Supernatural – Unity

Hallo Cal,
ich habe Nachforschungen nach Lindsay Carter angestellt. Im Augenblick geht die Polizei davon aus, dass sie New York verlassen hat. Anzeichen, dass sie Opfer eines Verbrechens geworden ist, gibt es nicht.
Sie arbeitete seit zwei Jahren als Life Coach. Abgesehen von dem Parfümproblem gab es keine Klagen ihrer Kunden, im Gegenteil: Die sind alle ziemlich gut mit ihr gefahren, bis auf zwei, die sich angeblich umgebracht haben. Allerdings scheinen die Kunden alle im Gegenzug zu ihrem Erfolg irgendwelche Erinnerungen aufgegeben zu haben.
Carter war zwar angeblich selbständig, hat aber in Wirklichkeit für eine Firma namens Heliand Consulting Inc. gearbeitet. Heliand befindet sich derzeit im Streubesitz verschiedener Firmen – wenn da jemand den echten Besitzer verschleiern will, macht er das ziemlich gut. Die Gesellschaft betreut außer Lindsay noch weitere Life Coaches. Einen Namen habe ich: Elvira Sinclair aus Unity, New Hampshire. Komischer Ort. Meine Recherchen haben für die letzten Jahre keine Anomalien ergeben. Keine ungewöhnlichen Vorkommnisse, keine statistischen Ausreißer, nichts. Vielleicht kannst du da ja mal vorbeischauen, wenn du Zeit hast. Ich selbst habe mit New York genug zu tun.
Bye
Sofia Pacelli

Die Nachricht hatte Cal nach der Sache in New York schon im Februar von seiner Ex bekommen und kurz darauf an Ethan weitergeleitet. Aber da war das Problem mit Calebs Seele noch drängender, und dann kam die Konfrontation an der Waldhütte und die Verlagerung des Seelenproblems auf Irene und die Erpressung und die Sache in Iowa und Emilys Fluchkisten und– Langer Rede kurzer Sinn: Es wird Juli, bis Ethan dazu kommt, sich genauer mit der Sache zu befassen.

Dass es etwas ist, mit dem er sich befassen muss, daran hat er keinen Zweifel. Nicht nur als Folge aus der Sache in New York, sondern weil Sofias Mail seine Alarmglocken hat angehen lassen. Lindsay Carters Kunden haben alle mit Erinnerungen bezahlt? Drecksmist, elender. Das kann kein Zufall sein. Dann war Carter nicht einfach nur auch eine Hexe. Dann hing sie wirklich mit Coleen zusammen. Und wenn es eine Spur zu noch einer weiteren Lifecoach-Hexe gibt, mit Hinweisen auf einen ganzen organisierten Ring von Lifecoach-Hexen, dann muss Ethan da hin.

Emily McMillen hat ja im Nachgang zu New York schon ihre Unterstützung zugesagt, wenn Ethan bei der Weiterverfolgung der Geschichte Rückendeckung bräuchte, und Cal ist auch sofort mit im Boot, als er hört, dass die Sache vielleicht irgendwie mit Ethans Fluch zusammenhängen könnte. Außerdem zieht Ethan noch Nelson Akintola mit hinzu. Immerhin war der Afrikanist in Philadelphia dabei und ist in Sachen Fluch eingeweiht. Was die beiden anderen Mitstreiter aus Philadelphia angeht… tja. Die eine hat gerade keine Seele, und die andere ist tausende von Meilen entfernt. Und in letzter Zeit noch weniger zu erreichen als sonst schon, aber das ist nochmal eine andere Geschichte.

Jedenfalls. Unity, New Hampshire. 1.500 Einwohner, sagt das Internet. Und nur zwei Stunden von Burlington entfernt, also perfekt, um an einem Wochenende hinzufahren und nicht bei Brimley erklären zu müssen, was er vorhat. Diese Elvira Sinclair hat zum Glück eine ganz offizielle Webseite samt der Adresse ihrer Coaching-Praxis, das ist doch schon mal ein Ansatzpunkt. Und da die Praxis am selben Ort zu sein scheint wie ihre Privatadresse, stehen an einem Samstag die Chancen vielleicht ganz gut, sie nicht während der Arbeit anzutreffen und irgendwelche Unbeteiligte mit in die Sache hineinzuziehen.
Aber schon am Freitag klingelt es in aller Frühe an Ethans Tür. Klingelt es Sturm, um genau zu sein.
Alarmiert öffnet Ethan, der eigentlich gerade zur Arbeit hatte aufbrechen wollen, die Tür einen Spalt weit, die Mossberg in der Hand, aber außer Sicht. Runzelt die Stirn und zieht die Tür ganz auf, denn draußen steht Nelson, der fürchterlich übermüdet aussieht. Und mehr als besorgt. Ethan stellt das Gewehr weg und tritt mit fragendem Blick beiseite.
“Wir müssen schleunigst los, Ethan”, erklärt der Nigerianer im Eintreten. “Ich hatte eine Vision heute nacht.”

Schleunigst los ist allerdings ein Problem, immerhin haben Emily und Cal ihre Ankunft erst für morgen geplant. Während Ethans Mentor beim Anruf seines Ziehsohns erklärt, dann sei es besser, wenn sie sich gleich in Unity treffen, ist Emily anscheinend schon in der Gegend und sagt, sie könne in knapp zwei Stunden da sein. Puh. Immerhin.

Nelson sieht wirklich nicht gut aus. Solange sie warten, berichtet der Afrikaner in viel knapperen Worten, als Ethan das sonst von ihm kennt, von seiner Vision. Er hat einen Platz gesehen, darauf eine große Menschenmenge, die einen Schatten in deren Mitte umgaben. Es wurde ein Ritual abgehalten, und sobald das Ritual beendet war, wurden die Augen aller Anwesenden schwarz. Dazu hatte Nelson das Gefühl von Dringlichkeit, als würde das Gesehene sehr bald stattfinden. Zu bald, um bis morgen zu warten.
Ethan verzieht das Gesicht, nickt und sucht schon mal seine Sachen zusammen, bevor er doch bei seinen Arbeitgebern bescheid sagt, dass sich kurzfristig ein Job ergeben hat, Snoopy bei Melody Burke ablädt und im Catholic Center der UVM einen Kanister Weihwasser beschafft. Dessen Direktor kennt das schon von ihm, wenn auch bisher nicht unbedingt in dieser Menge – der Pater ist mit Dekan Brimley und Bones Gate vielleicht nicht gerade eng vertraut, weiß aber doch zumindest, was die Studentenverbindung, und damit was Ethan, macht.

Den Rest der Zeit reden die beiden Jäger nicht viel. Ethan sowieso nicht, aber auch Nelson scheint nicht dazu aufgelegt.
Auch Emilys Ankunft reißt den Dozenten nicht aus seiner Schwermut, und sein sarkastisches Auflachen, als Emily ihn nicht erkennt, obwohl die beiden sich im Januar kurz begegnet sind, fällt der jungen Jägerin natürlich auf. Sie sieht den Afrikaner an und fragt dann in vorsichtigem Tonfall: “Alles okay?”
“Nein”, sagt Nelson grimmig. “Aber es würde zu lange dauern, Ihnen das alles zu erzählen.”
Emily runzelt die Stirn. “Sicher, dass Sie mit wollen? Also ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, verstehen Sie mich nicht falsch.”
Nelson schnaubt. “Aber sicher will ich das. Ich bin der Mann mit den Visionen.”
Ethan nickt zu diesen Worten, was ihm einen ‘das ist nicht dein Ernst’-Blick von Emily einbringt, aber er erwidert den Blick bestätigend und nickt nochmal. “Passt. Kennt Coleen. Und.” Bei dem letzten Wort macht er eine auffordernde Geste zu Nelson hin, der für Emily seinen Traum ein weiteres Mal wiedergibt.
“Bevor Sie Mutmaßungen über mich anstellen”, setzt der Dozent dann in pikiertem Tonfall hinzu, “sollten Sie mich vielleicht erst einmal besser kennenlernen. Mir ist das alles nicht fremd.”
Emilys Ton klingt nicht weniger verschnupft. “Das habe ich nicht gesagt”, kontert sie herausfordernd. “Aber wenn es Ihnen nicht gutgeht… naja, ich weiß ja nicht. Und ich hatte Sie mit keiner Silbe angegriffen; ich wollte nur sichergehen, eben weil ich Sie nicht kenne.”
“Dann sind wir uns ja einig”, sagt Nelson knapp. “Und nein, mir geht es nicht gut. Aber das soll nicht euer Problem sein.”
Die junge Jägerin misst ihn mit einem weiteren prüfenden Blick. “Ich wollte nur sichergehen, dass es nicht unser Problem wird.”
Na ganz spitzenmäßig. Das kann ja noch heiter werden.

