Supernatural – Hollywood Gala Night

Bei unserem Experiment letztens, als wir zu spielleiterlos zu siebt spielten und uns deswegen für den Mittelteil in zwei Gruppen aufteilten, hat Bad Horse, deren Charakter in der anderen Gruppe war als mein eigener, ein Diary zu dessen Erlebnissen verfasst. Da wir ja über das Chat-Tool nur am Rande mitbekamen, was die jeweils andere Gruppe so trieb, finde ich es besonders charmant, dass auch ein Diary des anderen Falls, der auf der Gala gelöst wurde, existiert.

¤¤¤¤¤

Oh Mann. Das ist mal richtig, richtig schief gelaufen. Von vorne bis… nein, eigentlich nur an einer Stelle, aber das hat gereicht. Und ich hab’s kommen sehen, meilenweit, mit Scheinwerfer und allem, und bin trotzdem direkt reingelaufen. Mit Anlauf und ein paar peinlichen Knicksen im Abgang.

Vielleicht ergibt die ganze Sache chronologisch mehr Sinn. Okay, nein, vermutlich nicht, und eigentlich verachte ich Chronologie, aber vielleicht hilft es ja doch. Irgendwie.

Ich kam also am Tag vor der Gala in L.A. an. Meine Seite tat noch weh von der Begegnung mit dem Turul am Vortag, aber hey, ich bin ein harter Kerl und kann auch mit ein paar Blessuren auf eine Gala gehen. Also fuhr ich erst mal bei meinem Cousin Calvin und seinem Freund Ernesto vorbei. Cal war gar nicht da, der war bei irgendwelchen Dreharbeiten in Kanada (natürlich ein Actionfilm). Hatte sogar eine Sprechrolle, wie mir Ernesto stolz berichtete. Mit Namen, und er durfte on-screen sterben. Ernesto war 20, Make-up-Artist, Freeganer (ich weiß nicht mal, was das ist) und völlig angstfrei, zumindest soweit es mich betraf. Oder ich machte ihn doch nervös und er kompensierte das mit zu viel Gerede und enthusiastischer Freundlichkeit. Immerhin hatte er einen ziemlich guten Tipp, wo ich eine geeignete Spülung für meine Haare herbekommen konnte.

Am Nachmittag rief Rachel an, um mich zu warnen, dass mein Verleger da sein würde, und mein Vater, der mir viel Spaß wünschen und von seinem Knie erzählen wollte. Als letztes, kurz bevor ich ging, war noch Belle dran, meine Cousine, die ja keine Zeit gehabt hatte, selber zu gehen. Aber konnte ich ihr nicht vielleicht einen Gefallen tun? Wenn ich halt schon mal da war und mich ja wahrscheinlich eh langweilen würde? Vielleicht, sagte ich vorsichtig. Belle ist nur drei Jahre älter als ich, wir sind quasi zusammen aufgewachsen, und sie hat mich früher dauernd in Schwierigkeiten gebracht. Na, sagte sie, sie hätte mitbekommen, dass Deborah Gale auf der Gala sein würde, eine Kinderbuchillustratorin. Jedenfalls, Belle war ein Fan und wollte herausfinden, welche ihrer Gliedmaßen sie verkaufen müsste, damit Mrs. Gale ihr nächstes Buch illustrieren würde. (Belle schreibt Kinderbücher für Grundschüler und ist ständig auf der Suche nach guten Illustratoren.) Okay, das klang machbar, also sagte ich zu. Fein, meinte sie, dann bräuchte ich mir wegen der Geschichte an Weihnachten mit Don keine Gedanken mehr zu machen. Sollte mir recht sein. Don ist ihr Bruder, die hatten das sicher irgendwie geklärt.

