Miami Files – Turn Coat 3

Mit Edward im Schlepptau fuhren wir vom Krankenhaus aus direkt zum Revier, um Diego zu verhören. Alex kam nicht mit – der bekam einen Anruf und setzte sich erst einmal ab.
Der junge Straßenpunk wollte erst den starken Mann geben, aber Totilas schüchterte ihn derart ein, dass er dann doch auspackte. Folgende Informationen – die wir uns zum Teil schon gedacht hatten, aber von denen es gut war, noch einmal eine Bestätigung dafür zu erhalten – bekamen wir aus dem Jungen heraus:
Für das Ritual wurde Diego von Father Donovan rekrutiert; federführend durchgeführt wurde es von Spencer Declan. Die beiden – also Declan und Donovan – schienen einander auch schon etwas länger zu kennen. Der Padawan lag gefesselt und geknebelt und unter Drogen gesetzt im Ritualkreis – er hatte sich also ziemlich eindeutig nicht freiwillig dazu bereit erklärt, sich selbst zu opfern, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Diego schnitt ihm die Kehle durch, dann erschien die Blonde körperlich im Ritualkreis, landete auf dem Padawan, schrie entsetzt auf und wurde ohnmächtig, woraufhin Declan sie mitnahm. Diego wollte die blonde „Ische“ haben, um sie seinem neuen Freund Jack – ich werde ab jetzt Jak schreiben, um ihn kenntlich zu machen, auch wenn Byron ja inzwischen nicht mehr Jack heißt – um sie also seinem neuen Freund Jak zu übergeben. Mit dem ist Diego übrigens über Paco und den Railroad Club und diesen jungen Schwarzen Jonathan Irgendwas (lies: der verjüngte Joseph Adlene) in Kontakt gekommen. Jak bot ihm den Deal mit der Waffe an, den Diego nur allzu gerne annahm.
Bei dieser Gelegenheit fragten wir, wie Diego seinen ‚Freund‘ eigentlich kontaktieren könne. Seinen Namen einfach nur zu denken, reiche nicht aus, aber er müsse ihn einfach nur rufen – ob er es uns mal zeigen solle? Ääähm, nein, vielen Dank. Zur Sicherheit knebelten wir den jungen Gangster lieber wieder.

Die ersten Pistolen, die wir damals bei Paco und ihm gesehen hatten und die ja ’normal‘ dämonisch waren und keinen Ruch von Outsider an sich hatten, seien von Pater Donovoan gekommen. Und diese Auskunft war a) neu und b) extrem interessant, Römer und Patrioten, denn die sagt uns, dass Donovan irgendwie mit Dämonen im Bunde steht.
Spencer Declan übrigens ebenso, oder zumindest ist er sich nicht zu schade, für schwarze Magie Menschen zu töten. Und in dessen liebende Hände haben wir den zweiten Padawan gegeben, nachdem wir ihn im Sumpf vor dem Rabenwesen gerettet hatten. Mierda y Cólera!

Und Enid Campbell ist ebenfalls in Declans Gewalt, wenn er sie nicht schon umgebracht hat. Falls sie noch am Leben ist, dann deswegen, weil der Warden sie noch für irgendetwas braucht.
Wenn, dann wohl wegen der Sinfonia, in die ja der ‚Tanz der Nereide‘ eingearbeitet sein soll, und dieser Tanz soll ja Magie zerstören. Oder war es unterdrücken, schlafen legen? Aber irgendwie so jedenfalls.

Um Enid zu helfen, müssten wir Declan konfrontieren. Zu diesem Zweck wäre der ‚Tanz der Nereide‘ gar nicht schlecht, eben weil der ja Magie unterdrücken kann. Und tatsächlich haben wir den ja in unserem Besitz, weil wir ja eine Kopie der Sinfonia angefertigt haben, ehe wir das Original an Enid zurückgaben. Darin gibt es einen Abschnitt namens ‚Calma‘, der sogar mit ‚der Tanz der Nereide‘ untertitelt ist – falls wir uns also mit Declan anlegen wollten, wüssten wir genau, welchen Teil des Stücks wir nutzen müssten, um den Warden lahmzulegen oder zumindest zu behindern.
Aber wir waren uns einig, dass wir dazu wir mehr über das Musikstück herausfinden müssten und darüber, was es genau macht. Es einfach zu spielen, wäre aber zu riskant, egal, wie spannend das wäre: Wir wissen einfach zu wenig darüber, wie genau es wirkt. Und außerdem ist das Ding für Orgel geschrieben, und das ist ein Instrument, das keiner von uns beherrscht.

