Supernatural – Hobangoas

In den Wochen nach Unity vergräbt Ethan sich in seiner Arbeit. Geht einige längerfristige Instandhaltungsprojekte am Bones Gate-Haus an, die er schon eine Weile hinausgezögert hatte. Wird von seinen Arbeitgebern auf ein paar kleinere Jobs geschickt, für die er keine Rückendeckung mitnehmen muss. Ein Poltergeist auf einer Farm. Eine alte Wollstoffmanufaktur, die seit 1842 in Betrieb ist und wo es förmlich von Geistern wimmelt. Seit Inbetriebnahme der Fabrik hat nicht ein Angestellter gehen können, der während der Arbeitszeit gestorben ist – und in 175 Jahren waren das ein paar. Die Mitarbeiter haben Angst, während die Besitzer zwischen Touristenattraktion und Loswerdenwollen schwanken. Ethan nimmt ihnen die Entscheidung ab. Er findet heraus, dass der Gründer damals seine Arbeiter mit einem seltsam formulierten Vertrag an sich gebunden hat, dessen Text nie geändert wurde. Das alte Vertragsdokument wird im Firmenmuseum ausgestellt, also geht Ethan das Ding in einer Nacht-und-Nebel-Aktion holen und verbrennt es, was das Arbeitsverhältnis beendet und die Geister erlöst. Alles in allem läuft die Sache erstaunlich harmlos ab – wäre gar nicht schlecht, wenn sich mal mehr Jobs so einfach erledigen ließen.

Ablenken funktioniert tagsüber beim Arbeiten ganz gut, auch abends bei dem einen oder anderen Film, aber nachts liegt Ethan lange wach, und die Gedanken kommen wieder. Er weiß gar nicht so richtig, was er genau erwartet hat, aber keines der zahllosen Szenarien, die er sich vorher ausmalt, entspricht Samanthas Reaktion auf seinen Brief. Er hatte gedacht, dass sein Schreiben sie vielleicht aufrütteln würde. Dass sie, wenn sie schon nicht in die USA zurückkommt, ihn vielleicht anruft. Oder ihm ebenfalls einen richtigen Brief schreibt. Er hat sich vorgestellt – er hat gehofft -, dass Sam sowas antworten würde wie: “Das hast du falsch verstanden. Ich will dich nicht verlieren.” Stattdessen bekommt er irgendwann eine nüchterne E-Mail. “Ich habe deinen Brief erhalten. Wenn es das ist, was du möchtest, dann akzeptiere ich das natürlich.”
Nein, verdammt, will er zurückschreiben. Du möchtest das doch. Aber die Knappheit ihrer Antwort sagt ihm auch etwas. Nämlich dass sie nicht bereit ist, darum zu kämpfen, dass die Sache doch etwas wird. Okay, verdammt, aber er ist es am Ende ja auch nicht. Es tut weh, sich das einzugestehen, aber ja. Ja, das ist das, was er möchte, so weh es auch tut. Drecksmist.

Und noch eine andere Sache macht ihm in dieser Zeit zu schaffen. Er hatte eigentlich ein paar Tage mit Artie campen gehen wollen, aber Barry stellt sich quer. Lehnt den Vorschlag erst rundheraus ab und rückt schließlich mit der Info rüber, dass weder er noch Tam es Ethan zutrauen, alleine mit dem traumatisierten Jungen umzugehen. Bei einem ziemlich hitzigen Telefonat nach einer ungehaltenen E-Mail seitens Ethan stellt sich heraus, dass der Ältere anscheinend völlig vergessen hatte, dass der Kleine etwa einen Monat lang bei Ethan war, ehe er zu den Jacksons kam, und dass es damals auch gut geklappt hat. Am Ende einigen sie sich auf einen Kompromiss: Ein paar Tage lang gemeinsames Zelten mit allen Jacksons auf einem Campingplatz ein Stück außerhalb der Black Elk Wilderness in South Dakota, die Ethan für die Tour ausgesucht hatte, und für zwei Tage mit einer Übernachtung drin nur Artie und Ethan alleine in der Wilderness selbst.
Es wird dann doch ganz nett. Die zwei Tage mit Artie draußen sind toll, und der Rest der Woche eigentlich auch soweit in Ordnung, aber Barry hasst campen abgrundtief, und das kann der Schriftsteller nicht ganz unterdrücken. Naja, da muss er durch, und Ethan hat auch nur begrenzt Mitleid mit ihm. Aber davon ganz abgesehen sind die beiden Jäger generell ziemlich steif im Umgang miteinander. Sie mögen sich auf einen Kompromiss geeinigt haben, aber bei der Auseinandersetzung ist trotzdem, wie in Newark auch schon, einiges an Porzellan zerbrochen, und das hallt nach.

Nach der ominösen Freundschaftsanfrage dieses Julian Kida auf einem Facebook-Account, den Ethan gar nicht besitzt, hat er sich tatsächlich bei dem sozialen Netzwerk angemeldet und angefangen, das Postingverhalten des Jungen zu beobachten. Auf den ersten Blick scheint Julian Kida ein ganz normaler Teenager zu sein, von einigen seltsamen Episoden, die er flüchtig erwähnt, mal abgesehen. Kann was heißen, oder vielleicht war auch nur Alkohol im Spiel. Mal weiter beobachten.

Ende September bekommt Ethan eine Mail von Emily. Sie schreibt, dass sie Niels Heckler getroffen hat und der wegen eines Jobs nach Leavenworth, Washington muss. Irgendwas wegen eines Oktoberfestes und Wolpertingern, dass Flann Breugadair dabei sein werde, und ob Emily ihn nicht ebenfalls begleiten wolle. Das nimmt die Jägerin zum Anlass zu fragen, ob Ethan nicht auch mitkommen will, denn in ihren kleinen Geo Metro würden nicht alle Fluchkisten hineinpassen, die Ethan inzwischen fertiggestellt hat. Der D21 hingegen ist groß genug, so dass eine Fuhre reichen würde. Trotz der Aussicht, Flann Breugadair zu treffen, muss Ethan nicht lange überlegen, bevor er zusagt, denn aus seiner Zeit in Portland kann er sich noch daran erinnern, ab und zu etwas über das “deutsche Dorf” in den Bergen von Washington State gelesen zu haben. Aber vor allem reizt ihn, dass der Wenatchee National Forest ganz in der Nähe des Ortes liegt: Von dem hat er schon sehr viel gehört und will unbedingt mal dort wandern gehen.