Sie sind von der I-91 runter und gerade durch Claremont durch, da summt Ethans Handy. Cal. “Gleich da”, sagt Ethan statt einer Begrüßung, aber zur Antwort lässt sein Ersatzvater einen deftigen Fluch los. “Das verfickte Kaff lässt sich nicht finden”, setzt er dann hinterher. “Ich bin in Charlestown, lass da treffen.”
Unity lässt sich nicht finden? Es ist doch auf der Karte, weiß Ethan: Von Claremont aus fast genau nach Süden. Bisschen Südosten. So viele Straßen dürften da doch eigentlich nicht hingehen. Aber okay. Wenn sein Mentor gerade in Charlestown ist, dann halt Charlestown.

Cal hat jemanden dabei. Neben ihm sitzt ein dunkelblonder Mann um die dreißig mit verschmitzten Gesichtszügen und europäischem Akzent. Holländer, der sich als Sjors ten Donk vorstellt. Arbeitet als Journalist für den Midnight Star, ein Blatt, das zur UFO-Presse gehört und als solches Ethan nicht ganz unbekannt ist. Anscheinend hat er auch über Unity nachgeforscht und den Ort genausowenig finden können, bis er hier auf Caleb gestoßen ist und die beiden beschlossen haben, sich zusammenzutun.
Der Niederländer berichtet über seine Erkenntnisse. Sehr seltsam alles: Schon seit Wochen hat es in der Stadt offenbar kein einziges Social Media-Update gegeben. Kein Facebook-Eintrag, kein Twitter-Posting, nichts. Auch hat anscheinend niemand den Ort verlassen – oder zumindest hat Sjors niemanden aus dem Ort gefunden, mit dem er mal hätte reden können. Neu hingezogen scheint auch niemand zu sein. Was ja kein Wunder ist, wenn die Wege dahin wirklich verschleiert wurden. Und das kann durchaus sein, überlegt Ethan jetzt – ein bisschen erinnert es ihn an die Straße, die Coleen Greyling aus den Stadtplänen und der kollektiven Erinnerung Philadelphias getilgt hat.

Nachdem die anderen Jäger dem Neuzugang erzählt haben, dass sie eine Hexe in dem Kaff vermuten und Nelson ein weiteres Mal seine Vision wiedergegeben hat, beschließen sie, nochmal in Ruhe nach dem Ort zu suchen. Vielleicht hat die dortige Lifecoach-Hexe die Stadt schwer zugänglich gemacht, aber sie muss noch da sein, und gemeinsam muss die sich doch finden lassen.

Nelson steigt bei Caleb ein, während Sjors sich Ethan und Emily im Pickup anschließt, statt sein eigenes Auto zu nehmen. Nach einigen Fehlversuchen und intensivem Studium der Karte sowie einer puren Willensanstrengung seitens Emily, die nach heftigem Winken von Nelson im Auto hinter ihnen die kleine Landstraße abgehen sieht, wo sie das laut Karte müsste, während ihre beiden Mitfahrer die Abzweigung schlicht nicht bemerkt hätten, kommt der kleine Konvoi schließlich doch an sein Ziel. Hinter dem Ortsschild hält Ethan an, und Cals schwarzer Dodge kommt direkt hinter dem Nissan zum Stehen. An den Bäumen links und rechts der Straße ist Ethan nämlich etwas aufgefallen, was sie sich dringend näher ansehen müssen. Da hängen an mehreren Bäumen, fast ein bisschen wie Christbaumschmuck, nämlich kleine Holzplatten von den Ästen.
Es ist nur kein Christbaumschmuck, stellt Ethan bei näherer Untersuchung fest, es sind okkulte Symbole. Und die sehen verdammt nach den Beeinflussungszeichen auf den Treppenstufen in Philadelphia aus – nicht dieselben, aber doch irgendwie ähnlich. Ethan knurrt, erinnert er sich doch nur allzu gut an das Gefühl, das die verdammten Runen letzten Herbst in seinem Kopf hinterlassen haben.
“Was ist los?” will Caleb wissen, und Ethan erzählt von Coleens Haus. Warnt vor den Marionetten, die die Lifecoach-Hexe sich gemacht hatte, und dass sie sich hier vielleicht einer ganz ähnlichen Situation gegenüber sehen könnten.
“Wie, Marionetten?” hakt Cal nach. “Keine Menschen?”
“Doch, Menschen”, beeilt Ethan sich zu erklären. “Gehirngewaschene Unschuldige.”
“Gut”, nickt Cal und holt aus seinem Auto mehrere Rollen Panzertape, die er an alle austeilt, die selbst keines dabei haben, “dann sollten wir sie möglichst nur unschädlich machen, ohne ihnen zu schaden.”
Interessiert sehen die anderen sich dann ebenfalls die Symbole an den Bäumen an.
“Das ist eine Grenzgemarkung”, sagt Emily nach kurzem Überlegen. “Vielleicht eben, damit hier nichts so leicht rein- und rauskommt? Oder damit man den Ort nicht finden kann?”
“Was auch immer. Wir sollten den beschissenen Kreis unterbrechen”, knurrt Cal und will macht schon Anstalten, zwei der Symbole vom Baum zu reißen, aber Nelson geht dazwischen. “Nicht einfach so. Das fällt auf.” Der Nigerianer wirkt ein kleines Ritual und nickt dem älteren Jäger dann zu. “Jetzt kannst du.”

Vermutlich ist es besser, wenn sie ihre Autos hier stehen lassen und zu Fuß weitergehen; ihre auswärtigen Nummernschilder könnten sonst vielleicht auffallen. Aber die ganze Stadt ist menschenleer, stellen sie ein Stück weiter fest. Nur gelegentlich hört man ein Geräusch wie von einer Rassel oder Ratsche. Oder von Gebetsmühlen vielleicht? So wirkt der Ton jedenfalls auf Ethan. Überall in der Stadt finden sich auch diese Symbole: teils an Bäumen aufgehängt, teils in Strommasten geschnitzt, auf Häuserwände gemalt oder eingebrannt: zu viele, um sie alle zu entfernen. Emily sieht sich das stirnrunzelnd an und schüttelt schließlich den Kopf. “Das ist nicht nur eine Grenzgemarkung. Das ist ein… wie sag ich das, da soll etwas verstärkt werden.”
Nelson nickt verstehend. “Wie ein Resonanzboden. Aber was?”
Die Jägerin sieht nochmal genauer hin, mustert mehrere der Zeichen eingehend, dann presst sie die Lippen aufeinander. “Die sind auf jeden Fall dämonisch. Und für ein Ritual, glaube ich. Alles, was sich innerhalb der Grenze befindet, soll von dem Ritual betroffen werden. Und die Zeichen verstärken das, damit es auch alle in dem Gebiet erwischt.”
“Es soll alle zu Dämonen machen”, sagt Nelson. “Denkt an meine Vision. Am Ende des Rituals bekommen alle schwarze Augen.”
Aber Emily schüttelt den Kopf. “Tausend Dämonen? Ich glaube nicht. Ich glaube eher…” – sie wird blass und zögert seinen Moment, bevor sie weiterspricht, “die sollen alle an einen einzigen Dämon gebunden werden. Die Symbole deuten alle auf denselben Dämon.”

Ethan spürt, wie seine Augen sich weiten. Will sie damit sagen, tausend Menschen könnten dann gleichzeitig von ein und demselben Dämon besessen werden? Ach. Du. Scheiße. Ganz unwillkürlich geht seine Hand an seinen Gürtel und an Sheriff Simons Revolver, der mit den geweihten Kugeln geladen ist, aber nicht einmal die vertrauten Muster im Metall der Waffe zu berühren, hilft gerade sonderlich. Zu sehr ist das hier gerade wie Philadelphia. Zu sehr erschreckt ihn der Gedanke an die armen Leute, die hier übernommen werden sollen – nicht nur ein Haus, sondern eine ganze verdammte Kleinstadt. Von einer Hexe, die ziemlich sicher irgendwie mit Coleen im Bunde steht. ‘Drecksmist’ trifft es nicht mal im Ansatz.

Diese Symbole sind nicht alle gleich wichtig, weiß Emily noch. Es muss da, spiralförmig in der Stadt angeordnet, gewisse Fokuspunkte geben, die man zerstören sollte, wenn man das Ritual unterbrechen will. Also unterbrechen könnte man das Ritual zwar auch, wenn die Fokuspunkte noch existieren, aber dann müssten sich die Ritualwirker nicht sonderlich darauf konzentrieren, sondern könnten nebenbei auch andere Dinge tun – die Jäger angreifen, die das Ritual stören kommen, zum Beispiel. Wenn es die Fokuspunkte nicht gäbe, hätten sie alle Hände voll zu tun, das Ritual am Laufen zu halten, und könnten ansonsten nicht mehr viel anderes tun.
Also: Fokuspunkte wegmachen.

