Supernatural – Siren’s Song

Das Folgende ist ein gemeinsamer SST von Emilys Spielerin und mir. Anders als sons gibt es hier keine echten Zwischenmarkierungen, um zu zeigen, welche Textabschnitte jeweils von wem kommen, aber ich hoffe, das wird auch so einigermaßen ersichtlich.

¤¤¤¤¤¤¤¤¤¤¤¤¤

 

Von Leavenworth zurück nach Burlington sind es ca. 3000 Meilen. Fünf Tage Interstate, bei denen Ethan und Emily sich mit dem Fahren abwechseln und entsprechend lange Tagesstrecken einlegen. Ein Abstecher in einen kleinen Ort in Kentucky ist auch mit drin, wo Emily ihr Motelzimmer gleich für mehrere Tage mietet und dort die Fluchkisten deponiert, die Ethan gemeinsam mit Bart für sie gebaut hat und die ja überhaupt der Grund waren, warum Emily bei ihm im Auto nach Leavenworth mitgefahren ist, statt ihren eigenen Wagen zu nehmen – in ihren kleinen Geo Metro hätten die ganzen Kisten einfach nicht in einem Schwung reingepasst.
Ethan weiß natürlich, dass dieses Kaff in Kentucky nicht der endgültige Lagerort für die Fluchkisten sein kann. Aber Ethan fragt nicht. Ethan weiß, dass Emily ihm mit Absicht nicht sagt, wo genau sie ihre eigene Sicherungsverwahrung für Krams eingerichtet hat, weil sie ihm seit der Sache mit der Schale nicht mehr traut. Ist ihr gutes Recht. Das sollte ihm eigentlich auch egal sein; was kümmert es ihn, ob ihm irgendwer traut oder nicht. Irgendwie ist es ihm aber doch nicht egal. Es tut weh, verdammt weh sogar, also lässt Ethan das Thema ruhen. Nicht daran rühren.

Den nächsten Übernachtungsstop machen sie am Lake Erie. Ethan ist ganz dankbar für die Tatsache, dass es bis Pemkowet eine zu kurze Tagesetappe wäre, auch wenn er die ‘Hunters’ Lodge‘ wirklich mag. Aber da hängen zu viele Erinnerungen dran. Und außerdem ist er sich nicht ganz sicher, wie seine Begleiterin auf den weißen Hexenzirkel des Örtchens reagieren würde. Also ist es ganz gut, dass sie noch ein gutes Stück weiterfahren bis Dunkirk, NY, wo Ethan vor Jahren auch schon mal war.
Das Hotel, bei dem er Halt macht, ist direkt am See gelegen und hat einen großen Garten und einen schönen Blick. Und auch wenn das Zimmer mit den zwei Einzelbetten darin samt seiner Einrichtung schon alt sein mag, wie überhaupt die ganze Anlage schon etwas altmodisch wirkt, so ist es doch hell und anständig sauber. Deutlich sauberer jedenfalls als das Motel, an dem sie eine Meile zuvor vorbeigekommen sind und wo Ethan zuerst hin wollte. Er weiß gar nicht so genau, warum, normalerweise macht alt und heruntergekommen ihm nichts aus, und vielleicht wären die Zimmer innen drin ja blitzblank gewesen. Aber irgendwas an dem Motel hat ihn abgehalten. Irgendwas hat einen Instinkt angeworfen und eine Antenne zucken lassen, und so hat er Emily angesehen, den Kopf geschüttelt und ist weitergefahren. Hier jetzt in diesem Hotel breitet er seine Plane mit der Teufelsfalle darauf besonders sorgfältig aus und befestigt sie mit Reißnägeln am Teppichboden, was er in den Nächten zuvor in den anderen Motels nicht getan hat.

Als Ethan an dem anderen Motel vorbei gefahren ist, hat Emily nichts gesagt und Ethan einfach nur zugenickt. Da Emily bei den vorherigen Übernachtungen alles gemanagt hat, überlässt sie dieses Mal Ethan das Ruder und lässt ihn alles machen. Im Zimmer schmeißt Emily sich aufs Bett, welches nahe dem Fenster steht, und beobachtet ihn dabei, wie er die Plane festmacht. „Stimmt was nicht mit dem Hotel?“ Sie schaut ernst und erhebt sich wieder und beginnt, Salz vor das Fenster und die Lüftungsschächte zu streuen und das Hotelzimmer mit abzusichern. Danach lässt sie sich wieder auf das Bett fallen.

Mit einem prüfenden Blick sieht Ethan sich im Zimmer um. Einen Turmalin haben sie keinen, aber ansonsten sieht es hier so sicher aus, wie es für eine Einmalunterkunft eben geht. „Nicht das hier. Das andere.“ Mit dem Kinn nickt er ungefähr in Richtung Westen, wo das Dunkirk Motel steht. „Vor Jahren schon mal da. Damals nicht so. Jetzt: weiß nicht. Irgendwas.“ Ethan runzelt die Stirn und überlegt, bis er den Finger darauf legen kann, was es war, das seine Antennen hat zucken lassen. Der völlig leere Parkplatz. Und die Tatsache, dass das Gelände in einen leichten Schlechtwetterdunst gehüllt war. Ein leichter Schlechtwetterdunst, der kurz vorher begann und kurz hinterher wieder endete, aber zum See hin deutlich zuzunehmen schien… wo doch eigentlich im Rest des Ortes blauer Himmel zu sehen ist. Nichts wirklich Greifbares also. Aber.

Emily vertraut Ethan dahingehend blind, wenn er der Meinung ist, dass das Zimmer sicher genug ist, oder zumindest sagen würde, wenn es nicht der Fall wäre. Sie sieht aus dem Fenster, auch wenn die Richtung nicht ganz stimmt. „Glaub weiß, was du meinst. Vielleicht sollten wir das mal überprüfen, nur um sicher zu gehen.“ Sie schaut fragend Ethan an. „Ich meine, wenn wir schonmal hier sind.“ Sie zieht ihr Handy vor und recherchiert ein bisschen. „Hm, angeblich noch offen, die Bewertungen scheinen nicht so toll zu sein. Kaum Gäste wohl.“
„Mmhmm“, nickt Ethan nachdenklich. „Vielleicht echt besser.“ Er setzt sich auf sein Bett und holt sein eigenes Telefon heraus. Tippt etwas darauf herum und runzelt die Stirn. „Hmmmm.“ Angestrengt überlegt er, ob er schon mal irgendwas von irgendwelchen Monstern gehört hat, die da, wo sie sind, Nebel auslösen. Nichts, was ihm so auf Anhieb einfällt. Vielleicht gibt das Internet eine Spur her. „Idee?“ fragt er in Emilys Richtung.
Emily überlegt einen Moment. „Also Ende letzten Jahres war ich in North Carolina, da war es auch so nebelig, aber anders, außerdem waren da, hm, Piratengeister am Werk, glaube nicht, dass es hier ähnlich liegt. Oder das in Delaware, aber da war kein Nebel mit im Spiel.“
Emily verfällt ins Grübeln. „Eine Hexe?“ Dabei schüttelt sie den Kopf. „Vermutlich auch nicht. Seelenverzehrer haben auch keine Verbindung mit Nebel. Vielleicht sowas wie eine Seeschlange? Die können doch mit Sicherheit sowas.“ Sie zuckt die Schultern und schaut fragend. „Wir sollten auf jeden Fall mit den Besitzern reden.“ Dabei lächelt sie verlegen, weil sie genau weiß, dass weder Ethan noch sie selbst die großen Redner sind.
„Mhmmm“, macht Ethan wieder. „Wie Delaware glaub ich nicht. Hexe? Hm.“ Der Gedanke lässt ihn innehalten und sich unwillkürlich schütteln. „Eine von den Großen, wenn. Feuer und Erde, also warum nicht Wasser? Aber hmmm. Warum hier? Na vielleicht. Hinterkopf behalten.“ Ethan überlegt einen Moment. „Seeschlange? Schon eher. Aber hier im See? Nie gehört. Hmm.“ Etwas mehr Tippen auf dem Telefon lässt ihn einen interessierten Laut von sich geben. „Doch. ‚Bessie‘. Seekuh. Huh.“ Ethan sieht von dem kleinen Bildschirm auf und zu Emily hinüber. „Hatte mal was in Maine oben. Kanadische Grenze. Höhle. Nebel drin und davor. Monster. ‚Grootslang‘. Holländer mitgebracht. Oder einfach holländischer Name. Halb Schlange, halb Elefant. Hmmm.“ Nachdenklich nickt er seiner Begleiterin zu. „Reden, jeden Fall.“ Er grinst schief. „Oder versuchen.“

“Ich glaub auch weniger, dass wir es hier mit einer Hexe zu tun haben.” Sie sieht zu, wie Ethan noch ein wenig auf seinem Telefon rumdrückt und quittiert seine nächste Bemerkung mit einem “Auch möglich.” Sie erhebt sich, lässt sich von Ethan die Autoschlüssel geben und holt noch einen weiteren Rucksack rein und verschwindet damit ins Bad. Als sie wieder rauskommt, hat sie sich umgezogen und voll ausgerüstet. Sie trägt eine Hose mit vielen Taschen, wovon die meisten mit irgendwas gefüllt sind. Ethans Jägerblick erkennt sofort, dass sie ein Messer am Gürtel trägt und vermutlich ein zweites im Stiefel stecken hat, für einen Laien nicht sofort erkennbar. Sie gibt Ethan den Schlüssel wieder. Etwas an Emily wirkt anders, ihre Bewegungen, ihr Blick, sie scheint jetzt vollkommen im Jägermodus zu sein, und ihr Auftreten ist viel sicherer geworden. Emilys Augen scheinen zu leuchten. Sie wirkt einen Hauch distanzierter, ohne wirklich distanziert zu sein. Dennoch erwidert sie Ethans schiefes Lächeln. “Klappt schon irgendwie. Okay, wollen wir?”
„Sekunde.“ Jagdtaugliche Klamotten hatte Ethan den Tag über schon an, aber jetzt schnallt er sich seinen Ausrüstungsgürtel um und prüft kurz und mit der Gewohnheit zahlloser Male, ob das Messer mit genau der richtigen Festigkeit in der Hülle sitzt und dass kein Verschluss einer Gürteltasche verhakt ist. Schließlich zieht er die Jacke darüber, in der ebenfalls etliches an Zeug steckt – muss keiner auf den ersten Blick sehen, was er alles an Kram bei sich hat; es ist schon blöd genug, dass sowohl die Mossberg als auch die Remington vermutlich im Auto werden bleiben müssen.
An Ethans Haltung ist zu sehen, dass auch er komplett in den Jagdmodus umgeschaltet hat und sich ganz in seinem Element befindet, als er Emily zunickt. „Können.“

Mit dem Auto sind es nur wenige Minuten bis zu dem so unnatürlich vernebelten Motel. Ethan stellt den D21 auf dem völlig leergefegten Parkplatz ab, nickt Emily wieder zu und steigt aus.
Der Ort strahlt eine unheimliche Aura aus. Emily greift aus alter Gewohnheit auf dem Rücksitz und seufzt leise. Ihren Bogen, der dort unter einer Decke liegt, sollte sie wohl besser erstmal nicht mitnehmen. Sie nickt Ethan zu, erwidert sein Nicken und steigt ebenfalls aus. Sondiert den leeren Parkplatz und das Gebäude, setzt sich dann in Bewegung zur Rezeption. Sie spürt, dass hier was ganz und gar nicht stimmt, kann es aber einfach nicht richtig greifen.
Bevor sie hinein geht, dreht sie sich nochmal in Ethans Richtung. „Wollen wir sie gleich konfrontieren oder erstmal dumm stellen?“
Ethan zieht prüfend die Luft durch die Nase ein. Es liegt ein Dunst von Wasser in der Luft, beinahe wie an der Küste, und dabei ist das hier doch ein Binnensee. Aus der Nähe wirkt das Motel nochmal düsterer und unheimlicher, wirklich ganz anders als damals, als er vor einigen Jahren hier Halt gemacht hat.
Auf Emilys Frage jetzt hebt er leicht die Schultern. „Erst mal nur fragen, denk ich. Zimmer frei, dann Thema drauf. Wenn sie was wissen, zucken die schon.“
Sonderlich glaubwürdige Übernachtungsgäste geben sie ohne Gepäck zwar vielleicht nicht ab, aber hey, wer sagt denn, dass sie ihr Gepäck nicht erstmal im Auto gelassen haben.
Emily betritt die Rezeption, geht direkt zum Schalter und drückt einige Male auf die Klingel. Ein älterer Mann kommt aus dem hinteren Bereich und murmelt etwas von “Ein alter Mann ist doch kein D-Zug”, seine Miene wird aber gleich freundlicher, als er die beiden Gäste sieht. “Was kann ich für Sie tun?” Emily lehnt sich leicht gegen den Tresen. “Wir hätten gerne ein Zimmer für eine Nacht.” Der Alte schmunzelt etwas, sieht draußen den D21 stehen. “Flitterwochen?” Emilys Gesichtszüge entgleisen etwas. “Nein, keine Flitterwochen oder dergleichen. Aber wo wir gerade dabei sind, gibt es hier keine anderen Gäste?” Der Mann nickt. “Oh, Verzeihung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Und nein, wir haben keine weiteren Gäste, Sie wären hier ganz ungestört.” Dabei wirkt sein Blick etwas skeptisch. Emily fragt unbeirrt weiter, bevor der Alte doch noch auf komische Gedanken kommt. “Ist das Wetter mit Absicht so trübe? Haben Sie irgendwo eine Maschine oder sowas?” Der Mann schaut Emily merkwürdig an und schüttelt den Kopf. Er meint, er wisse auch nicht, was los sei, aber das sei ihm auch schon aufgefallen, doch hat er keine Erklärung dafür.

