Miami Files – Turn Coat 2

25. August

Römer und Patrioten, der Ärger nimmt Fahrt auf. Dämonistenkult gefällig, irgendwer? Ach, seufz. Aber ich ich glaube, ich sollte besser vorne anfangen, sonst weiß ich in ein paar Jahren vielleicht gar nicht mehr, um was es eigentlich ging, wenn ich alles hier nochmal lese.

Also. Alex hatte heute einen ‚Job‘ von seinem Schutzpatron. Unser Kumpel kennt ja viele, ach was, so gut wie alle, Praktizierer in dieser Stadt, und eine davon, eine Hellseherin namens Doris Chen, ist tot. Normalerweise wäre das ja nun nichts, um das Alex in seiner Funktion als Gesandter Elegguas sich kümmern müsste, aber die Dame wurde ermordet. Und obwohl Chinesin, nutzte sie für ihre Weissagungen skandinavische Runenmagie, weswegen Alex ihr beim Einsortieren und Finden der richtigen Tür für ihren Weitergang helfen sollte. Alex wusste auch, dass Doris bei ihren Kunden oft das typische nichtssagende Wahrsager-Blabla von sich gab, dass sie manchmal aber auch ganz echte Dinge sah, die während des Sehens aber verwirrend und unklar blieben und sich erst im Moment ihres Eintreffens im Nachhinein als zutreffende Prophezeiungen interpretieren ließen.

Das SID wurde ebenfalls hinzugezogen, weil das Opfer seltsam aussah. Die Augen wurden ihm entfernt, und der Leichnam wies zahllose Schnittwunden von einer geriffelten Klinge auf: kein Schwert, keine Tierklauen – eine ganz feine Säge vielleicht?
So oder so war es kein leichter Tod, derart zerschnitten zu werden. Doris‘ Geist war tatsächlich noch am Tatort anwesend, konnte Alex aber nicht viel sagen. Wovon sie umgebracht wurde, wusste sie nicht – nur, dass es groß war, was auch immer es war; dann konnte Doris nichts mehr sehen, und dann war sie tot. Sie hatte ihren Tod auch tatsächlich kommen sehen, aber wie so oft war es eine seltsame, unklare Weissagung gewesen: wirre Bilder von Ästen, Krokodilen, Sumpfgeruch, von Monstern mit schwarzen Bäuchen und Mäulern voller Zähne. Alex bot Doris an, dass sie ihn begleiten könne, wenn sie die Nachforschungen ihren Tod betreffend verfolgen wolle, und sie nahm an, also hatte Alex den Geist der toten Chinesin in sich, als er sich mit uns traf. Sie werde auch nach vorne kommen und das Ruder übernehmen können, wenn es notwendig werden sollte oder sie mit jemandem reden wolle, erklärte er.

Als erstes recherchierten wir natürlich die Umstände. Innerhalb der letzten 10 Jahre gab es einige solcher Fälle, bei denen die Opfer alle dieselben dünnen und gezackten Schnittwunden aufwiesen. Mehrere Opfer waren im weitesten Sinne Kirchenvertreter oder gläubig: ein Priester, dem die Stimmbänder herausgeschnitten worden waren, und eine Nonne, von der es hieß, sie habe die Engel gehört, und deren Ohren verstümmelt wurden; außerdem ein Mann, den man nicht hatte identifizieren können und dem die Hände fehlten. Alle außer der Nonne hatten Verteidigungswunden an den Armen, die sie wohl hochgerissen hatten, um sich zu schützen, und alle waren an ihren zahlreichen kleinen, flachen Wunden verblutet oder am Schock gestorben – ein direkter Todesstoß war jedenfalls in keinem der Fälle gesetzt worden. Morde dieser Art sind lediglich für Miami verzeichnet, nirgendwo anders aufgetreten (oder zumindest gibt es keinerlei Querverweise darauf in anderen Städten).
Eines fiel uns sofort auf. Die Verstümmelungen der Opfer hatten alle etwas mit dem zu tun, was die Opfer mit der übernatürlichen Welt verband. Doris Chen war Hellseherin, und ihr wurden die Augen entfernt. Die Nonne hörte die Engel, und es traf ihre Ohren. Ein Priester ohne Stimmbänder und ein Fremder ohne Hände – ob der eine vielleicht mit Silberzunge predigen und der andere mit Handauflegen heilen konnte? Gewundert hätte es jedenfalls keinen von uns.

