Supernatural – Brigid’s Well

Hallo True Believers,
ich habe gehört, dass dieses Forum auch von jenen gelesen wird, die nicht nur zusehen, sondern auch handeln.
Es bedarf hier in Ottawa einer Handlung, da zwei von uns in den letzten Tagen verschwunden sind.
Da ich keine weiteren kanadischen „Gemeindemitglieder“ kenne, wende ich mich über dieses Forum an Euch.
Sucht Silent Pete auf, um über die Grenze zu kommen, ohne Eure „Golfausrüstung“ zurücklassen zu müssen, und trefft mich am Nachmittag in 2 Tagen im Bridgid’s Well in Ottawa. Ich werde Euch schon erkennen.
Bis dahin habe ich vielleicht schon mehr erfahren.
Travel Safe,
– G

Über die Feiertage ist Ethan bei seiner Familie. Dort hat er alles, was mit Kram zu tun hat, absichtlich weit von sich geschoben, hat in den letzten Tagen auch nicht ein einziges Mal im ‘True Believers’-Forum vorbeigeschaut. Deswegen ist ihm auch das Posting in der Kategorie ‘Smalltalk’ entgangen, auf das Emily sich bezieht, als sie sich am Tag nach Weihnachten bei ihm meldet. Sie hat auch schon mit der Verfasserin des Eintrags, einer gewissen Granuaile, Kontakt aufgenommen und ist der Ansicht, das Hilfegesuch klinge aufrichtig. In Ottawa sind also Leute verschwunden, und die örtlichen Jäger können sich nicht darum kümmern? Na in Ordnung.

Emily hat sich mit der Posterin für den übernächsten Tag in der im Forum erwähnten Kneipe namens ‘Brigid’s Well’ verabredet und will jetzt wissen, ob Ethan mitkommen kann.
Hmm. Eigentlich gehen seine Eltern davon aus, dass Ethan, wie letztes Jahr, noch über das Neujahrswochenende bleibt. Dad hat Ende Dezember Geburtstag und schon sowas angedeutet von wegen, dass er seinen ältesten Sohn gern dabei hätte, wenn er feiert.
Aber Ethan ist gar nicht so undankbar, dass ein Job ihn wegruft, auch wenn das natürlich ein paar kreative Erklärungen verlangt, die Ethan nicht so richtig liefern kann und seine Familie deswegen wieder mal mit einer gewissen Enttäuschung zurücklassen muss. Aber ein kombiniertes Geburtstags- und Silvester-Wochenende mit gleich zwei Feiern am Freitag und am Sonntag hätte Ethan nur ziemlich schwer ausgehalten. Und dazu ist es Emily, die fragt. Wenn die andere Jägerin Unterstützung möchte, so unabhängig, wie sie sonst immer drauf ist, dann klingt das nach was Größerem, und dann kommt Ethan natürlich mit.

Treffen wollen sie sich am nächsten Vormittag in einem Ort namens Watertown, NY. Dort soll laut der Forenschreiberin der in ihrem Posting angesprochene Silent Pete ein Roadhouse führen und entsprechende Kontakte jenseits der Grenze haben. Auch gut. Schadet sicher nichts, seine eigenen Sachen mitnehmen zu können, statt sich in Kanada ausrüsten zu müssen.

Etwas später – er hat inzwischen bescheid gesagt, dass er morgen früh los muss, und die erwarteten langen Gesichter ausgelöst – bekommt Ethan eine Mail von Niels Heckler.
Der Deutsche hat den Hilferuf im Forum auch gesehen und will ebenfalls nach Ottawa. Also stimmen die beiden Jäger sich auch noch ab: Von Tappan aus ist es ja nicht weit nach New York City, da kann Ethan den Jüngeren problemlos morgens aufsammeln.
Naja. Einigermaßen problemlos. Sieben Uhr früh ist eindeutig keine Zeit für den dunkelblonden Jäger, und entsprechend verschlafen steigt er am nächsten Morgen in den D21. “Weck mich, wenn wir da sind”, bittet er und rollt sich auf dem Beifahrersitz zusammen – nicht, dass es Ethan stören würde, dass er auf der Fahrt nicht reden muss.

In Watertown ist es genauso bitter kalt, wie es vor den Feiertagen in Burlington auch schon die ganze Zeit war, aber hier liegt die höhere Schneedecke. Vor dem Roadhouse steht schon Emilys Geo Metro, aber es sieht es nicht so aus, als würde die andere Jägerin schon länger warten, so wie von ihrer warmen Motorhaube in der Kälte ein leichter Dunstschleier aufzusteigen scheint und wie sie gerade im Innenraum noch irgendwelche Dinge herumräumt.
Auf dem Parkplatz selbst ist ein alter, aber rüstiger Mann gerade dabei, Schnee vom Parkplatz zu schippen, und nachdem er den D21 neben Emilys Cabrio geparkt und mit einem erfreuten Lächeln die Hand in ihre Richtung gehoben hat, geht Ethan kurzentschlossen dem Mann helfen. Wenn das dieser Silent Pete ist, und das vermutet er mal, dann können sie umso schneller nach drinnen und klären, was es zu klären gibt, wenn zwei Leute den Schnee wegräumen. Und außerdem tut ein bisschen Bewegung nach der Fahrt ganz gut.

Silent Pete macht seinem Namen alle Ehre. Als Ethan fragend zu der zweiten Schneeschippe hinnickt, die mit anderen Werkzeugen in einem Halter an der Wand hängt, hält der alte Mann ihm wortlos seine eigene Schaufel hin und holt sich die zweite. Einträchtig befreien sie den Parkplatz vom Schnee, während Niels sich mit Emily unterhält, dann deutet Pete in Richtung des Gebäudes.

Huh. Silent Pete ist nicht einfach nur schweigsam. Silent Pete ist wirklich stumm. Das wird deutlich, als sie das Roadhouse betreten und Ethan nach der Grenze fragt. Da hebt der Mann nämlich eine Hand, um sie zum Warten aufzufordern, greift dann nach einem Notizblock und fängt an zu schreiben.
{Ihr habt Ausrüstung?}, will der Alte wissen, und Ethan nickt.
Silent Pete spiegelt die Geste und schreibt ein Set von Koordinaten auf, und darunter: {Zwischen 20 und 22 Uhr. Jacques Gauthier. Junger Hüpfer.}
Ethan nickt ein zweites Mal und schreibt sich die Koordinaten ab, was ihm einen fragenden Blick von Pete und einen weiteren geschriebenen Kommentar einbringt. {Findet ihr das? Habt ihr so ein GPS-Gerät?}
Ethan nickt wieder. “Karte.” So nützlich das GPS häufig auch sein mag und so regelmäßig er es inzwischen auch einsetzt, irgendwie fühlt er sich mit dem guten alten Papier einfach trotzdem wohler. Das kann nicht kaputtgehen und nicht ausfallen, und sein großes Set Rand McNally-Karten hat ihn bisher noch immer überall hingebracht, wo er hin musste.
Der alte Mann sieht erfreut-überrascht aus, aber eine letzte Frage hat er trotzdem: {Kennt ihr die Regeln?}
Nicht so richtig, wenn Ethan ehrlich ist; seinen letzten und bisher einzigen Grenzübergang nach Kanada hat er mit allen zugehörigen Formalitäten beim Deklarieren seiner Waffen an einem ganz offiziellen Grenzübergang getätigt, weil er bisher schlicht keine Ahnung hatte, dass es so etwas wie eine Jägergrenze überhaupt gibt. Aber bevor er dazu etwas sagen kann, kommt Niels ihm zuvor. “Ich habe gültige Papiere, wenn es das ist, was Sie meinen.”
Aber das war offenbar nicht das, worauf Silent Pete hinaus wollte, denn der alte Mann bedenkt den Deutschen mit einem Blick, der so deutlich, als habe er die Worte laut ausgesprochen, sagt: Wann haben wir Jäger uns schon je für Papiere interessiert?
Niels grinst. “Oh, ich habe auch falsche, so ist es ja nicht”, lässt er den Roadhouse-Besitzer wissen, was Silent Pete seinerseits zu einem Grinsen, einem hochgestreckten Daumen und einem letzten Kommentar veranlasst:
{Dann viel Erfolg.}

Ein gründliches Studium seiner Karte verrät Ethan, dass die von Pete genannten Koordinaten mitten im Wald liegen, und zwar ein ziemliches Stück von Watertown entfernt. Es mag zwar erst Mittag sein, aber allzu viel Zeit sollten sie sich trotzdem nicht lassen, auch wenn sie erst abends bei dem Grenzposten sein müssen. So wie Ethan die meisten Waldwege bisher erlebt hat, fahren die sich nicht sonderlich gut, und bei Schnee schon gleich gar nicht.
Das ist auch der Grund, warum sie beschließen, Emilys Cabrio in Watertown stehen zu lassen und alle gemeinsam im D21 zu fahren – immerhin hat der Pickup deutlich mehr Bodenfreiheit, und Allradantrieb dazu.

Tatsächlich ist es gut, dass sie so früh aufgebrochen sind, denn der Weg zieht sich wirklich ganz schön. Nicht nur ist die Strecke extrem holprig, sondern sie ist im Schnee und in der früh hereinbrechenden Dunkelheit teilweise auch gar nicht so einfach zu finden. Dass Ethan trotzdem einigermaßen klar kommt, hat er nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass hier vor nicht allzulanger Zeit schon mal ein Auto langgefahren sein muss und Ethan dessen Spuren folgen kann.

Das vorausfahrende Auto wollte wirklich zu genau demselben versteckten Jägergrenzposten, denn als sie an den genannten Koordinaten ankommen, steht ein Jeep vor dem Schlagbaum. Ein Fahrer ist nicht zu sehen, aber in der Hütte neben der Schranke brennt Licht, und das Motorgeräusch des D21 lockt jetzt einen älteren Mann in kanadischer Grenzeruniform heraus. Nicht ganz so alt wie Silent Pete, von daher war dessen Aussage vermutlich nicht völlig falsch, aber trotzdem ist ‚junger Hüpfer’ nicht unbedingt eine Beschreibung, die Ethan mit dem von Pete erwähnten Jacques Gauthier in Verbindung gebracht hätte.
Der ‘junge Hüpfer’ wandert geschäftig um den Truck herum und stellt Fragen. Emilys Bogen zieht seine Aufmerksamkeit ebenso auf sich wie Niels’ Luger und die Winchester des Deutschen, und er trägt die Waffen und sonstige Ausrüstung der Jäger sorgfältig auf einer Liste ein. Dann allerdings weckt die Metallbox auf der Ladefläche des Pickups sein Interesse.
“Wollen Sie einen Krieg anzetteln?” fragt der Grenzer, als er deren Inhalt sieht, und Ethan schüttelt den Kopf. “Nein”, antwortet er ernsthaft. “Ausrüstung. Halt dabei.”
“Das muss ich mir drinnen ansehen”, erwidert Gauthier, “das dauert zu lange, um es hier draußen in der Kälte zu machen”, also darf Ethan die ganze Kiste in die Hütte schleppen.

Drinnen sitzt schon jemand, der Fahrer des Jeeps offenbar. Ethan kennt den Mann: Es ist Sjors ten Donk, der Niederländer, den Emily und Ethan in Unity getroffen haben. Ethan hebt die Hand, während Emily den anderen Jäger mit einem “Hi, Sjors” begrüßt und Niels gegenüber dann auch gleich erwähnt, dass sie den Europäer von einem früheren Job kennen.
Sjors hat im True Believers-Forum ebenfalls von den Verschwundenen gelesen, erzählt der Niederländer jetzt. Daraufhin wollte er seinen Cousin, der als Jäger in Ottawa lebt, kontaktieren, konnte ihn aber nicht erreichen und hat sich entsprechend besorgt auf den Weg gemacht.