Ethan, der bei dem Wort ‚Flitterwochen‘ ebenfalls ein bisschen gezuckt hat, mustert auf dessen Auskunft hin den Mann eingehend, aber der scheint tatsächlich die Wahrheit zu sagen. „Schon länger?“ will er schließlich wissen, was ihm ein „Seit einigen Wochen immer wieder“ einbringt. „Mmhm“, macht Ethan. „Ganzen Tag?“ Vor allem tagsüber, wie es scheint, aber durchaus auch nachts. Ethan wirft Emily einen Blick zu, nickt leicht und sieht dann wieder zu dem Alten und nickt dem auch zu. „Zimmer. Ja.“ Er schiebt dem Besitzer Geld über den Tresen und bekommt einen Schlüssel ausgehändigt. Sieht flüchtig auf die Zimmernummer und nickt wieder. Bringt ein knappes „Danke“ heraus und sieht zu Emily, ob die noch etwas fragen will.
Sie sieht den alten Mann eindringlich an. “Wann waren denn die letzten Gäste vor uns hier?” Der Rezeptionist sieht abwechselnd von Emily zu Ethan und bleibt bei Emily wieder hängen. “Ungefähr drei Wochen.” – “Und irgendwelche seltsamen Vorkommnisse?” Der Mann überlegt kurz. “Es sollen Leute ertrunken sein, aber bei dem Mistwetter kein Wunder, wer geht dabei schon baden. Zum Glück ist unseren Gästen bisher nichts passiert. Aber warum wollen Sie das alles wissen? Tuen Sie sich einen Gefallen und lassen Sie das Baden sein, solange das Wetter so schlecht ist.” Emily antwortet ihm nicht darauf, sondern nickt dem Alten zu. “Danke.” Danach sieht sie Ethan an, nickt ihm ebenfalls zu und geht wieder raus. Der Mann sieht den beiden misstrauisch hinterher. Als sie draußen und ein Stück vom Rezeptionshäuschen weg sind, regt Emily sich erst noch ein wenig auf, was ihm denn einfalle und ob Männer und Frauen nicht einfach nur so unterwegs sein könnten und ob sie denn aussähen wie ein verliebtes Pärchen. Aber so schnell sie sich in Rage redet, genauso schnell beruhigt sie sich auch wieder und beißt kurz die Zähne zusammen. Danach richtet Emily ihren Blick auf Ethan. “Zimmer ansehen? Glaub zwar nicht, dass wir was finden, aber schauen sollten wir trotzdem mal.”
Ethan muss ein bisschen schmunzeln angesichts von Emilys Empörung, aber er verkneift sich das, so gut er kann, vor allem, da der letzte Spruch ihm irgendwo tief drinnen doch so etwas wie einen Stich versetzt. Statt dessen schnaubt er sarkastisch. „Baden. Oktober. Heh.“ Okay. Das Wetter diese Woche ist mit etwas über 20° Grad tatsächlich angenehm warm. War es auch schon in Leavenworth. Aber trotzdem. Viel wärmer als um die 15° Grad dürfte das Wasser um diese Jahreszeit trotzdem nicht sein. Und ob es da so viel Spaß macht, baden zu gehen? Naja. Mit Neoprenanzug vielleicht. Surfen oder so. Anders als Irene – er zuckt kurz zusammen bei dem Gedanken an die seelenlose Britin – ist Ethan nicht so der Wassersportler und kann das nicht so beurteilen. Mit zusammengepressten Lippen schüttelt er den Gedanken weg und nickt Emily zu. „Zimmer.“
“Naja, ganz abwegig ist es ja nicht. Also nicht hier, wo so viele Menschen sind.” Sie grinst Ethan schelmisch an. “Und nicht bei diesem Wetter. Damit hat er schon recht.” Als Ethan still wird und sie sieht, wie er die Lippen zusammenpresst, schaut sie etwas besorgt. “Alles in Ordnung? Ist dir was aufgefallen?”, aber Ethan schüttelt stumm den Kopf.
Am Zimmer angekommen, gehen die beiden Jäger hinein. Es sieht schon etwas schäbig aus, abgefetzte Möbel. Im Holz scheint auch der eine oder andere Holzwurm zu leben. Sämtliche Sitzgelegenheiten wie auch die Betten knarzen unheimlich, aber das Zimmer ist, bis auf ein paar schwarze Schimmelflecken zwischen den Kacheln im Bad, weitestgehend sauber. Emily beginnt das Zimmer systematisch abzusuchen, kann aber nichts Auffälliges oder Verdächtiges finden. Sie stößt einen kleinen Fluch aus. “Verdammt. Nichts, wie schon vermutet. Hast du was gefunden?” wendet sie sich fragend an den anderen Jäger.
„Mm-mm“, verneint Ethan. Er schüttelt den Kopf, runzelt etwas die Stirn. „Drei Wochen keine Gäste. Puh. Hotel? Ewig. Hm.“
Er sieht die lange Reihe der Zimmereingänge entlang, mustert den bis auf den D21 völlig leeren Parkplatz. „Kommen keine Leute, weil’s unheimlich ist, oder wurd’s unheimlich, weil keine Leute mehr kommen?“
Während Emily das Zimmer absucht, öffnet Ethan das Fenster, lehnt sich hinaus und inspiziert die Fensterbank und die Außenwand, soweit er sie von hier drinnen aus sehen kann. Aber da sind weder okkulte Symbole zu sehen noch sonstige Hinweise auf das, was dem Motel die Gäste abhält. Ethan zieht die Brauen zusammen und späht Richtung See, aber der ist im diesigen Nebelwetter nur zu erahnen, obwohl das Ufer gar nicht weit entfernt ist. „Nebel“, brummt er. „Passt nicht. Irgendwas.“
Emily lässt sich auf das knarrende Sofa fallen. „Hm, könnte mir vorstellen, weil es unheimlich ist. War bei uns ja ähnlich. Also weißt schon, wie ich das meine. Aber verstehe nicht, warum er nicht versucht hat, was dagegen zu machen. Am Motel scheint es nicht zu liegen, wenn es wahr ist und den Gästen noch nichts passiert ist.“
Ethan antwortet, ohne seinen Blick von der Landschaft draußen zu nehmen. „Mmmh. Weiß. Und eben. Versteh ich nicht. Kostet doch Geld ohne Ende.“ Bei Emilys Erwähnung von ‚wenn es wahr ist‘ zieht Ethan sein Handy heraus und tippt ein paar Minuten lang konzentriert darauf herum. „Scheint so“, sagt er schließlich. „Jedenfalls nichts zu finden. Keine Todesfälle direkt hier. Keine Berichte.“
Emily erhebt sich wieder. „Verdammt, was geht hier vor?“ Sie stellt sich neben Ethan ans Fenster und schaut ebenfalls in die Nebelbank hinein. „Ich hab ein ganz ungutes Gefühl.“
Als Emily neben ihn ans Fenster tritt, sieht Ethan kurz zu ihr hinüber und bedenkt sie mit einem schiefen Lächeln. „Mmhmm.“ Er legt den Kopf schief und späht wieder Richtung See. „Draußen umsehen?“

Emilys Blick ist weiter auf den Nebel gehaftet. “Okay, also nichts bekannt. Wird dann wohl stimmen.” Sie stößt sich von der Fensterbank ab und geht Richtung Tür. “Ja, vielleicht finden wir dort irgendwas Brauchbares.” Sie geht mit Ethan raus und die paar Meter zum Strand hinunter. Dieser scheint auf dem ersten Blick menschenleer zu sein. “Hm, damals hat Bart gesagt, ich solle mich vom Wasser fernhalten, als das mit McKenzie war. Ob er wohl immer noch der Meinung ist?” Jetzt wirft sie Ethan ein schiefes Lächeln zu. Dann stellt sie sich direkt ans Wasser und schaut einfach in die Ferne und lauscht, dabei schließt sie die Augen und versucht sich ganz auf ihre Umgebung einzulassen, irgendetwas zu spüren oder zu hören.
Draußen am Seeufer atmet Ethan tief die neblige Luft ein. „Mhmhm“, brummt er auf Emilys Bemerkung wegen Bart. Kann sein, kann auch nicht sein. Ist ihm aber auch gerade relativ egal, ehrlich gesagt. „Weiß nicht.“ Während Emily die Augen schließt und beinahe zu wittern scheint, lässt Ethan die seinen offen, verengt sie nur ein wenig, schaltet sein Denken aus und lässt den Blick schweifen. Vertraut darauf, dass sein Unterbewusstsein ihn wird anhalten lassen, wenn es etwas zu bemerken gibt. Aber da ist nichts. Nichts bis auf dieses seltsame lokalisierte Wetter. Und etwas, weiter entfernt am Strand, im Nebel kaum auszumachen, eine Gestalt, die da im Sand zu sitzen scheint.
Ethan wartet, bis Emily die Augen wieder öffnet und nickt zu der Gestalt hin. „Da.“

Emily öffnet langsam die Augen wieder und mustert Ethan für einen Augenblick, bevor sie in die Richtung schaut, in die er zeigt. Sie macht den Eindruck, als wolle sie etwas sagen, schüttelt dann aber mit den Kopf und nickt Ethan zu. Richtig zu erkennen ist die Gestalt nicht, aber sie sollten mal rübergehen und mit ihr sprechen, vielleicht ist sie öfter hier und hat was beobachtet. “Lass uns das genauer anschauen, vielleicht weiß der oder die etwas. Oder?” Ihr Gesicht verfinstert sich. Vorsichtig nähert Emily sich der Gestalt. Durch das Wetter und vor allem dem Nebel müssen sie nahe ran, um die Gestalt zu erkennen. Es scheint eine junge Frau in Badebekleidung, genauer gesagt in einem Neoprenanzug. An der Wasserkante liegt kaum erkennbar ein Surfbrett. Auch wenn Emily nicht sehr gut darin ist, würde sie die junge Frau auf Anfang Zwanzig schätzen. Sie blickt kurz Ethan an, ob er vielleicht das Reden übernehmen will, die junge Frau ist vielleicht ihm gegenüber aufgeschlossener. Dann lächelt sie ihm knapp zu und lässt sich ein Stück hinter Ethan fallen.
„Plan.“ Wieder lächelt Ethan Emily an, durchsetzt von einer Spur zustimmenden Inbetrachtziehens der Möglichkeit, als die andere Jägerin der Verdacht äußert, die Person am Strand könne selbst mit dem was-auch-immer-es-ist hier zusammenhängen. Als Emily ihn dann fragend ansieht und ihm gleich darauf den Vortritt lässt, bedenkt er sie kurz mit einem amüsierten ‘das meinst du jetzt nicht ernst’-Blick. Aber den wiederum meint er selbst nicht sonderlich ernst – so wenig er sich darum reißen mag, bei der Unterhaltung mit der Surferin den Wortführer zu geben, Emily hat ja recht, elender Drecksmist. Vielleicht bekommt er zu der jungen Frau wirklich den besseren Draht. Langsam geht er zu ihr hin und hebt grüßend die Hand, als sie neugierig aufschaut. „Tag“, sagt Ethan zur Einleitung. „Surfwetter?“
Die junge Fremde lächelt strahlend, und mit diesem Lächeln geht Ethan auf, wie hübsch sie tatsächlich ist. Quark. Vergiss hübsch. Umwerfend schön. Sie hebt die Hand an den Kopf, zieht ein Haargummi ab, und eine blonde Lockenmähne löst sich. Ethan ist sich der aufwallenden Haarpracht derart bewusst, dass es genausogut eine Zeitlupe in einem Film sein könnte. Baywatch oder so. „Hi!“ sagt sie fröhlich, ganz auf Ethan konzentriert, als wäre Emily gar nicht da, „und wie!“

Sie zuckt mit den Schultern und lächelt ihn mit einem ‘und ob das mein Ernst ist’-Lächeln, das beinahe ein Grinsen ist, an. Emily beobachtet die Szenerie mit Abstand und spürt einen tiefsitzenden Schmerz in der Brust, als sie von Weitem sieht, wie die junge Frau Ethan anstrahlt und dabei auch noch ein Haargummi entfernt und eine Strähne sich löst. Ihr entgeht nicht, wie Ethan die junge Frau ansieht. Die Blonde blickt für einen Sekundenbruchteil zu Emily, und ihr Mundwinkel geht für diesen Augenblick unmerklich nach oben. Emily schaut verstimmt zu den beiden, versucht sich aber nichts weiter anmerken zu lassen. Sie presst die Lippen zusammen und geht etwas näher an die beiden ran, bleibt aber weiterhin auf Abstand, schließlich will sie die Frau nicht verschrecken. Sie atmet einige Male tief durch und geht nur so nah ran, dass sie gerade hören kann, was gesprochen wird. Sie lässt die beiden nicht aus den Augen, nähert sich aber auch nicht weiter.
Ethan mustert die blonde Surferin aus ganz leicht verengten Augen. „Mhmmm“, macht er in etwas skeptischem Tonfall und sieht hinaus auf das vom Nebel verhangene Wasser. „Trüb hier“, konstatiert er dann trocken. Nickt mit dem Kinn nach links, den Strand hinunter. „Bessere Orte.“
Das Lächeln der Fremden wird, wenn das überhaupt möglich ist, noch etwas breiter. „Wegen des Nebels? Ach nein. Ich mag den Nebel“, schnurrt sie, und ihre Stimme wird tiefer, rauchiger. “Er macht so eine romantische Stimmung. Und wenn man nicht so weit sehen kann, ist das so…” – sie wirft die Haare in den Nacken und senkt die Stimme, so dass man sich zu ihr vorbeugen muss, wenn man hören will, was sie sagt, “… intim.”
Ethan unterdrückt ein Kopfschütteln. Das ist schon ziemlich dreist, wie ungeniert die junge Frau mit ihm flirtet.
“Ähm”, brummt er in absichtlich kühlem und nüchternem Tonfall, “kann sein. Sind Sie dann oft hier, Miss?” Vielleicht hat sie ja irgendwas gesehen, wenn ja.
Die Fremde zieht einen Schmollmund, was Ethan erst so richtig ins Bewusstsein ruft, wie rot und wie voll ihre Lippen sind. Als seien sie nur zum Küssen gemacht. “Ach. ‚Miss’. Sag’ doch nicht ‘Miss’. Das klingt entweder nach kleinem Mädchen oder nach alter Jungfer. Und sehe ich aus wie eines von beiden?” Sie zwinkert vertraulich. “Man nennt mich Pearl.” Sie sieht Ethan an, als sei die Antwort auf ihre Frage die wichtigste Auskunft der Welt. “Und wie heißt du?”
Hm. Irgendwie ist ihm ein bisschen unwohl bei dem Gedanken, dieser offenherzigen Fremden seinen Namen zu verraten. Das ist normalerweise schon nichts, mit dem er hausieren geht, und in diesem Falle schon mal gleich gar nicht. Ethan deutet ein entschuldigendes Lächeln an, schüttelt leicht den Kopf und öffnet den Mund zu einem ‚tut doch nichts zur Sache’. “Ethan”, antwortet er. Ach, verdammt. Das wollte er doch gar nicht. “Also, sind Sie oft hier?”
“Warum?” säuselt die Fremde, “Willst du etwa wissen, wie die Chancen stehen, mich hier zu treffen? Ziemlich gut, kann ich dir versichern.” Wieder zwinkert Pearl ihm zu, und Ethan kann spüren, wie seine Verlegenheit wächst. Seine Verlegenheit und sein Unbehagen – er will sich doch gar nicht von dieser blonden Schönheit anflirten lassen!
“Nein”, brummt er, noch sachlicher als eben schon. “Wollte fragen: Was gesehen? Was aufgefallen?”
“Oh, mir fallen eine Menge Dinge auf”, lächelt Pearl. “Irgendwas im Besonderen?”
Ethan runzelt die Stirn. “Irgendwas halt.”
“Hmmmm…” Pearl macht ein grüblerisches Gesicht. Ihr Mund sieht hinreißend aus, wenn sie nachdenkt. Und die Grübchen um ihre Augen. “Vielleicht? Aber das ist nichts für…” – die blonde Surferin wirft einen Blick auf Emily – “… drei. Triff dich nachher mit mir, dann zeige ich es dir.”
Ähm. Nein. Ganz bestimmt nicht. Ethan schüttelt entschieden den Kopf. “Lass mal”, brummt er knapp.
“Spielverderber”, neckt die Blonde ihn. Wieder sieht sie zu Emily, bevor sie wie in einer zufälligen Geste den Reißverschluss ihres Surfanzugs ein Stückchen öffnet und die Stimme verführerisch senkt. “Ich glaube, du bist Feuer und Flamme, du willst aber nur nicht, dass der Trauerkloß da drüben es mitbekommt. Weißt du was, der Trauerkloß muss es nicht mitbekommen. Triff dich mit mir, und verspreche dir, du wirst es für den Rest deines Lebens nicht vergessen!”
Richtig. Das würde er nicht. Weil es irgendwie falsch wäre. Und weil er immer wieder daran denken würde, dass es falsch war. “Nein”, wiederholt er grimmig.
Für einen winzigen Moment geht eine Regung wie helle, ungezügelte Wut über Pearls Gesicht, ist aber so schnell verschwunden, dass Ethan sich nicht sicher sein kann, was er da gesehen hat. “Lass mich kein drittes ‘Nein’ hören”, murmelt die Blondine. Sie beugt sich vor und streichelt kurz über Ethans Wange, dann legt sie die roten Lippen an sein Ohr und flüstert. “Du wirst zu mir kommen, sobald es dunkel ist. Du wirst alleine kommen. Du wirst Aschenputtel da drüben nichts davon erzählen. Und du wirst vergessen, dass ich dir dies befohlen habe.” Sie lehnt sich zurück und haucht ihm einen Luftkuss zu. “Bis später!”
Ethan schluckt. Was zum Geier bildet die sich ein? “Wir müssen los”, knurrt er und durchbohrt die Surferin mit einem ungehaltenen Blick. “Spaß noch und so.”

