Supernatural – Vampire Villainy

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”Ich muss nach England, Ethan.”
“Hm?”
“Ich muss. Meine Fam– Francis. Francis hat mich sehr dringend gebeten zu kommen, um nicht zu sagen: darauf bestanden. Ablehnen ist keine Option. Die Familie erwartet es von mir, und ich soll’s als Chance sehen. Mich über die Familie informieren, lernen. Und ich dachte… Wenn ich schon muss, dann kann ich die Gelegenheit auch nutzen. Ich meine, das Archiv der Hooper-Winslows ist riesig, haben meine… meine Eltern immer erzählt. Wenn ich schon mal da bin, dann… dann finde ich vielleicht auch was raus, wie w– wie du den Fluch lösen kannst.”
Sam spricht schnell. Sehr schnell. Zu schnell. Als wolle sie sich selbst ebenso überzeugen wie Ethan. Er sieht sie an, blinzelt. “Oh.” Sucht das nächste Wort irgendwo aus weiter Ferne hervor. “Lang?”
Sam seufzt. “Ich kann noch nicht sagen, wie lang. Einige Wochen, nehme ich an. Vielleicht einen Monat. Oder zwei.”
Drecksmist. Das klingt endlos. Noch viel länger als ohnehin schon, weil Sam in Europa sein wird und nicht einfach nur in den USA unterwegs. Für einen kurzen Moment schließt Ethan die Augen, atmet durch. “Wann?”
“Anfang nächster Woche. Ein paar Tage kann ich bleiben.”
Drecksmist. Elender, verdammter Drecksmist. Ethan versucht ein Lächeln, aber es gelingt ihm nur eher schlecht als recht. Aber dafür klappt wenigstens ein ganzer Satz. “Das ist schön.”

Mitte Februar war das. Kurz nach der Sache im Sumpf. Die Tage bis zu ihrer Abreise verbrachte Sam zu seiner großen Freude tatsächlich bei Ethan, und er fuhr sie dann von der Langzeitgarage, wo sie ihren Bus untergebracht hat, an den Flughafen.
Aber jetzt ist Samantha schon seit etwas über drei Wochen fort, und die Zeitverschiebung nach England ist entsetzlich. Fünf Stunden sind zwar auch nur zwei mehr als von der Westküste zur Ostküste, aber diese zwei Stunden – und die Tatsache, dass Ethan jetzt derjenige ist, der sich im Westen der Verbindung befindet – bedeutet, dass, wenn er nachmittags nach der Arbeit in Europa anrufen könnte, Sam schon beinahe wieder ins Bett geht, und morgens vor der Arbeit ist es bei ihr gerade Mittagszeit. Dazu die dicken Mauern von Winslow Manor, und schon war es das mit regelmäßigen Gesprächen oder einer zuverlässigen Leitung.

Also lenkt Ethan sich ab, so gut er kann. Verfolgt wegen Calebs Seelenproblem jede Möglichkeit, die ihm nur einfällt. Sind bloß leider nicht so viele. Der weiße Hexenzirkel in Pemkowet, der sich ja auch schon bereit erklärt hat, ihm bei seinem Fluch zu helfen, wenn er alle drei Gegenstände zusammen hat, war eher skeptisch, als er das Thema aufbrachte, aber Casimir hat versprochen, dass er sich informieren will. Natürlich hat Ethan sich auch Barry anvertraut, der wusste aber nicht wirklich einen Rat. Wobei, doch. Einen. Die Seele nähren, um dem Absterben entgegenzuwirken oder es zumindest zu verlangsamen. Mit dem sprichwörtlichen ‚Balsam für die Seele’, was ein Begriff ist, den auch Ethan schon gehört hat. Er hätte ihn nur nicht so wortwörtlich genommen, sondern eher in Richtung Zuneigung und Freundschaft gedacht. Aber Barry hat Musik vorgeschlagen. Oder Gedichte. Oder sonst irgendwelche Kunst. Aber auf keinen Fall einfach so nebenher. Richtig drauf einlassen. Hm. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert, und in einer Nachricht hat Ethan die Idee seinem ehemaligen Mentor vorgeschlagen, auch wenn er sich Cal nicht so richtig dabei vorstellen kann, wie der sich in Gemälde oder Musik vertieft. Geantwortet hat sein Ersatzvater auf den Vorschlag allerdings nicht. Kein Wunder.
Kirche in irgendeiner Form lehnte Ethan sofort ab, als Barry diesen Gedanken aufbrachte – nicht nur wegen seiner eigenen Zweifel, sondern auch, weil Cal sich darauf im Leben nicht einlassen würde. Eine Vision so ähnlich wie die, die sein Freund im Sommer für Ethan selbst durchgeführt hat, wollte Barry für einen anderen nicht durchführen – aber auf diese Idee wäre Ethan sowieso nicht mal im Traum gekommen. Als Barry Visionen in den Raum warf, dachte Ethan zwar darüber nach, ob er das vielleicht für Cal übernehmen könnte, aber das war keine gute Idee. Und Cal selbst… naja. Den sieht Ethan noch viel weniger auf einer Visionsreise. ‘Rituale und Substanzen’ vielleicht schon eher, aber damit kennt er sich nicht aus. Nelson Akintola hingegen schon. Vielleicht weiß der etwas. Der Nigerianer ist zwar gerade auf Forschungsreise in Afrika, aber sie sind in Kontakt, und auf Ethans Mail hin hat Nelson geantwortet, dass er versuchen wird, herauszufinden, was er kann.
Bleibt sonst weiter nicht viel außer hoffen – und überlegen, ob ihm vielleicht sonst noch jemand einfällt, den man zu dem Thema befragen könnte. Kurz gesagt: Augen und Ohren offenhalten.