Andere Baustellen, denen wir uns widmen könnten, wären Pater Donovan oder Jak, warfen Totilas und Edward noch in den Raum. Aber zunächst beschlossen wir, lieber erst einmal alles an Informationen zusammenzutragen, was sich noch an Informationen zusammentragen ließe, bevor wir irgendwen oder irgendwas konfrontieren würden.

Ich überlegte, ob ich jemanden kannte, den man dafür ansprechen könnte, einen Musikprofessor an der Uni zum Beispiel, aber mir fiel niemand ein, dem ich so etwas anvertrauen würde. Aber Roberto hatte eine Idee: Eine alte Bekannte von ihm hat die Musikwissenschaft und Psychologie studiert und bestreitet ihren Lebensunterhalt mit Werbejingles, während sie die ernste Musik als Hobby betreibt, bis sie mit ihrem Hauptberuf genug Geld verdient hat. Mit dieser Bekannten – ‚Vera Cruz‘ nennt sie sich, auch wenn das vermutlich nicht unbedingt ihr richtiger Name ist – verabredete Roberto sich, während wir anderen zu Byron White Eagle fuhren.

Als wir dort ankamen, verließ gerade Angel Ortega die Kommune, und wir wechselten ein paar Worte mit ihm. Wie es ihm gehe, wollten wir wissen, und er sagte, irgendetwas stimme mit seinem Kopf nicht: Er habe keinen Tropfen getrunken, sich aber trotzdem betrunken gefühlt; jetzt wolle er aber erst einmal in die Kirche gehen, in die Hermitá de la Caridad. (Die nicht Pater Donovans Kirche ist, nur damit da keine Zweifel aufkommen.)
Drinnen hatten wir mit Byron gerade den Smalltalk beendet, da kam Roberto auch schon dazu. Er hatte Angel im Schlepptau, der sich jetzt nur noch torkelnd bewegen konnte und wirr lallte. Seltsam – gerade vor einigen Minuten war er doch noch völlig nüchtern gewesen. Und hatte er nicht in die Kirche gehen wollen?
Irgendetwas stimmte da ganz und gar nicht, also steckten wir ihn kurzerhand in einen Schutzkreis. Und tatsächlich: Sobald der magische Kreis sich um ihn geschlossen hatte, fiel die Betrunkenheit schlagartig von Angel ab. Er betrachtete sich selbst mit dem zweiten Gesicht und stellte fest, dass tatsächlich ein Fluch auf ihm lag. Die Magie war nicht sehr stark und machte den Eindruck, als sei sie völlig ohne Leidenschaft gewirkt worden, ohne persönliche Befindlichkeit dahinter, aber hoch-professionell: eher das Ergebnis bezahlter Arbeit denn von wildem Hass.

Natürlich fingen wir an zu überlegen und landeten schließlich bei folgender Theorie: Angel war ja vor einigen Jahren wegen vermeintlicher Trunkenheit von den Orunmila ausgeschlossen worden. In Wahrheit aber hatte Ximena sich damals als Angel maskiert und den Betrunkenen gespielt, und weil Ximena wegen der Aktion ein schlechtes Gewissen hatte und die Orunmila über die wahren Umstände aufklärte, hatte sich das Verhältnis zwischen Angel und der Santería-Gruppierung gerade wieder zu bessern begonnen. Vielleicht wollte oder will, wer auch immer Angel jetzt diesen Fluch auf den Hals gehetzt hat, ihn bei den Orunmila wieder diskreditieren, damit die ihn nicht wieder aufnehmen? Außerdem wurde Angel auch an der Way Station herausgeworfen, wo er ja als Türsteher und Rausschmeißer gearbeitet hatte. Ohne ihn stehen die Elders sicherlich nicht wehrlos da, aber vielleicht ist es ein Schutzmechanismus weniger. Und drittens: Was, wenn jemand die Orunmila und die Elders gegeneinander aufbringen will, damit die abgelenkt sind und das, was auch immer sie da im Sumpf beschützen, nicht mehr – oder nicht mehr so gut – geschützt ist?

