Supernatural – Manhunt

‚Inda Velazquez hat was vor. Eine Jagd. Was ganz Großes. Zu groß für einen Jäger allein. Inda Velazquez braucht jede Hilfe, die sie nur kriegen kann’ – so und ähnlich geht es seit Wochen um in den Roadhouses und entlang der Jäger-Buschtrommeln. Von den wenigen Malen, wo er ihr begegnet ist, hat Ethan die Besitzerin des Roadhouses ‚La Santisíma Muerte’ nahe Phoenix als fähige, besonnene Jägerin in Erinnerung; wenn sie also Rückendeckung anfordert, und zwar alle, die sie nur kriegen kann, dann sollte er helfen gehen.
Lee und Niels haben die Buschtrommeln auch trommeln gehört, also beschließen sie, sich in New York bei Niels zu treffen und von da aus zusammen hinzufahren. Wieder mal, wie so oft, mit Ethans Truck – im D21 ist auf einer mehrtägigen Fahrt einfach am meisten Platz für drei.

‚La Santisíma Muerte’ ist ein typisches Jäger-Roadhouse. Ziemlich abgelegen und ziemlich renovierungsbedürftig, fällt es in der kargen, trockenen Landschaft kaum auf. Untypisch ist, dass an diesem Abend tatsächlich an jedem Tisch im Gastraum Leute sitzen, genau wie alle Barhocker besetzt sind. Die Aussicht auf ‚was ganz Großes’ hat offenbar ziemliche Anziehungskraft. Jäger unterhalten sich, tauschen Anekdoten aus, fachsimpeln über die Jagd morgen oder sitzen einfach nur schweigend da und beobachten die Szenerie, je nach Temperament und Vorlieben.

Ethan, Überraschung, gehört zur letzteren Gruppe. Der einen oder anderen Person im Raum ist er vielleicht schon mal begegnet, aber außer Lee und Niels kennt er niemanden näher. Also lässt er vor allem die anderen beiden erzählen, lächelt Lee zu, wenn sich ihre Blicke begegnen und genießt das warme Gefühl in seinem Inneren, wenn sie gelegentlich unauffällig über seine Hand streift.
In Arizona mag ein generelles Rauchverbot in Restaurants und Bars herrschen, aber entweder hat Velazquez das Santisíma Muerte zu einem Privatclub erklärt, oder es kümmert sich schlicht niemand um das Gesetz. Vermutlich eher letzteres. So oder so trägt Ethan zur rauchgeschwängerten Luft bei, indem er sich im Laufe des Abends selbst auch ein paar Zigaretten anzündet. Aber irgendwie ist er so viel Qualm in einem geschlossenen Raum anscheinend gar nicht mehr so richtig gewöhnt, denn allmählich wird er mü–

Langsam kommt Ethan zu sich. Er ist doch tatsächlich eingeschlafen. Aber… warum liegt er? Also nicht nur mit dem Kopf auf den Armen auf dem Tisch, sondern ganz und gar? Und warum ist es so still? Mit einem Ruck öffnet er die Augen. Setzt sich auf.
Um ihn herum ist es dämmrig. Dämmrig? Hat er die ganze Nacht verschlafen? Mussten die anderen ihn ins Bett bringen? Aber so viel hat er doch gar nicht getrunken?

Etwas stimmt nicht. Das hier ist kein Hinterzimmer im Roadhouse. Raue, ehemals vielleicht einmal weiß getünchte Adobe-Wände ohne jede Dekoration. Ein einfach zusammengezimmerter Holztisch. Ein genauso einfach zusammengezimmerter Stuhl davor. Keine Tür im Türrahmen, keine Scheibe im Fenster. Stattdessen einfach Öffnungen. Das primitive Bett, auf dem er liegt, nur mit einer alten Sackmatratze belegt. Kein Bettzeug. Alles verstaubt. Ausgebleicht. Kein Ton zu hören. Scheiße. Wo sind die anderen?
Ethan schaut an sich herunter. Seine Kleider hat er an, seinen Ausrüstungsgürtel nicht. Und auch sonst ist von seinen Sachen nichts zu sehen. Nicht sein Geldbeutel samt Führerschein. Nicht sein neues Handy, das etwas größere Nachfolgemodell seines alten robusten Outdoor-Geräts, das er ja in Houston loswerden musste. Nicht mal seine Zigaretten, elender Drecksmist. Bis auf das Bett, den Stuhl und den Tisch sowie einen völlig eingestaubten Zinnteller auf dem Tisch ist der Raum völlig leer. Scheiße. Was zum Geier ist hier los?

Okay. Orientieren. Geduckt kommt Ethan von dem maroden Bett hoch und bewegt sich in ebenso gebeugter Haltung zum Fenster, wo er sich seitlich an die Wand drückt und hinausspäht. Er befindet sich in einem… nein. Das ist kein Dorf. Hier ist nur dieses eine Haus, auf sandig-kargem, felsigem Gelände, und eine alte, verfallene Kirche daneben. Irgendwer hat an die Mauern der Kirche okkulte Zeichen gemalt, und zwar noch nicht so lange her, wie es aussieht. Drecksmist. Was ist das hier?

Ein leises Rasseln dringt an Ethans Ohren, und er erstarrt zu völliger Reglosigkeit, während er gleichzeitig versucht zu ergründen, wo das Geräusch herkommt. Das Rasseln wird allmählich lauter, dann gelangt dessen Quelle in Ethans Sichtfeld: Ein Typ in Cowboy-Kleidung stiefelt auf die Kirche zu, neben sich zwei weitere Menschen. Bloß dass diese beiden nackt sind und sich auf allen Vieren fortbewegen. Das Rasseln kommt von den in festen Halsbändern endenden Ketten, an denen der Cowboy sie führt. Und es sieht nicht so aus, als würde der Kerl sie dazu zwingen, sich dieser Behandlung zu fügen, sondern die beiden wirken tatsächlich völlig tierisch. Erst mit einem Moment Verzögerung erkennt Ethan, dass einer der beiden “Hunde” Inda Velazquez ist, die Besitzerin des Roadhouses, in dem sie gestern noch gesessen haben. Oder war es überhaupt gestern? Wie lange war Ethan bewusstlos?
Scheiße, verdammte, und wo sind die anderen? Wenn sie auch, wenn Lee
Radikal drängt Ethan den Gedanken nach unten. Hilft nicht weiter, wenn er sich vor Sorge zerfrisst.

Zwei weitere Leute – nicht Lee und Niels, Himmel sei Dank – kommen in Ethans Sichtfeld, auch sie mehr Tiere als alles andere. Sie zerren die Leiche eines Mannes hinter sich her an Ethans Adobe-Hütte vorbei in die entweihte Kirche, und der Cowboy folgt ihnen, nachdem er die beiden anderen “Hunde” vor dem Gebäude festgekettet hat.

Drecksmist, elender. Keine Waffen weit und breit. Zumindest keine gescheiten. Aber. Gebückt entfernt Ethan sich vom Fenster und nimmt den Stuhl mit an das hintere Ende der Hütte. So weit von den menschlichen Hunden weg, wie er nur kann, damit die das Geräusch von knackendem Holz nicht hören, bricht er ein Stuhlbein ab und schwingt die improvisierte Keule probehalber ein paarmal hin und her. Muss gehen. Den Zinnteller nimmt er auch mit. Sicher ist sicher. Er hat zwar zuletzt als Junge Frisbee gespielt, aber der Teller wirkt einigermaßen schwer, also kann er den vielleicht trotzdem irgendwem an den Kopf werfen, wenn es hart auf hart kommt.

Als die menschlichen Hunde gerade beide in die andere Richtung sehen, schleicht Ethan sich aus der Hütte. Wieder streift sein Blick über die okkulten Zeichen an der Kirchenmauer, und kurz überlegt er, ob er hinüberschleichen und ausspionieren soll, mit wievielen Gegnern er es zu tun hat. Aber nein. Das ist zu riskant. Er hat nur das Stuhlbein als Waffe, und es sind mindestens der Cowboy und seine vier Hunde, vielleicht mehr. Lieber aus der Deckung der Hügel heraus noch ein bisschen beobachten, was da so passiert. Aber nicht zu lange. Er muss die anderen finden, und zwar dringend. Verdammt. Hoffentlich geht es ihnen gut.

Gebückt, beinahe mehr kriechend als schleichend, hat Ethan vielleicht den halben Weg zu den Hügeln geschafft, da hört er hinter sich ein aufgeregtes Bellen. Aus seiner geduckten Schleichposition fährt er herum und sieht, dass beide “Hunde” in seine Richtung starren und sich in dem Versuch, zu ihm hinzukommen, regelrecht gegen ihre Ketten werfen. Das Gebell, das aus den menschlichen Kehlen dringt, klingt täuschend echt.
Ethan springt auf und will losrennen – die werden ihm gleich auf den Fersen sein, und er braucht jeden Meter Vorsprung, den er kriegen kann. Aber er hat erst ein paar wenige Schritte geschafft, als der Cowboy, ohne Eile und ohne auch nur eine Spur von Überraschung zu zeigen, aus der Kirche kommt und lässig die Hand nach Ethan ausstreckt. Im selben Moment spürt Ethan ein scharfes Brennen auf der Brust, das ihn in seiner Heftigkeit beinahe in die Knie gehen lässt. Während er sich wieder in Bewegung zwingt, tippt der Typ nach Cowboy-Art an den Hut und geht zurück in die Kirche, verfolgt Ethan weder noch lässt er seine Hunde auf ihn los. Trotzdem. Mit dem Läuten der Kirchenglocke hinter sich läuft Ethan, bis er sich in den Hügeln zumindest einigermaßen in Deckung fühlt, erst dann hält er an. Seine Finger zittern beinahe unmerklich, als er Hemd und T-Shirt beiseite zieht und an sich herunterstarrt. Wie er fast schon vermutet hatte, ist das Ding auf seiner Brust ein Brandmal – ein kreisförmiges okkultes Symbol, das Ethan einen Schauder den Rücken hinunterjagt. Der Schmerz hat inzwischen nachgelassen, ist aber nicht völlig verschwunden – oder besser, da ist ein… ein Gefühl. Ein Kribbeln. Ein Bewusstsein, dass dieses Ding etwas mit ihm anstellt. Das Brandmal ist ein Fluch, ein Zauber, und über kurz oder lang wird Ethan mit ziemlicher Sicherheit auch zu einem dieser menschlichen Hunde werden.
Mit einigen tiefen Atemzügen kämpft Ethan die Panik nieder, die in ihm aufsteigen will. Vielleicht ist der Fluch nicht unumkehrbar. Und selbst wenn – falls – doch: Noch ist es nicht soweit. Er muss die anderen finden.

