Miami Files – Ghost Story 1

28. Oktober

Eine Sache habe ich ja bisher noch gar nicht aufgeschrieben – keine Ahnung, warum eigentlich, denn sie ist ja nun ziemlich wichtig.
Lidia war ja schon einmal verheiratet, und nein, sie ist nicht verwitwet. Sie hatte ziemlich jung geheiratet, und als Monica geboren wurde, ließ ihr Mann sie und das Baby kurzerhand sitzen, daher die Scheidung.

Theoretisch könnten wir also gar nicht heiraten. Aber ich habe heute mit Pater Alvaro gesprochen, und er sagte, dass es auch bei uns im Katholizismus zunehmend möglich ist, vorige Ehen annullieren zu lassen, so dass eine zweite kirchliche Hochzeit stattfinden kann. Pater Alvaro sagte, er sei kein Befürworter davon, diese Praxis ausarten zu lassen und mit der Gießkanne auf jede Beziehung anzuwenden, wo die Ehepartner das Interesse aneinander verloren haben, aber er sagte auch, in bestimmten Fällen könne er die Notwendigkeit nachvollziehen und sei offen dafür. Glücklicherweise ist unser Fall so einer: Lidia wurde verlassen, und wenn wir heiraten, ist das besser für die Kinder, wir leben nicht länger in Sünde zusammen und so weiter. Dass ich außerdem der Gemeinde kürzlich einen nicht ganz unbeträchtlichen Betrag für wohltätige Zwecke gespendet habe, hat sicherlich auch nicht geschadet. Ein bisschen unwohl war mir dabei schon, weil es sich irgendwie doch etwas nach Ablass und Annullierung kaufen anfühlte, aber andererseits habe ich die Spende vorher und unabhängig, und ich hätte sie auch getätigt, wenn Pater Alvaro die Annullierung nicht zugesagt hätte, das hat mein Gewissen zumindest ein kleines bisschen beruhigt.

03. November

Ich habe gerade einen extrem seltsamen Brief aus dem Briefkasten gezogen. Hochwertiger Briefumschlag mit aufgedrucktem Absender: ‚Monoc Securities‘. Adresse: Oslo, Norwegen. Im Umschlag: ein Brief auf 120g/m-Papier, unaufdringlich-elegante Schriftart, die ich nicht auf Anhieb identifizieren konnte, Vista Sans vielleicht – keine von den üblichen Standard-Schriften jedenfalls. Ein Logo aus einem dicken Kreis mit einem senkrechten, oben und unten überstehenden Strich hindurch. Dazu wieder der Firmenname. Unterschrieben von einem gewissen ‚Donar Vadderung, CEO, Monoc Securities‘ eine Mitteilung, dass er sich für die Einladung bedanke und gerne zur Hochzeit kommen werde.

¿Qué demonios? Wer ist dieser Typ, und woher weiß er von der Hochzeit und fühlt sich eingeladen? Die Einladungen sind doch noch gar nicht verschickt – tatsächlich wissen außer den Jungs und der Familie noch gar nicht so viele Leute, dass ich Lidia einen Antrag gemacht habe.

—-

Ich habe den Jungs den Brief gezeigt. Es hat ein bisschen Hirnschmalz und Brainstorming und vor allem Alex‘, Edwards und Robertos Wissen um die magische Welt gebraucht, aber jetzt ist einigermaßen klar, was es damit auf sich hat: Dieser ‚Donar Vadderung‘ ist niemand anderes als Odin. Klar. ‚Monoc Securities‘. ‚Monoc‘, Mono Oc, ein Auge. Clever.
Damit habe ich jetzt wohl meine Antwort auf die Frage, ob überhaupt irgendwann eine Reaktion kommen wird. Aber zur Hochzeit, cólera. Eigentlich will ich da kein mythologisches Wesen haben, mit dem sich potentiell ein Konflikt wegen der Einherjer-Geschichte ergeben könnte. Aber absagen kann ich ihm nun auch nicht, wo ich ihn doch mit der Ansprache letztens tatsächlich wohl irgendwie eingeladen habe. Ay, mierda. Okay. Durchatmen und hoffen, dass der Typ keinen Ärger macht.

10. Januar

Nicht viel Neues zu berichten im Moment. Wir kümmern uns weiter um die ganzen neuen Gottheiten in der Stadt, und in unregelmäßigen Abständen schlagen wir neue Angriffe der Fomori zurück. Offenbar stellt der White Court auch immer wieder Anfragen wegen Spencer Declan, bekommt aber natürlich keine Antwort, weil der Warden ja in den Sümpfen verschwunden ist. Und anscheinend glaubt der Magierrat jetzt, eben weil keine Antwort von Declan kommt, dass Miami von den Fomori überrant worden sei. Das Gerücht passt uns aber tatsächlich ziemlich gut in den Kram, weil dann nämlich auch niemand kommt, um sich näher mit der Sache zu befassen oder uns gar einen neuen Warden aufzudrücken.

Richard, Sancía und Canché haben sich auf die Suche nach ihrer Tochter Cherise gemacht. Totilas bekommt gelegentlich Postkarten von ihnen – wirklich altmodische Postkarten: vor allem wohl wegen der mangelnden Nachverfolgbarkeit, aber so, wie ich Richard einschätze, durchaus auch zu einem gewissen Teil wegen des künstlerischen Aspekts. Das sind nämlich allesamt sehr hübsche Motive, zumindest die, die ich zu Gesicht bekommen habe.

Ximena ist tief mit ihren Forschungen zur Machtquelle der Gottheiten beschäftigt, und Edward hat auch angefangen, das Suchritual für Eoife zu entwickeln und vorzubereiten.
An das ‚Hintergrundrauschen‘ aus unserer Verbindung mit Miami haben wir uns inzwischen alle gewöhnt. Es ist beinahe zur Routine geworden, und manchmal überhören wir es inzwischen sogar komplett, wenn wir uns nicht explizit darauf konzentrieren.
Außerdem haben wir unsere Aufgabengebiete als Hüter von Miami ein bisschen untereinander aufgeteilt. Das war gar nicht groß Absicht und Absprache, hat sich aber so ergeben.
Wobei, ‚gar nicht groß Absprache‘ stimmt nicht so ganz. Eine Sache hat Cicerón von Anfang an betont: Er, in Zusammenarbeit mit Ilyana und Fébe, ist zuständig für den Hafen und ein paar andere nicht sonderlich angenehme Gegenden. Klar, da in der Nähe haben die Santo Shango ja ihr Hauptquartier und beanspruchen das als ihr Ganggebiet. Der Hafen ist auch Fomori-Brennpunkt, aber wenn sie Hilfe brauchen, werden sie sich melden, sagte Cicerón.
Totilas und Roberto befassen sich vor allem mit der Glitzerseite von Miami, mit deren Modewelt und Nachtleben; des weiteren betätigen die beiden und ich uns gewissermaßen als unsere ‚Diplomaten‘. Bei mir kommt neben der Diplomatie dann auch und vor allem noch der Bereich ‚Kultur‘ dazu, außerdem natürlich das Themenfeld ‚Feen‘, jedenfalls was den Sommer und die Wyldfae betriff; in Sachen Winter ist es besser, Roberto und Totilas machen das, und zwar zusammen mit Ximena. Geographisch habe ich, aufgrund der Nähe zu Pans Domäne, auch noch den Strand übernommen, während Ángel sich um Little Havana kümmert. Bjarkis Baustelle sind natürlich vor allem die Gottheiten in der Stadt, wobei wir die Verantwortung für die tatsächlich untereinander aufteilen, weil das für einen von uns alleine doch etwas viel wäre.
Dee ist natürlich unsere Vertreterin in Sachen Recht und Ordnung, Edward und Alex haben die Praktizierer der Stadt als ihr Portfolio, und Alex‘ hat zusätzlich noch das Thema ‚Geister‘, ob jetzt die von Toten oder sonstige, auf der Liste.

24. Februar

Ximena hat angefangen, Fébe Magie beizubringen, was Cicerón nicht so richtig in den Kram passt, glaube ich. Jedenfalls hat er sich des öfteren mal mit Ximena in den Haaren, oder zumindest sind gewisse Spannungen zwischen den beiden zu bemerken. Bjarki ist ziemlich viel mit seiner Familie beschäftigt, deswegen sehen wir ihn in letzter Zeit nicht sonderlich oft. Auch Ángel ist in letzter Zeit ziemlich abgetaucht, weil er offenbar viel um die Ohren hat.
Und Ángel sieht auch alles andere als gut aus – wenn wir ihn doch mal zu Gesicht bekommen, sieht er immer schrecklich übernächtigt aus. Auch hat er abgenommen und wirkt generell irgendwie nicht ganz gesund. Alle möglichen Leute haben beobachtet, dass er in letzter Zeit viel in die Kirche geht und sich lange dort aufhält, auch außerhalb der Gottesdienste. Wenn man ihn darauf anspricht, behauptet er, alles sei in Ordnung, aber Ángel ist einfach kein guter Lügner. Irgendwas stimmt da nicht, und das ist kein Zustand so. Roberto hat gesagt, er will sich mal mit ihm unterhalten.

26. Februar

Eben hat Roberto angerufen. Er hat wie geplant Ángel gesucht und ihn tatsächlich in der Kirche gefunden. Treffen gleich.

Bah. Coléra. Ich hasse das. Ich hätte lieber falsch gelegen. Aber der Reihe nach.

Roberto erzählte uns Folgendes:
In der Kirche kniete Ángel in einer der Reihen und war in ein inniges, ja verzweifeltes Gebet vertieft – auf die Entfernung und weil Ángel Latein sprach, verstand Roberto nur etwas von ’schützen‘ und ‚Dämonen‘.
Als Ángel fertig war, passte Roberto ihn draußen ab und sprach ihn an, fragte, ob er Probleme habe.
Ángel behauptete, es sei alles in Ordnung, und die Hilfe, die Roberto ihm trotzdem anbot, lehnte er ab, er komme zurecht.

