Supernatural – Poison Pie


“Manhattan?”
Im letzten Jahr sind vier Leute verschwunden, hat Melody Burke soeben Ethans neuen Auftrag angerissen, und ihre Ortsangabe hat ihn zu der verwunderten Zwischenfrage veranlasst. Genaue Zahlen kennt er nicht, aber in Manhattan verschwinden pro Jahr definitiv mehr als vier Leute.
Dekan Brimleys Assistentin grinst breit – offensichtlich hat Ethan ihr genau die Reaktion geboten, die sie hören wollte – und schiebt ihm den Ausdruck eines Zeitungsartikels über den Schreibtisch.
Ethan wirft einen Blick auf das Blatt und zieht eine Grimasse. Duh. War ja klar, dass es in den Staaten mehr als ein Manhattan gibt.

“Trucker verschwunden”, sagt Barry in ausdruckslosem Tonfall. “In Manhattan.”
“Manhattan, Nevada”, stellt Ethan mit leisem Schmunzeln klar. Vielleicht wäre für den Job gar keine Rückendeckung nötig, aber sicher ist sicher. Und den Schriftsteller zu fragen, ob er mitkommt, ist vielleicht auch der Versuch, ein bisschen was von dem Porzellan zu kitten, das in letzter Zeit zwischen ihnen in die Brüche gegangen ist.

Viel mehr als ‘vier Trucker sind in Manhattan, Nevada verschwunden’ gibt der kurze Artikel zu dem Thema, den Ethan von Ms. Burke bekommen hat, erstmal gar nicht her. Und so ist sein Auftrag, wie so oft, entsprechend unspezifisch: hinfahren und sich die Sache mal ansehen. Und mit dem Journalisten reden, der in dem Artikel flüchtig erwähnt wird, der wohnt nämlich offenbar, zumindest vorübergehend, direkt da.

Der winzige Ort, der dem Internet zufolge etwa 120 Einwohner hat und ca. 1870 ursprünglich wegen der Silberförderung gegründet wurde und Anfang des 20. Jahrhunderts wegen des Goldrauschs eine Blütezeit erlebte, die dazu führte, dass hier bis in die 1990er Gold geschürft wurde, ist richtig hoch gelegen. Vom County-Verwaltungssitz Tonopah, selbst schon ziemlich hoch oben, zieht sich die Straße über knapp 50 Meilen bis hinauf auf 7.000 Fuß, und entsprechend karg ist die Landschaft.

Gleich am westlichen Ortseingang gibt es eine Bar. “The Miner’s Saloon” steht darüber, aber das Ding sieht nicht so aus, als würde man da groß was zu essen bekommen. Erstmal weiter. Und wirklich hat das ziemlich menschenleer wirkende Kaff an der östlichen Stadtgrenze noch ein Lokal: “The Manhattan Bar and Motel”. Das klingt schon eher wie– Ach. Na sieh mal einer an. Auf dem Parkplatz des Motels steht ein Auto, das Ethan inzwischen ziemlich gut kennt: ein kleiner schwarzer Geo Metro mit Kennzeichen aus Arkansas. Emilys Cabrio. Ethan lächelt.

Sie finden die Jägerin drinnen an einem der Tische. Erst sieht sie überrascht aus, schüttelt dann aber in einer ‚warum wundere ich mich eigentlich‘-Geste den Kopf. Sie hat auch von den verschwundenen Truckern gehört und beschlossen, sich des Falls anzunehmen – nur dass Emily informierter ist als der Zeitungsartikel. Gerade vor ein paar Tagen ist nämlich ein fünfter Trucker dazugekommen, hat sie erfahren, sie selbst ist aber auch erst seit gestern hier.
“Ihr könnt ruhig nach Las Vegas fahren und euch da eine schöne Zeit machen”, schlägt die Jägerin mit einem Schmunzeln vor, “und ich erledige das hier solange. Das sollte ja so schwer nicht sein.”
Heh, ja. Könnten sie vielleicht wirklich: Emily ist fähig und weiß ganz genau, was sie tut. Aber nun sind sie schon mal hier.

