Supernatural – Eye of the Storm


Ethan blinzelt. Er muss eingenickt sein. Mitten am Tag. Huh. Und dabei hat er rasende Kopfschmerzen. Au, verdammt.
Er verzieht das Gesicht, gibt einen unterdrückten Schmerzenslaut von sich und hebt unwillkürlich die Hand an die Schläfe. Es fühlt sich klebrig an, und als er die Hand wegzieht, hat er Blut an den Fingerspitzen. Mehr Blut als vorher, um genau zu sein. Denn auch seine Handfläche ist schon rot. Beide Hände. Und seine Kleidung. Was. Zum. Geier?

Ethan springt auf. Ist mit ein paar schnellen Schritten im Bad vor dem Spiegel des Hotelzimmers. Platzwunde am Kopf, die sich aber schon schließt. Nicht völlig frisch. Seine Klamotten tatsächlich über und über blutverschmiert. Scheiße, verdammte, was ist hier los?

Hotelzimmer. Stimmt. Er ist in Houston. Bones Gate haben ihn auf einen Auftrag geschickt.
‚Graham Legière’, hat Dekan Brimley beim Briefing gesagt, ‚ein alter Bekannter. Selbst nicht involviert, aber er weiß zumindest, dass es das Übernatürliche gibt. Er denkt, dass ein Geist ihn verfolgt. Fliegen Sie hin und helfen Sie dem Mann.’
Also ist Ethan nach Houston geflogen. Heute nachmittag kam er an und hat im Hotel eingecheckt, ist dann abends auch nochmal weg in die Stadt, und jetzt… Scheiße, warum ist es heller Tag? Und wo verdammt nochmal kommt das Blut her?

Ruhig bleiben. Nicht den Kopf verlieren. Es ist nicht sein eigenes Blut; bis auf die Platzwunde am Kopf scheint er unverletzt. Aber auch im Hotelzimmer finden sich Blutflecken. Wo kommt das her, elender Drecksmist?
Okay. Das Wichtigste zuerst. Noch hämmert keine Polizei an der Tür, also kann er nur hoffen, dass er noch Zeit hat.

Unter der Dusche macht Ethan sich gründlich sauber; anschließend stopft er die blutverschmierten Sachen in den Müllbeutel aus dem Papierkorb und reinigt das Bad, bis kein Blut mehr zu sehen ist. Seine Stiefel kann er nicht entsorgen, die braucht er noch, aber die Gummisohle kann er abwaschen, und die Spritzer auf dem Wildleder kriegt er immerhin zum größten Teil weg. Und das bisschen, was übrig bleibt, fällt nicht mehr groß auf, das könnte auch der Rest eines Schlammspritzers sein. Die vereinzelten Schmierflecken auf dem Teppich und an der Eingangstür entfernt er auch, so gut er kann. Aber apropos Eingangstür. Mit einer bösen Vorahnung sieht Ethan aus dem Zimmer, und tatsächlich: Draußen im Gang ist ebenfalls Blut am Türgriff. Drecksmist. Auch das wischt er restlos weg, und die verschmierte Key Card, die auf dem Tisch liegt, wäscht er unter fließendem Wasser gründlich ab. Und den Tisch hinterher auch. Sonst noch wo? Nein, das scheint es für’s Erste gewesen zu sein. Klar wird es einer richtigen polizeilichen Spurensicherung mit UV-Licht und Kram garantiert nicht standhalten, aber zumindest auf den ersten Blick wirkt alles wieder normal.

Okay. Nächster Schritt. Lee.

Als Ethan sein Handy herausholt und er gerade schon Lees Nummer aufrufen will, fällt sein Blick auf die Datumsanzeige des Geräts. Was zum Geier? Zwei Tage später? Zwei Tage?? Er ist nicht gestern Nachmittag in Houston angekommen, sondern vorgestern?? Wo ist dann der ganze Tag gestern hin, und der halbe Tag heute? Angestrengt versucht er sich zu erinnern, aber da ist nichts. Rein gar nichts. Oder doch… da. Ein undeutlicher Eindruck von einem Mann, ohne jeden Zusammenhang oder auch nur irgendwie näher greifbar; so schwach, dass Ethan sich nicht sicher sein kann, ob er sich den Fetzen nicht nur einbildet, weil er so verzweifelt irgendwas finden will.

Drecksmist, er kommt einfach nicht dran! Und er kennt dieses Gefühl. Es ist nicht ganz genau dasselbe, aber an Coleen Greyling kam – kommt – er genausowenig dran. Sogar noch weniger, denn bei Coleen hat er ja noch nicht mal diese undeutlichen Fetzen.
Es ist ein ekelhaftes Gefühl, aber Ethan drängt den Anflug von beinahe körperlicher Übelkeit radikal nach unten. DNA-Spuren aus Erbrochenem im frisch geputzten Zimmer kann er sich gerade echt nicht leisten.

Nach dem vierten Klingeln hebt Emily ab. “Wo bist du?” fragt Ethan ohne Umschweife.
Sie muss irgendwas in seiner Stimme gehört haben. “Was ist los? Geht es dir gut?”
“Mmm”, macht Ethan, “aber. Brauch dich. Houston. Geht das?”
“Ich bin tatsächlich gerade in Louisiana”, kommt die Antwort. Eine kurze Pause, während der Emily offenbar Entfernungen checkt, dann: “Ich kann in drei Stunden da sein.”

Sobald er aufgelegt hat, wirft Ethan eine Schmerztablette ein und macht sich auf die Suche. Stellt das Zimmer regelrecht auf den Kopf und wird tatsächlich fündig. Unter der Matratze seines Bettes liegt etwas, das ihm schwer nach einem Hexenbeutel aussieht. Drecksmist, elender! Können diese verdammten Miststücke vielleicht mal aufhören, ihm ständig im Kopf herumzupfuschen, Scheiße noch eins?

Bei zweiten Hinsehen sieht das Ding doch nicht ganz genau so aus wie ein normaler Fluchbeutel. Aber nah genug dran, dass er es lieber erstmal nur mit einem Kugelschreiber hochhebt. Er braucht nicht nochmal so ein Debakel wie in Ottawa, herzlichen Dank auch.

Weiter keine Polizei, die was von ihm will. Puh. Dennoch bleibt Ethan wachsam, hält ein Ohr zum Gang und und ein Auge aus dem Fenster gerichtet. Und tigert, sobald er sicher ist, dass es im Zimmer nichts mehr zu finden gibt, darin auf und ab und grübelt, während er wartet. Versucht weiter, irgendwelche Erinnerungen aus den letzten beiden Tagen an die Oberfläche zu zerren, ganz egal welche. Aber keine Chance.
Reiß dich zusammen, ruft er sich streng zur Vernunft. Das hat keinen Zweck. Sieh es ein.
Außer denselben quälend verschwommenen Bruchstücken von diesem Typen ist da einfach nichts zu holen, also hilft es auch nichts, wenn er sich jetzt weiter verrückt macht. Stattdessen sieht er sich lieber den Fluchbeutel etwas genauer an, berührt ihn allerdings immer noch nicht mit den Händen, als er die Schnur aufzieht und den Inhalt des Säckchens auf dem Tisch ausleert.
Ein paar Muscheln. Ein Streifen Leder. Ein Zahn von einem Menschen. Ein Stück Fleisch. Also wirklich kein Hexenbeutel, wie es scheint. Der Inhalt sieht Ethan eher aus wie was in Richtung Voodoo. Nennen die solche Dinger nicht ‘Gris-Gris’?

Sein Telefon vibriert mit dem kurzen Summen einer Kurznachricht. Die SMS ist von Emily, die wohl gerade eine kurze Pause einlegt. ‘Gehts dir ehrlich gut? Bist du verletzt?’
Heh. Die ganze verfahrene Scheiße ist nichts, was er am Telefon ausbreiten will, wo die Möglichkeit besteht, dass es wer hackt oder abhört, geschweige denn etwas, das er in den 140 Zeichen einer SMS ausdrücken könnte. ‘Unverletzt’, schreibt Ethan daher nur zurück. ‘Erzähls dir dann.’

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Zum Glück ist immer noch keine Polizei aufgetaucht, bis Ethan, der das Fenster im Auge hat, irgendwann Emilys schwarzes Cabrio auf den Hotelparkplatz einbiegen sieht. Ein paar Minuten später klopft es zu einem “Ethan? Ich bin’s” an der Tür, und er öffnet mit einem kurzen, instinktiven Blick nach links und rechts den Flur hinunter, bevor er beiseite tritt und die andere Jägerin hereinlässt.
“Was ist los?” wiederholt Emily, sobald sie im Zimmer ist, ihre Frage vom Telefon, woraufhin Ethan auf den Inhalt des Säckchens auf dem Tisch deutet und dann zu erzählen anfängt. Wobei es viel zu erzählen ja nicht gibt, elender Drecksmist.
Als er fertig ist, sieht Emily sich den Beutel an. Sie ist genauso wie Ethan selbst der Ansicht, dass es sich um Voodoo handelt, weiß aber zusätzlich noch, wofür genau diese Zusammensetzung von Materialien dienen soll. Ein Vergessenszauber. Ahahahahaha. Überraschung. Und unter Ethans Matratze. Den Voodoobeutel muss wer aktiv da versteckt haben. Also weiß wer, dass er in der Stadt ist, und hat sich aktiv Zugang zu seinem Zimmer verschafft, um ihm genau diesen Zauber unterzujubeln. Scheiße, verdammte.

“Ruf doch nochmal bei diesem Legière an, wenn dein Auftrag, den zu treffen, das letzte ist, woran du dich erinnern kannst”, schlägt Emily vor. “Hast du seine Nummer?”
Duh. Plan. Warum ist er da nicht von selbst drauf gekommen? Und er hat. Brimley hat ihm die Kontaktdaten mitgegeben. Es meldet sich nur dummerweise auch nach dem werweißwievielten Klingeln niemand. Verdammt.
“Vielleicht hab ich ihn umgebracht.”
“Das kannst du nicht wissen.”
Stimmt. Wissen nicht. Aber die Möglichkeit darf er nicht ausschließen. Das wäre unvernünftig, unvernünftig, unvernünftig.

Gemeinsam durchsuchen sie das Zimmer nochmal, aber da ist außer dem Gris-Gris wirklich nichts mehr. Nach einem Moment des Nachdenkens sagt Emily: “Vielleicht kann Jon Saitou was tun.”
Heh. Ethan verhaften zum Beispiel. Er verkneift sich einen entsprechenden Kommentar, aber Lee kennt ihn inzwischen gut genug, um den Gedanken an seinem Gesicht ablesen zu können.
“Oder Alan?” schlägt sie vor.
Autsch. Alan noch viel weniger. Wenn das Blut wirklich davon kommt, dass Ethan wen umgebracht hat, dann kann er seinen Bruder nicht in diese potentielle Befangenheit stürzen. Dann doch lieber Saitou. Denn irgendwen muss Ethan um Hilfe bitten, und der FBI-Mann hat immerhin keine Befangenheitsprobleme.

