Supernatural – Frantic

Ethan hätte es gar nicht so richtig für möglich gehalten, aber das Leben geht weiter. Das frenetische Tempo und die Anspannung während der hektischen Suche der ersten Tage können Cal und er nicht aufrecht erhalten, und so ist Ethan eben irgendwann zurück in Burlington. Macht seinen Job für Bones Gate. Fährt alle paar Tage nach Hectorville, um an Giffanys Schrein den Reis und die Sake zu wechseln. Nicht weil er sie als Gottheit verehrt, wohlgemerkt, sondern aus Respekt… und damit die Kami sich vielleicht nicht ganz so allein fühlt. Ja, das ist eine sehr menschliche Motivation, und vermutlich ist es so einem Elementargeist herzlich egal, ob er Gesellschaft hat oder nicht, aber hey. Ethan sieht Giffany beinahe als… nicht Freundin, das ist Quark, aber eben durchaus als… als Person. Und da Giffany ihm nur durch den kräuselnden Rauch in der Schale zu verstehen gibt, dass sie selbst da und sich Ethans Anwesenheit auch bewusst ist, ihn also niemand zum Reden nötigt, bricht ihm kein Zacken aus der Krone, wenn er ein bisschen Zeit am Schrein verbringt.

Außerdem beschäftigt er sich mit seinem Hund, der sich immer mehr an Ethan gewöhnt, und der sich an ihn. Schreibt diversen Leuten – Samantha natürlich, Bart, Niels, Nelson, der seit Februar, so ziemlich genau, seitdem auch Sam in England ist, für ein Jahr in Afrika eine Forschungsreise macht – mehr oder weniger offen von den neuen Umständen in Bezug auf Irenes Seelenlosigkeit und warnt sie entsprechend. Entschuldigt sich außerdem bei Gideon für die unkoordiniert-panische Mail, die er kurz nach seiner Rückkehr aus Kalifornien, als seine Suche hektisch wurde und Ethan so ziemlich nach jedem Strohhalm griff, dem Sanitäter geschickt hat. Von Sam, die er vor seinem Aufbruch wie versprochen auch vorgewarnt hatte, dass er sich vielleicht eine Weile nicht melden könne, bekommt er auf keine seiner Nachrichten eine Antwort. Aber von Barry. Dem Älteren hat er gleich nach seiner Rückkehr aus dem Adirondack Forest auch geschrieben, und in der Mail muss er ganz schön durch den Wind geklungen haben, denn sein Freund hat Ethan daraufhin ohne Umschweife auf einen Besuch eingeladen.

Das ist ohnehin so eine Sache. Die Jacksons sind vor kurzem nach Chicago umgezogen, und eigentlich hatte Ethan versprochen, er hilft. Aber dann kam die Suche nach Cal und dann die Sache an der Waldhütte, da hatte Ethan den Umzug der Jacksons und seine Zusage zur Hilfe dabei völlig aus den Augen verloren. Barrys Einladung nimmt Ethan jedenfalls dankbar an, und zwar nicht nur, weil er dann seine Hände beschäftigt kriegt und noch bei ein paar Sachen helfen kann. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten will er gerade Barry ins Vertrauen ziehen, als er von dem Älteren erfährt, dass Irene in ihrem seelenlosen Zustand unter dem Vorwand, er habe keine Seele mehr, ein Kopfgeld auf Caleb ausgesetzt hat. Autsch. Das klingt gar nicht gut. Das klingt so, als würde Irene jetzt ganz aktiv Maßnahmen gegen ihre Wiederbeseelung ergreifen. Als er Cal per SMS warnt, kommt etwas später die Info zurück, dass der Ältere sich schon mit mit ein paar Kopfgeld-geilen Jägern auseinandersetzen musste, aber alles in Ordnung ist. Puh.

Bei dem Gespräch mit Barry kann Ethan sich dann aber doch noch die ganze Sache von der Seele reden. Stellt fest, dass der Schriftsteller Cal nicht mag und ihn wegen seiner Bitte, ihn jagen zu kommen, für ein Arschloch hält. Dass er der Meinung ist, Cal hätte sich damit nicht an Ethan wenden dürfen, sondern hätte jemand anderen finden müssen, dem so etwas leichter fallen würde – meint sich selbst damit, vermutet Ethan, auch wenn Barry das nicht ausspricht. Aber da ist Ethan sich nicht so sicher: Wem sonst vertraut man denn eine solche Bitte an, wenn nicht jemandem, dem es schwerfällt? Jemandem, der einem so nahe steht, dass derjenige nicht einfach so losballert, sondern das wirklich nur als allerletzte Option durchzieht, wenn wirklich, wirklich, wirklich gar nichts anderes mehr geht? Trotz allem, wie es an der Hütte gelaufen ist, ist Ethan immer noch der Meinung, die grundsätzliche Übereinkunft war in Ordnung, und er würde das Versprechen wieder geben, wenn sie unter denselben Umständen nochmal in dem Roadhouse sitzen würden. Denn wie wäre es denn andersrum, wenn Ethan selbst in der Situation wäre? Und nein, das Beispiel ‚Artie’, das Barry bringt, passt nicht: Artie ist gerade mal fünfzehn, und Artie ist kein Jäger. Ethan hat keine Ahnung, ob er sich in so einer Situation an Artie wenden würde, wenn der erwachsen und seit zwölf Jahren Jäger wäre. Aber auf jeden Fall an jemanden, bei dem er sich sicher wäre, dass der sich Gewissheit verschafft.
Darüber, was sie in bezug auf Irene am besten als nächstes tun, sind die beiden Jäger sich auch nicht einig. Barry steht auf dem Standpunkt, die Britin will nicht geheilt werden, und diesen Willen müssen sie respektieren, dürfen also nichts tun, um ihr ihre Seele wieder zu verschaffen. Das ist etwas, das Ethan so überhaupt nicht nachvollziehen kann, und er argumentiert glühend dafür, dass sie doch etwas unternehmen müssen, um der Trophäenjägerin zu helfen. Widerstrebend lässt Barry sich überzeugen, oder er sagt zumindest nichts mehr dagegen, auch wenn er erklärt, dass die Seelenlosigkeit alles einfacher mache, zumindest sei ihm das mit Cal in dem Zustand so gegangen.

Während des Gesprächs erfährt Ethan auch, dass Nelson vermisst wird. Von dem Dozenten hat er seit dessen Aufbruch nach Afrika regelmäßige Updates über seine Forschungsreise bekommen. Fotos von Landschaften, Städten und Dörfern – und ein Foto von einer jungen Frau, ebenfalls ein Mitglied der Forschungsgruppe, in die Nelson sich offenbar verliebt hat. Eine Weile später kam dann die überraschende Nachricht, dass Nelson diese Dr. Hamilton geheiratet hat, und kurz darauf – nach Ethans zunehmend drängenden Fragen wegen Nelsons Seelenforschungen – schrieb der Nigerianer, dass er die Reise abbrechen und nach Hause kommen werde. Das war vor etwa einer Woche, und Ethan war bis zu diesem Moment eigentlich davon ausgegangen, dass Nelson demnächst in Burlington ankommen müsste, und hat sich schon darauf gefreut, seine Frau kennenzulernen. Aber jetzt weist Barry ihn auf eine E-Mail hin, die Ethan bisher noch gar nicht gefunden hatte, von einem Mitarbeiter des nigerianischen Außenministeriums, und die besagt, dass seit einigen Tagen jede Spur von Nelson fehlt. Die Nachricht beunruhigt Ethan ebenso tief wie Barry, und gemeinsam überlegen die beiden Jäger sogar, ob es irgendwas bringen würde, selbst nach Nigeria zu fahren und zu sehen, ob sie nicht vielleicht etwas herausfinden können. Aber auch wenn Ethan sogar einen Pass hat und theoretisch fahren könnte, bringt das alles nichts, solange sie keinerlei Hinweise haben, wo sie überhaupt anfangen sollen. Also beschließen sie, dass Barry sich bei diesem Mr. Ayodele vom Ministerium nach Details erkundigen wird und sie dann weitersehen wollen.
Außerdem sprechen sie über ihren Plan, gemeinsam einen sicheren Ort für die Höllenschale aus dem Sumpf in Georgia zu suchen. Barry hatte da einen Vorschlag für einen Ort in Ohio, der sich vielleicht eignen könnte, den sie sich aber genauer ansehen müssten. Aber wann sie das in Angriff nehmen können, ist noch die Frage. Erstmal abwarten, was Barry wegen Nelson erfährt, und dann genauer planen.

Abends, allein im seinem Gästezimmer, liest Ethan sich stirnrunzelnd Irenes Forenpost wegen Cal noch einmal durch und schreibt dann eine Mail an Emily, um der jungen Jägerin für ihre Bemühungen bei der Suche nach einer Heilung für Cal zu danken und ihr gleichzeitig zu sagen, dass das, was sie True Believers-Forum vielleicht schon wegen dessen vermeintlicher Seelenlosigkeit gelesen haben könnte, erstunken und erlogen ist.
Jetzt noch bei Sam anzurufen, bringt nichts. In England ist es fast schon wieder Aufstehenszeit, aber eben nur fast. Also schreibt Ethan lieber eine Mail, auch wenn er darin nicht offen ansprechen kann, was er eigentlich fragen wollte.

Der Besuch bei den Jacksons ist aber nicht nur dafür gut, dass Ethan seine Sorgen mit Barry besprechen kann. Auch mit Artie verbringt er endlich mal wieder etwas Zeit. Bevor der Junge ins Bett gehen muss, unterhalten die beiden sich über alles mögliche, bis Artie irgendwann doch die Augen zufallen. Ethan muss lächeln, als er aus dem Zimmer kommt. Er hat den Kleinen echt vermisst. Aber von Vermont nach Chicago ist es ja jetzt nicht mehr ganz so weit wie vorher nach Arkansas. Vielleicht kann er die Jacksons jetzt tatsächlich ein bisschen öfter besuchen.

Diesen erfreulichen Gedanken hat Ethan noch im Kopf, als er zuhause in Burlington den Briefkasten öffnet. Viel Briefpost bekommt Ethan normalerweise nicht, aber diesmal ist eine große braune Versandtasche dabei, überfrankiert und ohne Absender. Mit einem gewissen Misstrauen und entsprechender Vorsicht, aber auch ziemlich neugierig, öffnet Ethan den Umschlag – und spürt, wie ihm sämtliches Blut aus dem Gesicht weicht und ihm die Knie wackelig werden, als er dessen Inhalt zu Gesicht bekommt, und er sich an der Tischkante festhalten muss, um nicht seitwärts wegzuknicken. Denn vor ihm auf dem Tisch liegen eine ganze Reihe Fotos von Mom, Dad, Alan und Fiona. Gestochen scharf, mit Datumsstempeln aus den letzten Tagen, aufgenommen offensichtlich von unterschiedlichen Fotografen und zu ganz unterschiedlichen Zeiten, so dass von jedem einigermaßen dessen Tagesablauf abgebildet wird. Dazu ein sorgfältig mit der Schneidemaschine zurechtgeschnittener Papierstreifen mit einer gedruckten Zeile in Arial 12pt:
“Ich will die Schale. Das Original. Unverändert. F.-Kiste in Bauwagen u. Tisch, 60x90cm. 4 Wochen.”
Die unausgeschriebene Fortsetzung des Satzes muss da gar nicht stehen. ‚Sonst.’

Für eine ihm nicht näher bewusste Anzahl von Sekunden starrt Ethan blind auf den Zettel. Kann nicht denken, kann nicht mal irgendwas fühlen, steht einfach nur da. Dann nehmen sein Gehirn und sein Herz wieder Fahrt auf, und die Gedanken, die Implikationen, jagen rasend schnell durch ihn hindurch, während sich ihm immer stärker der Hals zuschnürt.
Er muss irgendwas tun. Irgendwas, um den Schock und die Wut herauszulassen. Mit einer Art rotem Nebel vor den Augen greift er nach seinem Handy und jagt eine SMS an Irene los, genau dieselben Worte, die sie ihm damals in Pemkowet entgegengeschleudert hat: “Wenn ihnen etwas zustoßen sollte, dann gibt es kein noch so kleines Loch auf dieser Erde, wo du dich vor mir verstecken kannst!”
Als die Mitteilung abgeschickt ist, fühlt Ethan sich zwar nicht unbedingt besser, aber zumindest einen Hauch ruhiger. Er atmet durch und sendet, diesmal per Mail, einige weitere Nachrichten los. Vor allem an Barry, Bart und Emily, dass er die drei dringend sprechen muss. Eine Warnung an Cal wegen Ben. Wenn Irene bei ihm versucht, über seine Familie an ihn zu kommen, ist es durchaus möglich, dass sie das bei seinem Ersatzvater auch versuchen wird. Eine Mail an Niels, dass mehr braunes Zeug im Ventilator gelandet ist und er vielleicht bald nach New York muss. Dann fällt ihm ein, dass Irene sich aus Gründen der Nachverfolgbarkeit vielleicht von ihrem Handy getrennt hat, und schickt denselben Text wie in der SMS auch nochmal per E-Mail. Die Nachricht an Alan hingegen, die er in der ersten Panik schon verfasst hat, ein einfaches ‘wir müssen reden’, schickt er doch noch nicht los. Erst abwarten. Nachdenken. Nicht in Hysterie verfallen. Aber das ist leichter gesagt als getan. In dieser Nacht macht Ethan kein Auge zu.

