Miami Files – Small Favors 4

12. November

Heute nacht habe ich mit George gesprochen. Also nicht einfach nur gesprochen, sondern ich hatte ein Anliegen an ihn. Denn Hurricane sagte gestern bei dem Gespräch, er könne zwar ein Schiff besorgen, auf das alle Streiter des Winters passen, aber das sei nicht in der Lage, rückwärts gegen den Wind zu kreuzen, wie man es muss, um die Insel der Jugend zu erreichen. Dafür braucht es ein anderes Schiff. Dazu muss also wieder George ran, und darum habe ich ihn heute nacht im Traum eben gebeten. George erklärte, das könne er arrangieren, aber nur gegen einen Gefallen. Tssss. Aber gut. Schulde ich meinem Traumfresser-Freund eben einen Gefallen. Wenn ich das mal nicht bereuen werde.

Hurricane sagte gestern auch, er werde sich melden, sobald er alles organisiert habe. Er stellte aber auch schon in Aussicht, dass das heute mindestens den größten Teil des Tages dauern könnte.
Also hatte ich genug Zeit, um Alejandra über das Wochenende zu meinen Eltern zu bringen und Yolanda wegen Enrique einzuweihen. Also nicht nur, dass er ein Kojanthrop ist, sondern auch, dass er Jandra vielleicht holen kommen wollen könnte. Sie versprach, die Situation im Auge zu behalten und falls Enrique auftauchen sollte, die Dinge zumindest so weit zu verzögern, bis ich wiederkomme und das selbst mit ihm klären kann.

Ansonsten bereiteten Edward und ich einige Feuerschutztränke zu. Edward ist ja ohnehin ziemlich gut in Alchimie; ich selbst habe da ja nicht so viel Erfahrung, aber Eileen konnte mir ein bisschen unter die Arme greifen, wie ich die Sommermagie in mir auch für diesen Zweck nutzen kann. Ich glaube zwar trotzdem, dass Edwards Tränke wirkungsvoller sind, aber jedes bisschen hilft, wenn es gegen Lady Fire geht, wenn ihr mich fragt. Edward gab einen seiner beiden Tränke an Totilas weiter; ich selbst teilte meine Ausbeute mit Roberto. Der wiederum braute in der Zeit zwei Tränke, mit denen man Veils und sonstige Maskierungen durchschauen kann. Das kann sicherlich auch nichts schaden.

Eben hat Hurricane angerufen und den Startschuss gegeben. Treffen in einer Stunde am Hafen. Und los geht’s.

Irgendwann nachts.

Wir sind zurück. Wir sind am Leben.

In der Stadt hat eine Leuchtanzeige behauptet, es sei der 16. November. Das kann eigentlich nicht sein – wir waren doch keine vier Tage weg? Aber ich kann und mag darüber jetzt nicht nachdenken, sondern ich muss erstmal schlafen. Vier Tage waren es zwar nicht, aber trotzdem lang, und… puh. Mag jetzt nicht drüber nachdenken.

Muss schlafen.

16. November

Es ist tatsächlich der 16. November. Irgendwie ist uns im Nevernever die Zeit durcheinander gekommen. So ungewöhnlich ist das ja nun tatsächlich nicht. Und wenigstens ist dadurch jetzt der Supermond vorüber. Jetzt nur noch die letzten Auswirkungen bis zum nächsten Vollmond aushalten, aber zumindest das Schlimmste dürfte vorbei sein.

Dann kann ich ja jetzt aufschreiben, was alles passiert ist. Für den Rest des Tages habe ich ja nichts groß vor.

Wir trafen uns am Hafen, an einem Pier, das es eigentlich gar nicht geben dürfte und zu dem man nur mit einer etwas verqueren Wegfindung kam. Dort wartete Hurricane mit einem alten Segelschiff auf dem bereits Lord Frost und zwei Sturmriesen warteten. Die ebenfalls versprochenen Kelpies schwammen um das Schiff herum. Totilas machte ein erschreckend interessiertes Gesicht bei dem Anblick der pferdeartigen Fae – den musste ich erstmal an sein Versprechen erinnern. Oder besser: an mein Versprechen. Denn ein Sommerritter mit Eidbrecheraura wäre wirklich nicht gut. „Ich werde deinen Eid achten“, gestand mir Totilas beinahe huldvoll zu, als ich ihn daran einnerte, was mir ein etwas sarkastisches „Danke“ entlockte.

Die zwei Sturmriesen, die auf die völlig un-sturmriesischen Namen Juan (der mit den Haaren) und Pepe (der ohne) hörten, waren allergisch auf Sommer und mussten ständig niesen, wenn ich in ihre Nähe kam. Außerdem fanden sie, ich röche komisch. Also hielt ich mich lieber von den beiden fern, während Edward kurz mit ihnen redete. Die Quintessenz aus dem Gespräch war, dass Edward meinte, er wolle sich lieber nicht mit den beiden anlegen, woraufhin die ihn als „vernünftigen Mann“ betitelten.

Vom Pier aus fuhren wir ins Nevernever, wo wir George trafen. Er hatte ein passendes Schiff aufgetan, auf das wir jetzt alle umstiegen, auch die Kelpies (die den Laderaum besetzten).
Unterwegs erzählte Lord Frost uns auch ein bisschen was über das Verhältnis zwischen ihm und Lady Fire. Wie die meisten hohen Fae, oder besser, wie diejenigen, die eher einen Titel als einen eigenen Namen tragen, waren beide früher einmal Menschen, und beide sind auch nicht die ersten Träger ihres jeweiligen Amtes. Denn früher oder später kommt es zwischen diesen beiden Gegenpolen zum Kampf, und während die Konfrontationen zwar nicht immer tödlich ausgehen, ist das doch durchaus keine Seltenheit. Und wenn einer der beiden stirbt, dann geht das Amt auf denjenigen vom Temperament her passenden Menschen über, der sich am nächsten befindet. Das Paar ist immer ein Lord und eine Lady, aber nicht notwendigerweise immer Lady Fire und Lord Frost. Das Verhältnis kann sich aber nur umkehren, wenn sich in ihrem Kampf beide gegenseitig töten, was im Laufe der Zeit auch schon gelegentlich vorgekommen ist.

