Supernatural – Hollywood Ghost

Das folgende Supernatural-Abenteuer war ein Experiment: spielleiterlos, aber mit sieben Spielern. Weil sieben Spieler für eine Gruppe doch ein bisschen viel war, haben wir nur ein paar kurze Eröffnungsszenen gemeinsam gespielt und uns anschließend in zwei Gruppen aufgeteilt, die sich dann hinterher wieder trafen. Über den Chat des Roll20-Tools hatten wir lose Verbindung miteinander, so dass wir jeweils mitbekamen, wenn in der anderen Gruppe irgendwelche mitbekommenswerten Dinge passierten. Das Konzept hat prima funktioniert und sehr viel Spaß gemacht. (Das Diary für die Erlebnisse der anderen Gruppe findet sich übrigens hier.)

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Ethan starrt auf sein Handy. Weiß nicht, ob er amüsiert oder frustriert sein soll. Bleibt sich aber im Endeffekt auch gleich. Er wollte doch eigentlich nur Irene bescheid geben, weil Biancas Tante sich endlich gemeldet hat. Eigentlich. Und dann vielleicht irgendwann beim nächsten Treffen in Ruhe in die Details gehen. Kopfschüttelnd sieht er wieder auf die SMS der Britin, die er soeben geöffnet hat. „Würde ich gerne hören. Persönlich. Ist morgen okay? Könnte Rückendeckung brauchen. Flug würde um 8:55h gehen. Ziel L.A. Smoking wäre gut.“ Gah. Das war jetzt nicht der Plan gewesen. Aber Irene braucht Hilfe. Scheint, als wäre aus ‚irgendwann‘ soeben ‚in 9 1/2 Stunden‘ geworden. Mit einem leisen Schnauben tippt er eine kurze Antwort und wirft dann ein paar Klamotten in seinen Rucksack. Allerdings nur Unterwäsche, Socken, zwei Hemden und ein paar T-Shirts. Einen Smoking hat er keinen. Muss Irene mit leben.

Auf dem Flug erzählt sie ihm, um was es eigentlich geht. Eine Gala. Logisch. Deswegen der Smoking. Filmstars und -sternchen, sonstige Berühmtheiten, Regisseure, Autoren, ihre Agenten, Verleger, und wer sonst sich eine von den superteuren Eintrittskarten leisten kann, die theoretisch im freien Umlauf sind, wo man aber in der Praxis nur über Beziehungen rankommt. Beziehungen, wie Irenes Familie sie offenbar hat. Überraschung. Der tatsächlich überraschende Knackpunkt an der Sache ist, dass im Hollywood Roosevelt Hotel, wo die Gala jedes Jahr stattfindet, auch jedes Jahr jemand ums Leben kommt. Und dass Irene sich das einmal ansehen will. Aber eben nicht ohne Rückendeckung. Vernünftig von ihr. Auch wenn eine etwas weniger kurzfristige Einladung nett gewesen wäre.

Im Flugzeug sprechen sie auch über die Nachricht von Biancas Tante. Die Ethan jetzt nicht so wirklich hoffnungsvoll stimmt. Sicher mag es theoretisch eine Möglichkeit geben, den Fluch loszuwerden. Aber praktisch? Puh.
In dem Zusammenhang will Irene wissen, wie das mit dem Fluch eigentlich genau sei. Ob der sich auch auf ganz normale, platonische Freundschaften auswirke. Bei der Frage muss Ethan den Mund zu einem Viertellächeln verziehen. Stimmt. Könnte man bei seiner Kontaktarmut beinahe vermuten. Aber nein. In der Hinsicht kann er Irene beruhigen. Der Fluch ist rein körperlich. Auch wenn er das nicht zu der Britin sagt: Würde ihn eigentlich nichts daran hindern, eine Beziehung einzugehen, die sich auf Händchenhalten und Kuscheln beschränkt. Ahahaha. Weil der Versuch ja so gut geklappt hat, nachdem er Felicity reinen Wein eingeschenkt hatte. Aber zugegeben: War klar, dass daraus nichts werden konnte. Er ist nun mal keine gute Gesellschaft, und kaum eine Frau will eine Beziehung nur mit Händchenhalten und Kuscheln. Und selbst wenn es eine Partnerin gäbe, die bereit wäre, sich darauf einzulassen – es würde nicht gutgehen. Irgendwann käme es dazu. Früher oder später würden die Gefühle so übermächtig werden, dass sie sich nicht mehr beherrschen ließen.

Irenes Art, damit zu leben, dass Ethan keinen Smoking besitzt, ist es, mit ihm einen kaufen zu gehen, sobald sie in L.A. sind. Einfach mal so. Schuhe und Socken inklusive. Dazu ein kleiner Probeflakon Davidoff Horizon. Riecht gar nicht mal so fürchterlich, das Zeug. Völlig ungewohnt, aber tatsächlich einigermaßen erträglich. Passt sogar halbwegs zu ihm. Gute Empfehlung seitens des Ladenbesitzers. Wobei der vermutlich eh nur seine Proben unter das Volk wirft, weil das Zeug neu rausgekommen ist. Auf dem Pappumschlag, in dem das Fläschchen steckt, steht jedenfalls ‚All New‘. Egal. Trotzdem gar nicht so schlecht. Auch wenn Ethan garantiert nicht die Art Kunde ist, die anfängt, sich Parfum zu kaufen, Probe oder nicht.
Bei der Shoppingtour durch West Hollywood hat Ethan jedenfalls wieder mal gemerkt, wie reich seine britische Bekannte eigentlich ist. Aber gut, sie konnte ja auch mal einfach so zehntausend Dollar für den kleinen Trip nach Alaska rausblasen.

Die Gala ist ungefähr so, wie Ethan sich das vorgestellt hat. Unglaublich viele gutangezogene Leute, die unglaublich viel Alkohol in sich hineinschütten und unglaublich viel reden. Eine Tanzfläche, eine Band, die von Hits bis Evergreens alles mögliche covert. Nur in der Seichtversion, aber wenigstens gerade noch so erträglich. Ethan hängt sich an Irene, die in ihrem kleinen Schwarzen toll aussieht, sich aber offenbar ähnlich wohl darin fühlt wie er sich in seinem Smoking. Nicht, dass sie sich ungeschickt darin bewegen würde, aber etwas, zu dem sie ihre Waffen tragen könnte, wäre ihr sichtlich lieber. Small Talk betreibt sie dennoch – trotz oder gerade wegen ihres eleganten Aufzugs – wie ein Weltmeister. Ethan hält sich neben ihr, beobachtet und schweigt.