Es dauert ein paar Tage, bis das erbetene Treffen zustande kommt. Barry schlägt erst vor, das Treffen in Chicago abzuhalten, aber das ist Ethan zu weit weg. Er wird mit einiger Wahrscheinlichkeit zu seiner Familie müssen, oder zumindest will er in deren Nähe sein. Stattdessen zu telefonieren, ist Ethan allerdings auch nicht so recht. Zugegeben, er hatte das das ursprünglich als mögliche Alternative vorgeschlagen, aber jetzt packt ihn die Paranoia. Wenn Irene Privatdetektive auf seine Familie hetzen kann, was hindert sie dann, seine Telefongespräche abhören zu lassen? Deswegen war er in seinen Mails ja schon so ungenau wie möglich. In Person treffen ist sicherer. Und zwar irgendwo, das erstens Irene nicht so direkt auf dem Schirm hat und das zweitens nicht zu weit von Tappan weg ist. Schlägt deswegen Newark vor, weil New York City selbst ja nun nicht so dringend sein muss, wenn sie ohnehin alle von außerhalb kommen. Barry hatte geschrieben, dass er andere Termine hat, die er ungern sausen lassen würde, also rechnet Ethan eigentlich gar nicht mehr damit, dass der Schriftsteller auch dazustoßen wird, und verabredet sich mit den anderen beiden. Ist dann freudig überrascht, als Barry kurzfristig doch zusagt.

Während diese Korrespondenz hin- und hergeht, bietet Cal an, dass Ethan seine Familie zu ihm auf das Gelände seiner Paramilitärtruppe bringen könne. Ethan freut sich über das Angebot, ist sich aber noch nicht so sicher, ob er es annehmen kann oder soll. Dazu muss er sich erst überhaupt einmal darüber klar werden, was als nächstes zu tun ist. Und dazu muss er wissen, wie die anderen reagieren.

Bis zu dem Treffen in Newark schreibt er auch ein paarmal mit Emily hin und her. Sie macht sich Sorgen um die Schale und darum, dass es vielleicht Bart sein könnte, der seine Seele verloren hat – klar, Ethan hat ja auch in den Mails an seine drei Gefährten aus Sicherheitsgründen absichtlich nichts Genaues erwähnt. In seiner Antwort beruhigt Ethan die junge Jägerin erst einmal und vertröstet sie dann auf die persönliche Begegnung. Auch, aber nicht nur, weil er nicht zu viel Information nachverfolgbar in die Weiten des Internets schicken möchte; der andere Grund ist, dass er vermeiden will, dass Emily sich auf den Standpunkt ‘keine Seele, kein Mensch’ stellt und Irene jagen geht, bevor er ihr genauer auseinandergesetzt hat, warum das in diesem speziellen Fall so einfach nicht ist.

Von Irene kommt eine Antwort, die ebenso knapp ist, wie seine eigene Nachricht an die Britin es war: “Ach Ethan. Tu nicht so, als wäre das allein meine Entscheidung.” Oh doch, verdammt. Ist es. Sie ist es, die ihn bedroht. Nein, die seine Familie bedroht. Wütend feuert er eine knappe Reaktion zurück – “Oh nein. Den Schuh zieh ich mir nicht an.” – bevor ihm auffällt, dass genau heute Irenes Geburtstag ist. Der vierzigste noch dazu. Er müsste fast lachen, wenn es nicht so weh täte. Scheiße, verdammte. Wann zum Geier ist das passiert, dass er plötzlich wieder Freunde hat? Dass ihm wieder Leute wichtig sind? Drecksmist, elender. Das hat sich einfach so angeschlichen, ihn hinterrücks überfallen. Er hat nicht danach gefragt. Aber jetzt ist es so, verdammter Mist. Und er will es ja auch nicht mehr missen. Eigentlich. Und uneigentlich auch, verdammt. Aber Ethan wird den Gedanken nicht los, dass es ein Fehler war. Dass seine Familie nur deswegen in Gefahr ist, weil er wieder den Kontakt gesucht hat.
Aus seiner rasenden Sorge heraus schreibt er jetzt doch an Alan, bittet um ein Treffen, wo Ethan doch sowieso nach Newark fährt. Alan weiß inzwischen von Kram, und er ist Polizist und hat Polizeikontakte und Polizeiressourcen in der Hinterhand, vielleicht hat der eine Idee. Aber hinterher. Erstmal das Treffen mit den drei anderen.

Mit Niels, von dem nach Ethans Mail mit der Warnung auch eine Antwort kam, schreibt er ebenfalls kurz hin und her. Will sich eigentlich mit dem Jüngeren in New York treffen, wo das gerade so gut passt, aber kurz bevor Ethan losfährt, bekommt er eine Absage von dem Kunststudenten, er müsse kurzfristig nach Chicago, und sie könnten sich ja hinterher sehen und alles besprechen. Verdammt: Ethan hätte den anderen eigentlich gerne zumindest in Sachen Irene ein bisschen genauer informiert, als das per Mail möglich war, aber das muss jetzt wohl warten. Erst: Newark.

Eigentlich hätte er gedacht, bis zu dem Treffen würde es ihm ein bisschen besser gehen. Würde er sich etwas beruhigt haben. Aber das Gegenteil ist der Fall. Als es zum vereinbarten Zeitpunkt klopft, sitzt Ethan mit dem Kopf in den Händen am Tisch, nachdem er zuvor unruhig im Zimmer auf- und abgetigert war. Als die anderen jetzt nacheinander hereinkommen, kriegt er neben etwas, das nur mit einiger Mühe als Lächeln zu identifizieren ist, nichts weiter als ein unglückliches ‚Hi’ heraus. Aber immerhin doch so viel: Es hat schon Zeiten gegeben, da hätte er nicht mal das geschafft.
Sobald sie um den Tisch sitzen, nimmt Ethan, noch immer wortlos, den braunen Umschlag zur Hand. Schüttelt die Observierungsfotos und den Papierstreifen mit der Drohung heraus und legt sie wortlos den anderen hin.
“Wer weiß alles von der Schale?” will Barry sofort wissen. “Wir. Irene”, erwidert Ethan, woraufhin der Ältere kommentarlos aufspringt und das Zimmer verlässt. Verblüfft, weil er so unvermittelt rausgestürmt ist, geht Ethan nachsehen, was los ist, aber es scheint alles in Ordnung: Barry telefoniert nur. Nach ein paar Minuten kommt der Schriftsteller wieder herein und setzt sich ebenso kommentarlos wieder.

Emily fragt, ob Ethan weiß, von wem der Umschlag kommt. „Weiß ich”, knurrt er grimmig, bevor er tief durchatmet und etwas genauer erklärt, was es mit Cal und Irene und der Seele auf sich hat. Irene zu jagen, wie Emily es vorschlägt, als sie erfährt, dass die Britin Ethans Familie bedroht, kommt aber nicht in Frage, befinden sowohl Ethan als auch Bart kategorisch.
Emilys Reaktion ist unmittelbar und sehr heftig: “Irene darf die Schale nicht bekommen. Auf gar keinen Fall.”
Aber es geht hier um Ethans Familie, erwidert er unglücklich. Das Risiko, dass denen was passiert, kann er nicht eingehen. Aber die Polizei einzuschalten, ist auch schwierig. Wie soll er denen erklären, was es mit der Erpressung auf sich hat? Was diese “Schale” ist, von der die Drohung spricht? Barry schlägt einen archäologischen Fund vor, was nicht mal wirklich gelogen wäre, aber die Polizei auf Irene zu hetzen, wäre auch nicht so gut, weil sie ihr ja noch helfen wollen. Und eine komplett seelenlose Irene mit ihren endlosen Ressourcen ist für die normale Polizei vielleicht auch zu schwer zu knacken. Andererseits, wirft Barry ein, dürfte es die Britin wenigstens Ressourcen und Zeit kosten und ihr etwas Druck zurückgeben.

Überhaupt ist das Ganze Barrys Meinung nach vermutlich ein Ablenkungsmanöver seitens Irene. Warum Ethan sonst vier Wochen lang Zeit geben? Warum nicht sofort Ernst machen? Auf Cal hat sie dieses stümperhafte Kopfgeld ausgesetzt, das ihn beschäftigt hält. Auf Ethan hat sie jetzt diese Erpressung angesetzt, die ihn beschäftigt hält. Die hat doch garantiert was anderes vor, findet der Schriftsteller. Denn relativ zeitgleich ist ja auch Nelson verschwunden, und der war dicht an einem Heilmittel für den Seelenschwund dran. Ob Irene eventuell etwas mit dessen Verschwinden zu tun gehabt hat? Das hält Ethan aber nicht für sonderlich wahrscheinlich; das wäre von der zeitlichen Abfolge her eigentlich nur möglich, wenn Irene ihre Seelenlosigkeit von langer Hand geplant hätte, und das wiederum hält Ethan für so ziemlich ausgeschlossen. Aber ein Ablenkungsmanöver? Hm. Möglich. Aber schwer nachzuprüfen.

“Hast du schon mit deiner Familie geredet?” will Barry wissen, aber Ethan schüttelt den Kopf. “Danach”, murmelt er zur Erklärung. “Erst hier. Und Alan dann.”
“Welche Möglichkeiten gibt es denn, deine Familie zu beschützen?” wirft Bart ein, was Ethan zu einem frustrierten Schulterzucken veranlasst. “Schwierig.” Aber immerhin hat Cal seinen Paramilitär-Stützpunkt als Zuflucht angeboten, ergänzt Ethan. Dort stünde ein ganzer Trupp Söldner zum Schutz zur Verfügung, aber er ist sich nicht ganz sicher, ob das reicht.
Bei der Bemerkung von Cals Basis sieht sieht Barry Ethan aufgebracht an. “Wie, du sagst Cal bescheid, aber mir nicht?”
Ethan runzelt verwirrt die Stirn. Das hat er doch. Gleich sofort, als er den Umschlag fand, und das sagt er auch. Sogar noch vor der Warnung an Cal, tatsächlich. “Aber nicht, wie direkt die Bedrohung war”, schießt Barry zurück, und damit hat er tatsächlich nicht ganz unrecht. Aber. Wegen der Sache an der Hütte ist Cal direkt in Irenes Schussfeld. Und wenn Irene über Ethans Familie an ihn will, dann will sie über Calebs Familie vielleicht an den. Immerhin hat Cal einen Bruder und einen Sohn, über den er angreifbar ist, und genau deswegen hat Ethan seinen Ex-Mentor explizit gewarnt. Für alles andere waren ihm die Kommunikationskanäle zu unsicher, und zum Glück hat Irene Barry ja überhaupt nicht auf dem Schirm. “Aber Artie vielleicht”, erwidert der Schriftsteller vorwurfsvoll, “Irene weiß doch, dass du an Artie einen Narren gefressen hast! Hast du daran mal gedacht?”
Hat Ethan tatsächlich. Aber wenn Irene Artie als Druckmittel hätte verwenden wollen, dann hätte sie das schon gemacht, aber nicht Barry, sondern Ethan gegenüber, und zwar in einem Aufwasch mit den Erpresserfotos vom Rest seiner Familie.
“Willst du denn unbedingt in Irenes Schussfeld?” fragt Emily. “Sei doch froh, dass sie dich nicht auf dem Schirm hat, sonst hättest du mit Sicherheit schon was von ihr gehört.”
“Jaja”, winkt Barry ab, im ganz klaren Tonfall, dass es das nicht ist: “schon gut.”
Ethan runzelt die Stirn. Die Reaktion des Älteren mag aus seiner Sicht verständlich sein, aber Ethan ist sich tatsächlich keiner Schuld bewusst, und Barrys Verärgerung tut gerade ganz schön weh. Egal. Wichtigeres jetzt. Später drüber nachdenken.
Emily hat sich indessen besorgt Bartolomäus zugewandt. “Wie ist es mit dir?”
Der Gelehrte lächelt beruhigend. “Keine Sorge. Für mich besteht bislang keinerlei Gefahr.”

