Systemvorstellung: Geh nicht in den Winterwald

Gestern haben wir mit unserer Indie-Gruppe eine Runde „Geh nicht in den Winterwald“ gespielt. Dieses regelleichte Indie-RPG von Clint und Cassie Krause erschien im englischen Original als „Don’t Walk in Winter Wood“ und wird auf Deutsch von System Matters verlegt.

Dabei handelt es sich um ein kleines Erzählspiel, das für ca. 2 Stunden Spielzeit gedacht ist und dessen Regeln absichtlich so einfach angelegt sind, dass man es auch am Lagerfeuer spielen kann, wenn man möchte. Passend zum Lagerfeuer-Thema beschäftigen die gespielten Szenarien sich mit volkstümlichem Grusel und handeln von Geistern, Hexen und sonstigen Legenden, denen man in einem unheimlichen winterlichen Wald so begegnen kann.

Die Charaktere sind dabei üblicherweise keine Monsterjäger oder dergleichen, sondern ganz normale Leute, die zufällig in die seltsamen Ereignisse verstrickt werden. Sie haben auch keinerlei Werte, sondern lediglich einen Namen, ein Konzept, eine kurze Beschreibung sowie eine Motivation: Was hat sie in die Gegend verschlagen und warum wollen sie in den Wald?

Gewürfelt wird immer nur mit einem W6, und zwar gegen die jeweilige Anzahl an so genannten Kältemarkern, die der jeweilige Charakter bereits angesammelt hat. Den ersten dieser Kältemarker erhalten die Charaktere, sobald sie den Winterwald betreten; weitere Marker kommen hinzu, wenn den Figuren schreckliche oder schockierende Dinge widerfahren – ein grausiger Anblick zum Beispiel oder auch eine Verletzung, die eine Figur sich zuzieht. Bei einer Probe muss die derzeitige Anzahl an Kältemarkern überwürfelt werden; Gleichstand reicht nicht aus. Da im Verlauf des Spiels immer mehr Kältemarker hinzukommen, werden auch die Würfelproben naturgemäß immer schwerer und Erfolge unwahrscheinlicher. Sobald ein Charakter den sechsten Kältemarker erhält, scheidet er aus dem Spiel aus (nicht notwendigerweise durch seinen Tod, sondern vor allem so, dass es in die Erzählung passt); der Spieler kann aber auf Wunsch ab diesem Zeitpunkt einen oder mehrere NSCs übernehmen.

Die vielleicht größte Besonderheit an „Geh nicht in den Winterwald“ ist seine Erzählweise: Wie eine erzählte Geschichte wird es nämlich durchgängig in der dritten Person Imperfekt gespielt.

SL: „Als die Freunde die Lichtung betraten, erkannten sie, dass es sich bei dem dunklen Flecken im Schnee um die Überreste eines niedergebrannten Lagerfeuers handelte.“
SC1: „Johanna kniete sich neben den erkalteten Holzresten nieder und begann, in der Asche zu wühlen.“
SC2: „»Kannst du etwas finden?« fragte Theodor.“
SC1 (würfelt und erreicht nicht ihren derzeitigen Stand an Kältemarkern): „Johanna suchte noch etwas weiter, aber wenn sich hier je ein Geheimnis befunden hatte, dann war es mit den Holzscheiten im Feuer aufgegangen. »Leider nicht«, antwortete sie und wandte sich frustriert ab.“

Beim Spielen immer in der Vergangenheit und der dritten Person zu bleiben, erfordert für erfahrene Rollenspieler, die ja zumeist mindestens im Präsens und je nach Vorlieben auch in der ersten Person spielen, etwas Konzentration und Übung, um nicht aus dem Schema zu fallen, kann aber, wenn alles passt, sehr schön zu der angestrebten Schauerstimmung beitragen.

In unserer eigenen Runde spielten wir mit insgesamt 2 1/2 Stunden ein bisschen länger als die im Regelwerk erwähnte Zeit, aber das mag auch dem Online-Format und gelegentlichen Verbindungsproblemen der Mitspieler geschuldet gewesen sein. In unserem Abenteuer ging es darum, dass vor kurzem ein Kind im Wald verschwunden war und wir nun einem kleinen Mädchen helfen mussten, dessen ebenfalls im Wald verschwundenen Vater zu retten. Alles in allem gefiel mir das Format ziemlich gut, auch wenn ich ehrlich gestanden die Würfelmechanik gar nicht benötigt hätte, glaube ich. Die nach dem Lesen der Regeln erwartete Abwärtsspirale durch die zunehmenden Kältemarker machte sich nämlich gar nicht so richtig bemerkbar (ich persönlich würfelte mit 2 Kältemarkern bereits genauso schlecht wie später mit 4 und schaffte meine Proben nur in den seltensten Fällen), und ich kann mir vorstellen, dass wir auch völlig würfellos und stattdessen zum Beispiel mit den Itras By-Entscheidungskarten dieselbe Geschichte ebensogut hätten erspielen können. Die Vergangenheitsform beim Erzählen ist da doch das deutlich größere Alleinstellungsmerkmal des Spiels.

Hinzu kam, dass in unserer Runde die gruselige Atmosphäre, die ich eigentlich erwartet hatte und die ich persönlich anzustreben versuchte, nicht so recht aufkommen wollte, sondern die Grundstimmung seitens meiner Mitspieler eher locker-albern blieb. Ob die lockere Stimmung daran lag, dass die Geschichte eher harmlos daherkam, oder ob die Geschichte so harmlos wirkte, weil sich keine ernsthafte Stimmung einstellen mochte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich hatte auch den Eindruck, dass das Erzählen in der Vergangenheitsform nicht allen Spielstilen und nicht allen Spielvorlieben so recht entgegenkommt. Ich für meinen Teil würde aber tatsächlich sehr gerne noch einmal in den Winterwald ziehen, weil ich das Erzählprinzip eben doch sehr spannend fand – und das, obwohl ich anfangs ein wenig skeptisch gewesen war, ob und inwieweit das überhaupt funktionieren würde.

Für € 14,95 kann man aber, finde ich, mit diesem hübsch gruselig illustrierten Indie-Rollenspiel nicht viel falsch machen.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Rollenspiel-Sonstiges, Systemvorstellungen

2 Antworten zu “Systemvorstellung: Geh nicht in den Winterwald

  1. Das klingt echt interessant. Vor allem finde ich den Aspekt, grundsätzlich in der dritten Person zu erzählen, ziemlich reizvoll.

    Was die Stimmung angeht kann ich mir vorstellen, dass gerade so eine unterschwellig gruselige Athmosphäre auch sehr schwer zu halten Ist, wenn man online spielt. Vielleicht lag es auch daran.

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    • Das stimmt, das kann natürlich sein – wobei ich seit ca. 2 Jahren tatsächlich vergleichsweise viel online spiele und auch online schon sehr, sehr atmosphärisch dichte Runden erlebt habe, auch wenn ich den direkten Kontakt am Tisch doch weiterhin bevorzuge. Ich mag es zum Beispiel, von meinen Mitspielern nur deren Stimmen zu hören und mir dazu deren Charakterbild anzuschauen; das ist für die Immersion und das atmosphärische Spielerlebnis nämlich durchaus förderlich, habe ich für mich festgestellt.

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