Am anderen Ende des Telefons wird abgenommen. Im Hintergrund sind gedämpft die Geräusche von Straßenverkehr zu hören, davor die Stimme des Japaners, bevor Ethan noch ein Wort von sich gegeben hat: “Mr. Gale.”
“Agent Saitou. Problem.”
Der Agent klingt etwas genervt, oder zumindest von irgendwas abgelenkt, als er sagt: “Was gibt es denn? Ich bin gerade ziemlich beschäftigt und habe wenig Zeit.”
Oh. Verdammt.
“Dann… mhmm…”
Drecksmist. Ethan hätte sich echt vorher überlegen sollen, was er sagen will. Er hat null Ahnung, wie er das abhörtauglich erklären soll.
“Erzähl ihm, was los ist”, wirft Emily ein, als die Stille sich zu ziehen beginnt.
Ethan runzelt die Stirn. “Nicht am Telefon.”
Aber irgendwas muss er sagen. Klar, er kann nicht die ganze vertrackte Lage über eine Verbindung ausbreiten, die möglicherweise belauscht wird, aber er muss den Agent ja trotzdem irgendwie dazu kriegen, dass er ihm einen Rat gibt. Und dazu muss Saitou zumindest einigermaßen wissen, was los ist. Nur wie kriegt Ethan das gescheit formuliert?
Saitou seufzt. “Vielleicht ist es einfacher, wenn ich mit Emily rede.”

Mit einem warnenden Blick gibt Ethan sein Handy an Lee weiter. Die ignoriert seine stumme Mahnung und berichtet Saitou brühwarm von dem Blut und dem Voodoobeutel und dem Gedächtnisverlust – von der finsteren Miene, mit der Ethan sie bedenkt, dreht sie sich einfach weg und erzählt weiter.
“Wir sind in Houston”, schließt Lee ihren Bericht. “Meinst du, es wäre möglich, dass wir uns treffen?”
Die Antwort treibt ihr einen überrascht-erfreuten Ausdruck ins Gesicht. “Ach?”
Wieder hört sie zu, während der Agent am anderen Ende der Leitung etwas sagt. “CoolCatClub45. Alles klar. Das finden wir. Bis gleich.”
Mit einem zufriedenen Gesicht gibt Emily Ethan sein Telefon zurück. “Jon ist schon in der Stadt. Und stell dir vor, er arbeitet auch gerade an einem Voodoo-Fall.”
Na sieh einer an.

Das Mietauto lassen sie vor dem Hotel stehen, fahren stattdessen gemeinsam in Emilys Geo Metro. Den Müllbeutel mit den blutigen Kleidern nehmen sie natürlich mit, den Fluchbeutel genauso, dazu soviel von Ethans Sachen, wie sich machen lässt, ohne dass es an der Rezeption so aussieht, als würde er abreisen. Also überhaupt nicht viel. Aber besser unauffällig bleiben.

Auf dem Parkplatz tritt Ethan die nur halb gerauchte Zigarette aus, die er sich vor dem Hotel angezündet hatte, und steigt dann mit einer Grimasse ins Auto. Bevor Lee den Motor anlässt, tastet sie nach Ethans Hand und drückt sie kurz, und er kann gar nicht anders, als den Druck zu erwidern und sie anzulächeln, auch wenn das Lächeln ziemlich schief ausfällt. “Saitou. Drecksmist”, brummt Ethan leise.
“Hm?”
Er winkt ab, denn das war gerade mehr Reflex als irgendwas anderes. Der Agent ist schon in Ordnung.

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Der CoolCatClub45 ist eine Jazzkneipe. Etwas zögernd folgt Ethan Emily in den Club und sieht sich drinnen sehr genau um, während sie schon zielsicher auf den Agent zusteuert. Saitou ist nicht allein. Bei ihm sitzt ein schmächtig gebauter Afroamerikaner, der genauso elegant angezogen ist wie sein Tischnachbar. Mindestens.
Was sie auch besprochen hatten, ihre Unterhaltung verstummt, als die beiden Jäger an den Tisch treten.
Saitou stellt sie seinem Begleiter als Bekannte vor, die sich mit “… speziellen Ereignissen” auskennen, dann sagt er: “Das ist Mr. Bobby Brown, ein–”
“Musiker!” beeilt Brown sich zu sagen. “Sie wollen sicherlich ein Autogramm von mir, habe ich recht?”
Schon hat er einen Kugelschreiber in der Hand und hält mit huldvoller Miene nach etwas zum Beschreiben Ausschau. Ethan lässt kurz den Blick von oben nach unten über den Typen wandern, bevor er sich dem Agent zuwendet, während Emily ihn vollkommen ignoriert und sich zu Saitou an den Tisch setzt.
Der holt sich den angefangenen Satz zurück. “Mr. Brown ist Experte für Voodoo”, sagt er mit einem kleinen Hauch von Tadel in der Stimme, was den Afroamerikaner theatralisch aufseufzen lässt. “Das auch.”

Voodoo, wie? Ach nee.
Grimmig zieht Ethan das Gris-Gris aus der Tasche und wirft es vor Brown auf den Tisch.
“Ist das von dir?” fragt Emily scharf, nachdem der Voodooist seinen Blick von Ethan zu dem Säckchen und wieder zurück hat schweifen schweifen lassen, aber erst einmal nichts dazu sagt. Die Frage allerdings lässt ihn nach dem Stoffbeutel greifen und ihn genau wie dessen Inhalt eingehend begutachten.
“Interessant”, sagt er schließlich gedehnt. “Das ist Voodoo der linken Hand, also schwarzes. Es gibt auch weißes, aber das ist das hier definitiv nicht. Lassen Sie mich raten, Sie haben keine Erinnerungen mehr an die letzten, hm, so zwei bis drei Tage?”
Als Ethan ihn finster anstarrt, hebt der schmächtige Mann abwehrend die Hände. “Nein, nein, ich war das nicht. Ich könnte das natürlich auch, aber dann hätten Sie gleich die ganze Woche vergessen, nicht nur ein paar Tage.”
Ethans Stirnrunzeln vertieft sich, und er macht eine ungeduldige Handbewegung, die Brown, Wunder über Wunder, richtig interpretiert.
“Nein, ich kann Ihnen nicht sagen, von wem das ist”, sagt er gönnerhaft, als würde er einem sehr kleinen Kind einen sehr einfachen Umstand erklären. “So etwas wie eine Handschrift, die den jeweiligen Praktizierer verraten würde, gibt es nicht, wenn der nicht etwas von sich selbst hinzufügt, um den Zauber zu verstärken. Aber das hat dieser Bokor eben nicht getan. Deswegen habe ich keinen Hinweis auf die Identität desjenigen. Ich kann Ihnen leider nicht helfen.”
“Aber du kennst doch Namen”, knurrt Lee.
“Vielleicht”, gibt Brown zu. Seine Stimme hat immer noch diesen unerträglich arrogant-selbstgerechten Tonfall. “Aber die kann ich Ihnen nicht nennen. Das ist völlig unmöglich, Namen verrät man nicht einfach so.”

Während Emily den Voodoo-Experten wütend anfunkelt, schnappt Ethan sich das Gris-Gris und durchbohrt Brown mit einem ähnlich grimmigen Blick.
“Ich bin übrigens wegen eines Mordfalls in der Stadt”, wirft Agent Saitou ein, was Ethans Kopf zu ihm herumfahren lässt. Die Sorge muss von seinem Gesicht abzulesen sein, denn unter dem Tisch spürt er mit einem Mal wieder Emilys Hand in seiner. Ethan drückt sie dankbar und gestattet sich eine Sekunde lang den Luxus, das Gefühl der Berührung auszukosten und sachte mit dem Daumen über Lees Handrücken zu streifen. Der Fed spricht inzwischen weiter: “Das Opfer wurde vor einigen Wochen getötet und vor einigen Tagen ohne Kopf und Fingerspitzen aufgefunden. Dennoch konnte er identifiziert werden und stellte sich als Angehöriger der örtlichen Voodoo-Gemeinschaft heraus. Ich denke nicht, dass das ein Zufall ist.”
Einige Wochen? Puh. Dann kann Ethan das zumindest schon mal nicht gewesen sein.
In dem Moment klingelt Saitous Telefon, und nach einem Blick auf das Display geht der Agent sich eine ungestörte Ecke suchen. Mit unlesbarem Gesichtsausdruck kommt er ein paar Minuten später zurück. “Entschuldigen Sie mich. Die Arbeit ruft.”
Brown lächelt gewinnend und sagt: “Wenn Sie meine Hilfe brauchen sollten, mit einem Zauber zum Beispiel, stehe ich zur Verfügung. Ich bin zu allen Schandtaten bereit. Rufen Sie mich gerne jederzeit an”, aber sein Charme zeigt keine Wirkung auf den FBI-Mann, der sich nur mit einem höflich-nichtssagenden Nicken abwendet und geht.

Emily hat Ethans Hand losgelassen, als Saitou telefonieren gegangen ist, und jetzt steht Ethan, der in der Bar die ganze Zeit kein einziges Wort gesagt hat, auf und folgt dem Fed nach draußen.
“Agent Saitou.”
“Gibt es noch etwas?”
Ethan atmet durch. Sagt dann: “Bones Gate hergeschickt. Auftrag. Geisterverfolgung. Typ namens Graham Legière. Vorgestern angekommen. Heute: Hotelzimmer. Keine Erinnerung. Hände blutig. Kleider blutig. Türgriff blutig. Weiß nicht, ob ich…” Drecksmist. Er bekommt den Satz nicht zuende.
Saitou nickt, als würden ihn diese Informationen nicht sonderlich überraschen. “Der Anruf, den ich eben bekommen habe. Mr. Legière wurde ermordet.”
Ethan erstarrt. Er hat es ja schon befürchtet, aber oh. Oh verdammt.
“Wir sollten erst einmal davon ausgehen, dass nicht Sie das waren. Oder wenn doch, dass es einen übernatürlichen Grund dafür gab.”
Ethan nickt. Bekommt ein “Mhhmm” heraus, während er sich eine Zigarette aus der Packung schüttelt. Saitou zögert, dann sagt er: “Ich hoffe sehr, dass es nicht wieder ein Fall war, in dem Sie jemanden nicht für einen Menschen gehalten haben.”
Gah. Die Hexen in Dana Point wa– Egal jetzt. Hilft gerade so überhaupt nicht weiter. Ethan zieht an seiner Zigarette und nickt grimmig. “Hoffe ich auch.”

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In der Jazzkneipe sind Lee und Brown dabei, sich zu unterhalten. “Darf ich Sie auf einen Drink einladen?” hört Ethan im Näherkommen den Voodoo-Priester fragen und sieht, wie Emily nickt. Dann ist Ethan wieder am Tisch, und der schmächtige Mann sieht zu ihm hoch.
“Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten”, sagt er in versöhnlichem Tonfall. “Ich habe Sie nicht verzaubert, und ich bedauere, dass ein Glaubensbruder oder eine Glaubensschwester es getan hat.”
Ethan lässt sich schwer auf die Sitzbank fallen. “Kay.”
Der Kellner hat Browns erhobene Hand gesehen. Während der Voodooist zwei Longdrinks bestellt, sagt Ethan: “Whiskey.”
Die Longdrinks brauchen anscheinend ein bisschen, bis sie gemixt sind, aber Ethans Whiskey kommt sofort. Er kippt ihn in einem Schluck herunter und bestellt sich sofort einen zweiten; als der dann vor ihm steht, macht er langsam und nippt nur. Trotzdem kann er spüren, wie Emilys Augen aufmerksam auf ihm ruhen. Klar. Normalerweise trinkt er bis auf das eine oder andere Bier ja eher wenig.

