[Karneval der Rollenspielblogs] Juli 2020: Vom Entwickeln einer Sprache

Mein Beitrag über die sprechenden Namen bei Itras By Anfang des Monats gehörte zum Juli-Karneval der Rollenspielblogs, der von Niniane und mit ihrem Blog Stories and Characters ausgerichtet wird und sich dem Thema „Sprache“ widmet. Da überlegte ich schon, ob dieser Karneval vielleicht der erste werden könnte, für den ich mehr als ein Posting verfasse, weil ich ja von Berufs und Interesse wegen prädisponiert dafür bin. Und tatsächlich gibt es noch eine weitere Sache, über die ich in diesem Zusammenhang gerne etwas schreiben möchte: und zwar zu der Sprache, die ich vor Jahren (inzwischen tatsächlich Jahrzehnten; oh Mann, ich werde echt alt) für meinen ersten LARP-Charakter entwickelt habe.

Disclaimer: Das Folgende entstand, als ich noch ganz am Anfang meines Studiums stand und von Sprachwissenschaft entsprechend noch so gut wie gar keine Ahnung hatte. Es kam alles aus dem Bauch heraus und lässt sich nicht mit den komplett fertig ausgearbeiteten Fantasy- oder SciFi-Sprachen vom Kaliber eines Sindarin, Klingonisch oder Dothraki vergleichen. Aber es steckte jede Menge Herzblut darin, und vielleicht hat ja der eine oder die andere Interesse daran.

Die Anfänge

Gleich im ersten Semester meines Studiums steckte mich ein Kommilitone und guter Freund mit dem LARP-Virus an. Damit rannte er bei mir offene Türen ein, denn ich war zum Studieren aus meiner Heimatstadt weggezogen und vermisste das Pen&Paper-Rollenspiel, mit dem ich in der 10. oder 11. Klasse begonnen hatte, ziemlich. Ich war also sofort Feuer und Flamme und fing an, mir über einen Charakter Gedanken zu machen. Da ich von meinem Kommilitonen hörte, dass in der LARP-Szene, in der er sich bewegte, mit den so genannten Mittellanden ein bereits ziemlich detailliert ausgearbeitetes Setting bespielt wurde, dachte ich, es wäre vielleicht gut, wenn mein Charakter von außerhalb dieses definierten Settings kommen würde, sprich aus einem anderen Land am Rande der etablierten Karte, so dass ich eventuelle Unwissenheiten entsprechend würde kaschieren können.

Das übelste Schimpfwort

Und was macht eine Dolmetschstudentin, wenn sie über einen Charakter aus einem fremden Land nachdenkt? Oder zumindest, was machte ich? Ich grübelte zuerst einmal darüber nach, was das übelste Schimpfwort in der Kultur dieses Landes wäre, und warum.
Um mit den gängigen Mustern zu brechen, wollte ich gerne, dass dieses Schimpfwort nichts mit Körperausscheidungen oder Geschlechtsverkehr zu tun hätte, sondern aus einer ganz anderen Richtung käme. Nach weiterem Überlegen landete ich bei einem ziemlich komplexen historischen Konstrukt aus der Vorzeit des Heimatlandes meines Charakters, das zu dem Schimpfwort geführt hatte:

In diesem Land (das ich als Insel definierte, weil ich fand, auf einer von allen Seiten von Wasser umschlossenen Insel war so eine Entwicklung irgendwie plausibler) gab es unterschiedliche Clans oder Kasten – „Zweigen“, wie ich von ihnen dachte -, die grob für die unterschiedlichen Aspekte des Lebens verantwortlich waren. So gab es einen Zweig des Feldes, einen Zweig des Waldes, einen Zweig des Meeres, einen Zweig des Buches und so weiter. Vor langer Zeit war es zwischen den Zweigen zunächst zu Konkurrenz, dann zu Konflikten und schließlich zum regelrechten Krieg gekommen – so sehr, dass beinahe das ganze Volk ausgelöscht worden wäre, und nur in letzter Sekunde konnte die Katastrophe abgewendet werden. Damit so etwas nie wieder geschehen sollte, wurde das Prinzip eingeführt, dass an einem bestimmten Tag im Jahr jedes Kind, das im Vorjahr geboren worden war, einem zufällig ausgewählten Kind aus einem anderen Zweig in einer Art Blutsgeschwisterschaft anverbunden wurde. Diese Verbindung war heilig, mindestens ebenso eng, wenn nicht enger, als leibliche Verwandtschaft, und mit der Zeit gab keine größere Schande, kein größeres Verbrechen, als dieses Band zu verraten. Dementsprechend bezog sich das schlimmste Schimpfwort auf genau diesen Umstand: entweder als personen- oder sachbezogenes Hauptwort („Verräter-am-Band“ bzw. „Verrat am Band!“), oder als Adverb, also „das-Band-verraten-habend“ (auch wieder entweder auf eine Person oder auf einen allgemeinen Umstand bezogen). Als Namen für das Land fand ich „Tirunna“ recht hübsch, also wurde die Sprache zu „Runnán“.