Sie bahnen sich eben wieder ihren Weg von der Bar zu dem runden Achtertisch in der Nähe der Tür, an dem Irene ihnen zwei Plätze reserviert hat, da stößt Ethan mit einer zierlichen jungen Frau in einem blutroten Abendkleid zusammen. Sein Fehler, er war kurz mit den Augen ganz woanders und hat das Gedränge falsch eingeschätzt, aber so oder so ergießt sich der Sekt aus ihrem halb geleerten Glas über sein Smokingjackett.
„Oh! OH! Ich bitte vielmals um Entschuldigung!“ stammelt die junge Dame, und Ethan stutzt. Die Stimme kennt er doch? „Ally?“
Er sieht genauer hin, und es verschlägt ihm erst einmal die Sprache. Also noch mehr als sonst. Die Studentin, die er bislang nur in weiten Jeans und T-Shirts mit Nerdmotiven kennengelernt hat, gibt ein atemberaubendes Bild ab. Die blonden Haare fallen ihr in weichen Wellen um das Gesicht, die Lippen sind passend zur Farbe ihres Kleides geschminkt, die Augen von Lidschatten und Kajalstift wirksam, aber nicht grell betont. Und trotz der auffälligen Farbe ihres Kleides wirkt Allys Aufmachung überhaupt nicht billig, sondern elegant und vornehm. Ein dezenter Duft dazu. Richtig wohl scheint sie sich in der feinen Garderobe aber auch nicht zu fühlen. Ally blinzelt, scheint ihn auch erst nicht erkannt zu haben, oder zumindest nicht hier erwartet. „Ethan?“
Er nickt ihr zu. „Du denn hier?“

Sie hat einen Ferienjob bei einer Filmproduktion, erzählt die Studentin, und der Produzent habe sie eingeladen. Der schmierige Typ an Allys Seite, bestimmt Mitte Vierzig und sonnenbankgebräunt mit geweißten Zähnen, ist anscheinend dieser Produzent. Besitzergreifend tätschelt er Allys Arm. „Willst du mir deinen Freund nicht vorstellen?“
Das Getue des Typen macht die junge Frau sichtlich verlegen, und sie stottert etwas von wegen „Jason, das ist Ethan Gale. Ethan, Jason Conroy.“
Jason Conroy mustert Ethan überaus interessiert, um nicht zu sagen: Der Produzent hat sofort einen Narren an Ethan gefressen. Was sich darin äußert, dass er anfängt zu reden und nicht mehr aufhört. „Sie sehen ziemlich gut aus, junger Mann. Ein bisschen wie der junge Tom Cruise, wenn ich das mal so sagen darf. Nur größer, haha. Sind Sie Model? Haben Sie einen Agenten? Sind Sie Schauspieler?“ Und als Ethan diesen Wortschwall stumm über sich ergehen lässt, schließlich: „Können Sie sprechen?“
Ethans linker Mundwinkel hebt sich leicht, und er hält seine Stimme absichtlich extra trocken, als er antwortet. „Nein, nein, nein und nein.“
Woher Ally und er sich kennen würden, fragt der Produzent dann. Es klingt beinahe ein wenig… kalkulierend. Oder eifersüchtig? „Von der, ähm, Arbeit“, erwidert Ally jedenfalls nervös.
„Ach so“, hakt der Produzent sofort nach, „was arbeiten Sie denn? Sind Sie also doch Schauspieler, wenn Sie sich vom Film her kennen?“
Ethan schüttelt den Kopf. Antwortet mit einem Begriff, der ihm letztens beinahe ein lautes Lachen entlockt hat, als er ihn zufällig irgendwo hörte, und der ihm normalerweise im Traum nicht über die Lippen kommen würde, bei dem es ihm aber einen diebischen Spaß macht, ihn jetzt diesem aufgeblasenen Fatzke vorzuwerfen, einfach um zu sehen, wie der reagiert. „Janitorial Engineering heißt das bei Ihnen wohl.“
„Oh.“ Der Filmmensch sieht ihn abschätzig an, bringt dann ein künstliches Lächeln zustande. „Nun, Beleuchtung und all das muss es beim Film wohl auch geben…“
„Glauben Sie ihm kein Wort.“ Das ist Irene, die bisher wortlos, amüsiert und vielleicht ein wenig pikiert, weil keiner sie beachtet hat, dabeistand. „Er ist ein Profikiller.“
Und während Conroy daraufhin blinzelt und Ethan, der sich ein Grinsen verkneift und den Blick des Produzenten todernst erwidert, mit großen Augen sprachlos anstarrt, greift die Britin Ally am Arm und steuert sie Richtung Bad. Immerhin hat die Studentin sich den Sekt auch über ihr eigenes Kleid geschüttet.

Jason Conroy hat seinen Schock über den ‚Profikiller‘ schnell überwunden oder überspielt ihn mit mehr Reden. Wenn er also jemanden aus dem Weg geräumt haben wollte, so ganz theoretisch, haha, hmmm, dann könnte er also…? Und wie das denn wäre, wie er für seine Aufträge kontaktiert werde? Und ob er bereit sei, ganz diskret natürlich, sich mal für ein Interview zur Verfügung zu stellen? Das sei eine wahre Fundgrube für Filmstoffe… Ethan lässt den Wortschwall stoisch über sich ergehen. Mal sehen, wann der Typ anfängt, sich zu fragen, wie gut es ist, einen offensichtlich unamüsierten Profikiller, denn Irenes Bären hat er ja anscheinend geglaubt, stundenlang vollzulabern.

Ehe es aber dazu kommt, werden sie von einem kleinen Tumult unterbrochen. Eine ältere Dame, Ende Siebzig, Anfang Achtzig vielleicht, wird von einer jungen Frau angerempelt und beiseite gestoßen. In stark französisch akzentuiertem Englisch beschwert sie sich bei jedem, der es hören will – und dank ihrer Lautstärke auch bei jedem, der es nicht will – über die Jugänd von ‚eutä und diese un’öflischän Amärikanäär. Ethan kommt die Diva irgendwie bekannt vor. Klar, sie ist älter als das Gesicht, das er vor Augen hat, aber… Dann fällt es ihm ein. Schauspielerin. Christine Delaroche. Hat in diversen Filmklassikern mitgespielt.

Und dann stutzt Ethan, und der Atem stockt ihm tatsächlich. Denn die Auslöserin des Zwischenfalls, die mit einem kleinen weißen Gegenstand in der Hand noch immer an dem Ort steht, wo sie mit der Französin zusammengestoßen ist, kennt er ebenfalls. Sam. Das ist Sam! Samantha in einem knielangen, schwarzen Kleid mit ellenbogenlangen, leicht transparenten Ärmeln. Die kurzen, dunklen Haare gar nicht so anders als sonst frisiert, und dennoch völlig anders. Irgendwie… weicher. Fedriger. Dezentes und doch umwerfendes Makeup. Eine modern-filigrane, goldene Halskette, die das schwarze Kleid perfekt ergänzt. Und ein Gesichtsausdruck… ‚Ich wäre an jedem Ort der Welt gerade lieber als hier‘, sagt dieser Gesichtsausdruck. ‚Ich wäre gerade lieber in der siebten Hölle als in diesem Ballsaal. Aber jetzt bin ich nun mal da, und jetzt mache ich daraus, was daraus gemacht werden muss, denn hier ist gerade irgendwas passiert.‘
Ethan wird sich bewusst, dass er starrt. Es entfährt ihm ein ehrfürchtiges „Wow“, und er beginnt wieder zu atmen.

