Supernatural – Storyland

“Und dann habe ich mich für den Rest des Tages erstmal ins Bett gelegt.”
Ethan nickt, als seine Schwester ihre Anekdote beendet, und lächelt sie an. Fiona ist für ein paar Tage da, und Ethan freut sich riesig über den Besuch. Dass Fi sich in ihren Gesprächen über alles und jedes mit ihrer Neugier wegen seiner “Geheimdienstarbeit” einigermaßen zurückhält, hilft dabei auch gehörig.


Sie haben gerade das Geschirr ihres vergleichsweise späten Mittagessens weggeräumt und überlegen beim Abwaschen, ob sie den Abend später zuhause oder in der Stadt verbringen wollen, da klingelt Ethans Telefon. Er hebt eine ‚Sekunde‘-Hand in Richtung Fiona und begrüßt den Anrufer gleich mit Namen, als er die bekannte Nummer im Display sieht: “Niels. Hey.”
Sein deutscher Freund hat von einer Sache gehört, die vielleicht ein Job sein könnte.
“Verschwundene Kinder? Drecksmist.”
Einen handfesten Hinweis auf Kram gibt es zwar nicht, aber trotzdem: So ganz normal scheint die Sache nicht zu sein. Denn teilweise sind die Kinder direkt von zuhause verschwunden, während ihre Eltern selbst auch im Haus waren, es gab keine Einbruchspuren und all sowas. Und einige der Kinder waren nach dem, was Niels so gehört hat, auch zu jung, um einfach abgehauen zu sein. In Detroit, Michigan war das, eine ganze Reihe von Fällen innerhalb des letzten Jahres.
Scheiße, Mann. Verschwundene Kinder. Keine Frage, dass Ethan dahin muss.
“Detroit. Alles klar. Kann morgen da sein. Wo genau?”
“Warrendale”, sagt Niels. “Da waren die Fälle alle.”
Ethan nickt und kritzelt die Adresse, die der Deutsche ihm nennt, auf einen Block, reißt das oberste Blatt dann ab und steckt es ein.

“Hör mal, Fi”, sagt er eine Minute später zu seiner Schwester, die ihn neugierig ansieht, “weiß. Hatten gesagt, bleibst über’s Wochenende. Aber. Kam was rein. Muss los.”
Die Ansage bringt ihm einen unergründlichen Blick ein, dann fragt Fiona: “Heute noch? Jetzt gleich? Ist es so eilig?”
“Mmhm”, brummt Ethan mit einer leichten Grimasse. “Nicht sofort. Aber heute noch. Ziemliche Fahrt.” Er nickt in Richtung seines Hundes, der mit dem Kopf zwischen den Pfoten in seiner Stammecke liegt, aber die Ohren spitzt und aufmerksam hechelnd hochschaut, als sein Name fällt: “Sag mal. Kannst. Würdest. Ähm. Snoop nehmen? Paar Tage?”
Fiona wirft ihm einen Blick zu, den Ethan nicht so richtig deuten kann. Dann sagt sie hastig: “Mein Freund hat eine Hundeallergie, ich kann nicht!!!”
Es klingt ja fast ein bisschen wie eine Ausrede, und dabei hatte Ethan bisher eigentlich gedacht, Fi fand es gut, als er Snoopy letztens in Tappan gelassen hat. Aber okay, in Tappan war auch ihr Freund nicht direkt vor Ort. Oder zumindest nicht, solange Snoop im Haus war. “Mhm”, macht Ethan, “kein Ding.” Dann fragt er eben Melody Burke – Brimleys Assistentin kümmert sich ja immer gerne um den Labrador.

Während Ethan im Schlafzimmer ein paar Sachen in seinen Rucksack wirft, hört er, wie Fi im Wohnzimmer telefoniert. Sagt vermutlich ihrem Freund bescheid, dass sie doch schon vor dem Wochenende zurück ist. Naja. Dass er seine Schwester jetzt so Hals über Kopf vor die Tür setzen muss, heißt ja nicht, dass sie den verpassten Teil des Besuchs nicht beim nächsten Mal nachholen können.
Eine Weile sitzen sie noch zusammen, aber Ethans Gedanken schweifen immer wieder zum Job. Es sind über 12 Stunden Fahrt nach Detroit, wenn er nicht nach Kanada rüber will – und da er nicht vorhat, seine Ausrüstung zuhause zu lassen oder Gauthiers Jägerübergang zu nehmen, sollte er Kanada wohl vermeiden. Aber ob über Kanada oder nicht, einmal übernachten muss er. Und wenn er morgen nicht zu spät in Detroit sein will, sollte er demnächst los.
Wieder wirft Fiona ihm einen nachdenklichen Blick zu, als er ein weiteres Mal auf die Uhr sieht.
“Ist schon gut, Bruderherz. Brich auf.”

Früh am nächsten Nachmittag kommt Ethan bei der Adresse an, die Niels ihm genannt hat. Warrendale ist eine der ärmeren Wohngegenden von Detroit, hat das Internet gestern abend im Motel ausgespuckt, aber so sieht es auf den ersten Blick hier gar nicht aus. Okay, da sind ein paar unbebaute Flächen, aber alles in allem wirkt das hier wie eine ganz normale Vorstadt. Er muss sich nicht lange umsehen, bis er den Studenten entdeckt hat – oder besser dessen alten Volkswagen, aus dem heraus Niels ihm jetzt zuwinkt und aussteigt.
“Da vorne”, sagt der Deutsche nach der Begrüßung und deutet auf ein etwas heruntergekommen aussehendes Haus mit einem ungemähten Vorgarten. “Da wohnt Diamond Kennedy.”
Diamond Kennedy ist das letzte der vermissten Kinder, erzählt Niels dann weiter, 10 Jahre alt, scheint direkt aus ihrem Haus verschwunden zu sein. Oder zumindest war sie zuletzt in ihrem Haus… und dann nicht mehr.

Als sie sich dem Haus nähern, runzelt Ethan die Stirn. Gerade kommt eine junge Frau, 18 oder 19 vielleicht, um die Ecke des Gebäudes, und die Art und Weise, wie sie sich bewegt und wie sie verstohlen durch eines der Fenster späht, lässt Ethan vermuten, dass sie nicht da wohnt. Eine Einbrecherin? Besorgte Nachbarin?
Weder noch. “Aria”, ruft Niels halblaut, “hey, Aria!”
Der dunkle Schopf fährt herum, dann lächelt der Teenager und kommt auf sie zu. “Hi, Niels.”
“Hallo Aria”, lächelt Niels, als sie herangekommen ist, “was machst du denn hier?”
“Eine Freundin von mir ist verschwunden”, erwidert die junge Frau mit einem klar erkennbaren australischen Akzent in der Stimme, sieht dann die beiden Jäger neugierig an. “Und ihr?”
“Auch”, antwortet Ethan, stutzt dann und korrigiert sich. “Also: keine Freundin. Aber verschwunden.” Er hebt die Hand zum Gruß. “Übrigens. Ethan.”
Die Australierin nickt ihm zu. “Ich heiß’ Aria.”

“Diamond Kennedy ist eine Freundin von dir?” hakt Niels verwundert nach, als sie die Vorstellung hinter sich gebracht haben. “Sie ist doch erst zehn, wenn ich das richtig verstanden habe.”
“Wir kennen uns aus dem Haus, wo ich gerade übernachte”, erklärt Aria, “das ist auch ein Treffpunkt für einige Kinder hier aus der Gegend. Diamond war da viel, und wir haben uns gut verstanden. Sie ist nicht so gerne nach Hause, weil ihre Mutter sie…” Aria macht eine nervöse Geste, bei der sie sich die Ärmel ihres Sweatshirts über die Hände zieht, und zögert einen Moment lang, bevor sie weiterspricht. “Sie kam mit ihrer Mutter nicht so gut klar.”
Autsch. Es ist ziemlich klar, was die junge Frau eigentlich sagen wollte, bevor sie sich unterbrochen hat: dass Diamond von ihrer Mutter geschlagen wurde nämlich. Niels hat die unausgesprochene Andeutung natürlich genauso verstanden – der Deutsche ballt die Fäuste und sieht einen Moment lang so aus, als ob er etwas sagen will. Aber dann fragt er nur: “Und deswegen schleichst du jetzt hier um ihr Haus herum?”
“Ich dachte, ich finde hier vielleicht was heraus. Ich glaube nämlich nicht, dass Diamond einfach so weggelaufen ist. Es… ging ihr zwar nicht so gut, aber abhauen würde sie deswegen trotzdem nicht, glaube ich.”
“Sie war auch nicht die einzige”, informiert Niels seine Bekannte, “im letzten Jahr sind sechs Kinder hier aus der Gegend verschwunden. Alle jünger als Diamond. Zu jung, um auszureißen.”
“Komische Umstände”, ergänzt Ethan.
Sie sind sich sehr schnell einig, dass sie sich in Diamonds Zimmer umsehen sollten. Vielleicht hat die Kleine ja schon Tagebuch geschrieben oder so.
“Ich hab da drinnen nur Diamonds Mutter gesehen”, sagt Aria. “Die liegt auf der Couch und pennt.”
Okay. Dann sollten sie die Dame ablenken.
“Ich mach das”, bietet Niels an, geht zu seinem Auto und ist ein paar Minuten später in weißem Hemd, dunkelblauer Hose und mit einem breiten Grinsen wieder zurück:
“Wohlmeinender Kirchenvertreter zu Ihren Diensten.”