Als er ging, folgte Roberto ihm. Bei sich zuhause überprüfte Ángel alle Wards, seufzte tief – Marke ‚jetzt muss ich da wieder rein‘ – und betrat das Haus. Soviel Roberto von den Wards erkennen konnte, beschützten sie nicht das Haus vor Dingen, die hereinkommen könnten, sondern das Draußen vor dem, was darin war. Und er konnte auch irgendwie spüren, dass da etwas nicht stimmte. Irgendetwas war da ungut.

Das war dann der Moment, in dem Roberto uns andere – also nur uns Ritter, nicht alle Hüter – zusammenrief. Alex wollte auch noch Dee hinzuziehen, aber die war gerade anderweitig beschäftigt.

Nachdem Roberto uns alles erzählt hatte, brachte Totilas die Frage auf, ob vielleicht Orunmila ein Problem sein könne, immerhin ist das Ángels Santería-Patron, aber das glaubte Roberto nicht. Das ist ja auch genau Robertos Spezialgebiet, und für ihn fühlte sich das nicht an wie Santería. Mir kam daraufhin aber auch eine Idee: Was, wenn das Ungute, das Ángel in seinem Haus zu verbarrikadieren versuchte, eine von diesen schwarzen Denarii war?

Aber das Theoretisieren half ja alles nichts. Wir klopften also bei Ángel und bestanden, als der uns nicht einlassen wollte, wenigstens darauf, dass er sich draußen mit uns unterhalten solle. ‚Draußen‘ wurde dann eine nahegelegene Bodega, in der wir uns eine ruhige Ecke suchten. Erst wollte Ángel nicht mit der Sprache herausrücken, aber irgendwie fand ich dann doch die richtigen Worte: dass er alleine doch nicht ewig durchhalten könne, dass er irgendwann umkippen würde, und dann wäre das, vor dem er Miami schützen wolle, immer noch da, aber er wäre eben nicht mehr da, um es aufzuhalten. Und das war nicht nur gespielt oder aufgesetzt: Es tat mir echt leid, den armen Kerl so mitgenommen zu sehen.

Wie gesagt, irgendwie muss ich einen Nerv getroffen haben, oder Ángel war doch insgeheim doch froh, sich die Sache von der Seele reden zu können. So oder so jedenfalls berichtete er, alles habe mit einer Stimme angefangen, die ihm ständig Dinge zugeflüstert hätte: Er sei nicht stark genug, er hätte beim Ritual mehr machen müssen, er sei uns anderen Hütern nur eine Last, und so weiter und so weiter. Daraufhin habe er angefangen, mehr zu tun, Magie zu wirken, alleine Missionen zu übernehmen und so weiter, aber die Stimme sei davon nicht leiser geworden. Und dann habe er irgendwann etwas gefunden.
“Eine antike Münze?” fragte Totilas sofort.
Ángel nickte. “Genau.”
Alex drehte sich halb zu mir: “Weißt du eigentlich, dass es ganz schön arschig sein kann, wenn du recht hast?”
Ja, coño, das ist mir bewusst. Es wäre mir deutlich lieber gewesen, ich hätte falsch gelegen!
“Hast du die Münze angefasst?” wollte ich wissen, aber das verneinte Ángel zum Glück mit Nachdruck. Er habe eine Kiste geholt und die Münze mit dem Messer da hineinbugsiert und sehr darauf geachtet, sie nicht zu berühren.

Gut. Dann ist diese Stimme, die Ángel hört, also nicht die des Münz-Dämons, aber das hätte auch vom Timing her keinen Sinn gemacht, weil er die ja schon hörte, bevor er die Münze fand.
Weil es nicht so aussah, als habe es ihm geholfen, sich uns anzuvertrauen, sondern er weiterhin genauso niedergeschlagen aussah wie vorher, oder sogar noch niedergeschlagener, versuchte ich, Ángel ein bisschen aufzubauen. Dass die Stimme lüge und er gar nicht schwach sei, er solle doch nur mal an all die Dinge denken, die er in den letzten Jahren erreicht hat, angefangen bei dem Ritual um das Koyanthropen-Geisterbiest ganz am Anfang, als wir ihn kennenlernten, über seinen Schutz der kleinen Blumenfee Christabella – ja überhaupt seinen Schutz für alle, die diesen benötigen – bis hin zu seiner erfolgreichen Arbeit in der Privatdetektei. Ich habe auch das Gefühl, nach anfänglichem Zweifel kam ich sogar halbwegs zu ihm durch.

Dass Ángel diesen Dämon, oder was es jetzt genau ist, loswerden muss, steht außer Frage. Aber dringender und zuerst einmal musste er sich ausschlafen. Aber nicht bei sich, wo er sich zusätzliche Sorgen um diesen verdammten Denarius machen muss, sondern Roberto hat ihn zu sich eingeladen, während wir anderen jetzt in Alex‘ Auto sitzen und abwechselnd Ángels Haus bewachen bzw. auf der Rückbank schlafen. Natürlich mussten wir auch noch etwas theoretisieren, was es mit dieser Stimme auf sich haben könnte. Ob sie von einem Fluch komme? Einem Geist? Einem Dämon? Oder ob Ángel an einem großen Oberfluch leidet, weil er einfach jede mierda anzieht wie ein riesiger Magnet? Nicht, dass wir auf ein Ergebnis gekommen wären, versteht sich. Alex soll ihn sich morgen mal auf Geister anschauen, haben wir beschlossen. Oh, und ich für meinen Teil habe auch noch Aufschreiben der Geschehnisse mit in die Rotation genommen. Aber jetzt bin ich damit durch, und ein bisschen aufs Ohr legen sollte ich mich auch, wenn ich nicht morgen völlig nutzlos sein will.

Mir geht nur dieser Denarius nicht aus dem Kopf. Ich frage mich, ob das eine für uns neue Münze ist oder ob sie jemandem vom Denarier-Club hier in der Stadt gehört, den wir schon kennen. Vermutlich eher ersteres, denn warum sollten die uns bekannten Denarier ihre Münzen aufgeben. Aber eigentlich tut es gerade nichts zur Sache. Mach endlich die Augen zu, Alcazár.

27. Februar

Sorry für die krakelige Schrift. Wir sitzen gerade im Auto, sind unterwegs zu Byron.

Bei Ángels Haus war über Nacht alles ruhig; bei Roberto und Ángel… so halb. Roberto gab seinem Besucher das Bett und nahm selbst die Couch im Wohnzimmer, achtete aber darauf, nicht einzuschlafen. Und so hörte er irgendwann tatsächlich ein Flüstern aus der Richtung des Schlafzimmers: “Ich hätte nicht gedacht, dass du so schwach bist. Dass du gleich fünf Leute dazuholen musst… Ich sage es doch. Schwach.” Natürlich ging Roberto nachsehen und sah einen dunklen Schatten von Ángels Bett weghuschen. Also holte Roberto sich einen Stuhl, stellte ihn neben das Bett und wachte direkt dort über Ángels Schlaf. Kurz hörte er auch das Flüstern, aber das verstummte recht bald. Ángel schlief bis zum Mittag und war hinterher, auch als wir uns dann zu einer Lagebesprechung im Dora’s trafen, schrecklich verlegen und besorgt um Roberto, aber der war zwar ein bisschen übernächtigt, aber ansonsten okay.

Wie gestern abend im Auto geplant, sah Alex sich Ángel jetzt einmal genauer an. Geister konnte er an ihm keine feststellen, aber seine Aura konnte er sehen. Während Totilas‘ Aura zum Teil aus verführerischem Silber besteht, hatte Ángels Aura etwas von einem wütenden Lila-Rot, ungefähr wie ein Bluterguss. Und diese Stelle sah für Alex schon ziemlich verankert im Rest von Ángels Aura aus – nicht ganz so fest verankert wie bei Totilas, dessen Dämon ja ein (so gut wie) untrennbarer Teil von ihm ist, aber schon recht tief eingewachsen. Aber natürlich, er schleppt dieses Ding, was auch immer es ist, jetzt ja nun schon seit Monaten mit sich herum.

Eines ist klar: Wir müssen etwas unternehmen, damit Ángel diesen Dämon, oder was es ist, loswird. Alex dachte ja erst kurz darüber nach, ob es vielleicht dessen manifestierte Selbstzweifel wären, aber den Gedanken verwarf er schnell wieder. Dafür war es doch zu deutlich, dass das Ding von außen kam und sich von außen an unseren Santero-Bekannten herangezeckt hat.
Das bestätigte dann auch Totilas, als er sich Ángel mit dem zweiten Gesicht  ansah. An dem edlen Paladin, der aber eine abgewetzte Rüstung trug und in der Sight kraftloser wirkte, als er es eigentlich ist, hing eine mehrköpfige, lila-rotfarbene Schlange, die ihn fast komplett umringte und sich an etlichen Stellen mit spitzen Zähnen in Ángel verbissen hatte. Manche dieser Wunden waren neu und bluteten frisch, andere hingegen waren bereits vernarbt. Der Paladin wehrte sich tapfer gegen den Lindwurm, aber Totilas hatte den Eindruck, dass der Widerstand das Untier eher stärker werden ließ.