Die junge Frau spricht gegenüber Ethan von Romantik und wird immer leiser und geheimnisvoller, dann beugt sich Ethan vor, um die Surferin besser zu verstehen, und es wirkt fast so, als würden die beiden miteinander tuscheln, obwohl Ethans Gesichtsausdruck eher ein Mißfallen ausdrückt. Emily kann kaum verstehen, was die beiden bereden, als wenn es Absicht wäre, zumindest von der jungen Frau ausgehend. Da hat Emily ohnehin schon die ganze Zeit das Gefühl, dass sie ein Dorn in ihren Augen ist. Emilys Gesichtszüge werden hart und kalt. Nicht gegenüber Ethan, aber gegenüber dieser Surferin. Irgendwas stimmt mit der nicht. Irgendwas sagt ihr, dass diese Frau mit Vorsicht zu genießen ist. Ihre Jägersinne springen an. Die junge Frau, die sich bei Ethan als Pearl vorgestellt hat, beachtet sie nicht einmal oder besser gesagt kaum. Sie macht sich sogar einen Spaß daraus, ungeniert mit Ethan zu flirten. Emily seufzt leise, auch wenn Ethan nicht wirklich darauf eingeht, wenn er wollen würde, wäre es seine Sache, aber Emily wird das Gefühl nicht los, dass mit dieser Pearl etwas nicht stimmt.
Pearl scheint tatsächlich um jeden Preis Ethan rumkriegen zu wollen. Emily ist bewusst, dass Ethan letztendlich auch nur ein Mann ist, aber er ist auch Jäger, der müsste doch merken, dass mit der was nicht stimmt.
Als sie dann noch ihren Reißverschluss ein Stück öffnet und ihre Reize zur Schau stellt, ist das Maß voll und sie geht doch direkt zu den beiden und baut sich leicht vor Pearl auf. Sie will Ethan nicht in die Parade fahren, aber jetzt ist echt mal gut. “Hör mal zu, wir wollen nur wissen, ob dir hier was Ungewöhnliches aufgefallen ist oder nicht. Und damit meine ich nicht, mit wievielen Männern du hier so rumgemacht hast.” Pearl dreht sich nur kurz zu Emily um, funkelt sie dabei regelrecht an und faucht: “Das geht dich gar nichts an. Ich habe mich hier gerade ganz nett mit ‘Ethan’ unterhalten. Also warum gehst du nicht einfach woanders spazieren.” Ethans Namen sagt sie ganz, ganz weich und lässt sich viel Zeit, seinen Namen auszusprechen. Danach wendet sie sich von Emily ab und schenkt ihre ganze Aufmerksamkeit Ethan. Sie strahlt ihn verführerisch an und schenkt ihm ihr breites Lächeln. Emily schaut mit gemischten Gefühlen auf die beiden, sie ist gerade stinksauer auf die Surferin, zwar versucht sie, das zu verbergen, aber vollkommen gelingt ihr das nicht.
Pearl spricht wieder leise auf Ethan ein, sodass Emily, obwohl sie direkt daneben steht, kaum etwas verstehen kann.
Ethan muss irgendwas gesagt haben, was der Surferin missfiel, denn auch wenn sie es aus ihrer Position nicht richtig erkennen konnte, hat sie eben kurz eine Art Fratze gesehen.
Pearl lässt nicht locker und wispert Ethan etwas zu und kommt ihm unverschämt nah. Und Emily ist sich sicher, wären sie nicht bei einem Job, wäre sie längst weg gewesen. Auch wenn Emily den Vorschlag gemacht hat, Ethan solle mit der jungen Frau sprechen, das hat sie nicht erwartet. Emily schaut die beiden an. Dann spricht sie Pearl nochmal an, bei dem zweiten Versuch Ethan rumzukriegen. “Dein Ernst. Er hat doch gesagt, dass er nicht will.“ Dabei sieht sie unsicher Ethan an. “Oder?” Ethan nickt und lässt die Surferin auflaufen und dreht sich weg, um zu gehen. Verabschieden tut Emily sich nicht von Pearl, sondern geht mit Ethan einfach mit. Emily folgt ihm, und als sie hofft, dass sie außer Hörweite sind, beginnt sie leise zu sprechen: “Ich glaube, mit der stimmt was nicht. Ich verstehe ja nichts vom Surfen, aber ich glaube nicht, dass gute Surfer bei Nebel rausgehen. Die weiß mit Sicherheit was oder hat damit zu tun.” Sie hält einen Moment inne, bevor sie fortfährt. “Naja, vielleicht hättest du zum Schein darauf eingehen sollen. Vielleicht hätten wir doch was erfahren.” Ethan kann spüren, dass der Vorschlag durchaus ernst gemeint war, ein Mittel zum Zweck halt. Emily schaut etwas zerknirscht. “Sorry, dass ich mich da eingemischt habe.”
Ethan atmet tief durch. „Puuuuuh. Die war…“ … Wunderschön. Begehrenswert. Umwerfend. Diese Augen. Diese Lippen. Die nur zu erahnenden, aber unverkennbaren sinnlichen Kurven unter dem engen Surfanzug… Nein. Wütend schüttelt Ethan den Kopf. „… unmöglich.“ Mit einem Stirnrunzeln sieht er zurück in die Richtung, wo sie hergekommen sind. Wo Pearl auf ihn wartet. Auf ihn wartet, um ihn etwas erleben zu lassen, das– nein, verdammt! „Kann sein. Kein Plan vom Surfen, aber ja. Möglich.“
Emilys Zerknirschtheit lässt ihn entschieden abwinken. „Gut so.“ Er war ja echt… enttäuscht… Nein, verdammt! … dankbar, dass Emily ihm zu Hilfe gekommen ist. Wenn es ihr egal gewesen wäre, dann… dann… Dann hätte dem Treffen mit Pearl nichts im Weg gestanden. Nein verdammt! Er will sich doch gar nicht mit der Surferin treffen! Und er will sich auch nicht mit ihr einlassen, wie Emily das eben vorgeschlagen hat. Unglücklich verzieht er das Gesicht. „Nicht. Nein. Das… Wär falsch. Nicht mal zum Schein.“ Er zögert, sieht die andere Jägerin hilfesuchend an. „Muss… Muss doch anders gehen.“ Er schaut in die andere Richtung den Strand entlang. „Weitersuchen?“
“Ethan, darf ich dich fragen, was sie dir zugeflüstert hat? Musst du mir natürlich nicht sagen, nur sie hat so zufrieden geschaut.” Etwas wie Sorge ist in ihrem Gesicht zu erkennen.
Emily sieht Ethan nicht an, sie schaut eher auf den nebelverhangenen See, bevor sie nochmal nachdenklich einen Blick zurück wirft. “Irgendwas. Irgendwas ist mit der.” Sie schüttelt kurz den Kopf.
Auf Ethan letzte Frage antwortet sie nur knapp. “Mhmm.” Sie scheint in irgendwie in Gedanken zu sein.
“Darfst. War nur nicht wichtig. Nur dass…” Ethan bricht ab. Überlegt einen Moment, runzelt dann die Stirn. “Weiß es schon gar nicht mehr. Egal. Nicht wichtig.”
Es ist wirklich nicht wichtig. Denn da hinten wartet Pearl. Pearl mit ihren sanften, verlockenden Rundungen. Mit ihrer blonden Mähne, die nur danach ruft, dass Ethan seine Hände darin vergräbt. Mit ihrem Duft, den Ethan sich so lebhaft vorstellen kann, dass er ihn beinahe in der Nase zu spüren meint. Mit ihren vollen, roten Lippen, die sich den seinen nähern, um ihn zu küssen. Ihre vollen, roten Lippen in zarter Liebkosung an seinem Ohr, die ihm feurige Worte zuflüstern. Feurige Worte, leidenschaftliches Versprechen von… was? Er weiß es nicht nicht mehr, aber er muss es auch gar nicht wissen.
Ethan stutzt, und seine Augen weiten sich. “Em.“ Er zieht eine Grimasse. „Emily. Da stimmt was nicht.”

Emily schaut im ersten Moment skeptisch, nimmt ihm das anfangs nicht ganz ab. Nicht wichtig, was eine bildhübsche Schönheit ihm ins Ohr säuselt? Will er sie verarschen, für wie blöd hält er sie? Er kann doch tun und lassen, was er will. Aber was, wenn er die Wahrheit sagt und es wirklich nicht mehr weiß? Was, wenn sie doch eine Hexe ist? Aber dann spricht Ethan davon, dass etwas nicht stimme. Sie sieht ihn besorgt an. “Was meinst du?“ Emily ist drauf und dran, zurückzugehen und der blonden Schnepfe die Wahrheit rauszuprügeln, aber sie versucht Ruhe zu bewahren, es ist eine Jagd wie jede andere auch.

Da ist dieser ständige Gedanke an Pearl. Die Vorstellung davon, wie sie sich aus ihrem Neoprenanzug schält. Nichts, rein gar nichts darunter trägt. Sich am Seeufer räkelt, ihm keinen ihrer Reize vorenthält. Nicht ein einziger Hauch von Gefühlen. Nur zwei Körper im Rausch. Und ist das nicht genau das, was er will? Was er braucht und wonach er sich sehnt, mit jeder Faser seines Seins?
Nein, verdammt! Ist es nicht! Mit einer enormen Anstrengung reißt Ethan sich von den Bildern in seinem Kopf los, wendet sich Emilys Frage zu. Was nicht stimmt, will sie wissen. Stimmt denn etwas nicht? Quark. Alles in Ordnung. Und doch… und doch… Etwas ist da. Ein winziges Glöckchen.
“Pearl… Ich weiß, dass sie was geflüstert hat. Ich weiß auch, was. Jedenfalls wenn ich nicht dran denke. Aber wenn… wenn ich’s greifen will…” Ethan beißt die Zähne zusammen vor Anstrengung, beinahe schmerzlich. “Komm nicht dran. Aber… warum nicht? Müsste doch…” Seine Stimme wird leiser, und er hat etwas Farbe verloren unter der Sonnenbräune. “Fühlt. Fühlt sich an wie.” Er bekommt das Wort kaum heraus. “Damals.”

„Merkwürdig. Vielleicht aufschreiben. Ich hab doch gesehen, dass sie was gesagt hat.“ Emilys Blick wird finster, so richtig finster. „Ich schnapp mir das Püppchen jetzt, und glaub mir, die wird reden und sagen, was sie gemacht hat, und den verdammten Zauber oder was auch immer es war von dir nehmen.“ Sanft streift sie seine Hand, was man schnell als Zufall abtun könnte, dann dreht sie sich um und stapft wutentbrannt zurück, wo sie Pearl zurückgelassen haben.

Zauber. Ja. Es fühlt sich an wie ein Zauber. Immer, wenn Ethan versucht, die Worte zu erhaschen, die Pearl ihm zugeflüstert hat, gleiten seine Gedanken daran ab. Und dazu diese Gewissheit, dass es nicht von Bedeutung ist, während er gleichzeitig weiß, dass es eben doch von Bedeutung sein müsste; die Alarmglocke, die nur kurz geklingelt hat und dann verstummt ist… Das hat Ethan ganz ähnlich schon einmal erlebt.
Als Emily jetzt wütend zu der Stelle zurückgeht, wo sie mit der blonden Surferin geredet haben, ist eine Hälfte von Ethan ihr einerseits zutiefst dankbar. Die andere Hälfte von ihm jedoch findet die ganze Aufregung für etwas derart Unwichtiges völlig albern.
Während er der anderen Jägerin nachgeht, überlegt Ethan, wie er Pearl am besten mit seinem Verdacht konfrontieren kann. Aber warum konfrontieren? Da ist Pearl, die wunderschöne, verführerische Pearl, die nur auf ihn wartet. Wenn er sie wiedersieht, wird er ganz andere Dinge tun, als sie mit seinem albernen Verdacht zu konfrontieren. Nein, verdammt! Wird er nicht!
Angespannt stapft Ethan am Strand entlang – und bleibt gleich darauf abrupt stehen. Ist zu einer Hälfte erleichtert und zur anderen Hälfte völlig frustriert. Denn der Stand ist leer. Pearl ist verschwunden. „Oh“, macht Ethan. Sieht sich um – er will sie, er braucht sie, nein, verdammt, er will sie zur Rede stellen! – und runzelt die Stirn. „Mist.“

Zurück an der Stelle, wo Pearl eben noch saß, ist keine Menschenseele mehr, es führen einige Spuren zum Wasser. Das Surfbrett, welches am Ufer lag, ist ebenfalls verschwunden. Emily, noch immer verärgert, stapft die paar Schritte zum Ufer runter und versucht durch den dichten Nebel, der schlimmer zu werden scheint, hindurchzuschauen.
Kann aber beim besten Willen nichts erkennen. Dann brüllt sie einmal halblaut. “Verdammt. Wo steckt diese Schlampe, verfluchtes Miststück.”
Emily bleibt noch kurz stehen, versucht nochmal auf dem Wasser etwas zu erkennen und stapft dann wieder zurück zu Ethan.
Packt sich seinen Kopf ohne jede Scheu und dreht ihn vielleicht etwas unsanft nach links und rechts, schaut in seine grauen Augen und mustert sein Gesicht. “Hm, nichts zu sehen.” Dann lässt sie ihn wieder los und blickt sich nochmal in der Gegend um. Sie dreht sich Ethan wieder zu. “Oh und Mist? Ist das alles, was du dazu sagen kannst? Sie verdreht dir mit irgendeiner Art Zauber oder so den Kopf, und du sagst nur ‘Oh’ und ‘Mist’?” Sie beißt vor Wut die Zähne aufeinander und ihre Lippen werden ganz schmal. “Sorry, kannst wahrscheinlich nichts dafür.” Sie steht eine Weile hilflos am Strand herum. “Was jetzt? Morgen Mittag nochmal wiederkommen? Erstmal zurückfahren oder hier warten oder hier im Hotel?”
Emily tigert vor Ethan hin und her und wirft ihm immer mal ein sorgenvollen Blick zu, langsam wird Emily etwas nervös. “Wir müssen herausfinden, was sie gesagt oder getan hat. Vielleicht hilft uns das weiter.”

Ethan ballt die Fäuste. „Weiß. Sorry. Fühlt sich… Kanns dir nicht beschreiben.“ Er starrt auf das Wasser, fährt bei Emilys nächsten Worten aber zu ihr herum und schüttelt mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf. Auch dieser Gedanke ist irgendwie wie in Watte gepackt, ganz weit entfernt und ihm beinahe schon wieder entglitten, aber er hält eisern daran fest. „Nicht morgen. Nicht warten. Was gemacht. Rauskriegen.“ Er geht an den Rand des Wassers und kniet sich neben die Spuren, starrt darauf, als könnten sie ihm verraten, wo Pearl hin ist. Aber die gehen direkt in den See, geben keinen Hinweis auf eine Richtung. Ethan presst die Lippen aufeinander. „Bloß wie?“
Er stutzt, blinzelt. Tippt sich mit dem Zeigefinger mehrmals nachdenklich auf die Oberlippe. „Warte“, sagt er langsam. „Ist mit dem Brett weg. Nicht mit dem Auto. Also… Vielleicht wer gesehen. Als sie. Aus dem Nebel kam, mein ich. Kein Surf-Wetter. Vielleicht wem aufgefallen.“
Oder vielleicht auch nicht. Wenn nicht, ist es auch egal. Warum regt Emily sich eigentlich so auf?
Die Gleichgültigkeit ist nicht seine, das spürt er, aber er kann sie nicht vollständig wegschieben, so sehr er sich darum bemüht. Und das Wissen darum, dass die Gleichgültigkeit nicht seine ist, dass Pearl irgendwas mit seinem Kopf angestellt hat (wie Coleen, schießt es kurz durch seine Gedanken) und er noch nicht einmal darüber wütend sein kann, macht es nur um so schlimmer. In einer Mischung aus Hilflosigkeit, Verwirrung und Verzweiflung, gepaart eben mit dieser verdammten Gleichgültigkeit, die nicht die seine ist, sieht er die andere Jägerin an.