Während Sjors leise die anderen Jäger informiert, hat Gauthier sich Ethans Kiste vorgenommen. Jedes einzelne Stück darin wird gründlich untersucht und dann auf seiner Liste detailliert festgehalten. Auch zu den Jägern selbst hat er viele Fragen: wer sie sind, wo sie hin wollen, all sowas. Aber vor allem fängt er dann auch noch an, Fachfragen zu stellen.
“Was hilft gegen Geister?” will er völlig unvermittelt von Emily wissen, die sich davon aber nicht aus dem Takt bringen lässt, sondern ihm sofort ein “Salzen und verbrennen” entgegenhält.
Mit einem zufriedenen Nicken wendet der Mann sich an Niels: “Wie schützt man sich vor Geistern?”
“Salz vor Fenster und Türen”, antwortet der Deutsche prompt, und Gauthier nickt wieder und dreht sich zu Ethan. “Hilft Knoblauch gegen Vampire?”
Ähm. Diese dämliche Frage würdigt Ethan keines Wortes, sondern bedenkt den Grenzbeamten nur mit seinem besten ‘Du willst mich wohl verarschen’-Blick. Die stumme Antwort bringt den Frankokanadier zum Schmunzeln: “Gut, bei dem Arsenal in Ihrem Auto hätte mich das auch gewundert.”
Sjors kommt auch nicht ohne Frage davon. “Was hilft gegen Werwölfe?” will Gauthier wissen, und natürlich hat der Niederländer mit Silber die richtige Antwort parat.
Während des Verhörs sieht Ethan sich in der Grenzhütte nach allem um, was auf Kram hinweisen könnte: Runen, Teufelsfallen, Salzlinien, irgendwas. Aber ohne von seinem Platz aufzustehen und den Raum auf den Kopf zu stellen, kann er nichts erkennen. Entweder es ist einfach nichts da, oder es ist gut getarnt.

Als alle Fragen zur Zufriedenheit des Kanadiers beantwortet sind, verlangt er die Pässe, um sie abzustempeln. Die beiden weinroten europäischen Pässe von Niels und Sjors, und vor allem die beiden Europäer selbst, finden mehr Gnade vor den Augen des ‚jungen Hüpfers’ als Ethan mit seinem US-blauen Pass, den Gauthier eine Spur missbilligend betrachtet. Und als er das Dokument dann aufklappt und darin den anderen kanadischen Stempel von vor ein paar Jahren findet, flammt sein kritisches Interesse an Ethan nochmal ganz neu auf.
Was damals sein Grund für den Aufenthalt in Kanada gewesen sei, Jagdzwecke?
Ethans zustimmendes “Mhmm“ hat eine ganze Salve neuer Fragen zur Folge. Wo er genau gewesen sei, um was für ein Monster es sich gehandelt habe, ob es bei der Gelegenheit zu Kontakt mit örtlichen Jägern gekommen sei?
Während Ethan die Fragen so gut beantwortet, wie er kann, bis Gauthier irgendwann Ruhe gibt, kommt ihm kurz der ungläubige Gesichtsausdruck in den Sinn, den Barry hatte, als er im April von Ethans Reisepass erfuhr, und er unterdrückt ein leichtes Schmunzeln. Es stimmt schon, von jemandem wie ihm wäre normalerweise nicht unbedingt zu erwarten, dass er schon mal außer Landes war.

Emily fällt da schon eher in das von Barry vermutete Muster. Sie besitzt nämlich tatsächlich keinen Reisepass, sondern nur ihren Führerschein, und der Grenzbeamte springt auf diese Tatsache an, als habe er nur darauf gewartet. “Ich will ja nicht so sein und lasse Sie durch”, teilt er Emily huldvoll mit, “aber wenn Sie dann auf kanadischem Boden sind und angehalten werden… Man könnte Sie festhalten, wenn Sie sich ohne Papiere in Kanada bewegen.”
Ethan runzelt die Stirn. Wenn er sich von damals richtig erinnert, wird für US-Bürger bei der Einreise nach Kanada ein Reisepass nicht unbedingt benötigt, aber ‘dringend empfohlen’ – damals, als Ethan anfing, für sie zu arbeiten, haben Bones Gate vor allem darauf gedrängt, dass er sich einen Pass machen ließ, weil es nichts schadete und er damit im Fall der Fälle auch außerhalb Nordamerikas beweglich wäre.
Aber bevor Ethan etwas zu dem Thema sagen kann, springt Niels in die Bresche. “Wenn was sein sollte, rufe ich Cedric an”, sagt er leise zu Emily, “immerhin ist der Anwalt.”
Die junge Jägerin schüttelt den Kopf. “Danke, aber das geht schon. Ich lasse mich nicht erwischen.”

“Wenn Sie auf demselben Weg zurückkommen und hier ist niemand, fahren Sie einfach durch und schließen die Schranke hinter sich”, weist Gauthier die Jäger noch an, “aber sagen Sie dann in Watertown Silent Pete Bescheid, dass Sie zurück sind. Er wird mich informieren.”
Ethan nickt. Den stummen Barkeeper zu benachrichtigen, ist gar kein Problem. Immerhin steht Emilys Auto noch vor dem Roadhouse.
Für jetzt sollen sie aber dem kanadischen Grenzer aus dem Wald heraus bis zur nächsten größeren Straße hinterherfahren – von dort aus würden sie dann alleine ihren Weg finden, sagt Gauthier.
Ethan ist zwar der Ansicht, sie würden auch ohne Händchenhalten des Mannes zurechtkommen, aber hey. Sie haben die Formalitäten so gut wie hinter sich gebracht, da wird er den Teufel tun und den Typen jetzt noch gegen sich aufbringen.

“Also wer ist dieser Sjors genau, und woher kennt ihr euch?” will Niels wissen, sobald sie alle wieder im Auto sitzen und den Rücklichtern von dessen Jeep folgen. Ethan verzieht das Gesicht. “Job. New Hampshire. Hexe.” Er hat so überhaupt gar keine Lust, über Unity und den ganzen Rattenschwanz von Garritys Dämon zu reden, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die verdammten Chimären ihn in Ruhe gelassen haben, deswegen ist er dankbar, dass wenigstens Emily ein klein bisschen weiter ausholt. “Da war eine ganze Stadt unter Kontrolle einer Hexe. Jetzt nicht mehr.” Heh. So kann man es auch ausdrücken. Elender Drecksmist.

Wie versprochen, lotst Jacques Gauthier sie aus dem Wald und biegt irgendwann in die entgegengesetzte Richtung ab. Bis Ottawa ist es noch ein ganzes Stück, so dass sie erst deutlich nach Mitternacht in der Stadt ankommen, aber in Lower Town finden sie ein kleines, Hotel, mehr eine Bed & Breakfast-Pension, die auch um diese Zeit noch geöffnet hat. Besonders Niels zeigt sich sehr dankbar dafür, dass dort noch Zimmer frei sind und sie nicht weitersuchen oder sogar den Rest der Nacht im D21 verbringen müssen. “So gern ich dein Auto mag, Ethan, schlafen kann man darin nicht”, brummelt er, bevor er sich die knarzende Stiege hinauf auf den Weg zu seinem Zimmer macht. Ethan schnaubt amüsiert und folgt ihm etwas langsamer zu seinem eigenen Zimmer, wo er auch sofort ins Bett kippt.

Als Ethan am nächsten Morgen in den Frühstücksraum des B&B kommt, ist Emily schon da. Wie so oft, sieht die junge Jägerin nicht so aus, als hätte sie mehr als drei oder vier Stunden geschlafen. Das ist doch kein Zustand, verdammt, aber Ethan sagt nichts dazu. Was soll er auch sagen? Was dagegen machen kann er eh nicht. Mit einem “Hey” und einer grüßend erhobenen Hand setzt er sich zu seiner Kollegin, die ihm müde zunickt und sich dann wieder in ihren Kaffee vertieft. Ethan holt sich auch Frühstück und setzt sich zu ihr, und sie verbringen ein bisschen Zeit in einträchtigem Schweigen, bis Sjors, der den Ottawa Citizen in der Hand hat, auch dazukommt.
Als Niels deutlich später auftaucht, hat der Niederländer seine Zeitung ausgelesen. “Ich wollte sehen, ob ich etwas über die Vorfälle finden kann”, lässt er die anderen wissen, sobald der deutsche Student sich ebenfalls Frühstück geholt hat, “und es gibt wirklich etwas, das vielleicht damit zusammenhängen könnte.” Er schlägt eine Seite im hinteren Teil des Blattes auf, wo in einer Randnotiz erwähnt wird, dass die beiden amerikanischen College-Studentinnen, die vor vier Tagen aus ihrem Hotel im Viertel Byward Market verschwunden sind, noch immer vermisst werden.

Okay. Interessant. Definitiv was, das sie im Auge behalten sollten. Zum Glück soll das Treffen mit dieser Granuaile erst nachmittags stattfinden, also haben sie bis dahin noch Zeit, um Vorbereitungen zu treffen. Ethan wird nämlich den Teufel tun und einfach blind zu irgendeinem Treffpunkt mit irgendeiner Forentrulla marschieren, wenn Jäger verschwunden sind.
“Wo ist das überhaupt?” will Niels wissen.
“Sekunde.” Emily holt ihr Telefon heraus, tippt einen Suchbegriff darin ein und hält den drei Männern gleich darauf einen Ausschnitt von dessen digitaler Karte unter die Nase.
Als die Jägerin von Karten- auf Satellitenbild umschaltet und näher an das fragliche Gebäude heranzoomt, runzelt Ethan die Stirn. Ja, da steht ‘Brigid’s Well’ neben dem roten Marker, aber das ist doch eine… “Kirche?”
“Eigentlich denkt man bei dem Namen doch eher an eine Kneipe”, brummt Niels missmutig.
Hmm. Stimmt eigentlich. Vielleicht… “Umgewidmet?” Gibt es ja immer mal, dass Kirchen nicht mehr als Kirchen verwendet und zu Nachtclubs oder Wohnhäusern umgebaut werden.
“Wir sollten uns das auf jeden Fall vorher ansehen”, sagt Emily bestimmt, und Ethan nickt. “Plan. Und das Viertel. Unbeeinflusst.”
Sjors wiegt mit dem Kopf. “Ich muss erst herausfinden, was mit Xavier los ist. Lasst mich gerade bei seinem Hotel anrufen.”

Ein paar Minuten später kommt der Niederländer mit noch besorgterem Gesichtsausdruck als vorher wieder an den Frühstückstisch. “Irgendwas ist da los”, teilt er den anderen mit. “Nicht nur wollten sie mir keine Auskunft geben, sie wurden sogar richtiggehend biestig. ‘Wenn Sie von der Presse sind, müssen Sie sich schon was Besseres einfallen lassen’”, äfft er die Rezeptionistin nach, “das klingt mir schwer danach, als wollten sie etwas verschweigen. Ich muss da persönlich hin.”
“Dann teilen wir uns auf”, schlägt Niels vor. “Emily und Ethan sehen sich die Kirche und das Viertel an, und ich begleite dich.”

Sonderlich weit ist es nicht bis zu der Kirche, die das ‚Brigid’s Well’ beherbergen soll, aber auch hier schweinekalt. Viel kälter, als es die letzten Tage in Tappan war, und sogar nochmal ein paar Grade frostiger als in Watertown. Trotzdem gehen die beiden Jäger zu Fuß, wofür gibt es denn Winterkleidung. Erstens, weil Ethan nicht weiß, wie es dort mit Parkplätzen aussieht, und zweitens, weil sie schon mal ein bisschen was von der Stimmung der Gegend einfangen und sehen wollen, ob irgendwo eine Antenne zuckt.

Das ‘Brigid’s Well’ ist nicht direkt in der Kirche, sondern über einen Seiteneingang zu erreichen. Der ist allerdings um diese Uhrzeit geschlossen, und nur ein ein Schild und eine Stehtafel weisen darauf hin, dass die Kneipe um 4 Uhr nachmittags öffnet. Aber die Kirche selbst hat geöffnet, und so misstrauisch er sich seit den Ereignissen in Wyoming auch gegenüber solchen Dingen fühlen mag, da drin will Ethan sich mal umsehen. Antenne und so. Emily bleibt allerdings draußen; die fühlt sich offenbar mit Kirchen noch viel unwohler als er.
Diese Kirche ist katholisch, stellt Ethan beim Eintreten fest – nicht, dass er sich das aufgrund des Namens, St. Brigid’s, nicht ohnehin schon gedacht hätte – und weist jede Menge irische Einflüsse auf. Das keltische Kreuz und die Bilder von irischen Heiligen machen Ethans Unbehagen wegen Engeln und all dem etwas besser.
Drinnen sieht er sich aufmerksam um. Sucht nach Hinweisen darauf, ob die ganzen keltischen Elemente nur Dekoration sind, sprich, ob hier echtes Christentum praktiziert wird, wie es eben aus Irland herübergekommen ist, oder ob die Kirche nur zur Tarnung für etwas ganz anderes dient. Ja und nein, kommt es ihm vor. Die Kirche ist schon echt, soweit Ethan das beurteilen kann, aber irgendwie, ohne dass er einen Finger darauf legen kann, warum genau, fühlt es sich an wie … mehr.