Wir konnten es zwar nicht wirklich sehen, aber wir merkten es, als Totilas mit einer kleinen Anstrengung sein drittes Auge wieder schloss. Bevor er uns erzählte, was er gesehen hatte, schickte er Ángel weg, damit wir uns untereinander beraten konnten, und das traf den Santero sichtlich. Ich konnte es aber auch nachvollziehen. Cólera, das war doch förmlich die Bestätigung dessen, was der Lindwurm ihm schon die ganze Zeit eingeredet hatte! Zu schwach, nicht vertrauenswürdig! Ich fand, Ángel hätte ruhig hören können, was wir besprechen würden, und sagte das auch, aber Totilas gab zu bedenken, dass es vielleicht besser sei, wenn der Lindwurm das nicht hörte. Okay, da hatte er vielleicht auch nicht ganz Unrecht, zugegeben.
“Aber ich bin wirklich beeindruckt, wie gut er durchhält”, sagte Totilas dann, woraufhin Alex und ich wie aus einem Mund denselben Kommentar abgaben: “Das solltest du ihm sagen, das wird ihm guttun.”

“Hast du dir Roberto auch angeschaut?” wollte ich dann wissen, aber das verneinte unser White Court-Freund. “Absichtlich nicht. Das muss ich noch.”
“Bevor du die Sight aufmachst, lass mich erstmal seine Aura ansehen”, schaltete Alex sich ein, und tatsächlich hatte die einen ersten blauen Flecken, der aber bereits wieder am Abklingen zu sein schien.

Coño.. Damit war eindeutig klar, dass diese Sache ansteckend ist und sich potentiell wie ein Virus verbreiten könnte – auch wenn Roberto zugegebenermaßen die ganze Nacht lang mit dem Ding in einem Raum war und es förmlich herausgefordert hat, sich mit ihm anzulegen, wie er nun zugab. Also ist die Ansteckungsgefahr hoffentlich nicht riesig groß, aber trotzdem müssen wir vorsichtig sein.

Als Ángel wiederkam, fragte unser Vampir-Kumpel ihn zunächst, ob er wissen wolle, was Totilas gesehen habe, und als Ángel das bejahte, bekam er es auch noch einmal erzählt. und zwar tatsächlich zusammen mit dem Kompliment. Der Santero war nicht nur gerührt, sondern auch völlig erleichtert, dass er sich die Sache nicht nur eingebildet hatte, sondern da wirklich etwas war.

Bei unseren Überlegungen, wie wir den Lindwurm loswerden könnten, landeten wir ziemlich schnell bei Byron. Vielleicht hat der ja eine Idee für eine Queste oder eine Suche nach sich selbst oder etwas in der Art.
Und deswegen sind wir jetzt eben unterwegs zur Kommune.

Abends.

Ich sollte bald ins Bett. Aber vorher will ich noch aufschreiben, was p–
Nee. Keine Chance. Alles noch bunt. Dreht sich. Und Hand tut weh. Morgen. Nacht.

28. Februar, morgens

Besser. Viel besser. Mein Kopf ist wieder klar, die hijas sind zur Schule, Lidia zur Arbeit (nach einem prüfend-sorgenvollen Blick samt Gespräch und meiner Versicherung, dass alles in Ordnung ist und das gestern die absolute Ausnahme war – als hätte ich etwas anderes erwartet), und ich habe etwas Zeit zum Schreiben, bevor nachher das Treffen mit den Guardians ansteht.

Beim Sunny Places empfingen uns wie immer alle sehr freundlich; vor allem Joelle freute sich, uns (oder vielleicht mich, seufz?) zu sehen. Bob war gerade dabei, Holz zu hacken, was er mit großer Begeisterung tat – und mit einer Traube von interessierten Damen, und auch dem einen oder anderen Herrn, um ihn herum, die ihn, weil hemdlos, sehr gerne dabei anschauten. Joelle war auch darunter, und sie schien sogar ziemlich angetan von der Tatsache, dass ihr Angetrauter allgemein so großen Anklang fand. Außerdem kam es mir eben (siehe oben) so vor, als schaute sie vergleichend-prüfend-interessiert von Bob zu mir, und so war es mir ganz recht, dass wir nur kurz ‚hallo‘ winkten und gleich zu Byron weitergingen.

Byron hörte sich unser Anliegen an, betrachtete Ángel eingehend und riet dann gegen eine Selbstsuche, weil dieser Parasit einfach schon so lange an Ángel hänge und sich schon so tief in ihn hineingefressen habe. Aber es gäbe die Möglichkeit, dass er gegen das Ding kämpfen könne.
“Muss er das alleine?” wollte Totilas wissen, und Byron wiegte den Kopf.
“Nicht unbedingt”, erwiderte er, “das kann er, muss er aber nicht. Manche Dinge muss man alleine machen, für andere braucht man Freunde und Familie. Kategorie Eins hast du es jetzt ein Jahr lang probiert, Ángel… Kategorie Zwei ist einen Versuch wert.”
Ángel sah immer noch etwas zweifelnd drein, also warf ich auch noch ein Centstück in den Hut. “Ángel, der Parasit will, dass du denkst, es sei Kategorie Eins.”
“Ja… aber ich verdiene das nicht”, murmelte Ángel. “Im Ritual habe ich mich minderwertig gefühlt und schuldig, weil ich so wenig gemacht habe – aber auch irgendwie echt neidisch auf Edward, weil er so viel gemacht hat und die Leitung innehatte und alles. Und wenn wir das jetzt zusammen machen, dann wird es doch wieder dasselbe!”
“Nein”, erwiderte ich, “das ist diese Stimme, die dir das einredet. Du musst das nicht alleine tragen.”
“Du kennst uns doch”, sagte Alex. “Du weißt, wie wir ticken. Wir werden dich nicht im Stich lassen.”
“Und dass ich beim Ritual so viel gemacht habe, das stimmt vielleicht”, fügte Edward noch an, “aber das war in der Vergangenheit auch schon genau andersrum. Denk an das Ritual mit dem Biest. Hey, wir sind doch alle verbunden. Wir gehören zusammen. Lass uns dir helfen. Für Miami.”

Ich glaube, dieses Letzte war es am Allermeisten, das Ángel überzeugte, denn endlich nickte er. “Ja, wir sind verbunden. Für Miami. Helft mir. Bitte.”
Byron nickte ebenfalls. “Okay, dann nehmen wir dafür am besten…” Er unterbrach sich und sah Edward an. “Du bist nicht mehr bei der Polizei, oder?”
“Nein.”
“Gut, dann nehmen wir…” Als Byron wieder zögerte, übernahm Totilas: “Kräuter?”
Byron lächelte kurz. “‚Kräuter‘ ist ein schönes Wort. Wir gehen ins Nevernever, dort können wir, oder besser: könnt ihr, das Ding besser sehen und erfassen, dann erweitern wir unseren Geist, und dann rufst du, Ángel, das Ding. Du hast ja bestimmt einen Namen dafür, oder?” – Ángel nickte bestätigend, auch wenn Byron gar nicht groß eine Antwort abwartete, sondern gleich weitersprach – “Bei dem rufst du es entschlossen, und ihr anderen ruft mit, und wenn es dann kommt, dann könnt ihr es entweder auf einen Tee einladen und lieb fragen, ob es nicht freundlicherweise gehen würde, oder ihr macht es auf die Edward-Parsen-Art.”
“Edward-Parsen-Art finde ich gut”, warf ich ein, “… in diesem Fall.”
Das brachte mir einen mehr als schrägen Seitenblick meines besten Kumpels ein. “Cardo, du machst mir Angst.”
“Ich sagte: In diesem Fall!”

Byron unterbrach uns. “Dann sollten wir es jetzt angehen.”
Auf subtile Weise gelang es ihm, Ángel etws vor uns aus dem Haus und zur Schwitzhütte zu schicken, wo wir uns reinigen wollten, oder genauer: Als wir das Haus verlassen wollten, hielt er uns kurz zurück, ohne das unser Mit-Guardian das groß mitbekam. “Ángel muss derjenige sein, der das Ding umbringt. Nicht ihr.”
Eigentlich war das selbstverständlich, aber zur Sicherheit war es trotzdem ganz gut, dass er es nochmal eigens erwähnte.
“Das ist klar”, bestätigte ich für uns alle. “Sein Monster: Er killt es. Wir sind nur die zweite Geige.”

Nach der Reinigung brachte Alex uns – diesmal vollständig angezogen, wofür ich sehr dankbar war, aber diesmal ging es ja auch nicht um eine Traumreise – ins Nevernever, wo Byron einen Schutzkreis zog, der das, was darin wäre, darin einsperren sollte. Er selbst würde sich bei dem Kampf nicht beteiligen, sondern den Kampfplatz nach hinten absichern. Dann aßen wir die psychedelischen Pilze und warteten darauf, dass deren Wirkung einsetzte.
Hier im Nevernever konnte man jetzt dünne, leuchtende Fäden sehen, die von uns aus in den Boden gingen (oder andersherum) – ein sichtbarer Beweis unserer Verbindung zu Miami. Seit dem Genius Loci-Ritual waren wir – oder war zumindest ich – nicht mehr so tief im Nevernever gewesen, also schaute ich die Jungs fasziniert an.
Edward trug eine Ritterrüstung, verbeult und blutig und aus dunklem Eisen – aber nicht mehr ganz so düster wie früher immer, und jetzt zuckten magische Blitze über deren Oberfläche.
Totilas sah größer aus als in der normalen Welt und strahlte förmlich. Er war nicht völlig silbern, aber das Silbrige durchzog ihn, und er war wie, hm, wie beschreibe ich das, wie eine doppelt belichtete Fotografie: Ein zweiter Totilas war ganz leicht verschoben über ihn gelegt, und dieser zweite Totilas – sein Hungerdämon – warf Alex ein anzügliches Grinsen zu.
Der wiederum wirkte irgendwie zerfasert, beinahe leicht durchsichtig als sei er nicht ganz hier.
Roberto wiederum sah aus wie ein Varieté-Entertainer, in einem pinkfarbenen Zylinderhut, Frack und Gehstock, und sein Liberace-Mantel hatte sich hier in das ebenfalls pinkfarbene Cape des Entertainers verwandelt.