Auf dem Weg zur Insel der Jugend überlegten wir, wie wir mit Lady Fire und Vanguard umgehen würden, wenn wir sie dort trafen. Lady Fire müssten wir natürlich aufhalten, aber Vanguard auch? Wenn wir uns ihm aktiv in den Weg stellen würden, dann hieße das, uns aktiv und sehenden Auges James Vanguard aktiv als Gegner aufzuhalsen. Wollten wir das? War das, was er plante, so schlimm? Oder anders herum, was bedeutete es, ganz neutral betrachtet?
Eigentlich wäre es nicht so schlimm, befanden wir. Eigentlich steht Vanguard, wie wir auch, für Sicherheit und Stabilität in Miami. Und er und seine Leute sind keine Verbrecher. Eigentlich verfolgen wir dieselben Ziele, und wir hätten ihn eher ungern als Gegner. Deswegen beschlossen wir, ihm durchaus zu helfen – oder ihn zumindest nicht aktiv behindern.

Als wir uns langsam der Insel näherten, uns aber noch außer Reichweite befanden, erklärte Lord Frost, er könne Lady Fire spüren – sie befinde sich nicht direkt am Strand, wo wir einiges an Bewegung sahen, sondern weiter hinten auf der Insel, und als er den Ort beschrieb, erkannten wir ihn als den Ritualplatz, wo sie beim letzten Mal auch schon ihr Ritual hatte abhalten wollen.
Vielleicht wäre es also sinnvoll, wenn wir nicht am großen Strand anlegen würden, wo wir das letzte Mal geankert hatten, sondern gleich zu einer der Buchten auf der anderen Seite der Insel segeln würden? Dann wären wir näher an dem Ort, wo wir hinwollten, und müssten uns außerdem nicht durch die potentiellen Gegner am Hauptstrand kämpfen.

Wir waren noch dabei, das zu besprechen und zu überlegen, wie wir überhaupt vorgehen wollten, da schaltete Lord Frost sich ein.
„Seid ihr sicher, dass es eine gute Idee ist, wenn wir hier kämpfen? Das würde der Insel alles andere als guttun.“
Nein. Natürlich war es keine gute Idee, das war uns auch klar. Wenn diese beiden Urgewalten ihre Kräfte hier aufeinander losließen, dann würde das die Insel noch viel mehr belasten, als sie das ohnehin schon war. Am besten wäre es also, wenn Lord und Lady ihren Konflikt entweder anderswo austragen könnten – oder wenn es vielleicht gar nicht zum offenen Ausbruch von Feindseligkeiten käme. Vielleicht konnten wir die Sache ja tatsächlich doch irgendwie mit Reden beilegen; zumindest solange, bis wir von der Insel herunter waren.
Als wir das beschlossen hatten, war auch klar, dass wir eigentlich auch offen hinsegeln und am Hauptstrand anlegen konnten, statt irgendwie zu versuchen, uns unbemerkt anzuschleichen.

Dort am Strand lagen auch jetzt einige Schiffe vor Anker. Zwei Segler trugen das Emblem von Lady Fire, eine stilisierte Flamme, während das dritte ein Motorboot war, an dem man irgendwie ein Segel und einen Ventilator angebracht hatte. Sommerritter hin, Sommerritter her, mit konventioneller Magie kenne ich mich ja immer noch nicht so richtig aus, aber sogar ich konnte sehen, dass da richtig viel Magie hineingepumpt worden sein musste, weil dieses Konstrukt anderenfalls nie funktioniert hätte, um das Schiff rückwärts gegen den Wind kreuzen zu lassen, auch im Nevernever nicht. Normalerweise hätte das nie so funktioniert. Und tatsächlich erklärte Alex, für ihn fühle die Konstruktion sich richtig falsch und ungut an.

Da wir es ja erst einmal mit Diplomatie versuchen wollten, ließen wir die Kräfte des Winters vorläufig an Bord unseres Schiffes und beauftragten sie, nur dann einzugreifen, wenn es Ärger gäbe oder wir sie rufen würden. Hurricane wirkte fast ein bisschen enttäuscht und erklärte, die drei Gefallen der Jungs seien damit aber trotzdem eingelöst, auch wenn es nicht zu einer Auseinandersetzung kommen würde. Natürlich seien sie das, versicherte ich ihm – und überdies war es auch durchaus möglich, dass die Situation schneller eskalieren würde, als man sich umsehen konnte, und doch noch in einen Kampf münden würde.
Als wir von Bord gingen, wurden wir von Robertos altem Freund Sir Kieran, einem weiteren Sidhe-Ritter und drei Feuerwichteln empfangen. Auch Colin, mein Vorgänger, der Lebenswasserdieb, war anwesend, hielt sich allerdings auffällig im Hintergrund. Sir Kieran sah verbraucht aus, ausgemergelt und hager, mit stumpfen Haaren und den Augen tief in den Höhlen. Ich war mir nicht ganz sicher, woran das wohl liegen mochte – entweder, jemand hatte ihm die Lebenskraft abgezogen, oder wurde auch sein Eidbrecherstatus auf diese Weise sichtbar.
„Was wollt ihr?“ herrschte Sir Kieran uns an, und irgendwie ergab es sich, dass ich doch wieder das Reden übernahm.
„Wir wollen mit Lady Fire und mit James Vanguard sprechen.“
„Wer seid ihr denn?“ fragte der fremde Sidhe.
„Das sind die schönen Männer“, spottete Sir Kieran, was mich seufzen ließ. „Wir sind die Ritter von Miami.“
Sir Kieran starrte uns finster an. „Kommt ihr in Frieden oder was?“
„Sieh es mal so“, antwortete ich. „Wir haben Winter fürs Erste an Bord gelassen. Erst einmal sind wir hier, um zu reden. Ob und inwieweit sich das ändert, wird davon abhängen, mit welchen Reaktionen wir hier empfangen werden.“
„Also was wollt ihr?“
Ich seufzte wieder. „Wir wollen mit Lady Fire und mit James Vanguard sprechen.“