Am frühen Abend ließ ich mir also von Ernesto die Fliege binden und die Haare flechten, verweigerte jeglichen ethnischen Federschmuck und fuhr im Taxi erst zu Rachel, um sie abzuholen, dann zum Hollywood Roosevelt Hotel. War eine prunkvolle Angelegenheit. Foyer, Freitreppe, Kristalllüster. Riesiges Ding. Erinnerte mich an die Teile in Las Vegas, die in die Menschenmenge gestürzt… ich riss mich zusammen. Zur Feier des Tages trug ich nur die beiden Glocks im Schulterholster und am Rücken. Das Knöchelholster war zu auffällig. Subtil, ich weiß.
Es waren jede Menge Stars da, Produzenten, Regisseure… zu viele, um sie aufzuzählen. Rachel war vollkommen in ihrem Element, zeigte auf diesen, zeigte auf jenen. Erzählte mir von Interessenten für Action Movie Novel. Mal schauen, ob irgendeiner von denen mit meinen Bedingungen einverstanden war – kein weißer Darsteller für den männlichen Protagonisten. Am liebsten wäre mir ja mein Cousin Cal für die Rolle gewesen. Aber erst mal ging’s ums Vorstellen, Hallo-sagen, Bekannte von Rachel treffen, Smalltalk machen und keine Hände zu schütteln.

Nein, ich fühlte mich nicht wohl. Viel zu viele Leute. Viel zu unübersichtlich. Keine Chance, sich den Rücken freizuhalten. Und ständig dieses Geschwätz, diese leichte Verlegenheit wegen der Hand, dann wegen meiner Abstammung. Irgendwann konnte ich nicht mehr, sagte Rachel, ich wäre gleich wieder da und verzog mich.
Zuerst fiel mir eine riesige Topfpflanze auf, hinter der eine kleine, schwer einsehbare Nische zu sein schien – natürlich besetzt von zwei jungen Frauen. Hm, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, war eine von denen nicht die, mit der Ethan später… na, egal. Weiter.

Also ging ich rüber zur Bar. Sah ein vertrautes Gesicht. Dr. Nelson Akintola. Dozent für Afrikanistik in Seattle. Hatte ihn auf einer Konferenz in Minneapolis getroffen. Ich begrüßte ihn, er lächelte erfreut und fing sofort an, sich mit mir zu unterhalten. Er war hier, weil er mal eine Sendung fürs Kinderfernsehen über Afrika gemacht hatte, und da vielleicht eine Fortsetzung angedacht war. Konnte ich mir gut vorstellen, der Mann hat eine großartige Stimme und einen sehr gediegenen britischen Akzent. Er erzählte mir eine Weile Dinge über Westafrika und erwartete offensichtlich nicht, dass ich viel dazu sagte. Gut. Konnte ich die Lage im Auge behalten.

Irgendwann verscheuchte uns eine Traube quietschender Starlets von der Bar, und wir machten uns auf die Suche nach einem besseren Versteck… ich meine, nach einem besseren Ort, um unser Gespräch weiter zu führen.

Dabei kamen wir an einem ruhigeren Seitengang vorbei, und ich hörte eine Frauenstimme, die mir bekannt vorkam. Sagte etwas von Gefahr und einer Leiche. Ally? War das Ally? Was machte Ally hier, und – wichtiger – was für eine Gefahr meinte sie? Als ich hinüberschaute, sah ich nur noch, wie die Tür der Damentoilette von innen geschlossen wurde.
Ich bedeutete Dr. Akintola, kurz zu warten, und ging hinüber. Klopfte. Fragte leise, ob alles in Ordnung wäre.
Die Tür ging auf. Drinnen stand Irene. Irgendwie war ich überhaupt nicht überrascht.

Sie winkte uns hinein. Stellte sich heraus, dass sie und Dr. Akintola sich kannten. Während die beiden sich begrüßten, sah ich mich nach Ally um. Aber statt dem schüchternen Hackermädel mit Brille stand da nur ein junges, blondes Model, perfekt gestylt, körperbetontes rotes Kleid. Sexy, war mein erster Gedanke. Erst als sie mich verlegen anlächelte, erkannte ich Ally. Verdammt. Das war unerwartet, und ich machte mit Sicherheit nicht den intelligentesten Gesichtsausdruck meines Lebens. Hör auf, die Leute nach Äußerlichkeiten zu beurteilen, Jackson. Echt jetzt. Solltest du wissen. Wenigstens blieben mir weitere Peinlichkeiten erspart, denn außer Ally und Irene war nur noch eine weitere Frau in der Toilette. Die war allerdings tot.