Die Sprache

Das übelste Schimpfwort hatte ich also – nachdem ich die grundlegende Idee dafür hatte, was es ausdrücken sollte, kam dann auch das eigentliche Wort hinterher. Weil Schimpfwort, das sich gut fluchend ausstoßen lassen können sollte, wurde es kurz und guttural: [l a j ɛ x ]. Aber dieses eine Wort konnte natürlich nur schlecht in einem Vakuum stehen bleiben, und überhaupt ließ mich der Gedanke an eine ganze zugehörige Sprache nicht los, und ich fing an, mir ein paar grundlegende Gedanken darüber zu machen, wie eine solche Sprache aussehen könnte. Dabei übernahm ich als Grundlage ziemlich viele Ansätze aus dem Hebräischen, wobei ich diese zum Teil nur leicht verfremdete, zum Teil aber auch noch einmal ein gutes Stück modifizierte.

Da war zum Beispiel als erstes das Prinzip der Wortwurzeln bzw. Wortstämme, die dann mit Präfixen und Suffixen auf vielfältige Weise modifiziert werden konnten. Außerdem übernahm ich direkt die Bildung der Zeitformen über unterschiedliche Vokale. Den Ansatz der männlichen und weiblichen Form für Begriffe drehte ich insofern weiter, dass so gut wie alle Wörter von ihrem Stamm her neutral waren und dann lediglich durch ein Suffix in die feminine oder maskuline Form gebracht wurden, dass also beispielsweise das Wort für „Elternteil“ durch den Anhang des maskulinen oder femininen Suffixes zu „Vater“ oder „Mutter“ wurde. Viele Begriffe übernahm ich auch ganz frech direkt aus dem Hebräischen, entweder komplett unverändert, wenn mir das vertretbar erschien, oder leicht abgewandelt, wenn ich nicht wollte, dass man das Wort gar zu leicht erkennt. Andere Begriffe dachte ich mir frei aus, wobei ich zum Teil über die Lautmalerei kam, andere Male wiederum einfach nach Gefühl agierte. Die Zahlworte beispielsweise sind ganz allein auf meinem eigenen Mist gewachsen, ebenso wie die Idee, die komplette Konjugation über Präfixe zu gestalten.

Die Aphorismen

Als ich weiter über die Sprache und die Kultur des Inselstaates, aus dem mein Charakter kommen sollte, nachdachte, kam mir auch die Idee, dass es einen Schatz an Weisheiten und Aphorismen geben könnte, der im Volk sehr beliebt ist und aus dem mein Charakter vielleicht gelegentlich sogar einmal zitieren könnte, wenn sich im Spiel die Gelegenheit ergäbe. Zur Inspiration griff ich wieder einmal ins Hebräische, zu den Pirkei Awot, den Sprüchen der Väter, die wir wenige Jahre zuvor im Religionsunterricht der Oberstufe durchgenommen hatten und die mir teilweise richtig gut gefielen. Aus den hebräischen Pirkei Awot wurden auf Runnán die n’ghairivjon tn’gafavnaj, die Aussprüche der Vorfahren, und ich verwendete längst nicht alle Abschnitte, aber diejenigen, die ich verwendete, übernahm ich zum allergrößten Teil genau so, wie sie waren.