Als Emily bei ihm ankommt, erschrickt Ethan erst einmal, denn die Jägerin sieht ziemlich ramponiert aus. Ein Job in New York, lässt sie ihn wissen, geht aber nicht näher darauf ein, was das genau für ein Job war, der da so unschön ausgeufert ist. Nur, das es ein Dämon gewesen sei, der ein paar fiese Tricks auf Lager gehabt habe. Emily lässt ihr Cabrio in Burlington stehen, und sie fahren gemeinsam in Ethans Nissan. Weil sie sich beim Fahren abwechseln und ziemlich lange Tagesetappen abreißen, dauert die Fahrt auch nur dreieinhalb Tage statt der fünf, die ein einzelner Fahrer gebraucht hätte.

Kurz vor Leavenworth, Ethan sitzt mal wieder am Steuer, vibriert Emilys Handy. Sie hört kurz zu und antwortet der undefinierbaren Männerstimme am anderen Ende schließlich: “Ich bin bald da.” Ein weiteres Mal hört Emily zu, bevor sie bestätigt: “Okay. Wir treffen uns dort.”
Sie legt auf und dreht sich zu Ethan um. “Wir treffen uns mit Niels auf dem Festplatz.”

Es dauert tatsächlich nicht mehr lange bis Leavenworth. Schon beim Einfahren in den Ort fällt Ethan auf, wie – naja, er hat ja nicht den direkten Vergleich, er war noch nie in Europa, aber er hat genug Filme gesehen – wie deutsch das Dorf wirkt. Oder wie österreichisch. Alpenländisch jedenfalls. Nicht ganz komplett, zumindest nicht im Vergleich zu dem, was er gerade vor kurzem in Eddie the Eagle gesehen hat, der ja laut Abspann in Deutschland gedreht wurde. Aber immerhin schon ziemlich deutlich.

Das Oktoberfestgelände ist kaum zu übersehen: ziemlich nah an der Hauptstraße gelegen, auch jetzt, vor dessen offiziellem Beginn, schon großzügig ausgeschildert. Nur mit Parkplätzen ist es direkt am Festplatz ziemlich dünn, weil die da schon am Aufbauen sind, also fährt Ethan erstmal ein bisschen weiter. Er ist um ein paar Ecken gebogen und fährt auf einen weitläufigen Gebäudekomplex zu, den ein großes Schild als “Cascades Medical Center” ausweist, da bemerkt Ethan eine ihm bekannte Gestalt, die an einem Zebrastreifen gerade die Straße überquert. Flann Breugadair.
Emily hat den Mann auch gesehen. “Fahr ihn um”, sagt sie, und an ihrem Ton kann Ethan erkennen, dass sie die Aufforderung nur halb im Scherz meint. Das ist natürlich Quark: Totfahren wird Ethan den rotblonden Jäger ganz sicher nicht. Aber ein kleiner Schreck kann dem aufgeblasenen, ach-so-sehr von sich überzeugten Fatzke nichts schaden. Und Ethan kennt den D21 und dessen Reaktionen wie seine Westentasche. Noch ein Stück fährt er mit unverminderter Geschwindigkeit weiter, dann steigt er gerade so stark in die Eisen, dass er gut kontrolliert ganz knapp vor der Quasselstrippe zum Stehen kommt.

Eines muss er dem Kerl lassen: Der zuckt mit keiner Miene. Ethan lässt das Fenster herunter, steckt den Kopf ins Freie und macht eine auffordernd-höfliche Handbewegung, Marke: ‘Bittesehr der Herr, nach Ihnen.’
Flann grinst ihn an, zeigt auf sich selbst und erklärt: “Gehen. Straße. Krankenhaus.” Während Emily brummt: “Ich hab dir gesagt, fahr ihn um”, zieht Ethan die Augenbrauen hoch und bedenkt den älteren Jäger mit einem “Nachmacher.”
“Hey, ich habe nur auch mal probieren wollen, so zu reden wie du!” verteidigt Breugadair sich, was Ethans Brauen noch ein bisschen höher wandern und ihn amüsiert schnauben lässt. “Kannst du nicht.”
„Fahrt erstmal auf den Parkplatz da hinten”, schlägt Flann dann vor und deutet auf ein Schottergelände ein Stückchen weiter, wo gut Platz zu sein scheint. “Ich warte hier auf euch.”

“Was ist überhaupt los?” fragt Emily.
“Bekannter. Krankenhaus”, antwortet Flann, und Ethan schnaubt wieder, nicht ganz so amüsiert diesmal. Witzbold.
“Ich hätte mir ja denken können, dass du auch hier aufkreuzen würdest”, fährt der rothaarige Jäger jetzt mit normalem Satzbau fort. “Wo Emily auftaucht, bist du ja meistens nicht weit weg.”
Ethan bedenkt den Älteren mit einem ausdruckslosen Blick. “Landschaft.”
Flann sieht kurz zu Emily hinüber, dann wieder auf Ethan. “Landschaft. Ja klaaar.”
“Wenatchee National Forest”, setzt Ethan nach, aber genauso gut hätte er sich den Atem auch sparen können, denn Flann grinst. “National Forest. Siiiicher”, wiederholt er und zwinkert Ethan zu. Oh Mann. Manchen Leuten ist echt nicht zu helfen.

“Laber nicht, erzähl lieber”, faucht Emily, und nach einem weiteren Zwinkern, diesmal in Richtung der Jägerin, lässt Breugadair sich doch tatsächlich dazu herab. Zeichen, Wunder und all das.
Hier in der Gegend gibt es anscheinend ein Rudel Wolpertinger – sowas wie Jackalopes, nur eben aus Deutschland – samt Jungtieren, die jedes Jahr das Oktoberfest unsicher machen würden, wenn man sie nicht durch ein Schutzritual der Freimaurer davon abhält. Flann zufolge hat das Ritual früher immer eine alte Bayerin gezogen, die aber letztes Jahr gestorben ist. Das beim nächsten Fest daraufhin auftretende Wolpertinger-Problem wurde von Niels und Flann gelöst, und am Ende hatte Niels den Job als
Wolpertinger-Fernhalter geerbt, mit dem Mann der Verstorbenen als Mentor.

Aber das ist genau der Punkt: als Niels sich in Begleitung von Flann wie vereinbart mit dem alten Bayern treffen wollte, war dessen Haus mit polizeilichem Absperrband versiegelt, und ein Nachbar sagte was von wegen Überfall und Krankenhaus. Deswegen haben die beiden Jäger sich auch getrennt: Niels wollte zur Polizei, und Breugadair ist hier.

Im Krankenhaus erfahren sie, dass Georg Aumayr heute vormittag angegriffen wurde und im künstlichen Koma liegt, bis die Schwellung im Gehirn zurückgegangen ist. Aber er wird durchkommen, sagt der Arzt.

