Die Geschichte von Shynassar und Lilié (13)

Es dauerte wieder einige Tage, bis sie im Grenzgebiet von Hillsbrad und Silverpine angekommen waren und die verlassene Festung der Kirin Tor aufsuchen konnten. Das Tor stand offen; die Mauern waren nur noch von Ratten und anderen wilden Tieren bewohnt, Wölfen, die den Weg in die Burg gefunden hatten.
Die beiden Sin’dorei durchsuchten das Gemäuer vom Keller aufwärts. Sie mussten sich etlicher wilder Bestien erwehren, doch in einer Kammer fanden sie die ehemalige Bibliothek. Und es waren mehr Bücher dort, als Shynassar zu hoffen gewagt hatte; offensichtlich waren viele der als weniger wichtig erachteten oder weniger gut erhaltenen Werke zurückgelassen worden. Nicht nur von dem Autoren, wegen dem sie hergekommen waren, fanden sich Bücher hier, sondern auch aus anderen Quellen.
Die beiden Magier hielten sich lange in der Bücherei auf, vor allem Shynassar begeistert von der Vielfalt des neuen Stoffes, den er hier vorfand. Etliche der Bücher waren ihm bereits bekannt, aber anderes war ihm völlig neu, und er konnte sich kaum losreißen. Auch Lilié fand mehrere Werke, die sie faszinierten: Die beiden wiesen einander immer wieder auf interessante Textstellen hin und mussten sich dann gegenseitig dazu ermahnen, nur soviele Bücher mitzunehmen, wie sie auch problemlos tragen konnten.

[Diese Burg war, wie man sich denken kann, Shadowfang Keep, und Arugal war zwar früher bei den Kirin Tor gewesen, aber wir wollten für unseren Plot trotzdem lieber erstmal einen „neutralen“ Ort. Also wurde Schattenfang von uns kurzerhand für ic als eine andere Burg definiert.]

Zurück in ihrem Zufluchtsort an der Küste stellte Shynassar die Suche nach einem Zauber für Liliés Narbe zunächst ein wenig hintenan, so schwer ihm das auch fallen mochte. Es gab in den Büchern genug anderes interessantes Material zu erkunden, und er wollte zuerst wieder in die ruhige Routine ihres Lebens hier zurückkehren, sehen, ob und inwieweit Liliés Heilungsprozess Fortschritte machte. Und das tat er. Es ging der Magierin mit jedem Tag ein wenig besser, auch wenn der Patriziersohn spüren konnte, dass sie eine Menge unverarbeitete Probleme noch immer tief in sich vergraben hatte.
Lilié erwähnte einmal, dass sie ihm so viel zu verdanken habe, was Shynassar überhaupt nicht so empfand. Um ihr zu zeigen, dass die Beziehung keineswegs so einseitig war, wie Lilié zu glauben schien, aber auch und vor allem, weil es ihn wirklich interessierte, sprach der Magier eines Tages in einem ihrer zahlreichen Gespräche über die Magie an, dass er zwar gut in der Theorie sei, ebenso wie in den nicht kampfbetonten Aspekten der Magie, er es in Sachen Kampfzauber aber keinesfalls mit Lilié aufnehmen könne. Vor allem nicht, was solche Sprüche anging, die nicht nur ein einzelnes Ziel, sondern gleich eine ganze Fläche betrafen. (Angriffszauber gegen einzelne Gegner hatte er ja auf seiner gefahrvollen Wanderung mit Kyuri Silberblatt anzuwenden gelernt.)

Daraufhin verbrachten sie einige Stunden damit, dass Lilié Shynassar einen ihrer Flächenzauber beibrachte [Das müsste Arcane Nova gewesen sein, meine ich, da Shynassar auf seiner niedrigen Stufe noch keinen anderen AE-Spruch beherrschte]. Im Gegenzug zeigte der Magier seiner Liebsten anschließend die Magie, die ihm noch immer am leichtesten fiel, oder besser gesagt, die seinem Naturell vielleicht am ehesten entsprach: Sie hatten ihre Übungen im Korral abgehalten und sich, als sie fertig waren, am Zaun niedergelassen. In der Umfriedung wuchs nicht mehr viel Gras, und Shynassar schloss die Augen und versenkte sein Bewusstsein hinunter in die Erde. Dort fand er die  Wurzeln und Samen der Pflanzen, die einst im Korral gewachsen waren. Sie schliefen, und der Blutelf berührte sie sachte mit seinem Geist, bewegte die Hände in dem komplizierten Muster des Zaubers und murmelte leise die Worte, die die Blumen aufwachen und ihren Weg an die Oberfläche suchen ließen. [a.k.a. Kräutersuchers Lifebloom. Das passte in dem Moment gerade perfekt. :)]
Eine der Blüten pflückte Shynassar und überreichte sie Lilié, die das Geschenk mit einem Lächeln entgegennahm.

