Miami Files – Changes: Fallout

17. Juni

Ich habe doch letztens geschrieben, dass wir mit unserem Genius Loci-Ritual göttliche Energie in die Stadt gelassen haben und dass immer mehr Gottheiten und Halbgötter in Miami auftauchen. Was das konkret bedeutet, das macht sich inzwischen immer stärker bemerkbar. Seufz.

Alex erzählt, dass auf seinem Hausboot jetzt immer häufiger Geschenke und Opfergaben für Eleggua abgeben und dass Eleggua in regelmäßigen Abständen bei ihm vorbeikommt, um die Sachen abzuholen. Und sein patron hat Alex dazu aufgefordert, dass er die ganzen anderen Trickster, die hier in der Stadt unterwegs sind, also Loki, Coyote und dergleichen, doch bitte mal in ihre Schranken weisen solle. Moment… dass Loki sich gelegentlich hier in der Stadt herumtreibt, das wussten wir ja schon, aber Coyote? Und vielleicht noch andere Trickster-Gestalten? Und Alex soll denen jetzt klar machen, wer der Ober-Trickster am Ort ist? Santisíma madre.

Mir selbst ist auch etwas aufgefallen. Herzog Pan sieht nicht mehr so menschlich aus wie früher immer. Oder besser, er bekümmert sich nicht mehr so viel um den menschlichen Glamour wie früher. Er trägt seine Hörner und Bocksbeine jetzt offen und ist so auch schon draußen außerhalb seines Hofs unterwegs gewesen.
Als ich ihn direkt darauf ansprach, bestätigte Pan mir gutgelaunt auch noch einmal, dass wir mit unserem Ritual ein Tor für die alten heidnischen Gottheiten geöffnet haben und er sich jetzt seines früheren Selbst bewusster ist als zuvor. Er war auch sehr zufrieden mit der neuen Situation – eigentlich hätte ich unser Vorhaben natürlich vorher mit ihm als meinem Herzog absprechen sollen, sagte er aufgeräumt, aber vielleicht sei es ganz gut, dass ich es nicht getan habe.
Dann bot er mir Wein an und beschwerte sich, als ich höflich ablehnte, ich sei viel zu zugeknöpft. „Aber hey, die große Party kommt ja noch“, zwinkerte Pan mir dann zu, „da hat sich das mit dem zugeknöpft ganz schnell erledigt!“ Er habe auch schon etliche Dinge bestellt und die Vorbereitungen in Auftrag gegeben, seit ich ihm von der Hochzeit erzählt hätte. Denn ich habe meinem Herzog von der Hochzeit erzählt. Das musste ich ja – das hätte sich auf Dauer nicht geheim halten lassen. Pan war sofort Feuer und Flamme gewesen, als er davon gehört hatte: katholisch heiraten sei schön und gut, aber ich müsse die Hochzeit definitiv auch am Feenhof feiern. Und den Junggesellenabschied sowieso. Und jetzt also die Ankündigung einer großen Party.
„Oha“, witzelte ich, „muss ich mir Sorgen machen?“
Pan verzog keine Miene. „Ja!“
„Oha“, wiederholte ich, und jetzt war das nur noch ganz andeutungsweise ein Witzeln, „alles klar!“
Heilige Mutter, steh mir bei.

Aber nicht nur Pan habe ich von der Hochzeit erzählt, logischerweise: der Familie (Mamá und Papá waren völlig aus dem Häuschen) und den Jungs und sonstigen Freunden natürlich auch. Und Edward habe ich gefragt, ob er mein Trauzeuge sein will. Er hat zugesagt, was mich riesig freut.

19. August

Totilas hat, auch wenn sie schon deutlich seltener geworden sind, immer noch gelegentliche Anfälle von Phasenverschiebung. Und als wir uns heute im Dora’s trafen, erzählte er, dass er in diesen Episoden immer wieder eine weiße, dunkelhaarige Frau sieht, die mit einem Schwert bewaffnet ist und meist (oder sogar immer?) auf einem Stein sitzt. Anfangs habe Totilas die Frau nur bemerkt, aber nicht weiter darauf reagiert, weil in diesen Phasenverschiebungen ohnehin alles so seltsam sei, aber als er sie immer und immer wieder sah, habe er sie irgendwann einfach angesprochen. Zuerst habe sie sich gewundert, dass Totilas sie überhaupt sehen könne, dann erfuhr er – über mehrere Male verteilt, weil die Episoden immer wieder abrupt endeten – folgendes von der Frau: Sie heiße Eoife und sei ‚die Erste‘.
Die Erste? Und mit dem gälischen Namen für Eva?
„Sie ist nicht zufällig nackt bis auf ein Feigenblatt?“ fragte ich, aber Totilas schüttelte den Kopf. „Nein, sie ist nicht der erste Mensch. Sie ist die erste Tote, die von einem seiner Art getötet worden sei.
Das erste Opfer eines White Court also? Oha.
Hm. Hmm hmm hmm. Ob sie dann etwas mit dem See in Schottland zu tun hat, dem Lochan Dubh nan Geodh? Immerhin sind dort ja die Weißvampire entstanden.