Nachdem sie am Festgelände angekommen sind, dauert es eine ganze Weile – angesichts von Flann Breugadairs grinsender Anwesenheit eine viel zu lange Weile – bis Niels zu ihnen stößt. Irgendwas stimmt nicht: Der Deutsche macht ein Gesicht, als hätte er auf eine Zitrone gebissen.
“Was ist los?” fragt Emily unumwunden anstelle einer Begrüßung, und Niels’ Miene wird noch eine Stufe finsterer. “Ich habe einen Geist aus meiner Vergangenheit gesehen.”
Emily sieht alarmiert auf. “Geist? Was für ein Geist? Weißt du, was ihn umtreibt? Wodurch er entstanden ist?” will sie in schneller Folge wissen, aber Niels schüttelt den Kopf.
“Ich meine keinen echten Geist. Mein Bruder ist der Tatverdächtige für den Angriff auf Georg Aumayr.”
Autsch. Niels’ Bruder, in den Staaten? Ethan runzelt die Stirn. Das klingt nicht gut; nicht nach dem, was Niels’ Familie dem Studenten angetan hat. Soll der ältere Heckler seinen jüngeren Bruder etwa zurück nach Deutschland schaffen?
“Will’n der hier?” fragt Ethan misstrauisch, und Niels dreht sich mit überraschtem Gesicht zu ihm, scheint seine Anwesenheit tatsächlich eben erst so richtig mitzukriegen.
“Oh, hallo Ethan”, macht der Jüngere verblüfft, “du auch hier?”
“Mhmm”, erwidert der und verkneift sich ein ’siehst du doch’. Nickt stattdessen in Richtung Emily und brummt “Mitgebracht”, bevor er Niels fragend ansieht. “Bruder?”
Niels nickt angespannt. “Benedikt. Die haben ihn verhaftet, weil es Hinweise darauf gibt, dass er es war, der Aumayr ins Koma geprügelt hat.”
Hinweise wie der, dass ein Nachbar beschreiben konnte, wie ein Mann, dessen Aussehen Benedikt Hecklers entsprach, etwa zur Tatzeit aus Aumayrs Haus kam. Hinweise wie der, dass Benedikt Kampfspuren aufwies, die mit denen im Haus der Aumayrs konsistent waren.

Niels weiß das alles, weil man ihn auf der Polizeiwache für die erste Vernehmung des Verdächtigen als Dolmetscher hinzugezogen hat. Das mag zwar ziemlich unorthodox und ein potentieller Interessenkonflikt gewesen sein, aber Niels kannte den vernehmenden Beamten noch vom letzten Jahr, wie es scheint. Und er wurde für die Aufgabe immerhin vereidigt.
Jedenfalls hätte Benedikt ausgesagt, er habe sich bei Aumayr über Niels erkundigen wollen, weil er seinen Bruder im Auge behalte und erfahren hätte, dass es Kontakt zwischen ihm und Aumayr gäbe. Als er hinkam, habe Aumayr aber bewusstlos dagelegen. Benedikt habe den Notdienst angerufen, den Hörer hängen lassen – dass von Aumayrs Nummer aus die 911 gewählt wurde, lässt sich nachweisen – und sich verzogen, sei aber eine Weile später verhaftet worden. Die Kampfspuren habe er von einer Prügelei in einer Biker-Bar zwei oder drei Orte weiter, wo es auch ein Motel gebe.

Klingt alles ein bisschen fragwürdig, aber Ethan war als Jäger selbst schon in genug ähnlich vertrackten Situationen, um zu wissen, dass es tatsächlich auch einfach die reine Wahrheit sein könnte. Niels jedenfalls scheint seinem Bruder, ganz gleich, wie sehr er ihn auch hassen mag, zu glauben, und wirkt wild entschlossen, seine Unschuld zu beweisen. Jedenfalls hat er anscheinend seinen – wenn nennt man sowas? Den Vater der Frau des leiblichen Vaters? Ach ja, genau – Stiefgroßvater gebeten, die nicht unbeträchtliche Kaution für Benedikt zu übernehmen.

Aber jetzt muss der Student erst einmal Wolpertinger-Fernhaltemaßnahmen ergreifen, bevor heute abend das Fest eröffnet wird und der ganze Ort plus tausende von Besuchern auf den Platz strömen. Es bleibt an den anderen dreien, sich Aumayrs Haus anzusehen, polizeiliche Absperrung hin oder her. Vielleicht findet sich ja was, was den Cops entgangen ist, weil die natürlich nicht auf Kram eingestellt sind.

Erste interessante Beobachtung: Die Haustür wurde nicht aufgebrochen. Entweder war der alte Bayer also gerade am Kommen oder Gehen, oder er muss seinen Angreifer eingelassen haben. Oder das Schloss wurde sehr geschickt geknackt, das kann natürlich auch immer noch sein. Aber es war schon mal kein Fall von gewaltsamem Zutritt.
Zweite interessante Beobachtung: Der Kampf hat anscheinend nur im Wohnzimmer stattgefunden; der Rest des kleinen Hauses ist völlig unberührt. Spricht für die Reingelassen-Theorie.
Dritte interessante Beobachtung: Die sehr katholisch aussehende Ecke hinten im Wohnzimmer, die man sofort beim Reinkommen bemerkt und wo ein Kruzifix und ein Heiligenbild hängen, unter denen auf einem kleinen Tisch eine Kerze, eine Bibel und ein Rosenkranz sowie ein Strauß Blumen angeordnet sind, ist von der allgemeinen Verwüstung ebenfalls ausgenommen. Falls da nicht jemand mit Ahnung von Kram gezielt eine falsche Fährte legen wollte, konnte da vielleicht wirklich ein Monster nicht hin, geweihte Gegenstände und so.

Während Emily sich im Rest des Hauses nochmal gezielter nach Hinweisen umsieht und Flann die katholische Ecke näher in Augenschein nimmt, sucht Ethan nach Fußspuren oder Pfotenabdrücken oder dergleichen. Und tatsächlich findet er die Abdrücke von groben Stiefeln, oder zumindest von Schuhen, die so ähnliche Sohlen haben wie Ethans. Wer oder was auch immer Aumayr angegriffen hat, es hatte zumindest Menschengestalt, wenn es nicht tatsächlich ein echter Mensch war. Aber an einer Ecke der Anrichte an der Wand findet Ethan Spuren von Blut, als sei da jemand gestolpert und habe sich an der Kante eine Platzwunde zugezogen. Nur dass dieses Blut nicht sehr menschlich aussieht. Irgendwie… heller. Und nicht so dickflüssig. Sehr vorsichtig stippt Ethan den Zeigefinger in die Substanz und hält ganz leicht die Zungenspitze daran. Runzelt die Stirn, weil das Zeug nicht sehr nach Blut schmeckt. Eigentlich ganz anders, wenn Ethan es sich genau überlegt.
“Und?” fragt Flann, “schmeckt es wie Mandelöl?”
Ethan sieht hoch und zu Breugadair hin. Dabei fängt er Emilys angewiderten Blick auf – die Jägerin muss wohl gerade ihre Tour durch das Haus beendet haben und steht jetzt im Türrahmen.
Verständlich, dass sie das ekelhaft findet, aber da im Maislabyrinth hat es auch nichts geschadet… und vielleicht sogar geholfen.
Ethan zuckt mit den Schultern. “Mandelöl?” Woher zum Geier soll er das wissen?
“Nicht so bitter wie Blut eben”, erläutert Flann. “Weicher, öliger.”
Ah. Ethan nickt. “Das.”
Flann nickt ebenfalls. “Okay, das klingt nach einem Gestaltwandler.”
Huh. Gut zu wissen.