Nachdem der vorgebliche Kirchenmann vorne geklingelt hat und etwas später ein heiseres “Ich komm ja schon!” aus dem Wohnzimmer zu hören ist, knackt Ethan auf der Hinterseite des Hauses das Fenster des verschwundenen Mädchens so, dass man von der Öffnung hoffentlich nichts bemerken wird, und hilft Aria dann mit einer Räuberleiter ins Zimmer, während er selbst draußen bleibt und Wache steht.
Viel zu schnell hört er, wie vorne eine Frauenstimme etwas sagt, das Ethan nicht verstehen kann, und dann die Tür ins Schloss fällt.
Als sich gleich darauf Schritte nähern, drückt Ethan sich hinter einen Busch, obwoht er genau weiß, dass das dürre Ding eigentlich keinerlei Deckung abgibt. Aber zum Glück ist es nur Niels.
“Ablenken hat nicht wirklich geklappt”, lässt der junge Deutsche Ethan wissen. Der wirft einen besorgten Blick hinauf zu dem offenen Fenster, hinter dem leise die Geräusche von Arias Zimmerdurchsuchung zu hören sind. Niels bemerkt den Blick und ergänzt beruhigend: “Aber ich glaube, die Alte ist auch völlig zugedröhnt.”
Ethan sieht ein weiteres Mal zu dem Fenster und nickt. “Hoff’s.”
Sein deutscher Freund schnaubt verächtlich. “Ich wüsste ja gerne, ob die überhaupt schon gemerkt hat, dass ihre Tochter weg ist.”
“Mhmm”, macht Ethan. “Hinterher: reden?”
Die Bemerkung bringt ihm einen fragenden Blick von Niels ein: „Über das hier?“
Ethan schüttelt den Kopf. „Mutter. Befragen.“
„Ich bezweifle, dass du aus der was rausbekommst.“
Auch wieder wahr. “Dann Nachbarn.“
Niels nickt. „Schon eher.” Er zieht eine Grimasse und seufzt. „Aber ist doch häufig so… Hat keiner was gesehen, hat keiner was gemerkt.“
Naja. Stimmt schon. Aber hier scheint das ja – von dem Misshandlungsspekt, den Niels eigentlich gemeint hat und der verdammt nochmal schlimm genug ist, mal abgesehen – tatsächlich so gewesen zu sein, dass die Kinder einfach so spurlos verschwunden sind. Okay, in Diamonds Fall aus ihrem Zimmer und nicht aus einem plötzlich aufgetauchten Antiquariat, aber trotzdem. Auch die Kleine wollte offenbar weg.
Niels’ Stimme dringt in seine Gedanken. „Lass uns mal mit Aria reden, was sie so über das Mädchen weiß.”
“Mhmmm.” Es braucht einen kurzen Moment, bevor Ethan weiterspricht. „Bisschen Déjà Vu”, sagt er dann.
“Déjà-vu?“
“Mhmmm. Athol. Feenwelt. Typ, Leute reingeholt. Kranker Junge und so. Wollten auch weg.”
“Feen? Echt jetzt?” Dem Studenten entfährt ein ungläubiges Auflachen. “Monster klar, aber Feen?”
“Feen”, nickt Ethan. “Leprechaun.”
Niels schnaubt, und seine Miene macht sehr deutlich, dass er den Gedanken an Feen für völligen Quatsch hält. Ethan versteht nicht so ganz, warum eigentlich: sieht nicht recht, wo der Unterschied sein soll zwischen einer Feenwelt und einer Höllendimension oder zwischen einem Leprechaun und einem Rakshasa zum Beispiel – beides ist anderswo, und beides sind Monster. Aber hey. Er winkt ab, und das ist auch genau der Moment, in dem Aria wieder nach draußen geklettert kommt.

Die Australierin hat bei ihrer Durchsuchung des Zimmers tatsächlich ein paar Sachen rausbekommen. Erstens: Diamond hat viel gezeichnet, lauter Fantasy-Bilder mit Rittern und Einhörnern und so. Zweitens: Kritzeleien mit ‚I hate Mom‘. Drittens: Aria hat eine Kette und einen Anhänger mit nach draußen gebracht, den Diamond anscheinend sehr geliebt hat und den sie laut Aria normalerweise nicht zurückgelassen hätte. “Nie im Leben.”
Aber war da auch noch ein vierter Punkt, und als Aria den erwähnt, fangen Ethans Antennen sofort an zu zucken: In Diamonds Kleiderschrank hat Aria einen Tatzenabdruck gefunden. Sie hat ihn fotografiert, wie den ganzen Rest des Zimmers auch. Auf dem Bild sieht der Abdruck ungefähr so groß aus wie eine von Ethans Händen, und die sind nicht klein.
Löwengroßer Tatzenabdruck? In einem Schrank? “Narnia!”
Niels sieht ihn verständnislos an. “Narnia?”
Ethan nickt. Erklärt. Aber seine Beschreibung von dem Buch und dem Film um die vier Geschwister, die in einem Kleiderschrank das Tor in eine andere Welt finden und sich dort mit einem sprechenden Löwen anfreunden, stößt bei Niels auf unwissendes Kopfschütteln und bei Aria auf wenig Gegenliebe. Vielleicht hat Ethan sich auch, wie so oft, wieder mal nicht verständlich genug ausgedrückt, aber was auch der Grund sein mag, die Australierin sieht ihn mit einem ziemlich misstrauischen und ablehnenden Blick an.
“Und du meinst ernsthaft, Diamond ist in … in einer anderen Welt verschwunden?”
Ethan macht eine ‚mõglich wär’s’-Geste. “Schon mal erlebt.” Wieder erzählt er von Athol, aber das überzeugt Aria ebensowenig wie Niels eben.
“Sowas wie Feen gibt es nicht”, erklärt sie mit Nachdruck und bedenkt ihn mit einem weiteren abfälligen Blick.
“Dann nenn’s Geschichtenwelt”, erwidert Ethan. “So oder so: Hier war’s schrecklich, also Leute weg. Lieber dort. Nur: manche wieder zurück, weil dort auch nicht toll. Jetzt Diamond. Spurlos aus Zimmer weg. Tatze im Schrank. Narnia!”
“Dieser Abdruck kann alles Mögliche bedeuten”, wiegelt Niels hitzig ab. “Das ist doch reines Wunschdenken, dass du einfach so in eine magische Feenwelt flüchten kannst, wenn dein Leben scheiße ist!”
Autsch. Der Junge protestiert zu viel. Aber der hatte ja auch eine richtig beschissene Kindheit. Kein Wunder, dass bei dem gerade alles Mögliche hochkocht.

Aria haut in dieselbe Kerbe wie der Deutsche. “Einfach so abgehauen reicht dir wohl nicht? Glaub mir, sie hatte echt Grund genug, abzuhauen, ganz ohne Feen. Ich hab das mitbekommen, wenn wir uns unterhalten haben. Ihre Mutter hat sie fast jeden Tag geschlagen, und es hat ihr niemand geholfen. Ich hab’s versucht, so gut ich konnte, aber an ihre Mutter kam ich ja nicht dran.”
“Natürlich hat ihr niemand geholfen.” Niels ist blass geworden, und seine Stimme klingt heiser. “Niemand hat etwas gesehen, wahrscheinlich ist sie auch nur die Treppe runtergefallen oder wo gegengelaufen.” Er ballt die Fäuste. “Ich muss raus hier.”
Mit großen Schritten und sichtlich aufgewühlt stürmt der Student aus dem Garten. Drecksmist. Armer Kerl. Obwohl es natürlich gar nicht schlecht ist, dass sie den fremden Garten, in dem sie sich unbefugt aufhalten, wieder verlassen, aber dass es Niels jetzt so dreckig geht, ist scheiße. Ethan folgt seinem deutschen Freund, der sich schwer gegen die Motorhaube seines Autos gelehnt hat. Wortlos stellt Ethan sich neben ihn in der Hoffnung, dass Niels auch seine reine Anwesenheit als Zuspruch empfindet. Aria dagegen nimmt Niels ohne weitere Umstände einfach tröstend in den Arm.
Der Deutsche erwidert die Umarmung, atmet dann tief durch. “Ich lasse mir von meiner Vergangenheit nicht wieder so die Gegenwart diktieren”, erklärt er entschieden und kommt dann unumwunden auf den Job zurück. “Also, wo fangen wir an?”

“Nachbarn?” greift Ethan seinen Vorschlag von vorhin wieder auf, aber Niels wiegt zweifelnd den Kopf. “Und was für eine Story erzählen wir denen?”
Hm. Gute Frage. “Aria und ich könnten neu in die Gegend gezogen sein”, schlägt der Deutsche dann selbst vor, “und jetzt wollen wir wissen, wie die Nachbarschaft so ist? Und du könntest Arias Bruder geben, Ethan.”
“Vielleicht werden wir ja sogar gerade Eltern?” Aria klingt tatsächlich ziemlich angetan von der Idee. “Haben wir ein Kissen, was ich mir unter die Jacke schieben kann?”
Ethan muss schmunzeln, während Niels ein amüsiertes Schnauben in ein Husten verwandelt.
“Na klar!” verteidigt Aria ihren Gedanken. “Wir sind gerade hergezogen, und wir werden bald Eltern, aber jetzt haben wir gehört, dass in der Gegend was mit den Kindern passiert und machen uns Sorgen.”
“Mmmm”, brummt Ethan, nicht überzeugt. Niels hingegen drückt seinen Zweifel deutlicher aus: “Und du meinst, das nimmt uns jemand ab? Ein Pärchen, okay, aber wenn wir uns bei den Nachbarn nach Kindern erkundigen, ist das doch verdächtig.”
“Mmmm”, macht Ethan wieder, “dann Gemeindezentrum? Selbe Story? Glaubhafter.”
Niels nickt. “Ja, das ist besser, denke ich. Aber erstmal muss ich aus diesen Klamotten raus.”

Die Warrendale Community Church ist nicht weit weg. Seitlich vor dem schlichten braun-weißen Gebäude, das auf den ersten Blick aussieht wie nichts außer Dach, ist ein Mann dabei, bei offener Motorhaube an einem schon etwas älteren Auto herumzuwerkeln, auf dessen Türen der Name der Gemeinde aufgedruckt ist.
“Entschuldigen Sie…”, beginnt Niels, als sie heran sind, und der Mann sieht unwirsch auf. Nein, unwirsch ist das falsche Wort, aber… ungeduldig.
Auch sein Ton klingt ungeduldig. “Was gibt es denn?”
“Wir hätten da ein paar Fragen…”
“Das passt im Moment aber ganz schlecht”, bekommt der Deutsche zur Antwort. “Ich versuche hier gerade, ein Leck zu finden, und die Predigt für Sonntag muss ich auch noch vorbereiten.”
Ethan wirft einen Blick in den Motorraum. Gleich auf den ersten Blick wird deutlich, woran der Geistliche gearbeitet hat – oder arbeiten wollte: Am Boden unter dem Fahrzeug hat sich eine grüne Pfütze gebildet, und der leicht süßliche Geruch ist ein mindestens genauso guter Hinweis. Kühlflüssigkeit – ist nur die Frage, ob aus einem brüchigen Schlauch oder von innerhalb des Kühlers. Und wenn es der Kühler ist, ob er sich dann reparieren lässt oder ausgetauscht werden muss. Mit dem Kinn deutet Ethan in Richtung des Motors. “Darf ich?”
Der Mann sieht zweifelnd drein, aber auch ein bisschen hoffnungsvoll. “Kennen Sie sich denn aus?”
Als Ethan nickt, hellt das Gesicht seines Gegenübers sich noch ein bisschen mehr auf. “Einfache Wartungsarbeiten erledige ich zwar selbst, aber ich bin alles andere als ein Fachmann. Einen Schlauch, aus dem es tropft, könnte ich vielleicht wechseln, aber ein Schlauch scheint es nicht zu sein.”

