Supernatural – Mazes

Mazes

Ein leises Déjà Vu hat Ethan schon, als er das Gespräch mit Bart Blackwood beendet. Letztes Jahr vor der Aktion in Crockett hatten sie ja eigentlich auch nur wegen ihres Hexenproblems telefoniert, dann aber festgestellt, dass sie beide von dieser Sache in Texas gehört hatten. Jetzt ist es tatsächlich fast dasselbe, nur dass sie sich diesmal wegen des Fluchkistenbaus für Emily absprechen wollten und dann auf die seltsamen Vorfälle in Atkins, Iowa zu sprechen kamen, wegen derer sie gerade eben beschlossen haben, sich dort zu treffen.

Atkins, Iowa ist Maisland Central, und natürlich haben sie dort ein Maislabyrinth. Logisch. In Iowa hat gefühlt so ziemlich jede Maisfarm auch ein Maislabyrinth. Nur dass anderswo aus diesen Maislabyrinthen keine Leute verschwinden.
Oder besser gesagt: Ein Pärchen ist darin verschwunden. Ein einzelner Mann war zwei Tage lang verschollen, und als er hinterher wieder auftauchte, erzählte er eine wirre Geschichte von Lichtern und seltsamen Gestalten. Die seriösen Zeitungen sprechen von Drogeneinfluss oder den Dämpfen von Pestiziden und vermuten, dass das Pärchen längst wieder herausgekommen ist, sich bisher aber einfach noch nicht wieder gemeldet hat. Die Ufo-Presse wittert eine Entführung durch Aliens. Natürlich. Was es auch genau sein mag, es klingt jedenfalls nach etwas, das sie sich ansehen sollten.

Vor dem Treffen mit Bartholomäus macht Ethan den Mann ausfindig, der in dem Labyrinth verschwunden war. Jermaine Gomez redet zwar einigermaßen bereitwillig mit ihm, nachdem Ethan ihm versichert hat, dass er ihn nicht für einen Spinner hält, aber so richtig weiß der Mann selbst nicht, was er da gesehen hat. Es könnten schon psychoaktive Substanzen im Spiel gewesen sein, das will er gar nicht ausschließen, aber Drogen hatte er selbst nicht genommen. Jedenfalls war es im Labyrinth zuerst dunkel um ihn herum, obwohl er eigentlich tagsüber hineingegangen war, aber dann sah er ein buntes Licht, dann seine Mutter und danach sich selbst, und schließlich wurde es strahlend hell. Als er auf dieses Licht zuging, fand er sich plötzlich draußen vor dem Labyrinth wieder, es waren zwei Tage vergangen, und er galt als vermisst.

Bart hat auch schon Dinge in Erfahrung gebracht, als sie sich treffen. Das Besondere an dem Labyrinth der Bloomsbury Farm soll sein, dass es um eine Holzplatte herum hochgezogen worden ist, die ebenfalls ein Labyrinth zeigt. Diese Holzplatte soll wohl aus einer Kirche in Schweden stammen und von schwedischen Einwanderern in die USA gebracht worden sein.
Wie oft in Kirchen üblich, wurde das Labyrinth auf der Platte – kein Irrgarten, sondern ein einziger verschlungener und damit sehr langer Weg – verwendet, um damit zu meditieren. Dazu musste man den Linien nachgehen und sich so in einen Zustand der entspannten Ruhe versetzen. Heh. Sollte Ethan vielleicht mal machen. Bei dem war es in letzter Zeit nicht so weit her mit entspanntem Ruhezustand.
Auch in nicht-christlichen Zeremonien würden Labyrinthe gerne verwendet, führt Bart weiter aus. Dort müsse man die Linien mit den besonderen Schritten des Rituals abgehen. Und es habe auch schon Berichte darüber gegeben, dass Leute beim Begehen von Labyrinthen Visionen gehabt haben sollen.

Anfang Juli in Iowa. Es ist ein warmer, strahlend blauer Sommersonntag, und sowohl vor als auch in der Bloomsbury Maze hält sich einiges an Besuchern auf. Familien mit Kindern, aber auch größere Kinder und Jugendliche ohne Eltern, genau wie Erwachsene ohne Kinderbegleitung.
Bart und Ethan sehen sich kurz draußen um, bevor sie den Irrgarten durch einen seiner vier Eingänge betreten – das Ding hat nämlich in jeder Himmelsrichtung einen.

Es braucht ein paar Fehlversuche und Rückzüge aus Sackgassen, bis sie die Mitte des Labyrinths gefunden haben, aber sonderlich schwer ist der Weg nicht. Genau im Zentrum der Anlage ist tatsächlich eine große Platte aus Holzplanken in den Boden eingelassen, auf der auch ein Labyrinth zu sehen ist – das ist dann wohl dieses schwedische Kirchenüberbleibsel, von dem Bart gesprochen hat. Dort steht gerade eine Mutter mit ihrer kleinen, vielleicht fünf- oder sechsjährigen Tochter, oder besser: Die Tochter hüpft gerade fröhlich die letzten Schritte des Labyrinths ab, während die Mutter lächelnd daneben steht und der Kleinen dann erklärt, sie müssten jetzt wieder raus zu Daddy, was die mit einem “Können wir nicht noch ein bisschen hier spielen?” quittiert.

Aber auf das Gequengel des Mädchens und die feste Verneinung der Mutter achtet Ethan gar nicht. Denn gerade betreten aus dem gegenüberliegenden Gang zwei Personen die freie Fläche in der Mitte des Irrgartens: zwei Personen, die Ethan nur allzu gut kennt. Flann Breugadair. Und Irene. Er hat keine Ahnung, was sie hier macht, aber er kann es sich ziemlich gut denken. Die Holzplatte. Trophäe.
“Ach nee”, sagt Breugadair überrascht, “Bart und die Sprachlücke!”
Ethan und die Engländerin erstarren im selben Moment, dann zuckt Irenes Hand zu der Waffe an ihrer Seite, während Ethan sich mit einem wütenden Ruf auf sie stürzt.
“Was ist denn los?” fragt Flann und stellt sich, als ihm klar wird, dass Ethan keinerlei Absicht hat innezuhalten, mit einem “Ruhig, Brauner!” vor Irene.
Ethan stößt den Älteren einfach beiseite, aber dessen kurze Einmischung hat schon gereicht, damit Irene zur Seite treten kann und Ethan, der die Britin eigentlich am Kragen packen und schütteln will, sie nicht mit voller Kraft zu packen kriegt.

Von der Mutter und dem Mädchen kommen ein entsetzter und ein neugieriger Blick zu den Streitenden hinüber, dann packt die Frau ihre Tochter an der Hand und zieht sie hastig in einen der Gänge.
Aber auch das bemerkt Ethan nur ganz am Rande, denn seine volle Aufmerksamkeit ist auf seine Freundin gerichtet. Vermutlich tut es genau deswegen so weh. Eben weil sie trotz allem immer noch eine Freundin für ihn ist.
“Du hast meine Familie bedroht!” faucht er, verärgert genug, dass die Worte vollständig und ohne Stocken fließen, “Hast du dir nicht überlegt, dass du vielleicht einfach hättest fragen können?!”
Irene lächelt spöttisch. “Ach? Und einfach zu fragen hätte etwas gebracht?”
“Vielleicht! Du hast gewusst, dass ich mit dem Archiv gut leben konnte!”
Irenes Stimme kommt Ethan ebenso spöttisch vor, wie ihr Lächeln es eben war. “Dann kannst du jetzt ja glücklich und zufrieden sein, dass die Schale im Archiv ist.”
“Du hast sie bedroht!” knurrt Ethan, aber das beeindruckt die Engländerin kein Stück. “Niemandem ist etwas passiert. Und ich ziehe es vor, meine Erfolge gleich zu erzielen.”
Niemandem ist etwas passiert? Niemandem ist etwas passiert?!? Ethans Zorn flackert hell auf, und in dieser Sekunde hat er völlig vergessen, dass er erst vor ein paar Wochen zu dem Nigerianer sagte, Irene dürfe das nie erfahren.
NELSON!”
“Nelson ist wieder da”, sagt Irene kühl. “Ihm ist auch nichts passiert.”
Ethan funkelt sie an. “Aber seiner Frau!”
Irenes mit völlig kalter, unbewegter Stimme ausgesprochenes “Uups.” will Ethan schon wieder auffahren lassen, aber bevor er reagieren kann, schaltet Flann sich ein.
“Nelson hat eine Frau? So, wie der flirtet?”
“Hatte”, knirscht Ethan.
“Hatte?”
Ethan atmet durch und holt etwas weiter aus: “In Afrika kennengelernt. In Afrika geheiratet. Witwer nach 6 Wochen.”
“Wie das?” hakt Breugadair nach, also erklärt Ethan weiter. Wobei. ‚Erklären’ ist das völlig falsche Wort, denn seiner Stimme ist deutlich anzuhören, wie aufgebracht er ist.
“Gekidnappt. Lösegeld von Konten verschwunden. Ermordet.”
“Oh”, macht Irene, noch immer genauso ungerührt wie gerade schon. “Das war mir nicht bewusst. Das erklärt… Ich wollte eigentlich, dass Nelson nicht zurückkommt.”

Flann hat sich Ethans Erklärung mit unbewegtem Gesicht angehört, und auch zu Irenes kaltem Eingeständnis verzieht er keine Miene. Ethan hingegen spürt, wie bei ihren Worten alles in ihm hochkocht. Wutentbrannt stürzt er sich wieder auf Irene, ernsthaft jetzt, und bekommt sie diesmal richtig zu fassen. Er ist derart außer sich, dass er die Britin tatsächlich verletzen will und ihm das vermutlich auch gelungen wäre, wenn Flann sich nicht ein weiteres Mal dazwischengeworfen und Ethan weggezogen hätte.
“Mach langsam”, zischt der rothaarige Jäger, “gleich kommen die Cops!”
Mit einem angewiderten Ruck lässt Ethan die Engländerin los und tritt einen Schritt zurück. Und das war auch ganz gut so, bemerkt er jetzt, denn Irene hat ihre Waffe in der Hand und war anscheinend schon kurz davor, abzudrücken.

Von einem der Gänge kommt ein erschrockenes Aufkeuchen und dann Barts beruhigende Stimme. “Es ist schon in Ordnung, nur ein kleiner privater Zwist.”
Die Mutter und ihre Tochter sind wieder da.
Die Frau sieht verwirrt von den Streitenden im Kern des Irrgartens umher. “Aber warum sind wir nicht am Ausgang?”

Gute Frage. Genauso wie die, warum es mitten am Tag auf einmal so dunkel wird. Ethan sieht auf und bemerkt, dass sich eine dunkle Wolke über dem Labyrinth zusammengezogen hat. Nur dass es keine Wolke ist. Es wird einfach dunkler. Die Sonne sieht aus wie ein matter Kreis ohne Leuchtfähigkeit, und das Licht wird immer schwächer. Ethan kommt sich beinahe so vor wie in einem dieser alten Westerns, die bei Tag gedreht wurden, wo aber durch einen Filter auf der Kamera Nacht simuliert wurde.
“Ich schlage vor, dass ihr euren Streit vergesst und wir erst einmal zusammenarbeiten”, mahnt Flann. “Das könnt ihr nachher draußen klären!”
Ethan presst die Lippen etwas zusammen und wirft Irene einen Blick zu, der besagt: vergessen sicherlich nicht, aber zusammenarbeiten ja, und nickt. Die Engländerin sieht von ihm zu Bart und wieder zurück, und in ihrem Gesicht ist ganz klar zu lesen: Ihr seid die Nächsten.
Kay. Vielleicht. Aber nicht jetzt. Jetzt geben Bart und Ethan den anderen beiden erstmal weiter, was sie schon über die Sache herausgefunden haben: Bart sein gesammeltes Wissen zum Thema Labyrinthe als solches und Ethan das, was Jermaine Gomez hier drinnen erlebt hat.

Die Mutter holt ihr Handy heraus und aktiviert dessen Taschenlampen-App, aber auch wenn man sieht, dass Licht aus dem Gerät kommt, erhellt es die Umgebung kein Stück. Mit den Lampen der Jäger ist es genau dasselbe. Verdammt, aber probieren mussten sie es.
“Bleibt bei uns”, fordert Ethan die Fremde und ihre Tochter knapp auf, und Bart legt noch eine Schippe obendrauf: Er hält eine Ansprache, mit der er ganz klar macht, dass die Jäger wissen, was sie tun und dass sie, Bart allen voran, hier die Autoritätspersonen sind.

Diese Holzplatte. Die hat doch garantiert was damit zu tun, was hier gerade passiert. Im zunehmend trüben Dämmerlicht geht Ethan hin, um das das hölzerne Labyrinth etwas näher zu untersuchen, aber da, wo er das Kirchenrelikt erwartet hatte, ist es nicht mehr. Unter seinen Fingern spürt Ethan weder die Holzplatte noch den sommerlich trockenen Ackerboden, sondern der Untergrund unter seinen Fingern fühlt sich irgendwie nachgiebig und beinahe schwammartig an. Er macht ein paar Schritte weiter, dahin, wo eigentlich die Labyrinthwand aus Mais sein sollte, und wundert sich schon gar nicht mehr über das, was er findet – eine Wand ist da zwar immer noch, aber sie scheint jetzt aus demselben nachgiebigen Material zu bestehen wie der Boden.