Der ältere Jäger hat selbst auch etwas gefunden. In der Schublade des Tischs mit den katholischen Devotionalien lag eine kleine, mit einer Rune versehene Kiste, die der Eindringling anscheinend nicht gefunden hat. Oder, wie Emily laut überlegt, vielleicht wegen der Rune darauf gar nicht sehen konnte, wenn es ein Monster war und kein Mensch. So oder so sind in dem Kistchen einige getrocknete Kräuter und ein Notizbuch mit Text, der in einer ziemlich unleserlichen Klaue und zu allem Überfluss in einer fremden Sprache geschrieben ist. Deutsch vermutlich, wenn man bedenkt, wer die Hausbesitzer sind. Hilft alles nichts, das Ding muss derjenige von ihnen entziffern, der die Sprache kann.

Sobald sie ihn am Festplatz wiedergetroffen haben – Operation Wolpertinger erfolgreich geglückt, sagt Niels – erkennt der Student die Handschrift in dem Büchlein auf den ersten Blick als die von Traudl Aumayr und fängt sofort an zu lesen. Ethan schaut sich indessen interessiert in der Gegend um – vor allem auf die majestätische Kulisse der Cascade Mountains, die um diese Jahreszeit schon von einer Zuckerschicht aus Schnee bedeckt werden – und bemerkt dabei, dass Emily Flann beiseite genommen hat und ihm mit ungehaltener Miene etwas zuzischt. Breugadair antwortet irgendwas, was Emily aber nur noch aufgebrachter und ihre nächsten Worte noch heftiger werden lässt. Flanns Prusten, das aus der Ferne für Ethan zu gleichen Teilen amüsiert wie nachsichtig-herablassend wirkt, aber das muss nicht unbedingt was heißen, weil der Typ ein Meister darin ist, Gemütsregungen vorzutäuschen, bekommt Emily schon gar nicht mehr mit, weil sie nach ihrer Retourkutsche schon wieder abgerückt ist.
Huh. Interessant. Was das wohl sollte?

Niels ist indessen fertig mit dem Büchlein. Mit nachdenklichem Gesicht erzählt er, dass die Aumayrs nicht nur das Oktoberfest vor den Wolpertingern beschützt haben. Sie waren auch verantwortlich für ein Schutzritual, das Monster aller Art, vor allem die Angehörigen des ‘wilden Heers’, von Leavenworth fernhält. Okay, nach dieser speziellen Rechnung gelten Wolpertinger anscheinend nicht als echte Monster. Aber jedenfalls, steht da weiter, muss dieses Ritual nicht jährlich gezogen werden, sondern hält permanent, solange der Schutz besteht. Und dieser Schutz wiederum besteht aus Freimaurer-Runen, die in allen Himmelsrichtungen auf Strommasten an der Ortsgrenze angebracht sind.
Hmmm. Wenn aus irgendeinem Grund ein oder mehrere Masten entfernt wurden, dann könnten Monster in die Stadt. Und das würde vielleicht erklären, wie der Gestaltwandler zu Aumayr in das Haus kam. Aber nicht, warum. Und vor allem nicht, was Benedikt Heckler bei dem alten Bayern machte.
Sie werden sich die Strommasten am Stadtrand ansehen und herausfinden müssen, ob wirklich ein Zeichen fehlt. Aber nicht mehr heute. Es geht schon gegen Abend, und ewig lang wird es nicht mehr hell bleiben.

Stattdessen besuchen die vier Jäger gemeinsam das Oktoberfest. Viel zu viele Leute für Ethans Geschmack, aber er versucht, sich nichts anmerken zu lassen und probiert lieber das echt deutsche Bier, das es da gibt.
Eine Unterkunft finden sie erstaunlicherweise auch noch, wenn auch ein Stückchen aus der Stadt raus, aber was macht schon ein bisschen Fahren? Und die Oktoberfestpreise für ein Zimmer in Leavenworth selbst hätte Ethan sich eh nicht leisten können. Außerdem liegt das Motel genug im Grünen, dass Ethan vor dem Schlafengehen noch ein bisschen raus kann, und dieser Vorteil ist auch kein Stück zu verachten.

Zurück in Leavenworth am nächsten Morgen gibt es etwas, das Niels ein echt bayerisches Weißwurstfrühstück nennt. Tatsächlich schmecken die hellen, gekochten Würste mit dem süßen Senf und den riesigen, weichen Brezeln Ethan richtig gut, auch wenn er sich bei dem trüben Bier, das es dazu gibt, eher zurückhält. Alkohol gleich morgens muss nicht sein – nicht, wenn sie Kram auf der Spur sind, und auch sonst nicht unbedingt.

So gestärkt, machen sie sich anschließend auf die Suche nach der undichten Stelle oder den undichten Stellen im Schutzkreis. Es nur ein einziger Punkt, haben sie nach einer Umrundung der Stadt, bei der sie die Runen an den Strommasten in den anderen Himmelsrichtungen unversehrt vorgefunden haben, festgestellt: im Westen des Ortes, und zwar ziemlich genau da, wo der Highway 2 die Stadtgrenze passiert.
Am Straßenrand liegen noch die alten Strommasten, aber das reicht garantiert nicht, damit der Schutz wirkt, was Ethan von so Sachen weiß. Und der neue Mast steht zwar an der richtigen Stelle, aber da ist natürlich noch kein Zeichen drauf.
Niels, der Traudl Aumayrs Notizbuch ausgiebig studiert hat, verkündet, dass die Rune in das Holz eingeritzt werden muss, dann müssen die Kräuter aus Traudls Kästchen verbrannt und unter Aufsagen eines deutschen Spruchs in das Holz eingerieben werden.
“Alles klar”, erklärt Flann, “das kriegt ihr doch sicherlich ohne mich hin. Ich muss mal telefonieren. Könnte ein bisschen dauern, das wird knifflig.”
Knifflig. Soso. Na wenn er meint.

