Miami Files – Proven Guilty 3

Draußen am Strand traf ich wieder auf die Jungs. Glücklicherweise gab es keine Zeit für irgendwelche peinlich berührten Momente, denn sie waren schwer beschäftigt. Und zwar redeten die Jungs gerade mit niemand anderem als mit Hans Vandermeer, dem Mann, dem wir damals auf der Vernissage begegnet sind und von dem wir glauben, dass er der Fliegende Holländer sein könnte. Der stand neben einem abgebrannten, noch ein wenig rauchendem Strandkorb und erzählte etwas von einer Frau, die ihm das Ding unter dem Hintern angezündet hätte.
Beschreiben konnte er sie nicht, da er erst einmal nur versuchte, die Flammen zu löschen und nicht weiter auf die Frau achtete. Hmm. Wen kennen wir denn in dieser Richtung. Christine Wick? Lady Fire, Himmel steh uns bei? Oder vielleicht Ximena? Nur zur Sicherheit fragten wir Vandermeer, wo er derzeit wohne, und er nannte uns das Hotel Fontainebleau.

Anschließend erzählte Vandermeer uns noch von einer Frau, die er dringend suche, weil sie etwas von ihm habe, ein Schmuckstück, das er unbedingt zurück brauche. Die Frau, die er beschrieb, klang nach Cherie oder nach einem südländischen Typ wie Cherie. Und da fällt mir ein, genau dasselbe hatte er doch damals auch schon zu Roberto gesagt, als sie einander zum ersten Mal begegneten. Dort in der Galerie war der Holländer ja geradezu damit herausgeplatzt, dass ihm das Amulett abhanden gekommen sei, und es täte ihm so unendlich leid. Damals hatte er Roberto für einen Avatar Titanias gehalten, also hat dieses Amulett wohl irgendetwas mit ihr zu tun. Interessant…

Interessant, aber fürs Erste nicht unser Hauptproblem. Mit der Probe von dem Scarlet fuhren wir zu Edward, weil der das Zeug in seinem Labor untersuchen wollte. (Seiner Lykanthropen-Küche. Ohne ‚h’. Und fragt nicht, Römer und Patrioten, was das unterwegs für blöde Sprüche in Sachen ‚Lykanthropen-Küce’ gab.)
Bei der Analyse stellte sich dann jedenfalls heraus, dass die Substanz eigentlich eine normal chemische Droge war, auf die dann aber anschließend Sommermagie aufgeflanscht wurde.

Oh, richtig. Vor der Untersuchung rief Roberto noch bei Ximena an und fragte seine Cousine rundheraus, ob sie diejenige gewesen sei, die Vandermeers Strandkorb angezündet habe. Sie war es nicht, sagte sie. Aber sie klang fasziniert von dem Holländer und ließ sich von Roberto alles erzählen, was der so über den Mann weiß.

Nach der Laborarbeit trennten wir uns. Edward wollte nochmal aufs Revier, um sich über die neuesten Erkenntnisse seiner Kollegen im Fall Scarlet zu informieren. Wir anderen hingegen taten das, was uns in Pans Palast so ziemlich jeder geraten hatte: Es wurde Zeit, mit Antoine zu reden. Also fuhren wir zum Haus von Mrs. Parsen, da wir ja wussten, dass Antoine in letzter Zeit so gut wie dort wohnte.

Das Haus war leer, als wir dort ankamen, und durch das Fenster sah es so aus, als habe da jemand in aller Eile gepackt. Illegal oder nicht, wir brauchten Hinweise, also öffnete Alex – inzwischen nicht mehr ganz so betrunken – fachmännisch und ohne Spuren zu hinterlassen das Schloss an der Hintertür. Drinnen fanden wir nicht viel, aber immerhin einen ganz entscheidenden Hinweis: einige Fotos von Antoine und Marie vor einem Boot, das an einer Marina in den Keys vertäut lag. Diese Fotos steckten wir ein und hatten das Haus eben wieder verlassen, als ein Auto vorfuhr.

