Follow-Up: Blades in the Dark

Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere: Im Oktober 2017 hatte ich in einem Beitrag der Katgorie „Systemvorstellungen“ meine ersten Eindrücke zu dem PbtA-Ableger „Blades in the Dark“ festgehalten. Inzwischen spielen wir in unserer dienstäglichen Feierabendrunde das System relativ regelmäßig, und deswegen möchte ich dem ersten Eindruck von damals heute eine Ergänzung folgen lassen. Den Gedanken daran hatte ich schon eine Weile, aber der konkrete Auslöser für diesen zweiten Post ist eine Beobachtung, die ich bei unserer vorgestrigen Session gemacht habe.

Als Vorbemerkung – und vielleicht auch zur Einordnung dieses Posts und meiner darin geäußerten Meinung – zunächst einige Fakten über die Charaktere und ihre Bande. Als Gang-Typ haben wir die „Shadows“ gewählt, und an Charakteren haben wir je einen Cutter, Leech, Lurk, Slide und Whisper.
Dazu muss allerdings gesagt werden, dass wir meist nur dann auf Blades in the Dark ausweichen, wenn an dem Abend ein oder mehrere Mitspieler ausfallen. So sind gerade Lurk oder Leech häufiger nicht dabei gewesen, und in den bisher 13 mit dem System gespielten Sessions ist es sogar häufig vorgekommen, dass wir nur drei Spieler plus SL hatten.

Bis gestern fand ich unsere Sessions zwar meist okay bis gut, aber so richtig warm wurde ich mit dem System trotz meines anfänglich guten Eindrucks doch nicht so ganz.
Das liegt daran, dass ich die grundlegende Prämisse des Spiels, Heists vor Beginn nicht im Detail durchzuplanen, sondern nur ganz, ganz grob festzulegen, wie man vorgehen will, und dann im Spiel selbst munter drauflos zu improvisieren, zwar eigentlich sehr mag, dass deren Umsetzung in der Praxis aber teilweise gar nicht so einfach ist.

Laut Regeln gibt es sechs grundsätzliche Vorgehensweisen für einen Heist:

  • Assault (Waffengewalt)
  • Deception (Täuschung, Betrug)
  • Stealth (unbemerkt reinschleichen)
  • Occult (die Sache irgendwie mit Magie angehen)
  • Social (die Sache über die soziale Schiene, aber ohne Betrug lösen)
  • Transport (das Ganze irgendwie unterwegs abhandeln)

Soweit so gut. Zu sagen, man springt gleich in medias res zum gewählten Typ Heist und wickelt alle Vorplanung per Rückblenden ab, wie in einem Film, klingt toll, aber in der Realität scheiterte es bei uns häufig daran, dass wir Spieler eben keine Leverage-Drehbuchschreiber sind, und uns deswegen bislang häufig nicht so wirklich was einfiel, was man beim Improvisieren als Rückblende hätte verwenden können. Daher sind wir sehr häufig auf die Meta-Ebene gewechselt und haben hin- und herüberlegt, ob es denn überhaupt irgendwas gebe, was sich nutzen ließe. Oftmals spielten wir dann aber einfach ohne Rückblende rein in der Gegenwart weiter und nahmen die Dinge, wie sie halt kamen.

Dazu kam, dass wir in den letzten Sessions gesammelt einfach grottig würfelten. Wie in der ersten Systemvorstellung beschrieben, können Würfe entweder rundheraus klappen (Ergebnis von 6), mit mehr oder weniger großem Haken klappen (Ergebnis von 4 oder 5) oder gar nicht klappen, aber trotzdem einen Haken verursachen (Ergebnis von 1-3). Und auch wenn man theoretisch mit drei oder mehr Würfeln antreten kann (weil man z.B. 2 Punkte in der Fertigkeit hat, Unterstützung bekommt und sich zusätzlich noch verausgabt oder einen Haken in Kauf nimmt), kamen bei uns doch irgendwie meist entweder nur zwei oder gar nur ein einziger Würfel zusammen, und selbst wenn es drei (mehr bekamen wir nie zusammen) waren, fiel nur extrem selten eine glatte 6.

Ähnliches war bei unseren „Engagement Rolls“ zu beobachten. Die habe ich in meinem vorigen Beitrag noch überhaupt nicht erwähnt, muss sie hier und jetzt also dringend erklären, weil sie auch ein wichtiger Teil des Systems sind.
Vor jedem Heist, wenn man bestimmt hat, welchen Ansatz man grob verfolgen will, und bevor man in die Szene schneidet, kommt dieser so genannte „Engagement Roll“ zum Einsatz, mit dem man gewissermaßen die Bühne für den nun folgenden Heist bereitet. Klappt der Engagement Roll gut, stehen den SCs zwar auch Komplikationen im Weg (sonst wäre es ja langweilig), aber bei einem nicht geschafften Engagement Roll kommen weitere unangenehme Komplikationen hinzu.
Auch hierbei sammelt man Würfel: mit einem fängt man an, dann fügt man je nach unterschiedlichen Situationen Würfel hinzu oder zieht sie ab. Geht man besonders waghalsig vor? Plus ein Würfel. Geht man das Ziel an, während es sich in einer Position der Schwäche befindet? Plus ein Würfel. Kann man Insider-Wissen einsetzen? Plus ein Würfel.
Da bei uns auch öfters mal wieder ein Würfel abgezogen wurde, hatten wir auch bei den Engagement Rolls keinen so richtig großen Pool, und die meisten unserer Heist begannen schon mit der Belastung eines nicht geschafften Engagement Rolls.
Wobei das ja grundsätzlich nichts Schlimmes sein muss, dann arbeitet man sich an den Komplikationen eben ab oder um sie herum, aber es war schon auffällig.