Als sie merkt, dass Ethan ihren Blick aufgefangen hat, sieht Emily zu Brown. Oder vielleicht hätte sie den Praktizierer ohnehin angesehen, denn sie fragt angriffslustig: “Also, gibst du uns jetzt einen Namen oder was?”
Der Afroamerikaner seufzt. “Das ist so einfach nicht. Ich will ja gerne helfen, bitte glauben Sie mir das” – heh. Vielleicht. Die Entscheidung darüber behält Ethan sich nochmal vor – “aber einen Namen müsste ich erst selbst in Erfahrung bringen. Und in meinem Geschäft plaudert man solche Dinge nicht einfach so aus, Miss.”
“Du kannst aber was rauskriegen, oder? Und nenn mich nicht ‘Miss’.”
“Darf ich dann ‘Emily’ sagen?”
“Von mir aus”, knurrt Lee. “Also, wie ist das jetzt mit dem Namen?”
Eine Antwort bleibt dem Mann erspart, weil in dem Moment die beiden Longdrinks gebracht werden und Brown einen davon galant zu Emily hinüberreicht. Sie lässt es zu, rührt das Glas aber erst an, als es vor ihr auf dem Tisch steht und Browns Hand weit weg ist. Als der Musiker ihr zuprostet, nippt Emily zwar an ihrem Drink, prostet aber nicht zurück. Und nach dem ersten Schluck schiebt sie das Glas von sich.

“Legière ist tot”, sagt Ethan. Emily entfährt ein Schimpfwort, dann zieht sie hörbar die Luft ein. “Wie wär’s, wenn du nochmal bei Brimley anrufst. Vielleicht kann der dir noch was zu Legière sagen. Wer dem was wollte oder wer dir das anhängen will.”
“Weißt nicht, ob’s angehängt ist”, brummt Ethan, aber sie hat recht. Der Dekan weiß vielleicht wirklich noch irgendwas, das er bisher noch nicht für nötig gehalten hat, seinem Angestellten mitzugeben.

Brimley ist tatsächlich noch im Büro, aber viel mehr als das, was der Dekan schon beim Briefing gesagt hatte, erzählt er jetzt auch nicht.
Immerhin: Ein paar neue Details gibt es. Die Verfolgung durch den Geist hat vor etwa drei Wochen angefangen, erfährt Ethan, typische Poltergeistaktivitäten wie herunterfallende Gegenstände und sowas. Mit der Zeit wurden die Heimsuchungen immer heftiger, bis Legière schließlich seinen alten Freund Thomas Brimley kontaktierte, weil der sich ja mit sowas auskennt.
“Legière ist tot”, sagt Ethan wieder. Nein, er weiß noch nichts Genaues. Ja, er wird an der Sache dranbleiben. Ja, er wird den Dekan auf dem Laufenden halten.

“Entschuldigen Sie mich für ein paar Minuten”, sagt Brown, als Ethan sein Telefonat beendet, und steht auf. “Ich habe versprochen, dass ich heute abend mindestens ein Lied singe.”
Mit einer angedeuteten Verbeugung geht der Praktizierer zur Bühne und ist kurz darauf tatsächlich am Singen. Vielleicht wollte er ihnen damit ja sogar die Gelegenheit geben, sich ungestört zu unterhalten, aber so viel reden sie gar nicht.
Stattdessen holt Ethan sein Handy wieder aus dem Schlafmodus. Brimley konnte ihm nicht viel mehr sagen, als er vorher ohnehin schon wusste, aber vielleicht hat das Internet ja noch irgendwelche Informationen.
Der Typ war Geschäftsmann, spuckt seine Suchmaschine etwas später aus. Hatte mit einem Partner namens Richard Benoit eine Immobilienfirma. Nicht riesengroß, aber erfolgreich. Keinerlei Auffälligkeiten. Sehr professionelle Webseite, sehr gute PR-Arbeit. Nach Hurricane Harvey, der letzten September über die Stadt fegte, hat die Firma jede Menge öffentlichkeitswirksamen Wiederaufbau geleistet. Ein aktuelles Projekt, das auf deren Webseite beschrieben steht, ist ein neuer Supermarkt, wo bald der erste Spatenstich gemacht werden soll.
“Ansehen?” fragt Ethan, und Emily nickt, klopft dann aber nachdenklich mit dem Zeigefinger auf der Tischplatte herum. “Zu dem Bauplatz können wir eigentlich auch später noch. Aber das hier hat alles irgendwie mit Voodoo zu tun. Es gibt hier in der Stadt doch bestimmt Stellen, wo man da nachhaken kann.”
Gerade in dem Moment kommt Brown wieder an den Tisch zurück.
“Wenn du dich mit Voodoo auskennst”, wendet Emily sich an den Musiker, “wo in der Stadt kann man sich nach sowas erkundigen?”
Es gibt genau einen Laden für Voodoo-Bedarf in Houston. Auch gut, macht die Entscheidung leichter, wo sie anfangen sollen. “Ich komme mit”, sagt Brown, und tatsächlich ist es vielleicht gar nicht schlecht, einen Experten auf dem Gebiet dabei zu haben, also nicken die beiden Jäger. Der schmächtige Mann winkt einen Mittfünfziger in einem makellosen schwarzen Anzug herbei, der die ganze Zeit unauffällig am Nebentisch gesessen hatte – hat der Typ echt einen Butler? – und weist den an, sich um die Rechnung für alle zu kümmern, bevor er das Auto vorfährt. Aber nein. Ethan mag vielleicht nicht viel Geld haben, aber seine Drinks bezahlt er schon noch selbst, herzlichen Dank. Oder jedenfalls will er sich nicht von diesem Fremden einladen lassen.

Draußen vor dem Club holt Emily ihr Telefon heraus und ruft Agent Saitou an, sagt, wo sie hinwollen. “Okay”, beendet sie das Gespräch, “wir warten davor.”
Indessen wendet Brown sich zu Ethan. “Habe ich das richtig verstanden? Sie haben nicht nur eine Gedächtnislücke, sondern es ist möglich, dass Sie unter dem Einfluss der Magie vielleicht einen Mord begangen haben?”
Ethan nickt grimmig, und der Voodooist erwidert die Geste. “Dann verstehe ich, warum Sie so angespannt sind. Es tut mir leid, dass ich Sie provoziert habe.”
“Mmmhm”, brummt Ethan. “Danke.”
Ein auffälliger alter Straßenkreuzer, chromblitzend und mit dem Butler am Steuer, hält vor dem Club. War ja klar, dass Brown sowas fährt. Der Musiker steigt in das türkisfarbene Monstrum und tippt sich doch tatsächlich an den Hut. “Wir sehen uns dort, meine Herrschaften.”

Auf halber Strecke kommt Ethan mit siedend heißem Stich ein Gedanke. Hastig fummelt er die Rückklappe seines Handys auf und wirft die SIM-Karte in weitem Bogen aus dem Fenster. Vermutlich hätte er sie schon viel früher loswerden sollen – er hätte auch Agent Saitou und Dekan Brimley gar nicht erst mit seinem eigenen Telefon anrufen sollen, verdammt. Aber vorher hat er nicht daran gedacht, und jetzt kann er es nicht mehr ändern, elender Drecksmist.
Den Rest der Fahrt grübelt Ethan vor sich hin, aber beim Aussteigen vor dem Voodoo-Laden lächelt er Lee über das Autodach zu, und den Ausdruck auf ihrem Gesicht gespiegelt zu sehen, macht die ganze verdammte Scheiße ein klein bisschen heller.

Agent Saitou taucht eine Weile später auf. Und was er zu berichten hat, lässt Ethan die Kiefer immer fester aufeinander pressen, je länger der Fed redet.
Blut überall: Legière wurde regelrecht abgeschlachtet. Und Ethans Handabdrücke in Blut am Tatort, ebenso Fußspuren, die zu Ethans Outdoor-Stiefeln passen. Salz auf Fensterbänken und Lüftungsschlitzen. Irgendwer – höchstwahrscheinlich Ethan selbst – hat das Haus gegen Geister sichern wollen. Bestätigung von dem, was sie sowieso schon vermutet haben.
“Vielleicht war ich’s wirklich”, brummt er finster.
“Gehen wir zunächst von der Annahme aus, dass Ihnen das jemand anhängen will. Die Alternative wäre… unschön.”
Saitou muss nicht näher ausführen, was er meint. Wenn Ethan Legière unter magischem Einfluss oder besessen umgebracht hat, ist das so gut wie nicht zu beweisen. Und wenn er es, warum auch immer, in vollem Bewusstsein getan hat, dann kann er nicht mal mehr auf die Unterstützung des FBI-Manns zählen.

“Wie steht es denn mit Besessenheit?” will Agent Saitou jetzt wissen. “Das geschieht im Voodoo durch Götter, korrekt?”
Brown strahlt regelrecht, als seine Expertise gefragt wird. “Durch Loas, ja”, fängt er an zu dozieren. “Das sind keine Götter im eigentlichen Sinne, sondern Geister; Vermittler zwischen den Menschen und Bondye, also Gott. Der Loa ‘reitet’ den Gläubigen wie ein ‘Pferd’…”
Ethan bemüht sich, der ausladenden Erklärung über die Rituale und Bräuche einer Voodoo-Messe zu folgen, aber er ertappt sich dabei, wie seine Aufmerksamkeit immer wieder abschweift. Die undeutlichen Eindrucksfetzen, die er vorher schon im Kopf hatte, werden jetzt durchsetzt von dem, was er eben von Saitou gehört hat. Keine echte Erinnerung, sondern reine Vorstellungskraft, verstärkt von viel zu lebhaften Bildern davon, wie er den Geschäftsmann mit zahllosen Stichen niedermetzelt. Nein, verdammt. Keine. Echte. Erinnerung. Bitte, bitte nicht.

“Es gibt übrigens eine Verbindung zwischen Mouton und Legière”, sagt der Fed gerade, was Ethans Aufmerksamkeit wieder ins Hier und Jetzt holt. Offenbar gab es vor einiger Zeit eine Auseinandersetzung zwischen René Mouton, dem Opfer, für das Agent Saitou ursprünglich in die Stadt gekommen war, und der Immobilienfirma von Legière und seinem Partner, bei der Mouton Legière tätlich angegriffen hatte. Grund für die Randale: Mouton sollte Land verkaufen, auf dem die Firma einen – ach sieh einer an – Supermarkt bauen wollte, und weigerte sich, sollte aber wegen des größeren Gemeinwohls im Nachgang zu Hurricane Harvey offenbar gerichtlich dazu gezwungen werden. Bei seinem Protest vor der Immobilienfirma kam es zu dem Zwischenfall. Na da schau her.