Die Schläuche testet Ethan natürlich als erstes, aber die sind tatsächlich alle noch dicht. Wäre ja auch zu einfach gewesen. Wobei. Wenn es ein Schlauch gewesen wäre, dann hätte der ersetzt werden müssen, und einen Ersatzschlauch hat der Typ vermutlich nicht hier.
Der Kühler sieht auch noch gut aus, kein Anzeichen für Korrosion. Ah. Aber da. Da unten, an einer undankbaren Stelle, die nicht auf Anhieb ins Auge sticht, ist die Schweißnaht zwischen Kühlerblock und Endtank nicht mehr dicht. Da tritt das Zeug aus. Kay. Undankbare Stelle, aber zum Glück kein großes Problem. Das kann man kitten. Wenn der Werkzeugkasten da einigermaßen ausgestattet ist, sogar gleich.
Ethan richtet sich auf und wendet sich dem Reverend zu, berührt die undichte Stelle mit den Fingerspitzen. “Hier”, sagt er. Sein Gegenüber folgt der deutenden Hand mit den Augen, nickt verstehend und sieht Ethan dann fragend an. “Können Sie das reparieren?”
Jetzt ist es an Ethan zu nicken. “Kann.” Mit einem Blick auf den Werkzeugkasten fährt er fort: “Epoxidkleber da drin?”

Ethan – oder besser das Auto, oder vielleicht noch besser der Reverend – hat Glück: Es liegt eine unangebrochene Packung Zweikomponentenkleber in der Box. Kein Wunder eigentlich – die ganze Kiste macht nicht so wirklich den Eindruck, als wäre sie viel in Benutzung. Aber um so besser, dann ist der Kleber auch nicht vertrocknet.
“Wird bisschen dauern, aber geht”, lässt Ethan den Reverend wissen. “Ich mach weiter.” Er nickt zu seinen beiden Gefährten hin. “Vielleicht solange?”
Der Geistliche klopft Ethan auf die Schulter, lächelt und sagt: “Natürlich. Und vielen Dank schon einmal.”

Eine Weile später hat Ethan die giftige Kühlflüssigkeit sorgfältig in ein Gefäß abgelassen, die leckende Stelle getrocknet und sie ausgebessert. Jetzt muss der Kleber nur gut durchhärten und dann neue Flüssigkeit rein. Zufrieden zieht er die Arbeitshandschuhe aus und geht zu den anderen zurück, die ein paar Meter entfernt stehen und über Diamond sprechen.
“Sie hat also viel gelesen?” fragt Niels gerade, was der Reverend mit einem Nicken und einem “Das hat sie” beantwortet.
“Narnia?” schaltet Ethan sich in das Gespräch ein, und nach einem etwas überraschten Blick nickt der Mann wieder. “Ganz genau. Das waren unbestritten ihre Lieblingsbücher; sie hat sie wieder und wieder gelesen. So ein aufgewecktes, kluges Kind. Kein Wunder, dass sie ständig in unserer Stadtteilbibliothek war. Aber ich denke, die Bibliothek war für sie auch immer ein Rückzugsort – ganz ähnlich wie im übertragenen Sinne auch die Geschichten.”
Nicht nur im übertragenen Sinne, vermutet Ethan, aber das sagt er nicht laut. Stattdessen wartet er, bis Niels und Aria sonst keine Fragen mehr haben und gibt dem Reverend dann beim Verabschieden noch ein paar Anweisungen. Wie lange der Epoxidkleber aushärten muss und welches Kühlmittel er nachfüllen soll und in welchem Mischungsverhältnis und so. Die abgelassene Altflüssigkeit lässt er dem Mann aber nicht da – am Ende schüttet der die noch in den Abguss. Lieber hält Ethan auf dem Rückweg selbst bei einer Werkstatt an und fragt, ob die das Zeug für ihn entsorgen.

Während Ethan den Kühler repariert hat, haben seine beiden Gefährten unter anderem die Namen der anderen vermissten Kinder herausbekommen. Außerdem hat der Reverend ihnen nochmal bestätigt, dass Diamond die älteste der verschwundenen Kinder ist und von den anderen das jüngste erst vier Jahre alt war. Okay. Mit den Namen können sie später noch weitersuchen gehen, aber jetzt ist ihr nächster Schritt erstmal die Stadtbücherei.

Bis dorthin sind es tatsächlich nur ein paar Minuten. Auf den ersten Blick sieht das schmucklose Backsteingebäude gar nicht so viel anders aus als die Häuser nebendran, aber drinnen ist es dann schon sehr deutlich eine öffentliche Bücherei. Hinter dem Tresen steht eine ältere Dame – späte Sechziger oder vielleicht auch schon in den Siebzigern – und unterhält sich mit einer jungen Kundin, die angeregte Handbewegungen macht und– Drecksmist, das ist Fiona!

Ethan erstarrt, nur für eine Sekunde, dann dreht er sich um und will verschwinden, bevor seine Schwester ihn bemerkt. Aber er hat die Rechnung ohne Niels gemacht, der ihm einen verwunderten Blick zuwirft und sagt: “Nicht abhauen, Ethan!”
Scheiße, verdammte, das hat sie natürlich gehört! Bei der Erwähnung seines Namens fährt Fis Kopf herum, und zu Ethans Erstaunen sieht sie genauso ertappt aus, wie er selbst sich gerade fühlt. Aber mit einem verlegenen Lächeln sagt seine Schwester erst einmal nur “Hi, Ethan!” und wendet sich dann wieder ihrer Gesprächspartnerin zu.

Ethan ist so baff, dass er für einen Moment völlig erstarrt und Niels sich deswegen vor ihm in Bewegung setzt. Höflich bleibt der Deutsche ein paar Schritte vor der Ausleihtheke stehen, aber die Bibliothekarin bemerkt ihn trotzdem – und scheint richtiggehend erleichtert, dass sie damit einen Grund hat, ihre Besucherin loszuwerden. Sie deutet auf Niels, und als Fiona sich zu dem Studenten umdreht, murmelt die alte Dame etwas und beugt sich dann hastig über ein paar Bücher, die hinter ihr auf dem Tisch liegen.

Niels und Fiona wechseln einige Worte, die Ethan zwar nicht verstehen kann, die aber, wenn er die Körpersprache und den Gesichtsausdruck der beiden zum Maßstab nimmt, in Richtung gutmütiges Frotzeln und sogar ein kleines bisschen in Richtung Flirten gehen. Mit Fi im Schlepptau kommt der Deutsche dann zu seinen Jägergefährten zurück und grinst Ethan an: “Guck mal, Mycroft, ich hab Sherlock gefunden!”
“Gut gemacht, Watson”, kontert Ethan trocken und nickt dann in Richtung Aria. “Und Molly Hooper, oder wie?”
Weil die junge Australierin ein bisschen verwirrt von der Anspielung aussieht und es außerdem gerade Wichtigeres gibt als Witzeleien, wird er aber gleich wieder ernst und wendet sich seiner Schwester zu.
“Was machst du denn hier?”
Fionas Antwort ist so knapp, wie Ethans Frage uncharakteristisch wortreich war. “Ermitteln.”
Ja, darin ist Fi gut, weiß Ethan. Da muss er nur an die Karte in ihrem Schrank denken. Und es wundert ihn kein Stück, dass Fiona neugierig geworden ist, so plötzlich, wie er ihr gemeinsames Wochenende abgekürzt hat. Aber. Drecksmist, elender. Sie sollte nicht hier sein. Das hier ist Kram, und Kram ist gefährlich!
Ethan geht im Kopf das Telefonat mit Niels nochmal durch. Soweit er sich erinnern kann, hat er in dem Gespräch nur ‚Detroit’ laut gesagt. Den Stadtteil Warrendale hat nur Niels am anderen Ende der der Leitung erwähnt, Ethan hat ihn nicht wiederholt.
“Nein, wieso hier?”
Fiona lächelt überlegen und zieht einen Notizzettel aus der Tasche. Das Papier ist voll mit dünnen grauen Bleistiftspuren, unter denen Ethans eigene Handschrift in weiß herauskommt.
Mist, verdammter. Dieser alte Trick. Fi muss den Abrieb gemacht haben, als er im Schlafzimmer war und gepackt hat. Und Ethan ist voll in die Falle getappt, als hätte er im Leben noch nie auch nur einen einzigen Film gesehen!
“Du warst beim Aufbruch schlampig, lieber Bruder. Und es ging um verschwundene Kinder.”
Autsch. Ja klar. Das mit den verschwundenen Kindern hat Ethan am Telefon auch laut gesagt. Logisch, dass der Spruch Fi nochmal extra angestachelt hat. Ist ja nicht so, als hätte sie nicht jahrelang nach ihm gesucht.
Ethan zieht eine Grimasse und fährt sich mit den Händen durch die Haare, dann sieht er sich in dem Raum um, wo ein paar Leute die Regale durchstöbern.
“Anderswo hin?”
“Gute Idee”, schließt Niels sich an. “Lasst uns ein Diner oder sowas suchen. Da redet es sich ungestörter.”

Tatsächlich betreten sie kurz darauf die örtliche Filiale eines Burger-Ladens, wo die Preise etwas höher sind, als Ethan sie sich normalerweise leisten würde. Aber dafür haben sie eine riesige Auswahl, und die Burger sind richtig lecker, wie er bei einem früheren Job schon mal festgestellt hat. Vor allem der Mushroom Swiss. Und dazu stehen ein paar Craft-Biere auf der Karte.
“Was wollt ihr haben?” fragt Niels, “wir gehen es holen.”
Kurz ist Ethan überrascht, weil die doch hier garantiert auch Bedienung am Tisch haben, aber dann versteht er. Die beiden anderen wollen Fi und ihm die Chance geben, ungestört miteinander zu reden. Dankbar für die Rücksichtnahme drückt er dem Studenten einen Geldschein in die Hand und wartet, bis auch Fiona ihren Wunsch genannt hat, bevor er mit seiner Schwester eine Sitznische in Beschlag nimmt.

Eifrig fängt Fiona an zu erzählen, was sie schon alles herausgefunden hat. Nachdem sie erst zu Diamonds Haus gefahren war und die drei anderen dort beobachtet hatte – ‚beschattet’ ist das Wort, das Fi verwendet -, hat sie im Internet nach den verschwundenen Kindern von Warrendale recherchiert. Dabei fand sie unter anderem einen Blogeintrag, in dem der Vater eines der Kinder, anscheinend ein ziemlich fundamentalistischer Pfarrer, sich fürchterlich darüber aufregt, dass die ganze Gegend vor die Hunde gehe und offenbar schon kleine Kinder zum Drogenkonsum angestiftet würden, denn wie lasse sich sonst erklären, dass ein Spielkamerad gesehen haben wolle, wie Jaylen, der Sohn des Pastors, in eine leuchtende Kutsche gestiegen sei? Heh. Mit Kram eher als mit Drogen, aber erzähl das mal einem fundamentalistischen Pastor. Ethan nickt langsam, unterbricht seine Schwester aber nicht.