Sir Kieran schickte einen der Wichtel los, er solle ‚der Herrin‘ die Nachricht überbringen. Ob sie daraufhin tatsächlich kommen werde, müsse sie selbst entscheiden.
Aber sie kamen, sowohl sie als auch Vanguard, in Begleitung einer ganzen Entourage von Sidhe-Rittern, und wieder war ich es, der für unsere Gruppe das Wort ergriff, sobald die beiden vor uns standen. Ich sprach vor allem zu Vanguard, erklärte ihm, dass wir ihn nicht hindern wollten, im Gegenteil, ihm sogar sogar helfen würde, er solle sein Ritual nur bitte, bitte nicht hier abhalten, weil das die Insel nur weiter schwächen würde und die Insel weitere Schwächung so gar nicht brauchen könne.
Als ich meinen kleinen Vortrag gehalten hatte, wandte Lady Fire sich zu Vanguard und sagte mit zuckersüßer Stimme: “Glaub ihm nicht, James, er lügt. Er will nur seine eigene Macht verstärken, will die Macht der Insel für sich selbst nutzen.”
“Das will ich nicht”, warf ich ein, und auch Edward wandte sich an Vanguard. “Von Lykanthrop zu Lykanthrop: Haben wir dich je über den Tisch gezogen?”
“Er lügt”, wiederholte Lady Fire, und ich schüttelte wieder den Kopf.
“Ich lüge nicht”, erklärte ich ihr eindringlich. “Wie kann ich dich nur davon überzeugen?”

Aber während ich es noch aussprach, erkannte ich, dass Lady Fire ganz genau wusste, dass ich die Wahrheit sagte. Mit ihrer Behauptung, ich wolle meine Macht vergrößern, log sie also wissentlich selbst. Und das war eine verdammt spannende Frage. ¿Por qué demonios konnte sie als Fee lügen? Sie trug auch das Eidbrecherzeichen nicht mehr, fiel mir auf, genausowenig wie zwei ihrer Ritter. Diese beiden sahen auch nicht so verlebt und angeschlagen aus wie Sir Kieran.

Sobald ich wusste, dass Lady Fire log, wusste ich auch, dass ich gar nicht versuchen musste, sie zu überzeugen. Also konzentrierte ich mich lieber auf James Vanguard und versuchte, ihn dazu zu bringen, sein Ritual nicht auf der Insel durchzuführen, auch wenn Lady Fire zischte, wir seien ihr immer in die Quere gekommen, hätten immer ihre Pläne vereitelt, und auch wenn sie nochmals wiederholte, wir wollten doch nur mehr Macht für uns.
Ich legte mich mächtig ins Zeug, und tatsächlich sah Vanguard so aus, als sei ich zu ihm durchgedrugnen und als fange er an zu zweifeln, aber dann erklärte er, er habe mit Lady Fire eine Vereinbarung getroffen, den könne er nicht einfach brechen. Er habe jetzt schon angefangen, seinen Teil der Abmachung zu leisten, als Preis für Lady Fires Hilfe ihr ebenfalls zu helfen, und er könne da jetzt nicht mehr raus.
Was für eine Hilfe Vanguard leiste, wollte ich wissen, und der Security-Mann grinste. “Den schönen Männern Ärger machen.” “Oho?” Ja, führte Vanguard aus, oder ob uns etwa noch nicht aufgefallen sei, dass da plötzlich ein Bruder aufgetaucht sei? Ein Bruder plötzlich ausgebrochen?
“Ach, das waren Probleme?” sagte Edward leichthin, woraufhin Lady Fire ihn wütend anfunkelte. Das kümmerte Edward nur wenig. “Wobei eigentlich helfen?” fragte er Vanguard, und der grinste wieder knapp. “Na bei meinem Plan.” “Klar bei deinem Plan”, knurrte Edward, “aber was für ein Plan ist das genau?”
Sehr offen bestätigte der Security-Mann daraufhin genau das, was wir uns beinahe schon gedacht hatten: Dass er das Biest rufen und besiegen wolle, damit er es ab dem Moment kontrolliere statt anders herum. Dann werde er sich an Vollmond besser unter Kontrolle haben und seine Kräfte auch außerhalb des Vollmonds einsetzen können.

Wie gesagt, das hatten wir uns ja schon ungefähr so gedacht. Und grundsätzlich war es ja auch eigentlich gar keine schlechte Idee, das Ritual auf der Insel der Jugend abzuhalten, weil die Insel ja als Anker und der Stabilisierung dient und das, was Vanguard vorhatte, ja sein Biest stabilisieren oder besser: Vanguards Kontrolle über sein Biest stabilisieren sollte. Wenn nur dieses grobe Missverhältnis durch die Anwesenheit des Sommers nicht wäre. Diese fortwährende Schwächung der Insel.

“Okay”, lenkte ich ein, “dann brechen Sie Ihre Abmachung mit Lady Fire eben nicht, verdammt. Ich sehe ja ein, dass es ein Deal ist und gehalten werden muss. Aber machen Sie das Ritual bitte, bitte nicht hier!”
Tatsächlich sah es so aus, als überlege Vanguard noch einmal, und ich dachte schon, ich hätte es geschafft, aber das war der Moment, in dem Lady Fire “Das muss aufhören!!” schrie und ein flammendes Inferno auf uns herabrief.

Na gut. Das war übertrieben. Nennt es künstlerische Freiheit, Römer und Patrioten. Was Lady Fire auf uns losließ, war kein Inferno. Aber es war auch nicht einfach ein Feuerball, wie Feu Buca sie verschossen hatte. Es war eine Flammenwalze, und wenn wir nicht hätten ausweichen können, dann hätten uns vermutlich nur unsere Feuerschutztränke gerettet, wenn überhaupt. Aber wir konnten ausweichen, auch James Vanguard, der seiner Verbündeten offensichtlich in diesem Moment völlig gleichgültig war – nur Totilas, der am ungünstigsten stand, wurde ein bisschen angesengt, aber glücklicherweise ist er derjenige von uns, der so etwas am ehesten vertragen kann.