Byron sagte, er könne natürlich versuchen, den Fluch mittels eines Rituals von Angel herunterzureinigen. Aber nicht sofort: Erst einmal müsse Angel sich ausschlafen.
Jetzt erzählte Roberto uns auch, was seine Bekannte Vera gesagt hatte: Das Musikstück habe sie sehr interessiert, und sie wolle es sehr gerne ganz genau analysieren – das werde nur vermutlich eine Weile dauern, und sie wolle sich wieder melden.

Inzwischen hatte auch Alex angerufen und herausgefunden, dass wir in der Kommune waren; jetzt stieß er wieder zu uns und berichtete. Es sind noch weitere kleinere Praktizierer von diesem Denarier-Raben mit den scharfen Federn getötet worden, weswegen Alex von seinen Kontakten um Hilfe gebeten wurde. Wirklich tun konnte er nichts, außer natürlich dafür zu sorgen, dass die Verstorbenen dorthin weitergingen, wo sie hingehörten.

Außerdem erzählten wir Byron von den neuesten Entwicklungen in Sachen Diego, und Edward machte erneut den Vorschlag, sich vielleicht die Kraft des Sturmes zunutze zu machen, um so verstärkt Jak zu konfrontieren. Diese Idee fand Byron gelinde gesagt ziemlich größenwahnsinnig. „Wie kannst du mit den cojones überhaupt noch laufen, sag mal?“ war seine Formulierung, „Die müssen doch schon am Boden schleifen!“
Spencer Declan hingegen mit der Energie des Sturms anzugehen, würde vermutlich die Gesetze der Magie brechen. Mierda.

Aber wir hatten da ja noch ein anderes Problem, und zwar Diego, der zwar momentan geknebelt im Gefängnis sitzt, der aber spätestens übermorgen dem Haftrichter vorgeführt werden muss. Und spätestens dann müsste man irgendwie die mit seiner Hand verwachsene Pistole erklären; von dem ganzen Unheil, das der kleine Cabrón in Gegenwart von lauter Uneingeweihten anrichten könnte, ganz zu schweigen. Aber wie die Waffe entfernen, wo sie doch in jedem, der sie oder auch nur Diego berührt, das Verlangen auslöst, sie selbst besitzen zu wollen?
Vielleicht würde es gehen, wenn er gerade von Oshun besessen wäre, warf Roberto ein. Mit diesem Vorschlag zog er sich allerdings Edwards Unmut zu – nicht, weil die Idee unserem Lykanthropen-Kumpel nicht gefallen hätte, sondern weil Roberto nicht schon vorher damit rausgerückt war, dass das ginge.
Aber egal, es ging ja jetzt. Oder sollten es vielleicht nicht Roberto mit Oshun machen, sondern Alex mit Eleggua? Aber nein, das hielten wir bei näherem Hinsehen für keine so gute Idee. Eleggua ist, in Ermangelung eines besseren Ausdrucks, Alex‘ Boss, der ihn herumkommandieren kann und sich auch nicht scheut, das zu tun. Roberto und Oshun haben ein etwas ausgewogeneres Verhältnis und könnten sich vielleicht auf einer eher gemeinschaftlichen Ebene einig werden.