Die anderen wollen gleich los, aber Ethan hält eine Hand hoch. “Sinclairs Haus.”
Vielleicht gibt es da Hinweise zu finden. Oder vielleicht am besten gleich die Hexe selbst.
“Nein”, widerspricht Emily. “Geh du zum Haus, wir kümmern uns um die Fokuspunkte.”
Aufteilen? “Schlechter Plan.”
Aber die andere Jägerin besteht auf ihrer Idee. “Wir haben keine Zeit, und die Fokuspunkte sind das Wichtigste. Geh du zu dem Haus, wir suchen den ersten Punkt und treffen uns dann wieder.”
“Wenn etwas sein sollte, können wir uns ja anrufen”, fügt der Holländer hinzu und holt sein Handy heraus, um Ethan seine Nummer zu geben, stößt aber gleich darauf ein Schimpfwort in seiner Muttersprache aus. “Kein Netz.”
Verdammt. Aber egal. Sinclair ist genauso wichtig wie die Fokuspunkte, sagt Ethans Instinkt. Also muss es so gehen.
Er nickt und wendet sich ab und ist dann beinahe ein bisschen erstaunt, aber erfreut, dass Nelson sich ihm anschließt. Rückendeckung. Sehr gut.

Das Haus der Life Coach ist ein ordentlicher kleiner Bungalow inmitten einer Reihe ordentlicher kleiner Bungalows. Nur der Rasen ist nicht sonderlich gut gemäht, aber das ist hier nirgendwo der Fall. Sie gehen vorsichtig näher, aber das Gelände wirkt verlassen; nichts regt sich. Während Ethan nach mechanischen Sicherungen sucht, schaut Nelson sich gründlich nach magischen Fußangeln um, kann aber nichts dergleichen finden. Eine Alarmanlage allerdings gibt es schon, stellt Ethan fest, und wenn er jetzt die Tür aufhebelt, geht die garantiert los. Aber andererseits: Da momentan keinerlei Netz in der Stadt zu existieren scheint, würde der stille Alarm vermutlich ohnehin nicht abgesetzt, und selbst wenn… ob die Polizei im Moment die Stadt überhaupt finden würde, ist auch noch längst nicht gesagt. Also scheiß drauf. Sie haben es eilig.

Ethan macht sich gerade am Schloss zu schaffen, da kommt aus einiger Entfernung, und etwa aus der Richtung, wo die anderen hinwollten, erst ein Krachen, dann ein Schuss. Verdammt! Ethan lässt die Haustür Haustür sein und rennt los, Nelson direkt hinter sich. Jemand ruft etwas. Laut und anhaltend. Eine Frauenstimme. Emily. Fast so, als würde sie etwas zitieren. Ethan hat schon so eine Befürchtung, und tatsächlich werden die Worte im Näherkommen immer verständlicher. Ein Exorzismus. War ja klar. Im Rennen zieht Ethan Sheriff Simons Revolver und spannt dessen Hahn, aber als sie um die Ecke biegen, ist alles vorbei. Oder fast vorbei. Vor einem Backsteingebäude bricht gerade ein abgemagerter Mann zusammen, nachdem Emily bei “Gloria Patri” angekommen ist.
Interessanterweise verlässt dabei keinerlei schwarzer Rauch den Körper. Nicht mal ein kleines Wölkchen. Rein gar nichts, bis auf vielleicht einen Hauch von Schwefelgeruch, den Sjors wahrgenommen zu haben glaubt. Okay, verdammt, was zum Geier?

Der Typ hatte auch nur einen schwärzlichen Film über den Augen, als er sie angegriffen hat, berichtet Cal. Als sie an dem Gebäude – dem ersten Fokuspunkt – ankamen, hätten sie von drinnen eine Stimme gehört, die darum flehte, sie freizulassen. Anfangs habe der Befreite auch ganz normal ausgesehen, aber in dem Moment, als er aus dem Haus trat, überzogen sich seine Augen eben mit diesem schwärzlichen Film, und er griff sie an. Körperliche Angriffe interessierten ihn kein Stück, aber Weihwasser tat ihm weh, und der Exorzismus warf ihn um.
Soweit, so erwartet. Aber dass der Dämon nach dem Austreiben eben nicht in die Hölle zurückfuhr, sondern nur… tja, was eigentlich? Sich aus diesem speziellen Opfer zurückzog, das ist neu. Und erschreckend. Aber es passt zu der Theorie von vorhin, dass ein Dämon gleichzeitig mehrere Menschen besetzen kann. Aber momentan – siehe die nicht ganz schwarz durchgefärbten Augen – anscheinend noch nicht komplett. Trotzdem. Drecksmist. Sie müssen dieses Ritual verhindern. Dringendst.

Cal reißt das okkulte Symbol von dem Gebäude herunter, was den Fokuspunkt hoffentlich unbrauchbar gemacht hat. Sollte aber eigentlich nach dem, was Emily vorhin darüber gesagt hat. Der Halb-Bewusstlose wird mit Duct Tape gefesselt, damit er keinen Blödsinn anstellen kann, dann holt Ethan seine mit Weihwasser gefüllte Feldflasche heraus und gibt dem Mann, der nah am Verdursten wirkt, erstmal was zu trinken. Erstens hat er gerade kein normales Wasser zur Hand, und zweitens kann er so sicher sein, dass der Dämon wirklich weg ist. Ist er. Puh.

Die drei Jäger sind bei dem Kampf vergleichsweise gut davongekommen: Emily und Nelson ist gar nichts passiert, und Sjors hat eine Prellung; Cal ist mit einer angeknacksten Schulter am schwersten angeschlagen. Ethan verarztet ihm die, so gut er kann, während Sjors sich mit leicht verzerrtem Gesicht die blauen Flecken massiert.

“Weiter”, sagt Emily schließlich drängend und eine Spur ungeduldig mit Ethans medizinischen Bemühungen, “zum nächsten Fokuspunkt geht es da lang!”
Ethan verzieht das Gesicht. “Hexe. Haus. Immer noch.”
“Wir können uns ja wieder aufteilen”, schlägt Sjors diplomatisch vor, aber Ethan schüttelt den Kopf. Man hat ja eben gesehen, was das Aufteilen gebracht hat. “Nicht gut.”
Mit vor Spott triefender Stimme sagt Cal: “Na dann bleiben wir eben zusammen, wenn du es nicht ertragen kannst, die Familie zu trennen.”
Gah! Das hat er nicht gemeint, verdammt!
Wütend zischt Ethan seinen Ziehvater an, dann dreht er sich auf dem Absatz um und stapft mit schnellen, zornigen Schritten weg Richtung Sinclairs Haus. Dort angekommen, geht er gar nicht erst zur Haustür, sondern wirft einfach die Terassentür ein. Soll der verdammte Alarm doch losgehen. Bis die Polizei hier ist, ist er längst wieder weg. Aber: Fingerabdrücke. Nichts mit bloßen Händen anfassen.

Als Ethan die gezackten Scherben aus dem Türrahmen entfernt, bemerkt er, dass die anderen ihm doch gefolgt sind. Huh. Hatte er eigentlich gar nicht mit gerechnet. Aber umso besser. Können sie sich aufteilen und das Haus schneller durchsuchen.
Im Wohnzimmer steht ein Terrarium. Sand, einige Stücke Holz, Wüstenpflanzen, eine Wärmelampe obendrüber. Für eine Echse oder sowas, aber leer. Wird wohl Sinclairs Vertrautentier drin wohnen, vermutet Ethan, und das ist wohl gerade bei seiner Hexe.

Apropos Hexe. Ein Labor hat die Frau natürlich auch. Ethan weiß gar nicht recht, was er in so einem Hexenlabor genau erwartet hätte – okkulte Bücher jedenfalls, aber vielleicht auch Kräuter und Krötenaugen und so Sachen. Kerzen, einen Kupferkessel, all sowas. Genug Filme prägen da ja ein bestimmtes Bild. Okkulte Bücher stehen zwar da, aber ansonsten wirkt das hier alles ziemlich hell und aufgeräumt.
Das ist aber auch gut so, denn aufgeräumt bedeutet, dass sie ziemlich bald den Jackpot finden: Unterlagen über das Ritual, das Nelson in seiner Vision gesehen hat und das in der Stadt abgezogen werden soll oder sogar gerade schon abgezogen wird. Die Vorbereitungen dafür laufen anscheinend schon seit Wochen.