Sie betreten den Laden getrennt: Agent Saitou und sein Experte zuerst, Lee und Ethan ein bisschen dahinter. Sie bleiben im Hintergrund vor einem Regal stehen, während die anderen beiden nach vorne zur Theke gehen. Ethan kann es nicht recht beurteilen, aber Browns abschätzend-anerkennendem Blick zufolge scheint es sich hier schon um das echte Zeug zu handeln und nicht um irgendwelchen Touristenkram. Der Voodooist plustert sich ein bisschen auf und lüftet mit einer galanten Verbeugung den Hut. “Guten Tag, Madame. Wir sind gekommen, weil wir einige Fragen an Sie hätten, so Sie gestatten. Wenn ich mich vorstellen darf, man nennt mich Papa Bo.”
Die Augen der Verkäuferin weiten sich ein bisschen. “Papa Bo? Der Papa Bo? Welch eine Ehre, Sie hier begrüßen zu dürfen!”
Bei diesen Worten wird der kleine Praktizierer gleich um ein paar Inches größer. Ethan unterdrückt ein Augenrollen und behält ebenso wie Emily seine steinerne Miene bei, während Agent Saitou ein nichtssagendes Lächeln aufsetzt.
“Worum geht es denn?”
“Wir kommen wegen René Mouton. Er war Gemeindemitglied hier, oder?”
Der Name lässt einen tiefsitzenden Schmerz in die Stimme der Frau treten.
“Ja, René ist” – sie verzieht das Gesicht, als sie sich korrigiert – “war… Teil unserer Gemeinde. Ich kann spüren, dass er nicht mehr lebt. Aber… ich kann auch spüren, dass seine Seele nicht… weitergegangen ist.”
Drecksmist. Die Seele des ermordeten und geköpften René Mouton, der sich weigerte, Land zu verkaufen, das Legière haben wollte. Hat vielleicht Legière Mouton auf dem Gewissen, und der war es, der nach seinem Tod den Geschäftsmann heimgesucht hat?
Mit drei schnellen Schritten ist Ethan vorne an der Theke. “Geist? Rachegeist?” fragt er rundheraus – scheiß auf subtil jetzt.
Brown schenkt der Verkäuferin, die Ethan mit großen Augen anstarrt, ein zuvorkommendes Lächeln. “Das sollten wir vielleicht lieber in einem etwas privateren Umfeld besprechen. Haben Sie ein Hinterzimmer?”

Sie hat. Allerdings nicht genug Stühle darin. Aber das macht nichts: Weder Ethan noch Emily setzen sich, sondern bleiben nebeneinander, aber mit ein bisschen Abstand, an die Wand gelehnt stehen.
“Ich glaube nicht, dass René sich als Geist sich an irgend jemandem rächen wollte. Das Gefühl, das ich von ihm empfangen konnte, war… verzweifelt. Es fühlte sich nicht so an, als sei er freiwillig noch hier. Viel eher so, als werde er festgehalten.” Die Verkäuferin klingt ehrlich betroffen.
“Würde sein Kopf dabei helfen, wenn man ihn hier festhalten wollte?”
Erschrocken sieht die Frau Agent Saitou an. “Ja, das würde es viel einfacher machen, ihm einen fremden Willen aufzuzwingen. Wie kommen Sie darauf?”
Saitou seufzt. Berichtet von dem Fund der kopflosen Leiche. Sie schlägt die Hand vor den Mund, ehrlich entsetzt. “La Secte Rouge…”, flüstert sie tonlos.
“Wie bitte?”
Erst schüttelt die Frau mit einem zutiefst verängstigten Ausdruck in den Augen nur den Kopf, aber dann wiederholt sie es doch, zögernd und mit ängstlichem Blick umher, als würde ihr Hinterzimmer abgehört: “La Secte Rouge. Die Rote Sekte. Sie sind in der Stadt.”
“Das ist eine Gruppe, die das schwärzestmögliche Voodoo überhaupt betreibt”, souffliert Brown, der bei der Erwähnung des Namens hörbar die Luft eingesogen hat: “ausschließlich das der linken Hand. Und sie behaupten, sie seien für Hurricane Harvey verantwortlich gewesen.”
Scheiße. Wenn das stimmt…
Ängstlich fragt die Verkäuferin: “Hatte der Leichnam sein Herz noch?”
Mit schiefgelegtem Kopf sieht der Agent sie fragend an. “Hatte er. Warum?”
“Oh Bondye sei Dank!” Ihre Erleichterung ist förmlich greifbar. “Wenn sie auch sein Herz hätten, dann könnten sie ihn vollständig kontrollieren.” Eine Träne läuft ihr über das Gesicht. “Und dabei können sie ihn schon nur mit dem Kopf zu allem Möglichen zwingen… Oh, der arme René…”

Drecksmist. Die Arme. Ethan würde ihr gerne irgendwie helfen. Aber er glaubt nicht, dass sie sich gerne von ihm helfen lassen würde. Und passende Worte würde er im Moment sowieso nicht finden.
Zum Glück kann Agent Saitou seinen Job so gut wie eh und je. Während Ethan verlegen den anderen beiden nach draußen folgt, bleibt der FBI-Mann zurück spricht leise und mitfühlend zu der Verkäuferin.
Vor der Tür murmelt Brown etwas, das Ethan nicht verstehen kann. Es klang jedenfalls irgendwie verwundert. Aber bevor er nachfragen kann, zieht der Voodooist sein Telefon heraus und geht ein paar Schritte beiseite.
Agent Saitou kommt aus dem Laden, während Brown noch telefoniert, aber der schmächtige Praktizierer legt bald danach auf. “Ich habe mit einem Freund und Kollegen Rücksprache gehalten. Dr. Akintola ist ebenfalls im Voodoo bewandert, aber leider hatte er auch keine Informationen, die über das hinausgehen, was wir schon wissen.”
Überrascht sieht Ethan den Mann an. ”Nelson?”
“Sie kennen ihn?”
“Wir alle”, schaltet Agent Saitou sich ein. Seine Miene verfinstert sich einen Moment lang. “Ich zum Beispiel hatte bei dem Fall in New Orleans mit ihm zu tun.”
Ethan brummt bekräftigend. “Kleine Welt.”
Ungeduldig holt Emily das Gespräch wieder ins Hier und Jetzt zurück: Wir müssen diese Rote Sekte ausheben.”
“Aber heute nicht mehr”, sagt der Fed. “Es ist spät, und wir müssen uns sehr genau überlegen, wie wir das anstellen. Es sind schließlich immer noch Menschen, oder?”
Seufz. Muss er das Thema schon wieder aufbringen? Aber der Blick, den Saitou Emily zuwirft, zeigt, dass er mit der Bemerkung eher sie gemeint hat als Ethan. Aber trotzdem. Grrr.

Bevor Lee antworten kann, winkt der FBI-Mann ab. “Wir sollten uns alle etwas ausruhen. Morgen dürfte ein anstrengender Tag werden.”
“Ich habe noch kein Zimmer hier”, sagt Lee in Ethans Richtung gewandt. “Ich begleite dich.”
Ethan nickt. “Hotel?”
Erst bei den ungläubigen Blicken der anderen wird ihm klar, dass er stärker durch den Wind sein muss, als er das bisher angenommen hatte. Wie bescheuert kann man eigentlich sein?
“Sie sollten auf gar keinen Fall in Ihr Hotel zurück”, mahnt Agent Saitou auch schon. “Nehmen Sie sich irgendetwas, wo niemand Fragen stellt.”
Genau. Ein billiges Motel oder so. Keines von den Ketten. So ein Einzelunternehmen. Gibt es hier bestimmt.
“Wir suchen uns ein Stundenhotel”, erklärt Lee.
Im ersten Moment glaubt Ethan, er hat nicht richtig gehört. Dann kann er nicht verhindern, dass ihm wortwörtlich die Kinnlade herunterklappt. “Was?”
Lee zuckt mit den Schultern. “Klar. Mir ist sowieso nicht nach Schlafen.”
Ethan klappt den Mund wieder zu. Dreht eine Antwort auf der Zunge herum. Schluckt sie herunter. Ähm.
“Und Sie haben eine Unterkunft, Agent Saitou?” Browns Stimme hat einen eigenartigen, fast lauernden Unterton, und für eine Sekunde starrt der Fed den Voodooisten ebenso ungläubig an wie Ethan eben. “Das habe ich”, antwortet er dann in nüchternem Tonfall. “Danke der Nachfrage. Und gute Nacht.”

Ein paar Minuten später sitzen die beiden Jäger in Emilys Auto. “Wir sollten uns diese Baustelle noch ansehen”, schlägt Lee vor. “Wer weiß, wie wir morgen dazu kommen.”
Stimmt. Plan.
Nur dass sie sich den Plan auch hätten schenken können, denn auf dem Gelände ist nichts. Rein gar nichts. Ein leeres Stück Baugrund, ein paar Pfosten und Marker auf der grünen Wiese. Das war’s.

Das Durchgangshotel, vor dem Emily schließlich anhält, ist eine billige, vielleicht zehn Meilen von der Innenstadt entfernte Absteige, die garantiert in keinem Internet-Buchungsportal zu finden ist. Fragen stellt hier wirklich keiner; der Nachtportier will noch nicht mal ihre Namen wissen, sondern nimmt das Geld für die Übernachtung an und schiebt ihnen dann einen Schlüssel an einem übergroßen Anhänger über den Tresen.
“Und kein Lärm, verstanden?” brummt er die beiden Jäger an, “Privatsphäre und so.”
Um so besser. Kann ihnen nur recht sein.

Sobald sie das kleine, nicht wirklich dreckige, aber ein bisschen schmuddelige Zimmer abgesichert haben, setzt Lee sich auf die Bettkante und dreht sich zu Ethan um.
“Schlaf ruhig als erster. Ich wecke dich dann.”
Heh. Ethan schenkt seiner Gefährtin einen sehr langen und sehr durchdringenden Blick, den Lee mit einem betont neutralen Gesichtsausdruck erwidert.
“Meins ernst”, sagt er. “Weck mich.”
Emily brummt widerwillig. “Hmpf. Ja.”
Will sie ihn nur hinhalten? Prüfend sieht Ethan Emily an, aber anscheinend hat er sie überzeugt. “Kay”, sagt er und lächelt ihr zu. “Musst auch schlafen.”
“Nicht jetzt. Wenn es geregelt ist.”
Ethan runzelt die Stirn, schüttelt entschieden den Kopf. “Unausgeschlafen: unaufmerksam. Deswegen. Du auch. Wenigstens bisschen.”
Lee seufzt, nickt dann aber, und mit einem weiteren Lächeln in ihre Richtung legt Ethan sich hin.

Es dauert ewig, bis er einschläft. Zu sehr wirbeln die Bilder in seinem Kopf herum, die Gedanken, die Befürchtungen. Und Emilys Nähe. Als er dann doch in den Schlaf hinüberdriftet, merkt er es gar nicht. Erst, als ein heftiger Alptraum ihn kerzengerade im Bett sitzen lässt. Hat er geschrieen? Oh Mann, hoffentlich nicht. Nach Luft geschnappt aber garantiert. Nur so oder so: Natürlich hat Lee es mitbekommen. In der von der Straßenlaterne vor dem Fenster unvollständigen Dunkelheit kann Ethan sehen, wie sie in ihrer üblichen Haltung auf dem Bett sitzt und ihn besorgt mustert. Drecksmist.
“Alles okay?” fragt sie leise, und Ethan nickt. “Geht schon. Wie spät?”
“Noch früh. Schlaf weiter.”
Ethan versucht es. Aber seine Träume sind unruhig.

¤¤¤

Am nächsten Morgen stehen sie wie verabredet zum gemeinsamen Brunch vor Bobby Browns Hotelzimmer. Agent Saitou ist schon da und sieht genauso aus dem Ei gepellt aus wie immer – nur der Hauch eines dunklen Schattens unter seinen Augen zeigt, dass er vielleicht auch nicht so gut geschlafen hat. Er sitzt mit etwas unbehaglicher Mine in einer Ecke der Couch vor einem ausladend mit Frühstück gedeckten Tisch, als die beiden Jäger von einem überschwänglichen Voodooisten ins Zimmer geführt werden, der mindestens genauso adrett herausgeputzt ist wie der Agent. Schön für die beiden. Ein schlechtes Gewissen, dass er in denselben Klamotten wie gestern und noch einen Tag unrasierter hier aufschlägt, hat Ethan trotzdem nicht. Dem Fed gegenüber hebt Ethan beim Eintreten die Hand zu demselben knappen “Hey” wie vor der Tür auch schon zu Brown, während Lee immerhin ein “Morgen“ herausbekommt. Saitou zieht eine Braue hoch und schenkt kommentarlos zwei Tassen Kaffee ein.