Sie war jung, hübsch, natürlich blond, ein Starlet oder ein Model. Während Dr. Akintola ging, um die Security zu rufen, stand Irene draußen Schmiere, damit nicht irgendeine Dame in die Toilette kam und den Schreck ihres Lebens bekam. Ich und Ally untersuchten in der Zwischenzeit die Leiche. Sie hatte wohl gekokst, aber das war schon eine Weile her, und an einer Überdosis war sie nicht gestorben. Dafür war vermutlich der Schnitt in ihrem Nacken verantwortlich – seltsame Wunde, kein Blut, nur eine klare, weißliche Flüssigkeit ohne Eigengeruch. In ihrer Hand fand Ally ein Stück Haut, menschlich, weiß. Ziemlich ausgetrocknet.

Gerade als wir die Haut eingepackt hatten, tauchte Dr. Akintola mit der Hotel-Security auf. Die komplimentierten uns erst mal aus der Toilette und riefen die Polizei, die auch relativ schnell auftauchte. Die Leiche wurde ohne großes Aufhebens abtransportiert und wir wurden gebeten, uns zur Verfügung zu halten. Irene tat so, als würde sie das alles furchtbar aufregen, und klammerte sich an Dr. Akintola. Das gefiel mir nun weniger, aber… ich machte mir keine Gedanken über meine Reaktion.

Danach zogen wir uns nach oben zurück, in eine leer stehende Suite mit Balkon. Das sollte unser Basislager werden, deswegen erwähne ich lieber gleich, dass der Balkon genau über dem Pool unten war. Ja, da fällt später jemand rein.
Als erstes schloss Dr. Akintola afrikanische Monster aus. Jedenfalls fiel ihm keins ein, und da wusste er Bescheid. Irene erzählte, dass es in dem Hotel spuken würde. Jedes Jahr, meinte sie, kämen hier Leute zu Tode – aber diese Leute wären später noch gesehen worden. Vielleicht gingen irgendwelche Doppelgänger um.

Bevor wir weiter wild vor uns hin spekulierten, hackte sich Ally in das Sicherheitssystem des Hotels ein. Fiel ihr leicht. (Was denn, Jackson? Kein paranoider Reflex? Keine unkontrollierte Überlegung, ob es sicher war, sie zu kennen? Ich horchte in mich hinein. Nein, nichts. Offenbar hatte mein Unterbewusstsein Ally als ‚Freund‘ abgespeichert. Puh. Vielleicht hatte ich auf längere Sicht doch noch die Chance, das in den Griff zu bekommen.)
Sie wurde schnell fündig: Gegenüber der Toilette hing eine Kamera. Zeigte das Starlet, wie sie hineinging, kurz darauf gefolgt von einer älteren Frau. Catherine Taylor. Ja, genau. Die Catherine Taylor. Margo aus In alle Ewigkeit und Sandra James aus Letzter Ausweg. Oh, und Beatrice in Viel Lärm um Nichts. Kam kurz darauf wieder heraus – das Kamerabild war unscharf und pixelig, aber sah sie nicht jünger aus? Vitaler?
Ally meinte, dass die Taylor vermutlich das Problem hätte, dass sie so langsam in das Alter käme, in dem ihr keine attraktiven Rollen mehr angeboten wurden. Aber, warf ich ein, ich hatte gehört, sie würde in dem nächsten Marvel-ScienceFiction-Blockbuster mitspielen. Klar, meinte Ally. Als Kommandantin der Erdstreitkräfte und nicht als fuckable love interest. Ihre Worte, nicht meine.