Ethan hat ein gutes Stück Strecke hinter sich gebracht, als er die Stimmen hört. Von der Landschaft und dem Wetter her liegt das Gebiet hier südlicher als das Roadhouse – vermutlich sogar überhaupt nicht mehr in den USA, sondern in Mexiko, im nördlichen Teil der Sonora-Wüste. Die Fahrt von Phoenix hier herunter muss die halbe Nacht gedauert haben. Die Stimmen – Lee und Niels, puh, dazu eine dritte, die Ethan nicht zuordnen kann – kommen von hinter einer Anhöhe, und auch wenn er die Worte nicht versteht, ist der Tonfall unverkennbar. Angespannt. Misstrauisch. Kein Wunder.
Vorsichtig geht Ethan näher. Achtet darauf, seine Hände ab dem Moment in Sichtweite zu halten, als er über die Anhöhe kommt. Da stehen tatsächlich Lee und Niels, dazu eine blonde, pagenköpfige Frau um die Vierzig, die Ethan nicht kennt.
“Hey”, sagt er, noch in einiger Entfernung, um die anderen auf sich aufmerksam zu machen, “ich bin’s.” Wachsam nähert er sich noch etwas mehr, hält aber sorgfältig Abstand. “Lee. Geht’s dir gut?” Sie sieht unverletzt aus. Oh Himmel sei Dank. Aber Scheiße. Warum zuckt sie zusammen, als sie ihn erkennt? Und warum antwortet sie nicht? Drecksmist. Aber… hilft jetzt nicht. Nachher drüber grübeln. “Niels.”
“Ethan.” Mit einem erleichterten Lächeln kommt der Deutsche auf ihn zu, will ihm auf die Schulter klopfen, aber Ethan wehrt seinen Freund ab. “Nicht.”
“Scheiße, Alter, was ist los?”
Ethan verzieht das Gesicht, nickt über die Schulter in die Richtung, aus der er gekommen ist.
“Da hinten. Cowboy. Was mit mir gemacht.”

Bevor Ethan das näher ausführen kann, sieht die blonde Fremde mit vielsagend angehobenen Augenbrauen zwischen den drei Jägern hin und her. Oh. Stimmt. Er nennt seinen Vornamen und bekommt von der Fremden ein ebenso knappes “Mary Ann” zurück. Alles klar.
“Cowboy?” hakt Emily dann nach, “Was für ein Cowboy? Und was hat er mit dir gemacht?”
Ethan zieht Hemd und T-Shirt hoch. “Velazquez”, erklärt er, “noch drei Jäger. Waren wie Hunde.” Er deutet auf das Brandmal. “Glaub deswegen.”
Aber Ethan glaubt es nicht nur. Er kann es spüren. Von dem eingebrannten Kreis geht etwas aus, versucht, sich in ihm auszubreiten. Noch tastet es nur, sucht Einlass, aber es ist da. Und früher oder später wird es einen Weg finden.
Niels betrachtet das Symbol eingehend, dann nickt er. “Das ist das Zeichen des Hundemeisters der Höllenhunde, eines ziemlich hohen Dämons”, lässt er seine Begleiter wissen. “Man kann es entfernen, aber ein einfacher Exorzismus wird es nicht tun. Dazu braucht es Zeit und einen echten Priester.”
“Wenigstens eine Priesterin haben wir ja”, kontert Lee und nickt in Richtung von Mary Ann.
“Ich führe zwar keine Gemeinde mehr, aber ja, ich bin Priesterin”, bestätigt die.
Autsch. Aber wenigstens ist sie Protestantin; Katholiken haben keine weiblichen Priester. Vielleicht ist das dem Berufsstand als Ganzem gegenüber unfair, die Sache ist nur: Seit seiner Begegnung mit Engeln und seit er weiß, was fanatische Vertreter der Konfession seinem deutschen Freund angetan haben, hat Ethan ein echtes Problem mit dem Katholizismus. Mit organisierter Religion ganz allgemein, aber mit dem Katholizismus besonders. Er hält seine Stimme sorgfältig neutral, auch wenn er nicht verhindern kann, dass sie vielleicht einen ganz kleinen Hauch grimmig klingt. “Ah.”
Aber hinter der stoischen Fassade fällt Ethan ein enormer Stein vom Herzen, als er hört, dass die Frau hoffentlich was gegen das Hundezeichen machen kann. Nur nicht jetzt. Eine Priesterin mögen sie haben, aber Zeit haben sie keine. Und noch ist der Fluch kein echtes Problem. Noch gibt es deutlich Dringenderes zu tun. Hier wegkommen, zum Beispiel.

Die anderen sind alle genauso waffenlos hier aufgewacht wie Ethan selbst auch, erfährt er, sobald sie sich in etwas bessere Deckung zurückgezogen haben und nicht mehr ganz so auf dem Präsentierteller stehen. Mary Ann erzählt etwas von einem untoten Wesen in einer Bärenfalle, das aussah wie einer der Jäger aus Velazquez’ Roadhouse und sie angegriffen habe, Emily gibt sich extrem knapp und sagt nur, sie sei in einer Höhle aufgewacht und dort einem Monster begegnet, und Niels berichtet von Reitern einer seltsamen, irgendwie falsch wirkenden Jagdgesellschaft auf genauso seltsamen Pferden, die zwei Menschen verfolgt und erschossen, Niels selbst aber zum Glück gar nicht bemerkt hätten.
“Fuck”, schimpft Niels, “wir sind hier die Beute, und ich bin quasi nackt.” Er deutet an sich herunter. “Nicht ein einziges Messer!”
“Wir haben alle keine Waffen”, erwidert Lee. “Können wir uns trotzdem verteidigen?” Ihre Stimme klingt nicht zweifelnd, sondern sachlich-neutral, aber ihr Blick ruht vor allem auf der blonden Priesterin bei der Frage.
Ethan sieht sich in der kargen Landschaft um. Deutet auf einen der niedrigen, wenig belaubten Bäume in der Nähe. “Kann dir ‘n Bogen bauen”, schlägt er vor, aber Lee schüttelt mit einem unwilligen Schnauben den Kopf, ohne auf das Angebot weiter einzugehen. Ethan unterdrückt das Knurren, das in ihm aufsteigen will – er hat es doch nur gut gemeint, verdammt, aber okay, zugegeben, an ihren Präzisionsbogen käme so eine primitive Bastelei auch nicht ran – und deutet stattdessen mit einem Schulterzucken auf sein Stuhlbein, bevor er mit einem weiteren Schulterzucken in Richtung Niels nickt. Irgendeinen Knüppel werden sie für den Studenten schon auftreiben.
Aber der Jüngere versteht die Geste falsch.
“Ich kann noch mehr mit meinen Händen als bloß zeichnen”, sagt er mit einem leicht gekränkten Unterton, und Ethan drängt ein weiteres Knurren nach unten. So hat er das nicht gemeint!

Drecksmist. Er hat es sich zwar verbissen, aber in seinem Kopf weiß er genau, wie sich das Knurren angehört hätte, wenn es rausgekommen wäre. Viel zu sehr wie das eines Hundes nämlich. Sie müssen sich beeilen.
“Wir müssen hier weg”, sagt auch Lee jetzt mit einem besorgten Blick zu Ethan hin, als habe sie seine Gedanken gelesen oder als wisse sie, was für ein Geräusch genau er da gerade unterdrückt hat. Wundern würde es ihn nicht: Sie kennt ihn inzwischen besser als so ziemlich jeder andere. “Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Ethan auch zu einem Hund wird.”
Mary Ann sieht sich um. “Wo ist ‚hier’ überhaupt, weiß das jemand?”
“Ich hoffe mal, noch in den Vereinigten Staaten”, antwortet Niels, was Ethan zu einem Kopfschütteln veranlasst. Ganz sicher ist er zwar nicht, aber sicher genug. “Sonora-Wüste. Nord-Mexiko.”
“Aber immerhin noch auf der Erde.”
“Ja.” Puh. Mann. Das wär’s jetzt noch. Aber zum Glück nicht. Oder? Hat er sich vielleicht doch in seiner Einschätzung vertan? Ethan sieht sich noch einmal gründlich um, aber da ist nichts, was an der Umgebung außergewöhnlich wirkt. Nichts, was seine Antennen zucken lässt, wenn er daran zurückdenkt, wie es in dem Höllenhaus war, im Labyrinth oder in Finley O’Finns Privatdimension. “Fühlt sich nicht an wie…” Ethan stockt. Gah. Was bildet er sich ein, hier groß rumzutönen? Was tut er so, als ob er ja ach-so-viel Erfahrung damit hat, wie sich sowas anfühlt, wo doch Lee diejenige war, die mehrere Jahre im Fegefeuer verbringen musste? Als ob man das vergleichen könnte! Ethan sieht seine Freundin absichtlich nicht an, während er nach einer winzigen Pause den Satz beendet: “… Parallelwelt.”

“Kay”, spricht Ethan dann weiter, als ein paar Atemzüge vergangen sind und von den anderen immer noch keiner Anstalten macht, etwas sagen zu wollen, “Kriegsrat?” Denn irgendwas müssen sie machen, und zwar bald. Zumindest ihm selbst läuft die Zeit davon.
“Was sind unsere Optionen?” fragt Mary Ann ruhig. Sie war im Roadhouse, wird sich also mit Kram einigermaßen auskennen, aber trotzdem ist Ethan angenehm überrascht von der älteren Frau.
“Kirche?” schlägt er vor. “Zeichen umdrehen, Dämon wegschicken?”
Er hat keine Ahnung, ob das so funktionieren kann, und vielleicht ist es egoistisch zu hoffen, dass davon auch der Hundefluch verschwinden würde, aber einen Versuch ist es vielleicht wert.
Emily allerdings schüttelt den Kopf. “Wir sollten die Monster eins nach dem anderen aufspüren und einzeln ausschalten”, erklärt sie überzeugt, und Niels nickt zustimmend. “Klassische Guerillataktik. Gute Idee.”
“Dann nehmen wir uns zuerst deine Reiter vor”, plant Lee weiter, “und sobald wir deren Waffen haben, schnappen wir uns das Drecksvieh in der Höhle und danach den Hundemeister.”
“Dagegen”, widerspricht Niels sofort. “Wir sind zwar vielleicht zu viert, aber die sind beritten und haben Gewehre. Das schaffen wir nicht.”
Emily macht ein empörtes Gesicht. “Wie, das schaffen wir nicht? Das sind auch nur Monster!”
“Aber deutlich besser bewaffnete und beweglichere Monster”, kontert Niels, “Das wäre Selbstmord in unserer jetzigen Lage!”
“Quatsch, mit denen werden wir schon fertig.”
“Wie kannst du da so einfach blind reinrennen wollen?”
“Nicht blind. Ich sage nur, mit denen werden wir schon fertig!”
Ethan unterdrückt ein Seufzen. “Sonst Höhle erst?”
Die beiden Streithähne stutzen und sehen erst ihn an, dann wieder einander.
“Okay”, sagt Lee zu Ethans Überraschung ohne weitere Einwände, “dann die Höhle zuerst.”