Während Emily zwischen Kaffee und Obstsalat erzählt, dass sie gestern noch bei dem Supermarktgelände waren, aber mit leeren Händen wieder abziehen mussten und auch beim Googeln hinterher nichts weiter gefunden haben – keine historischen Gebäude, kein Indianerfriedhof, keine Irrenanstalt, einfach nur ein Stück leeres, bis dahin völlig unbebautes und unauffälliges Stück Land -, sieht der Agent immer wieder zu Brown hinüber. Und wenn der Praktizierer dann zufällig hochschaut, zuckt sein Blick hastig weg. Huh. Aber geht Ethan nichts an.

“Irgendetwas muss da aber sein, wenn die Firma das Land unbedingt kaufen wollte”, sagt Saitou. Ganz offiziell fordert er auch nochmal Informationen über den Baugrund an, Grundbuchauszug, Baupläne und all das, und bis sie mit dem Frühstück fertig sind, hat der Fed eine Antwort in seinem elektronischen Postkorb.
Nichts, nichts, nichts. Bis Brown plötzlich stutzt. “Was ist das? Lassen Sie mich das nochmal sehen.”
‚Das’ sind Wasserrinnen, die Sturm Harvey hinterlassen hat und die auf einem Satellitenbild von dem Gebiet gut zu sehen sind. Und die ein Vévé ergeben, sagt Brown, ein Voodoo-Symbol, mit dem geplanten Supermarkt genau in der Mitte, wo dessen Kraft am stärksten ist. Drecksmist.
Wird Richard Benoit vielleicht das nächste Opfer werden, weil seine Gesellschaft ja den Supermarkt bauen will und damit das Vévé zunichte machen würde? Oder hat er etwa selbst damit zu tun und seinen Partner Legière aus dem Weg geräumt?

Aber gut. Sich hier im Kreis zu drehen, wird ihnen auch nicht weiterhelfen. Und Agent Saitou hat für heute vormittag ohnehin eine… Vernehmung? ein Interview mit dem Mann im Kalender stehen.
“Wie wollen wir vorgehen?”
Wir gar nicht”, weist Saitou den Voodooisten zurecht. “Wir werden den Mann selbstverständlich nicht zusammen aufsuchen.”
Dabei wirft der Agent einen bedeutsamen Blick in Ethans Richtung, und der nickt. Das wäre echt nicht schlau, wenn er da mitgehen würde.
“Oh.” Die Enttäuschung in Browns Stimme ist nicht zu überhören, weicht aber sehr schnell einer beinahe kindlichen Begeisterung, als der Fed fortfährt: “Aber es wäre sicherlich nützlich, einen Experten für Voodoo bei dem Gespräch dabei zu haben. Also wenn Sie mitkommen möchten, Mr. Brown?”
Erfreut lässt der Musiker sich von seinem Butler einen Aktenkoffer bringen und gibt dem Mann dann für den Rest des Tages frei.

“Einen Moment, Mr. Gale”, sagt Agent Saitou draußen. “Wir müssen drei Dinge besprechen.”
Erst als die anderen außer Hörweite sind, redet er weiter. “Erstens hoffe ich, Sie haben Ihr Telefon weggeworfen. Falls nicht, tun Sie das umgehend.”
“SIM-Karte, ja”, brummt Ethan, aber der FBI-Mann schüttelt den Kopf. “Das reicht nicht. Man kann ein Handy auch ohne SIM-Karte orten.”
Oh. Drecksmist. Das war Ethan bis eben gar nicht klar. “Kay”, murmelt er.
“Zweitens: Falls Sie das noch nicht getan haben, sollten Sie Ihren Arbeitgeber darüber informieren, was geschehen ist. Die Polizei wird ihn mit Sicherheit befragen, wann er Sie zuletzt gesehen hat.”
Mmh. Stimmt. Bisher weiß Brimley nur, dass sein alter Freund tot ist, und nichts von der Möglichkeit, dass sein Jäger-Hausmeister selbst den Mann auf dem Gewissen hat. Sollte er ändern.
Saitou macht ein unbehagliches Gesicht. “Und drittens werde ich innerhalb der nächsten Stunden bei Ihrer Familie anrufen.”
Ethan erstarrt, und er kann nicht verhindern, dass sein Kopf alarmiert hochruckt.
“Das ist die normale Vorgehensweise in einem solchen Fall”, erklärt Saitou ruhig. “Wenn ich es nicht mache, dann tut es ein Kollege. Und ich kann die Fragen wenigstens einigermaßen allgemein halten, ohne ihnen zu sagen, um was es genau geht.”
Heh. Als ob die, vor allem Alan, sich nicht ungefähr denken können, um was es geht, wenn Saitou da anruft. Drecksmist, elender. Das wird Ethans Stand in Tappan nicht gerade einfacher machen. Und was, wenn herauskommt, dass er es wirklich war? Und seine Familie dann mit dem Wissen leben muss, dass ihre diffusen Befürchtungen in Bezug auf den lange verschollenen Sohn eben doch mehr waren als nur das? Verdammt.

Lee sieht sofort, dass irgendwas nicht stimmt. “Was ist los?”
“Gah.”
Angespannt fasst Ethan das Problem zusammen. Vor allem das mit Saitous Punkt drei.
“Jon macht das schon so, dass sie nicht misstrauisch werden”, versucht Emily ihn zu beruhigen. “Und du hast den Mord ganz bestimmt nicht begangen. Davon bin ich fest überzeugt.”
“Mmhm.” Ethan selbst ist nicht so überzeugt. Aber er ringt sich den Schatten eines Lächelns ab. “Wird schon.”

Lee tippt irgendwas auf ihrem Handy herum, während Ethan sich nach einem guten Ort umsieht, um sein eigenes Telefon loszuwerden. Am besten einfach in den Müllcontainer da. Der sieht ziemlich voll aus und wird vielleicht mit etwas Glück heute noch geleert. Ein bisschen tut es ihm leid um das Gerät. Das robuste Outdoor-Smartphone hat zwar schon vier, fünf Jahre auf dem Buckel und ein veraltetes Betriebssystem, aber es ist nicht zu riesig und hat ihm immer gute Dienste geleistet. Aber ist jetzt nicht zu ändern. Zum Glück hat er alle Fotos und heruntergeladenen Dateien in der Cloud gesichert.

Unterwegs halten sie kurz an, damit Ethan sich ein Wegwerfhandy kaufen kann. Das Gespräch mit Dekan Brimley führt er trotzdem von einem öffentlichen Telefon aus. Es mag zwar nicht mehr viele davon in Houston geben, aber an einer Tankstelle sehen sie zufällig eines an der Wand hängen und nutzen die Gelegenheit. Paranoid? Vielleicht. Aber besser paranoid als wegen Mordes in der Todeszelle.

Agent Saitous Mietwagen parkt schon vor der Baufirma, als die beiden Jäger ankommen. Nachdem Emily den Geo Metro mit guter Sicht auf den Eingang abgestellt hat, machen sie sich dem Fed und dem Voodooisten mit einem Winken bemerkbar und beobachten, wie die beiden das Gebäude betreten.
Eine Weile sitzen sie schweigend da und behalten die Umgebung im Auge, dann sieht Ethan zu Emily hinüber und lächelt schief. “Wird schon.” Lee soll nicht denken, er wirft die Flinte ins Korn. Wirft er nämlich nicht. Es ist, wie es ist, und was bei der Sache auch rauskommt, irgendwie wird es weitergehen.
„Ich bin mir sicher, dass du keine Schuld hast”, wiederholt Lee ihre Worte von vorhin, und Ethan nickt: nicht völlig überzeugt, aber ein bisschen aufgemuntert. Emily lächelt ihm zu.
„Hey, es hilft zwar nicht, aber wenn überhaupt, dann warst du nur ein Werkzeug, und auch daran zweifel ich.“
Kurz drückt Ethan ihre Hand. „Danke.“ Lee erwidert den Druck ähnlich knapp, behält aber, wie Ethan auch, ihre Aufmerksamkeit zum größten Teil auf der Umgebung vor dem Auto.

Eine Weile später kommt Brown aus dem Gebäude und zu ihnen hinüber, allein. Aber in ganz normalem Tempo, also hat Saitou da drin wohl einfach noch was zu erledigen. Mit einigem Widerwillen sieht der Voodooist auf das Innere von Emilys zwar tadellos sauberem, aber doch ziemlich unaufgeräumtem Auto und setzt sich nur auf die äußerste Kante der Rückbank, als wolle er seinen Anzug nicht beschmutzen. Dann holt er aus seinem Koffer ein kleines Döschen, in das er etwas so gut wie Unsichtbares hineinlegt – ein Haar oder so etwas vielleicht? – und die Schachtel dann sorgfältig beschriftet, bevor er sie wieder in seinem Koffer verstaut.
“Benoit ist Voodoo-Praktizierer”, informiert er die beiden Jäger. “Und er ist soeben auf Platz 1 der Verdächtigenliste gestiegen. Er wusste nämlich, dass Mouton tot ist und geköpft wurde, obwohl die Leiche ja erst vorgestern identifiziert wurde und das noch alles andere als allgemein bekannt ist. Jon hat ihm eine Polizeieskorte zur Bewachung abgestellt.”

Jetzt, wo Brown zum einen fertig gesprochen und zum anderen nichts mehr hat, um seine Hände zu beschäftigen, fängt er nervös an, die Kleidungsstücke, die auf der Rückbank herumfliegen, ordentlich zusammenzufalten.
“Einfach nichts anfassen!” zischt Emily scharf. Ertappt verkrampft der Voodooist die Hände im Schoß, sieht aber derart unglücklich aus, dass Ethan nach ein paar Minuten das Kinn Richtung Fenster ruckt. “Draußen warten?”
Der Praktizierer nickt dankbar und kann gar nicht schnell genug wieder aus dem Metro kommen. Als er sich neben Ethan gegen das Auto lehnt, kann der hören, wie Brown erleichtert aufatmet.
Es dauert nicht sehr lange, bis ein Streifenwagen vor der Firma vorfährt und ein uniformierter Polizist aussteigt. Dunkelhaarig, Mitte zwanzig, sieht ein bisschen aus wie Alan. Oder vielleicht ist das auch die Uniform, denkt Ethan, während der Officer im Gebäude verschwindet. Aber seltsam. Laufen Cops nicht eigentlich immer zu zweit auf?

Sobald nach ein paar Minuten auch Agent Saitou wieder zu den anderen Jägern gestoßen ist, beratschlagen sie, was sie mit den neuen Informationen anfangen sollen. Benoit hat sich verplappert, ist also zumindest mal Mitwisser, vermutlich aber sogar selbst der Täter. Nur wie zum Geier können sie das dem Mann so nachweisen, dass es vor Gericht Bestand hat?
“Ach, mir ist es eigentlich ziemlich egal, ob wir ihm etwas nachweisen können oder nicht“, winkt Brown leichthin ab. “Mich interessiert nur, dass die Seele meines Glaubensbruders ihren Frieden findet.”
“Aber mir ist es nicht egal”, sagt Agent Saitou scharf, “und Mr. Gale noch viel weniger. Ohne Nachweis von Benoits Täterschaft ist er nicht zu entlasten.”
Während Brown schuldbewusst zusammenzuckt und den Blick abwendet, sieht Ethan überrascht zu dem Fed hinüber. Huh. Dass der FBI-Mann nicht nur ein berufliches Interesse daran zeigt, den richtigen Täter zur Rechenschaft zu ziehen, sondern auch so gezielt auf Ethans Situation abhebt, wundert ihn tatsächlich.