Ethan muss aufpassen, dass er die anderen in dem schwindenden Licht überhaupt wiederfindet, aber es geht gerade noch so. Die Mutter hat ihre kleine Tochter dicht an sich gedrückt, und auch Breugadair steht eng auf Tuchfühlung mit Irene.
“Angst?” fragt die Trophäenjagerin gerade spöttisch, bringt den Schotten damit aber nicht zu einem Geständnis. “Mach dich nicht lächerlich. Ich bin nur vorsichtig.”
“Das hast du den beiden Clowns voraus”, sagt Irene kühl, was ein gehässiges Schnauben seitens Flann bei dem Wort ‚Clowns’ zur Folge hat.

Ethan unterbricht die Häme ja nur ungern, aber: “Boden. Wände. Anders.” Inzwischen ist es so dunkel geworden, dass man die Hand vor Augen kaum mehr sehen kann.
Es dauert einen Moment, dann kommt Barts Stimme aus der Finsternis: “Es lebt.”
Flanns Stimme: “Was machst du da?”
“Ich habe den Boden untersucht.”
Ein leises Kratzgeräusch kommt aus Irenes Richtung. Ethan, der sich selbst vergewissern will, zieht sein Messer und schneidet vorsichtig in den Boden. Aus dem Ritz dringt etwas klebrige Flüssigkeit, die Ethan zwischen den Fingern zerreibt und dann vorsichtig an seine Zungenspitze hält. Es ist kein Blut – aber auch nicht vollkommen anders. Fehlen nur noch Atemmasken über dem Gesicht, vom Boden aufwabernder Nebel und die Millennium Falcon im Hintergrund.
“Das ist keine Höhle”, murmelt Ethan.

Aus der Entfernung hört man ein Scharren. Ein Trippeln wie von zahllosen Insektenbeinen auf Herbstlaub. Nur viel größer. Na ganz spitzenmäßig.
“Super”, schnaubt Breugadair. “Ihr stellt fest, dass es lebt, und müsst gleich reinschneiden und es wütend machen?”
Barts Stimme klingt eine Spur indigniert. “Ich habe erst feststellen können, dass es lebt, indem ich hineingeschnitten habe.”
Aber es hilft ja alles nichts. Ethan schiebt die Mutter und ihr Kind nach innen, in den Kreis aus Jägern – oder besser, in den Kreis aus den drei Männern, denn Irene drängt sich auch in die Mitte. In der absoluten Dunkelheit kann er nichts sehen, aber irgendwie hat Ethan nur vom Gehör her trotzdem eine ganz gute Ahnung, wo die Viecher ungefähr sind. Weil er das komische Fast-Blut probiert hat, vielleicht? Egal jetzt. Sie greifen an.
Während Ethan mit dem Gewehrkolben eines der Biester wegprügelt, kommt von Irene erst ein ein metallisches Scharren – ein Messer, das an einer harten Schale abgeglitten ist? -, dann ein “Was war das!?” der Britin, gefolgt von einem knackenden Geräusch aus Flanns Richtung – hat er da gerade einem Rieseninsekt in den Panzer getreten? – und seiner hitzigen Antwort: “Ein Käfer!”
Von Bart kommen auch ein paar Kampfgeräusche, und dann sind die Viecher erst einmal zurückgeschlagen. Zurückgeschlagen, aber nicht vertrieben, denn in einiger Entfernung hört man sie immer noch rumoren.

Lauschend dreht Ethan sich einmal im Kreis, versucht, die Richtung auszumachen, in die sich die Riesenkäfer zurückgezogen haben. Oder andere Dinge zu hören, die es zu hören gibt. Die Augen lässt er dabei offen, und so bemerkt er zu seiner Linken plötzlich ein Licht. Lichter, genauer gesagt. Ganz schwach nur, aber bunte, flackernde, psychedelische Lichter. Ein bisschen wie die Sternentor-Sequenz bei Odyssee im Weltraum, nur in der Entfernung statt mittendrin.
“Licht”, lässt er die anderen wissen. “Da vorne.”
“Wo?” Irene.
Ethan folgt dem Klang ihrer Stimme; tritt hinter sie und Flann, der immer noch dicht bei der Britin steht. “Achtung. Ich fass dich an.” Wartet nach dieser Warnung noch eine Sekunde, damit die Trophäenjägerin erfassen kann, was er gerade gesagt hat, und lässt den Worten dann die Tat folgen. Als er Irenes Schulter berührt, bemerkt Ethan, wie angespannt seine Freundin ist, aber er lässt sich nichts anmerken, sondern dreht sie und den Schotten in die Richtung, wo das Licht ist.
“Wir sollten uns dorthin begeben”, erklärt Bart. “Es ist der einzige Hinweis, den wir im Moment haben.”
“Festhalten”, ergänzt Ethan. “Nicht verlieren!”
Also nehmen sie einander an den Händen. Flann lässt ein paar aufmunternde Worte vom Stapel, während Irene alle großzügig mit Panzertape aneinanderbindet, damit sie etwas mehr Bewegungsfreiheit haben, als wenn sie sich aneinander festhalten müssten, sich aber trotzdem nicht so leicht verlieren können.
Ethan, der als einziger das Licht sehen kann – vielleicht auch das, weil er das Fast-Blut probiert hat? -, geht voraus. Bartholomäus ist direkt hinter ihm, gibt ihm Tipps zur Richtung, in die er sich halten muss, weil er den Grundriss des Labyrinths kennt. Und vielleicht hält Bart sich auch als Sicherheitspuffer hinter Ethan, damit der nicht vor Irene und ihren Messern gehen muss. Aber hinter dem Gelehrten kommen ohnehin erst noch die Frau und ihre Tochter, eng beieinander und Hand in Hand, mit beruhigendem Gemurmel seitens der Mutter, dann Irene, und Flann zuletzt. Mit jedem Schritt, den sie machen, wird der Gang ein bisschen schmaler.

Es sind nur noch wenige Yards bis zu dem Licht, da rücken die Wände so dicht an Ethan heran, dass er beinahe steckenbleibt. Aber da ist noch Platz. Er ist fast durch. Das muss. Er will sich gerade mit einer Kraftanstrengung durch die Engstelle kämpfen, da spürt er von hinten auf einmal einen Widerstand. Einen Zug in die Gegenrichtung, dem Ethan wohl oder übel folgen muss, bis er wieder im frei begehbaren Gang ist, weil sie ja alle per Panzertape aneinanderhängen.
Oha. Ethan hat, seit sie sich kennen, schon mehr als einmal erlebt, wie sehr seine britische Freundin dunkle und vor allem beengte Räume hasst – anscheinend macht ihr Problem damit gerade Mätzchen.
“Warum geht es nicht weiter?” beschwert sich Flann am Ende des Zuges.
“Ich habe ein Déjà Vu”, erklärt Irene, aber das lässt der rothaarige Jäger nicht gelten. “Ja und?”

Das ist genau der Moment, in dem die Riesenkäfer wieder auftauchen. In dem Kampf im Dunkeln, bei dem sie durch das Panzertape, mit dem sie aneinandergebunden sind, etwas behindert werden, bekommt Bart von einem der Insekten einen Stich in den Rücken verpasst, danach können sie die Biester relativ problemlos ein zweites Mal zurückschlagen.
Aber trotzdem: Die sind immer noch nicht weg, und bis zu deren nächstem Angriff ist es nur eine Frage der Zeit. Sie müssen dringend weiter, Engstelle oder nicht.
Wenn, ja wenn, Irene sich nicht so vehement sperren würde. “Ich gehe da nicht rein!”
Bart versucht, an die Vernunft der Britin zu appellieren: “Unter dem Domus Ruber war es genauso eng”; Ethan versucht es mit Aufmunterung: “Komm! Nur zwei Meter!”
Nichts davon hilft, das Weinen des kleinen Mädchens am Allerwenigsten, bis Breugadair sein Glück versucht. “Du hast schon soviel anderes durchgestanden, du schaffst das hier auch!”
Diese Worte haben tatsächlich Erfolg. “Fass mich nicht an!” faucht Irene, gefolgt von Flanns Stimme in beruhigendem Tonfall: “Ich fasse dich nicht an”, dann kommt Bewegung in den hinteren Teil der Schlange, und Ethan kann ohne Widerstand wieder in den engen Teil des Ganges zurück. Kommt zur Verjüngung und kämpft sich mit einer Gewaltanstrengung durch den Spalt.
Beinahe hätte er es nicht geschafft. Die Stelle ist eng, verdammt eng, und Ethan zieht sich bei seinen Mühen einige unschöne Quetschungen zu, aber dann ist er durch, und er hat das fleischartige Material der Labyrinthwand immerhin so geweitet, dass die anderen problemlos durchkommen.

Auf der anderen Seite ist es heller. Nicht so psychedelisch wie aus der Ferne, sondern einfach hell, auch wenn keine direkte Lichtquelle zu sehen ist. Die Begrenzungen des Gangs um sie her, aus dessen Seitenwand sie herausgekommen sind, türmen sich haushoch und bestehen aus… Lego?! Tatsächlich. Die Wände hier sehen aus wie aus riesigen Legosteinen gemacht.
Jetzt, wo es nicht mehr stockfinster vor den Augen ist, sieht Ethan sich Barts Wunde an. Der Insektenstich ist hässlich, wirkt aber nicht so, als würde er sich entzünden oder als habe das Viech Gift hineingepumpt. Ethan säubert die Einstichstelle und verbindet sie; mehr kann er im Moment nicht tun, selbst wenn da noch ein dickes Ende hinterherkommen sollte.

Das kleine Mädchen hat inzwischen aufgehört zu weinen und sieht sich mit strahlendem Gesicht um. “Guck mal, Mommy, lauter Lego!”
Ihre Begeisterung bringt Ethan auf einen Gedanken, und er kniet sich vor die Kleine hin. Reißt sich ungefähr so zusammen, wie er das auch immer für Artie tut und lächelt sie freundlich an. Formuliert extra ausführlich. “Hallo, ich bin Ethan. Wie heißt du? Sag mal, als du auf dem Labyrinth langgegangen bist, hast du dir da was vorgestellt? Was gewünscht? Lego zum Beispiel?”
Das Mädchen schüttelt den Kopf. “Mm-mm”, macht sie und erwidert das Lächeln zutraulich, “eigentlich gar nicht. Aber die sind toll!”
Okay. Schade. Aber war einen Versuch wert. Und wenn die Kleine keine Angst vor ihm hat und er sie hier drin vielleicht ein bisschen aufmuntern kann, dann ist das ja auch nicht das Schlechteste.

“Hört ihr das auch?” fragt Flann plötzlich. Und tatsächlich – von irgendwo ein Stück weiter im Gang kommt ein Geräusch: ein leiser, gedämpfter Blaston.
Irene legt den Kopf schief. “Das klingt wie eine Panflöte.”
Für Ethan klingt es eher wie das Rohr von der Dunstabzugshaube in der Küche des Bones Gate-Verbindungshauses, für dessen Abschluss Ethans Vorgänger oben auf dem Dach ein Stück rundes Ablaufrohr mit zwei gegenüberliegenden U-förmigen Ausschnitten und einem darauf genieteten Deckel derart stümperhaft verlegt hatte, dass beim kleinsten Windhauch ein geisterhaftes Pfeifen ertönte und Ethan seine liebe Mühe hatte, den Murks wieder geradezubiegen.
Es ist aber weder eine Panflöte noch ein Dunstabzugsrohr, sondern eine Bierflasche. Eine riesige leere Bierflasche, die in einiger Entfernung mitten im Gang steht und pfeift, obwohl eigentlich gar kein spürbarer Wind geht.

Die Mutter des kleinen Mädchens stammelt verwirrt: “Was… was ist das?”, während ihre Tochter immer noch mehr auf die Lego-Wände schaut als auf irgendwelche überdimensionierten Getränkebehälter.
“Was es damit wohl auf sich hat?” fragt Bart. “Ist es wohl etwas, das wir begutachten oder dem wir besser ausweichen sollten?”
Ethan zuckt die Schultern. Klar ist es ihm nicht völlig egal, aber das Ding steht in einem Gang, der ansonsten in beide Richtungen völlig identisch aussieht, und solange sie keinen weiteren Anhaltspunkt haben…
“Hin?”

Eine Sekunde später wird ihnen die Entscheidung abgenommen, denn aus der anderen Richtung ertönt ein neues Geräusch, und ein riesiger, wirklich riesenhafter, Rottweiler kommt zähnefletschend und geifernd um eine Ecke geschossen.
Das Vieh ist viel zu groß, als dass sie es mit ihm aufnehmen könnten. Nach einer ersten Schrecksekunde sind alle am Rennen. Ethan bleibt hinten, sichert den Rückzug – und zuckt innerlich zusammen, als er sieht, wie Irene im Laufen die junge Mutter umstößt, damit sie stolpert und hinfällt und so ein leichteres Opfer für den Hund abgibt als die Britin. Während Ethan der Frau aufhilft, lenkt Flann das Biest ab, indem er seine Jacke nach ihm wirft.
Plötzlich bleibt Bartholomäus stehen und konzentriert sich sichtlich. Der Hund rennt weiter mit bösem Knurren auf die Gruppe zu – aber mit einem Mal verändert die Bestie sich. Hat plötzlich eine grau melierte Schnauze, kaum mehr Zähne im Maul und bewegt sich langsam und schwerfällig. Kann sie nicht einholen und hält schließlich an.