Seine ruhige Art und seine Gleichgültigkeit verunsichert Emily wieder, sie ist sich nicht sicher, ob es nur am Zauber liegt. Sie greift nach einem Stein und schleudert ihn wütend im hohen Bogen in den See, dort schlägt er dumpf ins Wasser, was man durch den Nebel nicht sehen kann. Sie stellt sich neben Ethan. “Wer soll denn was gesehen haben, hier ist ja keiner.” Zerknirscht schaut sie wieder in den Nebel und rauft sich die Haare, sie lässt sich rückwärts in den Sand fallen und vergräbt ihr Gesicht in den Händen.
Okay, so funktioniert das nicht. Denk nach, Emily, denk nach. Sie erhebt sich wieder, klopft sich grob den Sand von der Kleidung. “Wir sollten nochmal zum Hotel gehen, wenn sie öfter hier ist, weiß der Besitzer vielleicht was. Wer sie ist oder wo sie herkommt.” Dann geht sie Richtung Hotel zurück.

Drecksmist, elender. Die verlockende, alles versprechende, wundervolle Pearl, das verdammte Miststück, mag etwas mit seinem Kopf angestellt haben, aber jetzt, wo Ethan das weiß, kann er es beiseite schieben. Warum sich Sorgen darüber machen? Nein, verdammt! Jetzt, wo er es weiß, kann er, wird er, alles daransetzen, verdammt nochmal herauszufinden, was es ist und wie es sich umkehren lässt!
„Warte“, ruft er der wütend in Richtung Hotel stapfenden Emily hinterher. „Nicht hier. Draußen.“ Ethan nickt dorthin, wo der Nebel endet – oder wo er zumindest seinen Erwartungen nach enden müsste. So weit kann diese komische Nebelzone sich doch nicht strecken, elender Drecksmist.
Emily bleibt abrupt stehen, dreht sich verwundert zu Ethan um. “Hast vielleicht recht. Gut, du fragst hier draußen weiter, ich gehe und rede mit dem Hotelbesitzer. Danach werde ich noch zu der Lifeguard Station gehen.” Sie schaut auf die Uhr. “Hmm, in zwei Stunden am Hotel?” Sie geht noch ein paar Schritte, bevor sie sich nochmal umdreht. “Ethan. Und sei vorsichtig, ja.” Ein halbes Lächeln kommt zum Vorschein, bevor sich umdreht und hoch zum Hotel geht.

Entschlossen wendet Ethan sich erst einmal nach Nordosten den Strand hinauf. Und tatsächlich wird die dichte Suppe einige hundert Yards weiter langsam schwächer und hat sich dann noch ein Stück weiter irgendwann aufgelöst. Erst ist niemand zu sehen, weder auf dem Wasser noch an Land, aber dort hinten geht ein älterer Mann mit seinem Hund spazieren. Langsam, um den Typen möglichst nicht zu verschrecken, joggt er auf den Spaziergänger zu. Hebt noch aus einiger Entfernung die Hand, um den Mann zum Warten aufzufordern. Der Typ pfeift seinen Hund zu sich und sieht Ethan wachsam, aber nicht übermäßig feindselig an. „Tschuldigung“, versucht Ethan sein Glück, „Wen gesehen gerade? Surferin?“ „Eine Surferin?“ fragt der Mann misstrauisch zurück, „Vielleicht. Aber warum wollen Sie das wissen? Was wollen Sie von ihr?“ Was Ethan von ihr will? Heh. Was wohl. Ihre roten Lippen küssen und sie aus ihrem Anzug schälen und das Versprechen einfordern, das sie ihm vorhin gegeben hat. NEIN, elender Drecksmist! Sie schütteln, bis Antworten rauskommen, verdammt! Sie zwingen, dass das verdammt nochmal aufhört! „Vorhin getroffen“, brummt Ethan. „Noch was fragen.“
Die Auskunft scheint dem Mann zu reichen, oder zumindest sperrt er sich nicht weiter. „Ich habe wirklich eine Surferin gesehen“, gibt er zu. „Kam mir ein bisschen komisch vor, weil sie aus der Nebelwand kam. Aber naja, vermutlich hat der Nebel sie überrascht, der zog ja ziemlich plötzlich auf. Sie fuhr Richtung Leuchtturm.“ Mit diesen Worten zeigt der ältere Herr weiter Richtung Nordosten, zur Spitze der Landzunge, auf der sie sich gerade befinden. „Komisches Wetter heute“, fährt er dann fort. „Da oben am Leuchtturm zieht auch schon wieder Nebel auf.“
„Huh“, macht Ethan. Interessant. „Sonst was aufgefallen?“
Der Mann schüttelt den Kopf. „Nichts. Nur Leyya“ – er zeigt auf seine Boxer-Hündin, die ihren Namen hört und fröhlich wedelt – „mochte sie nicht. Hat vermutlich den Neoprengeruch in die Nase bekommen.“
Neopren? Riecht das überhaupt? „Mmmhm“, macht Ethan, „danke. Schönen Tag noch“. Er hebt die Hand zum Abschied, während der Mann und seine Hündin langsam weiter den Strand entlangspazieren. Die beiden sind schon einige Schritte weiter, da fällt Ethan noch etwas ein. Elende Watte im Kopf, verdammt. „Oh! Moment!“
Der Spaziergänger hält an, dreht sich nochmal um. „Ja?“
„Sind Sie oft hier?“
„Fast jeden Tag, ja.“
„Schon öfter gesehen? Die Surferin, mein ich.“
Der ältere Herr überlegt einen Moment. „Im Sommer sind ja viele Surfer hier, aber jetzt im Herbst? Hm, Sie haben recht. Ich glaube, ich habe sie wirklich schon ein paarmal gesehen. Auch am Strand, aber immer nur aus der Ferne. Lustigerweise immer, wenn das Wetter so neblig war wie heute. Sie scheint das zu mögen.“
„Mmhmm. Danke.“
Jetzt geht der Mann endgültig weiter, und auch Ethan wendet sich ab. Huh. Interessant.

Konzentrier dich, ermahnt Emily sich selber, er weiß was er tut. Sie dreht sich noch ein paarmal um, bis Ethan aus ihrem Blickfeld verschwunden ist. Etwas mulmig ist ihr bei der Sache zwar zumute, aber schließlich ist Ethan ein erfahrener Jäger und weiß, was er sich zutrauen kann, wenn er alleine ist, aber andererseits ist da auch diese Pearl, die ihm gehörig den Kopf mit einem Zauber oder was auch immer verdreht hat. Aber er machte jetzt nicht den Eindruck, als wäre er hilflos, und wenn was ist, wird er sich schon bei ihr melden.
Beim Hotel angekommen, geht sie direkt zur Rezeption, drückt auf die Rufklingel und wartet auf den alten Mann, welcher auch nach kurzer Zeit angeschlurft kommt. “Ja bitte, was kann ich für Sie… ach Sie sind es? Stimmt etwas nicht mit dem Zimmer?” Emily schaut einen Moment irritiert. “Zimmer? Achja, eh, neee, das scheint schon in Ordnung zu sein. Wollte mal fragen, ob Sie die junge Surferin kennen, die sich wohl öfter unten am See aufhält. Hm, Pearl nennt sie sich, glaub ich.” Der Mann wirkt etwas erbost. “Ich weiß, von wem Sie reden, aber nein, nicht näher, und den Namen habe ich noch nie gehört. Habe die junge Frau nur einige Male aus der Ferne gesehen, sie macht sich öfter an junge Männer heran und verschwindet dann mit ihnen, muss wohl hier in der Nähe wohnen, so oft, wie sie da sein soll. Ich selber habe sie nur ein paarmal gesehen.” “Eine Ahnung, wo sie mit denen hingeht oder wo sie wohnt?” Der Mann verengt ein bisschen die Augen. “Sie sollten sich einen Gefallen tun und sich von ihr fernhalten. Und passen Sie gut auf den jungen Mann auf.” Dann stutzt er kurz. “Wo steckt er denn, lässt er eine Dame wie Sie hier alles regeln?” Emily atmet einmal tief durch. “Er ist nur, hm, ein Arbeitskollege und hat gerade andere Dinge zu tun. Aber danke. Wo finde ich denn die Lifeguard Station?” “Oh, dann verzeihen Sie vielmals, aber woher das ganze Interesse?” Emily flucht innerlich, dass war anscheinend zu viel des Guten. Sie bemüht sich um ein freundliches Lächeln, was dem Alten aber zu genügen scheint. Dann beschreibt er ihr noch den Weg, wie sie zu der Station kommt. Emily bedankt sich nochmal und macht sich auf dem Weg.
An der Station sitzen zwei gelangweilte Männer mittleren Alters die sich, als Emily die Räumlichkeiten betritt, erfreut aufblicken, auf sie zugehen und ihr die Hand hinhalten. “Schönen guten Tag, kann man Ihnen behilflich sein?” Sie schaut kurz auf die Hände und macht eine abwehrende Bewegung. Die beiden schauen sich kurz an und lassen ihre Hände wieder sinken. “Also Miss, wo drückt der Schuh?” Kurz und knapp tischt Emily den beiden das Gleiche auf wie dem Hotelbesitzer, aber viel Neues lernt sie von den beiden nicht auch nicht wirklich. Aber immerhin erfährt sie, dass nicht alle Toten wirklich ertrunken sind, sondern einige schon vorher tot waren, vermutlich Herzinfarkt oder sowas, aber Genaueres können sie auch nicht sagen.
Die beiden erzählen Emily bereitwillig alles Nötige, aber was es mit dem Nebel auf sich hat oder wie er zustande kommt, dafür haben sie auch keine Erklärung. Den Namen Pearl haben sie schon mal gehört und die junge Frau auch gesehen, aber als sie zu ihr hin gingen, war sie auf einmal wie von Geisterhand verschwunden.
Emily schaut kurz auf die Uhr und verabschiedet sich von den beiden, dann geht sie gedankenverloren zurück zum Hotel und wartet am Auto auf Ethan.

Zum Leuchtturm ist es nicht weit. Etwas über eine Meile oder so. Dort ist man zwar kurz vor Schließung, aber das ist vielleicht gar nicht das Schlechteste. Ethan wartet ab, bis die Leute das Museum absperren und gehen wollen, bevor er sie anspricht. Hier oben ist es zwar ein bisschen trübe und diesig, aber nicht neblig, und es scheint auch nicht, als zöge es sich dichter zusammen. Komisch… eigentlich hatte Ethan schon fast gedacht, dass Pearl irgendwie mit dem Nebel zu tun hat. Dass sie den Nebel ruft, oder verursacht, oder ihn mit dünnen Banden um sich herum webt – wie eine Liebkosung, wie die zarte Berührung ihrer Fingerspitzen auf Ethans Wange, wie der warme Hauch ihres Atems auf seiner Haut, ihrer Lippen an seinem Ohr… Nein, verdammt! Wütend schüttelt er den Kopf und marschiert auf den Leuchtturm und das angrenzende Museumsgebäude zu.
Nur wissen die Leute dummerweise dort auch nicht sonderlich viel. Dass in letzter Zeit, seit einigen Monaten vielleicht, immer mal wieder dichter Nebel aufzieht, ja. Dass Menschen ertrunken aufgefunden wurden, einige davon aber tatsächlich auch ohne Wasser in den Lungen. Dass sich seit einer Weile, einigen Monaten vielleicht, tatsächlich eine blonde junge Frau, oft im Surferdress, manchmal aber auch in einem leichten blauen Sommerkleid oder schlicht in einem Badeanzug oder Bikini, häufiger am Strand aufhält, manchmal alleine, aber häufig sei sie wohl auch auf einem Date.
Bei dieser letzten Auskunft fährt ein heißer Stich der Eifersucht durch Ethan, den er mit einiger Mühe niederkämpft, während gleichzeitig ein Bild von Pearl im überaus knappen Bikini, dessen sie sich langsam und demonstrativ entledigt, vor seinem inneren Auge erscheint. Das Bild kämpft er mit ebensolcher Mühe nieder, fragt stattdessen, ob – Pearl, will er sagen, will er zärtlich raunen – die junge Frau auch schon mal zum Leuchtturm selbst gekommen sei, vielleicht eben auf einem ihrer – er bekommt das Wort kaum heraus – Dates. Aber nein, das nie, sie scheint sich mit Strandspaziergängen und Surf- oder Schwimmtouren zu begnügen, und die jungen Männer und Frauen, mit denen man sie aus der Ferne gesehen hat, wohl auch.
Mmhm. Da es hier wohl nichts weiter herauszufinden gibt, macht Ethan sich auf den Rückweg. Er lässt sich Zeit, wandert nicht die Straße entlang, sondern erst den felsigen Grünstreifen, dann den Strand hinunter und sieht sich dabei aufmerksam um. Aber in der etwa halben Stunde, die er unterwegs ist, findet er nichts von Bedeutung, und langsam wird es dämmrig, dann dunkel. Die zwei Stunden, die Emily genannt hat, sind beinahe vorüber. Ethan muss unwillkürlich ein bisschen lächeln, als er an sie denkt, an die Worte, die sie ihm mitgegeben hat und die von ihrer Sorge um ihn zeugen, und für einen Moment verschwindet jeder Gedanke an Pearl aus seinem Geist. Für diesen kurzen Moment fühlt er sich leicht und frei, aber dann tritt wieder das Bild der blonden Surferin vor seine Augen, wie sie ihre Mähne ausschüttelt und ihn mit ihrem vollen Kussmund anlächelt, und Ethan muss alle Kraft aufbieten, um das Bild nach unten zu drängen.
Eine Meile südlich des Leuchtturms ist wieder Nebel aufgezogen, aber das macht nichts. Das Hotel wird er trotzdem finden, so verwinkelt ist die Landschaft hier nicht. Und wenn er dort ist, dann wird er Emily sagen, was–
„Ethan.“ Die Stimme dringt aus der Dunkelheit an seine Ohren, weich wie Samt, und dann tritt Pearl auf lautlosen, bloßen Füßen auf ihn zu. „Du bist gekommen. Wie schön.“ Sie lächelt ihn an, und Ethan sieht nichts außer ihrem Lächeln. „Natürlich bist du das. Du konntest ja gar nicht anders. Komm.“

Als Ethan nicht auftaucht, geht Emily alleine zum Strand und schreibt Ethan von unterwegs eine kurze SMS, damit er weiß, wo sie ist. Sie macht sich zwar Gedanken, weil er ihr nicht mal geschrieben hat, aber gut, wer weiß schon, was ihn aufgehalten hat. Sie bewegt sich in der Dunkelheit verborgen. Als sie die Stelle erreicht, wo sie Pearl zuletzt gesehen hatte, versteckt sich Emily hinter einem Mäuerchen, das den Strand von der Promenade trennt, und beobachtet den Strand.
Sie hat sich gerade niedergelassen, als sie eine Stimme hört. Sie kann sehen, wie Ethan sich mit jemandem unterhält, der vom Ufer zu kommen scheint. Ist das etwa Pearl? Hat sie ihn abgefangen, oder war das beabsichtigt? Theoretisch schien Ethan ja nichts dagegen gehabt zu haben, wenn Emily ihn begleitet hätte, es war doch ihre Idee, sich aufzuteilen. Emily beobachtet die Szenerie erst einmal und wartet ab, um auf gar keinen Fall zu früh einzugreifen. Sie schaut die beiden Gestalten an und beobachtet, was sie tun. Während sie dort ausharrt, kreisen ihre Gedanken. Was, wenn er hier doch nur seinen Spaß will, vielleicht sieht sie selbst schon Monster, wo keine sind, und schließlich ist Ethan erwachsen und kann machen, was er will. Aber fest steht, dass mit dieser Pearl etwas nicht stimmt, das war mehr als deutlich. Auf ihre Jägerinstinkte konnte sie sich bis jetzt immer verlassen. Ethan wirkt auch etwas kühl und ablehnend gegenüber Pearl. Doch die Surferin macht sich ungeniert weiter an Ethan heran, und die Annäherungsversuche gehen eindeutig von ihr aus. Eigentlich sollte es Emily egal sein, aber nein, es ist ihr nicht egal. Sie knurrt leise. “Verdammt nochmal.” Ethan steht offensichtlich unter einem Zauber. Sie seufzt nochmal leise und versucht sich auf das Geschehen vor sich zu konzentrieren.
Emily sieht, wie Pearl sich Ethan nähert und auf ihn einzureden scheint, auch wenn Emily kein Wort versteht, aber noch traut sie sich nicht näher heran. Aber wie Pearl mit ihm umgeht, scheint es fast vertraut zu sein, zumindest von Pearl aus betrachtet. Sie atmet ruhig, wartet auf den richtigen Zeitpunkt, um loszuschlagen. Die Schlampe wird sich das nächste Mal gut überlegen, ob sie nochmal irgendwelche Männer bezirzt und verzaubert. Emily geht Ethans Gesichtsausdruck einfach nicht aus dem Kopf, als er sagte, dass etwas nicht stimme und dass es sich anfühle wie damals. Sollte die Surferin das sein, was sie vermutet, dann stellt sich die Frage nicht, ob Emily Pearl verschont oder nicht, dann wird sie sie töten.

