Supernatural – Geständnisse

Das Folgende ist ein Gespräch, das Emilys Spielerin und ich im Anschluss an das Abenteuer in Ottawa in Textform ausgespielt haben. Weil die einzelnen Abschnitte teilweise fließend ineinander übergehen, füge ich wieder keine Zwischenmarkierungen ein, um ihren und meinen Text voneinander abzugrenzen; ich hoffe, die Lesbarkeit und die Unterscheidbarkeit bleibt trotzdem einigermaßen erhalten.

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Da Niels sagte, dass er ein paar Tage in Ottawa bleiben will, fahren Ethan und Emily am Morgen nach der Konfrontation mit dem gefallenen Engel Merisin alleine nach Watertown zurück. Wie abgesprochen, machen sie den Schlenker über den Grenzübergang im Trout River State Forest, auch wenn der Schlagbaum jetzt verlassen ist, wie Jacques Gauthier das ja schon angekündigt hatte. Während der mehrstündigen Fahrt bleibt es größtenteils still im Auto; viel zu sagen haben die beiden Jäger sich nicht. Aber irgendwann, als sie schon fast an ihrem Ziel angekommen sind, dreht Emily sich halb zu Ethan um und fragt in beinahe beiläufig klingendem Ton: “Alles klar bei dir? Hast du noch Schmerzen? Wie schlimm war der Blitz?”
Ethan brummt ein bisschen. “Geht”, gibt er dann zu. “Wie… Stromschlag. Steckdose fassen mal tausend.“ Mal einer Gazillion wohl eher, aber das sagt er nicht. Viel zu lang.
“Vielleicht sollten wir damit zu einem Arzt, mit Strom ist nicht zu spaßen.“
“Mhmm”, macht Ethan. Vielleicht tatsächlich. Aber was ihm vor allem im Kopf nachhallt, ist die Formulierung. Wir. ‚Vielleicht sollten wir damit zu einem Arzt.’ Wie so oft in letzter Zeit muss er daran denken, wie die junge Jägerin auf dem Heimweg von Unity etwas ganz Ähnliches gesagt hat, genau wie bei ihrem Gespräch, als sie die erste Fluchkiste abholen kam. Wie so oft muss er daran denken, dass–
“Es tut mir leid, dass ich dich da in dem Haus so angefahren habe”, fährt Emily fort. “Bitte entschuldige. Es ist nur…”, Sie zögert einen Moment, dann bricht es doch wieder heftig aus ihr heraus: “Was glaubst du, wie ich mich fühle, wenn du dir was einfängst, was für mich bestimmt ist? Ethan, ich brauche niemanden, der auf mich aufpasst, okay.“
“Mhmm”, brummt er wieder, “weiß. Brauchst du nicht. Tut mir leid.”
Wieder fahren sie ein paar Minuten, ohne etwas zu sagen, bis Ethan kurz vor Watertown auf den Parkplatz von Silent Petes Roadhouse fährt, wo Emilys Cabrio steht, wie sie es vorgestern verlassen haben. Er hat den Pickup gerade zum Halten gebracht, da spricht Emily weiter. “Ich meine… warum?”
Ethan stellt den Motor ab und schweigt eine Weile, während er mühsam die Worte zusammensucht und extra ausführlich formuliert.
„Ich weiß, dass du niemand brauchst, der auf dich aufpasst. Weiß ich wirklich. Hättest den Blitz vermutlich besser abgekonnt als ich. Das… Das war… Nicht nachgedacht. Einfach gemacht. Reiner Instinkt. Ich… ich hätt’s nicht ertragen, wenn…“ Verlegen bricht er ab.

Für einige Momente starrt Emily ihn wortlos an, doch dann durchbricht sie ihr Schweigen. “Wenn?” Dann aber scheint sie zu vermuten, was Ethan ihr sagen will, und steigt aus dem D21 aus, also hört sie nicht, wie er leise die Antwort gibt. “Wenn dir was passiert wär.”
Emily steigt kurze Zeit später wieder ein, da es ohne Jacke doch sehr kalt ist. Leise beginnt sie zu sprechen, auch wenn sie dabei sichtlich schluckt. „Okay, worauf willst du hinaus? Was genau willst du?”
Ethan sieht ihr forschend ins Gesicht, streckt dann sehr vorsichtig die Hand nach ihrer aus, hält aber kurz vorher an, wagt es nicht, sie zu berühren.
„Ich…“
Sie rührt sich nicht, scheint kaum zu atmen. Ein leichtes Zittern geht durch ihren Körper. Sie ist angespannt mit jeder Faser ihres Körpers.
Schweigend sieht sie Ethan an.
Er mustert sie weiterhin, lange, schweigend, und dann, beinahe wie von selbst, wagt er es doch: überwindet er den letzten Zentimeter zwischen ihnen und streicht mit den Fingerspitzen unendlich zart und vorsichtig über ihren Handrücken. Sieht ihr dabei beinahe furchtsam in die Augen, als habe er Angst, dass von der Berührung ein Zauber bricht und sie flüchtet.
Da, wo eben nur ein Hauch einer Atmung war, setzt diese dafür jetzt umso stärker ein. Sie kämpft gegen den Drang an, wieder aus dem Auto zu springen. Bei dieser kleinen, kaum merklichen Berührung stellen sich ihre Nackenhaare auf.
Sie spricht leise, ihre Stimme zittert ein wenig. „Du?“
Seine Augen haben sich förmlich an ihren Zügen festgesogen, und als er jetzt zu sprechen beginnt, kommen die Worte langsam, vorsichtig, stockend und aus den tiefsten Tiefen seines Seins herausgezogen, und doch gleichzeitig ohne Zögern, wie auch immer das gehen mag, und obwohl er so langsam spricht, sind die Sätze vollständig. “Ich will nicht, dass dir etwas zustößt, weil… weil ich es nicht ertragen hätte, wenn dir was passiert. Ich will, dass es dir gut geht. Wirklich gut geht. Ich will, dass du glücklich bist. Ich will nicht, dass du gehst, weil es wehtut, wenn du dich abwendest. Ich will sein, wo du auch bist.” Er zögert einen Moment. “Ich weiß, das willst du nicht hören. Es ist das letzte, was du hören willst, und ich sollte es dir gar nicht sagen. Du willst keine Freunde, geschweige denn– Es tut mir leid. Vergiss, dass ich was gesagt habe. Scheiße. Tut mir leid.“ Aber trotz dieser letzten Worte streifen Ethans Fingerspitzen noch immer zart über ihren Handrücken. Als er verstummt, schluckt er schwer, als könne er selbst nicht glauben, was er da gerade alles gesagt hat, und macht ein resigniertes Gesicht, das sagt: Das war’s, jetzt geht sie.

Emily starrt Ethan ungläubig an, versucht, das eben Gehörte irgendwie zu verarbeiten. Diesmal hört sie tatsächlich für mehrere Augenblicke auf zu atmen. Zieht langsam ihre Hand weg, bevor ihr Atem wieder einsetzt. Langsam steigt sie zum zweiten Mal aus dem Wagen und lehnt sich dagegen. Versucht durchzuatmen und ruhig zu bleiben. Sie kann nicht mehr denken oder zumindest keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie bleibt mehrere Minuten draußen in der eisigen Kälte stehen und steigt dann wieder ein.
Sie sieht ihn ernst an. „Erstens habe ich keine Ahnung, ob ich es besser weggesteckt hätte, aber schon mal dran gedacht, wie ich mich gefühlt hätte, wenn es schlimmer gewesen wäre. Und zweitens…“ sie kommt ins Stocken, atmet nochmal tief durch, bevor sie weiterspricht, langsam und sehr sorgfältig. „Ich weiß nicht, was du dir dabei denkst.” Sie blickt dabei auf ihre Hände. “Aber du hast eine Freundin. Ich kann verstehen, wenn du dich vielleicht einsam und verlassen fühlst, weil sie nicht hier ist, aber so jemand bin ich nicht, okay. Und falls es irgendwelche Schuldgefühle sind, wegen dem, was damals passiert ist, die brauchst du auch nicht haben. Und zuletzt, es geht mir gut, klar. Verlagere nicht deine Probleme auf mich. Okay.“
Sie schweigt kurz. „Und wenn du so bei der Jagd reagierst, sollten wir vielleicht nicht mehr gemeinsam auf die Jagd gehen.“ Emilys Stimme klingt zum Ende sehr unsicher.
Er schüttelt leise den Kopf. „Keine Schuldgefühle. Nicht mehr. Und du hast gefragt. Tut mir leid. Ist so. Du bist mir wichtig. Wie wichtig, hab ich eben… Ich meine. Dass ich… mich in den Blitz geworfen hab. War… Naja. Hab… Hab was erkannt.“ Er schnaubt etwas. „Also nicht direkt da bei dem Kampf. Da hab ich einfach. Weißt schon. Nicht gedacht. Nur reagiert. Aber dann. Danach. Fahrt jetzt. Erkannt, dass… Naja. Willst du nicht hören. Aber. Nein. Keine Freundin. Nicht mehr.“ Er schnaubt bitter. „Na egal. Vergiss es. Und jagen…“ Ethan schüttelt den Kopf und sieht sie zerknirscht an. “Nein. Jagen gut zusammen, denke ich. Gutes Team. Aufeinander verlassen und all das.”‘
Sie schluckt schwer. Leise, kaum hörbar sagt sie: „Ja, ich habe gefragt, aber ich konnte doch nicht ahnen, dass… dass du.“ Sie bricht ab, setzt aber sofort neu an. „Ich konnte doch nicht ahnen, dass sowas kommt, woher denn auch.“
Sie sieht verwirrt aus. „Und das gestern, mir ist nichts passiert, na gut, auch dein Verdienst, aber ich weiß, was ich tue, und ich hatte die Sache unter Kontrolle. Nochmal: Ich brauche keinen Aufpasser. Du kannst nicht das ganze Böse von mir fernhalten, Ethan.“
Dann schaut die Ethan verlegen an. “Du hast ja recht, aber so funktioniert das einfach nicht, wenn ich mir Sorgen machen muss, dass du… du… sowas Dummes machst.”
Er wirft hilflos die Hände in die Höhe und steigt jetzt selbst aus, wandert auf dem menschenleeren Parkplatz einige Kreise in der klirren Kälte herum, bevor er wieder einsteigt. Er atmet mehrere Male tief durch und formuliert immer noch so ungewohnt vollständig. „Vergiss das mit dem ‘Verdienst’. Ich bin nur froh, dass dir nichts passiert ist. Aber ja, auch nochmal: Ich weiß, dass du keinen Aufpasser brauchst. Ich weiß, dass du weißt, was du tust. Ich weiß, dass ich nicht alles Böse von dir fernhalten kann.“ Unbewusst fährt er sich mit den Händen durch die Haare, atmet wieder durch. „Ich weiß das. Aber.“ Wieder berührt er vorsichtig ihren Handrücken. „Bist mir wichtig. Kann’s nicht ändern. Kann’s nicht abstellen. Wenn das dumm ist…“ Etwas verlegen hebt er die Schultern.

Sie schaut ihm nach, wie er aussteigt, vor dem Wagen herumtigert und wieder einsteigt. Als er wieder ihren Handrücken berührt, lässt sie die Hand ruhig liegen, kein Zucken oder Rucken durchfährt sie. Sie schließt die Augen und sie scheint all ihre Willenskraft dafür aufbringen zu müssen, die Hand ruhig liegen zu lassen. Sie spricht mit geschlossenen Augen, langsam und bewusst atmend. “Ethan, ich will nicht undankbar klingen, ehrlich nicht, aber es ist keinem damit geholfen, wenn wir beide draufgehen, verstehst du. Versteh das nicht falsch, ich leg es nicht darauf an, aber wenn es passiert, dann ist das so.”
Ethan schnaubt. “Kann immer passieren. Auch klar. Als ob ich’s drauf anlegen würd.” Beinahe ungehalten funkelt er sie an, und seine Stimme klingt ein bisschen rauh, als er weiterspricht, Zeugnis davon, wie ihre Worte ihn getroffen haben. “Werd schon nicht nochmal. Keine Sorge.”
Bei Ethans Reaktion zieht Emily fast gleichgültig die Schultern nach oben, und ihre Antwort klingt ein wenig trotzig. “Gut.” Doch dann lenkt sie ein. “Du weißt, dass das ‘so’ nicht gemeint war. Es ist nur… ach, ist jetzt auch egal.” Sie wirkt über Ethans Bitterkeit ein wenig betreten. Wundert sich aber nicht, sie kann ihn ja auf eine Art verstehen und weiß nur zu gut, dass die Menschen manchmal so auf sie reagieren.
Ethan schnaubt wieder. “War es nicht?” Dann aber sieht er Emily an und verzieht das Gesicht, macht eine knappe Handbewegung wie ein Abwinken… oder wie eine Entschuldigung. “Schon gut.” Er zögert, kämpft mit sich, ob er das Folgende wirklich aussprechen soll, überwindet sich dann aber doch. „Nach der Sache mit Irene und der Schale? Ich war so kurz davor.“ Er schluckt. „Auch wieder hinzuwerfen, mein ich. So kurz davor, meiner Familie zu sagen, sie brauchen neue Namen, neue Identitäten, und ich darf die niemals erfahren, damit ich keine Gefahr mehr für sie bin. So kurz davor, einen Schnitt zu machen. Bones Gate verlassen. Keine Freunde mehr. Besser. Gefahr zu groß. Keiner, der mich braucht. Andere Jäger? Sicher nicht. Artie? Hat die Jacksons. Nur die Straße. Wie früher. Aber: wäre einfach. Wäre feige. Wäre… Scheiße. Ja, tut weh. Zerreißt einen. Nur…“ Er schluckt, sucht nach den Worten, „vor paar Monaten noch gesagt: trotzdem. Jetzt… beweisen. Gerede oder Ernst.“