Sie sind fast an der Bierflasche angekommen, da poltert es, und hinter der haushohen Gangwand taucht eine noch viel größere menschliche Gestalt auf: ein rothaariger, schnurrbärtiger Riese mit finsterer Miene und einer Alkoholfahne von drei Meilen gegen den Wind, der schwankend über die Mauer greift und nach der Gruppe schlägt.
Kurz wird Flann Breugadair blass, ruft dann aber den anderen zu: “Der trifft uns nicht, der ist betrunken!”
Mag sein, aber verdammt bedrohlich wirkt die Gestalt trotzdem, also lieber nicht darauf verlassen und in Bewegung bleiben, wobei Ethan sich wieder zwischen den Zivilisten und der Gefahr hält.
Da vorne ist irgendwas. Eine Leiter. Nein, eine Treppe. Eine Dachbodentreppe. Warmes braunes Holz, etwas abgewetzt. Eine Scharte in der dritten Stiege von unten. Die kann Ethan zwar aus der Entfernung nicht sehen, aber er weiß genau, dass sie da ist. Denn Ethan kennt diese Treppe. Wie oft und wie gerne ist er als Kind genau diese schmalen Stufen hochgestiegen und hat oben auf dem Dachboden in den alten Sachen gestöbert oder mit seinen Geschwistern gespielt. Der Dachboden – und damit auch der Weg hinauf – ist ein sicherer Hafen, ein rundum schöner und glücklicher und sicherer Ort. “Zur Treppe!” ruft Ethan den anderen zu. “Der Dachboden ist sicher!”
Wenn sie da nur mal hinkämen, jedenfalls. Außerhalb der Legomauern ist der Riese ihnen gefolgt, und jetzt tastet seine Hand blind, aber deswegen nicht weniger gefährlich, zwischen ihnen und der Leiter herum.

Flanns Zuversicht scheint in sich zusammengefallen, und er starrt zu dem Gesicht des riesenhaften Schnurrbartträgers hoch. Und tatsächlich sehen die beiden sich nicht völlig unähnlich, kommt es Ethan vor. Das scheint auch Bartholomäus aufgefallen zu sein, denn plötzlich ruft er dem Schotten zu: “Es liegt an dir, du kannst es verändern!”
Breugadair stutzt, dann wird er langsamer und konzentriert sich, so wie Bart sich eben konzentriert hat. Mit einem Mal ist die Bierflasche voll, und der Riese vergisst seine Beute völlig, als er danach greift und den Weg zur Dachbodentreppe freigibt. Ethan klettert als letzter hoch, um nach hinten zu sichern, aber die Gestalt interessiert sich nicht mehr für sie.

Wenn Ethan gedacht hatte, sie würden tatsächlich auf dem Dachboden seines Elternhauses herauskommen – oder auch nur in etwas, das so aussieht wie der Dachboden seines Elternhauses -, hat er sich geirrt. Sie landen in einem… einem Museum. Oder einer Art Museum. Aus behauenem Stein gemauerte Wände. Vitrinen überall, die meisten davon gefüllt. Aber warte. Das ist kein Museum. Die Gegenstände in den Vitrinen sind Trophäen. Ethan sieht ganz unterschiedliche Dinge: ein japanisches Katana, einen offenbar sehr alten Holztisch, ein goldfarbenes Schafsfell mit Flügeln – warte, ist das das goldene Vlies? Das goldene Vlies, das Irenes Cousin Ian letztes Jahr in Montana an sich gebracht hat? Muss wohl – und zieht dann eine Grimasse. Denn da, da hinten, steht die Höllenschale, so wie Ethan sie zuletzt in die Fluchkiste gepackt und dann ihren Abtransport vom Roten Hügel beobachtet hat. Dann muss das hier das Archiv der Hooper-Winslows sein, oder besser, ein Abbild davon. So sieht das da also aus.

“Mir scheint, hier drin wird das Leben nachempfunden”, sinniert Bart nach einem Blick durch den Raum. “Die enge Wand war ein Geburtsakt, der Hund stammte aus meiner Kleinkindzeit. Der Mann mit dem Bier war doch dein Vater, Flann?” Breugadair gibt eine widerwillige Zustimmung von sich. “Und die Treppe kam aus deiner späteren Kindheit, Ethan, vermute ich?” Ethan mmhmt, worauf der Gelehrte weiterspricht: “Und das Archiv ist ein Teil von Irenes Gegenwart. Alles, was wir hier sehen, können wir beeinflussen, ihr habt es ja bemerkt. Ich habe mir den Hund alt und zahnlos vorgestellt, also wurde er das. Und Flann konnte den Zustand der Bierflasche verändern, das ist gut zu wissen.”
Während Irene mit leicht schief gelegtem Kopf das Katana betrachtet und Flann sich unverhohlen interessiert im Archiv umsieht, nimmt Bartholomäus Ethan beiseite und flüstert:
“Meinst du, dass die Dinge, die wir hier sehen, auch in der echten Welt Bestand hätten? Sollen wir versuchen, das wieder mitzunehmen, was Irene sich angeeignet hat?”
Über die Frage grübelt Ethan mit zweifelnd gerunzelter Stirn tatsächlich eine Weile nach, schüttelt dann aber den Kopf. “Nicht real, glaub”, gibt er zu bedenken, “geht vielleicht gar nicht. Und: Ist ja sicher, wo sie ist.” Sein Kopfschütteln wird heftiger, als er den letzten Punkt anbringt: “Außerdem: Drohung.”
Bart nickt nachdenklich und zieht dann selbst die Stirn in Falten. „Außerdem können wir auch nicht riskieren, dass wir die Schale tatsächlich körperlich von hier mit hinausbringen und dann draußen in der Welt zwei Exemplare davon existieren.”
Mhmm. Das auch, ja.

Etwas quietscht. Kommt näher. Drecksmist, was jetzt?
Ein Rollstuhl, stellt sich heraus, als das Geräusch lauter wird. Darin sitzt ein alter Mann in bequemer, irgendwie englisch wirkender Tweed-Kleidung, der zielstrebig auf die Gruppe zugefahren kommt. Ethan kennt den Mann nicht, aber er weiß, wer das sein muss, und stutzt ein bisschen, weil ihm seine Idee wieder einfällt, genau diesen Mann irgendwie mit einer Geisterreise zu kontaktieren und ihn zu fragen, ob er bereit wäre, seine Seele an seine Tochter weiterzugeben: Sir Roger Hooper-Winslow, Irenes Vater. Nur dass der sich Irenes Erzählungen zufolge eigentlich in einem Wachkoma befinden müsste. Und auch sonst eigentlich nicht mit einer Schrotflinte auf seine Tochter zielen sollte.
Irene murmelt: “Mal sehen, ob du recht hast, Bart”, und macht ein konzentriertes Gesicht. Aber was sie auch vorhatte – den Rollstuhl ihres Vaters im Boden versinken zu lassen, vielleicht? -, das einzige, was sich tut, ist ein schmaler Riss im Boden, mehr nicht.

Sir Roger hebt die Schrotflinte noch einen Hauch und drückt ab. Irene wirft sich zur Seite – aber nicht einfach nur zur Seite, sondern hinter die junge Mutter, die von mehreren Schrotkugeln getroffen wird und schmerzerfüllt aufschreit. Die Engländerin hat noch in ihrem Hechtsprung ihre Waffe gezogen und erschießt aus der Deckung heraus das Abbild ihres Vaters, ohne eine Miene zu verziehen. Ethan beißt die Zähne zusammen. Das ist nicht Irene, verdammt. Das. Ist. Nicht. Irene.
Wie vorhin auch schon, hat Breugadair die Entwicklungen mit unbewegtem Gesicht verfolgt, aber jetzt versucht er, das kleine Mädchen, das wieder zu weinen begonnen hat, ein bisschen zu beruhigen, während Ethan dessen Mutter verarztet. Die Frau ist sehr blass, aber zum Glück nicht wirklich schwer verletzt, so dass sie selbst auch versucht, ihre Tochter zu trösten.

Um sich von dem unschönen Gedanken an die Seelenlosigkeit seiner britischen Freundin abzulenken, wendet Ethan sich einem ähnlich unschönen Gedanken zu, als die Zivilistin verbunden ist und gerade keine direkte Bedrohung zu bestehen scheint. Denn von etwas haben sie hier noch keinerlei Spur entdeckt: von den beiden Verschwundenen. “Das Pärchen?”
“Ich fürchte, wir werden sie hier nicht finden”, unkt Bartholomäus. “Das alles hier ist zu persönlich genau auf uns abgestimmt.”
“Wenn sie nicht selbst den Ausgang finden, werden wir ihnen nicht helfen können, schätze ich”, ergänzt Flann, und Ethan muss zugeben, dass das erschreckend plausibel klingt und die beiden vermutlich recht haben dürften. Wieder verzieht er das Gesicht, während Irene nur gleichgültig mit den Schultern zuckt. Aber klar. Warum sollte ihr in ihrem Zustand das Schicksal von völlig Fremden auch nur ansatzweise wichtig sein.

Der Zugang durch die Dachbodentreppe, über den sie gerade noch ins Archiv gekommen waren, ist spurlos verschwunden. Aber dort vorne, wo die am wenigsten wertvollen Trophäen aufbewahrt werden und wo die Labyrinthversion von Sir Roger herkam, ist die normale Ausgangstür des Archivs, und die steht auch ganz normal offen. Vorsichtig gehen sie hindurch, aber dahinter lauert nichts auf sie. Kein Hund, kein Riese, kein Vater im Rollstuhl. Nur ein Gang, dessen Wände aus Büchern bestehen. Nicht aus Regalen mit Inhalt, sondern aus Büchern selbst, die nebeneinander liegen wie Ziegel in einer Mauer.
Bart stutzt, dann sieht er die Bücher genauer an, fährt hier und da prüfend mit dem Finger über Buchrücken und Titel.
“All diese Bücher gehören mir”, sagt er schließlich, “oder gehörten. Entweder sie befanden sich in meinem Laden, oder ich habe sie heutigentags in meinem Auto.”
Wow. Dass der Gelehrte ziemlich belesen war, dass wusste Ethan ja schon. Aber dass er mal so viele Bücher hatte? Wow.
Es sind auch Kinder- und Märchenbücher dabei – darunter der Zauberer von Oz, den würde Ethan auch aus doppelt so vielen Büchern finden -, und Flann zieht ein Märchenbuch aus der Wand und blättert darin herum. Ethan ist kurz überrascht, dass das geht und die Buchziegel nicht fest vermauert sind, aber andererseits: Was ist schon normal an so einem Ort hier? Aber um so besser, wenn man sich die Bücher ansehen kann. Ethan schaut sich um, ob sich irgendwas über Seelen finden lässt, während Irene ein paar Bücher nach hinten aus der Wand schubst. Oh. Das waren dann wohl Werke mit Informationen über Seelen drin, wenn die Britin nicht will, dass irgendjemand drankommt.

“Guck mal, Mommy, da ist ein anderes Mädchen!” Die Kleine deutet mit dem Finger auf eine Bewegung weiter hinten im Gang, wo die Gestalt eines Kindes zu sehen ist, dann aber umdreht und davongeht.
Bartholomäus murmelt etwas, das Ethan nicht verstehen kann, aber wie ein Name klingt – der Name seiner Tochter, vermutet Ethan -, und mit den Augen voller Sehnsucht und einer Miene wie in Trance geht er dem Mädchen nach. Drecksmist, elender! Ethan weiß ganz genau, wie der Antiquar sich gerade fühlen muss. Ungefähr so, wie Ethan sich in dem Höllenhaus gefühlt hat, als Carla da auftauchte. Mit ein paar schnellen Schritten hat er den Älteren eingeholt und legt ihm die Hand auf die Schulter. “Bart”, sagt er drängend. “Nicht echt.”
Während Irene spöttisch sagt: “Geh du nur!”, hält der Gelehrte inne, blinzelt und nickt Ethan dann zu, als wolle er sagen: Ich bin wieder bei mir. Puh.

Warte. Was ist das? Ethan runzelt die Stirn, schnuppert. Doch. Es riecht nach Feuer. Die anderen haben es auch bemerkt, aber bevor noch jemand etwas sagen kann, wird der Rauchgeruch stärker, es wird deutlich wärmer, und die Flammen schlagen den Bücherwänden hoch, kommen immer näher, und wieder rennen sie.

