Die Geschichte von Shynassar und Lilié (12)

Am nächsten Tag ging es Lilié ein wenig besser, gut genug, dass Shynassar für beide ein Portal nach Silvermoon öffnen konnte. Die heimische Umgebung, weit weg von dem Ort des Geschehens und den misstrauischen Tauren, würde der Magierin einen deutlichen Schub zur Besserung geben, hoffte der Patriziersohn. Am besten die friedliche grüne Idylle der Eversong Woods, und so brachte er Lilié nach einem Abstecher in sein Elternhaus am nächsten Tag langsam, ohne jede Anstrengung, an den See vor der Stadt.
Sie verbrachten den Tag im milden Sonnenlicht dort, redeten und schwiegen, wie es gerade passte, und zunächst schien es Shynassar, als zeige sich bei seiner Liebsten tatsächlich ein Erfolg. Doch nur zu bald merkte er, dass es eben nicht half. Dass die Magierin sich ihrer alten-neuen Narbe schämte, sich in Silvermoon eingeengt und unglücklich fühlte. Und so sprach er einen spontanen Gedanken aus, fast ehe er sich dessen bewusst war, dass er es überhaupt tat: „Ich wünschte, ich könnte dich von hier fortbringen. Irgendwohin. Irgendwohin weit weg von hier, wo nur du und ich sind und wo du dich erholen kannst. Irgendwo, wo Meer ist, und Sonne.“
Lilié zögerte erst, sah Shynassar groß an, doch nun, da es ausgesprochen war, merkte er, dass er es völlig ernst gemeint hatte, und auch die Sin’dorja erwärmte sich für die Idee. Daher zögerten sie nicht lange, packten einige wenige Sachen für die Reise zusammen – der Magier nahm neben ein paar notwendigen Kleidungsstücken vor allem Bücher mit, weil er in den arkanen Nachschlagewerken nach einem Heilmittel für Liliés Narbe forschen wollte – und brachen früh am nächsten Tag auf.

Die beiden Sin’dorei reisten mit dem Zeppelin nach Grom’gol, weiter nach Booty Bay und von dort mit dem Schiff nach Kalimdor. Sie wussten eigentlich noch gar nicht so genau, wo sie überhaupt hinwollten: Shynassar hatte, als er seinen Vorschlag machte, zwar vage Gedanken an die Küste von Tanaris gehabt, doch das Wüstenklima erwies sich als zu heiß, zu ungastlich, und das Land als zu sehr von Banditen heimgesucht. Steamwheedle Port hätte eine Möglichkeit sein können, aber dort fehlte die Einsamkeit, die sie suchten. Aber in dem Küstenstädtchen hörten die Magier von einem Ort weiter im Süden am Meer: einem verlassenen Tauren-Hof, der schon seit Jahren leer stand und der bisweilen, aber nur sehr selten, von den Goblins für ihre Geschäfte verwendet wurde, so dass die beiden Elfen hoffen konnten, dort ungestört zu bleiben. Und so kauften sie in Steamwheedle Port ein kleines Segelboot und machten sich auf den Weg.

[Hier gehen ic und ooc ein wenig auseinander. Dieses leere Anwesen liegt eigentlich ganz im Süden von Silithus, und wir kamen hin, indem wir von Feralas aus richtig lange schwammen, so ca. 25 Minuten durchaus. (Shynassar hatte ja Lvl 35 noch nicht erreicht, und konnte daher die Elixiere des Wasserwandelns noch nicht verwenden. So ein Elixier und die Fähigkeit, auf dem Wasser zu reiten, hätten den Weg extrem verkürzt, aber das war ja leider nicht zu machen. :)). Aber für ic erschien uns die Lösung mit dem Boot von Steamwheedle Port irgendwie logischer.]

Der unbewohnte Tauren-Hof hielt tatsächlich alles, was Shynassar sich davon erhofft hatte. Das Anwesen bestand aus einem großen, behaglichen Wohnhaus im Tipi-Stil, einem Korral für die Kodos, die die vorigen Bewohner wohl gehalten haben mussten, einer Vorratshütte, einer windbetriebenen Getreidemühle und einem Brunnen. Dazu ein uralter Baum am Zaun des Korrals, der an heißen Sonnentagen fast dem ganzen Gelände Schatten spenden würde, üppiges Grün auf den Wiesen umher, und das weite, endlose Meer. Ja, dieser Ort war perfekt, fand der Patriziersohn.
Hier würde Lilié heilen können, hoffte er.

