Supernatural – Hilfegesuch

Das, was hier folgt, ist ein kleiner SST, den Calebs Spielerin und ich gemeinsam geschrieben haben und der direkt im Anschluss an das Unity-Abenteuer spielt. Wie immer bei den SSTs, müsste ich eigentlich die Abschnitte aus fremder Sicht farblich anders markieren als meine eigenen, aber auch hier wieder denke ich, dass man dank der Zwischenmarkierungen auch ohne farbliche Absetzung hoffentlich deutlich genug erkennen kann, welche Textteile von Nocturama stammen und welche von mir, also lasse ich das wie immer sein.

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Cal verzieht das Gesicht, als er sich in sein Shirt windet. Das Krankenhaus ist der Meinung, dass er mindestens noch zwei Wochen nutzlos herumliegen soll, aber da sie ihn so weit zusammengeflickt haben, dass seine Innereien innen bleiben, reicht ihm das.
Abgesehen davon wird bald auffallen, dass er nicht wirklich “Fereidoun Aslani” ist und die Rechnung sowieso nicht bezahlen kann. Und er hat keine Lust, sich noch mal mit dem Kerl von der Jagdbehörde zu unterhalten, wie das denn nun genau mit dem gefährlichen Bären gewesen sei. Er hat echt Besseres zu tun.
Also raus hier.
Sobald er es schafft, seine Stiefel anzuziehen.

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Ein paar Tage nach seiner und Emilys Rückkehr aus New Hampshire packt Ethan Snoopy ins Auto und fährt die Strecke nach Unity gerade nochmal. Es ist zwar eine normale Arbeitswoche, und vermutlich käme es nicht so gut, wenn er sich schon wieder frei nehmen würde, aber es sind ja nur zwei Stunden, das geht nach Feierabend. Das Hexenkaff – eigentlich ist es ja keines mehr, aber Ethan hat den Begriff trotzdem noch im Kopf – hat selbst kein Krankenhaus, aber das nächstgelegene ist ja zum Glück nicht weit weg.
An der Information wollen sie keinen “Caleb Fisher” kennen, aber nachdem es nicht so viele Stationen gibt, wo sie einen Typen mit gebrochener Schulter und schweren körperlichen Verletzungen hinpacken würden, dauert es nicht übermäßig lange, bis Ethan den Kopf in ein Krankenzimmer steckt, aus dem ein unterdrückter Fluch in einer ihm wohlbekannten Stimme ihm gerade den deutlichen Hinweis gegeben hat, dass er das richtige gefunden haben dürfte. Ethan wirft einen Blick auf seinen mit den Stiefeln kämpfenden Ziehvater und hebt eine Braue. “Hey.”

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Cal rammt mit einem Knurren seinen Fuß vollständig in den Schuh. “Gutes Timing. Schau mal, ob die Luft draußen rein ist.”
Ethan zieht den Kopf nochmal zurück und schaut den Flur hinunter, dann in die Richtung, aus er gekommen ist. Lauscht auf die Stimmen aus dem Schwesternzimmer und nickt Cal dann mit einer Kinnbewegung zu.
Draußen auf dem Parkplatz hebt Ethan eine fragende Augenbraue. “Pläne?”
“Echtes Essen. Was zu trinken.”

Man mag über das Essen in der holzverkleideten Bar sagen, was man will, aber es ist besser als der Fraß aus Sägespänen im Krankenhaus. Cal widersteht und fragt nicht nach Schokoladenkuchen, auch wenn er den um ehrlich zu sein auch ohne Irenes Einfluss mag. Aber echte Männer essen nun mal keinen Schokoladenkuchen, scheiße noch mal!
Also gibt es nur Burger und Bier und ein paar Shots zum Nachtisch. Cal haut ein weiteres Glas Whiskey weg und fragt: “Noch was rausgefunden?”

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Gah. Falsche Frage. Nein, richtige Frage. Genau deswegen ist Ethan ja unter anderem hier, eben um Cal zu erzählen, was so alles passiert ist. Das macht nur das Antworten trotzdem nicht leichter. Um ein bisschen Zeit zu gewinnen, beißt Ethan in seinen Burger und trinkt einen Schluck Cola, während er sich für die vielen Worte wappnet, die jetzt garantiert kommen werden. Schluckt den Bissen dann hinunter und sieht seinen ehemaligen Mentor direkt an. Hilft ja alles nichts. “Nicht direkt”, brummt Ethan, “nur: hab’s ja geschrieben. Irene begegnet, letztens. Bloß: Leute da. Zwei Jäger und ne Familie. Konnt nix machen.” Und dann erzählt Ethan so knapp wie möglich von den Umständen und Ereignissen bei dem Maislabyrinth.