Zwei Leute stiegen aus, in Anzug bzw. Hose und Jackett. Polizisten. Die Frau stellte sich als Detective Martinez aus dem Drogendezernat vor; der Name ihres Kollegen ist mir gerade entfallen. Die beiden waren höchst interessiert daran, was wir hier taten, und glücklicherweise gelang es uns, es so aussehen zu lassen, als seien wir gerade erst gekommen und hätten geklingelt, aber niemanden angetroffen. Roberto konnte den beiden Detectives dann noch glaubhaft versichern (jedenfalls hoffe ich, dass sie es glaubten!), dass Mrs Parsen eine Kundin seiner Botanica sei und er mit ihr eine Bestellung habe besprechen wollen.

Nachdem die Polizisten uns hatten gehen lassen, sammelten wir Edward ein, der inzwischen ebenfalls Bekanntschaft mit Detective Martinez hatte schließen dürfen. Auf dem Weg zur Marina erzählte er uns, dass Henry ihm das Passwort für den Datenraum zum Scarlet-Fall beschafft hatte. Die dort gesammelten Unterlagen deuteten darauf hin, dass das Drogendezernat ein großes Interesse an Mrs. Parsen und ihrem Freund hegt – sogar eine kleine Sonderkommission ist für Antoines Substanzen gegründet worden. Detective Martinez bat Edward um ein Gespräch, bei dem die Polizistin ihn ziemlich detailliert zu seiner Mutter ausfragte, vor allem dazu, warum diese in letzter Zeit so unglaublich jung wirke. Edward lavierte ziemlich ungeschickt – und auffällig – herum, weil er nicht lügen, aber auch nicht die Wahrheit sagen wollte. Kein Wunder, dass Detective Martinez dadurch nur misstrauisch wurde… und mit ihrem Kollgen sofort zu Maries neuer Adresse fuhr, sobald Edward ihr die genannt hatte.

Die „Flying Pooka“ lag in der Marina vor Anker, aber das Boot war leer. Daraufhin rief Edward bei seiner Mutter an und bat um ein Treffen. Marie nannte das Boot als Treffpunkt und schien etwas konsterniert, als Edward erklärte, ja, da seien wir schon.

Einige Zeit später kamen Mrs. Parsen und Antoine, verstohlen und vermummt mit Hoodie und Hut, auf das Boot zu. Das Gespräch verlief etwas gehetzt, weil unsere Gegenüber offensichtlich mindestens mal vor der Polizei, aber genauso auch vor irgendwelchen anderen Gegnern, in Deckung gehen wollten. Aber einiges fanden wir doch heraus.
Antoine war es nicht, sagte er, und er wisse auch nicht, wer es gewesen sei. Als wir ihn danach fragten, wer außer ihm denn noch Drogen liefere, nannte er dieselben Parteien, von denen wir in Pans Palast auch schon gehört hatten. Und nein, sein Zeug sei alles komplett legal. Falls es verboten werden sollte, würde er damit aufhören und statt dessen etwas anderes herstellen, das dann eben wieder legal sei.

Toll. Nicht das, was wir hören wollten, aber wenigstens klang es nach der Wahrheit. Wir verabschiedeten uns also von den beiden und machten uns wieder auf den Weg in die Stadt, während Antoine und Marie in ihrem Boot wegfuhren.

Unterwegs erzählte Roberto uns noch, dass er im Palast den Eindruck gehabt habe, Ritter Colin lüge ihn an. Immerhin ist der ein Mensch und kann lügen. Und er mag Pan nicht. Was also, wenn ihm ein anderer Herzog lieber wäre und er versuchen möchte, Pan abzusetzen, wenn er schon den Job des Ritters fürs Erste behalten muss?