Ohne lange zu fackeln, übernimmt die junge Frau dann die Initiative und fragt die Kellnerin, die an den Tisch kommt, um die Bestellung der beiden Männer aufzunehmen, rundheraus nach den Verschwundenen. Die Bedienung, Ende Fünfzig und ziemlich barsch, sieht nicht so aus, als wolle sie irgendwas erzählen, also bestellt Ethan zu seinem Kaffee ein Stück von dem auf einer Tafel angepriesenen selbstgemachten Apfelkuchen, um sie etwas milder zu stimmen und ihre Zunge ein bisschen zu lösen. Die Taktik wirkt tatsächlich: Sobald die Frau die Sachen vor ihnen abgestellt hat, kriegt sie doch noch ansatzweise den Mund auf. Ja, wenn Trucker im Ort Station machen, kommen sie meistens hierher zum Essen, in der Bar am Westrand der Stadt taugt das Essen nämlich nichts, lässt die Kellnerin sie abfällig wissen. Aber dafür – und hier wird ihre Miene noch ein ganzes Stick missbilligender – gibt es da Mädchen. Ob jetzt die Verschwundenen speziell hier waren, kann sie nicht sagen, vermutlich aber tatsächlich der eine oder andere. Wie gesagt, das Essen ist hier besser als drüben.

Hmm. Aus der Dame ist für’s Erste wohl nicht viel mehr herauszubekommen. Also trinken sie in Ruhe aus und isst Ethan seinen Kuchen auf, der wirklich richtig lecker schmeckt, dann verlassen sie das Lokal, um sich draußen im Ort ein bisschen umzusehen.
Manhattan ist nicht sehr groß. Klein genug jedenfalls, dass sie auch zu Fuß nicht übermäßig lange brauchen.
An einem Pfosten ist mit Kreide ein Zeichen aufgemalt. Huh. Es sieht nicht aus wie die Freimaurerrunen aus Leavenworth oder die Hexensymbole aus Philadelphia und Unity, sondern eher wie eine, hm. Eine Hieroglyphe oder so? Jedenfalls definitiv nicht wie reine Spielerei.
“Wenn das echt ist, dann kanalisiert es wohl irgendwelche Kräfte. Lenkt sie vielleicht in eine bestimmte Richtung”, sagt Barry, was Ethan nicken lässt. “Kay”, erwidert er und schaltet innerlich von ‚wer weiß, könnte auch was Normales sein’ zu ‚alles klar. Kram.’
Emily spricht aus, was Ethan denkt. “Wir müssen davon ausgehen, dass es echt ist.“
Müssen sie. Aber sie sollten trotzdem auf jeden Fall mit dem Reporter reden, bevor sie sich auf die tiefergehende Suche nach dem Urheber der Zeichen machen.
Kurz grummelt Ethans Magen, und er verzieht das Gesicht. Drecksmist. Er hätte den blöden Kaffee nicht so schnell herunterstürzen sollen. Sie haben doch Zeit. Aber schon vergeht das Gefühl zu seiner Erleichterung wieder, und Ethan atmet durch. “Können.”

Der Reporter heißt Jim Jefferson und hat sich derzeit in einem kleinen Haus ein Stückchen außerhalb des Ortes eingemietet. Als Grund für ihren Besuch stellt Barry sich als Privatdetektiv vor, der in dem Fall des zuletzt verschwundenen Truckers ermittelt. Und tatsächlich braucht es gar nicht viel, um den Journalisten zum Reden zu bringen. Freimütig erzählt er von der Artikel-Serie zu vergessenen Fällen, an der er seit einer Weile schreibt: Die verschwundenen Trucker von Manhattan, Nevada sind nämlich nur sein derzeitiges Projekt. Jefferson vermutet einen Serienmörder, aber keinen, der hier im Ort wohnt – dafür, sagt er, ist die Stadt einfach zu klein und die zeitliche Abfolge zu unregelmäßig. Übrigens ist das Muster der Fälle nicht ganz einheitlich: Es sind nämlich nicht nur Trucker unter den Vermissten, sondern es ist auch ein Handelsvertreter dabei. Aber bisher waren es immer nur alleinreisende berufstätige Männer, und alle waren sie alleinstehend.
Jefferson selbst wohnt seit ein paar Wochen hier – den Leuten im Ort hat er gesagt, er sei wegen seiner etwas angegriffenen Lunge und der guten Luft, die wegen der Saline im Reservoir beinahe für Meeresklima sorgt, vorübergehend hergezogen. Besondere Auffälligkeiten hat er in der Zeit, seit er hier ist, nicht feststellen können, und das, obwohl doch gerade vor wenigen Tagen wieder jemand verschwunden ist. Natürlich war die Polizei im Ort, hat auch den Lastwagen des Mannes auf Spuren untersucht, erzählt der Journalist, aber das Fahrzeug wurde noch nicht weggebracht.