Und noch in einer anderen Hinsicht hält Ethan Augen und Ohren offen. Zumindest jeweils ein halbes. Denn bei der Aktion in Crockett letzten November haben sie zwar diesen Game Wardens aus dem Davy Crockett National Forest ihr perfides Werwolfs-Geschäft versalzen, aber der eigentliche Drahtzieher, dieser Jäger Zeb McCade, hat sich schön im Hintergrund gehalten und von dem ganzen Ärger, um im Bild zu bleiben, nicht mal einen Salzkrümel abbekommen. Na wobei. Ein paar Krümel vielleicht doch. Immerhin haben sie McCades Machenschaften hinterher in so vielen Roadhouses wie möglich bekannt gemacht, was ihm hoffentlich immerhin schon mal wenigstens zum Teil das Wasser abgegraben haben sollte.

Aber Ethan will auf jeden Fall wissen, ob der Kerl nicht etwa neue, ähnlich faule Geschäfte aufzieht. Also hat er seit Crockett durchaus darauf geachtet, was man von McCade so hört, und als ihm jetzt einer seiner Kontakte steckt, dass der Jäger sich seit einer ganzen Weile im Dreistaateneck zwischen Florida, Alabama und Georgia herumtreibt und da ständig hin- und hergondelt, klingen bei Ethan die Alarmglocken. So beständig in einer Gegend, aber nicht an einem festen Ort zu bleiben, klingt verdammt verdächtig in seinen Ohren. Dem gehört nachgegangen, und zwar je früher, desto besser. Bei der Arbeit hat er gerade etwas Luft, und außerdem: ablenken.

Also gibt Ethan Emily McMillen Bescheid, dass er dem Kerl mal auf den Zahn fühlen will, oder zumindest sich umhören, was der da unten so treibt. Immerhin war die junge Jägerin über McCades Machenschaften in Crockett ebenso empört wie Ethan selbst und sagte schon damals, dass sie in der Sache mit am Ball bleiben wolle.
Ethans Kontakten zufolge wurde McCade zuletzt in Donalsonville, Georgia gesehen. Emily ist gerade irgendwo in Maine unterwegs, sagt sie, als er bei ihr anruft, also kommt sie bei Ethan in Burlington vorbei, und sie fahren gemeinsam.

Donalsonville ist eine Kleinstadt von knapp zweitausend Einwohnern, und schon bei ihrer Ankunft in dem Ort fällt den beiden Jägern auf, dass irgendwas nicht stimmt. Erstaunlich viele Leute auf der Straße sind in dunklen Farben gekleidet, und es scheint eine bedrückte Stimmung zu herrschen.”Ob sie wohl unter irgendeinem Einfluss stehen?” grübelt Emily laut, aber so aus der Ferne lässt sich das nicht beurteilen. Zeit für den klassischen Ansatz. Zeit Fragen zu stellen.

Keiner der beiden Jäger ist eine große Leuchte in der Kunst, mit Leuten zu reden, aber sie geben ihr Bestes. Und da die Kellnerin in dem Diner an der Hauptstraße, wo sie ihr Glück versuchen, unglaublich schwatzhaft ist, bekommen sie tatsächlich heraus, warum hier alle so traurig sind. Es hat hier im Ort innerhalb kurzer Zeit vier Todesfälle gegeben, und in einer so kleinen Gemeinde schlägt sowas natürlich Wellen. Gerade vorhin wurde eine Gedenkandacht für die Verstorbenen abgehalten, und davon ist die ganzen Stadt eben noch niedergeschlagen.

Die Kellnerin ist nicht nur schwatzhaft, sie ist auch abergläubisch. Oder streitet zumindest mal den Gedanken an das Übernatürliche nicht kategorisch ab. Denn sie erzählt, auch wenn die offizielle Todesursache Herzversagen nach plötzlicher Anämie gewesen sei, habe es im Ort Gerüchte von Vampiren gegeben. Oder jedenfalls wolle Mister Elmore vom Gemischtwarenladen Vampire gesehen haben.

Vampire, stimmen Emily und Ethan vorsichtig zu und erkundigen sich, wo dieser Gemischtwarenladen denn genau sei. Und dann, um von ihrem Interesse an den übernatürlichen Kreaturen ein bisschen abzulenken, auch noch etwas eingehender nach den Toten. Vier Personen, wie die Kellnerin schon sagte, und nicht miteinander verwandt oder verschwägert oder sonstwie miteinander verbunden: Ein mexikanischer Wanderarbeiter, ein junger Zeitungsmann, ein Ehepaar. Soooo große Stützen der Gemeinde.

Aber vielleicht waren es ja doch Vampire, vertraut die redselige Lady ihnen jetzt an. Denn das Problem sei gelöst worden, und plötzliches Herzversagen hätte man ja wohl nicht einfach so lösen können. Ach sieh mal einer an. “Gelöst?” hakt Emily nach, aber das hätte sie vielleicht nicht mal gemusst, denn die Dame spricht schon weiter. Es sei jemand in die Stadt gekommen und habe die Vampire erledigt. “Oh?” wirft Ethan ein, und bereitwillig führt die Kellnerin weiter aus: Ja, ein Weißer in den Dreißigern, mit einem Pickup und einem Hund. Ach nee. Überraschung.
Eine genauere Beschreibung von dem Mann kann die Bedienung allerdings nicht abgeben, selbst gesehen hat sie ihn nämlich nicht – oder zumindest nicht aus der Nähe. Er habe das alles mit Reverend McGregor ausgemacht.
“Problem erledigt, hm?” hakt Ethan noch einmal nach.
Ja, bekommt er zur Antwort. Seit der Mann da war, habe es keine neuen Todesfälle mehr gegeben. Der habe das Problem wohl tatsächlich gelöst.
“Mhmm”, macht Ethan nachdenklich. “Vampire? Leichen?”
Aber irgendwelche Leichen von irgendwelchen Vampiren hat niemand gesehen. Falls es denn Vampire waren, betont die Kellnerin. Klar. Falls.