Lady Fires Angriff war das Zeichen für den Kampfbeginn ganz allgemein. Unsere Winterkräfte kamen vom Schiff – Lord Frost ganz stilsicher mit einer Eisbrücke, die er vom Deck zum Ufer formte, während die Sturmriesen einfach über die Reling stiegen und die Kelpies aus dem Laderaum strömten. Am Ufer ging Lord Frost natürlich sofort in den Zweikampf mit Lady Fire. Juan und Pepe nahmen es mit den Feuerwichteln auf, und die Kelpies stellten sich den Sidhe in den Weg, während die beiden Ritter ohne Eidbrecherzeichen sich auf Edward und mich stürzten.

Sir Kieran wollte sich auf Roberto werfen, aber Totilas ging dazwischen – und dann verfiel er für ein paar Sekunden in eine Art Starre, als horche er nach innen und sei komplett abgelenkt. Ich kannte das: So sieht Totilas aus, wenn er mit seinem Dämon redet. Ich war selbst zu beschäftigt, um es genau zu verfolgen, aber ich glaube, dieses kurze Zögern reichte aus, damit unser White Court-Freund ein paar Schnittwunden abbekam, die ihn dann allerdings auch wieder aus seiner Starre rissen.

Während sein Gegner noch auf ihn zustürmte, versuchte Edward, Lady Fire ins Wasser zu werfen, aber so einfach war das natürlich nicht. Für ein so zierliches Persönchen – aber ja, natürlich, übernatürliche Feenkräfte in der zarten Gestalt – konnte sie erstaunlich gut dagegenhalten und blieb am Strand.

Alex, der sich vermutlich dachte, er könne hier im Kampf ohnehin nichts ausrichteh, zog sich in Richtung Ritualplatz zurück, gefolgt von Colin, wie ich aus dem Augenwinkel sehen konnte. Colin hätte ich am liebsten aufgehalten, aber das musste warten. Denn vielleicht konnte ich die Chancen ein klein bisschen zu unseren Gunsten verbessern.

Ich war ja ohnehin schon dabei, Jade zu ziehen, weil dieser Ritter auf mich zugestürmt kam. Jetzt erhob ich die Sommerklinge, so dass alle sie gut sehen konnten, und rief: “Haltet ein!” Und, Wunder über Wunder, für einen Moment stoppten sie tatsächlich, zumindest die Ritter. “Haltet ein!” wiederholte ich. “Wenn ihr an Pans Hof zurückkehren wollt, dann legt die Waffen nieder!”
Den beiden Sidhe, die kein Eidbrecherzeichen mehr trugen und die gerade auf Edward und mich zustürmten, war das Angebot herzlich egal. Aber die anderen Ritter brachte es kurz zum Nachdenken, und immerhin streckten zwei von ihnen tatsächlich die Waffen. Sie zogen sich zurück und hielten sich aus dem Kampf heraus, während die anderen sich nach dem kurzen Moment des Innehaltens nun doch ins Getümmel stürzten. Und irgendwie gelang es mir sogar, den Kelpies klar zu machen, dass sie die beiden Zögerer bitte in Ruhe lassen sollten, bevor mein Gegner mich erreicht hatte und ich zum ersten Mal ernsthaft zeigen konnte, was die ganzen Schwertkampfübungen mit Elaine des letzten Jahres so gebracht haben.

Da ich noch am Leben bin, um das hier aufzuschreiben: gar nicht so wenig. Ich konnte mich meines Feenritterss tatsächlich einigermaßen erwehren und ihn sogar besiegen, auch wenn ich einen eher unschönen Schwerthieb quer über die Hüfte abbekam, als dazu einen vernachlässigbaren Kratzer am Arm. Edward ging es ganz ähnlich: Er wurde verwundet, konnte seinen Gegner aber ausschalten, während Totilas Sir Kieran niederschlug.

Und jetzt… brauche ich eine kleine Pause, glaube ich. Ich könnte mir etwas zu essen machen. Oder Kaffee kochen. Oh, und ‘Jandras Hausaufgaben mit ihr durchgehen. Genau. Guter Plan. Weiterschreiben… Nachher. Wenn ich ein bisschen Mut gesammelt habe.

Später. Gefüttert, getränkt, Hausaufgaben angeschaut. Kaffeebecher neben mir. Keine Ausreden mehr, Alcazár.

Während wir mit unseren jeweiligen Gegnern beschäftigt gewesen waren, hatten Lady Fire und Lord Frost allmählich aufgedreht, und als wir jetzt Zeit hatten, hinzusehen, fiel uns erst so richtig auf, wie sehr. Sie beharkten einander immer stärker, und das tat der Insel überhaupt nicht gut. Von der Hitze ihrer Feuerwalzen verglaste der Sand, und von der Kälte seiner Eiswellen knackte der Boden. Wenn das so weiterginge, bliebe von der Insel nichts, rein gar nichts, mehr übrig, das als Anker dienen könnte. Wir mussten die beiden von der Insel herunterholen, irgendwie. Nur wie?

Während des Kampfes hatte Lady Fire sich vom direkten Ufer weg und auf die Klippen ein Stückchen landeinwärts zubewegt. Jetzt machte sie Anstalten, dort hinaufzusteigen – und zwar nicht etwa kletternd die Felsen hoch, wie man das erwarten würde. Nein, wir reden von Lady Fire: Sie erhitzte einfach die Luft unter sich und schwebte auf diesem Polster nach oben.
Totilas warf seine übermenschliche Schnelligkeit an, um vor der Lady oben auf der Klippe zu sein, und dank Supermond war Edward nur knapp hinter ihm. So, wie sie sich oben positionierten, wollten sie Lady Fire von der Insel bugsieren, also rief ich von unten einen Sommerwind, der von der Insel weg in Richtung Meer wehte und den Totilas und Edward nutzen konnten, als die Lady oben ankam und die beiden sie mit einem kräftigen Tritt seitens Totilas und einem mächtigen Fausthieb seines Edwards gen Ufer trieben. Tatsächlich landete die Lady zwischen Lord Frost und dem Meer, und im weiteren Verlauf des Kampfes gewann Lord Frost immer mehr die Oberhand. Die Lady bewegte sich in einem Rückzugsmanöver seitwärts am Ufer entlang – denn vor sich der Winterfae, hinter sich das Meer, das konnte ihr beides nicht gefallen, und es wurde mehr als deutlich, dass sie nicht bereit war, das Wasser zu betreten.