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Cal hat eigentlich bei seiner Frage an die gerade erlebte Mission gedacht, aber er vergisst das bei Ethans Erzählung ziemlich schnell. Er ertappt sich dabei, mit der Hand auf die Tischplatte zu klopfen. Nicht, weil Ethan sich beeilen soll, sondern weil er am liebsten jetzt sofort und gleich aufspringen und sich Irene greifen würde.
Was natürlich nicht geht.
“Dachte schon, du zeigst sie mir gleich zusammengeschnürt in deinem Kofferraum mit ner Schleife drum”, versucht er einen Scherz, kann sich aber noch nicht mal zum Ansatz eines Lächelns zwingen.
Er winkt der Bedienung, sein Glas zu füllen. “Du hast was von ner Idee gesagt… Scheiße, ich nehme alles, langsam läuft uns die Zeit davon. Noch so ein paar Aktionen wie die mit Nelly und… Scheiße. Was macht man, wenn man nach sowas wieder normal wird?” Der nächste Whiskey kann nicht die Kälte wegspülen, die sich in Cals Bauch zusammenbraut.

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Ethan atmet tief durch. “Drecksmist. Keine Ahnung. Irgendwie. Hoffentlich. Wird Kraft brauchen. Und… “ – er schluckt leicht, zögert kurz – “ … Freunde.” Gah. Bringt nichts, jetzt über das später nachzugrübeln. Heißt zwar nicht, dass er es nicht trotzdem tun wird, aber nicht jetzt. Lösungen suchen jetzt. Ethan strafft die Schultern und bemüht sich, die richtigen Worte zu finden. “Dachte an Irenes Vater. Wachkoma. Seit Jahren. Wenn… wenn’s n Weg gäbe, ihn zu erreichen da drin. Ihn zu fragen. Dachte, vielleicht… gibt er ihr seine.”
Kaum hat er den Gedanken ausgesprochen, verzieht Ethan das Gesicht. “Blöde Idee. Ich weiß. Ist bloß das einzige, was mir bisher eingefallen ist. Und Nelson halt. Aber weiß gar nicht so ganz genau, was der für ne Idee hatte. Und wie sehr der die jetzt noch durchführen kann. Oder will. Wobei. Doch. Will nicht. Aber würd. Nicht für Irene, sagte er. Für uns. Weiß nur nicht, ob…” Ethan hebt etwas hilflos die Schultern. “Sagte was von kurz sterben müssen. Aber er hat halt bis jetzt wegen ner Seele geforscht, die abfließt. Nicht wegen einer, die ganz fehlt. Nicht wegen auseinanderdröseln. Muss er bei ansetzen jetzt. Und braucht wen, der ihm hilft mit dem Forschungskram.”

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“Ihr Vater. Scheiße, das ist kalt. Keine Ahnung. So wie das bei mir läuft…” Cal beißt die Zähne zusammen und unterdrückt einen erneuten Wunsch nach Schokolade. “Na ja. Ist nicht so, als würde man nichts vom Vorbesitzer der Seele mitkriegen. Und jetzt stell dir vor, das ist dein eigener Vater.” Spontan vergeht ihm komplett der Appetit. “Verfickte Scheiße. Keine Ahnung. Wenn uns nichts anderes übrig bleibt…” Er verschweigt lieber, dass er sich davor lieber ihre und seine Seele rausreißen und ihr in den Schlund stecken würde – was aber eine ganz praktische Frage aufwirft.
“Aber selbst wenn… brauchen wir irgendwas Mächtiges auf unserer Seite, und jeder, der sowas könnte, ist ein Arschloch. Oder so ein beschissenes Ritual.” Er schnaubt. “Doc Nellys Kumpel wär so ein Kandidat, aber dem traue ich so weit ich treten kann. Und dass Nelly ihm vertraut, macht’s nur noch schlimmer.”

