Miami Files – Heorot

Das Folgende ist ein Experiment. Im Juli konnte ich an einer Miami-Runde nicht teilnehmen, also haben Bad Horse und ich als Ersatz ein kleines Soloabenteuer für Cardo in Schriftform verfasst. Da wir das eben wie gesagt nicht am Tisch spielten, sondern abschnittweise in Schriftform festhielten, ist der Schreibstil etwas anders als das, was man in Ricardos Tagebucheinträgen normalerweise findet. (Den allerletzten Teil, der in der Sommerhalle selbst angesiedelt ist, haben wir dann bei unserer letzten Session doch wieder richtig ausgespielt, mit den anderen Gruppenmitgliedern als NSCs. Dass also ab der Sommerhalle ein gewisser Bruch im Schreibstil festzustellen ist, liegt an  diesem Umstand.)

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Es war früher Morgen, als das Telefon klingelte. Sehr früher Morgen – die Sonne war gerade erst aufgegangen.
“Kannst du kommen?”, fragte Geralds Stimme aus dem Hörer, sobald ich abgenommen und mich gemeldet hatte. “Ich würde gern kurz mit dir – mit dem Sommerritter – sprechen.”

‘Sommerritter’. Mierda. Ich hätte eigentlich mit sowas rechnen können, wenn nicht vermutlich sogar müssen, aber irgendwie traf mich Geralds Formulierung trotzdem wie aus heiterem Himmel. Um die Uhrzeit denke ich einfach von mir noch nicht als Feenritter gleich welcher Couleur. Aber gut. Ich bin es nun mal, also sollte ich mich wohl besser auch daran gewöhnen, dass Hinweise darauf zu jeder möglichen und unmöglichen Tages- und Nachtzeit passieren können.
Ich hatte auch grundsätzlich kein Problem damit, dass Gerald so früh anrief – nur Jandra musste ich trotzdem erst wecken und in die Schule schicken. So lange musste der gute Mr Raith noch warten.

Raith Manor sah spektakulär aus im Morgenlicht: Der weiße Stein golden angehaucht, die Herbstblumen wie überzogen von einem Lichtschleier. Eine Gruppe aus drei Personen, die im Garten schweigend Tai Chi oder Yoga praktizierten, und noch ein Hauch nächtlicher Kühle in der warmen Luft. Obwohl es schon nach Halloween war, sah man an diesem Tag nicht, dass der Sommer starb – aber das tat er in Miami ohnehin nur sehr langsam, wenn überhaupt.

Gerald stand in einem weiten, weißen Gewand an dem großen Panoramafenster, ein Glas Whisky in der Hand. Als er sich zu mir umdrehte, waren seine sonst so dunklen Augen grau, fast silbrig. Offenbar hatte er länger gefastet.

Nach einer kurzen Begrüßung kam er sofort zur Sache. “Es geht um das Ritual”, fing er an. “In Schottland. Am Lochan Dubh nan Geodh, zwischen Altnabreac und Westerdale, mitten in den Highlands.” Gerald nahm einen Schluck aus seinem Glas. “Das ist der Ort, an dem wir das am besten durchführen sollten – das ist aber leider auch ein Ort, der vom Weißen Rat bewacht wird. Wir können da nicht einfach auftauchen und starke Magie wirken, ohne das vorher abzuklären. Nur – ich kann da nicht als Vertreter des Weißen Hofs um Erlaubnis bitten. Schon gar nicht für das, was wir beabsichtigen.” Er schüttelte den Kopf. “Richard hatte damals einen Kontakt, aber der – die – ist im Krieg gefallen.” Jetzt schaute er mich direkt an. “Ich brauche deine Hilfe, Sommerritter. Ein Abgesandter des Sommers, der dort ein Ritual machen möchte… ich könnte mir vorstellen, dass der Rat damit weniger Probleme hat.” Ohne eine Antwort abzuwarten, deutete er auf den Tisch. “Ich habe ein Flugticket für dich nach Edinburgh gebucht. Dort kannst du im Old Cauldron nach David Hawkins fragen. Das Old Cauldron ist neutraler Boden, eine Wegbeschreibung liegt bei. Auf einer Karte findest du das nicht.” Er zuckte die Schultern. “Neutraler Boden hin oder her, du findest im Pub hauptsächlich Ratsmagier. Aber als Sommerritter solltest du ja keine Probleme haben. Erzähl nur nicht zu viel über Miami und unsere… Angewohnheiten.”

Gerald atmete tief durch. “Falls du überhaupt bereit bist, das zu tun, solltest du besser allein gehen… Totilas wird hier gebraucht, und weder ein Santero noch ein Abgesandter eines Trickstergottes werden da sehr hilfreich sein. Ein Lykanthrop schon gar nicht – das sind alles Gruppierungen, mit denen die Ratsmagier eher weniger anfangen können.”

Cólera. Das kam plötzlich. Und in irgendwelchen magischen Angelegenheiten ohne die Jungs losziehen zu sollen, fühlte sich auch seltsam an, gelinde gesagt. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, gab mir das ein nicht unbeträchtliches mulmiges Gefühl in der Magengrube. Aber trotzdem bestand kein Zweifel daran, dass ich Geralds Bitte erfüllen würde. Immerhin wollten wir ja alle dieses Ritual durchziehen. Und ja, ich bin der Sommerritter, verdammt nochmal, und mit dieser Autorität im Rücken würde ich ja wohl nach Europa fliegen und diesen Ratsmagiern die Erlaubnis für das Ritual aus den Rippen leiern können!

Also nickte ich Gerald zu. “Ich mache das. Solange der Flug nicht sofort in zwei Stunden geht – ich muss ein paar Sachen klären, ehe es losgeht. Meine Tochter bei meinen Eltern abliefern, zum Beispiel.” Und ein paar Sachen musste ich noch von Gerald in Erfahrung bringen. “Dieser David Hawkins ist Ratsmagier? Und das Old Cauldron liegt in Edinburgh selbst?” Hmmm. “Hast du Erfahrung mit dem Rat, Gerald? Wie genau werden die wissen wollen, was wir bei dem Ritual alles vorhaben? Und wie genau können sie verfolgen, was wir da tatsächlich abziehen? Ich würde sie ungern anlügen, aber falls sich das nicht umgehen lässt, wäre es unangenehm, wenn sie mit dem ersten Wort des Zauberspruchs durchschauen würden, das was nicht stimmt, und vor allem, was.”

“Okay, ‘Flugticket’ war vielleicht irreführend.” Gerald konnte ein Grinsen nicht verbergen. “Ich habe eine Maschine gechartert. Es geht los, sobald du bereit bist.”
Er schenkte sich aus einer halb leeren Flasche nach, ehe er mir auch einen Drink anbot – den ich allerdings höflich ablehnte. Keinen Whiskey um acht Uhr morgens, herzlichen Dank.
“David Hawkins ist ein ziemlich hohes Tier im Rat”, erklärte Gerald dann. “Warden, natürlich. Meinen Informationen nach ist er derjenige, der sich um die Sicherheit in Schottland kümmert, also muss er einigermaßen mächtig sein. Vermutlich auch einigermaßen beschäftigt, aber angeblich trifft man ihn trotzdem jeden Abend im Old Cauldron an. Der liegt in der Altstadt von Edinburgh, mitten drin. Wegbeschreibung hast du ja.”
Er nahm einen langsamen Schluck von seinem Drink. “Der Rat, hm? So viele Erfahrungen habe ich nicht mit denen, von Declan und DuMorne mal abgesehen… lustigerweise klingt das gälische ‘Dubh Mor’ – groß schwarz – ganz ähnlich wie DuMorne. Das fand Lafayette aber nicht so witzig.” Gerald schnaubte und verzog das Gesicht. So ganz nüchtern war er offensichtlich nicht mehr. Aber wenn er die ganze Nacht hindurch wach gewesen war und während dieser Zeit natürlich auch getrunken hatte, und so kam es mir beinahe vor, war das ja auch kein Wunder. “Ansonsten weiß ich so viel wie du – ‘Misch dich nicht in die Angelegenheiten von Zauberern ein, denn sie sind empfindlich und leicht zu verärgern.’” Er zwinkerte mir zu, und einen Moment lang konnte ich das silbrige Licht in seinen Augen aufblitzen sehen. “Ich kann dir nicht sagen, was die wissen wollen. Soviel wie möglich, schätze ich. Andererseits sind sie es wahrscheinlich gewöhnt, dass Feen ihnen nicht alles erzählen. Was die Magie angeht: Soweit ich weiß, basiert Edwards Magie ja auch ähnlichen Prinzipien wie ihre eigene, oder? Kann mir nicht vorstellen, dass sie Einwände haben. Ansonsten: Schick eine Sommerfee mit, die das Ritual mit einem Glamour belegt, damit es aussieht wie Sommermagie.” Er zuckte die Schultern. “Keine Ahnung, ob das funktioniert, aber das sollte doch möglich sein. Oder erzähl Hawkins eine hübsche Geschichte davon, wie du, der edle Sommerritter, eine verlorene Seele von ihrem Fluch erlösen willst. Ist ja auch fast wahr.” Sein Lächeln wurde breiter, die Augen noch heller, und er kam einen Schritt auf mich zu. Er war schon ein sehr attraktiver —
Nein, verdammt. Aus, Alcazár! Dieser komische Speichel von den Red Courts letztens war schon schlimm genug, da musste ich mich nicht auch noch von den Pheromonen eines White Court einfangen lassen.