Jedenfalls, mutmaßte Irene, könnte sie so eine Art Energievampir sein. Wir brauchten mehr Informationen. Also ging Dr. Akintola los, um sich mit ihr zu unterhalten. Der war eindeutig der Mann für diesen Job, mit seiner verbindlichen Art und dieser Stimme (ja, ich bin neidisch, verdammt). Das funktionierte auch soweit ganz gut: Er brachte ihr Champagner und lotste sie weg von ihren Groupies, Agenten und Fans, zumindest ein Stück. Selbst aus der Entfernung konnten wir sehen, dass sie im Moment eher wie eine Frau Anfang Dreißig aussah als wie eine Frau Anfang Fünfzig.
Irene bedeutete Dr. Akintola aus der Ferne, er möge doch versuchen, an die Handtasche der Taylor zu kommen. Ziemlich schwierig: Sie hatte eine Kuverttasche ohne Henkel oder Riemen, die sie ständig in der Hand halten musste. Die konnte er ihr schlecht entreißen und durchsuchen, ohne dass es auffiel.

Ich nickte Ally zu und ging los. Achtlos durch die Menge, versuchte, abgelenkt auszusehen. Kein Problem, ich schaute einfach zu Irene in ihrem kleinen Schwarzen. Stand ihr gut. Fast wäre ich an Catherine Taylor vorbeigelaufen, schaffte es im letzten Moment doch, sie kräftig anzurempeln. Ihre High Heels taten den Rest, sie knickte ab und stürzte zu Boden. Ließ ihre Tasche dabei natürlich fallen. (Was für ein bescheuertes Design!)
Dr. Akintola half der Taylor auf die Füße, während ich mich entschuldigte und gleichzeitig versuchte, ihr den Blick auf Ally zu verstellen. War nicht so schwierig, weil ich mich nicht nur bei ihr, sondern auch noch bei einer anderen Schauspielerin entschuldigen musste – einer Französin, die sich schrecklich über die miserablen Manieren der Amerikaner aufregte. Die kannte ich auch irgendwoher, ein alter Schinken mit Burt Lancaster vielleicht? Verdammt in alle Ewigkeit? Die hieß… Delaroche. Christine Delaroche.
Jedenfalls machte sie genug Gewese, um die Situation zusätzlich zu verwirren. Sehr gut. Ich hätte mich auch noch eine Weile länger entschuldigt, aber meine Stimme brach ab. Machte nichts – Catherine Taylor hatte ohnehin bemerkt, dass ihre Tasche fehlte. Mit einem nervösen Lächeln gab Ally sie der Schauspielerin und erntete dafür einen bösen Blick. Klar. Sie war jünger und schöner als die Taylor. (Ally! Ich kann das immer noch nicht fassen.)

Auf dem Weg nach oben unterhielt ich mich mit Ally über die Verfilmung der Action Movie Novel und meine Zweifel, ob das Konzept in Hollywood gut umgesetzt werden würde. Sie erzählte mir, dass sie ja meine Horror-Romane lieber mochte und dass … oh Mann. Der Teppich, über den wir liefen, war übrigens dunkelblau mit goldenen Fleur-de-Lis drin, und vielleicht sollte ich das hier mal ein bisschen raffen, damit wir zum Sturz vom Balkon kommen. Aber eigentlich habe ich dazu gar keine Lust. Ich könnte noch ein paar Infos über die Knie-OP von Dad aufschreiben, das wär’s doch. Oder direkt nach Portland springen.

Reiß dich zusammen, Jackson. So schlimm war’s nun auch wieder nicht.

Wir zogen uns also wieder in unsere Suite zurück. Ally erzählte, dass in der Handtasche nicht viel Auffälliges gewesen wäre, nur zwei Sprühfläschchen mit Flüssigkeit. Sie hatte eines davon eingesteckt, aber unsere Tests ergaben, dass es sich um profanes H2O handelte. Allerdings war das Stück Haut, das wir gefunden hatten, sehr trocken gewesen.
Da keinem ein passendes Monster einfiel, beschlossen wir, die Taylor zu konfrontieren. Ally schickte ihr das Video von der Hotelkamera mit dem Hinweis, wir würden das einerseits ins Internet stellen und andererseits der Polizei übergeben, wenn sie sich nicht in einer halben Stunde mit uns in der Suite treffen würde.

Eigentlich hatten wir geplant, dass ich die Konfrontation übernehme („Leute einschüchtern kannst du ja“, meinte Irene) und der Rest sich versteckt. Aber während die anderen noch nach Verstecken suchten und ich mich betont cool an den Tisch lehnte, kam Catherine Taylor in den Raum gestapft, offensichtlich wütend und offensichtlich bereit, uns allen den Garaus zu machen.