Jetzt fangen sie ernsthaft an zu planen, was denn überhaupt als nächstes zu tun sei. Ethans Familie muss aus der Schusslinie, soviel steht fest, auch wenn Alan einen festen Job hat und nicht ohne Grund weg kann. Ethan gibt zu, dass er schon an Europa gedacht hat. Und an den Mars oder Saturn. Ist aber alles nicht weit genug weg.
Bart macht den Vorschlag, Jonathan Saitou ins Boot zu holen, vielleicht könne der, zumindest kurzfristig, einen Platz im Zeugenschutzprogramm organisieren. Und überhaupt sollte der FBI-Mann eingeweiht und vor Irene in ihrem derzeitigen Zustand gewarnt werden: Er kennt die Britin ja auch.
Der Gedanke an den Bundesagenten lässt Ethan kurz das Gesicht verziehen, aber Bartolomäus hat recht. Ziemlich dankbar für Barts Angebot, selbst Agent Saitou zu informieren, ist Ethan allerdings auch. Letztes Jahr in Meredith hat er sich zwar wieder einigermaßen mit dem FBI-Mann zusammengerauft, und Angst, dass er ihn verhaften würde, muss er wohl auch keine mehr haben, aber es ist besser, wenn so eine Info von Bart kommt, dem der Agent garantiert eher traut als Ethan.

“Was Irene wohl mit der Schale will?” sinniert Barry, was ihm einen verwunderten Blick und ein “Trophäe” von Ethan einbringt. Diese Vermutung hat Barry doch immerhin gerade letztens noch selbst angestellt.
“Wir können nicht wissen, dass Irene die Schale wirklich nur als Trophäe haben will”, wirft Emily hitzig ein. “Wer sagt uns, dass sie die nicht vielleicht doch für das nutzen will, wofür sie gemacht wurde? Der Sumpf war nur ein blasser Abglanz von dem, was passiert, wenn die Schale richtig eingesetzt wird – das Risiko können wir nicht eingehen!”
“Keine Seele oder nicht – Irene wird auch nicht so wild darauf sein, da, wo sie selbst ist, ein Höllentor aufzureißen”, sagt Barry, aber diese Vermutung scheint Emily nicht so wirklich zu beruhigen.

“Man könnte Irene ja eine andere Schale unterjubeln”, schlägt Bart vor, “oder hast du sie ihr so detailliert beschrieben, Ethan?”
Ethan denkt an das Gespräch mit der Britin zurück. Überhaupt nicht detailliert, aber das hilft nicht. Sumpf, Georgia, Antiquariat. Kann man recherchieren.
Eine Fälschung könnte er vielleicht hinbekommen, sagt Ethan auf Barrys Frage hin. Aber die findet man raus. Alter und so. “Ja, mittels Karbondatierung”, präzisiert Bart.
“Eine Karbondatierung dauert aber ihre Zeit”, sagt Barry, aber darauf schüttelt Ethan den Kopf. “Und? Irgendwann fertig.” Und spätestens dann weiß Irene, dass sie geleimt worden ist.
“Aber eine Fälschung zu haben, kann trotzdem nichts schaden”, beharrt Barry, “oder sogar mehr als eine. Und sei es nur, um Verwirrung zu stiften.”
Klar könnte Ethan eine Fälschung bauen. Aber sie dann auch nutzen? Nein. Zu riskant.

Einen Tracker an der Schale zu befestigen, ist die nächste Idee, die aufgeworfen wird, und die ist sogar richtig gut. Oder wäre, wenn man so ein Ding irgendwie unauffällig befestigen könnte. An der Schale selbst sicherlich nicht, aber in der Fluchkiste vielleicht, in der Irene die Schale haben will? Hmm. Das würde gehen. Agent Saitou wollen sie ja ohnehin bescheid sagen. Vielleicht hat das FBI ja auch unauffällige, kleine Ortungsgeräte, die nicht so leicht zu entdecken sind. Oder Cal. Vielleicht kommt Cal an einen militärischen Tracker ran.
“Wenn wir Pech haben, lässt Irene die Schale aber gar nicht in der Kiste”, mahnt Emily, “dann wäre ein Tracker an der Kiste sinnlos.” Stimmt. Aber warum hat sie dann überhaupt eine Fluchkiste verlangt, wenn sie die Schale nicht genau darin sicher aufbewahrt sehen will?
Vermutlich kommt Irene sowieso nicht selbst, um das Ding einzusammeln, sondern schickt einfach irgendwen. Dann können sie so viele Ortungsgeräte haben, wie sie wollen, erwischen werden sie die Britin trotzdem nicht. Aber sie würden wenigstens wissen, wo die Schale wäre.
Ethan versucht, Emilys Blick einzufangen, weil die sich vorhin so vehement dagegen ausgesprochen hat, Irene die Schale zu überlassen, aber die junge Jägerin sieht stur an ihm vorbei, und ihr Gesicht ist ziemlich versteinert.

“Wenn sie die Schale nur als Trophäe haben will, um die Führung der Hooper-Winslows anzutreten, dann wäre das ja eigentlich fast noch erträglich”, stellt Bartolomäus fest. “Dann würde die Familie Hooper-Winslow für 30 bis 40 Jahre zwar etwas anders funktionieren als bisher, aber die Welt würde davon nicht untergehen. Und damit wäre die Trophäe wenigstens sicher im Archiv verwahrt”, fügt er noch hinzu.
“Aber wenn Irene an der Spitze der Familie stünde”, gibt Barry zu bedenken, “dann käme sie an alle Artefakte im Archiv.” “Nicht allein”, hält Ethan dagegen, “eben Vorteil am Archiv.”
Barry ist nicht überzeugt. “Nein, nicht alleine. Aber sie hat ja Leute, die den Kram mit ihr rausholen würden. Dieser Charles zum Beispiel. Der will ihr ja alles recht machen. Und… wissen die H-Ws überhaupt, wie es um Irene steht?”
Ethan nickt mit dem Kinn Richtung Bart. “Und Sam”, ergänzt er dann. “Schon gewarnt. Auge drauf.” Den Stich, den es ihm gibt, daran zu denken, wie knapp ihre Reaktion auf die Information ausgefallen ist, lässt er sich nicht anmerken.
Der Antiquar nickt ebenfalls. “Außerdem hätte Irene keinerlei Vorteil davon, wenn sie mit der Schale ein Höllentor öffnen würde”, betont er. “Nur, weil sie keine Seele mehr hat, heißt das ja nicht, dass sie auf einmal anfängt, böse Dinge nur um der bösen Dinge willen zu tun. Und einen Dämonendeal kann sie ohne Seele ja auch nicht abschließen.”

“Wir erschießen Irene also nicht?” fragt Barry trocken. Während Ethan ihn mit einem ‘bist du irre’-Blick bedenkt – war nicht der Schriftsteller derjenige, der gerade erst vor ein paar Tagen auf dem Standpunkt stand, man dürfe die Britin nicht heilen, weil sie nicht geheilt werden wolle? -, kommt auch von Bart sofort ein resolutes Nein. “Sie ist Familie. Das lasse ich nicht zu”, erklärt der Gelehrte ganz unmissverständlich.
“Also gut, nicht erschießen. Aber einfangen? Die Bedrohung minimieren, indem wir sie kaltstellen?”
Hm. Auch nicht ideal. Dazu bräuchte es ja erst einmal eine Lösung für das Problem, denn Irene einzufangen und dann ewig festzuhalten, ohne sie von ihrer Seelenlosigkeit befreien zu können, wäre auch keine Option, das Risiko, dass sie sich befreien würde, viel zu groß. Und: “Wie geht man überhaupt gegen ein Wesen vor, das keine Seele mehr hat?” will Emily wissen.
Natürlich ist es Bart, der antwortet: “Nun, so etwas kommt ja nicht zum ersten Mal vor. Es gibt Schutzkreise, die eigens für Seelenlose intendiert sind.”
“Und Irene könnte man ja betäuben oder in einem Wachkoma halten”, ergänzt Barry. “Das würde uns die Zeit verschaffen, nach einer Lösung zu suchen, ohne ständig eine Bedrohung im Rücken zu haben.”
“Aber erst müssten wir wissen, wo wir sie unterbringen”, befindet Emily. “Wir können sie nicht finden und einfangen, wenn wir nichts haben, wo wir sie festhalten können. Und dann, wenn sie kaltgestellt ist, eine Lösung suchen.”

Ethan, der diesem letzten Austausch schweigend zugehört hat, runzelt die Stirn. Schüttelt den Kopf. “Allererster Schritt: Familie”, sagt er. “Alles zu unsicher. Seh keinen Weg. Muss… echte Schale, glaub.”
Während Bart ein zustimmendes und Barry zumindest ein nachdenkliches ‘mhmm’ von sich gibt, zieht Emily ein finsteres Gesicht. “Wenn ihr das macht, bin ich raus.” Ohne ein weiteres Wort steht sie auf und geht Richtung Tür.
Ethan springt auf. “Em, warte!”
Die junge Jägerin bleibt kurz vor der Tür stehen, dreht sich aber nicht um.
“Was meinst du: ‘bist raus’?” fragt Ethan.
“Was ich sage. Wenn ihr Irene die Schale geben wollt, ist das eure Verantwortung. Ich mache nicht mit dabei.”
Ethan verzieht das Gesicht. Ach Drecksmist. “Gefällt mir ja auch nicht”, gibt er todunglücklich zu. “Weiß nur sonst keinen Weg.”
Emilys Stimme wird ein klein bisschen sanfter. “Das versteh ich ja. Es geht um deine Familie, du musst das machen. Aber versteh mich bitte auch, ich kann das nicht gutheißen und nicht mitmachen.”
“Was würdest du denn machen?” fragt Ethan bedrückt.
“Das weiß ich nicht”, antwortet die Jägerin, “aber ich bin auch nicht in dieser Lage. Ich habe keinerlei Kontakt zu meiner Familie.”
Ach Drecksmist. Ethan fährt sich mit den Fingern in die Haare und sieht sie unglücklich an. “Es tut mir leid.”
Emily schüttelt den Kopf, und ihre Stimme wird noch ein bisschen versöhnlicher. “Denk du an deine Familie. Um die geht es jetzt, und nur um die.”
“Hast du denn einen anderen Vorschlag?” will Barry wissen, was Emily den Kopf schütteln lässt. “Hab ich nicht”, sagt sie leise, kommt aber zum Tisch zurück und setzt sich wieder. “Oder… vielleicht doch.” Sie misst Ethan mit einem direkten Blick. “Ich könnte die Schale für eine Weile aus dem Weg schaffen. Sie sicher verstecken. Damit würde Irene nicht rechnen. Und wenn die Schale weg ist, ist sie weg. Sie kann dich nicht zu was zwingen, das du nicht leisten kannst.”
“Mmhm”, macht Ethan. Das klingt verlockend. Echt verlockend. Auf den ersten Blick zumindest. Aber. “Könnt nicht beweisen, dass sie weg ist.”
“Stimmt aber”, wirft Barry ein. “Wenn du Irene die Schale gibst, dann beweist du, dass du dich erpressen lässt.” Er misst Ethan mit einem durchdringenden Blick. “Dann verlangt sie heute die Schale und morgen… was morgen?”
Scheiße, verdammte. Als ob Ethan das nicht selber wüsste. Aber er kann das Risiko einfach nicht eingehen, verdammt. Barrys Blick wird noch etwas durchdringender, seine Stimme deutlich schärfer, als er fragt: “Wie weit würdest du gehen, Ethan? Wo ist deine Grenze?”
Würdest du Irene erschießen, um deine Familie zu retten? Diese dritte Frage schwingt so deutlich unter den anderen mit, als hätte der ältere Jäger sie laut ausgesprochen.

Ethan denkt darüber nach. Lange. Sehr lange. In das Schweigen hinein sagt Bart: “Familie darf jedenfalls nie eine Grenze sein.”
“Anders verstanden”, wendet Ethan sich zu dem Gelehrten, “Waagschale. Eine Seite: Familie. Andere Seite: Krisen. Familie gegen Weltuntergang? Familie gegen New York? Familie gegen tausend Menschen? Hundert? Gegen Freunde?” Er zögert wieder. Überlegt. Schüttelt den Kopf. Seufzt. “Kanns dir nicht beantworten. Weiß nur, Situation jetzt? Kann nicht zulassen, dass ihnen was passiert.”
“Aber du musst mit ihnen reden”, mahnt Barry. Ethan sieht ihn verwirrt an. “Hm? Ja klar. Kein Zweifel. Reden und irgendwie in Sicherheit bringen.”
“Ob sie in Sicherheit gebracht werden wollen, ist aber ihre Entscheidung”, sagt Barry streng. “Du kannst ihnen nichts aufzwingen. Alan hat einen Job, der kann vielleicht nicht einfach so untertauchen.”
Ethan runzelt die Stirn. “Aufzwingen? Eh nicht. Aber klar machen, was Sache ist!”
“Was willst du ihnen denn sagen? Die Wahrheit? Wie willst du ihnen erklären, was los ist?”
Ethan lässt die Schultern hängen. Das ist genau das Problem, elender Drecksmist. Eines von so vielen. Er fühlt sich wie eine Ratte in der Falle. Oder wie… wie. “Weiß nicht. Muss aber. Irgendwie.” Er presst die Lippen aufeinander. “Nur mundane Privatdetektive bisher, scheints. Monster wär schlimmer: weniger machen, schwerer erklären, aber so? Geht vielleicht. Und Alan weiß bisschen von Kram.” Nicht, dass es das irgendwie leichter machen wird, eine Lösung zu finden, aber wenigstens nicht völlig unmöglich.
Bart ist dem letzten Wortwechsel aufmerksam gefolgt. “Ob Irene auch übernatürliche Mittel einsetzt, um deine Familie zu überwachen?” “Schwer zu sagen”, wirft Emily ein, aber der Gelehrte schüttelt schon den Kopf. “Nein, das ist eher unwahrscheinlich”, verbessert er sich selbst. “Sie kann ja nicht auf einmal hingehen und sagen: ‘Hallo, ihr Monster, ich habe keine Seele mehr, ich bin jetzt eines von euch, helft mir bitte! Also, vielleicht könnte sie das schon, aber sie ist ja auch immer noch eine Hooper-Winslow, und die Hooper-Winslows dürften bei den meisten Monstern nun einmal alles andere als gerne gesehen sein.”
“Naja”, gibt Barry zu bedenken, “eigentlich muss sie nur eine Hexe finden, die sie für einen Todesfluch bezahlen kann.” Bei dem Gedanken zuckt Ethan heftig zusammen, und Bart verzieht das Gesicht. “Das ist wahr, das würde vermutlich kein größeres Problem darstellen”, gibt der Antiquar widerwillig zu.