Alex schlug vor, doch ins Nevernever hinüberzuwechseln und nach dieser Eoife zu suchen, aber vielleicht nicht gerade vom Donut-Laden aus. Und außerdem: „Roberto, hattest du da nicht eine Frage, die du stellen wolltest?“
Überrascht sahen wir erst zu Alex und dann zu Roberto, der für seine Verhältnisse ungewöhnlich herumdruckste. Normalerweise ist er doch von rein gar nichts in Verlegenheit zu bringen.
Aber diesmal schien unser Kumpel tatsächlich einen Moment lang nach Worten zu suchen, bevor er damit herausrückte, dass er seit dem Ritual auch ständig Besuch von seiner patrona hat. Oshun taucht so oft in seiner Botanica auf, dass man fast denken könnte, sie wohne da jetzt. Und weil Roberto ihr Priester ist und Oshun die Orisha der Liebe, habe sie gefordert, dass er diese Liebe nicht nur ihr gegenüber zeigen solle, sondern die Liebe auch weitertragen. Also nicht, indem er mit möglichst vielen Leuten ins Bett gehen soll, diesen Aspekt überlässt sie Roberto ganz allein, aber indem er möglichst vielen Leuten, mindestens aber seinen Freunden, dabei helfen solle, ihr Glück zu finden. Ich bin ja zum Glück schön raus, ich habe mein Glück ja schon gefunden, aber Totilas und Edward schauten ein bisschen sauertöpfisch aus der Wäsche, als Roberto sie rundheraus darauf ansprach, wie es denn bei ihnen beziehungstechnisch so aussehe. Er sei nicht so der Typ für Beziehungen, erklärte Totilas, aber er esse regelmäßig.
„Das ist nicht dasselbe“, warf ich ein.“Und dein Vater hatte auch eine Beziehung“, fügte Edward hinzu.
„Hat ja super geklappt“, brummelte Totilas.
„Ach wieso“ – das war jetzt Alex – „es hat zwar gedauert, aber jetzt sind sie doch glücklich!“
Aber Totilas war nicht zu überzeugen. „Glücklich vielleicht – aber beide keine Vampire mehr!“
Dann lenkte unser White Court-Kumpel schnell den Fokus von sich weg, indem er Alex fragte, wie es denn bei ihm aussehe. Der hielt sich zwar bedeckt, deutete aber an, dass er zwar vielleicht keine feste Freundin habe, aber doch zumindest etwas in der Art. Dallas Hinkle, könnte ich mir vorstellen. Gut für ihn!
Edward… naja. Edward ist schwieriger. Der hat zwar ja vor einer ganzen Weile ein kleines Ritual abgehalten, um seelisch von Cherie loszukommen (was eine ganz eigene Büchse der Pandora ist, wenn ihr mich fragt, Römer und Patrioten), aber eine neue Beziehung ist er, soweit ich weiß, bisher trotzdem nicht eingegangen. Und ich glaube, ich wüsste es, wenn er das wäre, immerhin ist der Junge mein bester Freund. Kein Wunder also, dass Edward bei Robertos Frage etwas das Gesicht verzog.

Wir saßen noch im Donut-Laden, da ging die Tür auf, und Cicerón Linares kam herein. Er sah ganz schön angeschlagen aus (wer es sich noch nicht gedacht hat: Das war ein Euphemismus für ‚er sah richtig scheiße aus‘) und ließ sich mit einer Grimasse auf die Sitzbank fallen.
Natürlich wollten wir wissen, was los sei.
„Shango ist los“, knurrte Linares. „Der tocapelotas hängt im Clubhaus rum, krault sich die Eier, säuft, raucht mit seinem brasilianischen Kumpel Eltunchi*, nervt alle, will verehrt werden und greift alle Frauen an den Arsch, ob sie das nun wollen oder nicht.“
Während mir ein „Uff, de madre“ entfuhr, schüttelte Edward mit einem leisen ‚tssss‘-Laut den Kopf: „Ich glaub, ich hab das schon mal gesagt – Augen auf bei der Orisha-Wahl.“
„Ist ja eigentlich ein guter Orisha“, erwiderte Cicerón, „jedenfalls wenn er nicht immer da ist!“
Jedenfalls sei er hergekommen, weil er ja wisse, dass wir öfter hier abhängen, und weil er gehofft hatte, dass er bei Edward etwas Dampf ablassen könne. Bei den Jungs aus seiner Gang geht das ja nicht, weil er da das Anführer-Gesicht wahren muss.
„Bist du hier genau richtig“, versicherte ihm Edward.
Das Thema Shango brachte mich auf einen anderen Gedanken. „Wie geht es eigentlich Ilyana mit Yansa?“
„Ilyana und Yansa sind okay“, antwortete Cicerón, „aber Ilyana hat da ein anderes Problem. Krokodile.“

Krokodile? Klar, die Elders sind Werkrokodile, aber sind sie doch schon lange?
Aber ganz so einfach ist es nicht, erklärte der Bandenboss uns. Ja, die Elders sind Werkrokodile, und wie wir ebenfalls alle wissen, leben in den Glades normalerweise einheimisch eigentlich Alligatoren. Und in letzter Zeit tauchen eben immer mehr Krokodile in den Glades und auch in Miami auf, was seltsam ist, weil hier eben, wie gesagt, eigentlich vor allem Alligatoren hergehören.
Hmm. Wir wissen, dass die Elders irgendwann einmal aus Ägypten eingewandert sind. Und wie man weiß, wurden Krokodile im alten Ägypten als Götter verehrt. Ist jetzt vielleicht einer diese alten Krokodilsgottheiten im Zuge der ganzen Götzenwanderung hier in Miami aufgetaucht? Vorstellen könnte ich es mir.