Mit einem „’schuldigung“ lässt er den Produzenten stehen und bahnt sich den Weg durch den Saal. Sam sieht ihn kommen, als er halb bei ihr ist, und ihr Mienenspiel wird nochmal um eine Kategorie komplexer. Sie atmet tief ein, wappnet sich wie für eine Konfrontation, wie es ihm scheint – aber freut sie sich auch, ihn zu sehen? Der Eindruck ist so flüchtig, den hat er sich garantiert nur eingebildet. „Ethan!“, begrüßt sie ihn, als er sie erreicht hat. Ihr Tonfall lässt nicht erkennen, ob sie sich freut oder ärgert. Oder beides. „Was machst du denn hier?“ „Irene“, erklärt er. „Brauchte Rückendeckung. Du?“ „Ich bin mit Francis hier“, erwidert Sam. Francis? Scheiße. Er hätte nicht gedacht, dass ihm das so einen Stich geben würde. „Mein Cousin, der brauchte kurzfristig eine Begleitung und hat mich überredet.“ Cousin. Ach so. Erst als er sich jetzt wieder entspannt, merkt Ethan, dass er sich überhaupt angespannt hatte.

Er räuspert sich, kommt zur Sache. Nickt mit dem Kinn in Richtung der empörten Französin. „Was los?“
Der kleine weiße Gegenstand in Samanthas Hand, erkennt Ethan jetzt, ist ein Salzstreuer von einem der Tische. Sie deutet hinter sich, zu der Stelle, wo die Französin gestanden hatte. „Merkst du das? Hier ist es kalt…“ Ethan tritt an die Stelle, nickt. „Da war ein Geist“, erläutert Sam. „Wir haben ihn gesehen, er hat die Dame bedroht…“
Wir? Oh. Neben Samantha steht noch eine junge Frau, die Ethan erst jetzt so richtig bemerkt. Etwa Sams Alter, Anfang Zwanzig, auf spröde Art hübsch, mit dunklen, zu unzähligen Zöpfen geflochtenen Haaren, einer schwarzen Hornbrille und einem ebenfalls knielangen schwarzen Kleid mit engem Rock. „Das ist Natalie“, stellt Sam sie einander vor. „Nat, das ist Ethan.“ Er nickt und macht dann eine vage Geste weg aus der Raummitte. „Woanders?“

Sam und Natalie haben den idealen Ort für ein ungestörtes Gespräch: eine große Topfpflanze mit ausreichend Platz, dass man sich dahinter zurückziehen kann und aus dem Weg ist. Perfekt. Mit einem letzten schnellen Blick, um eventuelle Lauscher auszuschließen, wendet Ethan sich an die beiden jungen Frauen. „Also. Geist?“

Ein bleicher Mann von etwa Mitte Vierzig sei es gewesen, erzählt Sam, mit dunklen Augen und verzerrten Gesichtszügen. Er habe wütend ausgesehen und so, als wolle er der Französin an den Kragen. Deswegen habe Sam sich einen Salzstreuer geschnappt, die alte Dame aus dem Weg geschubst und Salz in Richtung des Geistes gestreut, woraufhin der erst einmal wieder verschwunden sei.

Während Ethan nachdenklich nickt, zückt Natalie ihr Smartphone und fängt an, konzentriert darauf herumzutippen. Sie scheint ähnlich versiert mit dem Internet wie Ally, kommt es ihm vor. Wobei die Information, die sie gleich darauf verkündet, vermutlich nicht mal sonderlich schwierig zu finden war: Hier im Hollywood Roosevelt Hotel soll es ganz offiziell spuken. Angeblich gehen die Geister von Marilyn Monroe und Montgomery Clift hier um, wobei letzterer häufig dabei gesehen oder besser dabei gehört wird, wie er auf der Trompete spielt, die er für seine letzte Rolle geübt hat.

Stimmt. Von den beiden berühmten Geistern des Roosevelt hat Ethan auch schon gehört, fällt ihm jetzt wieder ein. Sam aber anscheinend nicht. Ihr sagt auch nur Marilyn Monroe was; der Name Montgomery Clift ist ihr völlig unbekannt. Was ein Jammer ist, der Mann war ein richtig, richtig guter Schauspieler. Sein Perce Howland in Nicht Gesellschaftsfähig ist ein echter Klassiker, und sein Matthew Garth in Red River erst recht. Da hat er John Wayne regelrecht an die Wand gespielt. Nicht, dass so viel dazugehört hat, um John Wayne an die Wand zu spielen, aber das macht Clifts Leistung nicht schlechter. Huh. In Nicht Gesellschaftsfähig hat er mit Marilyn Monroe zusammengespielt, dem letzten vollendeten Film vor ihrem Tod. Ob es etwas zu bedeuten hat, dass sie jetzt beide hier spuken?
Clift selbst ist erst 1966 gestorben, mit Mitte Vierzig. In genau diesem Hotel, in Zimmer 217, spuckt das Internet aus, und zwar an einem Herzinfarkt, kein direkter Hinweis auf einen Selbstmord oder Fremdeinwirkung. Na das Zimmer sollten sie sich doch mal ansehen.

Unterwegs will Natalie wissen, wie man Geister am besten bekämpfen kann, und natürlich erklären die beiden anderen: Mit Salz kann man sie für eine Weile bannen, am besten mit aus einer Waffe verschossenem Steinsalz. Aber das hat gerade leider keiner von beiden dabei, ergänzt Sam, während Ethan mit bedauerndem Schulterzucken an sich herunterzeigt. Smoking mit Remington. Das wär’s noch. Aber Salz ist ohnehin nur eine kurzfristige Lösung, fährt Sam fort. Wirklich endgültig zur Ruhe bringen kann man Geister nur, indem man entweder ihre Knochen salzt und verbrennt – oder das löst, was sie hier hält, ergänzt Ethan.

Sam deutet vielsagend auf ihre kurzen Haare. „Hast du vielleicht eine Haarklammer? Wäre vielleicht besser als gar keine Waffe…“ Natalie hat tatsächlich eine irgendwo in ihren vielen geflochtenen Zöpfen und gibt sie an Sam weiter, ehe die sich auch noch in die Vorratskammer neben der Küche stiehlt und Salz für alle organisiert. Also mehr Salz, als in dem kleinen Streuer ist, den sie noch immer bei sich hat. Ethan besorgt sich derweil einen Schürhaken aus einem der Kaminzimmer. Ist zwar auch kein Gewehr, aber wie Sam schon sagte. Besser als gar keine Waffe.

