem verraten hat, wo sie in der Zeit ihres Verschwindens genau war, und das würde Ethan tatsächlich im Traum nicht einfallen. Das ist nicht seins zu erzählen.

“Vielleicht will ich das gar nicht mehr. Freunde meine ich. Denn entweder verliere ich sie, bringe sie in Gefahr, oder sie werden verletzt. Und das kann ich einfach nicht mehr ertragen. Besser, keine Freundschaften zu schließen.”
Emily schielt bedrückt hinter ihren Händen hervor, in denen sie den Kopf vergraben hat.
Bei diesen Worten schüttelt Ethan sehr vehement den Kopf. “Auch gedacht“, setzt er ihr entgegen. “Acht Jahre lang. Aber… Nein. Tut weh, klar. Freunde verletzt sehen. Sterben sehen. Vielleicht…”, er schluckt, bekommt die beiden nächsten Worte nur schwer an der plötzlichen Enge in seinem Hals vorbei, “jagen müssen… Aber trotzdem. Trotzdem. Geht ohne, klar. Aber… verlierst was von dir.”
Emily schluckt. Sieht ihn trostlos an. „Wie kann ich ein Freund sein, wenn ich weiß, dass es gefährlich in meiner Nähe ist? Auch dort, als ich im… im, als ich dort drüben war. Es war nicht nur Eunice, die ich zurückließ.” Sie zögert, verzieht dann das Gesicht.
„Es ist ja nicht so, dass ich die Leute nicht mag, aber du hast ja selbst gesehen, was passiert.“ Emily lacht bitter auf. „Manchmal komme ich mir vor wie ein Parasit. Ein Parasit, der sich irgendwo festsaugt und erst loslässt, wenn von dem ‘Wirt’” – bei dem Wort malt sie Anführungszeichen in die Luft – “nichts mehr da ist. Aber hey, das ist schon okay für mich. Ich komm damit klar.”
Ein zögernder, um Erlaubnis bittender Griff nach Emilys Hand, den sie zu seinem Erstaunen zulässt, dann ein vorsichtiger kurzer Druck, bevor Ethan seine Hand wieder zurückzieht. „Kanns dir nicht vorschreiben. Deine Sache. Deine Entscheidung. Aber: Bei mir? Macht mir Angst, ja. Oft. Aber…“ Er unterbricht sich, starrt einen Moment lang in die Ferne. Sucht nach dem richtigen Ausdruck und wappnet sich für die vielen Worte, die jetzt kommen müssen. Das ist wichtig hier. „Wärmt auch. Und du…“, jetzt sieht er Emily direkt an, spricht diese Worte mit Nachdruck aus, „bist kein Parasit. Glaub jeder von uns denkt das. Mal mehr, mal weniger. Bist du aber nicht. Gefahr kommt mit dem Job. Gehört dazu. Gibt Verluste, ja. Bleibt nicht aus. Schlägt einem Wunden. Tiefe Wunden. Nur…“ wieder fährt Ethan sich in die Haare, „… wenn’s soweit ist…“ Er bricht ab, zögert, und seine Stimme wird leise. „Will gelebt haben. Wissen, was es heißt, Freunde gehabt zu haben, wenigstens einen oder zwei. Ein Freund gewesen zu sein. Vielleicht einen Freund beschützt zu haben statt nur eines Kampfgefährten.“ Ethan bricht wieder ab, schüttelt den Kopf. „Scheiße. Kriegs nicht formuliert. Jedenfalls: Bist kein Parasit. Kay? Und du bist nicht die Gefahr.“

Die Heimfahrt mit Barry. Lange Meilen einträchtigen Schweigens unterbrochen von gelegentlichen Unterhaltungen, wenn einem von beiden etwas einfällt, das er dem anderen erzählen möchte oder von ihm wissen will. Barry von den Kindern und dem geplanten Umzug nach Chicago. Über das Buch, an dem er schreibt, und die Sprache aus dem walisischen Wörterbuch. Die Idee von dem verlassenen Ort in Ohio, wo man vielleicht den Safe hinbauen könnte. Ethan vom Besuch bei seiner Familie zu Weihnachten und von der Sache mit den Ghulen. Der vorsichtigen, sehr vorsichtigen, Annäherung an Alan. Was ein paar Tage in gemeinsamen Krankenzimmer doch ausmachen können. Und von Sam. Ethan versucht, sich seine Unsicherheit in bezug auf Samantha nicht allzu sehr anmerken zu lassen, nicht allzu zweifelnd zu klingen, aber andererseits: wem, wenn nicht seinem besten Freund, kann er anvertrauen, wie tief die ganze Sache für ihn schon geht? Fluch loswerden, dann weitersehen – für ihn selbst wie ein Mantra, an dem er sich festhält, kann Ethan sich manchmal des Gedankens nicht erwehren, dass Sam das eher als Rückversicherung meint: als ein bloß-auf-nichts-einlassen. Barrys Kommentar, er sei da zwar alles andere als fit gewesen und überdies auch kein großer Menschenkenner, er habe aber in Portland durchaus das Gefühl gehabt, dass Sam viel für Ethan empfinde, lässt einen heftigen Schub der Erleichterung durch Ethan branden, aber den versucht er nach Kräften zu unterdrücken. Fluch loswerden, dann weitersehen. Wenn Sam die Worte anders meint, als er sie verstehen will, kann er es ohnehin nicht ändern.
Bei ihrer Übernachtung in Nashville hat keiner von beiden Lust auf Country & Western. Aber da ist ein Kino, und da läuft der neue Lego-Batman. Beide müssen grinsen, als in dem Film sehr deutlich der Spruch vom ‘der will sich nur selbst nicht wehtun’ gemacht wird.