“Wie wäre es eigentlich, wenn Irene nicht die Vorherrschaft im Hause Hooper-Winslow übernehmen würde?” fragt Barry, vielleicht in einem Versuch, von dem unerfreulichen Thema ‘Hexen’ wegzukommen.
“Cousin Ian”, knurrt Ethan. Bart nickt und ergänzt: “Ja, und mein guter Cousin wäre eine noch schlechtere Wahl als selbst die seelenlose Irene.”
Hm. Das bringt Ethan auf einen Gedanken. “Machen die Blackwoods eigentlich auch mit?”
“Beim Trophäensammeln für die Hausherrschaft meinst du?” vergewissert sich Bart und antwortet dann: “Einige, nicht alle.” Ethan nickt und hätte vielleicht noch weitergefragt, ob Bart zu den ‘einigen’ oder zu den ‘nicht allen’ gehört, wenn Emily nicht in dem Moment eine weitere Idee ins Spiel gebracht hätte:
“Was ist mit Sam? Kann man ihr nicht die Schale geben, damit sie die als ihre Trophäe nach England bringt?”
“Stimmt”, ergänzt Bart, “dann wäre das Artefakt zwar sicher im Archiv, aber es würde nicht als Irenes Trophäe gelten und somit ihre Anwartschaft auf den Sieg schmälern.”
“Mhmm”, macht Ethan nachdenklich. Eigentlich eine Idee. Aber. Sam ist in England, und es würde dauern, bis sie zurück in den USA wäre, um das Ding in Empfang zu nehmen und nach Europa zu bringen, selbst wenn er sie gleich erreichen würde, was angesichts seiner letzten Erfahrungen auch noch alles andere als gesagt ist. Außerdem würde eine solche Aktion Sam vielleicht auf Irenes Abschussliste bringen, und das kann er nicht riskieren. Und im übrigen hätte Ethan Irenes Forderung dann genausowenig erfüllt, und seine Familie wäre weiterhin in Gefahr, was er genauso wenig riskieren kann.
“Warum eigentlich?” fragt Barry, als Ethan das alles irgendwie halbwegs formuliert gekriegt hat, “Die Schale wäre dann doch aus dem Spiel und nicht mehr relevant.”
Während Ethan noch den Kopf schüttelt, findet Bart die zugehörigen Worte. “Das schon”, sagt er, “aber man kann nicht wissen, ob Irene nicht trotzdem ihre Drohung weiter in die Tat umsetzen würde, einfach aus Spaß.”
“Nicht Spaß”, widerspricht Ethan. “Seelenlos. Keine Gefühle. Ganz rational alles. Aber auch rational: trotzdem.”
Bart nickt. “Stimmt, um zu zeigen, dass sie konsequent ist. Sie hat es angedroht, also muss sie es durchziehen.”
Das. Ganz genau das. Und eben deswegen kann Ethan es nicht riskieren.

“Wissen wir eigentlich, dass Irene nicht auch dieses Treffen hier bespitzelt?” wirft Barry unvermittelt ein, und ganz unwillkürlich zuckt Ethans Blick im Raum herum und zum Fenster. Dann jedoch wiegt er den Kopf. “Glaub nicht. Aufgepasst unterwegs. Ihr bestimmt auch. Aber klar, nicht unmöglich.”
“Auch wenn du unterwegs nicht beschattet worden bist, es gibt immer noch die Möglichkeit, dass sie unsere Korrespondenz abgefangen hat. Dann wüsste sie daraus, dass wir hier sind.”
Mmhmm. Möglich. Aber Ethan hält es für nicht sehr wahrscheinlich. Oder zumindest hofft er das. Aber wenn es so ist, dann ist es so, dann kann er es jetzt auch nicht ändern. Und dass er sich mit seinen drei Mitstreitern aus dem Sumpf absprechen würde, das kann Irene sich auch so denken. Zumal Bart ja derjenige ist, der die Schale hat, und Ethan sie ohnehin erst von ihm noch bekommen muss.
Barry schlägt vor, dass sie sich zur Sicherheit an Ally Dennings wenden könnten, damit die ihnen eine sichere Kommunikationsplattform aufsetzt, an die Irene nicht so leicht drankommt, und erklärt, er wolle die Studentin deswegen kontaktieren. Jetzt gibt er den anderen schonmal die Nummer eines Wegwerfhandys, damit sie ihn bis dahin auf einem einigermaßen sicheren Weg erreichen können.

Es wäre vielleicht gar nicht schlecht, sagt der Schriftsteller dann, wenn sie es so aussehen ließen, als seien sie sich uneins darüber, was mit der Schale passieren soll – und das ist ja auch die reine Wahrheit, sie sind sich ja uneins. Aber vielleicht wäre es gut, wenn sie es noch uneiniger und noch mehr nach einem Streit aussehen lassen würden, als es in Wirklichkeit der Fall ist. “Vielleicht wäre es ganz gut, wenn Emily scheinbar wütend hinausstürmen würde. Nur falls Irene uns wirklich bespitzelt.”
“Stimmt”, nickt Emily und ist aufgesprungen und aus der Tür, bevor Ethan sie aufhalten kann. Ach verdammt. So tun, als ob sie wütend sei, und rausstürmen schön und gut, aber doch nicht sofort! Aber jetzt ist sie weg, und jetzt kann Ethan ihr auch nicht mehr hinterher, ohne die Täuschung auffliegen zu lassen, falls sie doch beobachtet werden.
Und vermutlich… vermutlich war Emily ja tatsächlich wütend und nur allzu froh um die Gelegenheit, jetzt so zu ‘tun’. Ach verdammt.

Zu dritt diskutieren die Männer noch eine Weile weiter, dann sie einen groben Schlachtplan zusammen, dem sie folgen wollen, falls nicht doch noch wem eine bessere Lösung einfällt. Es geht nicht anders: Irene muss die echte Schale bekommen, und zwar idealerweise mit einem Ortungsgerät versehen. Bart will Agent Saitou kontaktieren und den FBI-Mann wegen eines Platzes im Zeugenschutzprogramm für Ethans Familie und wegen eines möglichst unauffälligem Tracker fragen. Wenn das mit dem Zeugenschutzprogramm nicht gehen sollte, dann will Ethan die Gales zu Cals Söldnerbasis bringen. Und zwar nur, falls seine Familie zustimmt, natürlich. Dazu muss Ethan natürlich mit seiner Familie reden und sie zumindest teilweise einweihen, und sie müssen dann entscheiden, wie sie mit diesem Wissen umgehen wollen. Und egal, ob Ethan die Söldnerbasis in Anspruch nehmen muss oder nicht, Cal nach einem militärischen Tracker will er auch.
Barry wird Ally ansprechen wegen einer sicheren und schwer zu hackenden Plattform, über die sie kommunizieren können.
Sobald sie das alles soweit festgezurrt haben, atmet Ethan durch. Er fühlt sich immer noch verdammt dreckig, aber wenigstens nicht mehr ganz so vollständig wie an eine Wand gedrängt. Das ist zumindest mal eine Art Plan, und alleine hätte er den so nicht zusammenzimmern können. Ethan sieht die beiden anderen an und gibt ein tiefempfundendes “Danke” von sich.
Von Barry kommt darauf nichts als ein sehr knappes “ja” und ein sehr neutraler Gesichtsausdruck. Dann steht er wortlos auf und geht, und kurz darauf hört man, wie sein Mietauto vom Parkplatz fährt.
Auch Bart verabschiedet sich, und dann ist Ethan allein mit seinen Gedanken.

Eine lange Weile bemüht er sich redlich: versucht, den Kopf in den Händen verborgen, die wirbelnden Fetzen unter Kontrolle zu bekommen. Holt irgendwann Snoopy herein, den er während des Gesprächs draußen im Wagen gelassen hatte, und vergräbt die Hände in dem dunklen Fell. Schließlich gibt er sich einen Ruck, verlässt das Zimmer und klopft ein paar Türen weiter bei Emily.
Es dauert nicht lange, dann öffnet die Tür sich einen Spalt weit, und die Jägerin späht misstrauisch heraus. Sie sieht Ethan erst etwas entgeistert an, lässt ihn dann aber ein.
„Was gibt es noch? Ich dachte es, solle Tarnung sein, dass ich rausstürme?“
Ja. Sollte es. Eigentlich. Auch wenn er irgendwie doch nicht glaubt, dass Irenes Arm so weit reicht. Ethan nickt unglücklich, zuckt mit den Schultern und fährt sich mit den Fingern in die Haare. “Sorry. Geh wieder.” Er dreht sich um und greift nach dem Türknauf.
Aber Emily schüttelt den Kopf. „Warte.“

Also reden sie. Oder was man eben so ‘reden’ nennt. Noch ein bisschen über die Schale, und dass es Ethan leid tut; dass Emily die Entscheidung immer noch für einen Fehler hält, aber verstehen kann und sie hofft, er könne verstehen, dass sie dabei nicht mitmachen könne. Aber er solle zu seiner Entscheidung stehen, jetzt wo sie getroffen ist, und nicht an Emilys Widerstand denken. Aber das tut er. Er steht dazu. Es ist nur so ungewohnt, so… so erpressbar zu sein. So verwundbar. Es tut scheiße weh. Aber trotzdem. Trotzdem. Es führt kein Weg zurück, wenn man sie mal an sich ran gelassen hat, sagt Emily, und damit hat sie absolut recht. Und auch wenn er sich nicht wirklich besser fühlt, ein bisschen helfen ihre aufmunternden Worte, ihr “du schaffst das schon”, doch. Das, oder vielleicht auch einfach die Gesellschaft.

Bart klopft kurze Zeit später ebenfalls. Wenn er von Ethans Anwesenheit überrascht ist, lässt er sich das nicht anmerken, sondern setzt sich ohne weitere Umstände ebenfalls an den Tisch. Und da keiner der beiden anderen etwas dagegen zu haben scheint, bleibt Ethan. Bleibt tatsächlich mehrere Stunden. Bei einem von Ethan organisierten Bier und einer Flasche Met, die Emily dabei hat, streift das Gespräch ganz unterschiedliche Themen.

Ihre letzten Jagden. Dass Bart inzwischen auch die letzten Reste der höllischen Infektion aus dem Sumpf losgeworden ist. Dass Bones Gate über Ethans zahlreiche Privatunternehmungen in letzter Zeit nicht so glücklich waren, dass seine Arbeitgeber die ganzen Fehlzeiten aber hinnehmen – zwar unbezahlt, aber immerhin. Den Job als Hausmeister im Familienarchiv, den Bart ihm daraufhin anbietet, lehnt Ethan allerdings dankend ab, auch wenn der Gelehrte gar nicht von England gesprochen hat, wie Ethan erst dachte. Emily auch, ihrer überraschten Reaktion nach zu urteilen. Nichts gegen Bart, nichts gegen die Blackwoods, aber… nein. Er ist zu sehr Jäger, um nur noch als Hausmeister zu arbeiten. Das war damals ja sowieso mehr eine Verlegenheitslösung, dass er sich von Bones Gate hat fest anstellen lassen. Barrys Angebot, bei dessen in Chicago um Personenschutz erweiterter Privatdetektei einzusteigen, hat er ja auch abgelehnt. Nein, Ethan braucht seinen Freiraum. Und wenn er den Job an der UVM irgendwann aufgeben sollte, dann wird er wohl wieder herumziehen, auch wenn das seiner Familie mit einiger Sicherheit gar nicht gefallen würde.