Wie die meisten Vertreter seines Berufs ist der Pfarrer sehr freundlich. Unbefangen berichtet er, dass einige Frauen verschwunden seien, für deren Rückkehr man bete. “Aber mein Cousin ist Polizist”, erzählt der Mann weiter, “und mit den Fällen betraut – mit diesen und den anderen, die es gab.”
Oho. Es gab noch andere? Ethan horcht auf, fragt aber nicht weiter. Lieber erstmal unauffällig bleiben. Falls es wichtig wird, kann er immer nochmal nachhaken kommen.
Aber nach der Kneipe erkundigt Ethan sich natürlich. “Die Pfarrgemeinde vermietet den ehemaligen Weinkeller der Kirche, um etwas mehr Geld in die Kasse zu spülen”, antwortet der Pfarrer, genauso offen wie die ganze Zeit schon, und fährt fort: “Sie wissen ja sicher, wie es ist. Die Zeiten sind hart und das Geld ist knapp.” Dabei wirft er einen vielsagenden Blick auf den Opferstock, und so wirft Ethan beim Gehen zum dankenden Nicken des Pfarrers einen Fünfdollar-Schein in die Spendenbüchse.

Draußen hat er sich gerade wieder mit Emily getroffen und kurz Bericht erstattet, als sein Telefon klingelt. Niels, sagt der Bildschirm. Dem Deutschen erzählt Ethan gerade nochmal von der Kirche, bevor er auf Lautsprecher schaltet, damit Emily mithören kann, und der Student dann schildert, was Sjors und er im Hotel erlebt haben.
Die Polizei war gerade da, als sie ankamen, sagt Niels. Von den Beamten hat Sjors Infos bekommen, als er nachweisen konnte, dass er wirklich ein Verwandter des Verschwundenen sei. Oder besser: der Verschwundenen. Denn Xavier – der mit Nachnamen Vermeulen heißt – war in Begleitung eines gewissen Alexandre du Lac. Huh. Beide Namen sagen Ethan sogar etwas. Das sind kanadische Jäger, die hier in der Gegend um Ottawa aktiv und damit wohl genau die vermissten Jäger sind, die im Forum erwähnt wurden. Nach dem, was Ethan so gehört hat, fahren die beiden eine relativ weiche Linie – so sollen sie zum Beispiel bereit sein, mit Werwölfen zusammenzuarbeiten, wenn die nur Tiere und keine Menschen reißen. Na gut, soll ja gelegentlich vorkommen. Bob Meyers war ja auch einer von der Sorte. Ethan verzieht das Gesicht. Nein, verdammt. Bob Meyers war ein Hobangoas. Aber trotzdem. Soll’s ja auch bei echten Jägern geben.

Verschwunden sind die beiden Kanadier jedenfalls seit vorgestern morgen. In ihrem Zimmer gab es Hinweise auf eine Gewalttat: Blut- und Kampfspuren, aber nicht so viele, wie es hätten sein können, so dass die Polizei davon ausgeht, die beiden Männer müssen wohl nachts im Schlaf angegriffen und verschleppt worden sein.
Dummerweise ist der Reinigungskraft nicht aufgefallen, dass in dem Zimmer ein Verbrechen stattgefunden haben muss, und hat das Zimmer am nächsten Morgen einfach geputzt, weil sie dachte, die beiden Gäste seien schon abgereist. Und die Polizei will die Jäger nicht in das Zimmer lassen, weil das, was nach der unglückseligen Putzaktion an Spuren noch übrig war, noch nicht fertig gesichert ist.
“Blöd gelaufen”, brummt Niels. “Wir kommen zurück. Wo sollen wir uns treffen?”
“Hmmm”, macht Ethan. “Erst Zimmermädchen?”
“Und was soll das bringen?”
Ähm. Das muss er fragen? “Was gesehen? Symbole, Teufelsfallen, verdorrte Blumen?”
“Schwefelgeruch”, fügt Emily noch hinzu, und nach kurzem Schweigen kommt von Niels ein “Okay, dann gehen wir nochmal zurück und versuchen das.”
“Gut”, erwidert Ethan. “Wir: Byward Market.”

St. Brigid’s liegt selbst schon im Byward Market, aber an dessen äußerem Rand. Von der Kirche aus beginnen die beiden Jäger einen methodischen Streifzug durch die eisigen Straßen des Viertels – aber huh. Das ist seltsam. Bisher ist ihm das gar nicht so richtig aufgefallen, aber so eisig kommt es Ethan gar nicht mehr vor. Wo die klirrende Luft ihm vorhin beinahe schmerzhaft ins Gesicht geschnitten hat und sich seine Hände sogar in den dicken Handschuhen ein bisschen steif anfühlten, spürt er die Kälte jetzt zwar immer noch, aber längst nicht mehr so unangehm wie vorhin. Komisch. Ob es wärmer geworden ist?

Ethan runzelt die Stirn und will seine Begleiterin eben fragen, ob es ihr ähnlich geht, da fällt ihm an dem Laden, den an dem sie gerade vorbeigehen, etwas auf: Die Tür des Geschäfts – ein Buchladen, wie es aussieht – ist polizeilich versiegelt. Huh.
Er stubst Emily an und deutet auf das Siegel, dann späht er neugierig durch das Schaufenster. Ein Buchladen, ja, und zwar ein Antiquariat für okkulte und esoterische Literatur. Interessiert sieht Ethan genauer hin… und stutzt. Sieh an. Das ist nicht nur einfach esoterische Literatur. Also auch. Aber mehr als ein Buch im Fenster kommt ihm vor wie das echte Zeug.

Naturlich gehen die Jäger sich das näher ansehen. Der Hintereingang des Ladens wurde aufgebrochen, die Tür ist also nur angelehnt, aber auch dieser Zugang ist mit einem Polizeisiegel gesichert. War ja klar. Kay. Mal sehen.
Während Emily aufpasst, dass niemand kommt, macht Ethan sich vorsichtig an dem Siegel zu schaffen. Tatsächlich gelingt es ihm, das Ding so abzulösen, dass man die Manipulation hinterher hoffentlich nicht bemerken wird.

Vom Hintereingang aus geht es in eine kleine Wohnung, wo der Anblick, der sich den beiden Jägern hier bietet, so ziemlich wie das klingt, was Niels aus dem Hotel erzählt hat. Offensichtlich hat auch hier im Schlafzimmer ein Kampf angefangen und sich von da nach draußen gezogen.
In mehreren Zimmern finden sich Sitzstangen für einen großen Vogel, aber was für einer, kann Ethan nicht sagen. Ein Papagei vielleicht?
In einer Ecke bückt Emily sich und hebt etwas auf. Eine Feder, bräunlich und ziemlich breit gestreift. Ethan hat keine Ahnung, von welchem Vogel sie kommt – nur dass sein Gedanke von einem Papagei falsch war, soviel ist mal sicher.
“Eine Eule”, sagt Emily nach kurzem Überlegen. “Ob sie wohl bei dem Kampf weggeflogen ist oder die Angreifer sie mitgenommen haben?”
Ethan brummt ein “Mhmm”, aber so richtig interessiert der Vogel ihn nicht: Da hinten steht eine Tür offen, die so aussieht, als würde sie in das Büro des Ladens führen. Vielleicht finden sich da irgendwelche Hinweise darauf, was mit dem Inhaber passiert ist.

Im Büro hat Ethan einen schnellen Blick rundum geworfen und gerade den obersten Umschlag vom Stapel mit Briefen und sonstigen Papieren auf dem Schreibtisch genommen – ‘Nadine Wright’ steht darauf, okay, dann kennen sie schon mal den Namen der Inhaberin -, da tritt Emily in die Tür. Sie hat irgendwas in der Hand und einen ziemlich besorgten Gesichtsausdruck aufgesetzt.
“Nicht einfach nur eine Eule. Das ist ein Vertrautentier. Da hinten ist ein Zimmer mit lauter Ritualzeug. Kerzen und so.”
Emily hält die Gegenstände hoch, die sie in der Hand hat: eine schwarze, wachsübertropfte Kerze und ein glitzerndes Prisma. “Wir müssen später unbedingt wiederkommen und die Bücher entsorgen. Die Alte ist ‘ne Hexe.”

Ethan erstarrt. Scheiße, verdammte. Elender Drecksmist! Ja klar! Wie konnte er das bloß übersehen? Mit fliegenden Fingern fängt er an, den Stapel Papiere zu durchsuchen – es würde ihn verdammt nochmal nicht wundern, wenn Wright auch als Lifecoach arbeiten und mit Heliand zusammenhängen würde.
“Ethan!” sagt Emily warnend, aber das hört er kaum. Hier muss irgendwas sein.
Rechnung, Rechnung, Bestellung, Rechnung, Werbung, handgeschriebener Privatbrie– plopp. Gar kein wirklich hörbares Geräusch, mehr ein Gefühl im Kopf, als Ethan beim Anheben des Briefes das Stoffsäckchen berührt, das darunter liegt, und die Bewegung nicht mehr aufhalten kann.
Hexenbeutel, verdammt!

Beinahe wie in Zeitlupe, auch wenn es in Wirklichkeit wahrscheinlich nur einen Wimpernschlag dauert, beobachtet Ethan, wie seine Hände sich bis zum zweiten Fingerknöchel tintenschwarz einfärben, und ihm entfährt ein deftiges Schimpfwort. Das war das magische Gegenstück einer Farbbombe, Drecksmist noch eins!
“Ich hab dich gewarnt”, knurrt Emily. “Du kannst doch nicht einfach völlig kopflos drauflos wühlen! Das hast du jetzt davon.”
Sie tritt neben ihn und wirft ihm einen zu gleichen Teilen vorwurfsvollen wie besorgten Blick zu. “Zeig mal her.”
Als Ethan die Hände hebt, sieht die Jägerin erst auf seine schwarzen Finger und ihm dann ins Gesicht. “Was zum Geier sollte das?”

“Tur mir leid”, brummt Ethan. Sie hat ja recht, verdammt. Aber lässt sich jetzt nicht ändern. Und wenn die Hexe gerade diesen Brief magisch gesichert hat, muss er es wert sein, gesichert zu werden. Also mal sehen. Absender … Carla Mont-Gatineau. Carla. Mit einem leisen Zischen zieht Ethan die Luft ein, was die Besorgnis in Emilys Gesicht die Oberhand über den Vorwurf gewinnen lässt.
“Ist irgendwas?”
Ethan schüttelt den Kopf und wendet sich wieder dem Brief zu. “Mm-mm.”

Seine Finger sind zwar ohnehin schon schwarz, aber trotzdem ist Ethan jetzt deutlich vorsichtiger, als er den Bogen aus dem Umschlag zieht. Nicht, dass die Farbbombe nur die Ablenkung war und im Brief selbst eine noch hässlichere Überraschung wartet.
Wartet es nicht, zum Glück. Aber der Inhalt des Schreibens ist tatsächlich ziemlich interessant, denn zwischen den Zeilen sagt er mehr als deutlich, dass Carla Mont-Gatineau und Nadine Wright Hexen-Kolleginnen sind und sich öfter mal treffen, um dann gemeinsam Rituale durchzuziehen und all das. Alles klar. Ethan presst die Lippen aufeinander und notiert sich Mont-Gatineaus Adresse. Den Rest des Schreibtischs und des Büros durchsucht er auch noch, aber irgendwelche Hinweise auf Heiland Consulting oder auf das, was genau mit Nadine Wright passiert ist, findet er nicht.
Na gut. Aber wenigstens die Adresse der anderen Hexe haben sie.