Im zweiten Stock hören sie es. Leise weht traurige Trompetenmusik durch den Gang. Und ja, sie kommt aus Zimmer 217. Das natürlich verschlossen ist.
Ethan sieht Samantha an, nickt zu der Tür hin. „Dana Point schon so gut.“
Sam nickt und macht sich mit Natalies Haarklammer am Schloss zu schaffen. Nach kurzer Zeit macht es ‚klick‘, und die Tür springt auf. Sam wirft Natalie einen verlegenen Blick zu. “Versteh das jetzt nicht falsch. Ich bin keine Einbrecherin. Ich hab noch nie was gestohlen!!”

Im Zimmer selbst versiegeln die drei Jäger erst einmal alle nur denkbaren Ausgänge mit Salz. Tür. Fenster. Abzug im Bad. Erst dann sehen sie sich in Ruhe um. Der Raum wirkt irgendwie unheimlich – obwohl er anscheinend ganz normal vermietet wird wie die anderen Hotelzimmer auch, macht es einen dunklen, stickigen Eindruck. Ja, die Vorhänge sind zugezogen, aber es ist irgendwie dunkler, als es auch bei geschlossenen Vorhängen sein sollte, und um das Bett herum, ein altmodisches Himmelbett mit Samtbehang – ist dieser Effekt nochmal stärker.

Erst sehen sie sich ein wenig ratlos um, wissen nicht so recht, was sie jetzt tun sollen. Dann fasst Sam sich ein Herz. „Mr. Clift?“ ruft sie halblaut, und tatsächlich beginnt der Vorhang des alten Himmelbetts zu wehen. Aber nichts weiter geschieht, und so durchsuchen sie wachsam, Salz bzw. Schürhaken jederzeit bereit, das Zimmer.

Es ist Natalie, die fündig wird. Im Nachttisch neben dem Bett liegt ein altes Drehbuch: Verdammt in alle Ewigkeit, der Kriegsfilmklassiker mit Burt Lancaster von 1953. Klar, stimmt, da hat Clift auch mitgespielt. Und während der Dreharbeiten schon mal in diesem Hotel gewohnt, weiß das Internet, auch in genau diesem Zimmer.

Trotzdem ist es seltsam, dass das alte Drehbuch jetzt hier in der Schublade liegt. Immerhin wird das Zimmer ganz normal vermietet. Vielleicht eines von diesen Geisterdingern, die kurzfristig real wirken, ehe sie verschwinden, so wie Esmeraldas Brief in Texas. Die Erwähnung von Dimmitt fällt Ethan nicht leicht, und sie scheint auch Sam in Verlegenheit zu bringen. Aber das war jetzt wichtig.

Als wolle sie von dem kurzen, peinlichen Moment ablenken, ruft Sam ein weiteres Mal nach dem Geist. Als sie das tut, beginnt das Drehbuch, sich zu regen. Seine Blätter rascheln und wenden sich von selbst um, kommen immer wieder auf bestimmten Seiten zur Ruhe. Und immer ist es Dialog zwischen Robert Prewitt, dem Charakter von Montgomery Clift, und einer weiblichen Rolle. Einer Rolle, die im Film gespielt wurde von… Ethan stutzt. Aber natürlich! Von Christine Delaroche, der alternden Diva aus dem Ballsaal! Und hat Delaroche nicht auch in Lautlose Waffen von 1966 mitgespielt, Clifts letztem Film? Aber sicher hat sie das.

Ethan weiß, dass Monty Clift 1956 einen schweren Autounfall hatte, nach dem er lange Zeit keine Rollen mehr bekam und als „unvermittelbar“ galt. Es war nämlich herausgekommen, dass der Schauspieler homosexuell war – und das war damals mit Sicherheit ein noch viel größeres Problem, als es heute teilweise auch noch ist.

Mit Hilfe der Dialogfetzen aus dem Drehbuch und ausführlicher Internet-Recherche seitens Natalie können die drei Jäger ungefähr rekonstruieren, was damals geschehen sein muss.
Clift, der zu seiner Zeit als Schürzenjäger galt, muss versucht haben, seine Homosexualität mit zahllosen Frauengeschichten zu überspielen, ganz ähnlich, wie das Zunftkollegen von ihm auch taten. Dabei muss es beim Dreh von Ewigkeit zu einem Verhältnis zwischen dem Schauspieler und der blutjungen Französin gekommen sein. Christine Delaroche, jung, wie sie war, sah in Clift die Liebe ihres Lebens. Und dann ertappte sie ihn eines Tages mit einem Mann im Bett. Es kam zum Streit, sie drohte, ihn wegen seiner Neigungen zu verraten und verriet ihn dann wirklich – was direkt zu seinem Autounfall und seinen Schwierigkeiten bei der Rollenfindung führte. Clifts Tod lag dann wohl doch nur am Alkohol und seinem schwachen Herzen, nicht daran, dass er sich etwas angetan hätte, aber sein Geist blieb zurück und spukt seither durch das Hotel.

Verdammt. Traurige Geschichte, das. Sie sollten den armen Kerl zur Ruhe bringen. Nur wie? Clifts Knochen werden sie wohl kaum finden können. Aber was, wenn die Französin sich bei ihm entschuldigt? Vielleicht wird der Geist davon versöhnt. Müssen sie nur Mme. Delaroche davon überzeugen, dass sie sich bei dem Geist ihres alten Liebhabers, der ihr das Herz gebrochen hat, entschuldigen will. Das wird bestimmt auch total einfach.

Vor allem, weil die beiden Jägerinnen Ethan damit beauftragen, die Überzeugungsarbeit zu leisten. Na ganz spitzenmäßig. Bock, Gärtner und so. Aber Sam hält sich zurück, weil sie diejenige war, die die Französin vorhin angerempelt hat, während Natalie meint, der Charme eines Mannes käme bei einer Diva doch sicherlich besser an als der einer Frau. Ahahaha. Aber eines stimmt schon, Ethan kennt tatsächlich fast alle Filme, in denen die Dame mitgespielt hat, auch wenn die meisten davon ziemlich unbekannt sind, und kann am glaubwürdigsten nach einem Autogramm fragen. Was er dann auch wirklich tut. So gut er es kann, jedenfalls.

Christine Delaroche ist anfangs ziemlich misstrauisch und sagt ihm auf den Kopf zu, er wolle sie veralbern, aber als Ethan einige ihrer Filme nennt und ihr ein paar unbeholfene Komplimente für ihre Schauspielkunst macht – sogar ernst gemeinte, schlecht fand er sie in ihren Rollen nie – , taut sie auf. Ein kurzer wackliger Moment, als Ethan die Dame zu den beiden Mädchen hinüberlotst und Mme. Delaroche in Sam die ‚un’öflischä Amärikanärin‘ erkennt, die sie vorhin angerempelt hat, aber auch diese Klippe bekommt Ethan irgendwie umschifft, er weiß selbst nicht genau, wie.