Außer diesem Blogpost haben Fionas Recherchen auch die Namen der anderen Kinder ausgespuckt, genau wie die Tatsache, dass sie wohl alle viel in der Bücherei waren. Deswegen ist Fi in die Bibliothek, wo die alte Dame ihr bereitwillig von den Kindern erzählte. Dass sie ihren jungen Besuchern gerne vorlese und versuche, ihnen auf diese Weise wenigstens ein bisschen einen schützenden Raum vor all dem Elend zu gewähren, dem sie täglich ausgesetzt seien. Eigentlich sei sie schon in Rente, aber dieses Ehrenamt sei ihr wichtig, weil sie den Kindern gerne helfen wolle.

All das gibt Fiona mit konzentrierter Miene und in hochprofessionellem Ton wieder. Beinahe so, als würde sie einem Vorgesetzten Bericht erstatten.
“Das haben meine Nachforschungen also bisher ergeben”, schließt sie ihre Ausführungen. “Ich weiß, du darfst mir nichts über den Fall und über eure eigenen Ermittlungen erzählen, die sind ja bestimmt vertraulich und alles, aber vielleicht hilft es euch ja weiter.”
Eigentlich sollte er sie nicht ermutigen. Aber er konnte sich noch nie gut verstellen. „Kann schon sein“, antwortet Ethan mit einem kleinen Lächeln. “Nicht schlecht jedenfalls.”
Bei der Anerkennung in seiner Stimme wirft Fi sich mit sichtlichem Stolz in die Brust. “Danke. Also, ich weiß, du darfst mir nichts sagen, aber nur so ganz allgemein gesprochen: Um was geht es hier? Entführung?”

Drecksmist. Fi ist so auf dem Ermittler-Trip, dass Ethan keine Ahnung hat, wie er ihr erklären soll, dass er nicht für irgendwen Offizielles arbeitet. Und noch viel weniger Ahnung hat er, wie er ihr erklären soll, dass sie es hier ziemlich sicher mit Kram zu tun haben. Eigentlich dürfte er ihr gar nichts davon sagen, aber ihm ist auch völlig klar, dass seine kluge, neugierige und vor allem hartnäckige Schwester nicht einfach so die Segel streichen und heimfahren wird, nur weil ihr geheimnisumwitterter großer Bruder sie hier nicht haben will. Aber wenn sie schon mal hier ist und auch für den Rest der Aktion hier bleibt, dann muss Ethan mit offenen Karten spielen, alles andere wäre zu gefährlich. Einen Moment lang zögert er noch, aber dann schüttelt er den Kopf.
“Was anderes.”
“Was Größeres? Etwa ein Menschenhändlerring?”
“Noch anders.”
“Wie, noch größer? Jetzt strapazierst du langsam meine Fantasie, Ethan.”
Ethan holt tief Luft.
“Du hast mich mal gefragt, ob ich’s dir irgendwann erzähle. Ich hab gesagt, ich kann’s nicht versprechen.”
Seine Schwester legt den Kopf schief und sieht ihn gespannt an. “Jaaaaa?”
“Konnte nicht, weil’s gefährlich ist. Und weil du mir eh nicht glauben würdest.”
“Noch gefährlicher als ein Menschenhändlerring?”
“Anders. Richtig anders. Feenwelt-anders.”
Bei dem Wort ‘Feenwelt’ schnaubt Fiona ungläubig.
“Verarschen kann ich mich selber.”
“Nein, echt. Schon mal was Ähnliches gehabt.”
“Wenn du Ärger bei deinem Arbeitgeber bekommst, musst du es mir auch nicht sagen, wenn du nicht darfst.”

Ethan seufzt. Schüttelt wieder den Kopf. War klar, dass sie das nicht glauben würde, einfach so auf sein Wort hin. Muss er es ihr halt beweisen. Er winkt die beiden anderen heran, die immer noch höflich am Tresen warten, auch wenn sie die Tabletts mit dem Essen schon bekommen haben.
„Fotos“, bittet Ethan, als Niels und Aria sich zu ihnen gesetzt haben, und gleich darauf hält die junge Australierin Fiona ihr Smartphone hin. Fi wischt von Bild zu Bild, nimmt die Eindrücke von Diamonds Zimmer in sich auf und bleibt dann auf dem Foto von dem Tatzenabdruck hängen. Zieht die Augenbrauen zusammen in einem Ausdruck, wie Ethan ihn auch von sich selbst kennt.
“Da hat sich jemand aber sehr viel Mühe gegeben.“
Bevor Ethan auf den skeptischen Kommentar reagieren kann, schaltet Niels sich in das Gespräch ein. “Na, hast du ihr gesagt, dass du ein Jäger bist?“
Jetzt ist es an Ethan, die Brauen zusammenzuziehen: “Gesagt. Aber.”
“Er hat was von ‘Feenwelt’ erzählt”, wirft Fi mit leicht säuerlicher Miene ein, „also echt jetzt.“

Er wird bessere Geschütze auffahren müssen, um seine Schwester zu überzeugen. Handfestere Beweise. Aber da er davon gerade keine in der Tasche hat, geht er es lieber erst einmal ein bisschen vorsichtiger an.
„Kay“, wendet er sich an Fiona. „Vergiss Feenwelt. Aber. Kinder verschwunden. Finden.“
Seine Schwester nickt, und Ethan macht eine Geste in Richtung der anderen beiden. „Erzähl’s ihnen.“
Also wiederholt Fi für Niels und Aria, wie sie in der Bibliothek erfahren hat, dass alle verschwundenen Kinder sich viel und gerne dort aufgehalten haben, weil die Bücherei ihnen eine Flucht vor der Gewalt und der Vernachlässigung in ihrem täglichen Leben möglich machte. „Ich brauch Luft“, knurrt Niels, der seinen Kuchen kaum angerührt hat und dessen Miene bei Fionas Worten immer finsterer geworden ist, dann springt er auf und eilt aus dem Diner. Aria folgt ihm einen Moment später, während die Gales den beiden einen Höflichkeitsabstand lassen und eine Minute warten, bevor sie hinterhergehen.
Draußen steht Aria tröstend nahe bei Niels; es sieht aus, als hätten sie beiden sich gerade aus einer Umarmung gelöst.
Ethan wirft Niels einen besorgten Blick zu, aber zum Glück scheint es seinem Freund dank Arias Anwesenheit schon wieder einigermaßen zu gehen. Also berichtet er nur knapp, was Fiona über den Blog des Pastors und die leuchtende Kutsche herausgefunden hat. Niels nickt verstehend, und sein völliger Mangel an Überraschung lässt wiederum Fiona erstaunt die Augenbrauen hochziehen, auch wenn sie sich in dem Moment nicht dazu äußert.
Für Ethan klingt es jedenfalls ganz danach, als sollten sie mit dem Kind, das die Kutsche gesehen hat, mal reden gehen. ‚Gesehen haben will‘, formuliert es Fiona, aber an der Baustelle kann Ethan im Moment gerade nichts machen, also lässt er die Aussage unkommentiert.

In dem Blogbeitrag hat der empörte Vater auch beschrieben, auf welchem Spielplatz sich angeblich die Dealer herumtreiben, die nach Meinung des Pfarrers sogar an kleine Kinder ihre Drogen verkaufen, dazu ein Verweis auf das „arme Mädchen“, bei dem der vermeintliche Drogentrip die „Halluzinationen“ ausgelöst hat.
“Der Pastor unterschätzt wohl die Phantasie und das Vorstellungsvermögen von Kindern“, sagt Fiona spitz, was Niels ein bitteres Schnauben entlockt: „Ich glaube, so jemand weiß nicht mal, dass Kinder sowas haben.” Als er keine Antwort auf die Bemerkung bekommt, winkt der Deutsche ab. „Gehen wir.“

Der Spielplatz liegt mitten in Warrendale und ist um diese Uhrzeit einigermaßen lebhaft. Mehrere Kinder im Grundschulalter und darunter toben auf den Gerüsten und im Sandkasten herum und werden von den Teenagern, die am Rand des Geländes zu Rap-Musik abhängen, mit einem halben Auge beaufsichtigt. An echten Aufsichtspersonen ist nicht eine einzige zu sehen, aber das kann ihnen nur recht sein. Ist es leichter, die Kids zu befragen. Allerdings besser weder Niels noch Ethan – das könnte wer in den falschen Hals bekommen, wenn zwei fremde Männer ein kleines Mädchen ansprechen. Die Blicke, die die Teenager den vier Unbekannten zuwerfen, sind schon feindselig genug, auch wenn sich bisher noch keiner von ihnen rührt.