Als sie wieder draußen sind, verzieht Ethan das Gesicht zu einem ironischen Grinsen. “Heh”, schnaubt er. “Dragonheart.”
Emily sieht ihn verwirrt an. “Dragonheart?”
“Mhmm”, macht Ethan, “Film. Fantasy. Drache terrorisiert ’n Dorf. Frisst Schafe. Verbrennt Ernten. Ritter kommt ins Dorf. Jagt den Drachen. Großer Held. Belohnung. Bloß: alles nur ‘n Trick. Verbündet. Ziehen weiter, nächstes Dorf. Kennst nicht?”
Emily schüttelt den Kopf. “Ich habe keine Zeit für Filme”, erklärt sie kühl.
“Mhmm”, brummt Ethan wieder. ”Jedenfalls: Hier vielleicht? McCade und die Vampire? Könnt ich mir denken.”
“Stimmt”, nickt Emily, “zutrauen würde ich ihm sowas.”
So oder so, beschließen die beiden Jäger, sollten sie als erstes mit diesem Mr. Elmore vom Gemischtwarenladen reden. Weil der Laden nicht weit weg ist, lassen sie den Nissan auf dem Parkplatz vor dem Diner stehen und gehen zu Fuß. Vielleicht lässt sich so noch ein bisschen was von der Stimmung in der Stadt einfangen.

Sie haben vielleicht die halbe Strecke zurückgelegt, da runzelt Ethan die Stirn. Das war jetzt schon das zweite Mal, dass er in einem Fenster flüchtig dieselbe Gestalt gesehen hat. Er geht zwar weiter, ohne seinen Schritt zu verlangsamen, aber jetzt schaut er aufmerksamer hin, und tatsächlich: Dieser Kerl in Trenchcoat und Baseballkappe folgt ihnen, da würde Ethan einiges drauf verwetten. Ethan fährt herum, aber der Typ muss sowas schon geahnt haben, denn Ethan sieht nur gerade noch den Rest seines Trenchcoats in einer Seitenstraße verschwinden.
Ethan zerbeißt einen Fluch zwischen den Zähnen und setzt dem Mann nach. Dummerweise nur will er zu eilig um die Kurve biegen und stößt mit einer älteren Frau zusammen, die aus der anderen Richtung kommt. Drecksmist. Bis er der alten Dame aufgeholfen, sich entschuldigt und vergewissert hat, dass ihr nichts passiert ist, hat der Verfolger alle Zeit der Welt gehabt, sich abzusetzen.

Aber als Ethan, dicht gefolgt von Emily, in die Seitenstraße tritt, hat der Verfolger sich nicht abgesetzt. Im Gegenteil. Er steht einfach ganz unbekümmert da und wartet, bis Ethan ihn erreicht. Den Trenchcoat und die Baseballkappe hat er jetzt allerdings nicht mehr an, sondern trägt die ganz normalen Sachen, mit denen Ethan ihn kennt. Denn Ethan kennt den Kerl. Es ist noch nicht mal so lange her, dass Ethan ihn zuletzt gesehen hat. Sechs, sieben Wochen oder so?
“Na wenn das mal nicht mein sprachbehinderter Freund ist”, grinst Flann Breugadair. “Und seine hübsche Freundin dazu.”
Sechs, sieben Wochen? Nicht lang genug, elender Drecksmist.

Ethan bedenkt den Verwandlungskünstler mit einem ausdruckslosen Blick, während Emily den älteren Jäger ungehalten anstarrt und für den blöden Spruch immerhin ein “Haha” übrig hat.
“Was macht ihr denn hier?” will Flann jetzt wissen. “McCade”, knurrt Ethan. “Du?”
“Ach, ich bin auch an McCade dran, aber wegen so eines kleinen Privatprojekts”, weicht Breugadair aus, was ihm sowohl von Ethan als auch von Emily einen skeptischen Blick einbringt. “Privatprojekt, soso”, bringt Emily diese Zweifel auf den Punkt, geht aber nicht weiter darauf ein, sondern berichtet dem anderen von den Vorfällen hier im Ort und von McCades vermuteten Machenschaften. Flann, der ja in Crockett auch mit dabei war, ist sofort bereit, sein Privatprojekt hintenanzustellen, oder besser, sein Privatprojekt mit Ethans und Emilys Bemühungen zu verbinden, weil es ja albern wäre, sich nicht zusammenzutun, wie er findet. Ethan ist sich da nicht ganz so sicher, aber hey. Von ihm aus.
“Was wollt ihr mit McCade anstellen, wenn ihr ihn habt?” will Breugadair dann wissen, und Ethan verzieht das Gesicht. Tja. Gute Frage. Sehr gute Frage. Nur eins ist sicher. “Nicht umbringen”, sagt er entschieden. “Mensch.”
“Also bevor der mich umbringt, bringe lieber ich ihn um”, erklärt Emily, aber so hat Ethan das gar nicht gemeint. “Selbstverteidigung, klar”, stimmt er der jungen Jägerin zu, muss diese Aussage dann allerdings gleich wieder ein bisschen einschränken. “Aber”, brummt er, und noch während er die Worte ausspricht, ist ihm die Ironie der Situation nur allzu bewusst: “Angriff provozieren und dann ‘Selbstverteidigung’ sagen zählt nicht.”
Heh. Wenn Agent Saitou das mal gehört hätte.