Emily hört erst ruhig zu, was Ethan zu sagen hat, bevor sie selbst das Wort ergreift. Sie kanalisiert ihre Unsicherheit in Wut. „Ach ja? Auch wieder? Du hättest beinahe hingeworfen? Glaubst du vielleicht, mir macht es Spaß, die Leute vor den Kopf zu stoßen? Glaubst du, ich hätte nicht gerne Freunde? Aber ich weiß, dass ich es mir nicht erlauben kann. Es tut mir weh, wenn ich euch zusammen sehe, dich und die anderen, aber dennoch weiß ich, wo mein Platz ist, und ich halte mich eisern an das Gelernte.“
Dann sagt sie leise: „Einzig und allein das Überleben zählt. Ich kann es mir nicht leisten…“ Emily bricht ab und schaut aus dem Fenster dem Schneetreiben zu, dann blickt sie Ethan mit ernstem Gesichtsausdruck an. „Und willst du damit etwa andeuten, ich wäre feige, weil ich auf der Straße lebe, nicht zu meiner Familie zurückkehre? Mich ihr nicht stellen will? Immer unterwegs bin?“ Sie presst die Lippen aufeinander und schließt die Augen, unterdrückt jede weitere Frage.
„Nein”, erwidert Ethan erst nur knapp, führt seinen Gedanken dann aber doch näher aus. “Ich sage nicht, dass du feige bist.” Sein Blick, mit dem er die andere Jägerin streift, drückt unmissverständlich aus, wie aufgewühlt er gerade ist. “Ich sage, ich wär’s. Wenn. Ich hab vorher groß getönt. Du nicht.“
“Ich will mich nicht streiten”, versucht sie zu erklären, auch wenn es ein wenig unbeholfen klingt. Dann wechselt sie das Thema und fragt zögerlich: „Wie jetzt ‘keine Freundin’, was ist mit Sam? Ich dachte es wäre alles in Ordnung zwischen euch?” Sie sieht Ethan mitleidig an.
Ethan schluckt erneut, sieht in die Ferne, dann Emily an. Drecksmist, klar, das weiß sie ja noch gar nicht. Woher auch? “Sam… Tja. Hab mir was vorgemacht. Die ganze Zeit. Oder fast.” Ethan schnaubt wieder, bevor er weiterspricht. “Fluch loswerden, dann weitersehen. Hah. Irgendwann…” – er zögert kurz, geht auf die genauen Umstände, wann und wie das passiert ist, doch nicht genauer ein, “klar geworden.”
Emily blickt Ethan verwundert an. „Warum hah? Das war doch euer Ding, oder etwa nicht? Fluch loswerden, dann weitersehen. Klar geworden… vorgemacht? Sorry, geht mich nichts an.” Verlegen schaut sie aus dem Seitenfenster. Dann nuschelt sie: “Mir wäre der Fluch ja egal gewesen, und zwar völlig egal. Aber nun ja, jeder ist anders.“
„Anders verstanden”, brummelt Ethan mit einem ratlosen Schulterzucken, ohne sich mit Emilys Bemerkung vom ‘nichts angehen‘ länger aufzuhalten. ”Für mich: Festhalten. Für sie: Wegschieben. Glaub ich wenigstens. Aber stimmt schon. Sam oder nicht Sam. Nicht fair dir gegenüber. Fluch ist noch da.“ Ethan verzieht das Gesicht, ballt für einen Moment die Fäuste. „Egal. Tut mir leid. Vergiss, dass ich irgendwas gesagt habe.” Auf Emilys leise nachgeschobenen Zusatz schüttelt er den Kopf und verzieht das Gesicht. „Sam auch behauptet. Immer gesagt, so eine blöde Hexe, so ein blöder Fluch, macht ihr keine Angst. Heh. Fluch nicht. Aber… was danach kommen könnte, anscheinend.“ Ethan schnaubt.

Emily nickt stumm. Dann: “Tut mir leid… das mit Sam. Vielleicht bloß ein Mißverständnis? Vielleicht wirds ja wieder.”
Ethan schüttelt den Kopf. “Glaub nicht”, murmelt er, geht aber nicht näher darauf ein.
Vorsichtig geht ihre Hand Richtung Ethans, dann jedoch hält sie inne und kann sich nicht überwinden, die Bewegung zu vollenden, und zieht ihre Hand wieder zurück. Sie schluckt sichtlich. “Aber wie soll man das Gesagte vergessen? Und was hat der Fluch mit nicht fair zu tun?” Emily guckt irritiert.
Kurz darauf sagt sie leise zu Ethan: „Mal abgesehen vom Fluch. Der mich ehrlich nicht juckt. Wie stellst du dir das jetzt vor?” Emily seufzt. ”Ich meine, wie soll das zukünftig laufen? Hoffen, dass unsere Wege sich nicht mehr kreuzen?“

Bei Emilys erster Frage muss er dann beinahe schmunzeln. “Anderes Wort für so tun als ob”, erklärt er, verzieht bei der zweiten hingegen schmerzlich das Gesicht. “Schon gut. Nur… nur laut gedacht. Verg– Tu so, als hätt ich’s nicht gesagt.”
Dann presst er die Lippen aufeinander. Unterdrückt den Stich, den die Vorstellung, sie überhaupt nicht mehr zu sehen, und wenn es nur als Jägerkollegen sein sollte, in ihm auslöst. „Und: weiß nicht. Wege kreuzen, klar. Gutes Team und so. Ich werde nichts mehr davon sagen – wundert mich eh, dass ich’s konnte. Und du… naja. Wirst du sein.“

Emily guckt bedrückt, innerlich hat sie gemischte Gefühle, einerseits ist sie froh und weiß nicht so recht warum, aber andererseits macht sie das auch traurig. Sie geht jedoch nicht weiter darauf ein, sie hat das Gefühl, dass dies kein Thema ist, vorüber Ethan gerne spricht, und vermutet, dass sie selbst im Moment die Letzte ist, mit der er darüber sprechen möchte.
“Ich weiß schon, was das heißt, aber wie soll das funktionieren? Und so tun als ob, hm”, sie zuckt mit den Schultern. “Naja, wenn du das sagst. Wenn es das ist, was du willst? Dann versuche ich, es zu vergessen.” Sie sieht Ethan ernst an. „Gutes Team?… sind wir das jetzt noch?“ Sie wendet sich ab mit der Hand am Türgriff. “Vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt gehe.”

Ethan schnaubt und bedenkt Emily mit einem ungläubigen Blick. “Bist du doch, die das will.” Er schüttelt sich eine Zigarette aus der Packung, hält sie zwischen den Fingern, zündet sie aber nicht an. Überlegt und hebt dann die Schultern. “Sind. Hoff ich jedenfalls. Müssen wir sehen.” Aber schon hat Emily die Hand am Türgriff, und Ethan sackt ein bisschen in sich zusammen. “Mmhm. Vielleicht wirklich. Wenn’s dir lieber ist.” Er starrt aus dem Fenster, bevor er sich zu Emily wendet, seine Stimme betont sachlich klingen lässt, so schwer das auch fällt. “Naja. Vielleicht ganz gut. Vielleicht die Luft gereinigt und so.”

Emily verharrt mit der Hand am Türgriff, sieht Ethan unglücklich an. Sie presst die Lippen zusammen und steigt aus. Draußen geht sie in die Hocke und atmet schwer, danach lehnt sie sich gegen Ethans Auto und haut mit der Faust dagegen, bis ihr bewusst wird, dass es ja gar nicht ihr Wagen ist, und flucht hörbar. Sie spricht mit sich selbst. „Das hat gar nichts gereinigt, sondern nur komplizierter gemacht.” Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie das Verlangen zu rauchen. Jetzt ist sie es, die neben dem Auto auf und ab geht. „Was jetzt, was jetzt.“ Emily ist sich bewusst, dass es wahrscheinlich besser wäre, einfach zu gehen. Ethan war schließlich auch der Meinung, obwohl sie es ihm nicht wirklich abgekauft hat. Doch irgendwas hindert sie daran, sie will so nicht mit ihm auseinander gehen. Sie blickt ins Innere des Autos und steigt wieder ein. Sie schaut Ethan nicht an. „Sag mir, dass das alles nur ein Traum ist und ich gleich aufwache? Sag, dass das hier nicht wirklich passiert.“

Im Auto hat Ethan die Hand zur Faust geballt, auf das Lenkrad gestützt und die Stirn dagegen geschlagen, dann wütend “Idiot!” gezischt. Er weiß doch, dass sie keinerlei Freundschaften will, verdammt, und mehr als das schon gleich gar nicht!
Als Emily jetzt wieder einsteigt und von ‘Traum’ spricht, reibt er sich das Ohr. „Heh. Erklärung. Gute sogar. Ich mein.“ Gegen seinen Willen überzieht ein selbstironisches Grinsen sein Gesicht. „Ernsthaft. Kann gar nicht. Ganze Sätze? Niemals.“
Sie schluckt wieder. „Es ist kein Traum, oder?“
Ebenso schlagartig, wie es gekommen ist, verlässt das Grinsen Ethans Gesicht. „Können so tun, als ob.“

Emily schüttelt den Kopf und ringt mit sich. „Pass auf.“ Sie atmet tief durch. „Es ist ja nicht so, als würde ich dich nicht mögen, aber wir können nicht… ich kann nicht… nein, das geht einfach nicht.“ Dabei kneift sie ihre Augen zusammen. “Ethan, es tut mir leid, ehrlich, aber mir fallen so viele Dinge ein, die dagegen sprechen.” Sie öffnet die Augen wieder und presst die Lippen aufeinander.

“Kay”, brummelt Ethan zu Emilys Kopfschütteln, “nicht so tun.” Er strafft sich und atmet einmal tief durch. “Kay. Puh.” Aber als sie dann weiterspricht, dreht er sich zu ihr um und sieht sie mit leicht verengten Augen forschend an. Er hatte es auf sich beruhen lassen wollen, aber jetzt muss er doch fragen. „Dagegen sprechen? Fluch, meinst du? Und nicht kann? Wegen… Ach so. Ja klar. Keine Freunde.“ Er seufzt. „Verstehe.“

Emily hebt den Kopf und sieht Ethan mit neutralem Gesichtsausdruck an. „Sorry. Aber nicht alles dreht sich um dich und deinen Fluch.“ Ihre Stimme klingt ruhig und sachlich, und sie bemüht sich, so emotionslos wie nur möglich zu klingen. Sie sieht zur Zigarette und dann wieder Ethan an, welcher mit der Zigarette in der Hand spielt. Emily versucht, die Situation etwas aufzulockern und vom Thema abzulenken. „Willst du rauchen?“

„Hey. War ne Frage. Wollte nicht… kay, war egoistisch. Tut mir leid. Geht mich auch nichts an. Oder… doch. Tut’s.“ Er sieht sie ganz direkt an. „Was spricht dagegen?“
Bei ihrem Blick auf seine Zigarette nickt er stumm, macht schon Anstalten, sie anzuzünden, lässt das Feuerzeug dann aber doch wieder zuklappen. Wirft einen Blick nach draußen und nickt in Richtung Roadhouse. “Vielleicht rein?” Er versucht das Rauchen im Auto zu vermeiden, wenn er mit Nichtrauchern fährt, seit Irene, die aufgehört hat, ihm deswegen mal den Kopf gewaschen hat. Bei ihrem Besuch vorgestern machte Silent Pete nicht den Eindruck, als würde er sich an Zigaretten stören. Und drinnen geht Emily der Rauch vielleicht nicht ganz so auf die Nase wie hier im Auto. Falls sie nicht die Gelegenheit nutzt und abhaut, versteht sich. Okay, könnte er auch nicht ändern, wenn. Aber er hofft es nicht. Zögernd sieht er die andere Jägerin an.

Emily schaut ihn überrascht an auf sein ‘es geht ihn etwas an’. Sie schaut nochmal auf die Zigarette, dann zum Roadhouse. Sie nickt knapp und steigt aus dem D21, holt ihren Kram aus Ethans Auto und bringt ihn zu ihrem eigenen, wo sie ihn verstaut. Sollte es doch nicht gut laufen, kann sie sofort abhauen. Dann geht sie zum Eingang, wo Ethan bereits wartet und ihr mit der Zigarette im Mund entgegensieht, ob sie wirklich kommt. Die beiden Jäger betreten das Roadhouse, und Emily nickt Silent Pete kurz zu und schenkt dem alten Jäger ein Lächeln. Geht auf ihn zu und bestellt sich einen Schnaps und einen Tee, während Ethan dem Roadhouse-Wirt kurz Bescheid gibt, dass sie zwar wieder im Land sind, Niels aber noch ein paar Tage in Kanada bleiben wollte. Sie setzt sich an einen Tisch in der Ecke mit Blick zur Tür. Emily wartet, bis auch Ethan bestellt und sich zu ihr gesetzt hat. “Um auf deine Frage von eben zu kommen. Hm. Wo soll ich anfangen, erstens…”, sie zögert kurz, “… ist immer noch mein Bruder hinter mir her, und ich werde da mit Sicherheit niemanden mit reinziehen, dann bin ich keine Frau, mit der man alt werden kann. Ich bin auch nicht sesshaft, niemand, den man seiner Familie vorstellt, vor allem ist es tödlich für beide Seiten und macht uns angreifbar und und und…“
Sie schüttelt traurig den Kopf. „Außerdem hast du dich gerade mit deiner Familie versöhnt, und Alan fände es sicher auch nicht prickelnd. Vom Altersunterschied ganz zu schweigen.“
Emily schaut Ethan dabei nicht an, sondern auf die Tischplatte vor sich. Sie kann ihm gerade nicht ins Gesicht, geschweige denn in die Augen schauen.