Ethan zieht die Stirn in Falten. Wie meint sie das, ‘du konntest nicht anders’? Zögernd geht er auf die Surferin zu: Es kann ja nichts schaden, sich anzuhören, was sie will.
“Komm”, wiederholt Pearl, “wir gehen schwimmen.”
Schwimmen? Jetzt? Gut, es mag ein für Mitte Oktober ungewöhnlich warmer Tag gewesen sein, aber dieser Einfall wäre Ethan jetzt nicht gekommen. Und wie kommt Pearl auf die Idee, er würde mit ihr schwimmen gehen? “Jetzt?” spricht er seinen Gedanken laut aus, und die blonde Surferin lächelt ihn verführerisch an. “Ja, jetzt”, schnurrt sie mit rauchig-samtiger Stimme und zwinkert ihm dann in eindeutiger Geste zu, “schwimmen… und mehr. Sag nicht, du hast noch nie ohne gebadet? Na komm. Du wirst dich jetzt doch nicht zieren, mein Großer, oder?” Ihre Stimme hat einen seltsamen Unterton. Lauernd. Beinahe triumphierend. So, als könne sie sich im Leben nicht vorstellen, dass er ablehnen könnte.
Aber warum sollte er auch? Es ist dunkel, und das Wasser plätschert so einladend an den Strand. Ja, er hat tatsächlich Lust, schwimmen zu gehen. Ja, warum nicht? Mit langsamen, beinahe tranceartigen Bewegungen zieht Ethan seine Jacke aus und nimmt den Ausrüstungsgürtel ab, lässt beides in einem unordentlichen Haufen zu Boden fallen, bevor er die obersten Knöpfe seines Hemdes öffnet und es über den Kopf streift. Doch in der Bewegung des Ausziehens kommen seine Finger an das Halstuch, das Emily ihm überlassen hat und das er seitdem relativ häufig trägt, weil es tatsächlich ziemlich nützlich ist und sich außer seinem eigentlichen Zweck auch noch für alle möglichen anderen Aufgaben einsetzen lässt. Die Berührung mit dem dunklen Stoff ist wie ein Stromschlag, wie ein frischer Wind, der einen Dunst wegweht. Ethan hält inne. Was zum Geier tut er da? Er kann jetzt nicht schwimmen gehen. Er will jetzt nicht schwimmen gehen! Nicht mit ihr! Er sieht Pearl an und schüttelt den Kopf.
Die Miene der jungen Frau wandelt sich. Kurz zieht etwas wie Wut über ihr Gesicht, und auch wenn sie Ethan weiter anstrahlt, wirkt ihr Lächeln für einen Moment gezwungen. Ihre Stimme bleibt zwar samtig, nimmt aber ganz versteckt einen scharfen Klang an, als sie sagt: “Du willst mir diesen Wunsch doch nicht abschlagen.”
Pearl hat gar nicht mehr ihren Neoprenanzug an, fällt es Ethan jetzt auf. Stattdessen trägt sie einen Badeanzug, der trotz der Dunkelheit ihre endlos langen Beine aufblitzen lässt. Lasziv wirft die Surferin ihre blonde Mähne hinter die Schulter und kommt einen Schritt näher. “Wir werden schwimmen gehen.”
Ja. Sie werden schwimmen gehen. Ethan knotet das Halstuch auf und legt dann auch Stiefel, Socken und Jeans ab, bevor er sein Gegenüber ansieht. “Na gut.”
Pearl lächelt. “So ist es besser.” Mit einem anzüglichen Lächeln deutet sie auf seine Boxershorts. “Und den Rest auch noch.”
Nein. Nein. Auf keinen Fall. Mit der blonden Fremden schwimmen gehen, vielleicht. Aber nicht ganz ohne. Nein. Wieder schüttelt Ethan den Kopf, und diesmal sieht Pearl beinahe etwas verwirrt aus, kommt es ihm vor, bevor sie die Zähne zusammenbeißt und ihn ungehalten anstarrt. “Zieh. Sie. Aus.”
Ja. Ohne die Shorts wäre er freier. Ungezwungener. Aber das kann er nicht bringen. Das wäre völlig falsch. “Nein”, sagt er fest.
Zwischen Nase und Oberlippe spürt Ethan Wärme. Ganz unwillkürlich berührt er die Stelle, und als er seine Hand wieder wegnimmt, ist die Spitze seines Zeigefingers feucht und klebrig, und er riecht Blut. Sämtliche Alarmglocken schrillen in Ethans Kopf, aber nur leise und in weiter Ferne. Pearl sieht auf die Stelle und seufzt beinahe unmerklich, dann winkt sie ab. “Du darfst sie anlassen”, erklärt sie huldvoll, “aber komm jetzt. Ich werde dir eine Zeit bereiten, wie du sie noch nie erlebt hast.”
Damit streckt sie die Hand aus, und Ethan ergreift sie. Folgt ihr ins Wasser.

Emily schaut sich halb interessiert, halb ungläubig an, was Ethan da eigentlich treibt. Fassungslos schaut sie zu, wie Ethan langsam ein Kleidungsstück nach dem anderen ablegt. Sie sieht, wie er zögerlich innehält, als er das Tuch berührt, aber kurz darauf doch den Rest seiner Kleidung abstreift. Dann beobachtet sie, wie Pearl Ethans Hand greift und zusammen mit ihm zum Wasser geht. Jetzt kann Emily nicht mehr warten, Ethan scheint zur Zeit völlig unter Pearls Fuchtel zu stehen.
Sie springt so leise wie möglich über das Mäuerchen und geht zügig auf beide zu. Als sie nah genug ran ist, wirft sie eines der Messer auf Pearl. Pearl sieht Emily zwar kommen, schafft es aber nicht mehr ganz, dem Messer auszuweichen. Das Messer zieht knapp an Ethan vorbei, streift aber nur Pearls Schulter und landet im seichten Wasser.
“Glaubst du wirklich, ich lass ihn einfach von dir umbringen, du Drecksvieh?“
Pearl zieht kurz eine Grimasse in Emilys Richtung, greift sich mit der freien Hand kurz an ihren Hals, wo sie eine Kette mit einer einzelnen Perle trägt, die kurz aufleuchtet. Ganz schwach kann Emily erkennen, dass die kleine Wunde an der Schulter sich wieder schließt. Pearl wirft Emily einen siegessicheren Blick zu und will mit Ethan weitergehen.
Emily schaut voller Verachtung und Zorn auf Pearl und folgt ihnen zügig zum Ufer. Sie befürchtet, wenn sie einmal im Wasser sind, dann gibt es keine Chance, Ethan zu retten. “Ethan, tu es nicht.”

Das kühle Wasser des Lake Erie berührt Ethans Fußsohlen wie eine Liebkosung. Dasselbe Wasser streichelt auch Pearls zarte Haut, ist ihm überdeutlich bewusst, ebenso wie ihre Lungen dieselbe Luft atmen wie die seinen. Der Gedanke lässt ihn wohlig erschaudern, aber irgendetwas daran ist falsch. Irgendetwas daran stimmt nicht, und er drängt ihn nach unten. Er will auch nicht, dass sie ihm eine Zeit bereitet. Nicht so. Schwimmen gehen, ja. Aber nicht das. Da. Da ist. Da gibt es. Einen Grund, warum nicht. Aber was für einen? Sein Kopf ist ganz vernebelt. Er muss übermüdet sein oder sowas. Eine erfrischende Schwimmtour mit der blonden Schönen an seiner Seite ist vielleicht gerade das Richtige, um ihn wieder zu sich zu bringen. Noch ein Schritt. Das Wasser umspielt seine Knöchel, und seine Zehen graben sich in den weichen Sand unter dessen Oberfläche. Gut fühlt sich das an. So weich. So weich wie Pearls Haut, wenn sie nachher, nach dem Schwimmen–
Eine Klinge zischt an ihm vorbei, ritzt Pearls Schulter. Kurz zieht die blonde Surferin die Luft ein, dann ein sanftes Leuchten an ihrer Halsgrube. Ein sanftes Leuchten an ihrer Halsgrube und ein Kratzer, der sich schließt. Pearl lächelt triumphierend, und Ethan kann den Blick nicht von diesem Lächeln abwenden. Der Druck um Ethans Hand verstärkt sich, zieht an ihm. Er folgt.
“Ethan. Tu’ es nicht.”
W– waswer? Diese Stimme. Emily. Emily. Ihre Warnung, nein, vor allem der besorgte Klang ihrer Stimme, reißt ihn aus dem Nebel. Abrupt bleibt Ethan stehen. “Emily…” Sein Kopf dröhnt. Was tut er hier? Das will er doch gar nicht tun. Auf gar keinen Fall. Pearl… Pearl hat irgendwas mit ihm gemacht, hat ihn beeinflusst. Wie Coleen. Es fühlt sich genauso an wie in dem Hexenhaus. Und vorher wie… wie. Wie als er die Warnungen des Fluchs gehört, aber nicht beachtet hat. Aber jetzt ist er wieder bei sich. “Raus aus meinem Kopf!!” brüllt er die blonde Hexe an und stürzt sich wütend auf sie.
Überraschung geht über Pearls Gesicht, dann hebt sie die Hand. “Stop”, zischt sie in Ethans Richtung, und für eine Sekunde kann er richtiggehend spüren, wie etwas wie eine Druckwelle von ihr ausgeht. Von ihr aus und in ihn hinein, und das Gefühl der klebrigen Wärme auf seinem Gesicht verstärkt sich. Und dann hat er nur noch Pearls Duft in der Nase, sieht, wie ihr blondes Haar ihr feingeschnittenes Gesicht umspielt, wie die Perle an ihrem Hals dessen Schwung betont, und er will endlich mit ihr allein sein.

Emily bemerkt, wie ein Ruck durch Ethan geht und er kurz stehen bleibt, dann aber von Pearl weitergezogen wird. Plötzlich brüllt Ethan Pearl an und scheint sie anzugehen. Emily weiß nicht genau, was es war, aber der Zauber scheint gelöst, sie ist nur noch ein paar Meter entfernt, dann kann sie Ethan zu Hilfe kommen, aber auch Pearl brüllt Ethan etwas entgegen und abrupt hört Ethan auf mit seinen Bewegungen und steht für mehrere Augenblicke einfach nur da. Sie wirft einen flüchtigen Blick auf Ethan, mustert ihn kurz, bevor sie den Blick abwendet und sich Pearl zuwendet.
“Verdammt! Nein.” Emily sprintet los und reißt Pearl um, dass sie beide im knietiefen Wasser landen. Emilys Kleidung saugt sich sofort mit dem kalten Seewasser voll und wird unendlich schwer und klebt an ihrer Haut. Pearl spricht zornig auf Emily ein. “Langsam fängst du wirklich an zu nerven, du Göre. Ethan gehört jetzt mir.”
Emily war durchaus bewusst, dass sie im Wasser die schlechteren Karten hat. Womöglich zieht Pearl sogar ihre Kraft aus dem Wasser, aber das ist Emily egal, solange sie es schafft, Pearl von Ethan abzulenken. Plötzlich packt Pearl Emily, schleudert sie auf den Rücken und drückt sie unter Wasser. MistMistMist. Dumme Idee, das war so eine dumme Idee. Emily hält die Luft an, so gut sie kann, schluckt aber Wasser, während sie sich zur Wehr setzt und es nur mit Mühe und Not schafft, sich loszureißen. Sie kann Pearls Griff um ihren Hals lockern und tritt Pearl vor die Brust, dass sie mit einer Hebelbewegung rücklings nach hinten stolpert. Emily kommt schnaufend und spuckend nach oben und braucht kurz, um sich zu sammeln und zu orientieren, sie muss reflexartig husten und hustet Wasser mit heraus, sie weiß, sie darf Pearl nicht entkommen lassen. Sie spürt, wie die Kälte unter ihre Haut kriecht und der Wind an ihr zerrt.
Fluchend steht Pearl ein Stück weg. “Miststück!” brüllt sie Emily entgegen. Emily brüllt schwer atmend zurück: “Ethan gehört niemandem, er kann selbst entscheiden, mit wem er seine Zeit verbringt. Aber du musstest ja einen Zauber auf ihn legen, Dreckshexe. Er will dich doch gar nicht.” Der letzte Satz kommt nur mit halber Lautstärke raus. Aus dem Augenwinkel sieht Emily ihr Messer aufblitzen.
Emily will sich zwischen die Schönheit und Ethan bringen, bemerkt jedoch zu spät, dass sich Algen um ihre Beine geschlungen haben, so dass sie auch keine Chance hat, an ihr Messer zu kommen. Pearl grinst nur süffisant.
Das erste Mal seit langer Zeit fühlt sie sich hilflos, und sie verspürt Angst, gar nicht um ihr eigenes Leben, sondern dass sie es nicht schafft, Ethan zu retten.