Und auch Gerald schien zu merken, dass er seine White-Court-Pheromone da nicht mehr ganz unter Kontrolle gehabt hatte, denn er drehte sich abrupt um. “Ich glaube, ich habe einen dringenden Termin”, sagte er zu der Panoramascheibe, und die Anspannung in seinen Schultern war nicht zu übersehen. “Wenn du noch etwas brauchst – irgendetwas – sag Bescheid.”
Ich nickte. “Mach ich. Und ich melde mich, ehe ich losfahre, in Ordnung?”

So richtig viel war eigentlich gar nicht zu erledigen. Nach der Schule Jandra zu Máma und Pápa bringen, die sich riesig dafür interessierten, dass ich nach Europa musste. Den Grund hielt ich eher allgemein. Eine Lesereise. Ja klar würde ich ihnen etwas aus Schottland mitbringen. Echt schottischen Whisky vielleicht? Und Jandra natürlich auch. Die hätte am liebsten eine Nessie, meinte sie. Jahaa. Das konnte ich ihr gerade noch ausreden mit der Begründung, dass Nessie ein Wassertier sei und unsere Badewanne dann doch ein bisschen zu klein.

Den Jungs bescheid geben. Die waren nicht so richtig begeistert, dass ich alleine losziehen würde, hatte ich den Eindruck, aber Gerald hatte mit seiner Einschätzung schon recht gehabt. Das war eine Aufgabe, wo sie tatsächlich vermutlich eher hinderlich als hilfreich wären. Aber ich musste versprechen, regelmäßig in Kontakt zu bleiben, Zeitverschiebung hin oder her. Richtig, die Zeitverschiebung. Fünf Stunden weiter. Merken.

Für ein paar Tage packen. Das stellte kein Problem dar, und die Tatsache, dass ich mit einer Chartermaschine unterwegs sein würde, nicht mit einem Linienflug, hieß, dass ich auch Jade problemlos mitnehmen konnte, ohne allzu anstrengende Sicherheitsprozeduren über mich ergehen lassen zu müssen.
Mierda. Mir ist immer noch nicht ganz klar, wann mein Ritterschwert anfing, einen eigenen Namen zu haben. Vor allem nicht, weil ich nie darüber nachdachte, ob ich ihm einen Namen geben wollte und wie der lauten sollte. Sondern weil ich einfach eines Tages wusste, und zwar völlig selbstverständlich wusste, als hätte ich es schon immer gewusst, die Klinge heißt ‘Jade’. Und sie ist eine ‘sie’.
Jedenfalls. Dank des Charterflugs konnte ich Jade leichter mitnehmen, als das sonst möglich gewesen wäre. Zwar genausowenig im Handgepäck, aber das hätte ich ohnehin nicht gewollt.

Abends gegen 20 Uhr saß ich dann endlich im Flieger. Schriftsteller oder nicht, Lesereisen oder nicht, einen Privatjet hatte ich bis dahin noch nicht erlebt. Das war schon ziemlich edel. Zehn Stunden Flug, genug Zeit, um ein bisschen an Totem Rise weiterzuarbeiten, einen Film zu schauen und ein paar Stunden zu schlafen, gerade genug, dass ich einigermaßen ausgeruht in Edinburgh ankam. Mittags nach Ortszeit. Perfekt.

Ein Zimmer im Sheraton Hotel hatte Gerald ebenfalls für mich reservieren lassen. Das lag schön zentral in der Nähe der Altstadt, und mein Zimmer hatte zwar keine Aussicht auf das Schloss, aber dafür ansonsten alle Annehmlichkeiten, die man sich in einem Hotel so vorstellen kann. Dort warf ich meine Sachen ab und machte einen kleinen Spaziergang durch die Stadt – wenn ich schon mal hier war, konnte ich auch ein bisschen den Touristen geben, Souvenirs kaufen inklusive – ehe ich mich im Hotel noch ein, zwei Stunden auf’s Ohr legte, bis es an der Zeit war, diesen ‘Old Cauldron’ suchen zu gehen.

Ohne die Wegbeschreibung wäre ich tatsächlich völlig aufgeschmissen gewesen. Der Pub lag nämlich in einer eigentlich unbenamsten Gasse, in die man nur durch einen Durchgang kam, der auf den ersten Blick wie eine private Toreinfahrt wirkte. Und ja, ich habe Harry Potter gelesen. Natürlich habe ich Harry Potter gelesen. ‘Leaky Cauldron’, ‘Old Cauldron’ – es hätte mich gewundert, wenn die Ratsmagier auf ihren neutralen Boden nicht eine Art Schleier gelegt hätten, damit die Muggles den nicht so leicht finden.

Beim Eintreten in die dämmrige Kneipe hatte ich tatsächlich die erste Beschreibung des Leaky Cauldron aus dem Sorcerer’s Stone im Kopf und rechnete beinahe mit Dedalus Diggle, Doris Crockford und Professor Quirrell in seinem Turban. Die waren natürlich nicht da, und ob der Wirt Tom hieß oder nicht, das konnte ich so auf den ersten Blick nicht beurteilen.

Der Rest der Klientel sah auf den ersten Blick enttäuschend normal aus – aber es war eine sehr gemischte Truppe, die hier herumsaß: Eine Frau im Business-Kostüm am Tisch mit einem Punk und einem alten Mann, der aussah wie das Vorbild für Waldorf aus der Muppets Show, ein blasser Gruft vertieft im Gespräch mit einer unauffälligen Frau mittleren Alters und einem knallbunt gekleideten Schwarzen mit Rastas, eine Gruppe Inder, die sich unglaublich ähnlich sahen, aber ganz unterschiedlich gekleidet waren, und die sich anscheinend ein Getränk teilten.

Der Wirt hingegen entsprach weitgehend meinen Erwartungen: Beleibt, rot im Gesicht, abgehetzt, aber freundlich. Vielleicht war das eher Gerstenmann Butterblume als Tom? Immerhin kannte er David Hawkins, als ich nach dem fragte, und wies mir den Weg zu einem kleinen Tisch in der Ecke.
An dem Tisch saß ein Mann in den Fünfzigern, kräftig gebaut, mit buschigen Brauen und einem gewaltigen Schnurrbart. Im Näherkommen konnte ich sehen, dass sein dunkelbrauner Anzug gar nicht so gewöhnlich war, wie er mir zunächst geschienen hatte: Der Stoff war mit Runen und Glyphen durchwirkt, die schwach golden schimmerten. Die Manschettenknöpfe in Form von zwei Greifen wirkten auch nur auf den ersten Blick normal – bewegten sich die Tiere nicht schwach? Genauso wie der bronzene Raubvogel, der den Knauf eines altmodischen Spazierstocks zierte?
Genau wie Gandalf rauchte Hawkins eine Pfeife, und genau wie Gandalf hatte er einen stechenden, wachen Blick. Barsch nickte er Tom? Butterblume? dem Wirt zu und bedeutete mir, sich an den Tisch zu setzen.

“Hmm”, machte er. “Sie sehen aus wie ein Spanier. Kommen Sie aus Cordoba?”

Ich ließ mich auf der Bank dem Ratsmagier gegenüber nieder und neigte höflich den Kopf. “Nicht ganz Spanier, aber beinahe. Mein Name ist Ricardo Alcazár, und ich komme aus den Vereinigten Staaten. Ich bin der Erste Ritter des Herzogs vom Sommerhof der Fae aus Miami, Florida.”
Mit diesen Worten streckte ich Hawkins die Hand hin. Ich hatte wenig Ahnung, wie es Angehörige des Weißen Rates mit Handschlägen halten mochten, aber die Geste schien mir angebracht.
“Ich hatte gehofft, Sie hier zu finden, Mr. … Warden Hawkins. Ich brauche Ihre Hilfe.”

Bei dem Wort ‘Sommerhof’ merkte Hawkins auf. Kurz sah ich fast so etwas wie Erleichterung in seinen Augen, und ich konnte beinahe mit ansehen, wie sich die Rädchen im Kopf des Magiers drehten.
Als ich erwähnte, dass ich Hilfe brauchte, lehnte sich Hawkins zurück und unterdrückte ein erfreutes Lächeln. Statt dessen klopfte er umständlich seine Pfeife aus.
“Pfff”, schnaubte der alte Mann bärbeißig. “Hier in Europa tragen die Ritter ja noch richtige Titel… Sir Ricardo. Nur nehme ich an, bei Ihnen heißt das dann ‘Abgeordneter’ oder so ein Unfug. Bah!” Er schüttelte seinen Kopf, um zu zeigen, was er von derlei Unfug hielt.
“Hilfe, hm? Na, dann mal raus mit der Sprache, junger… Sir Ricardo. Wie Sie sicher wissen, sind wir im Krieg! Aber für unsere Freunde vom Sommerhof… da lässt sich unter Umständen etwas machen.” Sein Gesichtsausdruck war allerdings skeptisch.

Bei der Amerika-kritischen Bärbeißigkeit des britischen Magiers musste ich schmunzeln, gab mir aber Mühe, ein höflich-verstehendes Lächeln daraus zu machen. “Oh, auch bei uns werden Ritter der Höfe mit Sir angesprochen, Warden. Ich denke, da dürften sich die Fae zu beiden Seiten des Atlantiks relativ ähnlich sein.”

Hawkins’ kalkulierender Gesichtsausdruck, als ich von ‘Hilfe’ sprach, war mir allerdings auch nicht entgangen. Ganz schlau hast du das gemacht, Alcazár. Bring Pan doch gleich in die Schuld des Weißen Rats. Okay. Mierda. Mal sehen, ob ich den Fuß wieder einigermaßen aus dem Fettnapf raus bekam.