Aber die Diskussion bringt Ethan noch auf einen anderen, beunruhigenden Gedanken. An einen jungen Polizisten, der von Kram keine Ahnung hat, und an einen Täter, der mit schwärzester Magie um sich wirft.
“Officer. Zu gefährlich?”
Saitou schüttelt den Kopf. “Er ist für gefährliche Situationen ausgebildet, und er hat Anweisung, bei Bedarf umgehend Verstärkung anzufordern. Ich kann ihn nicht babysitten, nur weil ein Praktizierer im Spiel ist.”
Gah. Babysitten hat Ethan nicht gemeint. Aber der Agent hat schon recht: So, wie die Sache momentan aussieht, gibt es für die Polizei keinen offiziellen Grund, da in geballter Stärke aufzulaufen. Also müssen sie wohl oder übel hoffen, dass der Officer wirklich Verstärkung ruft, sobald sich irgendwas tut.

“Wenn wir Beweise wollen”, sagt Brown in Ethans nicht so richtig überzeugtes Nicken hinein, “müssen wir Moutons Seele befragen. Ich möchte wetten, dass uns das genug Material gegen Benoit in die Hand gibt: zum Beispiel, was mit Moutons Kopf passiert ist und wo wir ihn finden.”
“Und wie wollen Sie das anstellen, Mr. Brown?”
Ein selbstsicheres Grinsen. “Oh, das ist doch die leichteste Übung. Ich bin Papa Bo, schon vergessen? Ich beschwöre ihn.”
“Klingt riskant”, knurrt Lee, während Ethan die Stirn runzelt und zustimmend nickt.
Der Voodooist sieht sie herausfordernd an. “Habt ihr eine bessere Idee?”
Gah. Nochmal zu Benoit reingehen und ihn schütteln, bis er auspackt, ist garantiert keine Option, die Agent Saitou zulassen würde. Und dass der Geschäftsmann sich ohne Beweise so sehr aus der Reserve locken lässt, dass er irgendwas gesteht, ist auch noch längst nicht gesagt. Abwarten, bis er einen Fehler macht, weil er sich ertappt und beschattet fühlt? Dann können sie in der Zwischenzeit auch Browns Vorschlag folgen, so unwohl Ethan bei dem Gedanken ist.
“Wo?” fragt er widerwillig.
“Bei mir im Hotel.”
Emily schnaubt und durchbohrt den Musiker mit einem ungläubigen Blick. “Echt jetzt? Du willst ein Ritual in deinem Hotelzimmer abziehen?”
“Warum nicht?” lächelt Brown. “In meinem Zimmer sind wir ungestört, und die Angestellten wissen, dass es auch mal laut werden kann. Warum erst mühsam einen anderen Ort suchen?”
Gah. Na wenn er meint.

¤¤¤

Auf dem Tisch im Hotelzimmer, an dem sie heute früh noch gegessen haben, stehen Kerzen sorgfältig angeordnet im Kreis, dazwischen kleine Hühnerknochen, Federn, Perlen in einem komplexen Muster von Linien aus … Blut? Vermutlich. In der Mitte liegt die Gewebeprobe von René Mouton, die Agent Saitou aus der Gerichtsmedizin besorgt hat. Die Vorhänge hat der Voodooist zugezogen.
Penibel ordnet Bobby Brown die letzte Feder um einen Millimeter anders an, dann räuspert er sich theatralisch. Als er die Aufmerksamkeit seiner drei Begleiter hat, sagt er im besten Bühnenmagier-Tonfall: “Ich werde nun beginnen. Bitte halten Sie sich im Hintergrund und vermeiden Sie jegliche Störung des Rituals.”
Duh. Was denkt der denn, was sie machen werden?

Von seinem Platz an der Wand neben Emily beobachtet Ethan aufmerksam, wie Brown die Kerzen entzündet und über dem Muster auf dem Tisch einige komplexe Handbewegungen vollführt, während er gleichzeitig in einen fremdartigen Singsang verfällt.

Dann verlöschen die Kerzen mit einem Mal, obwohl eigentlich gar kein Luftzug durch das Zimmer geht, und Browns Singsang verstummt. Er sieht auf, doch was da den Kopf hebt, ist nicht mehr Bobby Brown, der von sich selbst überzeugte Voodoo-Praktizierer. Unter der Kopfhaut zeichnet sich scharf sein Schädel ab, sind die Knochen tatsächlich sichtbar geworden wie auf einem Skelettkostüm. An seinen abgehackten Bewegungen, als er sich den Jägern zuwendet, ist nichts Menschliches mehr, und auch seine Stimme klingt nicht mehr im Geringsten wie Browns, als er mit einem unangenehmen Kicherton in der Stimme sagt:
“Na was haben wir denn hier?”
“René Mouton?” Agent Saitous Stimme klingt vorsichtig und mehr als zweifelnd, während Ethan instinktiv nach seiner Waffe tastet. Das ist doch im Leben nicht Mouton.
“René Mouton?” Wieder dieses unangenehme Kichern. “Ach, ihr kleinen Menschlein könnt so amüsant sein manchmal.” Ein unterschwelliger Klang von Bedrohung mischt sich in die Belustigung. “Wisst ihr etwa nicht, wer ich bin?”
“Ein Geist halt”, schießt Emily zurück. “Solchen wie dir sind wir schon öfter begegnet.”
“Ein Geist?!” Kurz verzieht sich das Schädelgesicht zu einer bösartigen Grimasse, dann wird die Grimasse zu einem nicht weniger boshaften Grinsen, und die Gestalt verbeugt sich spöttisch. “Also wirklich. Baron Samedi, wenn ich bitten darf.”

Ja, den Namen hat Ethan im Zusammenhang mit Voodoo schon mal irgendwann gehört. Loa der Totenwelt. Drecksmist. Exkremente, Ventilator. Ethan spürt, wie sich alles in ihm zusammenzieht, aber sich seine Angst anmerken zu lassen, wäre jetzt das Falscheste, was er tun könnte. Und außerdem: Besser, die Aufmerksamkeit des Wesens ist auf ihm als auf Lee.
“Baron hin, Samstag her”, knurrt Ethan und packt die Waffe fester, “weißt du was oder nicht?”
“So voller Feuer! Ich erzittere förmlich!” Theatralisch kauert Samedi sich für einen Moment in Abwehrhaltung zusammen, bevor er sich wieder zu seiner vollen Größe aufrichtet. “Natürlich weiß ich etwas”, fährt er dann auf, “ich weiß alles. Ich weiß zum Beispiel, wer der Mörder von René Mouton ist. Und ich werde den Frevler auf’s Bitterste bestrafen, sobald er einst zu mir kommt. Aber ihr glaubt doch wohl nicht, dass ich euch diese Information ohne Gegenleistung gebe.”
“Sag’s uns!” fordert Lee mit drohender Stimme.
“Oder was?” fragt Samedi lauernd und mit einem Unterton ähnlicher Drohung.
“Oder du kassierst eine Ladung Salz!”
“Nicht der erste”, sekundiert Ethan grimmig. Technisch gesehen stimmt es nicht, einem Loa hat er sich, anders als jeder Menge Geistern, noch nicht gegenüber gesehen, aber den feinen Unterschied muss er dem knochigen Mistkerl ja nicht auf die Nasenöffnung binden.
Saitou hingegen gibt sich diplomatisch. “Wir werden einen Täter fassen und zur Rechenschaft ziehen, der Seelen in dieser Welt zurückhält”, sagt er ruhig. “Ist das nicht in deinem Interesse?”
Samedi zuckt die Schultern. “Ach, früher oder später kommt er ja doch zu mir, und dann werden wir viel Spaß miteinander haben.” Er grinst böse.
“Ich bringe ihn dir jetzt schon, dann hast du deinen Spaß früher”, bietet Emily an.
“Das ist alles nicht persönlich genug”, sträubt sich der Loa. “Macht mir ein Angebot. Etwas, das mit der Sache nichts zu tun hat!”
Genug Spielchen. “Was willst du!” faucht Ethan.
Samedi setzt eine gespielt leidende Miene auf. “Mir ist immer so langweilig. Und ihr seid eine Abwechslung, die meiner Langeweile entgegenwirkt. Kommt einfach früher zu mir.”
“Nein”, fährt Ethan auf. Was soll das überhaupt heißen? Er ist kein Anhänger des Voodoo, was hat er mit dem Totenreich des Baron Samedi zu schaffen? Und sowieso: “Nein!”
Der Blick des Loa wandert von Ethan zu Agent Saitou. “Was ist mit dir?”
“Nein.”
“Ich mach’s”, sagt Lee.
Eine eisige Kralle krampft sich um Ethans Herz. “Nein! Das hat sie nicht gesagt!” Sie kann doch nicht einfach ihre Lebenszeit wegwerfen, vor allem, weil der Loa noch gar keine Zeitspanne genannt hat! Was, wenn der ihr halbes Leben verlangt oder sowas in der Art!
Aber Samedi ignoriert seinen Einwurf. “In Ordnung. Dann: Eins.”
“Nein!” ruft Ethan wieder. “Ich nehm das für sie!”
Samedi grinst. “Na sieh mal einer an”, sagt er, “da mag dich wer”, aber die Bemerkung übergeht Lee gekonnt. “Was meinst du mit ‘eins’?”
Samedis Stimme ist von Samt überzogener Stacheldraht. “Ein Tag. Ein kleiner, unbedeutender Tag.”
“Lebenszeit? Oder was genau?”
Ein theatralischer Seufzer. “Also, wenn du dir keine Lebenszeit abringen kannst, habe ich einen anderen Vorschlag: Ich darf dich einen Tag lang reiten. Na, was hältst du davon? Oder doch lieber einen Tag Lebenszeit? Sag du mir, welches du wählst.”
Lee überlegt einen Moment, sagt dann: “Den Tag Lebenszeit.”
Wieder diese Kralle um Ethans Herz. “Nein! Nimm ihn von mir!”
Bei diesen Worten überschlagen sich Samedis knochige Gesichtszüge beinahe vor Begeisterung. “So mutig! Das gefällt dir an ihm, nicht wahr?”
Auch die rhetorische Frage ist Emily nicht mehr wert als ein finsteres Starren. “Nimm den Tag”, wiederholt sie stattdessen.
“Es ist mein Fall”, mischt Agent Saitou sich jetzt ein. “Ich nehme den Tag auf mich.”
Auch wenn es kaum mehr möglich schien, wird das Grinsen auf dem Skelettschädel noch breiter. “Wenn ihr alle so selbstlos sein wollt, verteilen wir es doch gerecht: Ein Tag von dir, dir und dir” – dabei zeigt der Loa reihum von Emily über Ethan zu dem FBI-Mann, bevor er sich selbst auf die Brust klopft – “und eine Woche von ihm hier.”
Gerecht verteilt?! will Ethan auffahren, aber Agent Saitou kommt ihm zuvor. “Das ist nicht fair”, sagt er mit einer Ruhe, die er mit einiger Wahrscheinlichkeit so nicht verspürt, “wir können wählen, ob wir den Deal annehmen. Bobby kann das nicht.”
Samedis Antwort ist ein Auflachen und ein ‘Tja, Pech gehabt’-Schulterzucken, und für einen Moment sieht der Agent aus, als wolle er die Fäuste ballen. Nach einem winzigen Moment des Zögerns sagt er:
“Dann nehme ich seine Woche auf mich.”
“Wirklich rührend, wie sich hier alle umeinander sorgen”, spottet Samedi. “Wenn ich weinen könnte, würde ich ein Tränchen verdrücken. Also gut. Abgemacht.”
Etwas flackert über Saitous Gesicht, aber was auch immer es war, es ist gleich wieder verschwunden.
“Dann sag uns, wer Mouton umgebracht hat und wo wir seinen Kopf finden.”
Samedi lacht leise. “Aber das wisst ihr doch schon. Euer Verdacht ist richtig. Und was den Kopf betrifft… Jeder Bokor, der den Namen verdient, hat zwei Orte. Einen, wo er lebt… und einen, wo er arbeitet. Ihr müsst dahin gehen, wo er arbeitet. Wirklich arbeitet.”
“Scheiß-Deal!” Unwillkürlich krampfen Ethans Hände sich zu Fäusten, und er macht einen Schritt auf den Loa zu. “Sag uns gefälligst was Genaues!”
Die Augen in den tiefen Höhlen bohren sich in Ethans, und Samedis Stimme verliert jegliche Spur von Belustigung, als er zischt: “Du fängst an, mich zu langweilen, Mensch.”
Bevor Ethan ein weiteres Mal auffahren kann, hebt Agent Saitou die Hand. “Das finden wir schon”, sagt er beruhigend, und Ethan beißt die Zähne zusammen, ballt die Fäuste noch fester, und schweigt.
Samedi grinst ein letztes Mal, macht eine spöttische Verbeugung – und dann sind die Schädelknochen plötzlich aus Bobby Browns Gesicht verschwunden, und der Musiker fällt in sich zusammen. Agent Saitou fängt ihn auf. Tastet nach seinem Puls.