Emily mag zwar vielleicht angestrengt auf die Tischplatte starren, aber Ethan, der sich bei Pete erst einmal nichts weiter als einen Tee bestellt hat, betrachtet die junge Frau nachdenklich eine Weile, während er im Geist sorgfältig die Worte zusammensucht. „Du hast es vorhin selbst gesagt”, erklärt er dann. “Wär mir egal. Völlig egal. Bruder, reinziehen, sesshaft, nicht sesshaft, vorstellen, nicht vorstellen, egal.“ Er verzieht das Gesicht ein bisschen. „Angreifbar, ja. Zugegeben. Aber auch stärker. Wenn… Scheiße. Kitschig. Gah. Sorry.“ Schnell unterdrückt er den nicht ausgesprochenen Gedanken und geht lieber auf ihren nächsten Punkt ein. „Und Familie… Würden die schon ihren Kopf drumrum kriegen.“ Ihr letztes Argument hingegen hat ihn völlig verwirrt, und diese Verwirrung hört man auch aus seiner Stimme heraus, als er fragt: „Altersunterschied? Zwei Jahre? Drei?“ Er zuckt mit den Schultern. „Und?“

Emily bemerkt Ethans Verwirrung und ist selbst irritiert, scheint aber schnell den Haken zu finden und murmelt leise mehr zu sich selbst als zu Ethan: „Richtig, hier ist ja nur ein Jahr vergangen.“
Dann wendet sie sich Ethan zu, schaut erst in seine Augen, dann scheint ihr Blick etwas tiefer zu gehen. Emily räuspert sich, bevor sie anfängt zu sprechen. “Hör zu, ich schätze, die Entfernung war nicht der einzige Grund für eure Trennung, aber du kannst nicht wirklich eine Kaputte, sorry dafür, gegen eine andere austauschen wollen? Und sobald du jemand Neues kennenlernst, werde ich dann auch einfach ausgetauscht? Außerdem: nicht stärker, sondern schwächer, unachtsamer. Hast du doch gestern gemerkt.” Sie seufzt. “Außerdem könnte ich es nicht ertragen, wenn mein Bruder dir was antut, es ist, hm… Familiensache.“
Dann blickt sie auf und sieht ihn doch wieder direkt an. „Wie konnten uns damals nicht mal leiden. Weiß nicht, was jetzt anders wäre.“

Ethan runzelt die Stirn. „Drecksmist, nein. Niemals. Ich meine… Scheiße…“ Er bricht ab, muss wieder erst nach den Worten suchen. „Nein. Niemals. Hab nie, würde nicht… Nicht ‚austauschen’. Quark.“ Er stottert, bricht wieder ab. „Ist nur: wenig Erfahrung mit… mit Gefühlen. Weiß nur… Oh Mann. Drecksmist.“ Er schluckt, setzt neu an. „Wie erklären?“ Er hebt unwillkürlich die Hand an die Kehle, wo er bis zum Sommer den Anhänger mit dem Lebensbaum getragen hat, als könne ihm die Geste irgendwie dabei helfen, eine Erklärung zu finden. „Sam ging… sehr tief bei mir. Komplett verliebt. Seligkeit. Wenn. Wenn sie. Naja. Wusste nie richtig, ob. Wie. Hat nie gesagt, dass sie… Immer nur ‚Fluch loswerden, dann weitersehen’. Nie ‚wir‘.“ Er lässt die Schultern hängen, aber dann strafft er sich. „Und doch. Wäre stärker. Gestern? Nicht unachtsam. Steh dazu. Füreinander da sein. Wie richtig gutes Team halt. Nur… noch mehr.“ Er zögert kurz und überlegt, ob er das noch weiter auswalzen soll, geht aber dann lieber auf Emilys letzten Satz ein. “Damals: nein. Konnten wir nicht. Heute: Anders. Ganz anders.” Ethan sieht Emily forschend an. “Du immer noch? Nicht ausstehen, mein ich?” Er zögert, atmet dann tief durch, bevor er überzeugt erklärt: “Glaub ich dir nicht.”

Emily reibt sich mit den Händen durchs Gesicht und lässt ihre Hände dort einen Moment ruhen, bevor sie die Hände wegnimmt und seufzend sagt: “Nein, heute nicht mehr. Hast ja recht. Nur, ach weiß auch nicht.”
Als er davon spricht, dass er sie nicht austauschen würde und an seine Kehle greift, als würde er nach was greifen wollen, und ihr erzählt, wie sehr er in Sam verliebt war und wie tief sie ihm ging, wird Emilys Blick skeptisch und sagt zögerlich. “Du hast dich noch nicht wirklich von ihr gelöst, oder? Du vermisst sie noch und liebst sie noch immer, habe ich recht.” Emily bemüht sich um einen neutralen Gesichtsausdruck. Doch geht ein Schatten über ihr Gesicht. Sie atmet tief durch und wechselt dann das Thema. “Füreinander da sein? Gutes Team? Hm.” Sie scheint noch was sagen zu wollen, schluckt es runter und spricht dann leise und sanft. “Das war zum Teil Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Wie ich schon sagte, ich mag dich und will nicht, dass du dein Leben für mich riskierst.” Auf sein ‘Nur… noch mehr’ geht sie nicht weiter ein und übergeht es geflissentlich.

Die Frage nach Samantha lässt Ethan energisch den Kopf schütteln. “Doch. Glaub schon. Anfangs… ja. Hat gedauert. War…” Er beugt sich vor und vergräbt die Finger in den Haaren, wie so oft, wenn die Gedanken nicht zu Sätzen werden wollen. “Nach Unity”, versucht er es dann, stockend und mit Pausen: “Heimfahrt. Klar geworden. Immer weniger gehört. Also vorher auch schon. Februar England, kaum Kontakt. Klar, Zeitverschiebung. Fünf Stunden, abends schlecht, morgens schlecht. Dicke Mauern. Immer kurz. Knapp. So gern Stimme mehr gehört, aber ging nicht. E-Mails: auch knapp. Echt vermisst. Dachte: Kay. Geht nicht anders. Geht rum. Irgendwann. Sie kommt wieder. Nur immer stärker Eindruck: Geht nur mir so. Vermisse sie mehr als sie mich. Wenn wir nicht grad reden, bin ich ganz weit weg von ihren Gedanken. Gar nicht da. Und dann, Unity, Heimfahrt. Wie du ‘wir’ gesagt hast.” Schnell macht er eine abwehrende Handbewegung: “Weiß. Hieß nix. War nur… naja. ‘Wir’ wie gutes Team halt. Beim Fluchlösen helfen, weil Team, nicht weil mehr. Aber. Von Sam nicht mal das. Fluchlösen ja, wollte auch in England forschen, aber eben so gut wie nie ‘wir’. Heimfahrt: Augen geöffnet, irgendwie. Also: Brief. Versucht zu beschreiben. Wie’s mir vorkam. Und dass… dass es mir inzwischen genauso ging. Dass sie nicht mehr ständig bei mir war. Dachte… dachte, vielleicht kommt was. Ausgemalt, dass sie heimkommt. Vor der Tür steht. Ausgemalt, wie ich selbst hinfahr. Aber kein Geld. Ausgemalt, dass sie antwortet: ‘Nein, irrst dich. Ist nicht so. Bist noch bei mir.’ Aber…” Ethan hebt etwas die Schultern, schnaubt ironisch, “Reaktion? Knapper ging kaum. Heh.” Er schnaubt wieder. “Also ja. Anfangs schon. Immer noch gehofft. Aber…” – jetzt wird Ethan sichtlich verlegen und stockt noch etwas mehr als ohnehin schon, bevor er es doch ausspricht – “immer öfter an dich gedacht. Also nein. Nicht mehr.” Nach dieser endlos langen Rede, während derer er Emily lieber nicht angesehen hat, trinkt Ethan seinen Tee in einem Zug leer und signalisiert Silent Pete, dass er gerne noch einen hätte. Also eigentlich hätte er tatsächlich lieber ein Bier, aber erstens ist das nichts für das Wetter und zweitens muss er noch fahren.

Emily hebt den Blick und sieht Ethan an, sie schaut mitleidig. „Es tut mir leid. Ich hätte dir gewünscht, dass es funktioniert, vor allem, da sie ja selbst Jägerin ist.“ Dann guckt sie etwas zerknirscht. „Ist es meine Schuld? War es, weil ich wieder aufgetaucht bin? Habe ich dein Leben durcheinander gebracht? Also wenn, dann tut es mir wirklich sehr leid.” Ihre Hand bewegt sich in seine Richtung, bricht die Bewegung aber wieder ab, stattdessen trinkt sie ihren Schnaps leer und deutet Silent Pete an, dass sie noch einen möchte.
Emily seufzt sehr leise und spricht mit belegter Stimme. “Ethan.” Sie schweigt einen Moment bevor sie weiterspricht, hadert noch ein bisschen mit sich. “Genau das wollte ich vermeiden. Dass ist einer der Gründe, warum ich keine Freundschaften will. Das macht das Leben unnötig kompliziert.” Sie atmet schwer, ihre Stimme klingt immer noch erstickt. “Egal, was deine Gründe für deine Entscheidung waren. Du weißt, mit mir würde es dir nicht besser gehen. Ich kann dir nicht den Halt bieten, den du brauchst, und dir auch nicht die Zuneigung geben, die du verdienst. Klar, ich helfe dir, den Fluch loszuwerden, wenn du das noch willst. Habe es dir irgendwie versprochen, und dazu stehe ich. Aber sieh es ein, bei der kleinsten Berührung schreit alles in mir, und es verlangt viel von mir, das bisschen Berührung überhaupt zuzulassen. Ganz abgesehen davon, dass ich nie länger als zwei oder drei Tage an einem Ort bin. Ich glaube nicht, dass das wirklich dein Wunsch ist.” Damit schließt sie ihre Erklärung und sieht ihn mit traurigem Blick an. “Es tut mir leid, wenn ich dir falsche Signale gegeben habe, das war nicht meine Absicht.”

Als Emily davon spricht, dass er ‘Halt brauche’, sieht Ethan mit einem schnellen, ungläubig-sarkastischen Blick zu ihr hin, unterbricht sie aber nicht. Dann ist sie fertig, und er zögert einen Moment lang, sucht nach der richtigen Formulierung. “Ort wär mir egal. Berühren…” Er zuckt ein bisschen hilflos mit den Schultern. “Würd auch gehen, irgendwie. Ohne, mein ich. Nur: bräuchte halt…” – kurz zögert er wieder, und etwas wie ein Schmerz geht über seine Züge, bevor er aufspringt und erregt einige Schritte im Gastraum auf- und abgeht – “Grundlage. Zuneigung. Ohne die…” Er atmet durch, und sein Gesicht nimmt einen entschlossenen Ausdruck an, ebenso wie seine Stimme einen sachlichen Tonfall bekommt, als er sämtliche Emotionen radikal nach unten drängt. “Naja. Ist, wie’s ist. Hast keine, also hast keine. Werd’s nicht wieder ansprechen. Und…” – jetzt wird seine Stimme doch wieder etwas weicher, persönlicher – “nicht gewusst. Dir das so sehr wehtut, mein ich. Wenn ich… Tut mir leid. Werd nicht mehr… Kommt nicht nochmal vor.” Ethan nickt entschieden, drängt erneut irgendetwas nach unten und bleibt vor ihr stehen. Er hat seine Miene jetzt wieder sorgfältig unter Kontrolle; von dem Schmerz ist nichts mehr zu sehen, oder jedenfalls nicht auf Anhieb. “Aber: keine Schuld. Wär so oder so passiert. Und Fluch: ja. Bitte. Bist schon eingeweiht. Muss aktiver forschen. Schon wieder zu lange. Dämon. Hexenring. Alles. Wenn du hilfst, schneller.”

Stur schaut Emily vor sich auf die Wand und hört Ethan zu. Mit jedem seiner Worte werden ihre Lippen schmaler, und ihre Gesichtszüge versteinern. Sie wagt es nicht, ihn anzusehen, nimmt aber sehr wohl die veränderte Stimmlage wahr. Als Ethan geendet hat, presst sie hervor: “Okay, dann hätten wir das ja geklärt.” Sie schaut immer noch angestrengt mit steinerner Miene die Wand an. Ihre Stimme klingt steif, aber nicht wegen dem, was sie sagt, sondern das ist eher ihrer Mimik geschuldet. “Gut, dann lass es mich wissen, wenn du Hilfe brauchst, selbst, wenn es nur um Nachforschungen geht. Wir werden das schon zusam– … wir kriegen das schon hin und beenden den Fluch.” Sie lächelt ein wenig und sieht zu Ethan hin.
Doch irgendwie spürt sie Ethans Schmerz, ob es der Tonfall ist oder etwas an der Körpersprache, aber das Lächeln verschwindet genauso schnell wieder, wie es gekommen war. Sie erhebt sich und geht zum Tresen herüber und lässt sich den Schnaps direkt dort geben. Während Silent Pete Ethan seinen Tee bringt und nicht auf Emily achtet, vergräbt sie ihr Gesicht kurz in den Händen und atmet sichtlich schwer. Sie zischt leise: “Verdammt. Jetzt hast du es geschafft, und glücklicher macht es dich trotzdem nicht.”
Emily kippt den Schnaps herunter und geht wieder zum Tisch, dreht erst nochmal ab, bevor sie doch auf Ethan zusteuert und sich neben ihn stellt, ganz nah, dass vielleicht gerade ein Blatt zwischen die beiden passen würde, diesmal scheint sie es zu sein, die seine Nähe sucht. Dann, es ist mehr ein Hauchen, und Ethan muss aufpassen, damit er es versteht. “Ich will dich doch nur beschützen, vor mir beschützen.” Emily ist froh, dass das Roadhouse im Moment leer ist und bis auf Silent Pete keiner mitbekommt, was dort gerade passiert. Sie schweigt einen Moment, scheint nach Worten zu suchen. Spricht dann leise, aber mit fester Stimme weiter. “Du warst so… ehrlich und aufrichtig.” Sie schließt ihre Augen, ringt nach Worten. “Ja. Alles in mir schreit, wenn ich berührt werde… aber es ist auch schön und fehlt mir.”
Dann stellt sich Emily vor ihn, immer noch so nah, dass kaum etwas zwischen sie passt. Der Drang, Abstand zu nehmen oder gar sich einfach ins Auto zu setzen und loszufahren, ist groß, aber sie verdrängt ihn mit aller Macht. Sie versucht, seinen Blick einzufangen, und Ethan kann Furcht und leichte Panik erkennen. Es scheint ihr unheimlich schwer zu fallen, und sie spricht die folgenden Worte, ohne ihn anzusehen. “Ethan. Ich… ich… mag dich auch… umso… umso schwerer fällt es mir. Ich weiß einfach nicht, wie, und habe eine Heidenangst davor. Denn das kann ich nicht kontrollieren. Also stoß ich alle von mir weg. Ich kann nicht gut mit Menschen.” Sie zuckt mit den Schultern und lässt den Kopf hängen.