Während sie beobachten, wie Aria und Fiona ernsthaft mit einem vielleicht fünfjährigen Mädchen – vermutlich die in dem Artikel erwähnte Zeugin des Kutschenvorfalls – reden und Ethan sich für die Wartezeit eine Zigarette angezündet hat, sagt Niels, ohne die beiden jungen Frauen aus den Augen zu lassen:
„Deine Schwester ist ziemlich clever.“
Ethan nickt. „Ist.“
Ethan spürt, wie sich ganz unwillkürlich seine Stirn in Falten legt. Er ist stolz auf Fiona, sehr sogar, und ihre Nachforschungen haben ihn tatsächlich ziemlich beeindruckt, aber trotzdem gefällt es ihm nicht, dass sie jetzt mit Kram in Berührung gekommen ist. Oder doch? Ist er nicht insgeheim doch froh darüber, das sie jetzt auch eingeweiht wird? Dass er auch mit ihr bald darüber wird reden können? Doch. Ist er. Ach verdammt.
„Hast du ihr alles gesagt?“ fragt Niels in seine Gedanken hinein, und Ethan schüttelt mit einer leichten Grimasse den Kopf, zieht dann an seinem Glimmstengel. „Versucht. Glaubt’s nicht.“ Er stellt sich in Positur und äfft seine Schwester nach: „Verarschen kann ich mich selber.“
Die Imitation scheint den Deutschen zu amüsieren, aber er bleibt bei der Sache. „Hm, ich hab keine Ahnung, wie man das glaubhaft macht.“
Tja, das ist genau das Problem. Es läuft alles immer wieder zurück auf die handfesten Beweise. „Sehen”, sagt Ethan, nur um gleich darauf das Gesicht zu verziehen. „Aber. Dreck. Gefährlich.“
„Auf der anderen Seite… du bist ihr Bruder. Warum solltest du sie anlügen?“
Ethan unterdrückt ein Seufzen. „Weil. War verschwunden. Nicht tot. Schwarzes Schaf Ethan.“
Sein deutscher Freund lächelt ihn aufmunternd an. “Das wird schon.”
Hoffentlich. “Mmmhm”, macht Ethan mit leisem Zweifel im Tonfall und nimmt einen weiteren Zug an seiner Zigarette, bevor er erklärt: “Glaubt: Geheimagent. FBI. Sowas.”
Niels nickt. “Wenn ich irgendwie helfen kann?”
Hm. Ethan wüsste gerade nicht, wie. Aber trotzdem. “Danke, Mann.”
„Ich hab keinen Plan, was mein Vater damals meiner Tante erzählt hat, aber die hats ihm auch geglaubt.“
Mit einem leisen Seufzer zieht Ethan den Rauch seiner Zigarette tief in die Lungen und nickt nachdenklich, antwortet aber nicht. Niels schweigt auch einen Moment lang, dann sagt er etwas verlegen: „Sorry wegen eben.“
Für eine halbe Sekunde muss Ethan nachdenken, wofür der Deutsche sich entschuldigt, aber dann fällt es ihm ein, und er schüttelt sachte den Kopf.
„Klar, Mann.“ Kein Wunder, dass Niels das alles hier mitnimmt; im Garten der Kennedys vorhin kam er ja auch schon nicht gut damit zurecht. Ethan ruckt mit dem Kinn in Richtung seiner Schwester. „Ey. Selber eingefroren.“
Die Stimme des Studenten ist leise, sein Blick zu Boden gerichtet. „Ich denke so oft, dass ich drüber weg bin, aber das hier… ich kenn‘ die ganzen Sprüche, das Jugendamt, die Lehrer, die was machen wollen und nicht können…“
„Klar. Übel.“
In einer sichtlichen Anstrengung, das Thema zu wechseln, nickt Niels jetzt auch zu Fiona hinüber.
„Deine Schwester ist cool. Ihr kriegt das hin.“
Ethan spürt, wie sich seine Mundwinkel in einem leisen Lächeln nach oben ziehen und ein warmes Gefühl von Stolz durch sein Inneres fährt. „Ist.“
Dann aber fällt ihm etwas ein, und das Lächeln verschwindet wieder, beinahe so schnell, wie es gekommen war, denn nur allzu gut erinnert er sich an die allererste Frage seines Bruders, nachdem er ihm von Irenes Drohung erzählt hatte, ob der Rest der Familie auch ja nichts wisse.
„Alan wird’s hassen.“
In einer mitfühlenden Geste, die aber gleichzeitig auch einen Anflug von Mahnung in sich trägt, zuckt Niels die Schultern. „Dann ist das eben so.“
Stimmt. Jetzt hat er erstmal Fiona hier; über sein schwieriges Verhältnis zu Alan kann Ethan sich später noch einen Kopf machen. Eine Baustelle nach der anderen. „Ist“, bestätigt er wieder.
„Wir beide sollten unbedingt mal wieder in Ruhe ein Bier trinken”, sagt Niels dann nach einem Moment des Schweigens. “Gibt Neuigkeiten.“
Interessiert hebt Ethan eine Augenbraue und sieht den Deutschen neugierig an. „Kay”, antwortet er, aber bevor er näher darauf eingehen kann, winken Aria und Fiona die beiden Männer zu sich hinüber. Sie haben ihr Gespräch mit der kleinen Zeugin beendet und stehen jetzt bei einem etwas älteren Jungen, bei dem es wohl unverfänglich ist, wenn Ethan und Niels dazukommen. Aber ohne Zigarette. Ethan nimmt einen letzten Zug und tritt den Stummel in den Boden.

Der Knirps sieht erschreckend mager aus. Er ist der Bruder eines der verschwundenen Kinder, und zwar vom jüngsten, einem vierjährigen Mädchen namens Aniyah. Ihr Bruder erzählt, dass Aniyah noch nicht lesen konnte, aber dass sie immer gerne Bilderbücher angeschaut habe, und irgendwann sei er in ihr gemeinsames Zimmer zurückgekommen und habe gesehen, wie Aniyah da gerade mit einem weißen Monster mit Hörnern redete, das ihr eine Krone auf den Kopf setzte. Und dann sei das Monster mit seiner Schwester verschwunden. Habe sich einfach in Luft aufgelöst, aber das habe ihm keiner geglaubt.

Ethan runzelt die Stirn. Weißes Monster mit Hörnern sagt ihm gar nichts. Er überlegt, ob ihm irgendein Wesen aus der Mythologie einfällt, auf das die Beschreibung passen könnte. Ein Minotaurus? Aber wäre der weiß? Oder, hm, ein Yeti? Haben Yetis Hörner? Und gibt es Kinderbücher über Yetis oder Minotauren? Ah, warte, Sully aus Monsters, Inc. vielleicht? Das ist zwar ein Film, kein Buch, aber das muss ja nichts heißen. Nur ist Sully auch blau und nicht weiß…
Während er überlegt, zückt Fiona ihr Handy und tippt kurz darauf herum. Dann beugt sie sich zu dem Kleinen hinunter und hält ihm den Bildschirm hin. „Sah das Monster so aus?“
Der Junge sieht darauf und nickt eifrig. „Genau!“ Dann verdüstert sich sein Gesichtchen, und er wiederholt niedergeschlagen: „Aber das hat mir keiner geglaubt.“
Als Fiona ihr Handy wieder zu sich dreht, kann Ethan einen Blick auf das Display werfen. Sie hat eine Webseite mit einem Buch aufgerufen. Und die Kreatur auf dem Titelbild sieht genauso aus, wie der Kleine das beschrieben hat: ein großes Monster mit weißem – wobei, eher hellgrauem – Fell und hellen Hörnern. In diesem Moment fällt Ethan ein, dass er sowohl das Bild als auch den Titel kennt: Wo die wilden Kerle wohnen war eines von den Bilderbüchern, die sie bei sich zuhause hatten. Fi hat das immer gerne vorgelesen bekommen, erinnert er sich jetzt. Und klar, der Max aus der Geschichte wird von den wilden Kerlen ja zum König gekrönt!
Anerkennend nickt Ethan seiner Schwester zu, bevor er sich zu dem Jungen wendet. „Wir glauben dir“, sagt er im selben Moment wie Aria, während Fiona, die noch immer auf Augenhöhe mit dem Jungen gebeugt ist, den Kleinen ernst ansieht.
„Du hast doch bestimmt schon mal heimlich aus dem Flur mitgeschaut, wenn deine Eltern einen Krimi gesehen haben, oder?“
„Jaaa?“ Ganz kleinlaut kommt das heraus, als habe der Junge Angst vor Bestrafung oder wenigstens vor einem Donnerwetter, aber Fi schenkt ihm ein ermutigendes Lächeln. „Dann weißt du doch auch, wie wichtig es ist, dass man auch wirklich alles erzählt, was man gesehen hat. Nur so können die bösen Männer geschnappt werden!“
„Okay…“ macht der Kleine und fängt sichtlich angestrengt an zu überlegen. „Die Krone war aus Papier“, fällt ihm dann noch ein, „und“ – er zeigt mit der Handfläche ein gutes Stück über sich – „das Monster war so groß!“
Fi schüttelt den Kopf, und sowohl ihre Miene als auch ihre Stimme wird strenger. „Du musst uns die Wahrheit erzählen“, ermahnt sie den Jungen eindringlich, „sonst können wir deine Schwester nicht finden!“
Die Unterlippe des Knirpses fängt an zu zittern, und ihm steigen Tränen in die Augen. „Aber ich habe doch die Wahrheit gesagt!“ protestiert er weinend, dann dreht er sich um und rennt davon.

„Warte, Kleiner!“ ruft Aria und läuft ihm nach, kniet sich dann vor den Jungen hin und versucht sichtlich, ihn zu trösten, während Ethan sich zu seiner Schwester wendet. „War die Wahrheit“, sagt er ruhig. „Gibt nichts weiter.“
Fiona sieht ihn mit hochgezogenen Brauen streng an. „Du solltest das Kind nicht noch in seinen Fantasien bestärken. Das ist nicht gut.“
„Keine Fantasien. Wahrheit. Monster.“
„Es gibt keine Monster, Ethan!“ Fiona klingt jetzt richtig aufgebracht. „Ja klar bilden Kinder sich sowas ein, aber das ist eben kindliche Fantasie!“
„Aber…“
„Nein, Ethan! Das Kind muss lernen, dass ihm nichts Schlimmes passiert, wenn es sagt, was es wirklich gesehen hat!“
Erregt starrt seine Schwester ihn an, und ihre nächsten Worte treffen Ethan mitten ins Herz:
„Was meinst du, was ich mir als Kind alles ausgemalt habe, was mit dir passiert sein könnte und wo du bist! Alles mögliche, ständig! Aber das war eben genau das: Fantasien!“
Ein letzter durchbohrender Blick, dann dreht Fiona sich auf dem Absatz herum und stapft wütend davon. Ethan macht den Mund auf, um noch etwas zu sagen, aber kein Wort will herauskommen, und er steht da wie festgewurzelt.
Aber Niels geht Fi nach. Mit ein paar langen Schritten hat er sie eingeholt. Sagt leise etwas zu ihr, das Ethan nicht mitbekommt, aber Fionas aufgebrachte Antwort ist nicht zu überhören.
„Ich werde mich nicht mit jemandem abgegeben, der mir so einen Schwachsinn erzählt! Dad hatte echt recht, als er eine Therapie vorgeschlagen hat! Und wenn du diesen Kram wirklich glaubst, dann bist du auch nicht besser!“
Mit diesen Worten lässt sie auch Niels stehen und ist gleich darauf um eine Häuserecke verschwunden.
Ethan seufzt. Drecksmist, elender.