Ich fragte in die Runde, was wir eigentlich machen wollten, wenn wir die Waffe hätten, was Totilas zu der Gegenfrage „Reicht das nicht später?“ veranlasste. Aber ähm, nein, das sollten wir schon vorher klären, fand ich, und die anderen stimmten mir da zu.
Denn wie oben schon erwähnt: Diego kann ja nicht ewig geknebelt bleiben, er soll aber auch seinen Kumpel Jak nicht rufen können, selbst wenn es uns gelingt, ihn von der Dämonenwaffe zu trennen. Am besten wäre es, waren wir uns alle einig, ihn gar nicht erst in die Mühlen des Gesetzes kommen zu lassen: Es wäre zwar nicht sonderlich ethisch, aber man könnte ihn noch vor der Verhaftung in eine pyschiatrische Anstalt einweisen lassen und mit Beruhigungsmitteln sedieren. Hillary Anger Elfenbein hätte da sicherlich Wege und Möglichkeiten, und ehrlich gesagt, habe ich mit Diego nicht sonderlich viel Mitleid.

Alex und Edward schlugen vor, die Pistole, sobald wir sie entfernt hätten, in einer Bannkiste zu sichern. Das war eine ganz ausgezeichnete Idee, und zu diesem Zweck besorgte ich in einer Bótanica eine solide und taugliche Kiste aus Chechenholz, die Edward dann mit den entsprechenden Zaubern zur Sicherung belegte, während Alex derweil eine Kopie der Dämonenpistole anfertigte. Roberto rief indessen Oshun an und traf mit ihr eine Abmachung: Die Orisha würde Diego die Waffe abnehmen, wenn Roberto den kleinen Gangster wieder zur Liebe bringen würde – was auch immer das heißen mpchte.

Dann fuhren wir zum Revier – es war zwar inzwischen ziemlich spät abends, um nicht zu sagen, ziemlich früh am Morgen, aber das war uns gerade recht, weil uns auf diese Weise niemand in die Quere kam.
Bei Diegos Zelle übernahm Oshun Robertos Körper und nahm dem Jungen die Waffe ab – Roberto beschrieb das Erlebnis hinterher so, dass er in diesem Moment in Versuchung geriet, vom Beifahrersitz aus die Herrschaft über seinen Körper wieder an sich zu reißen und die Waffe für sich zu beanspruchen, der Verlockung aber widerstehen konnte. Dann legte Oshun die Pistole in die Bannkiste und verschloss sie sorgfältig, bevor sie sich wieder zurückzog. Diego schrie vor Schmerzen, als die Waffe von ihm getrennt wurde, und seine Hand blutete – es war ein bisschen so, als sei seine Hand an einem eisigen Rohr oder einer eisigen Laterne festgefroren gewesen. Der junge Ganger wurde verarztet, dann ruhiggestellt und abtransportiert, und die Kopie der Pistole, die Alex gebaut hatte, kam in die Asservatenkammer.

Edward nahm die Bannkiste fürs Erste an sich, aber eines ist klar: Wir brauchen einen Giftschrank für solche Artefakte wie die Pistole. Alex sagte, er wolle sich einmal schlau machen, was als Giftschrank in Frage käme, denn weder Totilas‘ („so etwas wie der See in Schottland?“) noch Edwards („ein schwarzes Loch?“) Vorschläge klangen auf Anhieb so richtig zielführend.

Aber erst einmal müssen wir – muss ich zumindest – schlafen. Es war ein langer, langer Tag, und es hat auch nochmal ganz schön viel Zeit gefressen, das alles aufzuschreiben.

05. September

Nachdem wir erst heute früh ins Bett gekommen waren, haben wir – habe ich zumindest, ich weiß nicht genau, wie es den anderen ging, vermute aber ähnlich – erst einmal bis mittags geschlafen, dann trafen wir uns zu einem späten Brunch im Dora’s.
Dort saßen wir noch beisammen, als Robertos Telefon klingelte: Es war seine Bekannte Vera Cruz, die Neuigkeiten hatte und sich mit ihm treffen wollte, also kam sie einfach gleich ins Dora’s dazu.
Als Vera im Restaurant ankam, schob Roberto ihr erst einmal einen Kaffee zu, denn sie sah ziemlich unausgeschlafen aus – aber auch interessiert-fasziniert. Und tatsächlich berichtete Vera, dass sie die ganze Nacht an der Partitur gesessen habe, weil das Stück einfach super-interessant sei, vor allem der Mittelteil, der „Tanz der Nereide“. Von der Notenfolge her sei dieses Mittelstück eigentlich eine Kakophonie, oder müsste eine Kakophonie ergeben, aber die Computeranalyse der Noten habe eine logische mathematische Formel ergeben, was eigentlich nicht sein dürfte.
Als wir sie dahingehend befragten, erzählte Vera, sie habe das Stück auf dem Klavier ein bisschen geübt, es sei aber sehr schwierig – einfach so vom Blatt könne sie das nicht auf Anhieb spielen. Um es einigermaßen zu beherrschen, müsse sie vielleicht zwei Wochen lang üben. Und es sei für Orgel geschrieben, nicht für Klavier: Nur am Klavier zu üben sei also nicht ausreichend, sondern es würde auch die eine oder andere Übungssitzung an einer Orgel erfordern.