Draußen bringt Ethan das Polizeisiegel wieder an, bevor er sich erst eine Zigarette anzündet und dann die Handschuhe wieder überstreift. Jetzt ist es gut, dass es so kalt ist. So fallen seine verfärbten Finger wenigstens niemandem auf. Wobei – so kalt kommt es ihm wirklich nicht mehr vor, auch wenn Emily ihre dicke Winterjacke immer noch genauso eng um sich gezogen hat und Mütze und Schal bei ihr immer noch einen genauso großen Teil ihrer aparten Gesichtszüge verdecken. Aber über diesen tatsächlichen oder vermuteten Unterschied in ihrem Kälteempfinden denkt Ethan jetzt gar nicht groß nach. Er ist zu wütend. Scheiße nochmal, wie konnte er sich so gehen lassen? Er hätte es echt besser wissen müssen! Erregt ballt Ethan die Fäuste. So ein elender Mist.
Okay, verdammt. Zusammenreißen. Ein paar hundert Yards weiter ist ein Laden namens ‘Dollarama’. Wenn das sowas ist wie das U.S.-amerikanische ‘Dollar Tree’, dann muss er da mal kurz rein. “Sekunde.”
Ein paar Minuten später kommt Ethan mit einem Paar dünner, in dem Billigladen als ‘smartphonetauglich’ beworbener Handschuhe wieder auf die Straße. Aber ob er mit den Dingern wirklich sein Handy bedienen kann, ist ihm herzlich egal. Wichtig ist: Er kann sie unter seine dicken Winterhandschuhe ziehen, damit seine markierten Hände nicht auffallen, wenn er seine Waffen bedienen oder sonstwas Feinfingriges tun muss.

Emily empfängt ihn mit einem nachdenklichen Gesicht. “Meine Theorie”, sagt sie, als sie sich wieder in Bewegung gesetzt haben: “Die beiden Jäger haben die Hexen gejagt, und irgendwer hat dann die Jäger aufgemischt.”
Drecksmist. Das klingt echt erschreckend plausibel. Nur dann müssten die Hexen Teil einer größeren Gruppe gewesen s–
Abrupt bleibt Ethan stehen.
“Emily”, sagt er stirnrunzelnd. “Was, wenn die Frau in der Kneipe auch? Gra-dings.“
Emilys Miene wird zerknirscht. „Bisschen spät, meinst du nicht?”
“Schon die ganze Zeit gedacht”, gibt Ethan zu. “Jetzt noch mehr.“
„Aber warum sollten die fremde Jäger hierher locken wollen?“
Zögernd hebt Ethan die Schultern und setzt sich wieder in Bewegung. „Erfolg? Mehr Erfolg?“
„Aber sie müssen doch wissen, dass sie das nicht ewig durchhalten“, erwidert Emily.
Auch wieder wahr. Aber andererseits, wer weiß schon, wie Hexen ticken? Oder ob er mit seiner Theorie überhaupt richtig liegt. “Mmhm”, brummt Ethan nachdenklich. “Vielleicht ja doch nicht. Und ganz anders. Aber trotzdem.” Er wirft der anderen Jägerin einen mahnenden Blick zu. “Augen auf nachher.”

Emily schnaubt. Sie wirkt… nicht aufgebracht, aber doch verärgert, als sie mit leiser Betonung auf der ersten Silbe antwortet: „Ich bin nicht gekennzeichnet.“
Für einen Moment hat Ethan keine Ahnung, worauf die Jägerin hinaus will. Dass sie sich nachher im Gespräch dieser Granuaile unauffälliger nähern kann, weil Ethans schwarze Finger der Frau, wenn sie wirklich eine Hexe ist, sofort zeigen würden, dass sie bei Wright waren und die Falle ausgelöst haben? Aber genau dafür hat er doch gerade die Handschuhe gekauft, damit man das eben nicht sofort sieht. “Hmm?” macht er fragend.
Emily wirft einen vielsagenden Blick auf Ethans Hände und schnaubt wieder, und jetzt wird ihm endlich klar, was sie gemeint hat. Sie will sich von ihm nicht ermahnen lassen, sie solle vorsichtig sein, wo er doch derjenige war, der durch seine Unachtsamkeit in die Falle getappt ist!
Ethan seufzt. „Sagte doch. Sorry.“ Er sieht auf seine behandschuhten Hände, dann zu Boden.
“Weiß auch nicht.”
Seine Begleiterin spiegelt das Geräusch und nickt leicht. „Aber hast recht”, erwidert sie nach einer kleinen Pause. “Aufpassen auf jeden Fall.“
Kurz greift Emily nach seiner Hand und drückt sachte zu. Sie lässt gleich wieder los, aber nicht, bevor die vorsichtige Berührung ihm nicht ein schiefes Lächeln entlockt hat.
„Ich meine das ernst”, erklärt Emily mit fester Stimme, “du darfst nicht so durchdrehen, wenn es um Hexen geht. Das wird dich umbringen.“
Ethan beißt die Lippen aufeinander. „Normal nicht. Nur… seit. Dachte… Heliand. Weiß auch nicht.“
„Gerade dann nicht“, mahnt Emily und sieht ihn traurig an.
Ethan brummt zerknirscht. „Ja. Weiß. Mein ja. Normal… nicht so. Keine Ahnung. War doof. Unvernünftig. Tut mir leid.”
„Wir müssen gucken, wie wir das wieder wegkriegen.”
Ethan sieht sie betrübt an und nickt. „Mmhm.“
Als Emily seinem Blick ausweicht, schaut Ethan eilig weg und beschleunigt mit zusammengebissenen Zähnen seine Schritte. Hinter sich hört er ein Schnaufen von Emily, dann kurz Stille, als sei die andere Jägerin für einen Moment stehen geblieben, und schließlich das Geräusch schneller Schritte im Schnee, bis sie wieder auf seiner Höhe angekommen ist. Vorsichtig schaut sie ihn von der Seite an.
„Bist du jetzt sauer?“ fragt Emily mit unsicherer Stimme, und Ethan nickt. „Mmhm. Auf mich.“
Aber hilft ja alles nichts, verdammt.

In dem Moment klingelt sein Telefon.

“Wir haben was rausgekriegt”, hört Ethan gleich Niels’ zufriedene Stimme, “das mit der Putzfrau war eine gute Idee. Seid ihr auch schon fertig?”
“Mhm.”
“Habt ihr auch was?”
Ethan verzieht das Gesicht. “Mhm.”
“Alles klar, dann kommen wir jetzt zu euch.”
“Mhm.”
“Okay, hast du einen Vorschlag, wo wir uns am besten treffen? Ihr seid doch da durch das Viertel gestiefelt.”
“Mhm.”
Niels’ Stimme nimmt einen besorgten Tonalfall an.
“Alter, alles okay bei dir?”
Wieder zieht Ethan eine Grimasse und merkt selbst, wie wenig überzeugend er bei seiner Antwort klingt. “Mhm.”
Zusammenreißen, verdammt. Ethan sieht ein Stückchen den Weg zurück, den sie gerade genommen haben. Da war doch eben… Genau.
“Starbucks. York Street.”

Knapp eine Viertelstunde später betreten der Deutsche und der Niederländer den Coffeeshop, dessen Position Ethan auch nochmal per Karten-App an seinen Freund geschickt hat.
“Was war denn los?” fragt Niels ohne große Vorrede, nachdem sie alle mit Getränken vor sich in einer ruhigen Ecke sitzen.
Emily wirft Ethan einen säuerlichen Blick zu und schweigt. Ethan seufzt. “Kurzfassung: Ich bin ein Depp.”
Ein Schnauben von Emily. “Bist du.”
Dann erbarmt sie sich aber doch und erzählt den beiden anderen Jägern von dem Antiquariat und allem, was sie dort gefunden haben. “Und als ich Ethan gesagt hab, dass das der Laden einer Hexe ist, hat er völlig kopflos angefangen, ihre Sachen zu durchwühlen, und sich einen Fluch eingefangen.”
“Alter!” flucht Niels. “Du ziehst die blöden Weiber aber auch an!”
Nachdem er den Studenten mit einem finsteren Blick durchbohrt hat, seufzt Ethan wieder, zieht die dünnen Smartphone-Handschuhe aus, die er bis eben angelassen hatte, und zeigt seine markierten Hände vor.
“Dachte halt: Hexe”, sagt er dann. “Heliand Consulting. Aber. Hexenbeutel zwischen den Papieren.”
“Du darfst wirklich nicht immer so durchdrehen, nur weil eine Hexe im Spiel ist”, wiederholt Emily ihre Ermahnung von vorhin, was Niels’ Augenbrauen abrupt nach oben schießen lässt, ihm aber keinen Kommentar entlockt, auch wenn der Deutsche so aussieht, als müsste er sich ein Grinsen verbeißen. Ethan sagt ebenfalls nichts dazu, bedenkt die andere Jägerin aber mit einem sarkastischen Blick. ‘Immer’. Echt jetzt.

Ethan ist ziemlich dankbar, als Niels taktvoll das Thema wechselt und erzählt, was sie am Hotel noch herausbekommen haben. Das Zimmermädchen erinnert sich an Schwefelgeruch. Und sie hat einen Dolch gefunden, aber nicht der Polizei übergeben. Als Sjors die Waffe als Familienerbstück der Vermeulens identifizierte und sich selbst als Verwandter zu erkennen gab, vertraute sie ihm den Dolch an. Jetzt zeigt der Niederländer die Waffe auch den anderen, was Ethan leise durch die Zähne pfeifen lässt. Das Ding ist mit Silber belegt und Runen verziert, und wenn die Klinge auch noch geweiht wäre oder sowas, würde es ihn auch nicht wundern.
“Wir haben überlegt, ob das nicht irgendwie zusammenhängt”, erläutert Emily. “Dass die Jäger die Hexe im Antiquariat gejagt haben und irgendwer den Spieß umgedreht hat. Vielleicht die andere Hexe oder so.”
Sjors hakt nach: “Andere Hexe?”
“Brief gefunden”, führt Ethan aus. “Auch ’ne Hexe. Partnerin von Wright. Oder… Granuaile. Treffen: Falle?”
Die beiden Europäer können das zwar genauso wenig ausschließen wie ihre amerikanischen Kollegen, aber zu dem Treffen hin müssen sie trotzdem, stimmen auch die beiden Männer zu. Und dann dort eben entsprechend auf der Hut sein.

Vor allem, weil Ethan in der Kirche, unter der die Kneipe liegt, ja dieses schwer in Worte zu fassende ‚christlich ja, aber irgendwie mehr’ gespürt hat. Und als er das denkt, kommt ihm auch wieder die Tatsache ins Bewusstsein, dass er nach Verlassen der Kirche die Kälte nicht mehr so sehr gespürt hat.
Entsprechend zieht er draußen vor dem Starbucks seinen Schal nicht über Mund und Nase und die Mütze nur halb über die Ohren, während seine Begleiter sich so tief in ihre Sachen mummeln, wie sie nur können.
Sein lockerer Umgang mit den arktischen Temperaturen entgeht den anderen nicht.
“Nicht mehr so kalt”, beantwortet er die erstaunten Blicke seiner Gefährten. “Kirche: was gespendet. Seitdem. Zauber vielleicht?”