Der Student ist gerade dabei, sein Ritual durchzuführen, da taucht von Westen her auf dem Highway ein alter, klappriger Pickup auf. Die zwei Typen, die aussteigen, passen zu ihrem Auto: angeschmuddelte Hemden, zerfransende Jeans, schmierige Basecaps, zottelige Haare. Sie bleiben ein paar Meter vor den Jägern stehen, kommen nicht bis ganz heran.
“He”, brummt der Ältere von beiden misstrauisch, während der andere mit bullig verschränkten Armen daneben steht, “was macht ihr da?”
Scheiße.
Niels kann sein Ritual nicht unterbrechen, aber Ethan hält gerade kein Ritual ab. Und was die beiden Hillbillies können, kann er schon lange. “Machen halt was”, brummt er zurück.
“Hört auf damit”, schießt der Hinterwäldler zurück, “Graffiti ist verboten. Das ist nicht gut!”
“Müssen das machen”, versucht Ethan zu erklären, aber genauso gut hätte er den Kerl auffordern können zu verstehen, dass der vierte Juli abgeschafft werden soll.
“Das ist schon gut so, dass das nicht gemacht wird”, knurrt der Typ und kommt ein paar Schritte näher. “Lasst es sein!”

Huh. Warte mal. ‘Gut, dass es nicht gemacht wird?’ Das klingt, als reden die beiden Witzbolde nicht einfach von Kratzern an den schönen neuen Strommasten. Das klingt verdammt danach, als wüssten die genau, was hier läuft. Und es klingt so, als könnten die ein ganz unmittelbares Interesse daran haben, dass der Schutz nicht wieder hochgezogen wird, weil er sie eben ganz direkt selbst betrifft. Gestaltwandler in Aumayrs Haus und so.
Warte. Ethan weiß doch, dass hier in der Gegend ein Rudel Werwölfe haust. Bob Meyers, der Jägerkontakt, von dem sie damals vor der Sache in dem Krankenhaus einiges an Ausrüstung bekommen haben, hat die erwähnt. Sich verplappert, tatsächlich, und so gut wie zugegeben, dass er mit den Monstern zumindest eine Art Einverständnis hat, wenn nicht gar aktiv mit denen zusammenarbeitet. Und May Creek ist nicht weit von hier. Ethan kann nicht sagen, wie weit genau, weil sie diesmal von Osten gekommen sind statt aus Seattle wie beim letzten Mal, aber nicht sehr. Eine Stunde vielleicht? May Creek liegt ja sogar auch am Highway 2, fällt Ethan jetzt ein.
Heh. Hallo auch, Werwölfe. Ethan macht einen Schritt nach vorne, positioniert sich zwischen die Hillbillies und Niels. Egal was, der muss sein Ritual fertig durchziehen.

Die zwei Typen posen weiter herum, die Drohgebärden zunehmend drohender. Aber sollen sie. Drohen heißt nicht machen, und jede Sekunde gibt Niels Zeit für sein Ritual.
Der hat inzwischen das Schutzzeichen fertig in den Mast geritzt. Mit der Kräuterschale in der einen und einem Feuerzeug in der anderen Hand tritt er neben Ethan – na ganz spitzenmäßig; bleib hinten, Mann – und wendet sich an die Werwölfe.
“Seht ihr das? Ihr könnt gerne hier stehen bleiben und warten, bis ich es verbrannt habe, aber dann kommt ihr nicht mehr nach Hause.”

Guter Versuch – er bringt nur nichts, weil die Kerle außerhalb der Stadtgrenze stehen und es ihnen momentan überhaupt nichts ausmacht, selbst wenn der Schutzzaun in der nächsten Sekunde wieder hochfährt. Und tatsächlich lassen die Hillbillies sich davon kein Stück beeindrucken, sondern machen jetzt ernsthaft Anstalten, auf die Jäger loszugehen. Ethan spannt sich an, ist schon bereit, die Typen von seinem deutschen Freund fernzuhalten, da schiebt Emily sich zwischen ihn und die Fremden.
“Wollt ihr wirklich eine Frau schlagen?” fragt sie ruhig.
Heh. Werwölfe hin oder her, die beiden Typen hätten keine Chance gegen die Jägerin. Aber das wissen die nicht. Der Ältere zieht seine Baseballmütze vom Kopf und dreht sie verlegen in den Händen, bevor er sich mit einer Hand durch die Haare fährt und betreten murmelt: “Ähm, nein, Ma’am.”
Mit diesen Worten gibt er seinem Begleiter einen Schubs in die Rippen, dann steigen die zwei wieder in ihren altersschwachen Pickup und ziehen ab, und Niels kann das Ritual ohne weitere Störungen beenden. Auch Flann taucht wieder auf, das Telefon noch in der Hand, und macht ein zufriedenes Gesicht. Da ist wohl irgendwas gut gelaufen.
“War was?” fragt er leutselig, was ihm einen ausdruckslosen Blick von Ethan einbringt. War was. Heh.

Aber Drecksmist. Niels hat die Schlüsse zu den Werwölfen aus May Creek natürlich genauso gezogen wie Ethan. Und jetzt fällt ihnen noch etwas anderes ein: Den Kontakt zu Bob Meyers hat damals Benedikt Heckler hergestellt. Was, wenn Niels’ Bruder nicht nur den Mechaniker kannte, sondern – entweder schon damals oder in dem Jahr seit damals – mit den Werwölfen aus May Creek zusammengerasselt ist und die ihm jetzt ans Leder wollen? Und was, wenn zwischen den Werwölfen aus May Creek und dem Gestaltwandler aus Aumayrs Haus ein Zusammenhang besteht? Könnten die den vielleicht geschickt haben, um Benedikt auszuschalten, wo sie selbst nicht an ihn rankommen?
Drecksmist. Ein Gestaltwandler, der an Niels’ Bruder ran will. So wie Ethan im Januar in New York fürchten musste, dass die Ghule an Alan ran wollten. Drecksmist, verdammter.
Sie müssen den älteren Heckler dringend abfangen. Oder vielleicht auch als Köder benutzen, je nachdem, wie sehr Niels seinen Bruder noch hasst. Aber jedenfalls müssen sie dringend da sein, wenn Benedikt aus dem Gefängnis entlassen wird, damit sie eingreifen können, sobald der Gestaltwandler zuschlägt.