Höhle heißt dunkel, und dunkel heißt klarer Nachteil gegenüber dem Monster, das ganz sicher kein Licht braucht, wie Emily jetzt nochmal bekräftigt. Also baut Ethan, während Niels sich einen improvisierten Knüppel sucht, ein paar Fackeln für alle, bevor sie sich in die Richtung aufmachen, in der die Höhle liegt.
Unterwegs hält Lee Ethan irgendwann zurück. Aus ihrem Blick und ihrer sorgfältig kontrollierten Stimme spricht die Sorge, die sie um ihn hat. “Geht’s dir gut?”
“Mhmm.”
“Wirklich?”
Er kann sie nicht anlügen. Nicht Lee. Will er aber auch gar nicht. Gerade sie muss wissen, was Sache ist. Beute. Die Frau vor ihm ist Beute. Oder könnte es zumindest sein, wenn er dem leisen Vorschlag in seiner Brust folgen würde. Aber das ist keine Beute. Und das ist nicht einfach eine Frau. Das ist Lee. “Ja. Noch.”
Sie sieht ihn aufmerksam an, widerspricht aber nicht.
“Aufpassen”, bittet Ethan. “Kein Scheiß anstelle. Wenn. Fesseln. Ausknocken. Sowas.” Er zieht die Augenbrauen zusammen und deutet auf seinen Brustkorb. “Ich merk’s da drin. Noch nicht stark, aber… da.”
Emily nickt ernst. “Ich verstehe, was du meinst.” Sie hat noch immer einen Zug von Besorgnis um die Augen, der auch nicht verschwindet, als sie weiterspricht. “Ich passe auf. Aber können wir das Ding nicht einfach ausbrennen, bevor es soweit kommt?”
Ethan wiegt den Kopf und gibt ein nachdenkliches ‘Mhmmm’ von sich. “Wird mich behindern. Noch geht’s. Also abwägen. Wann hilfts mehr, als es hindert.”
“Also warten?”
“Warten”, bekräftigt Ethan. “Richtiger Moment.” Emily nickt wieder, schenkt ihm dann, bevor sie antwortet, ein kleines, aufmunterndes Lächeln, das Ethan dankbar erwidert. “Okay.”

Von weiter vorne kommt Niels zurück, baut sich vor ihnen auf und sagt vorwurfsvoll: “Jetzt ist nicht die Zeit für Geheimnisse!”
Ethan schüttelt den Kopf. “Nein.”
“Was nein?” schießt Niels zurück. “Gerade jetzt ist es immens wichtig, dass wir einander vertrauen und dass jeder alles weiß.”
Ethan seufzt. “Keine Geheimnisse. Emily gebeten, dass sie aufpasst. Falls. Scheiß bau, mein ich. Du auch.”
Einen langen Moment antwortet der Deutsche nicht, sondern sieht Ethan nur an, aber dann nickt er doch. “In Ordnung.”
Auch Mary Ann tritt jetzt wieder zu den anderen Jägern. Sie sieht sich in der Runde um und fragt mit angespannter Stimme: “Gibt es ein Problem?”
Ja, verdammt. Der Hund in Ethan ist jetzt schon lauter, als er es anfangs war, und mit jeder Minute, die vergeht, wird er noch stärker. Sie haben keine Zeit, verdammt! Er wirft der Priesterin einen etwas ungläubigen Blick zu, aber Niels ist derjenige, der ihre Frage beantwortet. “Keine neuen in den letzten zehn Minuten.”

Die Höhle liegt ein Stück erhöht, ihr Eingang ein bisschen versteckt. Zeit für die Fackeln. Ethan hat zwar seine Ausrüstung nicht, aber die gute alte Drill-Methode funktioniert zum Glück auch ohne. Dauert halt bloß, bis der Stock einen Funken schlägt und die Fackeln brennen – zu lange eigentlich. Aber Licht werden sie nun mal brauchen, sonst sind sie da drin völlig aufgeschmissen.
Mit je einer Lichtquelle in der Hand wollen sie gerade in das Dunkel vordringen, da kommt auf einmal eine undeutliche Stimme von drinnen. Ein leiser, undefinierbarer Ruf, der irgendwie bittend klingt.
Mary Ann halt jäh inne, späht in die Dunkelheit. “Josie? Josie, bist du das?”
Sie sieht aus, als wolle sie gleich in die Höhle stürmen, aber Ethan hebt eine Hand, um sie aufzuhalten. “Josie?”
“Meine Schwester. Meine Schwester ist da drinnen!”
“Warum sollte deine Schwester ausgerechnet in einer Höhle in Nord-Mexiko sein?” fragt Niels, während Emily ebenfalls den Kopf schüttelt und sagt: “Das ist nicht deine Schwester da drin. Das ist ein Trick.”
Die Priesterin sieht ihre drei Gefährten unschlüssig an. “Ich weiß ja, dass das eigentlich nicht sein kann. Aber was, wenn sie es eben doch ist?”
“Nicht deine Schwester”, sagt Ethan. “Trick. Nicht reinfallen. Verwundbar. Unvorsichtig.”
“Aber… seid ihr sicher?”
Wieder muss Ethan das Knurren unterdrücken, das in seiner Kehle aufsteigt. Wenn die blonde Priesterin so leichtgläubig ist, dann ist sie auch ein leichtes Opfer. Soll sie sich doch ablenken lassen. Umso leichter, sie zu Boden zu reißen und die Zähne in sie zu schlagen. Nein. Nein, verdammt. Kein Opfer. Verbündete.
Während Ethan den Hund bändigt, baut Emily sich vor der älteren Frau auf.
“Das. Ist. Nicht. Deine. Schwester”, betont die Jägerin entnervt jedes einzelne Wort. Ethan kann das unausgesprochene ‚Jetzt glaub es schon!’ direkt hören.
Aber klar. Lee war ja schon in der Höhle und sagte, sie sei darin einem Monster begegnet. Wenn das mit ihr ähnliche Spielchen angestellt hat, dann weiß sie ganz genau, wovon sie redet. Angezweifelt zu werden, muss sie da besonders wurmen, vor allem, weil dieser Zweifel sie alle in Gefahr bringen kann. Und Zeit haben sie immer noch keine.
Nur dass Mary Ann trotzdem nicht überzeugt ist und es noch einiges an Überredungskunst seitens ihrer drei Gefährten braucht, bis sie zumindest einigermaßen akzeptiert zu haben scheint, dass ihre Schwester nicht da drinnen ist und in Schwierigkeiten steckt.
Jetzt aber. Rein da.

Vielleicht ist Ethan von der Diskussion, die sie eben hatten, doch irgendwie noch abgelenkt. Vielleicht ist es der langsam erstarkende Hund in ihm, der lieber schnüffeln möchte als schauen. Vielleicht spendet die Fackel nicht genug Licht. Oder vielleicht ist er auch einfach nur nachlässig. So oder so jedenfalls kommt Emilys Warnung für Ethan zu spät.
“Ach ja, seid übrigens vorsichtig”, mahnt die Jägerin nämlich, als sie ein Stück weit in die Höhle vorgedrungen sind, “hier ist überall so–”
Mit einem leise schmatzenden Geräusch tritt Ethan in eine halb-nachgiebige Masse, und als er den nächsten Schritt machen will, hängt sein Fuß fest.
“–fieser, klebriger Schleim.”
Ja. Echt jetzt.

Auch Niels und Mary Ann haben dem pappigen Zeug nicht ausweichen können, aber das ist kein Trost. Denn als hätte es nur darauf gewartet, dass jemand in die Falle tappt – und vermutlich hat es genau das sogar getan -, kommt jetzt das Monster in Sicht, das Lee vorhin erwähnt hat.
Das Biest ist definitiv kein Mensch. Es bewegt sich auf allen Vieren, hat eine glatte, beinahe feucht glänzende Haut und lange Arme mit vierfingrigen Pranken und sehr scharfen Klauen, und sein irgendwie fischartiger Kopf samt einem riesigem Maul und nadelspitzen Zähnen ruft in Ethan entfernte Assoziationen an das Alien wach. Nur dass das Alien im Film größtenteils aufrecht geht und einen deutlich längeren Auswuchs hinten am Kopf hat.
Lee reagiert am schnellsten und geht auf das Ungeheuer los, aber das ist noch schneller. Mit einem Satz zieht es sich nach oben an die Höhlendecke zurück und krallt sich dort mit starken Hinterbeinen und seinem kräftigen, beweglichen und zum Greifen fähigen Schwanz fest. Dahinter liegen zwei Leichen in verkrümmter Haltung auf dem Boden – offensichtlich Beute, die vielleicht hier in der Höhle Schutz gesucht hat und dem Monster in die Arme gelaufen ist.
Drecksmist. Keine Beute. Mitjäger aus dem Roadhouse. Keine Beute.

Blitzschnell schwingt die Bestie von der Decke herunter und schnappt nach Niels. Zu Ethans Entsetzen sieht es einen Herzschlag lang so aus, als würde das Monster die Halsschlagader des Studenten erwischen, aber dann graben sich die scharfen Zähne tief in Niels’ Schulter.
Beinahe aus Reflex schlägt der Deutsche mit seinem Stock nach dem Biest und trifft es immerhin so empfindlich am Schädel, dass es seinen Biss löst und sichtlich benommen den Kopf schüttelt. Aber der Biss war offenbar kein Pappenstiel, denn auch Niels sackt mit einem Stöhnen zu Boden.
Mit einer Kraftanstrengung befreit Ethan seinen Fuß aus der zähen Substanz und schiebt sich zwischen seinen deutschen Freund und die Kreatur. Soll das Vieh erstmal an ihm vorbei, bevor es Niels nochmal beißt.
Auch Mary Ann reißt sich jetzt aus der klebrigen Falle los, hat aber anscheinend zum Überwinden des Widerstands zu viel Kraft aufgebracht, denn in dem Moment, in dem sie freikommt, fällt sie mit einem erschrockenen Aufschrei hintenüber. Autsch. Der Aufprall dürfte für mindestens einen blauen Flecken gut gewesen sein. Aber trotzdem: Die Bewegung sah alles andere als stümperhaft aus. Fast so, als hätte die Priesterin irgendein Training in der Richtung genossen.

Emily springt hoch. Bekommt das Vieh um die Schulter zu fassen und reißt es mit sich nach unten. Als es auf dem Höhlenboden aufprallt, kommt aus dem Maul des Ungeheuers die erschreckend menschliche Stimme eines kleinen, beleidigten Mädchens: “Das war jetzt aber gemeiiiin!”
Die Worte – nein, die Stimme, das muss jemand sein, den sie kennt, jede Wette, ihre kleine Schwester vermutlich, die sie so sehr vermisst – lassen Lee zusammenzucken und bringen sie so aus dem Konzept, dass sie erst in allerletzter Sekunde aus dem Weg rollt, als das Monster sich auf sie stürzt.
Jetzt kommt endlich auch Niels aus dem Schleim am Boden frei, aber er sieht aus, als habe das seine letzten Kraftreserven gekostet. Im Fackelschein wirkt sein Gesicht kreidebleich, und kleine Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Das kann nicht nur die Anstrengung gewesen sein; der Biss muss ihn richtig schwer getroffen haben.
Mit seinem improvisierten Knüppel prügelt Ethan auf das Vieh ein, um es von dem Deutschen wegzutreiben, aber der Schlag scheint dem Ungeheuer nicht viel auszumachen. Aber wenigstens ein bisschen, denn das Biest zuckt davon immerhin zurück – das bedeutet nur dummerweise auch, dass Mary Anns Angriff, der nur eine Sekunde später kommt als Ethans, ins Leere geht.