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Als Cal von ‘kalt’ spricht, zuckt Ethan fast unmerklich zusammen; dann ein weiteres Mal, stärker, als er hört, wie man Dinge vom eigentlichen Seeleninhaber mitbekommt, und Cals Aufforderung tatsächlich ernst nimmt und sich das vorstellt. Schüttelt dann den Kopf und sieht den anderen Jäger unglücklich an. “Scheiße. Scheiße, nein. War nur… Naja. Einziger Gedanke bisher.” Er verzieht das Gesicht. “Vergiss es. Scheiß-Idee.” Mit einem Seufzen fährt er sich durch die Haare. “Nelsons… “, er zögert, “Gast. Hmmm. Ja. Trau dem auch nicht. Kein Stück. Eigene Ziele. Unberechenbar. Aber… “, ein weiteres Zögern, “Hm. Mächtig, stimmt. Vielleicht eine Möglichkeit. Auch… hm. Ohne Vater?”
Zwei Schlucke Cola und einen Bissen Burger später runzelt Ethan die Stirn, als ihm noch ein Gedanke kommt. “Hügel? Giffa– die Kami?” Immerhin pflegt er jetzt, wo Irene keinerlei Interesse daran hat, regelmäßig ihren Schrein.

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“Kann man mit der irgendwie kommunizieren?” Cal zuckt mit den Schultern. “Scheiße. Versuchen sollten wir’s. Der bescheuerte Geist hat ja ne Verbindung zu ihr. Ihre Familie… klar, die könnten auch was wissen, aber wenn, dann sollte Bart das handeln. Keinen Bock, dass sie bei denen auf der Abschussliste landet.” Die anderen Möglichkeiten, die ihm so einfallen, schlägt er besser nicht vor. Es gibt neben Arschengeln noch andere Wesen, die sich darauf spezialisieren, den Verzweifelten für ‘einen Preis’ ihre Wünsche zu erfüllen. Aber er will Ethan gar nicht erst auf die Idee bringen. Das macht er dann schön selbst.
Aber davor haben sie erst mal ein anderes Problem. “Scheißegal, was wir dann machen, zuerst müssen wir Irene in die Krallen bekommen. Was ist mit dem Typen, mit dem du sie im Labyrinth getroffen hast? Können wir den aushorchen?”

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Ethan hmmmmt nachdenklich zu Cals Fragen, schweigt eine Weile und grübelt, während er Snoopy, der ruhig mit dem Kopf auf den Pfoten neben dem Tisch liegt, selbstvergessen den Nacken krault. “Werd’s versuchen”, beantwortet er dann gewissenhaft eine Frage nach der anderen, “muss eh wieder auf den Hügel, Sake wechseln. H-Ws…” – bei dem Gedanken an Irenes Familie verzieht Ethan unwillkürlich das Gesicht, vermeidet sorgfältig jede Erwähnung von Sam – “muss Bart, ja.” Ethan isst seinen Burger auf, spült den letzten Bissen mit dem Rest Cola im Glas herunter und signalisiert der Kellnerin nach einem Bier, bevor seine Gedanken zum Maislabyrinth zurückgehen. “Flann Breugadair. Weiß nicht, kennst den?” Er zuckt leicht die Schultern. “Aushorchen, hm. Versuch wert. Komischer Typ. Gut in… Rollen. Irene und er? Weiß nicht, wie eng.”

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Cal zuckt auch mit den Schultern. “Hab den schon mal getroffen, auf nem Boot an Silvester. Da hat er sich als Kellner verkleidet, war aber nicht so direkt mit Irene da, glaube ich.” Er runzelt die Stirn. “Die kannten sich aber. Wie… eng die zusammenhängen…” Das will er sich jetzt lieber nicht vorstellen. Eigentlich sollte er sich keine Illusionen machen, was die seelenlose Irene so in ihrer Freizeit treibt, wissen will er’s aber auch nicht. Dann haut er dem halben Hemd vielleicht nicht sofort eins in die Fresse.
Nach einem Räuspern sagt er: “Sollte der einem von uns über den Weg laufen, greifen wir ihn uns und schütteln, bis Antworten rauskommen. Ansonsten… Kami-Dings, und Augen offenhalten, ob man Irene irgendwo hinlocken kann. Mit Trophäen oder so.”

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“Schütteln”, stimmt Ethan grimmig zu. “Antworten.” Einen Moment lang geht sein Blick ins Nichts, bevor er nickt. “Trophäen… mmmh. Plan. Bones Gate vielleicht. Immer mal so Artefakt-Jobs.” Ethan stutzt, als ihm etwas einfällt. “Die. Haben ‘n Geschäft laufen. Artefakte. Trophäen. Eigene verkaufen, andere kaufen. Art Geldwäsche. Herkunft verschleiern. Nicht sicher. Nie ganz kapiert. Aber. Will nur sagen: Vielleicht ‘ne Idee. Hmm.” Ethan presst die Lippen zusammen und grübelt ein bisschen vor sich hin, bis er sich mit einem kleinen Ruck wieder in die Gegenwart zurückruft. “Aber morgen erstmal Hügel.”

