Die Geschichte von Shynassar und Lilié (10)

Es kam dem Magier so vor, als hätte er gerade erst die Augen geschlossen, da wurde er von drängender Hand wachgerüttelt. Kyuri stand mit Eile im Blick neben seinem Bett. „Ich habe einen Fehler gemacht. Wir müssen fort. Jetzt gleich.“
Shynassar zögerte nicht lange, sondern folgte seiner Beschützerin umgehend. Erst als sie Sonnenfels ein gutes Stück hinter sich gelassen hatten, erklärte sich die Runenritterin bereit, das Tempo ein wenig zu reduzieren und ihm zu sagen, was geschehen war.
In dem Taurendorf hatte sich auch eine Sin’dorja aufgehalten, und Kyuri hatte nicht aufgepasst und sich von der fremden Elfin sehen lassen. Angesichts ihres Verhaltens befürchtete Lady Silberblatt, dass es sich bei der Sin’dorja um einen Spitzel der Magistrix Sonnenlauf gehandelt habe und dass sie somit aufgeflogen seien. Der einzige Vorteil: Die Fremde hatte nur Kyuri gesehen, nicht ihren Begleiter, und so war des Magiers Tarnidentität als verschrobener Kräuterkundler fürs erste gesichert.
Dennoch beschlossen sie, sich besser für eine Weile zu trennen. Die Lady Silberblatt wollte einen Bogen zurück schlagen und sehen, ob sie tatsächlich verfolgt wurden, und sie schlug vor, dass Shynassar sich solange in eine der buntesten und somit sichersten Mengen mischte, die sie sich im Moment vorstellen konnte. Es wurde nämlich derzeit gerade das Mondfest gefeiert, und während Zeichen der Feierlichkeiten in vielen Dörfern und allen Städten zu sehen waren, spielte sich der größte Teil des Festes in Moonglade ab. Und genau dorthin schickte Kyuri den Sin’dor, durch eines der in den Dörfern allgegenwärtigen Portale aus Mondlicht, während sie selbst am Wegekreuz zurückblieb und auf eventuelle Verfolger wartete.

[Ja, die Mondfest-Portale nach Moonglade stehen natürlich nur in den Hauptstädten. Aber IC passte es einfach besser, dass Shynassar direkt vom Wegekreuz aus aufbrach.]

In Moonglade traf Shynassar auf Lilié, die dem Fest ebenfalls einen Besuch abstattete und gar nicht damit gerechnet hatte, dem Magier hier zu begegnen. Zu seiner großen Überraschung und Freude trug die Sin’dorja keine Maske mehr, und auch die Narbe in ihrem Gesicht, die sie so lange gequält hatte, war verschwunden.
[Da fällt mir auf, dass mein zweiter Post in diesem Thread nicht korrekt war. Lilié bekam die Narbe nicht erst während ihrer „Ausbildung“ bei der Magistrix, sondern sie hatte diese – und trug deswegen die Maske – auch schon während ihrer allerersten Begegnung mit Shynassar. Bei dem Gespräch im Farstrider Retreat hatte er seine Studienpartnerin gefragt, ob er irgendwann einmal ihr Gesicht sehen dürfe (dass sich unter der Maske eine Narbe versteckte, wusste er zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht), und Lilié hatte ihn auf „irgendwann einmal“ vertröstet.]
Während die beiden Magier Hand in Hand über das Fest schlenderten, sich an den zahllosen Farben und sonstigen Eindrücken freuten und einfach die Atmosphäre genossen, erzählte Lilié, die auch wesentlich froher und gelöster wirkte als zuvor, wie eines der Bücher aus der Bibliothek der Talamirriéns sie endlich auf die richtige Spur geführt hatte und es ihr gelungen war, einen der Zauber, die sie schon einmal versucht hatte, derart zu modifizieren, dass er den gewünschten Effekt gezeigt hatte.
Der junge Patrizier war überglücklich – und verlieh dieser Freude in einem übermütigen Tanz mit Lilié auf einem der in hellem Mondlicht erleuchteten Punkte mitten auf dem Festplatz Ausdruck, ehe die beiden Sin’dorei sich schließlich nach Nighthaven in eines der dortigen Gasthäuser zurückzogen und nach einigen gewisperten Zärtlichkeiten müde, aber glücklich, eng aneinander gekuschelt einschliefen.

Shynassar erwachte von einem Rütteln an der Schulter, das ihn unsanft aus dem Bett rollte, und einer Hand auf dem Mund, die ihn daran hinderte, ein Geräusch zu machen. Er riss die Augen auf und erkannte Lady Silberblatt, die mit der freien Hand drängende Gesten machte und dann den Finger an die Lippen legte. Als die Runenritterin sicher sein konnte, dass der Sin’dor wach war und sich nicht durch Schreien verraten würde, nahm sie die Hand von seinem Mund und zog ihn mit einem gezischten „Kommt, schnell!“ mit sich. Sich immer wieder wachsam umsehend, Haken schlagend und jede Deckung ausnutzend, führte die Todesritterin Shynassar eilig von dem Dorf weg und am See entlang, bis sie schließlich in einer abgelegenen, von außen nicht einsehbaren Nische zwischen zwei Bäumen Halt machte. Ihr Gesicht war noch ernster als sonst, ihre Stimme noch grimmiger, als sie erklärte, dass, sie wisse nicht wie in diesem ganzen Trubel, die Schattenjäger sie entdeckt hätten und zielstrebig auf dem Weg nach Nighthaven seien. Kyuri selbst habe ihnen gerade so ausweichen und ihnen zuvorkommen können.