Aria, die den Jungen offenbar halbwegs beruhigt bekommen hat, kommt zurück und berichtet von Fionas und ihrem Gespräch mit dem kleinen Mädchen. Die Kleine hat erzählt, dass Jaylen, der Pfarrerssohn, es zuhause überhaupt nicht gut hatte. Für das Wort „Psychoterror“ war sie zu jung, aber darauf lief es wohl hinaus. Strenger Vater, durfte kaum raus und mit den anderen Kindern spielen, und wenn er doch mal draußen war, wollte Jaylen am liebsten nicht heim. Und auch er war viel lieber in der Bibliothek gewesen – hätte da Märchen gelesen, laut der Kleinen. Eines Abends hätte sie dann gesehen, wie er vom Spielplatz hier aufbrechen wollte und dann eine Kutsche auftauchte, genau wie die aus Cinderella, und es hätte auch, wie bei Cinderella, der Mäusekutscher die Tür aufgehalten. Jaylen wäre eingestiegen und mitgefahren, und dann hätte die Kutsche sich aufgelöst. Das hätte sie auch schon anderen Leuten erzählt, aber niemand hätte ihr geglaubt.
„Das klingt wirklich fast so, als würden die Kinder in die Geschichten gezogen“, sagt die junge Australierin langsam. „Klingt so“, stimmt Niels ihr zu, und Ethan nickt erleichtert. Wenigstens die beiden argumentieren jetzt, wo es mehr Hinweise gibt als die Tatze im Schrank, nicht mehr so vehement gegen die Möglichkeit wie vorhin bei Diamond. Puh.
Aber diesen Gedanken spricht Ethan nicht aus. Sagt stattdessen: „Bücherei.“

Fiona ist auch dahin zurück, stellen die drei Jäger bei ihrer Ankunft fest. Sie steht in einem Teil der Bücherei, dessen Dekoration und Farbgebung ihn eindeutig als die Kindersektion ausweisen. Die Neuankömmlinge bemerkt sie zwar, ignoriert sie aber und wendet sich demonstrativ einem Bücherregal zu.
An der Ausleihe steht jetzt nicht mehr die Bibliothekarin von vorhin, sondern eine junge Frau etwa in Fionas Alter, die gelangweilt auf einem Kaugummi herumkaut und sich die Nägel macht. Niels packt ein strahlendes Lächeln aus, als er nach ihrer Kollegin fragt, was die junge – sehr junge: eine Aushilfskraft vielleicht? – Angestellte aber auch nicht groß aus ihrer Langeweile reißt. Fehlt nur noch, dass sie gähnt, während sie eine Kaugummiblase platzen lässt und dann in gedehntem Tonfall ein paar Infos über die alte Dame rausrückt.
Ja, Mrs. Gardner liest den Kindern immer viel vor, da hinten – sie deutet ungefähr in die Richtung, wo Fiona steht und wo am Fenster eine Sitzgruppe mit bunten Kissen und Plüschtieren zu sehen ist – in der Kinderecke. Und Mrs. Gardner ist eigentlich schon in Rente, aber das macht sie gerne. Vor etwa einem Jahr hat es mal so ausgesehen, als sei sie an einem Herzinfarkt gestorben, aber zum Glück hat sie sich dann ja doch gut erholt und kommt wieder regelmäßig in die Bibliothek.

Na sieh an. Die Leute haben gedacht, die alte Dame sei gestorben? Huh. Interessant. Aber erstmal ist die Kinderabteilung dran.
Während Aria zu der Sitzgruppe geht und anfängt, sich dort nach Hinweisen umzusehen, halten Niels und Ethan sich an die Regale. Wenn die Kinder in die Geschichten gezogen worden sind, dann finden sich in den Büchern ja vielleicht Anzeichen dafür.

Und tatsächlich. Als Ethan aus der Reihe mit den Disney-Bilderbüchern den Cinderella-Band herausfischt, sieht er auf den ersten Blick, dass die Prinzessin auf dem Titelbild jetzt schwarz ist, und fast gleichzeitig findet Niels die hiesige Ausgabe von Wo die Wilden Kerle wohnen, bei der ein afroamerikanisches Mädchen als Königin der Monster das Buch-Cover ziert. Und auch die Sache mit Narnia passt genau: Im Roman kommt neben den vier Pevensie-Kindern jetzt auch eine Diamond vor.
Aus einem Gefühl, ja fast einem inneren Zwang heraus zieht Ethan den Zauberer von Oz aus dem Regal. Blättert auf die erste Seite. Sieht die Illustration von William Denslow und ist nicht einmal groß überrascht, dass kein bezopftes Mädchen, sondern ein Junge mit Hosenträgern darauf zu sehen ist. Liest den ersten Satz, der ihm von kleinster Kindheit an so vertraut ist wie sein eigener Name.
„Gabriel lebte inmitten der großen Prärie von Kansas bei Onkel Henry, der ein Farmer war, und Tante Em, die die Frau des Farmers war.“

Ha! Gabriel, nicht Dorothy! Und eines der verschwunden Kinder heißt Gabriel Hill!
Mit einigen schnellen Schritten ist Ethan bei seiner Schwester und hält ihr seinen Beweis vor die Nase.
Aber Fi sieht gar nicht hin. “Ich kenne das Buch. Ich habe es selbst zuhause stehen. Danke.”
Ethan zeigt stumm auf den Anfang, dann auf die anderen Erwähnungen des Namens auf den ersten Seiten, und jetzt folgt Fiona seinem deutenden Finger doch. Dann aber sieht sie mit einem Achselzucken auf.
“Und? Es hat jemand eine politisch korrekte Version des Zauberers für Jungen geschrieben, und du willst mir jetzt weismachen, das ist ein Beweis dafür, dass es Monster gibt?”
Ethan unterdrückt ein Augenrollen und zeigt ihr auch die anderen Bücher, die sie gefunden haben.
„Verschwundene Kinder? Lieblingsbücher? Genau die Kinder jetzt genau da drin? Vielleicht kein Beweis. Aber Hinweis.”

Er weiß nicht so genau, was er erwartet hat. Dass seine Schwester ein ehrlich erschrockenes Gesicht macht, irgendwie schon. Immerhin ist das ja ihre erste Begegnung mit Kram. Aber Fionas nächste Worte mit Sicherheit nicht. „Ein Hinweis auf Monster? Also bitte. Das sieht mir tatsächlich eher nach der Tat eines Serienmörders aus. Wer sonst betreibt so einen enormen Aufwand, um seine krude Weltsicht zum Leben zu erwecken?“ Fiona zögert einen Herzschlag lang, schüttelt dann den Kopf: „Nein. Ich fürchte, die Kinder sind irgendwo verscharrt und rotten schon lange vor sich hin.“

Jetzt ist es Ethan, der seine Schwester groß ansieht und den Kopf schüttelt.
„So viel Mühe? Bücher umschreiben? Und vor allem umdrucken? Glaub ich nicht.“
Fionas Blick wird beinahe mitleidig.
„Es gibt doch genug Serienmörder, die Frauen umbringen und sie dann wie Models hindrapieren, damit sie in alle Ewigkeit schön bleiben, und anderen Wahnsinn – oder die über Jahre untergetaucht sind, auf der Flucht sind vor irgendwas und sich dabei in ihre eigenen Welten denken, und dann entwickeln sie Wahnvorstellungen, der sie zum Morden treibt. Sowas wie zu viel Mühe gibt es nicht, wenn es um Serienmörder geht!“
Autsch. Hat seine Schwester gerade angedeutet, dass sie eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Ethans Glauben an Monster und den Psychosen eines Serienmörders sieht? Will sie damit etwa sagen, er leidet unter einer ähnlichen Störung und sie würde es nicht vollständig ausschließen, dass er, der er immerhin auch zehn Jahre lang untergetaucht war, vielleicht genauso zu einem Serienmörder werden könnte? Okay, ganz so weit gehen Fionas Gedanken hoffentlich nicht, aber trotzdem: autsch.
Ethan will gerade den Mund aufmachen, da setzt Fi wieder an: “Serienmörder sind schrecklich genug, da braucht es nicht auch noch Monster, Ethan!”
Er weiß selbst nicht, dass er es sagen wird, bis es aus ihm herausbricht, in einer Vollständigkeit, die ihm zeigt, wie aufgewühlt er tatsächlich ist.
“Willst du wissen, warum ich verschwunden war? Weil ich auf der Flucht war, ja, und zwar vor einem Monster!”
Fiona schnaubt. „Monster, ja klar!“
„Ja, Monster!“
„Verschone mich, Ethan.“ Und mit diesen Worten schnappt Fi sich die Bücher und wendet sich ab.
„Wo willst du denn damit hin?“
Die Frage kommt von Niels, der ihm gefolgt ist und die Auseinandersetzung der Geschwister bis eben in rücksichtsvollem Schweigen verfolgt hat.
„Wir müssen die Bücher zur Polizei bringen“, erklärt Fi, „das ist Beweismaterial!“
Nachdenklich zieht Ethan die Stirn in Falten, fährt sich dann mit den Fingern durch die Haare.
„Oder FBI.“ Agent Saitou kennt sich aus. Der wird ihnen glauben.
„Ach stimmt, du hast da ja Connections!“
Heh. Fiona hat diese Connections genauso, denn immerhin war es Agent Saitou, der in Kontakt mit der Familie war, als Irene sie bedrohte, und es war Agent Saitou, der bei der Sache in Houston Anfang des Jahres die Telefonate geführt hat. Aber der Spruch hat sowieso vor allem schnippisch geklungen und kam Ethan nicht sonderlich ernst gemeint vor.
„Mach das später, Fiona“, setzt Niels auch schon nach: „Wir müssen die Bücher mitnehmen und der Sache weiter nachgehen.“
Aber Ethan schüttelt den Kopf, als der Gedanke, der schon die ganze Zeit in seinem Hinterkopf herumgeschlichen ist, seit die Aushilfe etwas von ‚Herzinfarkt‘ erzählt hat, nach vorne kommt.
„Brauchen die nicht. Mrs. Gardner. Gestorben.“
Niels gibt ein nachdenklich-zustimmendes ‘Hmm’ von sich. Sagt: “Dann sollten wir uns bei Mrs. Gardner zuhause umsehen. Wenn sie ein Geist ist, dann finden sich dort hoffentlich Hinweise darauf.”

Ein ungläubiges Schnauben unter verächtlich hochgezogenen Augenbrauen: Fi natürlich. Aria ist zwar inzwischen auch dazugekommen, aber die scheint die Existenz von Geistern, anders als die von Feen, wenigstens nicht anzuzweifeln. “Du willst mir sagen, es existiert eine Bundesbehörde, die sich mit Monstern beschäftigt?”
“Bundesbehörde?“ Überrascht dreht Niels sich zu Ethan. „Was hast du ihr erzählt?”
„Keine Bundesbehörde“, brummt Ethan. „Privat.”
Fionas Augenbrauen wandern noch ein bisschen höher, und sie fragt: “Ach, dann dürft ihr da gar nicht offiziell rein?”
Ethan brummt missmutig. Die illegalen Aktionen gefallen ihm auch nicht, aber sie müssen halt sein. „Doch gesagt: kein Geheimagent.“
Niels nimmt eine betont lässige Pose ein und erklärt: “Einbrechen vielleicht nicht, aber eine Waffe führen“, was Fi aber herzlich wenig beeindruckt.
„Nur, um Haus und Hof zu verteidigen“, feuert sie zurück, bevor sie wieder auf das vorige Thema zurückkommt. “Entweder ist das eine harmlose alte Frau oder eine irre Serienmörderin. So oder so ist es eine ganz, ganz schlechte Idee, wenn ihr sie ohne offizielle Befugnis konfrontieren wollt!“ Heftig schüttelt Fiona den Kopf. „Und wenn ihr tatsächlich keine Bundesagenten seid, dann stört ihr die Untersuchungen der echten Ermittler. Und deswegen müssen die Bücher zur Polizei, und zwar schleunigst, bevor ihr irgendwelche Verdächtigen warnt!“
„Nein, ich bin kein Agent!“ ruft Ethan, zunehmend frustriert. „Ich bin Monsterjäger, Fi!”
Aber Fiona wendet sich ohne ein weiteres Wort ab und marschiert mit den Büchern in Richtung Ausleihtheke, und Ethan wirft resignierend die Hände in die Luft und lässt sie gehen.
„Okay, was jetzt?“ fragt Aria, und die Antwort der beiden Jäger kommt fast wie aus einem Mund: „Gardners Haus.“

Die Adresse der alten Bibliothekarin lässt sich leicht herausfinden. Das kleine Einfamilienhaus sieht verlassen aus – Rasen nicht gemäht, Pflanzen verwildert. Als Ethan ihnen mit ein paar schnellen Handgriffen Einlass verschaffen will, merkt er, dass schon jemand anderes hier gewesen sein muss, denn die Hintertür wurde aufgebrochen. Aber garantiert schon lange her, denn im Haus sind zwar keine Wertsachen mehr, aber auch überall eine dicke Staubschicht. Hm. Ist die alte Dame also tatsächlich gestorben, und das in der Bibliothek war ihr Geist.
Aria scheint es hier drin nicht ganz geheuer zu sein, denn sie hält sich eng bei Niels, der beruhigend ihre Hand drückt.