Ein anderes Buch lässt Ethan zusammenzucken – und dabei hätte er es eigentlich wissen sollen. Denn die seltsame Schrift darin kennt er nur zu gut. Das sind genau dieselben Zeichen wie in Garritys Geschäftsbuch. Es ist auch dieselbe Handschrift – oder fast jedenfalls. So, als hätten zwei unterschiedliche Personen mit derselben Handschrift geschrieben. Mit anderen Worten: Derselbe Dämon, der Garrity besetzt hielt, als er das Fluchbuch schrieb, war in Elvira Sinclair und schrieb das hier. Scheiße. Oh verdammt. Fragend sieht Ethan Nelson an. “Latein auf Cherokee”, sagt er und hält mit einer drängenden Geste die Kladde hoch. “Kannst?”
Nelson blinzelt verwirrt. “Latein auf Cherokee?”
Ethan nickt. “Sprache Latein. Aber Cherokee-Schrift.”
“Oh”, macht der Afrikaner, “das ist schlecht. Latein kann ich natürlich, aber Cherokee beherrsche ich leider nicht.”
“Ich aber”, kommt überraschend Sjors’ Stimme von der Seite. “Zeig mal her.”
Er nimmt das Buch an sich und blättert es durch. “Stand auf Elviras Webseite irgendwas von Oklahoma?” fragt er dann.
Oklahoma? Nanu? Wie kommt der denn jetzt darauf? “Warum?”
“Na wegen der Schrift”, erläutert der Niederländer. “Heutzutage leben die Cherokee größtenteils dort.”
Kurz stutzt Ethan noch, bevor er versteht, worauf der andere hinaus will. “Achso. Nein. Falscher Baum zum Anbellen.” Knapp erzählt er von Garrity, seinem Dämon und dem Auftragsbuch. Ist ja immerhin nicht ganz unwahrscheinlich, dass in dem Buch hier Ähnliches drinsteht.

Während die beiden Männer sich über den Code beugen, suchen Emily und Ethan weiter. Und tatsächlich finden sie ein kleines Heft in Elvira Sinclairs eigener Handschrift, in dem die Hexe in eilig hingekritzelten Worten davon schreibt, dass sie sich von dem Dämon lösen will, der immer mehr Macht über sie gewinnt. Heh. Ethan hat nur ganz beschränkt Mitleid mit der Frau. Hättest du dir mal vorher überlegen sollen, Schwester.

Als Ethan das Notizbuch zuklappt, tritt Cal an seine Seite. Hält ihm seine Zigarettenpackung hin und sagt ohne jeden Unterton von Ironie oder Spott: “Sorry, wenn ich mit dem dummen Spruch deine Gefühle verletzt habe.”
Ethan zieht eine Zigarette aus der Schachtel, zündet sie an und nimmt einen tiefen Zug, schüttelt dann den Kopf und winkt ab. Sie sind ja alle ganz schön angespannt in dieser menschenleeren Geisterstadt. “Schon gut.”

“Hier steht etwas von ‘dem ersten Fluch’”, dringt Nelsons Stimme in Ethans Gedanken. “Wenn ich das hier richtig verstehe, war dieser erste Fluch ein Katalysator, der alles ausgelöst und eine Spirale in Bewegung gesetzt hat. Er lässt den Dämon offenbar immer mächtiger werden.” Die dunklen Finger des Afrikaners wandern über die Zeilen, wo Sjors und er das Cherokee-Alphabet in normale lateinische Schrift umgewandelt haben. “Hier ist noch was von ‘etwas richtig Großem’. Aber was genau dieses ‘richtig Große’ sein soll, steht da natürlich nicht.”

Ethan spürt, wie ihm sämtliches Blut aus dem Gesicht weicht und für einen kurzen Moment tatsächlich der Boden unter seinen Füßen zu schwanken scheint. Oh G–
Er schluckt und nimmt einen weiteren tiefen Zug von seiner Zigarette, während sich in seinem Kopf die Gedanken überschlagen. Dieser ‘erste Fluch’ muss sein eigener sein, denn in Garritys Geschäftsbuch stand vorher nichts von Flüchen. Nur von anderen Wünschen, die von irgendwelchen Leuten ausgesprochen wurden, die keine Hexen waren. Und das würde bedeuten– Oh Dreck. Oh verdammt.

Scheiße, verdammte. Das ist gerade alles zu viel hier. Ethan tritt ans Fenster und starrt blind hinaus. Wenn er der Grund ist, warum dieser verdammte Dämon gerade dabei ist, eine ganze verdammte Stadt zu übernehmen… Elende, dreckige Scheiße. Der Dämon muss weg, und zwar schleunigst.
Eine Bewegung neben ihm lässt ihn zur Seite schauen. Emily hat sich in sicherer Entfernung neben ihn gestellt und schaut ebenfalls aus dem Fenster. Sie sagt kein Wort, aber trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – ist Ethan dankbar für ihre Anwesenheit und die moralische Unterstützung.

Die anderen beenden ihre Untersuchungen und kommen dazu. Nelson steckt gerade das Cherokee-Buch und Sinclairs andere Unterlagen in die Tasche – gut so; wenn er es nicht gemacht hätte, hätte Ethan die Sachen mitgenommen – und sieht seine Begleiter dann fragend an. Aber eigentlich stellt die Frage sich gar nicht. Sie müssen weiter. Da warten noch ein paar Fokuspunkte, bevor sie dem verdammten Dämon auf die Pelle rücken können. Aber draußen auf der Straße zündet Ethan sich erst einmal noch eine Zigarette an. Die braucht er jetzt.

Spiralförmig nach innen. Okay. Unterwegs zu dem Ort, wo Emily den nächsten Fokuspunkt vermutet, hält Sjors ten Donk kurz an, kramt einen kleinen Super Soaker aus seinem Rucksack und füllt die Wasserpistole aus einem Behälter, den er ebenfalls im Rucksack hatte.
“Weihwasser”, erläutert der Holländer dann, obwohl die anderen sich das vielleicht sogar auch ohne diese Erklärung hätten denken können. “Damit lässt es sich einfach leichter schießen, als das Wasser aus einem Behälter zu werfen.”
Stimmt eigentlich. Gute Idee, das.

Der zweite Fokuspunkt ist eine Kirche. An dem Gebäude stehen reglos vier Personen: ein Mann, eine Frau, zwei Kinder: ein Junge und ein Mädchen. Kaum nähern sich die Jäger, kommt Leben in die ‘Familie’, und die Augen der Leute werden von so einem schwärzlichen Film überzogen, wie die anderen das vorhin von dem ersten Typen beschrieben haben.
Die ‘Mutter’ – oder vielleicht sind sie ja wirklich eine echte Familie, aber egal jetzt – stürzt sich mit erschreckender Geschwindigkeit auf Ethan und bringt ihm eine Prellung am Oberarm bei, bevor er sie gescheit abwehren kann. Trotzdem ignoriert er die Frau und feuert stattdessen eine geweihte Kugel in das Bein des Sohnes, weil Emily einen Exorzismus gegen ihn beginnt und Ethan nicht will, dass der Dämon einfach dessen Körper verlässt, bevor die Jägerin damit fertig ist.

Eigentlich war das völliger Quatsch, geht ihm eine Sekunde später auf – durch das Exorzieren wird der Dämon sowieso nicht in die Hölle zurückgejagt, sondern er wird sich lediglich aus dem halb-besessenen Körper zurückziehen wie bei dem anderen Opfer vorhin auch schon. Und dazu reißt sich der Junge gerade ohne jede Rücksicht darauf, wie sehr er die Wunde verschlimmert, die Kugel wieder aus dem Bein und springt dann erneut auf Emily los.
Drecksmist. Das bringt so nichts. Während die anderen sich mit der Familie herumschlagen, geht Ethan das Symbol zerstören, das an die Kirchenwand gemalt wurde. Es dauert ein bisschen, bis er genug Farbe zerkratzt hat, dass es wirkt, aber dann fallen die vier Gegner mit einem Schlag um.

Emily und Nelson haben wieder nichts abbekommen. Sjors steht mit einem blauen Auge da, und Cal hat die Tochter das Gesicht verkratzt, aber auch die jetzt nicht mehr besessene Familie ist einigermaßen angeschlagen, nicht zuletzt durch die Schusswunde im Bein des Sohns. Wie vorhin auch schon, verarztet Ethan wieder alle, so gut er kann, dann gehen Sjors und Nelson sich in der Kirche umsehen, während die übrigen drei die ehemaligen Gegner fesseln.
Es dauert nicht lange, bis die beiden zurück sind. Die Kirche ist entweiht worden: Das Kreuz wurde zwar nicht umgedreht, aber auseinandergenommen, und überall wurden diese okkulten Symbole aufgemalt. Weihwasser wäre darin sowieso nicht zu finden gewesen, weil protestantische Kirche, aber Weihwasser haben sie ja zum Glück mehr als genug. Genug. Hoffentlich genug, wo anscheinend ja die ganze verdammte Stadt übernommen worden ist. Aber so oder so: Muss reichen.