Irene ist natürlich auch ein Thema. Sie kommen mehrfach auf die Britin zu sprechen: Auch wenn sie sich zwischendrin immer wieder anderen Dingen zuwenden, ist das einfach eine Sache, die ihnen allen auf der Seele liegt. Aber nicht nur Irenes Zustand. Nelson und sein Verschwinden ebenso.
Smalltalk jedenfalls fällt ihnen allen ziemlich schwer, auch wenn sie sich redlich bemühen, die ernsten Angelegenheiten auch mal beiseite zu lassen.
Immerhin, Snoopy ist ein Ansatzpunkt für Smalltalk. Filme auch. Bei dem Thema flirtet Bart gnadenlos, und es kommt zu einem kurzen peinlichen Moment, als Ethan erst überhaupt nicht kapiert, dass Bart mit seinem Vorschlag, Ethan solle ‘ihnen’ doch eine Liste sehenswerter Filme zusammenstellen, eigentlich nur sich selbst und Emily gemeint hat.

Verlegenheit. Themawechsel. Zurück zu Irene. “Was ist denn überhaupt passiert?” will Emily wissen. “Ich hab das ehrlich gesagt noch nicht ganz verstanden.“ Also erzählt Ethan. Von Wyoming und von Cals Seelenproblem. Und seinem Versprechen. Ähnlich wie Barry zeigt auch Emily sich etwas erstaunt, dass Caleb mit seinem Anliegen zu Ethan gekommen ist. Sie hätte ihm wohl nicht zugetraut, die Sache durchzuziehen, denn als er zugibt, tatsächlich abgedrückt zu haben, wirkt sie gleich nochmal überrascht. Und Emily war nicht bewusst, dass zwischen Cal und Irene etwas läuft. Aber klar, wie auch: Als sie ihnen an Silvester begegnet ist, herrschte eisige Kälte zwischen den beiden Jägern.

Beim Thema Irene fällt Ethan auch seine Frage nach dem Erbe der Hooper-Winslows wieder ein, und er fragt Bartholomew rundheraus, ob der bei dem Spiel mitmacht. Dazu berechtigt sei er, erklärt der Gelehrte, aber er beteilige sich nicht aktiv an der Trophäenjagd. Auf Emilys Frage, wer außer Irene denn überhaupt für den Führungsposten innerhalb der Familie in Frage käme, ist die Antwort der beiden Männer, auch wenn ungleich lang, vom Inhalt her wieder genauso eindeutig wie vorhin: Cousin Ian. Und da wäre sogar Irene im seelenlosen Zustand besser als der.

Emily bietet noch einmal an, dass sie die Schale für einige Zeit vom Erdboden verschwinden lassen könne, falls das irgendwie helfen würde. Eine Dauerlösung wäre das allerdings nicht, und vor allem auch keine echte Option im Moment, aber es ist immerhin gut zu wissen, dass die Möglichkeit besteht. Falls. Was auch immer ‘falls’ sein mag. Verdammt, er dreht sich schon wieder im Kreis. Nicht gut. Lieber wieder Themawechsel.

Dummerweise stellt sich das neue Thema als nicht viel besser heraus. Denn Emily will wissen, was Barrys Mail eigentlich sollte, und als Ethan sie fragend ansieht, reicht sie ihm nach kurzem Scrollen ihr Handy.

Hi Emily,
ist mir etwas peinlich, dachte aber, du solltest das wissen: Ethan war bei mir zu Besuch. Hat meinen Viriconium-Sammelband entdeckt. Irgendwas von „Halloween“, „Kultisten“, „Verschwinden“ und „Eunice“ erzählt. Habe nicht näher nachgefragt. Weiß ja, dass du nicht scharf drauf bist. Sorry.
Aber wenn du was zu den Büchern wissen willst: Ich habe die mehrfach gelesen. Falls das irgendwie hilft.
Barry

Ethan liest, und je weiter er kommt, um so mehr krampft irgendwas in seiner Brust sich zusammen. Er liest die Nachricht ein zweites Mal, aber davon wird sie nicht besser und der Kloß in seinem Hals nicht kleiner.

Ja, Ethan hat bei dem Besuch in Chicago in Barrys Bibliothek das Viriconium-Buch stehen sehen, und ja, das war ein ziemlicher Schock. Ja, er hat Barry davon erzählt, dass in dem Halloween-Haus irgendeine schräge Verbindung zu dieser Romanwelt bestand, oder dass dieser Kult die Romanwelt und ihre seltsamen Bewohner – den Vogel, den Chemosit – irgendwie ins Leben gerufen hat. Und ja, er hat noch einmal erwähnt, dass das die Gelegenheit war, bei der er Emily verloren hat. Aber das wusste Barry doch schon. Sie haben sich ja sogar bei dem Besuch noch darüber unterhalten, ob es vielleicht eine Möglichkeit gäbe, Eunice zu retten, die junge Frau wieder von dort zurückzuholen, wo sie ist. Wobei Ethan das Wort ‘Fegefeuer’ mit Absicht nicht in den Mund genommen hat – das hat er Emily versprochen. Hat Barry in dem Glauben gelassen, Eunice sei in dieser Parallelwelt ‘Viriconium’. Aber die Mail jetzt klingt ja gerade so, als habe Ethan ein Staatsgeheimnis preisgegeben. Dabei wusste Emily doch schon seit ihrem Wiedertreffen darüber bescheid, dass er Barry das erzählt hatte. Und deswegen fühlt diese Mail, dieses – ein kindisches Wort, aber ein besseres fällt Ethan nicht ein – dieses Petzen hinter Ethans Rücken, sich an wie… wie ein Verrat. Und zusammen mit seinem Verhalten heute abend… Scheiße. Das tut verdammt weh.

“Warum war er eigentlich so wütend auf dich?” unterbricht Emily seinen Gedankengang, und Ethan verzieht das Gesicht. Dann fängt er langsam und stockend an zu sprechen, versucht, die Gedanken in Worte zu fassen. „Naja. Artie. Hab‘ nur… Als der Umschlag kam…“ Ethan macht eine unwillkürliche Kopfbewegung in Richtung seines eigenen Zimmers, wo die Erpresserfotos liegen. „Konnt nicht denken. Hirn Kreise gedreht. Alles… wild. Irene geschrieben, Warnung. Euch geschrieben, Treffen. Alan geschrieben, reden. Aber nicht abgeschickt. Ganze Nacht wach. Tausend Sachen. Gedacht, gedacht, Hauch ruhiger. Dann: Scheiße, Cal. Direkt bedroht. Mit drin. Kopfgeld. Hat die Seele. Cal tot, Seele tot.“ Ethan atmet durch, kann seine Gedanken jetzt etwas flüssiger formulieren, wo der Anfang mal geschafft ist. „Dachte, wenn sie über meine Familie an mich will, will sie’s vielleicht auch bei Cal. Also Cal gewarnt.“ Ethan seufzt. „An Barry hab ich nicht gedacht. Barry hängt nicht drin. Keine Bedrohung für Irene. Dachte, seh den ja heute eh.“ Ethan seufzt wieder. Schwerer diesmal. „An Artie hab ich sogar gedacht. Aber war kein Foto von Artie bei. Also keine Gefahr. Denk nur…“ Ein dritter Seufzer. „Barry nicht so überzeugt von. Denkt, ich hab Artie in Gefahr gebracht, weil ich nicht sofort was gesagt hab.“ Ethan vergräbt den Kopf in den Händen. „Drecksmist.“

Scheiße. Artie. Er würde echt gern mehr Zeit mit dem Kleinen verbringen. Naja. Vielleicht schaffen sie es ja dieses Jahr mal mit dem Campen. Den Gedanken spricht er tatsächlich laut aus, und von da kommt das Gespräch zu Ethans großer Erleichterung auf das Campen im Allgemeinen, auf Barts Wohnmobil und darauf, dass er es nicht zum Campen nutzt, und auf die landschaftliche Schönheit der Rocky Mountains. Bart flirtet schon wieder – offensichtlich hat der Gelehrte seine gute Laune wiedergefunden. Dass die beiden anderen diesen Teil des Gesprächs bestreiten und dann zu anderen Themen übergehen, stört Ethan ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Ihm genügt es, für den Rest des Abends einfach dazusitzen und gar nichts zu sagen. Es kommt ihm vor, als habe er heute abend einen ganzen Jahresvorrat an Wörtern verbraucht. Aber das war es wert.

Irgendwann sieht Ethan auf die Uhr und stellt überrascht fest, wie spät es geworden ist. Emily bemerkt den Blick. “Mhm, du willst sicher früh los? Lass dich von mir nicht aufhalten.”
Oh. Das war eindeutig. Ethan nickt. “Sollte wohl.”
“Ist denn jetzt wieder alles soweit okay?” setzt die junge Frau noch nach.
Bei dieser Frage hört er kurz in sich hinein, wiegt dann den Kopf. „Mmhm. Richtig wohl erst wieder, wenn. Sicherheit und so. Aber: ja. Danke nochmal.“ Er lächelt die beiden anderen an. “Nacht, ihr.”
Am der Tür hält Ethan noch einmal inne und hebt die Hand zum Abschied. „Melde mich“, lässt er die beiden Jäger wissen, dann verlässt er den Raum.
„Willst du auch schon gehen?“ hört er im Hinausgehen Emily zu Bart sagen. Oh. Das war genauso eindeutig. Eine Aufforderung zum Bleiben allerdings und kein Rauswurf wie bei ihm selbst.

Draußen macht die frische Abendluft Ethan klar, dass er eigentlich gar nicht so richtig müde ist, und er nimmt Snoopy noch mit auf einen ausgedehnten Spaziergang. Danach dauert es zwar noch immer, bis Ethan Ruhe findet, weil die möglichen Szenarien davon, wie die Begegnung mit Alan und später mit dem Rest der Familie laufen könnte, in seinem Kopf rotieren, aber irgendwann ist er doch eingeschlafen.
Bevor Ethan am nächsten Morgen zu dem Treffen mit Alan fährt, übergibt Bartolomäus ihm noch die Schale. Am liebsten hätte er das Ding nie gesehen, aber ist nun mal, wie es ist, und jetzt kann er wenigstens reagieren.

Das Treffen mit seinem Bruder verläuft… naja. Ungefähr so, wie Ethan das erwartet hatte. Alan ist überhaupt nicht amüsiert, aber irgendwann schiebt er die Tatsache, dass Ethan die Familie in Gefahr gebracht hat, doch für’s Erste beiseite, damit er sich auf das Wesentliche konzentrieren kann. Die Brüder sind sich einig, dass der Rest der Familie eingeweiht werden muss – nicht, was Kram betrifft, aber in bezug auf die Bedrohung. Sie sind sich aber genauso einig, dass Ethan das nicht alleine tun sollte – so sehr Alan sich auch über ihn ärgern mag, er hält es trotzdem für besser, bei dem Gespräch gemeinsam aufzutreten, aber vorher vielleicht erst noch weiteren Rat zur besten Vorgehensweise einzuholen. Deswegen beschließen sie, Special Agent Saitou so schnell wie möglich um Hilfe zu bitten. Dass Bartholomäus dem FBI-Mann tatsächlich sofort geschrieben hat und Ethan nur wenige Tage später dessen Antwort weiterleitet, auf die Ethan dann wiederum selbst direkt reagieren kann, erleichtert die Sache enorm.

Glücklicherweise ist der Agent gleich zu einem Treffen bereit, und gemeinsam arbeiten die drei Männer kurz darauf einen Schlachtplan aus. Saitou kann zwar in Sachen Zeugenschutzprogramm nichts machen – das ist wirklich nur für echte Zeugen -, aber er kann immerhin ein Safe House für die Gales organisieren, zumindest für eine Weile. Bis die Schale bei Irene ist, um genau zu sein. Denn auch der Agent würde selbst zwar eher nichts übergeben, erkennt aber an, dass Ethan das Risiko nicht eingehen will, so sehr er den Gedanken auch hasst, sich erpressbar zu machen, und dass Irene, wenn schon, das Ding dann auch ohne Tricks bekommen sollte. Oder jedenfalls fast ohne Tricks. Einen unauffälligen Tracker für die von Irene geforderte Fluchkiste, die Ethan noch basteln muss, kann und wird Saitou besorgen. Etwas länger dauert das Beratschlagen darüber, welche Erklärung für die Bedrohung die beste ist – nicht nur gegenüber der Familie, sondern auch ganz offiziell für die Akten der Polizei. Agent Saitou ist eigentlich dafür, tatsächlich Irene zu belasten, und auch Alan würde lieber so nahe wie möglich an der Wahrheit bleiben – sprich: Irene, aber ohne ein Wort von Seelenlosigkeit. Ethan aber sieht die Britin immer noch als seine Freundin, die hoffentlich gerettet werden kann, und spricht sich deswegen dafür aus, ihren Namen aus der ganzen Sache herauszulassen. Am Ende entscheiden sie sich dafür, den ‘verrückten Mörder’, den Ethan letztes Jahr schon als Begründung für sein Verschwinden aufgefahren hat, auch jetzt wieder vorzuschieben. An dem Abend hat Ethan zwar erzählt, der ‘Mörder’ sei gestorben, aber er hat ja damals auch gesagt, er habe das erst hinterher erfahren. Also ist es nicht so ganz unplausibel, dass der imaginäre Kerl doch noch am Leben sein und jetzt Grund zu der Annahme bestehen könnte, er wolle Ethans Leuten ans Leder. Mit Alans und Saitous Hilfe bereitet Ethan sich dann auch noch auf die ganzen polizeilichen Befragungen vor, die unvermeidlich kommen werden.