Aber sie müssen gar nicht lange suchen. In einem altmodischen Sekretär liegt ein Tagebuch, in dem Christine Gardner auch und gerade die letzten Monate ihres Lebens ziemlich genau aufgezeichnet hat. Wie ihre Gesundheit nachzulassen begann. Wie sie begann, sich seelisch auf ihren Tod vorzubereiten. Wie sie in der Bücherei einen Ratgeber zu dem Thema fand, der eine Liste kleiner Rituale nannte, um seinen Frieden damit zu machen: sich von geliebten Menschen und geliebten Orten zu verabschieden, eben ein Tagebuch zu führen, solche Dinge. Harmlose Dinge.
Aber einer der Punkte liest sich so, als könnte da tatsächlich echte Magie passiert sein, auch wenn Gardner davon offenbar keine Ahnung hatte, als sie das Ritual durchführte: Der Ratgeber sprach davon, an einem geliebten Ort eine Haarsträhne zu hinterlegen, um ‚für immer dort zu sein‘, und weil sie ihre jungen Kunden so sehr liebte und sie ihr so leid taten und sie wenigstens im übertragenen Sinn weiter für sie da sein wollte, tat Gardner genau das. Hat eine Strähne ihres Haars in der Kinderecke der Bücherei in die Wand eingemauert, um genau zu sein.

Scheint, als wäre sie dann wirklich zu einer Art Schutzgeist der Bibliothek geworden, allerdings zu keinem der normalen Sorte. Denn als sie ihr vorhin begegnet sind, war sie ja körperlich und konnte Bücher sortieren und alles.
Aber so oder so. Gardner muss konfrontiert werden, findet Ethan, und zwar gleich. Seine beiden Mitstreiter allerdings wirken nicht sonderlich glücklich bei dem Gedanken. Aria scheint zwar erleichtert, dass sie aus dem verlassenen Haus kommt, aber weder sie noch Niels reißen sich darum, den Geist der alten Dame auf die Kinder anzusprechen, hat Ethan den Eindruck. Aber was muss, das muss, oder so, denn die beiden sagen nichts, sondern folgen ihm zurück in die Bücherei.

Es muss komisch aussehen, wie sie da zu dritt in der Kinderecke stehen und nach Mrs. Gardner rufen. Aber bis auf die gelangweilte Aushilfe vorne ist gerade niemand da, also hey.
Und dann ist Mrs. Gardner da. Erscheint nicht plötzlich aus der Luft, sondern kommt einfach um die Ecke, nach außen hin von einem Menschen nicht zu unterscheiden.
„Ja, bitte?“ fragt sie freundlich, „Kann ich Ihnen helfen?“
Keine Zeit für heißen Brei. Nein. Falsch. Keinen Nerv für heißen Brei. „Kids. Bücher“, sagt Ethan mit einem herausfordernden Blick auf die alte Dame.
“Wie bitte?”
„Sie haben die Kinder in die Geschichten geschickt“, kommt Niels ihm mit etwas unsicherer Stimme zu Hilfe. „In ihre Lieblingsbücher.“
Als die alte Dame dem Vorwurf nicht sofort sofort widerspricht, setzt Ethan nach:
„Sie sind gestorben. Letztes Jahr. Kindern trotzdem helfen.“
Jetzt stutzt die Bibliothekarin. Ihr freundliches Lächeln schwindet und macht einer irritierten Kopfbewegung Platz. „Ich soll tot sein? Das ist ja absurd! Mir geht es gut, hier stehe ich doch!“
Ethan schüttelt den Kopf und nickt in Richtung Kinderecke. „Haarsträhne eingemauert.“
Gardner zögert. Überlegt. Sagt dann: „Das stimmt, ich… ich wollte Abschied nehmen…“ Sie runzelt die Stirn, zögert erneut. „Bin ich wirklich…?“
„Ich fürchte, das sind Sie“, bestätigt Niels leise. „Und Sie sind geblieben, um für die Kinder da sein zu können. Und dann haben Sie angefangen, sie in die Geschichten zu schicken.“
Der verwirrte Blick der alten Dame klärt sich, und sie nickt energisch.
„Ich musste doch etwas tun. Hier ist es so schrecklich für die armen Kleinen, und dort haben sie es viel besser!“

Die drei Jäger sehen einander an, und Ethan kann in den Augen der anderen dasselbe Zögern sehen, das er auch empfindet. Wobei. Deutlich stärkeres noch als bei ihm selbst. Er selbst kann der alten Dame auch nicht richtig in die Augen sehen und mit Überzeugung sagen: „Es war falsch, das zu tun“, aber die beiden anderen scheinen die verschwunden Kinder nicht mal jetzt zurückholen zu wollen, kommt es ihm vor.
“Ich hätte mir als Kind selbst gewünscht, dass genau sowas passiert”, murmelt Niels, und Aria nickt in heftiger Zustimmung.
Nein, Ethan kann der alten Dame vielleicht nicht in die Augen sehen und sagen: „Es war falsch“. Und er glaubt Niels seinen Schmerz aufs Wort. Aber. „Trotzdem“, antwortet er leise, „andere Seite. Kleiner Junge, Schwester. Wird’s nie wissen. Eltern, Ungewissheit, jeden Tag.“ Ethan fährt sich mit den Fingern in die Haare, wie so oft, und merkt, wie von dem altvertrauten Stich in der Brust seine Stimme lauter und emotionaler wird. “Ich war das, und es gibt keinen Tag, an dem ich das nicht bereue!”

Während Niels bei diesen Worten das Gesicht verzieht, als hätte Ethan ihm eine Ohrfeige verpasst, schüttelt Mrs. Gardner den Kopf. „Aber gerade den Eltern ist das Wohlergehen ihrer Kinder doch gleichgültig“, sagt sie streng – dass sie nicht mahnend den Zeigefinger dazu hebt, ist gerade noch alles. „Denn anderenfalls würden sie ihre Kinder ja nicht so behandeln, wie sie das tun: sie misshandeln oder vernachlässigen oder verhungern lassen.“
„Oder sie auf den Strich schicken wollen“, murmelt Aria, und Ethan wirft ihr einen schnellen Blick zu. Das klang verdammt bitter. Ob die junge Australierin da etwa aus eigener Erfahrung spricht?
Die alte Dame aber scheint den Einwurf gar nicht gehört zu haben, denn sie redet schon weiter.
„Nehmen Sie die kleine Aniyah zum Beispiel: Das Mädchen bekam doch höchstens einmal am Tag etwas zu essen, und auch das nur dann, wenn ihr Bruder ihr etwas von seinem Schulmittagessen abgab!“
Ethan runzelt die Stirn. „Aber in den Geschichten werden die Kinder nie erwachsen“, wendet er ein und merkt, dass er jetzt, wo er sich warmgeredet hat, immer noch erstaunlich vollständige Sätze hinbekommt, „Stagnieren. Können nie ihr volles Potential ausschöpfen.“
„Nichtsdestotrotz.“ Der Tonfall der Bibliothekarin ist weiterhin streng-belehrend. „Wenn ich nichts tue, dann werden sich die Dinge nie ändern. Der Kreislauf geht immer nur weiter: Die Kinder werden zu ihren Eltern und tun ihren Kindern dasselbe an, was ihre Eltern ihnen angetan haben.“ Gardner schüttelt den Kopf. „Ich habe es fünfzig Jahre lang mit angesehen, ich habe fünfzig Jahre lang versucht, etwas zu ändern, und nie ist es mir gelungen. Und deswegen muss es jetzt eben auf diese Weise sein, auch wenn die Kinder dann stagnieren.“
Jetzt ist Ethan derjenige, der den Kopf schüttelt.
„Vielleicht werden die Kinder je gerade nicht wie ihre Eltern.“ Er nickt zu Niels und Aria, an deren Gesichtern sich deutlich ablesen lässt, dass sie das hier für Ethans Kampf halten und sie sich nicht darin einmischen werden. „Meine Freunde hier sind das beste Beispiel!“
Die alte Dame macht eine wegwerfende, herablassende Handbewegung. „Ausnahmen, nichts weiter.“
„Aber was ist mit der eigenen Entscheidung?“
„Es sind immer nur die Kinder gegangen, die das auch wollten“, verteidigt Gardner sich. „Ich habe nie jemanden gezwungen, habe ihnen immer die freie Wahl gelassen.“
Mag sein. Nur: „Können Kinder das denn schon so entscheiden?“
„Wollen Sie etwa den Kindern die Möglichkeit zur eigenen Entscheidung absprechen, nur weil sie Kinder sind?“

Ja, Ethan ist klar, dass er sich in das Thema verbissen hat. Aber er ist auch nicht bereit, lockerzulassen: Das hier ist für ihn gerade so persönlich, wie es persönlicher nicht geht.
„Nein“, erwidert er und versucht, sich von dem zunehmend gereizten Ton der alten Dame nicht anstecken zu lassen, „nein, aber Kinder entscheiden vielleicht anders als wenn sie erwachsen wären.“
Er wendet sich zu Niels und spricht seinen deutschen Freund ganz direkt an. „Mit dem Wissen, das du heute hast. Als der Mann, der du heute bist. Hättest du dich so entschieden als Kind?“
Für einen langen Moment schweigt Niels, den Blick nach innen gerichtet, und Ethan kann sehen, wie es in ihm arbeitet. Dass er drauf und dran ist, ja zu sagen.
„Wenn du in eine Geschichte gegangen wärst. All das Wichtige und Gute, das du getan hast, seit ich dich kenne. Das wäre nie passiert“, dringt Ethan weiter in ihn, und Niels‘ Blick flackert beinahe panisch zu ihm hin. Es ist vielleicht nicht direkt ein Aufschrei, aber es kommt Ethan wie einer vor, als der dunkelblonde Jäger verzweifelt sagt:
“Alles dreht sich im Kreis, alles kommt wieder. Ich bin ganz am Anfang!“
Ethan schüttelt den Kopf und legt Niels eine mitfühlende Hand auf den Arm. „Bist du nicht“, sagt er leise. Und er meint das völlig ernst. Niels hat in den letzten drei Jahren so viel Gutes getan. So viel erreicht. Für andere. Für sich selbst. Und nicht zuletzt für Ethan, der unendlich dankbar ist, in dem Deutschen einen Freund, nein, seinen besten Freund, gefunden zu haben.

