Miami Files – Dead Beat 6

Ich habe George getroffen. Und gesehen, wie der Luftballon sich im Nevernever auswirkt. Brrrrr.

Als ich einschlief, fand ich mich in der Traumwelt auf einer weiten Ebene wieder. Es war Nacht, aber nicht einfach nur Nacht. Alles wirkte zutiefst beängstigend und gruselig. Die wenigen Büsche und Bäume, die zu sehen waren, eher wie schmerzverzerrte, schreiende Fratzen oder wie Ungeheuer denn wie harmlose Gewächse. Der Himmel tiefschwarz, sternenlos, und der Mond… Der Mond war der Luftballon, der im Traum noch viel böser wirkte als in Wirklichkeit, mit einem aufgemalten Maul mit nadelspitzen Zähnen und tiefrot statt orangefarben. Und das trübe Licht des Ballonmondes bedeckte die Erde und ließ sie erscheinen, als sei sie von Blut getränkt.

George war zwar irgendwo in der Umgebung, aber er zitterte förmlich, traute sich nicht zu mir heran.
Ich konzentrierte mich mit aller Macht und versuchte, die Umgebung zu verändern, umzuimaginieren – immerhin war es mein Traum, verdammt! -, und so gelang es mir, die bedrohliche Stimmung ein wenig aufzuhellen. Nicht komplett, aber es gelang mir, den Ballonmond etwas beiseite zu schieben und den echten Mond am Traumhimmel erscheinen zu lassen. Dessen Licht fiel in einem beinahe gebündelten Strahl auf die Erde, wo ich stand, und erhellte in einigen Metern Umkreis die Landschaft etwas, und in dem Licht wirkten die Büsche und Bäume nicht mehr so gruselig, die Erde nicht mehr so blutrot, sondern normal braun.

Jetzt endlich wagte sich auch George in meine Nähe; er schien sogar sehr erleichtert, als er aus den unheimlichen Aura der übrigen Szenerie heraus und in den kleinen, hellen Lichtkegel kommen konnte.
Ich erzählte meinem Wyldfae-Freund, was geschehen war, und George schimpfte mich – zu Recht, muss ich zugeben – erst einmal fürchterlich aus, wie ich so etwas Dummes nur habe machen können und diesen Luftballon annehmen! Er sagte, da sei eine tief-, tiefschwarze Aura um mich her, und er könne spüren, dass das Ding sich irgendwie an mich angehängt habe, und diese Verbindung sei so einfach nicht zu zerstören. Aber gut, das hatte ich mir ja schon gedacht, deswegen waren Edward und Jack draußen in der Wachwelt ja dabei, das Reinigungsritual aufzubauen.

Ich versprach George, dass wir schon dabei seien, uns um das Problem zu kümmern, und fragte ihn dann nach dem anderen Jack. Er wusste nicht viel über ihn, oder er konnte das, was er wusste, nicht sagen, nur dass dieser Jack sehr, sehr böse sei. Und dass er ihn über diesen Ballon in meiner Nähe spüre. Viel mehr war aus ihm nicht herauszubekommen, und George war auch sehr daran gelegen, aus meiner gruseligen Traumlandschaft wegzukommen, also ließ ich ihn gehen und machte mich selbst ans Aufwachen.

Totilas hatte inzwischen eine ganz ähnliche Idee gehabt wie ich. Naja, nicht ganz. Es ist ziemlich vermessen, Totilas‘ Dämon mit meinem kleinen Traumfresser-Freund zu vergleichen, und eines ist sicher: Ich wollte nicht in Totilas‘ Haut stecken. Aber wie dem auch sei, Totilas hatte aktiv das Gespräch mit seinem Dämon gesucht, während ich schlief, und einen Deal mit ihm gemacht. Was genau für einen Deal, das sagte unser White Court-Kumpel uns nicht, aber ganz ehrlich: Ich kann es mir ungefähr vorstellen. Jedenfalls, für was auch immer Totilas ihm versprechen musste, rückte sein Dämon mit folgenden Informationen heraus: Wir kennen „Jack“ bereits. Oder besser, Alex kennt Jack bereits und hat uns von ihm erzählt. „Jack“ ist der brutal aussehende Geist, der Alex zuerst bei der Vernissage in der Galerie auffiel und den wir bisher immer den „Bodyghost“ genannt hatten, weil er sich wie ein Leibwächter immer in Adlenes Nähe aufhielt. Der, vor dem die Geister in der Schule sich alle versteckt hatten. Nur sei er gar kein Geist, erfuhr Totilas jetzt, sondern ein freier Dämon, der sich vermutlich um seines eigenen Vorteils bei Adlene aufhalte oder mit Adlene irgendeinen Deal gemacht habe, aber jedenfalls nicht, weil Adlene ihn mit seinen Geisterversklavungsspielchen an sich gebunden hat. Auch bei dem Ritual, in dem wir Adlene das schlechte Karma angehext hatten, falls er Böses täte, habe Totilas‘ Dämon ihn schon gesehen, sagte er.