Für die Familie ist die Nachricht natürlich ein ziemlicher Schock. So völlig gut klar kommen sie nicht, vor allem Mom und Dad nicht, aber sie tragen das Ganze doch einigermaßen mit Fassung, und am Ende erklären sie sich bereit, in Agent Saitous Safe House zu gehen, bis die Situation sich geklärt hat. Puh.
Fionas Neugier wird von der ganzen Sache natürlich weiter angestachelt. Ihre Annahme, Ethan sei eine Art Geheimagent, scheint sich durch die Aktion nur zu verstärken, aber das kann Ethan nicht ändern. Und so ganz unrecht ist ihm Fionas Fehleinschätzung ja tatsächlich nicht, wenn er ehrlich ist.

Von Barry, der sich anscheinend noch nicht so ganz richtig wieder eingekriegt hat, kommt einige Tage später eine Nachricht: Keine Anrede, nur Initialen als Unterschrift. Dafür die Sorge, ob Niels Heckler nicht vielleicht für Irene arbeitet, weil der junge Deutsche gerade als Aushilfslehrer in Chicago sei, aber nichts über den Auftrag erzähle wolle, der ihn dahin geführt habe.

Ethan hat zwar keine Ahnung, was der Junge in Chicago macht, kann sich aber nicht vorstellen, dass die Reaktion des Studenten, als Ethan ihn vor Irene gewarnt hat, nur Verarsche gewesen sein soll. Einmal wegen Niels selbst nicht: Der klang zu ehrlich geschockt, und da hat keine von Ethans normalerweise ziemlich zuverlässigen Antennen gezuckt. Und außerdem: Welches Interesse hätte Irene daran, ihm irgendwo in Chicago einen Job als Aushilfslehrer zu beschaffen? Also fragt er kurz entschlossen einfach bei dem Jüngeren nach.
Niels’ Antwort, dass er an der Schule in Chicago nach Hinweisen auf seinen leiblichen Vater gesucht und mit Irene bis auf losen Mailkontakt Anfang des Jahres keinen Kontakt gehabt habe, klingt glaubwürdig für Ethan, und so schreibt er an Barry, von dem er inzwischen erfahren hat, dass der so argwöhnisch reagiert hat, weil seine Kinder zufälligerweise auf genau diese Schule gehen, dass Niels’ Anliegen rein privat sei, nichts mit der Jagd zu tun habe und Ethan keinerlei Grund sehe, an den Worten des Deutschen zu zweifeln.

Mit Cal schreibt Ethan auch hin und her. Der Ältere hatte ihm ja angeboten, seine Familie in dessen Basislager zu bringen, und wenn aus dem Safe House nichts geworden wäre, dann hätte Ethan dieses Angebot seines Ersatzvaters wohl angenommen, aber so ist es sicherlich besser. Caleb ist weiterhin fieberhaft auf der Suche nach einer Lösung, hat aber bisher noch nichts weiter erreicht. Jetzt, wo die Gales erst einmal in Sicherheit sind, hat Ethan auch den Kopf wieder einigermaßen frei für andere Dinge, die er in den fieberhaften Tagen seit Irenes Drohung ziemlich aus den Augen verloren hatte. Nelson ist noch immer verschollen, elender Drecksmist. Bones Gate haben ihm zwar frei gegeben, aber unbezahlt, weil er in letzter Zeit so viel weg war. Da muss er wieder ran, sobald die verdammte Schale weg ist. Und Sam erreicht Ethan immer noch nur extrem schlecht bis gar nicht.

Zurück in Burlington baut Ethan die Fluchkiste. 25 auf 35 Inch, wie von Irene gefordert. Etwa um die Zeit erreicht ihn auch ein kleines Paket ohne Angabe eines Absenders. Darin befindet sich ein SD-Karten-großer Chip mit einer ausgedruckten Anleitung, die offensichtlich per Google-Translate erstellt wurde. Der Chip ist tatsächlich klein genug, um ihn unauffällig an der Kiste zu befestigen, und langsam fängt Ethan an zu glauben, dass das mit dem Verfolgen der Sendung wirklich klappen könnte.

Ein paar Tage später kommt Niels dann auf einen persönlichen Besuch nach Burlington, und so hat Ethan die Gelegenheit, den Deutschen genauer auf Stand zu bringen.

Fast einen Monat nach Erhalt der Drohung findet Ethan völlig unerwartet eine Mail in seinem Postkorb. Knapp gehalten, ohne Anrede oder Absender, aber von Nelsons Adresse: “Komme nach Hause. Muss noch nach Cambridge. Bin Anfang Juni wieder da. Frag nicht. Bitte.” Ethan fragt in seiner Antwort tatsächlich nicht. Aber erst einmal überwiegt auch die Erleichterung, dass es Nelson gut zu gehen scheint oder der Afrikaner zumindest am Leben ist. Alles andere kann später kommen.
Tut es auch. Oder tut es zumindest teilweise. Als Reaktion auf seine Mail bekommt Ethan von Nelson eine Todesanzeige und einen Nachruf für Dr. Celeste Hamilton geschickt, gefolgt von einer unendlich bitteren Mail ein paar Stunden später. “Sorry, hab nicht nachgedacht. Du hast bestimmt gerade viel um die Ohren, und ich will keine alten Wunden aufreißen. Aber ich dachte, du solltest es wissen, bevor noch jemand auf die Idee kommt, mir weiterhin zur Hochzeit zu gratulieren. Vom Ehemann zum Witwer in nur anderthalb Monaten, das ist doch auch mal eine Leistung.”
Oh Scheiße. Oh verdammt. Ethan hat versprochen, nicht zu fragen, also tut er es nicht. Aber er bietet dem Älteren an, sich zu melden, falls er wen zum Zuhören brauchen sollte.

Und dann ist die von Irene gestellte Frist vorüber, und Ethan bringt die Schale auf den Roten Hügel. Als er seine Last in den Bauwagen trägt, stutzt Ethan, denn da steht schon eine Fluchkiste unter dem Tisch. Erst jetzt fällt ihm auf, dass man den Text von dem Droh-Zettel, “F.-Kiste in Bauwagen u. Tisch”, auch so verstehen konnte. Verdammt. Er sieht sich um, und tatsächlich hängt hier mehr als eine Kamera. Wenn die alles mitfilmt, dann wird Irene sehen, wie er die Schale in die andere Kiste räumt, aber vor allem, wie er den Tracker umzieht. Das kann er vergessen. Aber okay, dann hat er halt die Anweisung falsch verstanden, was soll’s. Also stellt Ethan seine eigene Fluchkiste unter den Tisch und nimmt die von Irene vorbereitete einfach leer wieder mit.

Dann legt er sich in einiger Entfernung und außer Sicht mit dem Fernglas auf die Lauer und wartet ab, was passiert. Er war auf eine längere Wartezeit eingestellt, und tatsächlich dauert es noch einen ganzen Tag, bis jemand auftaucht. Wie erwartet, ist es nicht Irene selbst – Ethan ist sich auch nicht sicher, was er dann getan hätte -, sondern eine junge Frau, die sich sehr nervös umsieht, sehr nervös in den Bauwagen geht, gleich darauf mit der Kiste unter dem Arm wieder herauskommt und sich noch einmal sehr nervös umsieht, bevor sie sehr nervös wieder zu ihrem Auto zurückgeht und schleunigst davonfährt.
Ethan wirft die Tracker-App auf seinem Handy an, die er gemäß der Google-Translate-Anleitung heruntergeladen und konfiguriert hat, und tatsächlich ist auf der Karte ein kleiner Blip zu sehen, der sich langsam entfernt.

Bis Boston kann Ethan dem Blip folgen, dann verschwindet er. Aber so unerwartet ist das gar nicht: Wenn Irene die Schale nach England schaffen will, und das vermutet Ethan ja, dann ist das Ding wohl in Boston an Bord eines Schiffes gebracht worden, und dort verschluckt die dicke Schiffswand das Signal. So oder so schickt Ethan eine Warnung an Samantha, dass die Schale unterwegs ist und sie die Augen aufhalten soll, weil damit vielleicht auch Irene nach Winslow Manor kommen wird.

Fünf Tage später kommt das Trackersignal tatsächlich wieder, und zwar wie erwartet in der Nähe von London. Von dort kann Ethan dem Weg der Kiste bis Shrewsbury folgen, bis das Signal dann dort wieder verschwindet. Auch das ist nicht verwunderlich: Ethan flucht ja nicht umsonst ständig über die dicken Mauern von Winslow Manor, die eine Kommunikation mit Sam so gut wie unmöglich machen.
Gut. Dann ist die Höllenschale jetzt wenigstens im Archiv der Hooper-Winslows und damit einigermaßen in Sicherheit. Wenn es die richtige ist, versteht sich, aber daran zweifelt Ethan eigentlich nicht. Trotzdem schickt er eine Nachricht an Sam, ob sie sich vergewissern kann. Ihre Antwort ist wieder denkbar knapp, aber es scheint sich wohl um die echte Schale zu handeln.

Jetzt, wo Irene hat, was sie will, können die Gales zurück nach Hause, zur großen Erleichterung auf allen Seiten. Und wenn sich durch die ganze Geschichte bei seinen Eltern wieder ein gewisses Misstrauen eingeschlichen hat und die Sache vielleicht einen Rückschlag für Alans Beförderungshoffnungen bedeuten könnte, was das eigentlich schon etwas bessere Verhältnis zu seinem kleinen Bruder wieder ein Stück abkühlen lässt, dann ist das nun mal der Preis, den Ethan dafür zahlen muss.

Ungefähr zu der Zeit bekommt Ethan eine Mail von Emily. Nach einer Frage nach ihm und seiner Familie kommt sie zum Wesentlichen: “Ich bräuchte einige Fluchkisten in verschiedenen Größen. Kannst du sowas herstellen, bzw. mir vielleicht sagen, wer sowas könnte?”
Autsch. Dreimal darf Ethan raten, warum die andere Jägerin Fluchkisten haben will. Wegen der Schale natürlich. Um zu verhindern, dass ihr sowas nochmal passiert. Ethan schiebt den Stich weg, den ihm die Anfrage verursacht, und antwortet wahrheitsgemäß. Kann er. Hat er ja gerade. Fragt, wieviele. Zehn bis fünfzehn, kommt Emilys Antwort am nächsten Tag zurück. Mischung unterschiedlicher Größen. Und zwei Tage später, bevor Ethan zum Antworten gekommen ist, ein Zettel in seinem Briefkasten. “Danke. Eine kleine Aufwandsentschädigung für Material und Arbeitsstunden.” Und 350 Dollar.

Huh. Scheiße. Das hätte sie doch nicht machen müssen. Er hätte ihr die Kisten auch so gebaut. Ethan würde der anderen Jägerin das Geld am liebsten umgehend zurückgeben, weiß aber, dass sie es vermutlich nicht annehmen würde. Und wenn er ehrlich ist, kommt es ihm gerade nicht ungelegen. So oder so schreibt er ihr zurück, dass es vermutlich eine Weile dauern wird, so viele Kisten anzufertigen, dass er aber eine gerade schon fertig hat – heh, Überraschung – und sie die gerne abholen darf, wann immer es ihr passt.
Und er kontaktiert Bart Blackwood. Den hat Emily nämlich auch deswegen angesprochen, und zu zweit, wenn Ethan die Kisten baut und Bart die Symbole draufmalt, geht das Ganze vermutlich schneller.