Er ist bloß nicht mehr da. Als sie am Sheriffbüro ankommen, teilt ihnen das junge Gesicht an der Rezeption freundlich mit, dass die Kaution für Mr. Heckler gestellt wurde und Mr. Heckler daher unter der Auflage, die Stadt nicht zu verlassen, den Ordnungskräften von Leavenworth, Washington bis auf weiteres den Rücken gekehrt hat. Na ganz spitzenmäßig.
Oder besser: Drecksmist. Denn Stadt nicht verlassen heißt, Benedikt muss noch hier sein, wenn er sich nicht mit der Staatsgewalt anlegen will. Und das wiederum heißt, der Gestaltwandler hat es leichter, an ihn ranzukommen. Verdammt. Aber okay. Müssen sie ihn eben vor dem Monster finden.

“Wie erkennen wir deinen Bruder überhaupt?” fragt Emily unvermittelt. Ethan hätte jetzt gedacht, Niels ist derjenige, der seinen Bruder erkennt und den anderen dann bescheid sagt. Aber stimmt, falls sie sich aufteilen oder so, ist es sicher nicht verkehrt, wenn sie auch wissen, wie Benedikt aussieht.
Niels seufzt, holt seinen Geldbeutel aus der Tasche und zieht ein Foto heraus, das einen blonden Mann mit Bärtchen von vielleicht Anfang, Mitte Vierzig zeigt. “Er sieht ungefähr so aus, nur etwa zehn Jahre jünger. Und ein bisschen mehr wie ich.”
Heh. Ungefähr so, aber irgendwie ganz anders? Na ganz spitzenmäßig. Dann wird wohl doch Niels zum Identifizieren herhalten müssen.

Eineinviertel Quadratmeilen. Eigentlich nicht so groß, aber trotzdem dauert es etliche Stunden des Suchens, Fotozeigens und Herumfragens in der ganzen Stadt, bis sie am Waterfront Park, da, wo auch der D21 steht, erfahren, dass ein Mann, auf den die Beschreibung passt, vor nicht allzu langer Zeit vom Park aus Richtung Blackbird Island gegangen sein soll.

Die baumbestandene Insel im Wenatchee River ist jetzt, wo es schon langsam wieder dämmrig wird und außerdem die meisten Leute auf dem Oktoberfest sind, völlig menschenleer. Oder fast menschenleer. Etwa in der Mitte der Insel sehen sie etwas abseits vom Weg auf einer kleinen Lichtung zwei Gestalten. Eine, blond, männlich, kräftig gebaut, liegt auf dem Boden und rührt sich nicht. Die andere – über zwei Meter groß und mit dem Kopf, den Hörnern und dem Fell einer Ziege, aber aufrecht gehend – beugt sich über den reglosen Mann.
“He, Hobangoas!” brüllt Niels, während er schon seine alte Armeepistole zieht und abdrückt, aber in der Eile nicht trifft, “Wenn hier einer meinen Bruder kaltmacht, bin ich das!”
Ein Hobangoas also. Was auch immer das sein mag. Ist aber völlig egal jetzt – Hobangoas oder irgendwas anderes, was das Biest da mit Benedikt Heckler veranstaltet, ist unter Garantie nichts Gutes.

Emily hat schon ihre Messer gezogen und sich auf das Ziegenwesen gestürzt. Sie bringt es auch aus dem Gleichgewicht, aber aus dem Gleichgewicht zu sein, hindert das Mistvieh nicht daran, sein Maul zu öffnen und laut zu meckern.
Und was das heißt, erkennt Ethan im selben Moment. Das durchdringende “Mähhh” zieht von den Ohren aus durch seinen ganzen Körper und versucht, ihn zu lähmen.

Aus dem Augenwinkel sieht Ethan, wie Emily den Kopf schüttelt, um ihn klar zu bekommen, und ihre Messer fester packt. Aber ihm selbst fällt es nicht so leicht, sich loszureißen. Ethan ballt die Fäuste, beißt die Zähne aufeinander. Schafft es irgendwie, all seine Kraft in einen einzigen Punkt irgendwo in seinem Kopf zu lenken, und … schiebt. Schiebt gegen das Geräusch an wie gegen ein körperliches Hindernis, schiebt es von sich weg. Und kommt frei.
Niels und Flann hatten nicht so viel Erfolg. Die beiden sind von dem übernatürlichen Geräusch regelrecht in die Knie gezwungen worden und sehen nicht so aus, als könnten sie sich aus eigener Kraft losreißen. Verdammt. Das Gemecker muss aufhören, und zwar sofort.
Ethan, dessen Gewehr ebenso im Nissan liegt wie Emilys Bogen, schnappt sich einen Ast und geht auf die Kreatur los, will das Biest durch einen Schlag auf den Kehlkopf zum Schweigen bringen. Er trifft auch, aber der Ast war entweder morsch oder einfach zu dünn, denn die improvisierte Waffe bricht, und das elende Vieh ist kein Stück beeindruckt.

Emily wirft sich wieder auf den Hobangoas. Sie packt das Monster am Hals, scheint dort nach etwas zu greifen – und tatsächlich: Das Ziegenwesen trägt ein Amulett oder sowas um den Hals, kann Ethan jetzt erkennen. Emily zerrt an dem Anhänger, aber dessen Riemen hält, und die Jägerin erreicht nichts weiter, als dass das Biest sich auf sie einschießt und seine magischen Töne vor allem auf sie konzentriert.
Das hilft aber immerhin Niels dabei, sich aus der Starre zu befreien, und zum Glück kann Emily der stärkeren Wirkung des allein auf sie gerichteten Meckerns immer noch widerstehen.
Aber Drecksmist. Die verdammte Kette hat sie deswegen immer noch nicht. Und sie könnte durchaus recht damit haben, dass das Ding wichtig ist. Also packt Ethan die Geiß und hält sie fest, so gut er kann, um Emily den Job etwas leichter zu machen.

Auch Flann hat es jetzt geschafft, sich aus der Lähmung zu holen. Er rappelt sich auf und stützt Niels, der auch ein bisschen schwankend auf den Beinen steht, während der Deutsche seine Pistole hebt, schießt und den Hobangoas diesmal an der Schulter verletzt. Das Monster wird von dem Treffer nach hinten gerissen, und diese Rückwärtsbewegung verschafft Emily einen zusätzlichen Hebel. Ein Ruck, und sie hat den Lederriemen samt Anhänger in der Hand.
Die Pistolenkugel hat es mit einem Schnaufen hingenommen, aber sein Amulett zu verlieren, lässt das Vieh vor Schmerzen schreien und sich krümmen wie unter Krämpfen.
Oha. Das sieht ganz danach aus, als hätte die Kette dafür gesorgt, dass die Kreatur trotz des Freimaurer-Rituals in die Stadt konnte und ohne ihr Amulett der Anti-Monster-Aura jetzt schutzlos ausgesetzt ist. Denn bis auf einen kleinen Ausahmezipfel stellt der Fluss zwar die Südgrenze der Stadt dar, wie sie bei ihrer Suche nach den Strommasten herausgefunden haben, aber Blackbird Island liegt noch innerhalb des Stadtgebiets. Heh. Schlecht für das Monster. Gut für seine Jäger.