“Ich muss meine Bitte ein wenig relativieren, Warden Hawkins. Ich bin nicht im Auftrag des Herzogs von Miami hier, auch wenn das eingangs vielleicht so geklungen haben mag. Sondern es geht um eine Aufgabe – eine Queste, wenn man so will – die ich mir selbst gestellt habe. Ein, nun, guter Freund unterliegt einem Fluch, und um diesen Fluch von ihm zu nehmen, wollen wir – genauer gesagt mein bester Freund, der auf derartige Magie spezialisiert ist – ein Ritual wirken. Ich komme deswegen damit zu Ihnen, weil der beste Ort für dieses Ritual offenbar der Lochan Dubh nan Geodh ist” – vermutlich sprach ich das ziemlich falsch aus, auch wenn ich natürlich gehört hatte, wie Gerald den Namen sagte, aber damit musste der Warden jetzt leben – “und wir selbstverständlich nicht einfach auf dem Gebiet des Weißen Rates ein Ritual abhalten können, wollen und werden, ohne die Erlaubnis dafür eingeholt zu haben.”
So gewinnend und vertrauenswürdig ich nur konnte, sah ich den Briten an.

Hawkins’ Gesicht verdüsterte sich bei der Erwähnung des Ortes. “Ein Ritual”, sagte er mit gerunzelter Stirn. “Am Lochan Dubh nan Geogh. Um einen Fluch zu lösen. Junger… Sir Ricardo, wenn ihr einen Fluch lösen wollt, dann ist das kein guter Ort dafür. Jemanden verfluchen? Das könnte ich mir eher vorstellen. Würde ich aber nicht zulassen.” Er kaute kurz auf seiner Pfeife herum. “Der Lochan Dubh nan Geogh ist einer der dunkelsten Orte Schottlands. Dort ein Ritual durchzuführen… dein Spezialist ist kein Ratsmagier, nehme ich an, sonst würde der mit mir reden.” Er wartete mein Nicken kaum ab, sondern fiel mir direkt ins Wort, als ich dazu noch etwas ergänzen wollte. “Also ein Dilettant. Gut, das könnte mir ziemlich egal sein – wahrscheinlich bringt er hauptsächlich sich und den Rest deiner Freunde in Gefahr. Er wird nicht wecken können, was da im See liegt. Falls das sein Plan sein sollte. Kannst du ihm gern bestellen.” In seinem Gesicht arbeitete es.

“Zu schade, dass du nicht als Vertreter des Sommerhofs hier bist”, fügte er schließlich hinzu. “Einem Sommerritter hätte ich vielleicht vertraut… ein Sommerritter hätte etwas für mich tun können. Aber irgendein Kerl aus Miami, dessen Freunde am Lochan Dubh herumhexen wollen? Ich denke zwar nicht, dass ihr da großen Schaden anrichten könntet, aber ich müsste den Dreck hinterher aufräumen. Warum sollte das die Mühe für mich wert sein?” Fast lauernd blickte er mich unter seinen buschigen Augenbrauen an.

Seufz. Dass die Ratsmagier auf die ‘Dilettanten’ herabsehen, das war uns ja schon vorher bewusst. Das war eine der Prämissen, unter denen ich hergekommen war. Aber das so unverblümt von dem Warden zu hören, versetzte mir dennoch einen Stich. Und dass er unvermittelt vom ‘Sie’ zum ‘Du’ übergegangen war, das war mir genausowenig entgangen.
Ganz ruhig. Lass ihn Edward unterschätzen. Und lass dich vor allem nicht von ihm provozieren. Du bist als Diplomat hier. Sei diplomatisch.

Ich schenkte ihm einen möglichst verbindlich-freundlichen Blick. “Wir haben nicht vor, irgendwelchen Dreck zu hinterlassen, den Sie aufräumen müssten”, erklärte ich milde. “Hatten Sie da etwas Spezielles im Sinn?”
Das war jetzt mit ziemlicher Sicherheit nicht das, was er hören wollte. Der wollte eindeutig ein Quid pro Quo. Und vermutlich würde eine signierte Ausgabe meiner Bücher in der Beziehung nicht reichen. Na gut. Mal sehen.
“Und was das andere angeht… Ich weiß nicht, ob Sie jemals in den Staaten zu tun haben, Warden Hawkins. Aber es wäre Ihnen zumindest meine persönliche Dankbarkeit sicher. Und ich würde mich selbstverständlich erkenntlich zeigen, wenn es etwas gäbe, dass ich in meiner Funktion als Privatperson für Sie oder für den Weißen Rat tun könnte – so es denn mit meinen Pflichten als Ritter des Sommerhofs und meinen privaten Überzeugungen in Einklang zu bringen wäre und dessen Erfüllung in meiner Macht stünde. Davon abgesehen kann ich in dieser Angelegenheit zwar weder für meinen Herzog sprechen noch Verpflichtungen für ihn eingehen, da ich rein privat hier bin, auch kann ich ihm selbstverständlich nicht meine Sicht der Dinge aufdrängen oder ihn zu bestimmten Handlungsweisen zwingen, aber er schätzt mich als Ratgeber.”

So. Das sollte hoffentlich Andeutung genug sein. Entweder das, oder…
“Gäbe es denn etwas, das ich in meiner Funktion als Privatperson für Sie oder den Weißen Rat tun könnte?”

Bei diesen Worten lachte Hawkins auf. “An Arroganz fehlt es dir schon mal nicht!”, sagte er amüsiert. Dann wurde er wieder ernst. “Du weisst nicht, was im Lochan schläft. Oder?” Ich zögerte – Gerald hatte etwas vom ‘Ursprung der Weißen Dämonen’ gesagt, wenn ich mich recht erinnerte. Irgendwas in der Art. Hawkins jedoch interpretierte mein Zögern falsch. “Natürlich weißt du das nicht. Wenn du es wüsstest, müsste ich dich umbringen.” War das ein Scherz? Nein, so sah Hawkins nicht aus. Der meinte das bitterernst.
Mit dem Daumen wies ich auf die Plakette, die über der Bar hing. “Ist das hier nicht neutraler Boden?”, fragte ich ruhig.

Hawkins grinste unfreundlich. “Neutraler Boden gilt zwischen einem Angehörigen des Sommerhofs und einem Angehörigen des Weißen Rats… du hast gerade sehr deutlich gesagt, dass du als ‘Privatperson’ hier bist.” Sein Grinsen wurde noch etwas breiter, und er spielte kurz mit der Greifenmanschette, die sich aufrichtete und mich drohend anzischte.
Aber dann wurde er wieder ernst. “Pass auf”, sagte er. “Ich habe den Eindruck, du hast nicht viel Erfahrung mit solchen Verhandlungen. Das erweckt nicht allzu viel Vertrauen in deine Freunde und ihr Ritual. Und ganz ehrlich: Ich habe keine Verwendung für eine Privatperson. Oder kannst du ohne die Kraft des Sommers ins Nimmernie gehen? Kannst du ohne die Kraft des Sommers den Respekt der Einwohner des Nimmernies gewinnen? Gelangst du ohne die Kraft des Sommers in die Sommerhalle der Einherjar? Kannst du ein Haar der Sonne anfassen, ohne dir die Hand wegzubrennen, wenn du die Kraft des Sommers nicht benutzt? Ich glaube nicht, Ricardo.” Er lehnte sich vor. “Ich will keinen Gefallen deines Herzogs, junger… ach, junger Mann. Ich – der Rat – will einen Gefallen von dir, dem Sommerritter, nicht von dir, dem…” Er sah mich abschätzend an. “…dem Playboy, oder dem Miami Vice Detective, oder was auch immer so eine Privatperson eben ist.”

Jetzt konnte ich mir die Spitze doch nicht verkneifen. “Schriftsteller”, sagte ich trocken. “Vielleicht haben Sie schon mal das eine oder andere Buch von mir im Laden stehen sehen. Ich könnte Ihnen eine signierte Erstausgabe meiner gesammelten Werke anbieten, falls das hilft.”
Ich grinste ihn an, um ihm zu zeigen, dass das ein Scherz gewesen war, dann wurde ich wieder ernst und suchte offen den Blick des Magiers.
“Aber Sie haben ganz recht. Ich weiß nicht, was im Lochan schläft. Und viel Erfahrung mit derlei Verhandlungen wie dieser hier habe ich bislang tatsächlich noch nicht. Aber das ist meiner Unerfahrenheit geschuldet, nicht der meiner Freunde. Vielleicht habe ich mich auch falsch ausgedrückt, als ich so auf das ‘privat’ pochte. Ich hätte besser ‘persönlich’ sagen sollen. Was ich damit klar machen wollte, war, dass ich meinen Herzog in diese Sache nicht hineinziehen werde. Aber einen Gefallen, den ich persönlich – Schriftsteller oder Sommerritter oder was auch immer – Ihnen und dem Rat tun kann… und der weder meiner eigenen Ehre noch der Ehre des Sommerhofs oder meinen eigenen Überzeugungen widerspricht… darüber können wir reden.”