Vanguard rief irgendwas von wegen, es sei keine Zeit mehr, und eilte mit Edward und Totilas los in Richtung Ritualplatz. Ich hingegen war immer noch der festen Überzeugung, dass die beiden Kämpfer von der Insel herunter mussten, also folgte ich stattdessen den beiden Fae. Sie mussten von der Insel runter, und… Und vielleicht gab es ja doch noch eine Chance. Einen allerletzten Versuch musste ich wagen. „Ich wollte doch das alles nie!“ rief ich ihr zu. „Können wir das nicht doch noch irgendwie klären?“ Kurz hielt Lady Fire inne und drehte sich zu mir. „Du hast mir das Herz gebrochen!“

Und dann…

Mierda. Ich brauche noch einen Kaffee, glaube ich. Oder einen Schnaps. Egal, dass es Nachmittag ist. Gleich wieder da.

Auf, Alcazár. Führt ja kein Weg daran vorbei.

„Du hast mir das Herz gebrochen“, rief Lady Fire und starrte mich dabei wutentbrannt an. Und dann…
„Technisch gesehen war ich das“, sagte Lord Frost ungerührt und…
…und durchbohrte sie mit einer Eislanze.

Lady Fire brach zusammen. Ich rannte zu ihr, fiel neben ihr auf die Knie. Unter der braunen Haut war sie bleich geworden, trüb die Flammen ihrer Augen. Die Eislanze in ihrer Brust war ein entsetzlicher, unendlich falscher Fremdkörper. „Es tut mir so leid“, stammelte ich, „das wollte ich alles nicht…“ „Ich hätte das alles nicht tun können, wenn du mir nichts bedeuten würdest“, wisperte Lady Fire. „Aber…“ – meine Stimme war auch nicht lauter als ihre – „warum?“ “Du hast mir das Herz gebrochen, und dann bin ich meinen Weg gegangen, und jetzt sind wir beide hier…” Ich bekam kein Wort heraus, fasste nur nach ihrer Hand. “Erzähl mir eine Geschichte…” Ich hielt ihre Hand fester, und meine Stimme war so erstickt, man sie kaum verstehen konnte. Aber doch laut genug. Laut genug für sie und für mich. “Es war einmal… eine wunderschöne Feenlady…”

Ich weiß nicht, wie lange ich dort neben ihr im Sand kniete, sie in den Armen hielt und mit Tränen in den Augen meine Geschichte für sie spann. Ich saß auch weiter da und hielt sie fest, als das Leben schon längst aus ihr entwichen war. Hielt sie fest, bis ihr Körper irgendwann in meinen Armen zu Asche zerfiel.
Auch nachdem Lady Fire nicht mehr war, saß ich noch lange reglos dort. Lord Frost hatte sich zurückgezogen, schon ganz am Anfang, gleich nach dem tödlichen Schlag. Aber das hatte ich kaum registriert.
Ich habe auch keinerlei Erinnerungen mehr daran, was ich ihr eigentlich erzählt habe. Das will ich auch gar nicht. Diese Geschichte war für Lady Fire, und für Lady Fire allein, und dass die Worte mit ihr vergangen sind, das fühlt sich seltsam passend an.

Irgendwann, ich weiß nicht, wieviel später, rappelte ich mich auf und stolperte los, um die anderen zu suchen. Am Landeplatz der Schiffe stieß ich auf Edward und seine Mutter, die gleichzeitig völlig erschöpft, verwirrt und aufgedreht wirkte. Und täuschte ich mich, oder zuckten Flammen in Marie Parsens Augen? Tatsächlich täuschte ich mich nicht. Mit Lady Fires Tod war das Amt der Lady auf den nächsten passenden weiblichen Menschen übergegangen, und das war Marie. Ihre so plötzlich erworbenen neuen Fähigkeiten überwältigten und überforderten Mrs. Parsen vollkommen, und sie musste sie herauslassen, und zwar gleich, aber eben nicht hier, nicht auf der Insel der Jugend. Also wollte Edward seine Mutter auf die nächstgelegene Insel bringen, auf die von Alex so treffend benannte “Kollateralschadeninsel”, wo Lady Fire – die vorige Lady Fire, meine Lady Fire – beim letzten Mal auch schon größere Teile des Bewuchses in Brand gesteckt hatte – damit sie dort in Ruhe ihren Ausbruch haben konnte.

Am Ufer sah Mrs. Parsen ganz erstaunt auf das Meer hinaus und zischte etwas davon, dass das Wasser ihr auf einmal so unsympathisch sei. Ein Schiff entfernte sich gerade; an Deck stand Lord Frost und winkte seiner neuen Konkurrentin ganz leger zu – offensichtlich gibt es eine gewisse Zeit der Ruhepause oder Waffenstillstand oder wie man es nennen will nach einem Wechsel des Lords oder der Lady. Aber er war Marie jedenfalls auch auf Anhieb unsympathisch, was sie wunderte, weil sie den Mann ja noch nie im Leben gesehen hatte. Also verbrachten wir die Überfahrt zur Kollateralschadeninsel damit, ihr so gut wie möglich ein bisschen was über ihre neuen Umstände zu erklären. Dank ihrer Beziehung zu Antoine und ihrem Wissen um das Übernatürliche war es weniger ein Problem, sie dazu zu bringen, dass sie es glaubte – aber überwältigend war das Wissen um die Tatsache, dass sie nun eine mächtige Sommerfee ist, die sich einen ewigen Kampf mit ihrem Gegenpart von Winter liefern muss und irgendwann von ihm umgebracht werden wird, wenn sie ihm nicht zuvorkommt, natürlich dennoch.