Aber jedenfalls brachte Linares‘ Shango-Problem uns natürlich zum Überlegen, was man dagegen tun könne.
„Sind Oshun und Shango nicht verheiratet?“ fragte Alex mit einem vielsagenden Blick zu Roberto, was diesen breit grinsen und erklären ließ, es sei an der Zeit, dass die beiden sich wieder einmal miteinander beschäftigten statt mit ihren sterblichen Erwählten. Er will auf jeden Fall versuchen, Oshun sanft in diese Richtung zu schubsen.

Sobald Cicerón gegangen war, brachen wir ebenfalls auf, um uns auf die Suche nach dieser Eoife zu machen.
Bei Edward wurde mir bewusst, dass ich Schneeball eine ganze Weile nicht gesehen hatte. Denn erst jetzt, als ich den Hund wieder zu Gesicht bekam, fiel mir auf, dass auch er sich verändert hatte. Der weiße Spitz… war kein Spitz mehr. Schneeball war größer geworden und wolfsartiger, deutlich ruhiger, nicht mehr so hektisch wie früher. Edward erklärte das so, dass Schneeball seit dem Ritual offenbar Wolf kanalisiert. Das stört ihn aber nicht weiter, sagte er.

Jedenfalls schlug Alex vor, Eoifes Geistgestalt zu suchen und ihr anzubieten, von Alex Besitz zu ergreifen, damit wir alle mit ihr würden sprechen können. Ein Blick auf die Geisterebene sagte ihm, dass Eoife kein gewöhnlicher Geist war, sondern irgendwie nur halb anwesend. Sie hielt sich in Totilas‘ Nähe auf, aber nicht vollständig, und sie hatte ihre Aufmerksamkeit zwar auf Totilas gerichtet, aber nicht nur auf ihn. Alex sagte, es sehe so aus, als habe sie gewissermaßen Aufmerksamkeitspunkte verteilt, und einer dieser Punkte lag bei Totilas.

„Ich spreche sie jetzt an“, sagte Alex, und dann hatte er plötzlich ein Schwert in der Hand. Die Waffe, das erkannte ich sofort, war Feenarbeit, aber anders als Jade, die ja ihren Aspekt verändert, je nachdem, wer sie führt (und ja nur bei mir überhaupt ‚Jade‘ heißt), war sehr deutlich, dass dieses Schwert unveränderlich war und unveränderlich Eoife gehörte und niemandem sonst. Und ja, Eoife war bereit, mit uns zu reden.
Nachdem wir uns alle kurz vorgestellt hatten, bestätigte Eoife das, was sie Totilas auch schon gesagt hatte, dass sie nämlich das erste Opfer eines White Court-Hungerdämonen gewesen war. Jetzt erfuhren wir außerdem, dass sie sehr genau weiß, wer sie getötet hat, sprich welcher Mensch es gewesen war, der diesen ersten Dämonen aus dem See geholt hatte. Rory McCormac war dessen Name, oder genauer gesagt Ruairidh MacCormac im gälischen Ursprung. Sie will Rache, sagte sie, und die Feen haben zugesagt, ihr bei dieser Rache zu helfen. Nachdem sie ihnen einen Gefallen getan hatte, erhielt sie das Schwert von den Feen, und mit dieser Waffe wird es möglich sein, diesen ersten Dämon zu töten. Da ist nur dieses kleine Problem, dass sie nicht weiß, wo sie ihn finden kann. Das und die Tatsache, dass ihr das „Dritte“ fehlt, das sie braucht, um ihre Rache vollenden zu können, sie aber nicht weiß, was dieses Dritte sein könnte.

Hier mussten wir natürlich einhaken. Wenn ihr das Dritte fehlt, was sind dann das Erste und das Zweite?
Die Fähigkeit, auch als Geist sie selbst zu bleiben und nicht zu einem reinen Abbild zu werden, habe sie von der Morrigan bekommen, das Schwert hingegen vom König unter dem Hügel, dem Herrn der Steinkreise.
Als sie das sagte, rührte sich die Sommermagie in mir. Ich kann nicht einmal sagen, warum, denn eigentlich konnte ich mit dieser Anrede nichts anfangen, aber obwohl die Bezeichnung mir nichts sagte, fühlte sie sich an wie ein Schlag in die Magengrube und wie Winter.
Aber das versuchte ich mir nicht anmerken zu lassen, sondern ich lenkte mich damit ab, dass ich Eoife fragte, wann sie eigentlich gelebt habe. Zu der Zeit seien gerade die ersten Christen in Schottland entstanden. Also gibt es die Weißvampire etwa seit dem Beginn des 5. Jahrhunderts. Kein unmittelbar nützliches Wissen, aber trotzdem interessant.