Aufgebracht fährt Emily zu ihm herum. “Und wann hattest du vor, mir das zu sagen?”
So ganz kann Ethan ihrem empörten Blick nicht standhalten. “Selbst erst nicht gemerkt”, murmelt er verlegen. “Vor dem Laden erst. Und dann… Laden.”
Während Emily ihn noch einmal anfunkelt, sagt Niels nachdenklich: “Ein Zauber, weil man in einer Kirche etwas spendet? Nie gehört.”
Mhmmm. In den allermeisten Kirchen kommt sowas wohl auch normalerweise nicht vor. Aber St. Brigid’s hatte ja eben dieses ‚Mehr’.
“Eindruck: Tust der Kirche was Gutes, Kirche tut dir was Gutes”, versucht Ethan seine Gedanken in Worte zu fassen, aber damit ist er bei Niels an der falschen Adresse.“Mir hat die Kirche nie etwas Gutes getan”, knurrt der Deutsche bitter, “und ich werde ganz sicher keine katholische Kirche mehr betreten, wenn es nicht einen sehr guten Grund dafür gibt.”
“Nicht jede. Diese”, seufzt Ethan, winkt aber gleich darauf ab, bevor sein Freund protestieren kann. “Egal. Musst nicht. Kneipe: drunter.”
Heh. Nach der Grimasse, die Niels zieht, macht der aufmunternd gemeinte Kommentar die Sache für ihn nicht wirklich besser. Aber klar, erinnert Ethan sich jetzt: Damals in May Creek wollte der Student ja auch nur sehr ungern in den Keller des verlassenen Krankenhauses da.

Trotzdem folgt Niels mit finsterer Miene den drei anderen durch die jetzt offen stehende Tür im Seitenflügel des Gebäudes. Es geht einige Treppenstufen hinunter in eine gemütlich anmutende Kneipe mit Wänden aus Stein, der Einrichtung in warmen Holztönen und gedämpftem Licht. An einer Wand im hinteren Teil des Raumes befindet sich das steinerne Relief einer Frauengestalt vor einem keltischen Kreuz – vermutlich die namensgebende St. Brigid. Neben der Heiligen Brigid gibt es im irischen Volksglauben übrigens auch noch eine keltische Göttin desselben Namens, doziert Sjors, eine Göttin der Dicht- und der Heilkunst, der Fruchtbarkeit und der Schmiede.

Außer den Jägern ist in der Kneipe sonst niemand zu sehen – der Kellner natürlich, ein junger Typ mit dunklen Haaren und französischem Akzent, dessen Lächeln sich vor allem an Niels zu richten scheint, als er nach ihren Getränkewünschen fragt.
Vielleicht um den Frankokanadier zu beeindrucken, oder vielleicht auch einfach, weil sie sich im zweisprachigen Kanada befinden, bestellt Sjors irgendwas auf Französisch, das sich ein paar Minuten später als eine Art Glühwein herausstellt, während die drei anderen sich an Kakao halten. Ethan hätte ja bei der Frage am liebsten abgewunken, weil er nicht vorhat, an einem Ort, der womöglich eine Falle ist, irgendwas anzurühren. Kann er nur nicht bringen. Es ist eine Kneipe: Zumindest bestellen muss er was. Aber als die Getränke dann kommen, quirlt er nur ein bisschen mit dem Löffel in dem Kakao herum und geht ansonsten nicht dran.
Emily macht es genauso, stellt er fest. Und wie er sieht die andere Jägerin sich in dem Kellerpub aufmerksam um, sucht vermutlich genau wie er nach Hinweisen darauf, ob sie hier in der Falle sitzen, und falls ja, wie sie aufgebaut ist. Oder sie sammelt vielleicht einfach nur Eindrücke.
Niels sammelt auch Eindrücke. Aber dessen Aufmerksamkeit liegt deutlich eher beim Barkeeper, von dem er gelegentlich zugezwinkert bekommt und dann mit ihm ein vorsichtiges Lächeln austauscht. Sjors schlürft indessen langsam seinen Glühwein und scheint, während sie warten, auf seinem Telefon noch einige Nachforschungen anzustellen.

Neben der Bar, von halb vom Tresen verborgen, liegt ein sandfarbener, langhaariger, schlanker Hund und kaut auf einem Knochen herum, bemerkt Ethan in dem Moment, als Emily aufsteht, zu dem Tier hingeht und es nach kurzem ‚bist du auch friedlich?‘-Zögern zu streicheln beginnt.
Hmmm. So richtig gut kennt Ethan sich mit Hunden zwar immer noch nicht aus, obwohl er seit einem Dreivierteljahr einen hat. Aber dessen Blick kommt ihm wacher und aufmerksamer vor, als er das bei einem normalen Tier sein sollte.
“Vertrautentier?” überlegt er mit gedämpfter Stimme, “Oder sogar…”
In derselben geringen Lautstärke spricht Sjors das aus, was Ethan denkt. “Granuaile selbst, die uns erst einmal beobachten will?”

Vielleicht. Aber dann kann Ethan sehen, wie Emily stutzt und auf den Kopf des Hundes deutet. “Der Arme”, hört er sie zu dem Kellner sagen, “wie hat er sich denn verletzt? So ein schönes Tier. Wie heißt er?”
“Das ist eine sie”, antwortet der junge Mann, “und sie heißt Orlaith. Aber wie sie zu der Verletzung kommt, weiß ich nicht. Sie gehört nicht mir.”
Während Emily verstehend nickt und mit ihren Streicheleinheiten fortfährt, erzählt der Barkeeper weiter: dass ihr Frauchen sich hier immer mit ihrer Freundin Brigid treffe, heute Orlaith aber ganz alleine gekommen sei und diese Kopfwunde gehabt habe. Und weil sie so hungrig gewesen sei, habe er ihr den Knochen gegeben. Wo die Besitzerin ist, weiß der Mann nicht, aber er hofft, dass sie noch auftaucht.

Die Hündin scheint gemerkt zu haben, dass man über sie spricht. Oder sie hat Vertrauen zu Emily gefasst. Denn jetzt steht sie auf, lässt ihren Knochen liegen und macht einige Schritte auf den Ausgang zu, bevor sie anhält und sich zu Emily umdreht, dann noch ein paar Schritte tut und sich wieder umdreht.
“Na, ist mal wieder jemand in den Brunnen gefallen, Lassie?” fragt Niels grinsend, was Ethan ebenfalls ein Schmunzeln entlockt.“Drei Stunden”, erwidert er trocken. “Alte Mühle. Zwei Meilen.”

Aber blöde Witze hin oder her, der Hund sieht echt so aus, als will er ihnen was zeigen.
Als Emily der Hündin ohne zu zögern hinterher geht, springt auch Ethan sofort auf und folgt der Jägerin. Scheiß auf’s Bezahlen. Würde viel zu lange dauern. Er kann Emily nicht ohne Rückendeckung gehen lassen. Das könnte immer noch eine Falle sein. Den fragend-empörten Ruf des Kellners hinter sich ignoriert er.
Sjors kommt nur ein paar Schritte hinter Ethan aus dem Gebäude; Niels taucht etwas später auf, seinen Geldbeutel noch in der Hand, und rennt den anderen hinterher, die von Orlaith schon ein Stück die Straße hinauf geführt worden sind.
Etwas später hält die Hündin vor einem Apartmenthaus an, in dem die Jäger eine Wohnungstür finden, die einen Spalt weit offen steht. Aufgebrochen, wie sich einen Moment später herausstellt.

Drinnen bietet sich ungefähr dasselbe Bild wie in Nadine Wrights Laden und wie das, was die beiden anderen aus dem Hotel erzählt haben: Anzeichen für einen Kampf, der im Schlafzimmer angefangen hat und sich bis ins Wohnzimmer zog. Da liegt etwas auf dem Boden, und zwar ein Stab – ein Kampfstab, wie es aussieht – mit keltischen Zeichen und silbernen Knäufen an beiden Enden. Sjors betrachtet die Symbole und erkennt irgendwas von ‚heilig’ oder ‚göttlich’ darin. Interessant.
Auf einem Schreibtisch im Arbeitszimmer ein Geldbeutel. ‚Granuaile McTiernan’ sagt der Führerschein, der ein Bild einer Mittzwanzigerin zeigt, obwohl das Geburtsdatum ‚über Vierzig’ sagt.

Kay. Nachdenken. Offenbar sollte der Aufruf im Forum doch keine Falle sein. Granuaile, Nadine Wright, die beiden Jäger und die zwei Touristinnen. Macht mindestens sechs. Schwefelgeruch am Tatort. Dämon, verdammt. Und eigentlich sieht es so aus, als habe der Dämon eben auch die Hexe Wright entführt. Und da ist auch noch diese andere Hexe, Carla Mont-Gatineau. Ob die auch entführt wurde? Oder ob die doch mit dem Dämonen zusammengearbeitet hat, um die Jäger loszuwerden? So oder so, die Adresse der Frau ist ihr nächster und auch gerade einzig noch übriger Hinweis. Scheiße. Sollte nicht, aber der Name ‘Carla’ gibt ihm immer noch irgendwo einen Stich.

Egal jetzt. Weiter im Text. Orlaith beobachtet aufmerksam, wie die Jäger das Apartment durchsuchen. Die Kopfwunde des armen Tiers sieht immer noch ziemlich übel aus. Scheiße. Im Bad findet Ethan eine Nagelschere, Verbandmull, Desinfektionslösung und was er sonst noch so braucht, um die Hündin zu verarzten. Dabei fällt ihm einmal mehr auf, wie intelligent ihre Augen wirken, und nachdem er fertig ist, erwidert er den Blick ernsthaft. “Und jetzt sollen wir dein Frauchen suchen.” Ja, der Satz mag ausführlicher gewesen sein, als Ethan sie sonst für gewöhnlich zustande bekommt. Aber die Frage war völlig ernst gemeint, weil er durchaus den Eindruck hat, dass Orlaith ihn versteht. Und mit Snoop redet er immerhin auch ganz normal, auch wenn der mit Sicherheit nicht so schlau ist wie die sandfarbene Hündin.
Tatsächlich bellt Orlaith einmal knapp und bestätigend und tappt Richtung Wohnungstür, während Ethan den gefundenen Kampfstab aufhebt und ihr folgen will.
“Wir können den Hund aber nicht mitnehmen”, mahnt Emily, und damit hat sie natürlich nicht unrecht. In der Wohnung lassen geht aber auch nicht, weil die Haustür nicht mehr schließt, und um sie im Bad einzusperren, ist die Hündin zu groß.
“Wir könnten den Barkeeper im ‘Bridgid’s Well’ fragen, ob er weiter auf sie aufpasst”, schlägt Niels vor. “Immerhin war sie vorhin auch schon bei ihm.”
Guter Plan. Die Idee bringt dem deutschen Jäger zwar einen schrägen Blick von Emily ein, aber falls Niels sie vielleicht geäußert hat, um einen Grund zu haben, nochmal mit dem dunkelhaarigen Frankokanadier zu reden, wird sie davon ja nicht schlechter.

Ohne den Hund, aber mit einem überaus zufriedenen Ausdruck auf dem Gesicht, steigt Niels ein paar Minuten später ins Auto, das Ethan inzwischen geholt hat. “Ich glaube, ich bleibe noch ein paar Tage. Kannst du meine Waffen mit zurück nach New York nehmen?”
Während Ethan einfach nickt, schüttelt Emily grinsend den Kopf.
“Was?” fragt Niels, aber die junge Frau winkt ab. “Nichts.”
Niels schnaubt. “Ich mache wenigstens Nägel mit Köpfen.”
“Ich habe doch gar nichts gesagt”, schießt Emily zurück, das lässt der Student bloß nicht gelten.
“Nein, aber gedacht”, erwidert er, was aber der anderen Jägerin aber nicht mehr Reaktion entlockt als ein knappes Schulterzucken.
Ethan, der sich aus der Diskussion wohlweislich herausgehalten hat, sieht eisern auf die Straße. Nicht. Drauf. Eingehen.

Bis sie bei C– bei Mont-Gatineaus Haus ankommen, ist es so gut wie dunkel. Das Anwesen – es ist tatsächlich nicht einfach nur ein Haus in einer Straße, sondern ein freistehendes Anwesen mit großem Gelände – liegt hinter einem Tor und einem ziemlich hohen Zaun oben auf einer Erhebung.
“Wartet”, hält Ethan die anderen zurück, als die schon das Tor öffnen wollen. “Hexe. Vielleicht gesichert. Vorsicht.”
Und wirklich findet er mehrere, in unregelmäßigen Abständen am Zaun angebrachte Hexenbeutel. Auch am Tor selbst ist einer, aber der stellt sich bei näherem Hinsehen als leer heraus. Als gewaltsam zerstört, um genau zu sein – irgendwer ist hier also ungebeten eingedrungen. Okay, dann müssen sie eben doppelt vorsichtig sein. Aber wenigstens können sie hier durch das Tor, ohne sich die Hände schwarz zu färben… oder Schlimmeres.