Viel mehr gibt es von Jefferson wohl nicht zu erfahren, also weiter. Den Truck sollten sie sich ansehen, wenn er schon noch da ist, aber der ‘Miner’s Saloon’ ist bestimmt auch interessant.
“Wenn es dort ‘Mädchen’ gibt, dann störe ich da wohl eher”, gibt Emily zu bedenken und schlägt vor, dass sie sich den Laster vornimmt, während ihre Begleiter sich im Saloon umhören. Da hat sie nicht unrecht, auch wenn Barry etwas unwirsch grummelt, dass er verheiratet ist. Hey, große Lust, in einen Vergnügungssaloon zu gehen, hat Ethan auch nicht. Aber was soll’s. Wenn sie da was rausfinden können, muss das jetzt.

Innen bekommen sie wirklich ziemlich schnell die Bestätigung dafür, was für eine Art von Kneipe der ‘Miner’s Saloon’ ist, oder neben anderen Dingen auch ist. Gedämpftes Licht, eine ganze Batterie an Flaschen hinter der Theke und ausschließlich weibliches Personal.
“Ja hallo auch”, werden die beiden Jäger von einer jungen Dame in angemessen knappem Cowgirl-Outfit begrüßt. Sie lächelt gewinnend und will schon eine ihrer Kolleginnen herbeiwinken, aber Barry schüttelt den Kopf. “Wir hätten da ein paar Fragen”, brummt er.
Ganz offensichtlich hat das Mädchen wenig Lust, irgendwelche Fragen zu beantworten, also verengt Barry die Augen und baut sich bedrohlich in ihrem persönlichen Bereich auf. Heh. Barry weiß genau, was für eine finstere Aura er hat, und er weiß ganz genau, wie er die am gewinnbringendsten einsetzt. Alles klar. Wenn der den Bad Cop macht, dann muss Ethan sich wohl am Good Cop versuchen.

“Die Alte aus dem Motel ist irgendwie komisch”, fördert die Good Cop/Bad Cop-Masche immerhin zutage. “Eigentlich haben wir ja ganz unterschiedliche Zielgruppen und graben uns gegenseitig nicht die Kundschaft ab, aber sie gönnt uns nichts. Und nur, weil wir neuer sind. Okay, und weil hier halt junge hübsche Mädchen arbeiten.” Sie lächelt lasziv.
“Wie lange offen?” fragt Ethan, denn wer weiß: Vielleicht gibt es ja einen Zusammenhang zwischen der Eröffnung des Lokals und den Verschwundenen.
“Rund um die Uhr”, grinst das Cowgirl und zwinkert ihm verführerisch zu.
“Ääähm”, brummt Ethan, “so nicht gemeint”, und formuliert dann extra sorgfältig, damit die junge Dame ihn diesmal auch garantiert richtig versteht: “Wie lange gibt es diesen Laden schon?”
“Oh”, antwortet sie mit enttäuschter Miene, “ach so. Seit vier Jahren. Also eigentlich schon länger, aber seit vier Jahren mit dem neuen Geschäftsmodell.”
Sie selbst ist seit etwa zwei Jahren hier, und ja, zwei der verschwundenen Trucker waren hier im Saloon zu Gast. Einer bei ihr selbst, der andere nicht, aber auch von dem, mit dem sie direkt zu tun hatte, kann sie sich an nicht sonderlich viel erinnern. Dass er seit achtzehn Jahren als Trucker arbeite und dass er ihr erzählt habe, er sei alleinstehend. Tatsächlich habe er ihrer Erinnerung nach keinen Ehering getragen. Das einzige, was ihr zu dem Typen noch einfällt, ist eine relativ protzige Goldkette, die eigentlich gar nicht so recht zu dem eher abgerissenen Truckfahrer habe passen wollen.

Während des gesamten Gesprächs, aber vor allem, als Ethan irgendwann nichts mehr einfällt, was er noch fragen könnte, flirtet die junge Frau immer offener und deutlicher mit ihm, und Ethan merkt, wie ihn das einigermaßen aus dem Tritt bringt.
Vor ein paar Jahren wäre das vielleicht noch anders gewesen. Vermutlich sogar. Es gab eine Zeit, da war ihm sowas völlig egal, und mit einiger Wahrscheinlichkeit wäre er sogar darauf eingestiegen. Machte ja eh keinen Unterschied. Aber heute ist ihm das Getue zutiefst unangenehm. Viel zu kurz ist es her, dass diese verdammte Meerschlampe Pearl ihn erst auf ganz ähnliche Art und Weise angeflirtet und dann in seinem Kopf herumgeschraubt hat, und Ethan versucht, die Sache abzubiegen, indem er einfach so tut, als bemerke er die Anmache gar nicht.
Das gelingt ihm aber dummerweise nur halb, und nicht nur lässt das Cowgirl sich davon nicht beirren, sondern sie scheint sich von seiner Verlegenheit sogar eher noch anstacheln zu lassen. Als das Mädchen ihm ein weiteres Mal zuzwinkert und mit rauchiger Stimme erklärt: “Für deinen Freund finden wir auch noch Gesellschaft”, weiß Ethan sich nicht anders zu helfen, als zur großen Belustigung der jungen Dame mit einem “Äääähm… lass mal” ziemlich überhastet den Rückzug anzutreten. Ihr Kichern folgt ihnen den ganzen Weg hinaus.