So oder so gehen die drei Jäger aber erst einmal wie geplant den Gemischtwarenladen von Mr. Elmore aufsuchen. Der Gemischtwarenladen ist allerdings mehr ein Trödellager voller Chinaramsch und altem Müll und Mr. Elmore ein Hippietyp von Mitte Dreißig, dem man schon auf eine Viertelmeile Entfernung ansieht, dass er auf die wildesten Verschwörungstheorien abfährt.
Ganz selbstverständlich übernimmt Flann das Reden. Aber als er den Ladenbesitzer nach den Vorfällen fragt, macht der ganz offen einen auf Schnorrer. “Mein Gedächtnis ist so schlecht!” zwinkert er vielsagend, beißt damit bei dem rothaarigen Jäger aber auf Granit.
Elmore macht ein schwer enttäuschtes Gesicht. “Du hast eine ganz düstere Aura, Mann”, beschwert er sich. “Ganz schlechtes Karma.” “Hey, mein sprachloser Freund hier ist der mit der düsteren Aura”, will Flann abwiegeln, aber der Pseudo-Hippie schüttelt den Kopf. “Das bist schon du, Mann, niemand sonst, da bin ich mir sehr sicher.”
Flann gibt ein “hmpf” von sich und wendet sich ab, also ist es an Emily und Ethan, dem Ladenbesitzer die Informationen aus den Rippen zu leiern. Heh. Soviel zu ‘sprachloser Freund’. Vielen Dank auch für’s zum Reden zwingen.

Ja, von den Toten hat Elmore auch schon gehört. Und zwar nicht ganz so gute Dinge wie die redselige Kellnerin im Diner. Dass nämlich die ach-so-gläubige Stütze der Gemeinde Betty mit dem Reverend insgeheim noch ganz andere Dinge gestützt habe. Jedenfalls sei Elmore in der Nacht, als das Ehepaar starb, gerade unterwegs gewesen und habe vor dem Haus des Paares eine Gruppe von fünf Jugendlichen gesehen. Goth-Kids. So junge Leute mit schwarzen Klamotten und ganz bleicher Haut. “Also nichts gegen Goth-Kids”, wiegelt er dann sofort mit einem schnellen Blick zu Emily ab, “es soll ja jeder nach seiner Art glücklich werden und so, aber die…”, kurz schüttelt der Ladenbesitzer sich, “… die waren echt gruselig. Blutspritzer am ganzen Körper und eine echt üble Aura, da bin ich lieber abgehauen.” Überhaupt gehe die ganze verdammte Stadt ihm auf die Nerven, vertraut Elmore den Besuchern dann an: Sobald er genug gespart habe, wolle er abhauen und nach Atlanta gehen oder nach New York oder sowas.
Sie fragen auch noch nach McCade, aber den hat Elmore selbst nicht gesehen. Er hat nur auch mitbekommen, dass das Problem von einem Mann gelöst worden sein soll, der vor einer Weile in die Stadt gekommen ist und sich gekümmert hat.

Als sie fertig sind, drückt Ethan dem Mann einen Fünfdollarschein in die Hand. Flann, der sich während des Gesprächs im Laden umgesehen hat, dem die kleine Transaktion aber nicht entgangen ist, rollt mit den Augen und geht kommentarlos nach draußen. Erst vor der Tür fällt Ethan auf, dass der rotblonde Jäger drinnen eine ganze Menge Nippes hat mitgehen lassen. Gerade legt er sich eine Halskette aus billigsten Glasperlen um, setzt eine klapprige Sonnenbrille auf und steckt sich eine hässliche Plastikpfeife in den Mund.
“Du benimmst dich wie ein Mädchen”, sagt Emily anklagend, was ihr einen fast beleidigten Blick von dem Älteren einbringt. “Wieso?” fragt er in pikiertem Tonfall, “Was soll denn daran mädchenhaft sein?” “Na das Benehmen”, brummt Emily, “und außerdem dachte ich, du kannst mit Leuten!”
“Aber nicht mit Idioten”, schießt Breugadair zurück. “Und ich habe schlechte Laune.”

Schlechte Laune oder nicht, der nächste Halt ist Reverend McGregor. Denn immerhin hieß es ja, der Geistliche habe Kontakt mit McCade gehabt.
Flann hat noch immer sein Diebesgut um den Hals hängen, und auch, als sie an der Baptistenkirche des Ortes angekommen sind, macht er keine Anstalten, das alberne Zeug abzunehmen. Das veranlasst Ethan, dem Mann einen halb ungläubigen, halb strengen “Echt jetzt?”-Blick zuzuwerfen, denn egal, ob man selbst religiös sein mag oder nicht, eine Kirche ist ein Ort zum Respektieren.
Flann starrt ein “Willst du was?” zurück, aber Ethan unterbricht den Augenkontakt nicht, und schließlich ist Breugadair derjenige, der das kurze Blickduell beendet, indem er die Perlenkette und die Sonnenbrille annimmt und wegsteckt, die Pfeife aber in der Hand behält. Okay. Da kann Ethan mit leben.
“Siehst du? Wie ein Mädchen!” knurrt Emily.
“Was? Nein! Das war doch schon wieder nicht mädchenhaft! Wie kommst du denn auf die Idee?”
“Ganz einfach, weil es albern ist, was du machst!”
“Ach ja? Und du willst jetzt behaupten, Mädchen sind grundsätzlich albern?”
Ethan reicht es. Ohne ein Wort lässt er die Zankhähne stehen und geht voraus in die Kirche.

Er hat nur wenige Schritte über die Schwelle getan, da hält Ethan so jäh inne, als sei er ein Dämon und gerade in eine Teufelsfalle getreten.
”Selathiel will eine zweite Apokalypse, wenn die erste schon ausgefallen ist.”
“Aber… Gott?”
“Als ob Gott sich einen Scheißdreck interessiert, was aus uns wird.”
“Ich glaube, er will, dass die Engel lernen, selbst zu denken.”
“Ja. Und ist dem doch egal, wenn bei dem Denkenlernen halt ein paar Millionen Menschen sterben und die Welt untergeht.”