Als Ethan vorhin das Auto geholt hat, hat er sich die Zeit genommen, die Trommel mit den geweihten Kugeln in Sheriff Simons Revolver zu laden. Immerhin ist das Wort “Schwefelgeruch” gefallen. Aber Granuaile McTiernans Kampfstab hat er ja auch noch. Und wenn dessen keltische Runen irgendeine Wirkung auf das Dämonengesocks haben, dann ist er mit dem Stab vielleicht besser bedient, weil er sich im Nahkampf einfach etwas wohler fühlt als beim Schießen.
Ethan zögert einen Moment, dann reicht er den Colt Navy an seinen deutschen Freund weiter. “Geweihte Kugeln. Für den Dämon. Pass gut drauf auf. Erbstück.”
“Werd’ ich”, verspricht Niels und nimmt die alte Waffe mit einer beinahe ehrfürchtigen Bewegung entgegen.

In der Dunkelheit haben sie sich in der Deckung der Büsche ungefähr zur Hälfte an das Haus angeschlichen, da wird es mit einem Mal taghell um Niels, der vorausgegangen ist, und gleich darauf auch um die anderen. Instinktiv macht Ethan einen Schritt zurück und steht wieder in Schwärze. Weiter vorne ist auch kein Licht – das Haus liegt im Dunkel, das nur von der dicken Schneedecke ein klein bisschen abgemildert ist. Okay, verdammt, was ist das? Ein Schritt vor… hell. Und zwar kein Scheinwerfer. Richtiges Tageslicht. Zum Glück geben die Büsche auch bei Tag einigermaßen Deckung. Emily allerdings, die sich auch gleich aus dem Licht zurückgezogen hat, bleibt trotzdem in der dunklen Zone – nicht, dass Ethan es ihr verdenken kann. Ihm ist der Effekt auch nicht geheuer, wenn er ehrlich ist.

Hier im hellen Bereich liegt kein Schnee, und zwar nicht so, als ob er geschmolzen wäre, sondern als hätte es hier nie welchen gegeben. Es ist auch deutlich wärmer als gerade noch – eher wie an einem Frühlingstag als wie im tiefsten Winter.
“Das ist seltsam”, murmelt Niels. Er hat sein Telefon herausgeholt und sieht verwundert darauf. “Kein Netz, okay, aber…” Ohne den Satz zu beenden, zeigt der Student das Gerät herum. Die digitale Uhr auf dem Display steht auf 12:00 Uhr, und die Sekunden flackern jedesmal, wenn sie auf die 01 umspringen, wieder auf die 00 zurück.
Ein Blick auf seine Uhr sagt Ethan, dass auch deren analoge Zeiger stehen geblieben sind, und bei Sjors sieht es nicht anders aus. Bei Emily außerhalb des magischen Tageseffektes läuft die Zeit vermutlich noch normal, aber da sie im Dunkeln steht und nicht zu sehen ist, können die drei Männer in der hellen Zone das nur vermuten.

Okay. Wie zum Geier kommt dieser Effekt zustande? Sind das die Hexen? Können Hexen so massive Zeit- und Wetterzauberei? Ethan schluckt. Eine Heliand-Lifecoach auf einer neuen Stufe der fluchbefeuerten Macht vielleicht? Das wäre… Scheiße. Das wäre. Bitte, bitte nicht.
Aber mit einem Mal schlägt Niels sich mit der Hand vor die Stirn. “Na klar! Aengus Óg!”
Als die anderen drei ihn fragend ansehen, führt der junge Jäger seinen Geistesblitz näher aus:
Aengus Óg ist eine Gestalt, eine Gottheit, aus der keltischen Sagenwelt. Der Sage nach wurde er in einer einzigen Nacht gezeugt und geboren und kann die Zeit beeinflussen. Wenn der irgendwas mit der Sache zu tun hätte, dann könnte das den ewigen Tag erklären.

Dass sie zu dem Haus müssen, ist sowieso klar. Aber als sie gerade überlegen, wie am besten, ballt sich über dem Dach wie aus dem Nichts eine ganze Wolke von Blitzen zusammen. Einer davon schlägt im Schornstein des Hauses ein und spaltet ihn sauber in zwei Teile.
Drecksmist. Wo die auch herkamen, natürlich entstanden sind sie nicht.
Aber egal. Zu dem Haus müssen sie immer noch.
“Ich geh”, sagt Ethan und will schon los, aber Niels hält ihn fest. “Lass lieber mich gehen. Du hast heute schon einen Hexenfluch abbekommen, du brauchst keinen zweiten. Dritten. Du weißt schon.”
Nicht nur einen Hauch ungeduldig funkelt Emily, die jetzt doch aus dem Dunkel gekommen ist, die beiden Jäger an und sagt: “Hallo? Am einfachsten ist es doch, wenn ich gehe. Ich bin eine Frau. Ich kann einfach sagen, ich interessiere mich für Hexerei, wenn es hart auf hart kommt.”
“Das ist zu gefährlich!” protestiert Niels, was Ethan mit einem energischen Nicken bekräftigt. Sie wissen nicht, was da oben los ist, und mindestens eine Hexe wurde schon entführt, vielleicht zwei. Und wenn Mont-Gatineau mit den Entführern im Boot ist, sieht die Sache noch übler aus.
“Ich gehe. Keine Diskussion.”
Gah, verdammt. Es gefällt Ethan nicht, aber da ist die Jägerin auch schon losgeschlichen.

Es dauert ein paar Minuten, bis Emily zurückkommt. “Dämonen im Wohnzimmer”, teilt sie den Männern knapp mit, “zwei Stück. Schwarze Augen. Verwundet.” Hastig erzählt sie weiter, dass einer einen gebrochenen Arm hat, der andere eine Kopfwunde. Außerdem hat Emily bei einem der beiden eingebranntes Symbol auf dessen Brust gesehen. Vielleicht ist das der Grund, warum die beiden Dämonen sich nicht einfach neue Körper suchen, sinniert die Jägerin: Vielleicht hindert das Zeichen sie daran, nach Lust und Laune den Wirt zu wechseln.

Sjosrs überlegt. “Vielleicht war das Brandmal eine Engelsrune”, sagt er. “Das würde vielleicht erklären, warum die Dämonen nicht aus ihren Körpern können. Kannst du es beschreiben?” fragt der Niederländer dann, woraufhin Emily nickt und mit einem Ast die Rune in den schneefreien Erdboden kratzt.
Der Journalist betrachtet das Zeichen eine Weile und nickt dann ebenfalls. “Ja, das ist eine.”
“Engel”, schnaubt Ethan. Wenn er von der Bande nie wieder einen sieht, ist es noch zu früh. Verdammt. Engel. Engel, die irgendwie mit Dämonen zu tun haben. Bündnis eingegangen oder unter ihre Kontrolle gebracht oder was auch immer. Elende Scheiße. Nicht schon wieder.
“Okay”, knurrt Emily. “Gehen wir rein und legen die Dämonen um.” Die Jägerin packt ihren Bogen fester und wendet sich wieder Richtung Haus.

Als weder Ethan noch Niels sich von der Stelle rühren, dreht die junge Frau sich wieder zurück. Ungeduldig fragt sie: “Was? Wir gehen da jetzt rein und sorgen dafür, dass diese Dämonen niemandem mehr schaden könnten. Wozu habt ihr denn eure Knarren dabei?”
Während Ethan stumm den Kopf schüttelt und nach den richtigen Worten sucht, reagiert Niels bereits. “Jedenfalls nicht, um einfach Leute über den Haufen zu schießen”, sagt der Student aufgebracht. “Das sind Menschen, Em!”
Ethan nickt. “Geht vielleicht anders.”
“Natürlich tut es das”, spricht Niels erregt weiter. “Wenn wir sie einfach umbringen, verstoßen wir gegen das fünfte Gebot!”
Ethan hebt beruhigend die Hand. “Wenn nichts mehr geht. Letztes Mittel”, will er zu vermitteln versuchen, aber Emily hört nicht auf ihn. Sie funkelt den Deutschen wütend an und zischt: “Ach, und was schlägst du stattdessen vor?” Mit einem spöttischen Auflachen spricht sie weiter: “Aber klar, wir können auch einfach wieder gehen und gar nichts tun!” Emily setzt eine kämpferische Miene auf und durchbohrt ihre Gegenüber, vor allem Niels, mit einem vernichtenden Blick.
Dessen Gesichtsausdruck ist mindestens ebenso herausfordernd wie der der jungen Jägerin. “Wir machen das, was man mit Dämonen immer macht: Wir exorzieren sie.”
Aber davon lässt Emily sich kein Stück beeindrucken. “Und wie bittesehr willst du das anstellen, wenn die Dämonen durch dieses Engelszeichen in den Körpern gehalten werden?”
Zum ersten Mal mischt Sjors, der dem Hin und Her bisher schweigend gefolgt ist, sich in die Diskussion ein. “Ein Exorzismus funktioniert trotzdem noch. Sie können nur nicht aus eigener Kraft in einen anderen Körper wechseln.”

Also gut. Bevor sie durch die Vordertür marschieren und sich frontal mit den Dämonen anlegen, lässt sich ja vielleicht noch ein anderer Eingang finden, wo sie nicht gleich so auf dem Präsentierteller stehen. Tatsächlich entdeckt Emily, als sie sich mal mit dem Kompromiss abgefunden hat, ein Kellerfenster, das einen Spalt weit offen steht. Von dahinter kommen gedämpfte Geräusche, die verdächtig so klingen, als sei da wer geknebelt. Trotzdem. Die paar Minuten Zeit, dass Ethan sein Werkzeug aus dem Auto holt, um das Fenster leise auszubauen, statt es ohne Rücksicht auf Lärm einfach einzuwerfen, müssen sie jetzt auch noch haben.

Im Keller finden sie tatsächlich Gefangene. Zwei junge Frauen sitzen gefesselt und mit Tüchern in den Mündern an der Wand – und nach dem Foto, das sie gefunden haben, ist eine davon Granuaile McTiernan. Sie ist mit einem Schlafanzug bekleidet, der genug Haut freigibt, dass man die keltischen Symbole sehen kann, mit denen sie tätowiert ist. Auch die andere Gefangene trägt einen Schlafanzug, ebenso wie die dritte Frau, die in dem Keller zu sehen ist. Sie sitzt allerdings nicht an der Wand, sondern liegt mit geschlossenen Augen ausgestreckt in einem eisernen Käfig, während sie, obwohl sie zu schlafen scheint, immer wieder leise Geräusche der Lust von sich gibt. Angestachelt scheinen diese Gefühle von dem rotbärtigen Mann zu werden, der, die Augen ebenfalls geschlossen und in einer Art Trance, mit der Frau in dem Käfig sitzt und eine Hand nach ihr ausgestreckt hat. Es sieht fast so aus, als würde er ihr die Lebensenergie entziehen oder sowas, denn trotz ihres offensichtlichen Vergnügens wirkt die junge Frau auch irgendwie geschwächt.

Während Niels die andere Frau losmacht und fragt, wer sie ist – eine der beiden amerikanischen Studentinnen, stellt sich heraus, und die Gefangene im Käfig ihre Kommilitonin -, hat Ethan mit ein paar schnellen Schnitten seines Messers Granuaile von ihren Fesseln und dem Knebel befreit. Sobald ihr Mund frei ist, sieht Ethan die Frau auffordernd an. “Was passiert hier?”
Granuaile nickt in Richtung des Eisenkäfigs. Erklärt, dass der rotblonde Mann tatsächlich Aengus Óg ist, wie Niels ja schon vermutet hatte. Festgesetzt wurde er wie die anderen Entführten auch von einem gefallenen Engel namens Merisin, weil der mit seinen Handlangern, den Dämonen, ein Ritual durchführen will, um zurück in den Himmel zu kommen.
“Ach, der auch”, knurrt Ethan, dem der Gedanke an noch eine kriegerische Fraktion da oben einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Vor allem der Gedanke an noch eine kriegerische Fraktion da oben, die mit Dämonen im Bund ist.
Vor seinem Fall war Merisin der Engel des Mittags, erzählt die Irin weiter. Weil dann seine Macht am stärksten ist, zwingt er Aengus, das Haus in einer ewigen Mittagsstunde zu halten.