An diesem ersten Abend nach der Ankunft taten sie nicht viel außer sich häuslich einzurichten und einen kurzen Erkundungsspaziergang über das Gelände zu unternehmen. Dann legten sie sich nach der langen, ermüdenden Seereise recht früh zur Ruhe.
Den nächsten Tag begannen die beiden Magier mit weiterer Erkundung des Hofes und langen Gesprächen am Meer. Im Laufe der Unterhaltung ergab sich, dass Lilié nie das Schwimmen erlernt hatte, und so verbrachte Shynassar den Rest des Nachmittages damit, es ihr beizubringen. Als die Sin’dorja sich im Wasser sicher fühlte, schwammen sie eine längere Strecke nach Osten am Ufer entlang, bis sie vom Meer aus in einer Felswand einen dunklen Fleck entdeckten. Eine Öffnung? Neugierig gingen die beiden Elfen an Land und fanden tatsächlich eine Höhle, die sie natürlich erkunden gingen.
Anfangs war alles gut, der Ausflug in die Höhle interessant und spannend. [auch ooc übrigens: Es war schon irgendwie toll, so einen leeren, ausgedehnten Höhlenkomplex (nach demselben Grundschnitt wie die Yeti-Höhle in Hillsbrad z.B.) zu erforschen, wohin mit ziemlicher Sicherheit nur sehr selten andere Spieler außer uns vorgedrungen waren.] Aber dann – Shynassar merkte es erst gar nicht, aber je tiefer sie in die Höhle vordrangen, um so stiller wurde Lilié. Und in einer der hintersten Ecken der Höhle erstarrte sie plötzlich, begann dann unkontrolliert zu zittern und zu stammeln. Als Shynassar sie besorgt ansprach, schrie sie den Magier an, stieß ihn weg und verlor völlig die Beherrschung. Der Elf hatte alle Mühe, Lilié aus der Höhle herauszubringen, aber schließlich gelang es ihm, auch wenn er sie förmlich tragen musste. Draußen stützte er die Magierin bis ans Ufer, wo er sie vorsichtig zu Boden gleiten ließ.
Nach einer Weile hatte die Sin’dorja sich wieder soweit beruhigt, dass sie Shynassar erklären konnte, was dort drinnen geschehen war. Die Höhle hatte sie ohnehin schon, und um so stärker, je weiter sie in deren Tiefen vorgedrungen waren, auf fatale Weise an den Ort erinnert, wo Sionná Sonnenlauf ihre Schüler „ausgebildet“ hatte. Dann hatte sie in dem letzten Raum am Ende des Ganges den großen Haufen von Knochen gesehen, der in einer Ecke aufgehäuft lag, was die grausigen Experimente der Magistrix noch viel deutlicher wieder in ihr Gedächtnis zurückrief. Und das war in Liliés derzeitiger Verfassung einfach zu viel für die Magierin gewesen.

Dieser unselige Zwischenfall machte dem jungen Patrizier klar, wie labil Liliés Zustand noch immer war und dass es noch eine ganze Weile dauern würde, bis sie sich völlig erholt hätte, wenn das überhaupt jemals wieder möglich wäre. Dennoch verdrängte er diesen Gedanken, so weit er nur konnte, und konzentrierte sich völlig darauf, seiner Liebsten eine möglichst ruhige Umgebung zu verschaffen. Und tatsächlich vergingen die nächsten Tage friedlich und ereignislos. Tagsüber streiften die beiden Sin’dorei durch die Gegend – betraten allerdings die Höhle nicht mehr –, unternahmen kurze Segeltouren in ihrem Boot oder schwammen im Meer.
Abends führten sie lange Gespräche am Feuer oder studierten die Bücher, die Shynassar mitgebracht hatte. Denn immer mehr festigte sich in dem Magier die Überzeugung, dass die Heilung ihrer neuen Narbe entscheidend zur Stabilisierung von Liliés seelischem Gleichgewicht beitragen würde. Leider jedoch ergab der Lesestoff des Magiers zwar eine faszinierende Lektüre, die ihn zu einem anderen Zeitpunkt bestimmt stundenlang gefesselt hätte und sogar jetzt ab und zu ablenkte, aber leider nichts, was ihnen dabei weiterhalf, eine Lösung für Liliés Narbenproblem zu finden.
Einer der Bände jedoch enthielt einen Hinweis auf die Werke eines bestimmten Magiers der Kirin Tor, der dem jungen Adligen vielversprechend erschien. Die Kirin Tor in Dalaran waren dafür bekannt, dass sie nur sehr restriktiv neue Schüler annahmen, und Blutelfen schon gleich gar nicht – wenn Shynassar überhaupt in Betracht gezogen hätte, mit Lilié in ihrer unbeständigen Gemütsverfassung schon jetzt in das von Abenteurern aller Völker überlaufene Dalaran zu reisen. Aber ehe der Magierorden in die Sicherheit der arkanen Kuppel in Hillsbrad getrieben worden war, unter der die Stadt sich befand, bis sie nach Northrend versetzt wurde, hatten die Kirin Tor auch einige Außenposten außerhalb Dalarans besessen, darunter eine befestigte Burg. Und in dieser Burg, sagte die Fußnote in Shynassars Buch, seien die Werke des besagten Magiers unter anderem zu finden. Das Gemäuer stand nun natürlich verlassen und leer, aber der Patriziersohn hoffte, dass die Kirin Tor bei ihrem Abzug aus der Burg nicht alle Bücher hatten mitnehmen können und vielleicht noch etwas Nützliches dort zu finden war. Den Versuch war es allemal wert, zumal es eine nette Abwechslung sein könnte, dachte Shynassar. Lilié war ebenfalls sehr angetan von der Idee, und so begaben sie sich wieder auf die Reise.

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Eingeordnet unter Shynassar & Lilié, World of Warcraft

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