Beispiele

Hier einige Beispiele für Worte, Wortgruppen und Sätze:

glil Mond
glilar silbern
glilavn Silber
glilavnj Silberschmied (geschlechtsneutral)
glilavnarrj Silberschmied
glilavnannj Silberschmiedin
f’glila silbrig glitzern
glilik mondsüchtig
glilikj mondsüchtige Person
shantaar Sonne
shantraar gelb/golden
shantravn Gold
shantravnj Silberschmied (geschlechtsneutral)
shantravnarrj Silberschmied
shantravnannj Silberschmiedin
f’shanteh scheinen, leuchten (Licht)
f’shantreh glänzen (Metall)
f’tivu drehen (Metall)
glil-tivu Monat (Metall)
kitriv Wolf
kitriv-glil Werwolf
gran Hund
gran-kitriv zotteliger Wolfshund; auch: ein knurriger Mensch
f’kitrivu knurren

 

N’geraj Sarrdi Ktirakh Ligvan. Geraj Ktirakh. Ich heiße Sarrdi Ktirakh Ligvan*. Ich heiße Ktirakh. (Bzw. wörtlich: Meine Namen sind Sarrdi Ktirakh Ligvan. Mein Name ist Ktirakh.)
Ar toa trarrj fimankatha nar-medan bi tlask. Er war der bestgehasste Mann in der Stadt.
Cha takunih ar fuannuna. Du beschaffst ihm sein Schwert.
Takunih-cha fuannuna! Beschaff‘ dir sein Schwert!
T’ni b’fuannun hai? Wessen Schwert ist das?

 

Takunih-cha nilamnunj o takunih-cha stej-tigan o nojiju kol traj dar b’khaf nar-levh. Beschaffe dir einen Lehrer und erwirb dir einen Freund und beurteile jeden Menschen nach der günstigsten Seite.

.

Wer findet, dass das alles irgendwie nach Klingonisch klingt, hat nicht völlig unrecht. Damals ist mir das gar nicht so aufgefallen, jetzt, beim erneuten Lesen der Datei 25 Jahre später, schon. Aber das liegt vermutlich eben daran, dass ich so schamlos aus dem Hebräischen geklaut habe und dass Hebräisch ja auch eine Sprache ist, die viele stimmlose velare Frikative (sprich [x] wie in ‚ach‘) enthält.

Links

Als ich beim Nachdenken über diesen Artikel meine alten Ausdrucke mit den ganzen Notizen für die Sprache herauskramte, befürchtete ich schon, dass ich alles von Hand abtippen müsste, weil ich die Dateien nicht auf meinem Rechner finden konnte. Aber zu meiner großen Freude habe ich die Dokumente, die ich damals verfasste, dann doch auf meiner alten Windows-Partition wiedergefunden – ich habe meine Notizen damals aber offenbar nicht vollständig abgetippt, bzw. ich hatte auf meinen Ausdrucken immer wieder von Hand Ergänzungen angebracht, die ich nicht in die Dokumente übernommen hatte. In den letzten Tagen seit Erstellen dieses Artikels habe ich das Vokabeldokument schon um einiges ergänzt, aber jetzt ist der Monat beinahe vorüber, und ich bin nicht ganz fertig geworden. Ich werde jetzt aber, um die Deadline zu halten, die Dateien so hochladen, wie sie sind, sie aber in den nächsten Tagen dann noch vervollständigen. Die Aussprüche der Vorfahren beispielsweise existieren nur handschriftlich, die muss ich noch komplett abtippen. Das mache ich dann in den nächsten Tagen. Wenn also jemand Interesse daran hat, sich die Dateien einmal anzusehen: Stay tuned, sie werden noch aktualisiert.

Hier die Links zu den Google-Docs, die ich erstellt habe:
Die Sprache Runnán
Das Land Tirunna
Die Aussprüche der Vorfahren (kommt noch)

* das war der Name meines LARP-Charakters. Der erste Name bezeichnet die Familie – bei Männern die Familie des Vaters, bei Frauen der Mutter -, der zweite ist der eigentliche Rufname, der dritte der Name der Großmutter bzw. bei Männern des Großvaters.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Indie-RPGs, Karneval der Rollenspiel-Blogs, Rollenspiel-Sonstiges

Eine Antwort zu “[Karneval der Rollenspielblogs] Juli 2020: Vom Entwickeln einer Sprache

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