Vielleicht hätte das Feuer sie trotzdem eingeholt, wenn Bartholomäus sie nicht mehr als einmal am Verlaufen gehindert hätte, weil das hier ja das Abbild seines Antiquariats ist und er sich darin blind auskennt. So schaffen sie es zur Tür, stürzen hinaus.
Ein Blick zurück. Da steht eine Gestalt in der Tür, von Flammen umhüllt, die ihr über dem Kopf zusammenschlagen. Völlig ungerührt und unbeeindruckt. Und völlig unversehrt.
Ethan kennt die Frau. In Dana Point hat er sie auf einer Fotografie gesehen, und später hat Bart ihm von ihr erzählt. Das muss Signora Fiorina sein. Die Hexe, die Barts Tochter entführt hat.

Jetzt, wo sie das Antiquariat verlassen haben, stehen sie im Freien. Und Ethan kennt den Ort. Es ist einer seiner Lieblingsplätze, um genau zu sein. Der Pete Parent Peak zweieinhalb Stunden südlich von Burlington, wo auf ziemlich weiter Fläche nur Natur zu sehen ist, keine Spur von menschlichem Eingreifen und wenig Leute, wo man von oben einen wunderbaren Blick auf die Seen der Umgebung hat: den Griffith Lake und den Big und Little Mud Pond, und wo Ethan auf seinen Streifzügen durch die Wilderness gerne anhält und ein bisschen sitzt und schaut. In der echten Welt zumindest. Denn das hier ist irgendwie schon der Pete Parent Peak, ja… aber anders. Nur ein Abbild des echten Hügels, wie der Dachboden und das Archiv und das Antiquariat es auch waren, aber dazu noch… verzerrt. Der Hügel ist tot. Absterbend. Alles ist grau. Der Boden von einer Schicht Asche bedeckt. Die Blätter der Bäume tot und verwesend, die Baumstämme grau und brüchig, und das alles unter einem Himmel aus Blei.

Ob hier wohl auch alles aus diesem seltsamen fleischartigen Zeug besteht wie am Anfang? Ethan berührt einen der Bäume, um nachzusehen, aber die abgestorbene Rinde zerbröselt unter seinen Händen. Auch er selbst fühlt sich eigenartig, stellt Ethan jetzt fest: seltsam schwer und müde und unbeweglich. Dann: Was ist mit seinen Augen los? Warum sind seine Hände so anders? Und warum kann er seine Hüfte und seine Knie spüren, genau wie sein Daumengelenk gezwickt hat, als er den Baum überprüfen wollte?
Verwirrt sieht Ethan sich um – und stutzt. Denn während Bart und Irene so aussehen wie immer, ist Flann Breugadair merkbar gealtert, so um die Mitte 60 vielleicht. Falten im Gesicht, längere, lockige und vor allem graue Haare. Mit einer bösen Vorahnung wirft Ethan die Kamera seines Handys an, dreht das Bild, als wolle er ein Selfie machen. Und sieht, was er fast schon erwartet hat: Auch er selbst ist stark gealtert, um bestimmt 30 oder 35 Jahre, noch immer sonnengebräunt, aber jetzt wettergegerbter, mit Fältchen um die Augen, eisengrauen Haaren und einem kurz getrimmten, grauen Bart.
Spontan drückt Ethan auf den Auslöseknopf. Unterdrückt ein sarkastisches Schnauben. Sein zweites Selfie ever, und dann eines, das ihm außer Jägern keiner glauben wird. Na ganz spitzenmäßig. Wobei. Wenn das permanent bleiben sollte, wenn sie hier wieder rauskommen sollten, was ja alles andere als gesagt ist, dann werden sie es wohl glauben müssen. Drecksmist. Dann wäre er älter als seine Eltern, und ob sie den Schock verkraften würden, ist auch noch alles andere als gesagt. Aber den Gedanken drängt Ethan radikal nach unten. Egal jetzt. Erstmal hier rauskommen. Dann weitersehen.

Die beiden junggebliebenen Jäger begutachten ihre verwandelten Gefährten interessiert. Während Irene gerade von dem älteren Flann sehr angetan zu sein scheint, setzt Bartholomäus einen nachdenklichen Gesichtsausdruck auf.
“Das hier ist der ganze Lebenskreislauf”, sagt der Gelehrte versonnen.
Irene runzelt die Stirn. “Soll das heißen, wir müssen hier sterben, bevor wir rauskommen?”
“Ich weiß es nicht”, erwidert Bart, aber mit dieser Antwort gibt die Britin sich natürlich nicht zufrieden.
“Das solltest du aber besser wissen”, hält sie ihrem Cousin entgegen, “das wäre nämlich ein sehr riskanter Weg. Und womöglich ein sehr endgültiger.”
“Gomez: nichts von Sterben”, wirft Ethan ein. “Nur buntes Licht, Visionen – selbst, Mutter – und helles Licht.”
„Sein Sprachumfang wird also auch im Alter nicht besser”, murmelt Flann vor sich hin, aber Bart hat verstanden, was Ethan sagen wollte, und nickt.
„Dann sollten wir versuchen, das helle Licht zu finden.”
Guter Plan. Nur wie? Und wo?
Flann hat etwas gesehen. “Da!”
Er deutet den Hügel hinunter, wo in einiger Entfernung die Golden Gate Bridge zu sehen ist. Die Brücke – auch sie von Rost zerfressen und am Zerfallen – war eben eindeutig noch nicht hier, und allein das scheint ein Hinweis zu sein, also hin da.

Sie haben vielleicht den halben Weg zur Brücke zurückgelegt, da erheben sich mit einem Mal geisterhafte Gestalten aus dem Boden vor ihnen.
Sechs Gestalten, und vier davon kennt Ethan. Fünf sogar, wenn man es genau nimmt, denn eine davon ist das kleine Mädchen, mit dem sie hier im Labyrinth sind. Dazu ein fremder Mann, der vielleicht der Vater des Kindes sein könnte. Die beiden sind ihm herzlich egal. Aber die anderen vier lassen alle, jede auf ihre Weise, Ethans Herz einen kurzen, schmerzhaften Schlag tun: Julianna Hill, die junge Hexe aus Dana Point. Irene. Emily. Sam. Aber nicht, wie sie in Wirklichkeit aussehen, sondern eben Geisterversionen ihrer selbst: tot, zerfressen, eingefallen. Und abgrundtief böse.

Unweigerlich wird Ethans Blick auf die Geister-Sam gezogen, die jetzt mit den anderen Spukgestalten auf sie zukommt. Während Irene vor sich selbst zurückweicht und in ihrem Rucksack nach etwas – vermutlich Salz – fischt; geht Ethans Hand unwillkürlich an seinen Anhänger. Er macht einen Schritt zurück, presst die Lippen aufeinander und schüttelt den Kopf, als könne die bloße Erklärung das Phantom zum Schwinden bringen: “Du bist nicht echt.”
Überraschung. Sie kann nicht.

Im Näherkommen zischt das Abbild von Julianna Hill zu Flann: “Du hast mich verlassen, ich verfluche dich!” und krümmt die Hände, will allem Anschein nach einen bösen schwarzmagischen Fluch auf den älteren Jäger loslassen. Als Reaktion zuckt der Schotte zusammen und sieht mit sehr schuldbewusster Miene beinahe sehnsüchtig in ihre Richtung.
Das ist auch sehr interessant. Das lässt vermuten, dass Barts ungehaltene Bemerkung in Delaware von wegen der ‘sehr viel jüngeren Frauen’ sich auf Julianna bezogen hat. Huh. Aber keine Zeit, darüber nachzudenken, denn jetzt sind die Geister bei ihnen.
Als das böse Abbild von Samantha auf ihn losgeht, kann Ethan dem Schlag zwar ausweichen, aber Abbild oder nicht: Dazu, es anzugreifen, kann er sich ebensowenig durchringen, wie er es damals im Weihnachtshaus mit der falschen Carla konnte, sondern hält nur Abstand. Genausowenig dazu durchringen kann Breugadair sich bei der Geister-Julianna, die aus ihren Händen schwarze Blitze auf den Jäger schleudert wie der Imperator auf Luke, aber immerhin gelingt es ihm, von keinem davon getroffen zu werden. Die echte Irene springt geschickt zur Seite, als ihr Geister-Selbst sich auf sie stürzt, aber Bart wird von einem Schuss des Emily-Phantoms getroffen.

Ein Ruf von Irene. “Tauschen!!” Guter Plan. Sehr guter Plan. Dazu, die falsche Sam anzugreifen, kann Ethan sich nicht überwinden, aber bei der falschen Irene hat er keine solchen Skrupel. Er legt seine ganze Wut auf die seelenlose Britin in einen Hieb gegen ihr Abbild mit dem eisenbeschlagenen Kolben der Mossberg, der den Geist mit voller Wucht trifft und ihn, zumindest für’s Erste, vertreibt.
Bart gelingt dasselbe mit der Geister-Samantha, aber weder die Salzladung, die Irene auf das Phantom von Julianna Hill feuert, noch Breugadairs Schlag nach der geisterhaften Emily haben irgendeine Wirkung. Und die Mutter und die Tochter tun sowieso nichts außer panisch starren. Verdammt.

Irenes nächster Schuss bewirkt wieder nichts, und auch dass Flann sich mit einem schnellen Ruck den Gürtel aus der Hose zieht – ist dessen Schnalle vielleicht aus Eisen? -, macht dem Emily-Spuk rein gar nichts aus. Aber immerhin ist die Erscheinung davon soweit abgelenkt, dass ihr nächster Pfeil dem Jäger nur einen Streifschuss verpasst. Es hilft nur alles nichts: Die beiden vertriebenen Geister werden auch gleich wieder auftauchen. Sie müssen weg hier, und zwar schnell.
“Lauft!” ruft Bart auch schon; mehr braucht es nicht, um die beiden Zivilistinnen in Bewegung zu setzen. Irene hingegen feuert erst noch einmal auf die falsche Julianna, und diesmal zerstiebt der Geist von dem Salz in tausend Fetzen. Nur noch drei.

Wieder will Ethan hinten bleiben und den Rückzug decken, aber er bemerkt, dass er sich gar nicht groß zurücknehmen muss, um das Schlusslicht zu bilden, sondern sich ohnehin viel langsamer bewegt, als er das sonst gewohnt ist. Flann Breugadair, genauso gealtert wie Ethan und vielleicht auch von dem Streifschuss und seiner ohne Gürtel rutschenden Hose behindert, läuft ungefähr auf Ethans Höhe. Die drei verbliebenen Schreckensphantome kommen ihnen hinterher, und ein Pfeil fliegt an Ethan vorbei, trifft aber weder Flann noch ihn, und auch der Geister-Vater und seine schattenhafte Tochter schlagen zwar noch einmal zu, treffen aber nicht mit voller Wucht. Nur angekratzt, aber schwer keuchend, erreichen die beiden gealterten Jäger ein Stück nach den anderen die rostfarbene Brücke.

Rüber da. Als sie von der verrottenden Eisenkonstruktion heruntertreten, finden sie sich in einem Gang wieder, dessen Wände über und über mit alten Schriftzeichen geschmückt sind. Bart studiert die Symbole und verkündet keine große Überraschung: Alles Texte über Labyrinthe. Hilft ihnen nur jetzt auch nicht groß weiter. Aber da vorne ist was. Eine Öffnung oder so. Eine Öffnung oder eine Erweiterung des Ganges. Irgendwie sowas.

Die Mitte des Labyrinths ist da vorne, stellen sie kurze Zeit später fest. Komisch, kamen sie nicht gerade von da? Aber naja – hier drin ist sowieso nichts normal. Und vielleicht ist das hier drin eine andere Mitte als die echte draußen. Egal. Nicht drüber nachdenken, sonst platzt Ethan noch der Kopf. Lieber auf die Gestalt konzentrieren, die im Zentrum des Raumes zu sehen ist.
Da liegt ein alter, gebrechlicher Minotaurus mit trüben, mit kataraktübersäten Augen. Liegt, weil er nicht so aussieht, als ob er noch stehen könnte. Und mit schweren Fesseln angekettet ist er außerdem. Ein Tisch mit allen möglichen Speisen darauf an einer Seite des Raumes, außer Reichweite des gefangenen Wesens.
Mit fasziniertem Gesichtsausdruck geht Bart näher an die mythologische Gestalt heran, will sie offenbar genauer begutachten.
“Kannst du reden?” fragt Ethan, und der Minotaurus grunzt etwas – aber ob das Zufall war oder eine echte Antwort, kann Ethan nicht sagen: Das Grunzen klang ziemlich tierhaft.

Irene zückt ein Messer und tritt mit entschlossenen Schritten auf den Minotaurus zu. Was sie vorhat, ist klar, auch wenn sie kein Wort dazu sagt. Ethan ist unschlüssig: Einerseits tut die gefesselte Kreatur ihm leid, aber sie sieht so krank und elend aus, dass es beinahe eine Gnade scheint, sie zu erlösen, und so stellt er sich seiner seelenlosen Freundin nicht in den Weg. In Barts Gesicht spiegelt sich ein ähnlicher Zwiespalt der Gefühle wie bei Ethan, aber auch er sagt nichts. Mutter und Tochter wirken zu geschockt von all dem hier, um zu reagieren, und Flann zuckt nur gleichgültig mit den Schultern, als die Trophäenjägerin den Minotaurus enthauptet.