Wir waren noch am Überlegen und Diskutieren, da kam von Alex mit einem Mal ein „Die Pflicht ruft“. Sein Patron schickt ihm manchmal diese Hinweise, wenn es etwas zu tun gibt, das Alex‘ Abgesandtenjob betrifft, und da diesmal das Bedürfnis mit einem Gefühl des ‚besser nicht alleine‘ einherging, begleiteten wir ihn natürlich. Es war ein Ort in den Everglades, wo man mit dem Auto nicht gut hinkam, aber unser Alex hat ja überall und für alle Gelegenheiten Transportmittel bereitstehen.

An der Stelle in den Everglades, zu der Alex hin musste, sahen wir tatsächlich etwas, oder jemanden, genauer gesagt: einen der jungen Quasi-Wardens, der gerade vor einer unheimlichen und unmenschlichen Gestalt davonrannte. Die Gestalt sah aus wie ein Rabe auf zwei Beinen und besaß zwei Augenpaare: eines schwarz, eines glühend orangefarben: eindeutig ein Monster. Schnell entschlossen brüllte Roberto: „Haltet ein!“, um die Aufmerksamkeit des Rabenwesens von seinem Opfer ab- und auf uns zu lenken. Der Rabe fuhr herum und fixierte uns mit diesen glühenden Augen. Dann gab er einen markerschütternden Schrei von sich, der uns mit Ausnahme von Edward, der dem akustischen Angriff problemlos standhielt, bis tief in die Knochen fuhr und uns gehörig durchschüttelte, ja teilweise sogar die Ohren bluten ließ. Der Quasi-Warden brach von dem gellenden Kreischen sogar ohnmächtig zusammen.

Während Roberto mit dem Klingeln in seinen Ohren kämpfte, Edward mit seinem magisch verstärkten Handschuh und Totilas mit seinen White Court-Kräften auf das Rabenwesen einschlugen, beide den Vogel aber mit ihren Angriffen verfehlten und ich selbst versuchte, den Raben mit einem gleißenden Strahl Sonnenlichts zu blenden, was dem Biest aber leider überhaupt nichts ausmachte, zog Alex kurz entschlossen den bewusstlosen Warden in Richtung Boot. Eigentlich bewegte sich die Rabengestalt gar nicht so schnell, aber trotzdem war sie mit einem Mal ganz woanders als eben noch, nämlich in einem Sprung auf den Quasi-Warden hin begriffen. Alex warf sich dazwischen und entging nur um ein Haar ihren Federn, während Totilas zu der Rabenfrau – es war tatsächlich eine ’sie‘, konnte ich jetzt erkennen; unter den ganzen Federn verbarg sich ein Hauch von Brüsten und eine weibliche Figur – rannte und ihr die Hand auf die Schultern legte. Ich kenne unseren Vampirkumpel inzwischen gut genug, um zu wissen, dass das eine Ablenkung auf White Court-Art war: Totilas versuchte schlicht, die Rabin anzumachen. Ein bisschen Wirkung schien das auf sie auch tatsächlich zu haben; genug jedenfalls, dass Roberto ihr eine Feder abschneiden konnte (und sich dabei fast selbst in die Hand schnitt, weil die Dinger richtig fies scharf waren).
Ich selbst hätte gern aktiver in den Kampf eingegriffen, aber die Schusswunde in der Schulter behinderte mich doch ziemlich, und so brachte ich nur Jade in ihre eigentliche Gestalt zurück und positionierte ich mich, nachdem Alex den Quasi-Warden ins Boot gezogen hatte, deckend vor den jungen Magier.
Edward schlug wieder zu, mit aller Kraft, die er nur irgend aufbieten konnte, aber wieder verfehlte er die Rabin, und diesmal nur um Haaresbreite. Es war sinnlos, die Gestalt war zu schnell, zu beweglich, und so ließ Alex den Motor aufheulen und raste los, nachdem die anderen eiligst wieder ins Boot gesprungen waren. Das Boot machte einen Satz, und allein den ganzen Fechtduellen mit Elaine auf unterschiedlichstem Gelände habe ich es zu verdanken, dass ich nicht über Bord ging, sondern mich gerade noch festhalten konnte. Mit ein paar schnellen Schritten blieb die Rabengestalt auf unserer Höhe, sprang dann an Bord schoss einen Teil ihrer Federn auf uns. Die Jungs konnten gerade noch ausweichen, aber ich selbst stand ja vor dem Quasi-Warden, um ihn zu decken, weil er selbst, bewusstlos, wie er war, sonst voll getroffen worden wäre. Stattdessen wirbelte ich mit Jade herum (ein bisschen wie ein Jedi-Ritter, der mit seinem Lichtsäbel Lasergeschosse abwehrt, wenn auch sicherlich längst nicht so elegant), und es gelang mir tatsächlich, einige, wenn auch längst nicht alle, Federn von dem Ratsmagier abzuhalten. Mich selbst traf dank des Herumgewedeles mit meiner Sommerklinge aber immerhin keine.
Wieder führte Totilas einen Schlag gegen die Rabengestalt, und diesmal traf er sie, was bei der Kreatur aber keinen sichtbaren Eindruck hinterließ. Ganz deutlich hatte die Rabin es nur auf den Quasi-Warden abgesehen: Uns ließ sie auffällig in Ruhe. Roberto versuchte, sie vom Boot zu stoßen oder sie zumindest aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber das Wesen war einfach zu stark und rührte sich keinen Millimeter.