Fasziniert starrt Ethan in Pearls Gesicht. Sie ist so schön. Und ihre Miene enthält ein Versprechen, das nur ihm allein gilt und das sie einlösen wird, sobald sie endlich Zeit füreinander haben. Er kann es kaum erwarten zu sehen, wo sie ihn hinführen will. Auf eine Insel im See vielleicht? Oder an ein lauschiges Plätzchen am Strand? Aber eigentlich tut das rein gar nichts zur Sache. Er spürt auch das Blut auf seinem Gesicht nicht mehr. War da je welches? Und wenn.
Mit einem Mal wird Pearl von einer wütenden Gestalt von den Füßen geworfen. Sogar derart aus dem Gleichgewicht gebracht, sieht sie noch wunderschön aus, ja sogar noch mehr als vorher. Wie das Wasser sie umspielt… sie damit eins zu werden scheint… Es ist wirklich und ganz ihr Element, und Ethan kann sie nur bewundernd betrachten. Die blonde Surferin lässt sich von der überraschenden Attacke kein Stück beeindrucken, sondern faucht ihre Angreiferin nur ungehalten an und dreht dann kurzerhand den Spieß um, indem sie ihre Gegnerin unter Wasser drückt. Was hat sie gesagt? Ethan gehört jetzt ihr? Ja. Wenn sie das sagt, wird es wohl stimmen. Es fühlt sich richtig an. Aber irgendwie auch nicht. Es fühlt sich richtig an, aber nur… nur… nur an der Oberfläche. Irgendwas daran, beinahe komplett darunter verborgen, kommt ihm unpassend vor. Gegen wen kämpft Pearl da eigentlich… Ethan runzelt die Stirn. Er müsste es eigentlich wissen… oder müsste er? Ist es nicht völlig unerheblich? Nein. Ein kleines Stimmchen sagt ihm, dass es das nicht ist. Dann kommt Pearls Gegnerin hustend und japsend wieder an die Wasseroberfläche, sichtlich geschwächt, und eine kalte Hand krampft sich in Ethans Innerem zusammen. Das ist Emily, und Pearl hat sie beinahe ertränkt! „Er will dich doch gar nicht“, sagt sie gerade, und auch das fühlt sich richtig an, und zwar jetzt wirklich richtig. Ganz ohne diese Falschheit unter der Oberfläche, auch wenn Emilys Stimme zweifelnd und zögernd dabei klingt und dieser unsichere Tonfall Ethan irgendwie einen Stich versetzt, den er sich selbst nicht erklären kann. Die junge Jägerin sieht aus, als wolle sie sich zur Seite werfen, aber sie kann nicht. Irgendetwas hält sie fest, und ihr Gesicht spricht von… nicht Verzweiflung. Aber… etwas. Etwas, das Ethan von ihr so nicht kennt. Angst.
Ethan spürt, wie all diese Überlegungen durch seinen Kopf wandern und dabei die Watte von seinen Gedanken wegblasen. Da ist Emily, und sie ist in Gefahr, und er muss ihr helfen!
Das, wonach sie sich eben strecken wollte, ist das Messer, das sie nach Pearl geworfen hatte. Emily wird von Algen festgehalten, erkennt Ethan jetzt, und kann sich deswegen nicht bewegen, aber er kann es endlich wieder. Bevor Pearl merken kann, dass er ihrer Kontrolle entkommen ist, macht Ethan einen Sprung zu der Waffe hin und schnappt sie sich, macht sich dann an Emilys Fesseln zu schaffen. Er hat keine Ahnung, ob er es irgendwie hinkriegen kann, jetzt den Einflüsterungen der Hexe nicht mehr zu unterliegen, aber er muss einfach. Er muss. Mit einem letzten Schnitt lösen sich die Algen von Emilys Füßen, und Ethan atmet erleichtert auf. „Bleib draußen“, zischt er dann wütend in Richtung der blonden Surferin.

“Warte… nicht… töte… “ zögernd stammelt Emily vor sich her und versucht Ethan halbherzig davon abzubringen, ihr zu helfen. Sie fasst ihn an seine Schulter und berührt diese eher zaghaft. Jetzt erkennt sie auch, dass er aus der Nase blutet. Erneut wallt Wut in ihr auf. “Dafür wirst du sterben, Schlampe.” Ethan macht gerade den letzten Schnitt, und sie ist wieder frei, sie stellt sich sofort vor ihn, aber nicht für lange, denn Pearl kommt eben auf die beiden zu und will Ethan davon abhalten. Emily spricht mit Ethan, ohne ihn anzusehen. “Geh, ich krieg das hier schon hin.” Sie bewegt sich zügig auf Pearl zu, schlägt ihr voller Wucht mit der Faust ins Gesicht und stößt sie dann Richtung Strand. Etwas überrascht taumelt die Surferin ein wenig zurück, die blonde Schönheit hatte zwar mit einem Angriff seitens Emily gerechnet, jedoch nicht mit einem Fausthieb. Aber dessen Wirkung hält nicht lange an, und Pearl fängt sich wieder und will sich von Emily nicht zurückdrängen lassen, denn Pearl will auf gar keinen Fall will aus dem Wasser raus.

Im ersten Moment versteht Ethan nicht, was Emily ihm da sagt. Dann wird es ihm klar: Sie will, dass er sich Pearl vorknöpfen soll, statt die Algen zu zerschneiden und Emily zu befreien, aber das ist keine Option. Ethan weiß nicht, wie lange er die Kontrolle behalten kann, und wenn Pearl ihn wieder unter ihre Fuchtel bekommt und Emily ist noch gefangen, dann… dann.
Sobald er sie freigeschnitten hat, will Emily ihn wegschicken – er weiß warum: damit er außerhalb von Pearls Einflussbereich in Sicherheit kommt -, aber das ist genausowenig eine Option. Er kann Em– Emily nicht alleine lassen. Und er hat eine Rechnung mit diesem Miststück offen, verdammt. Mit einem wilden Knurren wirft er sich auf die blonde Surferin. Was sie auch sonst tut, er muss alles versuchen, damit sie ihn nicht nochmal kriegt. Mund zuhalten. Nein. Ausknocken. Besser ausknocken. Sicherer.
Aber bevor Ethan bei seiner Gegnerin angekommen ist, treibt Emily sie mit einem Faustschlag ein Stück in Richtung Ufer. Für einen kurzen Augenblick strauchelt die Blondine, und kurz geht ihre Hand zu der Perle an ihrem Hals, bevor sie erstaunlich schnell ihre Balance wiederfindet. Mit einem hektischen Blick sieht Ethan sich um. Hexe… wasserverbunden… wo ist ihr Vertrautentier? Bestimmt auch im Wasser. Ein Otter vielleicht, oder eine Wasserschlange? Aber da ist nichts zu sehen. Seltsam. Aber keine Zeit für einen längeren Blick. Zuschlagen. Ganz ähnlich wie Emily jagt Ethan mit voller Wucht der Surferin die Faust ins Gesicht – aber anders als Emily nicht auf ihren Wangenknochen, sondern in einem seitlichen Schlag gegen ihren Kiefer. Pearls Kopf ruckt zur Seite, und Ethan denkt schon, sie fällt von dem Treffer um, aber wieder behält die Hexe das Gleichgewicht. Und täuscht Ethan sich, oder hat ihr Gesicht für einen ganz kurzen Moment… geflackert, als liege eine Tarnung darüber?

Die Perle um Pearls Hals leuchtet wieder kurz auf, und ihre Blessuren, die sie am Kopf davon getragen hat, verschwinden wie zuvor der Schnitt, den Emily ihr beigebracht hatte. Pearl schaut Ethan, der direkt vor ihr steht, tief in die Augen, und es geht wieder eine Druckwelle von ihr aus, wenn auch diesmal nur sehr schwach. “Du willst mich doch gar nicht verletzen. Du willst ihr wehtun”, sagt sie und zeigt dabei auf Emily. “Wegen ihr können wir unsere Zweisamkeit nicht genießen. Sie ist uns im Weg. Du musst sie loswerden.” Sie geht noch einen Schritt näher auf Ethan zu und versucht sanft über seine Wange zu streicheln und ihm einen Kuss zu geben.
Emily steht noch etwas entfernt und erstarrt kurz bei dem Anblick, wie Pearl sich ein weiteres Mal um Ethan bemüht. Sie ruft Ethan noch entgegen: “Nein. Ethan. Sei vorsichtig.”
Sie zieht ihr zweites Messer, bewegt sich langsam auf die beiden zu, traut sich derzeit aber nicht näher an die beiden heran und versucht, beide gleichermaßen im Auge zu behalten. Beobachtet Ethan genau, sie weiß nicht was sie tun soll, wenn er sich jetzt tatsächlich gegen sie stellt. Sie versucht weiter auf Ethan einzureden. “Wir müssen sie aus dem Wasser schaffen.”

Wieder kann Ethan die Präsenz spüren, die ihm in den Kopf fährt, den Willen, der nicht sein eigener ist. Aber anders als eben ist es zwar ein Bewusstsein dieses fremden Willens, aber der ist eher ein… ein… eher ein Vorschlag. Anders kann er es nicht beschreiben. Er erwidert Pearls Blick und merkt dabei, wie beinahe so etwas wie ein grimmiges Lächeln über sein Gesicht zieht. Als die Blondine dann auf ihn zukommt und die Hand hebt, um seine Wange zu streicheln, tritt er einen Schritt beiseite, und das grimmige Lächeln vertieft sich noch um eine Spur. “Nein.”
Pearl faucht wütend auf, und ihre Augen verändern sich, werden für einen Moment zu einem irisierenden Lila-Grün. “Du… du…”, zischt sie außer sich und sieht hektisch, beinahe verzweifelt, zwischen Ethan und Emily hin und her. Dann fährt sie mit einem Mal herum und wirft sich ins kniehohe Wasser, will offensichtlich schwimmend abhauen, auch wenn das Wasser so nah am Ufer eigentlich noch viel zu flach ist, um zu schwimmen. Aber irgendwie bewegt die Blondine sich viel geschmeidiger und geschickter, als sie das eigentlich dürfte. Und irgendwie… irgendwie bewegt sie sich nicht, wie ein Mensch das tun würde. Ihre Beine… Im Wasser kann Ethan das nicht so richtig sehen, aber es geht eine Verwandlung mit Pearl vor. Oder vielleicht wirft sie auch nur den Zauber ab, mit dem sie sich die ganze Zeit über getarnt hatte, denn plötzlich schlagen lila-grün irisierende Flossen im flachen Wasser, und lila-grün irisierende Schuppen ziehen sich einen schlanken Fischschwanz entlang bis zu Pearls Hüfte, vom selben Lila-Grün, wie ihre Augen es eben schon waren und wie ihre Haare es plötzlich sind. “Nein!” ruft Ethan wieder und wirft sich ihr hinterher. Doch keine Hexe, aber ganz egal, was sie ist, sie darf nicht entkommen! Die Sirene ist schnell, verdammt schnell. Fast ist sie schon aus seiner Reichweite, aber mit seinem – Emilys – Messer bringt er ihr dennoch einen Schnitt in ihren Fischschwanz bei, den Pearl durch ihre Fluchtbewegung selbst noch verlängert. Sie kreischt auf und hält inne, während ihre Flosse aufpeitscht, und erneut geht Pearls Hand an ihren Hals, und die Wunde schließt sich.

Als Pearl aufkreischt und kurz innehält, nutzt Emily die Gelegenheit: Sie springt Pearl in den Weg und greift sie mit ihrem Zweitmesser an, fügt ihr aber nur einen Kratzer am Arm zu. Gleich darauf sticht sie aber noch einmal mit dem Messer zu und erwischt die verwandelte Surferin an der Schulter, wo sie ihr einen tiefen Stich versetzt. Wieder faucht die Nixe, aber diesmal in Emilys Richtung, und funkelt sie finster an. Sie versucht, an Emily vorbei zu kommen, doch Emily erwischt sie ein drittes Mal am Rücken und verursacht auch dort eine leichte Verletzung.
Pearl zuckt zurück und scheint für diesen Moment zwischen Ethan und Emily gefangen zu sein. Pearl hat Schwierigkeiten, beide Jäger im Auge zu behalten; sie verharrt eine Zeitlang zwischen ihnen und nutzt den Augenblick, um sich wieder mit Hilfe ihrer Perle zu heilen. Die Perle leuchtet ein letztes Mal auf, verblasst aber schnell; es scheint fast so, als reiche ihre Kraft nicht aus, um all ihre Wunden zu schließen. Die tiefe Wunde an ihrer Schulter verschwindet ganz, und auch die am Rücken scheint sich halbwegs zu schließen, doch nicht vollständig, und so bleibt ein kleiner Ritz am Rücken zurück, ebenso wie der Schnitt am Arm. Die Nixe schlägt mit ihrem Fischschwanz wild um sich und trifft Emily an der Seite, so dass Emily ein ganzes Stück zur Seite weggeschleudert wird und kurz unter Wasser taucht, aber auch Emily fängt sich wieder und taucht mit grimmigem und leicht schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck auf.

Fieberhaft fliegt Ethans Blick schnell zu Emily, dann zu der halb verheilten Wunde an Pearls Rücken und dem Schnitt an ihrem Arm. Zählt eins und eins zusammen. Die verdammte Perle ist leer, das Miststück kann sich nicht mehr heilen. Dann jetzt! Mit einem schnellen Sprung ist Ethan bei der Sirene und jagt ihr das Messer zwischen die Rippen. Pearl zuckt zur Seite weg, so dass der Stich nicht so tödlich trifft, wie Ethan das gehofft hatte, aber dennoch ist die Wunde tief und fängt sofort an zu bluten. Ethan hebt den Arm, um ein weiteres Mal zuzustechen – keine Perle mehr, sie kann nicht heilen! –, aber da fährt Pearl in einer geschmeidigen Bewegung zu ihm herum, dass das Wasser aufspritzt, und schneller, als er reagieren kann, hat sie ihn gepackt und hält ihn fest. Pearls Fingernägel, die länger geworden sind, beinahe Krallen jetzt, graben sich schmerzhaft in seine Oberarme, als die Nixe ihn zu sich zieht und heftig den Mund auf seinen presst. Pearls Lippen fühlen sich kühl auf seinen an, kühl und einladend, oder zumindest würden sie das, wenn Ethan nicht so angewidert davon wäre. Dem Himmel sei Dank ist da nichts, rein gar nichts mehr von Pearls voriger Beeinflussung. “N–”, bekommt Ethan gerade noch so heraus, will die Sirene eben mit Gewalt von sich schieben, da werden ihre Lippen erst warm, dann heiß. Sie zieht scharf die Luft ein, saugt sich förmlich an ihm fest, und Ethans eigene Lippen werden taub, und er kann spüren, wie etwas an ihm zerrt. Etwas… etwas aus ihm herausfließt, langsam erst, dann immer mehr. Sein Blick fällt auf Pearls Augen, die weit geöffnet sind und in eine unergründliche Ferne starren, auf ihre Kehle, die in einem regelmäßigen Takt pulsiert, und auf die Perle, die in genau demselben pulsierenden Takt in ihrem sanften Leuchten aufstrahlt. Auf Pearls Arm, wo der Kratzer, den Emily ihr beigebracht hat, eben verschwindet, genauso wie die tiefe Schnittwunde in ihrer Seite sich langsam zu schließen beginnt. Ethan verschwimmt das Bild vor Augen, und die Knie drohen ihm einzuknicken – oder würden einknicken, wenn er nicht von Pearl aufrecht gehalten würde. Drecksmist, elender, die heilt sich… Lädt ihre Perle wieder auf, an ihm… Er versucht die verwandelte Surferin wegzustoßen, aber sie hat ihn zu fest gepackt, und er hat keine Kraft… keine Kraft mehr… Von den Außenrändern seines Blickfeldes her schrumpft seine Sicht nach innen, wird die Welt grau. Nicht viel Zeit… Ungeschickt tastet er mit der freien Hand herum, bis seine Finger den Halsschmuck berühren… sich darum legen und einen Griff finden… und Ethan dann alle verbliebene Kraft zusammennimmt und dem Miststück das Lederband samt Perle vom Hals reißt.
Die Nixe schreit wütend auf, und ihre Hand fliegt zu ihrer Kehle. Ein entsetzter Blick tritt in ihre Augen, und sie löst sich von Ethan, stößt ihn mit Gewalt weg, dass er im Wasser landet, während Pearl sich umwendet und sich mit einem Sprung zur Flucht in die Fluten wenden will.