In selben Moment, als das Fabelwesen stirbt, gleißt ein helles Licht auf. Das ist unmissverständlich, also treten sie natürlich hinein. Kurz wird alles weiß vor Ethans Augen, dann steht die Gruppe unter freiem Himmel im Sonnenschein. Im echten Sonnenschein unter einem echten Himmel, auf dem Feld vor dem Maislabyrinth in Atkins, Iowa.
Irene hat den Minotaurenkopf noch in der Hand, aber das Zwicken in Ethans Gelenken ist verschwunden, seine Hände sind nicht mehr faltig, und auch Flann Breugadair sieht wieder aus wie der Mittdreißiger, der er ist. Puh.

Aber dass sie aus der schrägen Zwischenwelt herausgefunden haben und die Alterungserscheinungen verschwunden sind, ist ja nur das eine. Dass nicht noch mehr Leute in das Labyrinth hineingezogen werden, ist mindestens genauso wichtig. “Holzplatte”, sagt Ethan drängend und ist schon auf dem Weg zum nächstgelegenen Eingang, da hört er hinter sich seinen mit schneidender Stimme ausgesprochenen Namen.
Er bleibt stehen, dreht sich um. Sieht die Britin fragend an. Die Trophäenjägerin lächelt bedrohlich. “Du weißt genau, dass ich das Ding haben will.”
“Mir aus auch du”, knurrt Ethan. “Hauptsache weg da!”
Irenes Lächeln wird eine Spur weniger bedrohlich, aber nicht weniger kühl. “Gut, dann schick es mir nach England. Du kennst die Adresse. Ich werde wissen, ob es ankommt.”
Was bildet die sich ein, verdammt nochmal? “Wenn du es haben willst, mach du es ab und schick es selbst nach England!” zischt er wütend.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, stapft Ethan hinüber zu den beiden Zivilistinnen, die ein Stückchen abseits stehen und völlig erschlagen wirken. Die brauchen jetzt, dass sich irgendwer um sie kümmert. Und ein bisschen Trost, wenn er kann.
Viele Worte kriegt Ethan zwar wie zu erwarten nicht raus, aber zum Glück scheinen seine Gegenwart und sein beruhigendes “Wir sind zurück”, ein bisschen zu helfen. Aber noch mehr hilft logischerweise, als ein paar Minuten später der Vater auftaucht – er war tatsächlich der männliche Geist dort drinnen – und seine Familie erleichtert in die Arme schließt. Mutter und Tochter erzählen wirres Zeug von Lichtern und Lego und “du warst da, Daddy”, was Ethan irgendwie mit einer Ausrede von wegen Pestiziden und Dämpfen zu erklären versucht. Wie aber auch hier schon zu erwarten war, scheitert er ziemlich kläglich bei dem Versuch, sich überzeugend, oder auch nur einigermaßen verständlich, auszudrücken, und so sieht der Vater ihn misstrauisch an.
“Was haben Sie überhaupt mit meiner Familie zu schaffen?”
“Nichts”, murmelt Ethan, hebt die Hand zum Abschied, lächelt die Kleine nochmal an und macht, dass er weggkommt.
Aber damit klärt sich dann auch die Frage, wie lange sie eigentlich im Labyrinth waren, denn so richtig aufgelöst war der Mann noch nicht. Nur einige Stunden also, nicht Tage wie bei Gomez. Puh.

Eine Weile später trifft er wieder auf die anderen. Nur die beiden Männer allerdings; Irene hat sich schon abgesetzt.
Sie haben gemeinsam die Holzplatte aus der Mitte geholt, erzählt Bart, und der Gelehrte hat dann darauf bestanden, dass Irene das Ding den Besitzern für eine Summe, die sie nicht ablehnen konnten, anständig abgekauft hat, statt es einfach mitzunehmen. Dann ist sie mit ihren beiden Trophäen abgerauscht.

Ethan verzieht das Gesicht. Drecksmist, elender. Eigentlich hatte er doch versuchen wollen, Irene zu Caleb zu bringen! Aber andererseits ist es vielleicht besser so, wenn Ethan sich das recht überlegt – die seelenlose Engländerin wäre natürlich nicht freiwillig mitgekommen, und Ethan will ihr ebensowenig etwas tun wie gesagt ist, dass er in einer körperlichen Auseinandersetzung überhaupt die Oberhand behalten hätte.
Drecksmist, verdammter. Irene braucht unbedingt ihre Seele zurück. Denn wenn nicht… Wenn es wirklich keinen Weg geben sollte… Ethan scheut vor dem Gedanken zurück, aber so, wie die Britin drauf war… wie sie die Mutter eiskalt in den Weg des Hundes gestoßen, sie als menschlichen Schutzschild vor Sir Rogers Schuss verwendet hat…
Ethan weigert sich, den Gedanken zuende zu denken, aber falls es wirklich keinen Weg geben sollte, Irene ihre Seele wiederzugeben, und die Engländerin immer tiefer sinkt in dem, was sie zu tun bereit ist, dann…
Drecksmist. Jetzt hat er es doch gedacht. Dann wäre das ein zweites Falls.

Irgendwas von diesen trübsinnigen Überlegungen muss in seinem Gesicht geschrieben stehen, denn Flann Breugadair – ausgerechnet der oberflächliche, gleichgültige Flann Breugadair – sagt aufmunternd: “Sie wird schon wieder.”
“Nein”, widerspricht Bart. “Nicht einfach so.”
“Doch doch, bestimmt”, beharrt Breugadair, “ihr fällt schon was ein.”
Jetzt findet auch Ethan die Worte wieder. “Sie will es ja nicht mal”, murmelt er, und Bartholomäus bekräftigt: “Von sich aus wird da gar nichts.”
Der rothaarige Jäger lässt sich nicht beirren. “Das wird schon, glaub mir”, wiederholt er, tippt an einen imaginären Hut und wendet sich ab.

Als Breugadair weg ist, erzählt Bart noch ein bisschen zu den näheren Umständen. Die Holzplatte mit dem Labyrinth darauf stammt tatsächlich aus einer Kirche, und die Farmer fanden es interessant, sie – eben wegen des Musters darauf – in ihr Maislabyrinth einzubauen.
“Und Labyrinthe haben Resonanz”, doziert der Antiquar weiter. “Ich glaube, dass es zu dem Phänomen gekommen ist, weil die beiden Labyrinthe, das auf der Platte und das aus Mais, miteinander interagiert haben.”
Huh. Klingt so. Hoffentlich war es wirklich nur das und nicht irgendwas am Maislabyrinth selbst. Aber das glaubt Ethan eigentlich nicht, sonst wären noch mehr und öfter Leute verschwunden.

Da das Problem des Labyrinths soweit gelöst ist, können Bart und er sich jetzt ihrem anderen Anliegen widmen: den Fluchkisten für Emily. Gemeinsam fahren sie zurück nach Vermont und machen sich ans Planen. Alle Kisten können sie in den paar Tagen, die der Gelehrte in Burlington bleibt, natürlich nicht bauen – Emily möchte ja fünfzehn Stück in unterschiedlichen Größen haben -, aber sie können wenigstens anfangen. Bart fertigt ein Muster für die Symbole an, die auf die Kisten müssen – eigentlich sind es so ziemlich genau dieselben Zeichen, die Ethan auch schon auf die Kiste für die Höllenschale gezeichnet hat, aber Bart hat wertvolle Tips dazu, wie sie am besten aufzubringen sind, und er zeigt Ethan auch ein paar Feinheiten, die die Sache nochmal ein bisschen wirksamer machen sollen.
Während seines Besuchs macht der Gelehrte eine Bemerkung darüber, wie praktisch Ethans eisenbeschlagener Gewehrkolben dort im Labyrinth gegen die Geister doch war und wie nützlich so etwas auch für ihn, Bart, selbst wäre, nur dass er ja kein Gewehr benutzt. Der Gedanke lässt Ethan nicht los, also grübelt er eine Weile und tüftelt etwas herum und bastelt schließlich aus denselben dünnen, flexiblen Eisenstreifen, mit denen er den Kolben der Mossberg beschlagen hat, einen Teleskopschlagstock für den Antiquar.

In den Tagen nach ihrer Rückkehr verfolgt Ethan weiterhin die Lokalnachrichten aus Benton County, aber es gibt tatsächlich keine Zwischenfälle mehr. Das verschwundene Pärchen taucht allerdings auch nicht mehr auf – die haben wohl ihre eigene Version des Labyrinths nicht geschafft, befürchtet Ethan. Verdammt. Nicht zu ändern, aber trotzdem. Verdammt.

Bei Sam in England ruft er auch immer wieder mal an – oder versucht es zumindest. Weder sind die dicken Mauern von Winslow Manor dünner noch die fünf Stunden Zeitverschiebung weniger geworden, und wenn Ethan mal durchkommt, hat Samantha meistens gerade nicht sehr viel Zeit. Auch da: verdammt. Nicht zu ändern, aber trotzdem. Verdammt.

Einige Tage, nachdem Bart wieder weg ist, kommt Emily vorbei, um die von Ethan versprochene erste Fluchkiste – die, die er von der Aktion mit der Höllenschale übrig hat – abzuholen. Eigentlich wollte sie nur die Kiste einsammeln und gleich wieder los, aber dann kommen sie doch ins Reden. Über das alte Foto mit Sheriff Simon und den Vorfahren der anderen Jäger darauf, das gemeinsam mit dem Revolver einen Ehrenplatz in Ethans Regal hat, zuerst. Als Emily das Bild sieht, zuckt sie kurz zusammen, was Ethan vielleicht gar nicht bemerkt oder gedacht hätte, er müsse sich getäuscht haben – wenn Emily nicht gleich darauf ins Stottern geraten wäre. Sie macht die eigentlich völlig harmlose Bemerkung, dass sie das Foto kennt, verhaspelt sich dann aber ganz fürchterlich, als sie abzuwiegeln versucht, sie würde gewisse Ähnlichkeiten erkennen, also Verwandtschaft oder besser Vorfahren vermuten.

Wie gesagt: Eigentlich war die Bemerkung vollkommen unverfänglich. Es wäre zwar vielleicht ein seltsamer Zufall, aber keinesfalls unmöglich, dass Emily die alte Fotografie schon einmal gesehen hat. Immerhin existieren von dem Bild ein paar Kopien, und Ethan weiß, dass Emily von den Beteiligen neben ihm selbst ja mal mindestens Bart und Barry kennt. Wahrscheinlich hätte er gedacht, sie hat es einfach bei einem der beiden gesehen… aber das Stottern lässt ihn vermuten, dass doch etwas mehr dahinter stecken könnte. Er hakt aber erst einmal nicht nach, sondern erzählt seiner Besucherin die Umstände. Von Sheriff Simon. Von den Vorfahren der anderen. Dass er das Foto von klein auf kannte, aber nie wusste, wer die anderen Männer darauf waren. Dass er – die ganze Familie – vor allem nie wusste, dass sein Ur-Ur-Ur-Großvater selbst mal mit Kram in Kontakt gekommen war. Dass er letzten Herbst einen Traum hatte, in dem er die damaligen Geschehnisse durch die Augen seines Vorfahren miterlebte – oder zumindest etwas geträumt hat, das ihm so vorkam, als könnten es die damaligen Geschehnisse gewesen sein. Erzählt ihr tatsächlich nach und nach den ganzen Traum, auch wenn das natürlich bei seinen vielen Pausen eine ganze Weile dauert.

Emily kennt nicht nur Bart und Barry, sondern auch Gideon Barker und Agent Saitou, wie sich herausstellt. Bei den meisten Beteiligten hat sie auch eine deutliche Ähnlichkeit zwischen den abgebildeten Personen und ihren Nachfahren erkennen können – nur Mat’ho konnte sie auf Anhieb keinem heutigen Jäger zuordnen. Aber klar: Barrys Vater ist ja auch ein Weißer, und das war Mat’ho mit Sicherheit nicht. Da sagt Emily etwas Seltsames. Sie lächelt versonnen, wie bei einer Erinnerung, und pflichtet Ethan bei, als er das erwähnt: “Du hast recht, Mat’ho ist ein echter Indianer.”
‚Mat’ho ist ein echter Indianer.‘ Die Formulierung lässt Ethan kurz stutzen, aber noch nicht wirklich aufhorchen oder darüber nachdenken. Aber dann macht seine Besucherin noch eine seltsame Bemerkung, als Ethan erzählt, dass Simon Gale starb, bevor er das Wissen um das Übernatürliche an seine Familie weitergeben konnte. Da stimmt sie ihm nämlich erst zu, dass es vermutlich einiges hätte ändern können, wenn der Sheriff überlebt hätte, aber dann beendet sie den angefangenen Satz mit: “aber er scheint ja mehr Glück als Kiyoshi und Mat’ho gehabt zu haben.”
Diese Aussage lässt Ethan endgültig hellhörig werden, und jetzt muss er doch einhaken. “Mehr Glück? Zerfetzt, Tiefe gerissen.” Er zuckt die Achseln. “Beides tot.”
Auf seine Nachfrage sieht Emily betrübt auf das Foto, bevor sie leise zu sprechen beginnt. “Was ich dir jetzt sage, darf diesen Raum niemals verlassen.” Sie wirft Ethan einen ernsten und sehr eindringlichen Blick zu. “Niemals.”
“Wird’s nicht”, bekräftigt Ethan ernsthaft. “Versprochen.”
Die junge Jägerin schaut wieder auf das Bild, streicht mit den Fingerspitzen sachte darüber. Zögert noch einen Moment, bevor sie doch zu sprechen beginnt. “Als ich dort war. Im… also als ich weg war, war ich nicht die ganze Zeit allein. Diese beiden” – sie deutet auf Kiyoshi und Mat’ho – “waren auch dort. Ich habe es ihnen zu verdanken, dass ich zurück bin.”