Ethan schluckt. Drecksmist, elender. Vor etwas über einem halben Jahr ist die Welt um ein Haar an der Apokalypse vorbeigeschrammt, und Gott hat sich darum nicht gekümmert. Hätte es zugelassen, wenn es anders gekommen wäre. Und das hier… Drecksmist. Eine Kirche. Der Ort, wo Gottes Gegenwart auf Erden mit am deutlichsten zu spüren sein müsste. Müsste. Wenn nicht.
Als ob Gott sich einen Scheißdreck interessiert, was aus uns wird.
Aber das hier ist eine Baptistenkirche. Keine Bilder von Heiligen, keine Bilder vom Jesuskind und der heiligen Maria. Keine Bilder von Engeln. Ethan strafft sich, atmet tief durch und geht mit dem Pastor reden.

Reverend McGregor ist vielleicht Mitte Fünfzig und wirkt nett und freundlich, auch wenn anfangs nicht zu übersehen ist, dass er nicht offen reden will, weil er Angst hat, mit Spinnertypen wie Elmore in einen Topf geworfen zu werden. Aber Ethan macht ein aufmerksames Gesicht und hört ihm in Ruhe zu und bekommt ihn am Ende, als die anderen beiden es auch endlich mal in die Kirche geschafft haben, doch dazu, dass er auspackt.
Als er endlich aufgetaut ist, bestätigt der Pastor aber die Geschichte von den toten Gemeindemitgliedern. Und er erklärt tatsächlich, er sei sich sicher, es sei etwas Unheiliges im Spiel gewesen, ganz egal, ob auf den Totenscheinen etwas von Herzversagen stand oder nicht. In den Zimmern der Toten, als er das Blut gesehen habe und die Leichen, da habe er etwas gespürt. Irgendetwas sei da gewesen. So etwas ähnliches habe er schon einmal gespürt, aber nicht direkt im Ort, sondern weit fort. “Letzten Sommer war das.”
Ethan erstarrt kurz. Letzten Sommer? Scheiße. Wyoming. Aber egal jetzt. Zusammenreißen, verdammt.

Jedenfalls, erzählt der Pastor weiter, sei irgendwann ein Mann in den Ort gekommen. Habe ganz gezielt ihn aufgesucht und sich als Zeb McCade vorgestellt. McCade habe erklärt, er wisse, was das Problem sei, und er werde es lösen – und genau das habe er dann auch getan.
Die Leichen der Vampire habe niemand gesehen, sagt Reverend McGregor, als die Jäger nachfragen. Und er gibt zu, dass McCade für seine Hilfe eine vermutlich relativ stolze Summe Geldes bekommen hat. Wieviel genau, weiß McGregor nicht, aber die Gemeindemitglieder hätten für McCade gesammelt. Da dürfte schon einiges zusammengekommen sein – einige Mitglieder seien durchaus… “Dankbar?”
“Wohlhabend.”
Dragonheart”, murmelt Ethan grimmig, und Flann grinst.

McCade habe erwähnt, dass er nach Norden wolle, erfahren sie noch von dem Pastor. Genauer gesagt nach Dothan, in Alabama drüben. Na dann ist das wohl die nächste Station. Es sind nur ungefähr 30 Meilen bis dorthin, also machen sie sich in Ethans Pickup zu dritt auf den Weg. Als sie nicht ganz auf halber Strecke über die Staatsgrenze fahren, summt Ethan die Melodie von ‘Sweet Home Alabama’, was Breugadair wieder zu einem Grinsen veranlasst. Na wenn er meint. Ist doch schön, dass Ethan zu seiner Belustigung beitragen kann.

Mit knapp 70.000 Einwohnern ist Dothan, AL relativ groß, und am Stadtrand, wissen die Jäger, gibt es ein Roadhouse. Wo nach McCade fragen, wenn nicht dort?

Natürlich hat man in dem Roadhouse von Zeb McCade gehört, auch und gerade von dessen unmöglicher Aktion mit den Werwölfen in Texas. Wobei nicht alle Besucher des Roadhouses die Geschichte glauben. Manche trauen dem blonden Redneck ein solches Vorgehen unbesehen zu, andere zweifeln, aber eine Meinung haben fast alle.
Außerdem bekommen die drei Jäger bestätigt, dass McCade sich tatsächlich schon eine ganze Weile hier im Dreistaateneck aufhält.
Und ja, in letzter Zeit gab es hier in der Gegend tatsächlich mehrfach Probleme mit Vampiren. Immer in Kleinstädten, nie sonderlich lang anhaltend. Nicht lange genug jedenfalls, dass die ortsansässigen Jäger sich der Sache hätten annehmen müssen. “Da hat sich immer schon wer drum gekümmert”, ist so der Grundtenor, den sie zur Antwort bekommen. Einen Verdacht gegen McCade haben die Besucher des Roadhouses interessanterweise trotzdem nicht.

Eine junge Jägerin allerdings, so ungefähr in Emilys und Ethans Alter, ist überhaupt nicht gut auf McCade zu sprechen. Sie hat seinen Namen kaum gehört, da wettert sie schon los. Der Kerl sei sowas von ein Arschloch, und sie würde ihn am liebsten kalt gemacht sehen, oder wenigstens von der Straße runter. Sie hat keinerlei Zweifel, dass das mit den Werwölfen nicht nur ein Gerücht ist – ob sie davon gehört hätten? McCade sei eine Schande für alle Jäger und würde deren Ruf nur in den Schlamm ziehen. Ja, der sei hier gewesen, gerade gestern abend habe sie ihn gesehen, der sei gerade rausgegangen, als sie hereinkam. Sie habe zu langsam reagiert, sonst hätte sie ihm schon die Fresse poliert oder Schlimmeres. Aber ja, das sei eindeutig McCade gewesen, der mit seiner dicken Angeberkarre und seinem Hund. Wie könne man einen Hund von dieser Größe nur Snoopy nennen? Sie sei ihm nach draußen nach, als sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte, habe ihn aber nicht mehr erwischt, sondern nur noch gesehen, wie er in Richtung Slocomb weggefahren sei.
“Macht ihn kalt”, sagt sie zum Abschied. Auf die daraufhin doch noch folgende Frage, warum sie überhaupt so wütend auf McCade sei, erzählt die blonde Jägerin, sie habe vor einigen Jahren, als sie in dem Geschäft noch ganz neu war, mal mit ihm gejagt. Am Ende habe er sich eiskalt abgesetzt und sie sitzen lassen und es ihr überlassen, der Polizei die ganzen Waffen und die Schießerei und alles zu erklären. Sie habe ein halbes Jahr im Knast gesessen wegen dieses Arschs. Also sollen die Jäger doch bitte Bescheid sagen, wenn sie ihn erledigt haben.
“Siehst du”, lässt Flann Emily wissen, als sie draußen sind, “das ist mädchenhaft benehmen.”