Ab diesem Abend beschäftigten sie sich beim Studium der Bücher der Kirin Tor gezielt mit den Werken des Spezialisten in magischer Heilung, und schließlich fanden sie tatsächlich einen Weg: eine Weiterentwicklung des Zaubers, den Lilié schon beim ersten Mal verwendet hatte, mit einigen Zusätzen und Abwandlungen. Die beiden Magier waren voll vorsichtiger Hoffnung, doch als sie den Zauber wirkten, zeigte sich an dem Gesicht der Sin’dorja keine Änderung.
Lilié versuchte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, aber Shynassar konnte spüren, wie sehr der Misserfolg sie mitnahm. Und ihr offensichtlicher Kummer ließ ihn erneut einen Vorschlag anbringen, den er schon zuvor gemacht, den seine Liebste bisher aber abgelehnt hatte. Der Patriziersohn wusste zwar, dass Lilié sich bei Tauren extem unwohl fühlte, aber arkane Magie hatte nicht geholfen. Vielleicht jedoch gab es in der Naturmagie der Tauren eine Lösung.
Die Magierin sträubte sich noch immer ein wenig, doch es schien Shynassar, als sei dies mehr pro forma, denn sie erklärte sich dann doch recht schnell bereit, es zu versuchen. Sie wandte lediglich ein, dass die Tauren sie vielleicht gar nicht erst anhören würden, mit dem Makel arkaner Magie verseucht, wie sie beide waren, von den Spuren dämonischer Magie an Lilié ganz zu schweigen. Aber dieses Problem hoffte der junge Adlige aus dem Weg räumen zu können, wenn sie an ihrem Ziel angekommen waren.

Die Reise nach Thunder Bluff dauerte deutlich weniger lang als hinüber in die östlichen Königreiche, und von der Stadt auf den Felsnadeln war es nur noch ein kurzer Weg nach Bloodhoof Village. In dem Taurendorf wurden sie tatsächlich anfangs mit großem Misstrauen empfangen, aber Shynassar spielte die eine Karte aus, die ihn daran glauben ließ, dass man ihnen vielleicht doch ein Gespräch mit einem ihrer Heiler gewähren würde: Er gab sich als Bruder von Svarric, oder Lokyan-hil-Daldinya, wie man ihn hier kannte, zu erkennen. Und da sein kleiner Bruder seit über zwanzig Jahren hier lebte und ein hochgeachtetes Mitglied des Windhoof-Clans war, verschaffte ihnen das wirklich das gewünschte Treffen, auch wenn Svarric selbst im Moment nicht anwesend war.

Die Taurin, von der die beiden Magier empfangen wurden, war eine Schamanin namens Vira Younghoof, die sich die Beschreibung von Liliés Problem ernst und höflich anhörte. [Vira Younghoof ist eigentlich die Erste-Hilfe-Lehrerin in dem Dorf. Aber sie war das, was von allen NSCs dort einem Heiler am nächsten kommt, also wurde sie von uns einfach ic zur Schamanin deklariert. Und wer sagt eigentlich, dass nicht auch Schamanen erste Hilfe unterrichten dürfen? :)]
Dann legte die Taurin ihre Hände an das Gesicht der Sin’dorja, schloss die Augen und verfiel leise in einen schamanistisch-rituellen Singsang.
Nach einer Weile, die den beiden Blutelfen deutlich länger erschien, als sie eigentlich dauerte, beendete Vira Younghoof ihren Gesang, öffnete die Augen wieder und sah Lilié sehr ernst, aber auch mit einem undefinierbaren Ausdruck des Mitleids im Gesicht an.
Es gebe nichts, das zu heilen sei, erklärte sie. Nichts Körperliches jedenfalls. In der Geisterwelt sei Liliés Wange völlig unversehrt, vollständig gesund. Mit den Augen könne sie die Narbe sehen, mit den Händen berühren, doch für die Sinne, die für Vira wirklich zählten, sei keine Wunde vorhanden.
Der Patriziersohn verstand erst einen Moment lang nicht, was die Taurin damit sagen wollte, doch dann schossen seine Augenbrauen in die Höhe. Wenn das stimmte, dann würde das bedeuten, dass…

Er kam nicht dazu, den Gedanken zuende zu denken. Lilié, die sich die Erklärung der Schamanin in zunehmender Erstarrung angehört hatte, gab einen leisen Schrei von sich und stürzte aus dem Blockhaus. Der Magier warf der Taurin einen schnellen, entschuldigenden Blick zu und folgte seiner Liebsten. Diese stand draußen mit dem Rücken zu ihm gekehrt am Ufer des Stonebull Lake, und an ihren bebenden Schultern konnte Shynassar erkennen, dass sie lautlos weinte. Er ging zu ihr hin und legte die Arme um sie, doch Lilié machte sich los. Sie blieb weiterhin von ihm abgekehrt und starrte auf den See hinaus. Der junge Adlige drehte sie sanft zu sich um und versuchte ihr zu erklären, dass ihre Narbe ihn nicht störe, dass er sie nicht deswegen und nicht trotzdem liebe, sondern dass er sie einfach liebe, ganz egal, was komme. Dass das nichts ändere. „Doch“, erwiderte Lilié heftig, „das ändert alles!“ Sie riss sich wieder von ihm los. „Das ändert alles, und ich muss fort. Jemand wird dafür bezahlen!! Such nicht nach mir!“
Ehe der Sin’dor reagieren konnte, hatte die Magierin einen Riss in den Nether geöffnet und verschwand im Nichts – und ließ einen völlig konsternierten Shynassar zurück, der ihr nur sprachlos hinterher starren konnte.

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Shynassar & Lilié, World of Warcraft

Eine Antwort zu “Die Geschichte von Shynassar und Lilié (13)

  1. Puhhhh … das war ja mal wieder was. Mein erster Gedanke ist:
    „Frauen !! soll die mal einer Verstehen“ , mir ist bewusst das das nur
    eine Phrase ist aber gut es passt halt.
    Ich bleibe gespannt und warte was passiert ……. und wehe du gehst ihr
    nicht nach *Blutelfen böse anschau* ^^ nunja NEXT pls ;P

    Gruß Lyrus aka Goddy

    P.S. Mein eigener neuer Teil kommt auch heute oder morgen. Eher morgen aber wer weiß.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s