Ethan spürt, wie ihm die Knie weich werden. Er macht wieder einen Schritt zurück, und wenn da nicht die Wand wäre, an der er sich abstützen kann, dann hätte er sich vielleicht nicht auf den Beinen halten können. Eine Bewegung an seiner Seite, dann lehnt Emily neben ihm, und Ethan tastet stumm nach ihrer Hand. Ein kurzer Druck, dann lässt Lee auch schon wieder los.
“Er lebt”, sagt Agent Saitou.
“J… Jon?” Browns Stimme ist schwach, zittrig. Der Agent zuckt zusammen, lässt den Voodooisten so plötzlich los, dass dessen Kopf auf den Boden schlägt.
“Oh! Entschuldigung! Bobby, geht es dir gut?” Nur am Rand nimmt Ethan zur Kenntnis, dass Saitou den Musiker jetzt bei seinem Vornamen nennt.
“Du schuldest mir einen Tag meines Lebens”, zischt Emily.
“Wie… was ist passiert?”
“Samedi”, sagt Ethan, und Agent Saitou ergänzt: “Nicht René Mouton ist gekommen, sondern der Baron.”
“Oh Gott. Was hat er getan?”
“Das können wir später besprechen. Ruh dich aus.”
“Nein… Ich muss es wissen: Was hat er getan?”
Lee hat weniger Skrupel als der Fed. Sie klingt noch immer wütend, und Ethan kann es ihr nicht verdenken, es brodelt ja auch in ihm selbst. “Unsere Lebenszeit genommen dafür, dass er uns Informationen gegeben hat.”
Bei diesen Worten weicht das Blut aus Browns Gesicht. “Es… es tut mir so leid. Das wollte ich nicht!”
“Ist aber passiert”, faucht Lee. Sie sieht aus, als würde sie am liebsten vor dem Voodooisten ausspucken, doch sie dreht sich auf dem Absatz um und stapft ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer.
Ethan folgt ihr nach draußen, aber vor dem Hotel geht er in die andere Richtung. Sie ist bestimmt wütend auf ihn, weil er ihr den Tag abnehmen wollte, so wie sie es in Ottawa wegen des Blitzes war, und sie wird jetzt ihre Ruhe brauchen.
Seine Hand zittert etwas, als er sich eine Zigarette aus der Packung schüttelt, und er braucht drei Anläufe, bis die Flamme seines Feuerzeugs den Tabak erwischt. Ethan geht um die Ecke des Gebäudes, lehnt sich gegen die Hauswand und raucht in tiefen Zügen, drängt die Gedanken nur mit großer Mühe nach unten. Sobald er den Stummel ausgetreten hat, geht er mit großen Schritten los. Völlig egal wohin. Einfach ein bisschen bewegen.

Nach ein paar hundert Yards oder so findet Ethan ein Mäuerchen am Straßenrand, lässt sich schwer darauf fallen und vergräbt den Kopf in den Händen, und erst, als sich ein Arm um ihn legt, sieht er auf. Es ist Emily, natürlich ist es Emily, deren Nähe, und vor allem deren Berührung, trotz allem, was gerade passiert ist, einen freudigen Schub durch ihn jagt. Ethan nimmt sie ebenfalls in die Arme, und nur an den Stellen, wo sie einander berühren, ist sein Zittern zu bemerken.
“Lee… mach das nicht mehr…”
“Warum?” fragt sie leise. “Fünf Jahre Fegefeuer oder ein Tag Geisterebene ist doch egal…”
“Nein…”
Warum? Weil er es nicht ertragen kann zu sehen, mit welcher Inbrunst sie ihr Leben wegwirft. Weil er jeden einzelnen Tag mit ihr verbringen will. “Das Fegefeuer ist vorbei… und du hast jeden Tag verdient…”
Sie schaut ihn aufmerksam an.
“Lee… es… ich…” Die Worte wollen nicht kommen. Und dabei gibt es keine wichtigeren, elender Drecksmist!
“Ethan, es ist völlig okay.”
Er kämpft mit dem Kloß in seinem Hals. Mit dem verdammten Unvermögen. Aber bevor er eine genauere Erklärung zusammenformuliert hat, taucht Agent Saitou an der Straßenecke auf, sein Telefon am Ohr. Emily drückt Ethan noch einmal kurz an sich, haucht ihm einen Kuss auf die Wange und steht auf. Für einen Augenblick sammelt sich Ethans ganzes Sein in dem warmen Prickeln auf seiner Haut, dann reißt er sich aus seiner Starre und folgt Emily zu dem Bundesagenten hinüber.

Benoit ist abgehauen, erfahren sie einen Moment später von einem grimmigen Saitou. Der junge Officer, der den Geschäftsmann bewachen sollte, ist zum Glück unverletzt, nur völlig verwirrt, wie sein ausgewiesenes Ziel ihm entwischen konnte.
Laut Meldestelle hat Benoit eine Wohnadresse am Stadtrand. Können sie nur hoffen, dass das erstens da ist, wo der Mann ‚wirklich arbeitet’, und dass er zweitens dorthin zurück muss, um ein paar Sachen zu packen, bevor er untertaucht.
Auch Bobby Brown hat es inzwischen zu der kleinen Gruppe geschafft. Der schmächtige Mann sieht wieder geschniegelt und gebügelt aus, und sein Grinsen ist durchsetzt von einer Art grimmiger Entschlossenheit, als er mit einem “Ich wäre dann soweit” auf seinen Ritualkoffer klopft.
Ritualkoffer? Echt jetzt? Hat er noch nicht genug?
Ethan wirft dem Voodooisten einen finsteren Blick zu, hält sich aber zurück. Für’s erste. Aber nochmal irgendwelche Geister rufen lassen wird er den Kerl in nächster Zukunft nicht, soviel ist sicher.

¤¤¤

Ein bisschen fühlt Ethan sich an Ottawa erinnert, als sie an ihrem Ziel ankommen, denn Benoits Wohnadresse am Stadtrand ist eine vornehme Villa auf einer kleinen Anhöhe hinter einem Zaun.
“Ich habe zwar Verstärkung gerufen, aber wenn wir warten, bis sie eintrifft, ist er längst über alle Berge”, sagt Agent Saitou. “Ich würde vorschlagen, Mr. Brown und ich klingeln.”
Der Fed spricht nicht weiter, aber das muss er auch gar nicht. Glaubhafte Abstreitbarkeit und so. Er als Bundesagent fordert definitiv nicht gerade die beiden anderen Jäger auf, sich durch einen Hintereingang ins Haus zu schleichen, während Brown und an der Vorderseite dessen Besitzer ablenken. Oh nein. Auf gar keinen Fall.

An der hinteren Hauswand finden sie tatsächlich ein Kellerfenster, das sich problemlos öffnen lässt, das Ethan aber, weil er sich nur allzu gut an die Hexenbeutel in Ottawa erinnert, trotzdem erst sehr sorgfältig untersucht. Keine Hexenbeutel. Gut.
Sobald er das Fenster offen hat, klettert Lee voraus; Ethan bleibt direkt hinter ihr. Anders als in Ottawa ist der Keller hier leer und verlassen, aber von hinter der Tür kommt ein leises Geräusch wie ein Kratzen oder Schlurfen.
Hm – sagt man nicht, Voodoo-Praktizierer könnten über die Toten gebieten und sie zu willenlosen Werkzeugen machen? Da kommt doch der Begriff ‚Zombie’ ursprünglich her.

Alles klar. Zombies. Emily tritt die Tür auf, während Ethan mit gezücktem Messer bereitsteht. Nur ein leerer Gang, aber er hat zwei weitere Türen, und hinter einer davon ist das schlurfende Geräusch zu hören. Darum müssen sie sich erst kümmern, sonst beißt es ihnen am Ende in den Arsch.
Wieder steht Ethan parat, während Lee die Tür eintritt. Drei Zombies dahinter: leichenfahle, taumelnde Gestalten und der Geruch nach Verwesung. Lee stürzt sich auf den vordersten, aber der macht eine wankende, unerwartete Drehung, so dass Emilys Schlag ins Leere geht. Ethan, einen halben Schritt hinter der Jägerin, springt dem zweiten in den Weg, bevor die untote Gestalt Lee erreichen kann. Keine unerwartete Drehung von dem da. Ethans Messer rammt sich frontal in ein trübe überfilmtes Auge, worauf der Zombie umfällt, als habe man einer Marionette die Fäden zerschnitten.
Aber Emilys Gegner ist noch an ihr dran, und ihr missglückter Angriff eben hat sie aus dem Tritt gebracht. Gleichzeitig mit Ethans Angriff gegen den anderen Untoten schnappt der Zombie zu, und faulige Zähne graben sich in Emilys Arm. Ihren Messerarm.
Lee reißt die Hand mit der Waffe hoch, aber weil sie sich aus dem Biss der wandelnden Leiche losreißen muss, gleitet ihre Klinge an der verwesenden Haut ab.
Ein Schuss kracht zwischen ihnen vorbei in den Kopf des dritten Zombies, der auch gerade schon am Heranschlurfen war, jetzt aber zu Boden geht. Aus dem Augenwinkel kann Ethan sehen, dass Agent Saitou mit erhobener Waffe in der Tür steht und von Bobby Brown für den gezielten Treffer Beifall geklatscht bekommt, bevor er selbst mit zwei schnellen Schritten bei Emilys Gegner ist und dem Drecksvieh sein Messer durch die Schläfe jagt.
“Du okay?” fragt er, sobald er sicher ist, dass der Untote sich nicht mehr rührt, aber Lee schüttelt unwillig den Kopf. “Keine Zeit jetzt!”
Die Armwunde macht ihm Sorgen. Aber sie hat ja recht, verdammt.