Eigentlich hatte ich Roberto mit einem Sommerwind unterstützen wollen – aber wenn nicht einmal Totilas als der Stärkste dem Wesen etwas anhaben konnte, dann waren körperliche Angriffe völlig aussichtslos. Stattdessen versuchte ich doch noch einmal, die Gestalt zu blenden. Diesmal gelang es mir, den Sonnenstrahl tatsächlich in beide Augenpaare zu lenken, was die Rabenfrau zumindest für einen Moment aus dem Konzept brachte und Alex die Chance gab, sie jetzt durch geschicktes Manövrieren des Bootes von Bord zu bugsieren, indem er sie an einem Baum am Ufer abstreifte. Die Kreatur schlug wild mit den Flügeln und hätte es tatsächlich geschafft, mit einem Motorboot in voller Fahrt mitzuhalten, wenn sie nicht von dem Sonnenlicht noch immer geblendet gewesen wäre und deswegen nicht so ganz sicher sein konnte, wo wir uns befanden. Also hielt sie irgendwann inne, als sie merkte, dass sie uns nicht mehr erreichen würde, und ließ einen weiteren ihrer durchdringenden Schreie los, aber mir klingelten vom ersten Schrei dieser Art die Ohren noch genug, dass mich dieser zweite, weiter entfernte relativ kalt ließ.

Als wir weit genug weggekommen waren, um sicher sein zu können, dass uns das Rabenwesen wirklich nicht folgte, hielten wir an, um nach dem Quasi-Warden zu schauen. Dem ging es ganz und gar nicht gut, aber Alex bekam ihn immerhin soweit stabilisiert, dass er uns hoffentlich nicht unter den Händen wegsterben würde, bis wir ihn zum Arzt schaffen konnten. Und wir mussten Spencer Declan kontaktieren, damit der bescheid wusste, falls das Biest den jungen Ratsmagier weiter verfolgen sollte, wovon wir beinahe ausgingen. Aber Declan selbst war ja auf normalem Weg nicht zu erreichen – er hatte zwar diesen Telefonantwortdienst, aber wie regelmäßig er den abfragte, stand in den Sternen. Die Hippiekommune allerdings hatte Möglichkeiten, Declan zu erreichen, wie wir bei der Namensparty festgestellt hatten, also brachten wir den Quasi-Warden in die Kommune. Immerhin haben sie auch einen Arzt dort.

Während der Fahrt theoretisierten wir natürlich wild herum. Niemand von uns hatte so etwas wie das Rabenwesen schon einmal gesehen, aber Roberto hatte immerhin schon einmal etwas von Kreaturen mit zwei Augenpaaren gehört: irgendetwas von einem Kult, ja einem regelrechten Orden, von Dämonisten, die angeblich sehr, sehr mächtig seien. Irgendetwas sei da wegen Denaren gewesen, Denaren wie der alten römischen Währung, aber wirklich Genaues wusste er nicht.

Als wir im Sunny Places ankamen, war Declan sogar bereits dort. Er bedankte sich herzlich dafür, dass wir ihm den jungen Mann zurückgebracht hatten (tatsächlich wirkte er sogar sehr glücklich und erleichtert darüber) und nahm ihn in seine Obhut, nachdem wir erklärt hatten, dass wir gerne mit dem Jungen reden würden, sobald er wieder bei Bewusstsein sei, und Declan zugesagt hatte, ihm das ausrichten zu wollen.