Emilys kühles ‘dann wäre das ja geklärt’ quittiert Ethan mit einem knappen Nicken und weiterhin sorgfältig angestrengt neutralem Gesicht, aber als sie gleich im nächsten Atemzug das Wort ‘wir’ in den Mund nimmt, da zieht er doch kurz hörbar die Luft ein, und seine Kiefer verhärten sich einen Moment lang. Stumm und dankbar für die Ablenkung sieht er Silent Pete dabei zu, wie der alte Jäger, nachdem er Ethan seinen Tee gebracht hat, umständlich den schweren Vorhang richtet, der an der Tür als Windfänger dient. Entweder er hat Schwierigkeiten, oder er will diskret sein und seinen beiden Gästen ihre Ruhe lassen. Da der stumme Barkeeper alles andere als ungeschickt wirkt, ist es vermutlich eher Letzteres. Aber deswegen jedenfalls bemerkt Ethan erst spät, dass Emily vom Tresen zurück- und auf ihn zukommt – und dann ist sie bei ihm, so unendlich nah, und Ethan erstarrt. Rührt nicht einen Muskel, und vor Anspannung treten die Sehnen in seinem Hals deutlich hervor. Als sie dann von seiner Seite weg und vor ihn tritt, davon spricht, dass sie ihn mag, wird seine Starre wenn möglich noch größer, und an den geballten Fäusten kann man erkennen, wie sehr er gerade um Fassung kämpft. “Lee…“ Ganz weich murmelt er das, bewegt, und so leise, dass die eine Silbe ihres für sie ungewohnten Spitznamens kaum zu verstehen ist, also versucht er es erneut. “Nicht”, flüstert er, und in seiner Stimme schwingen all die unterdrückten Emotionen mit, die gerade doch wieder an die Oberfläche drängen wollen, “Tu das nicht. Bitte…” Seine geballten Fäuste krampfen sich noch fester zusammen, weil alles in ihm danach schreit, eben doch die Arme um sie zu legen. Aber er gewinnt den Kampf. Regt sich nicht. “Ich… ich kann das nicht, wenn…“

Emily bemerkt Ethans Anspannung direkt neben sich, und aus dem Augenwinkel sieht sie, wie seine Sehnen unter der Haut hervortreten. Sie spürt, wie sich seine Fäuste ballen und er augenscheinlich mit sich kämpft. Sie vernimmt den Hauch ihres Namens und die Bitte, ihm nicht so nahe zu kommen, und sie wendet sich von ihm ab, geht zum Fenster und sieht nach draußen und dem Schneetreiben zu.

Als Emily von ihm wegtritt, irrlichtert in Ethans Blick eine Mischung aus Bedauern und Erleichterung, und noch immer bewegt er sich nicht. Aber er wendet die Augen nicht von ihr ab, folgt wie gebannt ihren Bewegungen. Bei ihrem Geständnis von der Angst vor dem Kontrollverlust hat Ethan langgezogen und tief ausgeatmet und langsam genickt. Jetzt fängt er erst wieder kühl und leidenschaftslos an zu reden, aber das hält er nur die ersten drei Worte lang durch. “Verstehe. Kontrolle. Ja.” Dann zögert er einen Moment, und jetzt klingt seine Stimme bewegt von all den Emotionen, die er eben doch nicht so einfach wegschließen kann, wie er das gerne wollte. “Auch Angst. Scheißangst. Weißt nie… Nicht mehr nur du. Unkalkulierbar.” Wieder einmal hebt er hilflos die Schultern. “Angreifbar. Verwundbar. Keine Garantien. Keine Sicherheit. Keine Versprechen. Stimmt schon. Aber… aber trotzdem.” Er hält inne, seufzt. Sieht bedrückt zu ihr, wie sie mit hängenden Schultern am Fenster steht. “Kann dir nur eins versprechen. Wenn… wenn du’s wirklich willst. Werd… werd ich’s respektieren. Klar. Muss ja. Außerdem: bestimmt besser. Eh keine gute Gesellschaft.”
Sie steht noch immer mit dem Rücken zu ihm, betrachtet ihre Hand, wo er sie so sanft und zaghaft berührt hat, als wäre sie aus Porzellan. Sie bekommt eine leichte Gänsehaut bei der Erinnerung, und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Dann dreht sie sich zu Ethan um, und das Lächeln verschwindet wieder. Sie blickt ihn an, kommt zwei kleine Schritte näher und bleibt dann stehen. “Das darfst du nicht denken. Du solltest dich nicht schlechter machen, als du bist, und nur wegen…” sie scheint ein Wort zu suchen “…der, wie soll ich sagen, Sprachbarriere? heißt ja nicht, dass deine Gesellschaft nicht gut ist.”

Die Bemerkung von der ‚Sprachbarriere’ entlockt ihm ein Schnauben. “Nicht nur reden”, wirft er ein. “Alles halt.” Felicitys Beschreibung dafür kommt ihm in den Sinn, und er gibt das Zitat mit einem schiefen, ironischen Lächeln wieder. “Nicht gerade der geselligste Mensch auf diesem Planeten.” Er zuckt mit den Achseln. “Ist so.”
Er verzieht das Gesicht zu einem traurigen Lächeln. “Naja. Jedenfalls: danke. Weiß es zu schätzen. Echt. War bestimmt nicht leicht grad.”
Emily zuckt bitter mit den Schultern. “Ist jetzt eh alles egal.”
Sie zögert einen Moment lang, und ihre Stimme wird brüchig. “Sorry. Jetzt hab ich es noch viel schlimmer gemacht. Ich sagte dir ja, ich bin Gift, und jetzt zieh ich dich auch noch mit in meinen Sumpf. Ethan, das wollte ich nicht, wirklich.”

Dass Emily so bitter weiterspricht, lässt sein Lächeln verschwinden. Nachdem sie verstummt, sieht Ethan sein Gegenüber einen endlosen Herzschlag lang nur wortlos an. Dann jedoch schüttelt er abrupt den Kopf und überwindet mit zwei schnellen Schritten die Entfernung zwischen ihnen. Packt sie mit beiden Händen an den Schultern und schüttelt sie, nicht gewalttätig, aber mit Nachdruck. “Kein Gift”, sagt er heftig. “Hörst du? Du bist kein Gift! Du bist…” Er bricht ab, und jetzt ist er es, der ganz nah bei ihr steht, ihr eindringlich in die Augen sieht, als wolle er in deren tiefste Tiefen blicken. Und sich dann unvermittelt vorbeugt, seine Hände von ihren Schultern an ihren Kopf hebt, um sie festzuhalten, und sie küsst, nachdrücklich und ausgiebig, auch wenn er gleichzeitig ein bisschen so wirkt, als sei er völlig überrascht von sich selbst.
Der Moment wirkt zeitlos, aber schließlich endet der Kuss. Ethan löst sich von Emily, lässt sie los und tritt die zwei Schritte wieder zurück. Sein Gesicht ist eine Mischung aus Verlegensein und Entschlossenheit. “Kein. Gift.” wiederholt er leise.

Emily schaut erschrocken Ethan an, der so plötzlich wie aus dem Nichts vor ihr steht. Sie hat keine Angst, es war nur die plötzliche Bewegung, die sie erschreckt hat. Sie wehrt sich nicht gegen Ethan, sie ist völlig überrumpelt und lässt sich von ihm schütteln. Sie versucht, etwas zu sagen, ihm zu widersprechen, aber es kommt keine anständige Silbe heraus, nur unzusammenhängendes Gebrabbel. Jetzt, wo er so ganz nah bei ihr steht, hört sie seinen Atem, spürt ihn auf ihrer Haut, als er mit ihr spricht, und seine Hände an ihren Schultern, aber sein aufregender Duft ist es, der sie völlig aushebelt, er riecht erdig, irgendwie waldig und nach einer Mischung aus dem Tee den er eben getrunken hat und kaltem Zigarettenrauch, mit einer Note seines Aftershaves. Andere fänden den Geruch vielleicht abstoßend, jedoch Emily nicht, das Einzige, was sie eventuell gestört hätte, wäre der Zigarettenqualm gewesen, aber jetzt, wo er ihr so unglaublich nahe gekommen ist, spielt dieses Detail keine Rolle für sie. Sie saugt den Geruch regelrecht ein, und ihr Kopf ist leer und doch so voll, eine Millionen Gedanken kreisen darin, daher wehrt sie sich auch nicht, als Ethan ihren Kopf umfasst und sie küsst. Sie erwidert den Kuss, schließt ihre Augen und legt eine Hand langsam in seinen Nacken und zieht ihn näher an sich. Dann ist es, als würde ihr bewusst werden, was sie da tut, und sie nimmt langsam die Hand nach vorn und drückt Ethan sanft von sich weg. Schaut ihn eine Zeitlang an und räuspert sich. Sie setzt mehrere Male an, um etwas zu sagen, bevor es ihr gelingt. “Wir können das nicht… wir sollten das nicht.” Sie bricht ab, schaut erst auf den Boden und scharrt mit dem Fuß, sieht dann aber auf und ihn schüchtern an, verlegen lächelt Emily. “Oder?” Wieder eine kleine Pause. “Doch?” Zweifel und Skepsis kann man in ihren Gesicht lesen. “Und Sam? Wenn sie zurückkommt? Was dann?”

Dass Emily ihn nicht wegstößt, sondern sich in seinen Kuss hineinlehnt und ihn mit gleicher Intensität zurückgibt, raubt Ethan den Atem, auch noch, nachdem sie ihn dann sachte von sich geschoben hat. Solange Emily nach Worten sucht, sagt er ebenfalls nichts, sondern lässt seine Atmung sich beruhigen und wartet, bis sie sich soweit gefangen hat, dass sie wieder reden kann. Während er ihr dabei zusieht, wie sie um Fassung ringt, fährt er sich verlegen mit der Hand durch die Haare. An seinem Daumen, dort, wo dieser unter ihrem Kiefer ruhte, als er sie festgehalten hat, haftet der Duft ihres Patchouli-Parfums und dringt jetzt unverfälscht an seine Sinne, nachdem er sich zuvor, bei ihrem Kuss, mit dem leichten Kokosduft ihres Haars und ihrer Haut vermischt hatte.
Als Emily zu sprechen anfängt, schüttelt Ethan erst protestierend den Kopf, hört aber bei ihrer Frage gleich wieder damit auf und erwidert das Lächeln vorsichtig. “Doch”, murmelt er leise, aber überzeugt, fängt dann Emilys Blick ein und sieht ihr in die tiefblauen Augen. “Und wenn Sam zurückkommt… kommt sie zurück. Ich wünsch ihr alles Glück der Welt. Aber. Nicht mehr mit mir. Hab nicht umsonst im Labyrinth dich gesehen.” Wieder beugt er sich vor, aber diesmal streift er nur mit den Lippen die ihren, unendlich sachte, die Berührung einer Feder, kaum überhaupt ein Kuss zu nennen, ehe er sich wieder zurücklehnt. “Denk an dich.” In dem letzten Wort schwingt Hoffnung ebenso mit wie das Versprechen, sich nichts, rein gar nichts, zu erwarten.

“Also vielleicht. Ich meine falls doch.” Emily erwidert den Blick und ihre Pupillen bewegen sich heftig. Sie sucht nach einer Formulierung. “Also wenn, dann sollten wir es für uns behalten. Denke ich.” Nach einer kurzen Pause fügt sie leise hinzu: “Kiyoshi würde mir den Kopf waschen, wenn er hiervon wüsste.” Ihr Blick wird todernst. Als Ethan das über Sam sagt, nickt sie vorsichtig, wirkt aber noch nicht völlig überzeugt. “Labyrinth? Mich gesehen? Was meinst du?” Emily scheint sichtlich verwirrt zu sein.
Obwohl sie den Kopf zurückzieht, erwischen Ethans Lippen die ihren ganz zaghaft. Danach sieht sie ihn ein wenig wütend an. “Nicht.” Emily scheint ihre Fassung und die Kontrolle wieder zurück zu haben und zieht sich etwas zurück, nur wenige kleine Schritte, bis Emily wieder am Fenster steht.