Ein paar Tage später klingelt es abends an Ethans Tür. Er denkt, es könnte vielleicht Emily sein, die ihre erste Kiste abholen will, aber als er öffnet, ist es Nelson. Der Afrikanist sieht müde und abgekämpft aus und hat deutlich an Gewicht verloren. In seinen Augen hat er einen gehetzten Ausdruck.
“Hallo Ethan. Da bin ich wieder.” Pause. “Gott, es ist so gut, wieder hier zu sein.”
Ethans Augen weiten sich leicht, als er beim Öffnen der Tür den Nigerianer erkennt und Nelsons mitgenommenen Zustand erfasst. Dann tritt er wortlos beiseite, damit der andere hereinkommen kann.
Nelson tritt ein. “Es tut mir leid, ich hätte mich melden sollen. Aber ich war in Cambridge, und…” Er schluckt. “Beerdigung. Familie”, bringt er noch hervor.
Ethan schüttelt stumm den Kopf, ehe er sich zusammenreißt. “Tut mir so leid, Mann. Echt.” Erst macht er Anstalten, dem anderen den Arm um die Schultern legen zu wollen, aber dann zögert er doch und nickt stattdessen den Gang hinunter. Im Wohnzimmer macht er eine einladende Geste zum Sofa hin.
Nelson kommt herein, nickt ebenfalls. “Entschuldige, wenn ich dich so überfalle, aber zuhause fällt mir die Decke auf den Kopf. Und ich kann nicht ewig in Cambridge bleiben. Es erinnert mich alles an sie.” Er stützt den Kopf in die Hände und drückt sich die Handflächen an die Schläfen. Kurz ist ein Geräusch zu hören, als ob er ein Schluchzen unterdrückt. Dann macht er aber den Rücken gerade und sieht Ethan an. “Tut mir leid.”
Wieder schüttelt Ethan den Kopf. ‘Es ist kein Überfall und es muss dir nicht leid tun’, sagt die Geste. Jetzt legt er seinem Gast doch die Hand auf die Schulter, und der leichte Druck nach unten ist eine Aufforderung zum Setzen.
Sobald Nelson Platz genommen hat, verschwindet Ethan kurz in der Küche und kommt gleich darauf mit zwei Flaschen Bier zurück. Eine davon stellt er vor den Nigerianer hin und setzt sich mit der anderen auf den Sessel dem Afrikanisten gegenüber. Entfernt den Verschluss und trinkt einen Schluck. Stellt die Flasche weg. Sieht sein Gegenüber an. “Scheiße, Mann”, bringt er schließlich heraus, während er wieder den Kopf schüttelt. “Glaub ich dir gern.”
Nelson nimmt die Flasche, überlegt kurz und gibt sie dann an Ethan zurück mit einem schiefen Lächeln. “Danke, aber kein Alkohol für mich. Es wäre eine zu einfache Lösung.” Er beugt sich nach vorne, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und sieht sich um. “Hat sich nichts verändert.” Dann sieht er auf den Boden und lacht bitter auf. “Ha, so lange war ich ja auch nicht weg.” Er macht eine weitere Pause. “Hast du vielleicht ein Glas Wasser für mich? Oder Tee? Ich hätte welchen mitgebracht, aber ich bin noch nicht zum Einkaufen gekommen.” Wieder eine Pause. “Also, was gibt es Neues?”

Kurz wirft Ethan seinem Besucher bei dessen scheinbar so unbekümmert dahergesagten Worten, unter denen so vieles ungesagt bleibt, einen langen, forschenden und auch ein bisschen zweifelnden Blick zu, ehe er wortlos aufsteht und mit Nelsons Bierflasche wieder in die Küche geht. Gleich darauf taucht er wieder in der Tür zum Wohnzimmer auf, in der einen Hand eine Flasche Wasser, in der anderen eine Packung Beutel-Schwarztee von irgendeiner nicht auf Anhieb zu erkennenden, offenbar völlig unbekannten Firma. Mit fragendem Gesicht hält er ein paarmal abwechselnd erst das eine, dann das andere hoch, bis Nelson stumm auf die Hand mit dem Tee deutet und Ethan ein weiteres Mal in der Küche verschwindet. Mit einem großen Becher, in dem der Beutel zieht, kommt er kurze Zeit später zurück und stellt diesmal den Tee vor Nelson auf den Tisch. Sobald er wieder sitzt, atmet Ethan durch. “Neues.” Er verzieht das Gesicht, bevor sein Kinn von einer Seite auf die andere wandert und wieder zurück. “Drecksmist”.
Nelson spielt mit dem Etikett des Teebeutels und scheint nicht mehr in dieser Welt zu sein, bis er schließlich Ethan anguckt. “Tee. Das ist so britisch. Das hat ihr so gut gefallen, das Britische. Sie wollte mir nicht glauben, dass ich kein Engländer bin.” Ein warmes Lächeln huscht bei der Erinnerung über sein Gesicht, dann hält er sich die Hand vor den Mund. “Weißt du, wie sie gestorben ist? Sie wurde ermordet. Und ich konnte es nicht verhindern.” Wieder eine Pause. “Sie fehlt mir so. Ethan, sie fehlt mir so schrecklich. Was mache ich denn jetzt?”

Bei Nelsons Worten schüttelt Ethan leise den Kopf, nur einmal hin- und her, mehr unwillkürliche Geste als wirkliche Antwort auf die Frage. Dann presst er die Lippen aufeinander und zieht die Luft in einem abgerissenen Atemzug ein, ehe er sie ebenso abgerissen wieder ausstößt. Er schluckt schwer und schüttelt ein weiteres Mal den Kopf, ehe er leise antwortet: “Weiter. Irgendwie.” Kurz nehmen Ethans Augen einen weit entfernten Ausdruck an, dann richtet er den Blick wieder auf seinen Besucher. “Irgendwie”, wiederholt er. “Ich… weiß es selbst nicht mehr so genau”, formuliert er dann sorgfältig. “War ne Weile nicht ganz bei mir, nachdem… nachdem.” Eigentlich will er es erst dabei belassen, ringt sich die Worte dann aber doch ab. “Nachdem ich Carla umgebracht hatte.” Wieder zögert Ethan einen Moment lang. “Alles verschwommen. Wochen. Monate. Jagd vergraben. Irgendwann… langsam…“ Er schluckt um den Kloß in seinem Hals herum und macht eine hilflose Handbewegung. “Geht nie ganz weg. Naja. Ist bis jetzt nicht. Aber… erträglich. Irgendwann. Teil von dir, aber… lebst mit.”

Nelson sieht Ethan eine Weile schweigend an, dann spricht er, leise, überlegt. “Du hast Carla nicht umgebracht, Ethan. Das war Coleens Fluch. Ich, ich war nicht da, um meine Frau zu retten. Er” – bei diesen Worten tippt er sich an die Stirn – “hat das verhindert, um mich zu retten.” Er verzieht das Gesicht zu einem grimmigen Lächeln. “Und dann hat er sie gerächt. Für mich.” Eine weitere Pause, ein Schluck Tee. “Weißt du, was das für ein Gefühl ist, ein menschliches Herz in der Hand zu halten? Es schlägt noch, und alles riecht nach Blut, deine Hand, dein Arm, deine Kleidung… Ich glaube, ich werde diesen Augenblick nie mehr vergessen.”

Ethan, der bei Nelsons ersten beiden Sätzen langsam den Kopf geschüttelt hat und schon drauf und dran war, etwas darauf zu erwidern, klappt den Mund wieder zu, als der Afrikaner ansatzlos weiterspricht. Irgendetwas flackert kurz in seinen Augen, etwas wie ein Zurückzucken oder ein Schmerz, dann blinzelt Ethan es weg, was auch immer es war. Stellt, als Nelson fertig ist, die Bierflasche, die er noch in der Hand hatte, mit einem hörbaren Klacken auf dem Couchtisch ab, steht wortlos auf und verlässt das Wohnzimmer.
Weil jemand Neues vor der Tür stand, den Snoopy noch nicht kennt, hat Ethan seinen vierbeinigen Gefährten erst einmal ins Schlafzimmer verbannt, als Nelson klingelte. Dort liegt der schwarze Labrador geduldig auf seiner Wolldecke und schaut zu Ethan auf, als der hereinkommt. Ethan setzt sich neben den Hund auf den Boden, lehnt den Kopf an die Wand und schließt für einen Moment die Augen, bevor er einen Arm um Snoopys Hals legt und mit der anderen Hand ein Hundeleckerli aus der Tasche fischt. Während der Labrador zufrieden darauf herumbeißt, vergräbt Ethan die Finger in Snoopys weichem Nackenfell und fängt mit selbstvergessenen Bewegungen an, den Hund zu kraulen.
Ja, sicher. Es war Coleens Fluch, an dem Carla gestorben ist. Aber. Ethan hätte gewarnt sein müssen. Da waren. Da waren die Worte des Fluchs selbst. Und dann der Spottvers. Er hätte es merken können. Er hätte es merken müssen. Die Formulierung war kristallklar, nicht misszuverstehen, aber Ethan hat. Hat die Warnung nicht. Hat die Warnung nicht beachtet. Hat die Warnung ignoriert, und. Und Carla musste den Preis dafür bezahlen. Nelson hat unrecht. Ethan hat die Warnungen nicht ernst genommen, und damit hat er Carla so sicher auf dem Gewissen, als hätte er selbst ihr eine Kugel in den Kopf gejagt. Kann Nelson das nicht verstehen, statt es einfach so mit einem müden Handwedeln abzutun über dem ganzen ‚meine Liebste ist viel schlimmer gestorben als deine’? Dafür hätte Ethan dem anderen gerade beinahe eine verpasst.
Für einen langen Moment lehnt Ethan die Stirn an Snoopys dunkles Fell, bevor er die Zähne aufeinanderbeißt und sich zur Vernunft ruft. Nein, verdammt. Das kann Nelson im Moment eben vermutlich genau nicht verstehen. Seine Frau ist gerade gestorben – auf bestialischste Weise ermordet worden – und der Afrikanist konnte nichts dagegen tun, verdammte Scheiße. Klar ist der jetzt völlig außer sich und hat keinen Platz im Kopf für irgendwas anderes.
Noch einige tiefe Atemzüge lang bleibt Ethan bei Snoopy sitzen, dann geht er ins Wohnzimmer zurück und setzt sich wieder seinem Gast gegenüber. „Nein”, sagt er tonlos. “Wirst du nicht.“

“Es tut mir leid. Ich wollte keine alten Wunden aufreißen. Es ist nur… du fühlst dich schuldig, und ich… ja, ich mich auch. Aber… Nein, kein Aber.” Nelson schüttelt den Kopf. “Ich glaube, dieses Gefühl verschwindet nie mehr.” Er setzt sich gerade hin und steht dann auf. Unruhig geht er im Zimmer auf und ab. “Ich habe eben nicht von Celeste gesprochen. Ethan, ich… er… ich… ich habe ihn umgebracht. Den Typen, der Celeste ermordet hat. Nein, eigentlich war ich es nicht. Er…” – er tippt sich wieder an die Stirn – “er war es. Ich… meine Hand… sie ist in seinen Brustkorb gestoßen, als wäre da nichts, keine Knochen, keine Muskeln, und dann habe ich… hat er… ihm das Herz herausgerissen. Einfach so.” Er fährt sich mit der flachen Hand über den Kopf, streicht sich nervös über die Haare und tigert dann weiter auf und ab. “Jeder hat es gesehen. Ich weiß nicht, was sie den Leuten erzählt haben, dass ich gehen durfte. Vielleicht, dass sie dehydriert waren oder so. Aber ich, ich weiß es. Ich hatte dieses Herz in der Hand. Verdammt. Ich sollte besser gehen.”
Er macht jetzt auf dem Absatz kehrt und will zur Tür gehen.

Schweigend, den Kopf in den Händen vergraben, hört Ethan sich Nelsons Erklärung an. Als der Afrikaner fertig ist, sagt Ethan weiter nichts, bis er die sich entfernenden Schritte hört. Dann aber: “Warte.”
Noch immer nimmt Ethan den Kopf nicht hoch, auch nicht, als er weiterspricht. Redet in Richtung Boden, und nur seine Ohren sagen ihm, wo im Raum Nelson sich gerade befindet. “Warst nicht du. Vielleicht in dir. Aber nicht du.”
Jetzt sieht er doch auf. Gibt sich eigens Mühe, den nächsten Satz vollständig werden zu lassen. “Es tut mir so leid, Mann.”

Nelson macht einen Schritt auf Ethan zu, fast, als wollte er ihn umarmen, dann klopft er ihm aber nur im Vorbeigehen auf die Schulter. “Danke. Ich… ach, ich weiß es auch nicht. Es ist so schwer, alles. Ich wünschte, es gäbe eine einfache Lösung.” Er setzt sich wieder auf die Couch und wartet, bis Ethan ihn wieder ansieht.
“Doch. Eine Lösung gibt es vielleicht. Sag mir, wo Irene ist.”

Der plötzliche Themenwechsel lässt Ethan verwundert den Kopf schieflegen. “Keine Ahnung. Gesucht, aber. Nicht am Hügel, nirgends, wovon ich wusste, nirgends, wovon Cal wusste.” Er sieht seinen Besucher verwundert an. “Warum? Glaub nicht, dass Irene dir helfen kann. Oder grad will. Ist… “ – er verzieht das Gesicht – “schwierig grad. Hab’s ja geschrieben. Cal hat ihre Seele.”
Ein raubtierhaftes Grinsen überzieht Nelsons Gesicht, und für einen ganz kurzen Moment sieht Ethan ein rot-schwarzes Leuchten in den Augen seines Freundes. Dann holt Nelson tief Luft. “Ich weiß. Sie soll mir nicht helfen. Ich will sie zur Rede stellen. Umgebracht wurde Celeste vielleicht von diesem Irren in Afrika. Aber Irene hat ihm durch ihre Intrige definitiv dabei geholfen.”
Ethan runzelt die Stirn und blinzelt überrascht, als Nelson plötzlich so ungewohnt bösartig grinst. Ganz automatisch fällt sein Blick in Richtung des Flurschranks, wo Ethan zwischen Jobs die Remington und die Mossberg aufbewahrt. Er sagt aber nichts zu dem auffälligen Leuchten, sondern richtet, als dieser zu sprechen beginnt, nur wieder seine Aufmerksamkeit auf seinen Besucher und sieht ihn prüfend an, und statt einer Bemerkung zu den möglichen Auslegungen von ‚zur Rede stellen’ wird Ethans Gesichtsausdruck noch etwas eindringlicher. “Intrige?”