Der Kampf gegen sie verlief eher komödiantisch: Erst ließ Irene ihre Haarmähne frei. Und sie hat tolle Haare, das sieht man nur normalerweise nicht, weil sie die immer zusammensteckt. Falls sie damit für Ablenkung sorgen wollte, hatte sie jedenfalls Erfolg – Dr. Akintola und ich waren vollkommen abgelenkt.
Die Taylor jedoch nicht. Die schlug eine Falte ihres Kleids zur Seite, und aus ihrem Bauchnabel kam eine Art Wurm hervor, vielleicht drei Fuß lang, mit einer sehr spitzen Schnauze. Schlug nach Ally, die nicht richtig vorbereitet war. Traf sie am Bauch und saugte sich dort fest.
Der Rest kam wieder zur Besinnung – Irene griff mit ihrer Haarnadel an (okay, vielleicht hatte sie deswegen ihre Haare gelöst. So im Nachhinein ist das vermutlich die plausiblere Erklärung), Dr. Akintola warf Salz nach der Schauspielerin und ihrem Symbionten, um sie auszutrocknen, ich griff mir den Saugarm und versuchte, ihn von Ally wegzuzerren.
Ally blieb natürlich auch nicht hilflos stehen, sondern packte ihren Taser aus und hielt ihn an den Saugarm. Das funktionierte eigentlich ganz gut, abgesehen von der Tatsache, dass sie nicht nur das Vieh, sondern auch mich und sich selbst unter Strom setzte. Gut, war nicht mein erster Stromschlag, und ich schaffte es, den Symbionten weiter festzuhalten.
Ein paar Angriffe von Irene und Akintola später gelang es mir, den Saugarm endlich aus dem Bauch der Schauspielerin zu reißen. Sie schrie auf, schlug heftig nach mir. Ich stolperte zurück, ließ den Saugarm los, kollidierte mit Irene, wir verloren das Gleichgewicht… und fielen vom Balkon. In den Pool.

Und jetzt stelle ich mir die ganze Szene noch mal mit der Musik von Benny Hill unterlegt vor. Ja. Passt.

Wir waren also in den Pool gefallen. Glücklicherweise war sonst keiner drin. Irene schwamm elegant zum Beckenrand – ich hätte ihr wirklich gern gentlemanlike aus dem Wasser geholfen, aber leider schwimme ich mit dem Haken eher schlecht. Kam erst nach ihr am Beckenrand an.
Sofort tauchten ein paar dienstbeflissene Hotelangestellte auf, vergewisserten sich, dass wir nicht verletzt waren und brachten uns in den Wellnessbereich, damit wir uns trocknen und von dem Schreck erholen konnten. Irene überließ den Angestellten ihr Kleid, damit die sich darum kümmerten, und ging erst mal, um sich einen Saunabademantel überzuwerfen. Ich wollte noch mal nach Ally schauen, der Angriff des Saugarms hatte nicht so harmlos ausgesehen.
Ich fand Ally und Dr. Akintola in einem abgeschiedenen Zimmer. Ihre Wunde war verbunden, sie selbst voller Schmerzmittel und relativ glücklich. Catherine Taylor war nach dem Verlust ihres Symbionten rapide gealtert, sah jetzt aus wie Anfang Achtzig. Lebte aber noch. Der Symbiont selbst war verschwunden – vielleicht war er durch das Salz so ausgetrocknet worden, dass er völlig zusammengeschrumpft war. Oder er war irgendwie davon gekommen. Großartig. Nächstes Jahr wieder auf dieser Gala, schätze ich.