Das merkt auch der Hobangoas, der noch einmal wild meckert, während er sich zur Flucht wendet.
Ob es die Verzweiflung des Wesens ist, die das Geräusch so viel stärker macht als zuvor, oder ob Ethan ihm einfach nicht mehr so viel entgegensetzen vermag wie eben, kann Ethan nicht sagen. So oder dringt das Gemecker in jede Pore seines Seins, nistet sich in seinen Adern ein, in seinen Muskeln, lässt sie schwer werden wie Blei, und diesmal kommt er nicht dagegen an. Der Ton drückt ihn nieder, bis jegliche Bewegung undenkbar ist.

Emily schüttelt wieder den Kopf, wie eben schon, und sieht dann wieder einsatzbereit aus, und diesmal hat auch Niels anscheinend keinerlei Probleme, dem übernatürlichen Einfluss zu widerstehen, denn er richtet seine Luger schon wieder auf die zweibeinige Ziege.
“Wartet…”, krächzt Flann heiser, als wären auch seine Stimmbänder so gut wie gelähmt, aber da drückt Niels schon ab. Sein Schuss trifft die Kreatur mitten in der Brust, und dann ist auch Emily schon wieder bei dem Biest und gibt ihm mit ihren Messern den Rest.

Die unerträgliche Schwere in Ethans Gliedern lässt nach. Er schüttelt gerade die Reste der Lähmung ab, da kommt vom Südufer des Flusses mit einem Mal eine Stimme: “Nicht nett, was ihr mit Bob gemacht habt.”
Ethan sieht auf. Am anderen Flussufer, außerhalb der Schutzaura, stehen die beiden Hillbillies von heute vormittag. Gesprochen hat wieder der Ältere – wie heute vormittag auch schon, steht der andere Werwolf nur mit verschränkten Armen daneben und starrt finster zu den Jägern hinüber.
“Verschwindet, sonst geht’s euch auch so!” brüllt Emily, und tatsächlich trauen die Werwölfe sich nicht in die Schutzzone, sondern ziehen ab.
Ähm. Bob?

Ethan tritt zu der Leiche. Erst liegt da nur die zottelige Gestalt des Hobangoas, aber dann verwandelt das Ziegenwesen sich langsam in einen Menschen. Tatsächlich, Bob. Bob Meyers, der Mechaniker aus May Creek, der ihnen in der Vorbereitung auf den Vampirgeist geholfen hat und der den örtlichen Werwölfen gegenüber so erstaunlich milde eingestellt war. Verdammt. Oh verdammt.

“Ich glaube, der wollte nichts Böses…” stammelt Flann, der sich ebenfalls aus der Starre befreit hat und an Ethans Seite gekommen ist, “der hat sich nur verteidigt… der hat gar nicht angegriffen… ich sagte doch: ‘wartet’…”
Aber damit trifft er bei seinen Mitjägern auf taube Ohren. Emily faucht nur, und auch Ethan presst wortlos die Lippen aufeinander. Bob mag ihnen damals in May Creek geholfen haben, aber eben gerade wollte er Benedikt Heckler umbringen, und vermutlich war es auch Meyers, der Georg Aumayr angegriffen hat. Das Bedauern, das in Ethan aufbranden will, drängt er radikal nach unten. Die Umstände mögen unglücklich gewesen sein, aber Meyers war ein Monster. Ist jetzt halt so gelaufen.

Niels sieht auch nicht so aus, als hätte er irgendwelches Mitleid mit Meyers. Auch um die beiden Werwölfe hat er sich gar nicht gekümmert, sondern ist sofort zu seinem Bruder gestürzt, der aus einer hässlichen Kopfwunde blutet und sich nicht regt. “Alter, du stirbst hier nicht, bevor ich mit dir fertig bin!” ruft der junge Deutsche, während er den älteren Heckler erst schüttelt und dann verzweifelt, ja panisch, hochsieht. “Ethan, tu was!”

Kay. Mal sehen. Die Kopfwunde ist zwar unschön, aber Heckler atmet noch, und sein Puls geht zwar relativ schwach, aber gleichmäßig. Und gerade am Kopf blutet es immer mordsmäßig. Ethan ist zwar alles andere als ein Arzt, aber für ihn sieht es so aus, als wäre die Verletzung nicht lebensgefährlich. Nach einer beruhigenden Geste zu Niels leistet er erste Hilfe, was in diesem Fall vor allem einen Verband um den Kopf bedeutet. Aber trotzdem: der Mann sollte erstens ruhig liegen und zweitens hier weg. Sie müssen alle hier weg. Auch und gerade wegen Meyers. Aber den können sie genausowenig einfach hier liegenlassen. Jetzt ist es zwar schon bald dunkel, aber spätestens morgen würde der Tote gefunden.

Dass Niels seinen Bruder wegbringt, ist gar keine Frage. Daher sieht Ethan nur die anderen beiden fragend an, nachdem er bedeutungsvoll in Richtung der Leiche genickt hat.
“Ich helf’ dir beim Entsorgen”, sagt Emily, aber Flann schüttelt den Kopf. “Hilf du Niels”, schlägt er vor, “ich bleibe bei Ethan.”
Huh? Flann will sich freiwillig ihm anschließen? Kurz zuckt der Impuls durch Ethan, Breugadairs Vorschlag abzulehnen, aber das wäre albern. “Kay”, murmelt er stattdessen und sieht Emily und Niels mit leisem Bedauern dabei zu, wie sie den älteren Heckler zwischen sich nehmen und wie einen Betrunkenen wegziehen.

Sie warten, bis es vollständig Nacht geworden ist, dann bringen sie Meyers’ Leichnam weg. Am Südufer des Flusses ist ein größeres Waldstück, wo sie den Hobangoas unbemerkt loswerden können und wo der Körper hoffentlich auch nie gefunden wird.
Als sie an einer schwer zugänglichen Stelle mitten im Wald gerade das Grab ausheben, scheint Flann erst eine Weile über etwas nachzudenken und hält dann unvermittelt in seiner Arbeit inne.
“Emily hat da gestern was zu mir gesagt…” fängt er zögernd an, dreht sich dann zu Ethan. “Du weißt, dass das nur Spaß ist, wenn ich dich foppe, oder?”
Ethan mustert den rotblonden Jäger einen Moment lang ausdruckslos, während ganz unterschiedliche Antworten durch seinen Kopf ziehen. Dann zuckt er mit den Schultern. “Und wenn… wär auch egal. Aber… danke.”
Die Aussage scheint Flann zu reichen, denn er nickt nur leicht, ohne etwas darauf zu erwidern. Den Rest der Aufgabe erledigen sie schweigend.