Auch an mir selbst sah ich herunter: Wie ich das in der Vergangenheit auch schon bemerkt hatte, flatterten ein paar gestaltgewordene Ideen wie kleine, transparent-bunte Kolibris um mich herum, aber ich trug jetzt ebenfalls eine Ritterrüstung, was früher nie der Fall gewesen war. Meine Rüstung war allerdings keine mittelalterlich-realistische wie Edwards, sondern sie wirkte filigran, feeisch, ähnlich wie die, die ich an den Sidhe-Rittern des Sommerhofs gesehen hatte, und sie war von einem tiefen Jadegrün. Eine Art Sommerlicht-Filter lag über mir, die Farben alle etwas weicher, goldener, und Jade, die ich in der echten Welt als Füllfederhalter in der Tasche gehabt hatte, war hier natürlich wieder Schwert und nur Schwert.
Byron wirkte nicht groß anders als sonst. Seine Kleidung war etwas natürlicher als draußen, weiches Wildleder statt Jeans, er trug zahlreiche Tätowierungen und Narben am Körper, die in der echten Welt nicht zu sehen sind, und seine Augen waren tiefschwarz und voller Sterne.

Ángel schließlich sah unendlich erschöpft aus und deutlich älter, als er eigentlich ist, und auch die Wunden und Narben, von denen Totilas gesprochen hatte, waren ansatzweise an ihm zu sehen. Auch er trug eine Ritterrüstung, aber sie war verrostet und wirkte gleichzeitig so, als sei sie bleischwer und mache ihm jeden Schritt zur Hölle, und auch sein Schwert war verrostet und wirkte stumpf. Die Schlange bildete seinen Schatten – einen eigenen hatte er hier im Nevernever gar nicht mehr.
“Dämon, zeige dich!”, rief Ángel, aber er musste es wiederholen, denn anfangs tat sich noch nichts. Beim dritten Ruf fielen wir ein, und schließlich löste sich der Schatten von Ángel und baute sich vor ihm auf. Die Schlange war etwa menschengroß, mit vielen Köpfen und vielen Zähnen, und sie zischte höhnisch: “Du bist schwach, so schwach, nicht mal rufen kannst du mich alleine!”

Der Parasit war Ángels Monster: An ihm war es, sie zuerst anzugreifen. Aber wir anderen konnten ihm die Sache nach Kräften erleichtern. Und der Parasit war ein Schatten, also mochte er keine Sonne… hoffte ich. Ich rief die Sommermagie nach oben und legte meinen patentierten Sonnenlichtzauber über den Bannkreis, was das Biest auch tatsächlich wütend aufzischen ließ. Dann zog ich Jade und machte mich zum Eingreifen bereit, während Roberto gleichzeitig seine Orisha anrief und einen magischen Schutzschild für Ángel erflehte.
Alex, der indessen die Kreatur aus zusammengekniffenen Augen beobachtet hatte, rief laut: “Die Köpfe sind nur Ablenkung! Ziel auf den Unterbauch, Ángel!”
Edward stürzte sich auf den Parasiten. Ganz offensichtlich wollte er ihn festhalten, damit Ángel es leichter haben sollte, sie zu erschlagen – aber irgendwie hatte die Schlange zu viele Köpfe und war zu beweglich, denn Edward bekam sie nicht so richtig gepackt und wurde im Gegenzug stattdessen selbst gebissen.
Totilas baute sich vor dem Biest auf, um es dazu zu bringen, dass es sich aufrichtete und Ángel seine Schwachstelle darbot, indem er es so wirken ließ, als wolle er jetzt das Monster angreifen, aber Ángel zögerte, sah auf sein stumpfes, rostiges Schwert, und die Schlange peitschte mit einem Kopf und riss ihm die Waffe aus der Hand.

Die Köpfe waren nur Ablenkung, hatte Alex gesagt, also bestand hoffentlich keine Gefahr, dass ich mit dem, was ich jetzt vorhatte, Ángel das Rampenlicht stahl. Und tatsächlich: Als ich der Schlange einen ihrer Köpfe abschlug, beeindruckte sie das nicht sonderlich, aber das war auch gar nicht mein Hauptanliegen gewesen. Mein Hauptanliegen war eine Ermutigung für Ángel: “Sieh, sie ist verwundbar!”
Alex schnappte sich Ángels rostiges Schwert und murmelte etwas, und wie im Zeitraffer fiel der Rost davon ab und erschien das Blinken einer besonders scharfen Schneide auf der Klinge, bevor Alex Ángel die Waffe wieder zuwarf.
Kurz hatte Roberto so ausgesehen, als habe er auch das Schwert greifen wollen, aber da Alex sich damit befasste, rief er laut ein aufmunterndes “Du schaffst es!” und verstärkte seinen Schutzschild um unseren Mit-Guardian, während Totilas sich in Position brachte, um einen eventuellen Gegenangriff abzuwehren und es Edward gelang, die Schlange jetzt doch anständig festzuhalten.

Ángel hatte seine Waffe aufgefangen, aber noch zögerte er. Die Schlange zischte höhnisch: “Du wirst es nie schaffen, du bist zu schwach!”, aber mit einem wütenden Aufschrei sprang Ángel nach vorne, hob das Schwert und rammte es der Schlange bis zum Heft in den Unterleib. Das Untier begann zu schrumpfen, und seine Köpfe zuckten wild herum und bissen heftig nach Ángel. Mehrere Bisse blieben in Robertos Schutzschild hängen, und in einen der Angriffe warf Totilas sich, aber dennoch wurde Ángel selbst auch getroffen. Und vermutlich, weil es sein Monster war, oder vielleicht, weil Totilas und Edward, die ebenfalls Bisse abbekommen hatten, ja beide eine übermenschlich starke Konstitution besitzen – was es auch war, er reagierte deutlich heftiger darauf als die Jungs: Von der Bisswunde aus zogen sich sofort hässliche schwarze Fäden durch Ángels Arm und begannen mit erschreckender Geschwindigkeit, sich zu verästeln. Das war Gift, und das sah übel aus!

Ich eilte zu Ángel, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammengekrümmt hatte, hin, legte ihm die Hand auf den Arm und ließ die Sommermagie hervorkommen. Vor ein paar Jahren habe ich ja die Flügel der kleinen Blumenfee Christabella geheilt, das war ein bisschen ähnlich, aber doch anders. Denn das hier war das erste Mal, dass ich versuchte, einen Menschen zu heilen, und zwar von einer Vergiftung, die tödlich sein konnte! Diesmal war keine Zeit für langsames Herantasten an die richtige Dosierung, also ließ ich die Magie ungehemmt heraus. Ein warmes, heilendes Licht floss in Ángels Arm, folgte dem sich verteilenden Gift und löschte die schwarzgrauen Verästelungen aus, bis nichts mehr davon übrig war. Aber ich hatte zu viel nach oben gerufen, und so hatte ich mich nicht nur ziemlich überanstrengt, sondern der Rest floss in einem goldenen Leuchten denselben Weg zurück – und versengte mir heftig die Hand, als die Magie in mich zurückkehrte. Ay, cólera, es war wohl mal wieder Zeit für eine zünftige Verbrennung oder wie? Mierda.

Während ich zurücktaumelte und Alex Ángel stützte, hielt Edward die schrumpfende Schlange weiter für den Santero fest. Roberto baute den Schutzschild neu auf, und Totilas stellte sich weiter als lebender Block in den Weg des Monsters. Ángel schlug erneut zu, trat dann auf die Schlange und rammte ihr ein letztes Mal sein Schwert in den Bauch. Mit jedem Treffer wurde das Untier kleiner und kleiner, bis es mit einem letzten wütenden Zischen schließlich verdampfte und nur eine stinkende Pfütze magischen Glibber (a.k.a. Ektoplasma) zurückließ.

Sobald wir aus dem Nevernever zurückkamen, gab es erst einmal erste Hilfe für Ángels Arm (das Gift war zwar neutralisiert, aber bluten tat die Wunde natürlich dennoch) und meine Hand – Totilas‘ und Edwards Bisswunden waren dank ihrer übermenschlichen Kräfte tatsächlich schon am Verheilen – und eine Runde Proteinriegel für alle, aber vor allem für den völlig erschöpften, aber auch unendlich erleichterten Ángel.
In das einträchtige Kauen hinein sagte Totilas zu ihm: “Das war ein guter Kampf.”
Unser Paladin ließ ein wenig den Kopf hängen. “Ohne euch hätte ich es nicht geschafft.”
“Andere hätten es mit uns nicht geschafft”, erwiderte Totilas. “Es war ein guter Kampf.”
“Es liegt keinerlei Schwäche darin, sich Unterstützung zu holen”, hakte ich nach.
“Ich weiß ja, dass du recht hast”, gab Ángel zu”, es fällt mir nur schwer, das zu glauben. Aber ich weiß, dass du recht hast.”
Totilas lächelte. “Das ist doch schon mal ein Anfang.”

Währenddessen nahm Byron Alex beiseite, und die beiden redeten kurz miteinander. Was sie besprachen, erzählte Alex uns hinterher, aber ich schreibe es an dieser Stelle schon mal auf, damit ich es nicht vergesse. Byron wollte wissen, ob Alex es schon einmal erlebt habe, dass Geister einfach verschwänden, und Alex bejahte und erzählte von seinen Beobachtungen in letzter Zeit. Byron berichtete von ähnlichen Beobachtungen und davon, dass er an einer solchen Stelle auch eine Rabenfeder gefunden habe.
Mierda. Rabenfeder klingt ein bisschen wie Stefania Steinbach, die Raben-Denarierin.