Danach hätte ich vielleicht bei Ally und Akintola bleiben sollen. Alliteriert sich ja auch schön. Vielleicht hätte ich dann mehr über die Fulbe erfahren, von denen ich eigentlich nur wusste, dass sie eine atlantische Sprache benutzen, auch das nur wegen des Namens. Oder ich hätte mit Ally über meine Bücher reden können.
Aber nein. Ich ging zurück in den Wellnessbereich, um Irene Gesellschaft zu leisten. Die war gerade auf der Suche nach einem funktionierenden Telefon, weil sie Ethan Bescheid geben wollte. Der war nämlich auch auf der Gala und würde sich eventuell Sorgen machen. Ich überzeugte sie, dass Ethan ein großer Junge war, der auch allein klar kommen würde. Notfalls konnte er sich ja hinter der Topfpflanze verstecken (so im Nachgedanken: Hat er vielleicht da die junge Frau getroffen?). Oder – abwegiger Gedanke – vielleicht würde er sich sogar amüsieren. Schließlich war das ja eine Gala, und da ging man hin, um sich zu amüsieren. Okay, das war nicht nett, aber wir haben beide gelacht.

Dann überredete mich Irene, den nassen Smoking auszuziehen, auch wenn der mir eigentlich ganz gut stünde. Ich machte ein paar ehrlich gemeinte Komplimente über ihr Kleid zurück und ging, um mir einen Bademantel zu suchen. Als ich das Jackett auszog, merkte ich, dass das Hemd ruiniert war – die Wunde an meiner Seite war beim Sturz über die Balustrade wieder aufgegangen und blutete munter vor sich hin. Verdammt. Wenigstens sah man es dem Jackett nicht an.
Den Haken musste ich abmachen. Tut dem Sockel nicht gut, wenn der Liner zu lange nass ist. Und meine Waffen konnte ich auch nicht mitnehmen.
Ich kam mir nackt vor, ohne Pistolen, ohne Handersatz, in geliehenen Boxershorts und einem flauschigen Bademantel. Ging zurück zur Bar, wo schon zwei Gläser, eine Flasche Gin und eine Flasche Bourbon standen. Ich glaube, die hat Irene hingestellt.
Nach dem ersten Glas fiel Irene der Blutfleck am Saunamantel auf. Sie bot an, mich zu verarzten. Klar, vergesst, was ich noch vor kurzem über Amateure gesagt habe, sie durfte mich gern verbinden. Ich musste dazu natürlich den Bademantel ausziehen. Was für ein Zufall.

Tat natürlich weh, aber besser sie als Stinger. Viel besser. Fragte mich dann nach meinen Tätowierungen. Interessierte sich für die Krähen auf meinen Schultern. Berührte eine Tätowierung, nur ganz leicht. Ich schenkte ihr noch einen Gin ein.

Na, ihr wisst, worauf das hinausläuft, oder? Ich frage mich, ob sie es nicht hat kommen sehen. Ob es ihr egal war, oder ob sie einfach nur so unbekümmert war… nein, das glaube ich nicht. So naiv ist sie nicht.

Also küsste ich sie. Sie wehrte sich nicht. Ganz im Gegenteil.

Wäre auch noch mehr passiert. Wenn die Tür nicht aufgegangen wäre. Wir fuhren auf wie ertappte Teenager.

Es war Ethan. Mit der jungen Frau im Schlepptau. Er starrte uns einen Moment lang entsetzt an, dann machte er die Tür wieder zu.

„Oh Mann“, sagte ich, und „Oh verdammt“, sagte Irene. Sie stand auf. „Das war eine blöde Idee“, erklärte sie mir, und ich nickte. Atmete tief durch. Konnte ihr nicht in die Augen schauen.
„Ich schaue mal, ob mein Kleid wieder trocken ist.“
Sie ging. Ich blieb zurück und fragte mich, was zum Teufel mit mir nicht stimmt.

Holte meinen Smoking. Tat die Wunde an der Seite weh, als ich das Hemd und das Jackett drüber zog? Klar tat sie das. Gut. Das brachte mich zumindest wieder runter.
Dann stapfte ich raus. Ohne Fliege, natürlich, immer noch ein bisschen betrunken. Smoking zerknittert. Egal. Ethan.

Den fand ich bei einer größeren Gruppe. Habe nicht darauf geachtet, wer da alles stand. Fragte ihn, ob er kurz mit rauskommen konnte. Er nickte.
Draußen gab er mir eine Zigarette. Feuer. Meine eigenen waren immer noch durchnässt.