Später am Abend treffen sie sich wieder. Benedikt geht es besser, und die beiden Brüder scheinen eine längere Aussprache gehabt und sich miteinander versöhnt zu haben, denn sie wollen nachher noch gemeinsam auf das Fest, sagt Niels.
Ethan aber ist ganz und gar nicht nach Feiern zumute. Immer noch zu viele Leute, heute vermutlich sogar noch mehr als gestern, und außerdem geht ihm trotz allem die Sache mit Bob Meyers irgendwie nach. Er hat jedenfalls überhaupt keine Lust, sich mit irgendwem auf irgendwelche Diskussionen von wegen unschuldig oder nicht, guter Kerl oder nicht, harmlos oder nicht einzulassen. Es ist scheiße gelaufen, aber so ist es nun mal gelaufen.
Immerhin scheint Flann dieses Unbehagen zu spüren, oder vielleicht ist ihm selbst unbehaglich in der Gegenwart der drei anderen Jäger mit ihrer skrupelloseren Einstellung. So oder so verzieht er sich jedenfalls ziemlich schnell, überrascht Ethan aber damit, dass er ihm zum Abschied die Hand hinhält. Ethan unterdrückt ein verwundertes Blinzeln und schlägt wortlos ein.

Als Breugadair weg ist, erzählt Niels, was er aus seinem Bruder herausbekommen hat.
Der Schutzkreis um Leavenworth war den Werwölfen und sonstigen übernatürlichen Wesen der ganzen Gegend ein Dorn im Auge, weil der Highway 2 mitten durch den Ort geht und es einen höllischen Umweg bedeutet, wenn man nach Osten will und dafür nicht in die Stadt kann. Deswegen wollte Bob Meyers mit Georg Aumayr reden und ihn dazu bringen, nach dem Austausch der Strommasten das Ritual nicht wieder neu zu ziehen und die restlichen Freimaurerunen auch zu entfernen. Benedikt hatte Schulden bei Meyers und besorgte ihm deswegen das Amulett, mit dessen Hilfe der Hobangoas die Stadt betreten konnte.
Bei dem Treffen mit Aumayr in dessen Haus kam es zu einer Auseinandersetzung wegen der Schutzzeichen – erst ein verbaler Streit, dann kam eines zum anderen, bis Meyers den alten Bayern schließlich niederschlug und floh. Ob Benedikt von Anfang an als Vermittler bei der Begegnung dabei war oder erst später dazu kam, hat der ältere Heckler wohl offen gelassen, aber anscheinend angedeutet, dass er den Hobangoas davon abgehalten habe, Aumayr zu töten, und es war wohl tatsächlich Benedikt, der den Notruf wählte.
Die Aussage, dass Benedikt seinen kleinen Bruder die ganze Zeit über im Auge behalten und erfahren habe, dass es Kontakte zwischen Niels und dem alten Aumayr gebe, war aber anscheinend auch nicht gelogen. Jedenfalls hatte sich Benedikt wohl tatsächlich erhofft, Niels zum Oktoberfest hier anzutreffen. Und der hat seinem großen Bruder jetzt anscheinend den Vorschlag gemacht, ihn nach New York zu begleiten und mit bei Feys Familie einzuziehen. Na dann. Ethan wundert sich ein bisschen darüber, dass die beiden Hecklers sich so schnell und so umfassend versöhnt haben – Alan würde garantiert nicht mit ihm zusammenwohnen wollen, und Ethan hat nicht versucht, seinen kleinen Bruder zu misshandeln -, aber wenn das bei Niels und Benedikt so ist, dann soll es ihn ja freuen.

Das Wort ‘Hobangoas’ kommt aus dem alpenländischen Sprachraum, erklärt Niels noch. “Hobangoas”, “Habergoaß” oder “Habergeiß” – das sind alles beinahe identische Namen für ein in den europäischen Alpen beheimatetes Monster in Ziegengestalt, das traditionell etwas zwiespältig betrachtet wird. Habergeißen verderben das Getreide und das Vieh und stehlen kleine Kinder, verfolgen aber auch Holzfrevler. Oh, und ihr Meckern hat lähmende Wirkung. Heh. Überraschung.
Wäre mal interessant zu wissen, ob Meyers – der laut Benedikt wohl aus Norditalien stammte; richtig, der Mann hatte ja einen Rest von italienischem Akzent – seiner Art treu geblieben ist und hier in den USA die Holzfrevler der Cascade Mountains verfolgt hat. Nein, verdammt. Wäre es nicht. Der Kerl war ein Monster. Ist, wie es ist.

Aber die Cascades. Gutes Stichwort. Ethan muss raus aus dem Getümmel. Den Kopf klar kriegen. Die Gedanken an Meyers loswerden. ‘Er wollte nichts Böses… Er hat sich doch nur verteidigt…’ Drecksmist. Definitiv den Kopf klar kriegen. Nicht mehr heute abend, dafür ist es zu spät und zu dunkel, aber morgen früh, so früh er nur kann. Wenn da nicht die Tatsache wäre, dass er nicht alleine hier ist, sondern eine Mitfahrerin hat, mit der er sich absprechen muss.
“Em?” Scheiße. ‘Em’ klingt viel zu sehr wie ‘Sam’. Früher war das gar kein Problem, da hat er die junge Jägerin gefühlt ständig bei diesem Spitznamen genannt. Aber jetzt? Jetzt bringt er das irgendwie nicht mehr über die Lippen. Drecksmist. “Emily.”
“Hm?”
“Hör mal, ich…” Komm schon. So schwer ist das doch nicht. Ethan nickt unbestimmt in Richtung Norden, setzt nochmal an und kriegt sein Anliegen tatsächlich irgendwie aus dem Hals. “Weiß. Willst zurück. Kisten und so. Aber. Muss… brauche… Luft. Raus. Wildnis. Wunderschön hier. Tag? Zwei? Wär… wär das okay? Solang Zeit?”
“Und hier in der Stadt auf dich warten, meinst du?”
“Mhm”, brummt Ethan. “Oder.” Er spricht die Alternative nicht aus, aber das muss er auch gar nicht, denn seine Begleiterin hat schon verstanden.
“Hmmm”, macht sie nachdenklich, “eigentlich war ich schon viel zu lange nicht mehr richtig draußen. Ich komme mit, wenn ich darf.“

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