Als Eoife mit ihrem Bericht fertig war, boten wir ihr an, ihr zu helfen. Edward vor allem machte den Vorschlag: Vielleicht ist das Dritte ja ein Gerät, das er ihr bauen kann und mit dem sie diesen McCormac – bzw. seinen Dämon – finden kann? Immerhin hat sie mit Gottheiten und Feen gesprochen, warum nicht jetzt mit einem Zauberer?
„Was willst du dafür?“ fragte Eoife. „Lass uns erst einmal diesen McCormac finden“, erwiderte Edward, „Am Ende kannst du mir zahlen, was es dir wert war und was du geben kannst. Das kannst du vermutlich sowieso erst am Ende sagen.“
„Oha, das ist ganz schön viel“ brummte Eoife, „blöde Zaubererantwort wieder. Aber was frage ich auch einen Zauberer.“
Am Ende ließ sie sich dann aber doch auf den Handel ein, und Edward überlegte noch ein bisschen laut vor sich hin, dass Eoife selbst der ‚Gegenstand‘ sein könnte, den er bei seinem Ritual einsetzen kann, um den Dämon zu finden, denn schließlich kennt sie ihn mit am besten. Huh. Ich bin zwar kein hermetischer Magier, sondern pfusche nur ein bisschen mit Feenmagie herum, aber das klingt, als könnte es noch interessant werden, einen Halbgeist wie Eoife als Fokus für so ein Ritual einzubinden.

Bevor wir Eoife gehen ließen, lud Alex sie noch ein, jederzeit wiederzukommen, wenn noch etwas wäre. Und als wir anderen dann auseinandergegangen waren, ging ich mit den Informationen, die wir von Eoife bekommen hatten, recherchieren, ob ich noch etwas mehr über diesen Rory McCormac herausfinden konnte.
Einen Clan MacCormac gab es früher einmal in der Nähe des Lochan Dubh nan Geodh, aber der Clan wurde ausgelöscht, und zwar so früh, dass er nicht dazu kam, einen eigenen Tartan zu entwickeln.
Aber eine Legende aus dem verschwundenen Clan fand ich auch, die ziemlich genau nach dem klang, was ich suchte: Ein MacCormac, je nach Version Ronald oder Robert oder Rodrick genannt, verliebte sich in eine schöne Maid, doch diese wies ihn ab. Er sei nicht stark genug, um ihrer würdig zu sein, beschied sie ihm, also schloss er einen Handel mit den Feen, damit diese ihm Stärke verliehen. Erstarkt kehrte er zu der Maid zurück, doch nun stieß sie sich an seiner mangelnden Bildung, also ging er zu den Christen und lernte dort das Lesen und Schreiben. Nun jedoch war er nicht charmant genug für die hartherzige Maid, und so schloss er einen Handel mit einem Dämonen, der ihm Liebreiz und Anziehungskraft verlieh. Weil Ronald oder Robert oder Rodrick jetzt so unwiderstehlich war, gab die Maid sich ihm hin, aber in der Hochzeitsnacht erwürgte er sie.

Oder zumindest sprachen die Legenden von ‚Erwürgen‘ – das dürften eher Ruairidh MacCormacs neu erwachte White Court-Kräfte gewesen sein, schätze ich.

*ich gebe zu, ich musste hinterher nachschlagen, wer oder was dieser Eltunchi genau ist. Eine brasilianische Wald-Schutzgottheit, ergab die Recherche. Ey, der soll lieber in Brasilien den Regenwald beschützen, statt hier in Miami mit Shango auf un par de tremendos comemierdas zu machen. Echt jetzt!

30. September

Ángel Ortega hat sich heute bei Roberto gemeldet (was einem schon sagen dürfte, dass die Sache ernst für ihn ist): Er macht sich Sorgen um Ximena. Ángel arbeitet ja schon seit einer Weile in Ximenas Privatdetektei und ist deswegen näher an ihr dran als Roberto als ihr Cousin das ist. Jedenfalls erzählte Ángel, seit das magische Machtniveau hier in der Stadt angestiegen sei, habe sie sich mit ein paar der Gottheiten angelegt, die sich seit dem Ritual in Miami aufhalten. Und sie habe in letzter Zeit des Öfteren laut überlegt, dass diese Gottheiten ihre Macht ja irgendwo herbekommen müssten und dass es doch interessant wäre, diese Macht anzuzapfen.

Daraufhin rief Roberto bei Ximena an, erreichte aber nur ihren Anrufdienst, also hinterließ er eine Nachricht und trommelte uns zusammen. Wir beschlossen, Ximena in der Detektei aufzusuchen, trafen dort aber nur Bjarki an, der uns erzählte, Ximena sei mit Febe shoppen gegangen. Während wir warteten, erzählte Bjarki, dass seine Familie jetzt bei ihm wohne, weil das Tor jetzt ja offen sei und alle sich die Erde anschauen kommen wollten.
‚Seine Familie‘ – coño, wir reden von Bjarki Lokison, die Familie ist potentiell groß. Und schräg.

Als Ximena zurück war, gab sie auf Robertos Nachfrage bereitwillig zu, dass sie gerne die Machtquelle der Götter finden würde. Erstens seien Menschen wissbegierig und entwickelten sich immer weiter, zweitens sei das auch nichts anderes als das, was wir (also wir Ritter) ständig machten, und außerdem seien Outsider in der Stadt, gegen die wir momentan noch nicht ankommen. Gerade gegen die bräuchten wir neue Ideen.
Ob sie denn schon etwas herausgefunden habe wegen der Quelle, wollte Edward wissen, worauf Ximena den Kopf wiegte und antwortete, sie habe erst einmal mit Büchern angefangen, mit der Grundlagenrecherche. „Aber Cicerón hat Shango in die Fresse gehauen“, fuhr sie fort, „sie sind also schlagbar.“
Da musste ich einhaken. „Natürlich, sie sind ja auch nicht allmächtig“, entgegnete ich. „Es gibt nur Einen, der das ist.“
Ximena nickte heftig. „Genau – ich bin ja selbst eine gute Katholikin: Es geht mir nur um diese anderen.“
Mmhmhm. Wenn sie es so sagte… „Okay, dein Plan ist doch nicht so schrecklich, wie er anfangs aussah, aber pass auf dich auf, Ximena.“
Ihre Antwort überraschte mich nicht. „Klar. Ich hab das im Griff.“