„Ich kann sie nicht guten Gewissens wegschicken, Ethan“, flüstert Niels jetzt, „ich kann das einfach nicht.“ Er schluckt leicht. „Ich habe mir so sehr gewünscht, dass mich jemand da rausholt, aber nie ist jemand gekommen.“ Wieder schluckt Niels. „Und deswegen habe ich mehr als einmal selbst darüber nachgedacht.“

‚Darüber‘. Damit meint der junge Jäger keine Flucht in eine Geschichte. Und damit meint er auch keine körperliche Flucht aus seinem unerträglichen Zuhause. Oder zumindest keine mit den Füßen. Ethan wirft Niels einen scharfen Blick zu, denn es ist noch gar nicht so lange her, dass er in Toronto seinem deutschen Freund die Pistole aus der Hand genommen hat, weil der drauf und dran war, sich zu erschließen. Scheiße. Nur falls Ethan es bis jetzt noch nicht bemerkt haben sollte: Für Niels ist das hier auch gerade so persönlich, wie es persönlicher nicht geht.

„Ich bin doch auch nicht viel besser“, sagt der Deutsche jetzt bitter, „ich bin einfach abgehauen, ohne meiner Mutter was zu sagen.“
Ethan runzelt die Stirn. Bedenkt seinen Freund mit einem weiteren scharfen Blick.
„Weiß doch, wo du bist. Dass du lebst?“
Niels zögert lange, ist sichtlich am Überlegen. Aber bevor er etwas darauf sagt, kommt die junge Australierin ihm in überzeugtem Tonfall zuvor: „Wenn ich als Kind die Chance gehabt hätte? Ich wäre gegangen.“
Autsch. Für Aria auch.

Bleibt aber immer noch die Frage, was mit Mrs. Gardner, und vor allem: was mit den verlorenen Kindern, anstellen.
Einfach gehen und die Kinder in den Geschichten lassen kann und will Ethan nicht. Den Geist der alten Dame mit Gewalt austreiben wollen die anderen beiden nicht – ganz abgesehen davon, dass es die Kinder vielleicht gar nicht zurückbringen würde, wenn sie Gardners Haarsträhne aus der Wand pulen und sie mit den Knochen der Bibliothekarin brandpökeln.
Schließlich, nachdem sie eine ganze Weile schweigend gegrübelt haben, kommt Ethan ein Gedanke. „Konfrontieren? Eltern mit Mrs. Gardner? Vielleicht Chance? Umdenken?“
„Das wäre eine Idee“, stimmt Niels zu, runzelt dann aber die Stirn. „Mrs. Gardner ist an die Bibliothek gebunden“, fährt er auf Ethans fragenden Blick hin fort, „wir können sie nicht einfach so mitnehmen, fürchte ich.“
Verdammt. Da hat er vermutlich Recht. Aber zum Glück weiß Aria eine Lösung. „Irgendwie sind die Bücher doch ein fester Teil der Bibliothek, oder? Ich meine, ist die Bücherei nicht irgendwie auch überall, wo ihre Bücher sind? Dann kann Mrs. Gardner ja vielleicht hier weg, wenn wir ein Buch mitnehmen, oder?“

Guter Plan. Mit dem ältesten Buch, das sie finden können – also dem, das Mrs. Garders Wissen nach am längsten im Bestand der Bücherei ist, einfach weil sie davon ausgehen, dass die Bindung bei dem am stärksten sein dürfte – klappern sie nacheinander die Familien ab, wobei die Jäger sich im Hintergrund halten und Mrs. Gardner die Eltern konfrontiert.
Es läuft… gemischt. Manche Eltern sind ehrlich entsetzt, wie die allein erziehende Mutter der kleinen Aniyah, bei der es geldmäßig an allen Ecken und Enden fehlt und die offenbar schlicht überfordert war. Auch die Eltern der sechsjährigen Alba Ortega zeigen sich reumütig, und beide Familien versprechen, ihr Verhalten grundlegend zu ändern und ihre Kinder nie wieder zu vernachlässigen. Dasselbe versprechen auch die Eltern des ebenfalls vermissten Owen Frank, selbst wenn es bei denen weniger echte Reue und mehr die schiere Furcht vor dem Geist von Mrs. Gardner zu sein scheint, und so kommt Aniyah aus dem Land der Wilden Kerle, Alba aus der Schokoladenfabrik und Owen aus dem Nimmerland von J. M. Barries Peter und Wendy zurück. Bei den anderen Eltern hingegen ist Hopfen und Malz verloren, gerade bei dem fanatischen Pastor Pope, den nicht mal die Konfrontation mit einem aufgebrachten Geist zur Vernunft bringen kann. Dessen Sohn wird Mrs. Gardner garantiert nicht aus seinem Disney-Märchen zurückholen, und Ethan kann es ihr nicht mal verdenken, wenn er ehrlich ist.
Gabriel Hill, der Junge, der in den Zauberer von Oz gegangen ist, wird wohl auch eher in der Smaragdstadt bleiben, wenn Ethan sich so anhört, wie Mrs. Gardner hinterher empört die bornierte Einstellung seiner Oberschicht-Eltern beschreibt.
Aber Diamond Kennedy, Arias junge Freundin, kommt aus Narnia zurück, nur nicht zu ihrer allein erziehenden Mutter. Die scheint vor lauter Drogen kaum gemerkt zu haben, dass ihre Tochter verschwunden war, und zu der will Mrs. Gardner die Kleine auf gar keinen Fall wieder lassen. Aber die alte Bibliothekarin erinnert sich, dass Diamond wohl immer wieder mal was von einer Tante erzählt hat, die sie sehr mochte, und Gardner verspricht, zusammen mit Aria dafür zu sorgen, dass Diamond zu dieser Tante kommt. Puh.

Bevor sie auseinandergehen, drückt Ethan der jungen Australierin einen Zettel in die Hand, auf die er seine Kontaktdaten gekritzelt hat. „Falls du was brauchst.“ Er kann sich nur allzu gut an seine eigene Zeit auf der Straße erinnern und daran, wie es war, ein ganz auf sich allein gestellter Teenager zu sein. Und wie es war, keinerlei sicheres Dach über dem Kopf zu haben. „Oder wenn du mal in Vermont bist und nichts zum Übernachten hast.“ Der junge Lyle Winters hat vor zwei Jahren in einer ähnlichen Situation ja auch schon mal ein paar Nächte bei ihm gepennt.
Aber diesen letzten Zusatz hätte er sich besser gespart, wird Ethan zu spät klar: Während Aria zu seinem ersten Angebot noch unverbindlich genickt hat, wirft sie ihm jetzt einen Blick zu wie einem verurteilten Triebtäter und macht dann eilig einen Abgang.

Niels dagegen verabschiedet sich ausführlicher.
„Ich muss jetzt erstmal alleine sein”, sagt er, und Ethan nickt. Das Gefühl kann er nur allzugut nachvollziehen. Ist bei ihm nicht so viel anders: Ging ja doch ganz schön ans Eingemachte, das alles. Scheiße. Er wünschte, Lee wäre hier. Er vermisst sie.
Aber Niels ist noch nicht fertig. “Und ich muss ein Gespräch führen, das ich seit fünf Jahren vor mir herschiebe. Ich muss endlich mit meiner Mutter reden, und ich habe eine Scheißangst davor.”
Ethan wiederholt die Frage, auf die er vorhin keine Antwort bekommen hat.
“Weiß sie, dass du lebst?”
“Ich glaube schon.”
Gut”, macht Ethan mit Nachdruck, und weil ihm die Sache so wichtig ist, investiert er noch ein paar Silben. “Ich spreche aus Erfahrung. Sie muss es wissen.”
Niels sieht ein bisschen unbehaglich drein, nickt aber und wechselt dann das Thema. “Lass uns bald mal wieder treffen.”
“Kay”, antwortet Ethan. “Burlington?”
Niels nickt wieder. Lächelt. “Ich komm dich besuchen. Ich will einfach mit dir ein Bier trinken, grillen und gemütlich den Sonnenuntergang angucken.”
Ethan erwidert das Lächeln. “Geht klar”, sagt er, legt seinem Freund die Hand auf die Schulter und wendet sich dann mit einem “Bis bald” zum Gehen.

Zuhause in Burlington hat er Dinge zu tun. Snoopy abholen, der wie immer, wenn er Ethan eine Weile nicht gesehen hat, wie ein Bekloppter um ihn herumspringt und nicht aufhört, ihm die Hand abzuschlabbern. Lee schreiben, dass er zurück ist und was grob los war. Bei einer Werkstatt die alte Kühlflüssigkeit vom Auto des Reverends loswerden. Und am nächsten Tag in Tappan anrufen, um zu hören, ob Fiona auch schon wieder zuhause ist.
Sie ist. Aber bei dem Telefonat klingt seine Schwester eindeutig kühl, und auch in der Folge weicht sie Ethan merkbar aus. Scheiße, verdammte.

Aber Fiona erzählt ihm bei diesem ersten Telefonat immerhin in knappen Worten, dass sie die Bücher bei der Polizei abgegeben und ihren Serientäter-Verdacht gemeldet hat. Die für den Fall der vermissten Kinder zuständige Detective hätte die Sache durchaus ernst genommen und gerade an den Büchern großes Interesse gezeigt. Na die wird sich schön gewundert haben, als die Hälfte, und nur die Hälfte, der Bücher aus unerfindlichen Gründen und während sie eigentlich sicher in der Asservatenkammer lagen, wieder in ihren Normalzustand zurückgekehrt sind.

Ob Mrs. Gardner übrigens hinterher ihren Frieden mit der Situation gemacht hat und vergangen ist, oder ob sie bleibt, um den Kindern in der Bibliothek weiterhin als guter Geist – haha – zur Seite zu stehen, kann Ethan nicht sagen. Er weiß nur eins: Von jetzt ab wird er verdammt nochmal ein wachsames Auge auf Warrendale, Michigan halten und darauf, ob hier in Zukunft entgegen Mrs. Gardners Versprechen doch wieder Kinder verschwinden. Und falls ja, oder falls es Hinweise darauf gibt, dass der Geist in die Bösartigkeit abgleitet, dann wird er schneller zurück vor Ort sein und diese verdammte Haarsträhne in der Wand samt den Knochen der alten Dame einsalzen und verbrennen, als man „Geschichtenwelt“ sagen kann.

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