So weit so gut. Für unsere Dienstagsrunde und die Tatsache, dass wir immer nur ca. 2 1/2 bis 3 Stunden lang spielen, war es echt okay. Aber eben sehr meta-lastig und teilweise ein bisschen schleppend.

Vorgestern aber passierte etwas Überraschendes. Die vorletzte Session hatte mit den Vorbereitungen für einen Heist geendet, damit wir diesmal direkt mit dem Heist einsteigen konnten. Und es war nicht einfach nur irgendein Heist, sondern die direkte Folge aus dem vorherigen. Beim vorigen Mal hatten wir die örtliche Hunderennbahn ausnehmen wollen, waren aber lediglich mit ziemlich mageren 5 Geld aus der ohnehin von Anfang an ziemlich zäh und unerfreulich laufenden Mission gekommen (Blades in the Dark operiert mit der sehr stark abstrahierten Währung ‚Coin‘ – auch in der Mehrzahl verdient man ‚5 Coin‘, nicht ‚5 Coins‘, um zu zeigen, wie abstrakt ein solcher Betrag ist. Auf Deutsch haben wir daraus, in Anlehnung an diverse Brettspiele, ‚Geld‘ gemacht). Allerdings hatten wir herausgefunden, dass der Rennbahnbesitzer Investoren suchte und diese offenbar mit einem groß angelegten Betrug selbst um ihr Geld bringen wollte. Also taten wir so, als wollten wir unsere 5 Geld tatsächlich bei ihm investieren und gingen dann mit dem groben Approach „Deception: Bei der Investitionsfeier betrügen wir den Betrüger und nehmen ihm das ganze ergaunerte Geld ab“ in die gestrige Sitzung.

Wieder einmal war der Engagement Roll nur eine 3, so dass jede Menge Polizei bei der Gala anwesend war und auch noch ein hochrangiger Bandenboss irgendetwas vorhatte. Das Geld, das von den Investoren fleißig gespendet wurde, wurde scharf bewacht, und wieder sah es so aus, als würden wir vermutlich nur mit wenig oder gar keiner Beute aus der Situation kommen, denn schon nach kurzer Zeit hatten wir uns wegen verpatzter Würfe allesamt verdächtig gemacht. Natürlich planten wir trotzdem ein bis zwei Ablenkungsmanöver, um uns die Kiste mit dem Geld doch irgendwie anzueignen, die zum Teil auch irgendwie, wenn auch mehr schlecht als recht, funktionierten, aber so richtig rund war das alles nicht.
Und dann fing es plötzlich an zu flutschen.

„Warte… wir sind doch beim letzten Mal durch die Kanalisation eingestiegen und im Hundezwinger rausgekommen… das heißt, wir könnten theoretisch mit dem Geld dort raus…“
„Und wäre es nicht genial, wenn wir es auch noch so aussehen lassen könnten, als sei SC XYZ (der in Begleitung von zwei Wachen bei der Kiste war) nicht der Dieb?“
„Wir könnten es so aussehen lassen, als sei er tot!“
„Oder er deponiert die Kiste im Geheimgang, ohne dass die zwei Begleiter es merken, und geht dann wieder mit denen zurück, und wir verlassen als ganz normale Gäste die Party und holen die Kiste später hintenrum!“
Dieses Letztere ließ sich nicht gescheit umsetzen, aber das mit dem ‚wir lassen es so aussehen, als sei er tot, und dann setzt er sich mit der Kiste ab, während die anderen vornerum rausgehen‘, das klang nicht nur richtig Heist Movie-tauglich, sondern war vor allem nach genauerer Ausdifferenzierung des Plans mit ein paar Flashbacks auch machbar.
Dass bei der Ausführung des Plans zwei wichtige Würfe dann sogar mit einer 6, also ohne Haken, klappten, ließ das Ganze dann ohne auch größere Probleme über die Bühne gehen und sogar richtig elegant aussehen.

Wir waren richtig im Flow und (ich zumindest) geflasht, wie ‚leveragig‘ sich das Spiel auf einmal anfühlte. Ja, die Diskussion um ‚wir könnten doch‘ und ‚wie wäre es, wenn wir‘ war immer noch sehr meta-gamig, aber sie machte in dem Moment trotzdem sehr viel Spaß. „Blades in the Dark“ kann also doch halten, was es verspricht. Jetzt hoffe ich nur, dass dieses ‚alles flutscht‘-Erlebnis kein Einzelfall bleibt.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Rollenspiel-Sonstiges, Systemvorstellungen

3 Antworten zu “Follow-Up: Blades in the Dark

  1. BobMorane

    Schön, das will ich auch mal ausprobieren.

    Gefällt mir

Kommentar hinterlassen:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.