Irgendwann kamen auch Ximena und Bjarki dazu, die irgendwie von der Aktion Wind bekommen hatten. Sie waren ein bisschen erstaunt, um nicht zu sagen angesäuert, weil Ángel sich uns anvertraut hatte, aber ihnen nicht, denn obgleich sie in letzter Zeit viel zu tun hatten, hatten sie ja doch mitbekommen, dass bei ihrem Freund und Kollegen etwas nicht in Ordnung war.
Ángel war ein bisschen verlegen, er habe eigentlich gar niemandem davon erzählen wollen, aber dann habe es sich so ergeben, dass wir bei der Sache involviert worden seien, und es tue ihm leid.
Dieser Austausch brachte Edward allerdings auf die Frage, ob Ángel auch den anderen Guardians von der Schlange und von der Denarier-Münze erzählen wolle, das sei seine Entscheidung.
Nach einigem Austausch befand Ángel, dass es besser sei, die anderen einzuweihen, denn zum einen wüssten Ximena und Bjarki ja nun auch schon davon, da könne man es auch den anderen erzählen, und zum anderen – und vor allem – wolle er keine Geheimnisse vor den anderen haben.

Wir werden uns nachher also mit den anderen treffen – wir haben im Zuge unserer ‚Übungen‘ mit unserer Guardian-Verbindung herausgefunden, wie wir uns im Kopf der anderen jeweils auf Wunsch ‚präsenter‘ machen können, um ein Treffen zu vereinbaren bzw. um die jeweils anderen wissen zu lassen, dass wir sie kontaktieren wollen.
Außerdem haben wir alle eine magische Münze für Notfälle – da hat jemand seinen Harry Potter gelesen! – und eine Chat-Gruppe für diejenigen unter uns, deren Magie nicht sämtliche technischen Geräte tötet.
Alex ist noch am Tüfteln, wie er eine solche Chat-Gruppe für alle von uns magiertauglich machen kann – wir haben schon gelästert, dass wir, sobald er eine magische Messenger-App entwickelt hat, wir diese an den Magierrat verkaufen und viel Geld machen können, dass wir uns aber eine Hintertür offenlassen sollten, um sie auszuspionieren. Wie gesagt, das war das für uns typische Herumgealber, aber grundsätzlich wäre eine magiertaugliche Chat-App echt nützlich.

Und oh, das habe ich ja noch gar nicht erzählt – wir haben uns vor einer Weile als gemeinsamen Stützpunkt ein kleines Haus in Miami Beach gekauft*, das wir als Ferienhaus deklariert haben. Es gibt etliche Ferienhäuser in der Gegend, und so fällt es nicht auf, dass niemand permanent darin wohnt und dass da immer mal unterschiedliche Leute aus und eingehen. Die Tür ist per elektronischem Zahlenschloss gesichert, so müssen wir auch kein knappes Dutzend Nachschlüssel anfertigen lassen. Die Thetys kam aus mehreren Gründen nicht in Frage: Erstens ist sie unser Hauptquartier im Sinne von ‚uns fünf‘, also uns Rittern im Gegensatz zu allen Guardians, zweitens ins der Weg hinaus in die Glades relativ weit und drittens dürften zwölf Leute da draußen mehr auffallen als fünf – immerhin liegt das Schiff in einem Versteck und soll auch versteckt bleiben.

Wie dem auch sei, ich bin froh, dass wir uns nicht gestern abend schon getreffon haben, denn gestern hat meine Hand trotz Kühlpack ganz schön wehgetan, und ich war auch noch echt fertig – wie muss es da erst Roberto und Ángel gegangen sein. Und vor allem musste die Wirkung der Pilze auch erstmal nachlassen. Wie vorhin schon erwähnt: Lidia war gar nicht amüsiert, als ich gestern a) angeschlagen und b) ziemlich high nach Hause gekommen bin.

*lies: Ich habe gekauft, unter mehr oder weniger großer finanzieller Beteiligung der anderen.

28. Februar, abends

Also, das Treffen.
Zunächst übernahm Ángel die Wortführung und berichtete von der Schlange einerseits und von dem Denarius, den er sichergestellt hat, andererseits, dann ergänzten wir noch ein bisschen, was es mit den Denarii und ihren Trägern auf sich hat, warum sie gefährlich sind und so weiter.
Dee war die erste, die daraufhin eine Frage stellte, nämlich dass es doch 30 Stück davon gäbe und was denn normalerweise mit ihnen passiere.
Und natürlich – hat irgendwer daran gezweifelt? – folgten darauf erst einmal launige Sprüche von wegen ‚in einen Vulkan werfen‘ und ‚das ist aber ein weiter und beschwerlicher Weg, einen aktiven Vulkan zu finden‘ und ’nein, da können doch Adler hinfliegen‘ und ‚wieso Adler, Bjarki kann sich doch einfach verwandeln‘.
Dann wurden wir aber ernst und begannen, wirklich darüber zu reden. Offenbar gibt es ja diese Ritter des Kreuzes, die aktiv gegen die Denarier arbeiten, und da es sich um eine biblische Begebenheit und den Verrat von Judas an Jesus handelt, ist sicherlich auch der Vatikan am Kampf gegen die Dämonisten beteiligt. Könnten wir den irgendwie kontaktieren, um uns Ángels Münze abzunehmen? Aber dem Vatikan trauten einige unter uns nicht so recht, und – padre en el cielo, perdóname – so ganz wohl war mir bei dem Gedanken auch nicht.

Da diese Überlegungen in diesem Moment nirgendwo hinzuführen schienen, fragte ich Ángel noch einmal nach den genauen Umständen seines Fundes. Es war vor ca. drei bis vier Wochen, sagte er, dass er die Münze in seinem Garten liegen sah. Vor drei bis vier Wochen lässt vermuten, dass es nicht Stefania Steinbachs Denarius gewesen sein dürfte, da Byrons Fall eines verschwundenen Geistes samt Rabenfeder erst hinterher passierte, als Ángel die Münze schon in Verwahrung hatte. Und direkt in seinem Garten, das deutet darauf hin, dass jemand den Silberling absichtlich dorthin gelegt hat, um Ángel eine Falle zu stellen. Aber wer könnte das Ding dort platziert haben? Ein anderer Münzträger, vermuteten wir. Aber wer? Und hat dieser vermutete andere Träger seinen Denarius dafür aufgegeben oder einen unbenutzten verwendet?
“Wie ist das eigentlich”, überlegte Edward laut. “gehört die Münze jemandem oder gehört jemand der Münze? Hat der Denarius vielleicht seinen Träger dazu gebracht, ihn abzuwerfen? Donovan Reilly zum Beispiel?”
Donovan Reilly kann es eigentlich nicht gewesen sein, der ist ja im Sumpf verschwunden. Außer natürlich, er hat es inzwischen rausgeschafft, ohne dass wir es mitbekommen hätten – was ein zutiefst beunruhigender Gedanke wäre. Aber abgesehen davon war das ein interessanter Gedanke.
“Die Münze verlässt ihren Träger, meinst du?” fragte ich. “So ein bisschen wie der Eine Ring, der Gollum verlässt?”
Edward runzelte die Stirn. “Hm, das hab ich jetzt nicht so direkt gedacht, aber doch, ich sehe da gewisse Parallelen.”
“Ihr redet von Lucas, oder?” warf Roberto ein, was mich mit den Augen rollen ließ. “Roberto trollt wieder.”
“Wir reden von einem guten Buch.” Edward stutzte. “Ich kann nicht glauben, dass ich das gerade gesagt habe.”
“Welches Buch?”
“Tolkien. Der Hobbit. Der Herr der Ringe.”
Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln. “Ich hab‘ ein Déjà Vu, Leute. Vor ein paar Jahren haben wir doch genau dasselbe Gespräch geführt.”

Nach diesem kleinen Abschweifer einigten wir uns schließlich darauf, dass die Münze bei Ángel am besten aufgehoben wäre, dass wir aber den Schutz um Ángels Haus noch weiter verstärken wollen, und zwar mit einer Mischung aus allen magischen Strömungen, die wir in unseren Reihen aufbringen können, nicht nur mit der Orunmila-Magie, die Ángel bisher angewandt hat. Das würde Ángels Haus zwar magisch strahlen lassen wie einen Weihnachtsbaum, prophezeite Alex, aber das wäre es wert.
Dee, unsere Spezialistin für Schutzmagie, schüttelte den Kopf. “Es geht auch ohne Weihnachtsbeleuchtung.” Man nehme nur Spencer Declans Haus: Es hat Wards bis an die Zähne, und man kann es nicht einmal finden.

Bei den Überlegungen zu dem Schutz für Ángels Haus fiel mir noch etwas ein. “Wenn dein Garten eine Falle war und sie die Münze absichtlich dort hingelegt haben, dann wissen sie, dass die Münze bei dir ist.”
Ángel warf mir einen unsicheren, leicht verwundeten Blick zu. “Du denkst also, bei mir sei sie nicht sicher?”
“Nein, ich habe doch gesagt, sie ist bei dir gut aufgehoben”, – und das meinte ich auch ehrlich – “aber  gestern habe ich noch gedacht: ‚Bevor sie durch die ganzen Wards kommen, müssen sie erstmal rauskriegen, wo die Münze überhaupt ist‘, und das wissen sie jetzt.”
“Dann haben sie den ersten Schritt halt schon geschafft”, sagte Alex, “na und?”
“Ich sag’s ja nur”, bekräftigte ich. “Die Münze ist trotzdem bei dir sicher und gut aufgehoben, wir müssen dein Haus nur aktiver im Bewusstsein behalten.”
Alex nickte langsam. “Und ‚die‘ wissen auch, dass du die Münze noch nicht angefasst hast. Sonst wäre deren Dämon schon freigekommen, und seine Präsenz wäre für die anderen Denarier spürbar, vermute ich.”