Sie wollen sich eben zum nächsten Fokuspunkt aufmachen, da hebt Emily warnend die Hand und deutet in Richtung des kleinen Parks neben der Kirche. Tatsächlich, da ist etwas, eine schemenhafte Gestalt auf vier Beinen, ungefähr menschengroß, vielleicht auch menschenähnlich, oder doch ein Tier? Erst jedenfalls scheint es schemenhaft, aber dann erkennt Ethan, was es ist, und sein Herz setzt einen Schlag lang aus. Ein Harrdhu! Und er hat weder seine Messinglanze noch Veilchenessenz dabei, verdammt! Scheiße, verdammte, muss jetzt irgendwie so gehen. Sie müssen das Drecksbiest erledigen, bevor es sich an einen von ihnen dranhängt!
Aber ehe Ethan seine sich überschlagenden Gedanken zu einer Aktion formen kann, ist das Monster schon hinter einem Busch verschwunden. Und eigentlich kann es auch kein Harrdu gewesen sein, fällt Ethan jetzt auf, wo er darüber nachdenkt: Der für Harrdhui typische unerträgliche Gestank hat gefehlt, und eigentlich greifen die Biester, nach allem, was er selbst erlebt und später über sie erfahren hat, sofort und unerbittlich an.

“Das war eine Chimäre.” Mit finsterem Blick sieht Emily dem Wesen hinterher und fährt fort: “Das sind Kreaturen der Hölle und des Fegefeuers” – ihre Stimme klingt sorgfältig neutral, als sie das sagt; wenn Ethan nicht um die Vergangenheit der jungen Jägerin wüsste, dann hätte er die persönliche Betroffenheit darin nicht entdeckt – “die immer die Gestalt von etwas annehmen, das man fürchtet oder an das man ungute Erinnerungen hat.” Sie sind gefährlich und sehr schlau, führt Emily dann weiter aus: An eine gut bewaffnete Gruppe von unverletzten Gegnern trauen sie sich nicht heran. Sie mögen zwar kein Feuer, hassen es aber nicht so sehr, dass es sie daran hindern würde, weiterzukämpfen, bis sie umfallen. Salz und Eisen tun ihnen weh, sind aber nicht tödlich für die Biester. Es sind Höllenkreaturen: Am besten hilft auch gegen sie tatsächlich Weihwasser.
Na ist es nicht gut, dass sie so viel davon dabei haben. Sjors scheint ähnlich zu denken, und er scheint auch zu denken, dass es bei Emily am besten aufgehoben ist, denn er reicht seine Super Soaker jetzt an die Jägerin weiter.

Der nächste Fokuspunkt liegt an der Schule. Auf dem Schulhof stehen eine Lehrerin und sechs Kinder und singen. Die Frau hat ein Liederbuch in der Hand und dirigiert ihre Schüler mit der anderen – und Ethan kennt das Lied sogar. Es ist ein christlicher Choral, den er schon des öfteren gehört hat, wenn er in die Kirche gegangen ist, wie er das ja gelegentlich tut – oder wie er das zumindest vor Wyoming gelegentlich getan hat. Aber hier ist der Text ganz leicht verändert, verzerrt: Der “Herr”, der hier gepriesen wird, ist jetzt ziemlich sicher der Dämon. Kein Wunder. Das Gesangbuch trägt eines dieser okkulten Symbole, wie sie vorher an den Häusern zu finden waren.

Nur die Lehrerin hat diese seltsam halb-schwarzen Augen, die Kinder nicht. Aber dafür lösen sich die Geister der Kinder aus ihren Körpern und greifen die Jäger an, als die den Schulhof betreten, während die Körper im Kreis stehenbleiben und weitersingen. Die Geister sind nicht völlig unsichtbar, aber verdammt schlecht zu sehen, kaum mehr als ein undeutliches Wabern in der Luft. Drecksmist, elender!
Sjors wirft sich in einem Football-Tackle auf die Lehrerin, die zu Boden geht und dabei das Buch fallen lässt. Nelson hebt es auf und zündet es an, und derweil Sjors die Lehrerin weiterhin festhält, fängt Ethan an, den Exorzismus zu sprechen. Indessen lockt Cal mit einigen ausgewählten Beleidigungen die Kindergeister auf sich und hält sie beschäftigt, während Emily mit Weihwasser aus Sjors’ Super Soaker um sich schießt. Wobei ‘um sich schießt’ das falsche Wort ist – anders als ihre männlichen Kollegen scheint die Jägerin ganz genau zu wissen, wo die schemenhaften Phantome gerade sind, und es sieht aus, als verteile sie das Wasser sehr gezielt.
Es wirkt auch: Ein Geist wird förmlich in seinen Körper zurückgezogen, und das Kind bricht zusammen.

Nur sind fünf immer noch eine Menge. Zu viele für Cal, der von den körperlosen Gegnern eingeholt und ganz schön in die Mangel genommen wird. Und Ethan kann ihm nicht helfen, weil der verdammte Exorzismus und die Anstrengung, die ganzen Wörter rauszubringen, seine ungeteilte Aufmerksamkeit verlangt!
Aber Nelson hat Luft. Als das Gesangbuch gut brennt und dessen Deckel langsam zu verkohlen beginnt, lässt der Afrikanist es in einen Mülleimer fallen und dort weiterbrennen und kommt stattdessen Cal zu Hilfe. Plötzlich geht ein schwarz-rotes Leuchten durch die Augen des Nigerianers, und seine Stimme ist nicht mehr die seine, als er – nein, das muss Eshu sein, Nelsons ‘Mitbewohner’ – die Kinder verspottet und damit einen Teil von ihnen zu sich zieht. Jetzt, wo Caleb nicht mehr alle Geister auf sich hat, kann er Emily dabei helfen, sie mit Weihwasser außer Gefecht zu setzen, und dann hat auch Ethan den Exorzismus zuende gebracht. Entweder das, oder es ist, weil das Symbol auf dem Buch endlich verbrannt ist, aber jetzt fällt auch die Lehrerin um.

Als die kleine Gruppe mit Duct Tape gesichert ist, baut Caleb sich vor Nelson auf. “Und was war das jetzt?”
Der Gelehrte klingt wieder wie er selbst, als er zurückschießt: “Was war was? Ich habe dir Luft verschafft, das war das jetzt.”
Cal schnaubt. “Du weißt genau, was ich meine.”
Nelson funkelt ihn an, erklärt aber doch knapp, was es mit dem Orisha in seinem Kopf auf sich hat. „Lass uns später drüber reden”, schließt er dann. “Es ist wirklich okay, und er ist keine Gefahr.“ Der Dozent macht eine kurze Pause. „Zumindest nicht für mich und alle, die unmittelbar in meiner Nähe sind.“
Cal ist alles andere als überzeugt. So, wie Ethan seinen Ziehvater kennt, hält der sich sogar ziemlich zurück, als er sagt: „Hab noch nie übernatürliches Kroppzeugs getroffen, das was aus der Gütes seines Herzens gemacht hätte. Hat immer einen Preis.“
“Natürlich hat es seinen Preis”, erwidert Nelson bitter. “Frag mal den Typen, der meine Frau umgebracht hat.“
Caleb brummt etwas, das Ethan nicht verstehen kann, geht aber sonst nicht weiter auf den Spruch ein.

Während die beiden Männer streiten, ist Emily an Ethans Seite getreten. “Alles okay mit dir?” fragt sie leise.
Hm. Ist es? Ethan hebt erst die Schultern zu einem ‚weiß nicht‘, aber dann nickt er. „Muss.“
“Okay”, macht Emily mit einem skeptischen Blick. Ganz unrecht hat sie nicht, aber hilft ja alles nichts.
“Job jetzt”, sagt er fest, “Grübeln nachher”, was ihm ein “Hmm” von Emily einbringt.
“Und du?” will er dann wissen. “Okay?”
Die Antwort, die er bekommt, ist Emily in Reinkultur. “Klar, warum sollte nicht? Nur Cal macht mir ein bisschen Sorgen, denn hats glaub ich echt erwischt.“
Heh. Sicher. Immer schön von sich ablenken. Aber zum Glück scheint die Jägerin auch in diesem Kampf nichts abbekommen zu haben. Puh.

Die Unterlagen in Sinclairs Haus sagten was von drei Fokuspunkten. Dann fehlt jetzt theoretisch nur noch das Zentrum der Spirale. Dreimal dürfen sie raten, was sie dort vorfinden werden. Die Hexe. Den Dämon. Das Ritual. Hoffentlich kommen sie nicht zu spät.
Aber zu spät oder nicht, einen Stop machen sie noch. An einer verlassenen Tankstelle beschaffen sie sich Wasserpistolen auch für den Rest der Gruppe. Füllen die mit Weihwasser. Jeden Vorteil nutzen, den sie kriegen können.