Nach dem Gespräch mit Vera Cruz rief ich bei Lidia an. Nur kurz, viel zu besprechen gab es eigentlich nicht; ich wollte nur hören, wie es Monica und ihr wegen des Sturms ging. Es war alles soweit gut, und den Sturm selbst wollen die beiden ja ohnehin bei mir in der Wohnung verbringen und Lidias Auto währenddessen bei mir unten in der Tiefgarage des Hauses abstellen. Lidias Haus selbst war auch schon soweit gesichert, also wollte ich beruhigt auflegen, da fragte sie, ob ich in letzter Zeit irgendetwas mitbekommen hätte, dass Magie nicht funktionieren würde. Das ließ mich natürlich sofort aufhorchen und nachfragen, woraufhin Lidia folgendes erzählte:
Sie sei gestern abend mit Monica in der Hermitá gewesen, um wegen des Sturms zu beten und eine Kerze zu entzünden. Oha. Als Lidia das sagte, ahnte ich schon, was kommen würde, denn Monica liebt es, Kerzen mit ihrer Magie anzuzünden. Und tatsächlich bestätigte Lidia mir auf meine Nachfrage, dass es genau so gewesen war: Monicas Magie hatte einfach nicht – perdonen el juego de palabras – gezündet.
Mir entfuhr ein „Oh“, bevor ich natürlich sofort fragte, ob in dem Moment vielleicht gerade auf der Orgel gespielt worden sei. Ja, bestätigte Lidia, und zwar ein sehr schönes Stück – sie sei wegen des kommenden Sturms so besorgt gewesen, aber bei der wunderschönen Melodie habe sie sich gleich viel ruhiger gefühlt.
Sehen, wer da spielte, konnte Lidia aber leider nicht.

Sobald ich aufgelegt hatte, gab ich die Information an die Jungs weiter, und sie teilten meine Einschätzung bzw. meine Vermutung: Da hatte vermutlich Enid die Sinfonia geübt, und zwar vermutlich gezwungenermaßen – aber damit war sie hoffentlich zumindest gestern noch am Leben.
Tun konnten wir damit aber leider erstmal immer noch nichts für das arme Mädchen – außer die Hermitá zu überwachen, ob sie zum Üben wiederkäme. Das war auch tatsächlich eine ernsthafte Überlegung – aber erst einmal mussten wir uns um den kommenden Sturm kümmern, und zwar jeder für sich. Wie ich eben ja schon mit Lidia besprochen hatte, gab es weder bei mir noch bei ihr sonderlich viel zu tun, deswegen konnte ich Byrons Bitte um Hilfe in der Kommune nachkommen, während Edward natürlich auf der Polizei dienstliche Vorbereitungen zu treffen hatte, Roberto seine Bótanica sturmfest machte, Totilas sich um die Raiths kümmerte – am Hotel natürlich, aber auch irgendwas von einem Tanklastwagen mit Benzin – und Alex sein Hausboot in Sicherheit brachte.

Ich bin eben von der Kommune zurück – es ist erstmal alles so sicher, wie es nur sein kann – und habe noch ein bisschen Zeit, bevor wir uns wieder treffen wollen, daher habe ich die Gelegenheit genutzt und erst einmal alles aufgeschrieben, was heute so passiert ist.