Sobald die beiden Ratsmagier fort waren, befragten wir Jack Byron White Eagle zu diesem Dämonistenkult mit den Doppelaugen. Er hörte sich unsere Geschichte ruhig an, inklusive der Erklärung darüber, dass der Quasi-Warden genau dieselben Wunden aufgewiesen hatte wie Doris Chen und die anderen Opfer, dass diese Wunden wohl also auch bei den anderen von diesen unnatürlich scharfen Rabenfedern hergerührt hatten, und betrachtete die von uns mitgebrachten Federn eingehend. Die wirkten übrigens nicht vollkommen real, sondern mehr so, als würden sie sich demnächst einfach in Luft auflösen, wie hergezauberte Materie das gerne mal tut. Byron wurde im Verlauf unserer Erzählung vielleicht nicht gerade blass, aber er wirkte doch sehr besorgt und teilte dann die folgenden Informationen mit uns:
Es gibt den so genannten “Orden des Schwarzen Denarius”, einen Kult, dessen Anhänger alle einen Handel mit einem Dämonen eingegangen sind. Wenn der Dämon in ihnen das Steuer übernimmt, dann verändern diese Leute sich körperlich zu jeweils ganz unterschiedlichen Gestalten, aber ein Merkmal ist immer das doppelte Augenpaar. Es soll genau 30 Dämonisten geben, wegen der 30 Silberlinge, für die Judas Jesus verraten hat – jeder dieser 30 Silberlinge ist ein solcher dämonenbehafteter “schwarzer Denarius”. Die Mitglieder des Kultes seien extrem mächtig und extrem gefährlich, sagte Byron, und er warnte uns vor allem eindringlichst, keine altrömischen Münzen anzufassen, zumindest nicht mit bloßer Hand, weil in den Münzen eben ein Dämon hinge und die bloße Berührung einen für dessen Einflüsterungen empfänglich mache. Outsider seien diese Dämonen aber nicht, sondern teuflische Wesen aus unserer eigenen Realität, gewissermaßen ‘unsere’ Bösen. (Was es nicht direkt besser macht, aber immerhin ein Unterschied ist, dessen wir uns bewusst sein sollten.)
Einen Orden aus Rittern, die diese Denarier jagten, gebe es angeblich auch – diese Ritter trügen heilige Schwerter, in denen je ein Nagel vom Kreuze Christi verarbeitet sei.

Bei diesem Bericht über einen derart mächtigen Dämonistenkult verdrehte Edward die Augen und fragte sich laut, ob es vielleicht an uns liegen könnte, dass ständig dieser ganze Müll passiert, und zwar ausgerechnet uns, und er kam mit Roberto ins Grübeln, ob uns auch in einer anderen Stadt ständig so viel Mist um die Ohren fliegen würde. Aber es blieb natürlich alles beim reinen hypothetischen Herumgeflachse, denn eigentlich stellt die Frage sich gar nicht. Miami ist unsere Stadt, und wir sind ihre Ritter, und wir werden sicherlich nirgendwo anders hingehen.

Wir saßen gerade noch mit Byron zusammen, da kam Angel Ortega völlig betrunken in die Kommune gestolpert. Wirr und durcheinander erzählte er etwas von Krokodilen, die Leute fressen wollten. Er sprach davon, dass sie ihn angegriffen und ihn ins Bein gebissen hätten, aber an seinem Bein war keine Wunde zu sehen. Es schien eher so, als sei dieser Krokodilsangriff eine Illusion gewesen – überhaupt wirkte Angel derart verwirrt, als habe jemand seinen Geist manipuliert. Da es aber ein Verstoß gegen die Gesetze der Magie gewesen wäre zu versuchen, die Verwirrung wieder zu richten, ließen wir Angel erst einmal bei den Hippies: Vielleicht konnte Byron etwas ausrichten, ohne dem armen Kerl im Kopf herumzupfuschen.