Während Mrs. Parsen im Inneren der Kollateralschadeninsel versuchte, mit ihren neuen Kräften klarzukommen, erzählte Edward mir, was am Ritualplatz geschehen war. Bei ihrer Ankunft hatten Alex und Roberto dort Sergeant Book brennend und in einer Feuersäule schwebend vorgefunden; Marie, Antoine und Jugend (der sehr kindlich und schwach aussah) lagen gefesselt am Boden. Zwei von Vanguards Leuten waren bei einem in die Erde gebrannten Bannkreis dabei, Dinge für das Ritual zurechtzulegen. Obgleich die Lykanthropen nicht bereit waren, ihre Gefangenen freizugeben, konnten die Jungs sich mit ihnen doch friedlich einigen, und gemeinsam bereiteten sie das Ritual weiter vor. Als Edward, Totilas und Vanguard dann dazukamen, untersuchte Edward erst einmal den Aufbau des Rituals, ob Lady Fire vielleicht eine geheime Agenda eingebaut hatte. Das hatte sie tatsächlich: Der Zauber würde zwar tun, was er tun sollte, und zwar das Biest unter Kontrolle bringen, aber diese Kontrolle sollte auf Lady Fire übergehen, nicht auf James Vanguard. Die Veränderungen am Ritualaufbau konnte Edward aber immerhin nutzen, um Vanguard bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Allerdings brauchte er Roberto dazu, der ihm, wie bei dem Ritual am Lochan Dubh nan Geodh für Gerald, seelisch-magischen Beistand leistete. Als das Biest im Kreis – und zwar durch Alex hindurch, der gewissermaßen als lebendes Portal diente – erschien, erhielt Vanguard denselben seelisch-magischen Beistand von Edward, wie der ihn von Roberto bekam, wodurch er trotz aller Lykanthropenwut seinen menschlichen Intellekt weiterhin nutzen konnte und das Biest somit besiegte. Totilas fing indessen Sergeant Book ab, der mit Lady Fires Tod aus seiner Feuersäule freikam und der ansonsten ohne weitere Umstände auf den gerade kämpfenden Vanguard losgegangen wäre.

Tatsächlich siegte Vanguard und konnte den Zorngeist des Wolfs unter seine Kontrolle zwingen. Sein Erfolg blieb nicht unbemerkt – das wilde Freudengeheul seines Rudels hatte ich sogar in meiner Betäubung unten am Strand undeutlich mitbekommen.

Totilas bekam auch heraus – Edward sagte nicht, wie, aber wenn Totilas auf diese Weise einfach so über eine Information verfügt, dann meistens, weil er sie von seinem Dämon bekommen hat, das weiß Edward ebenso gut wie ich -, dass ein Outsider-Dämon, und zwar die Lady der Verschlungenen Wege, die Begleiterin von Luftballon-Jack, die beim letzten Mal auch auf der Insel war, sich wieder dort aufhielt, und zwar am Jungbrunnen selbst. Das war der Moment, als die Jungs sich trennten und Edward seine Mutter zum Strand brachte, nachdem sie die Gefangenen befreit hatten, während die anderen zum Jungbrunnen gingen. Das heißt, das, was jetzt kommt, habe ich hinterher von den Jungs erzählt bekommen.

Am Brunnen stellte Alex fest, dass irgendwie falsch anmutendes Wasser aus einem, hm, ich nenne es mal Netherriss (ja, ich habe zu viel Arcanos gespielt, dass mir diese Assoziation kommt) floss, der so geschickt im herabbplätschernden normalen Wasser versteckt war, dass man ihn ohne Alex’ besonderes Talent in dieser Richtung wohl kaum hätte bemerken können. Auf der Ummauerung des Brunnens stand für jeden ein Teller mit Kuchen – den rührte aber natürlich niemand an. Während Totilas das falsche Wasser auffing und Alex den Netherriss verschloss, nutzte Roberto einen seiner beiden Schleiertränke, um sich damit einmal umzuschauen. Und tatsächlich konnte er auf diese Weise die Lady der Verschlungenen Wege sehen, die sich im Gebüsch versteckt hatte. Als sie erkannte, dass sie bemerkt worden war, grinste sie Roberto zu und machte eine fragende Geste in Richtung der Kuchenteller. Da niemand reagierte, nahm sie die Kuchenstücke und schob sie sich samt Tellern in den Mund, ließ ein Stück aber draußen, um es Roberto gesondert hinzuhalten. Der schlug ihre Hand weg, und der Kuchen klatschte auf die Erde – wobei er für die anderen mitten aus dem Nichts erschien, weil die ja von der Lady nichts sehen konnten. Nur für Roberto zu erkennen, grinste diese noch einmal und verschwand dann spurlos.
Sowohl das falsche Wasser als auch der zu Boden gefallene Kuchen gingen an Sergeant Book zum Entsorgen. Jugend und seine Insel waren – sind – sehr geschwächt. Book meinte, sie würden sich vielleicht regenerieren, wenn die nächsten 100 Jahre niemand, aber auch wirklich niemand außer ihrem Hüter, die Insel betrete. Aber falls die menschliche Magie irgendetwas hergebe, was beim Stärken der Insel helfen könne, nur zu.
Book war zunehmend gereizt wegen des Wutmondes. Um dessen Wirkung etwas abzuschwächen, wirkte er einen Zauber, der Wolken vor den Mond rief und ein lokal begrenztes Gewitter auslöste.

Diese Verdunkelung des Himmels und das Gewitter drüben über der Insel der Jugend sahen wir auf der Kollateralschadeninsel natürlich auch, während wir darauf warteten, dass Edwards Mutter sich austobte. “Irgendwie romantisch, diese Gewitterstimmung da drüben”, meinte Edward versonnen, aber ‘romantisch’ war das allerletzte Wort auf Erden, das ich in diesem Moment hören wollte. Ich antwortete nicht, sondern grübelte weiter, und so warteten wir schweigend, bis Marie zu uns zurückkehrte.

Wieder zurück auf der Insel der Jugend stellten wir fest, dass George in der Zwischenzeit die Kämpfer des Winters schon wieder nach Hause gebracht hatte. Der Ritter ohne das Eidbrecher-Zeichen, den ich besiegt hatte, war von Hurricane in Gewahrsam genommen und ebenfalls abtransportiert worden. Es lag auch nur noch eines der beiden Feuerschiffe vor Anker; das andere hatten wohl die überlebenden Eidbrecher-Sidhe genommen, Sir Kieran eingeschlossen. Colins Ventilator-Motorboot, das von dieser seltsamen, unguten Magie angetrieben wurde, war ebenfalls verschwunden – das hätten wir uns ja denken können, dass der sich absetzen würde.