Das Zentrum der Spirale liegt am Gerichtsgebäude. Auf dem Platz davor steht eine Menschenmenge, und zwar eine richtig große Menschenmenge. Die ganze verdammte Stadt, wie es aussieht, und alle sind sie am Murmeln. Das Ritual. Alle haben sie schon mindestens diese schwärzlich überfilmten Augen, aber bei manchen sind sie auch schon komplett dämonenschwarz.
In der Mitte des Platzes ist eine Frau an ein Gestell gefesselt. So richtig kann Ethan es nicht erkennen, weil ein Schatten sie umgibt, aber das muss Elvira Sinclair sein, die Hexe. Vor ihren Füßen steht eine kleine Reisetasche, die sich leicht zu bewegen scheint, und daneben ist eine Art hölzernes Glücksrad aufgebaut, das dieselben dämonischen Symbole trägt, wie sie überall in der Stadt hängen. Ab und zu bildet der Schatten um die Frau Tentakel aus, die sich zu dem Glücksrad schlängeln und es drehen. Drei Harrdhui – Quark, das müssen Chimären sein, und jetzt, wo Ethan das erkannt hat, schimmert tatsächlich die eigentliche Gestalt der Wesen wieder durch – sind auf dem Platz zu sehen: Eine bewacht das Rad in der Mitte, die anderen beiden patrouillieren um die Menge herum. Und natürlich haben die Drecksviecher die Jäger bemerkt, so wie alle drei aufmerksam die Neuankömmlinge beäugen. Aber noch tun die Monster nichts deswegen, sondern beobachten nur.

Emily späht in den Schatten hinein, und sie kann mehr erkennen als die anderen. Die Frau ist tatsächlich Elvira Sinclair, sagt sie, und sie macht bei dem Ritual zwar mit, aber definitiv nicht freiwillig. Besessen ist sie laut Emilys scharfen Augen auch nicht.

Zeit für einen ausgefeilten Plan haben sie nicht. Das verdammte Ritual sieht aus, als würde es nicht mehr lange brauchen. Also die simple Methode. Bresche durch die Menge schlagen, rein in die Mitte. Und das Glücksrad ist aus Holz, das brennt doch bestimmt. Mit ein paar schnellen Handgriffen fabriziert Emily einen Brandpfeil und feuert ihn zielsicher auf das Dämonending – aber aus dem Schatten löst sich ein wabernder Auswuchs und fängt das Geschoss ab.

Das ist der Moment, in dem die Chimären am Rand der Menschenmenge das reine Beobachten aufgeben und losspringen. Eine davon ist schnell erledigt; die andere bekommt einen schmerzhaften Schwall Weihwasser ab, der sie erkennen lässt, dass die Lage hier draußen alleine jetzt nicht mehr so vorteilhaft ist, und macht über die Köpfe der Besessenen hinweg einen enormen Satz in die Mitte des Platzes zu ihrem Artgenossen.

Rein da. Ethan geht als erster, schiebt rechts und links Leute beiseite, die sich zum Glück nicht wehren, sondern einfach weitermurmeln. Verschafft den anderen Raum bis zum eigentlichen Vorplatz des Gerichtsgebäudes, wo es ein paar Stufen nach unten geht, weil der Platz ein wenig tiefer liegt. Gerade, als sie an der obersten Stufe ankommen, wölbt sich der Schatten in ihre Richtung. Kein Auswuchs diesmal, kein Tentakel wie bei Emilys Pfeil eben, aber irgendetwas, eine Art geistiger Angriff, muss doch passiert sein, denn Cal wird zu Boden geschleudert, und Ethan hört ein deutliches Knacken, als sein Mentor mit der ohnehin schon verletzten Schulter auf der nächst-unteren Stufe aufschlägt. Mit schmerzerfülltem Gesicht rappelt der ältere Jäger sich auf und knurrt: “Egal jetzt. Weiter!”

Als sie sich bis zur Mitte durchgedrängt haben, stürzt Sjors sich sofort auf das Glücksrad. Er scheint es umreißen zu wollen, aber das Ding ist offenbar fest im Boden verankert worden. Während Ethan seine Spritzpistole auf die bereits angeschossene Chimäre richtet, feuert Emily einen Pfeil in die Tasche zu Elvira Sinclairs Füßen. Aus der Tasche kommt ein Quieken, und im selben Moment schreit auch die Hexe auf und krümmt sich in ihren Fesseln zusammen. Oha. Vertrautentier.
“Lieber befreien statt schießen”, ruft Cal, und tatsächlich hat Nelson sich schon zu dem Gestell aufgemacht, an dem Sinclair angebunden ist. Aber um die Hexe zu befreien, muss er in den Schatten, und schon vor dem Schritt in die wabernde Düsternis krümmt der Afrikaner sich schmerzvoll zusammen, und noch mehr dann, als er den Schatten wirklich berührt.
Sjors hat indessen eine Dose mit Sprühfarbe und ein Feuerzeug aus seiner Tasche geholt und zündet den Sprühstrahl jetzt an, verbrennt damit die Symbole auf dem Glücksrad.

Dummerweise hat Calebs Ruf die Chimären auf ihn aufmerksam werden lassen, und eines der beiden Biester – das, das vorhin am Rand war und schon eine Ladung Weihwasser abbekommen hat – stürzt sich auf den blonden Jäger, der von dessen Prankenhieb zu Boden geht. Und nicht wieder aufsteht. Verdammt!
Um es von seinem bewusstlosen – oder schlimmer, nein, nicht mal dran denken jetzt – Mentor wegzutreiben, schießt Ethan auf das Biest. Sjors ist mit dem Glücksrad und Nelson mit der Hexe beschäftigt, aber Emily kommt ihm zu Hilfe. Sie nimmt dieselbe Chimäre ins Ziel wie er, während die andere zischt und sich in Emilys Richtung dreht.

Von wo aus er auf die angeschlagene Chimäre schießt, ist ja egal. Mit einem schnellen Sprung bringt Ethan sich zwischen das unverletzte Monster und die Jägerin, macht sich selbst zum Ziel für die zweite Höllenkreatur. In seinem Rücken tritt Emily einen Schritt zur Seite und gibt einen weiteren Schuss aus ihrer Wasserpistole auf das lädierte Biest ab, das – wie draußen am Rand eben auch schon – beschließt, dass es genug hat, und mit großen Sprüngen abhaut.
Ethan mag vielleicht das perfekte Ziel darstellen, aber die unverletzte Chimäre stürzt sich auf Sjors, der mit seinem improvisierten Flammenwerfer das Ritual stört. Das Wesen bringt ihm einen bösen Krallenhieb quer über den Rücken bei, und auch der Niederländer geht zu Boden. Als er sich nicht mehr rührt, lässt das Monster sofort von dem Journalisten ab und wendet sich Emily zu.
Wieder stellt Ethan sich ihm in den Weg. “He, Mistvieh!” Hier, verdammt!
Aber nicht nur ignoriert die Chimäre ihn wieder vollständig, sie macht einen Sprung auf ihn zu, hält kurz inne, scheint ihn zu mustern und kurvt dann elegant um ihn herum in Richtung der jungen Jägerin.
Okay, verdammt. Das Vieh will ihn nicht angreifen. Ethan hingegen hat keine solchen Skrupel. Wütend wirft er sich der Höllenkreatur hinterher und bekommt sie mit einem Tackling zu fassen, setzt ihr dann die Spritzpistole an den Kopf und drückt aus kürzester Entfernung ab. Ein letzter Schwall Weihwasser aus Emilys Super Soaker gibt dem Biest den Rest.

Ein schneller Blick zu Nelson. Der Afrikanist hat inzwischen die Hexe losgemacht und ist dabei, selbst ein Ritual zu wirken. Seine Handflächen, aus denen Blut tropft, liegen an den Schläfen der Frau, wo zwischen Nelsons Fingern, eingeschnitten in Sinclairs Haut, dieselben okkulten Symbole zu sehen sind, die sie schon kennen.
Der Nigerianer murmelt etwas in einer Sprache, die Ethan nicht versteht, dann drehen die Augen der Hexe sich nach hinten, sie sackt in sich zusammen, und der Schatten verschwindet. Im selben Moment kommt ein Teil der Stadtbewohner wieder zu sich, während der andere Teil umkippt – die einen waren wohl die mit dem schwärzlichen Film auf den Augen, vermutet Ethan, und die anderen die, die schon völlig besessen gewesen waren.