“Wow”, entfährt es Ethan spontan, und dann gleich nochmal, bewusster. “Wow.” Er sieht zu den Gestalten der beiden Männer auf dem Bild und wieder zurück zu Emily, öffnet den Mund, um etwas zu sagen, stellt fest, dass ein drittes ‚Wow’ etwas albern wäre, und klappt den Mund wieder zu.
Aber es passt, auch wenn es albern wäre, es laut auszusprechen. Die beiden Vorfahren von Barry und Agent Saitou sind noch immer im Fegefeuer. Nach 150 Jahren. Wo für ein Jahr in der echten Welt da drinnen fünf Jahre vergehen. Wenn die Zeit denn da drinnen so gleichmäßig vergeht, dass der Unterschied immer derselbe bleibt. Aber selbst wenn es wirklich nur die 150 Jahre waren wie draußen und keine 750… trotzdem. Wow. Scheiße. So verdammt lange.
“Es waren meine Freunde, meine Familie”, spricht Emily weiter. Sie klingt so in sich gekehrt, so versonnen, dass Ethan den Eindruck hat, sie redet gar nicht so wirklich zu ihm, sondern mehr zu sich selbst. “Und ich hab… nein, falsch… ich konnte ihnen nicht helfen. Sie haben sich für mich geopfert.” Jetzt sucht sie doch direkt seinen Blick. “Vielleicht sehe ich sie ja irgendwann wieder.”

Ethan legt den Kopf schief bei dieser Bemerkung. Ob sie vorhat, eine Rettungsaktion für die beiden Männer zu fahren? Bietet seine Hilfe an, falls ja. Dann fällt ihm Barts Brief wieder ein, und er erzählt Emily von dem Hinweis des Gelehrten, dass das Höllentor sich in nicht allzu ferner Zukunft wieder öffnen soll. Dass das vielleicht eine Chance sein könnte, falls sie wirklich vorhat, ihre beiden Freunde zurückzuholen.
Die junge Jägerin braucht zwar keine Hilfe, sagt sie, aber bei der Erwähnung des Tors wird sie hellhörig und will Genaueres wissen. Das kann Ethan ihr nur leider nicht geben, weil Bart ja bis auf “wir haben noch Zeit” nichts weiter geschrieben hat. Dass sie allerdings denkt, alleine losziehen zu müssen, das kann er so nicht auf sich beruhen lassen. “Klar. Weiß, dass du keine Hilfe brauchst. Kommst zurecht. Nie gezweifelt. Nur: Rückendeckung immer nützlich. Also: Angebot steht. Nur für den Fall.”
“Für den Fall, ja”, antwortet Emily, was Ethan zwar nicht so richtig einordnen kann – heißt das jetzt, dass sie seine Hilfe doch annehmen will, falls sie eine Rückholaktion beschließt, oder war das einfach nur ein ausweichendes Nichtssagen? -, aber trotzdem nickt er nur und geht abgesehen von einem “Kay” nicht weiter darauf ein.

Emily scheint auch ganz dankbar dafür, dass sie das Thema nicht weiter vertiefen muss, denn jetzt fragt sie nach Ethans Familie, was wiederum Ethan eine Grimasse schneiden lässt, bevor er stockend erzählt, wie sich alles zumindest einigermaßen wieder eingerenkt hat. Dass die ganze Aktion mit Bedrohung und Safe House bei seiner Familie vor allem neue Fragen aufgeworfen hat, reißt er auch an, genauso seine anhaltende Unsicherheit darüber, dass er sich mit der Schalenaktion so erpressbar gemacht hat, bevor eine Bemerkung zu der unerwartet guten Zusammenarbeit mit Special Agent Saitou Emilys Neugier weckt und Ethan auch ein bisschen was dazu erklärt, warum der Fed ihn nach Dana Point beinahe verhaftet hätte.
Und das wiederum – die Tatsache, dass es in Dana Point um Hexen ging – bringt Emily dazu, nach Ethans Fluch zu fragen, und wieder antwortet er stockend, aber freimütig.

Tatsächlich gibt es fast kein Thema, das sie nicht wenigstens kurz anschneiden, kommt es Ethan vor. Von den Trail Guides in seinem Regal und der ‘Waldstille’ der Wildnis – Emilys Wort gefällt Ethan sehr -, dem Zauberer von Oz und davon, was es mit den Büchern auf sich hat. Auf seinen Vorschlag, sich den Film anzusehen, reagiert die Jägerin aber ablehnend – sie will keine Freunde, und da will sie auch keine Freizeitsachen mit irgendwem unternehmen. Das sticht, irgendwie. Verdammt.
Aber gut. Ist halt so. Drüberstehen.

Emily scheint das Thema auch nicht so dringend vertiefen zu wollen, denn jetzt fragt sie wieder nach seinem Fluch, und Ethan stellt fest, dass es ihm gar nichts ausmacht, ihr davon und von den drei Zutaten für das Gegenritual zu erzählen, auch wenn er versucht, die Tragweite, die es für ihn haben würde, wenn es keine Lösung gäbe, etwas herunterzuspielen. Es ist, wie es ist, und er muss mit dieser Bürde leben, ob sich ein Weg findet oder nicht. Muss darauf gefasst sein, dass nicht.

Eigentlich will Emily dann gehen – wahrscheinlich wegen ihres ‘keine Freunde’-Prinzips – und bittet um die Fluchkiste, die ja überhaupt erst der Grund für ihren Besuch war. Oh. Das hätte Ethan jetzt tatsächlich selbst auch fast vergessen, weil es zwar völlig ungewohnt, aber einfach richtig nett war, sich mit der jüngeren Jägerin zu unterhalten. Er geht die Kiste holen, die er im Austausch für seine eigene aus Irenes Bauwagen mitgenommen hat, und hält sie Emily hin.
“Rest kommt. Woche oder zwei?” Er wirft einen Blick auf den Kalender. “Mal sehen, heute ist…”
Bei dem letzten Wort wird Ethans Stimme leiser, verstummt schließlich ganz, und er starrt blind auf die Zahlen. Es. Heute ist. Oh verdammt. Carla. Carlas Todestag. Und bis gerade eben hatte Ethan überhaupt nicht daran gedacht.

Als er nach einigen Sekunden weiterspricht, hat er seine Stimme sorgfältig unter Kontrolle, und seine Hände, die Emily die Kiste hinhalten, zittern nicht. “Ja. Zwei Wochen.”
Sie nimmt ihm seine Last ab, nickt, dankt ihm, erklärt, dass es mit den anderen ja nicht eilt, und wendet sich zum Gehen. Ethan nickt mit einem abwesenden ‘mhmm’ zurück, sieht ihr gedankenverloren hinterher. Bemerkt kaum, wie sie auf halbem Weg zur Wohnungstür stehen bleibt, einen Moment lang zögert und dann zu ihm zurückkommt.
“Alles in Ordnung mit dir?” Ihre Stimme klingt besorgt. “Du siehst auf einmal so blass aus.”
“Ja. Nein. Naja. Nein.” Ethans eiserne Kontrolle fällt etwas in sich zusammen, als er sich ein Herz fasst. “Tschuldige. Ist… Ist nur…” Er schluckt. “Heute. Eben erst wieder eingefallen. Ist…“ Ethan zuckt hilflos mit den Schultern. “Neun Jahre heute. Seit.” Er sieht wieder zum Kalender, dann zu seinem Gast und atmet tief durch. Bemüht sich um Gleichmut. „Naja.“ Er strafft sich und versucht sich an einem Lächeln. Scheitert kläglich und verflucht sich selbst. Sie wollte doch gehen. Was belastet er sie mit seinem Müll.

Als er ausgesprochen hat, dauert es ein paar Sekunden, bis Emily antwortet.
”Sorry”, sagt sie leise, “das wusste ich nicht. Ich wäre nicht gekommen, wenn… aber ich kann bleiben und zuhören, wenn du wen zum Reden brauchst – oder gehen, wenn du allein sein willst?” Die nächsten Worte kommen zögerlich, als sei Emily selbst überrascht darüber, dass sie den Vorschlag macht. “Wir könnten auch nur dasitzen und schweigen, wenn du nicht reden willst. Oder wir könnten eine Runde gehen… vielleicht ein bisschen frische Luft schnappen?” Sie stellt die Kiste vorsichtig auf dem Wohnzimmertisch ab und geht auf Ethan zu, bevor sie mit beinahe verlegener Miene innehält. Das ist seltsam. Hat sie eben etwa gerade Anstalten gemacht, die Arme zu heben, um ihn in eine Umarmung zu ziehen? Quark. Garantiert nicht. Emily fasst niemanden an. Und sie will keine Freunde.
Es ist ihm ein wenig peinlich, sie trotzdem darum zu bitten, aber…
“Würd. Freuen, wenn. Wenn du bleibst. Gerne raus. Luft. Oder hier. Nur… Naja. Ja. Bisschen Gesellschaft wär nett.”
“Was wäre dir denn lieber? Wie würdest du dich wohler fühlen? Also jetzt im Moment. Ich richte mich ganz nach dir.”
Emily hat es kaum ausgesprochen, da scheint ihr etwas bewusst zu werden, denn sie schiebt schnell hinterher: “Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, meine Entscheidung ändert sich nicht: Dass ich bleibe, macht uns nicht zu Freunden.” Sie sieht Ethan fragend an, als rechne sie damit, dass er sie jetzt wegschickt wegen dieser Eröffnung. “Aber ich leiste dir gerne noch etwas Gesellschaft, wenn du willst.”

Autsch. Natürlich. Auch wenn er ge– Egal. Nicht anmerken lassen. Nicht noch peinlicher machen. Ethan hält seine Stimme sorgfältig neutral, als er antwortet. “Mmhm. Klar. Versteh schon. Danke trotzdem.” Schnell geht er auf ihre vorige Frage ein, um von dem wunden Punkt wegzusteuern. “Raus, bewegen.” Mit einer leichten Grimasse nickt Ethan grob Richtung Süden. “Kein echter Wald. Golfplatz. Muss reichen.”
Der Burlington Country Club mag zwar nur ein Golfplatz mit Baumbestand sein, aber das Gelände ist eben auch golfplatzgroß und liegt direkt hinter dem Parkplatz. Für grün mitten in der Stadt, ohne mit dem Auto irgendwo hinfahren zu müssen, gar nicht schlecht. Darf Ethan sich eigentlich nicht beschweren.
“Magst du mir von ihr erzählen?” Die Frage kommt etwas zögerlich. Ein bisschen wie ein Friedensangebot.
“Ja”, antwortet Ethan, “gerne. Will… will sie nicht vergessen.”

Aber statt zu reden, holt Ethan wortlos das Foto aus Portland und zeigt es seiner Besucherin, und erst, als sie draußen sind, Emily die Fluchkiste in ihrem kleinen Geo Metro verstaut hat und Ethan auf dem weiten Grün des Golfplatzes, wo um diese Uhrzeit nur ein paar vereinzelte Spieler in der Entfernung zu sehen sind und sie fast die ganze Umgebung für sich haben, Snoopy von der Leine gelassen hat, fängt er unvermittelt, erst langsam und mit sehr vielen Pausen, schließlich aber flüssiger, an zu erzählen. Von Carla. Wie sie war. Was er an ihr… naja. Geliebt hat. Kommt doch wieder ins Stocken, als er das Begräbnis streift, darauf, wie mitfühlend sie alle waren, wie arglos. Wie sie keine Ahnung hatten, dass… dass. Wie auch?
Ganz unwillkürlich vergräbt Ethan für einen Moment die Hand in Snoopys Nackenfell, bevor er einen schon ziemlich zerkauten Tennisball aus der Tasche holt und ihn in einer flüssigen Bewegung wegwirft, woraufhin der Hund fröhlich losrennt und gleich darauf mit dem Ball im Maul zurückkommt, dann auffordernd die Schnauze unter Ethans Hand schiebt. Der krault Snoopy nochmal und wirft mit einem Seufzen den Ball wieder weg. “Keiner geglaubt… oder hätten sie’s doch geglaubt? Weiß nicht. Vielleicht hätten sie. Vielleicht war’s feige.”