Wir wollten gerade aufbrechen, da klingelte mein Handy einmal und brach sofort wieder ab. Gleich darauf nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Und… naja. Obwohl ich das Telefon in der Hand behielt und aktiv darauf lauerte, den ‚Annehmen‘-Knopf zu drücken, dauerte es eine ganze Weile, bis es mir gelang, den Anrufer abzupassen, bevor er wieder auflegte. Es war Halfðan, und er klang einigermaßen gehetzt. „Hallo? Hallo? Ah, jetzt… Tut mir leid, Cardo, irgendwann lerne ich das noch mit diesen Telefonen… Es gibt einen Notfall… Wir haben Ulfr Sverrisson gesehen, der Gunnar getötet hat, ihn, und noch ein paar andere! Wir sind ihnen gefolgt, sie sind in einer, wie heißt das… Mall, glaube ich? Du musst unbedingt kommen, die sind gefährlich!“
Oh, <em>santisíma madre</em>. <em>¿Que demonios?</em>
„Wo, welche Mall? Rührt euch nicht von der Stelle und unternehmt nichts alleine, ich bin auf dem Weg!“

Weil Alex fuhr, konnte ich von unterwegs bei Haley anrufen. Das hat in der Vergangenheit, je nachdem, wo sie gerade war, ja nicht immer so gut geklappt, aber diesmal war die Verbindung anständig. „Ja“, antwortete sie fröhlich auf meine Frage, ob sie Leute aus Helheim rausgelassen hätte, „die wollten auch mal shoppen gehen.“ Oh <em>Dios</em>. Sie sei aber nicht völlig verantwortungslos, Bjarki würde auf sie aufpassen. Oha. Das war also der Anruf gewesen, den Bjarki bekommen hatte.

In der Mall dauerte es nicht lange, die Einherjar zu finden. Halfðan, Gunnar und zwei andere – Svein und Kjetil – wurden nämlich gerade von zwei Mall-Cops umringt (naja, so gut zwei Sicherheitskräfte eben vier nicht ganz kleine Nordleute umringen können), die höflich auf sie einschrieen. Also ja, laut, und ja, eindringlich, aber eben nicht bedrohlich, sondern noch mit vielen „Sirs“ und ohne gezogene Waffen. <em>Mierda</em>. Ich will gar nicht wissen, wie die Situation ausgesehen hätte, wenn das keine weißen Skandinavier gewesen wären.
Da die vier Einherjar keinerlei Anstalten machten, auf die Sicherheitsleute zu hören, sondern immer weiter aufgeregt auf sie einredeten und auch mich gar nicht zu bemerken schienen, pfiff ich einmal schrill durch die Finger, das wirkte. Die Krieger verstummten abrupt und kamen zu mir herüber, als ich sie heranwinkte. Außerdem erkannte mich einer der Mall-Cops und fragte, ob diese Leute zu mir gehörten? Ja, antwortete ich, und ob es Ärger gegeben habe? Ob die vier verhaftet werden sollten? Nein, nein, nicht verhaftet, beeilte der eine Cop sich, mir zu versichern, sie sollten nur bitte einfach die Mall verlassen. Oder wenigstens Ruhe geben. Ob ich dafür garantieren könne? Ich würde dafür sorgen, bestätigte ich, dann zogen die Sicherheitsleute ab.

Ein Stück abseits der kleinen Menschentraube, die sich für das Spektakel gebildet hatte und sich jetzt wieder zu zerstreuen begann, fragte ich, was denn eigentlich los gewesen sei. Nicht viel, tatsächlich, stellte sich heraus: Es war alles ziemlich harmlos und glimpflich geblieben. Die Einherjar waren durch die Mall geschlendert, als Gunnar plötzlich ein bekanntes Gesicht sah, und zwar eines aus seinem früheren Leben damals: Ulfr Sverrison, der ihn damals in der Schlacht getötet hatte. Daraufhin hatte er erst mich angerufen, dann aber doch Ulfr direkt konfrontieren wollen, und dann war es laut geworden und die Mall-Cops hatten eingegriffen.