“Erinnerst du dich an die Nachricht von Mr. Ayodele? Dem Typen vom Außenministerium?” Er wartet nicht ab, ob Ethan die Frage beantwortet, sondern redet einfach weiter. “Es gab wohl noch eine Lösegeldforderung, und das Außenministerium hat sich an meine Eltern gewandt. Die sind zwar wohlhabend, aber nicht so reich, dass sie das alles alleine hätten aufbringen können. Also haben sie sich an diejenige gewandt, von der sie wussten, dass sie das nötige Kleingeld würde besorgen können – Irene.” Er macht eine Pause und holt wieder Luft. “Ich weiß nicht, wie sie es angestellt, und ob sie Hilfe hatte. Aber sie hat nicht nur dafür gesorgt, dass kein Geld bei meinen Eltern ankommt, nein, sie hat auch dafür gesorgt, dass mein Vater im Grunde pleite ist.” Er lacht verbittert auf. “Da schicken Nigerianer seit Jahren Mails in die Welt, um Leute um ihr Geld zu bringen, und dann werden meine Eltern bei dem einen Mal, wo es wichtig ist, von einer Engländerin aufs Kreuz gelegt. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte ich fast darüber lachen.” Er steht auf und geht jetzt auf und ab, während er sich mit der Hand durch das Gesicht fährt. “Aber es ist nunmal Tatsache, dass das Lösegeld zu spät kam und dieser irre Arzt mit seinen Experimenten weitergemacht hat. Celeste war sein letztes Opfer.” Jetzt dreht er sich zu Ethan um, sein Gesicht hat einen grimmig-entschlossenen Ausdruck. “Irene hat meine Frau auf dem Gewissen, Ethan. Und dafür soll sie büßen.”

“Oh Gott”, murmelt Ethan. “Scheiße.” Allein der Gedanke lässt ihm beinahe das Blut in den Adern gefrieren. Kurz beißt er die Zähne zusammen und ballt in einer instinktiven Reaktion die Fäuste. “Scheiße”, wiederholt er bitter. “Darf sie nie erfahren. Sonst… wenn sie dann wieder… sie selbst ist…“ Er spricht den undenkbaren Gedanken nicht aus.

“Was dann? Hör auf, so von ihr zu sprechen, als sei sie gerade ein Kind, das nicht weiß, was es tut. Sie hat wissentlich mit ihrer und Cals Seele gespielt. Ethan, Irene ist eine Jägerin, sie wusste, was sie tut und was passieren kann. Wir waren alle dabei und haben gesehen, zu was die Engel fähig sind.” Er holt tief Luft. “Ich habe überlegt, ob ich Barry auf sie ansetze, immerhin ist der Privatdetektiv. Aber zum einen kennt sie ihn, und zum anderen… Ich glaube nicht, dass ich momentan mit jemandem wie Barry sprechen will.” Nelson macht eine Pause, und spricht dann weiter. “Ich… ich war mir immer sicher, dass ich diesen Teil von mir verleugnen kann. Deswegen wollte ich nichts mit dem Übernatürlichen zu tun haben. Aber Celeste und ihre Familie… Ethan, du hast mir mal gesagt, man kann die Dinge auch wissen, ohne Jäger zu sein. Ich bin definitiv kein Jäger… aber gerade finde ich heraus, was ich bin. Und es ist nichts, das ich mit Barry besprechen will. Ich glaube, er hat ein Problem mit Hexen.”

“Gespielt? Gespielt??” Ethan wirft dem Afrikaner einen aufgebrachten Blick zu, und in seiner Erregung fließen die Sätze vollständig und ohne Stocken. “Glaubst du etwa, so war das? Dass das Absicht war? Glaubst du etwa, sie ist dahin und hat gesagt ‚haha, ich will meine Seele nicht mehr, ohne lebt es sich viel skrupelloser’? Das war nie der Plan, verdammt! Sie wollte Cal retten! Es war die letzte Sekunde, es war Falls, und ich war drauf und dran, Cal zu erschießen! Ach Quark, vergiss drauf und dran, ich habe geschossen! Da war keine Zeit! Sie wollte Cal retten, kapierst du das denn nicht? Irene wollte ihm ein Stück von ihrer Seele abgeben, um den Verfall zu stoppen, oder zumindest zu verlangsamen! Uns – Cal – ein bisschen mehr Zeit verschaffen, dir ein bisschen mehr Zeit verschaffen, bis du mit deinem Dings fertig warst, von dem du geschrieben hattest, was auch immer das sein mochte! Sie völlig aufzugeben, war nie der Plan!”
Ethan sackt ein bisschen in sich zusammen, atmet einmal mit einiger Anstrengung tief durch und spricht jetzt ruhiger weiter. “Irene wollte nur ein Stück abgeben. Aber ging schief. Seelen verschmolzen. Ging kein Stück abzuteilen. Mara keine Kraft.” Ethan stockt kurz, als ihm klar wird, dass er mit der Erwähnung von Maras Namen Nelsons wilden Schuss ins Blaue von wegen Engeln gerade rundheraus bestätigt hat. Egal. “Wusste, was sie tut. Ja. Liebsten retten. Hättest du nicht? Für Celeste?”
Ein tiefer Seufzer. Eine Pause. “Barry“, murmelt Ethan dann und verzieht das Gesicht. “Heh. Würd den Job eh nicht nehmen glaub. Freier Wille, findet der. Aber hey. Problem mit Hexen?” Bitter starrt Ethan seinen afrikanischen Freund an. “Hab ich auch.”

Nelson springt jetzt auf und steht direkt vor Ethan. “Oh, hast du? Aber dass ich mein Wissen einsetze, um eine Lösung zu finden, dafür war ich euch dann wieder gut genug. Der liebe gute Nelson, der wird schon wissen, was zu tun ist. Wir halten ihn die meiste Zeit zwar für eine Witzfigur und sagen ihm nicht, was genau passiert ist, aber hey, er kann uns sicher helfen.” Für eine kurze Zeit wirkt er, als würde er Ethan schlagen wollen, dann beruhigt er sich wieder und geht ein Stück im Zimmer auf und ab. “Verdammt, Ethan, ich bin, was ich bin. Ich werde mich auch nicht dafür entschuldigen oder versuchen, es zu verstecken. Ich wollte es nicht wahrhaben, und als sie es mir gesagt hat, weißt du, was ich da gemacht habe? Ich bin weggerannt wie ein bockiges kleines Kind. Ich wollte nie wieder mit der ganzen Scheiße zu tun haben. Aber es ist doch in mir. Es ist keine Frage des Willens, Ethan. Es ist eine Frage des Blutes.” Er wischt sich mit den Händen durchs Gesicht. “Die größte Ironie an der Geschichte ist, dass wir uns genau über den Rettungsplan gestritten haben. Ich dachte, ich schaffe das nicht, dass meine Ideen einfach nur Unsinn sind. Und Celeste… sie hat mir gesagt, dass ich auf der richtigen Spur bin. Ich habe… hatte eine Lösung.”

Ethan stutzt. Er braucht einen Moment, um Nelsons Gedankengang zu folgen, bevor er heftig den Kopf schüttelt. “Quark. Doch nicht du!” Aus verengten Augen fixiert er seinen Besucher. “Und Doppel-Quark: Keine Witzfigur. Hattest doch ganz andere Sachen im Kopf! Dass es das Problem gab, wusstest du doch auch – wurde nur halt dringend, als du schon in Afrika warst.” Zerknirscht fährt Ethan sich mit den Fingern in die Haare, springt ebenfalls auf und tigert mit angespannten Schritten im Zimmer hin und her. Wundert sich irgendwo tief in seinem Hinterkopf darüber, dass die Worte immer noch so leicht fließen. Aber das ist jetzt nebensächlich. “Ja, ich hab’s verschleppt, verdammt. Hab zwar gesucht, aber wollte nicht wahrhaben, dass Falls sein könnte. Hab’s… Hab gedacht, es wär noch Zeit. Hätte nicht so lange warten sollen, stimmt. Aber du warst in Afrika. Reise, Celeste, ganz andere Sachen im Kopf… Und erzähl mir nix von Witzfigur. Das ist Blödsinn, und das weißt du. Für die Witzfigur hältst ganz allein du dich selbst.” Ethan macht noch ein paar unruhige Schritte, dann setzt er sich mit einer sichtlichen Anstrengung wieder und sieht sein Gegenüber eindringlich an. “Klar bist du, was du bist. Und die Lösung… Nicht gezweifelt. Hast ja geschrieben, bist kurz davor.” Dann geht Ethan die Relativierung des letzten Satzes auf, und er runzelt die Stirn. “Wieso hatte? Funktioniert nur bei nem Mann, oder wie? Kannst du’s nicht umbauen auf ne Frau? Muss doch irgendwie gehen.”

“Ach, Mann, Frau, damit hat das nichts zu tun. Ich habe bei meinen Forschungen lediglich eine abfließende Seele in Betracht gezogen, keine, die fehlt.” Er setzt sich jetzt wieder hin und nimmt einen Schluck Tee. “Mein Volk glaubt, dass der Mensch mehrere Seelen hat, die frei werden, wenn er stirbt. Das Leben ist ein ewiger Kreislauf, und die Seele ist unsterblich. Nun, wir hätten irgendwie dafür sorgen müssen, dass Cal stirbt – Nein, nicht wirklich, Ethan, sieh mich nicht so an!” Er tippt sich wieder an die Stirn. “Wir haben jemanden auf unserer Seite, der sich da auskennt. Eshu ist in einigen Überlieferungen auch derjenige, der die Seelen ins Totenreich geleitet. Ich glaube, er würde uns gerne helfen, wenn es darum geht, Engeln ein Schnippchen zu schlagen. Wie dem auch sei. Es ist nicht ganz ungefährlich, und vor allen Dingen müssen wir extrem schnell sein. Wir brauchen medizinisches Gerät, und außerdem… Irene und Cal gehören IHM.” Bei diesen Worten macht Nelson einen Fingerzeig zur Decke. “Ich glaube nicht, dass die Engel sich das entgehen lassen, und haben sie sie erst einmal, kann Eshu gar nichts tun. Das ist nicht seine Domäne. Aber ich hoffe, dass er uns die nötige Ablenkung verschaffen kann, bis da oben einer merkt, dass Irene oder Cal … tot sind.” Noch einmal eine Pause. “Und es wäre natürlich bei einer Person wesentlich einfacher gewesen, die kaputte Seele sozusagen auszusortieren und eine heile an ihre Stelle zu setzen. Aber wie ich die Seele von Irene von der von Cal trenne und ihr wieder einsetzen kann – das weiß ich nicht, Ethan, das weiß ich beim besten Willen nicht. Das übersteigt meine Fähigkeiten. Dafür brauche ich Hilfe.”

Aufmerksam hört Ethan der Erklärung zu, die Nelson abgibt. Nickt dann langsam. “Klar. Wow. Puh.” Unsicher fährt er sich mit den Fingern in die Haare, seine übliche Stressgeste. “Wünschte, ich könnt was machen. Verdammt. Sorry. Aber… weiß nicht… Bart?” Stirnrunzelnd sieht Ethan den Afrikaner an. “Riskant.” Andererseits… wenn es die einzige Option sein sollte, die sie haben, dann ist es ziemlich egal, wie riskant oder wie sicher diese Option sein mag.
“Bart? Bart Blackwood?” Nelson nickt. “Kluger Kopf. Ich habe ihn bisher leider nur einmal getroffen, aber ich bin mir sicher, dass er etwas wissen könnte. Ethan, wenn du mit ihm Kontakt aufnimmst, sag ihm, dass ich ihn sprechen will.” Er macht eine Pause. “Aber Ethan, eins solltest du wissen. Ich tue das für dich, und für Cal. Selbst wenn Irene wieder ihre Seele hat – ich werde ihr niemals verzeihen können, was sie getan hat.”
Ethan nickt, langsam und unglücklich, und schon wieder wühlen beide Hände sich in seine Haare. “Selbst nicht sicher. Was. Wie. Ob. Das wird, mein ich.” Frustriert sieht er den Afrikaner an. Dann schüttelt er den Kopf, als wolle er ihn klar bekommen. “Bart. Mmhm. Wenn. Sag ich.” Außer Bart fällt ihm tatsächlich niemand ein, der Nelson bei so einer Sache helfen könnte.
“Dann müssen wir Bart finden. Und Irene. Und natürlich Cal.” Nelson scheint jetzt ein wenig enthusiastischer zu sein. Dann lehnt er sich zurück und schweigt eine ganze Weile. Schließlich trinkt er seinen Tee, der mit Sicherheit schon kalt ist, dann fragt er in etwas lockererem Ton: “Und was gibt es sonst Neues?”

Heh. Neues. Der Afrikanist war eine ganze Weile lang weg. Ethan nimmt einen Schluck aus seiner Bierflasche, lehnt sich zurück und überlegt, womit er am besten anfängt.

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