Hawkins verdrehte die Augen, als ich von meinen Büchern sprach. “Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, keine Werke von Schriftstellern zu lesen, die nicht mindestens seit zehn Jahren tot sind”, erklärte er kategorisch. “Und ich bin damit immer sehr gut gefahren, dankeschön.”
Umständlich stopfte er seine Pfeife und zündete sie dann mit einem Fingerschnippen an. Einen Moment lang dachte ich, dass Hawkins mich mit der Geste vielleicht beeindrucken wollte, aber vermutlich war es tatsächlich nur ein Reflex, eine vollkommen gewohnte Handlung, derer er sich gar nicht mehr bewusst war.
“Na gut”, sagte der Ratsmagier schließlich. “Ich will mal nicht so sein. Hab ja ein Herz für seltsame Gestalten.” Das ließ mich schmunzeln, auch wenn ich gar nicht so genau sagen konnte, warum. Hawkins dachte vermutlich, es sei Dankbarkeit für sein Einlenken.
“Also gut”, fuhr er dann fort. “Vor einiger Zeit – Feenzeit, wann auch immer das nun war – hat Loki oder einer seiner Nachfahren der Sonne drei Haare gestohlen. Die hat er dann beim Kartenspiel mit einem Einherjar verloren. Heißt es.” Er räusperte sich. “Die Einherjar wohnen ja traditionell in Walhalla, wo sie den ganzen Tag saufen. Dann gehen sie kämpfen, torkeln nach dem Kampf wieder in die große Halle und saufen weiter. Ein bisschen wie Fussballfans in Manchester.” Er winkte den Wirt heran und bestellte zwei Bier. Dann runzelte er nachdenklich die Stirn. “Eigentlich genau wie Fussballfans in Manchester. Scheußliche Stadt. Fahren Sie lieber nicht dahin.” Ein paar Minuten schwieg er, und ich schwieg höflich mit ihm, ließ mir das Gesagte durch den Kopf gehen. Von europäischem Fußball habe ich nicht viel Ahnung, aber bei dem Vergleich konnte ich mir schon ungefähr vorstellen, was er meinte. Dann kam das Bier, zwei große Krüge. Beinahe schon Pitcher-Größe, wie ich sie von zuhause kannte. Hawkins nahm einen und erhob ihn, um mit mir anzustoßen. Ich nahm einen Schluck. Huh. Lecker. Aber starkes Zeug. Da würde ich aufpassen müssen, dass ich mir nicht das klare Denken vernebelte.

“Na gut, Walhalla ist ein Prügel-Pub”, fuhr Hawkins fort, als hätten nicht mehrere Minuten Pause zwischen seinem letzten und diesem neuen Satz gelegen. “Jetzt gibt es viele Einherjar, die das toll finden, aber nicht alle. Die haben sich schon vor langer Zeit nach Heorot zurückgezogen, in Beowulfs Halle, wo sie außer saufen und prügeln auch mal reden, ein Lied anhören oder philosophieren können. Ich war noch nicht da, aber ist wohl eher ein Gentleman’s Club. Mit Walküren, nehme ich an. Falls die Zutritt haben.” Sein Gesichtsausdruck zeigte Zweifel – entweder, weil er den Einherjar eine so fortschrittliche Einstellung nicht zutraute, oder weil er selbst kein großer Freund von weiblichen Gästen in einem Club war.
“Jedenfalls soll sich der Einherjar, der die Haare gewonnen hat – Sigthor Oddson – hauptsächlich in Heorot aufhalten. Sie nennen den Ort auch ‘Sommerhalle der Einherjar’; ich vermute, im Winter müssen auch die weniger rauflustigen Krieger gegen die Jötunn antreten. Wie dem auch sei, ich glaube nicht, dass sie die Haare der Sonne da dringend brauchen, die Halle stand ja auch schon lange vorher – wir vom Weißen Rat jedoch liegen im Krieg mit den Rotvampiren, und ich nehme an, dass du weißt, wie schlecht diese Mistviecher auf Sonnenlicht reagieren. Deswegen wäre es sehr hilfreich, wenn du uns diese Haare bringen könntest.” Er lächelte zufrieden und trank noch einen Schluck des starken Gebräus. Dann fiel ihm etwas ein.
“Hmpf”, machte er. “Kannst du die Zeit in den Reichen beeinflussen? Gah, vermutlich nicht, niemand kann das.” Hawkins schüttelte ungeduldig den Kopf. “Also gut, Bursche… Ritter, Schriftsteller, was auch immer, gib mir dein Wort, dass du wirklich versuchst, an die Haare der Sonne zu kommen, und ich lasse deine Freunde ihr Ritual versuchen. Einverstanden?”

Ich musste nicht lange überlegen. Was wollte ich auch tun? Genau das war der Grund, warum ich hier war, quid pro quo, und Hawkins sah mir nicht so aus, als würde er sich umstimmen lassen. Immerhin hatte er gesagt ‘wirklich versuchen’ und nicht ‘unter allen Umständen bringen’.
“Einverstanden”, erwiderte ich. “Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, um diese Haare der Sonne zu beschaffen dafür, dass Sie uns die Erlaubnis für das Ritual am Lochan Dubh nan Geogh geben. Ich hoffe allerdings, ich bekomme noch ein paar Informationen von Ihnen.”

Heorot. Beowulfs Halle. Natürlich hatte ich davon gehört, ich hatte mich immerhin während meines Studiums ziemlich eingehend mit dem Epos beschäftigt. “Ich nehme nicht an, dass Sie die Ruinen des Langhauses in Lejre in Dänemark meinen, wenn Sie von ‘Heorot’ sprechen”, mutmaßte ich. “Vor allem, da Sie ‘die Reiche’ erwähnen. Ich vermute mal, das ist ein britisches Synonym für das Nimmernie?” Ich überlegte kurz. Ins Nevernever bringen sollte auch George mich können, siehe die diversen Gelegenheiten, wo er das schon früher getan hatte, da musste ich Hawkins nicht danach fragen und mich noch inkompententer aussehen lassen, als er mich ohnehin schon einschätzte. “Kann man ungefähr sagen, wo im Nevernever die Halle liegt? Und weiß man irgendetwas über diesen Sigthor Oddson, außer dass er kein Anhänger von Manchester ist?”

Hawkins lehnte sich zurück und betrachtete mich nachdenklich. “Du bist wirklich sehr neu als Ritter, was?”, sagte er langsam. “Es ist eine Sommerhalle. Sie liegt im Nimmernie. Ich nehme an, sie liegt irgendwo im Sommer – die Richtung sollte dir ja vertraut sein. Wenn ich ganz genau wüsste, wo sie ist und wie man hinkommt, bräuchte ich keinen Sommerritter, der sich in dieser Gegend hoffentlich frei bewegen kann, ohne alle fünf Minuten von irgendwelchen Viechern belästigt zu werden.” Er fing wieder an, mit seiner Pfeife zu spielen, aber bedächtiger als vorher. “Die Reiche – die Feenwelten – sind ein Teil des Nimmernies, aber nicht genau dasselbe. Ich würde dir raten, nicht über die Summerhall zu gehen, es sei denn, du willst die Grüne Herrin unbedingt treffen. Die ist zwar relativ freundlich, aber auch sehr neugierig und besitzergreifend, wenn jemand auch nur einen Hauch künstlerisches Talent besitzt. Geh über den Brighton Park in der Nähe vom Portobello Beach, da sollten noch ein paar Sonnenblumen stehen.”
Er runzelte die Stirn. “Über Sigthor Oddson kann ich dir wenig sagen. Scheint gern Karten zu spielen, und nicht einmal schlecht, wenn er Loki besiegen konnte. Falls die Geschichte überhaupt stimmt und Sigthor sie nicht nur erfunden hat. Keine Ahnung, ob die in Heorot Fußball spielen, das würde ich dir überlassen.” Hawkins lehnte sich zurück. “Bist du sicher, dass du der Sache gewachsen bist? Könnte gefährlich sein, und ich will ehrlich sein: Ich habe keine Ahnung, wie weit du mit Diplomatie kommst. Aber wenn du das wirklich machen willst, fein. Gib deinen Freunden die Adresse vom Old Cauldron. Ich würde sie gern treffen, bevor sie zum Lochan Dubh Nan Geogh gehen.”
Er legte seine Pfeife auf den Tisch und trank den letzten Schluck Bier. “Um das ganz klar zu sagen: Wenn ich das Gefühl habe, dass sie sich und andere mit ihrem Gezaubere nur in Gefahr bringen, dann werde ich nicht zulassen, dass sie an einem der dunkelsten und gefährlichsten Orte Schottlands ein Ritual durchführen. Um mal deine Worte zu verwenden: Ich setze meine Ehre für diese Sache genauso wenig aufs Spiel wie du deine.”

‘Summerhall’. ‘Grüne Herrin’. Mierda. Ich hatte tatsächlich keinerlei Ahnung, wovon er da redete, aber ich würde den Teufel tun und das zugeben. Stattdessen hob ich auf seine Worte hin die Schultern. “Ob ich der Sache gewachsen bin oder nicht, das werde ich dann wohl sehen, wenn es soweit ist. Aber ich habe zugesagt, dass ich es nach besten Kräften versuche, also werde ich genau das tun.” Ich nickte dem Ratsmagier zu. “Und ich werde meinen Freunden bescheid geben, dass Sie mit ihnen sprechen möchten. Edward Parsen, damit Sie den Namen schon mal gehört haben.”

Während wir unser Bier austranken, fingen die Rädchen in meinem Kopf schon an, sich zu drehen, und noch viel mehr, nachdem ich mich von dem alten Zauberer verabschiedet hatte und zurück im Hotel war. Ehe ich loszog, musste ich einige Vorbereitungen treffen.

Ich rief bei den Jungs an und gab die neuesten Entwicklungen weiter. Vor allem das mit dem ‘dunkelsten Ort in Schottland’ und dass im Lochan irgendwas Fieses schlief. Und die Wegbeschreibung zum ‘Old Cauldron’. Ich rief bei Eileen Fabray an zwecks Informationen über diese ‘Summerhall’ und die ‘Grüne Herrin’ – bei meiner Mentorin in Sachen Sommerritterei hatte ich, ganz anders als bei dem ach so von sich eingenommenen Warden, keinerlei Hemmungen bezüglich meiner Unwissenheit.