Nachdem Emily wieder auftaucht und sich kurz orientiert hat, starrt sie gefühlte endlose Minuten auf Ethan und Pearl und muss mit ansehen, wie die Nixe sich Ethan krallt und ihren widerlichen Mund auf seinen drückt. Emily sieht, dass Ethan sich zu wehren versucht, aber aus irgendeinem Grund es nicht schafft. Ganz im Gegenteil, es sieht beinahe so aus, als verließen ihn die Kräfte, und irgendwas pulsiert an Pearls Hals, wahrscheinlich die verdammte Perle. Zorn kocht in Emily hoch. Das darf doch echt nicht wahr sein, was nimmt die Schlampe sich eigentlich raus? Da Pearl noch mit Ethan beschäftigt ist, merkt diese nicht, wie Emily sich ihr langsam von hinten nähert. Emily versucht möglichst keine Wellen zu schlagen, um die Nixe zu überraschen, doch da schafft Ethan es mit Mühe, Pearl die Perle zu entreißen. Mit einem Mal kommt wieder Bewegung in die beiden, als die Nixe Ethan wegstößt und sich umdreht, um zu fliehen, die Seehexe macht einen Satz und springt geradewegs in Emilys Arme, die geistesgegenwärtig ihr Messer nach vorne hält und Pearl hineinspringen lässt. Emily erwischt die Seehexe nicht tödlich, kann diese aber mit ihrem Messer aufspießen, und da Pearl jede Möglichkeit der Heilung verloren hat, drängt Emily sie langsam zum Strand zurück, beugt sich vor und flüstert leise in ihr Ohr: “Miststück, damit hast du nicht gerechnet, oder? Dafür wirst du jetzt sterben.”
Emilys Augen leuchten ein wenig, und sie drückt die Sirene langsam weiter Richtung Ufer, bis sie fast im seichten Wasser angekommen sind, da bäumt sich Pearl nochmal auf, lässt sich nach hinten fallen und schlägt mit ihrem Fischschwanz zu. Emily kann dem zwar ausweichen, muss aber von Pearl ablassen. Die schwer blutende Sirene bleibt im seichten Wasser sitzen und sucht nach einem Ausweg.
Erst jetzt kommt Emily dazu, einen Blick nach Ethan zu werfen, ohne Pearl wirklich aus den Augen zu lassen. Sie merkt sofort, dass es Ethan alles andere als gut geht, aber das wundert sie auch nicht, von so einem Fischding abgeschlabbert zu werden, ist sicher alles andere als angenehm, und wer weiß, was sie noch mit ihm gemacht hat. Aber er scheint noch er selbst zu sein, und Emily atmet erleichtert auf. Sobald sich Emily der Sirene nähern will, schlägt sie wild um sich, und so bleibt Emily erstmal auf Abstand und hält sie nur in Schach.

Mühevoll rappelt Ethan sich aus dem Wasser auf. Er schwankt etwas und wäre fast wieder umgekippt, kommt aber doch irgendwie auf die Beine. Mit ihrer wild peitschenden Schwanzflosse hält Pearl, die aus einer tiefen neuen Wunde im Bauch blutet, gerade Emily auf Distanz, während sie sich, die andere Jägerin dicht auf den Fersen, langsam wieder etwas mehr auf das offene Wasser zubewegt, und deswegen kann auch Ethan nur schwer an die Sirene heran. Ihm ist ziemlich schwindlig, aber das Miststück darf nicht entkommen, egal wie schwummrig er sich fühlt. Wütend wirft er sich erneut in den Weg der Nixe, die ihm mit ihren krallenartigen Fingernägeln einen Kratzer quer über das Schlüsselbein beibringt. Dann jedoch hält sie inne und sieht Ethan mit ihren verwandelten lila-grünen Augen mitleidheischend an. „Ich wollte doch nur eine schöne Zeit mit dir verbringen… Ethan…“
So wütend, wie das bei dem Schwindel geht, der ihn gerade etwas verschwommen sehen lässt, funkelt Ethan die Meerjungfrau an. „Umbringen. Wie die anderen. Sieh mich an und streit’s ab.“
„Nein”, wispert Pearl, “ich…“ Aber dann bricht die Nixe ab, richtet sich mit funkelnden Augen auf, und ihre Zähne verändern sich, werden länger und spitzer. „Futter, ihr seid Futter“, zischt sie, „und du hättest es genossen!“
Mit diesen Worten schnellt sie, von ihrer Schwanzflosse angetrieben, auf Ethan los und schnappt mit ihren Hauern nach ihm. Nadelspitze Fangzähne rammen sich in seinen Oberarm, den er schützend hochreißt, bevor er mit der Messerhand zustößt und ihr die Klinge wieder, wenn auch etwas wackelig, in die Seite jagt.
Irgendwann muss die verdammte Hexe doch sterben, verdammt!

Emily bekommt mit, dass Ethan wackelig auf den Beinen ist, kann ihm aber nicht helfen, zu groß ist die Gefahr, dass die Sirene flieht. Emily muss mit ansehen, wie Pearl sich verändert und sich auf Ethan stürzt.
“Drecksstück!” schreit Emily die Sirene an, springt Ethan zur Hilfe und wirft sich von hinten auf die Seenixe, packt sie am Hals und versucht sie mühevoll von Ethan wegzuziehen. Pearl kreischt wütend auf, als Emily sie von Ethan wegzerrt.
Pearl dreht sich geschmeidig im Wasser und steht jetzt in voller Größe vor Emily, sie wirkt irgendwie größer als vorher, und Emily schreckt zwei Schritte zurück. Die Sirene greift Emily an den Oberarmen, sodass ihre spitzen Krallen sich in ihr Fleisch bohren.
Emily versucht sich sich zu befreien, aber die Seehexe hat eine Menge Kraft. Die leichten Wunden an ihren Armen brennen, und je länger Pearl sie festhält, umso schlimmer wird es, aber sich darüber Gedanken zu machen, hat Emily keine Zeit. Pearl hat Emily fest im Griff. “Ich werde euch beide aussaugen, und es wird mir eine Freunde sein.” Emily, die weiter versucht, sich loszureißen, verlässt langsam die Kraft im Wasser. Mit einem letzten Unterfangen gibt Emily Pearl eine Kopfnuss. Die ehemalige Surferin lässt kurz locker und schüttelt sich, doch Emily kommt nicht schnell genug weg und wird von der Sirene eingeholt. Diesmal packt die Sirene Emily am Hals, zieht sie zu sich heran und neigt ihren Kopf in Emilys Richtung, um ihr die Lebensenergie auszusaugen.

Oh nein. Das verdammte Biest wird garantiert niemanden mehr aussaugen, und Emily schon gleich gar nicht. Da die Fischfrau von ihm abgelassen und die andere Jägerin am Wickel hat, ist Ethan wieder einigermaßen frei in seinen Bewegungen. Wenn ihm nur nicht so schwummrig vor Augen wäre… Die Sirene hat Emily derart fest gepackt und hält sie so nah an sich gepresst, dass an Zustechen nicht zu denken ist. Von hinten ja, das würde gehen, aber Ethan kennt sich mit Nixenanatomie kein Stück aus. Die Schlampe muss jetzt sterben, und er hat keine Ahnung, wo ihre lebenswichtigen Organe sitzen. Kurz schüttelt Ethan den Kopf, um ihn etwas klarer zu bekommen, dann springt er Pearl in einer Art Football-Tackle auf den Rücken. Sie ist größer geworden mit ihrer letzten Verwandlung, länger und dünner – und das betrifft auch ihren Hals, der jetzt fast ein bisschen so aussieht wie auf diesen Bildern von Afrikanerinnen manchmal. Ethan reißt die Sirene mit sich – Emily auch, aber das kann er gerade nicht ändern – und bekommt irgendwie ihren Kopf und ihre Schultern zu fassen. Wendet alle Kraft auf, die er noch in sich findet, und dreht dem Miststück den Hals um. Lautlos sackt Pearls Körper in sich zusammen und verschwindet halb im niedrigen Wasser. Rührt sich nicht mehr. “Drecksmist”, flucht Ethan, während er sich zu der halb unter der Leiche begrabenen Emily dreht, um sie besorgt hochzuziehen. “Geht’s dir gut?”

Emily weiß im ersten Augenblick gar nicht richtig, wie ihr geschieht, als sie von den Füßen gerissen wird und unter Wasser geht. Doch als Pearl sich über ihr nicht mehr rührt, der Druck an ihren Oberarmen nachlässt und sie von Ethan nach oben gezogen wird, atmet sie erstmal durch, bevor sie antworten kann. “Das war knapp. Aber ja, alles in Ordnung soweit, und bei dir? Siehst schrecklich aus.“ Emily sieht erschöpft und ramponiert aus, und mehrere dünne, verschmierte Blutfäden rinnen langsam ihren Armen herab, aber sie lächelt.
Sorgenvoll betrachtet sie Ethan, wie er sich etwas schwankend auf den Beinen hält und sichtlich mitgenommen vor ihr steht. Emily taucht ihren Ärmel ins Wasser und tupft vorsichtig das Blut von Ethans Nase und aus seinem Gesicht. Sie hält immer wieder ihren Ärmel ins Wasser und lässt ihn vollsaugen, da sie jetzt sowieso schon völlig durchnässt und durchgefroren ist, macht ihr das jetzt auch nichts mehr aus. Mit viel Feingefühl wischt sie das leicht klebrige, verschmierte und angetrocknete Blut ab. Sie bemüht sich krampfhaft, jeglichen Augenkontakt zu vermeiden. Als sie fertig ist, wäscht sie ihren Ärmel aus und räuspert sich. “Vielleicht solltest du dir jetzt wieder etwas anziehen….” Dabei mustert sie ihn von oben bis unten, lächelt schief und vermeidet immer noch, ihm in die Augen zu schauen. “….Sonst erkältest du dich noch.“ Sie schmunzelt leicht, wendet ihren Blick wieder ab und verlässt mit diesen Worten das Wasser.

Verlegen lässt Ethan Emily in dem Moment los, als sie wieder auf den Füßen ist. “Heh”, brummt Ethan dann, als Emily davon spricht, wie schrecklich er aussehe, und erwidert ihr Schmunzeln, “schon mal besser.” Schon mal deutlich besser. Aber auch schon schlechter, wenn er ehrlich ist: Immerhin sind sie beide noch am Leben und vor allem beide noch auf den Beinen.
Angesichts von Emilys Fürsorglichkeit vertieft sich sein Schmunzeln einen Moment später noch etwas. “Ähm, ja… anziehen”, murmelt er dann, deutet aber im nächsten Moment auf die Nixenleiche vor ihnen: “Muss weg.” Ethan fühlt sich immer noch ziemlich wackelig auf den Beinen, aber es hilft ja alles nichts. Wenn der Körper nicht zerfällt, und danach sieht es gerade nicht aus, dann kann der hier nicht bleiben. Und sie können sich auch nicht darauf verlassen, dass es an dieser Stelle eine Strömung auf den See hinaus gibt. “Hier”, sagt er und hält Emily Pearls Kette hin, weil die Gefahr zu groß ist, dass er die sonst im See verliert, dann packt Ethan seufzend die tote Sirene an ihrem Fischwanz und zerrt sie gemeinsam mit Emily nordwärts Richtung Leuchtturm, dorthin, wo der Strand endet und die Felsen beginnen. Dort wird der See schlagartig tiefer, und noch ein Stück weiter finden sie weit genug unterhalb der Wasserlinie einen Spalt im Gestein, in dem sie den Leichnam so verkanten können, dass er so schnell nicht auftauchen wird und auch von oben nicht gesehen werden kann. Der Nebel hat sich mit Pearls Tod verzogen, fällt Ethan jetzt auf, aber glücklicherweise ist es dunkel und außer Emily und ihm kein Mensch zu sehen.
Erschöpft kehrt Ethan zu seinen Sachen zurück und streift sich mit unwillkürlichem Zittern seine Kleider wieder über. Doch ganz schön kühl so.

Bevor Emily das Wasser vollständig verlassen kann, spricht Ethan sie auf die Leiche an, und er hat recht, da sie sich nicht in Luft auflösen wird, müssen sie sich was überlegen. Sie wendet sich ihm wieder zu. “Oh, du hast recht. Ja… ähm.” Sie scheint eine Weile zu überlegen, doch Ethan deutet Richtung Leuchtturm. Er übergibt Emily die Perle zur Aufbewahrung, und sie steckt die Perle erstmal in eine ihrer Taschen und verschließt diese vernünftig, sodass die Perle nicht am Ende noch verloren gehen kann.
Emily schaut Ethan besorgt an, wagt ihm aber nicht zu sagen, dass sie das auch alleine machen könnte. Er sieht zwar angeschlagen aus, sie weiß aber, dass er sie das nicht alleine machen lassen würde. So gut glaubt sie ihn schon zu kennen, und sie ist für jegliche Diskussionen einfach zu erschöpft.
Emily packt den Oberkörper der Sirene und bewegt sich hinter Ethan her, sie macht sich Sorgen, dass ihn die Kraft verlässt, die Sirene hat ihm ganz schön zugesetzt, aber dafür sind sie zu zweit, und sie lässt ihn nicht aus dem Augen.
Nachdem die beiden Jäger die Leiche bei den Felsen im See versenkt und verkantet haben, meint Emily leise zu Ethan: “Meinst du, das reicht so?” Sie schaut etwas skeptisch, vertraut Ethan aber dahingehend, dass das so gehen wird. Jetzt, wo sie die Leiche entsorgt haben, fällt Emily auch auf, dass der Nebel sich gelegt hat, und sie kehrt mit Ethan zu der Stelle zurück, wo seine Kleidung liegt.
Sie geht das Ufer zum Strand hinauf und entfernt sich einige Schritte. Emily wird hier außerhalb des Wassers erst richtig bewusst, wie kalt es eigentlich ist, aber da sie nichts zum Wechseln dabei hat, muss sie jetzt warten, bis sie wieder im Hotel sind.

“Du blutest.” Vorher ist ihm das gar nicht so richtig aufgefallen, und glücklicherweise scheinen die Kratzer weder sonderlich tief noch sonstwie gefährlich, aber zusammen mit Emilys durchnässter Kleidung und dem stetig auffrischenden Wind gefallen sie Ethan gar nicht. “Müssen zurück.” Seine Jacke hat Ethan nicht übergezogen; die hält er jetzt seiner Begleiterin hin. Das Motel, wo der D21 steht, ist näher dran, aber Emily braucht – Quark, brauchen sie beide – ein heißes Bad, wenn sie sich nicht erkälten wollen, und beim schnellen Blick durch das Motelzimmer vorhin wirkte dessen Badewanne alles andere als vertrauenerweckend.
Emily macht den Eindruck, als wolle sie wegen ihrer nassen Sachen sein Auto schonen und lieber laufen, aber das kommt gar nicht in Frage. Das ist über eine Meile: nochmal knapp eine halbe Stunde zu Fuß, mit dem Auto dagegen nur ein zwei, drei Minuten. Ethan bedenkt die andere Jägerin mit einem ‘du spinnst wohl’-Blick und macht ihr demonstrativ die Tür auf. “Nur Wasser.”
Zurück am Hotel haben sie Glück und werden von niemandem gesehen, oder zumindest nicht aus der Nähe. Im Zimmer geht Ethan ins Bad und lässt heißes Wasser in die Wanne laufen, dass es dampft, kommt dann wieder heraus und deutet auf die Badezimmertür. “Du zuerst.” Besorgt sieht er Emily an, bis die im Bad verschwunden ist, dann lässt er sich auf sein Bett fallen. Eigentlich will er nur ein bisschen durchschnaufen, aber ehe er es sich versieht, ist Ethan erschöpft eingeschlafen.