Sam allerdings ist überhaupt nicht begeistert. Ethan hat keine Ahnung, was da gerade mit ihr los ist, aber ihre Augen sprühen Funken. Wobei. So, wie Sams Blicke zwischen ihm und der alten Dame hin und her gehen, hat er vielleicht doch eine Ahnung. Aber. Nein. Der Gedanke ist albern.

So oder so jedenfalls lässt sich die Diva mit einiger Mühe davon überzeugen, dass die drei Jäger es völlig ernst meinen, als sie von Monty Clifts Geist sprechen, der zur Ruhe gebracht werden muss, indem sie, Christine Delaroche, ihn um Verzeihung bittet. Sie folgt ihnen etwas zögerlich, aber sie folgt ihnen aus dem Saal. Oben auf der Galerie ist in einem der Balkone eben ein Vorhang ins Wehen gekommen, und als sie den Flur betreten, ist wieder diese leise Trompetenmusik zu hören. Bis sie oben ankommen, ist in der Loge nichts mehr zu sehen, aber die Musik zieht sie zu einem anderen Zimmer. Nicht Nummer 217. Nicht direkt neben Nummer 217. Ein paar Räume nebendran. Schön unauffällig. Das Zimmer von Lorenzo James, bekommt Natalie bei ihrer Websuche heraus. Montgomery Clifts Geliebtem. Die Tür ist geschlossen, öffnet sich aber von selbst, als die kleine Gruppe davorsteht.

Im selben Moment, als die Französin das Zimmer betritt, wird die Trompetenmusik dissonant. Auf dem Bett sitzt eine schemenhafte Gestalt, die sich sofort erhebt und mit ausgestreckten Armen bedrohlich auf Christine zuwabert. Die alte Dame will aus dem Zimmer flüchten, aber Natalie legt ihr die Hand auf den Arm, wähend Ethan sich schützend zwischen sie und den Geist stellt und Sam Clifts Geist zuruft, er möge einhalten, sie wollten nur reden.

Es dauert einen Moment, bis sie Mme. Delaroche etwas beruhigt haben und sie sanft auffordern, das zu sagen, weswegen sie gekommen seien. Mit zitternder Stimme beginnt die Schauspielerin zu sprechen. „Ich… ich dachte, du hättest mich geliebt…“
Die Worte des Geistes kommen wie ein leiser Wind von überall im Raum hergeweht. Lieben habe er sie nicht können, aber sein Bestes getan, sie nach Kräften zu mögen.
„Ich dachte, du wolltest mir absichtlich wehtun“, flüstert Christine, und darauf folgt die Antwort sofort. „Niemals…“ Das Wehen verstummt kurz, dann: „Aber… Lorenzo…“
„Ihn hast du geliebt, oder?“ Auch hier wieder reagiert Montgomerys Geist ohne jedes Zögern. „Von ganzem Herzen…“
Die Französin schluckt schwer. „Es… es tut mir so leid…“
Das Raunen ist nur leise, aber es erfüllt den ganzen Raum. „Mir auch…“
Dann wabert der Geist auf die Schauspielerin zu, und es sieht aus, als schließe er sie in die Arme. Auch Christine hebt die Hände, erwidert die Geste, und dann ist der Geist mit einem letzten Wehen verschwunden.
Ethan hat einen Kloß im Hals, und auch seine beiden Begleiterinnen sehen ziemlich ergriffen aus, während Mme. Delaroche offen weint. Mitfühlend legt Natalie den Arm um ihre Schultern und führt sie aus dem Raum, murmelt etwas von einem „medizinischen Champagner unten an der Bar“.
Sam ist bereits drauf und dran, den beiden anderen Frauen zu folgen, aber —

„Sam.“ Ethan spricht leise, aber eindringlich. „Samantha. Warte.“ Sie ist schon in der Tür, hält aber inne. Dreht sich zu ihm zurück. Sieht ihn fragend an. Er erwidert den Blick. „Muss dir noch was erzählen.“
Er kann beinahe spüren, wie sie sich versteift. Sich innerlich zurückzieht. „Das musst du nicht“, wirft sie ihm schnell entgegen. Sehr schnell. Fast so, als wolle sie es gar nicht hören. „Wirklich. Du bist mir doch zu nichts verpflichtet.“ Scheiße. Aber er schüttelt den Kopf. „Doch. Hab’s versprochen.“ Zuckt dann entschuldigend mit den Achseln. „Muss nicht. Will aber. Hast es verdient. Wichtig.“

Sie nickt. Macht wieder einen Schritt in das Zimmer hinein und schließt die Tür. Sieht ihn aufmerksam an. Wartet ab. Wachsam. Misstrauisch. So misstrauisch. Verdammt.
Ethan schluckt um den Kloß in seinem Hals herum. Atmet durch. Setzt an. Findet die Worte nicht. Rauft sich die Haare. Schnauft. Murmelt. „Verdammt! So viel drumrumüberlegt, jetzt geht’s doch nicht.“ Ethan sieht Sam an, dann schnell wieder weg, lässt den Blick gehetzt durch das Zimmer schweifen. Setzt nochmals zum Sprechen an, schafft es aber wieder nicht.
Sam hat sich seine Anstrengungen regungslos angesehen. „Du musst es mir nicht erzählen. Wirklich nicht.“
„Doch, verdammt! Will ja!“
Aber trotz dieser Absichtserklärung dauert es immer noch erschreckend lange – gefühlt mindestens fünf Minuten, auch wenn das mit ziemlicher Sicherheit nicht der Realität entspricht – bis die Worte endlich beinahe verzweifelt aus Ethan hervorbrechen. „Ich bringe Frauen um!“

Er erstarrt im selben Moment, wie der Satz seinen Mund verlässt. Oh. Oh Gott.

Sam starrt ihn auch schon verwirrt an. „Was? Willst du mir jetzt sagen, du bist ein Psychopath oder so?“ Von ihrem Platz an der Tür aus mustert sie ihn kritisch. Und ungläubig. Aber mit einer Prise Inbetrachtziehen der Möglichkeit, die ihm einen Stich versetzt. Schnell hebt er die Hände in einer entschuldigenden Geste. Stottert etwas herum, aber bekommt zur Abwechslung doch mal gesagt, was er sagen will. „Nein. Nein, natürlich nicht. Nicht so. Sorry. Kam falsch raus. Aber…“ Er zögert, seufzt, „Naja. Frauen sterben, wenn. Ähm. Wenn ich dreimal mit ihnen schlafe.“

Da. Jetzt hat er es gesagt. Sams anklagender Blick durchbohrt ihn. Scheiße.
Ethan verzieht das Gesicht. „Klingt wie die lahmste Ausrede der Welt, oder?“
Sams Tonfall ist wachsam. Voller Misstrauen. „Ja, das tut es. Aber immerhin ist es mal was Neues.“
Au. Das klingt, als hätte sie solche Ausreden schon öfter hören müssen. Oh verdammt.
Ethan schüttelt frustriert den Kopf. Lässt sich mit einer hilflosen Handbewegung auf das Bett fallen.
„Weiß ja, wie’s klingt“, sagt er mit einem tiefen Seufzer. „Schon klar, dass du’s nicht glaubst. Versteh ich. Nur… musste es dir einfach sagen. Ich… tut mir leid.“