Eileen nahm nach kurzem Klingeln ab. Offenbar war sie noch wach – aber zuhause war es zum Glück ja auch erst früher Abend. “Puh”, machte sie nachdenklich, als sie meine Frage hörte. “Von europäischen Fae habe ich leider nicht so viel Ahnung… Summerhall, Summerhall, das sagt mir etwas… Ist das nicht ein Kunstmuseum oder so etwas in Edinburgh? Ich glaube, ich habe mal einen schottischen Ritter getroffen, der mir davon vorgeschwärmt hat. Wer die Grüne Herrin ist, kann ich dir nicht sagen. Klingt nach einer Feenherrscherin – die sind auf den britischen Inseln etwas weniger freizügig mit Namen und verwenden eher Bezeichnungen wie ‘Friedliche Herrin’ oder ‘Ritter von der Roten Hand’ oder so. Könnte die Herrin des Sommerhofs in Edinburgh sein… Wenn du ein echter Feenritter wärst, müsstest du ihr deine Aufwartung machen, aber so – ich würde dir davon abraten. Die meisten Feenhöfe sind wesentlich intriganter als Pans, Pan ist kein Sidhe, sondern ein Faun, und dann auch noch aus Amerika? Du kannst dir auch eine Zielscheibe auf dein T-Shirt malen.” Sie lachte. “Gut, das ist alles Sommerhof, aber trotzdem. Würde ich an deiner Stelle vermeiden, wenn es geht.” Ich nickte, auch wenn Eileen das am Telefon gar nicht sehen konnte. “Davon hat Warden Hawkins mir auch abgeraten”, erklärte ich dann. “Er meinte etwas von wegen, die Grüne Herrin könne ziemlich besitzergreifend sein. Von daher muss ich das nicht so dringend haben, glaube ich.” Eileen lachte leise ins Telefon, ehe ihre Stimme wieder sachlich wurde. “Hab ich dir eigentlich schon gezeigt, wie du auch außerhalb eines Feenhofs ins Nimmernie kommst? Nein? Oh. Ist aber nicht weiter schwierig, zumindest nicht, wenn du in Richtung Sommer willst – geh einfach an einen Ort, der irgendwie nach Sommer aussieht, schließ die Augen, konzentriere dich auf den Sommer, geh los und lass deiner Macht freien Lauf. Das haben wir ja schon mal geübt.” Nach ein paar Tipps, wie man im herbstlichen Edinburgh einen Sommerbezug finden könnte – Treibhäuser, Blumenläden, Saunas – beendete Eileen das Gespräch mit den Worten: “Du wirst das schon schaffen. Denk daran, dass du Pans Ritter bist – was auch immer du tust, eine Fee kann dir das ansehen. Pan ist bei vielen Sidhe nicht sehr gut angesehen, aber das ist nicht immer nur ein Nachteil: Du kommst wahrscheinlich mit sehr viel mehr durch als andere.” Irgendwo im Hintergrund piepte ein technisches Gerät. “Meine Muffins! Ich muss los. Viel Glück, Cardo!”

Okay. Das war ja immerhin schon mal etwas. Zusammen mit Hawkins’ Hinweis auf die Sonnenblumen am Portobello Beach würde sich da ja wohl hoffentlich was machen lassen.

Als nächstes versuchte ich, Haley zu erreichen – wenn mir jemand etwas über Einherjaren sagen konnte, dann sie, hoffte ich. Aber dummerweise kam ich unter der Nummer, die wir letztens in Miami benutzt hatten, um mit ihr in Kontakt zu bleiben, nicht durch. Mierda. Naja, da konnte ich wohl nichts machen. Also tätigte ich einen Gute-Nacht-Anruf bei Jandra und vertrieb ich mir noch ein bisschen mit meinem Laptop und dem schottischen Fernsehen die Zeit, ehe ich schlafen ging. Und zwar mit dem festen Vorsatz, im Traum mit George zu reden – meinen kleinen Wyldfae-Kumpel würde ich drüben im Nevernever mit Sicherheit brauchen können.

Gerade, als ich mich hingelegt hatte, klingelte das Telefon. Aus dem Hörer kam zunächst ein schrilles Pfeifen, dann ein schwaches “Hallo? Hallo?”, viel elektronisches Gekrächze, schließlich “Halloooo?”, ganz laut und klar. Eine Frauenstimme. Haley.
“Geht das jetzt so?”, fragte sie genervt, wenn auch vermutlich – hoffentlich – nicht von mir. “Ich hab nicht viel Zeit, Sigbjörn kann nicht lange so stehen… was gibt es denn?”
Als ich sie nach den Einherjar fragte, lachte sie laut auf. “Schätzchen, dass sind die, die nicht zu mir kommen, weißt du? Die hocken in Walhalla und saufen und raufen – ‘bezwingen das bauchige Bierfass baldig’ und so weiter.”

Auf meine nächste Frage, die nach Heorot nämlich, reagierte sie mit einem unfreundlichen Schnauben. Kurz krächzte die Leitung wieder. “Mist”, sagte sie. “Das ist echt nicht so einfach hier… höher, Sigbjörn, höher! Okay, Heorot… Blödes Ding, früher – als es nur Walhalla gab – sind ab und zu Einherjar in Helheim aufgetaucht, weil ihnen das ständige Saufen, Kämpfen, Poppen auf die Nerven ging. Jetzt gehen sie nach Heorot, wo sie Stabreime aufsagen, Schach spielen und sich über Bücher unterhalten können. Gut, das könnten sie in Helheim auch, aber hier scheint halt nie die Sonne und das Dekor ist ein bisschen trist. Dafür haben wir demnächst Kabelfernsehen… vielleicht. Willst du dahin? Vermutlich nicht auf die gute alte Art und Weise, bei der du in der Schlacht stirbst, was?”

Jetzt war ich dran mit dem Schnauben. “Ich will nicht dahin, aber ich muss, fürchte ich. Ist eine Aufgabe im Zusammenhang mit der Sache von letztens noch. Und richtig, ich würde ganz gerne lebendig von dort zurückkommen. Ohne vorher gestorben zu sein, wenn es geht. Sagt dir ein Sigthor Oddson etwas? Den soll – muss – ich dort treffen.”

“Sigthor Oddson?” Hayley lachte. “Ja, der sagt mir was. Er hat meinen Vater im Kartenspiel besiegt, sagt er. Ich habe eine andere Geschichte gehört, was er da mit meinem Vater gemacht hat… sollte ich wohl nicht erzählen, so als getreue Tochter und so.” Man konnte ihr Grinsen förmlich durchs Telefon hören. “Aber ich kann dir versprechen: Bodenturnen war es nicht.” Die Leitung rauschte einen Moment ganz fürchterlich.
“Tut mir leid”, erklang ihre Stimme dann wieder, diesmal deutlich lauter. “Sigbjörn musste lachen. Dann mal viel Spaß in Heorot. Soll ganz lustig dort sein, und nicht sehr gefährlich, eigentlich. Die Einherjar da sind angeblich eher friedfertig, aber halt alles Veteranen. Mit denen legt sich vor Ragnarök so schnell keiner an. Eh, wenn du wissen willst, wie du dahin kommst: Folge den Stabreimen. Die sind ein untrügliches Zeichen für Einherjar. Sie nennen es auch ‘gebetteter Drachentraum’ oder ‘Klingenherd’, und die Straße nach Heorot heißt ‘Weg der Sonnendolde’. Keine Ahnung, was das heißt. Aber mach dir nichts draus, im Nimmernie laufen lauter Gestalten herum, die du fragen kannst. Lass dich nicht fressen, und wenn etwas kichert, dann trau ihm nicht.” Sie kicherte. “Wenn du willst, schicke ich dir eins meiner Geschwister vorbei, damit es dir hilft!”

Ich fing an, ihr etwas zu antworten, aber aus der Leitung kam nur ein Rauschen. Dann hörte ich doch wieder etwas. “…klar. Sigbjörn… Reise… bald… meinem Vater.”

Mierda. Dann musste ich wohl darauf verzichten, herauszufinden, welches ihrer Geschwister Haley mir hätte zur Seite stellen wollen – auch wenn es vermutlich besser so war. Fenriswolf oder Midgardschlange, wenn mich mein Wissen über die nordische Mythologie nicht im Stich ließ; da war keines von beiden eine sonderlich angenehme Alternative, was mich betraf.

Na gut. Mehr würde ich wohl nicht herausfinden können, ehe ich mich nicht selbst auf die Reise begab. Ich musste nur noch entscheiden, wo. Der Wetterbericht sagte für den nächsten Tag zwar einigermaßen trockenes Wetter voraus, aber wie Herbst oder gar wie Sommer wirkte das hier so gar nicht. Deswegen würde ich auch nicht über diesen komischen Brighton Park gehen, den Hawkins erwähnt hatte. Dass da im November noch Sonnenblumen stehen sollten, das glaubte ich dem Ratsmagier nicht so recht, und vor allem, was würden mir halb verfrorene Sonnenblumen an einem ansonsten winterlich trüben Strand helfen?

Nein. Das Tropenhaus der Royal Botanic Gardens war von 10:00 bis 15:00 Uhr geöffnet, wie mir das Internet verriet, und da musste es sich ja wohl zwischen den ganzen Palmen irgendwo eine versteckte Ecke finden lassen, wo ich unauffällig ins Nevernever hinüberwechseln konnte.

Mit diesem Vorsatz ging ich jetzt endgültig schlafen und bat George, mich am nächsten Tag zu treffen, sobald ich das Nimmernie betrat. Bis mir allerdings die Augen zufielen, grübelte ich über etwas nach, das Haley gesagt hatte. Was zum Geier meinte sie mit “folge den Stabreimen”? Sicher, was Stabreime waren, wusste ich; die waren fester Bestandteil des Kurses “Lyrik im Wandel der Zeiten” gewesen. Und außerdem gefiel mir bei Tolkien der Schlachtruf der Rohirrim immer besonders gut. Aber wie konnte man Reimen folgen? Doch eher den Leuten, die sie aussprächen? Oder meinte Haley damit, die Reime wären irgendwo aufgeschrieben? Naja, wenn ich dem ersten begegnete, würde ich hoffentlich merken, was sie gemeint hatte.