Und auf dem Weg in die Stadt sahen wir, als wir gerade über einer der Brücken in den Keys fuhren, draußen auf dem Meer ein Segelschiff kreuzen. Ein richtig altes. Hans Vandermeers Titania, vielleicht?
Wir riefen im Hotel Fontainebleau an und ließen uns mit Vandermeers Zimmer verbinden, um festzustellen, ob der Holländer dort war. Das war er… aber Ximena ging an sein Telefon. Oh-hoh.
Sobald sie den Hörer an den Mann weitergereicht hatte, fertigte Vandermeer uns ziemlich kurz angebunden ab. Nein, er wisse nicht, wer jetzt sein Schiff steuere, der Erste Maat vermutlich. Und nein, es interessiere ihn auch gar nicht, er habe anderes im Kopf. Ein Kichern von Ximena aus dem Hintergrund. Na klasse.

Jedenfalls war es das erst einmal für heute. Was für ein Tag! Aber ich kann nicht schlafen. Natürlich nicht, wie auch. Es gehen mir viel zu viele Dinge im Kopf herum. Ich dachte, dieser Tagebucheintrag würde helfen, aber er hat all die Gedanken nur noch weiter aufgewirbelt.

Ich glaube, ich schreibe Dee einen Brief. Anrufen kann ich um die Zeit nicht, aber Schlaf werde ich auch keinen finden, solange ich das vor mir her schiebe.

02:00 Uhr.

Keine Chance. Ich finde die Worte nicht. Zerknülle Blatt um Blatt.

04:17 Uhr

Telefon. Was zum…

04:20 Uhr

Edward war’s. Gerald Raith hat eben bei ihm angerufen. Irgendwas im Hotel Fontainbleau. Wir treffen uns dort. Schlafen kann ich ohnehin nicht, und die Blätter in meinem Papierkorb sind auch nicht weniger geworden.

Es war ein Missverständnis. Ein Missverständnis. Hah.

Der Hoteldirektor war schrecklich aufgeregt und wollte die Polizei, zumindest offizielle Vertreter der Polizei, möglichst außen vor halten. Das passte natürlich auch Gerald Raith perfekt in den Kram, da der samt Gefolge ja bereits aus seinem letzten Langzeitlogis geflogen ist und sicherlich kein Interesse daran hatte, von einem weiteren Fünfsterne-Hotel auf die Rote Liste gesetzt zu werden. (Wann ist das Raithsche Anwesen eigentlich endlich mal soweit fertig, dass der Tross sein Hotelleben wieder aufgeben kann?)

Jedenfalls war das der Grund für Geralds Anruf bei Edward gewesen. Es waren Schüsse gefallen, Magie war geflogen, und Edward sollte – wir sollten – das Ganze jetzt möglichst ruhig lösen. Der Ärger kam (und warum wundert mich das jetzt nicht?) aus dem Zimmer des geschätzten Gastes Hans Vandermeer. Genauer gesagt, man hatte den Ärger getrennt.

Ximena saß in Hans‘ Zimmer; die andere Streitpartei – Cherie, wie sich herausstellte – war in einen der von den Raiths angemieteten Räume gebracht worden. Wir beschlossen, die beiden getrennt voneinander zu befragen, und da Edward bei dem Gedanken, Cherie gegenüberzutreten, ein wenig unbehaglich aussah, gingen er und Roberto zu Ximena, während Alex und ich (Totilas war irgendwie nicht zu erreichen gewesen) mit Cherie redeten.

Edwards Ex erzählte uns, dass sie tatsächlich nachts Hans‘ Zimmer betreten habe. Cólera. Im vorigen Absatz ist es mir gar nicht aufgefallen, aber plötzlich springen mir die albernsten Hans Zimmer-Assoziationen im Kopf herum. Die Titelmelodie zu „The Rock“ zum Beispiel.) Sie habe mit dem Holländer reden wollen, weil sie gehört habe, dass der sie suche, und sie wollte wissen, warum. Daraufhin sei ihr ein Feuerball entgegen geflogen, und sie sei dem Feuerball ausgewichen und habe sich mit einem Pistolenschuss zur Wehr gesetzt. Ein Feuerball! Ein Angriff! Natürlich habe sie geschossen!