Ein heiserer Ruf von schräg hinten. Niels. “Feuer!”
Guter Plan. Sehr guter Plan. Denn mit seinem Stuhlbein kommt er bei dem Vieh ja nicht sehr weit, wie man gerade gesehen hat.
Lee allerdings scheint den Ruf entweder nicht gehört zu haben oder einfach lieber ihren eigenen Plan zu verfolgen, denn sie wirft den Arm um den Hals des Monsters und drückt zu, will ihm ganz klar die Luft abschneiden. Ethan weiß, wie stark seine Freundin ist, aber nicht einmal mit ihrer beträchtlichen Kraft kann sie die dicke Haut der Kreatur durchdringen und dem Vieh etwas anhaben. “Du bist die blödeste Schwester der ganzen Welt!” beschwert sich das Monster, bevor es mit einer fast beiläufigen Bewegung seine nadelspitzen Zähne in Lees Arm rammt und ihr ein Schmerzensschrei entfährt.
“DRECKSVIEH!” brüllt Ethan, während eine glühende, beinahe unkontrollierbare Wut in ihm hochkocht. Der Hund will rauskommen. Soll er. Gerne sogar. Zerreißen. Zerfetzen. Das Drecksvieh hat Lee wehgetan.

Aber etwas in ihm, der Teil von ihm, an den der Hund noch nicht rankommt, hält ihn zurück. Er kann dem Hund nicht nachgeben. Darf es nicht. Lee und er wissen beide, dass ihnen beiden jederzeit irgendwas passieren kann, und er darf aus Sorge um seine Freundin nicht den Hund gewinnen lassen. Denn dann wäre er derjenige, der ihr wehtut. Er zwingt den Hund wieder nach unten, aber der lauert jetzt näher an der Oberfläche als eben gerade noch, und Ethan knurrt wütend in sich hinein. Aus, verdammt!

Während Ethan mit dem Hund kämpft, schlägt Niels mit seiner Fackel nach der Kreatur. Mary Anns Schlag ins Genick, den die Priesterin dem Biest im gleichen Moment versetzt, juckt ihren Gegner herzlich wenig, aber Niels’ Idee mit dem Feuer scheint genau die richtige gewesen zu sein, denn sein Treffer versetzt dem Monster eine hässliche Brandwunde, und es zuckt mit einem erbosten Zischen zurück.

Mit einem wutentbrannten, wortlosen Schrei, von dem Ethan selbst nicht so genau sagen kann, ob er gegen das Monster oder gegen den Hund in seiner Brust gerichtet ist – beides zu gleichen Teilen vermutlich – rammt Ethan der Bestie seine Fackel ins Auge, und als das Vieh vor Schmerz aufbrüllt, setzt Lee nach und gibt ihm den Rest, indem sie ihm ihre Fackel direkt in den weit aufgerissenen Rachen stopft.
“Au! Au, hör auf, das tut so weh!” weint das Monster, noch immer mit der verstörenden Mädchenstimme von Lees kleiner Schwester. “Mommy, bitte, es tut so weh…” Dann liegt es still.

Ethan zerbeißt einen Fluch zwischen den Zähnen. Drecksmist, wenn das verdammte Vieh so geklungen hätte wie Fiona… Er schüttelt den Gedanken ab und sieht zu Emily. “Dein Arm… Zeig”, fordert er sie auf, aber Lee schüttelt den Kopf. “Sieh nach Niels. Ist schlimmer dran.”
Und tatsächlich. Als Ethan sich zu dem Studenten umdreht, sieht er, dass der sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte und jetzt bleich und schwitzend auf dem Boden der Höhle sitzt.
Ethan geht vor seinem Freund in die Hocke und sieht ihn mit zusammengezogenen Brauen an, bevor er auf Niels’ Schulter deutet. “Zeig”, sagt er wieder, aber der Jüngere reagiert haargenau so wie Lee eben. “Kümmere dich um Emily”, wehrt er ab, “ich komme schon zurecht.”
Denkste. Diese Schweißperlen sind alles andere als normal. Und außerdem ist Lee schon zum Höhleneingang zurück. Will den garantiert gegen unliebsame Überraschungen absichern, solange die anderen noch hier drinnen sind. Und nicht im Weg stehen. “Zeig”, beharrt Ethan mit drängender Stimme, wartet aber Niels’ Reaktion gar nicht ab, sondern schiebt dessen langärmeliges T-Shirt nach oben, um die Wunde zu begutachten. Bei dem Anblick zieht er scharf die Luft ein, denn um die Wunde herum sind unter der Haut schwarze, verästelte Schlieren zu sehen, die sich von Niels‘ Schulter in Richtung Hals hinauf und auch schon ein Stück quer über seinen Brustkorb ziehen. Scheiße, verdammte. “Gift. Aussaugen.”
Aber als Ethan sich vorbeugt, um den Worten die Tat folgen zu lassen, hebt Niels protestierend die Hand und will sein T-Shirt hektisch wieder herunterziehen.
“Lass, dafür haben wir keine Zeit jetzt!”
“Doch Zeit. Muss. Gift.”
“Nein, sieh nach Emily – mir geht es gut!”
Jahaaa. Klar. Und Ethan ist der Kaiser von China.
“Das ist Gift, Mann!”
Mit sich beinahe überschlagender Stimme fleht Niels: “Ethan, lass mich! Emily braucht deine Hil-”
Der Junge ist hysterisch. Ethan versetzt ihm eine kurze, trockene Ohrfeige, nicht mit Wucht, aber so, dass der Deutsche davon hoffentlich zur Besinnung kommt. Und tatsächlich verstummt Niels und sieht Ethan aus großen Augen an.
Du brauchst Hilfe!” formuliert Ethan ausführlich. “Das ist Gift. Und wir haben keine Zeit für Diskussionen!”
Niels beißt die Zähne zusammen. Schließt für einen Moment die Augen und scheint dann zu einem Entschluss zu kommen, denn er knirscht widerwillig: “Dann brenn es aus.”
Ethan blinzelt. “Was?”
“Das Gift”, sagt Niels und nickt mit dem Kinn zu Ethans Fackel, “brenn es aus!”
Oh. Da hat er gehörig auf dem Schlauch gestanden. “Schlechter Plan.”
“Doch. Du hast doch selbst gesagt, wir haben keine Zeit!”
Mag sein, aber es ist trotzdem ein Scheißplan. Wenn sie Pech haben, haut das den Deutschen aus den Socken, und sie müssen ihn tragen. Aber wenn sie gar nichts machen, dann haut ihn das Gift aus den Socken, und er stirbt daran. Und dass Ethan ihm das Gift aussaugt, will Niels ja ums Verrecken nicht – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, der elende Sturkopf! Aber sie haben wirklich keine Zeit.
“Sicher?” erkundigt er sich ein letztes Mal und erwidert die Geste grimmig, als Niels nickt. Na gut, verdammt.

Mary Ann, die dem Wortwechsel aufmerksam gefolgt ist, hält dem Studenten ein Holzstück hin. Für einen Moment starrt Niels nur fragend darauf, und Ethan spürt, wie die Ungeduld in ihm hochkocht. Der Hund will mit nach oben, aber mit einer gewissen Anstrengung schickt Ethan ihn ein Stück weg. “Draufbeißen”, knurrt er rau. Niels sieht aus, als wolle er schon wieder protestieren, garantiert irgendwas Heldenhaftes, dass er das nicht braucht oder dass er auch ohne zurechtkommen wird oder irgendwie sowas, aber jetzt hat Ethan die Faxen endgültig dicke. “Mach schon!”
Und tatsächlich treibt es Niels die Tränen in die Augen und die Zähne in den Stock, als Ethan seine Fackel in die Wunde drückt. Gut, dass Mary Ann während der Prozedur die Hand des jüngeren Jägers hält.
Niels kippt nicht aus den Socken. Aber er ist wenn möglich noch bleicher im Gesicht als vorher, und er wirkt reichlich zittrig auf den Beinen. “Stützen?” fragt Ethan, aber Niels schüttelt abwehrend den Kopf und macht sich schwankend auf den Weg Richtung Höhlenausgang. Ethan gefällt das ganz und gar nicht – der Junge braucht immer noch einen Arzt, und zwar so schnell es geht. Aber er lässt ihn ungestützt gehen, das scheint für Niels’ Selbstwertgefühl gerade wichtig.

Von draußen sieht Lee, die sich inzwischen selbst auch notdürftig verarztet hat, ihnen schon entgegen. Die Ungeduld in ihren Augen verbirgt sie geschickt, aber Ethan kennt seine Freundin inzwischen gut genug, dass er das ‘habt ihr’s endlich?’ so deutlich darin lesen kann, als hätte sie die Worte laut ausgesprochen.
“Was jetzt?” will sie stattdessen von ihren Gefährten wissen, worauf im ersten Augenblick keiner eine Antwort liefert.
“Vielleicht”, setzt Mary Ann schließlich mit einem zögernden Blick in die Runde an, “vielleicht sollten wir die Sache auf sich beruhen lassen und jemand, ähm, jemand Fähigeren hinzuziehen?”
“Wir wissen durchaus, mit was wir uns hier anlegen”, schnaubt Lee, und auch Ethan fühlt sich in seiner Jägerehre getroffen. “Weile dabei”, brummt er verstimmt. “Schon Ahnung.”
“Und überhaupt”, fügt Niels hinzu, “wo wollen Sie mitten in der Wüste von Mexiko auf die Schnelle Hilfe herbekommen?”

Ja, der Spruch hat Ethan in seiner Jägerehre getroffen. Aber auch wenn das mit den ‘fähigeren’ Leuten Quark ist, so ganz unrecht hat die Priesterin trotzdem nicht. “Keine Waffen”, gibt er zu bedenken, sieht dann vielsagend zu Lee und Niels, “und verletzt. Können wenig machen. Müssen weg hier.”
“Bist du wahnsinnig?” fährt Niels auf, während auch Lee Ethan mit einem finsteren Blick bedenkt, “Und unsere Ausrüstung sollen wir einfach vergessen? Kommt nicht in Frage. Ich gehe nicht, bevor ich nicht meinen Kram wieder habe! Das sind Erbstücke! Die lasse ich nicht hier!”
Ethan funkelt seinen deutschen Freund genauso aufgebracht an wie umgekehrt und unterdrückt nur mit ziemlicher Mühe ein Zähnefletschen. Was bildet der sich eigentlich ein? Denkt er etwa, es täte Ethan um Emilys teuren Bogen nicht leid? Und denkt er etwa, Sheriff Simons Revolver ist für Ethan kein unschätzbar wertvolles Erbstück, das er eigentlich um nichts in der Welt verlieren möchte? Aber es geht nun mal nicht anders, verdammt!
“Waffen: Kann man ersetzen”, hält Ethan dem Studenten entgegen, “Leben nicht.”
Für einen Moment sieht Niels aus, als wolle er sich doch nochmal auf die Hinterbeine stellen, aber dann nickt er unglücklich. “Du hast ja recht.”