Scheiße, verdammte. Cal. Ethan geht sich um seinen ehemaligen Ziehvater kümmern, dessen gebrochene Schulter und von der Chimäre aufgerissene Seite zwar alles andere als schön, aber wenigstens nicht lebensbedrohlich aussehen; Nelson verarztet in der Zwischenzeit den etwas weniger schwer verletzten, aber mit dem Krallenhieb im Rücken auch ziemlich ramponierten Sjors.
Inzwischen gehen auch die Handynetze wieder, also ruft Ethan, als die beiden Jäger einigermaßen versorgt sind, einen Krankenwagen für sie, während Nelson nochmal zu Elvira Sinclair geht und sie ein Stück beiseite nimmt. Ethan lässt den Gelehrten machen – wenn er da jetzt hingehen würde, wäre das nicht gut. Besser, sein afrikanischer Freund redet im Guten mit der Frau, so von Hexer zu Hexe, auch wenn Ethan sich das gar nicht ansehen mag. Stattdessen setzt er sich auf ein Mäuerchen bei Cal und Sjors in der Nähe, wo er sie im Auge behalten kann, bis der Krankenwagen kommt. Zündet sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug. Und jetzt kommen die vorhin während des Kampfes radikal verdrängten Schlussfolgerungen wieder nach oben. Die Dämonen wollten ihn nicht angreifen. Sind ihm aktiv ausgewichen. Elender Drecksmist.

Während Ethan so dasitzt und grübelt und jedesmal, wenn er auch nur einen halben Blick dahin wirft, wo Nelson in sein Gespräch mit der Hexe vertieft ist, grimmig die Zähne aufeinanderbeißt, kommt Emily zu ihm, sagt: “Ich bin dann weg; ich kann ja hier nichts weiter tun”, und ist mit diesen Worten auch schon an ihm vorbei.
Ethan steht von seinem Mäuerchen auf und geht ihr nach. “Em.”
Sie dreht sich wortlos zu ihm um. Sieht ihn fragend an.
“Danke”, macht Ethan, “echt.”
Die junge Jägerin winkt ab und will weitergehen, aber Ethan hebt eine Hand. “Wart mal.”
“Was ist?”
“Quark”, brummt er. “Auto noch bei mir. Echt trampen? Zug?”
Emily überlegt einen Moment, seufzt dann. “Ich warte an deinem Auto.”

Irgendwann kommt der Krankenwagen und transportiert die beiden Verletzten ab. Und irgendwann ist auch Nelson fertig mit der Hexe. Ethan sieht, wie Elvira Sinclair sich verabschiedet und in Richtung ihres Hauses geht, lässt sie aber gehen. Erstmal hören, was der Nigerianer herausgefunden hat.
Die Hexe hat sich ihm ziemlich ausführlich anvertraut, wie es scheint. Üble Kindheit, hätte ihre Mutter am liebsten tot gesehen, hat irgendwann mit ihren erwachenden Kräften im Affekt einen Schrank auf sie fallen lassen. Konnte ihre Kräfte, als diese zunahmen, immer weniger unter Kontrolle halten. Vor ein paar Jahren habe sie dann eine Frau getroffen, die meinte, Mr. Heliand, ein Dämon, könne ihr helfen. Der Preis für die Hilfe? Sinclairs Seele und dass sie ihm bei diesem Ritual hier helfen würde, wozu sie den Dämon habe an sich binden müssen. Eigentlich habe sie sich nicht mit einem Dämon einlassen wollen, aber sie hätte sonst niemanden gehabt, der ihr hätte zeigen können, wie sie mit ihren Kräften umgehen musste.
Die beiden müssen noch mehr besprochen haben, denn nur dafür hat die Unterhaltung nämlich eigentlich zu lange gedauert, aber wenn da noch mehr war, schweigt Nelson sich darüber aus.
Eine Frau getroffen, die ihr gesagt habe, Mr. Heliand könne ihr helfen? Drecksmist, elender. Wenn das mal nicht Coleen war, nach allem, was sie jetzt wissen. Nelson hätte die Hexe fragen sollen, sich einen Namen oder zumindest eine Beschreibung geben lassen sollen, überhaupt mehr über diese ganze verdammte Hexenringmasche in Erfahrung bringen sollen. Aber jetzt kann Ethan auch erstmal nicht bei der Frau nachhaken gehen, weil an Sinclairs Haus bestimmt inzwischen die Polizei angekommen ist, die nachsehen will, was mit dem stillen Alarm los war. Verdammt. Muss erstmal so gehen, und der Gelehrte hat immerhin die mobilen Kontaktdaten der Hexe. In Unity wolle sie nämlich nach der ganzen Sache nicht bleiben, habe sie zu Nelson gesagt.

Der Afrikaner will auch nicht nach Hause, zumindest nicht sofort. “Ich muss nach Massachussetts”, sagt er und stockt, “zu… zu Celestes Familie. Ich hoffe, sie können mir bei der Analyse von Sinclairs Büchern helfen.”
Guter Plan. Sich die Bücher nochmal in Ruhe anzusehen, und zwar mit der Hilfe eines ganzen Clans von weißen Hexen, ist eine ausgezeichnete Idee. Aber Ethan fotografiert jede einzelne Seite der Bücher selbst auch nochmal ab. Sicher ist sicher.

Nelson hat Glück. Der Amtrak Vermonter von St. Albans nach Washington D.C. geht tatsächlich über Claremont; der einzige Halt des Zuges in ganz New Hampshire. Und es ist auch noch früh genug am Tag, dass Nelson noch heute fahren kann und nicht bis morgen warten muss. Vorher machen die drei Jäger allerdings noch einen kleinen Schlenker zum Krankenhaus von Claremont und lassen Calebs Auto dort auf dem Besucherparkplatz stehen. Sjors’ Wagen steht vermutlich noch irgendwo in Charlestown, aber sie haben keine Ahnung, was der Niederländer überhaupt fährt, geschweige denn, wo er geparkt hat. Also wird Sjors nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus wohl irgendwie anders zu seinem Auto kommen müssen.

Nachdem sie Nelson am Bahnhof abgesetzt haben, herrscht Schweigen in Ethans D21. Ihm ist noch viel weniger nach Reden als sonst – viel zu sehr schlägt das, was sie da heute in Unity erlebt haben, Räder in seinem Kopf, werden ihm die Ausmaße dessen, was das bedeuten könnte, immer bewusster – und auch Emily scheint nicht zum Reden aufgelegt.

Aber es bleibt ihr garantiert nicht verborgen, wie angespannt Ethans Kieferknochen sind und wie fest seine Hände das Lenkrad umklammern. “Geht’s einigermaßen?” fragt sie irgendwann, als sie von den 120 Meilen zurück nach Burlington schon mehr als die Hälfte hinter sich haben. Irgendwie wirkt ihre Stimme kühler als sonst.
Bei der Frage presst Ethan die Zähne noch ein bisschen fester aufeinander. „Wird schon. Muss.” Er macht eine kleine Pause. „Danke nochmal.“
Emily winkt ab. „War halt ‘n Job, also kein Problem.“ Sie starrt aus dem Fenster und zögert selbst einen Moment, bevor sie nachsetzt: “Du klingst nicht so.“
Erst setzt Ethan zu einer automatischen Verneinung an, aber dann unterbricht er sich. Einige weitere Meilen lenkt er den Nissan schweigend, während er mit sich kämpft, ob er ihr seine Gedanken anvertrauen soll. Ob er ihr das aufbürden darf. Aber dann überwindet er sich doch.
“Der erste Fluch.” Er sieht nicht zu ihr hin. “Scheiße.”
Emily wirft ihm einen überraschten Blick zu. “Deiner?”
“Mhmm.” Wieder vergeht eine Meile. “Spirale ausgelöst.” Noch eine. “Was ganz Großes.” Die Räder des Pickups surren monoton die Interstate entlang; so ein banales Geräusch für ein so monumentales Geständnis. „Mich nicht angegriffen.“

Emilys Augen weiten sich, dann wendet sie sich wieder ab und sieht auf die Straße vor ihnen.
„Wir”, macht sie dann, gefolgt von einem verlegenen Räuspern, “Äh, du wirst es schon schaffen. Bist auf einem guten Weg. Bin sicher.“
Das ‘Wir’ lässt Ethan überrascht blinzeln, dann dann nimmt er eine Hand vom Lenkrad und macht eine ratlose Handbewegung. „Was, wenn nicht?“
Wieder fährt Ethan wortlos ein paar Meilen, bevor er weiterspricht. „Ich meine…“ Er zögert. „Von mir selbst mal ganz abgesehen.“ Noch ein Stück. „Aber wenn. Fluch den Dämon auflädt. Erst Haus. Jetzt Stadt.“ Scheiße. Wie sagt man sowas? „Was, wenn…“ Er zuckt hilflos mit den Schultern.
Es dauert eine ganze Zeit lang, bis Emily antwortet. Als sie es tut, ist ihre Stimme ein sehr vorsichtiges Fragen: „’Was wenn’? Wenn was?“ Sie zögert, scheint ebenfalls nach den Worten zu suchen. „Du hast so viele erfahrene Jäger um dich”, sagt sie dann in ermutigendem Ton, auch wenn sie auf die Hände in ihrem Schoß schaut und ihn nicht ansieht, “damit sollte der Dämon doch zu stoppen sein.“
Ethan presst die Lippen aufeinander, lässt die Schultern hängen. Dann strafft er sich ein bisschen und schüttelt den Kopf. Spricht sehr langsam und entlang eines guten Stücks Interstate gezogen, aber sorgfältig formuliert, das aus, was ihn schon den ganzen Weg über beschäftigt hat: „Was, wenn ich sterben muss, damit der Dämon nicht noch stärker werden kann?“