‘Krokodile’ klang nach den Elders, also wollten wir zur Waystation fahren und uns dort einmal umsehen. Als wir die Waystation betraten, wurde vor allem Roberto von den Anwesenden misstrauisch beäugt. Selva Elder war nicht nur genauso missmutig wie immer, sondern tatsächlich noch um einiges feindseliger als üblich, die Stimmung im Lokal um einiges gereizter als sonst. Als Selva unsere Bestellungen aufnahm, erwähnte ich, dass wir Angel getroffen hatten und fragte, was los gewesen sei. Selva brauste auf, Angel brauche sich hier gar nicht mehr blicken lassen, er habe einen der Elders, Octavian, angegriffen, und es habe eine Schlägerei gegeben. Genaueres wollte sie aber nicht sagen – weil sie es nicht wollte oder weil sie einfach selbst nichts Näheres wusste, war mir nicht so recht klar. Es kam mir aber tatsächlich eher vor wie Zweiteres.
Aber in letzter Zeit würden die Orunmila durch die Glades stolzieren, als gehörte ihnen hier alles, fuhr Selva erbost fort. Was denen einfiele!
Roberto erzählte von dem Rabenwesen und dass es sehr heftig gewesen war – ich fügte noch hinzu, dass wir gerade nur so mit Mühe weggekommen waren – und fragte dann, ob dieses Rabenviech jemandem etwas sagte. Selva erklärte, sie habe von so etwas noch nichts gehört, sie könne auch nicht einschätzen, ob ein solches Wesen echt sein könne oder nicht. Robertos Bitte, doch mal bei den anderen Anwesenden nachzufragen, schmetterte sie brüsk ab, indem sie sich auf Diskretion für ihre Gäste zurückzog.
Alex gab zu bedenken, dass der Rabe sich noch in den Glades aufhalten könne und dass sie vorsichtig sein sollten. Aber auf die freundliche Warnung reagierte Selva völlig überspitzt und aggressiv: „Wir können schon auf uns selbst aufpassen, wir tun das schon seit Generationen. Und wir brauchen sicherlich keinen Eleggua-Hansel, der uns sagt, was wir zu tun haben!“ Und mit diesen Worten zog Selva grummelnd ab.
Irgendwas stimmte da ganz und gar nicht. Was hatte die Stimmung bloß so aufgeheizt?

Da Selva so über die Orunmila hergezogen hatte und da die ja zu Halloween in den Sümpfen immer ein Ritual abhalten und in den Glades auch irgendetwas bewachen, wie wir wissen, war der logische nächste Schritt, sich mit den Orunmila zu unterhalten und Macaria Grijalva zu ihrer Sicht der Dinge zu befragen.
Auch ihr erzählte Roberto von dem Rabenmonster, das einen jungen Ratsmagier verfolgt habe – diese Information quittierte Macaria mit einem Brummen, einem Achselzucken und der kühlen Bemerkung, das klinge nach einer ratsinternen Angelegenheit – und dem Kult des Denarius, außerdem von dem seltsamen Verhalten der Elders. Als er erwähnte, dass die Orunmila ja in den Sümpfen etwas bewachten, bestätigte Macaria, dass das auf keinen Fall gefunden werden dürfe. Eigentlich sollten die Elders auf diese Sache aufpassen, aber die Elders hätten seit kurzem ja alle eine derart kurze Lunte. Aber sie wolle die Aussprache mit Thutmoses Elder suchen. Aber ja, sie bestätigte auch, dass Declan genau dieses Etwas suche. Wenn jetzt noch ein Denarier sich einmische, dann sei das sehr beunruhigend. Aber auch die Tatsache, dass Declan so nah dran sei, sei schon sehr beunruhigend, vor allem, wenn er sich jetzt drei… – Macaria zögerte kurz, und ich konnte mir ein „Padawane?“ nicht verkneifen – Lehrlinge gesucht hätte. Das sei ungewöhnlich; normalerweise wolle Declan alle anderen Ratsmagier immer so schnell wie möglich aus der Stadt haben.

Jetzt erzählte Alex, dass Eleggua ihn an den Ort geschickt habe, wo der Rabe den Quasi-Warden jagte, was Macaria aufhochen ließ. „Hättest du das mal gleich gesagt. Dann ist es wohl doch keine reine Ratsangelegenheit.“
Edward versuchte es mit dem subtilen Hinweis, dass Macaria uns doch verraten könne, was das Geheimnis in den Sümpfen sei, wenn Eleggua uns doch sogar geschickt habe, aber das schmetterte die alte Santería-Priesterin mit der Bemerkung ab, wenn Eleggua wolle, dass Alex das Geheimnis kenne, dann werde er es ihm schon sagen. „Ihr wollt das gar nicht wissen“, fuhr sie dann mit ernstem Gesicht fort. „Auch von den Orunmila weiß kaum jemand, um was es genau geht.“ „Es hat etwas mit den Outsidern zu tun, oder?“ fragte Edward, hob dann aber sofort die Hand. „Du hast recht. Ich will es gar nicht wissen.“
Oh, Mierda. Ich wollte es auch nicht wissen, aber wie sie sich so darüber unterhielten, musste ich ganz unweigerlich an die Mordor-Ents denken.