Okay. Also weg hier. Nur wie? Sie sind immer noch mitten in der Wüste. Aber warte. Ethan ist in dieser Hütte zu sich gekommen. Da haben sie ihn hingeschleppt. Und Lee, Niels und Mary Ann sind alle auch in nicht so großer Entfernung von da aufgewacht, wenn Ethan das richtig verstanden hat. Und Inda Velazquez und die anderen Jäger. Sie alle müssen irgendwie hergebracht worden sein. Wenn sie Pech haben, mit einem Flugzeug, das längst wieder weg ist. Aber wahrscheinlicher ist mit einem Truck oder so. Okay, wenn sie Pech haben, ist auch ein Landfahrzeug nicht mehr da. Aber versuchen müssen sie es.

Der Platz vor der Kirche liegt verlassen. Auch in der Kirche selbst ist niemand… bis auf die Leichen. Sie – alles Jäger aus dem Roadhouse – sind auf unterschiedliche Art zu Tode gekommen: Einige paar davon sind ganz offensichtlich von den menschlichen Hunden zerfleischt worden, zwei andere haben keine erkennbaren Verletzungen.
Eigentlich müssten sie die Toten begraben, aber sie haben immer noch keine Zeit, und Schaufeln oder sonst irgendwas, mit dem sie Gräber ausheben können, haben sie auch nicht.
Also raus hier. Transportmittel.

Sie werden tatsächlich fündig. Ein Stück abseits der entweihten Kirche steht zwischen zwei Hügeln und mit einer Plane getarnt ein alter Transporter: Das dürfte wohl der gewesen sein, mit dem sie bewusstlos hier angekarrt worden sind. Aber sie finden nicht nur ein Transportmittel. Ihre Anwesenheit lockt auch ein paar weitere Überlebende ins Freie, die es auch geschafft haben, den Monstern irgendwie zu entgehen. Unverletzt ist keiner von ihnen, aber es ist auch keiner besessen oder untot wie der Jäger, dem Mary Ann begegnet ist. Klar, behaupten lassen würde sich viel, aber Niels hat seine Bibel noch – vermutlich weil die Monster, von denen sie entführt wurden, die schlicht nicht anfassen konnten -, und keiner der Fremden weigert sich, die Hand darauf zu legen und ein kurzes Gebet zu sprechen.
Als sie die anderen Jäger soweit überprüft haben, geht Ethan sich den Transporter ansehen – und zerbeißt einen Fluch zwischen den Zähnen. Natürlich steckt der Schlüssel nicht, und ihre Gegner waren auch nicht so blöd, ihn unter die Sonnenblende zu klemmen. Also muss Ethan die Karre kurzschließen. War ja klar.

Es dauert zu lange. Ethan ist noch mit den Drähten beschäftigt, da durchbricht mit einem Mal der Klang eines Jagdhorns die Stille der Wüste. Alarmiert sieht Ethan auf. Von da, wo der Ton herkam, nähern sich zwei Reiter. Das muss die Jagdgesellschaft sein, von der Niels gesprochen hat, und jetzt versteht Ethan auch, was der Deutsche vorhin mit ‘falsch’ meinte. Die Reiter haben keine Gesichter, sondern tragen weiße Masken mit einem aufgemalten Lächeln und Schlitzen für die Augen, aber irgendwie keine Augen darunter. Auf den ersten Blick sieht ihre Kleidung so aus wie die einer typisch englischen Jagdgesellschaft, aber eben nur auf den ersten Blick – bei näherem Hinsehen wird klar, dass die Kleider wie abgekupfert wirken, als hätte jemand nur aufgrund einer Beschreibung die Sachen angefertigt. Oder herbeigezaubert – irgendwie will Ethan der Gedanke an Feen nicht aus dem Kopf. Mit den Gewehren ist es genau dasselbe: Niels hat vorhin gesagt, die Reiter hätten damit jemanden erschossen, also müssen sie funktionieren, aber die Dinger sehen aus, wie sich jemand ein Gewehr vorstellt, der immer nur davon gehört, aber noch nie eines gesehen hat. Und ihre Pferde… irgendwie stimmen deren Körpermaße nicht. Die Beine zu lang, die Bewegungen zu fremdartig, und als eines der Tiere wiehert, klingt das irgendwie falsch, ganz zu schweigen davon, dass sein Maul sich dabei bis zu den Ohren öffnet und sich nadelspitze Fänge darin befinden.

Aber es sind nicht nur die Reiter. So, wie der Brandkreis auf seiner Brust mit einem Mal in einem höllischen Stechen auflodert, weiß Ethan es schon, bevor er ihn sieht. Der Hundemeister ist auch da, und er hat Inda Velazquez und den Rest der Meute bei sich. In diesem Moment erwacht der Transporter zum Leben, und Ethan lässt den Motor aufheulen. Einmal, um seinen Begleitern zu signalisieren, dass sie loskönnen, aber vor allem, um mit dem Geräusch das aufgeregte Bellen und Hecheln des Hundes in seinem Inneren zu übertönen.
Einer der beiden Reiter lenkt sein Pferd näher. “Das ist aber gar nicht nett, sich ohne Abschied aus dem Staub zu machen”, erklärt er mit einem englischen Akzent, der ungefähr genauso affektiert und genauso unecht klingt wie der von Marlon Brando in Meuterei auf der Bounty, und stößt, während der andere Reiter strafend mit dem Zeigefinger wackelt, ein weiteres Mal in sein Horn.
Die Tür der alten Kirche fliegt auf. Heraus kommt eine Gestalt, die sie vorhin da drin gesehen haben: eine der beiden Leichen, die keine Verletzungen hatten. Mit steifen, ungelenken Bewegungen fängt der Untote an, auf den Lastwagen zuzulaufen, aber so richtig langsam ist er dabei trotzdem nicht.
Im selben Moment, als das Horn ertönt, gibt der Hundemeister ein scharfes Kommando und lässt die Ketten fahren, an denen er seine Tiere führt, und die vier Hunde hetzen ebenfalls los.

Mit einem Aufbrüllen brandet der Hund in Ethan nach oben. Erfüllt jeden Winkel seines Selbst. Das Horn hat zur Jagd gerufen, sein Herr hat ihm einen Befehl gegeben, und er muss, er will, ihm folgen – es gibt nichts auf dieser Welt, was er mehr will. Sich auf die Gestalten draußen vor dem Fahrdings stürzen. Die Zähne in sie schlagen. Reißen. Zerfetzen. Und dann mit der Meute rennen. In glorreicher Verbundenheit mit seiner Meute rennen, bis ihr Herr sie zurückruft, und sich das verdiente Lob von ihm abholen. Einfach nur Hund sein. Ja. Jetzt.

Knurrend springt er aus dem Fahrdings. Das Weibchen mit dem hellen Fell riecht unverletzt. Gute Beute. Und vor allem: An dem Weibchen mit dem schwarzen Fell ist irgendwas dran, das ihn zurückhält. Vielleicht das Blut an ihrem Arm. Oder vielleicht der Geruch, der von ihr ausgeht. Irgendwie ist der vertraut.
Er hat gerade den ersten Satz getan, mit dem er auf Gelbhaar zustürmen will, da hebt Gelbhaar die Hände und ruft laut etwas.
Er prallt zurück. Die Worte schmerzen wie flüssiges Feuer, und er kann nicht… kann nicht weiter…
Die Worte schmerzen wie flüssiges Feuer, aber sie drängen den Hund nach unten. Ethan schüttelt sich. Scheiße, verdammte, war er eben wirklich drauf und dran, sich auf Mary Ann zu stürzen?
Die Priesterin deklamiert noch immer das Vaterunser, und ihr Gebet hat auf die vollständig verwandelten Hunde demselben Effekt wie auf Ethan, oder sogar einen noch stärkeren. Sie jaulen auf und weichen zurück, können nicht näher an den Lastwagen heran. Der Hundemeister allerdings ist zu weit weg – und vermutlich auch einfach viel zu mächtig -, als dass das Gebet ihn in irgendeiner Form behindern würde.
Lee hat den rechten Außenspiegel des Transporters abgerissen und blendet damit die Reittiere der Feen – oder was auch immer das für Wesen sind. Die falschen Pferde scheuen und steigen auf die Hinterbeine, so dass ihre Reiter sie erst wieder unter Kontrolle bringen müssen, und das wiederum gibt den Jägern den Vorsprung, den sie brauchen.
“Los, los, einsteigen!” herrscht Niels die fünf fremden Überlebenden an, und in diesem Moment wirkt sein deutscher Akzent um einiges härter und ausgeprägter als sonst. “Schneller!”
Mit einer schroffen Handbewegung scheucht der Student die Fremden in den Truck, aber dann taumelt er und muss sich an der Seitenwand des Transporters abstützen. Kreidebleich macht er einige schwankende Schritte, bevor er heiser sagt: “Ethan. Bring mich nach Hause.” Und dann umkippt wie ein gefällter Baum.

Drecksmist, elender. Irgendwie bekommt Ethan seinen deutschen Freund in den Transporter gehievt, während Lee weiterhin mit ihrem Spiegel die Pferde in Schach hält und Mary Ann ihr Vaterunser zuende spricht, bevor auch die beiden Frauen in den Wagen springen und Ethan schon aufs Gas tritt, während er noch die Fahrertür zuzieht.
Oder besser: zuziehen will. Der Untote aus der Kirche ist von Mary Anns Gebet kein Stück aufgehalten worden und hat jetzt den Lastwagen erreicht. Mit einer Hand krallt er sich an der Tür fest, während er mit der anderen nach Ethan schnappt und sich ins Innere des Führerhauses ziehen will.
Oh nein. Der bleibt draußen. Mit einem wortlosen, wütenden Ausruf und einer angestrengten Grimasse, weil er deswegen trotzdem nicht vom Gas gehen darf und den Laster halbwegs auf Kurs halten muss, schlägt Ethan mehrere Male mit heftigen Rucken die Tür auf und zu, bis er die verdammte Leiche endlich abgeschüttelt hat. Inzwischen fahren sie endlich so schnell, dass weder der lebende Tote noch die Reiter noch die Hunde eine Chance haben, aufzuholen.
Weg. Nur weg hier.

Es dauert etliche Meilen, aber schließlich finden sie eine richtige Straße, und irgendwann erkennt einer der überlebenden Jäger, der hier aus Nord-Mexiko stammt, die Gegend wieder. Dieser Ramón García lotst Ethan in eine nah gelegene Stadt, wo er einen Arzt kennt, der keine Fragen stellt.
“Du auch”, sagt Ethan drängend zu Emily, als sie Niels und die fremden Jäger in der ambulanten Klinik abgeliefert haben. Mit Lees Armwunde ist nämlich auch kein Stück zu spaßen.
“Erst dein Fluch”, widerspricht sie mit einem Kopfschütteln, was ihn unter zusammengezogenen Augenbrauen einen grimmigen Blick in ihre Richtung werfen und ebenfalls den Kopf schütteln lässt. “Dauert zu lang.”