Im selben Moment, in dem Emily sich der federleichten Berührung seiner Lippen entzieht und ihm ihr ungehaltenes ‘nicht’ entgegenhält, macht Ethan ein verlegenes Gesicht und hebt entschuldigend die Hände. “Hast recht. Tut mir leid.” Er tut die paar wenigen Schritte zurück zum Tisch und setzt sich wieder. Mit dem Kopf in den Händen starrt er gedankenverloren vor sich auf die Tischplatte, und dass er eben das Maislabyrinth erwähnt hat, scheint er gar nicht mehr zu wissen – oder zumindest geht er auf Emilys Frage für’s Erste nicht ein.
Bei Emilys Verwendung des Wortes “Falls” zuckt kurz eine Regung über Ethans Gesicht, die er aber sofort unterdrückt, und er reagiert auch nicht mit Worten, lediglich mit einer Miene, der man ansehen kann, wie es dahinter arbeitet, auf ihr ‘für uns behalten’. Die Erwähnung von Kiyoshi allerdings lässt ihn innehalten und den Kopf schieflegen. “Weiß nicht. Vielleicht. Aber: Selbst Nachfahre. Jon. Also… hm. Selbst auch?”

Langsam und unsicher folgt sie Ethan und setzt sich gegenüber auf einen Stuhl. Emily schaut kurz irritiert, als eine kurze Regung durch sein Gesicht geht, die so schnell verschwindet, wie sie gekommen war. Um Ethan nicht zu lange angucken zu müssen, beschäftigt sie sich mit ihrem Tee der in der Zwischenzeit kalt geworden ist, und trinkt einen Schluck. “Das mit Kiyoshi ist kompliziert, und es verändert einen, wenn man dort ist. Vor allem, wenn man so lange dort ist wie er. Ich bin sicher, er wäre enttäuscht von mir.” Sie macht ein zerknirschtes Gesicht, bevor sie ihre Füße auf den schmalen Stuhl zieht und ihre Arme um die Knie legt. Sie schaut, wo sich Silent Pete gerade befindet, und deutet ihm an, dass sie noch einen letzten Schnaps möchte.

“Mmm”, macht Ethan langsam. “Keine Ahnung. Vielleicht enttäuscht. Aber: Freund. Familie. Sieht man Dinge nach.”
Als Emily daraufhin Pete nach einem weiteren Schnaps signalisiert, schenkt Ethan ihr einen aufmerksamen Blick. “Hilft dir das?” fragt er ruhig. Weder seine Stimme noch seine Gesichtszüge enthalten eine Anklage, nur aufrichtiges, vielleicht ein wenig zweifelndes, Interesse.

“Weiß nicht, wie er vorher war. Anders als Jon.” Sie zuckt mit den Schultern. “Und jetzt, er ist nicht hier. Muss selbst entscheiden, bin auf mich gestellt.” Sie seufzt schwer.
Silent Pete bringt den Schnaps zum Tisch und verschwindet schnell wieder, deutet den beiden an, dass er in den ‘Keller’ muss.
Emily löst ihre Umklammerung, sieht Silent Pete hinterher und kippt den Schnaps runter. Mit dem Pinnchen in der Hand klopft sie unterbewusst auf den Tisch, sie spricht leise, als wäre es ihr etwas unangenehm, dass Ethan sie drauf anspricht. “Manchmal. Nicht immer.” Dann fügt sie noch hinzu. “Niemals vor oder während eines Jobs.” Sie lächelt halbherzig und weiß genau, dass das für viele ein Problem ist, und auch, wenn Ethan keinerlei Anzeichen des Missfallens gezeigt hat, ist ihr bewusst, dass es ihm höchstwahrscheinlich auch nicht wirklich passt.

Ethan wirft einen Blick auf das Glas in Emilys Hand und nickt. “Kay”, sagt er, und noch immer klingt seine Stimme ruhig und völlig wertfrei. Der besorgte Ausdruck in seinen Augen, so sorgfältig Ethan auch versuchen mag, diesen zu kaschieren, zeigt jedoch tatsächlich, dass Emilys Antwort ihn nicht so richtig glücklich macht. “Immerhin”, murmelt er, als sie ihm versichert, während eines Jobs keinen Alkohol anzurühren.
Seine eigene Reaktion allerdings ist ihm offenbar ein bisschen peinlich, oder er will nicht, dass Emily denken soll, er mische sich in Angelegenheiten ein, die ihn nichts angehen, denn mit einem verlegenen Lächeln und einer entschuldigenden Handbewegung wechselt er das Thema, hin zu Emilys Frage von gerade eben. “Mhmm, Labyrinth. Job vor paar Monaten. Kurz vor” – er nickt Emily zu – “erste Kiste geholt hast.” Er fährt sich mit der Hand durch die Haare und zündet sich jetzt doch eine Zigarette an, achtet aber darauf, den Rauch nicht in Emilys Richtung zu blasen. “Maislabyrinth. Leute verschwunden. Auch reingezogen. Art Traumwelt. Oder Vorstellungswelt.” Ethan stockt, und für einen Moment geht sein Blick ins Leere, als eine Erinnerung in ihm aufsteigt. Fast unmerklich schüttelt er sich, dann spricht er weiter. “Alte Schnitzerei im Labyrinth. Wahrscheinlich deswegen. Wieder rausgefunden. Soweit so gut. Nur: Irene getroffen. Nicht so gut gelaufen. Und: Umstände. Konnte nix machen.” Frustriert zuckt Ethan mit den Achseln.

Einen kurzen Moment lang geht ihr Blick vor sich auf den Tisch, bis sie ihn wieder hebt und ihn bei seiner Bemerkung finster ansieht. Für den abrupten Themenwechsel ist Emily sehr dankbar.
Emily lässt Ethan erzählen; ihr fällt auf, dass er kurz ins Stocken gerät, das verraten ihre Augen, doch sie sagt nichts dazu. Als Ethan seine Erzählung beendet hat, sagt sie vorsichtig: “Das tut mir leid. Das mit Irene. Noch immer keine Lösung?” Sie hat schneller gesprochen als gedacht. “Sorry, halte mich da besser raus, aber habt ihr sie gefunden, die Verschwundenen, meine ich?” Dann muss Emily aber doch nachhaken. “Was ist mit dem Artefakt passiert, hat es Irene sich unter dem Nagel gerissen?” sie legt den Kopf schief und schaut resigniert. “Vermutlich keine andere Wahl gehabt.” Emily schnauft wütend.

“Mmhm”, macht Ethan seufzend, “hat. Wollte, ich soll’s einsammeln und schicken. Gesagt: mach’s selber.” Bei den letzten beiden Worten schwingt in Ethans Tonfall ein bisschen von der Bitterkeit mit, die er in Iowa gegenüber Irene an den Tag gelegt hat. Er scheint noch etwas anfügen zu wollen, schüttelt aber dann doch nur den Kopf und sieht kurz ins Leere, ehe er sich Emilys vorletzter Frage zuwendet. “Keine Wahl. Waren nicht alleine. Bart. Flann. Familie: Mutter, Kind. Schock genug für die da drin. Immerhin: mit rausgebracht. Aber die anderen? Die verschwunden waren?” Ethan verzieht das Gesicht, stößt hörbar die Luft aus und schüttelt einmal den Kopf.

Sie legt den Kopf schief bei Ethans Erzählungen und weshalb er Irene ziehen lassen musste. “Verstehe. Schon klar. Wahrscheinlich gar nicht so einfach, aber gut, dass ihr die Familie retten konntet.” Nachdem Ethan den Kopf geschüttelt hat, guckt sie etwas zerknirscht. “Man kann sie nicht alle retten”, sagt sie und starrt an Ethan vorbei. Ihr fällt auf, dass Ethan noch etwas sagen möchte, jedoch dazu schweigt. Emily zögert einen Moment, fragt dann aber doch nach. “Da ist noch mehr, oder? Warum sagst du nicht, was du denkst oder eigentlich sagen willst.” Sie blickt Ethan wieder an. “Sorry, wirst schon deine Gründe haben. Dachte nur, dass…” etwas verunsichert “…dass wir uns alles sagen können. Oder täusche ich mich? Sie sucht den Augenkontakt. “Ich will nicht, dass du Dinge erzählst, die du nicht willst, aber ich will auch nicht, dass du das Gefühl hast, über Dinge schweigen zu müssen. Mir nicht alles zu sagen zu können, um mich nicht zu verletzen oder so.” Sie senkt den Blick wieder und beginnt am Holztisch herumzudoktern, um sich zu beschäftigen. Dann sagt sie etwas abwesend: “Nochmal sorry, bin ja auch nicht gerade so offen wie nen Buch. Vergiss es einfach wieder.”

Ganz unwillkürlich ruft Emilys schüchterner Vorstoß ein Lächeln auf Ethans Gesicht. Irgendwo in seinem Bauch löst sich ein kleiner Klumpen auf, von dem er gar nicht gemerkt hatte, dass er da war, und lässt sich stattdessen in seinem Hals nieder, aber hier auf gute Art und Weise. Schon komisch, dass ein guter Kloß sich fast ganz genauso anfühlt wie ein schlechter: Beide machen das Reden noch schwieriger als ohnehin schon. Gerührt erwidert Ethan den von Emily gesuchten Augenkontakt, während er das Hindernis wegschluckt. Will gerade doch endlich etwas antworten, da rudert sein Gegenüber schon wieder hastig zurück. Ethans spontanes Lächeln wird erst zu einem kurzen, ironischen Grinsen, als sie ihm den Spruch vom ‘Vergessen’ zurückgibt, weicht dann aber einem ernsthaften Gesichtsausdruck, und er versucht, Emilys auf die Tischplatte gerichteten Blick wieder einzufangen. Gleichzeitig streckt er instinktiv die Hand über den Tisch, um nach ihrer zu greifen, ehe er gerade noch rechtzeitig innehält und die angefangene Bewegung in ein verlegenes durch-die-Haare-Fahren umwandelt. “Nein”, sagt er leise, “täuschst dich nicht. Gerne alles sagen. Alles von dir wissen.” Forschend sieht er Emily an, oder zumindest soviel von ihrem Gesicht, wie er bei ihrem gesenkten Kopf von ihren Zügen erkennen kann. “Ist… “, jetzt kommt das Lächeln doch wieder, ganz schwach, “Anfang? Grundlage? Bedürfnis jedenfalls. Nur… nicht ganz einfach.” Schnell hebt er eine Hand, damit sie nicht protestieren kann, nur für den Fall. “Nicht wegen dir. Allgemein. Worte finden. Ich versuch’s, kay?” Ethan macht eine etwas hilflose Handbewegung. “Wollte sagen: Beinahe aneinander. Ich Irene erwürgt oder Irene mich erschossen. So wütend. Und dabei… Freundin. Sollte doch eigentlich… Hilfe suchen. Helfen versuchen statt angreifen. Naja. Und vorher… ” – jetzt kommt Ethan doch auf Emilys Frage von vorhin zu sprechen- “da drin. Traumwelt. Dinge gesehen. Dinge bekämpft. Du warst da. Geister-du. Und Geister-Sam.” Das letzte kommt leise, langsam, aber doch ohne zu zögern. Alles sagen.

Ethans Bewegung lässt Emily halb aufblicken, so sieht sie gerade noch, wie er sich mit der Hand durch die Haare fährt. Die Bewegung davor hat Emily nicht sehen können. Sie lächelt zurückhaltend und sieht Ethan direkt in die Augen. “Was willst du denn wissen? Eigentlich gibt es da nicht viel zu sagen, das meiste weißt du bereits. Ich gehe auf die Jagd, seitdem ich elf bin, hatte…” sie verzieht das Gesicht, “…bis zu meiner Rückkehr hatte ich ein recht gutes Verhältnis zu meiner Familie.” Sie zuckt mit den Schultern. “Bin dann zur Uni und.” Sie kann den Blick nicht länger halten und schaut zur Seite weg. “Jetzt sitze ich mit dir hier.” Diesmal ist es Emily, die nicht wagt, alles zu sagen.
Emilys ausweichende Antwort entgeht Ethan nicht. Forschend sieht er sie an, und wenn da ein Anflug von Enttäuschung über sein Gesicht geflogen sein sollte, weil die junge Jägerin ihrer eigenen Aufforderung zur Offenheit nicht nachkommt, drängt Ethan diese Enttäuschung schnell und rigoros nach unten. Sie hat es ja selbst gesagt, sie ist kein offenes Buch. “Mmhmm”, macht er leise. “Andersrum auch, kay? Also: Gründe. Aber wenn… falls… ich meine… ach, egal.” Verlegen räuspert er sich und setzt anders an. “Wollt nur sagen. Falls du doch mal erzählen willst.”
Sie steht wieder auf und geht im Gastraum auf und ab, dabei verschränkt sie die Arme. Ihm halb zugewandt meint sie: “Wie ich schon sagte, ist nicht viel und auch nicht sonderlich spannend.” Sie scheint eine Weile über das, was Ethan sagte, nachzudenken und zuckt mit den Schultern. Emily lächelt Ethan verunsichert an. “Sorry, ich rede soviel und dann auch noch so einen Blödsinn.”
Mit einem leichten Kopfschütteln sieht er sie an. “Kein Blödsinn.” Ethan lehnt sich zurück und legt für eine Weile die Hände in den Nacken, betrachtet die hölzerne Decke des Roadhouses. “Hör dir gern zu.”
Sie verzieht den Mund und beißt sich kurz auf die Unterlippe, fängt wieder an, an ihrem Piercing zu spielen, und ihre Gedanken schweifen ab. “Tut mir leid”, sagt sie dann. “Ich weiß, dass du Irene retten willst, und auf die Gefahr, dass du böse wirst, aber so kann das mit Irene nicht weitergehen. Wirklich nicht.” Bevor Ethan darauf was erwidern kann, spricht sie schnell weiter. “Und ich meine nicht zwingend töten.” Dann verändert sich Ihr Blick, und sie schaut irritiert Ethan an. “Ich? In Geistergestalt? Wie jetzt? Ich meine, also… ich verstehe es nicht ganz, glaub ich.” Sie stammelt etwas, wird ein wenig rot und leicht nervös. Nach Sam fragt sie nicht nochmal.
“Sorry, wenn ich dich nerve, dass du reden sollst.” Sie lächelt entschuldigend. “Wir könnten uns auch ne Weile anschweigen.”
Ethan seufzt. “Irene. Stimmt. Muss ne Lösung her.” Noch ein Seufzer. “Nur… keine weit und breit.” Ethan verzieht das Gesicht. “Drecksmist. Fühl mich so verdammt hilflos.” Mit einem tiefen Atemzug schüttelt Ethan den Kopf und beantwortet lieber Emilys Frage. “Labyrinth: war… Naja. Traumwelt. Bilder von früher gesehen. Wir alle. Alte Ängste oder so. Und die Geister. Hm. Eigentlich keine Geister. Wirkten nur so. Eher… Naja… Vorstellungen halt. Haben uns angegriffen. Weiß nicht, warum gerade du. Oder… “ Ethan blickt zu Boden, wagt es nicht so richtig, Emily bei den nächsten Worten ins Gesicht zu sehen. “Naja… Wusste da noch nicht. Oder wollt’s nicht zugeben. Jetzt… doch.” Er schluckt leicht, verzieht das Gesicht. Nimmt einen letzten Zug an seiner Zigarette und drückt den Glimmstengel dann mit einer verlegenen Geste aus. Vielleicht sollten sie doch bei Anschweigen bleiben. Kann er so unendlich viel besser.