In einer Sprechblase in einem Comic würden diese drei Pünktchen Comic-Cardos Sprachlosigkeit anzeigen.
Denn ich war ziemlich sprachlos ob dieser Neuigkeit, Römer und Patrioten. Bin es noch. Ein mächtiger Dämon, der ungebunden agieren kann und es offensichtlich auf uns abgesehen hat? Santissima Madre, ayudanos!

Aber Jack oder nicht Jack, Dämon oder kein Dämon, es ist Halloween, es wird langsam dunkel, und die Día-de-los-Muertos-Zeremonie am Coral Castle wird bald beginnen. Also müssen wir das Problem Bodyghost wohl oder übel hintenanstellen und erstmal losfahren. Das Reinigungsritual ist nämlich inzwischen auch abgelaufen, und White Eagle-Jack hat uns versichert, dass die Flüche von uns genommen seien. Was wir unter anderem auch daran merkten, dass Edwards Ausschlag verschwand, die Adern in Alex‘ Arm wieder ihre normale Färbung annahmen und mein Luftballon mit einem dumpfen Plopp geplatzt ist.

Also gut. Das war… unerwartet. Und nein, der Día de los Muertos ist noch nicht vorüber. Wir haben nur gerade so etwas wie eine Atempause.

Als wir am Coral Castle ankamen, waren Cicerón Linares und seine Santo Shango bereits vor Ort, alle für ein Santería-Ritual ausgerüstet und gekleidet. Auch Ilyana Elder war dabei, oder zumindest jemand, der die Yansa-Maske trug und vom Körperbau her ungefähr Ilyana sein konnte.
Lineares zeigte sich, wenn nicht erleichtert, so doch nicht verärgert darüber, dass wir aufgetaucht waren, sondern schien bereit, unsere Hilfe anzunehmen. Er schickte uns zu einem kleinen Park etwas abseits vom eigentlichen Coral Castle, weil er meinte, dass auch dort die Grenze dünn sei und jemand ein Auge darauf haben solle. Dort gebe es einige Geister, die besser nicht in die Stadt hinausgelassen werden sollten.

In dem Park fand Alex tatsächlich einige „dünne“ Stellen, die wir näher begutachten wollten. Erstens war da ein Kinderspielplatz mit Sandkasten, wo Alex die Geister einiger junger Leute sah, die hier anscheinend an einer Überdosis gestorben waren. Außerdem stand in der Mitte des Rasens ein alter, mächtiger Baum. Auch hier gab es laut Alex einige Geister, und zwar diejenigen von fünf Schwarzen, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts hier von einem weißen Lynchmob erhängt worden waren.

Zunächst konnten wir die Geister nicht sehen, doch als der Abend weiter voranschritt und es auf Mitternacht zuging, wurden sie auch für uns sichtbar – zuerst nur vage, schemenhaft, durchscheinend, doch dann immer dichter und stofflicher werdend, und als es Mitternacht schlug, waren sie ganz und gar körperlich geworden und schienen jetzt ihre Umgebung erstmals zu bemerken. Dann machten sie sich sehr zielstrebig auf in Richtung Parkausgang.

Alex und ich kümmerten uns um die Geister der Drogentoten im Sandkasten, während Totilas, Roberto und Edward versuchten, die Gelynchten aufzuhalten. Roberto und Totilas hatten dabei ein deutlich größeres Problem als Edward, da die Geister ihn zunächst in Ruhe ließen und sich auf die verhassten Weißen stürzten. Aber als Edward dann für seine Freunde Partei ergriff und die Geister der Gelynchten ebenfalls daran hindern wollte, den Park zu verlassen, wurde es auch für ihn unschön. Die fünf Geister beschimpften ihn aufs Heftigste als „Hausnigger“ und „Schoßhündchen der weißen Massas“ und griffen ihn daraufhin ebenso an wie Roberto und Totilas auch. Edward knurrte etwas zurück, das verdächtig nach „Polizeinigger, wenn schon!“ klang, ehe er sich auf die Gegner stürzte.

Über den Kampf gegen die Geister will ich gar nicht so viele Worte verlieren. Es gelang uns schließlich, sie ins Nevernever zurückzuschicken, von wo sie zumindest diese Nacht nicht mehr zurückkommen werden, versicherte Alex. Wie es nächstes Jahr dann aussehen wird, bleibt abzuwarten.

Aber viel bedrohlicher war das, was nun auf uns zukam: Dort an dem Baum nämlich bildete sich eine Gestalt heraus. Ebenfalls baumförmig, aber schattenhaft, oder dunkel, keinesfalls normal jedenfalls. Und dieser Schattenbaum machte sich von dem richtigen Baum in der Parkmitte los und begann sich ebenfalls zu bewegen, und zwar ebenfalls Richtung Ausgang.

Das war der üblere Gegner als die einfachen Geister zuvor, und es erforderte unser aller Geschick und Kraft und Ideen – und nicht zu vergessen einen Lastwagen, der oben auf der benachbarten Brücke gerade vorbeifuhr – , um den Baum aufzuhalten. Der Lastwagenfahrer war verständlicherweise ziemlich geschockt, als er erkannte, in was er da gerade hineingefahren war, aber Alex gelang es, ihn einigermaßen zu beruhigen.