In der Nähe des Saloons finden sie wieder ein solches Kreidezeichen wie vorhin auch schon. Barry begutachtet das Symbol eingehend und sagt dann langsam: “Hmm… In Anordnung mit dem anderen… Ich glaube, die deuten tatsächlich in eine bestimmte Richtung.”
Huh. Interessant. Dann sollten sie mal sehen, ob sie noch weitere Markierungen finden können, und schauen, wo die so hinführen. Aber erstmal hören, ob Emily etwas herausgefunden hat.

Auf dem Weg zurück meldet Ethans Bauch sich wieder. Das leise Grummeln von vorhin hat sich zu einem unangenehmen Brennen ausgewachsen, und Ethan ist froh, dass Barry eine Flasche Rolaids in der Tasche hat und ihm zwei davon abgibt. Im ersten Moment scheinen die Tabletten auch zu helfen, aber schon nach ein paar Minuten wird Ethan klar, dass er sich das wohl nur eingebildet hat. Anscheinend hat er doch eine Magenverstimmung und nicht einfach nur seinen Kaffee zu schnell getrunken.

Emily hat in der Zwischenzeit bei dem Truck aber tatsächlich etwas herausbekommen. Unter dem Führerhaus des Fahrzeugs war auch wieder so ein Symbol angebracht, hier allerdings zerkratzt. Und die Jägerin hat an dem Lastwagen Spuren von Blut gefunden, auch wenn das meiste davon entfernt worden zu sein scheint.

Hmm. Sie wären den Kreidemarkierungen ohnehin gefolgt, aber das Zeichen am Truck beweist, dass tatsächlich irgendein Zusammenhang mit den Verschwundenen besteht, und vermutlich kein guter. Wortlos zieht Barry eine kugelsichere Weste über, bevor sie in den D21 steigen. Vielleicht wäre es einfacher, den Zeichen ohne Auto zu folgen, aber sie haben keinerlei Ahnung, wie weit sie ihre Ausrüstung dann tragen müssen, also nehmen sie, zumindest für den Anfang, doch erst einmal Ethans Pickup. Falls nötig, können sie immer noch zu Fuß weiter.
Die Zeichen finden sich in unregelmäßigen Abständen an Pfosten, Strommasten und auf Steinen am Straßenrand und führen nach Osten aus dem Ort. Die State Route 377 endet in Manhattan und geht dort in eine schmalere, schon nach einigen Meilen nicht mehr asphaltierte Gravel Road über. Und je weiter sie kommen, desto schlimmer warden Ethans Bauchschmerzen, bis er kaum mehr nach irgendwelchen Zeichen schauen kann, weil er alle Mühe hat, sich auf die Straße und das Fahren zu konzentrieren.
Emily wirft ihm einen besorgten Blick zu. “Alles okay mit dir?”
“Mm-mm”, presst er mit einem Kopfschütteln zwischen den Zähnen hervor, aber es hilft ja alles nichts. Da muss er jetzt durch, bis das, was ihm da den Magen verdorben hat – der Burger gestern abend vielleicht? Es dauert ja immer eine Weile, bis sich sowas bemerkbar macht -, wieder rauskommt.

Mit einem Mal lassen die Krämpfe nach. Sie sind längst nicht komplett verschwunden, aber es kommt Ethan fast so vor. Erleichtert atmet er auf, einfach, weil die körperliche Entkrampfung so eine Wohltat darstellt. Auf der geistigen Ebene jedoch durchfährt ihn ein Stich tiefer Besorgnis. Da stimmt was nicht. Das ist nicht normal. Ganz von allein hört sowas normalerweise so schnell nicht auf.
Den Beweis dafür, dass tatsächlich was nicht stimmt, bekommt Ethan gleich darauf, als die Bauchschmerzen mit unverminderter Stärke wiederkommen und mit jedem Yard, den er fährt, zunehmen, bis es schließlich nicht mehr geht.
“Zurück”, kriegt er irgendwie heraus und schafft es auch irgendwie, den Nissan zu drehen. Vielleicht hat es nichts zu sagen, aber da hinten ging es besser. Wenn das nur Zufall war, dann kippt Ethan gleich aus den Latschen, aber versuchen muss er es.