Sie zuckt die Schultern. “Naja, vielleicht sind ja Sensenmänner doch eine Option. Ich meine, ich würde für euch…” sie schaut gleichgültig in die Ferne. “Ich meine, die könnten ja.” Sie schafft es nicht, die Sätze vollständig auszusprechen, da sie weiß, wie Ethan vermutlich regieren würde, und für einen Moment überkommt Emily das Verlangen, Ethans Hand zu drücken, aber irgendwas in ihr sperrt sich dagegen. Nach Ethans Erklärung mit der Geistererscheinung nickt Emily bloß, aber sie wird leicht rot und dreht sich schnell weg, es scheint heftig in ihr zu arbeiten. Sie braucht eine Weile, bis sie sich wieder gesammelt hat. “Pass auf, ich will dir ja alles erzählen, was du wissen möchtest. Wirklich.” Ihr Gesprächspartner merkt, wie sie um die nächsten Worte kämpft. “Es ist nur so schwer.” Sie seufzt. “Da gibts Dinge, über die man nicht unbedingt gerne spricht, wie zum Beispiel, dass ich nie eine Beziehung hatte oder ich meine damals beste Freundin hängen lassen habe, die jetzt in irgendeinem Sanatorium vor sich hin siecht.” Sie schaut vor sich auf den Boden und beugt sich etwas nach vorne, bevor sie leise fortfährt: “Sowas erzähle ich nicht grad rum.” Sie klingt ein wenig niedergeschlagen. Es dauert einige Minuten, dann schielt sie von unten zu Ethan hoch. “Jäger sein, das ist einfach. Gib mir ein Monster, und ich regel das, aber alles andere. Naja.” Sie verzieht den Mund, druckst eine ganz Weile rum und sagt schließlich in einem Flüsterton: “Und jetzt habe ich Angst, überhaupt jemandem nahe zu kommen, geschweige denn, dass ich ertragen kann, berührt zu werden. Ethan, ich fürchte, wieder dort zu landen, wieder weggezogen zu werden, wenn mich jemand berührt, und egal was ich tue, ich kann diese Angst nicht abschütteln. Ich glaube nicht, dass ich es nochmal schaffe zurückzukommen. Und wer gibt schon gerne zu, dass er Angst hat. Das macht einen angreifbar, verletzlich, das kann, nein, das darf ich mir nicht erlauben. Du darfst niemandem davon erzählen, okay, niemandem.” Sie mustert Ethans Gesicht, schüttelt sich kurz, steht wieder auf und räuspert sich, zupft an ihrer Kleidung und ist wie ausgewechselt. “Vielleicht sollten ich jetzt besser fahren. Man sieht sich.” Emilys Stimme ist klar und kräftig. Sie lächelt halbherzig und macht sich langsam auf Richtung Tür.

Scheiße. Drecksmist, elender. Eben saßen sie noch hier, ganz einträchtig beieinander, und jetzt? Ethan springt auf, geht der anderen Jägerin mit großen Schritten nach. “Emily.” Holt sie auf halber Strecke, etwa auf Höhe des Tresens, ein und tritt vor sie, so dass sie zwar jederzeit problemlos an ihm vorbei käme, aber zumindest für einen kurzen Moment innehalten muss. “Lee. Warte.” Ethan holt tief Luft und versucht, ihren Blick einzufangen. “Kannst jetzt nicht fahren. Drei Schnäpse.” Dann fährt er sich mit einem Kreis aus Daumen und Zeigefinger über den Mund. “Ich sag’s keinem. Versprochen.” Er sieht Emily aufmerksam in die Augen. “Versteh das. Mit der Angst, mein ich. Muss… müsste… würde… ich meine… Hab das ernst gemeint, vorhin. Dass es ohne gehen würde, mein ich.” Schnell unterbricht er sich. “Drecksmist. Willst du grad nicht hören. Wollte nur sagen… Versteh das. Auch dass du’s nicht rumerzählst. Logisch nicht. Würd ich auch nicht. Wollte… tut mir leid. Wollte dir nicht wehtun. Alles, nur das nicht. Niemals. Keine Wunden aufreißen. Und auch sonst nicht. Und… tut mir sehr, sehr leid wegen deiner Freundin.” Ethan lässt die Schultern hängen, seufzt schwer. “Aber. Jedenfalls. Nicht fahren.” Das kommt völlig überzeugt, nur als Ethan dann weiterspricht, klingt seine Stimme doch unsicher bei dem Vorschlag. “Vielleicht hat Pete Zimmer. Oder Motel”, fährt er fort, macht aber keinerlei Anstalten, seinen Geldbeutel zu ziehen, um Silent Pete zu bezahlen, oder gar das Roadhouse zu verlassen.

Sie hört Ethan hinter sich herrufen und kann von den Geräuschen ausmachen, dass er hinter ihr herkommt. Er überholt sie und stellt sich Emily in den Weg. Sie spürt seine Augen auf sich und erwidert seinen Blick. Bei seinen Worten werden ihre Lippen werden schmal, und sie sieht ein wenig missmutig aus. ”Es waren nur drei kleine Schnäpse, und ich habe schon mehr getrunken und bin noch gefahren.” Es passt ihr gar nicht, dass Ethan ihr sagen will, was sie kann oder nicht. Doch als er diese Geste macht, vergisst sie ihre weitere Standpauke und wird ganz hibbelig.
Sie kann dem Blick nicht länger standhalten. “Ethan, nicht. Hör auf, dich zu entschuldigen. Ich benehme mich wie die Axt im Walde, und du entschuldigst dich noch dafür.“ Sie scheint wütend zu sein, aber eher auf sich selbst. “Dann zeig ich dir die kalte Schulter, und selbst dafür entschuldigst du dich. Ethan, es tut mir leid, ehrlich, dass ich ständig so durchdrehe. Das hast du echt nicht verdient, und es ist dir gegenüber alles andere fair.”
Sie sieht ihm wieder direkt in die Augen, verliert sich fast darin. “Du tust mir nicht weh. Ehrlich nicht. Es sind meine Fehler und Probleme. Du kannst rein gar nichts dafür und ich sollte mich bei dir entschuldigen. Sorry. Du hast genug eigene Probleme.”
Sie schließt die Augen, schluckt schwer und ihr Herz schlägt bis zum Hals. “Was ich sagen will ist, ich finde es schön…” Sie zögert einen Augenblick und dann kommen die Worte langsam, aber sehr deutlich, “…hier mit dir.” Sie lehnt sich leicht nach vorne und haucht einen Kuss auf seine Wangen, ohne ihn zu berühren. Leichte Röte steigt in Emilys Gesicht.
Sie schaut von Ethan zum Tisch, dann zur Tür und Silent Pete, der leise und unauffällig wieder hinter dem Tresen steht, und wieder zurück zu Ethan, bevor sie ihn am Ärmel seines Pullovers packt, ihn zurück zum Tisch zieht und sich auf dort auf die Holzbank setzt. Locker versucht sie Ethan ebenfalls auf die Bank zu ziehen, es wäre ein Leichtes für Ethan, sich dagegen zu sperren. Ihr Herz pocht noch immer wie wild, als drohe es jeden Moment aus ihrer Brust zu springen, und sie weiß selber nicht, was sie damit bezwecken will.
Ihr Hals ist wie zugeschnürt, sie will noch was sagen, aber es erscheint ihr in dem Augenblick unmöglich. Emily hebt eine Hand, lässt sie jedoch sofort wieder fallen. Sie befürchtet, dass Ethan spürt, wie sehr ihr Herz klopft. Sie starrt ihn stumm an, ihre Mundwinkel zucken leicht.

Sie ist verärgert. Klar ist sie das. Ethan kennt Emily gut genug, um zu wissen, dass das gerade alles andere als schlau war, die junge Jägerin so rundheraus am Fahren hindern zu wollen. Aber er konnte sie tatsächlich nicht einfach so gehen lassen, nicht mit so viel Alkohol in sich, egal, was sie sagt, ganz abgesehen davon, dass er sie schlicht nicht gehen lassen will, Alkohol hin oder her. Also wundert Ethan sich nicht, als Emily so heftig reagiert. Was ihn viel mehr verblüfft, ist die Tatsache, dass sie nach dem ersten Aufflammen von Verärgerung dann tatsächlich gegen sich selbst wettert und im Gegenteil sogar Ethan gegen sich selbst verteidigt. Er lässt sie reden, und auch als sie fertig ist, sagt er nichts. Sieht sie nur an, während sein Blick erst forschend über ihre Züge wandert und sich dann, als sie ihm den Beinahekuss gibt, an ihren blauen Augen festheftet. Sagt kein Wort, als sie ihn an seinem Pullover zurück zum Tisch lotst und ihn dann neben sich auf die Sitzbank zieht. Noch immer sieht er Emily ununterbrochen an, trinkt ihren Anblick in sich hinein, ihre Gegenwart, ihre Nähe. Streckt, als Emily die Hand hebt und wieder fallen lässt, wortlos die eigene Hand nach ihrer aus und streicht in wenigen Millimetern Abstand über ihren Handrücken und die Oberseiten ihrer Finger, so nah, dass es beinahe einer Berührung gleichkommt, ohne jedoch tatsächlich eine Berührung zu sein. Fährt dann in demselben Beinahe-Abstand mit vorsichtigen Fingerspitzen langsam ihren Arm hinauf, über ihre Schultern und bis hin zu ihrer Wange, und auch die streichelt er, ohne sie wirklich zu streicheln. Währenddessen hat er Emilys Blick nicht freigegeben, hat mit ernstem Ausdruck auf dem Gesicht etwas in ihren Augen gesucht, und vielleicht auch gefunden, denn jetzt zieht, während Ethan noch immer schweigt, der Anflug eines Lächelns über seine Züge. Er lehnt sich zurück gegen die Sitzbank und legt in Emilys Rücken einen Arm über deren Lehne, so dass man meinen könnte, er wolle die junge Jägerin im Arm halten. Aber auch hier achtet er darauf, sie nicht zu berühren; nicht direkt jedenfalls, auch wenn sein Arm ihr sehr nahe kommt. Mit einem tiefen, zufriedenen Seufzer und noch immer mit diesem ganz feinen Lächeln auf dem Gesicht schließt Ethan die Augen.

Emily vertieft sich in Ethans Augen, es kommt ihr vor, als wäre sie eine Gefangene, dennoch fühlt es sich gut an, auf eine merkwürdige Art und Weise. Ethan scheint in ihr etwas auszulösen, was sie selbst nicht ganz versteht. Emily fühlt sich ungewohnt wohl, was sie etwas nervös werden lässt. Sie spürt seine Hand auf ihrer, obwohl Ethan sie nicht berührt, einzelne Muskeln beginnen leicht zu zucken, aber sie rührt sich nicht einen Millimeter von der Stelle. Aus den Augenwinkel sieht sie mehr, als dass sie es spürt, wie Ethans Hand über Emilys Oberarm hoch zu ihrem Gesicht wandert, bis hin zu ihrer Wange, und auch hier berührt er sie nicht, auch wenn sie seine Wärme spürt. Gänsehaut macht sich über ihren ganzen Körper breit, ein Gefühl, welches sie in der Art nicht kennt und noch nie empfunden hat. Immer noch ruhen Emilys Augen still auf Ethan, beobachten ihn genau. Sie nimmt seinen Arm hinter ihrem Rücken wahr, welcher sie ebenfalls nicht berührt, und doch macht sich Panik in ihr breit, welche sie mit aller Macht niederkämpft, und so kann sie ihren Fluchtinstinkt unterdrücken. Emilys Atmung wird immer flacher, ihr Herz scheint sich allmählich wieder zu beruhigen. Sie beobachtet ihn, wie er seine Augen schließt und ein leichtes Lächeln sein Gesicht zeichnet. Sie mustert ihn eindringlich und beobachtet seine Atmung. Emily traut sich nicht, sich zu bewegen, geschweige das kleinste Geräusch zu machen. Sie schielt zu Ethan rüber der noch immer mit geschlossenen Augen, sich nicht rührend, neben ihr sitzt. Die Zeit scheint still zu stehen. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, welches gleich wieder verblasst, als ihr etwas bewusst wird. Nach einer Weile zieht sie die Beine vorsichtig an, umschlingt sie mit dem Armen und legt ihren Kopf darauf ab und lässt sich nach hinten fallen, darauf achtend, dass sie Ethans Arm nicht berührt, und starrt mit ernstem grübelnd Blick ins Leere; es hat den Anschein, als würde ihr etwas bewusst werden, aber dennoch könnte man meinen, dass sie einen Entschluss gefasst hat.