Einen Moment lang kochte beißendes Misstrauen in dem Magier hoch. Er hatte diese Schattenjäger nicht gesehen – woher sollte er wissen, ob die Runenritterin tatsächlich die Wahrheit sagte oder ob sie nicht vielleicht eine eigene Agenda verfolgte, wegen der sie ihn von Lilié weglocken wollte, nur um ihn dann verraten zu können?
Doch der junge Adlige rief sich selbst zur Vernunft. Er hatte keinerlei Grund, der Lady Silberblatt zu misstrauen; im Gegenteil, die untote Sin’dorja hatte ihm während ihrer langen Reise stets ihre Loyalität unter Beweis gestellt, ihm mehr als einmal das Leben gerettet, und wenn sie ihn wirklich hätte verraten wollen, so hätte sie schon etliche, deutlich besser geeignete Gelegenheiten dafür gehabt.

Etwas von diesen Gedanken mochte in seinem Gesicht zu lesen sein, doch der Patriziersohn sprach nichts davon aus, nickte lediglich und überlegte laut, welche Fluchtwege es gebe. Die Mondportale und die Flugmeister würden bestimmt überwacht, meinte Kyuri, doch es gebe einen weiteren Weg, den ihre Verfolger höchstwahrscheinlich nicht auf der Rechnung hätten. Moonglade war nämlich unter anderem durch einen Tunnel zu erreichen, der von feindlichen Furbolgs bewohnt war. Dies machte ihn als Fluchtmöglichkeit eigentlich derart ungeeignet, dass die Schattenjäger ihn hoffentlich nicht als Option in Betracht zögen.
Aber genau diesen Weg schlugen die beiden Sin’dorei jetzt ein, ganz gleich, wie wahnsinnig das sein mochte.

Sie liefen in enger Formation, die Todesritterin voran, Shynassar mit ebenfalls gezogenem Schwert und einem Feuerball in der Handfläche dicht hinter ihr, und so kämpften sie sich durch die feindseligen Bewohner des Tunnels.
[ic war für Shynassar, selbst wenn er inzwischen durch das ganze Herumreisen Level 17 oder so erreicht hatte, wieder mal Durchsterben angesagt, zumal Kyuri bei den Furbolgs eigentlich schon mindestens freundlichen Status erreicht hatte und zunächst gar nicht in der Lage war, Shynassar zu helfen, weil sie die Timbermaws nicht angreifen konnte, ehe ihrem Spieler einfiel, den Status von Hand auf „im Kriegzustand“ umzustellen.]
An einer Kreuzung aus Gängen und Treppen verschanzten sie sich kurz, um Atem zu schöpfen, dann schlugen sie nach einem kurzen Ausfall in den linken Gang den Weg nach rechts ein. Vielleicht ließen sich eventuelle Verfolger davon ja in die Irre leiten.
Der Gang führte stetig aufwärts, und noch ehe sie dessen Ende zu sehen bekamen, spürten sie, wie die Luft kühler wurde. Dann ließen sie den Tunnel hinter sich, noch immer etliche Furbolgs auf den Fersen, und es dauerte eine ganze Weile, bis sie alleine in der klirrenden Kälte der verschneiten nächtlichen Landschaft standen.

Und plötzlich, als alle direkten Gefahren vorläufig beseitigt waren und er zum ersten Mal seit ihrer Flucht dazu kam, durchzuschnaufen und einen klaren Gedanken zu fassen, hielt der Magier plötzlich inne.
„Lilié! Sie wird sich Sorgen machen, wenn sie aufwacht und ich bin nicht da…“
Kyuris ernster, fast mitleidiger Blick ließ ihm fast das Herz stillstehen. Und dann brachte die Klingenritterin mit kühlen, emotionslosen Worten seine Welt zum Einstürzen.
Die Schattenjäger hatten seine, Shynassars, Spur gezielt nach Moonglade verfolgt. Sie waren mit völliger Sicherheit bis ins Gasthaus gekommen, wo sie ihn nur knapp verfehlt hatten. Aber sie waren über die Situation informiert, wussten selbstverständlich über des Sin’dors Freunde und Mitstreiter bescheid. Natürlich hatten sie Lilié festgesetzt, als sie sie dort im Gasthaus vorfanden. Die Magierin war in diesem Moment entweder auf dem Weg zu oder befand sich schon wieder in den Fängen der Magistrix Sonnenlauf.