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Cal nickt. “Okay. Klingt… na ja, Plan ist übertrieben, aber so was in der Art. Und du? Was machen wir mit deinem…” Er macht eine vage Bewegung mit der Zigarette, die Rauchfäden hinter sich herzieht. “…Problem?”

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“Gah.” Ethan, der sich ebenfalls eine Zigarette angezündet hat, sobald er mit dem Essen fertig war, nimmt einen tiefen Zug und verzieht dann das Gesicht. “Keine Ahnung. Hab ne Bekannte auf Heliand angesetzt. Absolut spitze mit dem Internet. Und kennt sich aus mit Kram. Wollt sie eigentlich nicht reinziehen, aber wusst sonst nicht weiter. Hab sie gewarnt. Hoff echt, sie ist vorsichtig. Aber glaub schon.” Ethan gerät ins Stocken, und seine Stimme wird brüchiger, als er sich dem eigentlichen Knackpunkt der Sache nähert und diese Worte anfangs gar nicht herauskommen wollen. “Drecksmist. Als wenn der Fluch nicht reicht. Dachte… Dachte, der Fluch ist nur meins. Werd ihn hoffentlich los, oder wenn nicht…” Ganz unwillkürlich geht Ethans Hand zu seiner Kehle, wo in Unity noch der Holzanhänger mit dem Baum seinen Platz hatte. “Leb ich halt mit.” Er schnaubt bitter. Beißt die Zähne zusammen. “Dachte. Aber. Drecksmist.” Den extremsten Gedanken, der sich schon mehrmals in seinen Kopf geschlichen hat, seit er von der Entwicklung des Dämons weiß, spricht er nicht aus. “Geirrt.”

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“Scheiße, Mann. Ist nicht deine Schuld, dass dir diese Hexenschlampe nicht nur den Fluch angehängt hat. Die hat den Deal gemacht. Das Blut klebt an ihren Händen.” Cal drückt die Zigarette auf dem Tisch aus, als wolle er ihn erstechen und kassiert einen bitterbösen Blick der Bedienung.
Männer, immer so überdramatisch, schießt es ihm durch den Kopf. Er verzieht das Gesicht und denkt: Schnauze da drin. Aber mehr als flüchtige Gedanken und peinliche Gelüste kommen von Irenes Seite seiner Seele sowieso nicht.
Gespielt nonchalant zuckt Cal mit den Schultern. “Den Dämon müssen wir sowieso platt machen. Endgültig. Wer so beschissen große Pläne hat, gibt nicht so schnell auf. Vorteil ist, es ist ein Dämon. Wäre nicht das erste Mal, dass wir mit so einem Mistvieh zu tun haben, wird auch nicht das letzte Mal sein. Wir wissen, wie der vorgeht, wir haben nen Namen. Nicht den echten, aber immerhin.” Er setzt sein scheußlichstes Grinsen auf. “Den treten wir so fest in den Arsch, dass wir uns den Exorzismus sparen können.”

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Wieder ein tiefer Zug an der Zigarette – einer, mit dem Ethan den abgerissenen Atemzug kaschiert, den er ohne Kippe genommen hätte, weil bei Cals Worten ein plötzliches Gefühl der Rührung durch ihn flutet. “Danke, Mann.”
Für einen Moment starrt Ethan mit gerunzelter Stirn ins Nichts, dann wendet er sich wieder seinem Gegenüber zu. “Vielleicht über andere Lifecoach-Hexen an den ran. Ring und so. Heliand Consulting.”
Mit zwei Schlucken von dem bestellten Bier, das die Bedienung inzwischen gebracht hat, versucht Ethan den schalen Geschmack, den der Gedanke an den Dämon in seinem Mund hinterlassen hat, wegzuwaschen und macht dann eine wiegende Handbewegung. “Ansonsten: Nichts Neues. Hab zwei Zutaten. Die dritte…” Er hebt eine Schulter, lässt sie wieder fallen. “Tja.”
Die dritte Zutat ist eine Brücke, über die er gehen muss, wenn er hinkommt. “Aber erstmal Irene. Wichtiger.”