Ich weiß nicht mehr viel von dem, was ich träumte – vermutlich tat George sich in Vorbereitung auf eventuelle Strapazen gütlich daran. Oder ich erinnerte mich am nächsten Morgen einfach nicht, das kann ja auch mal sein. So oder so jedenfalls frühstückte ich ausgiebig, ehe ich mich auf dem Weg in den botanischen Garten machte. Ein Taxi brachte mich in einer Viertelstunde an mein Ziel, und dann stand ich im Zentrum des alterwürdigen Palmenhauses vor der ältesten Palme Schottlands. Schon 1834, als sie hierher verpflanzt wurde, war die Sabal Bermudana ausgewachsen, informierte mich eine Tafel neben dem Baum, auf der auch ein Bild aus eben jener Zeit zu sehen war. Schon beeindruckend – und irgendwie genau richtig für das, was ich vorhatte.

Ich trat also hinter die Palme, als wolle ich sie von allen Seiten bewundern, und so aus der Sicht eventueller anderer Besucher. Dann holte ich Jade aus der lederverstärkten Corduratasche, die ich vor einer Weile extra für diesen Zweck angeschafft hatte, und gürtete die Klinge um, ehe ich mich auf das besann, was Eileen am Telefon zu mir gesagt hatte. ‘Schließ die Augen, konzentriere dich auf den Sommer, geh los und lass deiner Macht freien Lauf.’ Na gut. Wenn ich dabei mit irgendeinem Besucher zusammenstieß, würde ich sehr albern aussehen, aber ich war sehr früh dran und außer mir kaum jemand hier. Das würde schon gehen.

Wie Eileen es mir erklärt hatte, schloss ich die Augen und rief die Magie des Sommers in mir nach oben. Als ich die ersten Schritte machte, legte ich zusätzlich noch die Hand an Jades Griff, und das Heft schien sich unter meinen Händen zu erwärmen, je weiter ich ging. Oder kam mir das nur so vor? Nein, denn die Wärme der Sommermagie breitete sich auch in mir selbst aus, verwob sich mit dem feuchtwarmen Klima des Tropenhauses — und dann wurde die Luft mit jedem Schritt weniger feucht, und dann veränderte sich mit einem Mal die Qualität des Lichts, das durch meine geschlossenen Augen drang, und auch die Geräusche wandelten sich. Und als ich die Augen wieder öffnete, war ich an einem anderen Ort.

Ich stand auf einer Sommerwiese – einer europäischen Sommerwiese, soweit ich das beurteilen konnte. Neben mir stand ein hellgraues Pferd, gesattelt, aber ohne Zügel. George natürlich, der die Umgebung aufmerksam beäugte und dann anfing, skeptisch an einem Grashalm zu knabbern.

Sehenswert war die Umgebung allemal: Die Wiese lag unter strahlend blauem Himmel auf einem Hochplateau. Einige Schritte vor mir lag die Kante einer steilen Klippe, und darunter rauschten die hohen Wellen eines graublauen Ozeans. Ich glaubte sogar, in der Ferne den grünen Hügel einer Insel zu erkennen. Zu meiner Rechten stand ein wilder Sommerwald voll knorriger Bäume mit ausladenden Ästen, darunter beerenbehangene Büsche und malerisches Moos. Oben, in den Wipfeln, bewegte sich etwas, und ab und zu meinte ich, rotpüschelige Schwänze sehen zu können. Eichhörnchen? Falls ja, mussten die relativ groß sein.
Hinter mir lag ein spektakulärer Sonnenuntergang, zu hell, um viel zu erkennen. Die Wiese schien sich noch lang zu strecken und in ein welliges Hügelland überzugehen, soweit ich das in der hitzeflirrenden Luft erkennen konnte. Ein warmer Wind wehte aus dieser Richtung, und in der Entfernung konnte ich einige Reiter in rostroten Roben sehen, die gemächlich auf die Sonne zuritten.
Auf der linken Seite schließlich lag ein kurioser Karneval: Zahlreiche Zelte zierten eine ausgedehnte Aue, abenteuerliche Artisten arbeiteten andauernd an allerlei Albernheiten, und mutige Maiden machten munteren Müßiggang.

…wie bitte? War das jetzt mein eigenes Hirn, das mich ständig mit Stabreimen stichelte? Oder gab mir die laue Luft gar gefährliche Gaukelreime… Was. Zum. Geier?

Warte. Wie hatte Haley gesagt? ‘Folge den Stabreimen’. Zu der Steilküste hin hatte ich nicht in Alliterationen gedacht, auch nicht in Richtung des Waldes – oder zumindest nur ansatzweise. Aber zu dem vielgestaltigen Varieté mit seinen protzigen Pavillons und seinen bewegtbunten Buden zogen mich die zahlreichen Zeilen mit alliterierenden Anfängen hin wie ein Seeman sein Schiff an einem soliden Seil.

Okay. Das war ein zweifelloses Zeichen, schien es mir sicher. Also machte ich mich wagemutig auf den Weg.
¡Mierda! ¡Esto tenía que parar!
Ich biss die Zähne zusammen, und mit Mühe machte ich mich – Cólera noch eins! – auf den Weg zu dem jauchzenden Jahrmarkt, Georges graue Gestalt an meiner Seite.

Schon von fern dünstete der Duft liebreizender Lammkeulen und deftiger Delikatessen. Gebratene Gänse gackerten… Moment, was? Gackerten? Doch, tatsächlich, die kopflosen Tiere über den Flammen gackerten laut und deutlich. “Labe dich, Liebling!” Huch.

Unschlüssig schritt ich über den begrasten Boden, sah eine taumelnde Tänzerin, einen jungen Jongleur, einen bierseligen Bären und einen quakenden Cowboy. Nein. Der quakte nicht, und er war auch kein Cowboy. Tatsächlich war er hauptsächlich beschwipst und beduselt, ein braungekleideter Barbar mit einem beidhändigen Beil. “O Walhalla Wanderhalla, wanderte ich wahnbefreit…”, krächzte er unmelodisch. Als er mich sah, kam er schwerfällig auf mich zugeschwankt. “Freundlicher Freund, ein fröhlicher… Freudengruß! Respektabel reist du, und spektabel, und vielleicht gar spendabel? Ein einsamer Einherjar eilt eilig ein… bei, um dich zum Gastgeber zu gießen. Zu kiesen. Zum Kastgeber… ach, was soll’s. Gibst du mir einen aus, Freund?” Er lächelte breit und atmete mir seinen alkoholgeschwängerten Atem ins Gesicht.
Weiter hinten kam eine gewappnete und gerüstete Kriegerin kraftvoll geschritten. Ihr Blick schweifte umher, und der bärtige Barbar bemühte sich um ein verstohlenes Versteck hinter mir. “Schweig, mein freundlicher, mein friedlicher Freund! Das wunderbare Weib dort zürnt zauberhaft… nee, die wilde Walküre säuert sonderbar… ich brauch ein Bier! Schnell!”

Oh. Aber ich schwieg doch schon sowieso stille, was wollte der Wicht? Ein Bier, bekanntermaßen. Na dann sollte er sein Bier bekommen. Ich winkte der Wirtin und bestellte gegorenen Gerstensaft für meinen struppigen Sozius.

“Prosit, Pontonier!” wünschte ich ihm wohlwollend – und fragte mich dann, wie bei allen grünen Geistern ich jetzt auf dieses Wort gekommen war. “Lasst es Euch laben. Und dann sagt, warum bangt Ihr vor der Blonden dort?”

“Bangt?!? Einem Oddson bangt vor keiner Blage… Plage… ach, was soll’s.. Prost!” Hastig hob er den bierigen Becher und schüttete den schäumenden Inhalt schnell in seinen Schlund. In der Zwischenzeit hatte die Blonde ihn allerdings entdeckt.
“Halfðan Oddson!”, rief sie rau. “Hier bist du nun und säufst, während in Heorot die Helden harren?” Irritiert runzelte sie die strenge Stirn. “Diese Reime sind echt reiz… ich meine, nervtötend. Weiche, Wicht der windigen Worte, von dieser… äh… biergeschwängerten Bank baldig!” Mit einem Fuss trat sie gegen ein Tischbein, und ein winziger Wichtel verzog sich zeternd. Natürlich in Stabreimen.

In dem Moment konnte ich spüren, wie ein gewaltiges Gewicht… eine unsichtbare Bürde von mir abfiel. Es fühlte sich an, als würden sich ein paar Gehirnwindungen entknoten, dann konnte ich wieder denken, ohne ständig in Alliterationen zu verfallen. Tío, war das eine Erleichterung.

“Astrid”, murrte Halfðan. “Was willst du denn schon wieder? Ich trinke hier mit meinem Freund … äh … na, mit meinem Freund Dingsda! Wir haben wichtige Männerdinge zu besprechen!”
Astrid sah uns beide skeptisch an.
“Sei gegrüßt, Dingsda”, sagte sie mit ironischem Unterton zu mir. “Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen.”

Ich nickte der Kriegerin höflich zu. “Ricardo. Erster Ritter des Herzogs Pan. Aber ‘Dingsda’ tut es auch. Es freut mich, dich kennenzulernen, Astrid.” Interessiert betrachtete ich sie einen Moment lang – ob es das tatsächlich eine Walküre sein konnte? Eigentlich sah sie ganz normal aus – naja, so hochgewachsen und auf strenge Weise schön, wie sie war, konnte man das nicht wirklich als ‘normal’ bezeichnen, aber auf den ersten Blick jedenfalls nicht nichtmenschlich. Ehe ich sie zu lange anstarren konnte, wandte ich mich dann zu dem Krieger mit dem großen Durst. “Und Halfðan. Das freut mich ebenso.” Ich hob meinen eigenen Bierkrug und prostete ihm zu, nahm aber nur einen kleinen, vorsichtigen Schluck. Besser einen klaren Kopf bewahren. “Halfðan Oddson? Zufällig verwandt oder verschwägert mit Sigthor Oddson? Falls ja, hätte ich da eine Frage.”