Ethans Blick fällt auf Emilys Kehle und bleibt darauf haften. Verwundbare Stelle. Ideal zum Zubeißen. Nein. Scheiße, verdammte.
Bis hierher war Ethan mit Fahren und mit der Sorge um seinen deutschen Freund beschäftigt, aber jetzt merkt er, wie stark der Hund in den letzten Stunden geworden ist. Nicht so übermächtig wie mit dem Befehl des Hundemeisters, aber er sitzt inzwischen richtig nah an der Oberfläche. Lauert nicht mehr, sondern greift offen an, und er ist verdammt stark. Zubeißen. Zerfetzen. Das Blut schmecken und sich daran ergötzen, wie das Leben langsam aus der Wunde herauspulsiert.
Nein. Nein. Das ist Lee. Nicht Lee. Nicht Lee, und auch sonst niemand. Aber vor allem nicht Lee.
Sich zu wehren, kostet inzwischen alle Kraft, die Ethan aufbringen kann. Nicht mehr so lange, und es wird keinen Befehl des Hundemeisters mehr brauchen.
“Muss weg”, sagt er rau.
“Was meinst du mit ‘weg’?”
Unwillig macht er eine Kopfbewegung Richtung Stadtgrenze. “Weg halt. Nicht sicher. Raus aus der Stadt, bis…”
Er spricht den Satz nicht zuende. Sieht statt dessen in einer stummen Frage zu Mary Ann. Ja, die Priesterin hat gesagt, sie kennt einen Weg. Aber wie der auch genau aussehen mag, sowas geht nie mit einem Fingerschnippen. Er muss in sichere Entfernung, denn wer weiß, ob die Zeit überhaupt reicht, bevor–
Bevor der Hund gewinnt.

“Nein”, antwortet Lee, “da draußen verwandelst du dich vielleicht. Das lass ich nicht zu.”
“Zu gefährlich. Fall euch vielleicht an.” Fall dich an. Aber das spricht er nicht aus.
Emilys Stimme wird heftiger. “Vergiss es. Vergiss es einfach! Mary Ann kriegt das hin.”
Mary Ann wirft einen sehr aufmerksamen Blick zwischen den beiden hin und her und nickt dann. “Ich führe das Ritual gerne durch, aber das erfordert einige Komponenten. Ein bisschen Zeit werde ich brauchen. Versprechen Sie mir, dass Sie solange durchhalten.”
Heh. Als ob das so einfach wäre. Aber muss irgendwie. Einen einigermaßen abgesteckten Zeitrahmen zu haben, macht die Sache hoffentlich ein bisschen leichter.
“Kay”, murmelt Ethan. “Tu was ich kann.” Dann sieht er zu Emily, ruckt leicht mit dem Kinn zu der Klinik hin und fragt: “Gehst du jetzt zum Arzt?”
“Erst, wenn du den Fluch los bist.”
“Gleich. Versorgen. Schnell wie möglich.”
“Ich lass mich garantiert nicht lahmlegen, solange du das Mal noch hast!”
“Dreck, Lee, die erste Hilfe reicht nicht!” Versteht sie denn nicht, dass das verdammte Mistvieh ihr zwar vielleicht kein Gift in die Wunde gepumpt hat wie bei Niels, aber dass da Sehnen gerissen sein können und die Stelle sich entzünden kann und wer weiß was noch alles?
Nein. Versteht sie nicht. Oder zumindest stellt sie auf Durchzug. Egal, was Ethan sagt, Lee weigert sich, zum Arzt zu gehen, bevor Mary Ann ihn nicht von dem Fluch befreit hat. Bei aller Mühe schafft er es nicht, sie umzustimmen, aber am Ende einigen sie sich wenigstens auf den Kompromiss, sich gleichzeitig behandeln zu lassen. Gefällt Ethan gar nicht, aber ist jetzt so. Drecksmist.
Mary Ann hat ja eben schon so wachsam geschaut. Diese Diskussion jetzt hat sie wenn möglich noch interessierter verfolgt – Ethan frisst einen Besen, wenn ihr dabei nicht aufgegangen ist, dass Lee und ihn so viel mehr verbindet als nur Jäger-Kameradschaft. Zumindest kommt es ihm so vor, als habe die Geistliche ein leises Lächeln auf den Lippen, als sie sich verabschiedet, um die Sachen für das Ritual zu besorgen. Aber kann er jetzt auch nicht ändern, wenn sie das mitbekommen hat.

Ethan gibt es nicht gerne zu, aber dass Lee bei ihm bleibt, bis Mary Ann mit ihren Vorbereitungen soweit ist, hilft ihm tatsächlich. So sehr er seine Freundin schon früher beim Arzt wissen wollte: Solange sie da ist, fällt es Ethan leichter, den Hund im Griff zu behalten, denn der Gedanke, dass er die Kontrolle verlieren und ihr etwas antun könnte, reißt ihn in der Zeit, während der sie auf die Priesterin warten, noch mehr als einmal vom Abgrund zurück.
Trotzdem wird es langsam eng. Mary Ann will die Sache in der einen protestantischen Kirche des Ortes durchziehen, und dass er da reingehen soll, passt dem Hund ganz und gar nicht. Ethan verspürt einen bodenlosen, geradezu körperlichen Widerwillen dagegen, den heiligen Ort zu betreten, und als er sich unter Aufbietung all seiner Kraft und mit der Hilfe von Mary Ann, die ihn im wahrsten Sinne des Wortes über die Schwelle schubst, doch dazu zwingt, brennt das Mal ihm beinahe den Brustkorb weg. Aber wenigstens ist der verdammte Hund da drinnen… gedämpft. Er rennt nicht mehr mit aller Macht gegen Ethans wackelnde Barrikaden an, und Ethan kann die Gebete und den Weihrauch und den ganzen Rest über sich ergehen lassen, ohne befürchten zu müssen, gleich seine Heilerin anzugreifen. Er kann sogar aktiv mitbeten, als die Priesterin ihn dazu auffordert, und Ethans Problem mit Religion hin oder her, dieses Gebet kommt von Herzen. Mit dem “Amen” verschwindet der Hund, löst sich vollständig auf, und nur die gerötete Stelle auf Ethans Brust und die lebhafte Erinnerung daran, wie es war, den permanenten Angriffen ausgesetzt zu sein, zeugen noch davon, wie nah er der Verwandlung und Übernahme gekommen ist. Sein “Danke” mag vielleicht einfach klingen, aber es kommt genauso aus tiefstem Herzen wie sein Gebet vorher, und Mary Anns wissendes Nicken zeigt, dass sie das sehr wohl erkannt hat.

Außer einem “Danke” bekommt die Geistliche von Ethan auch seine Kontaktdaten und die Aufforderung, sich jederzeit bei ihm zu melden, wenn sie etwas braucht. Sie lächelt, gibt ihm ihre Adresse auch und erklärt, sie habe zwar nicht viel praktische Erfahrung, weil sie noch gar nicht so oft mit dem Übernatürlichen in Berührung gekommen sei, aber andersherum gelte das natürlich genauso.
Oh Mann. Die praktische Erfahrung mit dem Austreiben von dämonischen Einflüssen war für den Anfang schon völlig prima, herzlichen Dank.

In der Zwischenzeit war Lee beim Arzt, wie sie es versprochen hat. Sie soll Antibiotika nehmen, was sie erst genausowenig will wie sich überhaupt behandeln zu lassen, aber mit einiger Mühe und um den Preis zusammengepresster Lippen und eines sehr knappen Nickens bekommt Ethan sie dann doch dazu.

Als Ethan gegen Abend in der ambulanten Klinik nachfragen geht, erfährt er, dass Niels gesund werden und die volle Verwendung seines Arms behalten wird, Himmel sei Dank. Vor einigen Stunden war er kurz bei Bewusstsein, schläft jetzt normal und sollte eigentlich demnächst wieder aufwachen. Also geht Ethan erst mit Ramón García reden – dem mexikanischen Jäger und den anderen Überlebenden geht es einigermaßen, und sie werden sich auch alle erholen, zum Glück – und bezieht danach wieder in Niels’ Zimmer Stellung.
Tatsächlich macht der Deutsche eine Weile später die Augen auf.
“Hey”, sagt Ethan. “Wach?”
Niels dreht sich zu ihm. “Ethan? Geht es dir gut? Ist… ist das Ding weg?”
Ethan nickt. “Ist. Mary Ann: Ritual. Ganz weg.” Besorgt sieht er seinen deutschen Freund an. “Schmerzen?”
“Nur, wenn ich lache.” Niels schweigt einen Moment, dann sagt er: “Ethan, es tut mir leid, dass ich in der Höhle so stur war. Ich…” Er zögert wieder, fährt dann aber doch fort. “Ich dachte, es geht auch so. Keine Ahnung… ich wollte den starken Mann markieren oder sowas. Und ich dachte, deine Methode dauert zu lange… Jedenfalls: Es tut mir leid.” Betreten sieht er auf die Bettdecke.
Ethan fällt Niels’ Geständnis von Weihnachten vor einem Jahr ein, dass der Deutsche mal eine Weile in ihn verliebt gewesen sei. Hm. Das hat vielleicht auch ein bisschen mit hineingespielt. Wahrscheinlich sogar. Aber das ist garantiert nichts, das Ethan ansprechen wird. Die Situation ist seinem besten Freund auch so peinlich genug. “Schon gut”, brummt er statt dessen. “Werd gesund, kay?”

Die Nacht müssen Niels und die anderen Jäger noch in der ambulanten Klinik verbringen, aber am nächsten Tag werden sie freundlich, aber einigermaßen bestimmt, vor die Tür gesetzt. Ramón García mag zwar bei dem Arzt ein gutes Wort eingelegt und ermöglicht haben, dass den Verletzten die Behandlung vorgestreckt wurde, weil sie nach ihrer Entführung ja alle ohne einen Cent in der Tasche aufgewacht sind, aber unbegrenzt reicht dessen Vertrauen darin, dass er sein Geld bekommen wird, wohl doch nicht.

Auf dem Rückweg nach Arizona reden sie nicht sonderlich viel, weil Niels und die fremden Jäger immer noch nicht wirklich fit sind und Lee Ethan ihre Verärgerung über den aufgezwungenen Arztbesuch mehr als deutlich spüren lässt, aber eines muss er doch ansprechen.
“USA: Geld beschaffen. Neu ausrüsten. Dann zurück. Zeichen von Kirche. Und Tote bestatten. Können die nicht einfach liegen lassen.”