Es war kein Zufall: An derselben Stelle wie eben wird es wieder schlagartig weniger. Dankbar bringt Ethan den Wagen zum Stehen und schnauft durch. Sobald er wieder einigermaßen bei Atem ist, sieht er die anderen an und berichtet, was überhaupt los ist.
“Hier besser”, kommt er gleich darauf zum Ende. “Braucht’n Grund.”
Der Grund ist tatsächlich relativ bald gefunden. Ungefähr hier, im Bereich wo die Bauchschmerzen am wenigsten stark sind, zweigt eine schmale, unbefestigte Dirt Road ab, hinauf in die Berge und hinein in eine relativ enge Schlucht.
Ethan macht die Probe auf’s Exempel und fährt zurück Richtung Manhattan, aber schon nach wenigen hundert Yards geht es wieder los. Okay, verdammt. Da will offenbar irgendwer oder irgendwas, dass er diese Dirt Road nimmt. Dann bleibt ihnen wohl nichts anderes übrig.

Der schmale Weg die Schlucht hinauf ist kaum eine Straße zu nennen, und wieder einmal ist Ethan froh, dass der Nissan so geländegängig ist. Hier oben ist die Landschaft mit einer Mischung aus Kiefern und Wachholderbäumen nicht mehr ganz so karg wie auf dem Herweg, und irgendwann verläuft die schmale Piste einfach im Nichts. Stimmt, fällt Ethan wieder ein: Hier in der Gegend ist irgendwo die Alta Toquima Wilderness, wie er beim Recherchieren nach Manhattan festgestellt hat. Kein Wunder, wenn dann irgendwann die Wege aufhören.
Zu Fuß gehen sie weiter. Es gibt keinen direkten Weg, dem sie folgen könnten, also müssen sie sich auf die zweifelhafte Hilfe von Ethans Bauchschmerzen verlassen, die jedesmal jäh wieder aufflammen, sobald sie ein Stück vom Weg abkommen. Ohne diesen Kompass hätten sie ihr Ziel vermutlich nicht so einfach bis gar nicht gefunden, aber nach einer Weile gelangen sie an einen kleinen Talkessel – und halten jäh inne.
In der Mitte der Bergmulde liegt ein ungefähr runder Tümpel, aber das ist es nicht, was die Jäger hat stocken lassen. Es sind auch nicht die sieben kahlen, offenbar von Hand oder durch Magie entlaubten und von den kleinsten Zweigen befreiten Wacholderbäume, die in vielleicht zehn Metern Abstand um den Teich herum im Kreis stehen. Aber an den Bäumen hängen Körper, alle männlich. Sechs an der Zahl. Die Trucker und der Handelsvertreter. Ein Baum ist leer.

Angewidert, aber es muss nun mal sein, betrachten die drei Jäger den Ort genauer. Dafür, dass sie teilweise schon seit Monaten tot sein dürften, sehen die Leichen erstaunlich frisch aus. Bei allen sechs Männern wurde, überdeutlich zur Schau gestellt, irgendein goldener Gegenstand am Körper befestigt: eine goldene Uhr. Ein Kreuz. Die protzige Goldkette, von der das Cowgirl im Saloon gesprochen hat. Ein Ohrring. Ein Klassenring. Ein Armband. Jeder der Gegenstände wurde mit Blut beträufelt, und auch um die Bäume herum sowie zwischen den Bäumen und dem Tümpel sind in Blut okkulte Zeichen aufgemalt.
Ethan sagen die Symbole genausowenig wie die Kreidezeichen unten im Ort, auch wenn er durchaus die Ähnlichkeit erkennt. Barry hingegen, der ja auch die Runen im Ort schon einigermaßen hat einordnen können, nickt vor sich hin.
“Das soll irgendeine Beschwörung werden”, sagt er zu den anderen, “irgendwas mit Gold.”
Hm. Das klingt beinahe logisch. Immerhin gab es hier ja tatsächlich mal eine Goldmine, bis die vor etwa zwanzig Jahren erschöpft war.