Emily schaut auf einen ihrer Arme. “Hm, nicht so schlimm, geht schon”, versucht Emily ihre Verletzungen herunterzuspielen, und im Gegensatz zu Ethans sind sie tatsächlich nicht weiter schlimm. “Ja, sollten wir, und zusehen, dass wir dich ins Warme kriegen.” Sie lächelt matt.
Sie lehnt die Jacke dankend ab und geht mit Ethan zum Auto hoch. Zuerst will sie nicht einsteigen, um Ethans Wagen nicht zu ruinieren, aber Ethan besteht darauf, indem er sie auffordernd anschaut und ihr dann noch demonstrativ die Tür aufhält. Etwas widerwillig steigt sie ein, ist aber letzten Endes ganz froh, die Meile nicht laufen zu müssen, so durchnässt, wie sie ist. Mit dem Auto ist es nur ein Katzensprung bis zum Hotel, wo auch ihre Sachen liegen. Zum Glück ist es mittlerweile auch spät genug, dass kaum jemand auf den Straßen ist, oder zumindest begegnen sie niemandem.
Als die beiden Jäger das Zimmer betreten und Ethan gleich ins Bad verschwindet, lässt Emily sich auf einen Stuhl nieder, stützt den Kopf auf ihre Hände und schließt kurz die Augen.
Sie blickt verwundert auf, als Ethan sie kurze Zeit später anspricht und wieder aus dem Bad kommt. “Sicher?” fragt Emily nach, aber Ethan nickt nur bestimmt. Sie schnappt sich ihre Tasche und verschwindet im Bad.
Emily nimmt die Perle aus der Tasche und legt sie in die Seifenablage. Dann entledigt sie sich ihrer nassen Kleidung und schmeißt sie erstmal in eine Ecke. Vor dem Spiegel beginnt sie vorsichtig, die Wunden zu reinigen, so gut es eben geht, und blickt sich ihre Rippen an, die langsam blau werden, über die verschiedenen Narben und restlichen Schnittwunden sieht sie hinweg. “Hm, ich sollte mir langsam echt was einfallen lassen.”
Emily hatte nicht vorgehabt, Ethan solange warten zu lassen, aber das Bad tut wirklich gut, sodass sie kurz eindöst. Danach verbindet sie noch halbwegs ihre Wunden und legt einen straff anliegenden Verband um den Torso. Emily spült die Wanne aus und lässt Ethan ebenfalls ein heißes Bad ein.
Nachdem sie sich einen Jogginganzug übergezogen hat, nimmt sie die Perle aus der Schale und verlässt nach etwa einer Stunde das Bad.
Sie will Ethan gerade Bescheid geben, dass er jetzt ins Bad kann, als sie bemerkt, dass er wohl in der Zwischenzeit eingeschlafen ist. Sie überlegt kurz, ob sie ihn wecken soll, entschließt sich aber dagegen.
Sie dreht das Wasser wieder ab und zieht ihm langsam seine Schuhe aus, ohne ihn zu wecken. Emily schaut den schlafenden Jäger an und wägt kurz ab, beschließt dann, es dabei zu belassen. Vorsichtig legt sie Ethan ihre eigene Zudecke über und sucht noch eine Wolldecke heraus, welche sie auch über ihn legt, und dreht die Heizung höher, damit ihm nicht kalt wird.
Sie macht die Lichter aus und setzt sich dann an das Kopfteil ihres Bettes gelehnt hin und starrt im Dunkeln auf die Perle. Hin und wieder schaut sie zu Ethan rüber und achtet darauf, dass er zugedeckt bleibt.

Zuerst schläft Ethan wie ein Stein, aber nach einigen Stunden beginnt ein Empfinden sich in seine Sinne zu drängen, erst mit wirren Bildern von Feuer und Lava, dann allmählich mit dem Bewusstsein, dass es nicht nur ein Traum ist: Ihm ist heiß. Viel zu heiß. Eine Weile ist Ethan zu tief in seinem Schlaf gefangen, als dass er auf dieses Wissen reagieren könnte, aber irgendwann wacht er mit einem Japsen auf davon. Über ihm türmen sich Decken, und die Luft im Zimmer selbst ist sehr warm. Alles ist ruhig, nichts regt sich in dem dunklen Raum; es muss noch mitten in der Nacht sein. Ethan wirft die Decken von sich und tritt ans Fenster, öffnet es kurz einen Spalt weit, um einen hoch willkommenen Zug von der kühlen, klaren Nachtluft zu nehmen.
An der Wand unter dem Fenster bullert die Heizung auf höchster Stufe. Ethan dreht das Gerät auf eine etwas erträglichere Einstellung herunter und tappt, noch immer schlaftrunken, mit seinen Schlafsachen ins Bad, wo er sich umzieht, die Zähne putzt und für mehrere Sekunden kaltes Wasser über sein Handgelenk laufen lässt. Als er danach ins Zimmer zurückkehrt, fühlt er sich nicht mehr ganz so überhitzt, wenn auch jetzt deutlich zu wach für die Uhrzeit. Aber die Müdigkeit wird schon wiederkommen, und erst einmal ist Ethan froh, dass der Schwindel und die Schwummrigkeit verschwunden sind.
Jetzt, wo er nicht mehr im Halbdämmer steckt, bemerkt Ethan auch, dass Emily gar nicht in ihrem Bett liegt, sondern mit angezogenen Knien dasitzt und ihn beobachtet. Mit einem schiefen Lächeln, weil er sich ein bisschen albern fühlt, dass ihm das nicht vorher aufgefallen ist, hebt er die Hand, trägt dann Emilys Decke zu ihrem Bett hinüber und hält sie ihr wortlos hin – sie soll nicht frieren, nur weil Ethan sich nicht wachhalten konnte.

Emily nimmt die Decke dankbar entgegen und legt sich gleich schlafen, jetzt wo sie gesehen hat, dass es Ethan soweit gut geht. Emily schläft sehr unruhig und schreckt einige Male hoch. Nach dem dritten Hochschrecken schläft sie nicht mehr wirklich, sondern döst mehr oder minder nur noch. Nach einer ganzen Weile öffnet Emily die Augen und sieht zu Ethan herüber. Kurz danach setzt sie sich auf. “Guten Morgen. Ich hoffe, du konntest schlafen.” Ihre Stimme klingt etwas kratzig. “Wie gehts dir?”
Sie steht auf, geht ins Bad und macht sich frisch. Nach ca. zwanzig Minuten kommt sie aus dem Bad, geht zu ihrem Nachttisch und verstaut die Perle, welche im Tuch gewickelt war, sicher in der Hosentasche. Schweigend sammelt Emily ihre Sachen zusammen und stopft sie unordentlich in die Tasche. Als sie fertig ist, durchbricht sie ihr Schweigen. “Vielleicht sollten wir bald fahren, was meinst du?”

Nachdem er Emily ihre Decke zurückgegeben hat, kehrt Ethan in sein Bett zurück und liegt eine Weile wach, bevor er doch relativ bald wieder einschläft. Als er aufwacht, ist im Zimmer alles ruhig, und so bleibt er liegen, verschränkt die Hände hinter dem Kopf und lässt die Ereignisse des vorigen Tages noch einmal vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Unwillkürlich fährt ihm ein Schauder den Rücken hinunter: Das war knapp gestern. Verdammt knapp. Emily rührt sich kurze Zeit später. Beim Klang ihrer Stimme öffnet Ethan die Augen und nickt ihr zu. “Mmhm”, erwidert er, “konnte. Du?” Als Emily nach einem lockeren “klar, immer”, das er ihr zwar nicht so recht abnehmen will, aber nicht kommentiert, im Bad verschwunden ist, bleibt Ethan noch einen Moment liegen, bevor er aufsteht und schon einmal zu packen beginnt, die Teufelsfalle vom Boden löst und zusammenfaltet sowie die sonstigen Sicherungen entfernt, soweit sie bei der Reinigung des Zimmers auffallen würden. Als das Bad frei ist, geht er ebenfalls unter die Dusche und macht sich soweit fertig, wirft dann den Rest seiner Sachen in den Rucksack. “Sollten”, antwortet er jetzt auf Emilys Frage von vorhin, “aber geht. 400 Meilen rum.”

400 Meilen mögen nicht so übermäßig viel sein für eine Tagesetappe, aber acht Stunden Fahrt sind es doch, also sollten sie tatsächlich nicht allzu spät los. Nach einem Hotelfrühstück, das im Preis immerhin mit inbegriffen ist, sind sie eine Weile später wieder auf der I-90. Während die Meilen unter den Rädern des Pickup verschwinden, herrscht größtenteils Schweigen in der Fahrerkabine, aber es ist ein angenehmes, einträchtiges Schweigen. Irgendwann allerdings entfährt Ethan ein amüsiertes Prusten. “Was?” will Emily wissen. “Dachte nur grad”, erwidert er, “Motel. Der Alte. Wird sich schön wundern. Zimmer. Bezahlt, aber nicht genutzt.”
Ein Grinsen geht über Emilys Gesicht. “Na, dann haben wir ja vielleicht noch was Gutes getan. Vielleicht hat er Glück und er bekommt noch die Kurve, jetzt wo… wo sie weg ist.”
Nach ca. 200 Meilen machen sie eine Mittagspause und essen in einem Diner eine Kleinigkeit. Danach übernimmt Emily das Steuer und fährt die restliche Strecke bis zu Ethan nach Hause. Die Fahrt verläuft ohne Probleme, und Emily steuert den D21 direkt neben ihren kleinen Geo Metro auf dem Parkplatz. Dort macht sie den Motor aus und schaut Ethan an. Jetzt wird Emily doch ein wenig verlegen und lächelt Ethan an. “Das war es dann, wir sind wieder zurück.” Langsam steigt Emily aus dem D21, räumt ihre Taschen von Ethans Auto in ihr eigenes und überreicht Ethan die Schlüssel. “Ähm… also bis demnächst. Ich melde mich, okay?”
“Okay”, macht Ethan, selbst ziemlich verlegen. “Fahr vorsichtig, ja?” Er fährt sich durch die Haare und lächelt schief. “Und… danke.” Er beißt sich auf die Unterlippe, weil die Assoziationskette immer noch in einen schmerzhaften Stich mündet, ganz gleich, ob es ihm eigentlich egal sein sollte oder nicht. “Soll. Sollen. Perle zerstören? Oder. Willst sie sichern?”
“Immer.” lächelt Emily verlegen. “Danke? Wofür? Du meinst wegen, ähm, Pearl? Nicht dafür. War nen Job, dafür waren wir da. Nicht bedanken.” Sie macht eine abwinkende Handbewegung, bevor sie Ethan ernst anschaut. “Idee? Zerstören. Sonst würde ich die Perle erst einmal mitnehmen.” Sie schweigt nachdenklich einen Moment. “Bis uns was einfällt.”
“Zerstören”, stimmt Ethan zu. “Wenn’s geht.” Er überlegt einen Moment. “Hammer”, sagt er dann. “Oder erst Hitze, dann Hammer. Oder Säure.”
“Klar. Versuchen, aber nicht hier draußen. Vielleicht lieber rein?” Fragend deutet sie mit den Kopf Richtung Ethans Wohnung. “Oder wo anders hin, aber nicht so in der Öffentlichkeit.”
Ethan wirft Emily einen leise belustigten ‘für wie unerfahren hältst du mich eigentlich’-Blick zu und nickt Richtung Haus. In seiner Bones Gate-Werkstatt wäre zwar mehr Ausrüstung, aber erst einmal will er es mit dem Kram versuchen, den er zuhause hat. Mit etwas Glück sollte das schon reichen – und wenn nicht, kann er den schwereren Hammer oder das Beizmittel immer noch holen gehen.
Ihre Lippen werden erst schmal, dann verzieht sie den Mund zu einem Lächeln. “Weißt schon, wie ich das meine. Könnte verstehen, wenn du es nicht in deiner Wohnung haben willst.”
Nachdem Ethan diese Bemerkung mit dem Anflug eines Lächelns und einem “passt schon” quittiert und dann Richtung Haus geknickt hat, setzt sie sich in Bewegung.

In der Wohnung bedeutet er Emily, es sich bequem zu machen, während er den Kram zusammensucht. Kurze Zeit später liegt ein festes Brett als Unterlage bereit, und er hat etwas Essigessenz in ein Glas gefüllt. Das Zeug müsste eigentlich gut geeignet dafür sein, so ein Naturprodukt wie eine Perle zu zersetzen – wenn das Ding nicht irgendwie übernatürlich haltbarer ist, als es sein sollte, versteht sich. Er deutet auf das Glas und macht eine fragend-auffordernde Geste zu Emily, die sich in den Sessel gesetzt und gewartet hat, bis Ethan alles bereit gestellt hatte, und ihm jetzt etwas zögerlich die Perle übergibt.
Ohne weitere Umstände lässt Ethan die Perle in das Glas mit der Essigessenz gleiten. Er ist bei weitem kein Experte, was chemische Reaktionen angeht, aber das ist so ein scharfes Zeug, das erfüllt den Zweck bestimmt. Die beiden Jäger lassen ungefähr eine halbe Stunde verstreichen, damit die ätzende Flüssigkeit ihr Werk tun kann, dann fischt Ethan mit einer Zange vorsichtig die Perle aus dem Glas. Zersetzt hat sie sich in dem Säurebad nicht, aber sie sieht immerhin deutlich angegriffen aus. Verschwunden ist ihr zuvor sanfter Glanz, und bei Berührung fühlt sie sich rauh und spröde an. Sehr gut. Ethan legt die kleine Kugel auf das Brett und deckt ein Küchenhandtuch darüber, damit die Teile nicht in alle Richtungen wegfliegen, dann hebt er den ebenfalls bereitliegenden Hammer und lässt ihn mit einer abrupten Bewegung, in der all seine Wut über die verdammte Meerschlampe und ihre verdammten Zaubereien steckt, auf die Perle heruntersausen. Es gibt ein leises ‘Knack’, dann verschwindet der winzige Widerstand, den der Hammer überwinden musste, und als Ethan nachsieht, liegen da wirklich nur noch kleinste Perlmuttstückchen, die er einsammelt und wieder in das Glas wirft. Wenn die Reste sich in der Essigessenz vollständig auflösen, um so besser. Wenn nicht, auch kein Beinbruch. Dann schüttet er morgen eben ein paar letzte Krümel weg. Mit einem leisen Gefühl der Genugtuung dreht Ethan sich zu Emily, die der ganzen Prozedur interessiert gefolgt ist, um und nickt ihr mit einem schiefen Lächeln zu. “So.”
Emily erwidert Ethans Nicken zufrieden und erhebt sich dann. “Ich sollte jetzt fahren.”
“Mmhm. Klar”, macht er zustimmend und steht ebenfalls auf. “Pass auf dich auf.”
Sie mustert Ethan noch einmal von oben bis unten, um sicher zu gehen, dass es ihm tatsächlich gut geht. Dann lächelt sie und geht Richtung Tür. “Also, machs gut, wir sehen uns.”
Emily hebt zusätzlich die Hand zum Abschied und verlässt Ethans Wohnung. Draußen sieht sie auf die Uhr und geht dann schnellen Schrittes zu ihrem Wagen. Es ist schon ziemlich spät am Nachmittag, und sie will heute noch ein ganzes Stück weit kommen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter FATE, Pen & Paper, Supernatural

Kommentar hinterlassen:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.