Die Armwunde macht ihm Sorgen, aber sie hindert Lee nicht daran, die andere Tür im Gang einzutreten. In dem Raum vor ihnen sind komplexe Linien und Symbole auf den Boden gemalt worden, ganz ähnlich wie diejenigen, die sie auf dem Luftbild von dem Supermarktgelände gesehen haben. Ein Vévé. Darin kniet ein Mann, Afroamerikaner, und scheint zu meditieren. Oder vielleicht zaubert er auch. Vermutlich eher letzteres. Auf einer Art Altar vor ihm und durch weitere Linien mit dem Vévé verbunden, liegt ein menschlicher Kopf mit zugenähten Augen und Mund.
“Richard Benoit, Sie sind verhaftet”, sagt Agent Saitou mit kalter Stimme, während er seine Waffe auf den Mann richtet. “Nehmen Sie die Hände hoch!”
Benoit sieht gerade in dem Moment auf, als Ethan mit dem Fuß das Vévé dort verwischt, wo es an den Altar grenzt, und poltert los: “Sie! Warum hat man Sie nicht verhaftet? Warum müssen Sie mir solchen Ärger machen?”

Ethan will vorstürmen. Will den Dreckskerl aus seinem verdammten Ritualkreis zerren und dann… er weiß selbst nicht, was dann. Gewalt jedenfalls. Aber Brown ist schneller. Er hält einen Beutel hoch, der dem aus Ethans Hotelzimmer verdammt ähnlich sieht, und macht mit einem bösartig-zufriedenen Grinsen eine kurze, kompliziert aussehende Handbewegung darüber. Im selben Moment kippt Benoit zur Seite weg, wälzt sich mit den Händen an der Kehle auf dem Boden und schreit, grell und unablässig, bis ihm die Stimme versagt. Krächzt tonlos: “Aufhören… macht, dass es aufhört…”
“Das sind nur Schmerzen. Nur Schmerzen, nichts Bleibendes!” sagt Brown eilig, als er Agent Saitous geschockten Gesichtsausdruck bemerkt.
Der Fed presst die Lippen aufeinander und zieht ein Paar Handschellen hervor. “Werden Sie ein volles Geständnis ablegen?”
“Ja”, stöhnt der Voodoo-Priester. “Alles, was Sie wollen, nur machen Sie, dass es aufhört!”

Während die Handschellen klicken, macht Emily die paar Schritte zum Altar. Das Feuerzeug und der Mini-Benzinkanister, die sie mit einem kleinen Behälter voller Salz aus ihrer Tasche kramt, zeigen sehr deutlich, was sie vorhat.
“Lee, nicht!”
“Warum? Wir müssen den Geist loswerden.” Unbebirrt streut sie Salz über Moutons Kopf.
“Nicht drin. Zu gefährlich.”
Lee zieht eine Grimasse, hält aber inne. “Dann draußen.”
“Nein!” Browns Stimme klingt so erregt wie die ganze Zeit über nicht. “Bitte! Der Kopf muss mit dem Körper vereint werden, nur so können wir seine Seele befreien!”
“Ich habe Ms. Sargent versprochen, dass wir seine Seele weiterschicken”, ergänzt Agent Saitou.
Lee schnaubt. “Weiterschicken? Das ist ein Geist. Geister werden vernichtet.”
“Kannst sie auch heimschicken”, sagt Ethan beschwörend.
Die Aussage bringt ihm einen skeptischen Blick ein, aber dann macht Lee einen Schritt zurück und steckt das Feuerzeug weg. “Wenn ihr meint.”

Benoits tonloses Wimmern hat aufgehört. Ethan baut sich vor dem Mann auf, der noch immer zusammengekrümmt am Boden liegt, und zischt: “Wie?”
“Und warum?” setzt Emily nach. Sie ist an Ethans Seite getreten und wirkt ebenso aufgebracht, wie Ethan selbst sich fühlt.
Die Frage scheint dem Voodoo-Priester neue Kraft zu geben, denn er richtet sich auf und durchbohrt Ethan mit einem verächtlichen Blick.
“Warum?” Er lacht hässlich. “Weil ich einen Sündenbock brauchte natürlich! Vermutlich hätte ohnehin niemand geglaubt, dass ich meinen Geschäftspartner umgebracht hätte, aber ich musste ganz sicher gehen, dass mich wirklich niemand verdächtigt. Und da kamst du ins Spiel.” Er macht den Ansatz einer Geste, scheitert aber an den Handschellen und funkelt Ethan stattdessen wütend an. “Aber du hast alles ruiniert. Warum hast du dich nicht verhaften lassen?”
Ethan würdigt die Frage keiner Antwort, aber der Praktizierer hat anscheinend gar keine erwartet. “Legière war ein Idiot”, wütet er ohne Pause weiter, “wollte auf den Kraftlinien einen Supermarkt bauen. Einen Supermarkt! Mitten im absoluten Kraftzentrum! Nachdem es so viel Mühe gemacht hatte, den Sturm zu rufen und das Vévé zu bilden!” Ein selbstzufriedenes Lächeln. “Also habe ich meinen Schatten geschickt. Ein Schatten, nichts Greifbares, und außer Legière nur du bei ihm im Haus. Keine Spuren außer deinen! Und du braves Opferlamm machst es nur noch schlimmer für dich, indem du versuchst, ihn zu retten, und dich über und über mit seinem Blut beschmierst!”
Das selbstzufriedene Lächeln wird zu einem triumphierenden Lachen. “Du hast geglaubt, du warst es wirklich, oder? Hach, es wäre perfekt gewesen. Alles hat auf dich gedeutet, und du hättest niemals das Gegenteil beweisen können! Du hast es ja selbst geglaubt! Glück für mich: Dein Gedächtnis zu manipulieren, war viel einfacher, als es hätte sein dürfen. Du hast da schon Erfahrung mit, habe ich Recht?”
Ethan spürt, wie seine Hände sich verkrampfen und seine Kiefer aufeinander mahlen, aber er unterdrückt den gewalttätigen Instinkt und starrt den Voodoo-Praktizierer nur finster an. Bobby Brown ist derjenige, der stattdessen das Wort ergreift. “Und Moutons Geist hast du gezwungen, Legière zu verfolgen.”
Benoit schnaubt verächtlich. “Pah. Als ob ich das nötig hätte! Ein bisschen Magie hat völlig gereicht, um Legière glauben zu lassen, ein Geist verfolgt ihn! Nein, den guten Mouton brauchte ich für etwas anderes. Er war selbst ein Praktizierer, und zwar kein schwacher. Mir seine Seele zuzuführen, hätte noch einmal einen gehörigen Machtschub für mich bedeutet.”

Ethan hat genug gehört. Angewidert wendet er sich ab, während Agent Saitou sein Handy aus der Tasche zieht und auf einen Knopf drückt.
“Warum?” tönt es aus dem Gerät, “Weil ich einen Sündenbock brauchte natürlich!”
Benoit lacht hämisch über die Aufzeichnung seines Monologs hinweg. “Das beweist gar nichts. Wer wird das schon glauben? Denken Sie wirklich, die Polizei nimmt mich wegen Geisterbeschwörung fest?”
Etwas in Saitous Gesicht wird kalt und hart. Mit einer abrupten Bewegung reißt er Benoit ein Haar aus und reicht es, ohne mit der Wimper zu zucken, an Bobby Brown weiter.
“Sie werden ein vollständiges Geständnis ablegen. Wie abgemacht.”
Von draußen kommt das Geräusch näherkommender Polizeisirenen. “Sie sollten besser gehen, Sie alle”, sagt Agent Saitou. “Du auch, Bobby. Ich kann das alles hier besser erklären, wenn ich es als Alleingang erkläre.”
Ethan runzelt die Stirn, aber schon wendet der FBI-Mann sich ihm zu. “Ich schlage vor, ich leiste die Vorarbeit und kontaktiere Sie dann, damit wir den Verdacht gegen Sie aus der Welt schaffen können.”
Plan. Raus hier.

In einiger Entfernung von der Villa des Geschäftsmanns hält Ethan an, sieht besorgt zu Emily. “Dein Arm.”
Lee verzieht das Gesicht, schiebt aber den Ärmel hoch. Der Anblick lässt Ethan mit leisem Zischen die Luft einziehen, denn der Biss ist echt unschön. Die Zahnabdrücke sind deutlich zu sehen, und die Wunde blutet zwar nicht mehr offen, nässt aber, scheint sich auch schon zu entzünden. Und das war ein Zombie. Drecksmist, was wenn…
Brown scheint seine Gedanken zu lesen. “Keine Sorge, Mr. Gale, Zombies, die durch die Macht des Voodoo erweckt werden, haben keinen ansteckenden Biss.”
Oh Himmel sei Dank. Aber trotzdem. Das sieht richtig hässlich aus.
“Musst was machen.”
“Das ist nur ein Kratzer”, funkelt Lee ihn an, und für einen Moment fühlt Ethan sich nach Philadelphia zurückversetzt. Die tiefen Krallenrisse von der Hexenkatze in Samanthas Arm. Ihre Sturheit, der Lees manchmal in nichts nachsteht. Oder sie eher noch übertrifft.
“Entzündet”, sagt er mit Nachdruck, “versorgen”, und Lee seufzt. “Wenn du dich dann besser fühlst.”
Ja, verdammt. Tut er.

“Ich möchte mich noch einmal in aller Form bei Ihnen entschuldigen”, sagt Brown, als Emilys Arm desinfiziert und verbunden ist. “Ich habe jetzt erkannt, dass Gerechtigkeit wichtiger ist als Selbstsucht, und sollten Sie jemals Hilfe brauchen, ganz egal wie oder bei welchem Unterfangen… “ Der Musiker beendet den Satz nicht, sondern hält ihnen je eine Visitenkarte entgegen.
“Mhmm”, brummt Ethan, “danke”, während Lee die Karte zwar ebenfalls annimmt, dem Voodooisten aber nur kühl zunickt.

Ein paar Stunden später trifft Ethan sich mit Agent Saitou auf dem Polizeipräsidium der Stadt Houston, und noch etwas später ist er ein offiziell nicht mehr unter Verdacht stehender, freier Mann. Der Fed hat wieder mal eine wahre Meisterleistung an Verschleiern der wirklichen Tatsachen abgelegt und das Ganze irgendwie so hingedreht, dass man es in einem Polizeibericht verkaufen kann. Puh. Mann. Saitou ist schon echt schwer in Ordnung.

Noch etwas später lösen sie das Versprechen ein, das der Agent in Benoits Villa erwähnt hat. In der Gerichtsmedizin, wo René Moutons Körper ja noch liegt, vereint Bobby Brown den Kopf des Getöteten mit seinem Körper und schickt seine Seele in die nächste Welt. Die Besitzerin des örtlichen Voodoo-Ladens ist auch dabei, und vor allem sie ist von der stillen und zu Ethans Erstaunen kein bisschen theatralischen Zeremonie sichtlich gerührt.

“Lee”, sagt Ethan, nachdem sie sich von den beiden anderen getrennt haben.
“Hmm?”
“Hör mal, ich…” Er fährt sich verlegen mit der Hand durch die Haare. “Das hier war…“ Er bricht ab, sucht nach den richtigen Worten, findet dann welche, die zumindest einigermaßen passen, “ganz schön nah dran. Muss bisschen raus. Wildnis. Paar Tage.” Vorsichtig lächelt er sie an. “Magst vielleicht… mit?”
Kurz geht etwas Undefinierbares über Emilys Gesicht, aber sie erwidert das Lächeln. “Ich brauch ein bisschen Zeit für mich selbst”, sagt sie sanft. “Aber dann… gerne.”

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