Ich hakte dann mal vorsichtig nach, warum sie sich denn mitten in der Nacht in das Hotelzimmer eines Fremden geschlichen habe, anstatt es tagsüber zu versuchen oder wenigstens anzuklopfen? Darauf wusste Cherie nicht so richtig etwas zu antworten, nur dass sie… naja, halt sichergehen wollte, Hans auch anzutreffen. Und dass sie gar nicht groß über eine Alternative nachgedacht hatte. Das sagte sie zwar nicht wörtlich, aber so kam es definitiv rüber.

Roberto und Edward erfuhren währenddessen von Ximena, dass da mitten in der Nacht eine schwarzgekleidete Frau im Ninjamodus und mit einem Messer bewaffnet in das Zimmer eingedrungen sei. Eine Ninja! Mit einem Messer! Ja natürlich habe sie sich verteidigt! Und „verteidigen“ heiße bei ihr in so einem Moment der Überraschung eben nun mal „Feuerball“. Und überhaupt, die Ninja-Tussi habe ja sofort auf sie gefeuert!

Langer Rede kurzer Sinn? Es war ein Missverständnis. Wir brachten die beiden dazu, dass sie einander grummelnd und widerstrebend die Hand schüttelten und sich darauf einigten, dass es ein Missverständnis gewesen sei, ehe wir dem Hoteldirektor Bescheid sagen gingen.

Von Hans Vandermeer war übrigens weit und breit nichts zu sehen. Der hatte sich offensichtlich sofort in dem Moment abgesetzt, als der Ärger losging.

Wir erzählten Cherie dann noch, warum der Holländer sie sucht, dieses Schmuckstücks wegen nämlich. Cherie wusste natürlich sofort, welches Schmuckstück gemeint war, erklärte aber, die Kette habe Vandermeer ihr geschenkt, zumindest habe sie das so verstanden. Tja, dem sei aber laut Vandermeer nicht so, erwiderten wir, und er habe wegen ihres Verlustes relativ verzweifelt geklungen. Das möge ja alles sein, konterte Cherie, aber sie habe die Kette nicht mehr. Sie habe das Amulett Ocean geschenkt, weil es vor böser Magie schützen solle und Ocean jeden Schutz dieser Art brauche, den sie nur kriegen könne.

Das war dann der Moment, wo Edward das Amulett wiedererkannte. Und wir anderen ebenfalls, denn auch wir hatten es auch schon mal gesehen. Das war die Kette mit den großen Holzperlen und dem goldenen Anhänger mit Schiffsmotiv, die Edward Ocean abgenommen und in seinem Labor in einen Schutzkreis gesteckt hatte, ehe Ocean sich mit Ciélo nach Kuba absetzte.
Diese Kette war das also. Auch interessant.

Nachdem sich dann alles beruhigt soweit hatte, wollten wir eigentlich alle wieder heimfahren. Aber vorher nahm ich noch Edward beiseite und erzählte ihm alles. Dass das mit der Nymphe einer der größten, wenn nicht der größte, Fehler meines Lebens war. Dass ich mich schuldig fühle. Dass ich die Nacht über kein Auge zugetan habe. Dass ich versucht habe, Dee zu schreiben, aber dass die Briefe alle irgendwie falsch klangen, überhaupt nicht das ausdrückten, was ich sagen wollte.

Edward hörte sich das alles geduldig an und sagte dann etwas, auf das ich eigentlich auch von selbst hätte kommen können. „Du könntest versuchen, es zu verheimlichen oder zu vergessen, so tun, als sei es nicht geschehen. Aber das wird nicht klappen. Denn die Sache nagt an dir, und sie wird dir keine Ruhe lassen. Rede mit Dee, denn du wirst keine Ruhe finden, solange du nicht mit ihr redest.“

Und natürlich hat er recht. Ich mag ein Schreiberling sein, aber in diesem Falle wären geschriebene Worte das denkbar Falsche. Ich muss es ihr in Worten sagen, muss ihr dabei gegenübersitzen und ihr in die Augen sehen, so schwierig das auch werden wird. Ich muss mit Dee reden. So bald wie nur möglich.

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