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“Schon klar, warte nur immer schön mit deinem Kram und lass anderen den Vortritt, da wirst du am Ende nen Scheißdreck von haben. Nah Mann, Irene, das ist meine Scheiße. Wenn du was gegen deinen Fluch unternehmen kannst, mach das, verdammte Kacke.” Er kippt sich den nächsten Shot in den Hals, den die Bedienung ungefragt hingestellt hat. “Sonst fällt dein Schwanz vor Trauer noch ab.”

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Ethan schnaubt. “Kann ich ja eben nicht. Was unternehmen, mein ich. Keine Ahnung, wo ich was aus meiner Zukunft herkriegen soll. Zeitmaschine hab ich ja keine.” Er bekommt ein verlegenes, schiefes Grinsen zustande – den blöden Witz von der Zeitmaschine hat er Emily gegenüber vor einer Weile auch schon gebracht; Zeichen seiner Hilflosigkeit.
Dann wandelt sich das Grinsen zu einer Grimasse. “Dachte ja… gah.” Ethan schüttelt den Kopf, winkt ab. “Dachte. Egal. Jedenfalls. Erstmal nix zu machen.” Ein sardonischer Blick zu Cal. “Ob mir was abfällt oder nicht.” Ethans Bierglas ist noch viel zu voll für seinen Geschmack. Mit einem tiefen Schluck leert er einen Teil davon, bevor er mit einer etwas ratlosen Geste die Schultern zuckt. “Also: erstmal Schrein. Kommst mit?”

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Cal bewegt sich nicht, sondern zieht eine neue Zigarette aus der Schachtel. “Moment, Junge, nimmst du das nicht ein bisschen wörtlich? Meistens braucht man für so nen Scheiß doch eher… wie heißt das? Symbole oder was. Da müsste doch auch sowas gehen wie, keine Ahnung, ein Stück von deinem Grabstein. Ne Kreditkarte, die erst ab nächstem Monat gültig ist.” Dann verzieht er das Gesicht. “Eher schneidet sich der Teufel die Eier ab, bevor das so leicht ist. Na ja, meine schon mal was von Sehern gehört zu haben, die Kram aus ihren Visionen mitbringen. Ist ziemlich sicher Bullshit, aber ich höre mich weiter um.” Er steht auf und wirft ein paar Geldscheine auf den Tisch. “Schrein, okay. Aber ich krieche nicht vor irgendeiner Gottheit zu Kreuze.” Die Zigarette zwischen den Zähnen murmelt er: “Na ja, vielleicht ein bisschen.”

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“Grabstein…”, murmelt Ethan versonnen, “hmm. Glaub schon, Symbol auch. Irgendwie sowas. Nur… Naja. Muss dann auch wirklich Zukunft sein. Werden. Gah. Weißt schon. Sonst… Naja. Ist es ja nichts aus der Zukunft. Ach, weiß auch nicht.”
Cals letzte Bemerkung lässt Ethan ein bisschen schmunzeln. Nicht, dass Ethan selbst vorhat, vor Gif– vor der Kami zu kriechen. Er trinkt sein Glas leer, bevor er ebenfalls seine Rechnung bezahlt und seinem Ersatzvater nach draußen folgt.

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Am nächsten Tag fahren sie nach Hectorville. Am Schrein hat sich nichts verändert, seit Ethan vor knapp einer Woche zum letzten Mal hier war, um die ganzen Sachen auszutauschen. Um den Bauwagen macht er wohlweislich einen großen Bogen. Da hat Irene für die Sache mit der Schale überall Kameras installiert, wie auch anderswo auf dem Gelände, und Ethan hat nur so viele davon abgebaut, dass es einigermaßen plausibel erscheint, dass die von selbst hätten ausfallen können. Wenn er die alle weggemacht hätte, dann wäre Irene nur wieder aufgetaucht, um die auszutauschen, und Irene kann er hier, solange die ihre Seele nicht hat, sowas von überhaupt gar nicht brauchen. Nicht, solange er so regelmäßig herkommt, um den Schrein zu pflegen. Nach dem, wie sie einander in Iowa angegangen sind, läuft er der Britin besser erst einmal nicht über den Weg.
“Kameras”, warnt er Cal, als er den Nissan am üblichen Platz abstellt. “Von der Schale noch.” Vor dem Schrein ist auch eine, aber das kann Ethan jetzt nicht ändern.
“Hey”, sagt er wie üblich, als er vor der roten Holzkonstruktion steht, und wie üblich kräuselt sich kurz darauf der Rauch aus der Feuerschale ein bisschen um ihn.