Na ganz spitzenmäßig. Erste Aufgabe: dem Engel die Möglichkeit nehmen, seine größte Kraft zu entfalten.
Mit einem “Deiner, glaub” hält Ethan Granuaile ihren Kampfstab hin, die den auch dankbar annimmt und geschickt ein paarmal herumwirbelt, dann macht er sich an dem Käfig zu schaffen. Währenddessen teilt Niels ihr hastig mit, dass es ihrem Hund gut geht, wofür die junge Frau mindestens ebenso dankbar ist wie für ihre Waffe.
Apropos Waffe. Niels gibt Ethan Sheriff Simons Revolver zurück, jetzt wo Granuaile ihren Stab wieder hat. “Den wirst du brauchen.”

Sobald die Käfigtür sich öffnet, tun es auch Aengus’ Ógs Augen. Er zieht die Hand von der Frau im Käfig zurück, was sie in ihrem Dämmerzustand einen beinahe enttäuschten Laut ausstoßen lässt, aber ihr Körper entspannt sich. Und gerade rechtzeitig – die Studentin sieht jetzt um einiges älter aus als noch vor wenigen Minuten. Draußen vor dem Kellerfenster ist es mit dem Ende von Aengus’ Einfluss und der Rückkehr der Zeit in ihre normalen Bahnen schlagartig dunkel geworden.
“Habt Dank”, sagt der keltische Gott in gemessenem Ton, sobald er aus dem Käfig gekommen ist und vor den Jägern steht. “In diesem Kerker aus Eisen vermochte ich nicht, mich gegen den Engel aufzulehnen. Ich musste tun, was er verlangte, auch wenn meine Macht einen hohen Preis erfordert – aber jetzt bin ich frei.” Aengus lächelt böse und wechselt einen Blick stummen Einverständnisses mit Granuaile. “Wir nehmen uns die Dämonen vor. Schickt ihr Merisin zurück in die Hölle.”

Dass es wieder Nacht geworden ist, kann nicht unbemerkt geblieben sein. Aber ging nicht anders. Müssen sie eben hoffen, dass die Vorwarnung dem gefallenen Engel weniger nutzt als die Tatsache, dass er nicht seine vollen Kräfte nutzen kann, den Jägern.

Sie finden Merisin auf dem Dachboden, wo der in sein Ritual vertieft ist. Offenbar kann er es trotz Schwächung nicht einfach so beenden – oder er will einfach nicht, denn er ist schon erschreckend weit damit, verdammt. Der Höllenengel steht in einem in die Bodenbretter gekerbten Pentagramm über einem unbekleideten, reglosen Mann. Die Leichen von drei weiteren Menschen – zwei Frauen und einem Mann – liegen, wie achtlos beiseite geworfen, daneben. Und wenn die Gefangenen im Keller die beiden Studentinnen waren, dann muss es sich bei den Leichen hier um die beiden Hexen und einen der kanadischen Jäger handeln.

Der Bewusstlose blutet aus einer tiefen Schnittwunde am Arm, wie sie auch bei den Toten zu sehen sind. Langsam läuft das Blut in die in das Holz eingegrabenen Linien des Pentagramms und füllt diese nach und nach aus – und es ist nur noch weniger als ein Viertel des Musters übrig.
“Xavier!” zischt Sjors mit einem entsetzten Blick auf den blutenden Mann, aber bevor der Niederländer irgendwas für seinen Cousin tun kann, hat Emily sich schon mit einem Wutschrei auf den Engel gestürzt.
“Pass auf!” ruft Ethan. Nicht, dass es irgendwas hilft. Denn in diesem Moment prallt die Jägerin auf eine unsichtbare Barriere um den Ritualkreis und wird gegen die Wand geschleudert, wo sie zu Boden geht und sich dann benommen schüttelt.
Verdammter Mistkerl!!

Mit einem schnellen Schritt ist Niels an dem Teil des Pentagramms, in den noch kein Blut gelaufen ist, und springt zu Merisin in den Kreis, weil da tatsächlich die Barriere noch nicht greift. Im selben Moment zündet Sjors eine Leuchtfackel an und hält die Flamme an die blutgefüllten Linien. Was der Journalist vorhat, ist ziemlich klar: Er will das Blut gerinnen lassen, damit der Kreis sich nicht schließen kann.
Merisin kümmert sich weder um den einen noch um den anderen. Beinahe nachlässig richtet er eine Hand auf Emily, und Energie sammelt sich um ihn, deren geballte Ladung der gefallene Engel auf die Jägerin schleudert.
Oh nein. Nicht Emily. Ohne den Gedanken bewusst gedacht zu haben, wirft Ethan sich dem Blitz in den Weg.

Im Laufe der Jahre hat Ethan schon den einen oder anderen Stromschlag abbekommen. Das hier ist schlimmer. Um ein Vielfaches schlimmer. Für einen Moment denkt er, sein Herz bleibt stehen, als der elektrische Strom durch seinen Körper fährt. Während Ethan versucht, den Schock einigermaßen zu verdauen und den Schmerz in Brust und Fußsohlen zu unterdrücken, zieht Niels ein Messer und sticht nach dem Gefallenen. Der allerdings scheint geahnt zu haben, dass der Angriff kommt, denn er dreht sich blitzschnell zu dem Deutschen um, so dass dessen Klinge ihn nur streift. Im Gegenzug spuckt der Engel Niels einen Schwall ekelhaften grünen Schleim entgegen, dem der Student dummerweise nicht ganz ausweichen kann und einen Teil davon und Gesicht bekommt.

Emily, die inzwischen wieder auf die Beine gekommen ist und ihren Bogen bereit gemacht hat, jagt einen Pfeil los, der aber auch an der Barriere abprallt und zitternd neben der Schützin in der Wand stecken bleibt.
Derweil versucht Sjors, mit einem zweiten Feuerwerkskörper mehr Blut gerinnen zu lassen, aber die Leuchtfackel will nicht zünden. Egal. Sie haben da hinten die Lücke in der unsichtbaren Mauer, das muss reichen.
“Der Dolch!” ruft Ethan dem Zeitungsschreiber zu, während er sich mit etwas Mühe aufrappelt und sich auch zu der Lücke in der Schutzaura bewegt. Dort feuert er eine geweihte Kugel auf Merisin ab, die den gefallenen Engel zwar nur streift, ihn aber immerhin zucken lässt – es sieht tatsächlich so aus, als würden heilige Waffen ihm wehtun. Sehr gut.

Sjors hat Ethans Ruf gehört und seinen Familiendolch gezogen. Mit der versilberten Klinge bearbeitet er heftig die Linien des Pentagramms, was den Ritualkreis wirklich zu unterbrechen scheint, denn Merisin dreht sich wütend zu ihm um und spuckt Worte in einer Ethan unverständlichen Sprache. Um ihn herum wallt dicker Qualm auf, den Ethan einatmet, bevor er es verhindern kann. Das beißende Zeug setzt sich in seiner Lunge fest und lässt ihn heftig husten.

Gleichzeitig mit Niels, der genauso von Husten und Keuchen geschüttelt wird wie er selbst, hebt Ethan seine Waffe. Der Deutsche schießt zuerst, und das Projektil aus seiner Luger trifft den gefallenen Engel aus nächster Nähe mitten in die Brust. Ethans Kugel folgt einen Herzschlag später, schlägt in Merisins Schulter ein. Der eigentlich für Dämonen typische schwarze Rauch beginnt aus beiden Wunden zu dringen, aber trotz der schweren, ja tödlichen Treffer gibt ihr Gegner noch nicht auf. Er hebt die Hand, will wieder einen seiner fiesen Tricks auf sie loslassen…
“Du hast mich vergessen, Arschloch.” Ein Pfeil fliegt an Ethan vorbei, dann an Niels, und dem gefallenen Engel mitten ins Auge. Mit einem unirdischen Kreischen entweicht der Dämonenrauch völlig aus seinem Wirt und verschwindet im Boden, während der menschliche Körper zusammenbricht.

Ethan sieht an sich herunter. Der Schmerz in seiner Brust, wo ein verkohltes Loch in seiner Jacke von dem eingeschlagenen Blitz zeugt, hat ein wenig nachgelassen, und an seinen Schuhsohlen deuten nur noch zwei Rußflecken darauf hin, wo der Blitz wieder ausgetreten ist.
Die beiden anderen Männer sind sofort zu dem bewusstlosen Xavier geeilt, also folgt Ethan Emily, die gerade mit harten Schritten aus dem Raum stapft.
Vor der Tür wirbelt die Jägerin zu ihm herum. “Mach sowas nie wieder”, faucht sie, dann wendet sie sich wieder ab und lässt Ethan stehen, bevor er auch nur in irgendeiner Form reagieren kann.
Im Erdgeschoss treffen sie aber natürlich trotzdem wieder aufeinander, weil sie natürlich beide wissen wollen, was mit Granuaile und Aengus los ist. Aber Granuaile ist allein – der keltische Gott ist irgendwann einfach verschwunden, und die Irin kann nicht sagen, wohin. Die Dämonen sind wieder in die Hölle gefahren, die Wirte bewusstlos und ihre Wunden versorgt. Granuaile bewacht sie und ist bereit, jederzeit wieder zuzuschlagen, falls sie beim Aufwachen doch wieder Ärger machen sollten.

Sobald Emily sich einen kurzen Überblick über die Situation verschafft und sich überzeugt hat, dass alles unter Kontrolle ist, stürmt sie wortlos nach draußen.
Scheiße.
Kurz überlegt Ethan, ob er ihr hinterher gehen soll. Er würde gerne. Er würde ihr gerne hinterhergehen und ihr die Hand auf den Arm legen und wenn sie angehalten hat, versuchen zu erklären, was er nicht erklären kann. Oder einfach gleich die Arme um sie legen. Das wäre so unendlich viel leichter, als einfach nur mit Abstand vor ihr zu stehen und an sich halten zu müssen. Aber es geht ja nicht, verdammt. Dass Emily so gar keine Berührungen aushält, ist manchmal echt anstrengend.
Für einen Moment kommt ihm Pushing Daisies in den Sinn. In der Serie hat der Hauptcharakter Ned wenigstens die Möglichkeit, seine Freundin Chuck zu berühren, wenn er Handschuhe trägt oder wenn sie ein Stück Plastikfolie zwischen sich halten oder so. Das macht die Beziehung zwischen den beiden Charakteren zwar schwierig, aber die ganze Sache irgendwie leichter. Aber Drecksmist, klar geht das nicht mit bloßer Haut, wenn Chuck in dem Moment tot umfallen würde, sobald Ned sie berührt. Gegen das Setup der Serie ist Ethans eigenes Problem ja regelrecht ein Klacks. Aber egal jetzt. Hilft gerade kein Stück weiter.
Er würde ihr gerne hinterher. Aber das wäre jetzt nicht gut. Emily muss erstmal runterkommen. Drecksmist.

Statt der Jägerin zu folgen, geht Ethan zwar auch aus dem Haus, aber dann zu seinem Auto. Aus dem Augenwinkel hat er gesehen, wie Sjors seinen Cousin nach draußen gebracht hat, und Xavier Vermeulen ist immer noch nackt. Die Ersatzklamotten, die Ethan immer im D21 liegen hat, mögen dem kanadischen Jäger vielleicht nicht perfekt passen, aber sie sind wenigstens was zum Anziehen, bis der Mann wieder an seine eigenen Sachen kommt.
Sobald Vermeulen versorgt ist, geht Ethan wieder hoch auf den Dachboden. Niels ist nämlich immer noch da oben, und der sollte doch langsam mal wieder auftauchen.