Slocomb ist auch nur etwa eine halbe Stunde weit weg. Unterwegs überlegen die drei Jäger kurz, ob McCade seine Masche wirklich mit echten Vampiren durchzieht, oder ob die Bisse nur vorgetäuscht waren und die Opfer auf normalem Weg ausgeblutet wurden. Beides wäre möglich, sind sie sich einig, das ist schwer zu sagen anhand der Beschreibungen, die sie bekommen haben. Es ist tatsächlich nicht auszuschließen, dass die Opfer betäubt und dann ganz ohne Vampire zur Ader gelassen wurden – aber das macht im Endeffekt auch keinen großen Unterschied. Entweder McCade hat sich mit Vampiren eingelassen und Monster mit Morden beauftragt, oder er selbst und seine menschlichen Verbündeten sind Mörder. Okay. Doch, einen Unterschied macht es, zumindest für Ethan. Wenn es nur Menschen waren, dann müssen sie ein bisschen anders vorgehen. Aber aufhalten und ausschalten müssen sie die Bande, soviel ist sicher.

Ein Stück vor dem Ortseingang von Slocomb, noch mitten im Nichts, zweigt ein Zufahrtsweg von der State Route 52 ab. Ethan ist eigentlich schon daran vorbei, bevor ihm klar wird, was er da gerade aus dem Augenwinkel gesehen hat, und er jäh auf die Bremsen tritt. Die vielleicht siebzig Yards bis zu der Abzweigung zurücksetzt und nochmal genauer hinsieht.
Tatsächlich. Am Ende des Zufahrtswegs steht eine alte Scheune, und neben der Scheune, halb von ihr verdeckt, parkt ein Auto. Es ist ein protziger weißer Pickup mit jeder Menge Goldbling. Genau wie der protzige weiße Pickup mit jeder Menge Goldbling, von dem sie wissen, dass McCade ihn fährt. Sehr gut. Dann müssen sie ja gar nicht im Ort herumfragen, ob jemand den Kerl gesehen hat.

Aber wenn McCades Masche tatsächlich echte Vampire waren, dann dürfen sie auf keinen Fall unvorbereitet da rein. Denn wenn der Jäger nicht alleine der Mörder war, der es nur nach Vampiren hat aussehen lassen, dann könnten sie potenziell fünf übernatürlichen Gegnern gegenüberstehen. Plus McCade selbst. Plus seinem Hund. “Können wir uns Totenblut beschaffen?” fragt Emily. “Das würde die Vampire wenigstens verlangsamen.” “Und Gift für den Köter”, schlägt Flann vor: “Benutze Gift mit Piranhapudel.” Die Anspielung auf den Computerspiel-Klassiker Monkey Island, der ihn als Teenager ziemlich amüsiert hat, nötigt Ethan tatsächlich ein kurzes Auflachen ab, aber dann schüttelt er den Kopf und brummt: “Schlafmittel”. Das arme Vieh kann schließlich nichts dafür, dass sein Herrchen ein mörderisches Arschloch ist.

Also fahren sie doch nochmal die halbe Stunde zurück nach Dothan. Während Ethan und Emily Hackfleisch und Schlafmittel für den Hund besorgen, verschwindet Flann in der örtlichen Gerichtsmedizin und hat, als sie sich wiedertreffen, tatsächlich ein paar blutgefüllte Spritzen dabei. Ethan will gar nicht wissen, was für einen Schwindel der Meister im Geschichtenerfinden dem Coroner aufgetischt hat, um an das Totenblut zu kommen. Was es auch gewesen sein mag, die Ausrede war jedenfalls wirksam genug, dass Breugadair auch noch Zeit hatte, den Leichnam mit dem aus Elmores Laden geklauten Chinaramsch zu dekorieren und ein Foto davon zu machen. Grinsend hält er jetzt das Bild den beiden anderen Jägern vor die Nase, und Emily rollt mit den Augen. “Ich sag’s doch. Mädchen!”

Zurück am Stadtrand von Slocomb holen sie ihre Ausrüstung aus dem D21 und schleichen sich vorsichtig an die Scheune heran. Oder zumindest ist das der Plan. Denn obwohl Ethan in Texas gesehen hat, wie leise und unauffällig die junge Jägerin sich gerade im Freien bewegen kann, muss Emily wohl noch immer von dem Ärger über Flanns albernes Verhalten abgelenkt sein – oder es ist einfach nur Pech. So oder so jedenfalls tritt sie beim Voranpirschen auf mehr als einen knackenden Ast und in mehr als einen raschelnden Blätterhaufen. Und Ethan – Ethan erstarrt für den Bruchteil einer Sekunde zur Salzsäule, als er die pechschwarze Gestalt vor der Scheune sieht. Stüpp!
Im Reflex hat Ethan sein Messer in der Hand und sich beinahe schon auf den Vierbeiner gestürzt, bevor ihm aufgeht, dass der vermeintliche Stüpp keiner ist. Das Tier trägt ein Halsband, ist an einem Baum angebunden und hechelt aufmerksam in die Gegend. Und kein weißer Fleck in der Herzgegend. Ethan entspannt sich etwas und lässt das Messer sinken. McCades Hund, der für sein Herrchen draußen Wache hält. Snoopy. Warum zum Geier konnte niemand erwähnen, dass dieser Snoopy ein schwarzer Labrador ist? Egal. Kein Stüpp. Reiß dich zusammen.