Weil Marie Parsen und ihre Feuerwichtel den übriggebliebenen Sommersegler nahmen wollten, brachte George die Vanguard-Leute und uns zurück nach Miami, und auch die reuigen Ritter schlossen sich uns an.
Auf dem Rückweg bat ich George außerdem, er solle in Zukunft die Lady Fire-Träume nicht mehr komplett auffressen. Ja, es mögen Alpträume gewesen sein, und ja, eigentlich war und bin ich meinem kleinen Traumfresserkumpel ja auch dankbar, dass er sie mir die ganze Zeit über erspart hat, aber… Aber. Irgendwie bin ich es ihr und ihrem Andenken schuldig, die Träume ab jetzt zu nehmen, wie sie kommen, und nicht den billigen Ausweg über George zu wählen.

Unsere Wunden waren glücklicherweise alle nicht lebensbedrohlich. Zum Teil hatte es uns schon ziemlich gebeutelt, aber gracias a Dios ging es bei uns allen einigermaßen.

Wie gestern vor dem Schlafengehen schon kurz geschrieben, kamen wir irgendwann mitten in der Nacht wieder in Miami an. Es war tatsächlich der 16. November, hier draußen in unserer Welt waren also einige Tage vergangen, während es im Nevernever nur ungefähr einer gewesen war. Aber wie vorhin auch schon kurz geschrieben, ist damit wenigstens der Supermond vorbei.

17. November

Heute haben wir hin- und herüberlegt, welche Buße Sir Aiden und Sir Fingal, die beiden reumütigen Ritter, wohl tun könnten, damit sie es verdienen, wieder an Pans Hof aufgenommen zu werden.
Wie ich es erwartet hatte, war Pan durchaus damit einverstanden, sie wieder in seine Gegenwart zu lassen, und wenn es nach Pan ginge, dann hätte er sie als Strafe einfach Bier holen geschickt. Der Herzog ist nunmal absolut kein nachtragender Typ. Aber nein. Es muss eine angemessene Sühne sein. Genau das war ja das Problem. Die Sidhe-Ritter hatten, haben, keinerlei Respekt für Pans Hof, genau deswegen ließen sie sich ja von Lady Fire verleiten, ihr zu folgen und Pan zu verraten. Sie haben keinen Respekt für Pans Hof, und genau den muss Pan sich verschaffen – oder besser, ich muss ihn ihm verschaffen, denn ich bin sein Erster Ritter, und der Erste Ritter trägt eine Verantwortung dafür, wie die anderen Ritter bei Hofe ihren Herzog sehen. Weder Colin, noch der cabrón, noch Sir Hortie sind dieser Verantwortung nachgekommen, und um so mehr liegt es jetzt an mir, diese Scharte wieder auszuwetzen.

Totilas schlug vor, den beiden Reumütigen etwas aufzuerlegen, das eine echte Strafe und eine echte Demütigung wäre, aber nein. Es soll eine Strafe sein, ja, aber nichts, das sie entwürdigt. Es sind immer noch Ritter, und Hohe Sidhe dazu. Und nein, ich werde sie auch garantiert nicht beauftragen, den Babysitter für Edwina Ricarda zu machen. Ihnen die Tochter ihres Herzogs anvertrauen, den sie verraten haben? Oh nein. Dieses Vertrauen müssen sie sich erst wieder verdienen. Eine Queste. Wir brauchten eine echte, anspruchsvolle und eines Ritters würdige, aber dennoch durchaus als Strafe zu sehende Queste.

Gemeinsam (ich sage deswegen gemeinsam, weil ich beim besten Willen nicht mehr weiß, von wem der Vorschlag tatsächlich stammte) kamen wir schließlich auf eine Idee, die all das beinhaltet, was ich erreichen will. Einer der Jungs machte den Vorschlag, und gemeinsam arbeiteten wir die Idee dann genauer aus. Turniere. Wir schicken sie auf die Turniere der anderen Sommerhöfe, wobei sie grau tragen müssen – sie dürfen weder in ihren eigenen noch in Pans Farben antreten. Auf diesen Turnieren müssen sie Pans Hof vertreten und jederzeit mit Respekt von ihm sprechen, ohne sich zu abfälligen Bemerkungen hinreißen zu lassen. Auch Pan selbst müssen sie natürlich jederzeit Respekt erweisen. Und wenn jeder von ihnen eine bestimmte Anzahl Turniere gewonnen hat (wieviele genau, das muss ich mir noch mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen), dann dürfen sie an Pans Hof zurückkehren.

Eben hat Cicerón Linares angerufen. Enrique und die anderen Flüchtigen sind tatsächlich derzeit auf den Hanffeldern der Santo Shango, aber dort können sie ja nicht ewig bleiben. Linares wollte wissen, wie es jetzt weitergehen solle, also verabredeten wir ein Treffen. In drei Stunden an der Way Station. Selva Elder wird begeistert sein.

Was soll ich sagen: Selva Elder war begeistert. „Ihr schon wieder“, begrüßte sie uns, und dann wurde ihre Miene noch ein wenig abweisender, weil sich in Cicerón Linares‘ Begleitung auch Ilyana Elder befand, und deren Überlaufen zu den Santo Shango nimmt ihr ihre Familie offenbar immer noch übel. Aber es blieb bei Blicken – anscheinend haben sie sich doch irgendwie arrangiert.

Das Gespräch mit Linares verlief soweit völlig zivilisiert. Wir waren uns darüber einig, dass ein Unterschlupf auf den Hanffeldern kein Dauerzustand für Enrique und seine Begleiter sein kann, und dass eine Flucht nach Kuba vielleicht eine Lösung wäre. Ich werde mit Enrique reden – das hatte ich ja ohnehin vor – und Linares dann bescheid geben.