„Ich bin ein Idiot“, sagte ich. Keine Ahnung, ich glaube, er nickte. „Ich liebe meine Frau.“ Das klang bestimmt sehr überzeugend, fünf Minuten, nachdem ich eine andere geküsst hatte.
Ethan sagte: „Dachte, ihr hättet keine Probleme“. Klang enttäuscht.
Ich lachte bitter auf. „Wie kommst du darauf?“
„Keinen Bedarf an Affären“, setzte er hinzu. „Naiv. Sorry.“ Naja. Naiv? Wie man’s nimmt. Sollte eigentlich so sein, ja.
Ich schüttelte den Kopf. „Ist nicht das erste Mal“, gab ich zu. „Queenie, die Frau in dieser Bar…“ Das klang, als würde ich das dauernd machen. „Und ich weiß immer noch nicht, ob da nicht was zwischen Tam und ihrem Jägerkumpel Clive war.“ Nein, wusste ich nicht. Ich hatte so meinen Verdacht. Aber das war verdammt noch mal keine Entschuldigung.
Ethan sagte gar nichts. Der hörte nur zu.
„Wollte Irene eigentlich aus dem Weg gehen“, versuchte ich zu erklären. „Aber die ist ja ü-ber-all!“ Mit dem letzten Wort wurde ich laut, und das passiert selten. Ist übrigens auch keine Entschuldigung. Ich hätte ja nicht in die Sauna gehen müssen. Keinen Alkohol trinken müssen. Ehrlich: Ich bin schon mit dem Hintergedanken zu ihr gegangen, dass da was laufen könnte. Ich wollte verdammt noch mal, dass genau das passiert.

Ethan versicherte mir, dass er Tam nichts erzählen würde. „Ich trete dich, wenn ich was mitkriege“, sagte er. „Bin aber nicht immer da.“
„Diesmal warst du da“, entgegnete ich. „Und das war gut so, denn sonst… sonst wäre da noch mehr passiert.“ Einem winzigen Teil von mir tat es leid, dass er gekommen war, aber das sagte ich ihm nicht.

Wir schwiegen und rauchten noch eine Weile. Schweigen kann Ethan wirklich gut, und das meine ich als hohes Kompliment. Meine Gedanken kreiselten eine Weile vor sich hin. Kamen dann ein bisschen zur Ruhe. Dann fiel mir etwas ein.

„Belle“, sagte ich, „verdammt, ich muss noch diese Kinderbuchillustratorin fragen, ob sie nicht Lust hat, die Bücher meiner Cousine zu illustrieren. Deborah Gale.“

Das Schweigen neben mir veränderte sich, als ich den Namen sagte. Ich schaute auf. Ethans Gesicht war kreidebleich, die Kiefer hart aufeinandergedrückt. Einen Moment war ich verwirrt, dann hatte ich es. Deborah Gale
„Familie?“, fragte ich leise. Er nickte einmal abrupt. „Deine Mutter?“ Sein Gesichtsausdruck war Antwort genug. Oh Mann.
Wir schwiegen wieder eine Weile. Schließlich sagte ich: „Du könntest mit ihr sprechen.“
Ethan schnaubte. „Nach zehn Jahren… will ihr nicht weh tun.“
„Ja“, sagte ich langsam. „Aber… bei dem Leben, das du führst… weißt du, was ihr noch mehr weh tun würde? Wenn irgendwann die Polizei klingelt und ihr erzählt, dass sie die Leiche ihres Sohns gefunden haben, der vor zehn Jahren verschwunden und vor zehn Tagen gestorben ist.“
Keine Antwort. Ethan zog eine neue Zigarette aus der Tasche und zündete sie vorsichtig an.
Ich hatte schon länger überlegt, was ich ihm sagen wollte, wenn das Thema mal wieder zur Sprache kam. „Willst du ihr nicht weh tun oder nur dir selbst?“

Das hatte er über Ichinose in der Giffany-Welt gesagt, und es war unter der Gürtellinie, ich weiß. Direkt, als ich das sagte, fiel mir auf, wie heuchlerisch es von mir war, ihm das zu sagen. Weil ich ja meinen eigenen emotionalen Familienkram so gut im Griff hatte. Ich betrachtete meinen Ehering, den ich die ganze Zeit an der Hand gehabt hatte.