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“Bitten wir echt eine Zicke um Hilfe, die Leute in ein Spiel eingesperrt hat? Wir haben doch nen Schaden”, grummelt Cal, aber den ganzen Weg hierher fahren, um dann den Schrein umzutreten, wäre noch viel bescheuerter. Um seinen eigenen Scheiß wieder gerade zu rücken, schluckt er seine Paranoia und seinen Stolz hinunter. Glocke läuten, Münze opfern, Verbeugen, Beten, Klatschen, so hat Ethan Cal den üblichen Ablauf eines Shinto-Gebets erklärt. Er spart sich alles außer klingeln und beten – vor irgendeinem Gott verneigen, dass geht gar nicht, lieber hackt er sich die eigenen Beine ab.

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Ethan weiß selbst nicht so recht, was er sich davon erhofft, Giffany um Hilfe zu fragen. Okay, so richtig beten tut er ja selbst nicht – er kann die Kami einfach nicht als Gottheit verehren, das bringt er nicht über sich. Respektieren, ja. Den Schrein und die Opfergaben in Ordnung halten, weil sich das gehört ja. Aber nicht… nein. Als er die Glocke geläutet und in die Hände geklatscht hat, setzt er sich im Schneidersitz hin, wie er das meistens hinterher macht, um der Kami ein bisschen Gesellschaft zu leisten.
“Hey Gif–”, Ethan unterbricht sich verlegen, bevor er zögernd seine Gedanken zu auszudrücken versucht. “Sorry. Barry meint: respektlos. Sklavenname und so. Keine Ahnung. Weiß keinen andern. Lieber ‘n Name als ‘Kami’. Noch schlimmer, find ich. Unpersönlich. Aber. Weiß nicht. Sag, wenn du’s nicht magst.” Eine Weile hängt er seinen Gedanken nach, betrachtet den kräuselnden Rauch und versucht abzuschätzen, wieviele Reiskörner wohl in der Schale sein mögen, während er im Geist seine Bitte formuliert. “Brauch deine Hilfe”, sagt er dann leise. “Irene. Seele verloren. Bei Cal jetzt. Und Irene… naja.” Er zuckt etwas hilflos die Schultern, schüttelt frustriert den Kopf. “Seelenlos halt. Kalt. Skrupellos. Und… gehört nicht so. Seele gehört doch…” Scheiße, klingt das albern. Aber er kriegt es nicht besser formuliert. “… zu ihr. Jedenfalls. Wollt fragen. Idee? Irgendwas?”
Ach Drecksmist. Was tut er hier eigentlich?

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OK, denkt Cal, Gott oder Giffany oder was auch immer, wenn du wirklich irgendeine verdammte Beziehung zu Irene hast, dann beweg deinen kleinen Götterarsch und tu was, du blödes Miststück, oder ich schwöre, ich brenne deinen nutzlosen Schrein nieder. Er zwingt sich noch, ein Bitte zu denken – und dann noch eins, für alle Fälle.
Als sich danach die Minuten ziehen und nur ein leichter Windhauch die gezackten Papiere am Schrein bewegt, räuspert sich Cal. “Glaube nicht, dass das was gebracht hat. War ja klar.”

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Ethan nickt seufzend. Naja, wie auch. “Versuch wert”, brummt er, während er die verbrauchten Schreinzutaten in seinen Rucksack räumt. “Mach’s gut, Giffany“, winkt er dann in den sich kräuselnden Rauch hinein. „Bis bald.”
In dem Moment brummt Ethans Mobiltelefon. Die auf dem Telefon vorinstallierte, aber von ihm nie aktivierte Facebook-App teilt ihm mit, dass er eine Freundschaftsanfrage erhalten hat, von Julian Kida, einem fünfzehnjährigen Schüler aus Oregon. Ähm. Ethan blinzelt überrascht. Was zum…? Er hat gar kein Konto bei Facebook. Verwirrt sieht er von seinem Telefon zu Caleb und wieder zurück. Erklärt dem Älteren, was gerade passiert ist. Und beschließt, sich bei Facebook anzumelden. Selbst wenn er das soziale Netzwerk sonst für nichts nutzt. Diesen Julian Kida muss er sich mal ansehen.

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