Linares bot an, er könne meinem Bruder und seinen Leuten auch einen Job in seiner Organisation anbieten – er könne Enrique gut gebrauchen. Ich konnte nicht verhindern, dass mein Tonfall ziemlich misstrauisch herauskam, als ich fragte: „Als was?“ „Naja, gute Leute werden immer gebraucht“, wich der Gangsterboss der Frage aus. Es müsse ja auch nicht unbedingt in Miami sein, es gäbe ja auch andere Möglichkeiten, in Kuba zum Beispiel. „Ja“, antwortete ich in extrem vorsichtigem Tonfall, bevor Linares weitersprach: Enrique habe ja auch Erfahrung in dem Geschäft – eine Aussage, die ich mit einem genauso reservierten „Ja“ wie das erste quittierte. Das blieb Linares natürlich nicht verborgen. „Ricardo, ich spüre da gewisse… moralische Bedenken?“ Dreimal dürft ihr raten, Römer und Patrioten: Er bekam noch ein „Ja“ von mir, wieder in genau demselben Ton. Linares‘ Antwort erfolgte nicht in Worten, sondern er warf lediglich mit hochgezogener Augenbraue einen Blick zu Totilas. Ja, por demonios, ich weiß, dass einer meiner Freunde nicht nur ein Vampir ist, sondern ein verdammter Crime Lord dazu. Also machte ich eine wiegende Handbewegung. „Moralische Bedenken… hindern einen unter gewissen Umständen nicht daran, sich zu… arrangieren.“

Diese Einstellung gefiel dem Santo Shango. War ja klar. Und er finde es ohnehin ziemlich gut, erklärte er dann, dass wir uns mal treffen würden, so ganz allgemein; immerhin läge das Wohl der Stadt ja uns allen am Herzen. Najaaaa. Was ein Cicerón Linares so „Wohl der Stadt“ nennt. Also bekam er noch ein sehr vorsichtiges, sehr verhaltenes „Ja“ von mir. „Und für das Wohl der Stadt kann man sich doch sicherlich…“ – er sah mich an, während er den von mir gewählten Begriff wieder aufgriff – „… arrangieren.“ Er hob sein Glas. „Salud.“ „Salud“, erwiderte ich und hob mein Glas ebenfalls leicht, während Totilas mit Linares anstieß. Und das erregte in der Waystation tatsächlich ein bisschen Aufmerksamkeit, Römer und Patrioten, denn immerhin sind die Santo Shango und der White Court ja eigentlich harte Konkurrenten.

Nach meiner Rückkehr aus der Waystation rief ich Yolanda an, weil ich sie bei dem Treffen mit Enrique dabei haben möchte. Immerhin geht es um eine Familienangelegenheit, und unsere Schwester ist Juristin. Roberto wird auch dabei sein; er ist immerhin fast sowas wie Familie, vor allem, da sein Bruder Carlos und Enrique so dicke Freunde sind. Edward will lieber nicht mit, aber das ist ja klar: Er ist Polizist und müsste die Flüchtigen sofort festnehmen, wenn er sie sähe. Dass er das alles mitbekommt, ist eigentlich schon zu viel, aber so richtig davon abschirmen können wir ihn auch nicht. Aber weil er eben nicht mitkommen kann, bleibt er lieber in der Nähe des Hauses meiner Eltern und hält ein Auge auf ‘Jandra.

Auch mit Enrique wollen wir uns wieder in der Waystation treffen, das ist einfach einer der besten Orte für sowas. Linares haben wir entsprechend informiert, damit der der Gruppe auf den Hanffeldern bescheid geben kann. Morgen dann das Treffen.

Dazu haben wir heute noch besprochen, welche Optionen es überhaupt für Enrique gibt.
Ein ehrlicher Job wäre natürlich das Beste. Aber was? Für eine Karriere als Sportler ist er mit Mitte dreißig zu alt. Für den Posten als Rausschmeißer eines Clubs zu aggressiv. Körperliche Arbeit wäre ganz gut. Aber auch da wieder, wo? Auf einer Ölplattform, mit anderen harten Kerlen, die keinen Spaß verstehen, zusammengepfercht auf engem Raum ohne Rückzugsmöglichkeit? Als Koyanthrop? Keine Chance. Bauarbeiter? Vielleicht. Aber das ist auch nicht ideal. Irgendwas in der Einsamkeit wäre gut, wo Enrique sich aber trotzdem körperlich betätigen kann. Waldarbeiter oder sowas. Glades-Ranger. Aber dafür ist mein Bruder nicht der Typ.
Er könnte sich freiwillig stellen und wieder ins Gefängnis gehen. Sich auf die chaotischen Umstände bei dem Feuer herausreden, alles auf eine Kurzschlussreaktion schieben, Reue zeigen und darauf hoffen, dass sie ihm die Strafe nicht allzusehr verlängern. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass er auf Nachsicht hoffen kann? Nicht sehr, wenn man ehrlich ist.
Linares hat ja angeboten, dass Enrique für ihn arbeiten kann. Aber nein. Das wäre ja doch nur wieder irgendwas Illegales, und dann käme er aus den Gangsterkreisen gar nicht mehr raus.
Vielleicht ist nach Kuba absetzen doch die beste Option. Ximena hat ja ohnehin schon angefangen, alles Notwendige dafür zu organisieren.

Eines ist ziemlich sicher: Er wird seine Tochter haben wollen. Als Roberto diesen Einwurf brachte, merkte ich, dass der Supermond doch noch nicht ganz vorüber ist, sondern wir uns bis zum nächsten Vollmond noch mit den Nachwehen davon herumschlagen müssen. Ich fuhr nämlich ein kleines bisschen aus der Haut. NICHT ALS VERBRECHER. Ich meine, natürlich ist sie nicht meine Tochter, sondern seine. Aber ich werde nicht zulassen, dass sie ein Leben auf der Flucht führen muss oder als Kind eines Gangsters aufwächst.

Als ich fertig geschimpft hatte, brachte Alex die Option ‚unfreiwillig ins Gefängnis zurück‘ ins Spiel. Immerhin wissen wir, welchen Weg sie zu und von dem Treffen nehmen werden. Gaaaah. Ja, es wäre eine Option. Aber sie gefällt mir ganz und gar nicht.
Aber einen Plan B sollten wir haben, beharrte Alex. Stimmt. das sollten wir. Na gut, Plan B. Falls es sonst nicht anders geht.

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