Halfðan und Astrid wechselten einen Blick, den ich nicht recht deuten konnte. “Sigthor ist mein Bruder”, sagte der große Mann dann durch seinen Bierbart. “Ihr Vater.” Mit dem Daumen zeigte er auf die Walküre (wenn sie denn eine Walküre war), die die Augen verdrehte.
“Meiner, und der von ungefähr 300 anderen Leuten”, erklärte sie. “Sigthor lässt wenig anbrennen.”
“Noch weniger, seit Loki ihn verflucht hat, dass jeder, mit dem er schläft, ein Kind von ihm bekommt.” Halfðan lachte bei diesen Worten kräftig und spuckte etwas Bier durch die Gegend. Astrid schnaubte genervt.
“Mein Vater ist ziemlich speziell”, erklärte sie. “Und egal, wie viele Riesen ich erlege, wie viele Zwergenschätze ich erbeute und wie viele Maiden ich flachlege – das ist immer die allererste Geschichte, die jeder über mich erfährt.”
“Er hätte Loki die Sonnenhaare nicht abnehmen sollen”, sagte Halfðan mit einem Kopfschütteln.
“Hätte er nicht, nein”, stimmte Astrid zu. “Und dann diese Geschichte mit dem Kartenspiel… als wäre Papa in der Lage, irgendwen im Kartenspiel zu besiegen.”
“Ich hab immer gegen ihn verloren”, protestierte Halfðan empört.
“Du hast auch Bier im Gehirn.” Astrid drehte sich zu mir um. “Nun, Sir Dingsda… Ricardo, meinst du, du kannst meinen Onkel dazu überreden, mit mir nach Heorot zu reisen und seine Aufgabe zu erfüllen?”
“Meine Aufgabe?”, knurrte Halfðan. “Ich muss das Feuer hüten… das ist so langweilig, es ist ein magisches Feuer, es kann nicht ausgehen. Was soll ich denn da hüten?”
“Es ist auch nicht ausgegangen”, erwiderte Astrid spitz. “Im Gegenteil: Es ist gewachsen, kokelt alles an und wenn man ihm etwas sagt, gibt es Widerworte. Die anderen Einherjar finden, es ist deine Sache, es zu erziehen.”
“Ich… äh… also, Astrid, weißt du, ich würde ja gern, aber ich habe Sir Dings… Rikado versprochen, ihm bei seiner Queste zu helfen.” Verstohlen blinzelte Halfðan mir zu.
Astrid verschränkte die Arme und sah uns genervt an.
“Und hat das etwas mit Bier zu tun, Sir Ricardo?”

“Es hat nichts mit Bier zu tun, werte Astrid”, versicherte ich ihr. “Zumindest nicht, soweit es mich betrifft. Es hat allerdings zu tun mit diesen drei Haaren, die du erwähnt hast.”
Vielleicht war es unvernünftig, gleich so mit der Tür ins Haus zu fallen, aber wenn Hawkins List und Tücke gewollt hätte, hätte er einen White Court schicken sollen. Außerdem, wer sagte denn, dass dieser Ansatz nicht funktionieren würde?
Ich sah die beiden Nordländer fragend an. “Habe ich das jetzt richtig verstanden? Sigthor wurde verflucht, weil er die Sonnenhaare an sich gebracht hat? Und seit diese Sonnenhaare in Heorot sind, lässt sich das magische Feuer nicht mehr kontrollieren? Irre ich mich, oder klingt das nach einem Zusammenhang?” Astrid nickte mir ernsthaft zu. “Und genau deswegen brauchen wir Halfðan. Es ist seine angestammte und hochheilige Aufgabe, sich um das Feuer zu kümmern.”
Das magische Feuer. So langsam wunderte es mich nicht mehr, dass Hawkins einen Vertreter des Sommers geschickt hatte. “Was machen diese Haare eigentlich genau?” entgegnete ich. “Sonnenlicht?”
Die blonde Kriegerin nickte wieder. “Unter anderem. Und die Wärme dazu. Das kann ganz praktisch sein für kühle Sommernächte. Oder gegen die Eisriesen.”

Oh. Oho. Cólera. Ja klar. Wäre ja auch zu einfach, wenn sie keinerlei Motivation hätten, die Dinger hier zu behalten.
“Ich will gar nicht lange drum herum reden. Ich bin wegen dieser Haare hier. So wie ich das sehe, könnten wir alle was davon haben, wenn ich die an mich nehme. Das Feuer käme wieder unter Kontrolle, und vielleicht würde Sigthor sogar seinen Fluch los?” Ich zögerte, als mir ein sehr hässlicher Gedanke kam. “Wie funktioniert dieser Fluch eigentlich genau? Ich hätte herzlich wenig Lust, mir selbst einen einzufangen, sobald ich diese Haare an mich nähme.”

Astrid lachte auf. “Nee, den Fluch wird Sigthor nicht los – das hat was damit zu tun, wie er an die Haare gekommen ist. Ich weiß nicht, wie dein Verhätlnis zu Loki ist, aber dafür, dass er Leute so gern übers Ohr hat, hat er bemerkenswert wenig Sinn für Humor, wenn ihm selbst das passiert.”
Halfðan kicherte mit. “Hab doch schon gesagt, was der Fluch ist – jeder, der mit Sigthor schläft, kriegt ein Kind von ihm. War unglaublich lustig, als er mit Knud… Au!” Empört hielt sich Halfdan den Fuss, auf den ihm Astrid gerade getreten war.
“Wofür brauchst du die denn?”, fragt die blonde Frau hastig. “Ich weiß nicht, ob das Feuer wegen den Haaren ausser Kontrolle ist oder weil dieser Blödbommel da” – sie deutet auf Halfðan – “seine Pflichten vernachlässigt. Aber wäre vielleicht gut, wenn die weg wären. Wenn das Feuer sich wieder benimmt, hätten wir ja alle Wärme, die wir brauchen.”
“Pfff”, macht Halfdan. “Das Feuer geht mir auf die Nerven. ‘Mir ist langweilig’ hier, ‘Ich hab Hunger’ da, ‘Meine Asche muss raus’, ‘Kann ich auch mal andere Feuer treffen’ und so weiter.” Er zieht die Nase hoch. “Früher war das einfacher.”
“Jaja”, sagte Astrid und verdrehte die Augen. “Was hältest du davon, Sir Ricardo: Du kommst mit uns nach Heorot, hilfst deinem netten Freund da mit dem Feuer und dann reden wir über die Haare? Sie sehen ja schon recht hübsch aus da in der Halle…”

Ich nickte der Kriegerin zu. “So ungefähr habe ich mir das gedacht, ja. Wenn ich irgendwas tun kann, um mit dem Feuer zu helfen, tue ich das gerne.”
Astrid lächelte. “Schön. Dann komm mal mit.” Sie warf ihrem Onkel einen strengen Blick zu. “Und du auch, Halfðan Oddson. Denk nicht mal daran, hierzubleiben, während wir gen Heorot ziehen.”
Der Einherjar warf seiner Nichte einen missmutigen Blick zu, trank aber sein Bier in einem letzten langen, geräuschvollen Zug aus und erhob sich dann von seiner Bank. Ich stand ebenfalls auf und winkte George, der zu mir getrottet kam, als wir aufbrachen.

Unser Weg führte uns an dem Jahrmarkt vorbei weiter weg von den Klippen, tiefer ins Land hinein, bis schließlich in einiger Entfernung eine Struktur auftauchte, ein langgezogenes Wikingergebäude mit einem Dach wie ein Drachenboot. Heorot, die Sommerhalle.
Je näher wir kamen, desto langsamer wurde Halfðan. “Komm schon”, versuchte ich ihn aufzumuntern. “Das Feuer bekommen wir schon irgendwie gebändigt.”
Halfðan brummelte etwas herum, aber er folgte Astrid und mir in die große Halle.

Von außen mochte die Halle aussehen wie ein Wikingerlanghaus, aber innen hatte sie mehr Ähnlichkeit mit einem britischen Gentleman’s Club: Ein breiter Eingangsbereich, wo ein großer Haufen Waffen säuberlich in Regalen geordnet war, dann führten ein paar Treppenstufe nach unten in einen großen Saal. Im Raum verteilt standen kleine Sitzgruppen, mehrere Ständer mit Magazinen und Dutzende von Bücherregalen. Etliche Leute saßen auf gemütlichen Sesseln oder eleganten Bistrostühlen, spielten Schach oder Kartenspiele, diskutierten über alles mögliche und aßen Flammkuchen. Auf den Tischen stand Bier, aber nicht in großen Krügen, sondern in künstlerisch geformten Flaschen mit merkwürdigen Etiketten.

Es war warm in Heorot. Sehr warm. Die Anwesenden trugen größtenteils dünne Bademäntel, manche auch Boxershorts oder überhaupt nichts. Das war nicht immer allzu schön anzusehen – ein Großteil der Leute war männlich, nicht allzu jung und behaart wie ein Yeti. Die wenigen Frauen unter ihnen schienen sich an dem Anblick aber nicht zu stören. Einen Bikini trug trotzdem nur eine, der Rest hatte etwas mehr an.