Jemand lacht. “Ah”, höhnt eine weibliche Stimme, “wie ich sehe, hast du hergefunden.”
Ethan fährt herum. Die Sprecherin war niemand anderes als die Kellnerin aus dem Manhattan Bar & Motel, und sie hat Freunde mitgebracht. Oder Gehilfen. Untertanen. Handlanger. Wie man es auch nennen will. Es sind jedenfalls zehn an der Zahl, alle mit Gewehren oder Schrotflinten bewaffnet, und sie sehen ähnlich spöttisch-triumphierend auf Ethan wie ihre Anführerin. Scheiße. Die Kellnerin. Der Apfelkuchen.
“Was wollt ihr?” spuckt Emily wütend nach einigen Sekunden, in denen sich die beiden Gruppen nur finster angestarrt haben, aber die Frau lächelt nur nachsichtig.
“Von euch? Gar nichts. Ihr könnt gehen. Euren Begleiter hier, den brauchen wir.”
Emily sieht sie herausfordernd an. “Wofür?”
Eigentlich hätte sie das gar nicht fragen müssen. Aber vielleicht wollte sie auch einfach nur hören, wie die Tante es ausspricht. Jedenfalls ist keiner der Jäger in irgendeiner Weise überrascht, als die Frau auf die Bäume mit den anderen Opfern deutet und sagt: “Um den Kreis zu schließen, natürlich. Er ist die Nummer sieben.”

Die Alte ist doch völlig größenwahnsinnig, dass sie das einfach so zugibt. Sie muss doch davon ausgehen, dass Emily und Barry die Behörden verständigen, falls es wirklich so käme. Aber vielleicht denkt sie, dass ihnen sowieso niemand glauben würde.
“Oder ihr macht mit”, wendet die Kellnerin sich jetzt wieder an die beiden Jäger. “Sobald die Mine sich wieder füllt, ist genug Gold für alle da.”
“Sobald die Mine sich wieder füllt”, sagt Barry mit unbewegter Stimme. “Das ist also euer Plan mit dem Ritual hier.”
Die Frau nickt. “Aber dafür brauchen wir eben den letzten Kandidaten.”

Interessant, dass sie sich scheut, ‘Opfer’ zu sagen. Aber sie irrt sich sowieso: Ethan ist ja nicht mal ein passender Kandidat. Männlich, ja. Alleinstehend, ja. Aber er reist nicht allein, und er hat nichts aus Gold bei sich, wie die anderen Ermordeten das alle hatten.
Ethan stutzt. Drecksmist. Hat er doch. Denn er trägt nicht nur die kleinen Silbernuggets bei sich, die ihnen letztes Jahr in Crockett so gute Dienste geleistet haben, sondern eben auch jeweils ein paar Kügelchen aus Kupfer, Messing und Blei. Und aus Gold. Verdammt.
“Versucht’s doch”, knurrt er und packt die Mossberg fester, und auch Emily starrt die gegnerische Gruppe grimmig an, während sie bedrohlich ihren Bogen hebt. “Ihr glaubt doch wohl nicht im Ernst, dass wir ihn euch einfach so überlassen.”
Die Kellnerin seufzt. “Ihr wärt davongekommen. Sagt nicht, ich hätte es euch nicht angeboten.” Sie macht ein Zeichen zu ihren Leuten. “Erschießt sie. Aber nicht den Jungen, den brauchen wir lebend.”

Während die Handlanger losfeuern und Emily und Barry sich, ebenfalls schießend, hinter die Bäume in Deckung werfen, merkt Ethan, der sich gerade auf die Tante stürzen will, wie die Krämpfe wieder heftiger werden. Er kann richtiggehend spüren, wie aus seinem Bauch etwas nach oben kriecht: sich in seinen Kopf zu schleichen versucht und ihn zwingen will, die Waffe auf die anderen zu richten. Aber nichts gibt’s. Ihm ist gerade erst vor ein paar Wochen im Kopf herumgepfuscht worden, und er hasst es.
Da. Die Alte hat die Hand in Ethans Richtung erhoben und deklamiert irgendwas. Ein Zauber. Überraschung. Aber nicht mit ihm. Mit ein paar schnellen Schritten ist Ethan bei den nächstgelegenen Symbolen auf dem Erdboden und wischt sie mit dem Gewehrkolben weg, versucht, soviel davon zu zerstören, wie er nur kann. Vielleicht unterbricht das ihre Magie.