Und dann das überwältigende Gefühl von Deja Vu, als Ethan bei seiner Rückkehr Niels’ E-Mail vorfindet. “Ich hab alles falsch gemacht. Hab nicht auf Verstärkung gewartet, habe Emily in Gefahr gebracht und mich auch. Ich dachte, ich krieg das hin. Von wegen. Die Brandwunden an meinen Armen und meinem Oberkörper sagen was anderes, und die an Emily auch. Hab ich richtig gut hingekriegt. Ich kann Emily nicht mehr unter die Augen treten, und bei Bart habe ich auch so meine Zweifel, und meine Familie… Jedenfalls, ich sitze hier erstmal fest, und vielleicht ist das ganz gut so. Dann kann ich wenigstens niemandem schaden.”
Ethans Antwort enthält ziemlich genau dieselben Argumente, die er auch Emily gegenüber angeführt hat. Nur, weil er sie diesmal aufschreiben kann statt aussprechen muss, um einiges flüssiger ausgedrückt.

Er wirft einen Blick zu Irene auf dem Fahrersitz. Sie hat darauf bestanden, dass sie diesmal fährt, weil sie der Ansicht war, Ethan solle seinen Arm noch schonen, auch wenn der Gips inzwischen entfernt ist. Er hat die Augenbrauen gehoben und ist wortlos auf die Beifahrerseite gegangen. Ist ja nun nicht so, dass er nicht gerade erst mit dem Auto in Georgia war, aber hey. Die Britin hat eine kleine Falte über der Stirn, fährt konzentriert. Entweder das, oder sie ist selbst in Gedanken versunken. So oder so bemerkt sie seine Aufmerksamkeit nicht.

Das ist wirklich so ein Jägerding, denkt Ethan. Dieses Abkapseln. Keine Bindungen eingehen wollen, aus der Befürchtung heraus, andere in Gefahr zu bringen. Emily. Niels. Sam. Und Cal und Irene. Keiner von beiden hat Ethan eingeweiht, was jetzt genau zwischen ihnen läuft, aber er ist ja nicht blind. Er sieht, wie sehr Irene unter Cals Seelenproblem leidet, wie verbissen sie nach einer Lösung sucht, und wie sie sich eigentlich ebenso verbissen dagegen wehrt, was da mit ihr passiert. Und Cal… heh. Der ist doch ohnehin der sprichwörtliche einsame Wolf. Ob und inwieweit der sich davon je abbringen lassen wird, ist auch noch die Frage, Irene hin oder her. Es wäre fast erstaunlich, dass er damals die zwei Jahre mit Ethan herumgezogen ist, wenn Ethan nicht auch den tief vergrabenen Beschützerinstinkt seines Ziehvaters kennengelernt hätte. Jedenfalls hat Cal in den zwei Jahren ganz schön auf ihn abgefärbt, denkt Ethan mit einem schiefen Lächeln. Im Guten wie im weniger Guten. Immerhin war Ethan bis vor gar nicht so langer Zeit selbst auch vollkommen auf dieser einsamer Jäger-Schiene. Ist es bis zu einem gewissen Grad auch immer noch, trotz allem, was er Emily gesagt hat. Aber eben nicht mehr komplett. Er hat keine Ahnung, wie das genau passiert ist. Er hat es nicht darauf angelegt. Und jedes Wort, das er zu Emily gesagt hat, hat er völlig ernst gemeint. Es macht ihm eine verdammte Scheißangst, ja. Aber er würde es auch nicht mehr missen wollen, jetzt, wo er es wiedergefunden hat.

Später, am Hügel, verabschiedet Ethan sich mit einer verlegenen Umarmung von Irene. Und findet zuhause in Burlington eine Mail von Niels vor. Der Deutsche will ihn besuchen kommen. Heh. Mehr Kontakt. Gut so.

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