Ich erklärte, ich würde mich der Sache annehmen, und schickte die Krieger nach Hause, bevor wir Bjarki und seine Schützlinge suchen gingen. Die waren tatsächlich noch da, wo Gunnar sie zuletzt gesehen hatte: in der Eisdiele des Food Court nämlich. Bjarki winkte mir fröhlich zu, als er mich sah, und auch seine Begleiter wirkten eigentlich ziemlich friedlich und umgänglich. Der Isländer bestätigte uns noch einmal das, was Haley auch schon am Telefon gesagt hatte: dass sie nämlich Besucher aus Helheim nach Miami lasse. Das Tor in die nordische Unterwelt befinde sich in Haleys Zimmer in seinem Haus. Und ja, das sei ein bisschen nervig, dass sein Haus jetzt so eine Durchgangsstation für Helheim-Touristen geworden sei, aber das gehe schon irgendwie.
Wir philosophierten ein bisschen darüber, dass es eigentlich ziemlich unfair ist, dass man laut nordischer Mythologie nur zum Einherje wird, wenn man in der Schlacht fällt, dass aber ein Krieger, der selbst alle Schlachten überlebt und später auf andere Weise stirbt – also im Prinzip der <em>bessere</em> Kämpfer ist – das Recht auf Walhalla verwirkt hat. So war es jedenfalls Ulfr Sverrison ergangen, sagte er – aber halb so wild, er habe ein ein langes, gutes Leben gehabt, und in Helheim sei es eigentlich auch ganz nett.
Wir waren mit dem Gespräch eigentlich soweit fertig, da hatte Bjarki noch eine Warnung für mich. Ich habe die Einherjar ja damals ohne offizielle Erlaubnis aus Heorot nach Miami geholt, und Bjarki war sich nicht sicher, wie amüsiert Odin darüber sei – oder sein werde, sobald er davon erführe. Huh. Ja. Das war nichts, was ich damals – oder überhaupt bis zu diesem Moment – bedacht hatte. <em>Mierda.</em>
Ob er seinen Vater bitten solle, Thor oder Odin mal zu mir zu schicken, fragte Bjarki, aber das wiegelte ich für’s Erste ab. Vielleicht komme ich auf das Angebot nochmal zurück, aber darüber will ich erst einmal in Ruhe nachdenken. Dass es eine metaphysische Entität namens Odin gibt, daran zweifele ich jedenfalls nicht – das wäre auch schön doof, nachdem ich anderen metaphysischen Entitäten aus demselben Kulturkreis (und anderen Kulturkreisen) bereits begegnet bin.

„Wir sollten echt sowas wie einen Einreise-Checkpoint für Übernatürliche einrichten“, brummte Alex, als wir wieder unter uns waren.
„Sowas wie bei <em>Men in Black</em> für die Aliens, meinst du?“ fragte ich. Keine schlechte Idee, tatsächlich, aber wie sowas umsetzen?
„Wir müssen in die Unseelie Accords“, sagte Edward unvermittelt. Der Gedanke war ja letztens schon mal aufgekommen, aber da hatten wir irgendwie gerade zu viele andere Sachen um die Ohren, um uns näher damit zu beschäftigen. Jetzt aber fingen wir an, ein paar Ideen zu dem Thema hin- und herzuschieben.
Ich zumindest hatte keine Ahnung, wie man das überhaupt anstellen müsste, aber die anderen wussten zum Glück mehr. Man benötigt drei Sponsoren: drei Parteien, die bereits den Accords angehören und die sich dafür aussprechen, die neue Partei aufzunehmen.
Hm. Da war natürlich die Frage, wer bei uns diese drei Sponsoren sein könnten. Der Sommerhof wäre vermutlich eine Option, eventuell sogar der Winterhof, wenn nicht ich derjenige bin, der den Vorstoß in diese Richtung macht. Der Rat der Magier? Ähm. Nein. Wohl eher nicht. Was für Fraktionen sind denn noch in den Accords? Die Vampirhöfe… hm, vielleicht könnte Totilas als Raith beim White Court in die Richtung wirken. Wobei mir der Gedanke, dem White Court für das Sponsoring etwas zu schulden, ganz und gar nicht gefällt.

10. Oktober

Alex‘ Familie hat sich ganz kurzfristig für einen Besuch angesagt. Übermorgen schon wollen sie hier sein. Zumindest hat Dee heute bei Alex angerufen und ihm das erzählt. Ihr Vater hat sich wohl nur bei Dee angekündigt, will aber offenbar mit beiden reden, also wird Alex seine Schwester natürlich an den Flughafen begleiten, um den Rest der Familie abzuholen.

12. Oktober

Eben hat Alex angerufen. Seine Familie ist hier, und irgendwas Komisches ist los. Alex ist nicht ins Detail gegangen, dafür war keine Zeit, aber er hat erzählt, dass sein Vater von Geistern verfolgt wird. Er hat uns alle zu Dee gerufen. Nachher mehr.

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Später. Wir haben Alex‘ Eltern (Alex‘ Vater ist ein hohes Tier in der U.S. Army), Alex‘ Bruder (der ebenfalls beim Militär ist) und dessen Frau kennengelernt, ebenso deren Tochter. Sowohl General als auch Captain Martin sind auf derselben Base in Arizona stationiert, und diese Base wurde kürzlich von den Froschlingen angegriffen. Bei diesem Angriff kamen einige Soldaten ums Leben, und eben diese Soldaten folgten dem General jetzt als Geister. Alex‘ Bruder konnte die Geister nicht sehen, dessen Tochter Elaine sah sie aber tatsächlich auch.
Alex lud einen der Soldaten in sich ein, um mit ihm zu reden, erfuhr aber nichts weiter, als dass der Trupp den General, die Zivilisten und das Land beschützen wollten und jetzt dem General folgten, weil er halt der General sei. Daraufhin hatte General Martin die Soldaten explizit aus ihrem Dienst entlassen und Alex sie weitergeschickt, aber einer von ihnen fehlte. Oder genauer gesagt, er verschwand direkt vor Alex‘ Augen, mit einem überraschten Gesichtsausdruck, als habe er nicht damit gerechnet, dass das jetzt passieren würde.
Alex warf einen Blick ins Nevernever, wo der Boden aufgewühlt aussah, als habe dort ein Kampf stattgefunden oder als habe sich jemand gewehrt. Als Alex danach dem Verschwundenen hinterherspürte, stellte er fest, dass der Soldat <em>weg</em> war, komplett fehlte, als sei er von etwas aufgefressen worden.