Am Roadhouse ‘La Santísima Muerte’ angekommen, traut Ethan seinen Augen kaum. Denn da, zusammen mit all den anderen Autos, die am Abend der Entführung vor dem Roadhouse parkten, steht tatsächlich der D21. Der D21 und ihre gesamte Ausrüstung. Sheriff Simons Revolver. Niels’ Pistole und Schrotflinte. Emilys Bogen. Ihre Geldbörsen und Papiere. Die Handys. Und eine kleine, handgeschriebene Karte im Türrahmen: “Herzlichen Glückwunsch zum Überleben”.
Elender Drecksmist. Dass eine solche Karte nicht nur an Ethans Nissan, sondern auch an Mary Anns kompaktem Ford und an den Wagen der fremden Jäger steckt, also nur an den Autos derjenigen, die auch wirklich überlebt haben, sagt ihnen eines: Was auch immer für ein krankes Monsterhirn hinter dieser ganzen Sache steckt, weiß ganz genau, wer alles entkommen ist und was für Autos diejenigen fahren. Ganz unwillkürlich sieht Ethan sich um. Dass irgendwo da draußen ein Monster weiß, wer er ist, jagt ihm einen verdammten Schauder über den Rücken.
Während Niels die Glückwunschkarte einsteckt und Ethan sich erst einmal eine lang entbehrte Zigarette anzündet, hievt Lee den Reservekanister von der Ladefläche des D21. Damit marschiert sie wortlos zum Gebäude hinüber und verschwindet darin. Ein paar Minuten später kommt sie wieder heraus und schnippt ein Streichholz nach hinten über die Schwelle, und gleich darauf ist von drinnen ein helles Flackern zu sehen, das in Windeseile auf das ganze Gebäude übergreift.
“Wir können fahren”, sagt Emily mit einem finsteren Blick in die Runde, als wolle sie die anderen herausfordern, ihre Aktion zu kritisieren. Aber niemand sagt etwas, und zumindest Ethan kann es ihr kein Stück verdenken, dass sie das Roadhouse angezündet hat. Denn irgendwie muss die Monsterbande sich ja in den Laden eingeschlichen haben, um den ganzen Schwung Jäger dort auf einmal auszuknocken, obwohl der garantiert wie alle Roadhouses heftige Schutzvorkehrungen hatte. Ob sie von einem normalen Menschen unterstützt wurden? Ob Inda Velazquez irgendwie anders beeinflusst war, bevor sie zum Hund mutierte? Oder ob die Mistkerle die Schutzmaßnahmen irgendwie umgehen konnten? So oder so, irgendwie müssen die das gedreht haben, und es wird vermutlich ziemlich lange dauern, bis Ethan wieder ohne Misstrauen – oder zumindest ohne Misstrauen, das über die bei ihm übliche Wachsamkeit hinausgeht – ein Roadhouse betreten wird.
Also ja: Das Gebäude hat mit dem, was ihnen in Mexiko passiert ist, zwar eigentlich nichts zu tun, und die Monster, die sie entführt haben, hätten es sich wohl kaum als neues Hauptquartier eingerichtet, aber das ‚La Santísima Muerte’ brennen zu sehen, fühlt sich seltsam befriedigend an.

Die Fahrt zurück nach Mexiko vergeht ähnlich schweigsam wie die nach Phoenix, weil Niels den größten Teil der mehrstündigen Fahrt schläft und Lee immer noch sauer ist. Sie fahren Kolonne, nehmen aber denselben undokumentierten Grenzübergang wie in die andere Richtung auch schon, nur für den Fall.
An der Kirche sind sie extra vorsichtig, sichern mit schussbereiten Waffen wachsam in alle Richtungen. Aber die Luft ist rein, von ihren Entführern weit und breit nichts zu sehen. Aber klar, die werden sich vielleicht auch gedacht haben, dass ihre Opfer gesammelt nochmal hier aufschlagen, wenn sie sich neu ausgerüstet haben und keine so leichte Beute mehr sind.
Trotzdem bleiben die Jäger auf der Hut, als sie die entweihte Kirche betreten, während zwei ihrer neuen Bekannten vor dem Gebäude aufpassen.

Drinnen bleibt Ramón García, der vorausgegangen ist, so abrupt stehen, dass Ethan fast in ihn hineinprallt. “¡Madre de Dios!” flucht der Mexikaner, und auch Ethan verbeißt sich einen angewiderten Ausruf. Er hatte damit gerechnet, dass hier nichts groß anders sein würde, dass die Leichen der getöteten Jäger immer noch achtlos hingeworfen im Raum herumliegen würden. Aber in der Zwischenzeit hat hier wer aufgeräumt. Wobei. ‚Aufgeräumt’ ist das falsche Wort: Irgendwer hat die Toten zu vier Stapeln unterschiedlicher Größe zusammengetragen. Innerhalb der Stapel sind bei den Körpern gewisse Gemeinsamkeiten festzustellen, und Ethan kommt es so vor, als lasse sich an den Verletzungen einigermaßen erkennen, welcher Teil der Monster welche Gruppe auf dem Gewissen hat. Die Toten mit den Bisswunden, die zum Teil angefressen aussehen und zum Teil Anzeichen einer Vergiftung aufweisen, sind vermutlich von dem Viech in der Höhle umgebracht worden, und da, wo die Opfer von stumpfen Zähnen zerfleischt wurden, waren garantiert – Ethan schüttelt sich unwillkürlich – die menschlichen Hunde am Werk.
Die anderen beiden Verursacher sind nicht ganz so leicht zu bestimmen. Da ist ein Haufen, bei dem die Leichname auf ganz unterschiedliche Art und Weise zu Tode gekommen zu sein scheinen: einige davon erschlagen, andere erwürgt, und die meisten davon ansonsten größtenteils unversehrt. Das könnten die Untoten gewesen sein, von denen zuletzt einer aus der Kirche kam und von denen Mary Ann anfangs einem begegnet ist, aber sicher ist Ethan sich da nicht. Und bei der vierten Gruppe von Toten steht er anfangs gänzlich auf dem Schlauch, was für eine Art von Monster da dahinterstecken könnte. Auf den ersten Blick wirkt es, als seien diese Jäger von Gewehrkugeln getroffen worden, aber bei näherem Hinsehen sehen die Wunden dann doch eher so aus, als habe sich etwas in die Opfer gebohrt. Als habe sich etwas in sie hineingefressen. Und zu allem Überfluss sind in diese Körper auch noch Zahlen gefräst worden: ganz so, als hätten die zugehörigen Monster ohne dieses Hilfsmittel nicht feststellen können, wieviele Jäger sie denn nun eigentlich erlegt haben.

Drecksmist, elender. Die haben einen verdammten Wettbewerb abgehalten, wer von ihnen die meiste Beute zur Strecke bringt.
Ob diese Fraßtunnel von Würmern oder etwas in der Art verursacht worden sind? Die wären nicht schlau genug, ihre Beute zu zählen…
Dann ist nur eines seltsam. Die zwei Reiter haben Niels zufolge ja auch mindestens zwei Menschen erschossen, und für die gibt es hier keinen eigenen Haufen. Wobei. Warte. Die Waffen der Reiter sahen ja nur so aus, wie jemand, der irgendwann mal ein Gewehr beschrieben bekommen hat, sich ungefähr eines vorstellen würde. Was, wenn diese Gewehre keine Kugeln, sondern Würmer verschossen und die sich dann in ihre Opfer reingefressen haben? Weil der Konstrukteur dieser Waffen nicht nur das Konzept von Gewehren an sich, sondern auch das Konzept ihrer Munition nicht kannte und beschrieben bekommen musste?
Für einen Moment läuft vor Ethans innerem Auge eine Sequenz wie aus einem Fantasy-Film ab, von zwei Personen, die sich in einer klar unirdischen, entweder höllen- oder feenartigen, Kulisse unterhalten. Ein bisschen wie in Hellboy 2 vielleicht.
“Guns, you call them? Interesting. You point them at the target, pull the trigger, and then… they fire something at your prey?”
“Quite so, my lord.”
“Interesting. And what exactly is it that they fire?”
“Slugs, my lord.”

Scheiße, das könnte echt sein. Dass da wer das Wort ‘Slugs’ gehört und sich beim Bau der Waffen an der falschen Bedeutung des Begriffs orientiert hat. Nur warum dann Zahlen in die Leichen fräsen? Eigentlich haben die Reiter intelligent genug gewirkt, um auch ohne zu zählen. Hm. Vielleicht haben sie einfach keinen Begriff davon, was ‘Zahlen’ sind? Unwahrscheinlich. Aber egal jetzt. Hilft auch nichts, wenn er sich stundenlang über das ‘warum’ den Kopf zerbricht und sich sinnlos im Kreis dreht, ohne auf eine Lösung zu kommen.

“Wer tut so etwas?” fragt Mary Ann in Ethans Gedanken hinein. “Ich meine, wer steckt dahinter? Wer plant und veranstaltet so… so ein Turnier? Der Hundemeister?”
Ethan runzelt die Stirn. Der Hundemeister war ja nur einer von vier Teilnehmern an der Aktion. Klar steht nirgendwo geschrieben, dass nicht auch der Organisator selbst bei sowas mitmachen kann, aber irgendwie sagt sein Bauchgefühl, dass das hier nicht so war.
Niels teilt seine Meinung. “Der Meister der Höllenhunde ist zwar ein ziemlich mächtiger Dämon, aber da waren ja auch andere Monster als Höllenkreaturen dabei. Soweit oben, dass er die organisieren könnte, ist er dann doch nicht.”
“Aber wer dann?”
“Schwer zu sagen. Ich glaube, dem sind wir noch gar nicht begegnet.”
Das ist tatsächlich sehr gut möglich, denkt Ethan. Aber so gruselig der Gedanke auch ist, dass da irgendwo ein Drahtzieher sitzt wie eine Spinne im Netz und sie amüsiert bei ihren Anstrengungen beobachtet hat, jetzt ist nicht der Zeitpunkt, um darüber nachzugrübeln.
Jetzt müssen sie erstmal zusehen, dass sie den ermordeten Jägern ein anständiges Begräbnis verschaffen. Zum einen, weil es einfach das Richtige ist, und zum anderen, damit die nicht etwa doch noch wiederkommen.

Hinter der Kirche ist ein alter Friedhof. Zusammen mit mit Ramón García übernimmt Ethan den Löwenanteil der körperlichen Arbeit des Begrabens, bevor Mary Ann ein Gebet für die Seelen der Toten spricht und sie anschließend noch ein paar Minuten schweigend bei den frischen Gräbern stehen.
Am liebsten wäre es Ethan, sie könnten das Gotteshaus wieder neu weihen, was nur natürlich so auf Anhieb nicht geht, weil Mary Ann ja Protestantin ist und das hier eine katholische Kirche. Aber passieren sollte es irgendwann. Und die dämonischen Zeichen können sie ja vielleicht jetzt schon wegmachen. Als Ethan das Thema anschneidet, nickt García, macht aber im selben Moment eine beruhigende Handbewegung. “Darum kümmern wir uns lokal. Auch um das Weihen. Ich kenne da wen.”
Unterdessen ist es ziemlich spät geworden. Sonderlich lange wird es nicht mehr hell sein, also sollten sie hier weg. García bietet ihnen an, die Nacht in seinem Haus zu verbringen und erst am nächsten Morgen in die Staaten aufzubrechen. Ethan will sich zwar eigentlich nicht länger hier aufhalten, als er unbedingt muss, aber er ist doch ganz dankbar für das Angebot. Die Rückfahrt wird lang, und sowohl Niels als auch Lee wird es ganz gut tun, wenn sie nochmal eine Nacht in einem richtigen Bett schlafen können, bevor es losgeht.