Drecksmist. Die Bemerkung versteht Emily garantiert nicht. Kann sie ohne Zusammenhang gar nicht verstehen, also holt Ethan mühsam noch etwas weiter aus. Dass es feige war, bei der Beerdigung niemandem zu sagen, dass… dass er es war. Dass er Carla umgebracht hat. Dass er den Instinkt verloren haben muss in dem Jahr, in dem er aus dem Geschäft draußen war. Denn sonst hätte er es ja merken müssen. Hätte gewarnt sein müssen. Und dass er hinterher für eine Weile nicht ganz bei sich war; dass es ihm in der Zeit völlig egal war, ob er lebte oder draufging. Dass er sich in der Jagd vergraben, mit der Jagd den Schmerz betäubt hat.
Gah, klingt das kitschig. Aber so war es nun mal, auch wenn Ethan sich über sich selbst wundert, dass er das alles überhaupt so vergleichsweise frei über die Lippen kriegt. Teile davon hat er im letzten Jahr-und-ein-bisschen zwar immer schon mal wem erzählt, aber so vollständig hat er das bisher noch niemandem anvertraut. Verfällt nach der langen, langen Rede jetzt auch wieder in Schweigen und wirft Snoopy den Ball wieder zu.
“Du hast sie nicht getötet”, widerspricht Emily leise, aber eindringlich, “du… du wurdest zu einem Werkzeug. Und es mag sein, dass du die Anzeichen nicht gesehen hast, aber gab es überhaupt welche? Ich meine, gab es überhaupt eine Chance, das zu verhindern?” Sie sieht ihn aufmerksam an. “Ethan, das lässt sich leicht im Nachhinein sagen, aber ich glaube nicht, dass du was hättest ändern können; wie du schon sagtest, Instinkte verliert man nicht so einfach.” Emily bleibt stehen, sieht ihn an. “Du hast sie nicht getötet”, wiederholt sie eindringlich, “das weißt du, oder? Du darfst dir das nicht einreden, es war diese Drecks-Hexe, hörst du, und wenn du ihnen von dem Übernatürlichen erzählt hättest, wärst du jetzt wahrscheinlich in der Klapse und auf Nimmerwiedersehen weggesperrt. Wer hätte dir schon geglaubt, sie hätten doch bloß geglaubt, dass du dir das ausdenkst, dass es deine Trauer ist, sie hätten es nicht verstanden. Geschweige denn geglaubt. Das hat mit feige nichts zu tun.”

Aufmerksam hört Ethan seiner Begleiterin zu, und als sie ihn so vehement verteidigt, wo er selbst sich das all die Zeit über nie zugestanden hat, wird es für einen kurzen Moment warm in seinem Inneren. Aber gleich darauf schwindet das Gefühl, und es dauert wieder eine ganze Weile, bis er die nächsten Worte findet.
“Gab Anzeichen”, gesteht er grimmig ein. “Gibt. Jedesmal, wenn, ähm…” – plötzlich ist der abgekaute Tennisball wahnsinnig interessant, ebenso wie Snoopys rotes Halsband, an dem Ethan herumfingert, obwohl es perfekt sitzt – “naja. Wenn halt. Ich mit wem schlafe. Stimme im Kopf. Singsang, Reime. Und. Fluch selbst. Damals gehört.” Er verzieht das Gesicht und wiederholt mit einem finsteren Knurren: “Anzeichen.”
Emily erstarrt. Fährt zu ihm herum. “Das ist doch nicht wahr! Das glaube ich dir nicht. Du lügst doch.” Herausfordernd starrt sie ihn an, bevor sie mit deutlich steiferen Schritten als zuvor ihren Weg über das Gelände fortsetzt. Dabei hastig weiterspricht, als wolle sie ein unangenehmes Thema so bald wie möglich hinter sich bringen. Ihre Stimme klingt kühl und distanziert, mechanisch, und sie sieht Ethan dabei nicht an.
“Ich kann jetzt sagen, was ich will, und du wirst nur die Hälfte hören, aber anstatt dir Vorwürfe zu machen, halte Carla in Ehren. Denk an die schönen Dinge, die du mit ihr erlebt hast. Ich meine eure gemeinsame Zeit, ihre Hobbys, die Musik, die sie gerne gehört hat. Filme, die ihr zusammen geguckt habt. An sowas könntest du dich doch halten und nicht dran, wie oder warum es geendet hat, sondern wie es war, als sie noch lebte.”

Emilys plötzliche Wut, die Vehemenz, mit der sie ihn so unvermittelt angeht, lässt Ethan zurückzucken, als habe sie ihm eine Ohrfeige versetzt. Völlig perplex bleibt er stehen und sieht sie mit gerunzelter Stirn verwirrt an, versucht zu verstehen, wo diese plötzliche Anklage auf einmal herkommt. Aber er bekommt den Kopf einfach nicht drumherum. Lügen? Warum meint sie plötzlich, er lügt? Auch Emilys nächste Worte, nicht mehr so wütend, aber dafür so frostig, und vor allem immer noch so vorwurfsvoll, machen das dumpfe Gefühl eines Stichs in der Herzgegend, eines Tritts in die Magengrube, nicht gerade besser. Und was zum Geier meint sie damit, er höre nur die Hälfte von dem, was sie sagt? Hält sie ihn denn für so unaufmerksam? Für so egoistisch? Muss sie wohl, denn das, was sie sagt, klingt verdammt nach ‘hör auf, dich selbst zu bemitleiden, Weichei.’
Ja. Sollte er wirklich. Bringt keinem was, wenn er hier herumjammert. Was hat er Idiot auch geglaubt, reden würde irgendwas ändern. Worte irgendwas helfen. Gerade er sollte es besser wissen. Muss er selbst mit klarkommen. Und vermutlich hat sie auch damit recht, dass er sich lieber an die schönen Dinge erinnern sollte. Nicht nur vermutlich. Ziemlich sicher. Muss er zumindest versuchen. Nachher. Wenn er alleine ist.

Ethan denkt noch über ihre Worte nach, da schüttelt Emily schon abwehrend den Kopf. “Sorry. Ist natürlich deine Sache. Wollte mich in deine Trauer nicht einmischen, ich kannte sie nicht und dich…”, sie schweigt einen Moment, “… kenne ich ja eigentlich auch nicht. Tut mir leid, wenn ich dir zu nahe getreten bin.”
“Schon ok”, murmelt er kurz. Sie hat ja recht. Es ist, wie es ist. Kontrolle, verdammt.
Ob es Ethans knappe Antwort ist oder etwas anderes, was sie so aufbringt, aber Emilys Lippen werden noch schmaler. “Wusste ja nicht, dass ich mich so in jemandem täuschen konnte.” Sie macht einige schnelle Schritte, um an ihm vorbeizuziehen, stapft ärgerlich in die kleine Senke hinunter, die sie gerade erreicht haben. “Wusstest Anzeichen”, schnaubt sie, ohne sich umzudrehen, und klingt in ihrer Wut beinahe so wie Ethan selbst immer. In der Mitte der Senke angekommen, hält sie inne, ihre ganze Körperhaltung angespannt und abweisend, während sie knurrt : “Risiko bewusst und trotzdem.”

Während Emily zornig vor ihm herstiefelt, versteht Ethan immer noch nicht, was sie eigentlich von ihm will. Eben hat sie ihm schon vorgeworfen, er würde lügen, und warum redet sie jetzt von ‘täuschen’? Er weiß es nicht, beim besten Willen nicht. Eigentlich sollte es ihm ja egal sein, denn was kümmert es ihn, was Emily von ihm denkt oder nicht denkt, aber trotz allem tut es weh. Es tut verdammt weh.
Erst unten in der Senke, als die junge Jägerin ihm ihren Vorwurf entgegenschleudert, wird Ethan klar, was sie meint, und er bleibt wie angewurzelt stehen. “Was? Nein! Nein, so war das nicht! Ich…” Ethan bricht ab. Bekommt die Worte nicht heraus. Denn so, wie sie sagt, war es ja eben doch. Er presst die Lippen aufeinander und wirft kurz einen Blick auf den Rücken seiner Begleiterin, aber er kann sie nicht ansehen. Stattdessen lässt er sich schwer auf den Erdboden fallen, wo er gerade steht, und zieht die Knie an die Brust. Stützt die Ellenbogen auf die Oberschenkel und vergräbt den Kopf in den Händen, während Welle um Welle der alten Schuld über ihn spült. “Hast recht”, murmelt er tonlos, “Hast recht… Hätte was merken können… hätte was merken müssen… Schon im Park… ‘Wenn ich dich nicht haben kann, soll dich auch keine andere haben’… Wer redet schon so… Hätte merken müssen, dass das ein Fluch war und nicht nur Gerede…”
Blind starrt Ethan auf die Erde vor sich. Wenn sie sich jetzt vor ihm auftun und ihn verschlingen würde, er würde sich nicht wehren.

Ethan hat keine Ahnung, wie lange er so da sitzt. Ein paar Minuten vielleicht. Nicht so lange, wie es sich anfühlt, jedenfalls. Aber so oder so kommt Emilys leise, verlegene Stimme aus nächster Nähe als völlige Überraschung. Sie ist noch nicht weg? Vielleicht will sie noch mehr Vorwürfe auf ihm aufhäufen. Ist aber auch egal, wenn. Viel schlimmer kann er sich nicht mehr fühlen.
“Entschuldige, es tut mir leid. Ehrlich.” Eine Pause. “Ethan, ich… ich hab da was total missverstanden. Ich dachte, es hätte doch Anzeichen gegeben, ich meine… die dir bewusst waren.”
Verblüfft sieht Ethan auf. Emily steht mit gesenkten Schultern vor ihm und schaut ihn nicht an, sondern stur auf den Boden vor sich. Holt tief Luft und scheint, ganz ähnlich wie er selbst auch so oft, nach den richtigen Worten suchen zu müssen.
“Ich… ich wollte dich nicht so angehen. Ich hatte kein Recht dazu, dich… dich zu verurteilen. Ich meine… ohne zu wissen, was Sache ist, und selbst dann nicht.” Jetzt schielt sie doch zu ihm hin, und ihre Miene ist ein Bild der Zerknirschung. “Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen.”
Ethan blinzelt überrascht. Sieht sein Gegenüber direkt an. “Nein”, macht er leise, “nicht. Konntest du. Doch nicht. Ich meine. Musstest ja denken. Ist ja auch wahr. Hast ja recht. Hätte.”
So seltsam es sein mag, ein Teil der unendlich tiefen Schwärze ist bei Emilys selbstkritischen Worten von ihm abgefallen, und der verbliebene Rest ist altvertraut; den kann er ertragen. Mit einiger Mühe und nicht sehr erfolgreich versucht er ein Lächeln. “Ist okay. Echt. Nichts zu verzeihen.”

Einen langen Moment antwortet Emily nicht, sondern sieht ihn mit einem Blick an, der von ihrem schlechten Gewissen zeugt. Sie wendet sich ab und geht ein paar Schritte, lehnt sich gegen einen Baum, der am Rand der Senke wächst. Als sie wieder anfängt zu sprechen, schwingt Reue in ihrer Stimme mit. “Nein. Nein, ich hatte unrecht. Und ich muss mich sehr wohl entschuldigen. Ich hätte nicht so ausrasten dürfen. Erst recht nicht, wenn… wenn ich doch keine Ahnung habe.”
Mit gerunzelter Stirn schüttelt sie den Kopf, hebt dann einen kräftigen Ast vom Boden auf und hält ihn Ethan hin.
“Ich kann verstehen, wenn du mich nie wiedersehen möchtest und auch die Kisten nicht fertigstellen willst.” Noch eine kurze Pause, während der Ethan den Ast ergreift und sich von ihr hochziehen lässt, dann setzt Emily hinzu: “Ich wollte dich nicht verletzen.”