Vorsichtig löst Sam sich von der Tür, kommt einen Schritt näher, dann noch einen. Setzt sich mit einigem Abstand neben Ethan auf die Bettkante. „Wie sterben sie, und warum?“
Ethan schluckt. Antwortet aber sofort und freimütig, wenn auch mit Pausen. „Gehirnblutung. Ist… ist ein Fluch. Hexe. Weiß aber nicht mehr viel. Frauenstimme. ‚Wenn ich dich nicht haben kann, soll keine andere Frau dich haben‘. Ich…“ Er schluckt wieder. Jetzt kommt er doch ins Stocken, und es dauert einen langen Moment, ehe er weiterspricht. „Hatte eine Freundin. Nicht ernstgenommen.“ Die Hände in den Haaren, starrt Ethan zu Boden, und die Stimme droht ihm zu versagen. „Hätte… hätte ich bloß.“

Er blickt nicht auf, kann Sam nicht ansehen. Umso mehr verblüfft ihn der plötzliche Wandel in ihrem Tonfall. Fest. Wild entschlossen. „Das muss gehen. Den Fluch wirst du los.“
Jetzt sieht Ethan doch auf, wirft Sam einen vorsichtigen Seitenblick zu. Sie glaubt ihm? Sie glaubt ihm tatsächlich! Ihr Gesicht spiegelt dieselbe Entschlossenheit wieder wie ihre Stimme, und bei ihren nächsten Sätzen schwingt eine beinahe herbe Forschheit mit. „Also, nicht wegen mir!“ („Doch wegen dir“, murmelt er, aber das hört sie vermutlich – hoffentlich! – gar nicht, so resolut spricht sie bereits weiter.) „Sondern einfach ganz allgemein. Das geht doch nicht, dass… dass so ein Mann einfach… so eine Hexe einfach… Das darf nicht sein!“

Ihre Vehemenz würde Ethan beinahe schmunzeln machen, wenn das Thema nicht so weh täte. „Naja“, wirft er vorsichtig ein. „Kein Zölibat. Könnte ja theoretisch. Einmal. Zweimal. Bloß“, er schluckt, macht wieder diese hilflose Handbewegung, „dann kommen die Gefühle, also…“ Und dann rennt seine Zunge mit ihm davon, ausgerechnet. „Ach was. Sind ja schon längst Gefühle.“ Oh verdammt. Das wollte er nicht sagen. Hat er sich nicht gerade vor ein paar Wochen felsenfest vorgenommen, dass sie davon niemals erfahren darf? Hat ja ganz spitzenmäßig geklappt mit dem Vorsatz.

Sam scheint den Einwurf aber zum Glück nicht mitbekommen zu haben. Stattdessen beginnt sie, ihn regelrecht auszufragen. Jede noch so kleine Information möchte sie hören, sagt sie. Ob er überhaupt schon irgendwelche Ansatzpunkte hat. Ethan zuckt zuckt leicht mit den Schultern und berichtet. Dass Flüche normalerweise höchstens sieben Jahre halten, seiner aber stärker zu sein scheint, wie er von einer guten Hexe – einer weisen Frau – erfahren hat. Und dass er es garantiert nicht ausprobieren wird. „Ich habe keine Angst vor einer Hexe“, entfährt es Sam darauf. „Ich lasse mich doch von einem Fluch nicht einschüchtern!“

Ihr Einwurf lässt Ethan verwundert innehalten. Meint sie damit etwa, sie wolle… Nein. Das hat er garantiert falsch verstanden. Aber ehe er in die Gefahr kommen kann, sich mit einer unbedachten Äußerung zum Affen zu machen, fragt Sam hastig nach, wer überhaupt alles von dem Fluch wisse. „Keiner“, murmelt Ethan erst, korrigiert sich aber sofort. „Naja. Nein. Barry. Irene. Die weise Frau. Und Barrys Tochter und die Nichte der weisen Frau konnten sehen, dass was nicht stimmt, aber nicht, was genau. Schatten, scheints.“ Felicity weiß auch um den Fluch, aber Felicity erwähnt er jetzt lieber mal nicht.

An der Art und Weise, wie sich Sams Körperhaltung verändert, bemerkt Ethan, dass ihr die Antwort nicht gefällt. Sie hat ja recht. Es sind arg viele Leute über die Sache informiert. Er brummt unbehaglich. „Barrys Tochter hats gemerkt und ihm gesagt. Und als die weiße Hexe es ansprach, war Irene halt dabei.“
Sam nickt und scheint ihr Missfallen abzuschütteln, oder zumindest zu unterdrücken.

Ein Ritual wäre vielleicht eine Möglichkeit, erzählt er daraufhin stockend weiter: mit etwas aus seiner Vergangenheit, etwas aus seiner Zukunft und etwas von der Hexe selbst. Von wem er die Auskunft hat, will Sam wissen. Die weise Frau, erklärt er. Die gute Hexe. Das macht Sam etwas skeptisch, weil sie keine guten Hexen kennt, wie sie sagt. Ethan nur diese eine, erwidert er. Zumindest habe sie auf ihn gewirkt, als sei sie gut. Entweder das, oder sie hat sich grandios gut verstellt.

Sam nickt vor sich hin, scheint die Information über das Ritual wenigstens für einen kleinen Hoffnungsschimmer zu halten. Mehr als Ethan selbst jedenfalls, der zusammengesunken und mit dem Kopf in den Händen auf dem Bett hockt und sich das Gehirn nach auch nur dem geringsten Hinweis über die Hexe zermartert, die ihn verflucht hat. Aber da ist nichts. Gar nichts. Irgendwas von der Hexe selbst. Haha.
Er fühlt sich so verloren, dass er unwillkürlich nach Sams Hand tastet. Sie klang eben so zuversichtlich; ganz so, als habe sie schon einen Plan. Dankbar will er ihre Hand drücken, aber als ihre Finger sich berühren, zuckt sie zurück. Er schluckt und zieht die Hand schnell weg. Versucht, den Stich mit einem möglichst leichten Tonfall zu überspielen. „Keine Sorge. Anfassen geht.“

Sam schnaubt. „Darum mache ich mir keine Sorgen.“ Jetzt ist sie es, die seine Hand nimmt, ihre andere auch noch darüber legt und ihn eindringlich ansieht. “Du… ähm… das wird schon. Wi…” Schnell unterbricht sie sich, setzt neu an. „Das darf man ihr nicht durchgehen lassen. Ich helfe dir.“

Ethan unterdrückt eine Grimasse. Sie hat nicht ‚wir‘ sagen wollen. Sie hat tatsächlich das ganze Gespräch über strikt darauf geachtet, das Wort ‚wir‘ nicht zu verwenden. Ist streng sachlich geblieben. Logisch. Es ist ihr Jäger-Instinkt, helfen zu wollen, wenn Leute in übernatürlichen Schwierigkeiten sind, das geht ihm selbst ja nicht anders. Vielleicht findet sie ihn sogar ganz nett, aber etwas Persönliches ist es nicht, sondern einfach der Job, den sie machen. Ihr Gesicht zeigt deutlich, dass sie schon vollkommen im Pläneschmieden aufgeht, die Lage bereits rational analysiert. Nichts Persönliches. Okay. Muss er auch so halten.