Am Morgen nickt Emily, nachdem sie sich von Mary Ann und den anderen Jägern verabschiedet haben, mit einem Grunzen erst zu Niels, dann Richtung Beifahrersitz und klettert selbst auf die Rückbank, wo sie den Tag über beharrlich schweigt.
Sowohl Lee als auch Niels haben von dem Arzt der ambulanten Klinik auch je ein Fläschchen mit einem ziemlich starken Schmerzmittel in die Hand gedrückt bekommen, aber anders als bei dem Antibiotikum nehmen beide lieber die Schmerzen in Kauf, als sich mit dem Opiat zuzudröhnen. Das macht Emilys Laune nicht gerade besser, und dass Ethan immer wieder zu ihr hinsieht, um sich zu versichern, dass es ihr auch wirklich gut geht, hilft auch nicht so unbedingt. Nur davon abhalten kann er sich trotzdem nicht.
Bei einer Pause wandert Niels vor dem Auto auf und ab und telefoniert. Er spricht Deutsch und klingt zunehmend hitzig, also hat er wohl seinen Bruder am anderen Ende. Tatsächlich war es Benedikt, stellt Ethan fest, als sie kurz darauf wieder unterwegs sind – es kann nur der ältere Heckler gewesen sein, so wie Niels herumbrummelt, dass ‘der echt immer alles besser wissen muss und alles besser gekonnt hätte’.

Der nächste Tag beginnt zuerst ähnlich einsilbig, aber irgendwann, vielleicht weil sie sich ein bisschen ablenken will, sucht Lee doch das Gespräch. “Wenn es nicht der Hundemeister war, wer hat dann hinter der Entführung gesteckt?”
“Keine Ahnung”, brummt Niels. “Irgendwer, der mächtig genug ist.”
“Ja, aber wer kann das sein?”
“Ich weiß es nicht. Ich bin nicht mal sicher, ob ich es überhaupt wissen will.”
“Wenn wir nichts gegen den Mistkerl machen, wird sowas immer wieder passieren!” kontert Emily scharf.
Niels Tonfall ist kein Stück weniger hitzig: “Aber wir haben keinerlei Anhaltspunkt, um herauszufinden, wer das überhaupt war!”
“Das Kärtchen?” wirft Ethan ein, dann runzelt er nachdenklich die Stirn. “‘Was ganz Großes’, hat Inda gesagt. Der?”
“Kann sein”, antwortet Niels, “möglich sogar. Aber da wir nicht wissen, wer ‘der’ ist…” Er macht ein ähnlich nachdenkliches Gesicht wie Ethan. “Mich würde ja auch mal interessieren, was diese Reiter für Wesen waren. Die sagen mir so gar nichts.”
“Feen”, brummt Ethan, aber das hätte er mal besser gelassen, denn der Blick, den ihm das von seinem deutschen Freund einbringt, zeigt deutlich, was der Student von dem Gedanken hält. Aber bei einem sind sich alle drei einig: Sie müssen dringend versuchen herauszufinden, was da genau los war. Wie die das angestellt haben und ob es ähnliche Fälle schon mal anderswo gab. Denn nochmal sollte sowas bitte nicht passieren.

Bei einer kurzen Pause fragt Niels, ob Lee den Platz mit ihm tauschen würde, weil er sich etwas lang legen will. Sie verzieht leicht das Gesicht, nickt dann aber und steigt wortlos zu Ethan nach vorne, als es ans Weiterfahren geht. Der Deutsche macht es sich auf der Rückbank bequem und ist kurz darauf eingeschlafen. Mehrere Stunden später, beim nächsten Halt, schläft er immer noch, also besorgen Emily und Ethan sich Sandwiches und ein paar Softdrinks und legen eine etwas längere Rast ein. Zu Ethans großer Erleichterung ist Lees Ärger darüber, dass er sie zum Arzt gezwungen hat, inzwischen verraucht, und wie die vertraute Mischung aus leisem Gespräch und einträchtigem Schweigen bei der Pause zeigt, sind die Dinge zwischen ihnen wieder im Lot. Lees Arm scheint es auch besser zu gehen – oder zumindest behauptet sie das, als er fragt. So ganz überzeugt ist Ethan nicht, aber Lee ist erwachsen und muss selbst wissen, ob sie das Schmerzmittel nehmen will oder nicht. Und als sie ihn gleich darauf anlächelt, als wolle sie ihren Worten jegliche Spitze nehmen, die da vielleicht war, kann er gar nicht anders, als spontan zurückzulächeln.

Der Rest der Fahrt, so lange sie noch dauert, ist ein Klacks. In New York fährt Ethan zum Haus von Niels’ Verwandten und setzt Emily dort ab, und nach der Verabschiedung und dem Austausch eines stummen Blicks des Einvernehmens mit Ethan verschwindet seine Freundin um die Straßenecke. Eigentlich will er Niels noch helfen, seine Sachen nach oben zu tragen, immerhin ist dessen einer Arm momentan so gut wie unbrauchbar, aber der Deutsche besteht wieder mal darauf, dass er das schon alleine schafft, und wer ist Ethan, um ihm da reinzureden, wenn er das unbedingt will. Umso schneller ist er, nachdem er sich auch verabschiedet hat und losgefahren ist, bei Emilys Geo Metro. Und da ist nebendran doch tatsächlich noch ein Parkplatz frei. Ethan steigt aus und lehnt sich gegen den Wagen.
“Hey”, sagt er ein paar Minuten später, als Lee bei ihrem Auto ankommt, und hebt die Hand.
“Hey”, antwortet sie mit einem amüsierten Schmunzeln, “du schon wieder.”
Ethan nickt. “Hab gehofft, dass du noch nicht da bist.”
Sie lächelt ihn an und sagt: “Ich hätte doch auch gewartet sonst. Ich wusste doch, dass du noch mit mir reden willst. Was gibt es denn?”
“Naja…” Drecksmist, fällt ihm das schon wieder schwer. Und dabei sollte er doch langsam ein bisschen Übung darin haben. Ethan räuspert sich und tut sein Bestes. “Ich hab überlegt. Würd gern… naja. Bisschen raus. Mit. Mit dir. Paar Tage? Hab gedacht… Harriman State Park?”
Immerhin ist der Park nur knapp eineinhalb Stunden von New York entfernt und ein echtes Paradies, auch wenn er fast schon fürstlich mit Campingplätzen und Kram ausgebaut ist und so nah an der Stadt entsprechend viele Wanderer und Camper anzieht. Vermutlich zu viele für Ethans Geschmack, aber was soll’s. Sie werden schon ein Eckchen finden, wo nicht allzu viele andere Leute rumstiefeln. Ist ja noch früh im Jahr.
“Klar”, stimmt Lee ohne Zögern zu und entlockt Ethan damit ein Lächeln. “Willst du gleich los?”
Er wiegt den Kopf. “Mmhm. Eigentlich ja. Aber. Snoop. Bei meinen Eltern grad. Muss den holen.”
Und da will Lee garantiert nicht mit – Ethan selbst wäre bei so einem Besuch ja tatsächlich auch ziemlich unbehaglich zumute; es ist schon schwierig genug, wenn er alleine seine Familie besucht. Aber hm, vielleicht kann Lee ja im Auto warten, während er Snoop einsammelt, oder so.
Aber Emily hat eine bessere Idee. “Du holst Snoopy ab, und ich besorge uns in der Zeit schon mal eine Hütte im Park?”
Oh. Oh ja. Das ist perfekt.

Seine Eltern zeigen sich erwartungsgemäß ziemlich enttäuscht, dass er so bald wieder aufbrechen will. Aber da müssen sie jetzt durch. Wobei Ethan ja zugegebenermaßen noch einen anderen Grund dafür hatte, Snoopy diesmal bei seiner Familie zu lassen, als nur die Tatsache, dass er sowieso nach New York musste, um Niels und Lee dort zu treffen, und dass er Ms. Burke mal von der Hundepflege entlasten wollte, vor allem, wo er ja vorher schon wusste, dass er für den Job mindestens eine Woche lang unterwegs sein würde. Das waren zwar die offiziellen Gründe, und die stimmten auch. Aber ‘was ganz Großes’ klang irgendwie so, als wäre das Risiko, von dem Job nicht zurückzukommen, größer als sonst, und da war das Abliefern seines Hundes eine gute und unverfängliche Begründung, um die alle nochmal zu sehen. Nur für den Fall. Ist ja zum Glück nicht dazu gekommen.
Aber damit, dass Ethan nach einer halben Stunde wieder fährt, müssen sie trotzdem leben. Wenn es nach seinen Eltern ginge, würde er ja sowieso gleich ganz in Tappan bleiben, und das wird auch nicht passieren.

Lee hat eine kleine Hütte in einem idyllisch am Lake Sebago gelegenen Camp für sie gefunden. Im Sommer wäre hier mit Familienurlaubern und Jugendfreizeiten die Hölle los, aber um diese Jahreszeit, wo das Camp gerade frisch für die Saison geöffnet wurde, haben sie den Platz mit seinen dreißig Hütten komplett für sich allein. Die Unterkunft kostet nicht viel und ist entsprechend rustikal: Verzogene Wände und knarzende Bodenbretter aus den 30er Jahren, kein fließendes Wasser, drei schmale Betten mit dünnen Matratzen, für die man eigenes Bettzeug mitbringen muss. Aber das stört Ethan kein Stück – wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie auch gerne in einer der zahlreichen steinernen Wetterschutzhütten des Parks oder gleich ganz unter freiem Himmel campen können – und Emily scheint es auch nichts auszumachen.

Ethan ist immer noch ein bisschen besorgt wegen ihres Arms und hilft ihr beim Verbandwechseln, so gut das mit Minimalkontakt eben geht. Im Gegenzug besteht Lee darauf, sich die Reste des Brandmals regelmäßig anzusehen. Und so, wie er es sich gestattet, die kleinen Berührungen zu genießen, hat er den Eindruck, dass es ihr genauso geht, wenn sie mit vorsichtigen Fingerspitzen über die Stelle streift.
Ansonsten kosten sie einfach die Zeit miteinander aus. Wandern tagsüber durch den Wald und am See entlang und spielen mit Snoopy, bis sie dann abends ein Feuer im Kamin anzünden und es sich in der Hütte gemütlich machen, während es draußen frühjahrstypisch wieder gehörig abkühlt. Als sie dem Knacken des Holzes zuhören und in die Flammen schauen, gemeinsam schweigen und gemeinsam reden, spürt Ethan, wie eine tiefe Ruhe sich in ihm ausbreitet. Klar, am liebsten würde er Lee einfach an sich ziehen, sie in die Arme schließen und den ganzen Abend nicht wieder loslassen. Aber das geht ja nun mal nicht, und die kleinen Berührungen immer mal wieder sind auch wunderschön. Und es wird ja langsam immer leichter für Lee, hat er das Gefühl. Also einfach nehmen, wie es kommt. Sie haben ja Zeit. Kleine Schritte. Und falls nicht… dann so.

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