Totilas kam noch einmal auf diese Ritter des Kreuzes zurück, und ob man die nicht um Hilfe bitten könne. Aber die sind wohl offenbar nur maximal zu dritt, und wie man sie kontaktiert, wusste auch niemand von uns. Offenbar werden sie durch himmlische Vorsehung an den richtigen Ort geschickt, wenn sie irgendwo sein sollen, aber offenbar war unsere Situation hier noch nicht brisant genug, dass sie hierher geschickt worden wären. Nun gut, wenn sie auftauchen sollten, fein, aber wir werden unsere Pläne sicherlich nicht von ihnen abhängig machen.

4. März

Die Schutzmaßnahmen für Ángels Haus sind soweit abgeschlossen. Ich selbst kann es ja nicht so hundertprozentig beurteilen, aber das, was wir da an Wards hochgezogen haben, ist ein hochkomplexes Gespinst aus miteinander verwobener Magie ganz unterschiedlicher Art. Ich sage ‚wir‘, weil ich auch ein bisschen Sommermagie mit hineingegossen habe, aber auch wenn ich inzwischen ein gewisses Verständnis für diese Dinge erlangt habe, bin ich doch bei weitem kein Experte. Also habe ich mich bei der Planung nicht größer beteiligt, sondern meinen Teil nach Anweisung ausgeführt. Aber unsere Spezialisten sagen, diese Mischung aus unterschiedlichen Magieschulen mache die Wards stärker, als wenn sie einzeln um das Haus gelegt worden wären, und das klingt doch schon mal ganz ausgezeichnet in meinen Ohren.

Aber die Jungs planen irgendwas. Sie sind jetzt schon ein paarmal so verdächtig still geworden und haben ihre Gespräche unterbrochen, wenn ich irgendwo dazugekommen bin, und Pan hat letztens auch schon so wissend gegrinst und Andeutungen gemacht. Ich glaube, die sind wegen des Junggesellenabschieds zugange. ¡Santisíma madre, ayúdame!

6. März

Gerade hat Alex sich gemeldet. Ein Notfall. Irgendwas mit wandelnden Toten? Muss los.

Es waren tatsächlich wandelnde Tote. ¿Que demonios? Und mein Arm tut weh. Seufz.

Alex hatte ein Interview mit einem Lokalsender, weil denen auch irgendwann aufgefallen ist, dass das Hausboot unseres Kumpels seit knapp einem Jahr zu einem regelrechten Wallfahrtsort für einen außerhalb der entsprechenden Kreise doch eigentlich relativ unbekannten Santería-Heiligen geworden ist. Während eben dieses Interviews kam Dallas Hinkle mit beunruhigenden Nachrichten vorbei, die Alex dazu führten, den Termin abzukürzen oder um eine Verschiebung zu bitten oder irgendwie so; genau hat er es nicht gesagt. Jedenfalls berichtete Dallas, sie habe Mr. Andreotti gesehen, den Metzger aus ihrer Straße, der herumlaufe und an Häusern schnüffele. Das Problem: Mr. Andreotti sei vor drei Jahren verstorben. Geistesgegenwärtig hatte Dallas auch ein Foto gemacht, und das zeigte sie Alex: Er sah tatsächlich aus wie eine Leiche, die drei Jahre lang in einem Sarg gelegen hatte.

Sobald wir uns getroffen hatten, fuhren wir gemeinsam, einschließlich Dallas, zu dem Ort. Unterwegs grübelten wir herum, was los sein könnte, und ob vielleicht die Gottheiten der Unterwelt ein Problem hätten. Ich habe ja Haleys Nummer gespeichert – ich weiß gar nicht mehr so genau, seit wann, aber mal mindestens, seit ich damals in Schottland war – und rief bei ihr an, in der Hoffnung, dass sie gerade nicht in Helheim wäre, sondern mein Anruf durchkäme. Tatsächlich ging sie ans Telefon und versicherte mir, was sie beträfe, sei im Moment alles in Ordnung. Aber mit den anderen – Kali, Morrigan, Hades, Orcus, Eleggua und wie sie alle heißen – hätte sie relativ wenig zu tun, die seien alle so humorlos. Okay, nein, Eleggua nicht, der sei nicht humorlos. Aber die meisten anderen schon, deswegen hänge sie nur wenig mit denen herum.

Als wir ausstiegen, versuchte ein Junge – Dallas hatte noch im Auto auf ihn gezeigt und gesagt, das sei Javier, den habe sie beauftragt, die Situation im Auge zu behalten, während sie Alex warnen ging* – gerade vergeblich, einen anderen Teenager davon abzuhalten, ein Handy-Video von dem lebenden Leichnam zu drehen und ihm einen kräftigen Stups zu versetzen. Dummerweise war der Zombie alles andere als amüsiert über den Stupser, drehte sich zu dem Jungen um und wollte sich auf ihn stürzen. Ich war bereits nahe genug dran, dass ich den Jungen beiseite schubsen konnte, aber dafür gruben sich die fauligen Zähne der Leiche in meinen eigenen Oberarm. ¡Culo!
Während der Teenager schreiend davonrannte, sprach Alex den wandelnden Toten mit seinem Namen an und fragte, warum er hier sei und was er suche, aber Mr. Andreotti war zu sehr mit mir beschäftigt und achtete überhaupt nicht auf Alex.

Edward versuchte, den Zombie festzuhalten, damit er mich nicht länger erreichen und Alex ihn befragen konnte, aber das klappte auch nicht so richtig. Immerhin, Andreotti ließ mich in Ruhe und schlug mit seinen erdigen Fingern nach Edward, ohne ihn aber zu treffen.

Inzwischen blieben immer mehr Menschen stehen und gafften, und deren Aufmerksamkeit lenkte Roberto ab, indem er so tat, als sei das hier das Set eines mit billigsten Mitteln gedrehten Films, und anfing, uns Regieanweisungen zuzurufen. Javier unterstützte das geistesgegenwärtig, indem er das Handy, das der flüchtende Teenager hatte fallen lassen, auf die Szene richtete. Die List war leider ein bisschen zu überzeugend, denn sie weckte erst recht das Interesse der Leute: „Was dreht ihr denn da? Kommt das auch ins Kino?“
Roberto, nicht auf den Mund gefallen, hatte sofort eine Antwort parat („Zombies in Miami, nächstes Jahr!“), aber nun sah die Menge eher noch genauer auf das, was wir da machten, und irgendwann musste jemandem auffallen, dass da etwas nicht stimmte.

Totilas stürmte zu Roberto hin, baute sich mit in die Seiten gestützten Händen vor ihm auf und zog eine filmreife Telenovela-Nummer ab: „Das ist meine Show! Wie kannst du es wagen, mir meine Show kaputtzumachen!“
Das reichte für die Menge. Die Leute lauschten begeistert, achteten nur noch auf Totilas und Roberto, der geistesgegenwärtig einstieg, und kümmerten sich nicht mehr groß um unsere ‚Filmaufnahmen‘.

Aber sicher war sicher, vor allem für das, was ich jetzt vorhatte. Also rief ich einem imaginären Kameramann „Das Speziallicht jetzt!“ zu, bevor ich mich auf das Sommerkribbeln in mir konzentrierte und die ganze Szenerie in das beruhigende Licht eines sonnendurchfluteten, trägen Sommertages auf einer blühenden Wiese tauchte, wie ich das ja in den letzten Jahren schon einige Male getan habe. Die friedfertige Stimmung trug tatsächlich dazu bei, dass der Zombie sich beruhigte und aufhörte zu zappeln und zu kämpfen, und Alex sprach ihn noch einmal direkt an, aber der Leichnam antwortete nicht.

Während wir Mr. Andreotti vorsichtig zur Seite führten, ’stritten‘ Roberto und Totilas heftig weiter, und ein paar Neugierige wollten wieder wissen, was denn hier gedreht werde. Edward redete sich heraus, er sei nur Security, aber der Teenager Javier erzählte schnell etwas von einer Telenovela mit Zombies. Ganz im Geiste einer Telenovela ließen Totilas und Roberto ihren ‚Streit‘ in einem leidenschaftlichen und von den Umstehenden bejubelten Kuss enden, bevor die Menge sich langsam zerstreute. Puh.

Nachdem Alex die Bisswunde in meinem Arm desinfiziert und mit Verbandszeug aus seinem Auto versorgt hatte, versuchte er noch einmal, mit Mr. Andreotti in Kontakt zu treten. Der wandelnde Tote konnte nicht sprechen, aber er hatte vermutlich einen Geist in sich, mit dem Alex reden könnte. Also betrachtete unser Kumpel ihn auf der Geisterebene genauer, wozu vorher keine Ruhe gewesen war, und stellte jetzt fest, dass der Geist keiner von Adlenes Halsbandsittichen war, aber offenbar doch von irgendetwas kontrolliert wurde und offenbar nicht genug eigenes Bewusstsein hatte, um kommunizieren zu können. Jetzt, wo das träge Sommerlicht geendet hatte, fing er auch wieder an, herumzuwandern und offenbar irgendetwas suchen zu wollen.

Was nun, war die Frage – sollten wir die lebende Leiche einfach laufen lassen?
Das sicherlich nicht, aber bevor, bzw. während, wir Andreotti folgten, erweiterte ich mein Bewusstsein und suchte in meiner Wahrnehmung von Miami nach Untoten bzw. nach Flecken erhöhter Aufmerksamkeit unter der Bevölkerung. Ich fand sechs solcher Punkte in der ganzen Stadt verteilt, aber nicht alle geistigen Blips gingen mit erhöhter Aufmerksamkeit einher – sprich dort waren die wandelnden Toten offenbar noch von niemandem gesehen worden.