Die Frage lässt Emilys Kopf abrupt zu ihm herumrucken, und sie klappt einige Male den Mund auf und zu, bevor die nächsten Worte herauskommen. „Das wirst du nicht, das darfst du nicht mal denken.” Heftig schüttelt sie den Kopf. “Das kann unmöglich die Lösung sein.“
Wieder zuckt Ethan hilflos mit den Schultern. „Kannst ja eh immer draufgehen in dem Job. Ob jetzt so. Oder anders.“
Er nimmt eine Hand vom Lenkrad und fährt sich damit durch die Haare. Ist sich dabei durchaus bewusst, dass man die Geste gleichermaßen als Verlegenheit lesen könnte wie als – Verzweiflung ist das falsche Wort, und auch Resignation passt nicht so richtig. Aber vielleicht… – Akzeptanz.

Bei diesen Worten bedenkt Emily ihn mit einem wütenden Blick. „Das hört sich mehr nach Aufgeben an. Und nicht nach Job.“ Ihre Stimme klingt scharf, aber Ethan glaubt auch, einen Hauch von Besorgnis mitschwingen zu hören. „Wag’ es ja nicht, dich so aus der Affäre zu ziehen”, fährt sie dann, kaum weniger heftig, fort.
Jetzt sieht er direkt zu ihr hin. Nur kurz, weil er ja fahren muss, dann wendet er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße. „Hab’s nicht vor”, beruhigt er sie. “Sag nur: Falls.“

„Es gibt kein Falls“, widerspricht Emily mit Nachdruck. „Du musst durchhalten, daran glauben.“ Sie sieht nach vorne, durch die Scheibe, und ihre Stimme klingt jetzt weicher. „Es ist bloß ein Dämon, okay, ein mächtiger, aber dennoch bloß ein Dämon. Den machen wir schon platt.“
Für einen Sekundenbruchteil legt sie ihre Hand auf seine, als Ethan an einer Anhöhe gerade in den vierten Gang herunterschaltet, zieht sie aber sofort wieder zurück.
Nanu? Ethan merkt, wie seine Mundwinkel in einem überrascht-erfreuten Lächeln nach oben wandern. Er nickt ihr langsam zu, und im Weiterfahren sind seine Kiefer nicht mehr ganz so angespannt, wie sie das eben noch waren.
Aber trotzdem vergeht der Rest der Fahrt wieder schweigend, denn jetzt hat Ethan etwas anderes, über dass er nachdenken muss. ‚Wir’. Emily hat ‚wir’ gesagt, völlig selbstverständlich und völlig ungezwungen, während Sam– Jetzt beißt Ethan doch wieder die Zähne aufeinander. Sam nicht.

Zurück in Burlington gehen die Gedanken ihm auch nicht aus dem Kopf. Nicht die an den Dämon Heliand, aber vor allem nicht die an Samantha. Gleich nachdem er zuhause ist, ruft er bei ihr an, denkt, dass die Uhrzeit doch diesmal einigermaßen passen müsste. Sam hebt auch tatsächlich ab, aber wieder hat sie wenig Zeit, und in den paar Minuten, die sie miteinander am Telefon verbringen, gelingt es Ethan nicht, das auszudrücken, was ihn umtreibt. Und weiß nicht, ob er über Samanthas “also, ich muss dann los” nach dem verlegenen Schweigen erleichtert sein soll oder nicht.

Den ganzen Samstag und den ganzen Sonntag denkt er nach. Auf einem ausgedehnten Ausflug in den Mt. Mansfield State Forest, wo er sich tagsüber auspowert und abends mit der Hand in Snoopys Fell am Lagerfeuer sitzt. Beim Stop am Café der Eisfabrik in Waterbury, wo er sich auf der Rückfahrt ein Eis leistet. Auf der Rückfahrt selbst. Und wieder zuhause in seiner Wohnung. Sitzt mit dem Kopf in den Händen da und greift irgendwann nach seinem Telefon, hat Samanthas Nummer schon halb gewählt, legt aber wieder auf. In England ist es mitten in der Nacht, das kann er nicht bringen. Grübelt weiter. Fängt an, eine E-Mail zu schreiben, aber auch die löscht er wieder. Eine E-Mail wäre nicht fair. Wenn er nicht nach England fahren kann – und das kann er nicht, so sehr das vielleicht sollte, das kann er sich einfach nicht leisten -, dann muss es wenigstens ein richtiger Brief sein. Eine E-Mail würde nicht ausdrücken, was er meint. Nicht zeigen, wie wichtig ihm das ist. Wie… wie lebenswichtig. Ethan hat noch ein Legal Pad, das schon eine ganze Weile in der Schublade liegt, weil es nur ziemlich selten zum Einsatz kommt, das holt er jetzt. Grübelt wieder eine ganze Weile darüber nach, wie er anfangen soll. Aber bevor er anfängt, zieht er langsam seinen Anhänger mit dem Lebensbaum, den er jetzt über ein Jahr lang ununterbrochen getragen hat, über den Kopf und dreht ihn nachdenklich in den Händen. Fährt mit den Fingerspitzen die Konturen der Schnitzerei nach und schließt für einen Moment die Faust darum. Presst dann die Lippen aufeinander, rollt den Lederriemen sorgfältig um das runde Holz, sieht noch einmal darauf und legt die Kette ans andere Ende des Tisches. Und dann beginnt er zu schreiben.

Sam –

ich hatte gehofft, du kämst bald in die Staaten zurück. Ich hatte gehofft, wir könnten uns sehen. Könnten reden.
Oder dass wir wenigstens telefonieren könnten. Aber die Verbindung ist immer so schlecht, dass es mehr als ein paar wenige Minuten nie werden, und auch das nur so selten. Da ist mehr als ein „hallo“ und ein „wie geht’s dir?“ „hm ja“ nie drin.

Klar, manchmal haben wir in unseren Telefonaten auch früher gar nicht viel mehr gesagt als das. Aber dann waren wir trotzdem… naja. Am Telefon. Dann hatten wir zwar lange Pausen drin, aber irgendwie waren es, naja. Schöne Pausen. Einträchtige Pausen. Nicht „es weiß keiner was zu sagen, also machen wir es kurz“, wie es jetzt ist.

Ich vermisse dich. Aber genau das ist das Problem. In den letzten Wochen – nein, Monaten: seit du in England bist und ich dich kaum mehr erreichen kann – werde ich das Gefühl nicht los, es geht nur mir so. Du hast da in England so viel eigenes, anderes um die Ohren. Und ich habe den Eindruck, als bin ich, naja. Ganz weit weg von deinen Gedanken. Zwischen den Telefonaten gar nicht da. Und du bist froh, wenn du auflegen kannst.

Und dann denke ich daran, wie schwer es dir fällt, “wir“ zu sagen. Und ich frage mich, ob ich du es nicht völlig anders meinst, wenn du “Fluch loswerden, dann weitersehen“ sagst. Anders, als ich es verstehen will, meine ich. Ich habe immer gedacht, es heißt: “Wenn der Fluch weg ist, dann können wir endlich richtig zusammen sein.” Aber was, wenn du es anders meinst? Wenn du damit sowas sagen willst wie: “Er hat sowieso schon einen Knacks weg, deswegen sage ich lieber mal nichts, bis der Fluch weg ist. Aber wenn er den Fluch dann los ist, dann schaue ich mal, ob ich überhaupt eine Beziehung mit ihm will”?

Vielleicht irre ich mich. Vielleicht tue ich dir damit einfach nur Unrecht. Aber ich werde diese Gedanken nicht los. Ich werde diese Zweifel nicht los. Vor allem, seit du in England bist und ich kaum mehr was von dir höre. Ich hab sie ansprechen wollen. Aber wenn ich sie ansprechen wollte, dann… dann ging’s nicht. Die Verbindung brach ab, oder die Worte kamen nicht oder weiß nicht.

Vielleicht irre ich mich. Ich wollte dir um nichts in der Welt jemals wehtun. Aber du bist nicht mehr bei mir. Es tut mir unendlich leid.

Ethan

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