Als ich das hörte, rief ich kurz bei Bjarki an, um mich nach den Helheim-Touristen zu erkundigen, aber in der Hinsicht konnte Bjarki mich beruhigen. Von dem kleinen Touristentrüppchen ist niemand verschwunden, sondern er hat sie alle wieder wohlbehalten in Helheim abgeliefert, sagte er.
Okay. Das war immerhin schon mal beruhigend.

Alex öffnete uns ein Tor ins Nevernever, weil uns dort ein bisschen genauer umsehen wollten. Aber als wir auf der anderen Seite ankamen, war Totilas nicht mehr bei uns. <em>¿Que demonios?</em>
Während Alex unseren White Court-Kumpel suchen ging, versuchten Edward, Roberto und ich, den Spuren des Geisterfressers zu folgen.
Es war spannend zu sehen, wie im Nevernever die Schutzzauber um Dees Haus einen leuchtenden Wall ergaben und wie auch die magischen Schwellen der anderen Häuser zu sehen waren.
Spuren, denen wir so richtig folgen konnten, gab es keine, aber an der Grenze zu Dees Haus, dort, wo der Schutz begann, lag, halb verborgen im Gras, eine Rabenfeder.

<em>Ay, mierda.</em> Stefania Steinbach. Was um alles in der Welt haben die Denarier-Dämonen mit dieser ganzen Sache zu tun?

Etwas später tauchte Alex mit Totilas im Schlepptau wieder auf, der bei seinem Übergang von einer weiteren Phasenverschiebung erwischt und ein ganz schönes Stück weit weggeschleudert worden war. Alex öffnete uns den Weg zurück, und bei Dee im Haus hielten wir erst einmal Kriegsrat.

Dass es aussieht, als seien die Denarier in die Sache verwickelt, ist mehr als unschön, da waren wir uns alle einig.
Außerdem ist Alex aufgefallen, dass er in letzter Zeit sehr wenige von Adlenes bzw. Jaks Halsbandgeistern in der Stadt gesehen hat. Entweder die haben etwas anderes vor und hängen uns deswegen nicht mehr ständig auf der Pelle, oder sie sind auch irgendwie aus der Stadt verschwunden.

Oh, und Alex hat einen neuen Namen für Adlenes Geister geprägt: „Halsbandsittiche“. Vielleicht nicht unbedingt passend, aber lustig.

20. Oktober

Totilas war zu einem kleinen interfamiliären Therapietermin bei Hilary Anger Elfenbein. Eigentlich sind beide Probleme, die er zuletzt hatte, die Phasenverschiebung und die gekappte Verbindung zu seinem Dämon, ja zumindest im Ansatz erledigt: In Sachen Phasenverschiebung hat ja unser Ritual die Heilung eingeleitet, und es wird jetzt einfach noch eine Weile dauern, bis die letzten Reste davon verschwunden sind, und zu seinem Dämon hat unser Kumpel inzwischen ja auch wieder Kontakt. Aber trotzdem wollte er die beiden Themen bei der White Court-Therapeutin einmal ansprechen, um ihre Meinung darüber zu hören. Und vielleicht hat sie ja noch Ideen, wie man Totilas‘ Heilung beschleunigen kann.

Wie man die Heilung beschleunigen könnte, wusste sie nicht, aber sie warnte Totilas, dass sein Dämon, oder besser, die mangelnde Kommunikation mit ihm, der ständige Zweikampf zwischen den beiden Persönlichkeiten, Totilas dem Dämon und Totilas dem Nicht-Dämon, ein Problem werden könnte. Also ein noch größeres Problem, als es das ohnehin schon ist.

Totilas sagte, auf diese Bemerkung hätte er Hilary überrascht gefragt, ob das denn auch anders ginge, und sie habe erklärt, in ihrem Bekanntenkreis sei er der einzige White Court, bei dem das so sei. Bei ihr selbst zum Beispiel äußere sich ihr Hunger nicht als eigene Persönlichkeit, sondern als Instinkte, denen sie eben nicht nachgebe. Der Hunger sei einfach eine weitere Seite ihres Selbst – sie habe ihn nicht so verpersönlicht, wie Totilas das tue, und er Hilarys Hunger spreche nicht mit ihr.
Warum das bei Totilas so sei, könne sie nicht sagen, aber als Therapeutin könne sie ihm sagen, dass dieser innere Konflikt ihm irgendwann noch ganz gehörig um die Ohren fliegen könne.

Indessen hatte Edward auch ein Treffen, und zwar mit seiner Nachfolgerin beim SID, der neu zum Lieutenant beförderten Allison Townsend. Was sie genau besprochen haben, erzählte Edward nicht im Detail, aber er hat ihr reinen Wein eingeschenkt. Denn das Ende vom Lied war, dass Allison bei ihm zumindest die Grundzüge der Magie lernen will – und Edward will ihr Miami vorstellen.

Wobei. <em>Den</em> Austausch hat Edward tatsächlich detailliert wiedergegben. Es ging wohl darum, dass er irgendwann zu Allison sagte, er beschütze Miami, und das könne er außerhalb der Polizei besser als darin. Darauf fragte Allison, ob er ein Mandat von der Stadt habe, und Edward antwortete: „Ja, das habe ich tatsächlich.“
Darauf Allison, ironisch: „Die Stadt ist zu dir gekommen und hat gesagt ‚beschütz mich‘?“
Und Edwards Antwort: „Andersrum. Wir haben gesagt, wir wollen das, und sie hat gesagt: ‚Macht mal.’“
Und deswegen will Allison jetzt Miami kennenlernen. Ich bin gespannt, wie sie für sie aussehen wird.