Bevor wir überlegen konnten, ob wir uns aufteilen und diese Hotspots getrennt aufsuchen sollten, blieb Andreotti unvermittelt an einem Laden („Ye Olde British Shoppe“ stand in mittelalterlich angehauchten Lettern auf dem Schild) stehen und schlug übergangslos dessen Scheibe ein, bevor er hineinzuklettern begann. Unsere Versuche, ihn aufzuhalten und ruhigzustellen, klappten dabei nur begrenzt, und so konnten wir ihn nur festhalten, nachdem er schon zur Hälfte hineingekrochen war. Drinnen waren ein Kunde, der entsetzt aufschrie, und eine Verkäuferin, die beherzt eines der zum Verkauf stehenden Zierschwerter packte und sich in Verteidigungsposition brachte, aber glücklicherweise nicht eingreifen musste, weil es Alex nun, wo wir anderen ihn festhileten, gelang, den lebenden Leichnam mit Kabelbindern so zu fixieren, dass der sich nicht mehr rühren konnte.

Die Verkäuferin kam zu uns heraus und wollte wissen, was los sei, und auch der Kunde aus dem Laden war fest davon überzeugt, dass mit Andreotti etwas nicht stimmte. Tatsächlich begann der Zombie sich jetzt kräftig gegen seine Fesseln zu wehren und in Richtung der jungen Frau zu drängen – offenbar hatte er in ihr das gefunden, was er in dem Laden gesucht hatte.
Während Edward den wandelnden Toten zum Auto bugsierte, zückte Totilas eine Visitenkarte und erklärte so unverfroren und vor allem überzeugend, wie nur er das kann, das sei ein aus dem Sanatorium ausgebrochener Patient, und der Schaden würde selbstverständlich ersetzt werden.
Weil die junge Frau einen schottischen Akzent hatte, kam mir der plötzliche Verdacht, sie könne vielleicht von Ruairidh MacCormac abstammen. Darauf wollte ich sie aber nicht direkt ansprechen, also versuchte ich es mit: „Es tut uns alles sehr leid, Ms. …“, wobei ich das letzte Wort als Frage in der Luft hängen ließ.
„Wallace“, antwortete sie, was meine Theorie von Clan McCormac schön zerplatzen ließ, „Claire Wallace.“

Aber Ms. Wallace achtete kaum auf mich. Nach seiner charmanten Überzeugungsaktion eben hatte sie nur Augen für Totilas. Ihm erzählte sie auf seine Frage hin, sie sei Studentin und studiere europäische Geschichte, und als er sich interessiert zeigte, ging sie auch etwas ins Detail. So berichtete sie beispielsweise von dem Freiheitskämpfer William Wallace, der ihr Vorfahr sei. Edward erkundigte sich nach Rory McCormac, aber über den wusste sie auch nichts anderes als wir. Die Geschichte, die sie uns über ihn erzählte, war genau die, die wir schon kannten.

Während des Gesprächs hatte Alex bereits das eingeschlagene Fenster ausgemessen und ein paar Telefonate geführt – und tatsächlich fuhr kurze Zeit später ein Wagen vor und lieferte eine neue Scheibe an. Die baute Alex ein, während Roberto einen Rundruf an die anderen startete und ich mein Bewusstsein noch einmal über die Stadt wandern ließ, um nach den anderen Hotspots zu schauen. Tatsächlich waren die Aufmerksamkeitsflecken größer geworden, einer davon sogar deutlich – es gab offenbar Verletzte.

Dort war die Polizei schon vor Ort, als wir ankamen. Sie lösten die Menschenmenge mit der Erklärung auf, ein wildes Tier habe randaliert. Ein Krankenwagen war auch bereits gekommen, der gerade die Verletzten versorgte. Eine ältere Dame sagte aus, der ‚Mann‘ hätte ununterbrochen von „Schotten“ geredet – nicht hasserfüllt, aber entschlossen, aber er habe offenbar dringend Schotten gesucht und gewollt. Die beiden Cops hatten den Zombie getasert und fixiert, waren aber nun von der Situation etwas überfordert und ratlos – auf die Idee, das SID zu rufen, waren sie bisher nicht gekommen, deswegen erledigte Edward das jetzt.

Lt. Townsend schickte Suki Sasamoto und Salvador Herero**, denen Edward berichtete, dass wir einen weiteren dieser Zombies für sie im Auto hätten und dass noch einige weitere anderswo in der Stadt unterwegs seien.
Wir teilten uns in drei Teams auf – ich begleitete Suki und Salvador – und fuhren die Hotspots ab, und so gelang es uns, alle Zombies einzusammeln und in einer entsprechend gesicherten Zelle im SID unterzubringen. Dort standen sie nicht still, sondern suchten weiter herum. Nicht alle waren so lange tot wie Mr. Andreotti; einige Leichen waren frischer, manche auch noch etwas älter – aber alle sahen sie eher nach mediterraner Herkunft aus und nicht nach Schotten.

Dabei beließen wir es dann für heute – der Tag war doch ganz schön anstrengend, ganz zu schweigen von schmerzhaft, und alles Weitere kann eine Nacht lang warten. Für morgen früh haben wir uns wieder im SID mit Lt. Townsend verabredet.

* Eigentlich hätte Dallas auch bei Alex anrufen können, fällt mir dabei auf. Ich bin ja immer noch der Meinung, sie interessiert sich für ihn und ist für jede Ausrede Gelegenheit dankbar, ihn persönlich treffen zu können.

** Suki: „Lange nicht gesehen.“
Edward: „Wir haben da von einem Zombieproblem gehört.“
Suki: „Erschießen?“
Edward: „Desinfizieren und Beobachten.“

7. März

Mierda, es ist nur etwas über eine Stunde Zeit, bis wir wieder in Miami sind. Egal, muss reichen, oder wie weit ich eben komme. Sorry wieder mal für das Gekrakel – Alex tritt ganz schön auf die Tube.

Also los. Ablenkung ist gut gerade.

Als wir ins SID kamen, hatten wir erst eine kurze Unterredung mit Lt. Townsend, die sich bereiterklärte, uns, obwohl Edward ja nicht mehr bei der Polizei ist, die Sache mit den Zombies zu überlassen.

Die Zombies mussten ja von irgendetwas aufgeweckt worden sein, und Alex hatte ja gesagt, dass sie unter irgendeiner Kontrolle stünden, also war der nächste logische Schritt, herauszufinden, wer oder was dieser Einfluss war, der sie aus den Gräbern kriechen und nach Schotten suchen ließ. Und wie ließ sich dieser Einfluss am besten identifizieren? Blöde Frage. Edward war involviert. Mit einem Ritual natürlich, Römer und Patrioten.

Edward hat da dieses Buch, das er manchmal bei seinen Ritualen benutzt, wenn es um eher theoretische Fragen geht. Das Buch an sich ist leer, aber in ihm erscheinen dann auf magische Weise die Antworten auf Edwards Fragen. In diesem speziellen Fall entstand langsam das Bild eines mediterran aussehenden, irgendwie düster wirkenden Mannes auf dem Papier, darunter das Wort „Orcus“. Orcus, die römische Gottheit der Unterwelt – das würde zu den wandelnden Toten und deren ebenfalls durchgehend mediterranem Aussehen passen. Also der römische Totengott. Yay. Dann sollten wir den wohl kontaktieren. Nur wie?

Um einen ersten Anhaltspunkt zu bekommen, rief ich wieder bei Haley an. Die klang nach einer Mischung aus amüsiert und ungehalten und erklärte, einmal sei ein Freebie, zweimal koste, wenn ich also eine Auskunft wolle, brauche sie eine Gegenleistung. Zum Glück wurde es wenigstens nicht das sonst so gern genutzte ‚Gefallen schulden‘ (hätte ich der nordischen Totengöttin wirklich einen Gefallen schulden wollen?), sondern ich sollte mich dazu verpflichten, irgendwann ein- oder zweimal den Babysitter für eine Gruppe Helheim-Touristen zu spielen, weil Bjarki sich immer so darüber beschwere, dass er ständig dazu abkommandiert werde. Nach kurzem Überlegen sagte ich zu – die Gruppe, der wir begegnet sind, war ja ganz umgänglich. Ein bisschen mulmig ist mir bei dem Gedanken allerdings dennoch. Wenn du das mal nicht irgendwann bereuen wirst, Alcazár.

Nachdem das geklärt war, erzählte ich, wie ich auf den Namen kam und fragte Haley nach Orcus. „Ach, der Orcus“, antwortete sie. „Das hat bestimmt einen tiefen, tragischen Grund. Der Gute ist schrecklich tiefsinnig. Habt ihr es schon in seinem Heiligtum versucht?“
„In Rom?“
Nein, wie sich herausstellte, hat Orcus wohl inzwischen auch hier in Miami eine heilige Stätte. Das haben offenbar inzwischen die meisten oder alle der Gottheiten, die sich regelmäßig hier aufhalten.
Orcus‘ Heiligtum befindet sich offenbar in der Nähe einer Pizzeria auf einem kleinen Friedhof in einer Krypta.
Memo an uns: Wir sollten eine Liste erstellen.*

An der Krpyta – übrigens ganz nahe dessen, wo gestern einer der lebenden Toten herausgekommen war – hingen einige Goths herum und verbrannten Weihrauch. Totilas und ich gingen hin, um mit ihnen zu reden – als sie fragten, wie wir auf Orcus kämen, erklärte Totilas, er interessiere sich für Untote und okkulte Phänomene, während ich sagte, ich hätte ein akademisches Interesse an der altrömischen Religion. (Was ja nicht mal gelogen ist.)
Wenn wir mit Orcus reden wollten, sagten die Goths, könnten wir das in der Krypta tun, aber wir sollten Kerzen mitnehmen, keine Taschenlampen. Die möge Orcus nicht so.
Totilas fragte dann noch, ob es besondere Verhaltensweisen gebe, die wir beachten sollten.
„Höflich sein“, erwiderte eine der Goths, eine junge Frau, die offenbar deren Anführerin zu sein schien. „Nennt ihn nicht ‚Orci-Dude‘ oder so.“
„Es gibt doch bestimmt Rituale“, hakte Totilas nach.
„Ja, aber die sind den Eingeweihten vorbehalten. Oder wollt ihr dem Kult des Orcus beitreten?“
„Reden reicht“, fiel ich schnell ein. Reden schön und gut, aber ich habe es ja schon mal gesagt: Ich werde nicht mal zur Tarnung so tun, als wolle ich eine fremde Gottheit anbeten.
Die Goth warf mir einen abschätzenden Blick zu. „Ja, das habe ich mir schon gedacht, irgendwie.“