Mit geschlossenen Augen lauscht Ethan den leisen Geräuschen, die Silent Pete vorne an der Bar macht. Er ist sich Emilys Gegenwart überdeutlich bewusst, auch und gerade, als sie sich neben ihm zurücklehnt und dann reglos an seiner Seite sitzt. Ethan versinkt in der Ruhe des Moments, verliert für eine Weile jegliches Zeitgefühl, aber irgendwann kommt er doch wieder zu sich, öffnet die Augen und sieht mit verlegener Miene zu der jungen Frau. Fährt sich in einer unsicheren Geste mit den Fingern durch die Haare. Stellt fest, dass nichts von dem, was er sagen möchte, den Weg hinaus findet, also bleibt er stumm.

Emily senkt den Blick wieder und beobachtet Ethan, auch als dieser die Augen wieder öffnet und sich mit der Hand durch die Haare fährt. “Ethan?” Ihre Stimme ist eher ein Raunen. “Machen wir einen Fehler? Ich glaube, das hier ist nicht richtig.” Sie löst einen Arm aus der Umklammerung und winkt ab, um Ethan zu zeigen, dass sie nicht wirklich eine Antwort erwartet, danach legt sie ihren Arm wieder zurück um ihre Beine. Ihr Kopf ruht noch immer auf den Knien. Auch wenn Emily es für einen Fehler hält, sie genießt den Moment mit Ethan, hier in der Einsamkeit. Ihr liegt etwas auf der Zunge, doch bringt sie es nicht übers Herz, die Stille noch einmal zu durchbrechen, vor allem, da sie Ethan angeboten hatte, nur schweigend dazusitzen.
Sie löst ihre Augen von Ethan und blickt vor sich auf den Tisch und die Teetassen.

Die zögernd ausgesprochene Frage lässt Ethans Blick forschend über Emilys Züge wandern und ihn einen Moment lang in sich hineinhorchen, ehe er ernsthaft den Kopf schüttelt. “Kein Fehler. Fühlt sich nicht so an.” Er mustert die junge Frau an seiner Seite eingehend. “Nicht richtig?” Ethan legt den Kopf ein wenig schief und schüttelt ein weiteres Mal, langsamer und leichter jetzt und nachdenklich, den Kopf. “Das hier, jetzt? Warum?” Ein drittes Kopfschütteln, knapp, aber überzeugt. Ethan pausiert einen Moment, während dessen er Emily eingehend mustert. Er bemerkt, dass sie drauf und dran ist, etwas zu sagen, sich die Worte dann aber doch versagt. “Hmm?” macht er leise und vorsichtig, will sie nicht zum Sprechen drängen, wenn sie das nicht möchte. Selbst sieht er jetzt aus dem Fenster, auf den verschneiten Parkplatz, wo ihre beiden Autos langsam unter einer dünnen Schneeschicht verschwinden.

Emily seufzt, löst ihre Umklammerung. “Tut mir leid, ich kann nicht. Zumindest jetzt nicht, sorry.” Sie steht auf und wechselt auf den Stuhl und setzt sich Ethan gegenüber. Sie fürchtet, was passieren könnte, wenn sie da weiter sitzen bliebe. Sie hat das Gefühl, im Moment sich selber nicht vertrauen zu können. Sie zieht ein Bein an, umschlingt dieses wieder mit ihren Armen. Sie schüttelt erst den Kopf, scheint es sich dann aber anders zu überlegen. Emily braucht einige Minuten, bis sie die Worte ausspricht, die ihr im Kopf rumspuken. “Was ist das.” Sie schweigt einen Moment. “Zwischen uns, meine ich.” Sie versucht, Ethans Blick einzufangen, versucht, seine Mimik zu lesen. “Was tun wir hier überhaupt?” In ihrer Stimme schwingt Zweifel mit, und in ihrem Gesicht spiegelt sich Unsicherheit.

Als Emily sich wieder auf einen der Stühle am Tisch setzt, hebt Ethan beide Hände in einer Geste des Druckwegnehmens. Scheint erst etwas sagen zu wollen und es sich anders zu überlegen, murmelt dann leise und mit einem vorsichtigen Lächeln: “Hey. Alle Zeit.” In den Minuten, in denen sie dann um Worte ringt, wartet Ethan geduldig, weiß er selbst doch nur allzu gut, wie es ist, wenn das Hindernis im Hals nichts von dem hinauslässt, was man eigentlich sagen möchte. Scheint es tatsächlich zufrieden zu sein, einfach weiter hier zu sitzen, bis sie dann zu sprechen beginnt, und hört aufmerksam zu, als sie es tut. Über ihre Fragen denkt er eine Weile ernsthaft nach, ehe er langsam und sehr sorgfältig formuliert: “Was das zwischen uns ist? Nicht sicher. Aber etwas. Etwas, das sich richtig anfühlt. Etwas, das vielleicht wachsen kann. Etwas, das mich berührt. Etwas, das… “ Ein wenig hilflos fährt er sich wieder mit den Fingern durch die Haare, zögert, als scheue er sich vor der eigenen Courage, überwinde sich dann aber doch, “ … mir Angst einjagt. Und Hoffnung macht. Von dem ich nicht will, dass es endet.” Mit ernstem Ausdruck fängt er ihren Blick auf, erwidert diesen mit einer Spur Unsicherheit, weil er keinerlei Ahnung hat, wie Emily auf seine offenen Worte reagieren wird, aber ohne jeden Zweifel. “Und tun? Hm. Sitzen. Reden. Schweigen.” Eine kleine Pause. “Wachsen lassen.”

Emily nickt, schaut weiter Ethan an und meint tonlos: “Danke.” Als er auf ihre Frage antwortet und sagt, was er denkt, lässt sie die Worte im Kopf Revue passieren. Panik macht sich breit, und das Verlangen aufzuspringen und wegzulaufen ist groß, doch sie bleibt ruhig sitzen. “Hoffnung?” Ihr Zweifel und ihre Unsicherheit verschwinden ein Stück weit, da sie bemerkt, dass Ethan selber nicht ganz sicher ist. Sie mustert ihn, und ein Anflug eines Lächelns macht sich breit. Irgendwie mag sie seine Marotte. Sie wird aber gleich wieder ernst. “Woher weiß man, dass es sich richtig anfühlt? Was, wenn ich es nicht schaffe, wir uns nie wirklich nah kommen können?” Emily ärgert sich, sie wollte nicht weiter fragen, sie wollte Ethan nicht nötigen zu antworten.
Dennoch kann sie sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen und wiederholt seine Worte in Gedanken. Sie atmet tief aus und das Schmunzeln verschwindet wieder. Sie spricht die nächsten Worte leise und zaghaft aus. “Vielleicht sollten wir es lassen, bevor es zu spät ist und jemand verletzt wird. Jetzt gibt es noch ein Zurück.”
Sie verzieht den Mund. “Ach, vergiss einfach, was ich gesagt habe. Sorry. Wachsen lassen klingt gut.” Sie lächelt verlegen, lehnt sich seufzend zurück und schließt die Augen.

“Weiß man irgendwie.” Ethans Stimme klingt leise und nachdenklich. Ungewohnt weich. Und ungewohnt flüssig, auch wenn er zwischen den einzelnen Sätzen immer noch Pausen einlegt. “Wenn du viel an wen denkst. Wenn du immer merkst, dass der da ist. Wenn du immer weißt, wo der im Raum grad ist, auch wenn du nicht hinsiehst. Wenn er – wenn sie – für dich leuchtet. Wenn du willst, dass es wem gut geht. Wenn du’s nicht ertragen kannst, dass es derjenigen schlecht geht. Wenn du dir wünschst, Teil von ihrem Leben zu sein.” Bevor Ethan weiterspricht, macht er mit der Hand eine Drehbewegung. “Und weiß man nie. Ob du’s schaffst. Ob wir’s schaffen. Ob wir was werden. Sieh dir Sam und mich an.” Einen Moment lang schaut Ethan zu Boden. “Auch lange gedacht. Falsch gedacht. Kannst es nicht wissen. Kannst nur hoffen. Und dein Bestes dafür geben. Alles dafür tun, was du nur kannst. Weißt nie mit Sicherheit, ob es ewig hält. Aber kannst währenddessen so handeln, als ob.” Er mustert Emily eingehend und lächelt schwach. “Gesagtes vergessen?” gibt er ihr amüsiert ihre Worte von vorhin zurück, “kay. Krieg ich hin.” Aber gleich darauf wird er wieder ernst. “Versuchen. Eben wachsen lassen. Wenn – falls – nicht… Falls du’s nicht schaffst – oder falls ich’s nicht schaffe – oder es sonstwie nichts wird…“ Unterschwellig verrät Ethans Stimme, dass ihm das keineswegs egal wäre, aber das sagt er nicht laut. Stattdessen lächelt er Emily schief an. “Risiko geh ich ein.”

Während Emily Ethans Worte regelrecht aufsaugt, öffnet sie wieder die Augen. Sie mag seine weiche Stimme und wundert sich, wie es kommt, dass er jetzt so flüssig sprechen kann. Ethan kann erkennen, wie sie versucht, das eben Gehörte zu erfassen, und sich wieder die alte Unsicherheit breit macht. “Hmm. Okay.” Als Ethan ‘Sam und ihn’ in einem Satz erwähnt, zieht es sich in ihr zusammen und löst einen für sie unbekannten Schmerz aus. Emily schaut Ethan eine Weile schweigsam an, bevor sie langsam anfängt zu sprechen. “Wenn, also nur falls… und damit will ich nicht sagen, dass es so sein wird, aber ich meinte es ernst, dass wir es dann für uns behalten sollten.” Dann schaut sie ihn ernst an und greift das Thema von eben nochmal auf, Emilys Stimme ist aber ruhig und sanft, wenn auch sehr bestimmend. “Und du sagst mir nie wieder, was ich kann und was nicht, und du wirst mich nie wieder am Fahren hindern.” Sie mustert seine Gesichtszüge, versucht abzulesen, was er denkt. Sie muss leicht schmunzeln, als Ethan ihr den Spruch mit dem Vergessen zurückgibt, seufzt dann aber leise und wendet den Blick ab. “Es ist verwirrend und klingt kompliziert. Hört sich nicht sehr nach Hoffnung an.” Sie zieht die Stirn kraus. “Risiko eingehen? Für jemanden, den man im Prinzip nicht kennt?”

Nach der langen, langen Rede eben schweigt Ethan eine ganze Weile. Beobachtet Emily dabei, wie sie sich wieder aufrichtet und das Gehörte verarbeitet. Als sie dann zum zweiten Mal das ‘für sich behalten’ erwähnt, arbeitet es wieder genauso in seinem Gesicht wie zuvor, aber diesmal scheitert sein Versuch zu antworten wenigstens nicht. Oder zumindest nicht vollständig. “Mmm. Weiß nicht. Schwierig. Anfangs klar. Kein Ding. Eh besser. Aber dann? Spä–”
Abrupt bricht Ethan ab, als ihm klar wird, dass er Dinge annimmt, die ihm anzunehmen überhaupt nicht zustehen, und er hustet verlegen. Eilt sich, das Thema zu wechseln, indem er auf Emilys Tadel antwortet. “Mmm. Schon. Also normal nicht. Tut mir leid. Aber. Gefährlich. Will nicht, dass dir was passiert.” Seine Stimme klingt selbst auch ruhig und sanft, ohne Vorwurf darin, aber ebenfalls sehr überzeugt, bevor er schief lächelt. “Hatten wir ja schon.”
Halb rechnet er damit, dass Emily wieder auffahren wird, aber zumindest für den Moment hört sie ihm ruhig zu, also spricht er weiter, wechselt wieder das Thema. “Verwirrend, ja. Kompliziert, ja. Aber trotzdem. Hoffnung, ja. Nicht sicher. Nur Hoffnung. Aber warm. Hier drin.” Bei den letzten beiden Worten zeigt Ethan kurz auf seinen Brustkorb, bevor er weiterspricht. “Risiko? Immer eins. Nie komplett sicher. Vorher, mein ich. Aber ja. Würd ich eingehn.” Bei diesen Worten fährt er sich wieder einmal mit den Händen durch die Haare, weil ihm bewusst wird, wie dieses Eingeständnis für die rational denkende Emily klingen muss. Er ist ja über sich selbst überrascht.