Wo wir schon mal da waren, fragten wir Macaria auch noch nach Carmen Sosiego. Sie erzählte uns, dass Sosiego eine Ratsmagierin war, die viel mit Feen zu tun hatte und angeblich den „Tanz der Nereide“, ein Feenmusikstück, in einem ihrer eigenen Stücke verarbeitet habe.
Genaueres dazu wusste sie nicht, aber wenn Sosiego so eine Feenfreundin war, dann haben wir da ja eine Anlaufstelle. Allerdings nicht mehr heute. Um mit Pan zu reden, muss ich ausgeschlafen sein. Gute Nacht und all das.

26. August

Bevor wir heute zu Pan fuhren, erzählte ich den anderen von meinem Gedanken mit den Mordor-Ents. Die habe er schon die ganze Zeit im Kopf, sagte Edward, aber Totilas wiegelte ab, das wolle er gar nicht wissen, denn zu viel darüber zu wissen, könne einen schon verändern, und es sei gefährlich. Ja, das mag sein, aber verdrängen sollten wir es trotzdem nicht.

Pan wusste mit dem Namen ‘Carmen Sosiego’ nichts anzufangen, weil Menschen ihn üblicherweise nicht sonderlich interessieren, wenn er sie nicht ins Bett bekommt, aber der ‘Tanz der Nereide’ sagte ihm etwas: Das Stück sei vor langer Zeit in Irland von der Lady im See geschrieben worden und zerstöre menschliche Magie. Interessant…
Sir Anders wiederum interessiert sich für Menschen, und Sir Anders konnte uns tatsächlich einige Informationen zu Carmen Sosiego geben. Sie war eine Musikerin, die Melodien sammelte und dabei zwischen normaler und magischer Musik unterschied. Sie suchte die Unsterblichkeit, weil sie sich in ein Musikstück verwandeln wollte (oder etwas in der Art; ganz sicher war Sir Anders sich da nicht.) Einmal habe sie in Pans Palast ein Stück für Orgel aufführen wollen, aber da es im Palast keine Orgel gab, wich Sosiego stattdessen auf Klarinette aus. Bei dem Begriff ‘Orgel’ dachten wir natürlich sofort alle an die ‘Sinfonia de la Tranquilidad’, aber an den Namen der Komposition konnte Sir Anders sich nicht mehr erinnern. Er konnte uns nur noch sagen, dass das irgendwann zwischen den beiden Weltkriegen gewesen war und dass Sosiego aus dem Nevernever im Palast erschien und nach Beendigung ihres Besuchs im Palast wieder über das Nevernever abreiste.

Roberto machte übrigens während des Gesprächs mit Pan und bei der Erwähnung von Irland, der Herrin vom See und all dem die ganze Zeit über derart penetrant unqualifizierte Sprüche zum Herrn der Ringe, dass wir ihn schließlich zu Saltanda schickten, damit er nachschauen sollte, wie es der werdenden Mutter mit seinem Kind so ging. Ich mag Roberto ja gern, aber manchmal ist er wirklich unmöglich.

04. September

Eben hat Roberto einen Anruf von Dallas Hinkle bekommen. Ärger beim Jugendzentrum. Irgendein Verrückter mit einer Knarre, der seine ‚Ische‘ verlangt. Muss los. Nachher mehr.

Wieder zuhause. Wir sind alle am Leben, aber so richtig zufriedenstellend war das nicht, Römer und Patrioten.

Als wir beim Jugendzentrum ankamen, bemerkten wir sofort, dass an dem Gebäude etwas komisch war. Was wir auch taten, wir kamen nicht hinein. Irgendwie war die Geometrie verzerrt: Wir gingen auf das Haus zu, machten auch keinen sichtbaren Sprung, sondern machten einfach nur Schritt um Schritt, endeten aber trotzdem immer an genau dem Punkt, an dem wir losgegangen waren.
Irgendwann, nachdem wir festgestellt hatten, dass das in der ganzen Anlage und bei allen Türen so war, hatte Totilas genug. Er pflanzte sich auf die Straße vor den Haupteingang und rief laut: „Ich habe deine Ische!“
Als Sesam-öffne-dich funktionierte der Bluff einwandfrei. Die Tür schwang auf, und wir gingen hinein.