Alex hatte Neuigkeiten, Römer und Patrioten. Er war gerade dabei, sein Hausboot sturmfest zu machen, als ein Angehöriger der Santo Shango auf seinem Motorrad vorbeikam. Ob Alex das ‚reparieren‘ könne, zwinker zwinker – natürlich war der Mann ein Abgesandter von Cicerón Linares, der uns nicht offen kontaktieren wollte, uns aber Dinge zu sagen hatte. Er erzählte, dass Spencer Declan auf Cicerón zugekommen sei und ihm bezüglich der Sümpfe eine Zusammenarbeit angeboten habe. Dafür würde er auch ein Stück vom Kuchen abbekommen. Als Declan gefragt habe, was denn mit den Orunmila sei, habe Declan erwidert, da sei schon etwas in Arbeit, um die Orunmila zu neutralisieren.

Das Wort ‚Kuchen‘ hatte uns natürlich aufhorchen lassen, und prompt flogen die Vermutungen hin und her: primär natürlich, dass auch Declan sich mit Jak eingelassen hat – und dass er mit der Sinfonia den Schutz um das Was-auch-immer im Sumpf negieren will.
Wenn wir damit recht hatten, dann bedeutete das natürlich, dass Macaria Grijalva und die Orunmila gewarnt werden mussten: vor Declan und auch vor Jaks Kuchen und wegen des Fluchs, der auf Angel gelegt worden war – und dass es sinnvoll sein könnte, die anderen Mitglieder der Orunmila auch einmal auf eventuelle Flüche zu überprüfen.

Als wir in Little Havana vor dem Gemeindezentrum ankamen, fanden wir die Orunmila in heller Aufregung vor. Unterwegs zu dem vereinbarten Treffen mit Thutmoses Elder seien sie und ihre Leute von Krokodilen in Begleitung des Raben-Denariers angegriffen worden und hätten es gerade so geschafft, wegzukommen.
„Thutmoses, verdammt, was macht der?!“

Kurz entschlossen rief ich bei Selva Elder an. Ja, sie ist nicht sonderlich gut auf uns zu sprechen, aber was hatte ich schon zu verlieren?
Tatsächlich war Selva sehr kurz angebunden, sagte aber, Macaria sei zu dem vereinbarten Treffen mit Thutmoses nicht erschienen. Ich sagte ihr, dass Macaria nicht zu dem Treffen habe kommen können, weil sie unterwegs von Krokodilen angegriffen worden sei, und gab Selva die Warnung mit, dass es uns so vorkäme, als wolle jemand die Elders und die Orunmila gegeneinander ausspielen.
Dieselbe Vermutung teilten wir auch mit Macaria, zusammen mit der Warnung, die Orunmila sollten sich nicht beeinflussen lassen – und keinen unbekannten Kuchen essen.
Im Privaten, als nicht mehr die ganze Gemeinschaft um uns herumstand, erzählten wir Macaria dann noch, dass Spencer Declan und Pater Donovan gemeinsame Sache machen, dass Donovan auf irgendeine Art und Weise mit Dämonen im Bunde steht und sogar, dass irgendwie Outsider in die Sache verwickelt sind.

Und natürlich gaben wir ihr die Information, wegen der wir eigentlich gekommen waren: dass wir nämlich vermuten, Declan und Donovan (sollte ich sie vielleicht mit D&D abkürzen?) planen, die Magie im Sumpf auszuschalten, um den Schutz um das Was-auch-immer-es-ist loszuwerden.
Dazu bräuchte es allerdings entweder eine fahrbare Orgel, um das Instrument in die Glades zu bringen, oder die Magie der Sinfonia ist so mächtig, dass ihr Effekt bis hinaus in die Sümpfe reicht, wo auch immer sie gespielt wird. Aber wenn das der Fall sein sollte – hui.

06. September

Eigentlich wollte ich gestern noch ein bisschen mehr schreiben, aber es war schon spät und ich auch einfach zu müde nach der langen Nacht davor. Aber andererseits gab es auch gar nicht mehr so viel zu schreiben. Nur etwas Besorgnis darüber, dass der Sturm näherrückt.