Völlig unterbrechen schon mal nicht, merkt Ethan im nächsten Moment. Denn als Emily Pfeil um Pfeil auf die Kultistin jagt, beschwört die Alte einen Wirbelwind um sich herum, der die Geschosse von ihr abhält. Verdammt.
Barry hat indessen in schneller Folge mehrere Handlanger erschossen. Natürlich erwidern die Gegner das Feuer, aber die kugelsichere Weste des Schriftstellers hat ihn bisher ebenso vor Schlimmerem bewahrt wie Emilys schnelle Reaktionen die Jägerin.

Von hinter der wirbelnden Luftbarriere kommt ein zorniger Ruf, dann fällt der Schild in sich zusammen. Ethan will schon aufatmen – vielleicht hat die Tante ja wegen der zerstörten Symbole doch keine Magie mehr übrig -, aber dann hebt sie wieder die Hand in seine Richtung. Die Worte, die sie ausspuckt, klingen deutlich angestrengter als vorher, aber noch immer guttural und genauso bösartig, wenn nicht sogar noch bösartiger als vorher, machtvoller, und sie versetzen die Krämpfe in Ethans Inneren in eine seltsame Resonanz. Wieder steigt der Zwang aus seinem Bauch in ihm hoch, und diesmal dringt der Zauber in seinen Kopf. Ohne, dass er es verhindern kann, so sehr er sich auch dagegen wehrt, hebt Ethan das Gewehr, richtet es auf Emily. Spannt den Finger um den Abzug an.

Nein. Nein, verdammt. Nicht Emily. Letztens nicht und diesmal auch nicht. Während er schon abdrückt, reißt Ethan in einer gewaltigen Willensanstrengung die Mossberg nach oben, und der Schuss pfeift über die Jägerin weg, aber vom Rückstoß der Waffe wird Ethan in den Teich geschleudert. Im Fallen sieht er, wie Barry von mehr als einer Schrotladung seitens der restlichen Kultisten getroffen wird, während dessen eigener Schuss die Anführerin fällt. Dann schlägt die Wasseroberfläche über Ethan zusammen.

Einige Sekunden später kommt er hustend und spuckend wieder an die Oberfläche. Eine Hand streckt sich ihm entgegen, die Ethan dankbar ergreift. Wieder einmal fällt ihm auf, wieviel Kraft Emily doch hat, denn sie zieht ihn ohne sichtbare Anstrengung ans Ufer.

Nicht nur die Anführerin liegt am Boden, die beiden anderen Jäger haben in den Sekunden, in denen Ethan unter Wasser war, auch noch die restlichen Kultisten erledigt. Ethan keucht und krümmt sich zusammen – wenn er gehofft hatte, dass die Krämpfe mit dem Tod der Kellnerin aufhören würden, hat er sich geirrt. Da war wohl neben der Magie auch irgendwelches echtes Gift im Spiel. Verdammt.
“Vielleicht hättet ihr doch besser nach Las Vegas fahren sollen”, sagt Emily trocken. Barry scheint gerade etwas erwidern zu wollen, da stockt er und sackt zu Boden.
Scheiße, verdammte. Ethan, der normalerweise vermutlich über Emilys Scherz geschmunzelt und vielleicht sogar etwas darauf erwidert hätte, wirft der Jägerin einen “Echt jetzt? Witze jetzt?”-Blick zu und geht dem Älteren helfen. Glücklicherweise sind dessen Verletzungen dank der kugelsicheren Weste nicht tödlich, aber einige Treffer in Armen und Beinen hat er doch abbekommen, und weil das viele kleine Schrotkugeln waren, verliert er ganz schön viel Blut. Mit Emilys Hilfe stabilisiert Ethan den Schriftsteller, so gut er kann, aber der muss schleunigst zum Arzt, soviel ist mal sicher. Und Ethan selbst auch.
“Fahrt ihr ins Krankenhaus”, sagt Emily drängend und nickt vielsagend in Richtung des Teichs. “Ich kümmere mich um die Leichen. Wir treffen uns dann.”

Das nächste Krankenhaus ist dummerweise in Tonopah und damit etwa eine Stunde weit weg. Aber okay, das kriegen sie auch noch irgendwie durchgehalten. Müssen sie ja.
In der Notaufnahme erzählen sie irgendwas von einem Unfall mit Schrotpatronen und von einer Lebensmittelvergiftung mit verdorbenem Essen. Glücklicherweise fragt niemand so genau nach, sondern Barry wird verarztet und Ethan bekommt den Magen ausgepumpt. Dort behalten wollen sie ihn nicht, aber er bekommt strengstens aufgetragen, in den nächsten Tagen mit dem Essen aufzupassen. Kamillentee und trockener Toast sind in Ordnung, außerdem Kartoffelpüree und Apfelbrei. Heh. Als ob Ethan so bald wieder Lust auf Äpfel ganz gleich welcher Form haben wird. Alkohol soll er auch sein lassen. Das tut ihm jetzt nicht so weh; Alkohol trinkt er ohnehin nur in Maßen. Aber auch rauchen darf er erstmal nicht, und das nervt gewaltig.