Er atmet tief durch und nickt ihr zu. „Brauch jetzt n Drink. Du?“

Unten im Ballsaal finden sie Natalie. Die junge Frau muss nur einen Blick auf sie werfen, um festzustellen, dass sie beide emotional ziemlich mitgenommen aussehen, dann sorgt sie umgehend für zwei Whiskeys, die Sam und Ethan absolut synchron herunterstürzen. Puh.

Er hat keine Ahnung, ob Natalie so neugierig ist, dass sie fragen würde, was da jetzt gerade los war. Aber er findet es auch nicht heraus, denn ehe es dazu kommen kann, stößt Ally zu der kleinen Gruppe. Erst bemerkt Ethan nur, dass die blonde Studentin etwas zerzaust aussieht, und vermutet eine Sekunde lang grimmig, dass sie sich gegen diesen fürchterlichen Filmproduzenten zur Wehr setzen musste. Aber dann erkennt er den Blutfleck auf ihrem roten Kleid. Verdammt. „Gehts dir gut? Was ist passiert?“

Ally scheint zwar verletzt, aber zum Glück nicht sonderlich schwer. Aufgeregt erzählt sie von einem Verjüngungsparasiten, der einer Schauspielerin aus dem Bauch gekommen sei und sie angefallen habe und … Schlägt sich dann entsetzt die Hand vor den Mund, aber Ethan macht eine beruhigende Geste, die Sam und Natalie als im Bild über solche Dinge ausweist. Irene gehe es gut, erzählt Ally dann weiter. Die sei nur in den Freiluftpool gefallen und wärme sich jetzt im Wellnessbereich wieder auf.

Der Wellnessbereich befindet sich im ersten Untergeschoss. Fitness-Center, Sauna, beheiztes Innenbecken, das volle Programm. So steht es jedenfalls auf dem großen Plakat im Eingangsbereich vor der Tür. Ethan, von Sam begleitet, weil sie auch nach ihrer Cousine sehen will, öffnet, blinzelt durch den Schwall warmer Luft, der ihm entgegen kommt – und zieht die Tür sofort wieder zu. Denn dort an der Bar saß Irene, in einem Saunabademantel. Mit Barry. Barry Jackson. Ethans bestem Freund Barry Jackson, von dem Ethan keine Ahnung hatte, dass er heute Abend auch hier sein würde. In Boxershorts oder einer Badehose oder sowas. Und heftig am Knutschen mit Irene. Ethan starrt auf die jetzt wieder geschlossene Tür, als wäre die aus Glas. Schüttelt ungläubig den Kopf. „Oh Mann.“

Sam neben ihm bleibt seelenruhig. „Ich wusste gar nicht, dass Irene einen Freund hat.“
Klar bleibt sie seelenruhig. Sie weiß ja nicht, dass… „Der ist verheiratet!“
Eigentlich ist Ethan jemand, der sich den ganzen Abend lang an einem Bier oder zwei festhalten kann, aber gerade ist ihm schon wieder nach etwas Stärkerem.
An der Bar finden sie Natalie und Ally im Gespräch mit einem hochgewachsenen Afrikaner, den Ally ihnen als ‚Dr Nelson Akintola‘ vorstellt und der wohl auch bei der Jagd auf diesen Verjüngungsparasiten dabei war. Der scheint ganz nett zu sein, wenn auch ungeheuer gesprächig, wie Ethan schon nach wenigen Minuten des Zusammenstehens feststellt. Na soll er. Solange der redet, muss Ethan es nicht. Wobei er gerade tatsächlich durchaus den Drang hätte, sich mal ein bisschen auszuheulen. Barry und Irene, verdammt!

Ehe Ethan aber anfangen muss zu verdrängen, wie die Szene in der Sauna wohl weitergegangen sein könnte, stößt Irene zu der Gruppe. Nicht mehr im Bademantel, sondern in ihrem offensichtlich inzwischen wieder getrockneten Kleid und mit einem mehr als verlegenen Gesichtsausdruck. Will weder Sam noch Ethan ansehen, sondern begrüßt Natalie überschwänglich und vertieft sich in ein Gespräch mit der jungen Frau.

Ein paar Minuten später taucht auch Barry auf. Der ignoriert Irene nach besten Kräften, kommt direkt auf Ethan zu wie an Schnüren gezogen. Ob sie mal kurz reden können? Klar können sie. Müssen sie sogar, es gibt Klärungsbedarf! Das sagt Ethan aber nicht, sondern nickt dem Älteren nur zu und folgt ihm dann wortlos.

Draußen sieht Barry ihn ziemlich betreten an. Er langt in die Hemdtasche, ein automatischer Griff nach den Zigaretten, ehe er das Gesicht verzieht. Die Zigaretten sind mit dem Hemd im Pool gelandet und haben, anders als der Rest von Barrys Kleidung, das Bad nicht überlebt. Stumm zieht Ethan seine eigene Packung aus der Tasche und hält sie Barry hin, ehe er auch sich selbst eine Zigarette aus der Schachtel schüttelt und dann beide anzündet.

Es dauert ein paar Züge, ehe Barry zu reden anfängt. „Ich bin ein Idiot.“
Ethan sieht Barry nur an, wartet ab. „Ich bin ein Idiot, was das angeht. Ich liebe meine Frau.“
Auch wenn er eigentlich neutral klingen wollte, kann Ethan den leicht enttäuschten Tonfall in seiner Stimme nicht verhindern. „Dachte, ihr hättet keine Probleme.“
Diese Aussage bringt ihm einen scharfen Blick von Barry ein. „Wie kommst du denn darauf?“
Ethan schüttelt den Kopf, macht eine erklärende Handbewegung. „Falsch ausgedrückt, sorry. Eher: Kein Bedarf an Affären. War naiv. Tut mir leid.“

Es sei nicht das erste Mal gewesen, gibt Barry etwas widerstrebend zu. Erwähnt jemanden namens ‚Queenie‘ und eine Frau in einer Bar. Oder vielleicht sind Queenie und die Frau in der Bar auch ein und dieselbe, so genau bekommt Ethan das nicht mit, und er fragt nicht nach. Aber Tam habe da auch diesen Jägerkumpel, sagt Barry, diesen Clive, und er wisse immer noch nicht, ob die beiden nicht… „Aber das ist keine Entschuldigung, verdammt nochmal!“
Barry seufzt, zieht an der Zigarette. „Ich hatte eigentlich vor, Irene aus dem Weg zu gehen. Aber die ist ja überall. Ü-ber-all, sag ich dir!“

Ethan nickt leicht. Raucht zwei Züge. Fährt dann mit einem Kreis aus Daumen und Zeigefinger der linken Hand von rechts über den Mund. „Ich sag Tam nichts.“ Ihm fällt Barrys Bitte aus der Mangawelt wieder ein. Jetzt hat sein Freund ihn zwar nicht ausdrücklich darum gebeten, aber angebracht scheint Ethan die Erwiderung doch. „Ich tret‘ dich, wenn ich was mitkriege. Bin bloß nicht immer da.“
Barry versteht. „Diesmal warst du da“, erwidert er ernsthaft. „Und das war gut so, denn sonst wäre mit Sicherheit noch mehr passiert.“
Okay. Da hat er recht.