Schuld an der Hitze war das große, wild lodernde Feuer in dem weiten Kamin. Ein paar… was waren das für Wesen? Zwerge? Gnome? “Hauselfen”, schoß es mir durch den Kopf. Dem Harry-Potter-Thema hatte ich ja schon in Edinburgh nicht entgehen können, nur waren diese Wesen hier besser gekleidet als Ms. Rowlings Hauselfen. Sie huschten durch den Raum, füllten hier ein paar Getränke auf, brachten da ein paar Pastetchen, räumten Bücher zurück in die Regale… und schleppten gerade einen halben Baumstamm, der viel zu schwer für sie war, zum Kamin.
Selbst über das Murmeln der Einherjar hinweg konnte ich die Stimme des Feuers hören: “Kssss… issst dassss etwa Eichenholz? Dasss isssst gar nicht heisssss… ich wollte doch Buche! Buche!” Ein paar missmutige Flammen schlugen nach den … Hauselfen, und die kleinen Wesen sprangen hektisch beiseite. Den Baumstamm ließen sie fallen und huschten davon.

“Holder Halfðan, willkommen zurück in Heorot”, sagte eine leise Stimme. Neben der Gruppe stand ein …wasauchimmer… Hauself mit einem geschwungenen Schnurrbart, hinter dem das alte, faltige Gesicht fast verschwand. Aus irgendeinem Grund schien er einen britischen Akzent zu haben, wie ein Butler aus einem Upper-Class-Krimi. Einer von denen, wo der Detektiv es unglaublich schwer hat, weil er reich ist und gut aussieht und das Gefühl hat, die Leute würden ihn allein darauf reduzieren. Dieser Butler-Elf hier trug sogar eine Art Anzug, und er hatte definitiv Schuhe und Socken an. Und irgendwie schaffte er es, Halfðan gleichzeitig respektvoll und missbilligend anzusehen.
Der Einherjar hatte ihn gar nicht bemerkt und zuckte bei seinen Worten zusammen.
“Hallo, Ranulf”, sagte er lahm und lächelte unsicher. “Bringst du mir bitte mal ein Bier?”
“Gewiss, holder Halfðan”, erwiderte Ranulf mit einer leichten Verbeugung. “Das wird Euch nach der Erfüllung Eurer Pflichten gewiss munden.”
Dann wandte er sich von dem stämmigen blonden Krieger ab, begrüßte Astrid mit einem aufrichtigen Lächeln und verneigte sich schließlich vor mir. “Seid gegrüßt, Fremdling. Ein Ritter des Sommers, wie ich sehe? Darf ich euch etwas abnehmen? Etwas bringen?”
Es war ja nett gemeint, aber ich lehnte dankend ab. Erstens hatte ich gerade andere Dinge im Kopf, und zweitens war das hier immer noch das Nevernever. Was mich daran erinnerte, dass ich Eileen bei Gelegenheit mal fragen muss, wie das mit Essen und Trinken hier ganz grundsätzlich läuft.

Aber erstmal das Wichtigste. Das Feuer. Es wurde ziemlich schnell deutlich, dass das es nicht nur eine Persönlichkeit besaß, sondern die Persönlichkeit eines ziemlich verzogenen Teenagers. Es konnte Halfðan sichtlich nicht ausstehen, und Astrid noch viel weniger.
Den grünhäutigen Orc – Moment. Was? Orc? Tatsächlich. Der sah aus wie der sprichwörtliche Fantasy-Orc. Eindeutig mehr Arcanos oder World of Warcraft als die Herr der Ringe-Filme – der beim Kamin saß, schien dessen flackernder Insasse hingegen tatsächlich zu mögen. Und mich erstaunlicherweise auch, denn mich blaffte es nicht an, sondern mit mir redete es ganz friedlich.

Dabei kam heraus, dass das Feuer tatsächlich ein Bewusstsein hatte und nicht einfach nur magisch animiert war. Auf mich wirkte es wie ein Kind, oder vielleicht besser wie ein Teenager; wie ein ziemlich verzogener Teenager dazu. Den blonden Krieger redete es mit „Onkel“ an und sprach von Astrid als seiner „Schwester“, was mich erst stutzen ließ und dann fieberhaft nachdenken. Wenn Sigthor Oddson jemanden geschwängert hatte – denn jeder, mit dem Sigthor Oddson schlief, wurde ja immerhin schwanger, wie ich gelernt hatte – wer zum Nether war dann die Mutter? Ich hatte da einen ganz, ganz, ganz schrecklichen Verdacht. Was, wenn es Lady Fire wäre? Oh, santísima madre.
Andererseits, das Feuer schien ja ganz nett. Wer weiß, vielleicht wäre das ein allererster Schritt zu einer möglichen Aussöhnung?

Jedenfalls stellte sich sehr schnell heraus, dass es weder in Heorot bleiben, noch die Einherjar es weiter dort sehen wollten. Astrid sprach den Gedanken aus, der mir flüchtig durch den Kopf gegangen war, den ich aber nicht zuende zu denken gewagt hatte: ob ich das Feuer vielleicht mitnehmen könne in meine eigene Welt.
Unser zickiger Halbwüchsiger war gleich – nein, ich sage jetzt nicht ‚Feuer und Flamme‘, das wäre zu billig – ziemlich begeistert von der Idee. Hauptsache hier wegkommen, meinte es, und auch die diversen Umstehenden waren durchaus ebenfalls dieser Meinung.
Na gut, sagte ich, aber nicht in meine eigene Welt. Ein lebendes Feuer in mein Apartment zu holen, kam so überhaupt nicht in Frage. Nicht mit Jandra, die seit ihrem Erlebnis mit Lady Fire ohnehin auf Feuer fixiert ist, die ständig von ihrer besten Freundin Monica besucht wird, welche wiederum ganz am Anfang ihrer Magierausbildung steht – Spezialisierung Feuer, wohlgemerkt – und bei all dem Papier in der Wohnung? Lasst mich nachdenken… Ähm, nein.
Aber in Pans Palast ginge es vielleicht. Da ist dieser riesige Kamin in Pans Großer Halle, der ohnehin nie benutzt wird und wo sich ein Bewohner vielleicht ganz wohl fühlen würde.
Dieser Alternativvorschlag war für das Feuer auch in Ordnung – egal was, nur weg hier, nehme ich an. Lustigerweise wollten die anderen sich ebenfalls alle anschließen: Den Fantasy-Orc (der übrigens selbst nicht wusste, wie er hierher gekommen war, und der keinen anderen Namen kannte als Orc Nummer Vier) wollte das Feuer ja schon ganz gern dabeihaben, aber auf Halfðan und Astrid hätte es gerne verzichten können, wie es uns lautstark wissen ließ. Da war aber nichts zu machen, die beiden wollten auch mit, und wer war ich, um sie daran zu hindern? Außerdem konnte keiner der drei vermutlich ewig in Pans Palast bleiben, oder überhaupt wollen. Der Orc fragte mich schon, ob es dort viel zu kämpfen gebe. Naja, zwei Gelegenheiten zum Kämpfen im Jahr konnte ich ihm immerhin versprechen (wobei die Kämpfe zur Winter- und Sommersonnenwende bei uns ja meist auch nicht so blutig daher kommen, wie ein kriegerischer Orc das vermutlich gerne hätte), aber ich zweifelte doch immer noch ziemlich daran, dass unsere Begleiter es sonderlich lange in Pans Hofstaat aushalten würden.

Ehe wir gingen, erinnerte ich Astrid aber noch an ihr Versprechen mit den drei Sonnenhaaren. Die Kriegerin wollte sich erst etwas zieren, aber das Feuer loswerden wollte sie dann doch lieber, und den Einherjaren in der Halle war es auch lieber, die Haare und ihre wärmende Wirkung zu verlieren, als das Feuer behalten zu müssen, also bekam ich sie am Ende dann doch.
Eines meiner Bücher durfte ich dann zu dem Zweck sogar auch noch signieren. Wobei ich die Haare vermutlich auch ohne Autogramm bekommen hätte, aber der Einherjar, der es sich im warmen Licht der Haare in einem Lehnsessel gemütlich gemacht hatte, las lustigerweise gerade Cuban Ghosts, und die Tatsache, dass dessen Autor die Haare haben wollte und ihm eine ausführliche Widmung ins Buch schrieb, war der Sache sicherlich nicht ganz abträglich.

George, noch immer in Pferdegestalt, hatte die ganze Zeit über geduldig draußen vor der Halle gewartet. Jetzt bat ich ihn, uns zurück in Pans Reich zu bringen, und schwang mich in den Sattel. Warum, weiß ich gar nicht so genau; vielleicht, weil ich dachte, so könnte George uns den Weg leichter zeigen. Oder warum auch immer. Vielleicht wollte ich auch einfach nur eine vornehme Gestalt abgeben, so hoch zu Ross.

Jahaaa. Y una leche. Kaum saß ich im Sattel, galoppierte George los, und das war es dann mit meiner vornehmen Gestalt hoch zu Ross. Ich zog einige Male am Zügel, wollte meinem kleinen Wyldfae-Freund aber auch nicht zu fies im Maul herumzerren, ganz abgesehen davon, dass ich alle Mühe hatte, mich oben zu halten. Ich rief George zu, er solle anhalten, aber der dachte gar nicht daran, und sehr schnell waren die anderen hinter uns verschwunden. Und zwar nicht einfach nur hinter uns, weil George so schnell galoppierte. Sondern die Landschaft veränderte sich rapide, und dann waren wir schon wieder an einem ganz anderen Ort. Und ich fiel unsanft zu Boden, weil da nämlich plötzlich kein Pferd mehr unter mir war. Überhaupt kein George, egal in welcher Gestalt. Ich war wieder in meiner eigenen Welt.

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