Als der Park somit unter Kontrolle war, kehrten wir ins Coral Castle zurück, um zu sehen, ob Cicerón Linares dort noch irgendwie Hilfe brauchte. Und stellten fest, dass er uns ganz offensichtlich doch nur deswegen in den Park geschickt hatte, um uns am Castle selbst los zu sein.

Denn Edward Leedskalnin, der Lette, der Geist, der hier am Coral Castle die Fäden in der Hand hält und einen bedeutenden Anteil daran hat, dass am Día de los Muertos und zu anderen Gelegenheiten keine unerwünschten Geister in unsere Welt wechseln und hier Unheil anrichten, der Lette also war nirgends zu sehen. Statt dessen stand Camerone Raith in der Mitte des Coral Castle und machte Leedskalnins Arbeit: sprich, sie war es, die die aus der Totenwelt hervorquellenden Geister, die nichts weiter wollten, als ihre Familien zu besuchen, in die richtige Richtung zu lenken.

Und so schwer mir das fällt, muss ich gestehen: Camerone Raith machte ihre Sache richtig gut. Nun habe ich natürlich keine Ahnung, wie schwierig das ist, aber Camerone dirigierte die Heerscharen von Geistern scheinbar völlig entspannt und mühelos und war ganz und gar in ihrem Element.

Der Lette war deswegen aber immer noch nicht zu sehen, und Cicerón Linares genausowenig. Also machten wir uns auf die Suche nach entweder dem einen oder dem anderen. Und fanden beide. Cicerón und zwei seiner Leute hatten sich in der Nische des Letten verschanzt und eine magische Barriere davorgelegt, durch die der Geist des Coral Castle nicht entkommen konnte. Und Linares war gerade dabei, Leedskalnin aufs Schärfste auszufragen. Und zwar wollte er von dem Letten wissen, was da genau in den Sümpfen los sei, was es damit auf sich habe, und genau das war eine Auskunft, die dieser nicht zu geben bereit war. Also griff Linares zu Drohungen, bis hin zu der, den Letten auszulöschen, falls dieser nicht kooperiere. Uns bemerkte Linares zwar, schien sich aber nicht groß darum zu scheren, ob wir hörten, was er zu Leedskalnin zu sagen hatte, oder nicht. Allerdings legte er uns durchaus nahe, dass wir hier an der Nische des Letten nicht unbedingt etwas zu suchen hätten.

Das erklärte auch, warum Camerone Raith gerade Leedskalnins Job machte. Aber nicht nur. Denn es wurde sehr schnell sehr deutlich, dass Totilas‘ Urgroßmutter das nicht nur einfach so machte, weil Not an der Frau war. Oh nein. Camerone Raith will den Job des Letten, und zwar permanent. Und so schickte sie nicht nur die Geister der Toten in Richtung ihrer Familien, wie wir das anfangs gedacht hatten. Sie hetzte sie auch aktiv gegen die Coral Guardians, damit diese sich mit ihnen beschäftigen mussten und keine Zeit hatten, sich um Leedskalnin zu kümmern und diesen zu beschützen.

Dass Camerone diese Aufgabe übernehmen möchte, gab sie uns gegenüber im Gespräch auch offen zu. Sie will diesen Job permanent haben, am besten, indem sie über ein Ritual für immer an diesen Ort und an diese Position gebunden wird. Sie war auch bereit, uns Auskunft über „Jack“ zu geben: Camerone kennt Jack, oder besser, sie weiß um dessen Existenz, aber sie weiß nicht, wer oder was er genau ist. Sie kann ihn hier in der Nähe spüren, sagte sie, er treibt sich hier irgendwo herum, aber sie hat nichts mit ihm zu tun, sie arbeitet nicht mit ihm zusammen.

Also, dieses Ritual. Wir – oder besser, die Magiebegabten unter uns, sprich Edward – könnten Camerone helfen. Wir könnten ein solches Ritual durchführen, oder besser, das derzeit laufende Ritual umwidmen, erweitern, so dass sie dadurch an den Ort gebunden und ihre Position legitimiert wird. Aber wollen wir das?
Es wäre vermutlich das Ende des Letten. Es würde Camerone erschreckend viel Macht verschaffen. Andererseits wäre sie dann für immer an das Coral Castle gebunden und könnte hier nicht fort, ganz ähnlich, wie Leedskalnin es momentan auch nicht kann. Was ist gefährlicher? Eine Camerone in diesem Job oder eine, die frei herumgeistert? Wenn wir dieses Ritual für sie durchzögen, wäre sie uns auch zu Dank verpflichtet… wir könnten gewisse Bedingungen daran knüpfen, dass wir ihr helfen…

Um all dies zu besprechen und zu beratschlagen, haben wir uns jedenfalls gerade etwas vom Castle zurückgezogen. Ewig können wir nicht herumgrübeln, aber momentan ist soweit alles unter Kontrolle. Ein bisschen Zeit haben wir. Aber das ist eine garstige Entscheidung, die ich eigentlich am liebsten nicht treffen würde. Ich weiß einfach nicht, was richtig ist. Verdammtes Dilemma. Mierda!

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