Shynassar stand wie vom Donner gerührt, als eine Flut von Emotionen, allen voran bittere Schuldgefühle, über ihn hineinbrach. Es hätte doch einen Weg geben müssen, Lilié vor diesem Schicksal zu bewahren; er hätte wissen müssen, dass genau dies passieren könnte; er hätte Lilié nicht schutzlos, friedlich schlafend und völlig ahnungslos im Gasthaus zurücklassen dürfen!

Die Lady Silberblatt riss ihn mit harschen Worten in die Realität zurück. Es sei alles zu knapp gewesen, habe sich wortwörtlich um Sekunden gehandelt, und sie habe sich schlicht und ergreifend nicht die Zeit nehmen können, um Lilié ebenfalls zu wecken und mitzunehmen. Es tue ihr leid – das glaubte Shynassar ihr sogar, so gepresst klang ihre Stimme – doch geschehen sei geschehen und des Magiers Wohlergehen ihre erste, ihre einzige Priorität. Seine Sicherheit sei ihr Auftrag, er sei es, der ihr anbefohlen sei, niemand sonst. Das einzige, was sie nun tun könnten, sei zu überlegen, wie die Situation – wie Lilié – zu retten sei.

Bei diesen Worten biss der junge Blutelf die Zähne zusammen und nickte grimmig. Geschehen war tatsächlich geschehen; er durfte sich jetzt nicht von seinem Schuldbewusstsein lähmen lassen. Das Wichtigste war nach wie vor die Magistrix zu finden, nur war diese Aufgabe jetzt noch drängender als zuvor, damit Lilié nicht noch mehr Zeit als sich gar nicht vermeiden ließ in ihren Klauen verbringen musste.

Doch zunächst nahm der Patriziersohn seiner Leibwächterin ein Versprechen ab: Sie musste ihm zusichern, Liliés Wohlergehen von nun an eine ebenso hohe Priorität einzuräumen wie seinem eigenen.
Dann eilten die beiden Kampfgefährten weiter und gelangten schließlich an eine beschilderte Wegkreuzung. „Sternenfall“ klang irgendwie nachtelfisch, ein weiteres Schild trug einen Namen, der auf undefinierbare Weise abgelegen wirkte, aber „Everlook“ machte einen vielversprechenden Eindruck, zumal hinter einem Hügel in der entsprechenden Richtung in nicht allzu großer Entfernung Rauch aufstieg.

Das „Everlook“ des Wegweisers stellte sich in der Wirklichkeit als eine von lebhaftem Treiben erfüllte Goblin-Siedlung heraus, was die Reisenden dazu nutzten, sich mit neuem Proviant auszustatten und dann unverzüglich den örtlichen Windreitervermieter aufzusuchen.
Weil die Zeit so sehr drängte, verzichteten die beiden Sin’dorei auf ihre üblichen Vorsichtsmaßnahmen, sondern buchten ohne Umschweife je einen Wyvern bis zum Freewind Post, derjenigen Hordeansiedlung, die dem Stützpunkt der Dunkeltauren am nächsten lag. Denn ohne weitere Anhaltspunkte mussten sie davon ausgehen, dass die Magistrix sich noch immer dort aufhielt und dass Lilié von den Schattenjägern zu ihr dorthin gebracht worden war.

Blieb nur zu hoffen, dass der Vorsprung der Forsaken nicht zu große Ausmaße angenommen hatte und dass Liliés Retter trotz der langwierigen Durchquerung des Furbolg-Tunnels und des Umwegs über Everlook schnell genug waren, um die abtrünnige Sin’dorja bei den Grimtotems aufzuhalten, ehe sie sich mit ihrer Gefangenen auf den Weg nach wer weiß wohin machte und ehe sie sich der Untersützung ihrer übrigen Schüler versichern konnte…

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Shynassar & Lilié, World of Warcraft

2 Antworten zu “Die Geschichte von Shynassar und Lilié (10)

  1. Wie ich ja auch schon Ingame meinte:
    Kopf Wand Kopf Wand Kopf Wand Kopf Wand Kopf Wand Kopf Wand …
    Prinzip sollte klar sein … Ich lasse mir viel verkaufen … ich stelle mir sogar vor das ihn jedem Kaff ein Portal zur Mondlichtung steht. Alles noch akzeptabel ABER wenn er wirklich verliebt wäre kommt ihm seine Liebste nicht erst nach 5Stunden durch ne Höhle rennen in den Sinn sondern gleich beim wach werden zumal er ja mit ihr im selben Zimmer war ….. Also echt das ist zuviel …….Aber ja ich weiß entweder die Flucht mit DK oder sterben mit der Magierin ^^ also nun ja solang das jetzt das einzinste so Hanebüchende bleibt gibt es nen dickes Llick und auch ein dummen drück fürs HAPPY END auch für diese zwei Süßen

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    • Das hat sich im Spiel tatsächlich genau so zugetragen. Vielleicht, weil Kyuri und Lilié vom selben Spieler gespielt werden und ja immer nur ein Charakter von beiden gleichzeitig online sein kann. Oder weil Shynassar so jung und unerfahren war und Kyuri so völlig sicher auftrat. Oder weil Shynassar davon ausging, dass man nur ihn selbst jagte. Aber so war es halt. 🙂

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