Sobald die beiden Männer wieder soweit zusammengeflickt sind, treffen sie sich mit Emily, die es inzwischen auch nach Tonopah zurückgeschafft hat. Die Leichen sind beschwert im Tümpel und sollten da so schnell nicht wieder auftauchen, erklärt die Jägerin. Okay, in dem Vergnügungssaloon hat das Cowgirl sie gesehen, und mit dem Journalisten haben sie gesprochen – und der hat auch Barrys Namen und Visitenkarte. Aber wenn da etwas nachkommt, dann kommt etwas nach, und dann ist das eine Brücke, über die sie gehen müssen, wenn sie hinkommen. Und als Privatdetektiv hatte Barry immerhin einen guten Grund, um nach den Verschwundenen gefragt zu haben und kann die Sache hoffentlich hinbiegen, falls da was kommt.
Es war aber gut, dass er die kugelsichere Weste hatte, immerhin hat sie ihm das Leben gerettet, lässt Ethan den Älteren dann wissen.
Der stimmt zu und erzählt, dass er sich die Weste angeschafft hat, weil er inzwischen mehr als Bodyguard denn als Detektiv arbeitet – als Detektiv sei er nämlich nicht so gut, als Bodyguard aber schon. Tatsächlich bekomme er momentan eine Menge Aufträge als Bodyguard: so viele, dass kaum Zeit für etwas anderes bleibe. “Das ist mir aber auch ganz recht so”, schließt Barry grimmig, “ich beschütze lieber Leute vor gewöhnlichen Attentätern als vor übernatürlichem Zeug.”
Hmm. Schon. Der Kontakt mit Kram lässt sich nur nicht immer so vermeiden, wenn Ethan nach seinen eigenen Erfahrungen geht.
“Vielleicht hätten wir wirklich nach Las Vegas fahren sollen”, spielt der Schriftsteller dann auf Emilys Witz von vorhin an, unterbricht sich aber sofort. “Wobei. Als ich das letzte Mal in Las Vegas war, hat man auf mich geschossen.”
Während Ethan ein sarkastisches Schnauben von sich gibt, sich einen Kommentar aber ansonsten verkneift, spricht Emily schon aus, was er denkt. “Gibt es eigentlich irgendeinen Ort, wo man noch nicht auf dich geschossen hat?”
Barry grübelt einen ziemlich langen Moment über die Frage nach, bevor er ernsthaft erklärt: “Florida.”

Danach verabschiedet Emily sich ziemlich bald. “Führt ihr mal eure Männergespräche”, sagt sie und zieht ab, aber so richtig viel haben die beiden Jäger gar nicht zu besprechen. Auf der gemeinsamen Heimfahrt stellt Barry eine seiner sorgfältig kalkulierten Nicht-Fragen nach Sam, und Ethan erzählt daraufhin, dass der Kontakt zu ihr abgerissen ist. Über die näheren Umstände seines Briefes und Samanthas knapper Antwort darauf lässt er sich nicht genauer aus: Ein “doch nicht” beschreibt das, was er sagen will, so ziemlich zur Genüge.
Barry hingegen berichtet, dass er an einem neuen Buch arbeitet, dessen Hauptfigur er aber diesmal nicht umbringen will; allerdings liegt das Buch gerade brach, eben weil er im Moment so viele Jobs hat. Ansonsten schweigen die beiden Jäger größtenteils, aber es ist kein vertrautes, einträchtiges Schweigen wie früher, und Stimmung zwischen ihnen ist nach wie vor irgendwie seltsam. Das Porzellan mag zwar vielleicht einigermaßen gekittet sein, aber ein hässlicher Sprung in der Glasur bleibt.
Aber gut. Ist nun mal, wie es ist. Freundschaften enden.
Und dass Ethans Draht zu Barry abgekühlt ist, heißt nicht, dass der zu Artie es auch muss. Im Gegenteil. Ethan wird den Teufel tun und den Kontakt zu dem Jungen abreißen lassen. Und wenn er irgendwie mitkriegen sollte, dass es dem Kleinen bei Jacksons nicht gut geht, dann holt er ihn da weg.

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