Und noch ein Gespräch, von dem ich allerdings auch nur die groben Grundzüge weiß: Alex hat mit seiner Nichte über Magie und das Sehen von Geistern und all das gesprochen. Offenbar hat Elaine das Zweite Gesicht, sagte Alex, und hat schon einige Erinnerungen unauslöschlich eingebrannt bekommen. Er hat ihr erzählt, dass man dagegen angehen kann, indem man versucht, auch und gerade schöne Eindrücke mit der <em>Sight</em> zu betrachten, um ein gewisses Gegengewicht zu den schlimmen Bildern zu erreichen, und er hat Roberto gebeten, dem Mädchen beizubringen, wie man das Zweite Gesicht kontrolliert und verhindert, dass es ungewollt anspringt.

23. Oktober

Ich habe wegen der Aktion letztens in der Mall nochmal mit Halfðan geredet. Das ist soweit erstmal alles geklärt, und Halfðan hat versprochen, dass seine Leute und er ruhig bleiben werden, wenn weitere Touristen aus Helheim auftauchen (und das werden sie mit ziemlicher Sicherheit, glaube ich), aber da ist ja noch das, was Bjarki sagte und was Halfðan mir jetzt bestätigte. Die Einherjar aus Heorot sind wirklich desertiert, wenn man es sich so überlegt: Eigentlich sollten sie ja in Walhalla auf Ragnarök warten, also das Ende der Welt gemäß der nordischen Mythologie, wenn es gemäß dieser Mythologie zum Krieg gegen die Frostriesen kommen soll. Nun haben sie alle den Marvel-Film „Thor: Ragnarök“ gesehen, aber das zählt ja wohl nicht. Und überhaupt kommen in dem Film viel zu wenige Einherjar für ihren Geschmack vor.
Aber das nur nebenbei. Aus dem Gespräch wurde jedenfalls eines für mich klar. Ich sollte definitiv Odin finden und den Zustand offiziell machen, bevor Odin uns von sich aus findet.

26. Oktober

Kriegsrat heute.

Roberto hat erzählt, dass Oshun inzwischen mehr mehr mit Shango zusammen ist, was einen Vorteil und einen Nachteil hat. Der Vorteil: Die Orisha rückt Roberto jetzt nicht mehr so auf die Pelle und geht ihm etwas weniger auf die Nerven; der Nachteil: Dafür bringt sie Shango jetzt gelegentlich mit zu Roberto, und dann hat er sie beide am Hals.

Totilas hatte mit Marshal, Cherie und Vin eine Unterredung über Rory McCormac und die Familienhistorie der Raiths bzw. über den ersten White Court-Vampir. Dabei fragte er, ob seine drei Verwandten wüssten, was passiere, wenn ein White Court den Dämon eines anderen in sich aufnehme. Ob das überhaupt ginge und wie sich das äußere. Marshal habe gesagt, das sei möglich, das habe er schon getan, und das mache einen stärker. Totilas fragte Marshal ganz direkt, ob es möglich sei, dass er den Dämon von Ruairidh MacCormac in sich trage, was der nicht wusste, es aber nicht glaube. In dem Gespräch kristallisierte sich heraus, dass Ruairidh MacCormac eigentlich vermutlich der erste Weiße König gewesen sein dürfte, und wer dessen Essenz in sich aufgenommen habe, müsste eigentlich ziemlich stark sein.

Nachdem Totilas uns von dem Gespräch berichtet hatte, erzählte ich von meinem Einherjar-Problem. Ich erzählte auch, dass Bjarki angeboten habe, Loki auf die Sache anzusetzen und ihn zu bitten, Odin zu mir zu schicken, dass ich das aber lieber vermeiden würde, weil mir das nicht ganz geheuer sei.
„Ich würde Loki nicht mal trauen, wenn er sagen würde, der Tisch ist blau“, stimmte Totilas mir zu. „Aber wir könnten Odin ein Geschenk oder eine Gabe darbringen, um ihn milde zu stimmen.“
„NEIN.“ Anzuerkennen, dass eine metaphysische Entität existiert, ist eine Sache. Sie anzubeten – und ein Geschenk oder eine Gabe wäre genau das – ist eine ganz andere, und das kommt nicht in Frage.
„Dann eine Audienz vielleicht? Eine Audienz hat mit Religion nichts zu tun.“
Hmmm. Na okay. Eine Audienz würde gehen, schätze ich.

Es gibt da ja in der nordischen Mythologie diesen Heimdall, der angeblich alles hört und sieht, was so passiert. Also blickte ich irgendwo in die Luft hinter den Jungs, räusperte mich und sagte: „Ähm, Heimdall? Hier ist Ricardo Alcazár aus Miami, Florida. Seid gegrüßt. Ich, ähm, würde gerne mit Odin sprechen, wenn sich das irgendwie machen lässt.“

Ja, ich weiß. Super-wortgewandter Schriftsteller und all das. Haha. Keine blöden Sprüche bitte, Römer und Patrioten. Eine direkte Antwort kam natürlich keine. Aber die hatte ich auch nicht erwartet. Ich bin nur mal gespannt, ob überhaupt irgendwann eine Reaktion kommen wird.

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