„Sorry“, sagte ich. „Ich bin bestimmt der Falsche, um dir gute Ratschläge zu geben.“
Wir schwiegen noch einen Moment. Schließlich stand ich auf. Legte ihm die Hand auf die Schulter. Ging wieder rein.

Holte mir erst mal einen Espresso. Ich sah schon derangiert genug aus, auch ohne Alkoholfahne. Überlegte, die Sache mit Mrs. Gale zu lassen, aber ich hatte heute schon genug Familie enttäuscht. Fand sie schließlich. Gut, dass ich bereits wusste, dass sie Ethans Mutter war. Sonst hätte ich die ganze Zeit gegrübelt, an wen sie mich erinnerte.
War soweit ganz nett. Kannte Belles Bücher, war nicht uninteressiert an einer Zusammenarbeit. Wollte wissen, ob ich einer von denjenigen war, die in den Pool gefallen waren. Bevor ich das erläutern musste, tauchte mein Verleger auf. Die beiden kannten sich offensichtlich, so vertraut, wie er ihr den Arm über die Schulter legte. War da etwas zwischen den beiden? Blödsinn. Vermutlich nur mein eigenes schlechtes Gewissen. Henricks gehört zu den Leuten, die andere ständig anfassen. Ich verzog mich, so schnell es ging. Hatte keine Lust, mir heute Abend noch einen Vortrag über indianische Lebenswirklichkeiten anzuhören, und warum es nur so wenig Autoren gäbe, die mal einen spannenden Roman darüber schreiben würden.

Nahm ein Taxi. Fuhr zu Cals Wohnung. Ernesto flatterte um mich herum, oh, der arme Smoking, das arme Hemd, aber er kannte jemanden mit einem ganz fa-bu-lösen Mittel zur Fleckenentfernung. Ich sollte mir keine Sorgen machen.
Wimmelte ihn ab. Ging ins Gästezimmer, starrte mein Handy an. Überlegte, Tam anzurufen. Oder meine Mutter. Nein, das war zu kompliziert, also holte ich mir noch eine Flasche Bourbon und schrieb einen Brief an Irene. Prinzipiell stand da ‚hallo, ich würde dich gern ficken, macht dir hoffentlich nichts aus‘. Glaube ich. Hab das Dokument nicht gespeichert.

Am nächsten Morgen wachte ich verkatert auf. Schrieb Irene eine SMS, ob sie reden wolle. Sie antwortete schnell, nicht jetzt. Also gut, dann würde sie den Brief kriegen. Zuerst noch eine Dusche, ein Gespräch mit Ethan, dann ab ins Five Corners, das lokale Roadhouse. Überredete jemanden, den Brief mit ins Dying of the Light zu nehmen

Nur: Irgendwann hat mein Gehirn mal wieder eingesetzt. Schrieb Irene eine E-Mail, sie möge den Brief ignorieren. Sie hatte ihn noch nicht bekommen (keine Überraschung). Meinte, sie würde das tun. Keine Ahnung, ich wette, sie liest ihn trotzdem. Verdammt.

Dann dachte ich darüber nach, wie ich mich gefühlt hatte, als ich mit Deborah Gale sprach und ihr nicht sagen konnte, dass ihr Sohn noch lebt. Ziemlich mies.
…und wie würde sich Ethan fühlen, wenn er im Sommer kam, um das Baumhaus zu bauen? Wenn er etwas wusste, dass Tam wissen sollte, es ihr aber nicht sagen konnte? Verdammt. Ich muss mit ihr sprechen. Wird Zeit. Auch wenn ich mir damit vielleicht alles versaue. Scheiße.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter FATE, Pen & Paper, Supernatural

Eine Antwort zu “Supernatural – Hollywood Gala Night

  1. Pingback: Supernatural – Hollywood Ghost | Timber's Diaries

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s