Flann, der beim Anschleichen an die Scheune tatsächlich völlig lautlos geblieben ist, wirft den beiden anderen Jägern erst einen tadelnden Blick zu und dann dem schwarzen Hund das mit dem Schlafmittel präparierte Fleisch hin. Der Labrador frisst den Köder anstandslos – kein sonderlich schlauer oder streng erzogener Hund offenbar. Aber Ethan soll es recht sein: weniger Ärger. Und tatsächlich schläft der Vierbeiner schon nach ein paar Minuten friedlich. Sehr gut.

Weil seine Mitstreiter sich so fürchterlich ungeschickt angestellt haben, wie Breugadair findet, besteht der rotblonde Jäger darauf, dass er sich alleine bis ganz zur Scheune vorarbeitet und herausfindet, was Sache ist. Grummelnd und widerwillig gestehen die beiden Jüngeren ihm das zu – wo er recht hat, hat er nun mal recht, verdammt.
Flann schleicht also hin, und Ethan kann sehen, wie er an der Bretterwand lauscht. Kurze Zeit später dann kommt er zu den anderen zurück.
“Es sind Vampire”, teilt er seinen Verbündeten mit. “Sie haben Hunger und quengeln, wann sie endlich wieder loslegen dürfen, und McCade lässt den Chef raushängen.”
Alles klar. Dann wissen sie ja, woran sie sind. Und es ist gut, dass sie das Totenblut besorgt haben.
Von dem Zeug haben sie genau drei Spritzen, eine für jeden. Ethan allerdings gibt seine an Emily weiter, die deren Inhalt sowie den ihrer eigenen Spritze auf einigen ihrer Pfeilspitzen verteilt, während Flann das Blut auf die Klinge seines Buschmessers schmiert. Dann erklärt der Ältere, dass er als der beste Schleicher die Scheune am liebsten unbemerkt betreten würde, um das Element der Überraschung auf seiner Seite zu haben. Das allerdings bedeutet, dass jemand anderes die Aufmerksamkeit von ihm ablenken muss. Alles klar. Zielscheibe machen. Kriegt Ethan hin.

Mit ein paar schnellen Schritten ist er am Scheunentor und reißt es auf. Drinnen rucken sechs Köpfe in seine Richtung und stürmen sechs Gestalten los, aber da fliegt auch schon Emilys erster Pfeil an Ethan vorbei. Volltreffer. Kopfschuss. Ein Vampir weniger. Während Flann sich unbemerkt von der Seite einem zweiten Blutsauger nähert und ihn mit seiner Klinge kurzerhand an einem Balken festnagelt, stürzt Ethan sich auf McCade. Der Kerl ist der Drahtzieher, der darf auf keinen Fall abhauen! Aber sein Schlag mit dem Gewehrkolben, mit dem er den Redneck ausknocken will, geht fehl, oder besser gesagt, McCade gelingt es, das Gewehr zu packen und festzuhalten, bevor der Kolben sein Ziel trifft. Der blonde Jäger versucht, Ethan die auf dem Rückweg aus Georgia neu erstandene Waffe zu entreißen, aber das wiederum lässt Ethan nicht zu. Verbissen ringen die beiden Gegner um die Mossberg, während Emily und Flann dank des Totenblutes jeweils einen weiteren Vampir erledigen, der rothaarige Jäger dabei aber selbst von einem Vampir verletzt wird. McCade wehrt sich wie wild, aber Ethan hält dagegen. Der Mistkerl bleibt hier, verdammt!

Aus dem Augenwinkel kann Ethan sehen, wie Flann den letzten Vampir auf Emily zutreibt und dieser gleich darauf von einem ihrer Pfeile getroffen wird, während die junge Frau ihrem Mitstreiter zuzwinkert. Aber dann hat Ethan keine Zeit mehr für tiefschürfende Beobachtungen, denn endlich gelingt es ihm, McCade mit einem wütenden Hebelgriff, der dem anderen Jäger sogar den Arm bricht, zu Boden zu ringen und niederzuhalten.
McCade hat noch immer nicht aufgegeben, aber jetzt ist Ethan in der besseren Position und kann den Kerl sichern, während Flann dem an den Balken gepinnten Vampir sein Messer quer über den Hals zieht, dass das Blut spritzt, und die Klinge danach an Emily weiterreicht, damit sie die Blutsauger köpfen kann.

Soweit so gut. Aber jetzt müssen sie natürlich überlegen, wie sie weiter vorgehen. Die Vampire sind erledigt, aber McCade jetzt noch umbringen kommt nicht in Frage. Nur laufen lassen ist auch nicht: Der Mann hat zahlreiche Morde auf dem Gewissen, wenn schon nicht mit eigener Hand, dann wenigstens in der Planung und als Mittäter. Am besten, sie lassen es so aussehen, als habe McCade die Vampire, denen man jetzt ja nicht mehr groß ansieht, dass es mal Vampire waren, umgebracht und sei dann von den Jägern überwältigt worden, die bei der Scheune verdächtige Aktivitäten bemerkt hätten.
Nachdem sie die Spuren, die auf ihre eigene Beteiligung hindeuten, verwischt, den schlafenden Hund außer Sicht geschafft und dem gegnerischen Jäger Breugadairs Buschmesser untergeschoben haben, alarmieren sie die Polizei in Slocomb. Zusätzlich kontaktiert Flann auch Jon Saitou – die kennen sich? Kleine Welt -, damit der FBI-Mann mit seinem Wissen über Kram McCade den örtlichen Behörden abnehmen kann.