Schweigend rauchen sie ihre Zigaretten zuende. Als er seinen Stummel austritt, scheint Barry etwas einzufallen. „Ach verdammt. Belle.“ Wer auch immer Belle sein mag. „Ich muss ja noch diese Kinderbuchillustratorin suchen und sie fragen, ob sie nicht Lust hat, die Bücher meiner Cousine zu illustrieren.“ Ah. Cousine. „Diese Deborah Gale.“
Den Bruchteil einer Sekunde lang glaubt Ethan, er habe den Älteren falsch verstanden. Aber der Stich, der ihm siedend heiß durch den ganzen Körper fährt, und das Blut, das ihm aus dem Gesicht weicht, sind Beweis dafür, dass er sich nicht verhört hat.
Für ein paar endlose Herzschläge setzt sein Gehirn völlig aus, bis auf einen einzigen Gedanken, der ihm in endloser Schleife durch den Kopf zieht. Sie ist hier. Heute abend. Jetzt. Hier!

Barrys leise gestellte Frage, sein forschender Blick, bringen Ethan wieder zu sich. „Familie?“ Er nickt einmal, ruckartig. „Deine Mutter?“ Ethan beißt die Zähne zusammen. Jetzt schafft er nicht mal ein Nicken. Aber Barry versteht. Er wartet eine Weile ab, ehe er weiterspricht. Immer noch leise. Vorsichtig. „Du könntest mit ihr reden.“ Hah. Ja klar. „Kann nicht. 10 Jahre tot für sie. Kann jederzeit wirklich draufgehen… Will ihnen nicht wehtun.“
„Hmmm“, macht Barry langsam. „Aber was tut mehr weh? Zu wissen, dass du zehn Jahre lang verschollen warst? Oder dass irgendwann die Polizei vor der Tür steht und die Leiche des Sohnes gefunden hat, der vor zehn Jahren verschwunden und vor zehn Tagen gestorben ist? Und der in all der Zeit nie mehr mit seiner Familie reden wollte?“
Verdammt. Wenn er es so sagt… Ethan atmet geräuschvoll ein und zündet sich dann eine zweite Zigarette an. Finger beschäftigen. Barry nicht ansehen müssen. Aber der ist noch nicht fertig.
„Willst du ihnen nicht weh tun? Oder nur dir selbst?“

Au. Der hat gesessen. Ethan fällt wieder die Mangawelt ein, seine plötzliche und überraschende Erkenntnis in Sachen Ichinose. Und wenn er in Sachen Ichinose recht hatte, dann… elender Drecksmist. Dann hat Barry es vermutlich auch in bezug auf ihn. Er antwortet wieder nicht, und in seinem Kopf jagen sich die Bilder. Die Szenarien.
Barry verzieht das Gesicht. „Sorry. Ich bin gerade der Letzte, der anderen Leuten gute Ratschläge zu ihrem Leben geben sollte.“
Also schweigen sie gemeinsam, bis Barry irgendwann aufsteht, dem Jüngeren die Hand auf die Schulter legt und dann wieder hineingeht. Und einen sehr, sehr nachdenklichen Ethan zurücklässt.

Eine Runde um den Block hilft ihm auch nicht richtig weiter. Er ist fast schon davor, eine zweite zu drehen, als er doch ins Hotel zurückgeht. Sam. Er muss Sam finden.
Aber Sam ist nicht mehr da. Ethan sucht den Ballsaal ab, das Foyer, geht sogar nochmal hinauf zu den Zimmern von Monty Clift und Lorenzo James, aber er findet sie nicht. Drecksmist.
Ein paar Minuten lang steht Ethan grübelnd im Gang. Dann gibt er sich einen Ruck. Barry hat völlig recht. Es ist Angst, die ihn zurückhält. Angst vor der Begegnung. Dem Schmerz. Und vor etwas, das ihm Angst macht, zurückzuweichen, ist normalerweise nicht seine Art, eigentlich. Komm schon. Das Geständnis an Sam war auch ein Schmerz. Aber ein wichtiger. Und verdammt, er will endlich seine Mutter wiedersehen. Auch wenn sie ihn zurückweist.

Also streift Ethan wieder suchend durch die Menge. Es ist zehn Jahre her – zehneinhalb inzwischen. Ob er sie noch erkennt? Quark. So sehr verändern sich Leute in zehn Jahren nicht.
Da. Vor der Tanzfläche, mit dem Rücken zu Ethan. Eine dunkelhaarige Frau mit elegant hochgesteckten Haaren in einem knielangen Kleid aus Chevrons in Rot- und Silbertönen und ein hochgewachsener, ebenfalls dunkelhaariger Mann im Smoking. Das Kleid. Das Kleid kennt er. Das hat Mom sich ganz neu gekauft für den Empfang in New York mit dem Bürgermeister, zu dem Dad und sie eingeladen waren, nachdem Dads Büro diese super-prestigeträchtige Ausschreibung für die Neugestaltung des Museum of the City of New York gewonnen hatte.

Einen Moment lang setzt Ethans Herzschlag aus, und er hat Schwierigkeiten mit dem Luftholen. Er bahnt sich den Weg durch die Galagäste auf die Tanzfläche zu. „Mom? Dad?“
Mist. Es ist zu laut hier. Oder seine Stimme nur ein heiseres Krächzen. Oder beides. Er versucht es nochmal, lauter.
Das Paar beginnt sich zu ihm umzudrehen, der Mann ein klein wenig schneller – und Ethan wendet sich ab, so schnell er kann, versucht mit der Menge zu verschmelzen. Hofft und betet, dass seine Mutter ihn noch nicht erkannt hat. Denn der Mann, mit dem sie da so vertraut stand, sein Arm um ihre Schulter… Das war nicht Dad.

Das war nicht Dad. Ethan schluckt schwer. Und flüchtet.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter FATE, Pen & Paper, Supernatural

2 Antworten zu “Supernatural – Hollywood Ghost

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