Gegen einen kleinen, der Höflichkeit geschuldeten Obulus, über den die Goths sich durchaus freuten, nahmen wir je ein Grablicht mit hinunter in die Krypta. Unten angekommen war die Gruft größer, als sie es eigentlich hätte sein dürfen. Etliche Säulen stützten die Decke, und ein Altar stand in der Mitte, aber ansonsten war der Raum leer.
Als wir höflich nach ihm fragten („Werter Orcus, wir würden gerne mit Euch reden“ – ungefähr derselbe Tonfall, indem ich in die Luft gesprochen hatte, als ich um ein Gespräch mit Odin bat), erschien der römische Totengott in der Nähe des Altars. Er sah genauso aus wie auf der Zeichnung in Edwards Buch, ganz der Typ interessant-tragisch-melancholisch-gutaussehend, und er war ziemlich kurz angebunden und wenn nicht barsch, dann doch herrisch-kühl.
Ja, er habe seine Abgesandten losgeschickt. Die Morrígan sei verschwunden, und er wolle sie wiederhaben. Dass seine ‚Abgesandten‘ Schrecken verbreitet, Menschen verletzt und Schäden angerichtet hatten, war ihm herzlich egal. Was kümmerten ihn die Befindlichkeiten von Sterblichen? Die Morrígan sei verschwunden, sie sei nicht zu ihrem vereinbarten Treffen gekommen, er wolle sie wiederhaben. „Also findet sie, bevor die Stadt brennt.“
Ganz waren wir aber noch nicht bereit zu gehen, und fragten noch etwas weiter. So erfuhren wir, dass Orcus vor den wandelnden Leichen er seine Priester ausgesandt habe, aber die seien ineffizient gewesen, deswegen die Abgesandten.
„Die waren aber doch auch ineffizient“, warf ich ein.
„Immerhin haben sie dazu geführt, dass ihr jetzt hier seid.“
„Trotzdem waren sie ineffizient.“
„Nun, jetzt wissen meine Priester ja, wo sie euch Wächter von Miami finden, wenn sie euch brauchen. Und wenn euch die Stadt so sehr am Herzen liegt, wie ihr sagt, dann findet die Morrígan.“
Sprach’s und verschwand.

Draußen tauschten wir Nummern mit der jungen Goth, die sich nun als ‚Lucretia‘ vorstellte, sich als Hohepriesterin des Orcus hier in Miami zu erkennen gab und von ihrem Angebeteten (hier im wahrsten Sinne des Wortes) völlig hin und weg war: „Ist er nicht ein Traum?“ Von Edward bekam sie dessen Visitenkarte („Rituale & Recherchen“).
Bevor wir gingen, fragte ich Lucretia noch, wie die Priester des Orcus eigentlich genau nach der Morrígan gesucht hätten. Sie hätten ein Ritual durchgeführt, um sie zu finden, erwiderte die junge Goth, und auf Edwards Nachfrage beschrieb sie die Vorgehensweise dabei. So hätten sie zum Beispiel eine Rabenfeder dabei benutzt, weil Morrígan ja eine Rabengöttin sei. Edward nickte verstehend und durchaus anerkennend – hinterher dann, als wir unter uns waren, sagte er, die Methode der jungen Leute sei etwas laienhaft gewesen, aber durchaus erfolgversprechend – wenn es denn etwas zu finden gegeben hätte.

Aber die Erwähnung der Rabenfeder und von Morrígan als der Rabengöttin brachte uns auf ganz einen anderen Gedanken. Könnten die Federn, die an den Orten der verschwundenen Geistern gefunden wurden, eventuell von der Morrígan gewesen sein und nicht von Stefania Steinbach in ihrer Dämonengestalt?
Das passte allerdings nicht, da die Federn an den Geisterorten scharfkantig gewesen waren, wie Steinbachs Dämonenfedern es eben sind, Morrígans Rabenfedern aber vermutlich – hoffentlich! – ganz normale Federn sein dürften. Dennoch gab Totilas die Theorie nicht ganz auf: „Was, wenn Steinbach als Rabendämon ein Interesse an der Morrígan als Rabengöttin hat?“

Wie wir herausfanden, liegt Morrígans Heiligtum liegt im Veteranenfriedhof South Florida National Cemetery ein Stück nördlich von Boca Raton, also etwa eine Autostunde von Miami Beach entfernt.
Bei der Recherche danach stellten wir übrigens fest, dass wir die unterschiedlichen heiligen Stätten im Geist spüren können, wenn wir uns auf die jeweilige Gottheit konzentrieren. Lake Worth, wo Morrígans Heiligtum liegt, liegt zwar technisch gesehen schon außerhalb Miamis, aber können wir dennoch dessen Präsenz in unserem Bewusstsein greifen, weil Morrígan eine Verbindung zu Miami und damit zu uns hat? Oder weil sie von Miami aus kam? Oder weil sie selbst es für einen Teil von Miami hält? Oder weil Miami es für einen Teil von sich selbst hält? Vielleicht erzählt sie es uns mal, wenn sich eine Gelegenheit ergibt. Solange aber: Fragt mich nicht, Römer und Patrioten. Es funktionert, das reicht mir.

In einer abgelegenen Ecke des Veteranenfriedhofs floss ein Bach, der mit einiger Sicherheit früher dort nicht geflossen war und der vor allem keinen Abfluss und keinen Ursprung hatte. Priester der Morrígan waren keine zu sehen, und Totilas‘ Ruf brachte keine Reaktion.
Auf einem der Grabsteine in der Nähe saß ein Rabe, der uns neugierig anschaute. Wir überlegten, ob es vielleicht etwas Besonderes mit ihm auf sich hatte**, und sprachen ihn an, aber der Vogel putzte sich nur mit dem Schnabel das Gefieder, pickte etwas auf und verlor das Interesse, also war es wohl doch nur ein ganz normaler Rabe. Da gab es tatsächlich auch noch einige mehr in der Umgebung.

Irgendwie wurden wir den Gedanken an Stefania Steinbach nicht los. Was, wenn sie die Morrígan in ihrer Gewalt hat? Was könnten wir dann tun? Ich meine, wo wir Steinbach finden können, wissen wir, aber wir können ja schlecht in die Ermita de la Caridad marschieren von wegen: „Du hast die Morrígan entführt, rück sie raus!“

Totilas hatte die Idee, Eoife zu kontaktieren. Der schottische Halbgeist konnte uns zwar nicht direkt dabei helfen, die Morrígan ausfindig zu machen, aber immerhin konnte sie uns einige Informationen über die keltische Mythenfigur geben. Sie habe gelegentlich Kontakt zu ihr, und sie verstünden sich recht gut, trotz ihrer drei Inkarnationen. Natürlich wollten wir wissen, was das für drei Inkarnationen seien, und erfuhren:
Als Morrígan ist sie die Rabengöttin, als Badb die Göttin der Schlacht und als Sweet Annie für die Toten. Zuletzt begegnet sind die beiden sich vor zwanzig oder vierzig Jahren oder etwas in der Art – kein großer Unterschied und kaum ein paar Tage für einen Jahrhunderte alten Geist, aber zu lange für unsere Zwecke. Sie versprach aber, die Augen aufzuhalten, bevor sie aus Alex verschwand.
Oh, und vorher fragte sie auch noch, wie weit wir bei unserer Suche nach ihrem Dämon schon gekommen seien. Da sich aber ziemlich gut versteckt hält und offenbar nicht gefunden werden will, hatten wir in dieser Hinsicht bisher noch keinen großen Erfolg. Das brachte uns aber, als Eoife dann fort war, auf den Gedanken, was eigentlich mit all den Weißvampirdämonen passieren würde, wenn der Erste stürbe. Wäre das, so ähnlich wie bei den Rotvampiren, eine Kettenreaktion auslösen? Und was für eine Auswirkung hätte das auf Totilas?

Über diese Frage sannen wir gerade noch nach, da drängte sich mit einem Mal etwas in unser aller Bewusstsein: eine Auseinandersetzung am Hafen! Okay, Auseinandersetzungen am Hafen hatten wir in den letzten Monaten schon öfter gespürt, aber der Hafen ist Ciceróns Gebiet, da mischen wir uns üblicherweise nicht ein.
Aber das hier ist was anderes. Das ist viel größer, viel heftiger, und vor allem: Unsere Leute sind am Verlieren!
Mierda, mierda, mierda. Noch halten sie durch, aber: ¡mierda!

Wir sind gleich da. Fahr schneller, Alex!

* Beim Reden über die Präsenz der ganzen Gottheiten in der Stadt und über die Probleme, sie im Zaum zu halten, kam es übrigens auch zur Frotzelei des Tages.
Edward: „Es heißt ‚Miami, Magic City‘. Nicht ‚Miami, Divine City‘ oder ‚Miami, Deity City‘ oder ‚Miami, Divinity City‘.“
Ich: „Hmmm. ‚Divinity‘ klingt nach einem Kaff in Arkansas, wie ‚Temperance‘ oder ‚Redemption‘.“
Roberto: „Das ist doch <em>die</em> Drohung: ‚Benimm dich, oder du kommst nach Divinity, Arkansas!'“

** Totilas: „Ist das ein normaler Rabe, oder kann der was?“
Edward: „Er kann fliegen, oder was meinst du?“

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Fate, Miami Files, Pen & Paper

Kommentar hinterlassen:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.