Wenn Ethan alleine gewesen wäre, hätte der Plan nicht geklappt. Er hätte das im Leben so nicht verkauft gekriegt. Wäre im Gefängnis gelandet oder Schlimmeres. Aber Flann schafft es wieder mal, sich eine Geschichte aus den Fingern zu saugen, die absolut glaubhaft wirkt und die auch niemand anzweifelt. Und so machen sie ihre Aussagen und dürfen dann in dem beruhigenden Wissen gehen, dass McCade wegen der Morde mit ziemlicher Sicherheit für lange Zeit hinter Gittern landen wird.

Der Hund schläft immer noch friedlich. Der wird ins Tierheim müssen. Oder? Muss er? Ethan und Emily wechseln einen Blick, und er hebt ein bisschen ratlos die Schultern. Das arme Vieh tut ihm leid, aber er hat keinerlei Ahnung, ob er sich zum Hundebesitzer eignen würde. Nicht mit dem unsteten Job, den er macht. Wobei, andererseits: Snoopy ist schon seit Jahren ein Jägerhund, der sollte sich mit unstet auskennen. “Ich kann mir das gut vorstellen bei dir”, sagt Emily ermutigend, und Ethan atmet durch. Nickt. Einen Versuch ist es wert. Und im Zweifel kann er den Labrador immer noch ins Tierheim bringen.

Flanns Auto steht noch in Donalsonville, also fahren sie gemeinsam hin, um den rotblonden Jäger dort abzusetzen. Aber vorher setzen sie sich im dortigen Diner noch ein bisschen zusammen. Danken einander rundum für die gute Zusammenarbeit. Flann will bald los, schlägt aber vorher noch vor, dass Ethan in Dothan im Roadhouse doch bei der blonden Jägerin landen könne. Dazu müsse er ihr nur erzählen, dass McCade aus dem Verkehr gezogen worden sei. Auf den Spruch hin misst Ethan den Älteren mit einem seiner ausdruckslosen Blicke. “Mhmm”, brummt er dann, “Bescheid sagen ja. Landen nein.”
“Was denn”, erkundigt sich Breugadair, “bist du etwa auch vom anderen Ufer?”
Ethan schüttelt den Kopf. “Nein. Aber vergeben.”
Auf diese Neuigkeit reagiert Flann völlig überrascht und ungläubig – oder tut zumindest so. Bei dem Kerl merkt man ja den Unterschied zwischen dem einen und dem anderen nie so genau. “Du? Du hast eine Freundin? Kenne ich sie?”
“Weiß nicht. Tust du? Sam Hooper-Winslow.”
Wie sich herausstellt, kennt Flann Samantha tatsächlich. Wie war das gleich noch? Kleine Welt. Und prompt zeigt Flann sich entsprechend erstaunt.
“Wie jetzt, Sam ist deine Freundin? Weiß sie das auch?”
Ethans Blick ist ausdrucksloser denn je. Ja, der Stich hat näher gesessen, als er dürfte. Aber er wird den Teufel tun, sich das anmerken zu lassen. “Hoffs mal.”

”Du willst dir wohl Feinde machen”, knurrt Emily in Richtung Breugadair, aber Ethan schüttelt leicht den Kopf. “Nicht so unrecht”, brummt er. Denn egal, für wie vergeben er sein eigenes Herz halten mag, darauf, Sam seine Freundin zu nennen, hat er kein Anrecht. Keinerlei Garantie, dass– “Fluch loswerden, dann weitersehen.”
“Ach ja, der Fluch”, wirft Flann ein. “Was hat es damit eigentlich auf sich?”
Ethan starrt den rothaarigen Jäger an. “Kannst du den etwa auch an meinem Schatten sehen?”
“Nein”, erwidert Flann, “das kann ich nicht. Ich habe halt davon gehört. Ich bin gut darin, Sachen zu hören. Ich weiß gar nicht mehr genau, von wem, ehrlich gesagt. Von Sam vielleicht?”
Ethan schnaubt, und diesmal ist der Blick, den er dem Älteren zukommen lässt, mit einer Spur Spott durchsetzt. Er weiß ganz genau, was Breugadair will. Der will Zweifel schüren. Aber da hat er sich das falsche Thema ausgesucht. Ethan mag zwar bisweilen von Zweifeln an der Tiefe von Samanthas Gefühlen für ihn geplagt werden, aber bei einem ist er sich sicher: Über den Fluch würde sie im Leben mit niemandem reden, den das nicht ganz ausdrücklich was angeht.

Flann macht sich dann bald auf den Weg, aber die anderen beiden Jäger bleiben noch, solange der Hund ausgeknockt ist. Bringt nichts, wenn der mitten auf der Interstate wieder zu sich kommt und dann vielleicht anfängt, im Pickup herumzurandalieren. Einen Maulkorb kauft Ethan auch, wo er schon mal dabei ist. Sicher ist sicher. Legt ihn dem Labrador auch gleich um, solange der noch schläft.
Aber irgendwann wacht das Tier wieder auf. Winselt ein bisschen. Ethan hält ihm die Hand vor die bemaulkorbte Schnauze, damit der Vierbeiner seine Witterung aufnehmen kann. Friedlich schnuppert der Labrador an seiner Hand, und Ethan wirft dabei einen Blick auf die Marke an dessen rotem Halsband. Da ist neben einer Nummer und einem Datum tatsächlich der Name ‘Snoopy’ eingraviert.

“Hey Stüpp”, murmelt Ethan. Aus seinen braunen Augen sieht der Labrador fragend zu ihm auf, scheint den Laut nicht mit seinem Namen in Verbindung zu bringen. Dabei klingt der doch gar nicht so anders. Aber was solls. War auch unfair. “Hey Snoop”, koordigiert Ethan sich. “Snoopy.” Ruffelt dem schwarzen Hund das Nackenfell, als dessen Ohren sich aufmerksam aufstellen.
“Ich bin Ethan.”

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