Drinnen sahen wir uns einer Geiselnahme gegenüber. Niemand anderes als unser alter Bekannter Diego (er mit der Dämonenrunenpistole letzten Herbst) hielt mit einer Pistole die übrigen Anwesenden in Schach. Als wir hereinkamen, wirbelte er zu uns herum und schrie, dass er die blonde Ische wolle.
Diego hatte eine neue Pistole anstelle von der, die wir ihm abgenommen hatten, und diesmal war es wirklich eine Outsider-Waffe. Für meine mundanen Augen sah sie schon unangenehm aus, und für die Sommermagie in mir fühlte die Pistole sich richtig ekelhaft an. (Totilas‘ Dämon mochte den Revolver auch überhaupt nicht, erzählte unser White Court-Kumpel später).

Um sein Argument zu unterstreichen, schoss Diego auf eine der Geiseln – hat dem Jungen eigentlich niemand gesagt, dass das eine ganz schlechte Verhandlungstaktik ist, eventuelle Verhandlungspartner gleich gegen sich aufzubringen? – aber Edward warf sich dazwischen und bekam eine Kugel ins Bein.
Mehr Geschrei: dass er aufhören solle, dass wir hier seien um zu reden, dass er es nicht schlimmer machen solle, und wer die ‚blonde Ische‘ denn überhaupt sei, von der er da redete?

Wir hätten es uns eigentlich denken können. Im Nachhinein wirkt es fast unausweichlich, dass er Enid Campbell gemeint hatte. Woher er sie bzw. ihren Namen kenne, wollten wir wissen. Einen Hauch ruhiger erklärte Diego, sie sei von dem ‚alten Sack‘ auf dem Dachboden beschworen worden. Der habe wohl ihren Wahren Namen erkannt, sonst hätte er sie ja nicht beschwören können. Die Beschwörung habe Declan zusammen mit Pater Donovan durchgezogen (sieh an!), und Diego habe ihnen beim Beschwören geholfen. Warum, wollten wir wissen, und Diego sah uns an, als seien wir völlig schwer von Begriff. Na weil Pater Donovan dabei war. Jedenfalls habe er bei diesem Ritual gemerkt, dass die ‚blonde Ische‘ voll magisch sei, und deswegen wolle er sie jetzt haben, um sie seinen Freunden zu geben, denn er habe jetzt neue Freunde, und die seien viel mächtiger als Donovan. Von denen hätte er auch diese geile Pistole – sprach’s und schwenkte das ekelhafte Ding bedrohlich herum. „Sie haben dir auch Kuchen gegeben, oder?“ wollte Edward wissen, und Diego nickte. „Ja, die sind nett. Ein bisschen seltsam, aber ganz nett. Aber Jack ist ziemlich gruselig, oder?“

Bingo. Als ob wir daran gezweifelt hätten, dass es Outsider waren. Aber jetzt wussten wir mit Sicherheit, dass sich Diego absichtlich – oder zumindest wissentlich, wenn auch vielleicht beeinflusst, siehe Kuchen – mit ihnen eingelassen hatte.
Der kleine Gangster jetzt aber genug vom Reden. Wütend schrie er: „Also wo ist sie? Ich will sie!“ und wollte wieder ziellos auf eine Geisel feuern. Während Roberto ihn ablenkte und Totilas ihn festhielt, wollte Edward ihm die Pistole abnehmen, aber deren Griff war tatsächlich mit Diegos Hand, die eine metallisch-schwarze Struktur angenommen hatte, verwachsen. Also zwang Edward ihm die Pistole an den Kopf, damit er nicht schießen könnte, ohne sich selbst zu treffen. Daraufhin wollte der kleine culo anfangen zu zaubern, aber Totilas stopfte ihm reaktionsschnell ein Tuch in den Mund, bevor er die Beschwörung beenden konnte.