Emily dreht den Kopf in Ethans Richtung, schaut ihn lange an und sieht jetzt, wie es in ihm arbeitet. “Ich glaube, ich kann dich sogar verstehen, also warum es dir nicht passt. Und falls du dir Sorgen machst, dass es wie bei Sam laufen könnte, das ist es nicht, es geht mir auch nicht darum, dass ich es verheimlichen will, also schon, aber nicht so, wie du es wahrscheinlich vermutest. Ich würde es schon ernst meinen. Es wäre nur sicherer. Für uns beide.” Sie überschlägt sich halb und wirkt etwas fahrig in ihren Ausführungen bei dem Versuch, Ethan zu erklären, was sie meint, und ist sich unsicher, ob ihr Gegenüber das wohl verstanden hat, was sie ihm sagen wollte. Sie mustert ihn eine Weile, als er mitten im Satz abbricht und verlegen aufhustet.
Zum Thema, warum Ethan sie nicht hat fahren lassen, nickt Emily verstehend, auch wenn es ihr nicht wirklich passt, und lässt es dabei bewenden, sie geht nicht weiter darauf ein. Sie hatte gesagt, was sie zu sagen hatte, und Ethan hat ihr dazu eine Antwort gegeben, damit will sie das Thema ruhen lassen. Emily wendet sich ab und dreht sich zu Silent Pete um und bestellt sich einen starken Kaffee. Irgendwas in Emilys Augen hat sich verändert, und sie schaut skeptisch, während Ethan sich auf dem Brustkorb deutet. Über Emilys Gesicht huscht für einen kurzen Augenblick ein Lächeln, nachdem Ethan sich durch die Haare fährt, doch sie wird sofort wieder ernst.
“Schon richtig: sicherer”, brummt Ethan halbherzig. “Kein. Kein Ansatzpunkt. Aber. Schwierig. Weil, naja.… würde…”, unsicher unterbricht er sich, sieht einen Moment lang in die Ferne, “würd dazu stehen wollen. Mich, hm. Dazu bekennen. Schwierig, das… geheim zu halten. Zu lügen. Sicherer ja, aber… naja. Schwierig eben. Weißt du?” Ethan räuspert sich verlegen. Er klingt irgendwie beinahe ein bisschen enttäuscht. Oder bedrückt? Oder beides? Schwer zu sagen.
“Ich verstehe dich ja, so ist es nicht, aber… ach, weiß auch nicht. Das würde alles verkomplizieren, und es wäre keine Lüge, wenn wir nicht vor anderen darüber sprechen.” Sie wendet ihren Blick zu Ethan und sagt leise: “Dazu bekennen? Aber wir wissen doch selbst nicht, was das hier ist und wohin das führt, da gibts doch noch gar nichts zu bekennen.” Sie spielt leicht nervös mit einer ihrer Haarsträhnen, hört Bedrücktheit oder Enttäuschung in seiner Stimme, geht aber nicht darauf ein. Nach einer Weile legt Emily ihre Arme, halb ausgestreckt, auf dem Tisch ab. Leicht zögerlich sagt sie dann: “Vielleicht sollten wir über was anderes reden, vielleicht.” Sie überlegt kurz. “Über… keine Ahnung… was anderes halt.” Sie überlegt kurz. “Was wirst du machen, wenn du wieder in Vermont bist?” Silent Pete stellt den Kaffee vor Emily ab und zieht sich danach sofort wieder zurück. Emily lächelt erst Silent Pete dankend an, dann zaghaft Ethan.
“Noch nicht”, murmelt er leise auf ihr ’nichts zu bekennen’ hin. “Irgendwann. Hoff’s.” Ethan wirft Emily, der Haarsträhne, mit der sie spielt, einen kurzen Blick zu, schaut dann wieder ins unbestimmte Nichts. “Wär keine Lüge, stimmt. Würd nur vielleicht irgendwann… Schwer. Anstrengend. Weiß auch nicht.”
Mit einem abrupten Kopfschütteln reißt Ethan sich von dem Gedanken los. “Ja. Hast recht. Anderes Thema.” Seine Stimme klingt bemüht sachlich. “Erstmal Tappan. Snoopy holen. Dann: weiß nicht. Werden wollen, dass ich Silvester bleibe. Aber.” Mit einem entschiedenen “mm-mm” schüttelt er den Kopf, hebt dann leicht die Schultern. “Irgendwo raus.” Vorsichtig schaut er sie an. “Du? Weißt schon, wohin?”

Emily trinkt einen großen Schluck aus ihrer Kaffeetasse, ihr wird etwas unbehaglich zumute, versucht das Gefühl mit aller Gewalt zu unterdrücken. Setzt erst an, etwas sagen zu wollen, entscheidet sich dann doch dagegen. Diesmal ist es Emily, die sich durch die Haare fährt; sie erhebt sich und fängt an vor dem Tisch hin und her zu tigern. Einige Minuten läuft sie auf und ab, schaut zur Tür, dann wieder auf Ethan, murmelt leise irgendwelche unverständlichen Worte und setzt sich dem Jäger wieder gegenüber. Steckt sich eine Strähne hinters Ohr. Sie nickt, natürlich, sie hatte ihn von seiner Familie weggeholt. ”Klar, hoffentlich sind sie nicht allzu wütend, weil ich dich dort weggeholt habe.” Auf Ethans Frage hin wird sie nachdenklich, was sie antworten soll und beschließt, es erstmal vage zu halten. “Hm, hab da was, wo ich Silvester verbringe.” Sie rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her und schaut Ethan unsicher an.
Mit einem undefinierbaren Ausdruck im Gesicht beobachtet Ethan, wie Emily im Raum umherstreift. Er schüttelt sich eine weitere Zigarette aus der Schachtel und zündet sie an, nimmt ein paar Züge, bis sie sich wieder setzt. “Mm-mm”, brummt er kopfschüttelnd, “dir nix zu tun. Hätt ja auch so. Fi glaubt eh: Geheimagent. Mom: Gangster oder Terrorist oder so. Dad: Keine Ahnung.” Er zuckt etwas mit den Schultern. “Nicht zu ändern.” Er winkt Silent Pete nach einem weiteren Tee und lächelt schief. Irgendwie hätte er ja doch ganz gerne ein Bier. Aber besser nicht.
“Hm, sicher? Aber wenn ich nicht angerufen hätte, dann…” Emily sieht etwas geknickt aus. “Naja, vielleicht besser als die Wahrheit. Und Alan? Hält er dicht? Sie trinkt ihren Kaffee aus und bestellt sich sofort noch einen, als Ethan sich einen Tee bestellt hat. “Wäre es denn schlimm, mit ihnen Silvester zu feiern? Ich meine, sie wären dir so wichtig?” Emily schaut interessiert fragend. ”Oder bereust du es doch?”

“Hält”, nickt Ethan. “Will auch nicht, dass es rauskommt. Und: Schalenerpressung geholfen. Hätt er nicht müssen.” Bei der Erinnerung an die Erpressung verzieht Ethan das Gesicht; die ganze Episode ist immer noch ein ziemlich wunder Punkt bei ihm. “Und nein. Nicht schlimm”, fährt er nach einer längeren nachdenklichen Pause fort, “schon wichtig. Sehr sogar. Nur… anstrengend. Schön, aber anstrengend. Feierstimmung. Fragen. Erstmal genug.” Ethan erwidert Emilys fragenden Blick offen. “Bereuen? Den Kontakt? Nein.”
“Gut.” antwortet Emily auf Ethans Aussage bezüglich Alan. Dann verzieht auch Emily leicht das Gesicht, als Ethan die Schale erwähnt, nickt bloß und antwortet mit einem leisen “Okay.” Als Ethan weitererzählt, wiederholt Emily nochmal: “Okay.”
Sie trinkt den Kaffee, den Silent Pete ihr in der Zwischenzeit gebracht hat. “Ich denke, ich werde bald losmüssen, sieht nicht so aus, als hätte er hier Zimmer zu vermieten. Und das Wetter scheint schlechter zu werden.”
Ohne weiter zu fragen oder zu schauen, ob es stimmt, was sie sagt, steht sie auf. “Also bis dann.” Sie lächelt Ethan an und streicht hauchzart über seine Hand.
Ethan blinzelt verwirrt, als Emily so unverhofft aufsteht. “Oh.” Er kann nicht verhindern, dass die Enttäuschung aus seiner Stimme herausklingt, bevor die leise Berührung an seiner Hand ihm unwillkürlich ein Lächeln entlockt. Erst hebt er stumm die Hand und nickt Emily zum Abschied zu, aber dann nimmt er doch allen Mut zusammen. “Uh… Hast. Hast bestimmt. Andere Pläne. Aber. Vielleicht… Silvester?”

Die Enttäuschung in Ethans Stimme entgeht Emily nicht, und sie sieht ihn erst still an. Als er sie anschließend fragt, ob sie Silvester mit ihm verbringen will, fragt sie unsicher: “Mit zu deinen Eltern?” und schüttelt skeptisch den Kopf, das muss sie falsch verstanden haben, was soll sie auch bei seiner Familie. Sie winkt ab, um anzudeuten, dass sie die Frage nicht ernst meint. “Sorry, was meinst du? Sehen? Nach Silvester?
Unsicher fährt Ethan sich mit den Fingern durch die Haare, sieht sich im Raum um, dann fängt er Emilys Blick ein. “Sehen”, bestätigt er. “Würd gern. Aber nicht nach. An. Also… falls. Ähm.” Verlegen bricht er ab, setzt vergebens neu an, bevor er schnell klarstellt: “Nicht Eltern.” Ja, Dad wird seinen Geburtstag feiern wollen, ja, sie werden vermutlich enttäuscht sein, aber das kann Ethan nicht ändern. Fi und Alan werden unter Garantie Silvester auch nicht mit Mom und Dad feiern. “Geh nur Snoop holen.”
“Hm.” Emily sieht nachdenklich aus und setzt sich wieder. “Hab die Hütte und Lebensmittel schon.” Das Wort ‘Lebensmittel’ sagt sie etwas seltsam. Emily scheint nicht wirklich abgeneigt, doch Ethan ein zweites Mal seiner Familie entziehen kann sie einfach nicht, auch wenn es eine schöne Abwechslung wäre, nicht wieder alleine dorthin zurückzukehren. “Ich denke, ich habe dich schon lange genug von deiner Familie ferngehalten. So oft wirst sie sicherlich auch nicht sehen.”
Wieder fuhrwerkt Ethan sich in den Haaren herum, dann schüttelt er entschieden den Kopf. “Passt schon”, brummt er. “Außer… naja. Magst nicht. Dann klar.”
Wenn sie nicht möchte, kann er ihr das nicht verdenken. Aber, verdammt, wäre es schön.
Sie lehnt sich zurück und mustert ihn eine ganze Weile. “Naja, ähm, wenn du willst. Ist aber nichts Tolles. Und nur ein Bett. Müsste wer auf der Couch schlafen. Dann schick ich dir nachher die Koordinaten, dann kannst du Snoopy abholen, und ich besorge noch ein paar Decken und Lebensmittel.” Emily grinst Ethan schüchtern an, verschränkt verlegen die Arme hinter dem Kopf und wird leicht rot bei dem Gedanken, mit ihm irgendwo in einer verlassen Hütte alleine zu sein.
Ethan schnaubt amüsiert bei ihrer Warnung, die Hütte sei nichts Tolles. Als ob er bisher je etwas “Tolles” gebraucht hätte. Er geht oft genug einfach so raus in die Wildnis, ohne jede Hütte. Hütte und ’nichts Tolles’ klingt abgelegen, also genau richtig für seinen Geschmack. “Passt”, wiederholt er. Sein amüsierter Gesichtsausdruck vertieft sich, vermischt sich mit einer Spur Ironie. “Solang sie nicht abbrennt. Oder der Weg hin vermint ist.”
Dann wird er ernst, als er ihre Verlegenheit bemerkt, und mustert Emily aufmerksam. “Sicher?”

Verwirrt schaut Emily Ethan an, als er das mit dem Abbrennen und Verminen sagt. “Hm? Warum sollte. Denke nicht, dass seit Weihnachten jemand dort war. Außerdem ziemlich tief im Wald versteckt.” Dann zuckt sie mit den Schultern. “Wär’ okay für mich.”
“Oh.” Schulterzucken und ‚okay für sie’ klingt alles andere als begeistert. Verdammt. Da hat er sich eindeutig zu weit aus dem Fenster gelehnt. “Nee. Lass. Blöde Idee. Muss nicht.”
Emily zieht die Stirn kraus und mustert ihn einen Augenblick nachdenklich. Ihre Enttäuschung, dass er sich umentschieden hat, kann sie nicht verbergen, so sehr sie sich auch bemüht. “Blöde Idee?” Sie beißt auf ihr Unterlippenpiercing. “Versteh schon.” Ihr Blick wird etwas traurig.
Überrascht blinzelt Ethan und mustert sein Gegenüber. “Naja. Wenn. Ich meine. Weil. Also. Nicht drängen. Nicht überreden. Ist dir ja lieber, wenn nicht.” Auch er kann den enttäuscht-flachen Tonfall bei seinen ersten Worten nicht ganz unterdrücken, ebensowenig wie die aufkeimende Hoffnung in der Frage, die folgt: “Oder?”
“Dachte, wenn es wirklich geht, wegen Familie und so, dann, ähm, kommst du vielleicht schon mit. Störst nicht und quatsch Bedrängen.” Emily tut sich bei ihren nächsten Worten schwer, meint sie aber grundehrlich. “Ich… ich… also würde mich wirklich freuen.” Sie lächelt etwas verlegen, und die Röte steigt ihr ins Gesicht. “Keine blöde Idee.”
Ethan spürt, wie sich bei Emilys Worten eine ungewohnte Leichtigkeit in ihm ausbreitet. Ein… ja. Doch. Ein lange nicht gekanntes Glücksgefühl. Aufrichtig lächelt er Emily an. “Ich… freu mich auch.” Er kramt seinen Geldbeutel heraus und sucht das Geld für die Getränke zusammen. Auf einmal ist es ihm nicht mehr so arg, dass sie gleich beide in getrennte Richtungen aufbrechen werden, wie es ihm vor ein paar Minuten noch schien. “Kay. Ich hol Snoop. Schreibst mir wo?” Er lächelt wieder, bevor seine Züge sich für einen Moment eintrüben, die Düsternis aber gleich wieder verschwindet. „Und wegen der Minen? Erzähl ich dir dann.”

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