Das traurige Gesicht seiner Begleiterin versetzt ihm einen Stich, anders als ihre Vorwürfe eben und und doch irgendwie ein bisschen ähnlich, und Ethan schüttelt den Kopf.
“Ja”, gibt er zu. “Hat wehgetan. Vor allem, weil… weil alles wieder hochkam.” Aber das war es nicht mal. Nicht nur. “Weil ich erst gar nicht wusste, was… was du meinst. Und weil… weil…”, er zieht die Stirn in Falten, zwingt den wahren Grund hinaus, “weil ich nicht wollte, dass du so von mir denkst. Auch wenn… Auch wenn’s… mir eigentlich egal sein sollte. Und auch wenn’s… naja. Irgendwo stimmt. Oder vielleicht stimmt. Oder ich dachte, dass es stimmt.”
“Ethan. Dass soll jetzt keine Entschuldigung sein, warum ich mich so benommen habe, aber…” Emily zögert kurz, “hm… dort, also ich meine im…” Sie bricht ab, setzt nochmal neu an, “also wo ich war, hat man keinen gesteigerten Wert darauf gelegt. Auf… auf Menschlichkeit. Rücksichtnahme. Gefühle. Es war alles nichtig. Ich versuche es. Wirklich. Ich will mich erinnern. Aber… schwer.” Emily sieht Ethan nicht an, als sie das sagt, sondern schaut zum Himmel hoch, in die Ferne, überallhin, nur nicht zu ihm, bevor sie den Kopf wieder senkt. Aber jetzt sucht Ethan ganz direkt Emilys Blick. Wartet, bis sie ihn ansieht, und formuliert extra vollständig, damit sie auch ja begreift, was er sagen will. “Hat wehgetan. Ja. Aber… Ist okay. Entschuldigung angenommen. Ich verzeihe dir, okay?”
“Ist nicht okay”, antwortet Emily leise, “aber danke dir dafür.” Ihre Stimme klingt noch belegt und voller Zweifel, und ihr Lächeln wirkt mühevoll abgerungen, aber ihr Gesichtsausdruck ehrlich dankbar.
Ethan sieht Emily aufmunternd an. “Weiß. Schwer. Mir nicht anders. Also… naja. Bisschen leichter, inzwischen. Aber. Lange. Kommt vielleicht. Aber wenn nicht… Oder nur langsam… Hey. Bist, wie du bist. Und hey. Sieh mal. Hast dich entschuldigt. Längst nicht jeder. Echt nicht.”
Er rüttelt ein bisschen an dem Ast, den sie beide noch in der Hand halten, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, dann lässt er den Stock los und bedenkt die junge Jägerin mit seinem ‘du willst mich wohl veräppeln‘-Blick. “Und Quark. Klar Kisten fertig. Und klar wiedertreffen. Missverständnis. Böses Missverständnis. Passiert. Mir auch schon. Gut, wenn man’s in Freun–” – verlegen unterbricht Ethan sich, immerhin hat Emily gerade vorhin noch so vehement ihre Meinung zu Freundschaften dargelegt – ”friedlich klären kann. Übel, wenn nicht. Bin froh, dass. Nur ‘n Missverständnis war, mein ich.”
Emily nickt kräftig, dreht sich dann hastig weg und wirft den Ast in hohem Bogen von sich. Sieht Ethan fragend an. “Weiter?”
Guter Plan. Ethan atmet einmal tief durch und gibt Snoopy, der in den letzten Minuten erst um die beiden Jäger herumgestromert ist und sich dann neben Ethan niedergelassen hat, das Handzeichen für ‘auf geht’s’.
Langsam schlendern sie weiter. Ethan hat nicht das Geringste gegen Emilys Schweigen einzuwenden, ist es jetzt doch nicht mehr schmerzhaft und angestrengt, sondern eher nachdenklich. Und vor allem muss er erstmal nicht mehr reden. Zufrieden mit der Stille verliert er sich selbst ein bisschen in seinen Gedanken.

“Oh mein Gott!”
Der geschockte Ausruf reißt Ethan wieder ins Hier und Jetzt. Er wirft Emily, die abrupt angehalten hat, einen besorgten Blick zu. “Hmm?”
Seine Begleiterin steht da wie vom Blitz getroffen. Sieht ihn beinahe fieberhaft an. “Was, wenn es zum Fluch gehörte? Wenn der Fluch oder ein weiterer Zauber dich taub werden ließ für die Warnung. Du die Gefahr gar nicht erkennen konntest.”
Emilys plötzliche Eingebung erschüttert Ethan bis ins Mark, denn das ist tatsächlich ein Gedanke, der ihm selbst bisher nie gekommen war. Die Vorstellung macht ihm Angst. Sie beschwört eine Hoffnung herauf, die er auf keinen Fall zulassen sollte. Seifenblase, garantiert. Aber er kann die Emotion nicht nach unten drängen wie sonst. Die Hoffnung bleibt, ob er sie zulassen will oder nicht. Ethan schluckt schwer.
“M–” Er bekommt das ‘meinst du?’ nicht heraus. Schluckt nochmal. “Die Reime?”
Emily nickt langsam, starrt ihn immer noch eindringlich an. “Nicht nur die Reime, auch der Fluch selbst vielleicht. Würde vieles erklären, oder?”

Ethan schluckt ein weiteres Mal. Atmet tief und zittrig durch. Nickt. “Wür–” Drecksmist, klingt seine Stimme heiser. Kaum zu verstehen. Nochmal versuchen. “Würde”, stimmt er Emily zu. Er blinzelt, presst die Lippen aufeinander und schaut angestrengt zu Boden, während er der Aussage bis zu ihrem logischen Ende folgt. “Will. Will das. So gerne glauben. Würde… würde bedeuten, dass… dass…” Wieder kann er den Satz nicht beenden, die Worte nicht über die Lippen zwingen, “… dass ich…”
“Dass du keine Schuld hast, meinst du?” Emily nickt leicht, während sie die Frage stellt. “Ich sehe es so, jetzt zumindest.” Verlegen verzieht die Jägerin das Gesicht, zögert einen Moment. “Auch vorher eigentlich, bis du… Missverständnis”, unterbricht sie den begonnenen Satz schnell und lächelt schwach. “Du willst es glauben? Dann tu’s. Besser als die Alternative.”
Emilys Überzeugung lässt Ethan nochmals tief durchatmen, nicht mehr ganz so zittrig wie eben, bevor er mit einem etwas fehlgeschlagenen Lächeln nickt. “Ich versuchs. Nicht so einfach, aber: ja.” Dann wird sein Lächeln doch etwas freier, als er Star Wars zitiert: “Weiß schon. Tu oder tu nicht. Kein Versuchen.”
Aber seine Begleiterin kennt keine Filme. Die Anspielung geht völlig an ihr vorbei. Stattdessen sieht sie ihn neugierig an und fragt: “Noch nie selbst drauf gekommen? Oder einer der anderen?”
Ethan überlegt einen Moment, bevor er weiterspricht, dann schüttelt er leicht den Kopf. “Nie”, antwortet er auf ihre Frage, “keiner. Aber auch nie erzählt. Also wie genau. Reime, mein ich. Nur dass.”
Emily nickt. “Verstehe.” Dann zögert sie einen Moment und scheint nach der richtigen Formulierung zu suchen, bevor sie ihm ernsthaft in die Augen sieht. “Ich wollte den Tag nicht schlimmer machen, als er ohnehin schon für dich ist. Ich wollte ehrlich wissen, wie Carla so gewesen ist, wie du damals warst. Sorry, dass ich es versaut habe.”
“Hast nicht”, murmelt Ethan. Ganz unwillkürlich geht seine Hand ein kleines Stück in Richtung Emilys, bevor er sie schnell wieder fallen lässt. Und tatsächlich ist die junge Frau neben ihm sofort zurückgezuckt, als er auch nur erste Anstalten gemacht hat, nach ihr zu greifen, und hat sich erst entspannt, als seine Hand wieder in sicherer Entfernung war. Verdammt. Aber egal. Ist nicht zu ändern. “Ist… fühlt sich… Besser. Wie… wie… Gift, das raus ist.”

In einträchtigem Schweigen wandern sie weiter über das ausgedehnte Gelände. Steigen auf einen kleinen Hügel, von dem aus man ein bisschen Blick auf die Umgebung hat. Oben auf der kleinen Anhöhe lässt Ethan sich ganz unzeremoniell im Gras nieder, während Snoopy erst noch ein bisschen herumstreift und sich dann daneben legt. Ethan lehnt sich auf die Ellenbogen, atmet tief die klare Sommerluft ein und seufzt zufrieden. Emily setzt sich in einigem Abstand dazu, und nach einer Weile zündet Ethan sich eine Zigarette an und fängt, wie meistens von längeren Pausen unterbrochen, wieder an zu erzählen. Noch mehr von Carla. Damit zusammenhängend auch ein bisschen von sich selbst, von dem, der er damals war. Und später, als Emily, deren Stimmung sich inzwischen wieder deutlich aufgehellt zu haben scheint, interessiert nachfragt, auch von Sam. Wie es für ihn war, trotz Carla eine neue Beziehung einzugehen. Ethan wirft einen Blick hinüber zu seiner Begleiterin und findet auf ihrem Gesicht einen in sich gekehrten, nicht gerade sehnsüchtigen, aber doch nachdenklichen Ausdruck, und ihm fällt ihr Geständnis wieder ein, dass sie in Jack Brewster verknallt war. Vielleicht erhofft sie sich von ihm die Bestätigung, dass es tatsächlich möglich ist, sein Herz wieder zu verlieren, auch wenn man sich am Tod der ersten großen Liebe schuld fühlt.
Ethan überlegt eine Weile und bringt dann mit ein paar Anlaufschwierigkeiten heraus, dass er lange Zeit gar keinen Gedanken an eine neue Beziehung zugelassen hat. Wegen Carla natürlich, aber auch und vor allem wegen des Fluchs. Dass er jetzt, wo es Hoffnung gibt, gerne glauben möchte, Carla würde verstehen, dass er sich neu verliebt hat. Und dass er natürlich an sie denkt. Nicht ständig. Gar nicht mehr so oft inzwischen. Aber eben manchmal.

Etwas leichtere Themen streifen die beiden Jäger aber auch noch, ihren jeweiligen Musikgeschmack zum Beispiel. Spielen ein bisschen mit Snoopy, der es nie müde wird, seinem Tennisball hinterherzujagen.
Aber dann schlägt die Stimmung doch wieder etwas um. Nicht in Streit, nicht ins Negative, aber Emily verabschiedet sich doch ziemlich unverhofft. Vielleicht hätte Ethan es wissen müssen oder zumindest ahnen können, dass sie so reagieren würde, aber es trifft ihn doch überraschend.

Es fängt damit an, dass Emily irgendwann erklärt, sie finde es bewundernswert, wie er mit all den Steinen umgehe, die ihm in den Weg gelegt würden. Ethan winkt etwas verlegen ab – es muss ja irgendwie gehen – und gibt ihr das Kompliment dann umgehend zurück: Immerhin hat sie ganz genauso jede Menge Mist am Hacken und macht immer weiter, und das bewundert Ethan mindestens genauso. Aber diese Anerkennung wehrt die junge Jägerin sehr entschieden ab, und ihr Gesicht verfinstert sich. Im Gegensatz zu ihm habe sie keinerlei Hoffnung; sie habe sie verloren, als sie merkte, dass sie ihr weder helfen noch sie weiterbringen könne.
Ethan zieht die Stirn in Falten. Schüttelt den Kopf. Irgendwie reden sie aneinander vorbei, hat er das Gefühl. Denn Hoffnung ist doch genau das. Die Kraft weiterzumachen. Emily hat es aus dem Fegefeuer herausgeschafft. Also muss sie auch Hoffnung gehabt haben, denn ohne Hoffnung wäre sie dringeblieben. Hätte sich hingelegt und aufgegeben und sich von den Monstern dort widerstandslos umbringen lassen. Wie das Pferd in der Unendlichen Geschichte da in diesem Sumpf, fährt es Ethan durch den Kopf, aber das sagt er nicht. Es fällt ihm schon schwer genug, die Überlegung einigermaßen verständlich in Worte zu fassen.
“Oder nenn’s nicht Hoffnung”, beendet er seinen Gedankengang schließlich. “Nenn’s Grund. Was auch immer für einer das ist. Kraft. Stärke. Kampf. Grund.”
Aber die Umformulierung hilft nichts.
“Du hast das schon richtig ausgedrückt”, widerspricht Emily, “ich sehe es nur nicht so. Und Hoffnung haben ist ja nicht verkehrt, nur nicht mein Ding. Glaub ich. Ich meine klar, ich wollte leben, aber rauskommen…”, sie zögert einen Moment, bevor sie weiterspricht, “… nicht mein Verdienst. Verstehst du?”
Wieder schüttelt Ethan den Kopf. “Stein gemacht? Tragen lassen? Glaub nicht.” Aber dann winkt er ab. “Weiß glaub ungefähr. Find nicht, aber kay.”
Emily antwortet nicht. Ihre Miene ist verschlossen, ihr Blick in die Ferne gerichtet, ihre Gedanken offenbar ganz woanders – natürlich, sie erinnert sich garantiert gerade an ihre Zeit im Fegefeuer -, bis sie unvermittelt aufspringt. “Ich muss wirklich los.”

Drecksmist. Er hätte es wissen sollen.

Auf dem Parkplatz steuert die jüngere Jägerin direkt auf ihr Auto zu. “Also dann, mach’s gut. Und versuch, nicht soviel über das alles nachzudenken, okay?” Sie lächelt ihn breit an, beugt sich zu Snoopy runter und strubbelt dem einmal kräftig über den Kopf. “Und du passt mir gut auf Ethan auf.”
“Mhmm”, macht Ethan. Verhalten erwidert er Emilys Lächeln, das ihm ein kleines bisschen zu breit, ein kleines bisschen zu aufgesetzt erscheint. “Du auch. Und fahr vorsichtig.” Sein Lächeln wird etwas offener, als sie Snoopy krault, und er nickt ihr zu. “Rest Kisten meld ich mich.”

Trotz des abrupten Endes fühlt Ethan sich tatsächlich besser nach Emilys Besuch. Wie er zu ihr gesagt hat: Er fühlt sich, als sei Gift aus einer Wunde gekommen. Er hat zwar noch keine Ahnung, wann er ihre Kisten fertigbauen kann, aber wenn er sie ihr gibt, haben sie vielleicht wieder ein bisschen Zeit für ein Gespräch. So emotional fordernd das heute auch war, das würde ihn freuen.

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