Alex und ich hatten indessen angefangen, die Kinder und Jugendlichen in Sicherheit zu bringen. Bis das geschafft war und wir zurück zu den anderen kamen, hatte Edward dem kleinen Dämonenpaktierer Handschellen angelegt, erzählte uns aber, dass ihn plötzlich der Drang überkommen habe, die Pistole selbst an sich zu nehmen, und er einiges an geistigem Widerstand habe aufbringen müssen, um sich dagegen zu wehren. Er hatte den Eindruck, dass, wenn er die Waffe hätte nehmen wollen, sie sich von Diego gelöst hätte und zu ihm gekommen wäre, aber dann genauso mit seiner Hand verschmolzen wäre, aber vor allem, dass das geistige Duell tatsächlich nur ganz knapp zu Edwards Gunsten ausging.
Edward hatte auch immer noch diese Outsider-Kugel im Bein, die er während des Kampfes zwar heldenhaft ignoriert hatte, die sich inzwischen aber nicht mehr ignorieren ließ, zu ekelhaft, zu fremd, fühlte sie sich an. Alex, der von uns allen die meiste Erfahrung mit sowas hat, wollte, unterstützt von Totilas und mir, die Kugel entfernen, aber die wehrte sich, und das meinte ich nicht im übertragenen Sinne. Das maldito artilugio setzte sich aktiv gegen unsere Bemühungen zur Wehr und wollte sich tiefer in Edwards Bein bohren, und nur mit vereinten Kräften und sehr viel Anstrengung bekamen wir es zu fassen.

Als das geschafft war, blieb noch immer die Gefahr der Dämonenpistole und ihrer magischen Beeinflussungsversuche. Für’s Erste rief ich die Sommermagie hoch und verschmolz das Ende des Pistolenlaufs, so dass niemand damit würde schießen können. Edward rief währenddessen Salvador Herero an, dass der Diego abholen kommen solle, damit kein normaler Cop aus Versehen die Waffe an sich binden würde.
Draußen vor dem Jugendzentrum hatte sich auch schon ein ziemliches Aufgebot an Polizeikräften eingefunden, die aber genausowenig ins Gebäude konnten wie wir vorhin. Sicherheitshalber warteten wir, bis Herero angekommen war, und sobald ich ihm die Tür öffnete, konnten er und die anderen Cops hereinkommen. Edward gab seinem Untergebenen die nötigen Instruktionen, dann schaffte Herero Diego weg.

Edward wurde ins Krankenhaus gebracht, während wir anderen uns den Ritualort unter dem Dach ansehen gingen. Spuren waren keine mehr zu sehen, weil die Ritualwirker natürlich ordentlich hinter sich aufgeräumt hatten; für das bloße Auge war das also einfach ein leerer Raum, aber Alex fand einen Geist. Jung, männlich, einer der Padawane, und man hatte ihm die Kehle durchgeschnitten. Mierda y cólera, die hatten vor einem Menschenopfer nicht zurückgeschreckt, um Enid wirklich körperlich in das Jugendzentrum zu beschwören!
Alex versuchte, mit dem Geist zu sprechen, aber dessen Essenz war voller Löcher, von dem Jungen kaum mehr etwas vorhanden. Alles, was er von sich gab, war: „Mach, dass es aufhört… die Vampire… der Werwolf… das Mädchen… die Vampire… so viele…“ Als Alex nach Enid fragte, veränderte sich das Gestammel: „Warlock… Enid… John… Nandy… Enid… Warlock… Verräter… Verräter… Verräter…“ „Weißt du ihren Namen?“ wollte Alex wissen, und der Geist des Padawans antwortete: „Enid Moira Campbell.“

Als wir wieder ins Erdgeschoss kamen, war Pater Donovan gerade dabei, die Kinder und Jugendlichen seelsorgerisch zu betreuen. Auf den ersten Blick wirkte auch überhaupt nicht suspekt, was er machte, soweit ich das beurteilen konnte, aber misstrauisch war ich trotzdem. Trotzdem musste der Priester nicht unbedingt wissen, dass wir ihn in Verdacht hatten – um Donovan in Sicherheit zu wiegen, unterstützte Roberto ihn bei der Seelsorge. Ich tat auch mein Bestes, um die Kids ein bisschen zu beruhigen, aber, soweit das unauffällig ging, möglichst nicht auf Tuchfühlung mit dem Pater. Sonst würde der vielleicht am Ende noch was merken.

Wir waren gerade im Auto auf dem Weg, um Edward aus dem Krankenhaus abzuholen, da kam im Radio die Nachricht: Governor Scott hat den Notstand für den ganzen Bundesstaat ausgerufen – der Hurricane, der sich nähert, ist zu einem Sturm der Kategorie 4 angewachsen und damit einer der schwersten Stürme, die Florida jemals heimgesucht haben.

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