Ja, Niels ist noch da oben. Und noch nicht wieder aufgetaucht ist der Student, weil er neben Merisins Leiche kauert und sich beinahe unmerklich hin und her wiegt. Die Mündung seiner alten Armeepistole hält er an seine Schläfe gedrückt.
Langsam, um den jüngeren Jäger nicht zu erschrecken, geht Ethan zu ihm hin, kniet sich vor ihn und zieht vorsichtig die Waffe herunter. “Niels. Nicht.”
Der Deutsche wehrt sich nicht, hebt nur den Kopf und sieht Ethan aus tränennassen Augen an. Einen Moment lang antwortet er nicht, aber dann purzeln die Worte förmlich aus ihm heraus: “Ich habe gegen das fünfte Gebot verstoßen, obwohl ich das nicht darf. Dauernd höre ich diese Stimme in meinem Kopf. ‘Aaron, du darfst nicht töten. Du darfst nicht töten. Wenn du tötest, hast du dein Leben verwirkt.’ Wann hört das auf? Warum höre ich ihn immer noch?”
“Doch irgendwie dein Vater”, erwidert Ethan leise. “Nicht biologisch. Aber aufgezogen. Achtzehn Jahre lang.”
“Er ist nicht mein Vater!” fährt Niels auf, “er war mir nie ein Vater! Ich war doch nie ein Kind für ihn!”
“Aber geprägt.” Eigentlich will Ethan den Blickkontakt aufrecht erhalten, aber sein Gegenüber sieht weg und starrt eine ganze Weile finster auf seine Waffe, bevor er bitter auflacht.
“Es wäre doch echt eine Ironie des Schicksals, wenn ich mich mit der Waffe umbringen würde, die er mir geschenkt hat. Ich hab’ so oft darüber nachgedacht. Neun Jahre lang, seit ich die Waffe habe.”
Oh elende Scheiße. “Er ist es nicht wert”, sagt Ethan eindringlich. “Hörst du? Nicht wert.”

Erst antwortet Niels wieder nicht, aber nach einigen Atemzügen verändert sich wenigstens etwas in seiner Miene und er steckt die Pistole mit einer entschlossenen Bewegung weg. “Ist Emily okay?” fragt er dann leise.
“Glaub schon”, antwortet Ethan. “Draußen. Braucht ihre Ruhe grad.”
Niels nickt. Dann sieht er unvermittelt auf. “Das war mutig”, stellt er trocken fest.
Ethan legt den Kopf schief und sieht seinen deutschen Freund fragend an. “Hmm?”
“Emily.”
Hm? Nein. Das war nicht mutig. Das war… Instinkt. Keine bewusste Entscheidung. Die Frage hat sich gar nicht gestellt. Verlegen zuckt Ethan mit den Schultern, ohne eine Antwort zu geben.
“Verbock es nicht.”
Tja. Nur dass es da irgendwie nichts zu verbocken gibt. Das mit den Berührungen wäre noch das geringste Problem, aber Emily will ja nicht mal Freunde, geschweige denn irgendwas, das darüber hinausgeht. Auch das ist eine Frage, die sich nicht stellt, und Ethan schüttelt den Kopf. Niels allerdings interpretiert die Geste offenbar als Unverständnis.
“Du weißt schon, was ich meine.”
Ja. Klar weiß er das. Aber wie gesagt: Die Frage stellt sich gar nicht. Das ist nichts, worauf Emily sich je einlassen würde.

Wieder fällt Ethan die Parallele Pushing Daisies ein, wo Ned und Chuck aber ja wenigstens eine Motivation hatten, irgendwie mit dem Problem zurechtkommen zu wollen. Die Szene, wie sie auf die Idee mit der Plastikfolie kommen und sich dann endlich küssen können, war schon echt rührend. Gerade Lee Paces Darstellung von Ned in dem Moment kam genau richtig. Aber klar, der Typ ist ja auch ein ausgezeichneter Schauspieler – die eine Szene im Hobbit, wo er als König Thranduil nur mit einer winzigen Regung seines Gesichts dessen ganze Zerrissenheit offenbarte und den arschig-arroganten Elbenkönig plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen ließ, war schon ziemlich gr–

Der Gedanke wird von einer plötzlichen Eingebung unterbrochen. Das ist es. Emily. E – mi – ly. Lee. ‘Em’ klingt zu sehr nach ‘Sam’, aber ‘Lee’ ist perfekt.
Ein kurzes Schmunzeln lässt Ethans Mundwinkel nach oben wandern, aber schon im nächsten Moment ist es wieder verschwunden, als ihm auffällt, dass Niels noch immer diesen grünen Schleim im Gesicht hat, mit dem Merisin ihn vorhin bespuckt hat. Scheiße. Hat der Junge etwa noch nicht selbst daran gedacht, das Zeug wegzuwischen? Aber klar. Andere Dinge im Kopf und all das. Ethan selbst hat es ja auch eben erst wieder bemerkt.
Mit einem schnellen Griff hat er die Flasche mit dem Weihwasser herausgeholt und ein Tuch angefeuchtet und wischt dem Studenten wortlos das ätzende Zeug von der Wange. Darunter ist die Haut gereizt und gerötet, und Niels verzieht das Gesicht. “Fuck, ich hab morgen ein Date.” Dann lächelt er leicht. “Na, vielleicht bringt mich das auf andere Gedanken.”
Ethan nickt. “Mhmm”, macht er zustimmend, “brauchts. Ich: Woche Wildnis. Du: Date. Was Normales. Verarbeiten.”

Zurück im Erdgeschoss wartet Emily schon auf die anderen Jäger. Wie so oft, gibt ihr Gesicht nichts über ihre Stimmung preis.
“Bist du völlig irre?” fährt Niels sie an. “Du kannst doch nicht in geschlossenen Räumen Pfeile auf Leute abschießen! Vor allem nicht, wenn dein Gegner im Nahkampf ist! Du hättest mich treffen können!”
Emily schnaubt. “Ich habe meinen Bogen und meine Pfeile jederzeit unter Kontrolle”, sagt sie spitz. “Ich habe dich gesehen und meinen Schuss genau berechnet.”
Statt einer Antwort funkelt der Deutsche sie nur an und marschiert wortlos an den beiden anderen vorbei zur Haustür, die einen Moment später knallend ins Schloss fällt.
Verlegen bleibt Ethan vor der anderen Jägerin stehen. “Lee… alles okay bei dir?”
Aber Lee sieht ihn nur verständnislos an. Ob es es wegen des neuen Spitznamens ist, den sie ja noch nie gehört hat, oder ob sie wirklich nicht weiß, wovon er redet, kann er nicht sagen.
Stattdessen packt sie Ethan am Handgelenk und zieht ihn wortlos mit sich nach draußen, dahin, wo Granuaile bei Sjors und dessen Cousin steht. Dort zieht sie ohne weitere Umstände und nicht zimperlich Ethan den Handschuh aus und hält der Irin seine schwarzen Finger unter die Nase. “Kannst du das wegmachen?”

Klar. Ethan hat an seine verfärbten Hände in den letzten Minuten gar nicht mehr gedacht, aber Nadine Wright ist ja nicht mehr am Leben, also muss es eine andere Lösung geben, oder er ist dazu verdammt, weiter mit Handschuhen herumzulaufen.
“Ich fürchte nicht”, erklärt Granuaile bedauernd, “ich bin keine Hexe.”
Hm. Nein. Die Worte des Kellners kommen Ethan wieder in den Sinn. ‘Sie trifft sich hier immer mit ihrer Freundin Brigid.’ Brigid. Saint Brigid, die katholische Heilige? Oder Brigid, die keltische Göttin? Ethan kann sich ziemlich gut vorstellen, welches von beiden. “Du bist sowas wie eine Priesterin, oder?”
Granuaile lacht bitter auf. “Es ist schwer, eine Priesterin von jemandem zu sein, an den niemand glaubt.”
“Du glaubst ja”, sagt Ethan.
Die schlichte Aussage lässt die Irin nicken. “Das ist wahr.”

“Vielleicht kann meine Frau helfen”, mischt Sjors’ Cousin sich jetzt in das Gespräch ein. “Trix kennt sich mit solchen Dingen einigermaßen aus.” Sie ist eine Hexe, sagt er nicht. Muss er auch nicht. Ethan starrt den Mann misstrauisch an, und der hebt beschwichtigend die Hände. “Strikt weiß. Gib mir eine Minute, dann rufe ich sie an. Sjors, darf ich dein Handy benutzen?”
Ein Telefonat später, das von Xaviers Seite zuerst aus einer Beschreibung des Problems und dann hauptsächlich aus aufmerksamem Zuhören und Worten wie “gut”, “verstehe” und “alles klar” besteht, greift der Kanadier sich Ethans Hände, murmelt etwas, das Ethan nicht versteht, und macht eine einigermaßen kompliziert aussehende Geste, die darin endet, dass er jeden von Ethans Fingern einzeln antippt. Mit jedem Stubser zieht die Schwärze sich zu der jeweiligen Fingerspitze zurück, bis sie verschwunden ist. Puh. Das erleichert Ethan jetzt doch mehr, als er zugeben wollte.

Die Vermeulens werden sich auch um Nadine Wrights Laden kümmern, verspricht Xavier, sobald Ethans Finger wieder ihre normale Färbung angenommen haben. Dafür sorgen, dass die okkulten Bücher nicht in die falschen Hände geraten und all das.
Der kanadische Jäger hat inzwischen auch seinen Dolch von Sjors zurückbekommen – überhaupt scheinen die beiden Cousins ihre familiäre Beziehung in Zukunft wieder stärken zu wollen. Gut für sie.

Aber scheiße. Jetzt haben sie hier einen Tatort mit vier Toten, zwei ausgeknockten Ex-Dämonen und zwei befreiten Studentinnen. Einfach zur Polizei gehen deswegen? Die glaubt ihnen doch kein Wort.
Warte. Hat der Pfarrer der St. Brigid’s Church nicht gesagt, er hat einen Verwandten bei der Polizei, der die Vermisstenfälle bearbeitet? Doch. Hat er.
“Der Pfarrer ist ein guter Mann”, wirft Granuaile ein, als Ethan vorschlägt, den Geistlichen zu kontaktieren, “es gibt nicht mehr viele wie ihn.”
“Weiß er…?” – Ethan bricht ab und deutet mit dem Kinn auf die keltische Priesterin. Wenn deren Göttin Brigid auch in der Kirche aktiv ist, würde das vielleicht auch erklären, warum seine kleine Spende einen so greifbaren Effekt hatte.
Granuaile schüttelt den Kopf. “Er hat höchstens eine ganz flüchtige Ahnung, dass er für mehr arbeitet als nur für die Kirche.”
Okay. Er könnte gar nicht genau sagen, warum eigentlich, aber irgendwie fühlt Ethan sich von dieser Aussage erleichtert.

Jetzt stößt auch Niels, der ein Stück abseits eifrig auf seinem Telefon herumgetippt hatte, wieder zu der kleinen Gruppe. Gemeinsam basteln sie eine Erklärung für die Vorfälle, bei der die Jäger nicht erwähnt werden. Es ist besser, wenn die gar nicht in die Ermittlungen mit hineingezogen werden. In Ethans Ohren klingt das alles ziemlich konstruiert, aber dass Merisin die Opfer getötet und irgendein kultisches Ritual betrieben hat, ist einwandfrei nachzuweisen – und ihren Pfeil hat Emily wieder eingesammelt. Die Kugeln aus der Luger und dem alten Revolver können sie zwar nicht aus Merisins Körper holen, aber das ist jetzt nicht zu ändern.

Sobald Granuaile den Pfarrer kontaktiert hat, setzen die Jäger sich ab. An der Kirche trennen sich ihre Wege, weil Niels Ethan gebeten hat, ihn da rauszulassen.
“Bleibt es dabei, dass du meine Sachen mit zurück nach New York nimmst?” fragt Niels, und Ethan nickt. Die Stimmung des Deutschen macht ihm etwas Sorgen, aber da hat der Jüngere sich schon abgewandt.
Mit gerunzelter Stirn sieht Ethan ihm hinterher, aber er kann es jetzt nicht ändern. Dann werden Lee und er wohl morgen alleine in die USA zurückfahren. Na, auch gut. Auch wenn das vermutlich wieder mal eine ziemlich schweigende Rückfahrt geben wird. Aber das ist ja nun nichts Neues.

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