Das merkten wir dann auch heute: Die Menschen verlassen in Scharen die Stadt. Auch die Raiths sind betroffen – Totilas hat Adalind damit beauftragt, die Keys zu evakuieren. Gutes Geld verdient unser White Court-Kumpel auch gerade, denn das gestern gekaufte Benzin wird er gerade zu überaus guten Preisen wieder los.

Ich telefonierte indessen wegen Miet-Orgeln herum, kam aber nicht sonderlich weit. Direkt vor einem Jahrhundert-Hurrikan ist vielleicht auch nicht die beste aller Gelegenheiten, um bei den Vermietern von Musikinstrumenten anzurufen, aber immerhin bekam ich einige Adressen, bei denen ich es gegebenenfalls demnächst nochmal versuchen kann: Eine Firma, die Musikinstrumente für Filmproduktionen vermietet, hat eine Orgelatrappe, die gerne genommen wird; die Orgeln in Kirchen kann man auch mieten, und ja, es gibt tatsächlich eine Firma, die eine fahrbare und funktionstüchtige Orgel im Angebot hat, die aber gerade für längere Zeit an die Produzenten einer TV-Serie vermietet ist. Wenn Spencer Declan sich also nicht als Serienproduzent getarnt hat, dann dürfte die zumindest für’s Erste aus dem Verkehr sein.

Zu Alex kam nochmal Jorge, der von Cicerón geschickte Santo Shango, weil er weitere Neuigkeiten hatte: Cicerón habe mitbekommen, dass Spencer Declan und Thutmoses Elder zusammenarbeiteten und dass Thutmoses dem Weißen Rat angehöre; das habe Cicerón uns wissen lassen wollen. Hui. Thutmoses Elder ein Ratsmagier? Wow. Das waren in der Tat wichtige Neuigkeiten.

Dann fuhren wir zu Byron, um wie geplant Angel Ortega von seinem Fluch zu befreien. Byron hatte bereits alle Vorbereitungen getroffen, war jetzt aber auch völlig erledigt und verabschiedete sich, um ins Bett zu fallen.
Wie so oft in letzter Zeit, taten sich für das eigentliche Entfluchungsritual Edward und Roberto zusammen – oder besser, Edward wirkte es, während Roberto ihn mit seinem umfangreichen Wissen über Rituale unterstützte und generell die ausgezeichnete Zusammenarbeit, die den beiden inzwischen zumindest auf diesem Gebiet zu eigen ist, wieder einmal voll zum Tragen kam. Totilas betätigte sich als Türsteher, um sicherzustellen, dass wir nicht gestört werden würden, und ich selbst legte eine sommerliche Morgenstimmung auf den Raum, die den beiden bei der Konzentration helfen sollte.

Das Entfluchen klappte, aber es war eine ganz schön knappe Angelegenheit, Römer und Patrioten: Beinahe wäre die Sache gekippt. Angel, der die ganze Zeit brav in seinem Kreis gesessen und ordentlich mitgemacht hatte, sah plötzlich Roberto mit panischem Blick an und rief: „Nehmt das Krokodil da weg!“
Für einen Moment lang sah es so aus, als würde das alles durcheinander bringen, aber zum Glück ist ja gerade Edward inzwischen sehr erfahren mit Ritualen und konnte das Ruder noch einmal herumreißen, und zum Glück beruhigte sich auch Angel gleich wieder.

Aber auch da wieder: Zum Glück war es Edward, der mit seiner hermetischen Magie den Fluch löste. Denn die Magie, die auf Angel lag, und zwar sehr geschickt gemacht und mit einer zweiten, nicht auf Anhieb zu entdeckenden Ebene gewissermaßen ‚abgesichert‘: Wenn man versucht hätte, mit Santería-Magie den Fluch aufzuheben, sprich wenn ein Orisha den ehemaligen Orunmila besetzt hätte, dann wäre es schlimmer geworden. Mierda. Dass da jemand hoch professionell vorgegangen war, das hatten wir ja schon gewusst. Aber derart verschachtelt und hinterlistig? Hossa.

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